Glücklichsein und Freude am Camino!

15. Februar 2020
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5 Minuten Lesezeit

Vier lange Tage auf der Meseta liegen hinter mir, in denen das Gehen ein große Rolle spielte und ich erfuhr viel Freude und Glücklichsein am Weg. Danach kamen die Berge, es war einfach herrlich, wie die Füsse mich trugen.

Nach 450 Kilometern habe ich noch keine einzige Blase am Fuß, trotz einiger sehr langen Etappen. Mit jedem Schritt spüre ich unendliche Dankbarkeit dafür, wieder Gehen zu können. 

Meseta, Glücklichsein am Weg
Meseta

Erinnerungen aus dem Krankenhaus kommen hoch

Wieder Gehen zu können, es hat eine unendlich wichtige Bedeutung für mich. Es bedeutet einen Teil der Selbständigkeit, der fast verloren schien.

Viele Erinnerungen aus dem Krankenhaus kommen mir in diesen Tagen auf der Meseta hoch, besonders die Zeit im Krankenhaus spielte eine große Rolle.

Ich brauchte damals Wochen, ehe ich das Erste mal im Krankenhaus Aufstehen konnte. Ich wuchtete mich zum zwei Meter entfernten Tisch und war so schwindlig, dass ich kaum aufrecht sitzen konnte.

Glücklichsein nach der OP, ich habe Überlebt!
Im Krankenhaus nach der OP

Zentimeter um Zentimeter, eroberte ich mir in den folgenden Wochen, ja Monaten, immer mehr Raum zurück. Bis zu den ersten Schritten sollten weitere Wochen vergehen. Das Krankenzimmer konnte ich erst nach drei Monaten erstmals auf eigenen Füßen verlassen.

Viereinhalb Monate musste jederzeit jemand an meiner Seite sein, sobald ich das Bett verliess. Mit dem Rollstuhl ging es auf die Toilette oder überall dort hin, was weiter wie zwanzig Meter vom Bett entfernt war.

Wieder Gehen zu können wurde mein größter Antrieb dafür, so viel zu machen. Man musste mich oft bremsen, weil ich so viel tat. Ich arbeitete am Limit, jederzeit. Ich konnte nicht aufgeben oder weniger tun. Jeden Tag ans Limit zu gehen bedeutete, jeden Tag mein Limit zu erweitern. Von Anfangs 15 Minuten täglich, konnte ich es bis ans Ende der Krankenhauszeit auf 30 Minuten erweitern. 

Ohnmächtig

Ein paar Mal war es zuviel des Guten. Nach wenigen Schritten klappte ich zusammen und fiel ohnmächtig um. Wie in einem Film wachte ich nach einigen Minuten auf und sah nur die Beine der Krankenschwestern um mich herum. Der Grat auf dem ich mich bewegte, war extrem schmal. 

 Jeder Ohnmachtsanfall bedeutete für mich drei Tage Bettruhe, in denen ich nicht aufstehen durfte. So lernte ich, mein Limit besser einzuschätzen und versuchte es zu vermeiden. Drei Tage Bettruhe waren drei Tage verlorene Zeit. Dazu kam ein vermehrter Dokumentationsaufwand und Aufregung für die Schwestern.

Das es Jahre dauern würde, bis ich wieder soweit hergestellt bin, ahnte ich damals nicht.

Glücklichsein und Freude

"Es gibt keinen Weg zum Glücklichsein. Glücklichsein ist der Weg!"

Buddha

Ich bekam bisher des öfteren am Camino zu hören: "Du lächselst dauernd und schaust immer glücklich aus, egal was ist?"

Ja, mehr oder weniger stimmt das. Es gibt kaum mehr etwas Unangenehmes oder etwas, dass mich stört. Natürlich habe ich auch Trauer und nicht so Schönes in mir, aber das Grundgefühl ist Dankbarkeit und Glücklichsein, dass ich überhaupt noch am Leben bin.

Die Trennung nach 20 Jahren von meiner Lebensgefährtin und dass meine Familie zerbrach, löste große Trauer in mir aus, bis heute noch. Ich hatte somit zu lernen, trotzdem ein glückliches Leben zu leben, denn Glücklichsein ist der Grundstock um wieder Gesund zu werden. 

Dieses Glück fand ich am Camino wieder. Ich lernte, mein Glück nicht von anderen abhängig zu machen. Glücklichsein und Trauer schließen sich nicht aus. 

Gefühle und Emotionen beim therapeutischen Tanzen

Beim therapeutischen Tanzen lerne ich, Gefühle und Emotionen wieder zu spüren. Es hilft mir, sie langsam wieder kennenzulernen.

Ich kann nur schwer damit umgehen. Ein berührender Moment in einem Film bringt mir sofort Tränen in die Augen. Es gibt nur alles oder nichts.

Um emotional nicht nieder zu brechen, musste ich mich davon abschneiden. Jetzt heißt es wieder, damit richtig umgehen zu lernen.

Glücklichsein am Camino
Emotionaler Weg

Die Auswirkungen des Hirnabszesses 

Sie sind nicht zu unterschätzen. Nach außen mag nichts darauf hindeuten, aber die Wirklichkeit schaut eben anders aus. Es kann niemand in mich hineinschauen und ich verstehe es, dass es verwundert, 1000 km durch Spanien am Jakobsweg zu wandern, aber im Bus durch Graz einen Sitzplatz brauche, da ich sonst umfalle.

Jeder Meter am Camino France ist hart erarbeitet. In Summe bringt mir das eine Verbesserung, die für manchen Unvorstellbar ist. Ich bewege mich in kleinsten Bereichen, aber viel von wenig, bringt mehr Verbesserung. Trotzdem bleiben es Kleinsterfolge, die nur in großen Abständen messbar sind. Aber es geht vorwärts, trotz andersartigen Prognosen.

Da die Defizite so vielfältig sind, kann ich mich auch hier am Tag nur einem dieser Defizite annehmen. So bekamen die Aspekte des therapeutische Tanzen einen großen Stellenwert.

Gefühle und Emotionen sind mir wichtig, sie wieder zu lernen, vor allem der Umgang mit Ihnen. Die Traumaaufarbeitung dauert lange. Zunächst die Zeit im Krankenhaus, aber besonders die Trennung, kann ich emotional noch immer nicht verarbeiten. 

Der Camino ist für mich zu den Therapien zu Hause nicht mehr wegzudenken. Er ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, ohne den vieles nicht möglich geworden wäre. Ich treffe hier auf alle möglichen Menschen, mit denen ich mich um alles mögliche Unterhalte. Mit einigen wenigen kann ich mich spezieller Unterhalten.

Zum Beispiel mit einer griechischen Krankenschwester, die in England, speziell mit Kopftumor-Patienten, arbeitet.

Solche Treffen sind "zufällig" und bringen für beide Seiten enorm viel. Mir tut es gut, mich mit jemanden vom Fach zu unterhalten und sie kann von meinen Erfahrungen lernen und in ihre Arbeit einfließen lassen.

Meseta, Berge und Galizien

Am Ende der Meseta hatte ich das Gefühl, mir die Krankheit aus dem Leib laufen zu wollen. Ich fand so großen Gefallen am Gehen, ich wollte und konnte damit nicht aufhören. Das Gehen wurde wie zur Sucht. Andererseits ist es das einzige was ich wirklich kann, was aber trotzdem noch große Konzentration erfordert.

Als es über die Berge ging, konnte ich nicht anders, als weiter zu machen. Erst in Ponferrada begann ich kürzer zu treten und kurze Etappen einzulegen.

Glücklichsein am Crux de Ferro
Berge
Über die Berge

Galizien

 Die ersten Tage hier waren wunderschön. Ich stehe knapp über hundert Kilometer vor Santiago und gehe teilweise nur 15 Kilometer am Tag.

Die Landschaft ist zauberhaft schön. In Samos hatte ich ein besonderes Erlebnis. Ich übernachtete in einem mehrere hundert Jahre alten rießigem Kloster. 

Der Nachteil war, es gab keine Heizung und es war eine der kältesten Nächte seit langem. Zumindest in den alten Klostermauern. Im Freien war es wärmer.

Es wurde trotzdem ein einzigartiges Erlebnis, zusammen mit Frank aus USA. Es ist immer wieder schön, in so alten Gemäuern zu übernachten.

Samos

Nach Sarria

Der Abstecher nach Samos brachte ein wenig mehr an Kilometern, aber war jeden Schritt wert. Tolle Natur entschädigte für den Aufwand.

Erste blühende Bäume und Schnecken am Boden, brachten den Frühling näher. Es waren tolle Momente am Weg.

Es geht weiter....!

Noch bin ich nicht am Ziel und es warten noch wunderschöne Tage, im Herzen von Galizien.

Mein Ziel, von diesem Camino wieder etwas für meine Gesundheit mitzunehmen, habe ich bereits erreicht. Ich weiß, woran ich arbeiten muss und was noch nicht so gut funktioniert.

Bis dahin versuche ich noch in Spanien das Leben und die Therapie unter einen Hut zu bekommen und zu genießen!

Buen Camino


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One comment on “Glücklichsein und Freude am Camino!”

Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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