
2013 entdeckte ich im Trailrunning eine neue Leidenschaft. Nach vielen Jahren im Radrennsport und Extremradsport veränderte sich damit meine Art, mich in der Natur zu bewegen. Statt auf dem Rad große Distanzen zurückzulegen, war ich plötzlich zu Fuß auf schmalen Wegen, über Wurzeln und Steine und durch die Berge unterwegs.
Das Trailrunning verband vieles, was mir wichtig war: Ausdauer und körperliche Herausforderung, aber auch Natur, Freiheit und die unmittelbare Wahrnehmung der Landschaft. Jeder Anstieg, jeder Untergrund und jede Veränderung des Geländes waren direkt spürbar. Die Natur wurde dabei immer wichtiger und die reine sportliche Leistung trat zunehmend etwas in den Hintergrund.
2014 erreichte ich mit der Teilnahme am Eiger Ultra Trail einen besonderen sportlichen Höhepunkt. Noch kurze Zeit zuvor war ich kein Läufer gewesen. Aus dem Radfahrer war ein Trailrunner geworden, der sich an eine völlig neue Herausforderung herangewagt hatte.
Auch dieser Blog hat seine Wurzeln in dieser Zeit. Ursprünglich wollte ich hier über meine sportlichen Erlebnisse und insbesondere über den Eiger Ultra Trail schreiben. Doch bevor daraus wirklich etwas werden konnte, nahm mein Leben eine völlig andere Richtung.
Im März 2016 veränderte ein Hirnabszess mein Leben grundlegend. Von einem Tag auf den anderen ging es nicht mehr darum, wie schnell oder wie weit ich laufen konnte. Ich konnte überhaupt nicht mehr gehen.
Zunächst ging es nur ums Überleben. Danach begann die viel längere und schwierigere Frage: Was kommt nach dem Überleben?
Für mich bedeutete das zunächst, grundlegende Fähigkeiten wiederzuerlernen. Auch das Gehen. Ich habe es wieder gelernt – allerdings nicht so, wie ich früher gegangen bin. Die Automatik kam nicht vollständig zurück. Was früher unbewusst geschah, benötigt heute mehr Aufmerksamkeit und bewusste Steuerung. Gerade auf schwierigem Untergrund muss ich mich darauf konzentrieren, wie und wohin ich meine Schritte setze.
An Trailrunning war damit nicht mehr zu denken.
Meine sportliche Vergangenheit half mir in dieser Zeit dennoch enorm. Im Radrennsport, Extremradsport und später beim Trailrunning hatte ich gelernt, mit langen Belastungen umzugehen, regelmäßig zu trainieren und einem Ziel Zeit zu geben. Was früher der Vorbereitung auf einen Wettkampf diente, bekam plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Es ging nicht mehr um Sekunden, Kilometer oder Platzierungen.
Es ging darum, wieder auf die Beine zu kommen.

Ein Satz aus meiner Zeit als Sportler begleitet mich bis heute: „Grenzen existieren nur im Kopf.“
Damit meine ich nicht, dass es keine körperlichen oder neurologischen Grenzen gibt. Einige Dinge, die vor meinem Hirnabszess selbstverständlich waren, sind heute nicht mehr möglich. Manche Einschränkungen werden mich dauerhaft begleiten.
Aber ich möchte eine Grenze nicht schon dort ziehen, wo etwas zunächst unmöglich erscheint.
Als ich 2016 im Krankenhaus lag und nicht einmal gehen konnte, hätte wohl kaum jemand darauf gewettet, dass ich Jahre später wieder alleine über Wanderwege gehen, Länder zu Fuß durchqueren und monatelang mit einem Rucksack unterwegs sein würde.
Genau dabei hat mir die mentale Stärke aus dem Leistungssport geholfen. Nicht als Kampf gegen meinen Körper, sondern als Fähigkeit, dranzubleiben, Rückschläge auszuhalten und Entwicklungen Zeit zu geben.
Ich weiß heute, dass ich reale Grenzen habe. Aber ich weiß auch, wie falsch man damit liegen kann, wenn man zu früh entscheidet, wo diese Grenzen liegen.
Vielleicht bedeutet „Grenzen existieren nur im Kopf“ für mich heute sogar mehr als zu meiner Zeit als Leistungssportler.

2018 machte ich mich erstmals auf den Jakobsweg. Was zunächst ein weiterer Teil meiner Rehabilitation war, entwickelte sich zu etwas, das mein weiteres Leben stark prägen sollte.
Ich konnte nicht mehr über die Trails laufen, aber ich konnte wieder gehen.
Das Gehen gab mir etwas von jener Freiheit zurück, die ich früher beim Trailrunning erlebt hatte. Gleichzeitig passte es zu meinem veränderten Körper. Ich konnte mein eigenes Tempo bestimmen, Pausen machen und schwierige Bewegungen bewusster ausführen.
Der Jakobsweg wurde dabei weit mehr als körperliches Training. Unterwegs musste ich mich orientieren, Entscheidungen treffen, für mich selbst sorgen und mit meinen Einschränkungen umgehen. Vieles, was zuvor in Therapieräumen stattgefunden hatte, musste sich plötzlich im wirklichen Leben bewähren.
Es folgten weitere Caminos, 2021 mein rund 2.100 Kilometer langer Walkabout durch Österreich, 2023 JOGLE durch Großbritannien und schließlich der mehr als 3.000 Kilometer lange HexaTrek durch Frankreich, den ich in zwei Abschnitten absolvierte.
Aus dem ehemaligen Trailrunner wurde ein Weitwanderer.
Nicht weil meine Einschränkungen verschwunden wären. Sondern weil ich eine Form der Bewegung gefunden habe, die mit ihnen möglich ist.

Norbert Wastian vom Trailrunning-Szene-Magazin verwendete dafür einmal einen Begriff, der mir bis heute gefällt: Trailgehen.
Vielleicht beschreibt er tatsächlich ziemlich gut, was vom Trailrunning geblieben ist.
Ich laufe nicht mehr über die Trails. Aber vieles von dem, was mich damals daran faszinierte, finde ich heute beim Gehen wieder: draußen zu sein, einen Berg aus eigener Kraft zu erreichen, unterschiedliche Untergründe unter den Füßen zu spüren und mich Schritt für Schritt durch eine Landschaft zu bewegen.
Der entscheidende Unterschied ist, dass diese Schritte heute nicht mehr selbstverständlich sind. Besonders auf schwierigem Gelände brauche ich viel Konzentration. Wo Bewegungen früher automatisch abliefen, muss ich heute stärker darauf achten, wie ich meinen Fuß setze, mein Gewicht verlagere und den nächsten Schritt ausführe.
Trailgehen ist für mich deshalb nicht einfach langsames Trailrunning.
Es ist meine heutige Art, mich auf diesen Wegen zu bewegen.
Und vielleicht liegt gerade darin die Verbindung zwischen meinem früheren und meinem heutigen Leben. Die Geschwindigkeit ist verschwunden, vieles ist schwieriger geworden – aber die Freude daran, draußen unterwegs zu sein, ist geblieben.

Lange Zeit war der Gedanke da, vielleicht irgendwann wieder laufen zu können. Ob das jemals möglich sein wird, weiß ich nicht.
Heute ist diese Frage für mich nicht mehr so entscheidend wie früher.
Das Trailrunning war ein wichtiger Teil meines Lebens und hat mich geprägt. Ich muss aber nicht dorthin zurück, um das wiederzufinden, was mir daran wichtig war.
Ich habe etwas anderes gefunden.
Beim Weitwandern kann ich Natur, Bewegung und Freiheit weiterhin erleben – unter den Bedingungen, die mein Körper heute vorgibt. Gleichzeitig ist das Gehen für mich zu einer wichtigen Form der Regulation geworden. In der Natur und in der gleichmäßigen Bewegung funktioniert vieles besser als in einem Alltag voller unterschiedlicher Reize.
Aus dem Trailrunning wurde das Trailgehen. Aus Wettkämpfen wurden lange Wege. Und aus der Frage, ob ich jemals wieder der Sportler von früher werde, entstand mit der Zeit eine andere:
Was ist mit dem, was geblieben ist, noch möglich?
Darauf finde ich bis heute immer wieder neue Antworten.
Zum Trailrunning bin ich nicht zurückgekehrt. Zu den Trails schon.