Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Pilgern und Weitwandern – ich liebe es, mich auf lange Wege zu begeben, mich von der Natur umarmen zu lassen und den Rhythmus des Gehens zu spüren. Dort lerne ich seit meinem Hirnabszess die Kunst des Lebens, die ich im Alltag brauche.
Diese Reisen haben mir so viel gegeben: Klarheit, Freiheit und die Möglichkeit, tief in mich hineinzuhören. Doch je mehr ich pilgere, desto mehr wurde mir eines bewusst: Die größte Herausforderung meines Lebens liegt nicht auf den Wegen da draußen, sondern in meinem Alltag zu Hause. Für die "Kunst des Lebens" bildet das Pilgern und Weitwandern die Grundlage dafür.

Wenn ich mich auf einen Weitwanderweg begebe, habe ich ein Ziel vor Augen. Es gibt Etappen, eine Route, eine Struktur. Doch zurück im Alltag scheint vieles weniger klar. Kein ausgeschilderter Weg, keine festgelegten Kilometer, die ich gehen muss.
Der Alltag fühlt sich manchmal an wie ein Labyrinth ohne Karte. Hier finde ich die wahre Herausforderung: In den täglichen Anforderungen zu Hause ist es nur allzu leicht, die Verbindung zu mir selbst zu verlieren.
Das Pilgern hat mir Werkzeuge in die Hand gegeben, die mir helfen, auch den Alltag zu meistern. Auf den Wegen habe ich alles gelernt, was ich fürs Leben brauche. Es geht nicht darum, große Strecken zurückzulegen, sondern Schritt für Schritt voranzukommen, egal wie weit ich gehen möchte. Diese Haltung versuche ich in meinen Alltag mitzunehmen. Jeder Augenblick zählt, und jede kleine Aufgabe ist ein Schritt.
Doch der Alltag verlangt mehr von mir. Er fordert Geduld, Selbstdisziplin und die Fähigkeit, mich immer wieder selbst zu motivieren, auch wenn die Aufgaben manchmal weniger inspirierend erscheinen als die Aussicht auf einen Gipfel oder die Schönheit der Natur. Auch zu Hause ist es allerdings wichtig, mit Freude jeder Tätigkeit nachzugehen.

Nach meinem Hirnabszess vor neun Jahren habe ich nicht nur das Gehen wieder erlernen müssen – ich bin noch immer dabei, das Leben selbst neu zu lernen. Und genau das ist es, was den Alltag so herausfordernd macht: Er ist nicht selbstverständlich. Jede noch so kleine Aufgabe, sei es ein Gespräch, das Planen eines Tages oder das Bewältigen von scheinbar banalen Dingen, kann für mich ein Abenteuer sein.
Der Thalamus Abszess hat mir alle Filter im Gehirn genommen. Diese Hochsensibilität ist nur schwer zu händeln und zu verbessern, dass habe ich nach 9 Jahren einsehen müssen. Es ist nicht getan daran, mich einfach nur Schritt für Schritt daran wieder zu gewöhnen.
Und genau das macht es auch lohnend. Denn jeder gemeisterte Tag ist ein Erfolg. Jeder Moment, den ich bewusst erlebe, ist ein Schritt hin zu mehr Erfüllung. Mein Gehirn lässt vieles nicht zu, was ich gerne machen würde. Zu leicht verliere ich dann die Verbindung zu mir selbst, weil ich zu viel von dem möchte, was nicht funktioniert. Ich freue mich im Gegenzug über alles, was geht.

Pilgern und Alltag – sie könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch gehören sie zusammen. Auf den Wegen tanke ich auf, finde Kraft und Inspiration. Zu Hause wird diese Kraft auf die Probe gestellt. Es ist ein ständiges Wechselspiel, ein Tanz zwischen der Ruhe der Wege und der Unruhe des Alltags.
Für mich liegt die Kunst darin, beide miteinander zu verbinden: Die Gelassenheit, die ich auf meinen Wanderungen finde, in den Alltag mitzunehmen. Und die Stärke, die ich im Alltag gewinne, auf den Wegen einzusetzen.

Vielleicht ist der Alltag tatsächlich mein größtes Abenteuer. Er ist unberechenbar, fordert mich jeden Tag aufs Neue heraus und gibt mir immer wieder die Möglichkeit über mich hinauszuwachsen. Anders als wie auf einem Weitwanderweg gibt es keine klare Karte, keinen fertigen Plan, dem ich folgen kann. Der Alltag verlangt, dass ich flexibel bin, dass ich im Moment lebe und mich den Gegebenheiten anpasse. Das habe ich auf den Weitwanderwegen Europas und beim Pilgern gelernt.
Und vielleicht liegt genau darin der Reiz: die Kunst, das Besondere im scheinbar Gewöhnlichen zu entdecken. Es sind keine spektakulären Gipfel oder weiten Ausblicke, die mir im Alltag begegnen – es sind die kleinen, unscheinbaren Momente, die oft viel tiefer wirken, ich muss es nur zulassen. Ein Lächeln, ein Gespräch, ein Augenblick der Ruhe zwischen den Aufgaben – all das sind kleine Perlen, die der Alltag bereithält, wenn ich bereit bin, sie zu sehen, was nicht immer gelingt.
Es erfordert ein anderes Maß an Achtsamkeit, diese Momente wahrzunehmen. Wo der Weitwanderweg mich mit seiner Schönheit fast überwältigt, muss ich im Alltag genauer hinschauen, feiner spüren.
Aber gerade das macht es zu einem so besonderen Abenteuer. Es ist eine Übung darin, jeden Tag aufs Neue Sinn zu finden, in dem, was ich tue. Die Schönheit in den einfachsten Dingen zu entdecken – in der Tasse Kaffee am Morgen, in der Struktur des Tages oder in der Zufriedenheit, eine Aufgabe bewältigt zu haben. Oft macht es aber auch Sinn, den ganzen Tag einfach dazuliegen. Das darf ich mir zugestehen.
Seit Wochen therapiere ich mich zu Hause, mit all den Dingen, die mir zur Verfügung stehen. Nach einer Zeit das Leben zu finden, steht wieder einmal die Therapie im Vordergrund. Magnetfeldtherapie, Dehnen und Kraftübungen, auf die Ernährung schauen, mit Unterstützung von Nahrungsergänzungen, Tanztherapie und manch so anderem, ist es oft nicht leicht für mein Gehirn, alles im Überblick zu behalten und in allem, was ich mache, Sinn zu finden.
Vielleicht ist es aber genau das, was den Alltag zu einem Abenteuer macht: Er ist wie eine verborgene Schatzkarte, die ich erst entziffern muss. Und wenn ich das tue, erkenne ich, dass die wahre Magie nicht immer in der Ferne liegt, sondern genau hier – in den kleinen Augenblicken meines täglichen Lebens.
Die Diskrepanz zwischen dem Weitwandern oder Pilgern und der notwendigen Therapie ist für mich manchmal wie der Unterschied zwischen Freiheit und Disziplin – zwei scheinbar gegensätzlicher Pole, die doch beide Teil meines Lebens sind.
Beim Weitwandern oder Pilgern erlebe ich eine Leichtigkeit, die mich tief erfüllt. Ich bin in Bewegung, draußen in der Natur, frei von den Zwängen des Alltags. Der Weg gibt mir Struktur, aber auch Raum für Selbstbestimmung. Jeder Schritt ist ein Stück Selbstentfaltung, eine Verbindung zu mir selbst und zur Welt um mich herum. Es ist eine Form des Seins, die von Klarheit und Einfachheit geprägt ist.
Die notwendige Therapie hingegen hat eine ganz andere Dynamik. Sie ist oft von Routine bestimmt und erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Hier geht es nicht um Weite, sondern um Detailarbeit – darum, gezielt an mir zu arbeiten, an meinen Fähigkeiten, an meiner Stärke. Während ich auf dem Pilgerweg vor allem nach innen horchen kann, fordert die Therapie meine aktive Mitgestaltung: Ich muss bewusst üben, reflektieren und Schritt für Schritt an meinen Fortschritten arbeiten.

Diese beiden Welten fühlen sich manchmal wie Gegensätze an. Das Pilgern ist befreiend, fast mühelos, obwohl es körperlich anstrengend sein kann. Die Therapie hingegen kann ermüdend sein, gerade weil sie so zielgerichtet und präzise ist. Auf dem Weg verliere ich mich in der Weite, in der Therapie fokussiere ich mich auf die kleinsten Fortschritte.
Doch genau in dieser Diskrepanz liegt auch eine Verbindung. Beide Welten haben mir gezeigt, dass Fortschritt nur durch Bewegung möglich ist – sei es die physische Bewegung auf einem Wanderweg oder die innere Bewegung, die durch Therapie entsteht.

Auch wenn die Therapie oft herausfordernder ist als das Weitwandern, weiß ich, dass sie mir die Grundlage gibt, um überhaupt pilgern und wandern zu können. Sie ist das Fundament, das mich auf meinen Wegen trägt. Und umgekehrt gibt mir das Pilgern die Kraft, die Therapie anzunehmen und weiterzumachen, auch wenn die Fortschritte manchmal nur langsam sichtbar werden.
Am Ende ergänzen sich diese beiden Welten – so unterschiedlich sie auch scheinen. Beide fordern Geduld, Hingabe und die Bereitschaft, jeden Tag aufs Neue einen Schritt zu gehen. Und beide zeigen mir auf ihre Weise, was es bedeutet, das Leben als eine Reise zu begreifen – mit all seinen Höhen, Tiefen und der Freude, Schritt für Schritt weiterzukommen.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Vor neun Jahren änderte sich mein Leben schlagartig. Ein Hirnabszess, eine Krankheit, die ich mir nie hätte vorstellen können, zog mir den Boden unter den Füßen weg, von einem Tag auf den anderen. Doch was wie das Ende wirkte, war in Wirklichkeit der Beginn einer Reise – einer Reise, die mich durch tiefe Täler, über weite Wanderwege und zu mir selbst führte.
Heute, 9 Jahre später, möchte ich eine Zusammenfassung meiner Geschichte mit euch teilen. Nicht, um Mitleid zu erregen, sondern um zu zeigen, wie man selbst in der Dunkelheit Licht finden kann. Und wie das Weitwandern und Pilgern mich gerettet hat.

Ein Hirnabszess – das klingt wie ein medizinischer Albtraum, und das war es auch. Die Schmerzen, die Unsicherheit, die Operation. Mein Körper und mein Geist wurden auf eine Art geprüft, die ich nie für möglich gehalten hätte. Nach Monaten im Krankenhaus und einer langen Reha fühlte ich mich verloren, ich wusste nicht, wer oder was ich bin.

Überlebt zu haben war das Eine, aber den Sinn darin zu finden, überlebt zu haben, den musste ich erst finden. Die Erfahrung hat meine Augen geöffnet. Ich habe gelernt, dass ein Leben mit Behinderung nicht nur von Einschränkungen geprägt ist, sondern auch von großer Stärke und Lebensfreude.
Eines Tages begann ich, mich zu fragen: Was, wenn dieser Kampf nicht das Ende ist, sondern ein neuer Anfang?
Ich begann klein, so klein wie es kaum jemand glauben kann: Nach drei Monaten im Krankenhaus konnte ich erstmals die etwa zehn Schritte zur Tür meines Krankenzimmers zurücklegen, wo ich ohnmächtig zusammengebrochen bin. Am Boden kriechend gelangte ich im Anschluss daran zurück zum Bett, an dem ich mich hochzog und mich hineinplumpsen ließ.
Viele Monate später, eigentlich über ein Jahr später, wurde es ein Spaziergang hier, eine kurze Wanderung dort. Bald wurde das Gehen zu mehr als nur die Bewegung zu lernen – es wurde meine Therapie – Gehen als Therapie. Mit jedem Schritt eroberte ich mir, Stück für Stück, meine Selbstständigkeit zurück, allerdings eine andere wie früher.
Dann kam der Moment, der alles veränderte: Ich las von Menschen, die auf Weitwanderungen ihre Leben transformiert hatten. Der Pacific Crest Trail, der Jakobsweg – das schien wie eine Welt, die mir nie mehr zugänglich war. Doch etwas in mir flüsterte: Warum nicht du?
Zweieinhalb Jahre nach meiner Diagnose stand ich am Start des Jakobswegs. Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, aber ich wusste, dass ich es versuchen musste.
Die ersten Tage und Wochen waren hart. Mein Körper war nicht so stark wie früher, und die Narben, physisch und mental, schmerzten. Doch dann passierte etwas Magisches: Die Begegnungen mit anderen Pilgern, die Stille der Landschaft, das Gefühl, nur mit einem Rucksack und meinen Gedanken unterwegs zu sein – all das begann mich auf eine Weise zu heilen, die ich nicht erklären kann.

Ich lernte, loszulassen. Alte Ängste, alte Vorstellungen davon, wer ich war oder sein sollte. Der Weg zeigte mir, dass es in Ordnung ist, unvollkommen zu sein – solange ich weitergehe. Seit 2016 bin ich rund 50.000 Kilometer zu Fuß gegangen, darunter zahlreiche Pilger- und Weitwanderwege. Die Automatik habe ich weiterhin verloren, aber damit das Leben von einer anderen Seite kennengelernt.
Die Rehabilitation nach meinem Hirnabszess war und ist ein langer Weg, den ich Schritt für Schritt, Wanderung für Wanderung, mehr oder weniger gemeistert habe. Ob auf dem Camino Frances, den ich achtmal besuchte, beim JOGLE in England, dem Walkabout durch Österreich oder dem Hexatrek in Frankreich – jede Tour war ein Meilenstein meiner Genesung. Jeder Weg bot mir die Möglichkeit, Körper und Geist auf eine neue Art herauszufordern und zu stärken.

Heute, 9 Jahre nach dem Hirnabszess, bin ich nicht mehr dieselbe Person wie damals – und eigentlich doch noch. Ich bin allerdings stärker, freier und dankbarer. Das Weitwandern und Pilgern haben mir gezeigt, dass das Leben kein Sprint ist, sondern ein langer und schöner Weg sein kann. Überlebt zu haben, ergibt Sinn!
Natürlich gibt es Rückschläge. Narben, die schmerzen. Momente der Zweifel. Aber dann erinnere ich mich an die Lektion, die mir der Jakobsweg lehrte: Der Weg ist das Ziel. Und auf diesem Weg lerne ich zu mir selbst zu kommen.

Wenn du selbst vor einer Herausforderung stehst, die unüberwindbar erscheint, möchte ich dir sagen: Es gibt einen Weg. Vielleicht beginnt er mit einem kleinen Schritt vor die Tür, vielleicht mit einer großen Entscheidung. Aber er beginnt – wenn du bereit bist.

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder träumst du davon, eines Tages deinen eigenen Weg zu gehen, sei es auf einem Pilgerpfad oder im Alltag? Das Geheimnis ist es ANZUFANGEN, egal wo du stehst!
Früher habe ich oft gedacht: 'Ich kann nicht, weil…'. Heute weiß ich, dass das nur eine Ausrede war. Der Hirnabszess hat mir gezeigt, dass ich stärker bin, als ich dachte. Und dir? Dir kann auch nichts im Weg stehen, glaub an DICH!
ANFANGEN und NEVER GIVE UP!!!
Lass uns gemeinsam die Welt ein Stückchen heller machen!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Ja, ich war wieder unterwegs. Nach meinem zehnten Camino und inzwischen neun Jahren Rehabilitation nach meinem Hirnabszess ist es an der Zeit, Rückschau zu halten und ein (Zwischen-) Resümee zu ziehen.
Diesmal begleitete mich kein Social Media, und auch das Telefon kam nur selten zum Einsatz. Dieser Weg war ganz für mich allein – ein Moment, um nachzudenken und Bilanz zu ziehen, um zu erkennen, wo ich heute stehe.

Vor neun Jahren stand mein Leben still. Der Hirnabszess kam unerwartet und zog mir den Boden unter den Füßen weg. Monatelang fast nur liegend im Krankenhaus, eine Operation und eine langwierige Rehabilitation prägten mein Leben seither.
Die einfachsten Dinge – sprechen, gehen, denken – waren plötzlich eine Herausforderung und wollten neu gelernt werden. Es dauerte Monate, bis ich wieder ein Messer beim Essen verwenden konnte. Noch heute ist es mir unangenehm mit mehreren Menschen am Tisch zu essen, denn ich brauche die volle Konzentration für die Beherrschung des Besteck.
Der Gedanke an den Camino, gab mir Hoffnung. Nur drei Monate vor der Krankheit, wollte ich eine Dokumentation darüber drehen. Der Camino war so stark in mir und wurde danach zu einem Ziel: Einem Symbol für Stärke, Heilung und Leben.

Das ist eine schwierige Frage, denn es ist eigentlich leichter zu beschreiben, was noch nicht geht, als was funktioniert. Heilung bedeutet nicht, dass alles wie vorher sein muss. Die Definition laut Wikipedia lautet:
"Heilung ist der Prozess der Wiederherstellung der körperlichen und seelischen Integrität."
Für Außenstehende mag mein Zustand gar nicht so schlecht aussehen, was im Vergleich zur Krankheit auch tatsächlich stimmt. Dennoch gibt es noch so vieles, das nicht funktioniert. All das in Worte zu fassen, fällt mir nach wie vor schwer und ist auch nicht sichtbar.
Immerhin kann ich gehen – und das ist mittlerweile mein zehnter Camino in sieben Jahren. Aber was dieses „Gehen können“ wirklich bedeutet, ist für viele kaum nachzuvollziehen und oft auch widersprüchlich zu dem, was man sieht. Ich habe viel erreicht, aber das Verhältnis zur Zeitdauer, die ich dafür gebraucht habe, lässt sich nicht mit vor dem Hirnabszess vergleichen.
Einfachste Dinge können sich unglaublich schwer anfühlen, weil mein Gehirn mit so vielen anderen Prozessen überfordert ist. Würde ich den ganzen Tag nur im Bett liegen, ohne mich zu bewegen, könnte mein Gehirn – besser gesagt, mein Denken – wahrscheinlich besser funktionieren. Aber mein Gesundheitszustand wäre dann ein völlig anderer.
Deshalb bleibe ich in Bewegung, so lange ich kann, auch wenn das bedeutet, dass mein Denken oft eingeschränkt ist. Ich möchte es nicht riskieren, es auszuprobieren, denn selbstbestimmt und auf eigenen Beinen aufs Klo zu gelangen, steht über allem. Es bekommt erst eine Wichtigkeit, wenn man es nicht mehr kann.
Außerdem ist mein Kurzzeitgedächtnis verloren, und auch nach all den Jahren Training hat sich das kaum verbessert. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Wie andere damit und mit mir umgehen, kann ich nicht beeinflussen, und ich kann es auch nicht jedem erklären.
Bewegungen müssen nach wie vor sehr bewusst ausgeführt werden. Mein Gehirn ist so damit beschäftigt, dass für anderes nur wenig Platz bleibt. Single Tasking statt Multi Tasking. Mein Buch zu schreiben ist ein gutes Beispiel. Ich schreibe oft, komme aber nur langsam voran, weil mir der Überblick fehlt. Mein Gehirn ist kaum in der Lage, zusammenhängend zu denken.
Das macht alles nicht leichter, besonders wenn es um frühere Erlebnisse geht. Deshalb gehe ich am liebsten und lebe im Hier und Jetzt. Es fühlt sich oft noch an wie im Krankenhaus, als ich nur auf direkte Fragen an mich antworten konnte. Vergangenheit und Zukunft spielen keine Rolle.

Die Vorbereitung auf diesen 10. Camino war nicht viel anders als bei den vorherigen. Die Entscheidung dazu viel erst kurz davor. Da ich im Sommer am HexaTrek in Frankreich unterwegs war, wollte ich meine dort neu gewonnene Stärke überprüfen.
Ich konnte damals zwar nichts an der Muskelschwäche ändern, aber ein großer Erfolg war es, dass mir danach der Puls bei Anstiegen und Stufen steigen nicht mehr so hoch schnellte. Das wollte ich unter anderem am Camino überprüfen, da ich die Wege und mein Befinden dort kenne.
In den letzten Jahren hatte ich zu lernen, dass mein Körper nicht mehr derselbe ist. Er funktioniert so anders und ich kann oft nie vorher sagen, wie genau er sich verhalten wird. Deshalb lerne ich noch immer täglich dazu, um ihn verstehen zu lernen.
Dieser Camino sollte nicht nur ein Jubiläum sein, sondern auch eine Überprüfung, wo ich stehe.Ich wollte diesmal nur für mich selbst gehen, deswegen verzichtete ich auf eine Begleitung durch Social Media und konnte mich so zu 100% auf mich einlassen, um zu sehen, wie es mir ergeht. Durch das weglassen von Social Media hatte ich täglich mehr Zeit für mich und wurde nicht abgelenkt.
Trotzdem war auch ein wehmütiges Auge dabei, denn immerhin begleitet mich der Blog, Facebook und Instagram seit 2017, wo ich über meine Rehabilitation berichte und was ich bisher machte, um wieder ins Leben zu gelangen. Das hantieren mit dem Handy diente außerdem meiner Feinmotorik, ob beim Bearbeiten von Fotos oder dem kreieren von Beiträgen. Das fiel alles diesmal weg.

Die ersten Schritte auf dem Camino fühlten sich an wie eine Rückkehr nach Hause. Egal ob auf Weitwanderwegen oder Caminos, der Aufenthalt in der Natur tut meinem Körper, wie auch dem Geist unglaublich gut. Kann ich gehen, fühle ich mich wohl. Draußen auf dem Weg fühle ich mich lebendig.
Es hat etwas Magisches, sich der Natur auszusetzen. In der Energie der Natur zählt in dieser Zeit nichts anderes. Keine Fristen, kein Drama, nur ich und die Natur. Deshalb verweile ich auch nicht lange in Städten und Dörfern, am liebsten bin ich am Trail unterwegs.
Doch die Schritte waren auch schwer. Mein Körper erinnerte mich an seine Grenzen, vor allem an steilen Anstiege, wenn es finster war oder auf langen Tagesetappen. Doch mit jedem Schritt ist immer mehr Leichtigkeit zurück gekommen. Gerade das therapeutische Tanzen hilft mir sehr dabei und viele Übungen von meiner Therapeutin Hanna Treu bilden einen wesentlichen Grundstein für mein jetziges Leben.
Meine Pilgerreise führte mich von Saint Jean Pied del Port, 570 km auf dem Camino Francés bis nach Ponferrada. Dort entschied ich mich, erstmals den Camino Invernio zu nehmen, den sogenannten Winterweg nach Santiago de Compostela.

Die Begegnungen mit anderen Pilgern waren diesmal seltener – besonders auf dem weniger frequentierten Camino Invierno. Doch genau diese Stille eröffnete mir Raum für tiefere Reflexionen und ein tiefes Eintauchen in mir selbst.
Wenn ich mit einigen der wenigen Pilger ins Gespräch kam, teilte ich meine Geschichte offen. Nicht aus Selbstmitleid, sondern um zu zeigen, dass Heilung möglich ist und was Heilung überhaupt bedeutet. Die Reaktionen, die eigenen Geschichten der anderen und die Verbindungen, die dabei entstanden, waren für mich ein weiterer Schritt auf meinem Heilungsweg.
Die Zeit bis Burgos verbrachte ich größtenteils mit Dan aus Seattle. Kontakte knüpfen und Kommunikation standen im Vordergrund.
Ab der Meseta war ich wieder alleine. Gehen, gehen, gehen - im Gehen kann ich meine Gedanken ordnen oder aber auch nichts denken. Das Gehirn leer werden lassen. Einen Teil Denken brauche ich trotzdem noch für das Gehen. Alles andere loszulassen, Gedanken sein lassen zu können, tut gut.
Vielleicht ist es gerade diese Einfachheit, die die Meseta für viele Pilger auf dem Jakobsweg so besonders macht. Sie wird oft als eintönig beschrieben, aber in ihrer Schlichtheit steckt eine Einladung, das "Zuviel" loszulassen und sich im Gehen selbst zu finden. Für viele ist das zuviel, diese Konfrontation mit sich selbst. Sie überspringen die Strecke lieber mit dem Bus.
Auf der Meseta genoss ich das Gehen, ohne über jeden Schritt so viel nachzudenken, wie zuvor am HexaTrek. Es wurde zu einer Erholung für den Geist.
In Ponferrada entschied ich mich für den Camino Invierno, weil ich ihn noch nie gegangen war. Außerdem reizte mich die Idee, eine alternative Route zu wählen – eine, die besonders in den Wintermonaten oft still und einsam ist.
Mir war bewusst, dass ich auf diesem Weg weniger Begegnungen mit anderen Pilgern haben würde, das nahm ich aber in Kauf. Die Interaktion mit Menschen, die das Pilgern so besonders macht, hatte ich im ersten Teil. Tatsächlich hatte ich auf dem Camino Francés bis Burgos interessante Gespräche, besonders mit Dan, einem Amerikaner aus Seattle. Ab der Meseta war ich jedoch wieder alleine unterwegs und traf nur mehr auf wenige Menschen.
Erst in Ponferrada fiel die Entscheidung für den Invierno. Am Morgen ging ich von der Herberge, die knapp außerhalb der Stadt liegt, in die Stadt hinein, um zu frühstücken. Während ich danach losging, beschloss ich spontan, diesen neuen Weg zu erkunden.
Der Camino Invierno forderte mich auf eine besondere Weise heraus. Neue Wege zwingen mich, meine Komfortzone zu verlassen. Sie verlangen mehr Aufmerksamkeit und Kreativität – eine echte Herausforderung für Körper und Geist.Doch gerade das machte diesen Weg für mich so besonders.
Ich bin überzeugt, dass mich genau diese Herausforderungen weiter bringen – nicht nur als Pilger, sondern auch als Mensch und dass, besonders nach dieser Krankheit.
Auf dem Camino Invierno waren Begegnungen und Gespräche mit anderen Menschen selten. In den acht Tagen auf dieser Strecke sprach ich nur kurz mit zwei Pilgern und sah insgesamt lediglich fünf weitere auf dem Weg.
Doch diese Ruhe war für mich kein Nachteil. Im Alleinsein fand ich die Möglichkeit, tiefer über mein eigenes Sein nachzudenken. Mein Fokus lag darauf, persönliche Einsichten zu gewinnen: Wie hat sich mein Gehen verändert? Wie gehe ich mit Herausforderungen um? Und wie kann ich meine Gedanken ordnen, wenn ich allein mit mir selbst bin?
Besonders spannend war es, Lösungen für unvorhergesehene Herausforderungen zu finden. Die langen Distanzen zwischen den Herbergen erforderten eine gute Planung und oft auch Improvisation. Doch erstaunlicherweise fügte sich alles immer wieder, vor allem dann, wenn ich Vertrauen hatte.
Vertrauen ist einer der Grundpfeiler meines neuen (Lebens-)Weges – nicht nur auf dem Camino, sondern auch im täglichen Leben. Es hilft mir, ruhig zu bleiben, wenn ich mit Unsicherheiten oder Herausforderungen konfrontiert bin. Doch so einfach das klingt, gelingt es mir nicht immer, in diesem Zustand zu bleiben.
Wenn ich jedoch Gelassenheit und Vertrauen in solchen Momenten der Herausforderung finde, fühlt sich alles leichter an. Diese innere Balance ist für mich ein Schlüssel, um mit schwierigen Situationen klarzukommen, gerade wenn der Verstand manchmal mit zu vielen Gedanken ringt.
Auf dem Camino Invierno wurde ich oft von der spärlichen Infrastruktur überrascht. Es war keine Seltenheit, dass ich Etappen von 20 bis 30 Kilometern zurücklegen musste, ohne die Möglichkeit, Verpflegung einzukaufen oder einfach einen Kaffee mit Croissant in einem Café zu genießen.
Das war eine deutliche Umstellung im Vergleich zum Camino Francés, wo alle 20 bis 25 Kilometer – oder spätestens nach 40 bis 50 Kilometern – eine offene Herberge zu finden ist und dazwischen wesentlich mehr Cafés geöffnet haben. Hier auf dem Invierno war das anders.
Doppeletappen, die ich auf dem Francés problemlos hätte planen können, wären hier schlicht unmöglich. Oft folgte nach einer 30-Kilometer-Etappe erst nach weiteren 30 Kilometern die nächste offene Herberge – ohne Alternativen wie Hotels dazwischen. Dadurch war ich auf Übernachtungen in größeren Orten angewiesen, was meine Flexibilität einschränkte, aber auch eine neue Herausforderung mit sich brachte.
Trotz vieler Herausforderungen war die Landschaft des Camino Invierno für mich ein echtes Highlight. Sie ist völlig anders als auf dem Camino Francés: Der Weg führt häufig entlang eines Flusses durch die Berge, mit malerischen Ausblicken und der Ruhe der Natur. Immer wieder steigt der Weg steil an, um weite Flussschleifen über einen Berg abzukürzen, was für einige Höhenmeter sorgt – eine gute Herausforderung für Körper und Geist, mit diesen Veränderungen klarzukommen.
Besonders beeindruckend waren die Weinberge, durch die ich vor allem in Galicien wanderte. Die Hügel und die kultivierten Reben sorgten für eine ganz eigene Atmosphäre. Oft leuchtete der Hang in Rot oder Gelb, von den Blättern der Weinreben. Und mit dem Wetter hatte ich unglaubliches Glück: Einzig am zweiten Tag, zwischen Roncevalle und Pamplona regnete es. Danach hatte ich keinen einzigen weiteren Regentag, außer am letzten Tag, wo ich zwischen und in Gewitterfronten nach Santiago ging.
Die lange Zeit der Einsamkeit störte mich nicht, im Gegenteil – sie gab mir Raum für Reflexion und Achtsamkeit. Doch manchmal hoffte ich trotzdem auf eine offene Bar in einem der vielen kleinen Dörfer, um für einen Moment auszurasten. Viele dieser Orte wirkten jedoch wie ausgestorben, beinahe wie Geisterstädte. Diese Leere hinterließ einen eigentümlichen Eindruck – melancholisch, aber zugleich faszinierend.
Da ich eigentlich immer der einzige Pilger in der Herberge war, bin ich schon zeitig aufgebrochen. Ich brauchte mich nicht darum zu sorgen, jemanden durch mein frühes Aufstehen zu stören.
Noch im Dunkel des Morgen, die Dämmerung bricht erst gegen 8h30 an, suche ich eine offene Bar und nehme Kaffee mitToast und Marmelade zu mir. Danach gehe ich meist noch eine weitere Stunde im Dunkeln und werde danach fast immer mit einem wunderschönen Sonnenaufgang draußen in der Natur belohnt.

Die Tiere haben es mir besonders angetan. Mein Pilgerfreund Dan hat sich den Spaß gemacht, den Ruf von Raubvögeln, wie Bussard oder Milan, mit meinem Namen zu verbinden. Schwebte wieder einmal einer über uns, rief er langgezogen meinen Namen. Für einen Amerikaner ist das "ö" schwer auszusprechen, so nennt er mich York, dass dem Ruf der Vögel ähnlich ist.

Dan imitierte mit seinen Armen das Gleiten des Vogels durch die Luft und vermittelte mir Leichtigkeit. Immer wenn ich einen Bussard höre, wird mir diese Leichtigkeit bewußt gemacht. Es vermittelt mir, mit Leichtigkeit über die Trails und Wege zu laufen!
Auf dem Weg, besonders am Invernio, befinden sich viele alte Kirchen, aber die meisten sind geschlossen. Von Außen sind sie allerdings auch sehr schön. Nur wenige sind renoviert und die alten Steingemäuer sind oft Moosbewachsen und schimmern in Grün.
Jedes noch so kleine Dorf hat seine Kirche, die zumeist auch der Mittelpunkt ist. Umgeben von Kinderspielplätzen und Bänken luden sie zur Rast ein.
Da der Abstand von Herberge zu Herberge im Verhältnis groß ist, kann man nicht oft eine Doppeletappe einlegen. Wenn doch, hätte man oft über 50 Kilometer zu gehen, meist sogar über 60, ohne dazwischen wo einkehren zu können. Da es im November/Dezember nicht solange Tageslicht hat, ist man limitiert damit, bei Tageslicht weit gehen zu können.
In manchen Orten war die Herberge ganz geschlossen, aber für 20 Euro bekam ich ein Einzelzimmer im Hotel, dass aus diesem Grund oft für Pilger günstiger angeboten wird.
Hin und wieder ging ich essen. Das war nicht oft möglich, da in Spanien erst spät zu Abend gegessen wird. Das sagt mir aber überhaupt nicht zu und deswegen jausne oder koche ich in der Herberge meist selbst.
In Navarette war die Herberge geschlossen und so wichen Dan und ich in ein Hotel aus. Ein Doppelzimmer um 40 Euro war günstig zu bekommen. Es ist um diese Zeit kaum was los und so geben die Wirte ihre Zimmer im Winter an Pilger billiger her, vor allem, weil die Herbergen zu haben.
Der Wirt war ein Brasilianer, der hier im Ort hängen geblieben ist. Zum Hotel dazu eröffnete er ein kleines Restaurant, dass er als ehemaliger Haubenkoch installierte. Das Hotel kam eigentlich eher zufällig dazu. An diesem Abend speiste ich wohl wie noch nie zuvor am Camino und trank zur Abwechslung auch ein Glas Wein.
Der November zählt bereits zum Winter und man sollte auf alles vorbereitet sein. Von Regen und Sturm, bis Kälte und Schnee, aber auch Wärme, kann man alles erwarten. Trotzdem war ich nur mit einem 20 Liter Laufrucksack unterwegs, der mit seinen Außentaschen allerdings mehr fasste.
Ich war für jedes Wetter gerüstet, auch Kälte und Schnee. Wegen meines kleinen Rucksacks sahen andere in mir einen Tageswanderer, der sein Gepäck jeden Tag vorausschickte. In den Herbergen war manch einer verwundert, was ich alles hervor zauberte.
Ich war Leichtgewichtig unterwegs, aber trotzdem mit ein wenig Komfort. Anbei ist mein Link zur Ausrüstungsliste auf lighterpack. Mein Basisgewicht lag übrigens bei etwa dreieinhalb Kilo.
https://lighterpack.com/r/q7p070
Meine Winterausrüstung im November/Dezemberz
Im Endeffekt hatte ich sogar zuviel mit, den das Wetter meinte es gut mit mir. Nur zwei richtige Regentage in den über drei Wochen war weit weniger, als ich erwarten durfte und es war niemals Schnee.
Wie immer hatte ich zusätzlich zur Regenjacke einen Poncho mit, eigentlich unnötig, zwei dieser Dinge zu tragen, aber für mich ist es Komfort, mit allen möglichen Schichten wechseln zu können.
Wichtig war, dass ich alles Gewand im Rucksack verstauen konnte. An einigen Tagen war es so warm, dass ich nur mit dem T-Shirt ging. Der Rest musste dann alles auf und in den Rucksack, der damit am Limit war. Dazu erhöht sich das Gewicht.
Beim Schlafsack ist mir ein Fehler unterlaufen. Beim Packen zuhause wollte ich nur den Unterschied sehen, zwischen dem SEA to Summit Spark I und II. Ich vergaß vor der Abfahrt sie wieder auszutauschen und nahm den wesentlich wärmeren Spark II mit, der auch um etwa 200g schwerer ist.
Dieser Schlafsack war überdimensioniert. Ich wollte ja nur Herbergen nutzen und nicht im Freien übernachten. Er war zwar oft zu warm, aber dafür kuschelig.
Der Camino gibt einem Zeit zum Nachdenken. Ich reflektierte über die letzten neun Jahre – die Herausforderungen, die Ängste, aber auch die kleinen und großen Erfolge. Der Hirnabszess war ein Einschnitt, der mich verändert hat, aber er hat mir auch gezeigt, wie stark ich bin.
Auf diesem 10en Camino spürte ich erneut, wie wichtig Dankbarkeit ist. Dankbarkeit für meinen Körper, der nach allem, was er durchgemacht hat, immer noch mit mir geht. Dankbarkeit für die Menschen, die mich in meiner dunkelsten Zeit unterstützt haben. Und Dankbarkeit für den Camino selbst, der mir immer wieder neue Perspektiven schenkt.
Das Weitwandern hat mich wieder ins Leben gebracht, wenn auch etwas anders, als gedacht. An die Stadt versuche ich mich nur mehr soviel wie nötig zu gewöhnen. Das wichtigste ist es, mich gut zu fühlen. Da mich die Stadt auch nach Jahren des Trainings noch stresst, muss ich mich nicht mit aller Macht daran gewöhnen.
Am Ende des Weges, in Santiago de Compostela, stand ich vor der Kathedrale und konnte die Tränen nicht zurückhalten. Es war ein Moment der Erleichterung, des Stolzes und der tiefen Freude.
In solchen Momenten kann ich meine Gefühle nicht im Zaume halten. Szenen aus den letzten Jahren spielen sich vor meinem geistigen Auge ab.
Zunächst war es aber ein flüchten vor dem Gewitter mit starkem Regen.
Die ersten krampfhaft Gehversuche kommen mir immer wieder in den Sinn. Ja, es ist nicht leicht hier zu gehen, nach wie vor nicht. Andererseits, als Pflegefall im Bett zu liegen, ist sicher noch schwerer. Um das hier zu erleben, nehme ich gerne das Überwinden von Herausforderungen in Kauf, als von vornherein aufzugeben.
Dieser 10. Camino war für mich nicht nur eine Wanderung, sondern ein Spiegel meines Lebens. Er zeigte mir, dass Rückschläge uns formen, aber nicht definieren müssen. Dass Heilung Zeit braucht, aber möglich ist. Und dass jeder Schritt, egal wie klein, uns weiterbringen kann.
Durch meine Geschichte hoffe ich, andere zu inspirieren, eine schwierige Phase in ihrem Leben überwinden zu können. Der Weg zeigt sich, wenn wir bereit sind, ihn zu gehen.
"Never give up!", wurde zu meinem Leitsatz.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
In Viviers, welches an der Rhone liegt, beginnt der 4. Abschnitt des Hexatrek. Der Süden Frankreichs, mit der Ardeche und den Cevennen, warten auf mich.
Die Alpen liegen hinter mir und ich überlege kurz, hier abzubrechen und nach Hause zu fahren. Ich habe meine Ziele erreicht, allerdings überwiegt die Freude hier zu sein und den Hexatrek vielleicht zu vollenden. So gehe ich nach einem Ruhetag in Le Chateaneuf weiter und freue mich auf die Ardeche.

Vor zwölf Jahren war ich schon einmal hier – damals für Filmaufnahmen. In meiner Erinnerung trug mich ein schmaler Pfad durch die Schlucht, von Felsen umrahmt. Doch das, was mich heute erwartet, fordert mich bald mehr, als mir lieb ist. Nach rund dreißig Kilometern beginnt der Abstieg hinab, ganz tief in den Schlund der Schlucht. Zunächst freue ich mich noch auf diesen Weg, ahne jedoch nicht, wie sehr er mich fordern wird.
Auf dem Wasser sind viele Kajaks und Rafting Boote unterwegs und geben ein buntes Bild ab. Der Fluss wird rechts und links von hohen Felswänden eingerahmt und ein Durchkommen zu Fuß erscheint unmöglich. Ich finde Markierungen und kämpfe mich Meter für Meter vorwärts. Und Kämpfen ist der richtige Ausdruck. Tiefe, sandige Passagen wechseln mit dem Springen von Stein zu Stein ab.
Seit dem Hirnabszess versuche ich es zu vermeiden zu Kämpfen, alles soll mit einer Leichtigkeit passieren und einfach sein. Hier stoße ich aber an Grenzen, die für mich zu hoch sind. An einer Stelle steht auf den Fels geschrieben: "Ab hier müssen sie klettern". Allerdings ist mir nicht klar, wohin?
Eine etwa drei Meter hohe senkrechte Stelle führt hinunter zum Fluss, auf eine nächste Felsebene und ebenso steil geht es nach oben, ohne zu sehen wohin. Für mich unüberwindbar. Ich gehe auf und ab und kann mich nicht entscheiden, also gehe ich zurück. Über riesige Felsblöcke, durch Brennnessel, mit Gestrüpp und ausgesetzte Stellen versuche ich diese Kletterstelle zu umgehen und gelange wirklich an die Stelle darunter, wo ich vorher oben umdrehte.
Es geht weiter, tiefer hinein in die Schlucht. Die Wände aus Fels sind vom Wasser über Jahrtausende ausgewaschen, glatt und zugleich schroff. Ich klettere über wuchtige Brocken, wate durch tiefen Sand, der jeden Schritt zäher macht. Meine Füße und Knöchel sind so gefordert wie noch nie zuvor auf dem Hexatrek. Immer wieder treffe ich auf ausgesetzte Passagen, wo Eisenklammern in den Fels geschlagen sind – zehn Meter über dem Fluss, den Blick hinunter vermeide ich so gut ich kann.
Ich habe auf dem Hexatrek schon vieles geschafft, Grenzen verschoben und Hürden genommen. Doch hier stoße ich mit meiner Propriozeption an ein Ende, das ich nicht erwartet habe. Unter mir glitzert das Wasser – für andere vielleicht schön, für mich eine ständige Bedrohung. Ich spüre, dass mir dieser Abschnitt nicht guttut, und dennoch bleibt zunächst nur eines: weitergehen.
In einer Stunde komme ich nicht einmal zwei Kilometer vorwärts und es sind noch sechs bis zum nächsten Campingplatz. Es hat über 30 Grad und meine Wasservorräte sind bald erschöpft. Schritt für Schritt kämpfe ich mich vorwärts, jeden Schritt muss ich genau wählen, wo ich ihn hinsetze. Für die nächsten Kilometer würde ich so noch drei bis fünf Stunden brauchen.
Zu Biwakieren wäre eine Möglichkeit, allerdings müsste ich dann zu lange ohne Wasser auskommen, also verwerfe ich es. Der Fluss ist zwar nur wenige Meter entfernt, aber ich erreiche ihn nicht. Außerdem ist das Biwakieren in der Schlucht verboten, da es ein strenges Naturschutzgebiet ist.
Ich entscheide mich dafür, bei der nächsten Möglichkeit zur Straße aufzusteigen. Ein kaum erkennbarer Pfad schlängelt sich wie eine Schlange steil nach oben und verliert sich im Nichts. Einem Höhenbergsteiger ähnlich steige ich langsamen Schrittes nach oben. Die Erinnerung an die Krankheit bleibt mein stummer Begleiter, doch die Schönheit der Wildnis gibt mir Kraft und Stärke. Meine superleichten Wanderstöcke aus Carbon unterstützen mich, so kann ich Steilstufen leichter überwinden, wenn ich Kniehoch nach oben steige muss.
Die Muskelschwäche wird mir dabei oft bewusst gemacht, trotzdem ich die Alpen hinter mir habe. Das bisherige Gehen und Steigen war gutes Training und ich fühlen mich stärker als nie zuvor. Trotzdem ist steiles Gelände noch immer eine Herausforderung und bringt mich schnell an die Belastungsgrenze. Gerade rechts, wo ich die Lähmung hatte, verweigert ein zu starkes Abwinkeln des Beines, dass ich mich aufrichten kann. Aus der Hocke aufstehen, gar mit Rucksack, ohne mich wo anzuhalten, kann ich noch heute nicht.
Plötzlich türmt sich eine Felswand unüberwindbar vor mir auf. Ich pendle darunter nach rechts und links und wieder zurück, um einen Ausweg zu finden. Zum ersten Mal fühle ich mich erschöpft. Anfangs noch euphorisch, wandeln sich meine Gefühle in "...ich möchte nur mehr nach oben kommen!". In dieser steilen Wand suche ich lange nach dem Ausstieg auf die Straße. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich endlich oben.
Der Schweiß rinnt in Strömen, im wahrsten Sinn des Wortes. T-Shirt und kurze Hose sind klatschnass. Oben angelangt werfe ich mich und den Rucksack müde in den Staub. Nach einer kurzen Pause steht mir ein langer Fußmarsch auf der Straße bevor, was aber immer noch besser ist, als über die ausgesetzten Stellen am Fluss zu klettern. Atemberaubende Tiefblicke in die Schlucht lenken vom eintönigen Gehen auf der Straße ab.
Kurz vor La Combe, wo das Ende der Schlucht ist, nimmt mich eine Familie mit dem Auto mit, da es hier durch mehrere Tunnel geht. Am Fußweg außen herum, käme ich heute nicht mehr zum Campingplatz, abgesehen vom schon dringend benötigten Wasser. Vom Auto aus sehe ich den Pont d'Arc ein bisschen wehmütig und vermisse es, nicht zu gehen. Andererseits hätte ich ihn nur gesehen, wenn ich mit dem Kajak gefahren wäre.
In Le Comb springe ich aus dem Auto, bedanke mich und gehe zum Campingplatz. Ein riesiger Stellplatz erwartet mich dort, sogar mit Stromanschluss, trotzdem bezahle ich nur als Wanderer. Es ist bereits das Ende der Ferien und viel Platz. Da merke ich wieder, dass ich bereits den ganzen Sommer unterwegs bin und der Herbst vor der Tür steht. Die Annehmlichkeiten des Platzes nutze ich, besonders eine heiße Dusche bringt Erholung.
Es scheint, dass die Gegend zum Meer hin, von Nord nach Süd, mit zahlreichen Flüssen gespickt ist, die tiefe Furchen gezogen haben. Da ich von Ost nach West quere, ist ein Auf und Ab vorprogrammiert. Drei bis fünfhundert Meter, meist steil, im Auf und Abstieg, sind es jedes Mal.
Die traumhafte Gegend wechselt von Hochebenen auf Wege entlang des Flusses tief unten, unterbrochen von kleinen Ortschaften, die oft verlassen wirken. Der steile Trail fordert mich körperlich heraus, aber die Belohnung ist der atemberaubende Ausblick, der sich mir jedes Mal eröffnet, wenn ich oben ankomme. Nie hätte ich gedacht, dass mich die Gorges de Tarn so fordern würden.
Die eigentümlichen Knieschmerzen trüben meine Freude ein wenig. Nach den Alpen, wo ich mich so fit gefühlt habe, ist das eine echte Überraschung. Ich frage mich, ob es an der unterschiedlichen Beschaffenheit des Untergrunds liegt oder ob ich vielleicht eine Überlastung habe.
Eine muskuläre Dysbalance kann von den Schuhen kommen, da ich aufgrund meiner gestörten Propriozeption und Muskelschwäche eine lange Eingewöhnungszeit auf neue Modelle habe. Ein Wechsel kann dazu führen, dass meine Knie einer anderen Stoßbelastung ausgesetzt sind, was zu Schmerzen führen kann. Deshalb verwende ich seit Jahren nur zwei Modelle, an die sich die Füße gewöhnt haben. Hier war ich aber gezwungen auf ein anderes Modell umzusteigen.
Diese Region ist Heimat einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten, darunter seltene Vögel, Schmetterlinge und Blumen. Vor einigen Jahrzehnten waren Geier in dieser Region ausgestorben. Dank einem erfolgreichen Wiederansiedlungsprojekt sind sie wieder heimisch, besonders der Gänsegeier. Von Ihnen geht eine Faszination aus und es ist ein Erlebnis, sie in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten.
Mich selbst zu erfahren, bekommt in diesen Tagen eine neue Bedeutung. In den letzten Wochen war mein Gehen so sehr von Konzentration bestimmt, dass kein Raum für Gedanken blieb. Schritt um Schritt, stets auf den Weg fixiert – und doch fehlte mir etwas. Es wurde zu einseitig, die inneren, psychischen Erfahrungen blieben auf der Strecke. Ich spüre, dass die größten Erkenntnisse dann entstehen, wenn sich das Geistige und das Körperliche berühren: wenn ich geistige Erfahrungen in Bewegung umsetze und körperliche Erfahrungen zu Gedanken reifen lasse.
Bewege ich mich zu einseitig im Physischen, besteht die Gefahr, dass ich mich selbst zerstöre. Bewege ich mich im Gegensatz dazu zulange im Psychischen Grenzbereich, ist ebenfalls Selbstzerstörung die Folge. Die Balance zwischen beiden ist das Beste.
Aufgrund der Wege in den Alpen war es mir aber nicht möglich, öfter auch das Psychische einzubeziehen. Zu sehr musste ich aufpassen, wohin ich trete. Eigentlich bin ich dauernd damit beschäftigt. Das Physische hat überhand genommen.
Seit dem Hirnabszess mache ich täglich neue Erfahrungen. Mache ich keine, stagniere ich. Was mir am Hexatrek gut gelingt ist, die Bereitschaft und Fähigkeit zu haben, möglichst viel bewusst zu erleben. Ich, als Mensch, kann mich verwirklichen. Dieses Gefühl ist Gold wert. Auch unter Belastung, ruhe ich in mir. Vermeidung von Stress ist nicht nur hier, sondern seit Jahren, mein oberstes Prinzip. Außerdem sauge ich die Natur in mir auf.
Wenn der Trail es zulässt, versuche ich die Erfahrungen der letzen Wochen zu vergeistigen. Das gelingt nur selten, denn der Weg lässt es kaum zu. Dieses einseitige, in diesem Fall physisch, artet in Stress aus und ist in Folge schädlich. Immer öfter denke ich an einen ruhigen Camino in Spanien und das so etwas jetzt ideal wäre. Am Camino lernte ich gehen und denken, auf ruhige Art. Daher schwanke ich zwischen aufhören und heimfahren oder doch weitergehen und den Hexatrek beenden.
Die Erfahrungen in den Alpen waren so intensiv, dass ich eigentlich heimfahren kann und auf diesen in der Tanz-Therapie aufbauen kann. Auf der anderen Seite fühle ich mich so wohl hier, dass ich den Hexatrek nicht beenden möchte. Es stehen ja nur mehr die beiden Stage 5 und 6 durch die Pyrenäen aus. Wie ich weiter mache, werde ich in den nächsten Tagen entscheiden.
Es passt eigentlich alles – bis auf die Schuhe. Da ist der Wurm drin. Statt eines leichten Laufschuhs trage ich diesmal einen etwas schwereren Wanderschuh. Eine kleine Veränderung, so dachte ich, doch sie beschert mir Knieschmerzen, wie ich sie bisher nicht kannte. Der Schuh ist zwar von meiner Lieblingsmarke Hoka und fühlt sich auf den ersten Blick auch gut an, doch er verändert meinen Schritt mehr, als mir lieb ist. Ich hätte wohl doch den Laufschuh nehmen sollen. Damals schien es keine große Entscheidung zu sein – heute weiß ich es besser.
Der Weg führt mich vorbei an stillen Zeugen vergangener Zeiten – einer alten Templerburg, die sich wie ein Wächter über das Tal erhebt, und einem Felsbogen, der den Himmel einrahmt. Die Landschaft ist von einer Schönheit, die mich innehalten lässt. Ich spüre Dankbarkeit, hier gehen zu dürfen, Schritt für Schritt durch dieses Bilderbuch aus Stein und Geschichte.
Schon am Morgen, als ich losgehe, meldet die Wetter-App für den Nachmittag heftige Gewitter. In einem kleinen Städtchen gehen ich einkaufen und setze mich in ein Cafe. Bis zum nächsten Campingplatz sind es nur noch 10 Kilometer und daher lasse ich mir Zeit. Der Pfade windet sich rauf und runter. Dann, etwa zwei Kilometer vor einem Dorf, beginnt es zu regnen. Aber was für ein Regen. Er prasselte wie tausend kleine Nadeln auf mich herab und wird immer stärker.
Innerhalb Minuten stürzt ein Sturzbach auf mich herab, wo auch der Poncho nicht mehr hilft. Ein Unterstand ist weit und breit nicht zu sehen. Das Wasser kommt mir Knöcheltief auf der Straße wie ein Fluss entgegen. Das Handy gibt seinen Geist auf und reagiert nicht mehr, so feucht und nass ist es. Der Campingplatz ist nirgends angeschrieben und somit weiß ich nicht wohin.
Unter einem dürren Baum suche ich verzweifelt nach Schutz. Der Wind peitscht den Regen gegen mich und ich fröstle am ganzen Körper. Endlich entdecke ich einen Hauseingang, der mir einen kleinen Unterschlupf bietet. Nach vielen Versuchen bekomme ich das Handy trocken und starte es.
Meine Feinmotorik versagt in den vom Wasser aufgeweichten Fingern. Ungeschickt tippe ich auf die Hexatrek-App, sehe kurz, wohin ich muss – da schaltet sich das Display schon wieder ab. Als der Regen für einen Moment nachlässt, mache ich mich sofort auf den Weg. Zwei weitere Kilometer, dann erreiche ich den Campingplatz. Die Luft ist inzwischen schneidend kalt, ein bitterer Kontrast zur Hitze des Tages.
Meine Hände gehorchen mir nicht mehr. Da der Regen erneut einsetzt, hat es keinen Sinn, das Zelt sofort aufzubauen. Stattdessen dusche ich kurz und setze mich unter ein Vordach. Alles, was ich bei mir trage, lege und hänge ich rings um mich aus, in der Hoffnung, es wenigstens halbwegs zu trocknen.
In einer kurzen Regenpause wage ich den Versuch, das Zelt aufzustellen. Doch der Himmel ist schneller: Noch bevor ich das Überzelt überwerfen kann, ergießen sich Sturzbäche ins Innere. Zum zweiten Mal auf diesem Weg erwischt mich ein Unwetter mit voller Wucht – und bringt mich an mein Limit.
Nass und durchgebeutelt gehe ich weiter. Innerhalb weniger Tage hat der Herbst Einzug gehalten. Da ich mich für die Pyrenäen nicht ausgerüstet fühle, werde ich von Carcassonne heimfahren.
Mein Telefon spinnt und funktioniert wegen der Feuchtigkeit kaum noch. Dazu werden die Berghütten in den Pyrenäen ab 15.Septmber größtenteils geschlossen, was die Folge hat, mehr zu tragen. Mein Entschluss steht damit fest, aufzuhören. Wegen dem Telefon habe ich auch kaum Bilder vom Schluss, was mir sehr leid tut.
Mein Fazit fällt durchwegs positiv aus. Nie hätte ich gedacht soweit zu kommen. In den Alpen hat ein neuer Zeitabschnitt begonnen, auf dem ich aufbauen kann. Mein Ziel, für das ich acht Jahre gearbeitet habe, konnte ich verwirklichen.
Mit dem Erreichen dieses Ziel ist es aber nicht vorbei. Die Behinderung und die Handicaps bleiben. Dranbleiben wird auch weiterhin mein Motto bleiben. Mich mehr in der Natur aufzuhalten und weniger in der Stadt, kann ich akzeptieren. Die Hochsensibilität bleibt und lässt sich kaum verbessern.
Die gewonnenen Erfahrungen werde ich in den nächsten Wochen und Monaten in mein Leben integrieren lernen und weiterhin an mir arbeiten. Da habe ich genug zu tun. An erster Stelle steht, ein neues Ziel zu finden. Besonders wichtig ist es, die richtige Formulierung zu finden.
"Alles, was ich verarbeiten kann, schafft mir ein Fundament"
Die Pyrenäen mit Stage 5 und 6, über 900 km des Hexatrek, nehme ich mir für nächstes Jahr vor. In Hendaye ins Meer zu springen, ist nach wie vor mein Ziel!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Nachdem ich die majestätischen Nordalpen hinter mir gelassen habe, stehe ich nun am Beginn der dritten Etappe des HexaTrek – einer Route, die mich tief in die Südalpen führen wird. ⛰️
Die Berge vor mir wirken wild, rau und zugleich wunderschön. Eine Landschaft, die Respekt verlangt und gleichzeitig eine große Anziehungskraft ausübt.
Der Morgen ist frostig, doch die Vorfreude überwiegt. Ich bin gespannt, was mich in den kommenden Tagen erwartet.
Mein Tag beginnt auf etwa 2000 Metern Seehöhe, und die Kälte ist deutlich zu spüren. Die Nacht hat Nebel gebracht, der sich auf den Wiesen niedergeschlagen hat. Der Boden ist feucht, und schon nach wenigen Schritten im nassen Gras sind meine Schuhe durchnässt.
Der Start in diesen Tag wirkt zunächst etwas düster und bedrückend. Die Sonne hat es noch nicht über die hohen Berghänge geschafft, und so liege ich lange im Schatten der Berge.
Doch ich weiß: Irgendwann wird auch heute die Sonne über die Gipfel steigen und den Weg vor mir erhellen. Bis dahin gehe ich einfach weiter, Schritt für Schritt.

Mein Weg führt zunächst entlang der Schattenseite eines Berges. Die Kälte begleitet jeden Schritt. Sie bremst mich und erinnert mich daran, wie zerbrechlich ich noch immer bin – trotz all der Kilometer, die ich bereits auf dem HexaTrek zurückgelegt habe.
Heute habe ich vor allem mit mir selbst zu tun. Zum ersten Mal seit Beginn dieser Reise hat die Kühle des Morgens einen spürbaren Einfluss auf die Funktion meiner Nerven. Meine Bewegungen fühlen sich steif an, manchmal auch unkoordiniert.
So gehe ich los, Schritt für Schritt, mit der Hoffnung, dass es mit der Zeit besser wird. Viel mehr kann ich im Moment nicht tun, als abzuwarten.
Die Berge auf der gegenüberliegenden Seite liegen bereits im Sonnenlicht. Dorthin richtet sich mein Blick immer wieder. Ich nehme mir vor, erst dann zu frühstücken, wenn ich selbst in der Sonne angekommen bin.
Hier im Schatten ist es einfach noch zu kalt.
Dann passiert es. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen mich und tauchen die Landschaft in ein sanftes, goldenes Licht. Mit einem Schlag wird es weniger kalt. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Ich nutze diesen Moment und lege eine Pause ein. Der Kocher ist schnell bereit, das Wasser kocht, und kurz darauf halte ich meinen Kaffee in der Hand. Dazu gibt es das Übliche: Brot mit Käse.
Um mich herum nur Windrauschen und in der Ferne das Rufen der Krähen. Ich sitze allein mitten in den Bergen und genieße diese Stille, die so viel mehr sagt als jedes Geräusch.
Nach dieser Stärkung gehe ich wieder los. Der Pfad zieht sich an einem steilen Hang entlang, und der Abgrund zu meiner rechten Seite verlangt meine volle Aufmerksamkeit. Hier darf der Kopf nicht weg. Jeder Schritt muss überlegt sein, jeder Tritt sitzen.
In solchen Momenten spüre ich, wie ich eins werde mit der Natur. Alles wird bewusster: jeder Atemzug, jede Bewegung, jeder Schritt. Der Weg ist anspruchsvoll – aber genau das suche ich. Genau das macht diesen HexaTrek für mich so wertvoll.
Step by Step verbessere ich meine Wahrnehmung. Und auch, wie schnell ich Situationen erfassen kann. Schritt für Schritt – zurück ins Leben.
Seit vielen Jahren konnte ich mich durch das Gehen auf Jakobswegen und Fernwanderungen gesundheitlich Schritt für Schritt steigern. Jeder Weg hat etwas dazu beigetragen. Meine Wahrnehmung wurde besser, sicherer – und das hilft mir auch im Alltag, etwa wenn ich mich in der Stadt bewege.
Gleichzeitig habe ich dabei das Fernwandern für mich entdeckt. Mit jedem Jahr bekam die Natur einen größeren Stellenwert in meinem Leben. Sie ist nicht nur ein Ort zum Gehen, sondern auch ein Ort der Ruhe und der Kraft, sowie zum Heil werden.
Der Begriff Rehabilitation passt für meine Situation heute eigentlich nicht mehr ganz. Man spricht von Langzeitversorgung oder einer chronischen Versorgung.
Trotzdem sind regelmäßige Therapien weiterhin notwendig. Sie helfen mir, meinen Gesundheitszustand zu erhalten – und im besten Fall noch weiter zu verbessern.
Der schmale Pfad windet sich am Berghang entlang. An besonders absturzgefährdeten Stellen geben mir eiskalte Ketten Halt. Jeder Schritt ist bedacht, jede Bewegung muss präzise ausgeführt werden. Fehler sind hier keine erlaubt.
Dabei kommen mir Erinnerungen an meine ersten Schritte nach der Krankheit. Auch damals durfte ich nicht stürzen. Meine Reaktionen waren so langsam, dass ich umfiel wie ein Holzklotz, ohne mich abfangen zu können.
Heute ist vieles anders. Ich stelle mich bewusst diesen Herausforderungen in den Bergen. Und auch wenn die Anstrengung nicht weniger geworden ist, genieße ich es, mich hier Schritt für Schritt vorwärts zu bewegen.
Bald führt der Weg in ein Tal, leicht ansteigend. Einige hundert Höhenmeter liegen vor mir. Auf der anderen Seite eines Wildbachs sehe ich bei einer Almhütte mehrere Zelte stehen. Es ist etwa halb neun. Dort drüben liegt alles noch im Schatten, während ich bereits in der Sonne unterwegs bin. Ich kann gut nachfühlen, wie kalt und feucht es dort unten noch sein muss. Wahrscheinlich warten auch sie nur darauf, dass die Sonne endlich über den Hang steigt.
Im noch relativ flachen Teil des Tals gerate ich plötzlich mitten in eine Rinderherde. Die Tiere kommen von hinten und bewegen sich etwas schneller als ich. Zwischen ihnen laufen auch junge Kälber.
Das ist keine angenehme Situation. Immer wieder wird davor gewarnt, sich Kühen mit Kälbern zu nähern. Durch die Rückkehr der Wölfe haben sie einen besonders starken Beschützerinstinkt entwickelt – auch gegenüber Menschen.
Ich bleibe daher sehr vorsichtig und versuche, so schnell wie möglich in das steilere Gelände auszuweichen. Hinter mir höre ich das laute, aggressive Brüllen einiger Kühe. Ein Geräusch, das einem sofort Respekt einflößt.
Plötzlich stehe ich einer stattlichen Rinderherde gegenüber. Große, ruhige Augen richten sich auf mich, während sich die Tiere langsam in meine Richtung bewegen. Die Kälber trotten dicht bei ihren Müttern.
Ein leichter Schauer läuft mir über den Rücken. Der Instinkt dieser Tiere ist nicht zu unterschätzen – besonders dann nicht, wenn sie ihren Nachwuchs beschützen.
Ich versuche, einen Bogen um die Herde zu machen. Doch das tiefe, eindringliche Brüllen einiger Kühe lässt mich kurz innehalten. In solchen Momenten spürt man sehr deutlich, wie wenig Kontrolle man hier draußen wirklich hat.
Die Natur zeigt ihre ungezähmte Kraft. Und obwohl es „nur“ Kühe sind, fühle ich mich in diesem Augenblick klein und verletzlich.
Auch solche Begegnungen gehören zu diesem Weg. Sie erinnern mich daran, dass ich hier nur Gast in ihrer Welt bin.
Nach dem Pass windet sich ein steiniger Pfad wie ein schmaler Grat durch die Landschaft. Jeder Schritt wird zu einem kleinen Balanceakt, denn die losen Steine geben unter meinen Füßen nach. Alles, was sich an Geröll von den Hängen löst, sammelt sich auf diesem Weg. Entsprechend mühsam ist das Gehen darauf.
Und doch wirkt diese Landschaft fast unwirklich schön.
Ich fühle mich, als würde ich durch ein Gemälde wandern. Kräftige Farben, weiche Formen, darüber die rauen Linien der Felsen. Um mich herum ein Meer aus Blau und Grün, eingerahmt von schroffen Felswänden und sanften Almwiesen.
Schon bald erreiche ich den ersten See. Sein Wasser schimmert in einem tiefen, satten Blau. Der Weg führt weiter bergab, mal steiler, mal sanfter, von einem See zum nächsten.
Jeder von ihnen leuchtet in einem anderen Blauton, als hätte die Natur hier ihre ganze Farbpalette ausgebreitet.
Zu Mittag erreiche ich die nächste Ortschaft. Die letzten Kilometer bin ich im Eilschritt gegangen, in der Hoffnung, noch rechtzeitig anzukommen. Doch ich komme ein paar Minuten zu spät. Genau in dem Moment, als ich den rustikalen Gasthof erreiche, wird geschlossen.
Ich versuche den Wirt noch zu bitten, eine Ausnahme zu machen.
„Tut mir leid, mein Freund“, sagt er nur – und verschwindet im Haus.
Der Gastgarten wird mit Ketten verschlossen, obwohl noch einige Gäste dort sitzen. Niemand wird mehr eingelassen.
Also wieder einmal keine französische Küche. Seit Beginn meiner Reise habe ich damit so meine Schwierigkeiten. Nur ein paar Mal ist es mir bisher gelungen, tatsächlich in einem Restaurant zu essen. Die Öffnungszeiten passen einfach selten zu dem Rhythmus eines Fernwanderers.
Meine Wanderung danach auszurichten, widerstrebt mir. Gleichzeitig ist es auch mühsam, ständig nach Alternativen suchen zu müssen, wenn geplante Einkehrmöglichkeiten plötzlich wegfallen.
Also werde ich wieder zum Bergziegen-Gourmet. Käse und Wurst gehören schließlich zur Grundnahrung vieler Wanderer. Dazu koche ich mir einen Kaffee – und schon ist die Welt wieder in Ordnung.
Und wer weiß – vielleicht entwickle ich ja doch noch eine Vorliebe für die französische Küche.
Wenn ich sie irgendwann einmal tatsächlich zu Gesicht bekomme.

So setze ich mich auf eine Bank hinter der geschlossenen Kirche und diniere wieder einmal das Übliche. Brot, Käse und ein wenig Wurst – mein treuer Begleiter auf vielen Kilometern.
Als Nachspeise gönne ich mir ein Stück Nuss-Schokolade. Ein kleiner Luxusmoment mitten am Weg.
Dabei hatte ich mich so sehr auf eine Abwechslung gefreut. Genau deshalb bin ich die letzten Kilometer besonders schnell gegangen. Doch manchmal läuft es am Weg eben anders, als man es sich vorgestellt hat.
Also sitze ich hier, esse mein einfaches Mahl und nehme es, wie es kommt. Auch das gehört zu dieser Reise.
Zunächst geht es ein breites Tal hinaus, auf einem schönen Wanderweg. Aber ehe ich mich versehe, bin ich wieder steil hinauf, auf einem schmalen Steig. Ich folge der Markierung und gehe immer weiter.
Zunächst schlängelt sich der Weg gemächlich durch ein breites Tal. Doch je weiter ich komme, desto mehr verschwindet der Pfad in dichtem Gebüsch. Unachtsam bin ich dem Hauptweg gefolgt, dabei hätte ich einer kaum sichtbaren Abzweigung folgen sollen. Immer und jederzeit die Karte am Handy zu kontrollieren, ist mir aber zu viel. Das Navigieren wird mir am Hexatrek wieder zum Verhängnis.
Diesmal habe ich mich zu sehr treiben lassen und finde mich nun an einem Punkt, an dem ein Umkehren kaum mehr in Frage kommt. Ich studiere die Karte und komme zum Schluss, weiterzugehen. Es ist um wenige Kilometer weiter, dafür sind aber einige hundert Höhenmeter mehr zu überwinden. Und diese haben es in sich.
Ein schmaler Pfad windet sich immer steiler werdend einen Hang hinauf. Auf 2500 Metern Höhe erreiche ich endlich den Pass und es eröffnet sich mir ein atemberaubender Blick über die darunter liegende Landschaft. Auf der anderen Seite geht es gleich steil hinunter, nur nicht so weit. Bald darauf stoße ich wieder auf den Original-Trail, wo weitere 1400 Meter Abstieg ins Bergdorf Vallouise auf mich warten.
Zunächst führt der Weg noch gemächlich durch ein breites Tal. Ein schöner Wanderweg, angenehm zu gehen. Doch ehe ich mich versehe, wird der Pfad wieder schmaler und zieht steil den Hang hinauf. Ich folge den Markierungen und gehe weiter.
Mit der Zeit verschwindet der Weg jedoch immer mehr im dichten Gebüsch. Unachtsam bin ich dem Hauptweg gefolgt, dabei hätte ich eine kaum sichtbare Abzweigung nehmen müssen. Doch ständig auf das Handy zu schauen und die Karte zu kontrollieren, ist mir einfach zu viel.
Das Navigieren wird mir am HexaTrek wieder einmal zum Verhängnis.
Diesmal habe ich mich zu sehr treiben lassen. Nun stehe ich an einem Punkt, an dem ein Umkehren kaum mehr sinnvoll erscheint. Ich studiere die Karte und entscheide mich schließlich, einfach weiterzugehen. Der Weg ist zwar ein paar Kilometer länger und verlangt zusätzlich einige hundert Höhenmeter, aber es scheint die bessere Lösung zu sein.
Der Pfad wird nun immer steiler und zieht sich in engen Kehren den Hang hinauf. Schritt für Schritt arbeite ich mich nach oben, bis ich schließlich auf etwa 2500 Metern den Pass erreiche.
Oben eröffnet sich ein atemberaubender Blick über die Landschaft tief unter mir.
Auf der anderen Seite geht es sofort wieder steil hinunter, allerdings nicht so weit. Bald darauf stoße ich wieder auf den Original-Trail. Von hier warten noch einmal rund 1400 Meter Abstieg auf mich, hinunter ins Bergdorf Vallouise.
Der Abstieg zieht sich endlos hin. Schritt für Schritt verliere ich an Höhe, bis ich Vallouise schließlich am späten Nachmittag erreiche.
Der große Campingplatz am Ortsrand wirkt beeindruckend. Doch meine Freude hält nicht lange an. Der Bereich für kleine Zelte ist bei einem jüngsten Hochwasser vollständig zerstört worden. Enttäuscht stehe ich da. Die Betreiber verweisen mich auf einen anderen Platz – fünf Kilometer weiter, ein kleines Tal hinauf.
Nach einer kurzen Pause mache ich mich wieder auf den Weg. Eine weitere Stunde gehe ich auf einem vom Hochwasser beschädigten Weg. Als ich schließlich ankomme, stelle ich fest, dass es sich nur um einen sehr spartanischen Platz handelt. Keine Infrastruktur, keine Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.
Mein Gehirn kann diese Situation kaum einordnen. Irgendetwas fühlt sich völlig falsch an. Mir fehlt es an allem, was ich für die kommenden Tage brauche.
Langsam wird mir klar: Mit meiner Ausrüstung kann ich diesen Abschnitt so nicht weitergehen. Der Gedanke, noch mehrere Tage unter diesen Umständen unterwegs zu sein, fühlt sich unerträglich an.
Mit hängenden Schultern packe ich meine Sachen zusammen. Die Entscheidung zum Umkehren fällt mir schwer – doch diesmal siegt die Vernunft.
Die fünf Kilometer zurück ins Dorf ziehen sich. Doch am nächsten Morgen, gegen acht Uhr, bin ich wieder dort. Im Wasch-Saloon des Campingplatzes wasche ich meine gesamte Kleidung, dusche mich und atme danach erst einmal tief durch.
In Regenhose und Regenjacke sitze ich schließlich da – alles andere ist in der Wäsche. Vor mir steht ein selbst gekochter Kaffee und ein frisches Croissant. Plötzlich sieht die Welt wieder ganz anders aus.
Heute lege ich einen Ruhetag ein. Dabei treffe ich auch wieder die beiden Neuseeländer Sam und Matt. Sie laden mich ein, mein Zelt neben ihrem aufzuschlagen. Da heute Sonntag ist, sind durch die Abreise vieler Gäste wieder Plätze frei geworden.
Hätte ich das nur gestern schon gewusst.
Am Abend sitzen wir zusammen und essen gemeinsam. Dabei schmieden wir Pläne für die nächsten Tage. Matt hat noch etwas zu erledigen und wird erst in einigen Tagen nachkommen.
Am nächsten Morgen brechen Sam und ich gemeinsam auf, um unser Abenteuer fortzusetzen.
Wir bleiben auf der Seite des reißenden Flusses. Nach wenigen Kilometern stehen wir jedoch vor einem unerwarteten Problem: Die Brücke, die uns auf die andere Seite führen sollte, ist verschwunden. Das Hochwasser hat sie einfach mitgerissen.
Jeder Versuch, hinüberzukommen, scheitert zunächst. Ein großer Umweg würde uns viel Zeit kosten. Also beschließen wir schließlich, den Fluss ein Stück weiter abwärts zu queren.
Wir suchen lange nach einer Stelle, an der das Wasser nicht zu tief ist – bis wir schließlich eine finden, an der die Überquerung möglich erscheint.
Gemeinsam mit Sam überquere ich die Gegend rund um L’Argentière-la-Bessée. Die Landschaft wirkt fast unwirklich – karg, grau und zerklüftet, fast wie eine Mondlandschaft.
Am Abend erreiche ich eine Berghütte, in der ich zum Glück noch ein freies Bett bekomme. Am nächsten Tag setzen sich die langen Auf- und Abstiege fort. Immer wieder mehrere hundert Höhenmeter hinauf, dann wieder hinunter.
Um diese Belastung bewältigen zu können, muss ich gedanklich ganz bei mir bleiben. Meine Konzentration richtet sich immer nur auf das Hier und Jetzt – auf den nächsten Schritt, auf den nächsten Tritt. Nur so kann ich den Anstieg bergauf bewältigen.
Doch das Leben in den Bergen hat auch seine Tücken. Nachdem ich den ganzen Tag über Felsbrocken und steile Hänge geklettert bin, erreiche ich das Refuge de Souffle. Dort bekomme ich jedoch keinen Platz mehr – alles ist ausgebucht.
Keine guten Aussichten, denn für die Nacht ist Gewitter angekündigt. Zusammen mit ein paar anderen Wanderern schlage ich deshalb mein Zelt in der Nähe auf.
Und tatsächlich: Von 21 Uhr bis zwei Uhr morgens tobt ein heftiges Unwetter. Donner, Blitz und strömender Regen gehen über uns nieder. Von allen Seiten kriecht das Wasser ins Zelt, und bald ist meine gesamte Ausrüstung nass oder zumindest feucht.
Ein kleines Glück habe ich dennoch: Meine Isomatte ist sechs Zentimeter dick. Dadurch liege ich gerade noch knapp über dem nassen Boden.
Am Morgen hat die Nacht deutliche Spuren hinterlassen. Müde und durchnässt krieche ich aus dem Zelt. In diesem Moment bin ich einfach nur froh, die Nacht überstanden zu haben.
Ich kämpfe mich durch das Chaos meiner nassen Ausrüstung. Jede Bewegung kostet Überwindung, doch ich möchte keine Zeit verlieren. Trotzdem verpasse ich den Treffpunkt mit Sam, der in der Hütte übernachtet hat.
Erst nach gefühlten Stunden bin ich schließlich gegen acht Uhr startklar und breche auf.
Bis zum nächsten Dorf sind es zwar nur etwa zehn Kilometer, doch dazwischen liegen 800 Höhenmeter im Aufstieg und 1300 Meter im Abstieg. Der Weg ist vom nächtlichen Gewitter stark ausgewaschen. Besonders die Wasserquerungen verlangen mir viel ab.
Der Aufstieg ist rutschig, und an einigen Stellen helfen sogar Stahlstangen, die im Fels angebracht sind. Ohne diese Sicherungen wäre das Weiterkommen deutlich schwieriger.
So arbeite ich mich wieder Schritt für Schritt vorwärts – müde, aber entschlossen.
Diese ständige, übermäßige Konzentration kostet mich enorm viel Energie. Mit jedem Schritt besteht die Gefahr, auszurutschen – und ein solcher Fehler könnte hier fatale Folgen haben.
Eine Herausforderung in dieser Intensität habe ich seit meinem Hirnabszess noch nie erlebt. In diesem Ausmaß hatte ich es auch nicht erwartet.
In den letzten Jahren habe ich gelernt, meine Grenzen zu respektieren. Doch genau hier stoße ich immer wieder an diese Grenzen. Der Weg fordert mich körperlich wie geistig bis zum Äußersten.
Und doch liegt gerade darin auch etwas Wertvolles. Diese Herausforderung zwingt mich, über mich hinauszuwachsen. Sie trägt dazu bei, dass ich mich als Mensch weiterentwickle – Schritt für Schritt.
Als ich schließlich den Pass erreiche, liegt der schwierigste Teil noch vor mir: ein langer Abstieg.
Über steile, steinige und teilweise nasse Pfade arbeite ich mich nach unten. Stein für Stein, Schritt für Schritt geht es 1.300 Höhenmeter talwärts.
Der Hexatrek ist ein ständiges Auf und Ab, bei dem Höhenunterschiede von über 1000 Metern keine Seltenheit sind. In Le Bourg d'Oisans finde ich mich bereits auf der Suche nach meinem dritten Paar Schuhe wieder – ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie stark das Material auf dieser anspruchsvollen Strecke beansprucht wird.
Es sind nicht nur die anspruchsvollen Wege, die ihren Tribut fordern – auch mein spezieller Gehstil trägt erheblich dazu bei. Jeder Schritt ist darauf ausgerichtet, Stabilität zu bewahren und ein Umkippen oder Stürzen unbedingt zu vermeiden. Diese konzentrierte und oft ungewöhnliche Belastung beansprucht meine Schuhe weit mehr als üblich.
Erst im zweiten Geschäft finde ich etwas Passendes: keinen Trailrunning-Schuh diesmal, sondern einen Wanderschuh von Hoka. Unter den getesteten Modellen scheint er die beste Alternative zu den Altra- oder Hoka-Speedgoat-Schuhen zu sein, die leider in meiner Größe nirgendwo verfügbar sind.
Der HexaTrek ist ein ständiges Auf und Ab. Höhenunterschiede von über 1000 Metern gehören hier fast zum Alltag. Diese Belastung fordert nicht nur den Körper – auch das Material leidet darunter.
In Le Bourg d’Oisans bin ich deshalb bereits auf der Suche nach meinem dritten Paar Schuhe. Ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr diese Strecke Mensch und Ausrüstung beansprucht.
Doch es sind nicht nur die schwierigen Wege. Auch mein spezieller Gehstil trägt dazu bei. Jeder Schritt ist darauf ausgerichtet, möglichst stabil zu bleiben und ein Umkippen oder Stürzen zu vermeiden. Diese konzentrierte, oft ungewohnte Belastung fordert meine Schuhe stärker als bei vielen anderen Wanderern.
Erst im zweiten Geschäft werde ich schließlich fündig. Diesmal kein Trailrunning-Schuh, sondern ein Wanderschuh von Hoka. Unter den Modellen, die ich anprobiere, wirkt er wie die beste Alternative zu meinen bisherigen Altra- oder Hoka-Speedgoat-Schuhen, die leider in meiner Größe nirgendwo verfügbar sind.
Mit den neuen Schuhen hoffe ich nun, den nächsten Abschnitt des Weges wieder sicherer und stabiler gehen zu können.




Die neuen Schuhe tragen sich zwar recht gut, doch sie sind keine Laufschuhe. Sie sind deutlich schwerer, bieten dafür durch den höheren Lederanteil mehr Stabilität – ein klarer Vorteil für den weiteren Weg.
Was ich jedoch unterschätzt habe, ist die Umgewöhnung, die damit verbunden ist. Schnelle Schritte oder gar Laufen sind mit diesen Schuhen praktisch nicht möglich. Da merke ich erst, wie sensibel mein Körper auf veränderte Bedingungen reagiert.
Gerade bergab versuche ich oft zu laufen. Das langsame Gehen kostet mich wegen meiner Muskelschwäche zu viel Kraft. Über die Jahre habe ich eine eigene Technik entwickelt, die es mir erlaubt, trotz dieser Einschränkung ein wenig bergab zu laufen.
Mit den neuen Schuhen funktioniert das jedoch nicht. Sie sind für diese Art der Bewegung einfach nicht gemacht. Um die verschiedenen Muskelgruppen anzupassen und neu zu trainieren, bräuchte es gezieltes Üben – etwas, das während des HexaTreks kaum möglich ist.
So werden besonders die Abstiege zu einer zusätzlichen, eigentlich unnötigen Erschwernis. Ich versuche zwar, das Beste daraus zu machen, doch innerlich gerate ich immer öfter in einen Zustand, der sich nur schwer kontrollieren lässt.
Dass mich nach so vielen Kilometern der letzten Jahre ausgerechnet so etwas noch einmal aus dem Gleichgewicht bringen kann, hätte ich nie gedacht.
Zunächst merke ich die körperlichen Veränderungen durch die neuen Schuhe noch kaum. Noch fühlt sich alles vertraut an. Doch schon bald wird sich zeigen, dass diese Umstellung mehr Auswirkungen hat, als ich zunächst gedacht habe.
Die meisten Nächte verbringe ich mittlerweile hoch in den Bergen. Selten übernachte ich unter 1800 Metern Seehöhe.
Dafür werde ich immer wieder mit besonderen Momenten belohnt: mit einem Sonnenuntergang über den Gipfeln oder einem Sonnenaufgang, der langsam die Bergwelt in warmes Licht taucht.
Augenblicke, die jede Anstrengung für einen Moment vergessen lassen.
Der HexaTrek ist für mich weit mehr als nur eine Wanderung. Er ist eine Reise zurück ins Leben – und zugleich der Beweis dafür, dass auch nach schweren Rückschlägen neue Wege entstehen können.
Dieser Weg fordert mich körperlich und mental. Immer wieder verlasse ich meine Komfortzone, denn nur dort kann Entwicklung stattfinden.
Auch nach acht Jahren bleibt das Gehen für mich die wichtigste Übung. Jeder Schritt ist Training. Jede Bewegung schult meine Wahrnehmung und hilft mir, meine Grenzen ein Stück weiter hinauszuschieben.
Und doch sind diese Grenzen noch immer da.
Gerade deshalb bin ich dankbar für jeden Kilometer, den ich gehen kann – Schritt für Schritt, weiter auf meinem Weg.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Nach dem Jura bin ich mit dem Boot über den Genfer See gefahren, nach Thonon Les Bains (Beginn des HexaTrek Stage 2, die Nordalpen). Es geht durch das Herzstück der Alpen, die für mich allerdings die größte Herausforderung darstellen. Es war ein jahrelanges herantasten und Training, um diese durchgängig langen Anstiege bewältigen zu können. Die Muskelschwäche und neurologischen Probleme sind ja nach wie vor da.
Vor den hier beginnenden Nordalpen habe ich gehörig Respekt, denn es beginnen für mich die größten Schwierigkeiten in Bezug auf Ausgesetztheit und die große Höhenlage. Im geheimen überlege ich mir, manche dieser Abschnitte zu umgehen, wobei es allerdings auch die Schönsten sind. Alleine traue ich mich aber noch nicht darüber.


In Thonon finde ich auch Shops für neue Schuhe. Der Hexatrek forderte das Material bisher sehr stark, besonders die Schuhe, die bereits nach 700 km total hinüber sind. Am Camino war ich gewohnt, die Schuhe erst nach 1200 bis 1400 Kilometer zu wechseln, hier sind sie schon nach 550 km fast hinüber und nach 700 km total am Limit.
Neue Schuhe sind jetzt vonnöten. Erst im dritten Shop von Thonon werde ich fündig. Mein bisheriger, ein Hoka Speedgoat 5 in der Wide Version, war mein bisher bester Schuh. Allerdings werde ich die Wide Version hier kaum bekommen. Ich probiere alle möglichen Modelle durch, aber keiner ist auf den ersten Versuch bequem genug.
Mein alter Schuh schaut zwar optisch noch gut aus, aber die Sohle und die Dämpfung ist bereits sehr in Mitleidenschaft gezogen. Bereits nach 400 km begann sich die Sohle zu lösen und ich musste sie immer wieder mit Superkleber ankleben. Nach 700 km war nur mehr ein dünner Belag, zuwenig für die Alpen.
In einem Ausrüster Shop entscheide ich mich für den Altra Olympus 5, den ich bereits in England verwendete und mir daher vertraut ist. Seine breite Zehenbox ist bequem und er hat eine zwar gute, aber geringere Dämpfung, als der Speedgoat. Die beste Alternative zu allen anderen angebotenen ist er allerdings.
In den Alpen geht es ständig rauf und runter. Eigentlich nicht viel anders als zuvor in den Vogesen – nur sind hier die Anstiege und Abstiege deutlich länger.
Mit 1000 Höhenmetern komme ich oft gerade einmal zehn Kilometer weit. Der Weg verlangt hier eine ganz andere Kraft. Jeder Schritt bergauf kostet Energie, jeder Abstieg wieder volle Konzentration.
Also heißt es für mich, einen neuen Rhythmus zu finden. Einen Rhythmus, der es mir erlaubt, am Tag mehr Höhenmeter zu bewältigen, ohne dabei meine Kräfte zu früh zu verlieren. Am Campingplatz de l'Essert werde ich deshalb einen Ruhetag einlegen. Der Körper braucht diese Pausen.
Nach meinem Ruhetag breche ich früh auf. Die Beine sind wieder frisch, der Weg ruft. Im Laufe des Tages hole ich Willy ein, der bereits am Vortag gestartet ist. Mit dabei ist auch seine Katze Jamy. Ein ungewöhnlicher Anblick auf diesem Weg.
Wir gehen ein Stück gemeinsam. Während wir Schritt für Schritt vorankommen, sitzt Jamy gemütlich auf Willys Rucksack. Von dort aus beobachtet sie aufmerksam ihre Umgebung. Still, konzentriert, fast so, als würde sie den Weg genauso studieren wie wir.
Es ist ein besonderer Moment. Mitten in dieser großen Berglandschaft unterwegs zu sein – und dabei eine Katze zu sehen, die ruhig auf einem Rucksack sitzt und die Welt betrachtet. Auch das sind diese kleinen Begegnungen am Weg, die eine Reise so besonders machen.
Als uns Regen überrascht, finden wir Unterschlupf unter dem Vordach einer geschlossenen Hütte und warten das Ende des Schauers ab. Wir werden von Kühen bedrängt, die ebenso unter dem Vordach Schutz suchen wollen.
Auf dem nächsten Abschnitt werde ich von Sam und Matt, zwei Thruhikern aus Neuseeland, eingeholt. Sie gehen in einem flotten Tempo, und ich beschließe, mich einfach hinter sie zu hängen.
Es ist angenehm, ihnen zu folgen. Ich kann meine Energie ganz auf das Gehen konzentrieren, statt ständig auf die Navigation achten zu müssen. Schritt für Schritt geht es weiter durch die Berge.
Am Nachmittag zieht Regen auf, und auch ein Gewitter ist angekündigt. Die Wolken werden dunkler, die Luft schwerer. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir das Refuge de Chésery und finden dort Schutz vor dem Unwetter.
Da der Regen nicht nachlässt und das Gewitter länger anhält, beschließen wir schließlich, hier zu bleiben und zu übernachten.

Am folgenden Tag stellt sich mir die Frage: Soll ich mit Sam und Matt den schwierigen Weg versuchen oder eine Abkürzung nehmen, um die steilsten und gefährlichsten Passagen zu vermeiden? Ich entscheide mich bewusst dafür, auf dem Hexatrek zu bleiben und nehme die Herausforderung der Cheval Blance an – einem anspruchsvollen Abschnitt, der nicht nur physische, sondern auch mentale Stärke erfordert.
Die Cheval Blance ist bekannt für ihre ausgesetzten Stellen, steilen Anstiege und technisch anspruchsvollen Passagen. Um es klarzustellen, wir reden hier vom Weitwandern und nicht vom Klettern, allerdings reicht das schon für mich, wenn die Hände des öfteren zu gebrauchen sind. Schon beim ersten Blick auf den felsigen Grat wird mir klar, dass dies keine einfache Etappe wird. Der Trail ist oft schmal, und ein falscher Schritt könnte fatale Folgen haben.
Die größte Frage ist für mich, wie werde ich all das Wahrnehmen? Diese Gedanken begleiten mich während des gesamten Aufstiegs. Sam und Matt, die sicher und zielstrebig vorgehen, geben mir das Selbstvertrauen, mich auf diesem schwierigen Weg zu bewegen.
Die steilen Passagen sind besonders fordernd. Die Hände kommen oft zum Einsatz, um den Fels zu greifen und mich sicher weiterzubewegen. An manchen Stellen führt der Pfad so nah an den Rand, dass der Abgrund tief unter mir zu sehen ist. Hier hilft es mich voll und ganz auf die Bewegungen und Schritte der Neuseeländer zu konzentrieren, die mir als erfahrene Thruhiker Sicherheit geben.
Diese Etappe verlangt mir mental alles ab. Vor allem die ausgesetzten Stellen fordern höchste Konzentration. Hier gibt es keinen Spielraum für Fehler. Jeder Schritt muss sitzen.
Es ist nicht nur die körperliche Anstrengung, die mich fordert. Es ist auch diese ständige Präsenz der Angst vor einem Sturz. Eine Angst, die immer wieder auftaucht – und die ich Schritt für Schritt überwinden möchte.
Der Blick geht nach vorne, der nächste Tritt wird gesetzt, dann der nächste. So arbeite ich mich weiter über den Grat.
Wenn ich daran denke, dass ich noch vor zwei Jahren selbst auf manchen Brücken große Probleme hatte, wird mir erst bewusst, welchen Weg ich seitdem gegangen bin. Genau für solche Momente bin ich hier unterwegs, speziell beim Walkabout oder am JOGLE?
Rückblickend wird mir erst langsam bewusst, was die Überquerung der Cheval Blanche für mich bedeutet hat. Sie war einer der intensivsten Momente meiner Reise – vielleicht sogar der Höhepunkt seit meiner Rehabilitation.
Noch vor zwei Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Der Gedanke an schwankende Brücken, an schmale, ausgesetzte Grate und an diese schwindelerregenden Tiefblicke hätte mich damals wohl umkehren lassen. Zu groß war die Unsicherheit. Zu wenig das Vertrauen in meinen eigenen Körper. Doch genau diese Wahrnehmung, dieses Gefühl für Gleichgewicht und Raum, versuche ich seit vielen Jahren wiederzugewinnen.
Hier, mitten in den Alpen, habe ich mich dieser Herausforderung gestellt. Schritt für Schritt. Und ich habe sie gemeistert.
Im Moment selbst spüre ich das kaum. Die Anspannung ist zu groß. Der Weg verlangt meine ganze Aufmerksamkeit. Erst Tage später beginnt mir bewusst zu werden, was da eigentlich geschehen ist. Denn auch die kommenden Etappen verlangen weiterhin Konzentration – es warten noch einige schwierige Passagen auf mich.
So ist es oft auf diesem Weg: Während ich gehe, denke ich kaum darüber nach. Ich gehe einfach weiter. Und erst später erkenne ich, wie weit mich diese Schritte eigentlich gebracht haben.
Die Überquerung der Cheval Blanche ist für mich nicht nur der physische Höhepunkt dieser Wanderung, sondern auch ein emotionaler Meilenstein.
Noch vor zwei Jahren hätte mich allein der Gedanke an solche Passagen vor beinahe unlösbare Probleme gestellt.
Ich erinnere mich gut an das Jahr 2021, beim Walkabout durch Austria. Am Arlberg wäre ich beinahe gescheitert. Links vom Wanderweg fiel das Gelände steil zum Bach hinunter. Dieser Anblick war für mein Gehirn kaum zu verarbeiten. Der Blick in die Tiefe brachte alles ins Schwanken, und ich musste immer wieder die Augen schließen, um nicht schwindlig zu werden.
Auch Brücken, egal ob klein oder groß, bereiten mir bis heute Schwierigkeiten. Das leichte Schwanken, kombiniert mit den oft tiefen Abgründen darunter, bringt mich manchmal zum Innehalten. Dann stehe ich kurz still, sammle mich wieder und gehe erst weiter, wenn der Kopf bereit ist.
Und doch hat sich in den letzten acht Jahren unglaublich viel verändert. Durch unzählige Schritte, durch Geduld und kontinuierliche Rehabilitation habe ich gelernt, mit diesen Situationen immer besser umzugehen. Vieles, was früher kaum möglich war, gelingt heute wieder.
Ganz verschwunden ist diese Unsicherheit jedoch nicht. Sie kann jederzeit wieder auftauchen. Aber heute weiß ich: Auch dann kann ich weitergehen – Schritt für Schritt

Dank der Unterstützung von Sam und Matt und auch durch meine eigene, manchmal fast sture Willenskraft, ist etwas Wirklichkeit geworden, das lange Zeit unerreichbar schien. Die Besteigung der Cheval Blanche wurde zum krönenden Höhepunkt meiner bisherigen Reise durch die Alpen.
Eine Reise, die mein Leben verändert hat.
Vor acht Jahren, noch im Krankenhaus, setzte ich mir dieses Ziel. Damals war es kaum mehr als ein Gedanke, ein leiser Wunsch, der irgendwo in der Zukunft lag, so fern und eigentlich kaum zu Erreichen. Heute sind diese Bilder vom Krankenhaus Wirklichkeit geworden.
Dieser Moment erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und mit einer Freude, die sich kaum in Worte fassen lässt. All die Schritte, all die Mühen, all die Zweifel – sie haben mich bis hierher geführt.
Und doch ist da neben dieser Freude auch ein anderer Gedanke, der leise mitschwingt:
Was kommt jetzt?
Wenn ein Ziel, das einen so viele Jahre begleitet hat, plötzlich erreicht ist, entsteht auch ein neuer Raum. Ein Raum voller Fragen. Vielleicht aber auch voller neuer Wege.
Meine Handicaps sind damit nicht verschwunden. Sie begleiten mich weiterhin auf meinem Weg. Und doch hat sich etwas verändert.
Jetzt beginnt eine neue Phase. Eine Phase, in der es darum geht, ein neues Ziel zu finden und ihm eine Richtung zu geben.
Was macht mich wirklich glücklich und erfüllt?
Welche Fähigkeiten möchte ich noch weiterentwickeln?
Welche Ängste möchte ich noch überwinden?
Und welchen Beitrag kann ich zur Welt leisten?
Fragen, die mich in letzter Zeit immer öfter beschäftigen. Denn trotz meiner Behinderungen spüre ich deutlich: Ich möchte noch etwas tun.
Dass ich nicht mehr arbeiten kann, so wie früher, ist mir inzwischen bewusst geworden. Diese Erkenntnis war nicht leicht. Aber sie hat auch etwas geklärt. Jetzt geht es darum, etwas anderes zu finden. Etwas zu schaffen, das zu meinen heutigen Fähigkeiten passt.
Körperlich wird es wohl weiterhin das Weitwandern sein. Das Gehen ist und bleibt meine wichtigste Therapie. Doch auch der Geist möchte beschäftigt werden.
Das Wandern wird in meiner Zukunft eine besondere Rolle spielen. Und ich sehe meine Handicaps heute mit anderen Augen. Vieles hat sich verbessert. Meine Wahrnehmung ist stabiler geworden, sicherer als früher.
Was jedoch bis heute nicht zurückgekehrt ist, ist das automatische Gehen. Trotz der vielen tausend Kilometer funktioniert es nicht so wie früher. Gerade hier, auf dem HexaTrek, merke ich das besonders deutlich.
Die Wege sind oft schwierig – zumindest für mich. Mein Gehirn muss bei jedem einzelnen Schritt aktiv mitarbeiten. Ich denke jeden Tritt bewusst. Jeder Schritt braucht Aufmerksamkeit.
Ein Fehltritt ist keine Option.
Diese ständige Wachsamkeit verlangt eine besondere Form der Achtsamkeit. Der Kopf darf nie abschweifen. Immer wieder prüfe ich: Wo setze ich den Fuß? Wie liegt der Stein? Wie steil fällt der Hang ab?
Die Schwierigkeiten an der Cheval Blanche, wie eigentlich auf dem gesamten HexaTrek, liegen vor allem in den ausgesetzten und steilen Passagen. Für einen erfahrenen Bergsteiger mögen diese Stellen vielleicht harmlos wirken. Mancher würde darüber wohl nur lächeln.
Für mich jedoch ist der HexaTrek eine ultimative Herausforderung.
Von den schwersten Stellen habe ich keine Bilder. Fotografieren war dort für mich schlicht unmöglich.
Ich wollte durch nichts abgelenkt sein. In diesen Momenten zählt nur eines: volle Konzentration. Kein Griff zum Handy, kein kurzer Blick zur Seite.
Also ging ich weiter, Schritt um Schritt. Ganz bei mir, ganz beim Weg. Jeder Tritt musste sitzen.



Meine Dankbarkeit ist groß, diesen Abschnitt überhaupt in Angriff genommen zu haben. Und sie gilt auch Sam und Matt. Ohne sie hätte ich mich wohl nicht getraut, diesen Weg zu gehen.
Auf einem teilweise mit Seilen gesicherten Steig führt der Weg weiter in Richtung Chamonix. Dabei bewege ich mich die meiste Zeit auf etwa 2100 Metern Seehöhe. Die Landschaft ist beeindruckend, doch der Weg verlangt weiterhin Aufmerksamkeit. Schritt für Schritt geht es weiter.
In Chamonix nutze ich die Gelegenheit, mich neu auszurüsten. In einem der vielen Sportgeschäfte kaufe ich mir ein neues T-Shirt und einige Heringe für mein Zelt. Außerdem tausche ich meinen Spirituskocher gegen einen Gaskocher. Mit meiner eingeschränkten Feinmotorik ist dieser doch deutlich einfacher zu bedienen, als mit Spiritus zu kochen.
Am Campingplatz in Le Houches nehme ich mir Zeit für alles, was unterwegs kaputtgegangen ist. Ich repariere meine Ausrüstung und bereite mich auf die kommenden Etappen vor.
Größere Ortschaften werde ich in den nächsten Tagen kaum erreichen. Deshalb muss ich diesmal mehr Lebensmittel mitnehmen und entsprechend mehr Gewicht tragen. Doch auch das gehört zu diesem Weg dazu.
Mit Le Houches verbinde ich besondere Erinnerungen. Im Jahr 2002 war ich schon einmal hier. Damals filmte ich die Radzwillinge auf ihrer Nonstop-Tour von Graz zum Mont Blanc.
Als ich nun wieder durch diese Gegend gehe, kreuze ich sogar den Weg, den wir damals beim Aufstieg auf den Mont Blanc genommen haben. Alte Bilder tauchen auf, Erinnerungen an eine ganz andere Zeit meines Lebens.
Mit diesen Gedanken im Kopf gehe ich weiter. Die nächsten Kilometer gehören teilweise zur Tour du Mont Blanc, und stellenweise verläuft sie auf genau denselben Wegen.
So mischen sich Vergangenheit und Gegenwart. Erinnerungen von damals begleiten meine Schritte von heute.

Schön langsam beginne ich zu realisieren, was ich hier eigentlich geleistet habe. Das Gehen bereitet mir große Freude, und jeden Morgen kann ich es kaum erwarten, wieder auf dem Trail unterwegs zu sein.
Mein Tagesablauf in den Alpen bekommt nach und nach eine Routine. Genau diese Routinen helfen mir sehr. Sie entlasten mein Gehirn, weil nicht mehr alles neu überlegt werden muss. Viele Abläufe passieren immer gleich – und das gibt mir Sicherheit.
Im Moment fühle ich mich wohl. Vieles funktioniert.
An die langen An- und Abstiege gewöhne ich mich immer besser. Mein Körper hat sich angepasst, auch wenn meine Muskelschwäche sich kaum verbessert hat. Gehe ich in die Hocke, kann ich meist nicht mehr alleine aufstehen. Ich brauche etwas, an dem ich mich hochziehen oder festhalten kann.
In Supermärkten sieht das manchmal etwas seltsam aus. Aber das ist einfach so, und ich kann es nicht ändern.
Dafür hat sich etwas anderes deutlich verbessert: mein Atmen. Früher brachte mich schon die kleinste Steigung außer Atem. Heute ist das anders. Ich kann länger und ruhiger gehen, auch wenn der Weg bergauf führt.
Ab jetzt führt mich der Weg immer weiter nach Süden. Schritt für Schritt entferne ich mich vom Mont-Blanc-Gebiet.
Hin und wieder tauchen noch Schneefelder auf. Dort muss ich besonders vorsichtig sein. Das Gehen auf Schnee fällt mir nach wie vor schwer. Der Untergrund gibt nach, jeder Schritt fühlt sich unsicher an, und mein Gleichgewicht wird sofort stärker gefordert.
Eine weitere Schwierigkeit am HexaTrek sind die Wege selbst. Oft sind sie übersät mit Steinen und Felsen. Für viele Wanderer gehört das einfach dazu. Für mich bedeutet es jedoch, dass mein Gehirn bei jedem Schritt aufmerksam bleiben muss.
Jeder Tritt will genau gesetzt sein. Jeder Schritt verlangt Konzentration.
Achtsam jeden Schritt zu setzen, ist hier die wichtigste Voraussetzung. Doch genau das kostet viel Konzentration und Energie. Mein Blick bleibt meist am Boden, beim nächsten Tritt. Einen Ausblick in die Landschaft bekomme ich nur dann, wenn ich bewusst stehen bleibe.
Während des Gehens muss mein Gehirn bei jedem einzelnen Schritt bleiben. Abschweifen ist kaum möglich. Dadurch ist dieser Weg für mich um vieles anstrengender als jeder Camino, den ich bisher gegangen bin.
Eine meiner größten Sorgen war immer, in schwierigem Gelände plötzlich Doppelbilder zu bekommen. Genau das möchte ich vermeiden. Deshalb ist es für mich so wichtig, immer stabiler zu werden. Nicht nur hier in den Bergen, sondern auch später im Alltag – in der Stadt und überall sonst.
Die eigentliche Kunst besteht darin, mich an der Grenze meiner Möglichkeiten zu bewegen, ohne sie zu überschreiten. Und gleichzeitig diese Grenze Schritt für Schritt ein wenig weiter hinauszuschieben.
Am letzten Tag der Nordalpen gehe ich Nachmittags den Col du Galibier hoch. Der genaue Weg der GPS Daten ist nicht anzufinden, so gehe ich die ersten Kilometer die Straße hoch. Es ist ein eigenartiges Gefühl diesen Geschichtsträchtigen Berg zu Fuß zu erklimmen und nicht mit dem Rad. Diese Tage sind geprägt von der Tour de France, denn immer wieder quere ich bekannte Pässe, die ich großteils nur vom Fernsehen kenne.
Nach 5 Kilometern auf der Straße, wechsle ich auf den Bergpfad. Der weitere Aufstieg ist zäh. Ein kaum begangener und noch wenig sichtbarer Weg führt nach oben und oft geht es durch steiles Geröll, wo der Weg überhaupt nicht zu sehen ist. Mit dem Handy navigiere ich mich hier durch, wobei es oft kerzengerade den steilen Hang hoch geht. Den Pass erreiche ich hoch über dem Tunnel und der Straße und klettere vorsichtig über die steilen Schotterwände ab.
Das erste Gasthaus an der Straße hat geschlossen, so mache ich mich auf den Weg ins Tal, wo eine Herberge eingezeichnet ist. Aber auch die ist zu und sogar für immer geschlossen, so bleibt mir nur weiterzugehen in Richtung Col de Lauteret.
Am letzten Tag in den Nordalpen führt mich der Weg am Nachmittag hinauf zum Col du Galibier. Der genaue Verlauf der GPS-Daten ist zunächst nicht zu finden, also gehe ich die ersten Kilometer entlang der Straße nach oben.
Es ist ein eigenartiges Gefühl, diesen geschichtsträchtigen Pass zu Fuß zu erklimmen und nicht mit dem Fahrrad. Gerade hier. Diese Tage sind ohnehin stark von der Tour de France geprägt. Immer wieder überquere ich bekannte Pässe, deren Namen ich bisher vor allem vom Fernsehen kannte.
Nach etwa fünf Kilometern auf der Straße wechsle ich schließlich auf einen Bergpfad. Von hier an wird der Aufstieg zäh. Der Weg ist kaum begangen und oft nur schwer zu erkennen. Immer wieder führt er durch steiles Geröll, manchmal ist überhaupt kein Pfad mehr zu sehen.
Mit Hilfe meines Handys navigiere ich mich langsam nach oben. Dabei geht es stellenweise beinahe kerzengerade den Hang hinauf. Schritt für Schritt arbeite ich mich durch das lose Gelände.
Den Pass erreiche ich schließlich hoch über dem Tunnel und der Straße. Von dort klettere ich vorsichtig über die steilen Schotterhänge wieder nach unten.
Das erste Gasthaus an der Straße hat geschlossen. Also gehe ich weiter ins Tal, wo eine Herberge eingezeichnet ist. Doch auch dort habe ich kein Glück – sie ist ebenfalls geschlossen, und zwar endgültig.
So bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzugehen. Mein Weg führt mich nun in Richtung Col du Lautaret.
Mit dem Erreichen des Col du Lautaret habe ich die Nordalpen geschafft. Ein besonderer Moment auf diesem langen Weg.
Es ist bereits 18 Uhr, als ich oben auf der Passhöhe ankomme. Dort entdecke ich ein offenes Restaurant – ein kleiner Glücksfall nach diesem langen Tag. Ich gönne mir ein warmes Essen und lasse die Anstrengung langsam von mir abfallen.
Danach mache ich mich auf die Suche nach einem Biwakplatz in der Nähe. Ein ruhiger Platz für die Nacht, bevor am nächsten Tag ein neuer Abschnitt dieser Reise beginnt.
Am bisher kältesten Morgen auf dem HexaTrek beginne ich den Abschnitt durch die Südalpen. Der Col du Lautaret, immerhin auf etwa 2050 Metern, bildet die Grenze zwischen den beiden großen Alpenregionen.
Noch liegt vieles im Schatten, als ich mich auf den Weg mache. Die Luft ist frisch und klar. Erst langsam kommt die Sonne über die Berge und begleitet meine ersten Schritte in diesem neuen Abschnitt.
So beginne ich, Schritt für Schritt, meinen Weg durch die Südalpen und am Hexatrek.
Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Die ersten 700 km des Hexatrek in Frankreich liegen hinter mir. Der erste Teil ist somit geschafft, mit den Vogesen und dem Jura.
Ich bin am Genfer See angelangt und jetzt warten die Alpen. Das Schreiben ist sehr anstrengend und mir fehlt die Tastatur, so gibt es nur einen kurzen Überblick.
Die Vogesen sind bereits ein absolutes Highlight meiner Reise. So viel Kultur und so viele Burgruinen wie hier habe ich noch nie erlebt. Obwohl ich eigentlich für mein Gehirn ein Sparprogramm verfolge, tut es unglaublich gut, mich intensiver mit der Geschichte und den Sehenswürdigkeiten dieser Region auseinanderzusetzen. Interessanterweise hatten auch die Habsburger hier ihre Finger im Spiel.
Die Wanderungen führen bergauf und bergab, oft durch dichte Wälder, die einen angenehmen Schutz vor der Sonne bieten. Ich biwakiere fast die ganze Zeit, was bedeutet, dass ich immer genug Wasser für die Nacht dabei haben muss. Dadurch ist mein Rucksack oft ziemlich schwer – meistens um die 10 kg und mehr.
Nach den Vogesen folgt der Fluss Doubs. Der Regenwald Neuseelands wirkt fast wie ein Vergleich in Sachen Schönheit.
Die unzähligen Grüntöne, die das Auge erfreuen, sind wahrhaft heilend. Moose und Flechten hängen von den Bäumen, und man fühlt sich wie in einem verzauberten Land.
Allerdings ist alles stets feucht und nass, besonders am frühen Morgen. Die Wahl des Zeltplatzes ist zwar entscheidend, bietet aber kaum Schutz vor der allgegenwärtigen Feuchtigkeit.

Im Jura entscheide ich mich längere Distanzen zurückzulegen und dafür mehr Wasser zu tragen. Es kommen mindestens 3 Liter zusammen, wodurch sich das Gewicht meines Rucksacks mit der Verpflegung auf über 10 kg erhöht. So viel habe ich seit meinem Hirnabszess kaum noch getragen.
Mit etwa 1600 Metern erreiche ich den höchsten Punkt im Jura. Von hier aus bietet sich eine atemberaubende Aussicht auf den Genfer See und die dahinterliegenden Alpen, mit dem majestätischen Mont Blanc im Hintergrund.
Meine Schuhe haben mittlerweile ihr Limit erreicht, und ich weiß, dass ich vor den Alpen neue brauche. Die Sohle ist stellenweise so dünn, dass sie sich bereits ablöst. Das zusätzliche Gewicht macht sich bemerkbar – sowohl an meinen Füßen als auch an den Schuhen.
Diese letzten acht Jahre, jeder einzelne Jakobsweg, das viele Gehen und das ständige Training für mein Gehirn – ich möchte keines dieser Erlebnisse missen. Manchmal mag mich vielleicht jemand schief anschauen wegen meiner Besessenheit, zu gehen. Doch jeder Schritt war notwendig, um an den Punkt zu kommen, an dem ich heute stehe.
Natürlich spüre ich noch immer die Auswirkungen der Halbseitenlähmung, den verlorenen Automatismus und die Muskelschwäche. Aber mittlerweile habe ich gelernt, damit zu leben. Ich gehe viele Dinge anders an, und oft wundere ich mich selbst, wie ich in vielem auf eine neue Weise funktioniere. Das einzige, was mir bleibt, ist, mich an ein Sprichwort zu halten:
„Es ist, wie es ist, weil es IST – und nicht, weil es gut ist.“
Mein anderes Schicksal, ein Pflegefall zu bleiben, war nur einen winzigen Schritt entfernt. Doch mein unbeugsamer Wille und die klare Entscheidung, zu leben, hielten mich davon ab, auf einen Rollstuhl angewiesen oder gar im Bett liegen zu bleiben.
Allmählich spüre ich wieder, was es heißt zu leben. ❤️🍀🙏

Im nächsten Teil werde ich dann über die Alpen berichten! Bis dahin auf Facebook und neuerdings auch wieder auf Instagram.
https://www.instagram.com/von0auf101
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Vor acht Jahren änderte sich mein Leben schlagartig. Ein Hirnabszess brachte mich an den Rand des Lebens. Plötzlich musste ich alles neu lernen. sprechen, denken, die Bewegung und vor allem, Gehen.
Die Rehabilitation war lang und oft mühsam. aber sie lehrte mich auch, das Leben und jede einzelne Bewegung zu schätzen.
Heute, viele Jahre später, beginnt für mich eine neue Herausforderung. Dieses Abenteuer bringt mich, im Idealfall, 3000 km durch die atemberaubenden Landschaften der Vogesen, der Alpen und Pyrenäen – der Hexatrek, durch Frankreich.
Dieser Weitwanderweg durch Frankreich wurde 2022 gegründet und ich möchte euch einen Einblick in meine Vorbereitung geben, von der Ausrüstung bis zur mentalen Einstellung. Das ist nicht nur eine Reise durch wunderschöne Landschaften, sondern auch ein wichtiger Teil meiner Rehabilitation und meiner persönlichen Entwicklung.

Die Entscheidung den Hexatrek zu wandern, kam mir über Nacht. Nach Jahren intensiver Therapie und vieler kleiner Fortschritte fühle ich mich bereit für ein neues Abenteuer.
Meine bisherigen Caminos und Wanderungen in den letzten Jahren hatten jede ihren eigenen Zweck, so auch diese. Ich leide unter bleibenden Behinderungen, die mein Nervensystem, mein Gleichgewicht und meine Merkfähigkeit beeinträchtigen. Ich versuche was geht, Verbesserungen zu erzielen.
Rehabilitation und Leben unter einen Hut zu bringen, stellt eine enorme Herausforderung dar. Präferiere ich eines, leidet darunter das Andere und ich gerate aus meiner Mitte, daher soll beides sein. Es ist ein langer Prozess, in dem ich langsam Vertrauen in meinen Körper zurückgewinne.
Nicht mehr arbeiten zu können, war für mich eine der größten Herausforderungen. Die Arbeit war für mich nicht nur Beschäftigung, sie war Aufgabe, Struktur, Sinn. Ich habe sie gerne gemacht, mit Hingabe, mit Freude. Und doch musste ich lernen, dass sie nicht alles im Leben ist.
So wie das Gehen für mich eine neue Bedeutung bekommen hat, musste auch die Arbeit ihren Platz neu finden. Früher definierte ich mich über das Tun, über Leistung, über das, was am Ende eines Tages sichtbar war. Seit der Krankheit aber wurde mir bewusst, dass der Wert eines Menschen nicht nur im Arbeiten liegt. Es war ein innerer Wandel, der Zeit brauchte. Ein Loslassen von dem, was einmal selbstverständlich war.
Heute weiß ich: Arbeit ist wichtig, aber sie ist nicht das Leben selbst. Das Leben findet auch im Innehalten statt, im Annehmen, im Sein.

Der Hexatrek – ein noch wenig bekannter Weitwanderweg quer durch Frankreich – ist für mich jetzt genau das Richtige. Er ist nicht nur eine Strecke auf der Landkarte, sondern eine neue Etappe auf meinem Weg. Eine Herausforderung, ja. Aber auch eine Chance.
Eine Chance, meine Fortschritte sichtbar zu machen. Schritt für Schritt. Höhenmeter für Höhenmeter. Was ich mir in den letzten Jahren mühsam erarbeitet habe, darf sich dort bewähren. Auf langen Anstiegen, in einsamen Tälern, auf schmalen Pfaden.
Der Hexatrek fordert. Er verlangt Ausdauer, Konzentration und Vertrauen in den eigenen Körper. Gerade deshalb zieht er mich an. Denn jede Herausforderung ist auch eine Möglichkeit, weiterzugehen – im wahrsten Sinn des Wortes. Meine Fortschritte nicht nur zu bewahren, sondern sie zu festigen.
Das Wandern hat mich auf eine Weise zurück ins Leben geführt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Anfangs war es einfach ein Mittel, um gehen zu lernen, aus dem Haus zu kommen und meinen Körper zu bewegen. Es ist noch immer die beste Rehabilitation - Gehen als Therapie.
Doch bald merkte ich, dass das Wandern viel mehr ist, als nur eine körperliche Betätigung. Es wurde zu einer Therapie für die Seele und einer Möglichkeit, den Geist zu beruhigen und den Kopf freizubekommen.
Mit jedem Schritt den ich mache, fühle ich mich der Natur und mir selbst näher. Die sanften Hügel, die rauschenden Bäche und die weiten Felder – sie alle haben eine beruhigende Wirkung auf mich und therapieren meinen Körper.

Das alles erinnert mich daran, dass das Leben auch außerhalb meiner eigenen vier Wände weitergeht und dass es überall Schönheit und Freude zu finden und erleben gibt. Die Natur ist meine Medizin und mit jedem Weg finde ich mehr und mehr Vertrauen in mich.
Das Wandern bietet mir die Möglichkeit, mich wieder lebendig zu fühlen und das mit oder trotz Behinderung. Ich kann den Alltag hinter mir lassen und lebe im Moment. Diese Präsenz im Hier und Jetzt ist für mich von unschätzbarem Wert und kann ich in der Natur noch besser ausleben.
Noch habe ich Probleme damit, an die Vergangenheit oder in die Zukunft zu denken. Den Moment zu leben, ist für mich die einzige, aber auch die beste Möglichkeit.

Das Wandern rückt die innere Ruhe in den Vordergrund, die sich nur dann einstellt, wenn ich im Einklang mit mir selbst und meiner Umgebung bin.
Durch den Hirnabszess habe ich gelernt, dass das Leben aus vielen kleinen Schritten besteht. Jeder einzelne mag unscheinbar erscheinen, doch in ihrer Gesamtheit ergeben sie einen Weg, der mich weiterbringt.
Manchmal ist es ein steiniger Pfad, manchmal eine sanfte Wiese – jeder Weg kann eine Metapher sein, für den eigenen Weg. Jeder Weg hat seine eigene Schönheit und seinen eigenen Wert. Das Wandern hat mir geholfen, wieder Vertrauen in mich selbst und in das Leben zu finden.
Wandern hat mir gezeigt, dass es immer einen Weg gibt, auch wenn er nicht immer geradeaus führt. Diese Erkenntnis gibt mir Kraft und Zuversicht, auch die Herausforderungen des Alltags zu meistern, so wie ich sie auf meinen Weitwanderwegen meisterte.

Eine so lange Wanderung erfordert eigentlich eine sorgfältige Planung, besonders mit meiner Vorgeschichte. Mein Gehirn lässt aber seit dem Hirnabszess kein detailliertes Planen mehr zu. Die Erfahrung aus den letzten Jahren lässt mich leichter damit umgehen.
Die Entscheidung, es zu versuchen, kam mir erst vor 14 Tagen. Die Hexatrek-App und ein paar YouTube-Videos, in denen Wanderer ihre Tipps und Erfahrungen teilen, haben mir geholfen, mich auf diesen Weg vorzubereiten.
Der Hexatrek ist kaum mit meinen bisherigen Wegen vergleichbar. Die oft große Höhenlage, Ausgesetztheit und das oftmalige Zelten machen es für mich unberechenbar, gleichzeitig aber auch interessant, wie mein Körper reagieren wird. Die optimale Ausrüstung wird eine wichtige Rolle spielen.

Die Wahl der richtigen Ausrüstung ist entscheidend. Ich achte darauf, dass meine Ausrüstung leicht und funktional ist, um meinen Körper nicht unnötig zu belasten. Es geht durch viele verschiedene Höhenlagen und Klimazonen, daher lege ich auf die Ausrüstung einen besonderen Augenmerk.
Das Basisgewicht beträgt 5 kg. Dazu kommen Nahrungsmittel und Wasser, die immer variieren.
Hier eine Liste der wichtigsten Gegenstände, die ich mitnehmen werde:
Zur Ausrüstungsliste auf lighterpack geht's hier.
Ein 3000 km langer Trek erfordert eine gute körperliche Verfassung. In den letzten Monaten, nach der Via de la Plata in Spanien, habe ich mein Training, bzw. meine Rehabilitation intensiviert. Regelmäßige Wanderungen und Gleichgewichtstraining haben meinen Körper auf die bevorstehenden Herausforderungen (hoffentlich) vorbereitet.
Seit meinem Hirnabszess und den folgenden Jahren der Rehabilitation habe ich unermüdlich daran gearbeitet, Kraft und Ausdauer aufzubauen. Allerdings mehr Ausdauer, denn durch die Muskelschwäche bin ich in der Kraft limitiert. Darum werden die vielen langen Anstiege eine Herausforderung.
Im therapeutischen Tanzen konnte ich, wie die Jahre zuvor, interessante neue Aspekte gewinnen, die mir auf diesem Weitwanderweg helfen werden. Ohne die Tanztherapie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.
Es ermöglicht mir, mit diesem Leben immer besser zurechtzukommen und hat mir durch die Pandemie geholfen. Ich lernte unter anderem, mich, mit gestörter Tiefensensibilität und Nervensystem, besser zu bewegen. Keine andere Therapie konnte mir bisher so viel vermitteln.

Es ist mir eine Freude, mich im Tanz selbst wiederzuentdecken. Unter Anleitung meiner Therapeutin Hanna Treu, konnte ich in den letzten Jahren enorme Verbesserungen machen, die mir kaum wer zugetraut hätte.
Diese neu gewonnene Selbstwahrnehmung hat mir eine Lebensqualität beschert, die ich so nicht erwartet habe. Es bleibt ein tägliches Arbeiten an mir.
Für den Hexatrek wird es besonders wichtig sein, mich schrittweise an das Tragen eines schweren Rucksacks zu gewöhnen – soweit es meine Muskelschwäche eben zulässt. In den letzten Jahren war das schlichtweg nicht möglich. Doch auch diesmal werde ich wieder im Leicht- oder Ultraleicht-Modus unterwegs sein. Nur so ist diese Herausforderung für mich überhaupt machbar.
Der Hexatrek ist in sechs Abschnitte unterteilt. Diese führen durch verschiedene Landschaften Frankreichs:
Jeder Abschnitt hat seine eigenen landschaftlichen Highlights und Herausforderungen.
Neben der körperlichen Vorbereitung spielt die mentale Vorbereitung eine entscheidende Rolle für den Ausgang eines solchen Unternehmens. Ich habe zu lernen, mit meinen Ängsten umzugehen und Vertrauen in meine Fähigkeiten zu gewinnen. Meditation und Achtsamkeitstraining helfen mir, inneren Frieden und Klarheit zu finden.
Für mich ist das mentale Training ebenso wichtig wie die körperliche Vorbereitung – gerade mit Blick auf meine gesundheitlichen Herausforderungen. Vor kurzem war ich auf einer Probetour unterwegs, um zu testen, wie ich mit ausgesetzten Stellen zurechtkomme. Es ging auf den Lugauer – ein Berg, der sich als ideales Testgelände erwies.
Vor zwei Jahren stand ich an derselben Stelle und musste damals umkehren. Die Ausgesetztheit hatte mir damals noch starken Drehschwindel bereitet. Diesmal war das Unbehagen zwar noch spürbar, aber ich habe die Passage gemeistert – bergauf wie bergab.
Solche Touren nutze ich, um herauszufinden, wie mein Körper und mein Geist in herausfordernden Situationen reagieren. Schritt für Schritt lerne ich mich neu kennen.








Eine der größten mentalen Hürden ist das Aufbauen und Bewahren von Selbstvertrauen. Seit meinem Hirnabszess habe ich oft Zweifel an meinen Fähigkeiten und meiner Belastbarkeit.
Durch das Wandern habe ich jedoch gelernt, dass ich mehr erreichen kann, als ich oft glaube. Jeder erfolgreich gemeisterte Abschnitt stärkt mein Vertrauen in mich selbst.

Lange Wanderungen erfordern ein hohes Maß an Durchhaltevermögen. Es gibt Tage, an denen ich müde und erschöpft bin. In solchen Momenten ist es wichtig, die innere Stärke zu finden, um weiterzumachen.
Das Wandern hat mich gelehrt, dass es in Ordnung ist, Pausen einzulegen und sich Zeit zu nehmen, um wieder Kraft zu schöpfen. Diese Erkenntnis hilft mir auch im Alltag, Herausforderungen gelassener anzugehen und Rückschläge als Teil des Weges zu akzeptieren.
Eine Wanderung bietet die perfekte Gelegenheit, Achtsamkeit zu üben. Durch die ständige Bewegung in der Natur und das bewusste Erleben der Umgebung kann ich meine Gedanken beruhigen und mich auf den Moment konzentrieren.
Achtsamkeit hilft mir, Stress abzubauen und die Schönheit des Augenblicks zu genießen. Diese Praxis hat auch meine allgemeine Lebensqualität verbessert und mir geholfen, eine positive Einstellung zu bewahren.
Angesichts meiner gesundheitlichen Situation habe ich manchmal mit Ängsten und Unsicherheiten zu kämpfen. Das Wandern lehrt mich, diese Gefühle zu akzeptieren und ihnen nicht die Kontrolle zu überlassen.
Indem ich mich Schritt für Schritt vorwärts bewege, lerne ich, meine Ängste zu überwinden und mich auf das zu konzentrieren, was ich kontrollieren kann. Diese Fähigkeit überträgt sich auch auf andere Bereiche meines Lebens und gibt mir die Kraft, mich neuen Herausforderungen zu stellen.
Ängste treten vor allem in der Stadt auf und überall wo viele Menschen sind. Ich bin dann in einem Daueralarmzustand, aus dem ich kaum raus kann. Diese erhöhte Anspannung ist natürlich nicht gesund.
Ich möchte deshalb einerseits meinen Körper kontrollieren lernen, andererseits, das Gegenteil von Kontrolle, ist Vertrauen. Beim Gehen in der Natur kann ich beides üben und verbinden, Kontrolle und Vertrauen in mich finden. Die richtige Balance zwischen beidem zu finden, ist mir wichtig. Dann wirds auch in der Stadt für mich leichter.

Während des Wanderns finde ich eine innere Ruhe, die ich im Alltag oft vermisse. Die Natur bietet einen Rückzugsort, an dem mein Körper entspannen kann und das Nervensystem beruhigt.
Ich brauchte fast vier Jahre, bis mein Ruhepuls von 85 im Krankenhaus, auf knapp über 50 heute, gesunken ist. Das viele Gehen und Ausdauertraining hat dazu entscheidend beigetragen.
Der Hexatrek wird sicherlich eine der größten Herausforderungen der letzten Jahre und wird weitere wichtige und lohnende Erfahrungen beinhalten. Er wird mir Erfahrungen bringen, die mich im Leben erneut weiter voranbringen werden.
Abenteurer und Entdecker von mir selbst bin ich seit dem Hirnabszess geworden und dazu verhelfen mir meine Reisen und Pilgerwege. Mit der richtigen Vorbereitung und der notwendigen mentalen Stärke bin ich zuversichtlich, dass ich auch dieses Abenteuer erfolgreich meistern und eine Menge dazulernen werde.
Ich freue mich darauf, meine Erfahrungen und Erlebnisse mit euch zu teilen. Bleibt dran für Updates hier im Blog (abonnieren) und auf Facebook. Folgt mir auf diesem spannenden Weg, der wieder ein wichtiger Schritt für mich ins Leben ist. Das Gehen gibt mir Freude und auf diese Art kann ich wieder zu mehr Kontakt zu meinen Mitmenschen kommen.
Es wird nie mehr wie früher sein, aber wichtig ist, dass ich immer einen Sinn im Leben und damit auch Freude daran finde.
Hier geht´s zum Bericht über die Vogesen (Stage 1)
Hier geht´s zum Bericht über die Nordalpen (Stage 2)
Hier geht´s zum Bericht über die Südalpen (Stage 3)
Hier geht´s zum Bericht über Les Gorges, Doubs und Cevennen (Stage 4)
Jetzt online, der 2.Teil meines Interviews für "Menschen im Porträt". Einige Zeit nach dem ersten Interview, habe ich mich nochmals mit Markus Leyacker-Schatzl getroffen, um auf verschiedene Fragen näher einzugehen, was im ersten Teil oft nur angerissen wurde.
Darunter, warum mir der Walkabout durch Österreich so wichtig war, das Pilgern am Jakobsweg, aber auch andere Anekdoten aus sieben Jahre Rehabilitation.

So offen habe ich über meine Krankheit und das danach, noch kaum mit jemandem gesprochen, als mit Markus. Es hat auch lange genug gedauert, bis ich für ein Interview bereit war.
Folgend der neue 2. Teil und darunter nochmals der 1.Teil.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Abenteurer zu sein, begleitet mich schon mein ganzes Leben. Doch der Hirnabszess eröffnete mir eine neue Dimension, mit der Erkenntnis, im Abenteuer das Leben wieder neu zu entdecken, das Abenteuer der Selbstentdeckung.
Mein aktuelles Abenteuer besteht darin, mich selbst zu erforschen und verstehen zu lernen. Denn wenn das Gehirn plötzlich anders funktioniert als die 50 Jahre zuvor, habe ich selbst das Einfachste neu zu entdecken. Diese Reise führte mich zum Pilgern und Weitwandern, was mich zu meinem Ursprung brachte.

Die letzten sieben Jahre fühlten sich oft wie ein endloser Kampf an. Der Weg zur Heilung forderte meine gesamte Kraft und ich war oft am Limit. Es gab Tage, an denen ich nicht wusste, woher ich die Energie nehmen sollte, um weiterzumachen. Doch eines war mir immer klar: Ohne diesen unermüdlichen Einsatz wären die Folgen des Hirnabszesses weitaus gravierender gewesen.
Im Jahr 2017 riet mir eine Ärztin sogar, ich solle zurückschalten, meine Behinderung endlich akzeptieren, denn es wird nicht mehr besser werden, da die neurologischen Defizite zu groß seien. Doch ich weigerte mich, das zu tun.
Diese Worte trafen mich tief, aber sie entfachten ein Feuer in mir. Statt aufzugeben, entschied ich mich, weiterzukämpfen und das Beste aus meiner Situation zu machen, ganz getreu meinem Motto:

Manchmal liegt mein Fokus eben nicht auf vollständiger Heilung, sondern darauf, die Behinderung anzunehmen, mich anzupassen und so ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die Förderung solcher Lebenskompetenzen ist nicht nur gesundheitsfördernd, sondern auch zutiefst heilend. Positive Erfahrungen und gut abgestimmte Maßnahmen sind dabei von entscheidender Bedeutung.
Nicht immer gelingt es mir, manchmal falle ich in eine Phase, wo mir scheinbar nichts gelingt. Dann durchschreite ich ein Tal, wobei ich mir nur bewusst sein muss, dass auf der anderen Seite wieder ein Weg herausführt.

Abenteuer, in all seinen Variationen, bekommt eine ganz neue Bedeutung. Der gezielte Einsatz solcher Erlebnisse, angepasst an den jeweiligen Menschen, kann heilende und gesundheitsfördernde Wirkungen haben.
Eines dieser Abenteuer sind meine oft wochenlangen Weitwanderungen oder Pilgerfahrten, es können aber auch Abenteuer bei mir zu Hause ums Eck sein. So taste ich mich in kleinsten Schritten vorwärts und bin stolz auf mich, wenn ich wieder etwas erreicht habe. Wobei mir immer wieder bewusst wird, der Weg ist das Ziel.
Solche, oft kleine Erfolge, passieren am Weg und es war mir letztens zum Beispiel nicht wichtig, Spanien von Süd nach Nord zu durchqueren. Nur 170 km vor diesem vermeintlichen Ziel, bog ich nach Finesterre ab. Hier wurde es mir so richtig bewusst, der Weg ist das Ziel, nicht ein Ort oder etwas für das Ego.

Eine innere Stimme flüstert mir oft: "Nimm die einfachste Variante!". Aber ich habe gelernt, dass ein freies Leben Disziplin, Aufmerksamkeit und Offenheit erfordert, was nicht immer die einfachste Variante beinhaltet. Meine Wanderungen zeigen mir, wie wahr Friedrich Nietzsches Worte sind: "Wer ein Warum zu ertragen hat, erträgt fast jedes Wie!". Dieser innere Antrieb treibt mich vorwärts, weil ich weiß, was hinter diesem Wie, mich näher zum Warum bringt. Das Wie brauche ich selten zu hinterfragen, kommt aber natürlich auch mal vor.
Das Leben hat das Potenzial, zutiefst sinnvoll zu sein, wenn man > nicht < den Weg des geringsten Widerstandes wählt. Die wahre Herausforderung liegt dann darin, aus meinen Erfahrungen einen Sinn zu ziehen. Denn Abenteuer mache ich für neue Erfahrungen und die sollen einen Sinn beinhalten.
Falle ich zu tief in Gewohnheiten, schränkt es mich in meiner Freiheit und Unabhängigkeit ein. Es ist ein Balanceakt, entlang dieses Grates zu gehen. Mein Gehirn funktioniert zwar leichter mit Gewohnheiten, aber nicht immer ist das gut.

Brauche ich all diesen vermeintlichen Luxus und Komfort? Nein, denn am glücklichsten fühle ich mich im Zelt, auch bei Regen, mit nur 5 kg im Rucksack. Dort habe ich alles, was ich wirklich brauche. Es überkommt mich oft eine tiefe, einfache Glückseligkeit. Es entsteht eine andere Bewusstheit, wenn man sich so reduziert. Durch diese Reduktion lässt es mich das wirklich wesentliche erkennen.
Wenn ich stundenlang durch die Natur gehe, erlebe ich viele Abenteuer, die mir das Wesentliche im Lebens lehrt. Denn Leben lernen, steht für mich in der Rangliste ganz oben. Die Natur spricht oft in Metaphern und lehrt mir Weisheiten, für die ich bereit bin, zuzuhören. Es ist eine Weisheit, die ich in der Stadt nie erfahren könnte.
Seit der Via de la Plata kann ich erstmals seit vielen Jahren, an meinen Haupttraumen arbeiten. Mit Beginn der Pandemie 2020, wurde meine Traumatherapie eingestellt.
Mit dem therapeutischen Tanzen wurden einige Themen bearbeitet. Einigen verweigerte ich mich aber. Seit meiner Rückkehr vom Camino habe ich die Kraft, mich diesen Themen zu widmen. Es bleibt mir nicht langweilig!