Die Hirnschädigung begleitet mich täglich

2. November 2021
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4 Minuten Lesezeit

Die Hirnschädigung begleitet mich immer

Nach drei Monaten Pause vom Schreiben, melde ich mich wieder einmal. Der Walkabout hat einiges verändert und es brauchte Zeit, bis ich dieses "neue" in mir erkennen und verankern kann. Die Hirnschädigung ist da und kann ich nicht verdrängen.

Wie schon die letzten Jahre, eines hat sich nicht verändert - jeder Tag beginnt für mich von Neuem.

Wandern und Hirnschädigung

Zunächst, wie geht es mir?

Nun, ich sage immer: "Den Umständen entsprechend gut, allerdings sind die Umstände nicht so gut!"

Der Walkabout hat mir gutgetan, allerdings brauchte ich diesmal wesentlich länger, um mich zu Hause wieder zurechtzufinden.

Als "nicht so gut", empfinde ich eine verminderte Konzentrationsfähigkeit, die schon einmal besser war. Längeres Schreiben und Lesen ist mir nicht möglich. Meine Konzentration hat sich dahingehend verändert, dass ich länger als 15 Minuten kaum an was dranbleiben kann.

Anstatt an meinem Buch oder Blog zu schreiben, beschäftigte ich mich mehr mit Gehen und Bewegung. Alles andere trat in den Hintergrund, denn an vorderster Stelle steht für mich noch immer das zu tun, was mir Freude bereitet. Und die Freude, mich wieder bewegen zu können, steht noch immer über alles.

Insofern geht es mir also gut, wenn auch vieles noch nicht passt.

Radfahren mit Hirnschädigung ist besonders schwer.

Fehlende oder gestörte Propriozeption

Diese gestörte Tiefensensibilität macht mich aber öfters nachdenklich, um vielleicht doch noch etwas zu finden, was mir eine Verbesserung bringen kann.

Automatisches Gehen übe ich noch immer vorrangig, denn es bringt Erholung für mein Gehirn, wenn ich etwas "Automatisch" machen kann. Durch das viele Üben kann ich schon auf Asphalt oder guten Schotterstraßen gehen, ohne an jeden Muskel und Beinbewegung zu denken, allerdings dürfen keine Unebenheiten sein.

Das viele Gehen, rund 30.000 km in den letzten fünf Jahren, hat sich bisher ausgezahlt. Gehen gibt mir Sinn und Freude im Leben und daher werde ich es auch weiterhin machen.

In der Heilung geht es nicht darum, mein altes Leben zurückzubekommen. Das möchte ich auch nicht. Heilung heißt heil werden und findet hauptsächlich in mir drinnen statt. Meine neurologischen Defizite werden nicht verschwinden, die Frage ist nur, wie lebe ich damit und kann ich dabei Freude empfinden?

Machen, was mir guttut!

Das Gehen am Walkabout tat mir gut, trotz der oft schwierigen Zeit mit Lockdown und den sich immer wieder ändernden Regeln wegen Corona. In diesen zwei Monaten ging es nur ums tägliche SEIN.

Arlberg, Walkabout
Wandern mit Hirnschädigung.

Auf einen Schlag alles zu verlieren, was einem im Leben Sinn gibt, ist ziemlich blöd. Nichts ist mehr wie es wahr und man weiß nicht mehr, wer man ist und was man im Leben erreichen möchte. Man fängt sein Leben bei null an und sucht neuen Sinn. Das Gehen spielt eine große Rolle darin.

Durch das Gehen fand ich wieder zurück ins Leben. Meine ersten Schritte am Jakobsweg sind mir sehr eindrücklich erhalten geblieben. Ich erlebte eine stetige Verbesserung, besser gesagt Gewöhnung, auf allen Jakobswegen, bis zum Walkabout. Die Bewegung des Gehens tut mir einfach gut.

Camino France 2018,
Über zwei Jahre nach dem Hirnabszess
Camino Frances, 2018

Gehen bleibt enorm wichtig für mich, denn es fördert mein Bindegewebe. Die letzten Wochen war ich viel in meiner unmittelbaren Gegend unterwegs und genoss den Herbst.

Die Hirnschädigung geht immer mit

Es ist unglaublich, was für eine Denkleistung zum Bewegen notwendig ist. Früher war ich ein Bewegungstalent und dachte keinen Augenblick daran. Es war eine Selbstverständlichkeit für mich, so wie es für jeden Gesunden selbstverständlich ist, gehen zu können.

Während dem Walkabout wurde es mir immer bewusster, wie wenig selbstverständlich es für mich war, wieder gehen zu können. Für einen selbst ist der Fortschritt natürlich immer zu wenig, aber dann brauche ich mir nur bewusst zu machen, dass ich bisher mehr erreichen konnte, als das vielen anderen vergönnt war und ist.

Sich immer wieder neu zu erfinden, das war schon auf meinem ersten Jakobsweg mein Ziel und gilt auch heute noch. Zu den Folgen der Krankheit mit der Hirnschädigung, schreibe ich demnächst einen eigenen Blogartikel.

Instagram ist weg!

Seit dem Instagram Crash Anfang Oktober ist mein Account nicht mehr erreichbar. Ich habe es mittlerweile aufgegeben, ihn wieder zu reaktivieren.

Seit über vier Jahren postete ich Fotos und schrieb über meine Rehabilitation. Mit dem Walkabout wollte ich den Gedanken der Rehabilitation abschließen und es war wie ein Zeichen, mit dem Verlust, auch meinen Instagram Kanal abzuschließen.

Ich verliere damit zwar rund 1600 Posts seit April 2017, die meine Rehabilitation beschreiben und eine Art Tagebuch waren, aber was solls, das Leben wird nach vorne gelebt, nicht nach hinten.

Mehr am Blog

In Zukunft werde ich mich mehr am Blog aufhalten, als auf Social Media. Wer über mein Tun informiert bleiben möchte, sollte in Zukunft öfter am Blog vorbeischauen. Es gibt auch die Möglichkeit ihn zu abonnieren, um keinen Post zu verpassen.

Hier zum Blog abonnieren: von 0 auf 101

Das längere Schreiben für den Blog trainiert auch mein Gehirn, für das jetzt mehr Zeit über bleibt. Es wird interessant, dass zu beobachten, welche Entwicklung auf mich noch wartet.

Meine Interessen und der Inhalt des Blog wird sich um Fern-, Weitwandern und Pilgern intensiver erweitern, denn darin liegt meine Leidenschaft und ist gleichzeitig die beste Therapie. Es wird sich deshalb nicht viel, gleichzeitig aber doch vieles ändern.

Noch dauert es, aber ich bin auf dem Weg in mein neues Leben, nach dem Hirnabszess mit Hirnschädigung.


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6 comments on “Die Hirnschädigung begleitet mich täglich”

  1. Geniesse das Jetzt und sei dankbar dafür dass du nicht 8 Std. in einem Büro hinter einem Bildschirm kleben musst...viele von den Bruttosozialproduktlern träumen von deinem reduzierten Denkapparat. Alles ist genauso richtig wie es ist. Du wirst den Sinn dahinter noch erfahren. Ich freue mich, dich auf deinen neurologischen Abenteuern zu begleiten..alles Liebe weiterhin🙏

    1. Ja, es bleibt auch im sechsten Jahr nach dem Hirnabszess noch ein "neurologisches Abenteuer"!
      Da ich zum Glück abenteuerlich veranlagt bin, kann ich dieses Abenteuer gut annehmen. 🙂
      LG

  2. Jörg für mich bist du ein fantastischer Mensch und vor allem einer der nie aufgibt,egal was auch immer kommen mag!!!
    Ich beneide dich und vor allem bewundere ich dich!!!

    1. Danke dir!
      Es ist wie Radrennen fahren. Einmal hat man einen guten Tag, dann wieder einen schlechten.
      Daher war mein Vorleben als Radrennfahrer eine gute Schulung, jetzt damit zurechtzukommen. Gleich, wie damals versuche ich die guten Tage zu vermehren. Am Walkabout ist es mir schon ganz gut gelungen, zu Hause sind zu viele Störfaktoren, die es nicht so gut gelingen lassen.
      Gut Ding braucht eben Weile und ein stetiges Dranbleiben.
      Nächstes Frühjahr drehen wir aber endlich einmal eine Runde mit dem Rad, denn durchs Radfahren hatte ich die beste Verbesserung in der Reaktion und Wahrnehmung, ich bin bloß durch die Muskel- und Bindegewebsschwäche noch limitiert.
      LG

Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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