Walkabout - Gehen als Sinn im Leben!

Warum möchte ich einen Walkabout machen? Kann Gehen mir Sinn im Leben geben? Warum bedeutet mir Gehen so viel? GEHE ich am Leben vorbei?

Viele Fragen, auf die ich Antworten suche und versuche, sie mir zu geben. Gehen hat mit Bewegung zu tun, nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Der Hirnabszess hat mein Gehirn verändert und um es wieder in Bewegung zu bringen, ist Gehen geeignet.

Das Gehirn wieder in Funktion zu bringen, ist mein Anliegen, aber wie?

Gehirn

Gehen und das Gehirn

Körperliche Bewegung sorgt für Bewegung im Kopf. Eine Fülle von Erlebnissen und Eindrücken sorgen für ein aktives Gehirn. Manchmal möchte ich jedoch zu viel. Gerade berufliche Ziele überforderten Anfangs mein Gehirn. Zu akzeptieren, dass es noch nicht so weit ist, brachte mir ein leichteres Leben.

Filmen, Trailrunning oder Familienvater sind mir seit dem Hirnabszess nur beschränkt oder gar nicht möglich. Mein Gehirn legt das Tempo vor, mit dem ich unterwegs sein kann. Laufen geht noch gar nicht, genauso habe ich mit dem Filmen meine Schwierigkeiten.

Gehen ist zwar wegen der fehlenden Propriozeption noch immer schwierig, funktioniert aber aufgrund des vielen Übens recht gut. Wenn ich zurückschaue, wird mir erst bewusst, wie haarig es damals im Krankenhaus zuging. So gesehen kann ich mit meinem Fortschritt zufrieden sein, ich darf aber nicht nachlassen, wenn ich mehr erreichen will.

Wieder Gehen zu können war lange nicht sicher. Nach vier Monaten wieder selbst aufs WC zu kommen, war ein großer Erfolg. Das bedeutete einen Gewinn an Unabhängigkeit, wie ich es mir bis dahin nicht vorstellen konnte. Anfangs durfte ich nur mit Begleitung aufs Klo, meist im Rollstuhl, da der Schwindel zu groß war und damit auch die Gefahr einer Verletzung. Erst in den letzten 14 Tagen im Krankenhaus durfte ich alleine aufs WC. Wann immer es mir möglich war, wollte ich zu Fuß hin.

Heute kann ich es selber fast nicht mehr glauben, aber meine Tagesenergie waren 30 Minuten Ergo- oder Physiotherapie und einmal aufs Klo gehen. Das war meine Energie für den ganzen Tag. Gehen und Bewegung zu trainieren, war damit für mich essenziell. Die Fortschritte waren im Mikrobereich, aber die Bilder vom Eiger Ultra Trail trieben mich voran. Ausdauertraining war mir wichtig, denn mit mehr Ausdauer kann ich mich länger allem anderen widmen, besonders der Wortfindung und Merkfähigkeit.

Ich hatte kein Kurzzeitgedächtnis mehr und musste anderes lernen, um das Kompensieren zu können. Das funktioniert besser mit mehr Ausdauerfähigkeit und meine Denkfähigkeit steigerte sich mit Zunahme der Ausdauer. Gehen wurde wichtig und gab mir Sinn im Leben.

Eines war sicher: Einen Fuß vor den anderen zu setzen, gehört mit zum Wichtigsten, was wir tun können.

Gehen gibt mir Sinn im Leben
Gehen gibt mir Sinn im Leben

Gehen als Sinn im Leben

Sinn gibt einem das, was Freude macht. Wäre ich damals im Krankenhaus missmutig gewesen ob der Fortschritte und hätte aufgegeben Gehen zu lernen, dann hätte es keinen Sinn ergeben. Ich fand aber Sinn darin, wochen- ja monatelang, für jeden Schritt mehr zu üben. Gehen machte und gab mir Sinn, denn Denken konnte ich ja nicht wirklich.

Nach einem Jahr schaffte ich bereits mehrere hundert Meter, mit vielen Pausen. Der Jakobsweg nahm immer mehr Raum in mir ein. Wochenlang dahingehen und damit zu sich selbst zu kommen. Nach zwei Jahren schaffte ich endlich 5 Kilometer. Noch brauchte ich viele Pausen, aber immerhin.

Das Kurzzeitgedächtnis verbesserte sich nur wenig, aber neue Strategien konnte ich langsam in mir integrieren und anwenden. 2018 fuhr ich dann nach einer privaten Krise kurzerhand zum Jakobsweg. Gehen gab mir Sinn und wurde meine Medizin und Lebenselixier.

Wenn ich mich heute an meine erste Reise nach Saint Jean Pied de Port zurückerinnere, dann kommen vereinzelte Erlebnisse hoch. Damals war ich nicht fähig zu schreiben, mein Gehirn funktionierte nur bedingt und wenn ich nicht Fotos gemacht hätte, dann hätte ich nur wenige Erinnerungen behalten. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieser Weg für mich Sinn im Leben machte, denn ich lebte voll und ganz im Hier und Jetzt.

Hier und Jetzt

Das Denken konnte ich nur wenig Verbessern in den letzten Jahren, aber dafür bekam das Gehen immer mehr Sinn. Der Hirnabszess hält mich im Hier und Jetzt und das ist für das Gehen perfekt. Ich kann Freude besser empfinden, in Dingen, die ich gerne mache. Gehen gehört dazu und Heilung kann nur stattfinden, wenn meine Zellen in Freude schwingen.

Ich überquerte auf meinen Caminos Bergketten, Hochebenen und Städte. Ich erlebte Regen und Sonnenschein, Kälte und Hitze. Alles nahm ich sehr intensiv wahr, denn ich lebte im jetzt und nur die Fotos erinnern mich noch daran, wo ich war und was ich erlebte. Der Moment wurde das wichtigste Mittel, um zu Gesunden. Ich war schon immer ein optimistischer Mensch und wollte mir diese Haltung bewahren.

Als ehemaliger Videojournalist liebe ich es, zu dokumentieren. Das ist noch immer in mir, aber ich sehe es auch als Möglichkeit, mein Denken und meine Wahrnehmung zu fördern. Vieles, wie das Filmen, ist mir kaum oder schwer möglich. Das wird vielleicht wieder kommen, aber ich bin zumindest froh, meinen Lebensweg über Fotos zu dokumentieren. Wer hätte daran vor fünf Jahren geglaubt, dass so etwas möglich wird?

Pilgern, den Sinn im Leben finden
Camino del Norte 2019

Gehen und Reisen

"Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche fahren, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuß gehen!"

Jean-Jacques Rousseau, 1712 - 1778

Diesem Kommentar von Rousseau kann ich viel abgewinnen. Für mich hat sich das Leben mit dem Gehen wieder erschlossen. Ich kann vieles noch nicht, selbst Gehen muss ich noch immer lernen, aber das Unterwegssein bringt mir tägliche Glücksmomente. Die Blume oder Schnecke am Weg, ist mir genauso wichtig, wie der Eifelturm oder Louvre auf dem Weg zum Jakobsweg in Spanien.

Das oben erwähnte Zitat konnte ich selbst erfahren. Ich wollte im April 2020 zu Fuß von zu Hause nach Santiago de Compostela aufbrechen. Corona kam mir damals zuvor und seither erlebe ich das Gehen anders. Reisen und Gehen zeigte mir, wie wichtig es für mich ist. Es hat eine sehr positive Wirkung auf mein Gehirn.

Die täglichen Herausforderungen beim Reisen stimulieren mein Gehirn, wie ich es im Alltag nicht schaffe. Daher kam ich auf den Walkabout, der mich diesmal durch die Heimat bringen soll. Reduziert auf das Wesentliche, kann ich mein Gehirn vermehrt dem aussetzen, was ihm guttut. Corona erfordert einen neuen Umgang mit allem, der Walkabout ist eine Chance für mich, es zu lernen.

Er soll außerdem einen Abschluss bringen, nach 5 Jahren der Rehabilitation. Das Leben soll wieder Vorrang bekommen, nicht nur die Therapie. Den Weg dazu soll mir der Walkabout weisen, denn gerade mit Corona muss und will ich mein Leben neu ordnen. Der Weg durch Österreich kann das auf gute Weise verbinden, egal wie weit ich komme.

Einerseits das Gehen und auf der anderen Seite, wie kann ich mit Corona umgehen, dass soll mir einen guten Weg in die Zukunft weisen.

Walkabout und Gehen

Das Gehen um des Gehens willen, steht an erster Stelle. Ich erwarte mir nichts, weiß aber, dass Gehen neue Horizonte schafft. Neues, dass ich unbedingt brauche. Ob wenige Tage oder viele Wochen, ich gehe so weit und solange es mir guttut. Ich habe in den letzten Wochen viel an meinen Traumen gearbeitet und das verbrauchte viel Energie. Energie, die ich jetzt ins Gehen und über diesen Weg, auch in meine Trauma Arbeit stecken werde.

Vermeidungen erkennen und Traumen aufarbeiten. Werkzeuge dazu habe ich bekommen, besonders über das therapeutische Tanzen und dazu viele Anregungen. So wird mir beim Walkabout sicher nicht langweilig.

Bisher bin ich noch von jeder Reise (seelisch) gestärkt zurückgekommen. Wenn es mir möglich ist, werde ich diesmal versuchen, auch von unterwegs Blogartikel zu verfassen. Da ich aber meistens im Zelt übernachte, hängt es vom mir zur Verfügung stehenden Strom ab, wie oft ich posten kann. Kurzberichte auf Instagram werden sicher öfter möglich sein.

Es wird eine spannende Erkundung meines geistigen Potenzial und der körperlichen Möglichkeiten werden, da bin ich mir sicher. Mit diesem Weg möchte ich mir wieder ein Stück näher kommen und meinem Leben Richtung geben. Corona hat mich sehr in meiner Rehabilitation eingeschränkt und das soll jetzt anders werden. Ich möchte meinen Weg mit Corona finden.

Ganz dem Gedanken von Rousseau folgend: Beim Gehen findet der Mensch zu sich selbst zurück, zurück in seinen Naturzustand.

Pilgern, Wandern, Gehen
den Sinn im Leben finden

Gehen hilft dem Geist und fördert die Agilität des Gehirns. Im Jahre 1090 ging Edward Weston an seinem 70. Geburtstag in 105 Tagen von New York nach San Francisco. Er marschierte danach weiter und weiter und schrieb ein Buch über das Gehen. Er fand im Gehen seinen Sinn im Leben.

"Jeder kann gehen, es ist gratis, wie die Sonne am Tag und die Sterne in der Nacht. Wir müssen nur auf die Beine kommen, die Straße bringt uns überall hin."

Edward Weston, 70-jährig, nach seinem Marsch durch die USA, 1909

Gehen gibt auch mir Sinn im Leben!


Wenn ich die letzten Jahre rückwirkend betrachte, dann war für die Folgen des Hirnabszesses, das Pilgern die beste Therapie. Corona macht es aber seit einem Jahr unmöglich und ich brauchte lange, um die Situation erfassen und verändern zu können. Ich musste meine Rehabilitation überdenken, neu gestalten und etwas Neues musste her. Aber wie kam ich auf den Walkabout?

Vor einigen Monaten kamen Erinnerungen an meine Australien Reisen hoch, von denen ich ein Didgeridoo mitbrachte. Ich borgte mir ein leichter zu handhabendes von meinem Bruder aus und begann zu üben.

Einher kamen mir Erinnerungen an einen Walkabout in Australien, den ich aber, um es kurz zu machen, nie verwirklichte. Die Pilgerwege in Spanien sind wegen Corona zu und auch das Losgehen von zu Hause nach Santiago ist (für mich) unmöglich. Deshalb werde ich, im Sinne eines australischen Walkabout, durch Österreich gehen. Die Kultur dahinter spricht mich an und hat mit Pilgern viel gemein.

Didgeridoo spielen

Kleine Info noch zum Anfang

Alle Planungen sind vorläufig und gelten nicht als fix. Corona veränderte unser aller Leben und beeinflusst natürlich auch solche Touren. Auch ich plane nur unter dem Motto: Nix is fix!

Es kann jede Woche anders ausschauen, wie wir derzeit wieder sehen und danach richte ich mich. Aktuell wird es einen weiteren Lockdown nach Ostern geben und darüber hinaus. Wie es wirklich weitergeht, weiß niemand. Diese Unwägbarkeit der Situation war letztes Jahr kaum zu verstehen für mein Gehirn und ich brauchte lange, um mich an die Situation anzupassen. Mittlerweile kann ich wesentlich besser damit umgehen.

FFP2 Maske

Was ist ein Walkabout?

Für die Aborigines hat er eine wichtige Tradition. Mittels einer "Songline", einem gesungenen Lied, wird die Heimat auf einem festgelegten Pfad durchwandert. Dieses Lied weist durch markante Beschreibungen den korrekten Weg. Es ist laut den Aborigines ihr "Traumpfad" im Land.

So eine Wanderung kann Wochen, Monate oder in manchen Fällen, auch jahrelang dauern. Man wandelt so auf den Spuren der Vorfahren. Der Walkabout ist ein Ritual und bewahrt die Kultur der Aborigines. Er gibt ihnen Identität.

Durch Veränderungen der Natur und Landschaft, wird es aber immer schwieriger, dieses Ritual aufrechtzuerhalten. Baumaßnahmen, Häuserbau, Landschaftsbau und andere Veränderungen gleichen einem Heimatverlust und einem Verlust der Identität. Traditionelle Aborigines leben entlang ihrer bekannten "Songline", es ist ihre normale Lebensweise. Sesshafte Aborigines benutzen den Walkabout, um ihre Identität zu bewahren.

Walkabout durch Österreich
Walkabout durch Österreich

Für mich hat dieser Walkabout den Sinn, meine eigene Identität wiederzufinden.

Der Österreichische Walkabout

Vorbild ist der Australische, allerdings adaptiert auf Österreich und besonders auf mich. Am Jakobsweg in Spanien konnte ich schon eine gute Grundlage dafür bilden, er war ja auch so etwas wie ein Walkabout. Den ersten Camino ging ich, um mich wieder selbst zu finden. Der Hirnabszess nahm mir jede Identität, sodass ich nicht wusste, wer ich eigentlich bin. Mein Leben bestand nur aus Therapie, wer war aber ich?

Mich mit Behinderung wieder im Leben zu finden, ist mir bis heute in Ansätzen gelungen. Es wurde wichtig, trotzdem jeden Tag mit Freude und Glücklichsein zu erleben. Das ist die Grundlage für Heilung. Da mein Gehirn nicht mehr so arbeitet wie vorher, wurde die Bewegung immer wichtiger. Gleichzeitig hilft das Gehen auch dem Denken. Die Bewegung des Körpers überträgt sich auf das Gehirn und diese Bewegung unterstützt das Denken.

Corona tat dann allerdings das seine dazu, dass ich mich quasi wieder an den Anfang begeben musste. Ich nenne es immer wieder "das Leben lernen". Von einem Tag auf den anderen, konnte ich das nicht mehr. Aber wie damit umgehen? Ich fühlte mich in die Anfänge des Hirnabszesses zurückversetzt.

Der österreichische Walkabout
Der österreichische Walkabout

Leben lernen

Seit Februar 2019 arbeite ich speziell daran. Ich sollte lernen, Freunde zu treffen, mit dem Zug zu fahren und ins Kino zu gehen. Therapie sollte seine eigene Zeit bekommen, der Rest war Leben.

Am Camino del Norte bekam ich nach drei Wochen Gehen, wieder das Gefühl zu spüren, was Leben heißt. Der Herbst wurde eine Entdeckung des Lebens. Gleich darauf, im Februar 2020 am Camino Frances, besuchte ich dann zum ersten Mal die Kathedrale in Santiago und das Pilger-Museum. Pilger-Freunde begleiteten mich und ich überwand meine Vermeidung und Hochsensibilität. Ich hatte solche Freude am Entdecken des Lebens gefunden.

Corona

Nach meiner Heimkehr vom Camino, war plötzlich Social Distancing, Abstand halten und Regeln einhalten angesagt, die mich und mein Gehirn überforderten. Ich flüchtete mich in die körperliche Therapie, denn "das Leben lernen", war mir unmöglich geworden. Ich musste neue Strategien und Routinen lernen, für die ich lange brauchte, bis ich sie verinnerlicht hatte.

Wichtig ist, "Leben unter neuen Voraussetzungen", zu lernen. Dabei war ich doch nur kurz vorher im Begriff, mich selbst wiederzufinden. Also alles neu und zurück an den Start.

Wandern bei Corona

Schon im letzten Jahr begann ich alle Berge meiner Umgebung zu erkunden. Berge, die ich früher nicht einmal kannte, wurden meine neue Spielwiese, um weiterhin Gehen zu lernen. Ich versuchte mich auch an heimischen Pilgerwegen, war zum Beispiel für wenige Tage am Weststeirischen und am Burgenländischen Jakobsweg unterwegs.

Wie lange Corona dauern würde, konnte damals niemand abschätzen. Diese Ungewissheit war nicht leicht zu verarbeiten, soweit konnte mein Gehirn nicht denken. Ich begann aus diesem Grund mit Übernachtungen im Zelt oder Biwaksack, musste aber recht bald einsehen, dass mein Körper noch nicht so weit war. So landete ich wieder beim körperlichen Training, um mich zu festigen. Schleichend verließ mich aber die Konzentration. Es ging immer schlechter Bücher zu lesen oder zu schreiben.

Die Langsamkeit hält mich weiterhin gefangen, alles schnelle, wie das Laufen, funktioniert noch immer nicht. So bleibt Wandern und Pilgern meine Tätigkeit, immer auch mit dem Gedanken dahinter, mein Denkvermögen zu verbessern. Das Denken hat seit dem ersten Corona-Lockdown sehr darunter gelitten.

Wandern als Therapie

Walkabout durch Österreich

Austria - Australien und dazu der Walkabout. Diese Idee reifte in mir immer mehr. Meine "Songline" sollte eine Verbindung zwischen den entferntesten Punkten Österreichs, in allen vier Himmelsrichtungen, sein. Als Trailrunner wäre ich gelaufen, so wird es aber ein Thruehike, also ein Weitwanderweg. Da ich noch immer unter der Muskelschwäche leide, werde ich trotzdem kaum mehr Gepäck tragen, als ich es laufend gemacht hätte. Ultra light ist das Zauberwort.

Mein Weg führt mich von Judendorf zunächst am Neusiedlersee vorbei, zum östlichsten Punkt von Österreich, Deutsch-Jahrndorf. Von dort geht es, zum Teil auf Jakobswegen, bis zum nördlichsten Punkt, in die Nähe von Haugschlag, an der Grenze zu Tschechien.

Dann warten einige Berge auf dem Weg zum westlichsten Ort, Bangs in Vorarlberg, unter anderem wird der Arlberg überquert. Wieder retour, wartet der anstrengendste Teil des Weges, die Überquerung der hohen Tauern, zum südlichsten Punkt, in Vellach. Von dort geht es nach Hause, in die Steiermark.

Der Weg ist grob 2.000 km lang. Viele Änderungen vor Ort werden die Strecke aber auf bis zu 2.500 Kilometer anwachsen lassen.

Walkabout durch Austria, not Australia!
Walkabout durch Austria, not Australia!

Die Idee

Auf die Idee brachte mich der amerikanische Ultraläufer Rickey Gates. Er hat 2017, bei der Amtsübernahme von Donald Trump, die USA zu Fuß durchquert und sich die Stimmung der Menschen auf seinem 5.000 Kilometer langen Weg angeschaut. Für ihn war damals eine wichtige Frage, wie ist die Stimmung im Land, nach der Amtsübernahme von Donald Trump.

Seine Begegnungen hat er eindrucksvoll in seinem Buch festgehalten.

Für mich steht an erster Stelle, nach fünf endlosen Jahren der Rehabilitation, endlich wieder meinen Platz im Leben zu finden. Der "Walkabout durch Austria", soll ein weitere Schritt dazu werden. Das ist die vorrangige Idee dazu.

Es interessiert mich aber auch, wie sehr Corona die Stimmung im Land verändert hat? Es sind viele Ähnlichkeiten mit seinem Lauf durch Amerika, nach der Amtsübernahme von Trump, weiche das Land gespalten hat.

Mit Behinderung am Walkabout

Vor Corona bin ich immer wieder von der Straße weg zum Übernachten eingeladen worden. In der Corona-Zeit bin ich mir nicht mehr sicher, ob das möglich ist. Es wird interessant, das Erleben zu dürfen, besonders mit Behinderung, meiner Hochsensibilität und der veränderten Wahrnehmung. Natürlich werde ich nichts herausfordern, denn in erster Linie muss ich auf mich schauen und wie ich mit den Folgen des Hirnabszesses zurechtkomme.

Mein Gehen schaut von außen ja schon recht gut aus, aber niemand kann erkennen, welcher Aufwand dazu noch immer nötig ist. Meine Behinderung ist ja geblieben. Die fehlende Propriozeption verlangt mir große Konzentration ab, gehen zu können und Konzentration ist Energie. Energie, die ich noch immer genau einteilen muss, um über den Tag zu kommen. Auch wenn es so ist, bin ich froh und dankbar dafür, überhaupt gehen zu können. Es hat mir das Leben zurückgebracht.

Was anderes sind Begegnungen mit Menschen. Sie sind mir auch wichtig. Es wird anders als früher, aber trotzdem nicht weniger intensiv. Wie gehe ich mit den neuen Umgangsregeln um? Traue ich mich auf Menschen zugehen?

Es wird weniger in den Städten sein, die ich sowieso vermeiden werde, als vielmehr am Land. Die Bäuerin beim Wiese mähen, der Wanderer unterwegs, der Briefträger und so weiter. Mich interessiert: Wie sehen sie Corona, was hat sich in ihrem Leben verändert und was würden sie sich wünschen?

Der Ablauf

Als Zeitrahmen ist das Frühjahr bis Sommer vorgesehen. Losmarschieren würde ich gerne am 1. Mai, da aber Corona nicht berechenbar ist, lasse ich es mir offen, wann es wirklich losgeht. Ich werde mich spontan entscheiden. Einziges Limit, ich muss schauen, dass ich im Sommer durchkomme, ehe es im September zu kalt in den Bergen wird.

Die Dauer wird zwei bis drei Monate betragen. Da ich es nicht mit Pilgern in Spanien vergleichen kann, werde ich auch diesmal, wie eigentlich immer bisher, alles auf mich zukommen lassen. Was ich jedoch im Auge behalten werde, wenn es gar nicht geht, werde ich abbrechen und aufhören. Meine persönliche Gesundheit steht an erster Stelle, den die Tour hat ja den Sinn, mich darin zu verbessern. 

Ultra light Hiking

Zelt, Schlaf- und Biwaksack werden meine bevorzugte Übernachtung sein. Ultra light (Run-)Hiking habe ich schon lange vorher betrieben. Als Trailrunner war ich immer darum bemüht, mit leichtem Equipment unterwegs zu sein.

Ich habe allerdings vor, mir alle paar Tage ein Zimmer zu nehmen, sofern etwas offen hat. Ein bisschen Komfort darf sein. Eine warme Dusche, Strom für Handy und Fotoapparat und ein Bett für bessere Erholung.

Da ich vorhabe zu fotografieren, muss ich mit dem Strom haushalten. Ich habe eine kleine Powerbank bei mir und für den Notfall ein Solarpaneel, damit bin ich begrenzt autark. Allein der Fotoapparat mit Stromversorgung wiegt allerdings einen Kilogramm.

Ich habe lange überlegt, wegen des Gewichts nur mit dem Handy zu gehen. Da kam aber mein ursprünglicher Beruf als Videojournalist durch und ich entschied mich dagegen. Aber wer weiß, ich reagiere zu spontan und vielleicht gehe ich doch mit leichterem Gepäck! 🙂

Mit Fotoapparat am Walkabout

Ob ich einen Kocher mitnehme, hängt davon ab, ob ich offene Gaststätten vorfinde. Ihn zu Hause zu lassen, wäre in jedem Fall eine Gewichtsersparnis. Mit dem Gewicht bin ich am absoluten Limit für mich, aber es ist trotzdem mehr, als im normalen Fall. Die Nachwirkungen des Hirnabszesses lassen mich ein paar extra Sachen einpacken, weil mein Körper noch immer anders reagiert wie früher.

Die gesamte Ausrüstung werde ich noch gesondert vorstellen. Das Basisgewicht des Rucksacks wiegt im Moment 5 kg, inklusive Fotoapparat, aber ohne Wasser und Verpflegung.

Vorbereitung 

Allein die Vorbereitung war bisher eine sehr gute Therapie für mein Gehirn. Das richtige Material zu finden und zu bewerten, die Streckenplanung und das zu Corona-Zeiten.

Viele Kleinigkeiten müssen bedacht sein, denn ich stecke es nicht mehr so leicht weg, wenn etwas fehlt. Der Hirnabszess bzw. die Behinderung verzeihen keine großen Fehler. Es wird sich zeigen, wie ich das Übernachten im Freien dieses Jahr vertrage. Keine zu großen Kilometerleistungen sind am Anfang wichtig, denn obwohl mir dieser direkte Kontakt mit der Natur guttut, kostet mir das Nächtigen Energie. 

An der Mur

Auch wenn noch alles unabsehbar ist, freue ich mich auf den Walkabout. Er soll mich wieder, trotz Corona, ein wenig näher an das Leben zurückbringen. Mein persönlicher Lockdown beträgt immerhin schon 5 Jahre. Auf der einen Seite kann ich oft besser damit umgehen, auf der anderen fehlt mir mittlerweile besonders der soziale Kontakt und das Leben, so wie es mittlerweile allen fehlt.

Auf jedem Fall beginnt das Abenteuer, wo Pläne enden!


In letzter Zeit ist es etwas ruhiger geworden auf meinem Blog. Die Traumaverarbeitung ist seit Corona ins Stocken gekommen und ich habe mich auf die körperliche Rehabilitation konzentriert. Mein "Leben lernen" hat auch mit der Traumaverarbeitung zu tun. Es sind noch zu viele Dinge, die ich vermeide oder aufzuarbeiten habe.

Corona hat viel verändert, was auch seine Auswirkungen auf das Schreiben hatte. Gerade die Konzentration hat im letzten Jahr gelitten. Schreiben, Bücher lesen oder etwas gestalten wollen, ist im Moment kaum möglich.

Es hat keinen Sinn, es herbeizwingen zu wollen. Daher versuche ich mich in der Bewegung auszudrücken, dabei hilft mir das therapeutische Tanzen und lange Einheiten beim Gehen.

Traumaverarbeitung im Wald

Trauma - was ist das?

Laut Wikipedia und in der Psychologie wird Trauma eine seelische Verletzung genannt. Sie wird meist durch eine körperliche Verwundung hervorgerufen, aber auch durch eine psychische Erschütterung, ein sogenanntes Psychotrauma.

Meine Traumatisierung zeigt sich auf verschiedene Arten. Schon kleinere Stimulationen können zu heftigen Empfinden führen, die Wut, Angst, Furcht oder Panik auslösen. Das hat wiederum zur Folge, dass ich leicht überreagiere, mich verschließe oder in Starre verfalle. Diese Momente heißt es zu erkennen und richtig darauf zu reagieren.

Zumindest habe ich gelernt, nicht auf alles sofort zu reagieren, deshalb erscheine ich oft eher teilnahmslos. Stück für Stück taste ich mich vorwärts, um einen normalen Umgang zu lernen. Mein Alltag steht noch immer, unter den Trauma folgen.

Alle an das Trauma erinnernde Situationen, lösen noch immer körperliche Erregung oder Fluchtbereitschaft aus. Es ist nach wie vor nicht leicht, entsprechend darauf Daher auch das gesteigerte Bedürfnis, wieder mehr Vertrauen im mich zu finden. Das kann ich nur langsam steigern und braucht seine Zeit. Corona hat eben viel verändert, vor allem im sozialen Umgang. Seit einem Jahr war ich praktisch nicht mehr in der Stadt, Social Distancing blieb bis heute und ließ mich in die körperliche Rehabilitation flüchten.

Das Gehen, vor allem das Pilgern, half mir bis Corona am meisten, besonders in der Traumaverarbeitung. Ich konnte mich dabei dosiert an Situationen gewöhnen, die mich wieder an soziale Kontakte gewöhnen ließen. Von einem Tag auf den anderen war es durch Corona anders. Die Traumatherapie wurde abgesagt.

Traumaverarbeitung
Wallfahrtskirche Judendorf

PTSD - Posttraumatische Belastungsstörung 

Die Folgen treten nach traumatischen Erlebnissen auf. Von einem Tag auf den anderen aus dem Leben gerissen, verbrachte ich fünf Monate im Krankenhaus. Ich war nicht fähig, über das Vorgefallene nachzudenken. Es hinterließ jedoch Spuren, die ich erst nach zwei Jahren aufarbeiten beginnen konnte.

Ein Jahr nach dem Krankenhaus begann ich den Blog zu schreiben, der eine Verarbeitung des Geschehen war. Seit damals schreibe ich darüber, was ich mache und berichte aus meinem Therapie-Leben.

Schreiben wurde zu einer Therapie, die mich nach wie vor begleitet. Das Buch-Schreiben ist vorläufig in den Hintergrund getreten, besonders seit Corona, wo für mehr als die körperliche Rehabilitation nichts übrig blieb. Mein Gehirn ist nach wie vor die größte Herausforderung, da "Leben lernen" eigentlich nichts anderes als das Arbeiten an diesen posttraumatischen Belastungsstörungen umfasst.

Gerade das Pilgern war die beste Therapie dafür. Jeder Camino war eine Steigerung des letzten, körperlich wie geistig. Auch für die Traumen war es hilfreich. Am Camino gilt die Regel, du bekommst, was du brauchst, nicht was du willst. Beim ersten Camino habe ich mich noch relativ fern von allen Menschen gehalten und mich zurückgezogen. Ich war zu schnell körperlich und emotional erschöpft. Diese ständige somatischen Stressreaktion bewirkt jedoch, dass ich meinen Körperempfindungen nicht vertrauen konnte. Ich hatte zu lernen, wieder angemessen zu handeln und meine Emotionen entsprechend einzusetzen. 

Mit Gefühlen und Emotionen tue ich mich noch heute schwer. In den meisten Momenten gibt es noch immer nur Null oder 100%. Daher muss ich mir lange Zeit lassen, wenn Emotionen im Spiel sind. Kleinste Stimulationen lassen mich überreagieren oder in den Fluchtmodus wechseln. Man nennt es auch den Verlust der Affektregulierung. Man wird Über-Wachsam, Schreckhaft und Ruhelos. Ich fühle mich oft wie ein kleines Kind, das noch viel zu lernen hat.

Im Pilgern zur Ruhe kommen

Die Auswirkungen waren auch körperlich zu spüren. Anfangs hatte ich einen extrem hohen Ruhepuls von 75 bis 80 Schlägen. Ich war ständig in einem innerlichen Fluchtmodus, was ja kein Wunder war. Ich wurde im Krankenhaus alle paar Stunden, auch in der Nacht, zum Wechseln der Antibiotika-Infusionen, aufgeweckt. Das geschah fünf Monate lang, jeden Tag. Ich konnte nie länger als drei, vier Stunden durchschlafen.

Ich brauchte über drei Jahre, um meinen Puls zu beruhigen. Nach dem zweiten Camino fiel er, drei Jahre später, wieder auf ein relatives Normalmaß von 55 Schlägen. Seither verbessert er sich immer mehr. Aktuell liege ich in Ruhephasen um 50. Als Vergleich dazu hatte ich als Radrennfahrer etwa 35 Schläge in der Minute. Später, als ich mit dem Rennfahren aufhörte, waren es rund 45 Schläge.

Die unzähligen Pilgerkilometer waren ein hervorragendes Ausdauertraining und beruhigten meinen Körper. Gelassenheit nahm immer mehr von mir Besitz und ich kann seither dem Alltag besser begegnen. 

Ein Trauma äußert sich vor allem in der Vermeidung von Situationen und von Orten. Das Pilgern half mir, mich im Alltag langsam wieder besser zurechtzufinden. Dabei habe ich immer die Wahl, etwas zu vermeiden oder mich dem zu stellen. Ich war jetzt mehrere Jahre nicht mehr im Krankenhaus und habe eine Scheu, hinzugehen. Ich wurde dort wirklich gut behandelt, vor allem von den Krankenschwestern und Therapeutinnen.

Trotzdem ist es mit zu vielen Erinnerungen verbunden, die ich nicht erwecken möchte. Das Gleiche ist mit vielen Orten in Graz, wo ich viele Erinnerungen an die Zeit mit meiner Familie habe. Die Trennung hat Traumen verursacht, denen ich mich noch nicht stellen kann. Diese zusammen mit den Folgen des Hirnabszess, lassen mich nur in kleinen Schritten vorwärtskommen.

Traumaverarbeitung am Pilgerweg

Der Camino im Februar 2020

Gerade der letzte Camino zeigte mir viel auf. Jedes Jahr stand ich vor der Kathedrale in Santiago, aber die Angst in den Innenraum zu gehen, war zu groß. Vier Jahre nach dem Hirnabszess war es so weit. Erstmals traute ich mich in Begleitung von meinem Pilgerfreund Pedro hinein. Wenn ich das heute schreibe, kommen mir die Tränen. Es war ein emotionaler Erfolg, auf den ich lange hingearbeitet habe. Dem war aber noch nicht genug, denn einen Tag später besuchte ich mit einer Pilgerfreundin das Pilgermuseum in Santiago. Ich konnte damit wichtige Dämonen besiegen und mich ihnen stellen.

Die zahlreichen Exponate zu besichtigen, brachte mich zwar ans Limit, aber es waren wichtige Schritte für die Zukunft. Das Pilgern, das viele Training und Üben und die viele Arbeit an mir, zeigte endlich seine Wirkung. Ich konnte die Vermeidung erstmals erfolgreich Besiegen, nach fast vier Jahren, auf meinem dritten großen Camino.

Santiago de Compostella

Dann kam Corona

Wieder zu Hause, wollte ich meinem Üben und Training eine neue Richtung geben und intensiver an der Traumaverarbeitung weitermachen. Corona aber hatte etwas anderes vor. Ich entschied mich um, dem Körper Vorrang zu geben und konzentrierte mich auf die Verbesserung der Defizite.

Es kam eine fehlende Propriozeption heraus, wegen der ich unter anderem die Schwierigkeiten in der Bewegung bisher habe. Es war sinnvoll, daran zu arbeiten, denn Corona veränderte alles, besonders die Traumaverarbeitung. Termine für Therapien wurden abgesagt, aber nach einiger Zeit begann das therapeutische Tanzen wieder. Nur mit wenigen Lockdown Ausnahmen, ist es meine wöchentliche Therapie.

Therapeutisches Tanzen,
Traumaverarbeitung

Nicht nur für die Propriozeption (Wahrnehmung), sondern es ist auch eine gute Unterstützung, um an den Traumen zu arbeiten. Meine so lange dauernde Übererregung, störte die Fähigkeit mich zu konzentrieren und aus Erfahrungen lernen zu können. Diese bekam ich, durch das Pilgern, immer besser in den Griff. Allerdings war Pilgern plötzlich nicht mehr möglich.

Ich benötigte bis ins heurige Jahr, um mich wiederzufinden und dem "Leben lernen" eine neue Richtung geben zu können. Ganz habe ich es immer noch nicht geschafft, aber die Wege werden immer klarer. 

Die Herausforderungen in den letzten Jahren waren enorm und sie sind noch lange nicht zu Ende. Denn die größte Frage für mich ist, wie soll ich mich wieder sozialisieren, wenn es nicht erlaubt ist. Das wird eine besondere Herausforderung, für die ich langsam Antwort bekomme. Die wird es in einem der nächsten Blogs geben.

Trauma und Behinderung

Die Behinderung ist für mich gar nicht so das Thema, denn ich habe sie annehmen können und arbeite daran, sie zu verbessern. Es ist eben nicht mehr alles möglich wie früher und damit komme ich klar. Die Langsamkeit hat mir ein neues Leben gegeben, was aber nicht heißt, es verbessern zu wollen.

Behindert zu sein heißt vor allem, mit der Vergangenheit im Reinen zu sein. Da die Folgen des Hirnabszess mich aber im Hier und Jetzt halten, sind Gedanken an die Vergangenheit noch immer kaum möglich. Daher lasse ich sie, denn ich komme damit ja doch nicht weiter. Akzeptanz und Gelassenheit sind wichtige Eivenschaften geworden.

Wie beim Pilgern auf einem 1000 km langen Weg, gehe ich in allem Schritt für Schritt weiter. Was heute nicht geht, geht vielleicht morgen oder eben später. Eines habe ich über die Jahre gemerkt: Mit Druck geht gar nichts!

Mein Gehirn gibt nach wie vor das Tempo vor und Stress verträgt es überhaupt nicht. Ich nehme es, wie es ist und vermeide stressige Situationen. Wobei ich unterscheiden lerne, zwischen wirklichen Stress und der Vermeidung, wo ein Trauma im Spiel ist.

Ich habe mittlerweile gelernt, mit der Behinderung umzugehen. Es gibt zum Beispiel noch immer Ampeln, wo ich nur unter Anstrengung bei Grün über die Straße komme. So etwas kann mich in Stress versetzen. Seit Corona halte ich mich fast nur mehr in der Natur auf.

Traumaverarbeitung in der Natur

Wie geht es weiter mit der Traumaverarbeitung?

Es geht nur Schritt für Schritt. Das wichtigste sind Sicherheit und Beruhigung. An hilfreiche Gewohnheiten anknüpfen und ja nicht wieder in eine Dauerbereitschaft fallen. Man erlebt vieles als eine Art Film, das durch Gerüche, Farben oder Gefühle angestoßen werden kann. Für mich als ehemaligen Filmer besonders schwierig, da ich in Filmen denke. Vielleicht auch daher die Vermeidung vor dem Filmen. Zu schnell kommt altes Hoch und ich erlebe es als Film.

Die Auswirkungen von einem Trauma sind nicht steuerbar. Stress und Traumatisierung können Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen zur Folge haben, was ich im Moment an mir bemerke. Ich habe mehrere Bücher seit Monaten zu lesen, kann mich aber nicht darauf konzentrieren. Ein, zwei Seiten, dann lege ich es wieder weg. So und auf noch ganz andere Art äußern sich Traumas.

Ich war bis Corona auf einem guten Weg, meine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten. Seither muss ich meinen Weg erst wieder finden. Das therapeutische Tanzen ist mir dabei eine große Hilfe. Es ist die einzige Therapie, die mir, mit kurzen Ausnahmen, erhalten geblieben ist. Es schafft positive Gegenbilder in mir, hilft zum Stressabbau und fördert meine Kreativität. In erster Linie hat mich das therapeutische Tanzen über das letzte Jahr gebracht.

Umdrehen verboten - Schild
Uups, doch umgedreht! Besser nach vorne blicken,

Schritt für Schritt komme ich so weiter und mache das Beste für mich daraus. Die Natur und das Gehen sind eine weitere große Hilfe, in diesem aus unzähligen Puzzleteilen bestehenden Leben. Es braucht eine neue Strategie, diese vielen Teile zusammenzusetzen. Wie bei einem Puzzle muss ich meine Strategie erst finden, wie ich die Traumaverarbeitung mit Corona angehen kann.


Mein Leben 3.0, es geht immer weiter!

Mein Neuanfang des Lebens ist seit Corona ins Stocken gekommen. Hatte ich schon viel damit zu tun, mein Leben 2.0 zu meistern, so ist das neue Leben 3.0 zu einer wesentlich größeren Herausforderung geworden. Denn mit Corona hat definitiv ein neues Leben im Leben begonnen.

Seit bald einem Jahr versuche ich, mehr oder weniger, über die Runden zu kommen. Ich beschäftige mich intensiv damit, mein Gehen und meine Wahrnehmung zu verbessern. Anderes wurde zu kompliziert für mein Gehirn und die Rehabilitation trat wieder in den Vordergrund. Denn das gibt mir Halt und Sicherheit.

Mein Leben 3.0
sdr

Fortschritte und Rückschritte

Es gab natürlich trotzdem Fortschritte und nicht nur Rückschritte. Ich konnte mit dem Radfahren beginnen und überhaupt lernte ich, mich sicherer im Wald und auf Straßen zu bewegen. Allerdings nur dort, wo kaum was los ist.

Kaum befinde ich mich unter Menschen oder in der Stadt, falle ich in ein vorsichtiges Verhalten und Rückzug zurück. Es wird mir sehr schnell alles zu viel. Oft hilft nur die Augen schließen, stehenbleiben, noch besser hinsetzen, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Das Leben 3.0 wird anders als gedacht werden, aber es geht weiter, wie auch immer.

Hochsensibel und Energie

Die Hochsensibilität ist mein besonderes Thema. Jetzt verstehe ich verschiedene Verhaltensmuster von früher viel besser oder auch, warum ich als Energetiker arbeitete. Allerdings, wie kann ich diese Hochsensibilität, im Vergleich zu früher stark erhöhte, besser in den Griff bekommen?

Der Begriff des "Leben Lernen", ist so vielfältig. Wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, war es nicht selbstverständlich, dass ich nach dem Hirnabszess aufgestanden bin.

Noch heute erfahre ich von Dingen, wie knapp es mit dem Überleben damals zugegangen ist. Die Zeit im Krankenhaus war, im Nachhinein gesehen, eine gute Zeit, da ich aufgrund der fehlenden Schranken im Gehirn, besonders hochsensibel war. Dieser geschützte Bereich des Krankenhauses hat mir am Anfang das Überleben gesichert. 

Aber es ist auch heute noch so, dass ich einen geschützten Bereich brauche, denn mein Gehirn verarbeitet Dinge anders, als zuvor. Ich muss mich vor Überforderung schützen, denn durch die Hochsensibilität ist mein Körper zu durchlässig für alles. Wenn ich nicht aufpasse, kann wochenlange Arbeit umsonst gewesen sein.

Das ist für Außenstehende nicht sichtbar, denn offensichtlich schaue ich ja gesund aus. Daher ist es wichtig auf mich zu achten und allem anderen einen Riegel vorzuschieben.

Es kommen immer wieder Ereignisse hoch, auf die ich sehr Feinfühlig reagiere. Heute kann ich es besser verstehen, passe aber auf, mich solchen Situationen weniger auszusetzen.

Der Tag ist länger, als meine Energie reicht!

Meine Gesamtenergie ist seit letztem Jahr gesunken. Mein Ziel ist es, mit der Energie höher zu kommen, um die Hochsensibilität besser in den Griff zu bekommen. Auf über 50 % zu kommen, denn dann können mir Rückschläge nicht so viel anhaben.

Als Vergleich dazu, meinen ersten Camino Frances begann ich mit etwa 20 % und war am Ende bei 25- 30 % angelangt. Ein Jahr später, am Camino Norte, war ich auf etwa 35 % und letztes Jahr, als ich im März vom Camino Frances heimkam, bei rund 40 %.

Die Ausnahmesituation mit Corona hat mich wieder auf 25 - 30 % zurückgeworfen. 

Camino Norte

Tagesablauf im Leben 3.0

Mein Tagesablauf beinhaltet Struktur und Routinen, denn Veränderungen kosten mir unnötig Energie. Allerdings gehören sie dazu, aber dann, wenn ich es für gut befinde. Dann verlasse ich immer wieder meine Komfortzone, um Veränderung doch zu Erfahren. Sie ist wichtig, um weiterzukommen.

Von Zeit zu Zeit verändere ich auch meine Strukturen, um nicht in der Gewohnheit hängen zubleiben. Denn die Gewohnheit ist der Tod des Neuen.

Deswegen hat mir Pilgern auch so gutgetan, denn dabei ist man immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Corona war allerdings eine zu große Veränderung, für die ich lange brauchte und eigentlich noch immer brauche, um sie zu verstehen. Dieses Neue hat mich aus meiner Komfortzone gebracht, ohne das es von mir selbst ausging. Das ist vor allem psychisch anstrengend, aber ich habe jetzt das Leben 3.0 zu lernen.

Dieses lernen beinhaltet vieles nicht mehr, was vorher wichtig war. Kino gehen oder mich an Menschen gewöhnen, war plötzlich nicht mehr wichtig. Wichtiger sind jetzt der Umgang mit der Maske, dass Abstand halten, richtig einkaufen gehen oder richtig Hände waschen. Alles Vorherige, zum Leben gelernte, war nicht mehr gültig.

Das alles zu verstehen, ist mir heute noch schwer. Denn mit NEU lernen habe ich Schwierigkeiten. Früher gekonntes und gelebtes ist hingegen leichter für mich zu lernen.

Körperliches Training

Mir ist noch immer das Gehen und die Bewegung wichtig. Es bildet einfach die Grundlage für alles, auch für das Denken. Ich versuche immer wieder, unterschiedliche Bewegungsmuster einzubauen. Gehen - Langlaufen - Gymnastik - Balance-Park - Radfahren - Klettern - Dehnen und vieles mehr.

Wie gesagt, Gehen bildet noch immer die Basis. Ich kann gar nicht oft genug automatisches Gehen üben, denn in der Neurologie gilt: Viel, ist viel!

Die besten Erfolge hatte ich beim Pilgern, denn die oft weiten Strecken waren eine Aneinanderreihung von Schritten, wo mich ein jeder einzelne weiterbrachte und meine Automatik schulte. Gerade die Meseta mit ihren langen, flachen Geraden, war ideal zur Automatik üben.

Automatisches Gehen lernen

Da jetzt seit einem Jahr das Pilgern fehlt, versuche ich es anderweitig zu verbessern. Es ist Erfolg da, aber viel langsamer. Es hat sich alles verändert und die neue Situation geht nur Stück für Stück in meinen Kopf.

Radfahren

Ich war wieder einmal Radfahren, trotz der Kälte. Es hilft sehr für die sonst gleichbleibende Bewegung des Gehens. Es ist ein Bewegungsmuster, dass mir guttut.

In meiner Wahrnehmung machte ich damit einen großen Schritt nach vorwärts und ich freue mich auf die Zeit, wenn wieder mehr Radfahren möglich ist. 

Mein Leben 3.0, mit dem Rad Cafe to go trinken, im Lockdown

Langlaufen

Das war bis vor einigen Wochen noch möglich, bis es auch in der Höhe zu warm wurde. Die gleitende Bewegung hat mir ebenfalls gutgetan und war hervorragend geeignet, um mich noch mehr an Kälte zu gewöhnen.

Sonst habe ich noch mit Gymnastik und Dehnen begonnen, bzw. weiter gemacht. 

Langlaufen

Denktraining

Es findet meist am Computer oder Handy statt. Einerseits noch mein altes Computerspiel aus der Reha, andererseits habe ich mehrere Apps am Handy. Auch Computerspiele können mir gut helfen, spiele ich aber nicht so gerne. Es ist ein wesentlich langsameres herantasten beim Denken, als auf der körperlichen Seite.

Didgeridoo spielen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass ich mich an das Didgeridoo-spielen erinnert habe. Von meinen mehreren Aufenthalten in Australien habe ich mehrere originale Didgeridoos mitgebracht.

Allerdings sind sie für mich nicht spielbar. So habe ich mir ein einfaches besorgt, dass ich besser handhaben kann. Allein das Gewicht der Originalen kann ich nicht halten und es braucht einen größeren Atemdruck.

Allerdings ist selbst das einfache für mich nicht leicht zu spielen. Die Halbseitenlähmung ist für mich im Gesicht dabei spürbar, aber das Training tut mir gut. Die Gesichtsmuskeln werden dabei trainiert und der Mund wird weicher. Das wird mir auch mit der Zeit beim Essen helfen.

Obwohl ich mich so schwer fühle, bin ich nicht gut geerdet. Das Didgeridoo hilft mir, wieder mehr Erdverbundenheit zu bekommen und die Lebensenergie ins Fließen zu bekommen. Der tiefe, vibrierende Ton, kann auch tief sitzende Blockaden lösen und durch Alpha- und Theta-Wellen, gestörte Energieströme wieder herstellen.

Vom richtigen Spielen bin ich noch weit entfernt, aber ich bin überzeugt, dass es meinen Körper weiter harmonisieren wird. Gut Ding braucht eben Weile. Außerdem ist es im Lockdown ein guter Zeitvertreib.

Didgeridoo spielen, im Leben 3.0

"Es geht immer weiter!"

Dieser Spruch sagt einfach alles. Ich bin auch nicht froh über die Situation, die uns Corona beschert hat. Aber ich befinde mich nun schon seit fünf Jahren in einer Art Lockdown und im Krankenhaus lernte ich eines:

"Das Leben geht immer weiter, manchmal weiter, als man denkt!" 

Michael Richter, deutscher Zeithistoriker

Mit meinem Leben 3.0, gehe ich in eine neue Runde. Eine etwas andere als erwartet, aber es geht immer weiter!


Reha-Training statt "Leben lernen", zu Corona Zeiten!

Seit dem ersten Lockdown vor bald einem Jahr, hat sich mein Training sehr verändert. Bis dahin war "Leben lernen" immer mehr im Vordergrund. Seit Corona kümmere ich mich vor allem um den körperlichen Fortschritt, darunter verstehe ich Reha-Training.

Für das "Leben lernen" habe ich kein Rezept für mich gefunden, denn mein Gehirn ist mit der Situation überfordert. Daher konzentrierte ich mich auf bekanntes, also weiter Gehen lernen und das therapeutische Tanzen, dass nur kurz durch die Lockdowns unterbrochen war.

Wo befinde ich mich?
Wo befinde ich mich???

Der mentale Aspekt

Es ging gar nicht anders, im Gesamten bin ich nach unten gerasselt. Daher wurde der mentale Aspekt sehr wichtig. Nicht hängenlassen und nicht aufgeben, trotz der so veränderten Situation. Mental musste ich das erst verkraften, denn es war nichts mehr wie zuvor.

Mit dem Camino Frances im Jänner/Februar vorigen Jahres, habe ich mir eine Ausgangsbasis geschaffen, die mir sehr über die erste Zeit geholfen hat. Vor allem Mental konnte ich lange davon zehren.

Camino als Reha-Training

Im Laufe des Jahres bekam der mentale Zustand eine immer wichtigere Position. Trotzdem blieb ich dabei, mich auf das körperliche zu konzentrieren. Die Wahrnehmung konnte ich verbessern, besonders durch das therapeutische Tanzen.

Eine unscharfe, einfach ausgesprochene Definition für mentale Stärke ist:

"Gut drauf sein, wenns drauf ankommt."

Manches musste ich ignorieren, oft auch verdrängen, wenn es mir nicht guttat. Deswegen, weil mir einfach in manchen Dingen die Energie fehlt, um mich damit zu befassen. Es ist mir wichtig die innere Freude zu behalten, denn es ist das um und auf für Heilung.

Diese innere Freude ist mir besonders im Reha-Gedanken wichtig. Denn nur wenn ich es mit Freude mache, habe ich etwas davon. Das ist wiederum mit einer mentalen Stärke einfacher zu machen. Denn das ich nach bald fünf Jahren noch immer mit Rehabilitation beschäftigt bin, hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können.

Mental wurde es besonders schwierig, Ziele zu verfolgen. Ich konnte mich nur an bewährtes halten, besonders das Reha-Training.

Der Hirnabszess ist noch nicht vorbei

Dass die Folgen des Hirnabszesses noch nicht vorbei sind, wird mir manchmal bewusst gemacht. Manchmal muss ich aufpassen, es nicht zu übertreiben. Es ist dann eine Erschöpfung, die schnell auftritt. Es ist wie ein Hungerast beim Radfahren, nur dauert es länger.

In diesem besonderen Fall muss ich in die Horizontale und die Augen schließen. Meist folgt ein langer Schlaf von 10 bis 12 Stunden darauf. Es ist wichtig, diesen ersten Anzeichen zu folgen, denn beachte ich sie nicht, sind Doppelbilder die Folge und das braucht dann noch mehr Ruhe.

Das passiert mir selten, aber es passiert doch. Es ist ein herantasten an Grenzen, die ich immer weiter ausdehnen möchte. Da passiert es eben manchmal, dass ich an Grenzen anstoße.

Den Körper trainieren, Reha-Training

Wie schon gesagt, ich blieb beim Körper- oder Reha-Training. Den Hauptteil macht das Gehen aus. Flach, bergig, es ist alles dabei. Immer wieder bewusst langsam, versuche ich so den Körper zu stärken und das Gleichgewicht zu trainieren.

Dieses "langsam Gehen" trainiere ich seit Anfang letzten Jahres. Den Hinweis darauf bekam ich von einem laufenden Psychologen, der mir diese Technik empfahl. Am Camino Frances legte ich jeden Tag eine gewisse Strecke ein, um es zu trainieren. Das Gehirn muss mehr denken und die Muskeln werden stärker, um das Gleichgewicht halten zu können.

Ich arbeite hier entgegen der These, dass man anhand der Gehgeschwindigkeit, auf das biologische Alter Rückschlüsse ziehen kann. Bei mir geht es um das koordinative und muskuläre Trainieren und um den Bewegungsablauf. Mit besserer Kraft und Koordination geht man mit der Zeit automatisch schneller, was wieder der Gesundheit zugutekommt.

Langsames Gehen, Reha-Training
Langsames Gehen

Therapeutisches Tanzen

Das therapeutische Tanzen hat mich sicher vor größeren Schaden bewahrt. Es ist die beste aller Therapien, seit dem Hirnabszess und wenn ich es bewerten soll, so steht es an geteilter erster Stelle, zusammen mit Pilgern.

Ich habe so viel dabei erfahren, dass ich sogar mit ein bisschen Wehmut zum Pilgern gefahren bin. Vieles dort gelernte, konnte ich beim Pilgern umsetzen und in Summe brachten mir diese beiden am meisten. Deswegen bin ich auch traurig darüber, dass mir Pilgern in dieser Form für längere Zeit verwehrt bleibt.

Therapeutisches Tanzen als Reha-Training

Oberkörper und innere Stabilität trainieren

Damit habe ich so meine Schwierigkeiten. Im letzten Jahr gab es erstmals kein Fitnessstudio für mich (und auch für die meisten anderen), dieses Jahr wird es kaum anders.

Damit ist ein Training weggefallen, dass mir trotz der Muskelschwäche sehr geholfen hat. Alternatives Training machte ich im letzten Jahr kaum. So wie früher, als ich kleine Baumstämme im Wald zu heben begann. Damit verlor mein Rücken merklich an Stabilität, der sich mit Rückenschmerzen bemerkbar machte.

Erst das Langlaufen machte es wieder besser. Ich hatte Gelegenheit, immer wieder mit einem Freund auf die Teichalm mitzufahren. Bisher mache ich nur Skaten, aber es wäre zu überlegen, auch Klassisch auszuüben.

Beim Skaten fällt die Muskelschwäche besonders auf. Alle hundert bis zweihundert Meter brauche ich eine Pause. Nach mittlerweile sechsmal Langlaufen, bemerke ich aber eine Verbesserung der inneren Stabilität. Das unterstütze ich zu Hause noch mit diversen Kräftigungsübungen, um den Rückenschmerzen zu entkomme.

Langlaufen auf der Teichalm

Mein Problem ist nach wie vor, dass ich so viel trainieren müsste, um Verbesserungen zu erzielen. Es geht aber nicht alles und so komme ich nur Schritt für Schritt voran. Es sind nach wie vor so viele Baustellen zu beachten, die ich nur nach und nach (hoffentlich) beheben kann.

Geh-ABC

Natürlich darf bei der Bewegung auch nicht das Geh-ABC fehlen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich es das erste Mal machte. Danach war ich für Wochen zerstört, da es mein Körpersystem so durcheinander geworfen hat.

Alle Übungen mit Springen, mache ich sehr vorsichtig. Ich möchte nicht riskieren, wieder für Wochen außer Gefecht zu sein. Die Übungen tun wirklich gut, aber ich darf es nur vorsichtig steigern. Sprungübungen behandle ich nur vorsichtig. Wenige Male Springen kann das Maximum bedeuten, dass der Tag vorbei ist.

Dazu kann ich das nur bei einigermaßen moderaten Temperaturen machen. Ist es zu kalt, fange ich erst gleich nicht an damit. Es ist sowieso ein Training Tag für Tag. Die gleichen Muskelgruppen gleiche mehrere Tage hintereinander zu trainieren ist sowieso fast nicht möglich.

Geh-ABC, Reha-Training
Geh-ABC

"Leben lernen", in den Öffis

Als einfachste Aufgaben bekam ich 2019 den Auftrag, ins Kino oder Museum zu gehen. Dazu mit der Straßenbahn fahren zu lernen und etwas zu unternehmen, ohne etwas damit zu bezwecken. Besonders das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, war für mich Therapie.

Dazu kam etwas Belastendes, ich kann in Öffis nicht stehen und brauche unbedingt einen Sitzplatz, um nicht umzufallen. Das Belastende war aber, niemand konnte es mir ansehen, dass es so war und erklären konnte ich es in der kurzen Zeit nicht. Es war ein immerwährender Kampf darum, einen Sitzplatz zu bekommen. Nicht einmal bin ich an der Haltestelle stehen geblieben, weil keine Aussicht auf einen Sitz war.

Saß ich endlich, begann der nächste Kampf. Mein Körper musste den Fliehkräften standhalten. Was für andere Menschen kein oder kaum Problem ist, wurde für mich zur Mammutaufgabe. In mich verschränkt und abstützend, versuchte ich dem Gewackel entgegenzuhalten.

Jede Fahrt kostete mir alle Energie und es war mir fast unmöglich, keine Therapie darin zu sehen. Es war wie Krafttraining. Es wurde zwar nur wenig besser, aber ich lernte immer öfter etwas zu unternehmen.

Mit Corona fand das ein Ende. Seit bald einem Jahr bin ich nicht mehr mit dem Zug nach Graz gefahren oder war mit dem Bus unterwegs. Ich habe indes begonnen, mich voll und ganz auf die Natur zu konzentrieren, frei nach dem Motto von Hippokrates, "Die Natur sei deine Medizin".

Reha-Therapie in der Natur

Stretching und Gymnastik

Stretching gehört dringend dazu. Letztes Jahr war ich noch nachlässig, aber seit einiger Zeit gehört es zu meinem Tagesablauf dazu. Einige Übungen gehören zu meinem täglichen Pflichtprogramm.

Das 2020er Jahr hat mir viel gekostet, aber ich bin jetzt motiviert, alles dafür zu geben, wieder anschließen zu können, wo ich bereits war und besser zu werden. Ich möchte mein Ziel der 50 % erreichen, denn dann können mich Rückschläge nicht mehr so hart treffen.

Stretching und Gymnastik gehören da dazu, sie sind ein wichtiger Baustein zur Verbesserung. Mit Stretching geht es sich einfach besser.

Stretching im Reha-Training
Stretching im Reha-Training

Gehen als Reha-Training

Gehen lernen ist nach wie vor meine Hauptaufgabe und gerade im Lockdown, eine nach wie vor geliebte Tätigkeit. Manchmal gehe ich ohne Grund, einfach nur um des Gehens willen. Meistens nehme ich mir aber etwas vor. Dann gehe ich besonders langsam, achte auf die Technik oder übe mich im automatischen Gehen.

Besonders in der Automatik habe ich in den letzten Wochen sehr viel geübt. Ich bekomme immer wieder die Rückmeldung, dass man mir beim Gehen nichts ansieht. Das ist zwar schön, aber niemand versteht, was dazu überhaupt nötig ist. Mit jemanden zu sprechen, in schwierigem Terrain, funktioniert immer besser. Es ist aber noch zu viel Konzentration nötig, die mir in Summe zu viel Energie abverlangt.

Gehen im Steilhang,
Reha-Training

Darum heißt es weiter üben, weiter üben und weiter üben. Zeit darf mittlerweile keine Rolle mehr spielen, denn mit einer baldigen Normalisierung habe ich mich abgefunden. Es dauert so lange, wie es dauert.

Fazit

Als Fazit kommt heraus, dass ich noch einige Zeit brauchen werde, um dort wieder hinzukommen, wo ich nach dem Camino war. Corona und der Lockdown hat mir doch mehr gekostet als gedacht. Besonders das Gedächtnis und die Konzentration hat darunter gelitten. Reha-Training musste herhalten, etwas anderes hätte ich im Gehirn nicht geschafft.

Genauso die Kondition und noch vieles mehr. Ich fühle mich zwar einigermaßen gut, muss aber akzeptieren, dass ich im Gesamtzustand trotzdem viel verloren habe. Ich brauche lange, um mich auf neue Dinge umzustellen. Erst die letzten Wochen habe ich wieder mehr zielgerichtetes Denken bekommen, selbst aktiv etwas zu erreichen.

2020 war es eher ein Halten des Zustandes, mehr war einfach nicht drinnen. Die Ungewissheit war zudem ein nicht zu unterschätzender Faktor, nichts konnte geplant werden und das warf mich weit zurück.

Für heuer habe ich bereits einige Pläne, aber ob ich sie verwirklichen kann, steht in den Sternen. Das "Leben lernen" habe ich in der alten Form abgeschrieben und noch keinen Ersatz dafür gefunden. Ich kann nur versuchen, viele therapeutische Ansätze nicht als solche zu sehen und manches zu machen, weil ich es mache und nicht, weil ich ein therapeutisches Ziel erreichen möchte.

Reha-Training

So wird auch dieses Jahr eine Herausforderung, besonders im mentalen Bereich, Reha-Training wird auch weiterhin eine große Rolle spielen. Denn das Leben lernen spielt sich großteils im Kopf ab. Ob und wie ich es hinbringe, wir werden sehen!


Seit das erste Mal Schnee gefallen ist, hatte ich mehrmals die Gelegenheit auf die Teichalm mitzufahren, um Langlaufen zu gehen. Die Muskelschwäche behindert es zwar, aber es gibt viele gute andere Gründe, es trotzdem zu tun.

Vor zwei Jahren begann für mich das Abenteuer Langlaufen und es war eine gute Entscheidung. Mein Freund Bernd nahm mich an einem Wintertag 2019 zur Teichalm mit. Ohne Erwartungen, aber mit viel Freude stellte ich mich der Herausforderung.

Mit Bernd zum ersten Mal Langlaufen auf der Teichalm
Mit Bernd zum ersten Mal Langlaufen

Die ersten Meter auf der Loipe

Es war ein total gutes Gefühl auf den Ski. Damals stand noch das Gleichgewicht halten im Vordergrund und das ging erstaunlich gut. Die gleitende Bewegung, von einem Bein auf das andere, war relativ gut möglich. Schnelleres fahren, bedeutete aber höheren Krafteinsatz und diese Schnelligkeit konnte mein Gehirn noch nicht verarbeiten.

Langlaufen brachte mir einen ersten Eindruck vom schnellerem Bewegen. Alle 50 bis 100 Meter brauchte ich eine Pause, um meinen Muskeln wieder Erholung zu gönnen. Das Gehirn war gefordert, einen neuen Bewegungsablauf zu lernen. Ich war aber am meisten überrascht, dass ich das mit dem Gleichgewicht so gut hinbrachte. Das Gleichgewichtstraining der letzten Jahre war also nicht umsonst.

Die Teichalm ist für mich sehr gut geeignet, da es nur mäßig steil bergauf geht. Denn wie beim Gehen, habe ich auch beim Langlaufen aufgrund der Muskelschwäche Probleme. Damals wusste ich allerdings noch nichts davon und war der Meinung, dass ich es durch Training verbessern kann. Erst Ende 2019 kam es heraus, dass ich eine schwerere Art der Muskelschwäche habe.

Langlaufen auf der Teichalm
Langlaufen auf der Teichalm

Das bedeutet für mich aber nicht aufzugeben, sondern im Gegenteil, ich werde auch weiterhin alles versuchen. In jedem Fall war das Langlaufen eine Bereicherung, um Gehen zu lernen.

Der nächste Winter war eine Nullnummer

Der Winter 19/20 war untypisch. Auf der Teichalm war kein einziges Mal genug Schnee, um spuren zu können. Da alles andere zu weit weg war und ebenfalls von der Schneearmut betroffen war, ging ich diesen Winter kein einziges Mal Langlaufen.

Ich konzentrierte mich weiter auf das Gehen und die Bewegung. Über das therapeutische Tanzen versuchte ich wieder mehr Leichtigkeit in den Körper zu bekommen. Ich wurde beweglicher und langsam fühlte sich der Körper nicht mehr so schwer an.

Danach fuhr ich zu meinem ersten Camino im Winter. Am Camino Frances konnte ich alles in den letzten Jahren gelernte versuchen umzusetzen. Besonders das therapeutische Tanzen hat mir hier sehr geholfen.

Der Camino war geprägt von Lebenslust, Freude und Glücklichsein. Ich brauchte zwei Jahre um Gehen zu lernen und weitere zwei, um das hier mit meinen Handicaps erleben zu dürfen. Denn Handicaps habe ich immer, aber ich lerne immer besser damit umzugehen.

Lebenslust am Camino

Der Winter 20/21 steht unter der Corona Krise

So gut das 20er Jahr angefangen hat, so sehr überschattete es die Corona-Krise. Ich war überfordert mit all den Regeln und Vorschriften und brauchte lange, um mich zurechtzufinden. Mein Gehirn war überfordert damit.

Einzig das therapeutische Tanzen hat mir über diese schwierige Zeit geholfen, zunächst noch digital auf Zoom und ab Sommer wieder in der realen Gruppe. Alle anderen Therapien sind weggefallen.

Der Winter stand von Anfang an wieder unter der Corona-Krise und der Lockdown unterbrach auch das therapeutische Tanzen. Mit dem ersten Schnee im Jänner bekam ich allerdings die Gelegenheit, wieder Langlaufen zu gehen.

Therapeutisches Tanzen

Veränderte Ziele beim Langlaufen

Diesmal ging ich mit veränderten Zielen an das Langlaufen ran. Nicht mehr um Kraft zu gewinnen, sondern die innere Stabilität möchte ich verbessern. Denn frei Aufrecht zu sitzen, ist noch immer sehr schwierig. Es fehlt mir an der inneren Stabilität, denn mein Bindegewebe ist sehr stark betroffen und es kann seine Wirkung nicht ausüben.

Langlaufen fordert mich wesentlich mehr als Gehen, dass ja bekanntlich die effizienteste Art der Fortbewegung ist. Mit dem Skaten merke ich bereits eine spürbare Verbesserung. Es dauert aber lange, bis sich wirklich Erfolg einstellt. Dranbleiben ist wichtig, so wie es schon die letzten Jahre in allem für mich gilt.

Neuer Ski zeigt mir alte Probleme auf

Mein alter Vintage-Ski ist mir gebrochen und es musste Ersatz her. Auf willhaben fand ich innerhalb eines Tages Ersatz und so konnte es weitergehen. Allerdings bedachte ich nicht die Veränderung.

Die ersten drei Jahre verwendete ich nur ein Schuh-Modell. Jegliche Veränderung kostete mir zu viel Energie, an die ich mich nur schwer gewöhnen konnte. Dasselbe passierte mir jetzt auch beim Langlaufen.

Die neuen sind zwar auch schon in die Jahre gekommen, aber technisch weit über dem Niveau meiner bisherigen. Das Skaten hat sich technisch sehr verändert und diese Veränderung hatte ich zunächst nicht am Schirm. Das Material war natürlich besser geworden.

Durch die veränderte Skispannung war ich sehr gefordert, die Mitte des Ski zu finden. Mein Gleichgewicht war damit pausenlos gefordert und damit auch mein Gehirn. Es arbeitete auf Hochtouren und entsprechend schnell war ich erschöpft.

Neue Ski zum Langlaufen
Neue Ski zum Langlaufen

Mein Gehirn stark gefordert

Gerade die Automatik versuche ich schon lange zu trainieren. Das war aber mit den neuen Ski dahin, damit auch die Automatik. Mein Gehirn verlangte alle Aufmerksamkeit und ich fühlte mich wie in den ersten Jahren, beim Gehen lernen. Praktisch jeder Muskel musste angedacht werden, um zu funktionieren. Dazu die Koordination aller Elemente, von Beinen und Armen.

Dementsprechend war ich unterwegs. Von außen mag alles normal ausschauen, aber alles richtig zu koordinieren, erforderte jeden Funken Energie und Konzentration.

Der neue Ski ist auch 10 cm länger und damit hatte ich meine Probleme. Da merkte ich erst, wie wichtig Wiederholungen sind. Nicht umsonst ist das viele Gehen, unter allen Bedingungen, mein wichtigster Teil in der Rehabilitation. Die unzähligen Kilometer am Jakobsweg waren wohl das wichtigste der letzten Jahre.

Für die Automatik ist es ein gutes Anzeichen, ob ich nebenbei mit jemanden Sprechen kann. Das war mir diesmal nicht leicht möglich, so sehr konzentriert musste ich sein. Um das Gleichgewicht zu halten, arbeitet jeder Sensor in mir. Es heißt aber auch, aktiv und bewusst mithelfen. Was an für sich jeder automatisch kann, ist für mich nur denkend zu machen.

Die Leichtigkeit im Langlaufen

Beim Langlaufen fühlt es sich gut an, mit einer Leichtigkeit über den Schnee zu gleiten. Die Leichtigkeit ist seit Ende 2019 mein Thema. Besonders im therapeutischen Tanzen konnte ich große Fortschritte darin machen.

Es geht mir zwar ähnlich wie beim Gehen, besonders wenn es bergauf geht. Darin hat sich nichts geändert. Nur durch viel Training und Üben hat es sich verbessert. Diese Leichtigkeit soll ich immer wieder kultivieren. Langlaufen ist besonders dafür geeignet.

Teichalm

Veränderung

Trotzdem ist es gut, mit diesen veränderten Parametern umgehen zu lernen. Denn auch in der normalen Welt bin ich von Veränderungen umgeben. Die Corona-Krise war sicher die größte in letzter Zeit. Da wird mir wieder merkbar gemacht, warum Corona so schwer für mich ist, wenn mich schon neue Ski so aus dem Gewohnten bringen.

Langlaufen bringt mich aus dem Gewohnten. Im Sport bekomme ich sofort Rückmeldung, wenn etwas nicht passt. Darum ist mir der Sport in der Rehabilitation auch so wichtig, weil er mir aufzeigt, wo meine Grenzen liegen. Mein Ziel muss es sein, diese Latte Schritt für Schritt höher zu legen. Umso höher, umso mehr Lebensqualität habe ich.

Stabilität und Langlaufen

Nachdem ich die Muskelstärke vor zwei Jahren kaum verbessern konnte, spürte ich aber als Nebeneffekt eine verbesserte Stabilität. Dieses Jahr nehme ich das Langlaufen her, um es zu verbessern. Jeder kleinste Schritt bringt mich weiter, stabiler durchs Leben gehen zu können. Mein Bindegewebe ist einfach noch immer zu schwach.

Mir ist klar, dass die Fortschritte klein sind und oft nicht merkbar. Das ist aber kein Grund aufzuhören. Es kann sein, dass ich im Sommer so nebenbei bemerke, dass ich länger aufrecht sitzen kann. Das mag für manchen ein unbedeutender Grund sein, für mich bedeutet er aber mehr Lebensqualität.

Es stellt sich kaum jemand die Frage nach mehr Stabilität? Für mich ist es allerdings eine Frage nach Lebensqualität. Mit mehr Stabilität kann ich besser Autofahrten überstehen oder an einem Tisch sitzen. Darum hat es, wie viele andere Dinge auch, eine hohe Bedeutung für mich.

Langlaufen auf der Teichalm

Was ist noch möglich?

Dieses Jahr nutze ich den Winter erstmals voll aus. Es wird mir noch immer schnell kalt, aber ich funktioniere besser bei tiefen Temperaturen und kann mein Training beibehalten.

Wie ich allerdings auf tiefe Kälte reagiere, wie sie für Ende Jänner vorhergesagt wird, ist abzuwarten. Das fällt unter die Kategorie Veränderungen.

Noch tue ich mich schwer mit zu großen Veränderungen. Es dauert um ein vielfaches länger als früher. Dranbleiben ist wichtig und Voraussetzung dafür, dass ich nicht aufgebe. Mein Leben ist und bleibt nach wie vor eine Gratwanderung. Ich habe mich vom Tiefpunkt heraus gekämpft und bin bereit, noch des Öfteren meine Komfortzone zu verlassen. Allerdings immer in meinem Tempo und Geschwindigkeit.

Als Abschluss noch ein Spruch von Antoine de Saint-Exupery, den ich auf einem kleinen Zettel auf meinen Computer geklebt habe:

"Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte."

Antoine de Saint-Exupery

Am letzten Tag des Jahres kam ich noch unverhofft zu einem kleinen "Grenzgang". Als Sportler war ich dauernd auf Grenzgängen und als Trailrunner setzte ich mir manch eine Überschreitung als Ziel. Heute kann ein Spaziergang ein Grenzgang sein oder der Einkauf im Supermarkt.

Seit dem Hirnabszess habe ich kleinere Brötchen zu Backen. Sie stellen als Herausforderung aber nicht mindere Beanspruchung an mich dar. Die Grenzen haben sich verschoben, nicht nach oben, sondern um viele Stufen nach unten. Um Lebensqualität zu erreichen, gehören sie wieder um ein Stück nach oben verschoben.

Start der Wanderung an der Kirche Wetzelsdorf, hier beginnt mein Grenzgang.
Start der Wanderung an der Kirche Wetzelsdorf

Der Grenzgang

Der Grenzgänger bewegt sich aus der "Sicherheitheitszone", welche die meisten Menschen als Lebens- und Gestaltungsraum bevorzugen. In der Rehabilitation ist es meine Aufgabe, mich an diese Sicherheitszone heranzuwagen und manchmal auch darüber hinaus.

In meinem ersten Leben war ich gern Grenzgänger. Ob bei -35 Grad in Alaska oder bei + 40 Grad in Afrika, ich bewegte mich immer gern an der Grenze. Diese Grenze ist aber immer individuell und meine gilt nur für mich. Ein Inuit denkt sicher anders über Minusgrade, als ein Afrikaner oder ich.

An dieser Grenze passiert aber etwas Wesentliches für mich. Ich beginne mich besser zu spüren, was mir im Alltag oft geholfen hat. So habe ich begonnen, viele meiner Grenzen auszuweiten. Heute hilft es mir, besser mit meinen Handicaps umzugehen. Dabei werde ich ständig mit Grenzen konfrontiert und versuche sie zu erweitern. Das bringt mir unterm Strich immer mehr Lebensqualität.

Grenzen in den Handicaps ausweiten

Mein heutiges Ziel sind nicht mehr die Abenteuer wie früher, sondern es sind die kleinen Dingen des Alltags, wo ich mein Wissen um Grenzen anwenden kann.

Und da komme ich wieder zur Überschreitung. Am letzten Tag des Jahres wollte ich ein Überschreitung machen. Im Westen von Graz, ging es über die Hügel, in den Nordwesten von Graz. Auf diesem Weg sollte ich unverhofft auf einen Grenzgang stoßen, mehr dazu aber später.

Der Start war an der Kirche in Wetzelsdorf und das Ziel in Gösting, im Norden von Graz. Laut App eine Strecke von 16 Kilometer. Als Pilgerweg erprobter sollte es kein Problem sein, aber Corona und der derzeit herrschende Lockdown haben seine Spuren hinterlassen. Damit werden auch 16 km Wander- und Spazierwege zur Herausforderung.

Besondere Grenzen würde ich in der Stadt finden, an denen ich im Vorjahr begonnen habe, zu arbeiten. Corona hat dem aber ein Ende gesetzt. Ich entschied mich für die Natur und gehe nur im Ausnahmefall in die Stadt.

Matsch, Gatsch und Schnee

Der 31. Dezember 2020 war ein überraschend schöner und nicht allzu kalter Tag. Das kam mir entgegen, nur der an manchen Stellen matschige Weg, wurde zur Challenge.

Da kommt wieder die räumliche Orientierung ins Spiel. Das hat nichts zu tun damit, darüber Bescheid zu wissen, wo ich mich geografisch befinde. Es hat zu tun mit der Fähigkeit, sich im Raum richtungsbezogen zurechtzufinden und angemessen zu bewegen. Mehrere Sinne wirken da zusammen, vor allem Auge, Ohr, Muskel- und Gleichgewichtssinn, die im Zusammenspiel mit der Tiefensensibilität das Ermöglichen.

Auf dem matschigen Untergrund sind die Sensoren der Füße sehr gefordert. Das Zusammenspiel mit allen anderen Sensoren zu lernen, ist eine lange und herausfordernde Aufgabe, da der Hirnabszess diese Arbeit nachhaltig beschädigte. Mein Ziel ist es, auch auf schwierigem Untergrund wieder ohne zu viel Nachdenken, gehen zu können. Es kostet mir nach wie vor zu viel Energie, das Denken beim Gehen.

Grenzgang Schnee und Matsch
Grenzgang Schnee und Matsch

Der "Grenzgang" Schaukeln

Am Weg fang ich eine Schaukel. Ich konnte der Verlockung nicht widerstehen, sie auszuprobieren. Es ist ein komisches Gefühl, wenn sich unter mir alles bewegt. Das Gehirn kann es nicht genau einordnen. Aus dem gleichen Grund tue ich mich auch auf einer Brücke schwer.

Das hin und her auf einer Schaukel ist das Gegenteil einer Brücke, mit bewegten Wasser darunter. Es löst aber dasselbe aus. Mein Gehirn kann die Bilder nicht so schnell zusammensetzen und löst daher Schwindel aus. So erging es mir am Camino del Norte, als es in Ribadeiro über eine lange Brücke, über einen Meeresarm ging. Meine Erlebnisse dort, habe ich hier verlinkt.

Seitdem habe ich mich durch viel Training und Üben weiter entwickelt. Gewisse Brücken sind mir aber noch immer nicht geheuer. Schaukeln habe ich bisher kaum probiert, außer vor Corona in Graz, am Kinderspielplatz. Daher war ich sofort magisch angezogen von dieser Schaukel, die an langen Seilen hing.

Das Schaukeln ging überraschend gut, aber danach waren die ersten Metern sehr unsicher. Das leichte Schwingen tat sogar gut, es fühlte sich wie Fliegen an. Es störte aber mein Gleichgewicht. Auf den ersten Metern hatte ich Probleme damit. Dieses Aussetzen an die Grenze, immer und immer wieder, lässt mich aber vorwärtskommen. Mit jedem Mal werde ich weniger schwindlig und meine Wahrnehmung wird besser.

Grenzgang Schaukeln
Grenzgang Schaukeln

Der kürzere Weg

Am Ende siegte aber die Vernunft. Ich ging nicht mehr über den letzten Berg, sondern schräg an ihm hinunter. Den Fuß des Berges erreichte ich beim Schloss Eggenberg.

Der Weg war lang genug und durch den Schnee war ich in vielen Dingen gefordert. Die Schaukel war aber mein Höhepunkt des Tages, da ich mit diesem Ergebnis nicht rechnete.

Neues Jahr, neue Reize!

Dieser Grenzgang und andere, lassen mich weiterkommen. Beim Pilgern war ich ständig neuen Reizen ausgesetzt und hatte dementsprechenden Fortschritte. Die nächsten Monate möchte ich genug üben, um gut vorbereitet in den Frühling zu kommen. Denn für die wärmere Zeit habe ich einige Pläne, um den Sommer trotz Corona nutzen zu können.

Das Schaukeln wird einen wichtigen Teil in meiner Rehabilitation einnehmen, das spüre ich. Problemlos über Brücken zu kommen oder mich auch sicher zu fühlen, wenn mir Menschen am Gehsteig entgegenkommen, ist ein Ziel für dieses Jahr. Dazu soll mir der Grenzgang verhelfen. Für viele wäre das ein Spaziergang gewesen, für mich bedeutete der Tag einen Grenzgang. Er wird immer individuell behandelt und jeder erlebt ihn anders.

Also auf in das Jahr 2021, wo viele Möglichkeiten, auch mit Corona, auf mich warten und ich mich auf weitere Grenzgänge freue!


Am Papst-Franziskus-Pilgerweg zur Ruhe und zu mir kommen!

Einen Tag vor Beginn der Rauhnächte begab ich mich auf Pilgerschaft auf dem Papst-Franziskus-Pilgerweg von Graz nach Weiz, um über die vergangene Corona Zeit und meine Zukunft der Rehabilitation nachzudenken.

Der Hochnebel machte diese Wanderung Grau, aber ich war sowieso schon auf dem Weg, wieder mehr buntes in mein Leben zu holen.

Der Papst-Franziskus-Pilgerweg

Der Papst-Franziskus-Pilgerweg

Der Weg führt von der Basilika Mariatrost auf den Weizberg, hinauf zur Basilika. Da die ersten Kilometer über die Straße auf Asphalt führt, wählte ich diesmal den Weg ab dem Faßlberg. Von hier weg, geht es zu 70 % auf Wanderwegen.

So waren es noch rund 20 Kilometer, mit der Herausforderung, alles mit sich zu führen. Durch den Lockdown gab es keine Möglichkeit zur Verpflegung unterwegs oder zwischendurch etwas Warmes, wie einen Kaffee, in einem Café einzunehmen. Außer man nahm es mit.

Der Weg wurde erst vor einigen Jahren installiert und ist sehr gut markiert. Er bietet eine tolle Möglichkeit, fast nur über Wanderwege, von Graz nach Weiz zu gelangen.

Durch den Wald, am  Papst-Franziskus-Pilgerweg
Gschwendt

Nebel und mystische Wälder

Man durchquert mystische Wälder, mit Moos bedeckte Bäume und alle paar Meter gab es einen anderen Blickwinkel. Deshalb sollte man mehr Zeit einplanen, um sich nicht beeilen zu müssen.

Denn gerade im Winter hat man nicht so viel Zeit und der Hochnebel macht es zu einer anderen Welt. Grau in Grau ist alles, aber es ist die Kunst, selbst da etwas Buntes zu finden.

Seit einiger Zeit inspiriert mich der Instagram-Kanal von @issnatuerlichfrisch und seitdem versuche ich nicht nur mein Essen bunter zu machen, sondern auch wieder mehr Farbe in mein Leben zu bringen. Wer sich erinnern kann, war mein Thema "bunt" auch am Camino del Norte, wo ich mich deswegen farbig gekleidet habe.

Christiane von @issnatuerlichfrisch schrieb auch einen guten Kommentar zum Thema Nebel. Nebel heißt umgekehrt Leben. Wie treffend! So bekommt er eine positive Eigenschaft, denn eigentlich assoziiert man ihn mit unfreundlich, undurchdringlich und Kälte.

Wandern und Pilgern

Es ist zwar ein Unterschied zwischen Wandern und Pilgern, aber für mich ist das fließend. Pilgern ist nach innen gekehrt und man beschäftigt sich mit sich selbst.

Trotzdem ist es auch fein, den Blick für das Kleine freizuhalten. Zu fühlen, was einen umgibt. Die kleinen Zeichen am Weg zu beachten. Überhaupt fühle ich mich seit dem Hirnabszess der Natur sehr verbunden.

Es tut gut durch die Natur zu gehen, denn das beruhigt das Gehirn. In der Stadt würde das nie funktionieren.

Durch die Kleine Raabklamm

Ein Highlight ist die Durchquerung der Kleinen Raabklamm. Das Gurgeln des Flusses ist beruhigend und rechts und links erheben sich steile, mit Bäumen bewachsene Wände, durchwachsen mit Felsen.

Es geht flach entlang des Flusses und lässt einen die Seele baumeln. Gerade richtig, für das letzte Drittel des Pilgerweges. Man verlässt die Klamm links in das Bärental, dass zum Ortseingang nach Weiz führt.

Der Bildstock im Bärental

Zu diesem Bildstock habe ich ein besonderes Verhältnis. Bereits verstorbene Verwandte haben ihn vor Jahren renovieren und herrichten lassen. Jedes Jahr fand eine kirchliche Feier im Bärental statt, an der auch ich teilgenommen habe.

So brachte der Weg auch Erinnerungen an diese Zeit hoch, die ja vor dem Hirnabszess war. In Gedenken an sie, zündete ich eine Kerze an. Beim letzten Mal wurde ich überrascht, dass der Weg von Graz, hier im Bärental am Bildstock vorbeiführt.

Ruhe und Einsamkeit

Die Ruhe und Einsamkeit genoss ich am Weg. Es war streckenweise ein Revue passieren lassen der Corona-Zeit, was ich daraus lernte und wie ich meine Rehabilitation im neuen Jahr anlegen werde.

Dabei wurde dann das Gehen oft zur Geh-Meditation. Nach dieser Tour kann ich sagen, ich bin wieder orientierter und habe Ziele im Kopf, die vorher nur schwer fassbar waren.

Selbst wenn ich meine körperlichen und geistigen Ziele für heuer nicht erreicht habe, so konnte ich doch viele Dinge finden, die mich auf andere Weise stärker machten.

Die Ruhe und Einsamkeit am Papst-Franziskus-Pilgerweg, ist für mich die Vorbereitung auf die Rauhnächte und das neue Jahr.

Nach fünf Stunden in Weiz

Am Ausgang des Bärentals liegt die Ortsgrenze von Weiz. Man sieht bereits die Kirche am gegenüber liegenden Weizberg. Noch aber hat man ein Stück des Weges vor sich, quer durch Weiz, an der Krippe am Hauptplatz vorbei.

Noch einmal den Aufstieg zur Kirche hinauf und nach fünf Stunden war ich am Kirchplatz. Eine schöne Pilgerwanderung nahm hier ihr Ende. In der Kirche zündete ich noch eine Kerze an und beschloss für mich, wieder mehr, bzw. wieder ab und zu länger zu Gehen.

Der Papst-Franziskus-Pilgerweg war gerade um diese Zeit, so kurz vor Weihnachten, eine gute Wahl und es ist immer wieder überraschend, wie viel man auf schmalen Wanderwegen von Graz nach Weiz zurücklegen kann.

In der Natur fühle ich mich einfach wohler und das

"Gehen ist und bleibt die beste Medizin!"


Training, Training, Training - es muss ja einmal besser werden!

Die Tage sind voll davon - mit Training. Training und Üben, um besser zu werden. Aber wie viel besser, ist genug?

"Besser" ist ein relativer Begriff. Ich habe zwar das Himmel und Hölle Spiel, aber es zeigt mir nur, wo ich aktuell stehe. Es sagt mir nicht, wo ich im Training stehe oder wie weit ich wirklich bin. Seit dem Beginn der Corona-Krise bin ich nicht weiter gekommen.

Wo stehe ich im Training?
Wo stehe ich im Training?

Stillstand

Seit März dieses Jahres spüre ich Stillstand in mir. Mein größter Erfolg dieses Jahr war es, mit dem Radfahren begonnen zu haben. Trotzdem spüre ich Stillstand in mir.

Allerdings ist es wenigstens Stillstand und kein wirklicher Rückschritt. Woran soll ich aber Rückschritt messen? An meiner Kilometer Leistung, die ich imstande bin zu gehen? An meinen Übungen mit dem Computer, die mir zeigen, ob ich eine bessere Reaktion habe?

So gesehen habe ich seit März einen Rückschritt, keinen Stillstand.

Aussicht beim Training im Wald

Über die Runden kommen

Es ist eigentlich seit Monaten ein über die Runden kommen. Ich konzentrierte mich darauf, meine Gehfähigkeit zu verbessern und das therapeutische Tanzen.

Einige Aha-Effekte hatte ich und konnte sehr viel lernen. Die Eigen-Wahrnehmung spielt eine große Rolle und ich konnte an Dingen arbeiten, die mir so nicht bekannt waren. Propriozeption und Wahrnehmen, das waren die Sachen, an denen ich die meiste Zeit arbeitete und sogar mit großem Erfolg.

Körperlich baute ich aber immer mehr ab. Mir fehlt das viele Gehen, vor allem im Pilger-Modus. Zu Hause ist das fast nicht möglich.

Lockdown und Winter

Seit dem Lockdown und dem Winter ist alles schwerer geworden. An die Stelle der Leichtigkeit, an der ich arbeitete, ist wieder die Schwere getreten.

Das darf mich aber nicht irritieren. Der Winter war, seit dem Hirnabszess, schon immer mein Sorgenkind. Trotzdem hoffe ich jedes Mal darauf, dass ich diesen Winter besser vertrage. Letzten Winter war ich am Camino Frances und hatte die Hoffnung, in diesem Jahr einen entscheidenden Schritt nach vorne zu machen.

Stattdessen ging der erwartete Schritt nach vorne, ein Stück nach hinten. Den ganzen Sommer machte ich Schadensbeschränkung. Der eine oder andere Erfolg war da, wie das Radfahren. Trotzdem hatte ich mit den veränderten Bedingungen zu kämpfen. Der Winter und der Lockdown gaben mir den Rest.

Training Gehen

Optimistisch bleiben

Trotz allem bleibe ich optimistisch, mit dieser Zeit umgehen zu lernen. Es ist eben ein anderes Lernen, als noch vor einem Jahr. Meine größte Herausforderung ist es, mein Gehirn noch besser in Schuss zu bringen, um diese Veränderung auch verstehen zu können.

Denn im Moment reagiere ich bloß auf alles, so gut ich kann. Wirklich verstehen tue ich es noch immer nicht. Ich trainiere und übe für etwas, was bis Anfang des Jahres mein Leben ausmachte. Es ist gar nicht so sehr das Pilgern, mehr noch trifft mich das "Leben lernen", das ich im Frühjahr als Auftrag in der Ergo-Therapie bekam.

In gewisser Hinsicht bin ich wieder zurück an den Anfang gefallen, wo damals schon soziale Isolation und Rückzug mein Alltag war. Ich kann nur von Glück sprechen, dass ich am Rand eines Waldes wohne. Ohne einen Wald, womöglich in der Stadt, hätte ich mich weit schwerer getan, diese Zeit zu überstehen.

Cleanup Einkaufen

Ein beliebtes Training von mir, ist das Müll sammeln. Einmal die Woche gehe ich nach Gratwein einkaufen und sammle auf dem Weg den Müll ein. Jedes Mal kommen ein bis drei Sackerl zusammen und das Woche für Woche.

Beinahe an denselben Stellen finde ich Dosen, Zigarettenschachteln und Plastikabfall. Würde ich es seit März nicht jede Woche aufheben, würden Mengen von Müll am Weg liegen. Ich mache es aus Eigennutz, denn es tut mir in der Seele weh, entlang des Weges so viel Abfall zu sehen.

Außerdem schule ich meine Wahrnehmung und Beweglichkeit durch das hinunterbeugen und Greifen. Fast täglich sammle ich Dosen und Plastik bei meinen Spaziergängen im Wald ein.

Training im Home-Office

Mein Gymnastik-, Kraft- und Stretching Training mache ich seit März im Home-Office und nicht mehr im Fitness-Studio. Das Training mit Gewichten fehlt mir und ich muss gut improvisieren, um es auszugleichen.

Training, Training, Training - es muss ja einmal besser werden!

Muss es das? Ich hatte dieses Jahr erstmals einen Stillstand, obwohl ich mich in gewisser Hinsicht verbessert habe. Diese Verbesserung ist aber so subtil, dass ich sie fast nicht merke und durch wirkliche Verschlechterung aufgehoben wird.

Der große Durchbruch ist ausgeblieben, nach dem es im Frühjahr ausschaute. Stattdessen nahm unser aller Leben eine unerwartete Wendung. Durch Corona merkte ich umso mehr, wie groß meine Defizite und Handicaps sind. Trotz aller Schwierigkeiten ist mir aber eines geblieben:

"Never give up!"


Propriozeption, die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum!

Propriozeption, was für ein schwieriges Wort! Eigentlich vermeide ich es, denn es kommt eigentlich nie richtig aus meinem Mund. Dabei beschreibt es, womit ich am meisten zu kämpfen habe. Ohne es, wäre keine körperliche Bewegung möglich.

Die Propriozeption ermöglicht dem Hirn, ständig zu erkennen, wo sich jeder Teil des Körpers gerade befindet, aber auch wie er sich bewegt. Es handelt sich um eine Eigenempfindung, also keine Wahrnehmung über Reize von Außen, sondern der Körper ist sich über die Lage der Gliedmaßen rein über innere Sensoren bewusst.

Der 6. Sinn und Gehen lernen

Dieser 6. Sinn wird für jede körperliche Bewegung gebraucht und interagiert mit allen anderen Sinnen. Dadurch ist es möglich, sich neben einer Tätigkeit auch zu unterhalten. Diese Propriozeption funktioniert normalerweise automatisch, bei mir allerdings leider nicht mehr. Ich habe jegliche Automatisation verloren.

Deshalb spreche ich auch nach über vier Jahren noch vom Gehen lernen. Am Anfang musste ich die Gliedmaße sehen, um sie ausführen zu können, wie zum Beispiel die Beine fürs Gehen. Sah ich sie nicht, kam ich ins Stolpern. Es ist wie Schreibmaschine schreiben lernen. Am Anfang muss man jede einzelne Taste sehen, um sie zu drücken. Später braucht man fast nicht mehr hinschauen, es wird automatisiert.

Ein gutes Beispiel ist auch Blindheit oder schlechtes Sehen. Wir können die Augen schließen und verstehen, wie sich diese Menschen verhalten und wie sich dieses Defizit anfühlt. Die Propriozeption ist aber eine innere Empfindung, die kaum zu verstehen ist und nachgestellt werden kann.

Diese Doku auf Arte beschreibt vieles davon, wie es mir geht und brachte mir neue Erkenntnisse.

Propriozeptionstraining

Durch viel Training kann ich mich wieder einigermaßen bewegen. Auf ebenen Asphalt kann ich mich fast "automatisch" fortbewegen. Aber auch dort können mich Unebenheiten ins Schleudern bringen. Aktuell versuche ich es auch unter schwierigen Bedingungen, mich bergauf zu unterhalten. So schule ich immer und immer wieder meine Automatik.

Ich mache deswegen soviel "Sport", weil ich als ehemaliger Leistungssportler durch mein jahrelanges koordinatives Training die Nerven sehr gut trainiert habe. In Radquerfeldeinrennen habe ich auf technischen Kursen immer gut abgeschnitten, hingegen wenn es um die Kraft ging, fuhr ich hinterher. Auch das Trailrunning hat mir sehr geholfen, jetzt vor allem das immer wieder in Gedanken vorstellbare. Neueste Erkenntnisse messen dem eine große Bedeutung bei, die Propriozeption in Gedanken zu üben.

Propriozeption und Radquerfeldein
Radquerfeldeinrennen

Übungen auf instabilen Untergründen, wie der Schaumstoffmatte oder auf dem Wackel-Board bilden den Standard. Jeden Tag in der Früh auf das Wackelbrett, ist auch heute noch Pflicht. Reaktionsmechanismen werden dadurch abgespeichert und hoffentlich wieder antrainiert.

Propriozeption und Faszien Training
Schaumstoffmatte

Bei Spitzensportlern schaut die Bewegung oft mühelos aus, weil ihre Bewegungsabläufe hocheffizient sind. Das ist auch mein Ziel, was aber oft noch nicht gelingt. Deswegen ist es mir viel Wert gewesen, die Technik des Gehens möglichst gut zu verstehen und zu lernen.

Meine Psychologin auf der Reha erkannte nach einigen Sitzungen, dass ich zwar wie viele andere auch, bei null gestartet bin, mich aber aufgrund meiner Vergangenheit auf einem wesentlich höheren Niveau befand. Meine Zeit im Sport kam mir jetzt zugute.

Körpererfahrungen

Wenn es doch nur so einfach wäre, einfach Gehen zu lernen. Dazu gehört weitaus mehr. Viele verschiedenste Bewegungsvarianten gehören dazu und machen mein Training abwechslungsreich. Es geht ja nicht nur um das Gehen, sondern auch das Greifen.

Mein erster Frisbee-Wurf ging genau zwei Meter weit. Ich hatte kein Gefühl für das werfen. Gleich geht es mir mit dem hineinwerfen in einen Mistkübel. Nur durch jahrelanges Training ist es mittlerweile besser geworden.

So gehört dazu:

  • Barfußgehen, besonders in der Natur
  • Im Wasser treten und gehen, Kaltwasseranwendungen
  • Auf unterschiedlichen Böden gehen, wie Sand, Rinde oder Waldböden
  • Im Schnee gehen
  • Balancieren (im Wald oder Balancepark)
  • Die Haut bürsten
  • Atemübungen
  • Frisbee-Golf
  • Gleichgewichtsübungen
  • Therapeutisches Tanzen

Nach viereinhalb Jahren kann ich sagen, zum Glück habe ich nicht aufgegeben. Ich habe seit 2016 rund 17.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Nur dadurch war es mir möglich, mich wieder einigermaßen zu bewegen und Vertrauen in mich zurückzugewinnen.

Camino Frances gehen lernen
Am Camino Frances

Besonders der aufrechten Haltung widme ich viel Aufmerksamkeit. Es kann Ausdruck von innerer Stärke und Sicherheit sein. Auf meinem ersten Camino hat mich in den ersten Tage kaum wer angesprochen, weil ich mit gesenktem Kopf unterwegs war und die Mit-Pilger dachten, ich wollte meine Ruhe. Dabei habe ich nur meine Füße beobachtet, um Gehen zu können. Meine Aufmerksamkeit war so vertieft in den Bewegungsablauf, dass ich für anderes nichts übrig hatte.

Camino Frances, Pyrenäen
Camino Frances, Pyrenäen - 2018

Das therapeutische Tanzen und Propriozeption

Eine meiner größten Fortschritte machte ich beim therapeutischen Tanzen, wo es ja um die Eigenempfindung geht. Das vergangene Jahr war nicht unbedingt leicht, denn neue Trainingskonzepte mussten her. An Therapien blieb nur das therapeutische Tanzen, daher konzentrierte ich mich in erster Linie darauf.

Besonders die Leichtigkeit steht im Mittelpunkt. Leichter durchs Leben zu gehen, war mein Ziel von Anfang an. Eine gestörte Propriozeption macht sich auch unter anderem darin bemerkbar, dass sich der Körper schwer anfühlt. Die ersten Jahre war alleine das Aufstehen vom Sitzen ein Kraftakt, der mich ans Limit brachte.

Jeder Schritt entgegen der Schwerkraft erfordert Überwindung, so ist es auch beim Tanzen. Langsam wird es besser, dieses Besser werden aber immer in meiner Geschwindigkeit und oft ist damit gemeint, dass ich besser damit klar komme. Hat mein Tagesablauf mit der Zeit als Leistungssportler viel gemein, so gilt das nicht für den Fortschritt. Ich musste neue Maßstäbe anwenden lernen und akzeptieren.

Das Tanzen tat unheimlich gut, mit den Körperwahrnehmungsübungen. Ein wichtiger Teil ist es, die Kontrolle zu verlieren. Mein ganzes Gehen ist aber auf Kontrolle aufgebaut, daher war es besonders bis in den Herbst hinein, nicht leicht zu erkennen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich musste Kontrolle aufgeben, um Leichtigkeit zu finden. Eine Kontrolle, die mir das Gehen bisher ermöglichte.

Auch wenn man es von außen nicht sieht, innerlich ist mein Gehen Roboterhaft und sehr kontrolliert. Mehr Leichtigkeit ist daher ein Ziel, dass ich über die Körperwahrnehmung beim therapeutischen Tanzen erreichen möchte.

Die Bewegung, nur eine Seite

Die andere Seite ist das Denken und Sprechen. Zwischen wenig und gar nicht sind da die Fortschritte. Besonders beim Pilgern konnte ich die Propriozeption in Verbindung mit dem Sprechen sehr gut üben. Ich tue mich schwer, jetzt im Lockdown und der Corona-Krise, denn der soziale Abstand setzt mir zu und verzögert mein Vorwärtskommen, abseits der Bewegung.

Besonders das Pilgern war die beste Möglichkeit, Bewegung, Denken und Sprechen zu fördern. Wie immer, mache ich aber das beste daraus und widme mich derzeit ganz der Verbesserung der Propriozeption und versuche in spielerischer Form Verbesserung zu erreichen.

Propriozeption und Klettern
Propriozeption und Klettern

Die Bewegung ist aber eben nur eines, auch in Zukunft muss ich immer genau abwägen, was ich machen darf und kann.

Es bleibt spannend, wie ich in Zukunft Rehabilitation, Corona und das Leben unter einen Hut bekomme. Zu tun ist genug!


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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