Behindert

Im April 2017 habe ich begonnen den Blog zu schreiben. Seither hat sich viel getan, mit Reha, Trainieren, Übungen und am Schluss sogar Pilgern.

Als erstes musste ich akzeptieren, dass mein Gesund werden länger dauert, als gedacht. Ich verstand erst mit der Zeit, was für mich Gesundwerden überhaupt bedeutet.

Handicap und Krank oder Gesund, aber mit Handicap?

Bin ich als Behinderter überhaupt krank?

Muss ich denn Gesund werden? Was ist denn Gesund?

Gesund werden setzt voraus, dass ich krank bin. Bin ich mit Handicap krank? Wo fängt denn Gesund werden an und wo hört es denn auf?

Diese und ähnliche Fragen stelle ich mir immer wieder. Bin ich krank, weil ich nicht fähig bin zu Arbeiten? Weil ich mich oft nicht zurechtfinde? Weil ich überfordert bin, unter zu vielen Menschen oder Lärm?

Ja, ich bin nicht in der Lage Geld zu verdienen.

Man wird in meiner Lage mit einer Menge Fragen überschwemmt, die ich aber nur langsam schaffe zu beantworten.

Ich kann mich nicht damit auseinandersetzen. Mein Gehirn gibt mir vor, was ich denken kann und was nicht. Manches lässt es noch nicht zu. Also bin ich doch krank, oder was?

Auf zum Jakobsweg

Pilgern

Ich habe noch viele Defizite, trotzdem bin ich im Juni das Erste mal zum Jakobsweg aufgebrochen.

Ich hatte dort Gelegenheit, meine Gedanken auf Null zu stellen. Das Erste mal seit zwei Jahren.

Ich bin über 500 Kilometer gegangen und trotz der Anstrengung, erholt im Kopf zurück gekommen. Gleich im Anschluss bestritt ich die sechswöchige Reha, wo intensive Arbeit an mit am Programm stand. Besonders die Physiotherapie hat mir sehr geholfen.

Nach einer kurzen Erholung ging es zurück zum Jakobsweg. Die letzten 260 Kilometer nach Santiago de Compostela legte ich, von den Übungen der Reha gestärkt, zurück.

Erneut Pilgern

Das Gehen am Jakobsweg tat mit so gut, also beschloss ich, im Herbst noch einmal zurückzukehren. Diesmal aber in Begleitung meines Sohnes Noah.

Für ihn ist es eine wunderbare Vorbereitung auf das Leben nach der Matura. Denn der Camino präsentiert einem komprimiert das Wichtigste im Leben und worauf es ankommt. Was kann es besseres für den Start ins Leben geben.

Natürlich hat es den Nebeneffekt, dass ich jemanden zum Aufpassen mithabe.
So ist es ein Nutzen für uns beide.

Camino France der Zweite

Wir werden ein Teilstück des Camino France gehen, das ich schon beim ersten Mal zurück legte. Der Start ist in Pamplona und wir möchten bis Burgos gehen. Er beinhaltet alles, Flachstücke und hügelige Abschnitte. Besonders wichtig, genug Herbergen am Weg.

Wir gehen ohne Druck, wie es eben geht. Die Stimmung ist für uns am wichtigsten. Die letzten zweieinhalb Jahre waren anstrengend genug für uns alle.

Der Pilger-Spezialist

Auf dem Weg nach Spaien führte der Weg auch nach Wien. Dort trafen wir Alexander Rüdiger, der ja schon lange auf den verschiedensten Caminos unterwegs war. Er gab uns ein herzliches „Buen Camino“ mit auf den Weg.

Buen Camino

Weststeirischer Jakobsweg

Das letztemal war er am Weststeirischen Jakobsweg unterwegs, über den er auch einen Film gemacht hat. (Zum Video)

Vor meiner Pilgerschaft sagte er mir: „Einmal Pilger, immer Pilger!“.
Wie recht er hatte.

Gelassenheit durch das Pilgern

Das Pilgern hat einen für mich einen wichtigen Teil meines Lebens eingenommen. Es half mir, meine Krankheit besser zu verstehen, nicht zu vergessen die körperlichen Auswirkungen, die ich erst verarbeiten muss.

Auch den Anforderungen des Lebens zuhause wird durch das Pilgern die „Wichtigkeit“ genommen. Was wir für so wichtig halten, ist für das Leben nicht wirklich wichtig. Man bekommt mehr Gelassenheit damit umzugehen und geht leichter durchs Leben.

Wahre Zeit am Camino

Am Camino bekommt man die Gelegenheit, mehr die wahre Zeit zu genießen. Wahre Zeit könnte man auch mit Achtsamkeit beschreiben.

Man wird Achtsamer dem Leben und den Entscheidungen gegenüber. Ich bekam durch den Hirnabszess die Möglichkeit aus dem Hamsterrad des Lebens auszusteigen. Ein natürlich teuer erkauftes, aber Behinderung hin oder her, ich lebe.

Die Handicaps haben mir eine neue Sicht auf die Welt eröffnet, die ich nicht mehr missen möchte. Schön langsam sehe und erkenne ich immer mehr Zusammenhänge, die ich bisher schwer erfassen konnte.

Es ist und bleibt eine spannende Zeit für mich und ich werde erst in Zukunft sehen, was mir alles möglich ist und wird.

Aber jetzt gehe ich erst einmal mit meinem Sohn weiter Pilgern!

Buen Camino