Lebensgefühl am Camino Frances, diesmal im Herbst 2022!

Am Camino Frances spüre ich immer wieder ein besonderes Lebensgefühl, immerhin hilft er mir seit Jahren, wieder mehr ins Leben zu kommen. Er wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben, denn er zeigt mir Lebensgefühle auf eine Art, wie es kaum eine Therapie bisher besser vermochte, ausgenommen das therapeutische Tanzen.

In der Pandemie bekam ich zu spüren, wie sehr mir der Camino bisher geholfen hat. Jetzt heißt es viel Nachzuholen für mich, denn die Corona-Zeit hat mir in meiner Rehabilitation gesundheitlich viel gekostet, mehr als ich mir am Anfang eingestehen wollte.

Lebensgefühl am Camino

Das Lebensgefühl

Jeder Camino hatte bisher eine andere Lernaufgabe für mich, vom Gehen lernen, bis dahin, wieder mit anderen Menschen kommunizieren zu lernen oder überhaupt, mit dem Leben wieder zurecht zu kommen. Diesmal stand die Wahrnehmung im Außen im Vordergrund, die viel mit dem Lebensgefühl zu tun hat. Es war diesmal weniger das Gehen, den das ist sowieso immer dabei.

Über allem steht ein positives und glückliches Lebensgefühl, sowie überhaupt eine positive Lebenshaltung, denn diese ist das Wichtigste, wovon Rehabilitation abhängt. Denn nur unter positiv gestimmten Zellen ist Heilung möglich, was immer auch Heilung für jeden einzelnen bedeutet!

Dieser Herbst-Camino, mein insgesamt fünfter und davon der vierte auf dem Camino Frances, brachte mich wieder ein ganzes Stück näher ans Leben. Ein wichtiger Part war darin, dass mich mein Sohn Elvin begleitete. Es war die erste gemeinsame längere Zeit seit dem Hirnabszess mit ihm zusammen und daher etwas besonderes.

mit meinem Sohn am Camino Frances
Mit meinem Sohn am Start des Camino France in SJPdP

Die Zeit mit meinem Sohn

Es war schön zusammen mit ihm am Camino unterwegs sein zu dürfen und ist eine Zeit, die mir immer in Erinnerung bleiben wird. Die Überquerung der Pyrenäen, in den Herbergen, das Leben allgemein als Pilger, es hat einen solchen Wert das zu erleben und für mich war es schön ihm zeigen zu können, was mir in den letzten Jahren nach dem Hirnabszess so sehr geholfen hat.

Es ist für uns beide eine Lebensschule, für ihn ein Abenteuer und für mich wird meine Wahrnehmung besonders gefordert, wenn ich auf jemanden achten soll. Das bin ich nicht gewohnt und ich muss aufpassen, nicht zu viel zu wollen. Da spielen natürlich auch Emotionen und Gefühle mit, denn Null bringt mich derzeit meist besser durchs Leben, als Hundert Prozent.

Das zu differenzieren, ist oft noch schwierig für mein Gehirn. Trotzdem möchte ich wieder lernen Zwischenstufen zu ermöglichen, denn nichts ist schädlicher, als Emotionen zu verdrängen. Ist es noch ein Schutz oder nur Verdrängung, das ist oft die Frage?

Noch ist es oft ein Schutz, denn mit manchem kann und soll ich mich nicht befassen. Meinem Gehirn ist es nicht möglich gewisse Dinge zu verarbeiten, auch wenn ich möchte. In so einem Fall muss ich meinem Herz vertrauen, dass es das richtige für mich wählt und darf hier nicht auf den Verstand hören.

Leider machte die Achillessehne von Elvin nicht lange mit und so verließ er mich nach 10 Tagen in Logrono. Es war aber auf jeden Fall bis dahin ein Abenteuer für ihn. Für mich war es gut zu erleben, wie er mit den entsprechenden Situationen umging, denn es geht am Camino, so wie im täglichen Leben, eigentlich nur um das Hauptsächliche:

Walk - Eat - Sleep, Repait!

Alles andere ist nur Draufgabe, wenn diese drei Grundbedürfnisse befriedigt sind. Mit "Walk" ist auch "Bewegung" gemeint, in die auch sinnvolle Arbeit fällt. Man bekommt am Camino einen schärferen Blick dafür, worin man gut ist, was einem gefällt und wo man hin möchte. Das kann in jungen Jahren eine gute Orientierungshilfe sein.

Was habe ich auf diesem Camino wieder gelernt?

An erster Stelle steht das Lebensgefühl, dass im Idealfall positiv ist. Damit ich es positiv wahrnehmen kann, dazu ist meine innere und äußere Wahrnehmung wichtig, wo ich noch viel Aufholbedarf habe.

Aber was ist überhaupt diese Wahrnehmung, von der ich immer spreche?

Wikipedia hat eine gute Zusammenfassung:

"Wahrnehmung ist bei Lebewesen der Prozess und das subjektive Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Reizen aus der Umwelt und aus dem Körperinneren. Das geschieht durch unbewusstes Filtern und Zusammenführen von Teil-Informationen zu subjektiv sinn­vollen Gesamteindrücken."

Wikipedia

Puuhhh, na dann! Wenn ich das lese, wird mir ganz schummrig, denn dieses Zusammenführen aller Aspekte ist meine Herausforderung, die es zu lernen gilt und funktioniert noch nicht so, wie ich es gerne hätte. Es ist aber entscheidend dafür, wieder ins Leben zu kommen.

Anfangs konnte ich ja kaum mit anderen Menschen, schon gar nicht mit Fremden, ein sinnvolles Gespräch führen. Dafür war der Camino hervorragend geeignet, mit anderen Menschen wieder in Kontakt zu kommen. Man wird dort so akzeptiert, wie man ist und es wird auch verstanden, wenn man einmal seine Ruhe haben möchte oder gar nicht spricht.

Diesmal waren es nur wenige Menschen, mit denen ich gesprochen habe, denn mein Augenmerk lag eben auf der Wahrnehmung. Dazu kam, dass ich in den ersten zehn Tagen von meinem Sohn Elvin begleitet wurde, der meine ganze Energie und Aufmerksamkeit beanspruchte. Das bekommt man von Außen gar nicht so mit.

Ich bekomme es aber immer besser in den Griff, wenngleich Elvin auch anmerkte, dass ihm manches zu viel sei. So lerne ich immer mehr dazu, meine Emotionen und Gefühle besser zu steuern. Daran arbeite ich seit Jahren, aber ich musste zur Kenntnis nehmen, dass alles in sehr langsamen Schritten passiert, so wie auch alles andere. Auch wenn ich schon schneller gehen kann, bin ich noch immer in der Langsamkeit gefangen.

Ich fühle mich oft wie ein kleines Kind, das alles noch zum Lernen hat. Auf meine Frage an einen Arzt, als ich noch im Krankenhaus lag, wie lange ich zum Gehen lernen brauche, erhielt ich nur die Gegenfrage:

"Wie lange braucht ein Kind, bis es gehen kann?"

...und genauso wie mit dem Gehen, ist es mit allem anderen. Es braucht Zeit, aber auch den Willen, dranzubleiben. Dranbleiben, auch wenn Fortschritte lange nicht erkennbar sind, denn genau dort liegt der Punkt, wo die meisten aufgeben.

Walking the Line, Gehen lernen und Lebensgefühl am Camino

Die Reize aus der Umwelt...

...sind meine besondere Herausforderung, denn alle meine Filter im Gehirn haben sich geöffnet. In der Natur habe ich sie mehr oder weniger im Griff, aber noch nicht in der Stadt. Da habe ich in der Corona-Zeit den größten Rückschritt machen müssen. Die Eindrücke dort sind zu intensiv, zu stark und ich kann es noch nicht ausreichend filtern, was mir guttut und was nicht. Es wird einfach alles zu viel.

Unterwegs am Camino hat mir oft geholfen, dass mein Sohn dabei war und ich mich dadurch leichter in und durch die Stadt bewegen konnte. Museen, Menschenandrang und größere Städte waren aber trotzdem nur schwer ertragbar. Leider war die Corona-Pandemie sehr stark daran beteiligt, da die vielen Maßnahmen, ob gut oder schlecht, mich in meiner Rehabilitation behinderten.

Ich kann es nicht oft genug betonen, dass ich es einzig meiner Tanz-Therapeutin Hanna zu verdanken habe, die mich so gut mit dem therapeutischen Tanzen durch diese zwei Jahre gebracht hat. Alle anderen Therapien waren beendet, eingestellt oder vieles war für mich nicht zugänglich. Da hatte ich das einzigartige Glück, mit der Tanz-Therapie so viele verschiedene Dinge abzudecken, den der Hirnabszess verursachte.

Aus diesem Grund war ich auf diesem Camino darauf aus, meine Wahrnehmung zu verbessern oder zumindest dorthin zu bringen, wo sie vor Corona war und dadurch ein gutes Lebensgefühl zu bekommen.

Ich konnte auf der einen Seite meine Wahrnehmung verbessern, was mir besonders in der Natur geholfen hat. In der Natur ist es auch deswegen einfacher, weil die Natur natürlich ist und der Körper mit weniger Stress reagiert.

Auf der anderen Seite war die Stadt, viele Menschen, Verkehr und öffentliche Nahverkehrsmittel, darin konnte ich mich nicht verbessern. Im Gegenteil, ich habe mich verschlechtert und das bekam ich am Camino sehr zu spüren. Mein jahrelanges Training vor Corona war dahin. Es bedarf erneut einer Menge Training, wieder dort hinzukommen, wo ich vor der Pandemie war.

Lebensgefühl in der Nacht am Camino

Mein Highlight diesen Herbst-Camino war sicher, dass ich mich endlich einmal durch die Nacht bewegen konnte. Durch die reduzierte Tiefensensibilität oder Propriozeption muss ich normalerweise meine Füße oder den Weg vor mir sehen, um Unebenheiten zu erkennen und wie/wo sie auftreten.  Darum tue ich mich in der Nacht besonders schwer.

Es ist seit Jahren mein Ziel, wieder mehr Automatik zu bekommen, um endlich mehr Lebensgefühl zulassen zu können. Diese Automatik hat sich in der Pandemie zurückgebildet, da mein Gehirn mit so vielen anderen Dingen beschäftigt war und ich es nicht kompensieren konnte.

Mein Tag für die Nachtwanderung beginnt in Santo Domingo de Calzeda. Ohne Tagesziel gehe ich erst einmal los, denn etwas als fix zu planen, ist mir unmöglich. Im Hinterkopf habe ich es schon, dass ich die Nacht eventuell durchgehen werde, allerdings habe ich doch recht Bammel davor. In Villafranka, 34 Kilometer nach meinem Aufbruch, entscheide ich mich, es doch zu versuchen. Ich sollte es nicht bereuen. Es wurde ein Erlebnis, dass mich wieder einmal weiterbrachte.

Immer wieder an die Grenze gehen, nur so kann ich weiterkommen und ich habe eine Menge Grenzen auszuloten und nachzuholen. Es ist natürlich in dieser Nacht auch eine gehörige Portion Euphorie dabei. Seit meinem ersten Camino träume ich davon, durch die Nacht gehen zu können, jetzt, nach vier Jahren, ist es endlich so weit.

Das Gehen gestaltet sich schwierig, ist aber nicht unmöglich. Es erweitert meinen Horizont ungemein, denn bisher war alles nur Theorie für mich, wenn ich meinte: "Dann gehe ich eben weiter und durch die Nacht."!

Bisher habe ich es vermieden, später als 18 Uhr noch unterwegs zu sein. Zu Hause gehe ich im Normalfall nie später als 15 Uhr, da schaue ich, dass alles erledigt ist. Meine Energie fällt um diese Zeit rapide ab, daher muss ich aufpassen. In Spanien fällt aber viel vom alltäglichen Kram weg, so bleibt mehr Energie fürs Gehen über.

Natürlich kann ich nicht öfters hintereinander so weitermachen, denn der Körper verlangt den verpassten Schlaf nach. So gehe ich in der Früh nur mehr bis ins nächste Dorf oder Stadt, nehme mir ein Bett in der Herberge und verbringe praktisch den restlichen Tag und die Nacht schlafend. Mein Körper verlangt noch immer mindestens zehn Stunden Schlaf am Tag, egal ob ich gehe oder nicht.

Auf dem Weg nach Burgos lege ich mich dreimal für eine Stunde hin. Sitzbänke am Weg, zusammengeschobene Stühle vor einem geschlossenen Café, ich verwende alles, was ich finde. Die Temperaturen sind für Oktober ganz ok, so brauche ich nur den dünnen Daunenanorak zum Schlafen.

Am Kreuz bei Nacht

Den Aufstieg zum Crux de Matagrande en Atapuerca absolviere ich mit dem Mond an meiner linken Seite und unter guter Beleuchtung, es ist nur wenige Tage vor Vollmond. Oben am Kreuz herrscht eine mystische Stimmung, die ich genieße. Es ist das erste Mal, dass ich diese Zeit im Freien verbringe, nicht einmal zu Silvester war ich bisher munter.

Es geht um die Nacht und wie ich sie wahrnehme?

Um am Tag mehr Zeit zu haben, möchte ich diese Zeit gerne verlängern, also weniger Pausen brauchen. Auch hier gilt wieder, ich kann es nur Stück für Stück machen und ich kann oder besser gesagt, ich darf nichts überspringen. Manchmal versuche ich zu Hause mich auch am Nachmittag zu betätigen, aber Tätigkeiten am Abend sind mir bisher verwehrt geblieben. Der Camino gibt mir aber Hoffnung, dass sich das in Zukunft ändern wird.

Hochsensibilität und die Städte

Leider musste ich einsehen, dass ich mich in den Städten noch immer schwertue. Die Filter in meinem Gehirn arbeiten noch nicht so gut, wie ich es vielleicht gern hätte. Seit Corona hat sich das sehr verschlechtert und ich schaffe es noch nicht, das zu überwinden. Meist gutgelaunt komme ich aus der Natur in die Städte, um dann festzustellen, dass ich überhaupt nicht damit klarkomme.

Schon auf den ersten Metern in die Stadt überkommt mich ein sonderbares Gefühl der Überforderung. Ich kann Kilometerlang durch die Natur gehen, aber beim Betreten einer Stadt bekomme ich sofort Unsicherheiten beim Gehen und der Blickwinkel engt sich ein. Es sind mehr Fußgänger, mehr Autoverkehr, mehr Hupen und Lärm. Inmitten von Häuserschluchten bin ich so vielen Reizen ausgesetzt, die mein ganzes System überfordern. Es war schon einmal besser, das war aber vor Corona.

Von März 2020 bis September 2022 bin ich nur einmal mit der Straßenbahn gefahren und ein paar mal mit dem Öffi-Bus. Das Angewöhnen an die Stadt habe ich nach Corona neu zu lernen, all das vorangegangene steht wieder auf null. Die Auswirkungen sind leichter Schwindel, Unsicherheiten, roboterhaftes Gehen, eine Orientierungslosigkeit und eine "ich will nur weg" Einstellung. Es wartet noch viel Arbeit, mich wieder daran zu gewöhnen.

In der Natur geht es mir gut!

Ja, in der Natur blühe ich auf und ich spüre eine verbesserte Wahrnehmung. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass ich mich in zwei Jahren Pandemie praktisch nur zu Hause und in der Natur aufgehalten habe.

Wollte ich mich vor der Pandemie wieder unbedingt an die Stadt gewöhnen, so ist es mir jetzt nicht mehr so wichtig. Die Natur am Camino war so viel schöner und es geht ums Wohlfühlen und nicht darum, mich mit aller Gewalt an etwas zu gewöhnen. Die Stadt erfordert wieder ein langsames Annähern, so wie am Anfang meiner Rehabilitation.

Lebensgefühl in der Natur am Camino

Der einzige "Erfolg" in Santiago war es, dass ich diesmal alleine in die Kathedrale ging und erstmals den Botafumeiro anschauen konnte, das große Weihrauchgefäß, das bei einer Messe geschwenkt wird. Bei meinem Winter-Camino 2020 war die ganze Kirche eine Baustelle, weil sie für das heilige Jahr restauriert wurde und der Botafumeiro abgebaut. Dafür konnte ich damals den heiligen Jakob von hinten umarmen, was diesmal wegen Covid nicht mehr möglich war.

Der über 200 km lange Weg nach Finesterre, Muxia und zurück nach Santiago.

Schlechtes Wetter kann mir kaum was anhaben, doch diesmal war es einen Tick zu viel. 12 Tage Dauerregen machte es unmöglich sich am Weg niederzulassen, etwas anzuschauen oder eine Pause im freien Gelände zu machen. Es waren Sturzbäche, die sich über Galizien ergossen.

Auch der Wind war stark, riss aber ein-, zweimal am Tag für zehn Minuten den Himmel auf und zeigte kurz blau. Das erfreute das Auge, auch wenn man selbst noch im Regen stand. Beim Gehen wurde ich immer wieder ans Krankenhaus erinnert, wo ich monatelang nur beim Fenster hinausschauen konnte und den Regen berühren wollte. Vielleicht auch deswegen meine positive Einstellung zum Regen.

Da war der Wind ein anderes Thema. Meine Tiefensensibilität kann Wind nicht so schnell ausgleichen und daher gehe ich meist wie betrunken. Allerdings verfalle ich nicht mehr so oft wie früher in ein roboterhaftes Gehen, sondern kann die im therapeutischen Tanzen gelernte Beweglichkeit immer besser umsetzen.

Am Ende der Welt, in Finesterre, konnte ich am Cap die zehn Minuten mit ein wenig blauen Himmel ausnützen, um Fotos zu machen. Der Sturm war aber stark und Windlose Stellen gab es kaum.

Zurück in Santiago

In Santiago hatte ich noch ein paar Tage, bis mein Bus nach Hause ging. Es gab Parks und Spaziergänge, statt Museen und Sehenswürdigkeiten. Nach dem anstrengenden Camino Finesterre, suchte ich die Ruhe und weniger die Stadt. Ursprünglich hatte ich vor, Museen und nochmals die Kathedrale zu besuchen, allerdings musste ich meine Pläne ändern. Die Hochsensibilität machte mir einen Strich durch die Rechnung.

Deshalb ging ich rund um Santiago und bekam die Kathedrale von allen Seiten zu sehen. Immer wieder kurze Regenschauer waren auch jetzt noch an der Tagesordnung.

Der Weg war wieder ein weiterer Baustein auf dem Weg ins Leben. Gehen ist aber nicht nur Therapie für mich, sondern eigentlich das einzige, was ich wirklich kann und gibt mir Sinn im Leben. Natürlich trainiere ich auch weiterhin alle anderen Bereiche, allerdings sind die Fortschritte überschaubar.


Mit diesem Camino Frances, seit dem Hirnabszess, einmal zu Fuß rund um die Welt (40.000 km)!

Seit dem Hirnabszess bin ich mit diesem Camino einmal rund um die Welt gegangen, also  rund 40.000 km. Die Aussage eines Arztes vor sechs Jahren blieb mir bis heute im Gedächtnis:

"Neurologisch kann man gar nicht zu viel machen, es gibt kein zuviel!"

Vielleicht habe ich es zu wörtlich genommen, aber dieser Satz treibt mich bis heute an und gibt mir bisher auch recht. Es machte das Gehen zum Wichtigsten in meinen Leben. Zum Glück, denn ohne die Millionenfachen Wiederholungen wäre ich ein Pflegefall geblieben, denn meine Propriozeption oder auch Tiefensensibilität genannt, ist zum größten Teil durch den Hirnabszess verloren gegangen.

Einmal rund um die Welt

Dieses "einmal rund um die Welt", sind ca. 40.000 Kilometer, die ich mit dem Camino im Oktober bisher zurückgelegt habe. Wenn mir das jemand vor sechs Jahren gesagt hätte, ich hätte es ihm nicht geglaubt. Allerdings hat mich diese obige Aussage damals angetrieben, immer noch diese Extrameile zu machen, von der Bruce Lee sprach und ich machte manchmal sogar mehr.

Globus

Diese Propriozeption kann ein Hund sein. Gehe ich weniger, übe und trainiere ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, bildet sie sich zurück. Denn sie ist nicht nur das Gehen, sondern auch die Wahrnehmung, aucha die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum. Zu wissen, wo der Körper endet, ist wichtig. Fehlt sie, ist es wie im Finstern eine unbekannte Kellerstiege hinunter zu steigen.

Die Millionenfachen Wiederholungen im Gehen, machten es einfacher, mich daran zu gewöhnen und zu versuchen, wieder mehr Automatik zu bekommen. Trotzdem ist immer ein Restgedanke beim Ablauf des Gehen, deswegen tue ich mich noch oft schwer, im Gelände zu sprechen. Single Tasking lässt grüßen, Multitasking wäre gut.

Der Abszess lag an einer ungünstigen Stelle, nämlich am Thalamus, der Steuerzentrale des Körpers. Deshalb auch meine vielfältigen Handicaps, denn es ist praktisch alles von Körper und Geist betroffen. Am Jakobsweg vergesse ich oft während dem Gehen zu Grüßen, da ich oft zu sehr mit dem Bewegungsablauf beschäftigt bin.

Diese Steuerzentrale, der Thalamus, steuert im Körper die Bewegung, aber auch das Denken und die Wahrnehmung. Also alles, was für das "normale" Funktionieren notwendig ist. Bisher war "einmal rund um die Welt" notwendig, um dahin zu kommen, wo ich heute bin. Allein der Aufwand zum Erhalten ist enorm. Das dranbleiben ist notwendig, um es wenigstens gleich belassen zu können oder vielleicht Verbesserung zu erreichen.

Pilger- und Fernwanderwege

Aus diesem einmal rund um die Welt, wird ab sofort ein zweites Mal. Rund 8.000 Kilometer habe ich davon auf Pilger- und Fernwanderwegen zurückgelegt, der Rest passierte in der Heimat.

Besonders in der Corona-Pandemie erkundete ich praktisch jeden Tag den Grazer Norden. Der Camino in Spanien bekam einen besonderen Stellenwert in den letzten sechs Jahren, denn er ist meine größte Reha-Anstalt der Welt geworden. Wie kaum sonst wo, kann ich hier Therapie und Leben verbinden.

Das Gehen bringt mir Freude und Glücklichsein

Jeden einzelnen Meter habe ich unter Freude zurückgelegt, selbst schwierige Bedingungen konnte sie mir nicht nehmen. Egal ob im Sturm am Jakobsweg, im Regen am Walkabout durch Österreich oder im Schnee zu Hause hinter dem Haus, die Freude ist mir dabei immer geblieben. Gelang etwas nicht, war es nur ein Ansporn, es immer und immer wieder zu versuchen.

Diese Freude am Tun ist eine Grundvoraussetzung für meine Genesung und das ich überhaupt wieder gehen gelernt habe.

Mein vierter Camino Frances

Die ersten 10 Tage war ich mit meinem jüngeren Sohn Elvin unterwegs. Wir starteten in Saint Jean Pied del Port, dem Beginn des Camino France. Kühle Temperature begleiteten uns dabei. In Logrono verließ er mich, um nach Hause zu fahren, seine Archillessehne schmerzte zu sehr. Ich setzte meinen Weg alleine fort.

Ich bin glücklich nun beiden Kindern einen Teil des Camino in Spanien gezeigt zu haben, nämlich das, was mir nach dem Hirnabszess so sehr geholfen hat.

Alleine durch die Nacht

Für diesen Camino hatte ich mir ja einiges vorgenommen. Wenn die Bedingungen passen, wollte ich eine Nacht durchgehen, bzw unter freiem Himmel verbringen. Zwei Tage vor Vollmond war es soweit.

Ich startete in Santa Domingo und kam bei Tageslicht bis etwas nach Villafranka. Damit hatte ich die ganze Nacht Zeit, bis nach Burgos zu kommen, wo mir zwei Bergüberquerungen bevor standen. Da bald Vollmond war, begleitete mich der Schein des noch nicht vollen Mondes. Die Stirnlampe brauchte ich jedoch fast nie, so hell schien der Mond. Dafür war die Milchstraße nicht so gut zu sehen, was aber verschmerzbar war, angesichts der herrschenden Stimmung.

Dreimal legte ich mich für eine Stunde aufs Ohr, zum Glück spielten die Temperaturen mit. Der dünne Daunenanorak reichte aus und ich begnügte mich damit, mich auf eine Parkbank zu legen oder um drei Uhr früh, auf zusammengeschobenen Sesseln eines Cafés kurz die Augen zuzumachen. Es war einfach nur herrlich, zum ersten Mal diese Momente zu erleben, wo ich doch normalerweise schon um 6 - 8 Uhr zu Bett ging. Nichtsdestotrotz, hatte ich den Schlaf nachzuholen, was zum Glück leicht ging, erreichte ich doch die nächste Stadt schon am Vormittag und legte mich dann ab Mittag in der Herberge zum Schlafen.

Das besondere war aber, wie ich mit der Tiefensensibilität umging? Denn im Finsteren konnte ich meine Füße kaum sehen und ich mußte meist, ohne sie zu sehen, auftreten. Aber nur fast, denn der Mond unterstütze es, die Konturen des Weges zu sehen, damit war es doch einfacher, als in stockdunkler Nacht. Der Aufstieg zum Cruz de Matagrande en Atapuerca war wegen der vielen Steine nicht leicht, aber bewältigbar. Oben am Kreuz war ich gegen Mitternacht, bei einzigartiger Stimmung. Im fernen sah ich die Lichter von Burgos, dass ich dann in der Früh erreichte.

Die Meseta

Nichts denken, nur gehen und Kopf ausschalten. Das war das Motto für die Meseta. Die Tage vergingen wie im Fluge und ehe ich mich versah, war ich in Leon. Hier legte ich einen Ruhetag ein, denn ich wollte danach wieder Kilometer machen. In einem Rutsch ging es nach Astorga und ich war überrascht von der Menge der Menschen am Weg, besonders aus Südkorea. Um allzu volle Herbergen vermeiden zu können, besorgte ich mir in Leon vorausschauend eine Unterlegsmatte, die ich auf 80 x 40 cm verkleinerte. Im Fall des Falles wollte ich die Freiheit haben, eine Nacht auch im Freien zu verbringen.

Ursprünglich nicht geplant, überquerte ich den Bergzug mit dem Crux de Ferro an einem Tag, bis nach Ponferrada. Die möglichen Herbergen beim Abstieg vermied ich, weil sie recht voll waren. Ich war auf Natur gepolt und kam mit zu vielen Menschen auf einem Fleck nicht klar.

In der Herberge in Ponferrada war ein sehr unruhiger Spanier im Zimmer, der mehrmals in der Nacht aufstand, um Rauchen zu gehen. Das weckte in mir erneut das Verlangen, die nächste Nacht wieder im Freien zu verbringen.

Von Ponferrada nach Sarria

Im Laufe des folgenden Tages verfestigte sich der Gedanke, die Nacht im Freien zu bleiben. Allerdings stand die Überquerung des C'Obreiro bevor. Ich ließ mir ein bisschen zu viel Zeit davor und musste den schwierigen Aufstieg zu einem großen Teil in Finsternis zurücklegen. Ein traumhafter Anblick der Milchstraße entschädigte mich jedoch.

Um 23 Uhr jausnete ich vor der ältesten Kirche am Camino Frances, in C'Obreiro. Immer noch begleitet vom traumhaften Sternenhimmel, mit der Milchstraße in ihrer vollen Pracht. Von der Schönheit beschwingt, ging ich weiter, um allerdings kurze Zeit später in einen Nasskalten Nebel einzutauchen. Das hatte ich nicht erwartet. Die warme Nacht wechselte zu kühlen Temperaturen, mit Nässe und dichtem Nebel. Die Stirnlampe leuchtete mir nur schwer den Weg.

Es beschränkte sich nicht nur auf die Gipfelregion, sondern zog sich bis ins Tal. Am Alto del Plano war der Nebel so dicht und die Nacht so schwarz, dass ich nicht einmal den oberen Teil des dortigen Denkmals erkennen konnte. Auch zum Hinlegen fand ich keinen trockenen Platz, so blieb mir nur das Weitergehen. Erst um vier Uhr früh fand ich eine trockene Bank, die so kurz war, dass ich mich mit angezogenen Beinen darauf hinlegen konnte.

Um halb sechs ging es wieder weiter, wo ich dann beim ersten öffnen eines Cafés gegen 6h30 in Triacastela eintraf. Bald nach mir fanden sich immer mehr Pilger ein, die gerade beim Aufbruch waren und ihren ersten Kaffee einnahmen.

Das Wetter wird schlechter

Die folgenden Tage verschlechterte sich das Wetter immer mehr und ich erreichte im Regen Santiago. Die wenigen Regenpausen nutzte ich für Fotos. Diesmal schaffte ich es sogar alleine in die Kathedrale und sah zum ersten Mal den Botafumeiro, das Weihrauchfass, dass bei den Gottesdiensten geschwungen wird.

2020, bei meinem ersten Besuch der Kathedrale, war er wegen der Renovierung der Kathedrale für das heilige Jahr nicht zu sehen. Dafür durfte ich damals den heiligen Jakob umarmen, was diesmal wegen der Covid-Regeln nicht mehr erlaubt war.

Nach einem Tag in Santiago brach ich nach Finesterre auf. Schwere Regenfälle mit Sturm sollten mich die nächsten drei Tage nach Finesterre begleiten, ans "Ende der Welt"!

Ich konnte wieder viel über mich erfahren, meine Rehabilitation voranbringen und neue Ideen sammeln. Zunächst muss ich alles noch sacken lassen, bis ich die Zeit aufarbeiten kann. Noch steht mir ja der Weg nach Muxia bevor.

Buen Camino und Ultreia


Nachtwanderung am Camino - Ein lang gehegter Traum wird wahr!

Ein Traum wurde wahr, eine Nachtwanderung am Camino Frances. Seit meinem ersten Weg 2018 spuckte es mir im Kopf herum, den Camino auch einmal bei Nacht zu erleben. Früher aufstehen und etwa eineinhalb, zwei Stunden im Dunkeln zu gehen, daß war mir schon vergönnt. Eine Nacht durchzugehen verhinderten bisher die Folgen des Hirnabszesses.

Damals, auf dem Weg nach Finesterre, ging ich dem untergehenden Vollmond nach. Seit damals bin ich fasziniert vom Gehen in der Nacht. Meine Verbesserte Wahrnehmung sollte es mir diesmal ermöglichen.

Auf dem Weg nach Finesterre, 2018

Eine erste komplette Nachtwanderung

Damals entstand der Traum einer kompletten Nacht im Freien. Bisher war es nicht möglich, denn das fehlende Gefühl für die Stellung der Gelenke kann ich zwar kurzfristig ausgleichen, aber noch nie eine ganze Nacht hindurch. Allerdings hat sich meine Wahrnehmung in den letzten Wochen verbessert, deshalb wollte ich es endlich einmal probieren. Es wurde einer dieser Tage (Nächte), für das sich die unzähligen Stunden, Wochen und Monate des Trainings auszahlten.

6 Jahre Training sollten sich in dieser Nacht bemerkbar machen. Was habe ich für diesen Zustand nicht alles getan? In diesen Tagen hatte ich oft davon gesprochen oder auch daran gedacht, wie mir eine Ärztin 2017 sagte, ich solle einen Gang zurück schalten und es akzeptieren wie es ist, weil sich nicht mehr viel verbessern wird. Damals konnte ich 300 (dreihundert) Meter am Stück gehen und ein, vielleicht zwei Kilometer, mit vielen Pausen, als gesamte Tagesleistung.

Es war ihr Glaube, zum Glück nicht meiner. Das ich diese Nacht schaffen konnte, ist wohl auch den endlosen Kilometern schuldig, die ich bisher zurücklegte. Mit diesem Camino bin ich seit 2016 einmal um die Welt gegangen, also rund 40.000 Kilometer. Doch dazu mehr in einem anderen Blog.

Der Start

Am Camino müssen Herbergen spätestens um 8 Uhr verlassen werden. Das zögerte ich bis zuletzt hinaus, denn ich wollte jede mir mögliche Kraft über den Tag sparen. Eigentlich war ich mir noch gar nicht sicher, ob ich es machen wollte oder nicht, aber zumindest im Hinterkopf hatte ich es. Ich verließ Santa Domingo de la Calzeda und nahm mir das 22 Kilometer entfernte Belorado zunächst als Ziel. Dort wollte ich weitersehen.

Aufbruch in Santa Domingo am Morgen

Ein schöner und warmer Tag

Es war geradezu heiß, sodass ich mich erstmals entschied, meinen Sonnenhoody zu tragen. Langarm und mit Kapuze, ist es selbst hier noch ein Novum. Bei den Amerikanischen Thru-Hikern ist es gang und gäbe, bei starker Sonne Langarm und mit Kapuze zu laufen.

Wie so oft am Camino, brachte er auch diesmal eine, wenn auch nur für kurze Zeit, eine Bekanntschaft, die ich sogar unbekannterweise kannte. Zunächst unterhielten wir uns noch auf Englisch, schwenkten aber schnell auf Deutsch um, als wir uns als Landsleute erkannten. Sie war die Tochter eines mir bekannten Ehepaares aus meinem früheren Wohnort Peggau, die ich von früher allerdings nur vom Sehen kannte. So weit entfernt, trifft man unverhofft Bekannte.

Villafranka, den Berg hoch

In Belorado entschied ich mich fürs Weitergehen, die endgültige Entscheidung sollte aber in Villafranka, vor dem Berg, fallen. Dort angekommen, hatte ich ein tolles und interessantes Gespräch mit Alfonso, der die Bar bediente. Ich konnte dadurch sehr gut selbst reflektieren und dringende Fragen bekamen Antworten, bzw. brachten Denkanstöße.

Nach dem Gespräch und einem Kaffee mit Orangensaft, legte ich mich ins Gras, pflegte meine Füße und entschied mich für die Nachtwanderung. Keine Störung von Außen sollten meine Gedanken beeinträchtigen. Das soeben erlebte, wollte verarbeitet werden. Den Berg überwand ich sogar noch bei Tageslicht und erreichte San Juan de Ortega bei Sonnenuntergang. Es war einfach nur toll, in die untergehende Sonne hineinzuwandern. Eigentlich hört man da meistens auf und kümmert sich um eine Herberge und etwas zu Essen.

Der Mond geht auf

Es war zwar noch nicht Vollmond, aber er scheinte doch sehr hell. Der Sternenhimmel kam nicht ganz zur Geltung, aber die Stimmung war einmalig. Der fast Dreiviertelmond brachte jedoch gleich so viel Licht, dass ich die Stirnlampe kaum brauchte. Für den Vollmondtag ist ja leider Bewölkung vorhergesagt, weshalb ich mich unter anderem schon jetzt für diese klare Nacht entschied.

Auf meiner linken Seite wanderte der Mond mit mir mit. Am Cruz de Matagrande en Atapuerca, einer Bergüberquerung vor Burgos, stand ich um Mitternacht am Kreuz. Der Mond leuchtete hell und ich war umringt von einer einzigartigen Lichtstimmung.

An diesem Kreuz habe ich 2018 Freudentränen vergossen, denn der Aufstieg war damals mit der Halbseitenlähmung ein schwieriges Unterfangen, besonders die vielen Steine setzten mir sehr zu. Ich setzte mich wie damals unters Kreuz, diesmal aber bei Nacht und rekapitulierte im Schnelllauf die vergangene Zeit. Um halb eins in der Früh begann ich den Abstieg, begleitet von einem warmen Wind, als ob mir das Universum sagen wollte, gut gemacht!

Pause und der Weg nach Burgos

Eine kurze Schlafpause legte ich im nächsten Dorf in einem Gastgarten ein, wo ich mir zwei Stühle herrichtete. Die Rast tat gut, denn sonst wäre ich zu früh in Burgos angekommen.

Entgegen meiner bisherigen Wege ging ich diesmal nicht den Alternativweg, sondern wollte den Hauptweg hinein nach Burgos kennenlernen. Leider kein guter Gedanke, denn der Weg entlang der Straße war wirklich nicht schön und ich wäre besser bei der Alternative geblieben.

In Burgos legte ich mich nochmal für eine halbe Stunde auf einer Parkbank hin, bevor es in die Innenstadt ging. Es war ein paar Minuten nach sechs Uhr und ich hoffte auf ein offenes Café. Es sollte aber noch bis sieben Uhr dauern, bis eines öffnete. Ich war der erste Gast, aber nach und nach trudelden die ersten Pilger ein, allerdings um vor ihrem Weiterweg zu frühstücken. Ich war sicher der einzige, der gerade angekommen ist und sich jetzt gerne zum Schlafen hingelegt hätte.

Da die Herberge erst um 12 öffnete, spazierte ich in der Innenstadt umher und besuchte mehrere Cafés.

Resümee

Vorwiegend positiv ist mein Resümee über diese Nachtwanderung. Eigentlich nur positiv, was die Nacht betrifft. Einzig eine verminderte Reaktion, Koordination und Müdigkeit über den Tag blieben zurück. Vor allem das Gehen im Dunklen war zwar anstrengend, aber gut machbar. Ich stiefelte zwar manchmal wie am Anfang in Skischuhen dahin, aber nur in Momenten wo es steinig und schwierig war oder wo ich stürzen konnte.

Eine gute Unterstützung waren mir meine Hoka Schuhe, die auch größere Steine und Unebenheiten schlucken und mir ein leichteres Gehen ermöglichten. Diese Nachtwanderung zeigte mir aber auch auf, wo ich noch Verbesserungsbedarf habe, woran ich noch trainieren kann und wo meine Limit liegen. Ich möchte noch mehr Automatisation bekommen, denn dann wird alles gleich nochmal viel leichter.

Zum Abschluss kann ich nur sagen, gerne wieder! Ich werde es sicher noch einmal probieren, dann aber besser planen, denn Burgos kam viel zu früh und das nichts offen hatte, erschwerte die Sache. Insgesamt hatte ich rund 80 km zurück gelegt, vom Morgen ab Santa Domingo, bis Burgos, um 5 Uhr früh.


Therapeutische Tanzen und Pilgern am Camino France im Herbst!

Ein intensiver Trainingsblock, der vier Monate dauerte, liegt hinter mir. Das therapeutische Tanzen, die Wahrnehmung und Krafttraining spielten die größte Rolle darin. Zur Belohnung geht es dafür Ende September zum Camino France, zusammen mit meinem jüngeren Sohn Elvin.

Das therapeutische Tanzen hat einen großen Anteil daran, dass es überhaupt möglich sein kann. Nach zwei Jahren Pandemie habe ich viel aufzuholen, um wieder dort zu stehen, wo ich vor der Zeit mit Corona stand, damals im Februar 2020.

therapeutisches Tanzen

Ich hatte gerade den Camino France im Winter beendet und meine Rehabilitation verlief perfekt. Voller Tatendrang kam ich zurück nach Hause und wollte weiter darauf aufbauen, aber Corona kam dazwischen.

Am Camino Frances, auf dem Weg ins Leben!
Am Camino Frances, auf dem Weg ins Leben!

Therapeutische Tanzen

Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich meiner Therapeutin Hanna dankbar bin, für Ihre Arbeit. Sie hat mich sehr gut durch die Corona-Zeit begleitet und ihr habe ich es zum größten Teil zu verdanken, dass ich einigermaßen gut durch die gesamte Pandemie gekommen bin. Die Zeit war nicht ohne, denn bis auf ihre Therapie, ist alles andere weggebrochen. Ich konnte zwar meinen Walkabout durch Österreich im letzten Jahr unternehmen, aber der letzte Winter gab mir dann den Rest, vor allem mit dem Nierenstein, der ein Andenken an die vielen Kontrastmittel der unzähligen MRT war.

Vor mittlerweile drei Jahren habe ich mit dem therapeutischen Tanzen begonnen, damals nicht wissend, auf was ich mich einlasse. Mich hat der Name "therapeutisches Tanzen" extrem angesprochen und von der ersten Stunde weg war ich bestätigt, dass es das richtige für mich ist. Wenn ich zurückdenke an die erste Stunde und meinen körperlichen Zustand im Gegensatz zu heute vergleiche, so liegen Welten dazwischen. Mit herkömmlichen Therapien wären auch Verbesserungen möglich gewesen, aber nicht in dieser Art und in diesem Umfang, wie es die Tanztherapie möglich gemacht hat.

Gleichgewicht in der Natur,  ein Ergebnis der Tanztherapie
Gleichgewicht in der Natur, ein Ergebnis der Tanztherapie

Der Abszess am Thalamus, die Steuerzentrale des Körpers, hat meine gesamte Körperfunktion gestört, die ich nur "Step by Step" wieder zu reparieren vermag. Die Tanztherapie hat genau diesen ganzheitlichen Ansatz, den ich brauche.

Thalamus, Hirnabszess
Hirnabszess am Thalamus

Das therapeutische Tanzen ist die einzige Therapie, die ich seit drei Jahren mache und ich möchte keine einzige Stunde missen. Nach jeder Stunde habe ich etwas dazugelernt, dass mich oft bis zur nächsten Stunde beschäftigte und ich weiter übte. So gelang es mir bisher Schritt für Schritt, mein Gehen, mein Vertrauen, mein Bewegen und meine Wahrnehmung zu verbessern.

6 Jahre Rehabilitation, 3 Jahre therapeutische Tanzen

Wenn ich zurückdenke, mit welchem Druck in meinen Reha-Aufenthalten gearbeitet wurde, um nach sechs Wochen stationärer Therapie herzeigbare Ergebnisse präsentieren zu können? Mit einem Bruchteil der Summen, welche die SVS damals aufwendete, wäre die Tanztherapie und damit eine wesentlich bessere Rehabilitation möglich gewesen. Gerade diese ersten zwei Jahre sind so wichtig, da hier die größten Verbesserungen zu erwarten sind. Da sie aber nicht im Katalog der SVS aufscheint und von der Sozialversicherung nicht anerkannt wird, wurde mir diese Möglichkeit weder gesagt, geschweige denn angeboten.

Es geht halt, wie so oft, nur ums liebe Geld und nicht darum den Menschen wirklich helfen zu wollen. Geld umzuverteilen ist meist der Grund, denn an Krankheit verdienen viele, der Mensch steht dabei an zweiter Stelle. Wie das so läuft, hat die Pandemie gezeigt, wenn man sich die Nutznießer anschaut und wohin vieles Geld und Leistungen geflossen sind. Mit großer Mehrheit nicht zu den Menschen, die es gebraucht hätten.

Die Politik ist kaum mehr für uns Menschen da, sie bestimmen aber die Richtung. Irgendwas läuft da verkehrt.

Am Anfang nach dem Hirnabszess war einzig und alleine der Druck da, mich wieder in den Arbeitsalltag eingliedern zu können. Bei jedem Gespräch mit der SVS kam im Nachsatz, "...aber sie wissen schon, dass sie nach der Reha wieder arbeiten müssen, zwar eventuell nur in einem Teilbereich, was sie bisher machten, aber arbeiten gehen müssen sie!".

Dabei war ich damals nur daran interessiert, mich wieder alleine bewegen zu können, denken zu lernen und mein Leben wieder irgendwie auf die Reihe zu bekommen. Da hatte ich wirklich andere Sorgen, als mich ums Arbeiten zu kümmern.

Gehen lernen, mich wieder bewegen zu können!

Mit dem therapeutischen Tanzen ins Leben kommen

Trotz therapeutischen Tanzen bin ich noch weit davon entfernt, wieder Arbeiten gehen zu können. Das ist und war allerdings auch nie mein Anspruch. Ich habe den Hirnabszess überlebt und das war meine größte Leistung, alles Weitere ist nur Draufgabe. Hätte ich nicht durch Zufall von der Tanztherapie erfahren und mich darüber getraut, so hätte ich mich mit Sicherheit mehr in Richtung eines Pflegefalls bewegt, denn 2019 war ich noch immer einer.

Dass ich mich 2018 trotz der Defizite auf den Camino in Spanien begeben habe und die Tanztherapie 2019 begann war, schlichtweg gesagt, die Rettung für mein Leben.  

In der Therapie lerne ich, wieder mit mir in Verbindung zu kommen, meinen Rhythmus zu finden, meine Gefühle und Emotionen zu regulieren, mit anderen Menschen in Kontakt treten zu können und vieles mehr. Das und der Camino sind mein Lebenselixier. Diese beiden sind mir die größte Hilfe, wieder ins Leben zu finden.

Ende August hatte ich erstmals einen Zustand beim therapeutischen Tanzen erlebt, wie ich ihn mir seit sechs Jahren wünsche. Ich hatte diesen Wunsch, mich einfach nur 10 Minuten ohne nachzudenken bewegen zu können, einfach nur zu SEIN und die Welt um mich herum wahrzunehmen wie früher. Für ca. 45 min. hatte ich nach der Therapie dieses Gefühl. Es war meine Motivation für das Training, es wieder zu können. Es war zwar nur kurz, aber es war ein traumhaftes Gefühl. Ich werde später in einem eigenen Blogartikel darauf näher eingehen, was und wie ich das erlebte und werde versuchen, die Tanztherapie vorstellen.

Soviel sei dazu gesagt, dass mir diese rund eine Stunde zeigte, dass jeder der bisher über 2.600 Tage oder 52.900 Stunden es wert war, das doch oft recht mühsame Training zu machen, weiter zu üben und jeden Tag dranzubleiben, selbst wenn es manchmal sinnlos erschien. Dafür bin ich so dankbar, den der Schritt zum Pflegefall war näher, als man glaubt, vor allem wenn man mich heute sieht. Es hätte definitiv anders ausgehen können.

In der Kraftkammer
In der Kraftkammer

Aber jetzt zum Camino France im Herbst...!

Zur Belohnung für diesen intensiven Sommer, geht es zum Camino France. Mein jüngerer Sohn Elvin wird mich begleiten und das ist für mein Gehirn eine besondere Aufgabe, alles zu planen und auch unterwegs damit umzugehen. Andererseits plane ich auch nicht zu viel im Voraus, den der Camino wird auch diesmal wieder seine Magie, seine Schätze und manchmal auch seine Herausforderungen bereithalten. Einfach darauf einlassen, schauen was kommt und vertrauen.

"Du bekommst, was du brauchst, nicht, was du dir wünscht!"

Camino Sprichwort

Planvoll ohne Plan ist das Motto. Da mein Sohn arbeitet, ist es für uns ein großes Privileg, vier Wochen freizubekommen. Trotzdem bin ich zum ersten Mal mit einem Limit in der Zeit unterwegs. Das wird eine Herausforderung für mich, aber auch für Elvin. Theoretisch müssten wir im Schnitt 30 Kilometer am Tag gehen. Schaffen wir das nicht, werden wir für ein Stück auch den Bus nehmen.

Camino Frances
Camino Frances

Die Ausrüstung

Da ich Kraft und Stabilität in der Pandemie eingebüßt habe, muss ich am zu tragenden Gewicht feilen. Durch die Erfahrung mittlerweile, habe ich alles optimiert, immer meinem Gesundheitszustand angemessen, das Leichteste zu verwenden. So werde ich nur 3,5 Kilogramm Basisgewicht tragen, zu dem sich noch Wasser und Verpflegung dazugesellt.

Der Oktober kann noch recht warm sein, trotzdem kann es auch recht kühl werden. Dünne Daunenjacke, Regenschutz und Wärmeschicht ist wichtig, um für alles gerüstet zu sein. Man glaubt aber nicht, mit wie wenig man in Wirklichkeit auskommen kann. Für mich bedeutet weniger Gewicht, halt sehr viel mehr an Genuss, denn durch die Muskelschwäche bin ich nur begrenzt belastbar. Dadurch, dass ich aufs Gewicht schaue, sind Fernwanderungen erst möglich geworden.

Meine Ausrüstung
Meine Ausrüstung am Camino France, 3,5 kg Basisgewicht

Auf Zelt oder Campingausrüstung muss ich derzeit noch verzichten, trainiere aber darauf hin. Ich möchte gerne endlich von zu Hause aus nach Santiago aufbrechen oder eine große Runde durch Deutschland gehen. Immerhin 3 - 4.000 Kilometer. Allerdings muss das noch warten, bis ich meine Muskeln so weit hinbekommen habe.

Der Benefit vom Weitwandern

Weit- oder Fernwandern schenkt Selbstvertrauen und Freiheit und macht mich glücklich. Drei Eigenschaften, an denen ich auch zu Hause arbeite. Es sind Grundvoraussetzung für Heilung.

Diese Reduktion aufs Wesentliche macht einen empfänglicher für die oft kleinen Schritte in meiner Rehabilitation. Zu Hause wird man ständig von Reizen überflutet, überhaupt ich, mit meinem löchrigen Gehirn, das Reize ungefiltert hindurchlässt. Darum gehört eine ungeheure Selbstdisziplin dazu, mich in der Stadt oder neben Verkehr zu bewegen. Deswegen suche ich so oft die Natur auf, um meinem Gehirn die Gelegenheit zu geben, sich zu erholen.

Hingegen macht eine Weitwanderung oder Pilgerfahrt den Kopf frei. Man wandert dann nicht nur mit den Füßen. sondern auch der Kopf wird bewegt, im geistigen Sinne. Die aufkommenden Glücksmomente spürt man beim Wandern sehr direkt, schnell und intensiv. Das fördert mein Wohlbefinden.

Pilgern und therapeutisches Tanzen

So werde ich auch diesmal wieder das Pilgern mit beim therapeutischen Tanzen gelernten Sachen verbinden. Ein wichtiger Faktor ist dabei die Leichtigkeit. Dafür habe ich wieder eigens von meiner Therapeutin Tücher bekommen, die diese Leichtigkeit unterstützen werden. Ich hatte sie schon am Walkabout dabei.

Walkabout durch Austria, mit Tüchern vom therapeutischen Tanzen zu mehr Leichtigkeit.
Walkabout, mit Tüchern vom therapeutischen Tanzen zu mehr Leichtigkeit

Für Elvin wird es ebenso eine tolle Erfahrung werden, denn schon bei meinem ersten Mal im Jahr 2018 wollte ich ihn meinen Kindern näherbringen. Mit meinem älteren Sohn Noah bin ich ja gleich nach meiner Rückkehr 2018 noch einmal hingefahren. Auch er hat den Camino speziell in Erinnerung behalten. Für Elvin kam dann die Pandemie dazwischen, daher bin ich froh, dass es jetzt klappt.

Los geht es Ende September. Ich werde auf Facebook hin und wieder berichten oder in der Story Bilder posten. Ende Oktober wissen wir jedenfalls, wie die Pilgerfahrt verlaufen ist.

Ultreia und Buen Camino


Leben am Limit - sechs Jahre nach der Entlassung aus dem Krankenhaus!

Am 20. August 2016 durfte ich das Krankenhaus nach 5 Monaten Aufenthalt verlassen. Es ist seither ein Leben am Limit, ein Leben, das ich in allen Bereichen von null an beginnen durfte.

Natürlich kann ich auch weniger wollen und machen, aber ich wollte kein Pflegefall bleiben, denn das war ich über ein Jahr. Dann werden einfachste Gänge wie aufs WC, neben einer befahrenen Straße oder zum Einkaufen zu gehen mühsam, wenn nicht unmöglich. Und es geht schneller zurück, als vorwärts. Zeitlich ist es wie gestern passiert und die Zeit dazwischen existiert nicht.

Die Entlassung aus dem Krankenhaus

Oft kann ich es gar nicht glauben, dass schon so viel Zeit vergangen ist. Ich muss bewusst daran denken, denn ich tue mich schwer mit dem Zeitgefühl. Für mein Gehirn beginnt jeder Tag neu.

Allerdings kann ich mich an den Tag der Entlassung noch gut erinnern. Es begann damit, dass ich sehr kurzfristig von meiner Entlassung erfuhr, dann aber doch noch einen Tag länger bleiben musste. Meine Lebensgefährtin war darauf nicht vorbereitet und musste erst alles herrichten. Die Kinder waren zum Glück gerade bei der Großmutter, es wäre sonst zu viel Stress geworden.

Eigentlich wollte ich nur mehr weg aus dem Krankenhaus. Nicht wegen der Menschen, denn ich bin noch heute jedem Einzelnen dankbar für alles, was sie für mich taten. Es waren meine Bezugspersonen über viele Monate geworden, die Krankenschwestern und besonders meine Ergo- und Physiotherapeutin.

Mit meiner Ergo- und Physiotherapeutin im Krankenhaus

Allerdings bekam ich allergische Reaktionen an den Zugängen der Einstiche am Arm und ich konnte keine Krankenhauskost mehr vertragen. Ich stieß alles ab. Es wurde Zeit, das Krankenhaus zu verlassen.

Es war ein Samstag und somit ein ruhiger Tag am Beginn des Wochenendes. Die Verabschiedung fiel mir schwer, weil ich meine Gefühle und Emotionen noch nicht unter Kontrolle hatte. Zum Glück war Wochenendbetrieb und nicht so viele der Krankenschwestern und Ärzte anwesend.

Das Packen meiner Habseligkeiten nahm ein bisschen Zeit in Anspruch, denn es hat sich doch mehr in den letzten Monaten angesammelt, als ich glaubte. Meine schwarze Expeditionstasche von früher, war bis oben hin gefüllt mit Bekleidung, ein paar Büchern und sonstigen Kleinkram.

Den Entlassungsbrief abgeholt und dann konnte mich nichts mehr halten. 11 Uhr war zum Abholen ausgemacht, aber ich verließ die Etage schon um 10 Uhr.

Die Natur war mir schon damals wichtig!

Mich selbst und die Tasche hinter mir herziehend, schleppte ich uns zum Fahrstuhl und fuhr nach unten. Immer wieder musste ich vor lauter Schwindel hinknien, denn ich konnte noch kaum mehr als ein paar Meter weit gehen und musste viele Pausen einlegen. Der Schritt ins Freie war wie eine Erlösung.

Die letzten Monate verließ ich den Reha-Stationsbereich und mein Zimmer nur ein paarmal, meist um mit dem Rollstuhl zu einer Untersuchung zu einem anderen Gebäude geführt zu werden. Diesmal war mein Ziel aber die Wiese vor der Station. Bisher war sie für mich nur vom Fenster aus sichtbar, denn die Natur und Grün war mir schon damals sehr wichtig. Ich wollte mich endlich im Gras niederlegen können und die Natur spüren, im Gegensatz zur sterilen Umgebung des Krankenhauses.

Erschöpft, diesen Weg geschafft zu haben, hatte ich noch eine halbe Stunde Zeit für mich alleine. Mein Denken funktionierte nicht und ich war einfach nur glücklich das Gras zu spüren und diese 5 Monate hinter mich gebracht zu haben. Mein neues Leben konnte endlich beginnen, von dem ich allerdings noch nicht erahnen konnte, was auf mich zukommt. Erschöpft,aber freudig und zufrieden Strichen meine Finger durch das Grün und ich spürte die Energie. Die Sonne schien auf mich und um nichts auf der Welt wäre ich zurück gegangen, ich war endlich frei, so frei wie ein zu Pflegender eben sein kann.

6 Jahre danach, noch immer ein Leben am Limit

Noch sechs Jahre danach erzeugt es Emotionen in mir, daran erinnert zu werden. Was war das für eine Zeit bisher? Damals wusste ich noch nicht, wie es weitergehen könnte, denn ich lebte, wie auch heute noch, für den Tag.

Der nächste Tag ist nicht denkbar und so war es besonders in dieser Anfangszeit. Sechs Jahre sind eine lange Zeit. Jeden einzelnen Tag sind seither meine Handicaps da und spürbar, trotz der Verbesserung. Die fehlende Propriozeption ht einen großen Anteil daran.

Es ist für mich aber nicht vorstellbar, was heute wäre, wenn ich diese lange Zeit mit nicht soviel Rehabilitation, Übungen und Training verbracht hätte? Es gibt natürlich auch Zeiten des Nichtstun, aber auch diese Zeit ist Rehabilitation und darf im richtigen Moment auch sein. Allerdings darf es nicht länger als ein paar Tage dauern, sonst baue ich zu viel ab.

Am liebsten vergleiche ich die letzten Jahre mit meinem Training im Leistungssport, denn dieses früher erlebte Wissen hilft mir heute. Meine Rehabilitation ist mit dem Training im Sport vergleichbar, wenn auch viele Leistungsstufen und Zielsetzungen darunter. Es geht darum, die 24 Stunden am Tag fürs besser werden zu nutzen. Mein Gehirn hält mich nach wie vor im Jetzt fest und lässt Ausflüge in die Vergangenheit oder Zukunft nur beschränkt zu. Das erleichtert es mir, meine Energie für die Heilung einzusetzen und nicht in nutzlosen Gedanken zu verlieren.

Leben am Limit, in vielen Bereichen

Mein Hauptaugenmerk liegt in der Wahrnehmung, gefolgt vom Kraft- und Ausdauertraining, sowie dem Gehirntraining. Was hat sich aber seit diesen sechs Jahren verändert und warum "Leben am Limit"?

Seit dem Krankenhaus habe ich viel erreichen dürfen, allerdings sieht man im Blick von Außen nur einen klitzekleinen Ausschnitt vom Ganzen. Es sieht oder es weiß kaum jemand um den nötigen Aufwand, um mich unter besten Umständen sehen zu können, den ich brauche, um nicht zu viel Energie zu verlieren.

Besonders die Wahrnehmung im Äußeren muss dann passen, dass ich mich zum Beispiel mit jemanden persönlichen treffen kann. Die Energie ist noch vorm Ende des Tages zu Ende, das muss ich immer im Auge behalten. Meine Defizite merkt man mir großteils nicht an und verfällt leicht in den Glauben, es geht mir eh gut.

Ein wichtiger Punkt ist die Kraft und Ausdauer. Allerdings musste ich erkennen, dass ich dranbleiben muss und mich nicht gehen lassen darf. Spätestens am zweiten Tag habe wieder was dafür zu tun, um es wenigstens zu Erhalten. Denn ich brauche mindestens dreimal so lange, um wieder dort zu sein, wo ich war.

Leben am Limit

Walk. Eat. Sleep - Repeat

Im Gehen hole ich mir die meiste Motivation und Gesundheit und deswegen ist Pilgern so wertvoll für mich. Damit konnte ich bisher schöne Fernwanderungen unternehmen, die mir viel gebracht haben. Es ist wie ein Trainingslager, wo ich mich nur ums Gehen, Essen und Schlafen kümmern muss. Diese Konzentration darauf bringt mir viel.

Das Leben am Limit besteht unter anderem darin, dass ich mich sehr auf mich konzentrieren darf und keine anderen Gedanken zulassen muss. Sobald ich mich zum Beispiel unterhalte, sinkt meine Leistung in allen anderen Bereichen. Darum bin ich meistens alleine unterwegs, denn dabei kann ich meine Eigenwahrnehmung am besten schulen und auf alles schnell reagieren. Das Gehen zu zweit trainiert allerdings meine Wahrnehmung im Außen. Ob alleine oder zu zweit, alles passiert an der Grenze.

Ich integriere in das Gehen viele Übungen vom therapeutischen Tanzen, das mir in vielerlei Richtung hilft. Ich konnte damit meine äußere Wahrnehmung verbessern, mein Gehen, meine Bewegung und noch vieles mehr, wie zb. meine Leichtigkeit, im doppelten Sinne gemeint. Dieses "viele mehr" sind oft nur kleine Dinge, die mir aber in Summe zu einer besseren und leichteren Bewegung verhelfen und damit ein Großes ergeben.

In einer Stunde beim therapeutischen Tanzen
In einer Stunde beim therapeutischen Tanzen

Der Punkt: Wahrnehmung im Außen

Am Anfang war es unumgänglich für mich, für die Überquerung einer Straße meine Wahrnehmung zu steigern. Ich konnte lange nicht abschätzen, wie weit entfernt oder wie schnell ein Auto auf mich zukommt. Jede Straße ohne Zebrastreifen oder Ampel wurde zur Herausforderung. Wobei ich die ersten drei Jahre manche Ampel oft nicht bei Grünphase schaffte. Die letzte Ampel, am Hauptbahnhof gelegen und mit einer doch recht kurzen Grünphase, schaffte ich erst im Winter vor zwei Jahren bei Grün zu überqueren. Es war unangenehm, die Blicke der in Eile befindlichen Autofahrer zu spüren oder angehupt zu werden, wenn die Autofahrer Schon losfahren wollten. Oft wünschte ich mir ein großes Behindertenschild umgehängt zu haben. Die Inklusion ist bei den meisten sogenannten "normalen" Bürgern noch nicht angekommen.

Die Wahrnehmung ist aber auch, Entfernungen abschätzen zu können. Drei Jahre verbrachte ich immer wieder damit, Papierkügelchen aus unterschiedlichen Entfernungen in einen Papierkorb zu werfen. Später wechselte ich dann auf ein Frisbee ins Freie, was ich bis heute noch übe. Langsam bekomme ich mehr Gespür für die Distanz, was mir sehr weiterhilft.

2016, mit Frisbee. Ein Leben am Limit.
2016, der erste Versuch mit Frisbee

Aber auch im "Klettern" habe ich mich weiterentwickelt. Nicht so weit weg von mir befindet sich ein Höhleneingang, in deren Vorraum es sich für mich ideal einen Schritt über dem Boden üben lässt. Angefangen habe ich im Kinderbereich einer Kletterhalle, mit nur hinaufsteigen auf den untersten Bereich. Schon das Stehen und mit der Hand festhalten war ein Kraftakt und nur kurz möglich. Heute kann ich mich im echten Fels bis zu 30 Sekunden hin und her bewegen. Dann lässt die Kraft meist in den Finger aus.

So hoch!
Klettern
Klettern, einen halben Meter über dem Boden

...und sonst noch?

Solange ich nicht in Bewegung bin, also hauptsächlich zu Hause, brauche ich noch viel Zeit in der horizontalen Lage. Das bedeutet, ich verbringe noch immer viel Zeit im Liegen, denn da hat das Gehirn die beste Erholung. Besser ist nur noch Schlafen, davon brauche ich mindestens 10 Stunden in der Nacht, zusätzlich zur Ruhe am Tag.

Dieses Jahr hatte ich zum ersten Mal keine Aufwärtsbewegung in meiner Rehabilitation. Der Tiefpunkt war der Nierenstein im März, der mich viel gekostet hat und was ich bis heute nicht aufholen konnte. War die ersten Jahre eine langsame lineare Aufwärtsbewegung möglich, so flachte sie mit dem Beginn der Pandemie ab und seit letztem Herbst auch mal abwärts zu gehen.

Es war seit Herbst 2021 ein ewiges Auf und Ab und eher ein so gut es geht, den Zustand zumindest zu halten. Bis jetzt ist mir das einigermaßen gelungen, wenn ich auch einige Vorhaben nicht durchführen konnte. Mein Ziel ist es nach wie vor eine Verbesserung zu erzielen, denn mehr oder weniger Behinderung bedeutet dasselbe, es bringt mich beides trotzdem ständig ans Limit.

Im Moment lebe ich schon zu lange ein Leben am Limit, dass immer zugegen ist. Wenn ich liege und aufstehe, ist die erste Zeit am Limit. Wenn ich vom Rad absteige, dauert es einige Minuten, bis ich mich wieder ans Gehen gewöhne und den Schwindel in den Griff bekomme. Die Muskel- und Körperschwäche behindert mich sehr und ich könnte noch viele Dinge aufzählen, um dieses Leben am Limit zu beschreiben.

Allerdings denke ich nicht so viel darüber nach, was nicht geht, als an das, was ich wieder möglich machen möchte. Selbst an schlechten Tagen verliere ich kaum meinen Optimismus und versuche alles, was mir dann guttut, auch zu machen.

Himmel und Hölle

Wenn ich mich nach meinem Himmel und Hölle Spiel bewerte, dann stehe ich an schlechten Tagen auf 3 und an guten auf 4. Dass ich noch nicht auf 5 bin, habe ich der Pandemie zu verdanken, wo ich nach meinem Wintercamino knapp dran war. Aber ich arbeite weiter daran.

Am Beginn nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus bin ich auf 1 gelegen. 6 Jahre Jahren später habe ich mit viel Übung und Training die 4 noch nicht langfristig erreicht. Die Zukunft wird zeigen, was noch möglich ist.

Himmel und Hölle Spiel, wo stehe ich? Mein Leben am Limit.
Himmel und Hölle Spiel, wo stehe ich?

Es ist mir klar, dass mit fortwährender Dauer eine Verbesserung langsamer wird, langsamer als es eh schon ist. Aber auch beim Radrennfahren bin ich früher immer drangeblieben und es zeigte mir, dass Aufgeben kaum Sinn macht. Bei minus 40 Grad in Alaska gibt es kein Aufgeben, so wie auch jetzt nicht.

So wird die Rehabilitation noch länger in meinem Leben bleiben. Das Leben am Limit kann ich hoffentlich in Zukunft reduzieren, es ist aber derzeitig notwendig, um weiterzukommen.

Zur Feier des Tages - Radfahren!

Zur Feier des Tages bin ich mit dem Rad gefahren. Das Radfahren steht wie kaum was anderes für meine verbesserte äußere Wahrnehmung und Reaktion.

Ich bin zwar vorsichtig unterwegs und im Zweifelsfall langsam, aber es geht voran. Einzig die Körperschwäche limitiert mich noch. Die Muskeln und das Bindegewebe rund um die Wirbelsäule ermüden zu schnell. Aber auch hier zählt dranbleiben. Kilometer um Kilometer weite ich aus und bin glücklich, schon15 bis 25 Kilometer fahren zu können, je nach Tageszustand.

Wie kannst du ein Limit setzen, wenn du die Grenzen nicht kennst?


Aufmunternde Sprüche, Weisheiten und Bilder am Camino!

Der Camino in Spanien ist gesäumt von aufmunternden Sprüchen, Weisheiten und Bilder. Sprüche sind auf Steinen, Tafeln und den Kilometer-Wegsteinen zu finden.

Vielen Menschen am Weg ist es eine Hilfe, solche zu lesen oder die großen Bilder zu sehen. Hier meine Auswahl vom Camino Frances und Camino Norte. Hast du sie vielleicht auch gesehen?

Auf das Bild klicken zum leichteren lesen und vergrößern!

Auf den Kilometer-Steinen

Sobald man in Spanien ist, begleiten einen auf der ganzen Strecke die berühmten Kilometer-Steine. Er wird gerne verwendet, um seine Botschaften anzubringen.

Sie stehen in der Regel alle paar Hundert Meter am Weg.

Sprüche auf Tafeln

Wie die Kilometer-Steine, werden Sprüche und Botschaften auch gerne auf allen möglichen Tafeln angebracht. Sie sind manchmal lustig, manchmal regen sie einen zum Nachdenken an.

Am Weg ist man immer wieder mit diversen Themen beschäftigt und ab und zu bringen diese Wörter und Sprüche neue Themen in einem hervor.

Bilder auf Häusern

Zahlreiche Häuser sind mit übergroßen, oftmals Kunstwerken, ausgestattet. Selbst im Schnee findet sich was.

Auf Steinen

Steine gibt es in allen Variationen, mit Sprüchen oder Bildern verziert. Besondere Bedeutung kommt dem Stein am Crux de Ferro zu. Man nimmt ihn von zu Hause mit und legt ihn am Kreuz stellvertretend dafür ab, was man hinter sich lassen möchte.

(Hier geht's zum Bericht: Das Krafttier Pferd am Camino Frances?)

Mein Stein war ein Schmuckstein, den ich 1995 aus Amerika mitgebracht habe. Er hatte eine Bedeutung für mich, weshalb ich ihn mitnahm und in 1500 m Seehöhe, dem höchsten Punkt des Camino Frances, ablegte.

Sprüche auf der Straße und Holz

Manchen bewegt gerade etwas, andere machen sich einen Spass. Es ist lustig zu sehen, was es für Einfälle oft gibt.

...und sonst wo unterwegs!

"Schritt für Schritt", auf Deutsch, sah ich dieses Jahr, genauso wie das "Balance your Energy". Beide Sprüche passen für mich und lebe ich seit Jahren.


Vom Radfahren, Selfies und der Wahrnehmung!

Seit einigen Wochen übe ich wieder vermehrt Radfahren. Dabei mache ich auch Selfies im Fahren, die beides meine Wahrnehmung trainieren. Es war und ist noch immer ein weiter Weg dorthin.

Mit dem Rennrad unterwegs zu sein, ist ein wichtiger Baustein, um schneller reagieren zu lernen. Das Radfahren dient in erster Linie meiner Wahrnehmung im Äußeren, wobei aber auch der Inneren eine Bedeutung zukommt. Mit der Propriozeption habe ich sowieso eine Aufgabe, die mir oft endlos erscheint.

Selfie beim Radfahren
Selfie beim Radfahren

Selfie beim Radfahren

Seit 2017 versuche ich meine Rehabilitation mit Fotos zu dokumentieren. Ich werde immer wieder dazu gefragt, wie ich das denn am Rad mache. Das Problem ist bei mir ja die Feinmotorik der Finger und die Tiefensensibilität. Von daher kommt es, dass ich gerade von den ersten Jahren meiner Rehabilitation nicht viele Fotos habe.

Mit dem Training der Feinmotorik in den Fingern höre ich bis heute nicht auf. Es ist einer der vielen Punkte, die alle meinen Gesamtzustand ausmachen.

Zuerst nur im Stand am Rad sitzend, versuchte ich mich im Laufe der Zeit auch während dem Fahren an Selfies. Zweimal ist mir das Handy aus der Hand geglitten, ich hatte aber Glück, es ist nie zerbrochen. Ich brauche aber auch ohne Radfahren jährlich ein bis zwei Handys. Die Feinmotorik lässt noch immer zu wünschen übrig.

Außerdem mache ich meist viele Fotos, von denen ich hoffe, dass eines geworden ist. Ich habe mich auch schon am Filmen versucht, aber das ist ein anderer Fall. Mein Gehirn macht da nicht mit und ich bin schnell überfordert. Ich zeige natürlich nur die besten Fotos, die unzähligen Versuche dazu sieht man natürlich nicht.

So geht es auch mir, denn man sieht nur mich als Ergebnis, allerdings sieht niemand das viele Training oder wenn ich einmal nicht mehr kann. Gerade Treffen mache ich meist nur unter besten Voraussetzungen, die oft rar sind. Das bekommt man dann zu sehen. Das ist wie ein Bild, für das aber viele notwendig waren.

Die Äußere Wahrnehmung

Die äußere Wahrnehmung bezieht sich auf die Umweltwahrnehmung und damit sind Menschen und Gegenstände gemeint, wie fahrende Autos oder andere Fußgänger. Nur langsam lerne ich, die Geschwindigkeit des eigenen Körpers oder eines Autos, zum Beispiel für die Überquerung einer Straße, richtig einzuschätzen.

Um über eine Straße zu kommen, brauchte ich anfangs mehrere Minuten. Ich musste oft 30 Sekunden in eine Richtung schauen, bis ich erkennen konnte, dass nichts kam. Das Gleiche auf der linken Seite. Allerdings war ich mir dann nicht mehr sicher, ob rechts nichts kommt und so begann das Spiel von Neuem.

Beim Radfahren ist wichtig, alle auftretenden Hindernisse schnell zu erkennen, was eine große Steigerung im Gegensatz zum Überqueren einer Straße war. Diese äußere Wahrnehmung im Ansatz wieder zu erlernen war der Grund, weshalb ich erst nach vier Jahren mit dem Radfahren beginnen konnte.

Anfangs konnte ich nur alleine fahren, denn ich musste derart aufmerksam mit mir und der Umgebung sein, eine Begleitung hätte mich nur abgelenkt. Das dauerte damals mehrere Monate, bevor ich mit meinem Freund Harry zusammen Radfahren ging. Mit ihm hatte ich in Australien, Alaska und Afrika Radrennen bestritten und jahrelang zusammen trainiert. Das geht nur, weil ich großes Vertrauen in ihn habe. Mit anderen Personen traue ich mich noch nicht. (Hier geht's zum: Wie ich Radfahren begann)

Harry und ich beim Altstadtkriterium
Harry und ich beim Altstadtkriterium in Graz, 1992

Ich musste zuerst mein räumliches Vorstellungsvermögen wieder herstellen. Step by Step steigerte ich mit meiner Wahrnehmung auch die Kilometer, sowie die Zeit, die ich auf dem Fahrrad verbringen konnte. Eineinhalb Stunden waren damals, Ende des Jahres 2020, möglich.

2021 lag mein Focus allerdings wieder am Gehen, meinem Ziel geschuldet, dem Walkabout durch Österreich. Über den darauffolgenden Winter saß ich nur sehr sporadisch am Rad, wodurch sich die Wahrnehmung stark zurückbildete. Das war aber auch der Pandemie geschuldet, dessen Folgen mir im Nachhinein betrachtet sehr stark zusetzten und dieses Jahr umso stärker herauskamen.

Walkabout durch Austria
Leichtigkeit am Walkabout

Ich startete diesmal zwar nicht bei null, musste aber trotzdem Radfahren in der Wahrnehmung neu lernen. Besonders mein Muskelkorsett war miserabel und verhinderte langes Sitzen. Ich fühlte mich wie eine schlecht gespannte Marionette.

Die Innere Wahrnehmung...

...beschränkt sich nicht nur darauf, was ich außerhalb meines physischen Körpers erfahre, sondern bezieht sich auf das spüren von Gefühlen und Emotionen, wie Freude oder Unbehagen.

Da hat der Hirnabszess am Thalamus ganze Arbeit geleistet, denn er steuert den Körper. So habe ich alles neu zu lernen, selbst heute, nach über sechs Jahren noch immer. Es scheint ein endloses Thema zu sein. Setzte ich nur kurz aus mit dem Training, bildet sich alles zurück.

Therapeutisches Tanzen für die Wahrnehmung

Seit September 2019 gehe ich regelmäßig zum therapeutischen Tanzen. Dort lerne ich nicht nur die Bewegung neu, sondern auch meine innere und äußere Wahrnehmung wiederzuerlangen. Deshalb ist diese Art der Therapie so genial für mich und es ist mir unverständlich, dass es nicht von der Krankenkasse anerkannt wird.

Ich habe dort die Möglichkeit, in einem geschütztem Rahmen, diese innere und äußere Wahrnehmung wiederzuentdecken und auszuprobieren. Ob Einzelstunde oder im Gruppentraining, jede Stunde birgt eine neue Erfahrung, die mich weiter bringt. Es bringt mich oft an die Grenze, aber nur dort ist ein Weiterkommen möglich.

Vieles in der Therapie gelernte, kann ich auch beim Radfahren umsetzen oder hilft mir, weiterzukommen. Denn gerade die Wahrnehmung ist beim Radfahren besonders gefordert.

therapeutisches Tanzen
therapeutisches Tanzen

Thema Freude und Genuss

Die Themen Freude und Genuss konnte ich erstmals erfolgreich beim Radfahren umsetzen. Bisher war Radfahren mehr Therapie oder Krafttraining, aber letztens konnte ich 15 Kilometer unter Genuss zurücklegen.

Selfie beim Radfahren
Selfie beim Radfahren

Viel weiter hätte es nicht sein dürfen, dann wäre es vorbei mit dem Genuss gewesen. Durch die Körper- und Muskelschwäche gerate ich schnell ans Limit. Dieses Limit immer weiter hinauszuschieben, ist mein Ziel. Das bringt mir auch für den Alltag viel. 

Dabei ist es wichtig, auf mich zu hören und meiner Eigenwahrnehmung zu vertrauen. Diesmal bin ich rechtzeitig vom Rad gestiegen und konnte die Ausfahrt unter Genuss verbuchen. Ein wichtiger Tag für mich, denn es werden auch wieder andere Tage kommen, Tage des Trainings und Tage wo es mir nicht so gut geht.

So aber kenne ich jetzt das gute Gefühl, welches ich mit Leichtigkeit verbinde. Ich darf mich nur nicht beirren lassen, es wieder zu spüren. An Tagen wo ich Radfahren gehe, darf ich umso mehr meiner Eigenwahrnehmung vertrauen und lerne jedes Mal, mehr zu spüren. Wann ist es Genuss oder wann darf ich wie weit gehen, im Krafttraining.

Der Hirnabszess und dessen Folgen sind mit Abstand mein längstens und wichtigstes Rennen im Leben,vorher war alles nur die Kür.

Da fällt mir nur mehr ein Spruch im geplanten Vespa-Film ein:

"Let´s keep it rolling"


Das Altstadt-Kriterium Graz ist zurück - mein Gamechanger!

Das Altstadt-Kriterium Graz ist am 26.Juli, nach vielen Jahren der Abwesenheit, wieder zurück. Aus heutiger Sicht kann ich sagen, dieses Rennen hat 1992 mein Leben nachhaltig verändert. Die Erlebnisse rund um das Rennen waren einer der Gründe, wenn nicht sogar der Hauptgrund, für meinen Wechsel vom Straßenradrennsport zum MTB-Extremsport.

Das Kriterium in Graz war damals eine der wenigen Möglichkeiten als Amateur gegen Profis zu fahren. Außerdem bot es die Möglichkeit, die Mannschaft, die Sponsoren und sich selbst in der Heimatstadt zu präsentieren. Die Wiederbelebung dieses Rennens dient mir dazu, das damals erlebte für mich jetzt nach dem Hirnabszess aufzuarbeiten, zu verstehen und wie ich den Weg zum Mountainbike fand.

Seit dem Hirnabszess ist Aufarbeiten ein wichtiges Thema für mich. Die Gründe, weswegen ich Extremsportler wurde, weiß kaum jemand.

Altstadt-Kriterium Graz 1990
Vorne Guiseppe Saronni, Mitte Stephen Hodge, hinten Jörg Krasser

1992, ein wichtiges Jahr für meine Laufbahn

Ich arbeitete damals noch bei der Post als Beamter. Also eigentlich, denn 1992 nahm ich über den Sommer hinweg mehrere Monate unbezahlten Urlaub, um mich ganz dem Radrennsport widmen zu können. Keine lästigen Urlaubsansuchen, um an Rundfahrten teilnehmen zu können, 24 Stunden am Tag trainieren, um besser zu werden und genug Zeit für Erholung zu haben.

Das waren Vorteile, die unbezahlbar waren und sich auch in Ergebnissen niederschlugen. Allerdings waren auch Vorkommnisse dabei, die mich oft am Wert dieser Ergebnisse zweifeln ließen. Das Altstadt-Kriterium war dann die Spitze des Eisberges. Nach einem weiteren Jahr auf der Straße wechselte ich dann aufs Mountainbike endgültig um.

Zeitfahren Thörl, Sieg vor Strecko Glivar aus Slowenien
Sieg!

Das Jahr begann mit dem Frühjahrsklassiker Wien-Eisenstadt-Wien

Dieses Rennen war der größte Klassiker Österreichs im Frühjahr, zur damaligen Zeit. Die Wetterbedingungen machen dieses Rennen besonders schwer, es gab immer starken Gegen- und Seitenwind und in diesem Jahr ganz besonders.

Regen, Kälte und Wind, manchmal so stark, dass ich mit der kleinen Scheibe im Flachen gegen den Wind ankämpfte, machten es 1992 wirklich schwer. 500 Meter vor dem Ziel war ich auf Siegeskurs, allerdings streikte dann meine Gangschaltung am Ende des Schlussanstieges und ich konnte nicht mehr hinunter schalten.

Die letzten flachen Meter ins Ziel strampelte ich bei starkem Rückenwind mit nur 53:17. Wenige Meter vor dem Ziel überholten mich noch einige Fahrer und so belegte ich nur den für mich enttäuschenden 5. Rang.

Sportmedizinischer Leistungstest
Sportmedizinischer Leistungstest

Die Form passt

Damit wusste ich zumindest, dass meine Form passte und mehrere gute Ergebnisse in den nächsten Wochen bestätigten das. Wenige Wochen vor der Österreich-Rundfahrt kam der Nationalteam-Trainer zu mir und sagte, ich solle die nächsten Wochen auf mich aufpassen, nur mehr gut trainieren, nicht mehr um Platzierungen zu kämpfen, denn er plante mich fix für eines der drei Nationalteams ein.

Dort dabei sein zu dürfen, dafür arbeitete ich seit Jahren. Ein Traum ging in Erfüllung.

Die nächste Episode passierte mir bei einem gut besetztem Rennen. Obwohl nicht vorgesehen, passierte es trotzdem, dass ich in der 20 Mann Spitzengruppe landete, die vereint zum Zielsprint antrat. Ich wurde Siebenter, schien aber nicht in der Wertung auf. Erst nach Reklamation und dem Studium der Zielkamera wurde ich doch noch nachträglich an die erreichte Stelle gesetzt.

Damals kam eine erste Unzufriedenheit damit auf, von so vielen äußeren Umständen abhängig zu sein, um gute Ergebnisse erreichen zu können. Straßenrennfahren war ein Teamsport und es braucht viele Dinge, um vorn dabei zu sein, aber zum wiederholten Mal übersehen zu werden oder von Funktionären abhängig zu sein, war mir zuwider.

Steiermark Rundfahrt
Steiermark Rundfahrt

Und es kommt anders, wie man glaubt.

14 Tage vor der Österreich-Rundfahrt war ich in einen Massensturz verwickelt, dessen Verletzungen mich eine Woche nicht trainieren ließen und mich weit zurückwarfen. Die Österreich-Rundfahrt war für mich damit gestorben.

Die Luft war draußen, denn mein größtes Saisonziel hatte ich damit nicht erreicht. Aber noch war ich freigestellt von der Arbeit als Postbeamter und so versuchte ich mich erneut für die restliche Zeit zu motivieren und gut zu trainieren. Eine Eigenschaft, die mir heute, nach dem Hirnabszess, zugute kommt. Nicht aufgeben, niemals und unter keinen Umständen.

Altstadt-Kriterium Graz 1992

Zwei Tage nach der Tour de France fand das Altstadt-Kriterium statt. Die Profi-Stars waren Sean Kelly, Acasio da Silva, Harry Maier und dazu kam noch die heimische Elite.

Altstadt-Kriterium Graz,
Fluchtversuch mit Harry Maier
Fluchtversuch mit Harry Maier

Eine nasse Straße am Anfang war nicht einfach, kam mir aber entgegen. Schon bei den ersten Wertungen konnte ich punkten und ich hielt mich immer in den vordersten Positionen auf. Es gab ein gutes Gefühl, gegen Weltklassesprinter wie Sean Kelly fahren zu können.

Dazu war die Stimmung wie nirgendwo sonst in Österreich und die 30.000 Zuschauer waren Weltklasse. Riesiger Jubel begleitete uns rund um die Strecke und besonders die Kopfsteinpflasterpassage die Bürgergasse hoch, verursachte Gänsehaut.

Allerdings machte ich die Rechnung ohne den Wirt. Ich hatte am Ende sechs Punkte erreicht, was für einen Platz, unter den ersten zehn normalerweise locker gereicht hätte. Mein Name wurde aber nicht zur Siegerehrung aufgerufen. Ok, dachte ich, dann hat es eben nicht für die ersten zehn gereicht, war mein erster Gedanke. Mein Präsident des Radklubs und der sportliche Leiter hatten keinen Überblick und so fuhr ich am Abend nach Hause.

Am nächsten Tag schlug ich die Zeitung auf und sah, dass ich hinter Roland Königshofer, dem besten Amateur, den sechsten Rang belegt hätte, aber nicht aufschien. Der folgende Anruf beim Veranstalter brachte hervor, dass mich ein Rennkommissar mit einer Runde Rückstand führte, die ich aber nie hatte. Ich kann es mir nur so erklären, dass ich mit einem meiner Teamkollegen verwechselt wurde. Ich war bitter enttäuscht, denn wieder einmal wurde ich nicht belohnt.

Dass so ein Fehler beim Heimrennen, vor 30.000 Zusehern, möglich ist, war mir unverständlich. Ich verzichtete auf jeden Protest, es war sowieso schon zu spät. Betroffen entschloss ich mich, noch in derselben Woche einen Flug nach Australien zu buchen, um an der Australien Bike Challenge im September teilzunehmen, welche die erste West-Ost Durchquerung per Rad von Australien werden sollte. Es war mein Einstieg ins Abenteuerradrennen, von dem ich nicht mehr Los kommen sollte.

Mit Rudi Stangl in Australien
Mit Rudi Stangl in Australien

Gamechanger

Ich hängte zwar noch eine Straßensaison 1993 an, aber dieser Ausflug nach Australien sollte mein Leben verändern. Dort lernte ich den Amerikaner John Stamstad kennen, der mir von einer Reihe toller Rennen in den USA erzählte, darunter auch das Iditasport Race in Alaska. Dieses Rennen sollte mein Leben nachhaltig verändern.

Iditasport Bike in Alaska
Idita Bike in Alaska

Bei diesem Rennen war ich alleine verantwortlich, was das, was ich werde. Keine Betreuer oder Funktionäre, ich alleine hatte es in der Hand etwas zu werden oder eben auch nicht. Das zu managen, wurde meine neue Aufgabe, in deren Folge ich auch meinen Beamtenjob an den berühmten Nagel hängen sollte.

Iditasport Race in Alaska 1995

Dreimal die Crocodile Trophy, die Kenia Sport Safari und natürlich das Iditasport Race, dass ich 1997 exequo mit Harry Maier gewinnen konnte waren, waren die Folge.


Alle 📸 vom Altstadt-Kriterium in Graz ©Klaus Krasser


Gehen in der Natur, mein wichtigster Aspekt für die Genesung nach dem Hirnabszess!

Gehen in der Natur ist Leben, dazwischen steht Üben, Therapie und Training, das zwar auch dazugehört, ich aber nicht unbedingt zum Leben dazuzählen möchte. Ich muss dazusagen, dass ich jetzt im siebenten Jahr nach dem Hirnabszess stehe.

Die Therapie an der Propriozeption ist etwas, was ich nicht an einem Tag erlernen kann und bei mir sowieso einer ständigen Veränderungen unterworfen ist. Es geht darum hineinzuspüren, wie es mir aktuell geht und dann daran trainieren. Gewisse Dinge lassen sich allerdings auch nicht mehr herstellen, wie manches am Nervensystem.

Deshalb komme ich auch vom Reha-Gedanken nicht los. Seit Anfang an in der Reha, in der Physiotherapie, Ergotherapie oder im therapeutischen Tanzen, hat sich der Reha/Therapie-Gedanke festgesetzt und ist nach wie vor in mir präsent. Dranbleiben ist wichtig und dafür muss ich meine Motivation fürs Training und Üben hochhalten, auch wenn ich einmal nicht möchte. 

Gehen in der Natur, Propriozeption trainieren
Propriozeption trainieren

Gehen in der Natur

Zu Hause ist noch zu viel im Gedanken der Therapie, etwas verbessern zu wollen oder wenigstens behalten zu können. Das Leben tritt dabei in den Hintergrund. Leben und Therapie passen noch nicht zusammen, denn mein Leben ist von Therapie bestimmt.

Besonders die Corona-Pandemie mit ihren Maßnahmen hat mich sehr aufgehalten wieder ins Leben zu kommen. Daher war der Camino Frances eine willkommene Abwechslung zum täglichen Training zu Hause. Die täglich vielen Stunden Gehen in der Natur taten mir gut. Allerdings zeigte der Weg mir auch alles gnadenlos auf, was nicht passte.

Gehen in der Natur, am Camino
Schnee am Camino Frances

Seit dem Camino arbeite ich konzentriert an allem. Durch die vielen Einschränkungen in der Pandemie habe ich mich seit zwei Jahren immer mehr zum Gehen in die Natur zurückgezogen. Vieles schon gelernte, ist jetzt wieder neu zu erfahren. Doch dieses "neue" kann auch abschrecken, es kostet mir oft zu viel Energie. Dann heißt es ruhig bleiben und weitermachen, wie ich eben schon vor drei Jahren an mir arbeitete.

Oft bleibe ich dafür lieber im Wald, der mir Ruhe gibt, um wieder Energie fürs Weitermachen zu haben.

Gerade die Propriozeption litt unter Corona

Es sind so viele Bereiche zum Trainieren, dass ich nur langsam vorwärtskomme und die Propriozeption ist dabei eine der wichtigsten. Unterteilen kann ich sie in die Empfindungsnerven, in Nerven, welche die Muskeln steuern und Nerven, die die Organe steuern.

Jeder einzelne Bereich gehört trainiert und therapiert, um meine Wahrnehmung und die Bewegung zu verbessern. Beim Gehen merke ich es sofort, wie ich drauf bin. Höre ich auf an etwas zu trainieren oder gibt es eine zu lange Unterbrechung, bildet sich alles immer wieder schnell zurück.

Daher waren die Einschränkungen in der Pandemie wenig hilfreich, da ich nicht alles kompensieren konnte. Ich tat zwar, was ich konnte, aber in Summe war der Rückschritt zu groß. 

Gleichgewicht trainieren
Gleichgewicht trainieren

Aber nun zu den einzelnen Punkten der Propriozeption, wie es derzeit um mich steht:

Empfindungsnerven

Besonders die Hände fühlen sich pelzig an und das Gefühl ist mal besser oder schlechter. Besonders das Gefühl über die Stellung von Muskeln und Sehnen ging verloren. Durch die wenigen Informationen über die momentane Körperhaltung entsteht eine Gang-Unsicherheit. Nur durch die endlosen Wiederholungen im Gehen, besonders beim Pilgern, kann ich mittlerweile recht sicher gehen. Dranbleiben heißt aber das Zauberwort, denn es bildet sich immer recht schnell zurück und Unsicherheit ist dann die Folge. 

Enge Gehsteige neben einer befahrenen Straße erfordern dann noch mehr Aufmerksamkeit als sonst. Sicherheit gibt mir dann das entlang gleiten mit einem Finger am Zaun oder einer Mauer neben mir. Damit kann ich Entfernungen besser abschätzen und bleibe stabiler.

Bei der Temperatur muss ich noch besonders aufpassen. Das Wärme- und Kälte-Empfinden hat sich zwar gebessert, ist aber noch immer gestört. Ich kann oft nicht richtig abschätzen, wie starker Sonnenschein oder Kälte schnell zu Sonnenbrand oder Erfrierungen führen kann. Die Nerven senden falsche oder gar keine Reize an das Gehirn. Die Folge können ein Schweregefühl, ein Kältegefühl, Missempfindungen oder ein verändertes Schmerzgefühl sein.

Die Schwierigkeit ist es, das immer richtig einordnen zu können. Da hat mir das therapeutischen Tanzen beim Üben der Eigenwahrnehmung sehr geholfen. Damit lerne ich immer besser, alles Empfinden besser einzuordnen. Diese mittlerweile immer bessere Wahrnehmung meiner selbst, hilft mir über die fehlende Wahrnehmung im Außen hinweg.

An Brücken oder ausgesetzten Stellen muss ich nach wie vor aufpassen, es geht aber schon viel besser. Klettern in der waagrechte, einen Schritt hoch, geht schon, die Wand hoch funktioniert noch nicht. Schwindel halten mich noch davon ab.

Klettern, die Propriozeption trainieren

Motorische Nerven (Muskeln)

Notwendige Impulse werden nicht richtig oder gar nicht an Muskeln weitergeleitet. Das bekomme ich besonders beim Bergauf gehen zu spüren oder wo ich Kraft brauche. Außerdem spüre ich die Halbseitenlähmung wieder stärker, besonders am rechten Fuß. Besonderes Augenmerk lege ich deshalb darauf, beide Beine gleich zu belasten oder im Fitnessstudio das rechte zu trainieren.

Ich bekomme sonst immer wieder Kreuzschmerzen durch die ungleiche Belastung, besonders beim Tragen vom Rucksack. Wenn ich nicht darauf achte, kann es zu  schmerzhaften Überreaktionen kommen.

Daher ist auch sechs Jahre nach dem Hirnabszess noch Therapie notwendig, die ich aber größtenteils in Eigenregie durchführe, denn genug Übungen kenne ich von vergangenen Physiotherapien. Mein Tagesablauf ist geprägt von so vielen verschiedenen Dingen, auf die ich achten möchte und die notwendig sind. Mein Leben gleicht einem Spitzensportler, der auf so viele Sachen achten muss, um Leistung erbringen zu können.

Der Unterschied zu mir ist, ich möchte nur wieder leben oder überleben können. Deshalb bezeichne ich diese Zeit auch als "das längste Rennen, dass ich je gefahren bin".

24 Stunden am Tag sind dazu da, um besser zu werden. Mindestens 10 Stunden dauert die Nachtruhe, nur dann habe ich genug Energie für den Tag. Seit einem Monat verwende ich eine Uhr, die viele Parameter aufzeichnet. Es ist ein recht genaues Abbild meines Zustandes und zeigt mir, dass ich mit meinem Gefühl richtig liege. Ich werde demnächst einen eigenen Artikel darüber schreiben, was mir die Uhr sagt, zeigt und wie ich sie benutze.

Gehen in der Natur, mit Uhr

Das autonome Nervensystem (Organe)

Hier kann es zu unterschiedlichsten Folgen kommen, je nachdem, welches Organ betroffen ist. Meine Haut ist sehr trocken und außerdem sehr dünn. Das macht sich schnell in Verletzungen bemerkbar. Kleine Rempler erzeugen oft blaue Flecken.

Die Blendempfindlichkeit ist mal besser, mal schlechter und Sonnenbrille ist sowieso Pflicht bei mir, wegen der Gefahr von epileptischen Anfällen, die oft mit einem Hirnabszess einhergehen. Ich bin zwar lichtempfindlicher und habe Aura-Wahrnehmungen, aber keine der allgemein bekannten epileptischen Anfälle, wo man mit Zuckungen am Boden liegt.

Meinen schnellen Herzschlag, der nach dem Hirnabszess selbst in Ruhe über 80 betrug, konnte ich durch Ausdauertraining senken. Das dauerte aber dreieinhalb Jahre. Derzeit liegt mein Ruhepuls bei etwa 55. Als Radrennfahrer lag er bei etwa 38. Alleine das Aufstehen von einem Sessel brachte meinen Puls auf 130, der bis heute auf 100 gefallen ist. 

Gehen, Gehen, Gehen 

Das viele Gehen brachte mir also in allen Bereichen etwas. Wichtig ist das kontinuierliche Gehen bei mir und da waren meine Pilgerwege in Spanien und andere Fernwanderungen das Beste dafür. Natürlich spielen noch viele andere Aspekte eine Rolle, aber Gehen ist für mich die wichtigste Basis geworden. Zu Hause fühle ich mich im Wald am wohlsten.

Kein Jahr war bisher gleich und ich bin manchmal von mir selbst überrascht, wie ich meine Motivation seit so vielen Jahren hochhalten kann. Dieses Jahr ist allerdings erstmalig kein so leichtes für mich, denn es waren erstmals Rückschritte. Besonders mental muss ich es verkraften, dass mir die Pandemie doch mehr zu schaffen machte, als ich dachte.

Auf Kinderspielplätzen werde ich oft daran erinnert, wenn ich das Himmel-Hölle Spiel sehe, wo ich stehe. Im Moment ist das Leben wieder weiter fort gerückt, als es schon war. Wieder Leben zu lernen, ist mein vorrangiges Ziel geworden. Dafür arbeite ich an mir. Wieder einmal ins Kino gehen zu können oder am Abend genussvoll Essen gehen zu können, davon kann ich derzeit nur träumen.

Himmel und Hölle Spiel
Himmel und Hölle, wo stehe ich?

Ich bin mir noch nicht wirklich darüber klar geworden, welcher Weg dorthin führen kann. Zunächst heißt es aber einfach weitermachen, dort wo ich vor der Pandemie aufgehört habe.

"Man muss das Leben gut studieren, und jeden Tag von Neuem ausprobieren."

Da gilt besonders für mich.

Fließende Lebensenergie, hängt mit "innerlich frei sein" zusammen!

Die Lebensenergie muss fließen, damit man gesund sein kann. Seit dem Hirnabszess bin ich dran, diesen Fluss wieder herzustellen, der damals massiv unterbrochen wurde.

Meine Rehabilitation besteht noch immer aus zahlreichen Therapien, einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Natur ein. Hier kann ich meine Lebensenergie am besten spüren und wiederherstellen.

Lebensenergie in der Natur

Lebensenergie

Als Lebensenergie wird definiert, unter den vorgefundenen Lebensbedingungen zu gedeihen und zu überleben. Für mich heißt es, mit meinen Handicaps leben zu lernen, in der Umwelt, die mir zur Verfügung steht.

Der Hirnabszess und die Folgen davon, hatten Verspannungen im gesamten Körper zur Folge, unter denen die Lebensenergie nicht mehr frei durch mein System fließen konnte.

Eine grundlegende Frage dabei ist: Worauf richte ich meinen Focus in der Aufmerksamkeit?

Dieser Focus war früher auf Tun, etwas Leisten müssen und etwas zu Erreichen, gerichtet. Der Druck, die Familie zu ernähren, die Steuern und die Miete zu bezahlen, lässt einen oft die falsche Abbiegung nehmen und ehe man sich versieht, ist man im Hamsterrad.

Seit dem Hirnabszess ist mein Focus auf die Lebensenergie gerichtet, also auf Freiheit, Sein, Geschehen-Lassen, Liebe und Genießen. Das Nervensystem folgt der Aufmerksamkeit und der äußeren Ausrichtung. Deswegen sollte man sich immer darüber bewusst sein, wo liegt die Aufmerksamkeit.

Hirnabszess und Lebensenergie

Mit dem Hirnabszess habe ich mich an den Fast-Endpunkt meiner Lebensenergie begeben. Vor sechs Jahren stand ich praktisch bei fast Null. Allerdings war mein Lebenswille so groß, dass ich noch einmal die Kurve gekratzt habe. Mit jedem einzelnen Atemzug hole ich mir Lebensenergie zurück, bis heute.

Die Lebensenergie zurückzubekommen, kann auf verschiedene Art erfolgen. Meine liebste ist der Aufenthalt in der Natur, zwischen Bäumen, im Wald, auf Bergen oder an Flüssen. Deshalb gehe ich auch so oft Pilgern oder unternehme Fernwanderungen.

Daraus gehe ich jedes Mal gestärkt hervor, erhalte mehr Lebensenergie und kann mich physisch und psychisch stärken. Trotzdem sind die Fortschritte oftmals sehr klein und nicht sofort bemerkbar.

Den Kontakt zum Körper wieder herstellen, lerne ich sehr gut beim therapeutischen Tanzen. Dafür ist es wichtig, im Moment zu bleiben, die Anspannung spüren und sie auch benennen zu können. Das hilft mir sehr. Die Abwechslung zwischen Tun und Nichts-Tun gehört dabei dazu.

Die ersten drei Jahre war kaum ein Unterschied zu spüren, innerlich ging die Aktivität ständig weiter und hielt den Körper unter Anspannung. Erst seit dem Camino Norte 2019 und danach, mit dem Beginn des therapeutischen Tanzen, konnte ich mein System immer mehr beruhigen und diese ständige Anspannung lösen.

Lebensenergie am Camino Norte 2019
Camino Norte 2019

Innerlich frei sein

Innerlich frei sein, ist wohl unser aller Ziel. Schade ist nur, dass ich den Hirnabszess brauchte, um es zu erreichen. Denn dieses innerlich frei sein, hätte ich vorher auch haben können. Aber der Mensch bekommt so lange Lernaufgaben, bis er es lernt oder eben auch nicht.

Am besten ging es mir damit beim Walkabout durch Österreich, dort fühlte ich mich frei, wie noch nie zuvor. Es war ein jahrelanges Annähern, um diesen Zustand zu erreichen. Noch aber bin ich schwankend, gerade die Pandemie hat erneut alles gehörig durcheinander gewürfelt.

Am Walkabout gehen lernen, Lebensenergie pur

Die Natur hat einen großen Anteil in den letzten Monaten und über den Winter in meiner Rehabilitation gehabt, wo ich trotzdem erstmals seit Jahren Rückschläge hinnehmen musste. Diese Rückschläge entpuppen sich aber immer wieder als Fortschritt, wenn ich es auch nicht immer sofort erkennen kann.

Freiheit ist mir ein wichtiges Gut, wenn nicht das Höchste. Gerade die Pandemie brachte viel Unfreiheit, in der es wichtig wurde, im Inneren freizuwerden.

Am Camino France im April, wurde es mir wieder einmal mehr bewusst, wie sehr mir die Freiheit wichtig ist. Und es ist nicht die Freiheit im Außen gemeint, erst mit der Freiheit im Inneren kann die Lebensenergie richtig zirkulieren. Ein großer Schritt ist schon gemacht, aber ich habe noch viele Schritte vor mir. Schritt für Schritt, und wenn sie noch so klein sind, komme ich meinem Ziel wieder zu leben näher.

Die Lebensenergie finde ich immer wieder in der Natur und in den kleinen Dingen, die sie bietet. Ob Blumen, Pflanzen, Insekten oder Vögel, alles gibt mir Energie und Lebensfreude. Darauf kann ich aufbauen, diese Lebensenergie so oft wie möglich zu fühlen.

Hirn-Tumor-Welttag am 8.Juni

Heute ist Hirn-Tumor-Welttag. Er wird abgehalten, um darauf aufmerksam zu machen, dass diese Erkrankung oft nicht erkannt wird. Auch mein Hirnabszess hat schon über ein Jahr vorher begonnen, ohne dass ich was spürte.

Hirntumor Tag am 8.Juni

Von einem auf den anderen Tag brach es aus und streckte mich nieder. Die graue Schleife gilt als Symbol und wurde in Anlehnung an die rote Schleife (HIV) entwickelt. Ein Hirntumor hat keine typischen Warnzeichen und bleibt oft für lange Zeit unentdeckt. Vom Schicksal sind auch die Familie und das Umfeld massiv betroffen, denn es endet oft als Pflegefall. Das ist für viele eine enorme Belastung, nicht nur für den Betroffenen.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Hilfe meistens aus Selbsthilfe besteht und es in der Nachversorgung meistens kaum Unterstützung gibt. Man ist auf Eigeninitiative angewiesen. Auch bin ich noch oft auf die Hilfe anderer angewiesen, was durch die Pandemie sehr erschwert wurde.

Es zählt: #nevergiveup


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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