Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Für viele Pilger endet der Camino in Santiago de Compostela.
Für mich nicht.
Natürlich saß auch ich vor der Kathedrale, holte mir die Compostela und erledigte das, was man dort eben erledigt. Doch nach den vielen Tagen auf dem Camino Norte und dem Camino Primitivo fühlte sich Santiago für mich fremd an. Die vielen Menschen, die Geräusche und die Unruhe überforderten mich mehr, als ich erwartet hatte.
Deshalb machte ich mich noch am selben Vormittag wieder auf den Weg.
Mein Ziel war Negreira, die erste größere Station am Camino Finisterre.
Kaum hatte ich die Stadt verlassen und die ersten Wälder erreicht, veränderte sich alles.
Noch einmal konnte ich zurückblicken. In der Ferne war die Kathedrale von Santiago zu sehen. Ein schöner Anblick.
Dann verschwand sie hinter den Bäumen.
Und damit war Santiago für mich auch schon wieder vorbei.
Vor mir lagen noch viele Tage, und vor allem viel Zeit.
Schon vor der Reise hatte ich für den Abschnitt nach Muxía und Finisterre bewusst mehr Zeit eingeplant.
Für die rund 220 Kilometer am Camino Finisterre und bis zurück nach Santiago hatte ich beinahe so viele Tage wie für die ersten 700 Kilometer.
Nicht weil ich langsamer geworden wäre, sondern weil ich spürte, dass ich diese Zeit brauchen würde.
Die vergangenen Wochen hatten viel in mir bewegt.
Der Camino Norte und der Camino Primitivo hatten mir gezeigt, warum das Gehen für mich so wichtig geworden ist.
Nun wollte ich all das ein wenig sacken lassen.
Nicht grübeln. Nicht analysieren.
Einfach Zeit haben.
Zeit zum Schreiben. Zeit zum Schauen. Zeit zum Nachdenken, wenn ein Gedanke auftauchte. Und Zeit, ihn wieder ziehen zu lassen.
Denn viele Erkenntnisse kommen nicht während des Gehens, sondern erst danach.
Der Weg nach Muxía führte durch das grüne Galicien, das ich so sehr schätze.
Wälder. Kleine Dörfer. Schmale Wege.
Und irgendwann dann der erste Blick auf das Meer.
Blauer Himmel. Blaues Wasser. Weite.
Nach den Bergen des Primitivo war das wieder ein völlig anderes Bild.
Ich ging die letzten Kilometer nach Muxía langsam. Fast absichtlich langsam. Nicht weil ich müde gewesen wäre, sondern weil es keinen Grund gab, sich zu beeilen.
In Muxía übernachtete ich in der öffentlichen Herberge. Da diese erst am frühen Nachmittag öffnete, ging ich zunächst hinunter zum Heiligtum am Meer.
Natürlich machte ich die üblichen Fotos. Doch viel wichtiger war mir der Blick hinaus auf den Atlantik. Die Weite. Die Ruhe. Das Rauschen der Wellen.
Große Emotionen spürte ich auch hier nicht.
Eher Zufriedenheit. Eine ruhige Form des Ankommens.
Nach Santiago hatte sich etwas verändert.
Nicht die Landschaft. Nicht die Wege. Sondern mein Blick darauf.
Nach dem Hirnabszess musste ich vieles neu lernen.
Bewegungen. Vertrauen. Den Umgang mit meinem veränderten Gehirn.
Ich musste verstehen, warum mich Städte oft überfordern, besonders diesmal.
Warum ich mich in der Natur so viel wohler fühle. Warum ich stundenlang durch einen Wald gehen kann, während mich eine belebte Fußgängerzone nach kurzer Zeit erschöpft.
Lange glaubte ich, ich müsste mich daran gewöhnen. An die Menschenmengen, an die Geräusche, an den Trubel.
Ich versuchte immer wieder, mich bewusst solchen Situationen auszusetzen.
Irgendwann wurde mir jedoch klar, dass es nicht darum geht, etwas zu erzwingen. Nach dem Hirnabszess funktioniert mein Gehirn anders als früher. Das musste ich erst akzeptieren.
Heute versuche ich nicht mehr, mich unbedingt an Städte und die Unruhe zu gewöhnen. Stattdessen habe ich gelernt, auf das zu hören, was mir guttut.
Und das finde ich meist draußen in der Natur. Auf den Wegen. In den Wäldern.
Auch das war eine Form des Entdeckens.
Die ersten 700 Kilometer war ich vor allem im Gehen. Tag für Tag. Schritt für Schritt. Ganz in meinem Rhythmus.
Jetzt begann ich langsam zu verarbeiten, was diese Zeit eigentlich mit mir gemacht hatte.
Viele Erkenntnisse kamen nicht auf dem Weg, sondern während ich auf das Meer schaute. Während ich schrieb. Während ich durch Finisterre spazierte. Oder einfach in einem Café saß.
Immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage: Warum ist das Gehen für mich eigentlich so wichtig geworden?
Und damit verbunden eine andere: Muss ich wirklich jeden Tag vierzig oder fünfzig Kilometer gehen?
Oder geht es um etwas anderes?
Vielleicht nicht um die Kilometer, sondern um die Zeit draußen.
Um die Bewegung, um die Ruhe, um den Rhythmus.
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass mich nicht die Distanz glücklich macht.
Die Kilometer sind oft nur das Ergebnis, nicht das Ziel.
Gleichzeitig tauchte immer wieder eine Frage auf, die mich wohl noch länger begleiten wird:
Was passiert eines Tages, wenn ich nicht mehr so viel gehen kann?
Oder vielleicht gar nicht mehr?
Nach dem Hirnabszess weiß ich, dass solche Gedanken keine Theorie sind. Ich habe erlebt, wie schnell sich ein Leben verändern kann.
Vielleicht denke ich deshalb öfter darüber nach als andere Menschen.
Nicht aus Angst, sondern aus Erfahrung.
Vielleicht waren die Tage zwischen Muxía, Finisterre und dem Rückweg nach Santiago deshalb so wertvoll für mich.
Nicht weil dort das Ende der Welt liegt.
Sondern weil ich dort erstmals Zeit hatte, all das zu verstehen, was die ersten 700 Kilometer in mir ausgelöst hatten.
Es geht nämlich nicht um Gehen, sondern um in Bewegung bleiben.
Auf dem Camino Finisterre beschäftigte mich noch ein anderer Gedanke.
Vor einigen Jahren war ich auf der Via de la Plata unterwegs. Damals wollte ich ursprünglich bis zum nördlichsten Punkt Spaniens gehen. Kurz vor Santiago entschied ich mich anders.
Ich bog nach Finisterre ab. Im Nachhinein war das eine wichtige Entscheidung. Denn damals merkte ich, dass dieser Wunsch vor allem aus meinem Ego kam.
Ich wollte einen Punkt erreichen. Etwas schaffen. Etwas abhaken.
Diesmal stellte sich eine ähnliche Frage.
Warum wollte ich unbedingt den westlichsten Punkt Spaniens besuchen?
War das wieder mein Ego oder etwas anderes?
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass es diesmal nicht um den Punkt auf der Landkarte ging. Sondern um den Weg dorthin.
Ich verließ den bekannten Camino und stellte mir meine eigene Route zusammen. Plötzlich war da wieder dieses Gefühl des Entdeckens.
Nicht zu wissen, was hinter der nächsten Kurve kommt. Nicht genau zu wissen, wie der Weg verlaufen würde.
Und genau das machte den Reiz aus.
Nicht der westlichste Punkt Spaniens, sondern das Abenteuer eines neuen Weges.

Schon als Kind wollte ich Entdecker werden. Damals dachte ich an ferne Länder und Abenteuer. Heute sieht dieses Entdecken anders aus.
Ich entdecke Wege. Landschaften. Gedanken. Und manchmal entdecke ich auch mich selbst.
Vielleicht ist genau diese Neugierde etwas, das ich niemals verlieren möchte.
Die Neugierde auf das Leben. Die Neugierde auf neue Wege. Auf neue Erfahrungen. Auf neue Gedanken.
Denn hätte ich diese Neugierde verloren, dann wäre für mich etwas Wesentliches verloren gegangen.
Vielleicht sogar ein Teil dessen, was meinem Leben Sinn gibt.
Auf dem Weg zum westlichsten Punkt Spaniens traf ich eine 68-jährige Amerikanerin.
Sie war mit Zelt unterwegs und wanderte direkt entlang der Küste.
Ihr Rucksack war riesig. Fast so groß wie sie selbst. Wir kamen ins Gespräch, mitten auf der Straße ans Kap Touriñán.
Sie erzählte mir von der vergangenen Nacht.
Es hatte stark geregnet. So stark, dass rund um ihr Zelt und sogar drinnen alles unter Wasser gestanden war.
Nun genoss sie die ersten Sonnenstrahlen des Tages.
Zunächst hielt sie mich für einen Tageswanderer. Mein Rucksack war klein.
Erst als ich erzählte, dass ich bereits seit vielen Wochen unterwegs war und von Bilbao bis hierher zu Fuß gegangen war, wurde sie neugierig.
Besonders erstaunte sie meine Ausrüstung.
Ich hatte keinen großen Trekkingrucksack. Kein Zelt. Und war dennoch für Übernachtungen im Freien vorbereitet.
Mit Biwaksack. Isomatte. Eine Daunenjacke. Und dem Nötigsten für unterwegs.
Mein gesamter Rucksack wog mit Wasser und Essen selten mehr als fünf Kilogramm.
Ihrer vermutlich das Dreifache.
Mehrmals betrachtete sie meinen Rucksack und meinte lachend, dass sie ihre Ausrüstung wohl noch einmal überdenken müsse.
Nach etwa einer halben Stunde trennten sich unsere Wege wieder.
Wie so oft auf dem Camino.
Doch die Begegnung blieb mir in Erinnerung.
In Finisterre nahm ich mir erstmals bewusst Zeit. Drei Tage blieb ich dort.
Ich ging hinaus zum Kap. Schaute auf den Atlantik. Verfolgte die Sonnenuntergänge. Saß in Cafés. Schrieb. Spazierte durch den Ort.
Und tat vor allem eines:
Nicht viel.
Aber diesmal war das nicht wichtig.
Es ging nicht ums Weiterkommen. Nicht um die nächste Herberge. Nicht um die nächste Etappe.
Sondern einfach darum, dort zu sein.
Das tat mir gut.
Dass ich anschließend wieder nach Santiago zurückging, hatte mehrere Gründe.
Zum einen gefiel mir der Gedanke.
Früher endeten Pilgerwege nicht in Santiago.
Die Menschen gingen anschließend wieder nach Hause.
Zu Fuß.

Natürlich waren meine wenigen Tage zurück nach Santiago nicht mit den Rückwegen der mittelalterlichen Pilger vergleichbar.
Und trotzdem mochte ich diesen Gedanken. Der Camino war für mich noch nicht ganz zu Ende.
Ein weiterer Grund war die Sonne.
Von Bilbao bis Finisterre hatte ich sie fast immer im Rücken oder seitlich neben mir. Über viele Wochen war ich Richtung Westen gegangen.
Nun drehte ich um.
Und ging der Sonne entgegen.
Es klingt nach einer Kleinigkeit.
Doch wenn man viele Stunden am Tag unterwegs ist, verändert das die Wahrnehmung.
Die Schatten lagen anders. Die Landschaft wirkte anders. Selbst bekannte Wege bekamen eine neue Wirkung.
Ich ging nicht denselben Weg zurück.
Ich sah denselben Weg aus einer anderen Perspektive.
Nach drei ruhigen Tagen in Finisterre machte ich mich langsam auf den Rückweg nach Santiago.
Die erste Etappe führte mich nur etwa fünfzehn Kilometer weit zu einer kleinen Donativo-Herberge.
Einer jener Orte, die vom Engagement der Menschen leben und oft eine besondere Atmosphäre haben.
Auch dieser Aufenthalt blieb mir in guter Erinnerung.
Auf dem weiteren Weg fiel mir etwas auf. Plötzlich kamen mir ständig Menschen entgegen. Die meisten Pilger gehen nach Finisterre und fahren anschließend mit dem Bus zurück.
Ich war einer der wenigen, die wieder nach Santiago gingen.
Dadurch begegnete ich den ganzen Tag Menschen, die Richtung Meer gingen.
Immer wieder.
Und irgendwann wurde selbst das Grüßen anstrengend.
Viele waren Touristen, viele Spanier. Viele grüßten überhaupt nicht zurück.
Oft war gar nicht klar, wer Pilger und wer Urlauber war.
Ich ertappte mich dabei, wie ich irgendwann nur noch jene grüßte, die offensichtlich schon länger unterwegs waren.
Vielleicht war das ein Zeichen dafür, wie sehr ich mich an die Ruhe der vergangenen Wochen gewöhnt hatte.
An das Alleinsein. An die stillen Stunden auf den Wegen.
Als ich schließlich wieder Santiago erreichte, fühlte es sich anders an als einige Tage zuvor.
Ruhiger.
Leichter.
Abgeschlossener.
Nicht weil ich angekommen war. Sondern weil ich unterwegs Zeit gehabt habe.
Der Camino Norte hatte mich zurück auf den Weg gebracht.
Der Camino Primitivo zurück zu meinem Rhythmus.
Und irgendwo zwischen Muxía, Finisterre und dem Atlantik begann ich zu verstehen, warum das Gehen für mich überhaupt so wichtig geworden ist.
Vielleicht war genau das das eigentliche Geschenk dieser letzten Tage.
Nicht das Ende der Welt. Nicht das Meer. Nicht die Kilometer.
Sondern die Zeit.
Die Zeit, all das zu begreifen, was die ersten 700 Kilometer in mir ausgelöst hatten.

Denn das Wandern wie das Leben stehen für Wandel. Vieles von dem, was ich heute über mich weiß, habe ich nicht in Büchern gelernt, sondern auf den Wegen. Vielleicht war es deshalb so wichtig, dass der Camino für mich nicht in Santiago endete.
Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass ich noch immer neugierig bin.
Auf neue Wege. Auf neue Erfahrungen. Und auf das Leben selbst.
Mein Camino Norte/Primitivo/Finisterre in vier Teilen:
Zwischen Gehen und Nichtgehen – 900 Kilometer am Camino Primitivo
Camino Finisterre / siehe oben
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Als ich schließlich Oviedo erreichte, den eigentlichen Startpunkt meines Camino Primitivo, war es bereits früher Abend.
Hinter mir lagen mehr als 370 Kilometer am Camino Norte. Eigentlich hätte mein Camino hier erst beginnen sollen. Zumindest laut ursprünglichem Plan. Doch mittlerweile war ich schon viele Tage unterwegs und spürte, wie gut mir das Gehen tat.
Gleichzeitig merkte ich aber auch, dass mir die Stadt nicht guttat.
Seit dem Hirnabszess fehlen mir jene Filter, mit denen andere Menschen Reize ausblenden können. Menschen, Geräusche, Bewegungen und Eindrücke prasseln oft ungefiltert auf mich ein. Mal stärker, mal schwächer.
Vielleicht treffe ich deshalb manche Entscheidungen sehr kurzfristig. Nicht weil ich sprunghaft bin, sondern weil ich oft erst im Moment spüre, was mir guttut und was nicht.
Nach vielen Tagen auf Wegen, durch Wälder und über Hügel zog es mich nicht in Straßen, Geschäfte oder Sehenswürdigkeiten. Ich wollte eigentlich nur noch meine Ruhe haben.
In der öffentlichen Herberge wartete zunächst eine kleine Geduldsprobe. Obwohl nur wenige Pilger vor mir standen, dauerte das Einchecken beinahe eine Stunde. Der Hospitalero war freundlich, aber alles lief in einem erstaunlich langsamen Tempo ab. Informationen wurden immer wieder neu erklärt, Dokumente mehrfach kontrolliert und jeder einzelne Schritt schien länger zu dauern als nötig.

Nach fast fünfzig Kilometern kann eine Stunde Warten erstaunlich lang werden.
Irgendwann erhielt ich mein Bett, zog mich zurück und freute mich auf den nächsten Morgen.
Denn am nächsten Tag würde der Camino Primitivo beginnen.
Jener Weg, auf den ich mich schon lange gefreut hatte.
Wie meistens war ich früh unterwegs.
Sehr früh.
Zum Frühstück hatte ich nicht mehr viel. Deshalb hoffte ich darauf, unterwegs eine offene Bar zu finden.
Als ich die Herberge verließ, war es noch dunkel.

Eigentlich hätte das der große Moment sein können.
Der erste Morgen am Camino Primitivo.
Doch die Realität sah etwas anders aus.
Die ersten Kilometer durch Oviedo waren überraschend anspruchsvoll. Nicht wegen der Strecke, sondern wegen der Orientierung. Ich hatte genug damit zu tun, den richtigen Weg aus der Stadt zu finden.
Dadurch blieb wenig Raum für große Gedanken.
Der Übergang vom Camino Norte zum Camino Primitivo verlief deshalb erstaunlich unspektakulär.


Erst kurz vor dem Stadtrand fand ich eine offene Bar. Dort gönnte ich mir ein Frühstück. Als ich wenig später Oviedo hinter mir ließ, war es bereits hell.
Eigentlich war Oviedo eine jener Städte gewesen, die ich schon lange einmal besuchen wollte.
Trotzdem hatte ich mich bewusst dagegen entschieden.
Städte überfordern mich oft.
Viele Menschen, viele Reize, viel Bewegung auf engem Raum kosten mich deutlich mehr Energie als lange Stunden allein auf einem Weg.
Während andere vielleicht einen zusätzlichen Tag geblieben wären, freute ich mich vor allem darauf, wieder draußen unterwegs zu sein.
Dort, wo es ruhiger wurde.
Dort, wo der Weg begann.
Das eigentliche Gefühl, am Camino Primitivo angekommen zu sein, stellte sich erst etwas später ein.
Irgendwann verließ der Weg die breiteren Abschnitte und führte auf schmale Waldpfade.
Singletrails.
Wald.
Hügel.
Natur.
Plötzlich hatte ich das Gefühl:
Ja.
Genau so hatte ich mir den Camino Primitivo vorgestellt.
Der Unterschied zum Norte wurde schnell spürbar.
Weniger Asphalt.
Mehr Wald.
Mehr Wege.
Mehr Natur.
Dazu kamen die Morgenstunden.
Oft lagen Nebelschwaden zwischen den Bäumen. Nach regnerischen Nächten hing die Feuchtigkeit noch in der Luft. Manchmal schien bereits die Sonne durch den Nebel hindurch.
Es wirkte beinahe gespenstisch.
Und gleichzeitig wunderschön.
Besonders fiel mir die Stille auf.
Am Camino Norte war oft irgendwo die Autobahn hörbar gewesen.
Hier hörte ich plötzlich Vögel.
Wind.
Und manchmal gar nichts.
Genau das hatte ich gesucht.
Mit der Zeit stellte sich ein ganz eigener Rhythmus ein.
Fast jeder Tag begann gleich.
Ich stand früh auf.
Sehr früh.
Wenn andere noch schliefen oder gerade ihre Rucksäcke packten, war ich meist schon unterwegs.
Dabei war mir eines wichtig:
Ich wollte niemanden stören.
Wer schon einmal in einer Pilgerherberge geschlafen hat, kennt das Problem. Manche stehen lange vor Sonnenaufgang auf und beginnen dann mitten im Schlafsaal ihre Ausrüstung zu sortieren. Raschelnde Plastiksäcke, Reißverschlüsse, Stirnlampen und das unvermeidliche Kramen im Rucksack können einen ganzen Raum aufwecken.
Genau das wollte ich vermeiden.
Deshalb packte ich meinen Rucksack bereits am Abend fast vollständig.
Alles hatte seinen Platz.
Bis auf den Schlafsack und die Kleidung für den Tag war bereits alles verstaut.
Wenn ich morgens aufwachte, musste ich nur noch meinen Schlafsack zusammennehmen, den Rucksack schultern und den Schlafraum verlassen.
Das dauerte oft keine Minute.
Draußen suchte ich mir dann einen Platz in einem Aufenthaltsraum, unter einem Vordach oder irgendwo vor der Herberge.
Erst dort packte ich meinen Schlafsack ein, zog mich fertig an und bereitete mich auf den Tag vor.
Dadurch konnte ich früh losgehen, ohne andere Pilger aus dem Schlaf zu reißen.
Und gleichzeitig begann mein Tag genau so, wie ich es mochte:
Ruhig.
Ohne Hektik.
Ohne Lärm.
Oft ging ich noch eine halbe Stunde oder länger in völliger Dunkelheit.
Dadurch gehörten mir die ersten Stunden des Tages fast immer allein.
Kein Gedränge.
Keine Gespräche.
Keine Hektik.
Nur der Weg.
Die Wälder.
Die Vögel.
Und das langsame Erwachen des Tages.
Diesmal war ich nicht nach Spanien gekommen, um möglichst viele Menschen kennenzulernen.
Ich wollte etwas anderes.
Ruhe.
Nach den vergangenen Monaten hatte ich das Gefühl, genau das zu brauchen.
Weniger Reize.
Weniger Ablenkung.
Weniger Lärm.
Der Camino Primitivo schien mir genau das zu geben.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass der Camino Primitivo deutlich ruhiger sein würde als der Norte.
Diese Hoffnung erfüllte sich nur teilweise.
Die Herbergen waren oft voll.
Manche sogar überfüllt.
Immer wieder musste ich überlegen, ob ich reservieren sollte.
Etwas, das ich bis heute nicht besonders gerne tue.
Und trotzdem erlebte ich den Camino als erstaunlich einsam.
Im Rückblick wurde mir klar:
Der Camino war gar nicht besonders einsam.
Die Herbergen waren voll.
Viele Menschen waren unterwegs.
Reservierungen wurden oft notwendig.
Und trotzdem verbrachte ich die meiste Zeit allein.
Nicht weil der Camino leer gewesen wäre.
Sondern weil mein Rhythmus ein anderer war.
Wenn andere noch schliefen, war ich bereits unterwegs.
Wenn viele ihre Tagesetappe beendet hatten, ging ich oft noch weiter.
Dadurch bewegte ich mich zeitlich irgendwie zwischen den Pilgerströmen.
Vielleicht war der Camino deshalb für mich so ruhig.
Nicht weil wenige Menschen dort waren.
Sondern weil ich zu einer anderen Zeit unterwegs war als die meisten anderen.
Mir ist bewusst, dass viele meiner Entscheidungen für andere schwer nachvollziehbar sind.
Warum ich oft vierzig oder fünfzig Kilometer gehe.
Warum ich weitergehe, obwohl ich auch früher aufhören könnte.
Warum ich Städte wieder verlasse.
Warum ich lieber stundenlang durch einen Wald gehe, als einen Nachmittag in einer belebten Altstadt zu verbringen.
Seit meinem Hirnabszess habe ich gelernt, genauer auf mich zu hören.
Nicht auf das, was man tun sollte.
Sondern auf das, was ich brauche.
Und dabei habe ich festgestellt, dass meine Antworten oft anders ausfallen als die vieler anderer Menschen.
Der Weg gibt mir Energie.
Menschenmengen kosten mich oft Energie.
Ruhe gibt mir mehr als Unterhaltung.
Weitergehen fühlt sich oft richtiger an als Bleiben.
Vielleicht war der Camino Primitivo deshalb genau der richtige Weg zur richtigen Zeit.
In den letzten Monaten wurde mir immer klarer, dass Bewegung für mich weit mehr ist als Sport.
Es geht nicht um Leistung.
Nicht um Trainingspläne.
Nicht um Rekorde.
Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres.
Es geht darum, ein Leben zu erhalten, das ich heute noch führen kann.
Vielleicht fällt es vielen Menschen schwer nachzuvollziehen, warum mir das Gehen so wichtig geworden ist.
Die Antwort liegt wahrscheinlich dort, wo alles begann.
Nach meinem Hirnabszess lag ich gelähmt im Bett.
Meine Arme konnte ich ein wenig bewegen.
Das war alles.
Für vieles andere brauchte ich Hilfe.
Pfleger und Krankenschwestern mussten mich auf die Seite drehen.
Mussten mir helfen, mich zum Essen aufzurichten.
Mussten Dinge für mich übernehmen, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind.
Damals ging es nicht darum, fünfzig Kilometer am Tag zu gehen.
Es ging darum, überhaupt wieder gehen zu können.
Zunächst ein paar Schritte.
Nach 5 Monaten allein aufs WC zu kommen.
Ein Stück Eigenständigkeit zurückzugewinnen.
Von dort komme ich her.
Vielleicht vergesse ich deshalb nie, wie schmal der Grat eigentlich ist.
Viele Menschen erleben ihr heutiges Leben als selbstverständlich.
Ich kann das nicht.
Ich habe erlebt, wie schnell sich alles verändern kann.
Wie schnell Fähigkeiten verloren gehen können.
Wie schnell aus Selbstständigkeit Abhängigkeit werden kann.
Deshalb gehe ich nicht, um jemandem etwas zu beweisen.
Ich gehe nicht, um Rekorde aufzustellen.
Und ich gehe auch nicht, weil mich irgendwelche Kilometerzahlen besonders interessieren.
Ich gehe, weil ich heute noch gehen kann.
Und weil ich weiß, dass niemand garantieren kann, dass das für immer so bleiben wird.
Der Pflegefall fühlt sich für mich oft nicht weit entfernt an.
Vielleicht näher, als viele Menschen es sich vorstellen können.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Erfahrung.
Genau deshalb bedeutet mir jeder Tag, an dem ich unterwegs sein kann, so viel.
Jeder Tag, an dem ich durch einen Wald gehen kann.
Jeder Tag, an dem ich einen Berg hinaufsteigen kann.
Jeder Tag, an dem ich abends müde in einer Herberge ankomme.
Unterwegs spüre ich das besonders deutlich.
Da gehe ich.
Jeden Tag.
Viele Stunden.
Und mit jedem Tag entsteht etwas, das mir im Alltag oft verloren geht.
Ein Rhythmus.
Ein Gleichgewicht.
Ein Gefühl von Stabilität.
Vielleicht gehe ich deshalb so viel.
Nicht um irgendwo anzukommen.
Sondern weil ich dieses Leben, das ich heute führen kann, so lange wie möglich bewahren möchte.
Weil ich weiß, dass nichts davon selbstverständlich ist.
Und weil jeder einzelne Schritt für mich noch immer ein kleines Wunder ist.

Viele Menschen lesen von meinen langen Etappen.
Von vierzig, fünfzig oder mehr Kilometern am Tag.
Und vermutlich entsteht dabei ein bestimmtes Bild.
Dass ich wieder gesund sein muss.
Dass die Geschichte mit dem Hirnabszess zwar schlimm war, aber letztlich überwunden ist.
Dass alles wieder funktioniert.
Doch so einfach ist es nicht.
Meine Behinderungen sieht man nicht.
Man sieht keinen Rollstuhl.
Keine Krücken.
Keinen Gips.
Kein offensichtliches Zeichen.
Man sieht jemanden, der geht.
Und vielleicht sogar jemanden, der sehr weit geht.
Was man nicht sieht, ist alles andere.
Man sieht nicht, wie viel Energie mich manche Situationen kosten.
Man sieht nicht, warum mich Städte oft überfordern.
Man sieht nicht, warum ich Menschenmengen vermeide.
Man sieht nicht, warum ich morgens lieber allein durch einen Wald gehe als durch eine belebte Altstadt.
Man sieht nicht, warum ich nach einer Stunde in einer Menschenmenge oft erschöpfter bin als nach vielen Kilometern auf einem Bergweg.
Und man sieht auch nicht, wie viel Konzentration in manchen Dingen steckt, die für andere selbstverständlich sind.
Vielleicht gehe ich deshalb so viel.
Nicht weil ich gesund bin, sondern weil ich es nicht bin.
Das Gehen ist für mich kein Beweis dafür, dass alles wieder gut geworden ist.
Es ist ein Teil meines Lebens mit den Folgen des Hirnabszesses.
Ein Teil dessen, was mir hilft, selbstständig zu bleiben.
Ein Teil dessen, was mir hilft, mein Gleichgewicht zu halten.
Viele Menschen sehen die fünfzig Kilometer.
Ich sehe den Mann, der einmal gelähmt im Bett lag.
Der seine Arme nur ein wenig bewegen konnte.
Der darauf angewiesen war, dass ihn andere auf die Seite drehten.
Der lernen musste, wieder aufzustehen.
Wieder zu gehen.
Wieder selbstständig zu werden.
Vielleicht wirken vierzig oder fünfzig Kilometer deshalb auf andere Menschen anders als auf mich.
Viele sehen darin Leistung.
Ich sehe darin vor allem die Möglichkeit, etwas zu erhalten, das ich beinahe verloren hätte.
Selbstständigkeit.
Beweglichkeit.
Freiheit.
Vielleicht beschäftigt mich deshalb noch etwas anderes.
Vor wenigen Jahrzehnten hätte ich meinen Hirnabszess vermutlich nicht überlebt.
Heute kann die Medizin vieles möglich machen.
Sie rettet Leben.
Doch die eigentliche Frage beginnt oft erst danach.
Wie lebt man weiter?
Wie findet man seinen Platz wieder?
Wie geht man mit Einschränkungen um, die andere Menschen oft gar nicht sehen?
Ich habe darauf keine allgemeingültige Antwort gefunden.
Aber ich habe für mich einen Weg gefunden.
Ich gehe.
Nicht weil dadurch alles gut wird.
Nicht weil meine Behinderung verschwindet.
Sondern weil ich unterwegs spüre, dass dieses Leben trotz allem lebenswert ist.
Vielleicht suche ich deshalb immer wieder die Weite.
Die langen Wege.
Die Berge.
Nicht um etwas hinter mir zu lassen.
Sondern um dieses Leben, das mir geblieben ist, möglichst bewusst zu leben.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mir diese langen Wege so viel bedeuten.
Nicht weil ich vor etwas davonlaufe.
Nicht weil ich etwas beweisen möchte.
Sondern weil ich jeden Tag, an dem ich noch unterwegs sein kann, als Geschenk empfinde.

Eine Frage bekomme ich immer wieder gestellt:
“Hörst du eigentlich Musik oder Podcasts, wenn du zehn oder zwölf Stunden unterwegs bist?”
Die Antwort lautet:
Nein.
Am gesamten Camino Primitivo und auch sonst nie, habe ich kein einziges Mal Musik gehört.
Keinen Podcast.
Kein Hörbuch.
Keine Kopfhörer.
Interessanterweise war das nicht immer so.
Als ich nach meinem Hirnabszess wieder gehen lernte, hörte ich zeitweise durchaus Musik.
Damals half mir das sogar und war Teil der Therapie.
Ich bin stark im Single-Tasking, Multi-Tasking geht gar nicht.
Meine Aufmerksamkeit lag ständig auf meinen Beinen, auf den Bewegungen und auf jedem einzelnen Schritt.
Die Musik lenkte einen Teil dieser Aufmerksamkeit weg.
Es war der Versuch, dass Gehen mit der Zeit automatischer zu machen.
Heute ist das anders.
Mittlerweile bin ich über 65.000 Kilometer zu Fuß gegangen.
Ich suche diese Ablenkung nicht mehr.
Im Gegenteil.
In der Natur möchte ich die Natur hören.
Den Wind.
Die Vögel.
Den Regen.
Und manchmal einfach die Stille.

Nach vielen ruhigen Tagen kam plötzlich eine Begegnung, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.
Wie meistens war ich früh unterwegs.
Zwischen den Bäumen hingen dichte Nebelschwaden.
Es war starkes Nebelreißen.
Eigentlich regnete es nicht.
Und trotzdem war alles feucht.
Die Luft war nass.
Fast so, als würde man mitten durch eine Wolke gehen.
Nach elf Kilometern erreichte ich ein Dorf und frühstückte dort.
Kaffee.
Toast.
Marmelade.
Mein Standardfrühstück.
Als ich das Dorf verließ, standen vor einer Herberge sechs oder sieben Mountainbiker.
Ich grüßte kurz und ging weiter.
Einige Kilometer später überholten sie mich.
Da bemerkte ich auch, dass es E-Bikes waren.
Mein erster Gedanke:
Die sehe ich jetzt vermutlich nicht mehr wieder.
Doch genau das Gegenteil passierte.
Schon beim nächsten Anstieg holte ich sie wieder ein.
Der Weg wurde steiler.
Felsiger.
Technischer.
Mehrere mussten ihre Räder schieben.
Und plötzlich war ich zu Fuß schneller.
Wir grüßten uns.
Wir lachten.
Dann ging jeder weiter.
Kurz darauf überholten sie mich wieder.
Und so begann ein kleines Spiel, das uns den ganzen Tag begleiten sollte.
Sie überholten mich.
Dann überholte ich sie.
Dann wieder sie mich.
Dann wieder ich sie.
Je öfter das passierte, desto lustiger wurde es.
Als sie mich etwa einen Kilometer vor der Herberge ein letztes Mal überholten, mussten wir alle herzlich lachen.
Fast neun Stunden und 45 km waren vergangen.
Sie auf ihren E-Bikes.
Ich zu Fuß.
Und trotzdem waren wir praktisch gleich schnell gewesen.
Es war einer jener kleinen Camino-Momente, die man nicht planen kann.
Und gerade deshalb bleiben sie in Erinnerung.
Für viele ist es die Königsetappe des Camino Primitivo, die Route de Hospitales.
Und ich wollte sie an einem Tag gehen und die nächste Etappe gleich dazu. 2.000 Höhenmeter im Auf- und im Abstieg.
Bereits am Vorabend hatte ich mich vorbereitet.
Kaffee.
Brot.
Avocado.
Denn ich wusste, dass lange Zeit nichts kommen würde.
Noch im Dunkeln brach ich auf.
Zunächst über Asphalt.
Dann bog der Weg in die Berge ab.
Ich entschied mich bewusst für die direkte Route über die Höhenzüge.
Nicht weil sie schwieriger war.
Sondern weil ich über die Berge gehen wollte.
Je höher ich kam, desto mehr erinnerte mich die Landschaft an Zuhause.
An die Pack und Koralm.
An kleine Almen.
An offene Höhenzüge.
Das Wetter hätte schöner kaum sein können.
Blauer Himmel.
Sonne.
Klare Sicht.
Ein Traumtag.
Besonders beeindruckten mich die verbrannten Wälder.
Soweit der Blick reichte, standen schwarze Baumstämme in der Landschaft.
Zeugen der großen Brände des Vorjahres.
Und gleichzeitig wuchs darunter bereits wieder dichtes Grün.
Zerstörung und Hoffnung lagen unmittelbar nebeneinander.
Oben auf den Höhenzügen öffneten sich weite Ausblicke.
Genau diese Weite tat mir gut.
Von dort oben wirkte vieles ruhiger.
Freier.
Einfacher.
Der höchste Punkt selbst ging beinahe unbemerkt vorbei.
Kein Gipfel.
Kein großer Moment.
Eher ein langgezogenes Plateau.
Irgendwann war ich oben.
Ohne es wirklich zu merken.
Am Abend erreichte ich den Salime-Stausee im strömenden Regen, nach durchgehend 1.000 Höhenmeter Abstieg.
Im nahegelegenen Hotel Las Grandas gönnte ich mir ein Einzelzimmer, dass zum Glück recht günstig war.
Interessanterweise fühlte ich mich gar nicht besonders müde.
Aber kein Stolz und keine großen Emotionen.
Nur das Gefühl, dass mir dieser Tag unglaublich gutgetan hatte.

Nach zwei weiteren Etappen erreichte ich Lugo.
Eigentlich hatte ich darüber nachgedacht, kürzere Etappen zu gehen.
Nicht langsamer.
Einfach weniger weit.
Doch wenn man von früh bis spät gerne unterwegs ist, kommen die Kilometer irgendwann von selbst zusammen.
Lugo war eine Ausnahme.
Nicht weil ich eine Pause brauchte.
Sondern weil mich die Geschichte interessierte.
Ein guter Freund sammelt seit Jahren römische Münzen und hat mir immer wieder Geschichten über Kaiser, Machtkämpfe und die Römerzeit erzählt.
Dadurch wurde Lugo plötzlich interessant.
Augustus.
Hadrian.
Die Stadtmauer.
Die Geschichte.
Also blieb ich einen Tag.
Besuchte das Museum.
Ging auf der berühmten Stadtmauer spazieren.
Und tauchte für einen Tag in die Vergangenheit ein.
Natürlich nahm ich mir wieder ein Einzelzimmer.
Nicht weil ich Menschen nicht mochte.
Sondern weil ich Ruhe brauchte.
Ruhe war auf diesem Camino kein Luxus.
Sie war ein wichtiger Teil dessen, warum mir dieser Weg so guttat.
Nach Lugo veränderte sich der Camino.
Für fast zwanzig Kilometer gab es weder Café noch Herberge.
Nur einen Automaten.
Dort drückte ich mir einen Kaffee heraus und aß dazu meine eigenen Vorräte.
Dazu kam das Wetter.
Immer wieder zogen Regenschauer durch.
Wenn es zu regnen begann, blieb der Schirm oft lange geöffnet.
Dann wurde es wieder trocken.
Dann begann alles von vorne.
Regen.
Sonne.
Wolken.
Wieder Regen.
Fünfzehn Mal.
Vielleicht zwanzig Mal.
Irgendwann hörte ich auf mitzuzählen.
Der Regen war längst Teil des Caminos geworden.
Genau wie die Wälder.
Die Hügel.
Und die langen Tage unterwegs.
Unterwegs spielte ich immer wieder mit verschiedenen Möglichkeiten.
Vielleicht schon früher wo bleiben.
Vielleicht doch bis Melide gehen.
Mit jedem Kilometer wurde jedoch klarer, dass ich weitergehen würde.
Schließlich erreichte ich Melide.
Jenen Ort, an dem der Camino Primitivo auf den Camino Francés trifft.
Damit war auch klar, dass von nun an deutlich mehr Pilger unterwegs sein würden.
Nach Melide veränderte sich die Stimmung am Camino spürbar.
Plötzlich waren deutlich mehr Menschen unterwegs.
Viele davon gingen nur die letzten hundert Kilometer bis Santiago.
Entsprechend voll wirkten die Wege am Morgen.
Noch im Dunkeln verließ ich Melide.
Gleich hinter dem Ort führte der Weg steil bergab.
Schotter.
Einige Felsen.
Nichts Schwieriges.
Trotzdem merkte man sofort, dass viele Pilger erst seit wenigen Tagen unterwegs waren.
Manche hatten nicht einmal eine Stirnlampe dabei und tasteten sich vorsichtig den Hang hinunter.
Nach den vielen Tagen am Primitivo wirkte das fast ungewohnt.
Trotz der vielen Menschen blieb mein eigener Rhythmus erstaunlich unverändert.
Während viele gegen Mittag ihre Tagesetappe beendeten, ging ich meist weiter.
Und so wurde es ab dem frühen Nachmittag wieder ruhig.
Fast so, als würde sich der Camino erneut leeren.
Als ich ankam, war die Herberge zunächst noch geschlossen.
Ein Zettel kündigte an, dass die Hospitalera bald kommen würde.
Also setzte ich mich hin und wartete.
Kurz darauf stürmte eine größere Gruppe herein.
Viel Aufregung.
Viel Telefonieren.
Viel Diskussion.
Als die Hospitalera schließlich aufschloss, drängte sich die Gruppe sofort nach vorne.
Mir war es egal.
Ich wartete einfach.
Nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass sie in der falschen Unterkunft gelandet waren.
Sie hatten reserviert und mussten zu einem anderen Gebäude weiter unten.
Kurz darauf waren sie wieder verschwunden.
Dann war ich an der Reihe.
Die Hospitalera war ausgesprochen freundlich.
Während sie meine Daten aufnahm, öffnete sie eine Schachtel mit Keksen und reichte mir einen davon.
Eine kleine Geste.
Aber genau solche Kleinigkeiten bleiben oft in Erinnerung.
Insgesamt waren wir nur sechs Pilger in einer Herberge für rund vierzig Personen.
Nach all den vollen Herbergen der vergangenen Wochen fühlte sich das fast unwirklich an.
Am Abend ging ich noch einmal hinaus.
Die Sonne stand bereits tief.
Monte do Gozo bedeutet übersetzt „Berg der Freude“.
Hier oben stehen die bekannten Figuren, die hinunter nach Santiago blicken.
Zur Kathedrale.
Zum Ziel.
Es war nicht das erste Mal, dass ich dort oben stand.
Und trotzdem berührte mich dieser Moment wieder.
Schon vor Jahrhunderten standen Pilger an genau dieser Stelle.
Und blickten zum ersten Mal auf Santiago.
Genau wie ich.
Dieser Gedanke gefiel mir.
Morgen würde ich dort ankommen.
Heute genügte es, einfach hier oben zu stehen und zu schauen.
Am nächsten Morgen ging ich los.
Nicht ganz so früh wie sonst.
Nach wenigen Kilometern frühstückte ich noch einmal.
Dann erreichte ich den Platz vor der Kathedrale.
Viele Pilger kamen an.
Manche umarmten sich.
Andere weinten.
Wieder andere machten Fotos mit ihrer Compostela.
Ich setzte mich einfach hin.
Und schaute.
Natürlich dachte ich an die vergangenen Wochen.
An die Berge.
Den Regen.
Die Wälder.
Die langen Tage.
Doch Santiago selbst fühlte sich nicht wie das eigentliche Ziel an.
Vielleicht weil das Geschenk dieses Caminos längst unterwegs passiert war.
In den stillen Morgenstunden.
Im Gehen.
Im eigenen Rhythmus.
Später ging ich zum Pilgerbüro.
Die Compostela wollte ich mir natürlich trotzdem holen.
Draußen warteten bereits viele Menschen.
Ich bekam die Nummer 18.
Eigentlich keine große Sache.
Und trotzdem merkte ich schon draußen, dass etwas nicht stimmte.
Immer wieder musste ich kurz Abstand gewinnen.
Je weiter die Schlange ins Gebäude hineinführte, desto schwieriger wurde es.
Zu viele Menschen.
Zu wenig Raum.
Zu viele Geräusche.
Zu viele Eindrücke.
Alles in mir wollte eigentlich nur noch eines:
Hinaus.
Heute weiß ich, dass ich genau das hätte tun sollen.
Ich hätte auf die Compostela verzichten sollen.
Nicht weil sie unwichtig ist.
Sondern weil ich längst gespürt hatte, was ich in diesem Moment gebraucht hätte.
Doch ich blieb.
Holte die Urkunde.
Und bezahlte dafür einen Preis.
Selbst Stunden später war ich noch nicht wieder bei mir.
Dabei ging ich am selben Tag bereits weiter Richtung Negreira.
Der Camino war für mich noch nicht zu Ende.
Im Rückblick war das vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Tages:
Wochenlang hatte ich gelernt, auf meinen eigenen Rhythmus zu hören.
Und ausgerechnet am Ende hatte ich es für einen Moment nicht getan.
Dieser Bericht beschreibt meinen Weg am Camino Primitivo.
Die Etappen.
Die Landschaft.
Die Berge.
Den Regen.
Die Begegnungen.
Und die Erfahrungen unterwegs.
Wenn du jedoch verstehen möchtest, warum mir das Gehen überhaupt so wichtig geworden ist, weshalb ich immer wieder auf solche Wege zurückkehre und was das lange Unterwegssein körperlich und mental mit mir macht, dann findest du hier einen Artikel, der deutlich tiefer geht:
👉 Zwischen Gehen und Nichtgehen – 900 Kilometer am Camino Primitivo
https://www.von0auf101.com/pilgern/zwischen-gehen-und-nichtgehen-900-kilometer-am-camino-primitivo/
Dort geht es weniger um den Camino selbst.
Und mehr um das, was das Gehen mit mir am Primitivo gemacht hat.
Fortsetzung folgt
Mit Santiago war mein Weg noch nicht zu Ende.
Noch am selben Tag machte ich mich direkt vom Pilgerbüro wieder auf den Weg.
Über Negreira ging es weiter Richtung Atlantik.
Nach Muxía.
Nach Finisterre.
Und schließlich wieder zurück nach Santiago.
Davon erzähle ich im dritten Teil dieser Serie.
Das hatte ich alles mit. Zur Lighterpack Liste hier klicken.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Für den Camino Norte und Camino Primitivo hatte ich mich schon lange interessiert.
Irgendetwas an diesem Weg zog mich an.
Vielleicht sein Ruf. Rauer sollte er sein. Ursprünglicher. Weniger überlaufen als andere Caminos. Mehr Berge, mehr Einsamkeit, mehr Natur. Ein Weg, der noch ein wenig wilder wirkt als vieles andere, was ich bisher gegangen war.
Und vielleicht auch gerade deshalb wollte ich ihn unbedingt einmal kennenlernen.
Diesmal entschloss ich mich außerdem zu etwas, das ich sonst eher vermeide:
Ich flog nach Spanien.
Normalerweise beginne ich eine Reise lieber langsam. Bus oder Zug gehören für mich fast schon zum Unterwegssein dazu. Der Weg beginnt nicht erst am Camino. Oft beginnt er schon viel früher, irgendwo zwischen Umsteigen, Bahnhöfen und langen Stunden des Unterwegsseins.
Doch bis Bilbao hätte die Anreise diesmal sehr lange gedauert.
Und ich wollte meine Kräfte lieber fürs Gehen aufheben.
Also buchte ich für das Hinkommen – bewusst und zum erst zweiten Mal für einen Camino – einen Flug.

Der ursprüngliche Plan war eigentlich simpel:
In Bilbao landen und von dort weiter nach Oviedo fahren. Mit Bus oder Zug, ganz unkompliziert. Dort sollte dann der Camino Primitivo beginnen.
Doch je länger ich darüber nachdachte, desto absurder erschien mir die Idee.
Warum noch weiter irgendwohin fahren, um dann zu gehen – wenn ich doch bereits dort war?
Also änderte ich den Plan kurzerhand.
Ich schnürte in Bilbao die Schuhe und machte mich zu Fuß auf den Weg.
Zunächst entlang des Camino Norte Richtung Westen.
Erst später wollte ich Richtung Oviedo abbiegen – dorthin, wo der eigentliche Camino Primitivo beginnt.
Im Nachhinein war es wohl wieder eine typische Camino-Entscheidung.
Nicht alles zerdenken.
Einfach losgehen.
In Bilbao angekommen, entschied ich mich bewusst gegen eine Herberge und nahm mir ein Einzelzimmer.
Das Fliegen hatte mich mehr erschöpft als gedacht.
Ich merkte schnell: Ich brauche Ruhe.
Normalerweise beginne ich einen Camino unkompliziert. Diesmal fühlte es sich aber richtig an, mir diese erste Nacht bewusst zu gönnen.
Einfach ankommen.
Nichts müssen.
Kraft sammeln.
Im Nachhinein war es genau die richtige Entscheidung.
Am nächsten Morgen ging es sehr früh los.
Noch in der Dunkelheit verließ ich Bilbao.
Ich mag diese frühen Stunden am Camino.
Wenn die Welt noch schläft. Die Straßen leer sind. Wenn der Tag erst langsam beginnt und man beinahe das Gefühl hat, alleine unterwegs zu sein.
Schritt für Schritt wurde es heller.
Irgendwann hatte ich die aufgehende Sonne im Rücken.
Der Camino Norte führt mittlerweile anders aus Bilbao hinaus als früher. Über die Höhen geht es rund um die Stadt Richtung Meer.
Damit kommen gleich zu Beginn einige zusätzliche Höhenmeter zusammen.
Immer wieder öffneten sich schöne Ausblicke zurück auf Bilbao.
Dann wieder ging es bergauf.
Bergab.
Weiter.
Stadt und Natur wechselten sich ab.
Und irgendwo dort merkte ich:
Jetzt hat der Camino wirklich begonnen.
Trotz der frühen Stunde war es bereits warm genug für kurze Hose.
Der Tag versprach Hitze – und hielt sie auch.
Mein Ziel war Castro Urdiales.
Über fünfzig Kilometer entfernt.
Eigentlich keine kleine erste Etappe.
Aber schon bald stellte sich dieses vertraute Gefühl ein:
Ich wollte einfach gehen.
Gehen, gehen, gehen.
Ich wollte mich und mein Nervensystem auf gleich bringen.
Dadurch, dass ich so früh gestartet war, hatte ich den Weg lange fast für mich allein.

Erst später begegnete ich anderen Pilgern. Viele waren gemütlicher unterwegs oder starteten in einer der späteren Dörfer.
Während andere gerade losgingen, hatte ich bereits Stunden in den Beinen.
Und trotzdem fühlte sich der Tag erstaunlich leicht an.

Früher als gedacht erreichte ich Castro Urdiales.
Ich hatte Zeit.
Zeit zum Essen.
Zum Herumschlendern.
Zum Meer hinuntergehen.
Zum Sitzen.
Zum Schauen.
Einfach da sein.
Es war kein spektakulärer erster Tag.
Aber genau richtig.
Ein ruhiger Beginn.





Schon in den ersten Tagen merkte ich, dass ich vor allem eines wollte:
Gehen.
Nicht viel reden.
Nicht viel organisieren.
Möglichst wenig Menschen.
Einfach unterwegs sein.
Früh losgehen – oft noch vor den meisten anderen Pilgern – und bis spät am Nachmittag unterwegs bleiben.
Das Alleingehen tat mir gut.
Dadurch, dass ich meist sehr früh startete, begegnete ich oft stundenlang kaum jemandem.
Erst später holte ich andere Pilger ein.
Für mich passte dieses stille Dahingehen perfekt.
Wenig reden.
Viel schauen.
Viel wahrnehmen.
Eine Sache hatte ich allerdings unterschätzt:
Den Camino Norte im Sommer.
Obwohl ich unterwegs oft erstaunlich wenige Menschen traf, war am Abend plötzlich alles voll.
Wenn ich nach langen Etappen am späten Nachmittag irgendwo ankam, waren viele Betten bereits vergeben.
Mehr als einmal bekam ich gerade noch eines der letzten freien Betten.
Manchmal wurde es richtig knapp.
Das irritierte mich anfangs.
Ich war es gewohnt, eher in der Nebensaison oder im Winter unterwegs zu sein.
Dort stellt sich die Quartierfrage meist gar nicht.
Man kommt an und findet immer ein Bett.
Hier war das anders.
Relativ schnell wurde mir klar:
Am Camino Norte würde ich wohl öfter reservieren müssen.
Nur genau das tue ich äußerst ungern.
Telefonieren fällt mir bis heute nicht leicht.
Besonders dann, wenn am anderen Ende nur Spanisch gesprochen wird und man irgendwie erklären muss, wann man ankommt oder ob überhaupt noch ein Bett frei ist.
Also schob ich das möglichst lange hinaus.
In der Hoffnung, dass sich – wie so oft am Camino – schon irgendwie alles ergeben würde. Deswegen sicher die für andere oft merkwürdigen Entscheidungen.
Ich mache das, was für mein Gehirn seit dem Hirnabszess möglich ist, auch wenn es für andere nicht nachvollziehbar ist.
Die Etappe Richtung Santander wurde auf ihre eigene Art besonders.
Etwa fünfundzwanzig Kilometer vor der Stadt hatte ich übernachtet.
In der Früh ging ich wieder zeitig los.
Wie meistens.
Rund zehn Kilometer vor der Fähre nach Santander stand ich schließlich vor einer Entscheidung.
Der Camino bot zwei Möglichkeiten.
Die direkte, eher unspektakuläre Strecke, neben der Straße.
Oder den schöneren Weg entlang des Meeres.
Mehr Küste.
Mehr Landschaft.
Aber auch länger.
Eigentlich hätte mich der Weg am Meer gereizt.
Doch manchmal entscheidet der Camino für einen.
Am Horizont zogen dunkle Wolken auf.

Innerhalb kurzer Zeit wurde aus einer Ahnung Gewissheit.
Das Gewitter kam schnell näher.
Erst Regen.
Dann plötzlich strömender Regen.
Nicht dieser kurze Sommerschauer.
Sondern einer jener Regengüsse, die alles verschlucken.
Sicht.
Geräusche.
Orientierung.
Dazu Donner und Blitze.
Ein Blitz schlug irgendwo nicht weit entfernt ein.
Sekunden später folgte ein Knall, so laut, dass man das Gefühl hatte, die Erde würde kurz erzittern.
Für einen Moment blieb ich stehen.
Respekt bekommt man in solchen Augenblicken automatisch.
Die Entscheidung war gefallen.
Im strömenden Regen und tiefem Sand weiter Richtung Meer zu gehen, machte keinen Sinn.
Also nahm ich die direkte Strecke entlang des Radwegs Richtung Santander.
Schön war anders.
Unterstellen?
Keine Chance.
Kein Dach.
Keine Bushaltestelle.
Nichts.
Also blieb nur eines:
Weitergehen.
Langsam.
Schritt für Schritt.
Zwei Stunden lang marschierte ich im strömenden Regen Richtung Fähre.

Schuhe und Kleidung längst durchnässt.
Immer wieder Blitze.
Donner.
Bei der Fähre angekommen, hörte das Gewitter auf.
Die Sonne kam sogar kurz hervor.
Ich konnte mich beim Warten ein wenig trocknen.
Und plötzlich wirkte alles wieder deutlich freundlicher.
Mit der Fähre ging es hinüber nach Santander.
Bleiben wollte ich dort allerdings nicht.
Ich kaufte nur etwas ein.
Dann ging es weiter.
Noch einmal rund zwanzig Kilometer.
Wieder eine lange Etappe.
Aber nach dem Regen fühlte sich das Gehen plötzlich gut an.
Fast leicht.

Als ich schließlich die Herberge erreichte, folgte Ernüchterung.
Über sechzig Betten sollte sie haben und war die einzige am Abschnitt.
Doch die Hospitalera sah mich nur an und meinte:
„Completo.“
Voll.
Kein Platz mehr.
Zum ersten Mal wurde mir richtig bewusst, wie voll der Camino Norte tatsächlich war.
Tagsüber war ich oft stundenlang allein unterwegs.
Und trotzdem waren am Abend die Unterkünfte ausgebucht.
Die Hospitalera verwies mich an eine weitere Unterkunft.
Noch einmal zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer entfernt.
Ein starkes Stück.
Vor allem mit bereits vierzig Kilometern in den Beinen.
Trotzdem beschloss ich weiterzugehen. Es gab sonst nur einige teure Hotels, die Nacht um über € 100,-. Mein Budget für drei Tage.
Im Notfall, dachte ich mir, würde ich irgendwo schlafen.
Bushaltestelle.
Unterstand.
Schlafsack ausrollen.
Irgendwie würde es gehen.
Doch am Nachmittag begann es wieder zu regnen.
Nicht kurz.
Als es gegen 19 Uhr noch immer in Strömen regnete, wurde mir klar:
Heute werde ich mich nicht irgendwo draußen hinlegen.
Schließlich fand ich ein Hotelzimmer.
Warm.
Trocken.
Einzelzimmer.
Und überraschend günstig.
Kurz nach 20 Uhr checkte ich ein.
Und war einfach froh, angekommen zu sein.
Der Camino Norte zeigte sich wettertechnisch von einer Seite, mit der ich so nicht gerechnet hatte:
Regen.
Und zwar viel Regen.
Nicht jeden Tag durchgehend.
Aber immer wieder.
Es begann.
Hörte auf.
Begann erneut.
Dann wieder Sonne.
Kurz darauf wieder Regen.
Manche Tage fühlten sich an, als würde jemand irgendwo einen Schalter ständig ein- und ausschalten.
Auf.
Zu.
Auf.
Zu.
Teilweise spannte ich den Regenschirm fünfzehn oder zwanzig Mal am Tag auf.
Kein Scherz.
Gerade hatte man ihn verstaut, begann es wieder leicht zu nieseln. Dann wurde daraus Regen. Kurz später wieder trocken.
Und wieder von vorne.
Dadurch waren die Wege oft nass.
Teilweise richtig gatschig.
Besonders nach längeren Regenfällen wurde manches zur kleinen Rutschpartie. Schuhe und Beine waren ohnehin irgendwann nass. Dagegen anzukämpfen machte wenig Sinn.
Mental war das auf Dauer durchaus fordernd.
Über viele hundert Kilometer immer wieder im Regen unterwegs zu sein, macht etwas mit einem.
Vor allem dann, wenn sich das Wetter tageweise kaum entscheiden kann.
Und trotzdem merkte ich: Mein Regensystem funktionierte erstaunlich gut.
Den Poncho hatte ich längst aussortiert.
Stattdessen ging ich fast nur noch mit Regenschirm.
Bei stärkerem Regen oder Kälte zusätzlich mit Regenjacke.
Damit kam ich deutlich besser zurecht.
Oben blieb ich halbwegs trocken, hatte mehr Bewegungsfreiheit und fühlte mich weniger eingeengt als früher unter einem Poncho.
Unten – besonders Schuhe und Beine – wurde ohnehin irgendwann alles nass.
Also warum groß dagegen ankämpfen?
Irgendwann akzeptiert man es einfach.
Und geht weiter.
Schritt für Schritt.
Auch im Regen.
Vielleicht sehe ich Regen aber auch deshalb anders als früher.
Während meiner fünf Monate im Krankenhaus lag ich oft am Fenster und schaute hinaus.
Immer wieder regnete es.
Ich sah den Regen.
Konnte ihn aber nicht erreichen.
Damals hätte ich viel dafür gegeben, einfach draußen zu stehen. Den Wind zu spüren. Die Regentropfen auf der Haut zu fühlen. Überhaupt irgendwo draußen unterwegs sein zu können.
Als mich nach langer Zeit wieder einmal Regen traf, fühlte es sich beinahe so an, als würde eine vertrocknete Blume gegossen werden.
Seltsam vielleicht.
Aber genau so fühlte es sich an.
Seit damals hat Regen für mich etwas von seinem Schrecken verloren.
Natürlich ist tagelanger Regen anstrengend.
Natürlich nervt nasse Kleidung oder Schlamm.
Und trotzdem denke ich mir oft:
Immerhin bin ich draußen.
Unterwegs.
Genau dort, wo ich so lange nicht sein konnte.
Nach Santander wollte ich es eigentlich ruhiger angehen.
Weniger Kilometer.
Früher ankommen.
Zumindest war das der Plan.
Doch wie so oft unterwegs kam es anders.
Herbergen voll.
Eine nach der anderen.
Also ging ich weiter.
Und weiter.
Irgendwann merkte ich, dass ich in einen richtigen Flow geraten war.
Schritt für Schritt.
Stunde um Stunde.
Ohne großes Nachdenken.
So wurden aus kurzen Etappen wieder lange.
Was mir allerdings erneut auffiel:
Wie viel Asphalt der Camino Norte eigentlich hat.
Viele Caminowanderer jammern darüber.
Mich störte es erstaunlich wenig.
Im Gegenteil.
Der gleichmäßige Rhythmus hatte fast etwas Meditatives.
Weniger Stolpern.
Weniger Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Schritt.
Einfach gehen.
Kurz vor Villaviciosa wartete plötzlich eine alte Bekanntschaft auf mich.
Ein langer, steiler Hügel.
Asphalt.
Gerade hinauf.

Schon beim Anblick wusste ich:
Den kenne ich. Von meinem letzten Norte.
2019 war jede längere Steigung beinahe ein Kampf gewesen.
Langsam.
Schnaufend.
Schritt für Schritt.
Diesmal fühlte es sich anders an.
Natürlich war der Hügel noch immer steil.
Aber plötzlich ging es leichter.
Ruhiger.
Gleichmäßiger.
Irgendwann stand ich oben.
Fast ohne groß darüber nachzudenken.
Ein kleiner Moment vielleicht.
Aber einer, der mir zeigte:
Zwischen damals und heute hatte sich doch einiges verändert.

In Villaviciosa entschied ich mich nach einem kurzen Einkauf weiterzugehen, weg vom Camino Norte.
Mein Ziel war Valdediós.
Das Kloster kurz vor dem Beginn des Camino Primitivo.
Klöster haben für mich am Camino immer etwas Besonderes.
Sie bringen automatisch Ruhe hinein.
Eine andere Atmosphäre.
Und ehrlich gesagt hoffte ich auch auf weniger Menschen.
Nach den vollen Herbergen der vergangenen Tage sehnte ich mich wieder nach Stille.
Als ich ankam, war ich der erste Pilger.
Später kamen noch zwei weitere dazu.
Mehr nicht.
Fast ideal.
An diesem Abend lernte ich Michael kennen.
59 Jahre alt.
Kanadier aus Vancouver.
Außerdem einen Slowaken, ebenfalls am Camino unterwegs.
Rückblickend waren diese beiden eigentlich die einzigen Menschen, mit denen ich längere Gespräche führte.
Vielleicht blieben sie mir gerade deshalb so in Erinnerung.
Michael wusste unglaublich viel über Kirchenbau und Architektur.
Mit Begeisterung erklärte er Unterschiede zwischen Baustilen, Bauzeiten oder warum Fensterhöhen oft Hinweise auf bestimmte Epochen geben.
Es war faszinierend zuzuhören.
Der Slowake wiederum erzählte offen von seiner Krebserkrankung.
Für ihn war der Camino längst mehr als nur Wandern geworden.
Vieles von dem, worüber wir gesprochen haben, habe ich längst wieder vergessen. Aber das Gefühl dieses Abends ist geblieben.
Es waren aber gute Gespräche.
Solche, die bleiben.
Und irgendwie passte an diesem Abend einfach alles.
Ruhe.
Gute Begegnungen.
Kein Trubel.
Genau richtig.

Am nächsten Tag wurde die Etappe wieder länger als gedacht.
Mehr als fünfundvierzig Kilometer standen am Ende auf der Uhr.
Irgendwann erreichte ich schließlich Oviedo.
Damit war der Camino Norte für mich vorerst zu Ende, nach 370 km.
Vor mir lag nun jener Weg, auf den ich mich eigentlich schon lange gefreut hatte:
Der Camino Primitivo.
Rauer.
Bergiger.
Ursprünglicher.
Zumindest seinem Ruf nach.
In der öffentlichen Herberge war überraschend viel los. Nach den Erfahrungen der vergangenen Tage hoffte ich trotzdem auf etwas mehr Ruhe. Weniger Menschen. Mehr Stille. Vielleicht wieder längere Abschnitte ganz für mich allein.
Ob sich diese Hoffnung erfüllen würde, wusste ich nicht.
Was ich allerdings wusste:
Am nächsten Morgen würde ich wieder früh aufstehen.
Sehr früh.
Wenn andere noch schliefen oder ihre Rucksäcke packten, würde ich vermutlich schon unterwegs sein.
Genau diese Stunden mochte ich am meisten.
Wenn die Welt noch ruhig ist.
Wenn die Luft kühl ist.
Wenn der Tag erst langsam beginnt und der Weg für einen kurzen Moment beinahe nur einem selbst gehört.
Schritt für Schritt.
Kilometer für Kilometer.

Vor mir lagen Berge, lange Tage, überraschende Begegnungen – und wohl auch wieder mehr Kilometer, als ursprünglich geplant.
Doch davon mehr im nächsten Beitrag.
Mit Oviedo begann schließlich jener Teil des Weges, auf den ich mich beim Camino Norte und Camino Primitivo besonders gefreut hatte:
der Camino Primitivo.
Lighterpack Ausrüstungs-Liste: Camino Norte und Camino Primitivo
900 Kilometer zu Fuß. Camino Norte und vor allem Camino Primitivo. Zehn Jahre nach meinem Hirnabszess.
Vielleicht ist dies kein gewöhnlicher Camino-Bericht. Denn ich möchte nicht erzählen, welche Herberge besonders schön war, wo das Essen am besten schmeckte oder welcher Ausblick mich am meisten beeindruckte. Natürlich gab es all das. Aber darum soll es hier nicht gehen.
Es geht um etwas anderes. Um das, was dieser Weg in mir bewegt hat. Um das Gehen selbst. Und um die Frage, wie es sich anfühlt, zehn Jahre nach einem Hirnabszess unterwegs zu sein.
Denn diese rund 900 Kilometer waren für mich mehr als Wandern. Mehr als Pilgern. Vielleicht waren sie vor allem eines:
Ein Dankeschön.
Ein Dankeschön dafür, dass ich überhaupt gehen darf.

Vor genau zehn Jahren kämpfte ich im Krankenhaus ums Überleben. Fünf Monate Krankenhaus. Fast zwei Jahre, um annähernd wieder gehen zu lernen.
Damals hätte ich vieles nicht geglaubt. Dass ich jemals wieder stundenlang gehen würde. Dass ich Berge gehen könnte. Dass ich eines Tages zu Fuß durch Nordspanien unterwegs sein würde.
900 Kilometer.
Schritt für Schritt.
Denn damals ging es nicht um Freiheit. Nicht um Abenteuer. Nicht um Weite.
Es ging ums Gehen.
Darum, wieder aufzustehen. Nicht umzufallen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Vielleicht habe ich in diesen Jahren etwas gelernt, das schwer zu erklären ist:
Zwischen Gehen und Nichtgehen liegt manchmal erschreckend wenig.
Das klingt dramatisch. Für mich ist es manchmal dramatisch.
Denn ich kann heute viele Stunden gehen. Tage hintereinander. Ich bin seit meinem Hirnabszess mittlerweile rund 65.000 Kilometer zu Fuß gegangen.
Und trotzdem fühlt sich Gehen bis heute nicht selbstverständlich an.
Viele Menschen denken bei Rehabilitation an ein paar Monate Therapie. Dann wird man wieder gesund. Fertig.
So funktioniert es bei mir nicht.
Nach meinem Hirnabszess musste ich Gehen neu lernen. Gleichgewicht. Körpergefühl. Wahrnehmung. Aufmerksamkeit.
Vor allem Aufmerksamkeit.
Man denkt eigentlich nicht darüber nach, wie man geht. Man geht einfach.
Allerdings nicht bei mir.
Heute ist Gehen oft bewusstes Gehen.
Wie setze ich den Fuß auf? Trete ich zu hart auf? Bin ich locker? Oder angespannt? Wie fühlt sich mein Gleichgewicht an?
Seit meinem Hirnabszess funktioniert Gehen nicht mehr automatisch.
Meine Propriozeption, auch Tiefensensibilität genannt, ist zum großen Teil verloren gegangen. Ein kompliziertes Wort für etwas sehr Einfaches:
Das Gefühl dafür, wo sich der Körper im Raum befindet.
Ein gesunder Mensch denkt darüber kaum nach.
Ich schon.

Gehe ich weniger, lasse ich ein paar Tage aus oder bin krank, merke ich es oft rasch.
Denn verlieren geht schneller als aufbauen.
Viel schneller.
Eine Woche weniger Bewegung bedeutet für mich oft nicht einfach Pause.
Sie bedeutet Wiederaufbau.
Denn Gehen ist für mich nicht nur Gehen.
Es ist Gleichgewicht. Koordination. Aufmerksamkeit. Wahrnehmung. Wiederholung.
Immer wieder Wiederholung.
Seit meinem Hirnabszess bin ich rund 65.000 Kilometer gegangen. Nicht aus Ehrgeiz. Nicht wegen Rekorden.
Sondern damit ich im Gehen bleibe.
Denn mein Nervensystem braucht Bewegung.
Rhythmus.
Wiederholung.

Vielleicht brauchte ich gerade deshalb diesen Camino.
Nicht wegen Santiago.
Nicht wegen Finisterre.
Nicht wegen der Kilometer.
Sondern weil mein Nervensystem Bewegung braucht.
Der Camino wurde für mich etwas wie Reha unter freiem Himmel.
Der Camino Primitivo wurde ein riesiger Übungsraum.
Tag für Tag.
Stunde für Stunde.
Schritt für Schritt.

Besonders hier wurde mir das bewusst.
Stundenlang allein unterwegs.
Weite.
Ruhe.
Wenige Menschen.
Ein Rhythmus, der langsam in den Körper zieht.
Deshalb gehe ich am Camino meist allein.
Nicht unfreundlich gemeint.
Sondern weil mein Gehirn Raum und Ruhe braucht.
Raum zum Funktionieren.
Raum zum Lernen.
Besonders merke ich meine Einschränkungen dort, wo viele Reize zusammenkommen.
In Städten. Zwischen Menschen. Verkehr. Geräusche. Wenn ich ausweichen muss. Wenn vieles gleichzeitig passiert.
Dann kippt oft als Erstes mein Gleichgewichtsgefühl.
Es ist schwer zu erklären.
Kein klassischer Schwindel.
Mehr ein Unsicherwerden.
Ein leichtes Schwanken.
Fast so, als würde der Körper plötzlich weniger stabil funktionieren.
Langsam gehen hilft dann.
Ruhe hilft.
Aufmerksamkeit hilft.
Aber all das kostet Kraft. Denn alles muss ich bewusst machen. Es gibt keine Automatik mehr.
Gerade deshalb fühlte sich der Camino Primitivo für mich fast wie Therapie an.
Weniger Reize.
Mehr Rhythmus.
Und irgendwann geschieht etwas, das schwer zu beschreiben ist.
Der Körper erinnert sich.
Nicht plötzlich.
Nicht spektakulär.
Eher leise.
Das Auftreten wird weicher.
Die Schultern lockerer.
Das Gleichgewicht stabiler.
Ich trete weniger hart auf.
Der Körper arbeitet ruhiger.
Nicht perfekt.
Ein Stein oder eine Bodenwelle können mich noch immer rasch aus dem Rhythmus bringen.

Dann brauche ich wieder Aufmerksamkeit. Kontrolle. Konzentration.
Aber dazwischen gibt es diese Momente.
Momente, in denen Gehen fast wieder selbstverständlich wird, auch wenn es oft nur kurz ist.
Fast wie früher.
Fast wie Freiheit.
Für kurze Zeit verschiebt sich mein Gehen von bewusst kontrolliert hin zu getragen, rhythmisch, teilweise automatisch.
Und genau diese Momente sind für mich unglaublich wertvoll.
Denn dann funktioniere ich nicht nur.
Dann lebe ich.
Fast so, als würde mein Gehirn kurz sagen:
„Ja. So funktioniert es.“
Vielleicht unterschätzen viele Menschen, wie komplex Gehen eigentlich ist.
Das Gehirn verarbeitet gleichzeitig Gleichgewicht, Muskelspannung, Gelenksstellung, Druck in den Füßen, räumliche Orientierung, Blickrichtung und unzählige kleine Korrekturen.
Jeder Schritt ist Information.
Jeder Schritt ist Training.
Das Gehirn lernt durch Wiederholung.
Man nennt das Neuroplastizität.
Vielleicht habe ich deshalb früh begonnen, aktiv in meine Rehabilitation einzugreifen.
Mit Bewegung.
Aufmerksamkeit.
Ausdauer.
Wiederholung.
Denn Gehen ist für mich nicht nur Mobilität.
Gehen ist Input für das Gehirn.

Vielleicht brauche ich deshalb diese langen Wege.
Nicht als Luxus oder als verrückte Idee.
Sondern als neurologische Wartung.
Denn mein Nervensystem scheint auf Rhythmus, Ruhe und Wiederholung zu reagieren.
Der Camino trainiert für mich nicht primär Leistung.
Wichtiger ist Vertrauen.
Vertrauen in Bewegung.
Vertrauen in den Körper.
Vertrauen, dass manches noch lernbar ist.
Die Fähigkeit ist nicht weg.
Aber sie ist fragil geworden, sehr fragil.
Störanfällig.
Kontextabhängig.
Vielleicht liegt genau darin etwas Demütiges.
Zu wissen, wie nahe die andere Seite bleibt.
Wie nahe Nichtgehen manchmal am Gehen liegt.

Vielleicht hat mich genau deshalb dieser Camino emotional so berührt.
Nicht weil alles leicht war.
Nicht weil er spektakulär war.
Sondern weil er überhaupt möglich war.
Vor zehn Jahren Krankenhaus.
Heute 900 Kilometer zu Fuß.
Manchmal fühlt sich das fast unwirklich an.
Und gleichzeitig spüre ich jeden Tag:
Nichts daran ist selbstverständlich.
Vielleicht war dieser Camino am Ende genau das:
Ein Dankeschön.
Für zehn Jahre Leben nach dem Hirnabszess.
Für unzählige Wiederholungen.
Für rund 65.000 Kilometer zu Fuß.
Für all die Schritte, die niemand sieht.
Für Aufmerksamkeit.
Für Disziplin.
Für das tägliche Wiederanfangen.
Und dafür, dass ich trotz allem noch gehen darf.
Denn vielleicht habe ich in diesen zehn Jahren vor allem eines gelernt:
Zwischen Gehen und Nichtgehen liegt manchmal erschreckend wenig.

Und genau deshalb fühlt sich jeder Schritt manchmal nicht selbstverständlich an.
Sondern kostbar.
(Ein Bericht über den Camino Norte und Camino Primitivo folgt noch)
Ich musste Gehen neu lernen. Nicht im übertragenen Sinn.
Wirklich.
In der Reha gab es einen Rundweg. Ein paar Meter nur. Verschiedene Untergründe – Steine, Sand, Holz. Kleine Abschnitte, vielleicht ein Meter lang, dann der nächste.

Für jemanden von außen nichts Besonderes. Für mich war es alles. Ich bin diese Runden gegangen. Immer wieder. Obwohl ich es eigentlich noch gar nicht konnte. Der Untergrund hat mich komplett gefordert. Gleichgewicht, Koordination – nichts war selbstverständlich.
Eine kleine Schräge war schon zu viel. Ein anderer Untergrund eine Herausforderung. Und trotzdem bin ich gegangen. Runde für Runde.Nicht, weil es leicht war. Sondern weil ich wusste: Das ist der Weg zurück.

Was mir damals noch nicht klar war: Es ging nicht nur um Kraft. Ich hatte etwas anderes verloren – die Automatik.
Jeder Schritt war bewusst.
Und das ist geblieben.
Erst nach vier, fünf Jahren habe ich wirklich verstanden, dass ich diese Automatik nicht mehr zurückholen kann.
Ich gehe.
Anders.
Seitdem hat Gehen für mich eine andere Bedeutung. Es ist nicht einfach Bewegung. Es ist nicht einfach „rausgehen“. Es ist mein Zugang zu mir selbst geworden. Nach dem Hirnabszess funktioniert vieles anders. Ich habe gelernt, genau hinzuspüren. Sehr genau.
Ich merke sofort, wenn etwas besser wird. Ich merke aber auch sofort, wenn etwas nicht passt. Gehen ist dabei mein Gradmesser. Wenn es mir gut geht, spüre ich es im Gehen. Wenn etwas kippt, merke ich es dort zuerst.
Ich gehe viel.
Zu Hause, im Wald, auf meinen gewohnten Strecken. Und jedes Mal spüre ich, es tut mir gut. Der Körper kommt in Bewegung, ich bin draußen, ich spüre die Luft, die Umgebung, mich selbst ein Stück weit auch.
Es ist nicht so, dass mir das Gehen zu Hause nichts gibt – im Gegenteil. Aber es ist nicht das, was ich vom Camino kenne.


Von außen betrachtet mache ich genau das Gleiche. Ich ziehe meine Schuhe an, gehe los, mache meine Kilometer und komme wieder zurück. Aber innerlich ist es ein großer Unterschied. Mein Kopf läuft zuhause mit.
Nicht laut oder chaotisch, eher leise im Hintergrund, aber konstant. Gedanken an Dinge, die noch zu erledigen sind. Kleine Entscheidungen, die ich treffe, ohne es bewusst wahrzunehmen.
Welchen Weg nehme ich heute? Wie lange gehe ich? Was gehört danach noch erledigt?
Es hört nicht wirklich auf. Und genau das ist der Punkt.
Am Camino ist das anders. Dort passiert etwas, das ich zu Hause nicht herstellen kann. Nicht, weil ich mich anstrenge oder etwas anders mache, sondern weil der Rahmen ein anderer ist. Der Weg ist vorgegeben. Die Richtung ist klar. Ich folge den gelben Pfeilen.
Mehr braucht es nicht.

Ich muss nichts entscheiden, nichts planen, nichts Abwägen. Und genau dadurch entsteht etwas, das ich im Alltag derzeit kaum noch kenne: Ruhe. Nicht komplette Stille, aber eine Tiefe, die sich Schritt für Schritt aufbaut.

Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, wieder auf den Camino zu gehen. Nicht irgendwo hin, nicht einfach drauflos – sondern genau dorthin. Ein Grund dafür ist die Struktur. Die Herbergen, die Etappen, dieser klare Rahmen. Ich weiß, ich komme irgendwo an, finde einen Platz, habe ein Bett.
Das mag einfach klingen, aber genau das hilft mir im Moment. Ich muss nicht alles selbst organisieren. Ich muss nicht vorausdenken. Ich darf im Tag bleiben.
Vor einem Jahr hätte ich wahrscheinlich sofort wieder das Zelt genommen. Frei sein, unabhängig sein, draußen schlafen.
Aber jetzt ist es anders.
Das Zelt bedeutet mehr Entscheidungen. Mehr Planung. Mehr Verantwortung.
Und genau davon brauche ich im Moment weniger. Die Herbergen geben mir eine Struktur, die mich trägt. Einen Rahmen, in dem ich mich bewegen kann, ohne mich zu verlieren.

Ich habe lange geglaubt, dass mich vor allem die körperliche Belastung müde macht. Aber das stimmt nur bedingt. Was mich wirklich müde macht, ist das ständige Entscheiden. Das Organisieren. Das Mitdenken.
Ein Umzug in der Familie war intensiv. Viel Verantwortung, viele Entscheidungen, vieles gleichzeitig. Es war notwendig, aber es hat Kraft gekostet – vor allem im Kopf.

Auch wenn ich zu Hause bin und mich erhole, arbeitet er weiter. Gedanken laufen nach, Dinge wollen verarbeitet werden.
Durch die Folgen des Hirnabszesses ist genau das nicht mehr selbstverständlich. Manche Denkvorgänge sind nicht mehr möglich, andere brauchen deutlich mehr Zeit und Energie. Was früher nebenbei ging, fordert heute meine volle Aufmerksamkeit. Es ist immer wieder spannend, das zu beobachten.
Nicht nur das Tun selbst erschöpft mich. Sondern das Verarbeiten danach.
Das ist es, was mich oft wirklich müde macht.
Und das gilt es zu akzeptieren – und meine Kräfte bewusst einzuteilen.
Ich habe gemerkt: Ich brauche keinen Urlaub. Was ich brauche, ist ein Zustand, in dem ich nicht ständig denken muss. Ein Zustand, in dem ich nicht dauernd Entscheidungen treffen muss.
Der Camino gibt mir genau das.
Der Unterschied zwischen dem Gehen zu Hause und dem Gehen am Camino – oder generell auf einem Weg, der einfach weiterführt – ist für mich nach meiner Krankheit nicht nur spürbar.
Er ist entscheidend.
Zu Hause gehen tut mir gut. Das spüre ich. Aber es ist nicht das Gleiche, wie am Camino.
Dieses tagelange Gehen, dieses Dahingehen über viele Tage, über Wochen – das geht tiefer.
Das ist kein Spaziergang mehr. Das ist ein Zustand. Und genau diesen Zustand brauche ich. Es geht nicht mehr nur ums „Gut tun“.
Früher hätte ich gesagt: Gehen tut mir gut. Heute weiß ich: Das ist zu wenig. Dieses Gehen ist für mich notwendig geworden. Nicht im Sinne von „wäre schön, wenn ich es mache“, sondern im Sinne von: Ich brauche es, damit es mir überhaupt gut gehen kann.
Damit mein Kopf ruhig wird.
Damit mein Körper wieder in einen Rhythmus kommt.
Damit ich nicht im Denken hängen bleibe.

Dieses tagelange Unterwegssein bildet die Basis, um zu funktionieren.
Es bringt mich in einen Zustand in dem ich klarer werde. In dem ich überhaupt das Gefühl habe, bei mir zu sein.
Nach meiner Krankheit ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Und genau deshalb nehme ich das Gehen ernst. Nicht als Hobby. Nicht als Ausgleich. Nicht als „ich geh mal eine Runde“.
Sondern als das, was es für mich ist: Ein Weg, um körperlich und geistig in Balance zu bleiben. Oder ganz einfach gesagt: Ich gehe nicht nur, weil es mir gut tut. Ich gehe, weil ich es brauche. Kein Ziel – und genau deshalb der Weg
Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber ich gehe mittlerweile ohne wirkliches Ziel. Natürlich werde ich in Santiago ankommen. Und wahrscheinlich auch in Finisterre. Ich weiß, dass ich das kann. Aber darum geht es mir nicht. Das Ziel ist nicht entscheidend. Der Weg ist es.
Dieses tägliche Unterwegssein. Dieses Eingebettet-Sein in eine Richtung, ohne sie ständig hinterfragen zu müssen. Auch zehn Jahre nach dem Hirnabszess lerne ich noch so viel dazu.
Die gelben Pfeile nehmen mir etwas ab, das im Alltag ständig präsent ist. Ich kann mich darauf einlassen, einfach zu gehen, einfach zu sein.
Und in diesem Gehen passiert etwas anderes. Ich komme wieder ins Spüren. Ich merke, wann es genug ist. Wann ich eine Pause brauche. Wie weit ich gehen möchte. Das kommt nicht aus dem Kopf. Das kommt von innen.
Ich gehe nicht weg. Ich gehe zurück. Zurück zu einem Zustand, in dem es ruhiger wird. In dem nicht alles gleichzeitig passiert. In dem ich nicht ständig funktionieren muss.
Ich bin am Anfang gegangen, weil ich ein Ziel hatte. Wieder gehen können. Ich dachte, irgendwann ist es geschafft.
Heute kann ich gehen. Aber nicht so, wie ich es mir damals vorgestellt habe. Die Automatik ist nicht zurückgekommen. Jeder Tag beginnt ein Stück weit von vorne. Nicht bei null – aber auch nicht dort, wo ich geglaubt habe anzukommen.
Früher bin ich gegangen, um etwas zu erreichen. Heute gehe ich ohne das Ziel, irgendwo anzukommen zu müssen.
Aber mit dem Gefühl, in Bewegung bleiben. Damit es gut bleibt.
Eigentlich ist es arg, wie sich das bei mir verändert hat.
Am Jakobsweg war das Ziel klar. Santiago de Compostela. Ich wusste, wohin ich gehe, und genau das hat mir Halt gegeben. Jeder Schritt hatte eine Richtung, und dieses Ziel im Kopf war wichtig für mich. Es hat mich getragen.
Beim Hexatrek war es anders. Natürlich gab es auch dort ein Ziel, aber es war kein fixes mehr. Ich habe es mir offen gelassen, unterwegs aufzuhören, umzudrehen oder weiterzugehen. Es ging weniger darum, irgendwo anzukommen, sondern mehr darum, überhaupt zu gehen.
Und vielleicht habe ich genau dort zum ersten Mal wirklich gespürt, dass sich etwas verändert hat. Dass beides seinen Platz hat. Ein Ziel zu haben, das einen zieht. Aber auch gehen zu können, ohne eines zu brauchen.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich jetzt stehe. Zu wissen, dass ich beides kann. Mit Ziel gehen – und ohne.
Ich war jetzt lange zu Hause. Ich merke, wie es wieder enger wird. Zu viel Denken. Zu viel Offen. Zu viel im Kopf.

Es ist Zeit, wieder loszugehen. Der Camino Primitivo ist kein Ziel für mich. Er ist der Weg zurück in einen Zustand, in dem ich nicht ständig entscheiden muss.
Ich breche bald auf.
Nach meinem Hirnabszess musste ich vieles neu lernen.
Ein Hirnabszess ist vereinfacht gesagt eine Entzündung im Gehirn.
Was das genau bedeutet, habe ich erst im Nachhinein wirklich verstanden.
Die Folgen spüre ich bis heute.
Gehen.
Denken.
Sprechen.
Das klingt im ersten Moment greifbar.
Aber das eigentliche Problem sieht man nicht.
Ich habe meine Automatik verloren.

Früher ist alles einfach passiert.
Ich bin gegangen, ohne darüber nachzudenken.
Ich habe gesprochen, ohne jeden Satz bewusst zu bauen.
Ich konnte mehrere Dinge gleichzeitig machen.
Heute ist das nicht mehr so.
Heute ist jede dieser Sachen eine eigene Aufgabe.
Auch mein Körpergefühl ist nicht mehr selbstverständlich.
Ich spüre Bewegungen anders, unsicherer.
Was früher automatisch funktioniert hat, muss ich mir immer wieder bewusst erarbeiten.
Und selbst das bleibt nur, wenn ich dranbleibe.
Höre ich auf zu üben, verliere ich es wieder ein Stück.

Ich gehe in den Supermarkt.
Eigentlich nichts Besonderes.
Nur schnell etwas holen.
Früher: rein, nehmen, zahlen, raus.
Nebenbei denken, vielleicht telefonieren – alles gleichzeitig.
Heute merke ich schon beim Reingehen:
Es ist viel.
Menschen.
Geräusche.
Bewegung.
Ich nehme alles gleichzeitig wahr.

Ich gehe langsamer.
Versuche mich zu orientieren.
Was wollte ich eigentlich holen?
Manchmal weiß ich es noch.
Manchmal ist es einfach weg.
Ich stehe vor einem Regal und merke:
Mein Kopf ist voll – und gleichzeitig leer.
Ich weiß, dass ich etwas brauche.
Aber ich komme nicht mehr hin.
Dann bleibe ich stehen.
Nicht, weil ich will –
sondern weil ich muss.
Ich versuche, mich wieder zu sammeln.
Wenn mich in diesem Moment jemand anspricht, wird es noch schwieriger.
Eine einfache Frage –
und ich merke, wie ich kämpfen muss, um überhaupt zu antworten.
Früher wäre das nebenbei gegangen.
Heute ist es eine eigene Aufgabe.
Manchmal breche ich den Einkauf ab.
Nicht, weil ich nicht will –
sondern weil es zu viel wird.

Der Einkauf ist nur ein Beispiel.
Es passiert überall.
Wenn ich etwas erledige.
Wenn ich mit Behörden spreche.
Wenn ich unterwegs bin.
Selbst draußen oft, auf einem Camino oder Weitwanderweg.
Es ist nicht die eine Situation.
Es ist mein Alltag.

Und genau das sieht niemand.
Von außen bin ich jemand, der einkaufen geht.
Der geht.
Der spricht.
Also wirkt es normal.
Aber es ist nicht normal.
Alles kostet Energie.
Alles braucht Aufmerksamkeit.
Der Autopilot ist weg.
Und ja – es ist eine Form von Behinderung.
Nur eine, die man nicht sieht.
Muskelschwäche, Wahrnehmung, gestörte Propriozeption. Alles Behinderungen die nicht sichtbar sind.
https://www.aktion-mensch.de/ueber-uns/das-treibt-uns-an/was-ist-inklusion/unsichtbare-behinderung
Ich habe gelernt, damit umzugehen. Besser gesagt, mich trotzdem zu bewegen, auch mit der Gefahr, mich zu verletzen.
Langsamer zu sein.
Pausen zu machen.
Ehrlich zu sagen, wenn es gerade nicht geht.
Ich bin nicht jemand anderer geworden.
Ich funktioniere nur anders.

Und wenn du jemanden siehst, dem man „nichts ansieht“:
Dann denk daran –
nicht alles, was eine Behinderung ist, ist sichtbar.
Vielleicht siehst du nicht alles.
Und vielleicht lohnt es sich, vorsichtiger zu urteilen.
Du siehst nur das Ergebnis.
Nicht den Aufwand dahinter.
Und trotzdem gehe ich weiter.
Auf meinen Wegen, auf meinen Caminos – und im Alltag.
Am 27. März 2016 wurde mein Leben jäh unterbrochen. Ein Einschnitt, der alles veränderte. Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr selbstverständlich. An meinen Grenzen arbeite ich noch heute und versuche sie zu verschieben.
Und doch bekam ich damals eine zweite Chance. Ein zweites Leben.
Es ging weiter, aber nicht mehr so wie zuvor. Anders. Ein anderes Leben, das ich erst wieder lernen musste.
Hier gehts zu meinem ersten Blogbeitrag, wie alles anfing.

Eine der wesentlichsten Änderungen für mich, neben unzähliger anderer: Zeit hat eine andere Bedeutung bekommen. Denn um im Hier und Jetzt zu leben, ist Zeit nicht mehr etwas, das vergeht, sondern etwas, das gefüllt werden möchte.
Und das ist vielleicht das Entscheidende – ich habe Zeit bekommen, nicht verloren.

Mein Gehirn wurde auf „Überleben im Moment“ umgestellt.
Nach so einem Ereignis funktioniert vieles im Kopf nicht mehr wie vorher. Planen, Zukunft denken, mehrere Dinge gleichzeitig tun – all das wurde schwieriger, wenn nicht unmöglich. Zukunft oder Vergangenheit waren nicht denkbar, es gab nur den aktuellen Moment. Dadurch bleibt automatisch nur das Hier und Jetzt übrig.
Und plötzlich merkte ich:
Zeit ist nicht mehr etwas, das ich „manage“, sondern etwas, in dem ich einfach bin.

Vorher lief vieles automatisch: gehen, essen, schreiben, sprechen - Multitasking. Nach der Krankheit musste ich alles wieder bewusst machen. Selbst so einfache Dinge wie Zähneputzen, Essen oder Gehen. Alles erfordert Achtsamkeit - bis heute.
Das hat eine interessante Nebenwirkung:
Wenn man nur eine Sache machen kann, wird der Tag länger – weil man wirklich in jeder Tätigkeit tief drinnen ist und sehr intensiv erlebt.
Wenn man einmal erlebt hat, dass das Leben von einem Tag auf den anderen völlig kippen kann, verändert sich etwas Grundlegendes. Dinge, die früher wichtig waren – wie Leistung, Termine und Tempo – verlieren Gewicht.
Wichtiger wird: ein Schritt ohne Schwindel, ein Spaziergang im Wald, ein Gespräch, ein ruhiger Moment. Dinge, die ich besonders auf meinen Weitwanderwegen schätzen gelernt habe. Das Wandern wurde meine Therapie.

Vor der Krankheit hatte Zeit oft etwas Bedrohliches: zu wenig Zeit, zu viele Aufgaben. Danach wurde Zeit etwas anderes: eine Möglichkeit.
Oder anders gesagt:
Früher wollte ich die Zeit kontrollieren.
Heute versuche ich, sie zu erleben.
In meinem ersten Leben war Zeit mein Trainingspartner. Sekunden, Höhenmeter, Durchschnittsgeschwindigkeit. Alles drehte sich darum, schneller zu sein. Im Sport normal, änderte sich das im Beruf. Die Zeit war etwas, gegen das man arbeitete.
Heute hat Zeit für mich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Sie ist nicht mehr mein Trainingspartner, sondern mein Lehrer.
Zeit ist heute kein Gegner mehr.
Sie ist ein Raum, in dem Heilung passieren darf.
Wenn ich von meinem Leben erzähle, dann ist es immer unterteilt in ein Davor und ein Danach.
Das DAVOR war geprägt von Bewegung, Leistung und Geschwindigkeit. Mein Leben spielte sich oft am Limit ab. Den Sport habe ich damit noch sehr positiv in Erinnerung.
Das DANACH ist anders. Viel langsamer. Viel bewusster.
Plötzlich ging es nicht mehr darum, schneller zu werden, sondern überhaupt wieder gehen zu können. Es wurde ein täglicher Grenzgang, bis heute.
Das macht demütig und gibt einen zu erkennen, wie wertvoll ein einzelner Schritt sein kann. Wenn ich an die erste Zeit zurück denke, welchen Willen ich aufbringen musste, diese ersten Schritte machen zu wollen.
Sie bedeuten, dass von einem Moment auf den anderen nichts mehr selbstverständlich ist und damit selbst die einfachsten Dinge eine neue, tiefere Bedeutung bekommen.
Mit diesem Einschnitt startete ich nicht bei null, sondern im Minus. Jeder kleinste Fortschritt war kein normaler Entwicklungsschritt, sondern ein Geschenk, das ich mir erarbeiten musste. Ich war lange Zeit an meinen Grenzen unterwegs.
Zehn Jahre nach diesem Einschnitt bedeuten keine Karriere und keinen geradlinigen Aufstieg, sondern eine lange Bewährungsprobe.

Ich bin nicht in mein altes Leben zurückgekehrt. Es gab bisher keinen Punkt, an dem ich sagen konnte: Jetzt ist wieder alles wie früher. Stattdessen begann ein langsamer Aufbau – nicht zurück, sondern neu. Ein Aufbau, der mir jedoch nicht bleibt. Ich muss immerfort dranbleiben, muss jeden Tag bewußt dranbleiben.
Bildung bekam dabei eine neue Bedeutung. Ich musste sie mir in den letzten zehn Jahren Schritt für Schritt neu erarbeiten. Sie war kein Karrierebaustein, sondern ein Wiedergewinn von geistiger Klarheit, innerer Ordnung und Handlungsfähigkeit.
Mein Kopf arbeitet wieder.
Anders und vielleicht langsamer – aber er arbeitet.
Alte Synapsen wieder zu verbinden, ist auch heute noch Teil meines Alltags. Genau das verstehe ich heute unter Bildung. Lernen, was ich eigentlich schon konnte.
Im Video von Markus Leyacker-Schatzl erzähle ich über meinen Weg.
Der Hirnabszess war rückblickend eine Verschiebung meiner Maßstäbe. Nicht nur mein Körper war betroffen, sondern auch die Maßstäbe, mit denen ich mein Leben messe.
Planbarkeit hat ihre Selbstverständlichkeit verloren, weil Energie und Belastbarkeit nicht mehr verlässlich abrufbar sind. Körperliche Anstrengung ist seither kein Trainingsreiz mehr, sondern etwas, das genau dosiert werden muss.
Auch meine kognitive Sicherheit, dieses stille Vertrauen in das eigene Denken, hat sich verändert. Entscheidungen, Konzentration und Mehrfachbelastung sind nicht mehr selbstverständlich verfügbar.
Am stärksten hat sich jedoch mein Vertrauen dahingehend verändert, dass es immer irgendwie weitergeht. Früher dachte ich, Entwicklung passiert Schritt für Schritt von selbst. Heute weiß ich, dass Stabilität nichts Selbstverständliches ist, sondern etwas, das jeden Tag neu erarbeitet werden muss.
Am stärksten zeigt sich der Neubau in der Selbststeuerung. Früher war Belastung normal, heute ist sie etwas, das ich bewusst dosieren muss. Energie, Pausen und Prioritäten – nichts davon geschieht automatisch.
Ich habe noch heute zu lernen, meine Grenzen nicht zu ignorieren, sondern sie zu lesen. Nicht Überforderung als Stärke zu sehen, sondern Steuerung als Kompetenz. Mein Leben ist sowieso ein Grenzgang.
Der Moment, in dem ich merkte, dass ich nicht mehr nur überlebe, sondern wieder gestalte, kam erst mit der Zeit. Es war eine stille Erkenntnis, die erst in der letzten Zeit reifte.
Ich treffe Entscheidungen wieder bewusster und reagiere nicht nur auf das, was passiert. Ich setze Ziele – nicht um etwas zu beweisen, sondern um mein Leben aktiv zu Formen, zumindest versuche ich es.
Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr nur Patient.
Ich war wieder Handelnder.

Ein Blick auf diese Jahre schließt auch die bleibenden Einschränkungen mit ein. Fatigue ist nach wie vor ein großes Thema. Energie ist nicht jederzeit abrufbar, sondern muss eingeteilt werden. Belastung braucht Planung.
Darüber hinaus haben sich mehrere Funktionen dauerhaft verändert. Konzentration ist begrenzt. Gedächtnisleistung ist nicht in jeder Situation zuverlässig. Sprache braucht manchmal Zeit. Reize können schnell überfordern.
Viele Dinge, die früher selbstverständlich waren, verlangen heute Aufmerksamkeit und Struktur. Stabilität entsteht nicht automatisch. Sie muss hergestellt und erhalten werden. Manchmal ist das nah an dem, was man sonst Pflege nennen würde – nur dass ich sie selbst übernehme.
Es hat sich auch eine neue Vorsicht im Umgang mit mir selbst entwickelt. Nicht aus Angst, sondern aus Erfahrung. Ich weiß heute, dass Stabilität nichts Selbstverständliches ist.
Das ist keine Bitterkeit.
Es ist Teil meiner Realität.
Und mit dieser Realität arbeite ich.
In den letzten 10 Jahren ist etwas entstanden, das ich früher so nicht kannte. Keine Euphorie und kein „Alles wird gut“, sondern eine Form von Zuversicht.
Es hat sich dahingehend eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Ich muss nicht mehr alles steuern oder absichern.
Prioritäten sind klarer geworden. Unwichtiges verliert an Bedeutung und wird schnell aussortiert. Eigenverantwortung ist zentral. Meine Energie kann nur ich selbst einteilen und entscheiden, was mir gut tut.
Langsamkeit bewerte ich nicht negativ. Sie erhöht Genauigkeit und Stabilität.
Mein Verständnis von Gesundheit hat sich grundlegend verändert. Gesundheit ist für mich nicht die Abwesenheit von Krankheit und auch nicht die Rückkehr zu meinem früheren Leistungsniveau. Sie bedeutet heute, mit meinen vorhandenen Ressourcen stabil leben zu können.
Entscheidend ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung: Energie bewusst einteilen, Belastung dosieren, Grenzen rechtzeitig erkennen und darauf reagieren. Stabilität ist wichtiger geworden als Intensität.
Sie ist ein fortlaufender Prozess, der Aufmerksamkeit erfordert – körperlich wie mental. Solange ich gehen, denken und eigenständig entscheiden kann, bin ich gesund im Sinne meines heutigen Verständnisses.
Gesundheit bedeutet für mich: selbstbestimmt leben – unter veränderten Bedingungen. Gesundheit bedeutet für mich heute nicht mehr Leistungsfähigkeit, sondern Selbststeuerung.
Langsamkeit ist kein Nachteil mehr.
Sie bringt Stabilität.
Ich lebe bewusster als früher.
Wie messe ich Fortschritt?
Was ist Erfolg?
Was bedeutet Stärke?
Fortschritt messe ich heute in Stabilität.
Erfolg bedeutet Kontinuität.
Stärke zeigt sich nicht mehr im Durchhalten um jeden Preis, sondern im bewussten Umgang mit Grenzen. Das ist eine Grundbedingung, um Grenzen verschieben zu können.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich keine verlorenen zehn Jahre.
Ich sehe zehn Jahre Arbeit.
Zehn Jahre Lernen.
Zehn Jahre Entscheidung, nicht stehen zu bleiben.
Zehn Jahre später gehe ich nicht schneller.
Aber bewusster.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
„Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet.“
Es ist eine Lebensqualität, die ich mir Tag für Tag erarbeiten muss, damit sie bleibt und damit sie nicht wieder verloren geht. Denn nach dem Hirnabszess war nichts mehr selbstverständlich, und vieles, was früher einfach war, wurde plötzlich zu einer Herausforderung. Mein Körper funktionierte nicht mehr wie zuvor, und auch mein Gehirn arbeitete anders, sodass ich lernen musste, mit diesem neuen Zustand zu leben.
Vieles war reduziert auf das Jetzt, weil ich gar nicht weiter vorausdenken konnte. Auf den nächsten Schritt, den ich setzen musste, und auf den nächsten Atemzug, der mich im Moment hielt. Denn mehr war oft nicht möglich.
Und genau dort, in dieser Beschränkung und gerade weil alles auf das Wesentliche reduziert war, verstand ich, was mich wirklich lebendig macht. Nicht das Große und Weite, sondern das Kleine und Nahe. Nicht das Morgen, sondern das Jetzt, weil nur hier Leben spürbar ist.

Ein Schritt nach dem anderen. Millionenfach wiederholt. Immer wieder hinaus. In die Natur. In die Wälder, auf die Wege, über Asphalt und Schotter. Die Natur wurde meine Therapie Nummer eins. Sie fordert mich, aber sie überfordert mich nicht. Sie spiegelt mir meinen Zustand – jeden Tag aufs Neue.
Lebendig fühle ich mich nicht, wenn alles leicht ist. Sondern wenn ich spüre, dass ich wirke. Dass ich etwas bewege. Dass ich trotz Einschränkungen weitergehe. Dieses Weitergehen ist kein Leistungsbeweis. Es ist ein inneres Ja zum Leben.
Erst später wurde mir bewusst, warum mich früher Leistungs- und Extremsport so angezogen haben. In der Bewegung spürte ich mich besser. Dort, wo es weh tut, liegt oft auch eine Wahrheit über sich selbst.

Und dann ist da die Freude. Heute ist sie wichtiger denn je. Sie wirkt oft leise. Ein Moment auf einem Waldstück, wenn das Licht durch die Bäume fällt. Das Wissen, wieder ein Stück sicherer gegangen zu sein. Oder einfach Dankbarkeit, dass ich überhaupt gehen kann.

Über die Jahre habe ich gelernt: Gehe ich weniger, übe ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, zieht sich etwas in mir zurück. Nicht nur die Muskulatur. Nicht die Propriozeption, diese Tiefensensibilität, die kein fixer Besitz mehr ist, sondern etwas, das ich mir durch millionenfaches Wiederholen zurückerobert habe und zu erhalten versuche.
Lasse ich nach, wird auch das Gehen unsicherer. Auch die innere Lebendigkeit wird dann weniger. Sie braucht Bewegung. Sie braucht Wiederholung. Sie braucht Hingabe.

In meinem ersten Leben war ich vieles, doch der Leistungssport war vor allem eines: ein Versuch, mich selbst kennenzulernen. Dieses Leben an der Grenze ließ mich wachsen – geistig wie körperlich. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht und besonders die Reaktion wurden geschärft und zu einem Teil von mir.
Später, als Videojournalist, zehrte ich davon. Schnell erfassen. Richtig reagieren. Den Überblick behalten. Der Sport war dafür die beste Schule.
Der Sport lehrte mich, Leistung zu bringen. Aber noch wichtiger war mir immer die Haltung dahinter. Leistung ohne Ethik war für mich nie erstrebenswert. Dieser Wert begleitet mich bis heute. Er ist geblieben – wie das Gehen. Wie das Streben nach Entwicklung. Schritt für Schritt.

Dem zu folgen, was mich lebendig macht, bedeutet nicht, nur das Angenehme zu wählen. Es bedeutet, dem nachzugehen, was Sinn stiftet. Was mich aufrichtet. Was mich in Verbindung bringt – mit mir selbst und mit der Welt um mich herum.
Für mich sind es nicht nur die täglichen Wege. Es ist auch das Weitwandern. Das Pilgern. Stundenlanges Gehen. Tag für Tag. Schritt, Atem, Schritt. Nicht um besondere Leistungen zu vollbringen. Nicht um Rekorde zu sammeln, sondern um meinen Körper zu regulieren und Stabilität zu schaffen.
Diese langen Wege bringen mein Nervensystem in einen Rhythmus. Sie geben meinem Körper jene Wiederholungen, die er braucht. Für Außenstehende mag das extrem wirken. Für mich ist es kein Extremsport mehr. Es ist Erhalt und es ist notwendig, um selbstständig zu bleiben. Um nicht erneut zum Pflegefall zu werden.

Mir ist bewusst, dass nicht jeder diesen Weg gehen kann – und ihn auch nicht gehen muss. Jeder Mensch hat seine eigene Form, lebendig zu bleiben. Schreiben. Musizieren. Gärtnern. Gespräche führen. Wichtig ist nicht, was es ist. Wichtig ist, dass es einen stärkt.
Nach zehn Jahren weiß ich: Lebensqualität entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Ausrichtung. Durch die bewusste Entscheidung, dem Raum zu geben, was nährt. Und das loszulassen, was dauerhaft schwächt.
Für mich ist es das Gehen. Die langen Wege. Das Unterwegssein.
Vielleicht ist das die eigentliche Essenz: Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet. Nicht irgendwann. Sondern heute. Schritt für Schritt.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Regulation ist für mich nichts Theoretisches. Es ist etwas, das ich jeden Tag spüre. Seit dem Hirnabszess ist vieles nicht mehr selbstverständlich. Vor allem nicht dieser innere Zustand, in dem man einfach sein kann.
Nach dem Hirnabszess ist vieles anders geworden. Mein System ist sensibler. Dinge, die früher einfach mitgelaufen sind, kosten heute Energie. Zu viele Reize, zu viele Abläufe gleichzeitig – das merke ich sofort. Nicht im Kopf, sondern im Körper.

Er hat auch viele Traumen ausgelöst. Und genau deshalb ist Regulation so wichtig. Mein System ist schnell im Alarm. Manchmal reicht wenig und ich merke: Ich bin wieder im dauernden Bereitsein, im Mitdenken, im unterschwelligen Aufpassen. Mein Nervensystem bleibt dabei ständig wach. Es kommt nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand. Es ist immer ein wenig angespannt, auch dann, wenn eigentlich nichts los ist.
Darum entscheidet Regulation für mich darüber, ob ich nur funktioniere oder ob ich wirklich lebe. Ohne Regulation wird alles schnell zu viel. Selbst Dinge, die eigentlich gut tun würden.
Ich habe früh gemerkt, dass mein Weg über den Körper führt. Über das Gehen, über Wiederholung, über das langsame Üben. So kann mein Nervensystem wieder Sicherheit finden. Nicht Kontrolle, sondern Sicherheit.
Und ich komme immer wieder darauf, in welchen Situationen Traumen noch da sind, auch heute noch. Oft zeigt sich das erst im Körper. In der Bewegung, im Stocken, in der Spannung. Es bleibt ein ständiges Lernen, aber auch ein Lösen.
Vor allem durch Bewegung. Denn Traumen zeigen sich meist in Bewegung. Und dort kann auch Regulation passieren. Darum ist therapeutisches Tanzen für mich so gut. Es hilft mir, Spannungen wahrzunehmen und langsam weicher werden zu lassen. Ohne Druck, ohne viele Worte. Schritt für Schritt.
Regulation bedeutet für mich, wieder bei mir zu sein. Zu spüren, was geht und was nicht. Zu merken, wann es genug ist. Wann Bewegung hilft und wann Ruhe nötig ist.
Weitwandern oder Pilgern ist nur bedingt Abenteuer, es ist vor allem ein Raum, in dem genau das möglich wird: ein Alltag ohne Überforderung, mit klaren Abläufen, in dem mein System wieder hören kann, was es braucht.
Nach jeder Pilgerfahrt oder nach einem Weitwanderweg gewinne ich wieder mehr Vertrauen. Vertrauen ist kein Anfangspunkt, sondern etwas, das entsteht, wenn mein System lange genug erleben darf, dass nichts von ihm verlangt wird.
Ich bin sicher, ohne etwas kontrollieren zu müssen.
Ohne Regulation wäre alles nur Reaktion.
Mit Regulation wird es wieder Leben.
Schritt für Schritt. Wie beim Gehen.

Ich habe lange versucht, das über Denken zu lösen. Verstehen, einordnen, erklären. Das hilft ein Stück weit, aber es bringt keine echte Ruhe. Was mir wirklich hilft, ist etwas viel Einfacheres: Gehen.
Gehen – nicht als Training, sondern als Zustand
Wenn ich gehe, wird es ruhiger. Der Atem wird gleichmäßiger. Der Blick geht weiter. Die Gedanken werden weniger.
Ich muss nichts entscheiden und nichts organisieren. Ein Schritt nach dem anderen reicht.

Zu Hause bin ich immer eingebunden. Auch dann, wenn ich eigentlich nichts vorhabe. Da laufen Abläufe, Gewohnheiten, Erwartungen. Vieles davon automatisch.
Nach dem Hirnabszess merkte ich: Das ist auf Dauer zu viel. Nicht ein einzelnes Ding, sondern die Summe aus vielen kleinen Anforderungen gleichzeitig. Auch Ruhe ist zu Hause oft nicht wirklich ruhig. Natürlich kann ich zu Hause spazieren gehen oder bewusst Pausen machen. Das tut auch gut. Aber es bleibt eingebettet im Alltag. Am Ende des Tages bin ich wieder mittendrin.
Der Alltag hört nicht auf. Mein System bleibt wachsam. Nicht, weil konkret etwas passiert. Sondern weil jederzeit etwas passieren könnte. Ein Geräusch. Eine Frage. Eine Kleinigkeit, die Aufmerksamkeit braucht. Auch wenn nichts davon eintritt, bleibt diese Bereitschaft im Körper.
Ich spüre es daran, dass ich innerlich nicht ganz herunterfahre. Es ist, als wäre ein Teil von mir ständig auf Empfang. Nicht angespannt im klassischen Sinn, aber auch nicht wirklich entspannt.
Nach dem Hirnabszess ist genau das anstrengend. Dieses dauernde „Bereit sein“, dieses Mitdenken, dieses ständige Aufpassen. Mein Nervensystem kommt so nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand.
Zu Hause kann ich mich erholen, aber ich kann mich dort kaum vollständig regulieren. Und diese Regulierung ist für mein Überleben wichtig geworden.
Auf einem Weitwanderweg ist das anders, denn der Weg ist der Alltag.Der Tag ist überschaubar: gehen, essen, schlafen. Mehr nicht. Keine Termine, keine Rollen, keine Dinge, die gleichzeitig Aufmerksamkeit wollen.
Regulation braucht Dauer, nicht kurze PausenRegulation entsteht bei mir nicht durch kurze Auszeiten. Sie entsteht durch Dauer. Deswegen tun mir Weitwanderwege so gut.
Natur verlangt nichts von mir. Ob Wald oder Meer. Am Meer kommt Weite dazu. Der Horizont. Die gleichmäßigen Geräusche.

Im November war ich am Camino Francés und im April ebenso dort zwei Wochen unterwegs.
Gut – aber über das Jahr gesehen zu wenig.
Das hier ist keine Reha, die irgendwann abgeschlossen ist. Die Schäden bleiben. Der Unterschied liegt darin, wie gut ich damit umgehen kann – und das hängt direkt davon ab, wie stabil mein System ist.
Noch trägt mich mein Wille. Aber ich weiß, dass das nicht unbegrenzt so sein wird. Darum ist es wichtig, jetzt gegenzusteuern.
In den letzten Wochen sind die Bedingungen draußen schwierig. Eisige Temperaturen, ständig Minusgrade, gefrorene Wege. Dinge, die ich früher einfach hingenommen habe, wirken sich heute viel direkter auf mein System aus. Ich merke, dass mir die Kälte und die Unsicherheit am Untergrund Energie ziehen.
Ich bewege mich vorsichtiger, angespannter. Das Gehen verliert seinen Rhythmus. Dazu kommt, dass es mich am Eis auch geschmissen hat, mit einer Oberschenkelzerrung und einem Körpersystem, das danach spürbar durcheinander war. Seitdem ist Regulation deutlich schwieriger. Nicht nur körperlich, auch innerlich. Der Körper bleibt noch wachsamer, noch vorsichtiger. Und genau das ist auf Dauer anstrengend.
Diese Wochen haben mir wieder klar gezeigt, wie stark äußere Bedingungen auf mein Befinden wirken. Wenn Bewegung nicht mehr flüssig möglich ist, wenn jeder Schritt Aufmerksamkeit braucht, dann fehlt mir etwas. Vielleicht ist es deshalb, dass mich der Gedanke ans Wegfahren gerade jetzt wieder so beschäftigt.
Nicht aus Ungeduld, sondern aus Wahrnehmung. Ich spüre sehr deutlich, dass mein System im Moment keinen guten Rahmen hat, um sich zu regulieren.





Ich merke: Meine Regulation funktioniert nicht mehr richtig. Nicht schlecht – aber nicht gut genug. Ich bin schon zu lange zu Hause, im Alltag gefangen.
Deshalb denke ich jetzt an einen Weg in Portugal, in den nächsten Wochen. Vor allem, weil es dort wärmer ist. Wärme macht für mich im Moment den Unterschied: weniger Spannung im Körper, mehr Sicherheit im Gehen, weniger Widerstand bei jedem Schritt.
Es geht mir nicht um einen bestimmten Weg oder um ein „Dort“. Es geht um Bedingungen, unter denen Bewegung wieder flüssig möglich ist. Um einen Rahmen, der mein System entlastet, statt es zusätzlich zu fordern.
Ein Camino in Spanien wäre derzeit etwas anderes. Nicht grundsätzlich, sondern im Moment. Kältere, wechselnde Verhältnisse würden meinem System gerade mehr abverlangen, als ihm gut tut. Portugal passt jetzt besser.
Manchmal geht es nicht darum, mehr auszuhalten, sondern rechtzeitig zu merken, dass etwas fehlt. Dann braucht es kein ständiges Gegensteuern. Mein System kann sich beruhigen, statt permanent aktiv zu bleiben.
Ich komme wieder in einen Zustand, in dem mich das Vorhandene nicht mehr überfordert. Das, was ich schon kurz nach dem Hirnabszess erkannt habe, gilt noch immer – nur auf einer anderen Ebene. Damals fehlten mir die Worte, heute kann ich es benennen. Regulation.
Und dieser Weg ist es nach wie vor, den ich gehe: diese Regulation zu verbessern. Denn nur wenn sie gelingt, lebe ich wirklich.

Ein neues Jahr beginnt und im März jährt sich zum zehnten Mal die Zeit nach dem Hirnabszess. Oft werde ich gefragt, wie es mir heute geht. Die Frage ist gut gemeint, aber sie greift zu kurz. Denn es geht nicht um gut oder schlecht, nicht um gesund oder krank, nicht um fertig oder unfertig. Es geht um etwas anderes, das ich lange selbst nicht benennen konnte. Es geht um Regulation.
Nicht als medizinischen Begriff, sondern als etwas sehr Konkretes in meinem Alltag. Etwas, das mein Leben heute trägt.

Zehn Jahre sind vergangen, seit mein Leben abrupt zum Stillstand gekommen ist. Hirnabszess, Intensivstation, Reha, das langsame Zurückfinden in etwas, das man wieder Leben nennen kann.
Am Anfang ging es ums Überleben.
Später ums Funktionieren.
Lange Zeit um Rehabilitation.
Erst viel später habe ich verstanden, dass all das nur die Oberfläche war und dass es darunter um etwas viel Grundlegenderes ging.
Damals hatte ich dafür keine Worte. Ich wusste nur, dass nichts mehr so selbstverständlich war wie früher. Mein Körper war nicht mehr intakt, und vor allem nicht mehr automatisch stabil.
Dinge, die früher einfach passiert sind, sind heute anstrengend. Gespräche fordern plötzlich mehr, Geräusche werden schnell zu viel, Entscheidungen ermüden mich schneller.
Lange dachte ich, ich müsse einfach nur wieder belastbarer werden. Wieder mehr aushalten, wieder normal funktionieren, wieder hinein in das alte Leben.
Heute weiß ich, dass es nie um Belastung ging. Es geht um Ordnung im System. Körper, Kopf und Geist dürfen nicht gegeneinander arbeiten.

Regulation bedeutet für mich, dass mein Körper wieder in einen Zustand kommt, in dem er nicht dauernd Alarm schlägt. Seit dem Hirnabszess reagiert mein Nervensystem schneller. Es funktioniert, aber es ist empfindlicher geworden.
Wie ein Rauchmelder, der korrekt arbeitet, aber schon beim kleinsten Dampf losgeht.
Regulation heißt nicht, diesen Rauchmelder auszuschalten oder zu ignorieren. Sondern ihm immer wieder zu zeigen, dass gerade kein Feuer ist.

Wenn ich das nicht tue, passiert nicht einfach nichts. Es passiert zu viel. Der Kopf wird voll, der Körper wird unruhig oder müde, die Bewegung verlangsamt sich. Reize brauchen länger, um zu verschwinden. Erholung dauert länger.
Ich werde nicht klassisch krank.
Aber ich werde instabil.
Und das merke ich meist erst im Nachhinein. Oft hilft dann ruhiges Gehen, am besten in der Natur. Ich spreche dann oft vom, “...wieder auf gleich gehen!”.
Der Alltag zu Hause fühlt sich dicht an. Viele Reize, viele Rollen, viel Gleichzeitigkeit. Für ein Nervensystem, das früher vieles automatisch geregelt hat, ist das kein großes Thema.
Für meines schon.
Deshalb brauche ich Zeiten, in denen alles einfacher wird. Zeiten, in denen der Rhythmus klar ist, in denen weniger entschieden werden muss, in denen der Körper wieder führen darf und der Kopf leiser wird.
Nicht als Rückzug vom Leben, sondern als Voraussetzung dafür, dass Leben für mich überhaupt funktionieren kann.

Das Weitwandern ist für mich kein Hobby geworden. Auch kein sportliches Ziel. Und ganz sicher keine Flucht.
Es ist eine meiner wichtigsten Formen der Regulation.
Beim Gehen über längere Zeit passiert etwas sehr Ursprüngliches. Schritt und Atem finden einen gemeinsamen Rhythmus und die Reizdichte wird weniger. Der Körper kommt in einen gleichmäßigen Zustand, ohne dass ich etwas aktiv steuern muss.
Gedanken ordnen sich oder werden still. Genau dadurch entsteht wieder Stabilität.
Wenn ich zurückkomme, bin ich nicht weg vom Leben, sondern ich bin wieder mehr da.

Lange hatte ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Warum ich gehe. Warum ich länger unterwegs bin. Warum ich Pausen brauche, die andere nicht brauchen und gehe, wenn andere nicht mehr gehen.
Heute sehe ich das anders.
Regulation ist für mich keine Wellness. Es ist Wartung. Ohne sie funktioniert mein Alltag nicht. Deshalb höre ich heute früher hin und reagiere früher. Nicht unbedingt aus Angst, sondern aus Erfahrung.
Eine Angst sitzt dennoch tief in mir. Es ist die Angst vor der Bewegungslosigkeit, wie ich sie im Krankenhaus erlebt habe und wie sie mich auch lange Zeit danach noch begleitet hat. Diese Starre, dieses Ausgeliefertsein an den eigenen Körper, hat sich eingebrannt. Sie ist leiser geworden, aber verschwunden ist sie nie. Das möchte ich nie wieder erleben.
Ich war lange der Meinung, man müsse irgendwann mit der Rehabilitation fertig sein, um endlich wieder zu leben. Inzwischen weiß ich, dass Rehabilitation kein Abschnitt ist, der endet.
Sie integriert sich ins Leben.
Nicht als Mangel, sondern als Art zu leben.
Ich kann nicht zehn Jahre nur rehabilitieren. Aber ich kann auch nicht so tun, als wäre alles wie früher. Die Wahrheit liegt dazwischen.

Was sich mit der Zeit verändert hat, ist nicht nur mein Umgang mit Regulation, sondern mein ganzer Umgang mit meinem Körper. Regulation ist wichtig für mich, aber sie steht nicht allein. Da sind auch Dinge, die geblieben sind, ein Körpergefühl, das nicht immer verlässlich ist, ein Gleichgewicht, das Aufmerksamkeit braucht, ein Denken, das anders läuft als früher. Viele kleine Baustellen, die im Alltag mitlaufen, meist leise und für andere kaum sichtbar.
Diese Dinge sind nicht ständig da, aber sie melden sich, vor allem dann, wenn ich müde bin oder zu viel auf einmal möchte. Regulation hilft mir dabei, den Rahmen zu halten, damit nicht alles gleichzeitig kippt und ich den Überblick verliere.
Ich weiß heute besser, was mir guttut und wann ich langsamer werden muss, nicht nach festen Regeln, sondern aus Erfahrung. Es ist ein ständiges Austarieren zwischen Gehen und Pausieren, zwischen Aufmerksamkeit und Vertrauen. Und oft ist genau dieses Gehen der einfachste Weg, wieder Ordnung hineinzubringen, Schritt für Schritt, ohne viel nachzudenken.

Ich muss nichts mehr beweisen. Ich darf mit dem unterwegs sein, was da ist, mit einem Körper, der nicht mehr so funktioniert wie früher, mit einem System, das Aufmerksamkeit braucht, aber trägt, und mit einem Leben, das anders geworden ist.