Rückschau halten in Mariatrost

Nach genau zwei Jahren ging ich erneut zur Basilika Mariatrost. Es gab mir Gelegenheit zur Rückschau, was sich seitdem getan hat. Im September 2017 war es mein erster längerer Weg nach dem Hirnabszess.

Die Gelegenheit nutzte ich, um Rückschau zu halten. Wie ist es mir seither ergangen und was konnte ich in meiner Rehabilitation erreichen?

Basilika Mariatrost und Ich

Dran bleiben

Der wichtigste Aspekt der mir bewusst wurde ist der, dass ich dranbleiben muss. Nicht nur für weiteren Erfolg, sondern um überhaupt meinen erreichten Level zu halten. Denn derzeit braucht mein Gehirn für alles noch so viel Energie, dass mein Körper zuwenig erhält, um wirklich aufzubauen zu können.

Nach dreieinhalb Jahren stehe ich jetzt bei 30%, um 5% weniger als ich mich noch nach dem Camino Norte eingeschätzt habe. 20 bis 30 Prozent schlechter drauf zu sein, ist in unserer Gesellschaft normal. Bei mir heißt das aber, dass ich nur knapp über Null bin. Denn auch ich habe Schwankungen und Tage wo ich nicht so gut drauf bin.

Im Sport war es wichtig, auch an schlechten Tagen noch eine gute Leistung bringen zu können. Das ist auch jetzt mein Ziel. Noch bin ich aber an schlechten Tagen kaum aus dem Bett zu bringen und alle meine Defizite sind, egal ob körperlich oder geistig, sehr schlecht.

Mein Weg zur Basilika Mariatrost

Der Weg führte uns diesmal nicht vom Hilmteich weg, sondern ich wählte den Weg durch die Rettenbachklamm nach Mariatrost. Diese Klamm liegt im Stadtgebiet von Graz und ich war dort oft als Kind zum Spielen. Auf einem kleinen Umweg erreicht man Mariatrost.

Mein Sohn Elvin begleitete mich diesmal und das Ziel war, wie vor zwei Jahren, ein Kerzerl in der Kirche anzuzünden.

Zuerst geht es noch bei Häusern vorbei, aber gleich beim Einstieg in die Klamm ist man wie in einer anderen Welt.

Rettenbachklamm

Der Weg durch die Klamm

Auf schmalen Steigen geht es durch die Klamm. Es gibt natürlich spektakulärere Klammen, aber es ist eine tolle Sache das es sowas in Graz gibt.

Hier ist es wesentlich anspruchsvoller, als es jemals am Camino war. Gleichgewicht und Balance sind hier extrem gefordert. Stufen bergauf und bergab, Querungen und das Wasser sind hervorragend geeignet, meine Sinne zu trainieren.

Ich traue mich schon mehr, habe aber noch immer großen Respekt vor vielen Dingen. An diese möchte ich mich immer wieder herantasten, um mehr Sicherheit zu erlangen. Denn was ich hier lerne, ist mein Überleben auf der Strasse. Dort wäre es zu gefährlich zu üben.

Rückschau halten
Entfernungen abschätzen kann ich noch schwer.
Rückschau halten

Die neue Bedeutung der Zeit

Es ist schwer verständlich für Außenstehende, was ich seit dem Hirnabszess erlebe und wahrnehme. Ich habe viel erreicht bisher, aber ich musste ein neues Verständnis für die Zeit entwickeln, die nichts damit gemein hat, wie früher im Sport. Diese Dauer der Genesung stellt alles andere zuvor Erlebte  in den Schatten.

Es kommt mir so vor, der Sinn meines Lebens davor, war alles nur eine Vorbereitung darauf, dass ich dieses Leben jetzt überhaupt führen kann. Der Extremsport, die Bewusstseinsbildung …., oft stellte ich mir die Frage: „Wozu brauche ich das alles? Was hat das für einen Sinn?“.

Jetzt hat alles seinen Sinn bekommen. Ohne meine Vergangenheit wäre ich an meinem Schicksal zerbrochen. Ich hätte nie die Motivation gehabt für die Anstrengung um weiter zu machen. Die Wahrscheinlichkeit aufzugeben wäre groß gewesen und als Pflegefall dahin zu vegetieren.

Rückblickend bekamen diese letzten 25 Jahre vor dem Hirnabszess einen besonderen Sinn, denn ohne sie hätte ich den Weg zurück nicht geschafft. Jedes meiner Extremrennen war eine Vorbereitung auf den Zustand nach dem Hirnabszess, dass alles bis dahin erlebte in den Schatten stellte.

Dazu muss man sagen, ein Hirnabszess war noch vor etwa 50 Jahren hundert Prozent tödlich, besonders wie meines, das so tief liegt. Deswegen gibt es noch nicht viele Erfahrungen, was die Dauer der Rehabilitation angeht. Jedes Hirnabszess ist anders und seine Auswirkungen kann niemand vorhersagen.

Rückschau auf die letzten zwei Jahre

Was hat sich seit dem Weg nach Mariatrost getan? Im Nachhinein viel, immer unter dem Verständnis der Zeit. Im Denken von früher hätte sich noch nicht all zuviel getan. Neurologisches braucht viel Zeit. Man soll sich nicht mit früher vergleichen, aber mit diesem Früher vor zwei Jahren schon, denn es ermöglicht mir zu erkennen das trotzdem etwas weiter gegangen ist. Der Unterschied gegenüber vor ein, zwei Jahren lässt mich den Unterschied sehen.

Wenn ich an meine Wanderung zur Basilika vor zwei Jahren zurück denke, dann kann ich mich noch gut daran erinnern. Ich war damals am Limit und die vielen Wurzeln machten mir zu schaffen. Es war der Beginn, mehr Automatik in meine Bewegung zu bringen. Damals hatte ich noch keine Ahnung davon, dass es doch noch länger dauern wird, bis ich wieder automatisch gehen kann. Noch heute arbeite ich daran.

Damals, im September 17´, schien es mir unmöglich, in naher Zukunft Pilgern zu gehen. Ein halbes Jahr später wurde es aber Wirklichkeit. Eigentlich war es zu früh für mich, aber ich war Gedanklich am Ende. Die Folgen des Hirnabszesses, aber auch private Troubles, brachten mich in einen Zustand, der nicht mehr handelbar war. Das Pilgern war die Möglichkeit, mich wieder auf den Weg zu bringen. Das letzte Jahr hat mich sehr bestärkt darin.

Die Kirche

In der Kirche zündete ich gemeinsam mit Elvin eine Kerze an. Es war für mich sehr emotional, denn es war vor zwei Jahren mein erster längerer Weg, der mich in Folge zum Pilgern brachte und es ist somit ein wichtiger Eckpunkt in meiner Geschichte seit dem Hirnabszess.

Wenn ich mein Gesundheitliches Befinden im Vergleich zu damals bewerte, so sehe ich natürlich eine Verbesserung. Lese ich allerdings den damaligen Bericht durch, dann arbeite ich noch immer an den gleichen Dingen, die sich ein wenig gebessert haben. Behindert bleibt eben behindert, egal ob mehr oder weniger.

Ich habe mich natürlich verbessert, muss aber dranbleiben. Wenn es mir einmal nur wenig schlechter geht, falle ich in einen Bereich der knapp über dem liegt, als ich aus dem Krankenhaus entlassen wurde. In den nächsten Monaten steht eine Stabilisierung des Körperlichen an und psychologische Hilfe, die ich nicht vernachlässigen darf.