Ich erfreue mich am Gehen. Einerseits notgedrungen, denn ich kann noch nichts anderes. Andererseits habe ich die Langsamkeit des Gehens schätzen und genießen gelernt. Natürlich fehlt mir das Laufen durch Flur und Wald, besonders im Hochgebirge. Aber wenn es nicht geht, dann geht es nicht. So habe ich eben das Gehen für mich gefunden. Zurzeit könnte ich mir nichts Schöneres vorstellen, als mehrere Wochen am Stück zu gehen. Leider bin ich nicht soweit.
Es ist oft nicht leicht damit klar zukommen, dass ich viele Dinge nicht mehr kann. Laufen ist eines davon oder Radfahren. Seit meiner Kindheit war ich Radfahrer, auch leistungsorientiert. Spät aber doch begann ich mit Laufen und Trailrunning. Ich habe auf der ganzen Welt mit diesen beiden Sportarten viele Abenteuer erlebt und oft damit auch mein Geld verdient. Das ist jetzt vorbei. Es war und ist ein langwieriger Prozess umzudenken.
Radrennfahren 1988

Fehlende Fitness

Noch immer muss ich meine Fitness langsam wieder aufbauen. Langsam deswegen, weil mein Nervensystem durch den Hirnabszess beschädigt wurde und ich mit dem Tempo, das die Nerven brauchen zurecht kommen muss. Laufen ist nicht möglich, weil ich die Koordination dazu nicht schaffe.

Ich begann bei null

Im Krankenhaus war es mein großes Ziel, wieder ins Freie zu gelangen. Nach über vier Monaten war es soweit. Ich konnte zum Ersten mal im Freien spazieren gehen, nachdem ich vier Monate nur im Inneren von Häusern oder Krankenzimmern verbracht hatte. Wenn ich meinen Werdegang seit damals anschaue, dann ist es bisher ein riesiger Erfolg. Ich könnte auch ans Bett gefesselt sein oder nur unter größten Schwierigkeiten gehen. Das muss ich mir immer vor Augen halten, wenn meine Ungeduld wieder einmal zum Vorschein kommt.
Damals musste ich mich alle 50 Meter für eine Pause hinsetzen, aber ich war glücklich draußen zu sein. Ich war im Glauben, dass mir nur die Kondition fehlt, um wieder aktiv unterwegs zu werden. Die Fortschritte waren am Anfang gut. Es ist allerdings wie im Sport, am Anfang geht am meisten weiter. Desto weiter man kommt, desto mehr muss für einen Fortschritt getan werden und das gilt für die Nerven speziell. Das bekomme ich jetzt besonders zu spüren.

Neurologie Graz

Rund ums Krankenhaus, endlich im Freien!

Das normale Zeitmaß darf ich nicht anwenden. Meine Rehabilitation dauert um ein vielfaches länger. Ich stehe eigentlich noch immer beim Gehen lernen. Zu viele Kleinigkeiten sind mir noch im Wege. Wobei diese Kleinigkeiten für Gesunde kaum zu verstehen sind. In Wirklichkeit ist jeder Punkt alleine für sich zu behandeln und daher für mich jeder einzelne etwas Großes. Wenn ich nur Gehen hernehme, fallen mir sofort 10 Punkte ein, die ich beachten soll oder für die ich etwas tun kann. Dazu kommt noch Greifen, meine Merkfähigkeit verbessern, die Kondition und vieles mehr. Es ist noch immer für mich schwer, dass alles zu überblicken.

Therapie, Training und Üben

Mein Tag ist nach wie vor ausgefüllt mit Übungen und Training. Klingt nach viel, ist es aber nicht ganz. Ich bin noch immer begrenzt aufnahmefähig und muss mir genau einteilen, was ich wann mache. Ich habe Fortschritte, aber es ist begrenzt und dauert einfach noch. Den Rest der Zeit verbringe ich damit, mich zu erholen. Bin ich von der Familie gefordert, reduziere ich das Training.
Gehen lernen
Laufen passt mit meiner Koordination noch nicht zusammen. Es geht mir zu schnell. Mein Gehirn verarbeitet die Reize nicht in dem Tempo.
Punkto Gehen waren es zunächst die einfachsten Basics. Einen Fuß vor den anderen setzen. Zunächst nur wenige Schritte an der Hand wurde es später der 30 Meter entfernte Aufenthaltsraum im Krankenhaus. Ich bewegte mich oft an der Grenze und versuchte sie immer weiter hinauszuschieben. Mehrmals erlitt ich einen Schwindelanfall, weil ich die Grenzen auslotete. Innerhalb Sekunden wurde mir schwarz vor den Augen. Als ich das Krankenhaus verließ, konnte ich mich, mit Pausen, 200 Meter fortbewegen. (Hier könnt ihr nachlesen wie ich gehen lernte)
Aber Gehen ist nicht gleich Gehen. Gerade als ehemaliger Leistungssportler und zuletzt Trailrunner habe ich besondere Ansprüche an mich. Ich gebe mich nicht mit dem Mittelmaß zufrieden. Ich darf aber nicht zu viel wollen. Oft genug hadere ich mit mir, dass es zu langsam geht.
Gehirn versus Herz
Meistens kommt dann in Form eines Physiotherapeuten, Arzt oder jemand anderes, der mich nur alle paar Wochen sieht daher und rückt die Realität für mich wieder zurecht. Es wird mir bewusst, dass ich vor einem Jahr kaum gehen konnte. Der Schwindel war damals so prägnant, dass ich einige Zeit brauchte, nur um aufzustehen. Dann erkenne ich wieder, was ich überhaupt seither schon alles geschafft habe.
Da Laufen noch keinen Sinn ergibt, ist für mich Gehen der neue Sinn geworden. Also alles zu seiner Zeit. Laufen kommt viel später. Dranbleiben ist gefragt.

Für die Familie schwer zu verstehen

Es ist besonders für Silvia und die Kinder schwer zu verstehen, dass nichts mehr ist wie früher. Wir müssen uns eingestehen, dass meine Rehabilitation noch längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Bis dahin müssen sie mit meiner Behinderung klar kommen. Für sie ist es weniger die beschränkte Bewegung, als das noch nicht funktionierende Gedächtnis. Ich merke mir fast nichts und muss ständig an etwas erinnert werden. Manchmal mühsam für sie.
Es gibt kein zurücklehnen. Jeder Tag beginnt neu und jeder Tag ist mit Üben und Training belegt. Gerade der Jänner hat mir gezeigt, dass nur tägliches Training zum Ziel führt. Nichtstun führt zu nichts. Nerven haben ein eigenes Gesetz. Die seit der Reha im letzten Jahr eingefangenen Kreuzschmerzen machen immer wieder Ruhetage nötig. Der Jänner brachte eher einen Rückschritt. Trotz der Arbeit in der Physiotherapie kamen die Verbesserungen nur spärlich.
Oberschenkel trainieren

Gehen, Nerven und Gehirn

Trotzdem lerne ich meinen Körper in solchen Zeiten besser verstehen. In den letzten Wochen beschäftigte ich mich auch mehr mit der Funktionsweise des Gehirns. Zumindest weiß ich jetzt, dass mein „noch nicht laufen können“, sehr mit dem Gehirn zusammenhängt und weniger mit der Kondition. Gerade das bergauf gehen ist ein besonderer Fall.
Kaum kommt eine Steigung oder es geht leicht bergauf, kontert es mich ein. Die Beine werden schwer, die Atmung schneller und es zieht mich in den Boden, als ob die Schwerkraft mein Gewicht verdoppelt. Deshalb kann ich auch noch nicht ans Pilgern denken. Einen Rucksack von 8 kg zu tragen ist nicht möglich. Er fühlt sich doppelt und dreifach so schwer an. Damit wird jeder einzelne Schritt zur Herausforderung.
Gehen als Therapie

Also was tun?

Gleich weitermachen wie bisher! Das ist mein Motto. Jede Verbesserung der Denkleistung hilft mir, einen besseren Überblick zu bekommen. Weiterführendes Denken hilft mir, die Koordination besser in den Griff zu bekommen. Eine bessere Belastbarkeit lässt auch mehr Training zu. Im Vergleich zum Sport früher, trainiere ich noch immer sehr wenig. Allerdings im Vergleich zu vor über einem Jahr, trainiere ich bereits sehr viel. Trotzdem ist in allen Bereichen noch sehr viel Luft nach oben. Gut Ding braucht eben Weile, besonders die Nerven.

„Ich sehe nie was bereits getan worden ist, ich sehe stets nur, was noch zu tun bleibt.“  

Buddah (ca 400/500 v.Chr.)
 


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