Was habe ich am Jakobsweg gelernt? Achtsamkeit oder war es doch ein Grenzgang? Wahrscheinlich habe ich das erfahren, was alle am Jakobsweg erfahren, jeder aber auf seine eigene Art und Weise. Achtsamkeit ist ein Schlüssel dazu. Allein die unterschiedlichen Wege. Ohne Achtsamkeit war das Gehen unmöglich.
Jeder Pilger hat einen anderen Beweggrund zu Pilgern, dadurch einen anderen Zugang und andere Erlebnisse. Ich musste meine Komfortzone endlich wieder einmal verlassen. Bin ich doch seit über zwei Jahren gefangen in einer Welt voll von Therapie, Training und Übungen. Ein Vorteil war, ich musste alles mit Achtsamkeit angehen.
Im Frühjahr 2018 machte mir allgemein viel zu schaffen, besonders Rückschläge. Prägend war eine falsche Übung in der Physiotherapie. Mit einer kurzen Übung waren Monate Training dahin. Sieben Wochen therapierte ich nur an den Auswirkungen und nicht an meiner Verbesserung. Ich war im Kopf derart am Limit, dass ich den Ausweg nur in einer Veränderung der Situation sah. Es war kein flüchten, ich musste nur einmal aus meinem System raus. Der Jakobsweg war wie geschaffen dafür.
Camino Frances Richtung Puenta de la Reina, Achtsamkeit besonders bergab
Ich habe schon des Öfteren vom Jakobsweg geschrieben und das ich dort einmal hin möchte. Es kam früher als gedacht. Meine Behinderungen nahm ich natürlich mit. Ich war mir nicht sicher, ob es schon geht, aber was hatte ich zu verlieren. Wenn es nicht ging, wäre ich eben wieder nach Hause gefahren.
Stop
Es war ein lautes STOPPP!!! in mir. „Du musst raus aus dem Alltag“. Den Fehler, weswegen ich den Hirnabszess bekam, wollte ich nicht wieder begehen. Glauben nicht wegzufahren zu können oder zu dürfen, kein Geld oder keine Zeit dafür zu haben. Es waren alles Ausreden. Ich durfte diesmal, vielleicht zum Ersten mal in meinem Leben, egoistisch sein und an mich denken. Denn es ging  immerhin um mich und mein Leben.
Die Entscheidung dazu war sicher ein Grenzgang, aber an der Grenze bewege ich mich sowieso schon seit zwei Jahren. Und das jeden Tag. An der Grenze zu sein, war mir nichts Neues.
Es hat mir dabei sicher geholfen, dass ich früher Extremsportler war. So hatte ich sicher einen anderen Zugang, als so manch anderer.
Australien Bike Challenge 1992
 

„Seien wir realistisch, versuchen wir das unmögliche“

 Che Guevara

Dieser Spruch beschreibt sicher am besten mein Gefühl dazu. Es war realistisch und unmöglich zugleich. Ich fuhr ohne Erwartungen hin und ließ einfach alles auf mich zukommen.
(Zum Puls4 Beitrag vom Oktober 2017) Wie es damals um mich stand.

Gründe für den Jakobsweg

Ein Grund war, dass ich mich wieder finden wollte. Meinen Platz im Leben wieder finden wollte, mich eigentlich neu erfinden musste.
Die letzten zwei Jahre lebte ich zwar, aber mit mir war nicht viel anzufangen. Ich konnte nicht unter Menschen gehen, keine kulturellen Aktivitäten besuchen, nur beschränkt wandern, tat mich schwer in der Stadt und alles musste sehr langsam vor sich gehen.
Besonders für die Familie eine besondere Belastung, da sie immer auf mich Rücksicht nehmen musste.

Immer Unterstützung brauchen

Es wurde für mich zur Belastung, in allem unterstützt zu werden, ja, unterstützt werden zu müssen. Ich konnte ohne Begleitung kaum außer Haus gehen, musste mich überall mit dem Auto hinführen lassen, ich war abhängig von anderen. Das genaue Gegenteil von meinem bisherigen Leben. Diese Abhängigkeit belastete alle.
Der Jakobsweg war die Gelegenheit, in einem geschützten Rahmen, mich wieder im Leben zu finden. Außerdem konnte ich meine Achtsamkeit ohne große Ablenkung schulen.
Relax

Was lehrte mich und zeigte mir der Jakobsweg

In der Einteilung der Zeit und der Reise war ich ganz frei

Es war mir nicht wichtig wie weit ich komme. Das Gehen war schon für längere Zeit meine Medizin. Warum es also nicht am Jakobsweg versuchen. Mein Ziel war so weit zu gehen, wie mich die Füße tragen.
Wenn es sein sollte, nur über die Straße in die nächste Herberge. Ich erwartete mir nichts.
Die Infrastruktur hat sich am Jakobsweg in den letzten Jahren sehr verbessert. Mehr Herbergen, mehr Einkaufsmöglichkeiten und besonders die Wegmarkierungen boten mir die Sicherheit, trotz Handicap zu bestehen. Außerdem ist die Hilfsbereitschaft unter den Pilgern besonders groß. So hat man mich unter die Fittiche genommen oder mir bei Städtedurchquerungen geholfen.
Albergua

Zeit in der Natur, denn sie wertet nicht!

Die Natur war mir sehr wichtig. Kleine Dinge am Weg erfreuten mich. Ein Käfer, eine Blume oder eine Wolkenformation. Dazu wertet sie nicht, sie war einfach da.
Meine Achtsamkeit steigerte sich und ich war für die kleinen Dinge des Lebens offen.
Achtsamkeit für die schönen Dinge
Alle Städte durchquerte ich nur, hielt mich nicht lange auf. Die Tage draußen in der Natur hingegen genoss ich. Egal ob schönes oder nicht so schönes Wetter. Es war egal, auch ich wertete nicht. Regen war genauso willkommen wie Sonnenschein. Eins werden mit der Natur, sie so akzeptieren wie sie ist.

Die Langsamkeit

Meine Langsamkeit konnte ich hier besonders gut ausleben. Denn es geht jeder in seinem Rhythmus und der ist bei einem langsam und beim anderen schneller. Es wird darauf Rücksicht genommen und akzeptiert, dass jeder seinem eigenen Rhythmus geht.
Und es ist wichtig das man seine Geschwindigkeit kennt. Manchmal versucht man sich an eine andere Gruppe anzuhängen. Das geht nur eine Weile gut und bald ist man wieder in seinem Schritt unterwegs.
Diese Langsamkeit zieht sich durch mein ganzes derzeitiges Leben und Tun. Ich fühlte mich aber nie gedrängt oder unter Druck gesetzt. Ich hatte nie Stress und konnte meinen Rhythmus leben.
Langsamkeit leben dürfen

Gehen als Medizin

Für mich ist Gehen ein wichtiger Teil meines Heilungsprozesses geworden. Natürlich tat ich mich noch schwer damit. Gehen ist noch immer ein Defizit von mir. Aber am Jakobsweg herrscht ein eigener Spirit. Weder davor, noch danach, konnte ich mich so bewegen.
Es werden so viele Ressourcen frei, damit hat man die Möglichkeit sich ganz dem Gehen hinzugeben. Man begibt sich in den Fluss des Lebens. Der Stoffwechsel wird angeregt und man fühlt sich freier. Es war ein für mich bedeutender Schritt zurück ins Leben.
Wieder mehr auf meine innere Stimme hören, den eigenen Weg zu finden und zu gehen. Das ist besonders wieder wichtig zu Hause, wo ich darauf vertrauen darf, zu wissen was mir gut tut.
Achtsamkeit beim Gehen
Das Gehen spielte somit in vielen Bereichen eine Rolle. Achtsames Gehen wurde täglich praktiziert. Es tat unendlich wohl. Gehen und nichts zu denken.

Körper und Geist

Mich zu finden bedeutete, erst einmal leer zu werden. Es wurde mein schönstes Erlebnis am Camino – nämlich an nichts zu denken! Ich konnte leer werden.
Seit zweieinhalb Jahren denke ich, wenn ich die Augen aufmache und höre zum Denken auf, wenn ich die Augen schließe. Ich muss zwar noch für die Bewegungen des Gehens denken, aber jeder Gedanke darüber hinaus fiel weg. Mein Geist kam erstmals seit langem zur Ruhe.
Der Körper meldete mir allerdings sofort, wenn etwas nicht stimmte. Kamen Gedanken auf, reagierte der Körper mit Schmerzen. Meistens waren es Hüft- oder Beinschmerzen. Sie repräsentieren ja quasi den geraden Gang durchs Leben. Ich realisierte bald, dass mit dem Einstellen dieser Gedanken auch der Schmerz verschwand. Es war faszinierend, dass so direkt zu erfahren und mir dessen bewusst zu werden.
Camino France
Seit dem Hirnabszess lebe ich praktisch nur im HIER und JETZT. Dass was ich in den letzten zwei Jahren, vor dem Hirnabszess, suchte und nicht fand. Jetzt befinde ich mich gezwungenermaßen den ganzen Tag im Jetzt und ich lebe es.
Im Sport war es ebenso möglich, ganz im HIER und JETZT aufzugehen. Ich kannte zwar das Gefühl, es war mir aber nicht mehr möglich es umzusetzen. Ich war gefangen im Hamsterrad.
Der Jakobsweg zeigte mir wieder, worauf es wirklich im Leben ankommt.

Meditation

Jeder Kilometer am Jakobsweg war Meditation pur. Ich habe das klassische meditieren im Sitzen kaum praktiziert, im Gegensatz dazu die Geh-Meditation aber öfter.
Gehen

Metapher

Am Weg findet man immer wieder Metapher fürs eigene Leben. Jeden Tag findest du etwas, läuft dir etwas über den Weg oder fällt dir was auf, was du als Metapher für dich selbst nehmen kannst.
Als Beispiel nur die Schnecke am Kuhfladen. Die meisten ekelt es davor. Sie sehen nur wie eine schleimige Schnecke über ein Stück Scheiße kriecht. Es kann aber auch die Bedeutung haben: Die Schnecke gleitet sicher auch über Scheiße und bekommt sogar Nährstoffe davon.
Man sieht, alles hat auch andere Seiten. Wir möchten halt nur die Seite sehen, die wir aufgrund früherer Erfahrungen, als wahr erkennen wollen. Es gibt aber mehrere Sichtweisen auf eine Sache und unsere muss nicht stimmen. Das sollten wir anerkennen.
Metapher Schnecke

Achtsamkeit am Weg

Ich wurde quasi in die Achtsamkeit gezwungen und sie mir auferlegt.

„Denn das ist eben die Eigenschaft der wahren Aufmerksamkeit, dass sie im Augenblick das Nichts zu Allem macht.“

Johann Wolfgang von Goethe

Achtsamkeit gegenüber der Natur
Wahre Achtsamkeit im täglichen Leben, wurde zu einem Schlüsselerlebnis am Jakobsweg. Meine Behinderungen erfordern enorm viel davon. Diese Achtsamkeit habe ich am Camino noch besser ins tägliche Leben integrieren können, aber auch Achtsam gegenüber der Natur und meinen Mitmenschen.
Jetzt liegt es an mir, aus diesem am Camino gelernten, etwas zu machen. Zuerst wurde ich durch die Krankheit gezwungen, aber jetzt ist es mittlerweile ein Teil meines Lebens geworden.

„Ich lebe im hier und jetzt. Ich bin das Ergebnis von allem, was geschehen ist oder geschehen wird, aber ich lebe hier und jetzt.“

…schreibt Paulo Coelho in seinem Roman Aleph. Wie wahr!
Achtsamkeit bedeutet, bewusst zu leben! Eigentlich einfach, wenn es nicht so schwer wäre. Oder?