Im März 2016 änderte sich mein Leben schlagartig. Die Diagnose „Hirnabszess“ kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr so, wie es vorher gewesen war.

Der Abszess lag im Thalamus, tief im Inneren meines Gehirns. Plötzlich konnte ich nicht mehr gehen, meine rechte Körperseite war stark beeinträchtigt und meine Bewegungen waren ungelenk. Auch mein Denken und meine Wahrnehmung hatten sich verändert. Es fühlte sich an, als wäre mein Kopf in Watte gepackt.
Zunächst ging es ums Überleben.

Doch irgendwann stellte sich eine andere Frage, die mich bis heute begleitet:
Was kommt nach dem Überleben?
Ich überlebte den Hirnabszess. Vieles habe ich mir in den Jahren danach wieder erarbeitet. Gesund geworden bin ich jedoch nicht.
Vor meinem Hirnabszess musste ich über Bewegung nicht nachdenken. Ich lief, fuhr Rad und bewegte mich ganz selbstverständlich. Mein Körper wusste, was er tun musste.
Nach dem Hirnabszess musste ich das Gehen neu lernen.
Ich habe es wieder gelernt – allerdings nicht so, wie ich früher gegangen bin. Die Automatik ist nicht vollständig zurückgekommen. Was früher unbewusst geschah, braucht heute mehr Aufmerksamkeit und bewusste Steuerung.
Dazu kommt eine Störung der Propriozeption – jenes Körpergefühls, durch das wir normalerweise wissen, wo sich Arme, Beine oder Füße befinden, ohne darüber nachdenken zu müssen.
Auf einer einfachen, ebenen Strecke kann ich mittlerweile gehen und mich gleichzeitig unterhalten. Wird der Untergrund schwieriger, geht es steil bergauf oder bergab oder wird ein Weg schmal und technisch, brauche ich wesentlich mehr Konzentration für meine Bewegung.
Dann muss ich stärker darauf achten, wo ich meinen Fuß hinsetze, wie ich mein Gewicht verlagere und wie ich den nächsten Schritt ausführe.
Ich kann wieder gehen. Aber Gehen ist für mich nicht wieder selbstverständlich geworden.

Besonders betroffen ist meine rechte Körperseite. Durch die Hemiparese ist meine rechte Hand stark eingeschränkt. Vor allem die Feinmotorik fehlt.
Dinge, die für andere selbstverständlich sind, können dadurch schwierig werden: einen Knopf schließen, einen Reißverschluss bedienen, etwas sicher greifen oder einen Stift längere Zeit halten. Auch Schreiben mit der Hand fällt mir schwer.
Hinzu kommen Muskelschwäche, Probleme mit der Körperwahrnehmung und weitere neurologische Einschränkungen.
Auch mein Denken hat sich verändert. Besonders mein Kurzzeitgedächtnis macht mir Schwierigkeiten. Informationen bleiben nicht immer zuverlässig hängen, Gedanken können abbrechen und mehrere Dinge gleichzeitig zu verarbeiten fällt mir schwerer als früher.
Die Langsamkeit ist zu einem Teil meines Lebens geworden.
Vieles habe ich verbessert. Für manches habe ich Strategien gefunden. Anderes ist geblieben.
Von außen sieht man mir vieles davon nicht an.
Und genau darin liegt eine Schwierigkeit.
Menschen sehen mich gehen. Sie sehen Bilder von Wanderwegen und Bergen. Sie sehen, dass ich alleine unterwegs bin und über die Jahre Zehntausende Kilometer zu Fuß zurückgelegt habe.
Damit liegt eine Schlussfolgerung nahe:
Dann muss er doch wieder gesund sein.
Doch so einfach ist es nicht.
Leistungsfähigkeit in einem bestimmten Bereich sagt wenig darüber aus, wie ein Mensch in anderen Bereichen funktioniert. Dass ich sehr weit gehen kann, bedeutet nicht, dass meine neurologischen Einschränkungen verschwunden sind.
Meine vielen Kilometer haben mich sicherer gemacht. Ich habe meinen Körper besser kennengelernt und unzählige Strategien entwickelt.
Die verlorene Automatik ist dadurch aber nicht vollständig zurückgekommen.
Mein Gehirn gleicht manchmal einem Dirigenten, der ein Orchester leitet, das nicht immer im Takt spielt. Bewegungen müssen geplant, abgestimmt und ausgeführt werden. Diese dauernde Koordination kostet Kraft, auch wenn man es mir von außen nicht ansieht.
Zu den schwer verständlichen Folgen meiner Hirnschädigung gehört ein scheinbarer Widerspruch:
Ich kann viele Stunden durch die Berge gehen – und gleichzeitig können Situationen des normalen Alltags wesentlich schwieriger für mich sein.
In den Bergen reduziert sich meine Welt. Vor mir liegt ein Weg. Ich gehe. Ein Schritt folgt dem nächsten. Ich kann mein eigenes Tempo bestimmen und die Umgebung verändert sich meist langsam.
In einer Stadt ist das anders.
Menschen, Verkehr, Straßenbahnen, Geräusche, Kreuzungen und ständig wechselnde visuelle Eindrücke treffen gleichzeitig auf mich. Auch meine visuelle Wahrnehmung und das schnelle Umschalten des Blicks sind beeinträchtigt. Mein Gehirn muss in solchen Situationen sehr viele Informationen gleichzeitig verarbeiten.
Deshalb kann ein Supermarkt, eine Straßenbahnfahrt oder ein Nachmittag in einer belebten Stadt für mich enorm anstrengend sein.
Ein langer Tag in den Bergen kann für mich manchmal einfacher sein als einige Stunden in der Stadt.
Die Berge sind deshalb nicht leicht. Gerade schwierige Wege fordern meine volle Konzentration. Aber die Art der Belastung ist eine andere.
In der Natur finde ich Bedingungen, unter denen mein Körper und mein Nervensystem besser funktionieren.
2018 machte ich mich erstmals auf den Jakobsweg.
Bis dahin war mein Leben stark von Therapie und Rehabilitation geprägt. Der Camino wurde für mich zu einer anderen Form davon: Rehabilitation unter realen Bedingungen.
Ich musste mich orientieren, Entscheidungen treffen, meinen Körper einschätzen, für mich selbst sorgen und mit Schwierigkeiten umgehen. Vor allem war ich wieder draußen und mitten im Leben.
Aus diesem ersten Camino entstanden weitere lange Wege. Später folgten unter anderem mein Walkabout durch Österreich, JOGLE durch Großbritannien und der HexaTrek durch Frankreich.
Das Gehen wurde dabei zu meiner wichtigsten Form der Regulation.

Die gleichmäßige Bewegung hilft meinem Körper. Die Natur reduziert viele jener Reize, die mich im Alltag belasten. Gleichzeitig gibt mir das Gehen eine klare Struktur.
Der nächste Schritt ist das, was zählt.
Meine Wanderungen sind deshalb kein Beweis dafür, dass ich meine Behinderung überwunden habe.
Sie sind eine Möglichkeit, mit ihr zu leben.
Aus meiner Zeit als Leistungssportler begleitet mich ein Satz bis heute:
„Grenzen existieren nur im Kopf.“
Für mich bedeutet das nicht, dass es keine körperlichen oder neurologischen Grenzen gibt. Die gibt es. Manche Dinge, die vor meinem Hirnabszess möglich waren, werden vielleicht nie wieder möglich sein.
Aber ich möchte eine Grenze nicht schon dort ziehen, wo etwas im Moment unvorstellbar erscheint.
Als ich 2016 im Krankenhaus lag und nicht einmal gehen konnte, hätte wohl kaum jemand darauf gewettet, dass ich Jahre später alleine Länder zu Fuß durchqueren und monatelang mit einem Rucksack unterwegs sein würde.
Ich weiß heute, dass ich Einschränkungen habe.
Aber ich weiß auch, wie falsch man damit liegen kann, wenn man zu früh entscheidet, wo die Grenze des Möglichen liegt.

Lange Zeit bestand Rehabilitation für mich vor allem darin, verlorene Fähigkeiten zurückzubekommen.
Gehen. Wahrnehmung. Kraft. Beweglichkeit. Koordination.
Vieles wurde besser. Manche Fähigkeiten kamen teilweise zurück, für andere habe ich neue Strategien gefunden.
Irgendwann musste ich jedoch erkennen, dass nicht alles wieder so werden würde wie vor 2016.
Diese Erkenntnis hat meinen Blick verändert.
Wenn das einzige Ziel darin besteht, wieder der Mensch von früher zu werden, bleibt das eigene Leben ständig ein Vergleich mit etwas, das vielleicht nicht mehr erreichbar ist.
Heute möchte ich nicht mehr unbedingt zurück.
Ich möchte herausfinden, was mit dem, was geblieben ist, möglich ist.
Bewegung und Rehabilitation sind für mich nicht abgeschlossen. Mein Körper braucht regelmäßige Aktivität, damit ich möglichst viel von dem erhalten kann, was ich mir über Jahre erarbeitet habe.
Heute verstehe ich unter Rehabilitation aber mehr als Training.
Es bedeutet auch, meine eigenen Regulationsmechanismen zu kennen. Zu erkennen, wann mein Nervensystem überfordert ist. Pausen zuzulassen. Natur zu suchen. Verpflichtungen zu dosieren und Bedingungen zu schaffen, unter denen ich möglichst gut funktionieren kann.
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Veränderungen der vergangenen Jahre:
Es geht nicht mehr nur darum, mehr zu können.
Es geht auch darum, besser zu verstehen, was ich brauche.
Mein Hirnabszess liegt inzwischen viele Jahre zurück. Seine Folgen gehören weiterhin zu meinem Alltag.
Ich habe das Gehen wieder gelernt, aber anders als früher. Meine rechte Hand bleibt eingeschränkt. Meine Wahrnehmung und mein Denken haben sich verändert. Vieles kostet mehr Aufmerksamkeit und Kraft.
Gleichzeitig ist sehr viel möglich geworden, das unmittelbar nach dem Hirnabszess unvorstellbar gewesen wäre.
Beides ist wahr.
Meine Geschichte handelt deshalb nicht davon, eine Krankheit besiegt zu haben und wieder gesund geworden zu sein.
Sie handelt davon, nach dem Überleben ein anderes Leben zu finden.
Lange Zeit wollte ich möglichst viel von meinem alten Leben zurückbekommen. Heute geht es mir mehr darum, Möglichkeiten zu erhalten und neue zu entdecken.
Vielleicht beschreibt genau das auch „Von 0 auf 101“ heute besser als früher.
Die Null war der Moment, in dem vieles nicht mehr möglich war.
Die 101 bedeutet nicht, alles zurückbekommen zu haben.
Sie bedeutet für mich, herauszufinden, was mit dem, was geblieben ist, noch möglich sein kann.
Heil werden heißt für mich nicht, wieder gesund zu werden.