Ich musste Gehen neu lernen. Nicht im übertragenen Sinn.
Wirklich.
In der Reha gab es einen Rundweg. Ein paar Meter nur. Verschiedene Untergründe – Steine, Sand, Holz. Kleine Abschnitte, vielleicht ein Meter lang, dann der nächste.

Für jemanden von außen nichts Besonderes. Für mich war es alles. Ich bin diese Runden gegangen. Immer wieder. Obwohl ich es eigentlich noch gar nicht konnte. Der Untergrund hat mich komplett gefordert. Gleichgewicht, Koordination – nichts war selbstverständlich.
Eine kleine Schräge war schon zu viel. Ein anderer Untergrund eine Herausforderung. Und trotzdem bin ich gegangen. Runde für Runde.Nicht, weil es leicht war. Sondern weil ich wusste: Das ist der Weg zurück.

Was mir damals noch nicht klar war: Es ging nicht nur um Kraft. Ich hatte etwas anderes verloren – die Automatik.
Jeder Schritt war bewusst.
Und das ist geblieben.
Erst nach vier, fünf Jahren habe ich wirklich verstanden, dass ich diese Automatik nicht mehr zurückholen kann.
Ich gehe.
Anders.
Seitdem hat Gehen für mich eine andere Bedeutung. Es ist nicht einfach Bewegung. Es ist nicht einfach „rausgehen“. Es ist mein Zugang zu mir selbst geworden. Nach dem Hirnabszess funktioniert vieles anders. Ich habe gelernt, genau hinzuspüren. Sehr genau.
Ich merke sofort, wenn etwas besser wird. Ich merke aber auch sofort, wenn etwas nicht passt. Gehen ist dabei mein Gradmesser. Wenn es mir gut geht, spüre ich es im Gehen. Wenn etwas kippt, merke ich es dort zuerst.
Ich gehe viel.
Zu Hause, im Wald, auf meinen gewohnten Strecken. Und jedes Mal spüre ich, es tut mir gut. Der Körper kommt in Bewegung, ich bin draußen, ich spüre die Luft, die Umgebung, mich selbst ein Stück weit auch.
Es ist nicht so, dass mir das Gehen zu Hause nichts gibt – im Gegenteil. Aber es ist nicht das, was ich vom Camino kenne.


Von außen betrachtet mache ich genau das Gleiche. Ich ziehe meine Schuhe an, gehe los, mache meine Kilometer und komme wieder zurück. Aber innerlich ist es ein großer Unterschied. Mein Kopf läuft zuhause mit.
Nicht laut oder chaotisch, eher leise im Hintergrund, aber konstant. Gedanken an Dinge, die noch zu erledigen sind. Kleine Entscheidungen, die ich treffe, ohne es bewusst wahrzunehmen.
Welchen Weg nehme ich heute? Wie lange gehe ich? Was gehört danach noch erledigt?
Es hört nicht wirklich auf. Und genau das ist der Punkt.
Am Camino ist das anders. Dort passiert etwas, das ich zu Hause nicht herstellen kann. Nicht, weil ich mich anstrenge oder etwas anders mache, sondern weil der Rahmen ein anderer ist. Der Weg ist vorgegeben. Die Richtung ist klar. Ich folge den gelben Pfeilen.
Mehr braucht es nicht.

Ich muss nichts entscheiden, nichts planen, nichts Abwägen. Und genau dadurch entsteht etwas, das ich im Alltag derzeit kaum noch kenne: Ruhe. Nicht komplette Stille, aber eine Tiefe, die sich Schritt für Schritt aufbaut.

Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, wieder auf den Camino zu gehen. Nicht irgendwo hin, nicht einfach drauflos – sondern genau dorthin. Ein Grund dafür ist die Struktur. Die Herbergen, die Etappen, dieser klare Rahmen. Ich weiß, ich komme irgendwo an, finde einen Platz, habe ein Bett.
Das mag einfach klingen, aber genau das hilft mir im Moment. Ich muss nicht alles selbst organisieren. Ich muss nicht vorausdenken. Ich darf im Tag bleiben.
Vor einem Jahr hätte ich wahrscheinlich sofort wieder das Zelt genommen. Frei sein, unabhängig sein, draußen schlafen.
Aber jetzt ist es anders.
Das Zelt bedeutet mehr Entscheidungen. Mehr Planung. Mehr Verantwortung.
Und genau davon brauche ich im Moment weniger. Die Herbergen geben mir eine Struktur, die mich trägt. Einen Rahmen, in dem ich mich bewegen kann, ohne mich zu verlieren.

Ich habe lange geglaubt, dass mich vor allem die körperliche Belastung müde macht. Aber das stimmt nur bedingt. Was mich wirklich müde macht, ist das ständige Entscheiden. Das Organisieren. Das Mitdenken.
Ein Umzug in der Familie war intensiv. Viel Verantwortung, viele Entscheidungen, vieles gleichzeitig. Es war notwendig, aber es hat Kraft gekostet – vor allem im Kopf.

Auch wenn ich zu Hause bin und mich erhole, arbeitet er weiter. Gedanken laufen nach, Dinge wollen verarbeitet werden.
Durch die Folgen des Hirnabszesses ist genau das nicht mehr selbstverständlich. Manche Denkvorgänge sind nicht mehr möglich, andere brauchen deutlich mehr Zeit und Energie. Was früher nebenbei ging, fordert heute meine volle Aufmerksamkeit. Es ist immer wieder spannend, das zu beobachten.
Nicht nur das Tun selbst erschöpft mich. Sondern das Verarbeiten danach.
Das ist es, was mich oft wirklich müde macht.
Und das gilt es zu akzeptieren – und meine Kräfte bewusst einzuteilen.
Ich habe gemerkt: Ich brauche keinen Urlaub. Was ich brauche, ist ein Zustand, in dem ich nicht ständig denken muss. Ein Zustand, in dem ich nicht dauernd Entscheidungen treffen muss.
Der Camino gibt mir genau das.
Der Unterschied zwischen dem Gehen zu Hause und dem Gehen am Camino – oder generell auf einem Weg, der einfach weiterführt – ist für mich nach meiner Krankheit nicht nur spürbar.
Er ist entscheidend.
Zu Hause gehen tut mir gut. Das spüre ich. Aber es ist nicht das Gleiche, wie am Camino.
Dieses tagelange Gehen, dieses Dahingehen über viele Tage, über Wochen – das geht tiefer.
Das ist kein Spaziergang mehr. Das ist ein Zustand. Und genau diesen Zustand brauche ich. Es geht nicht mehr nur ums „Gut tun“.
Früher hätte ich gesagt: Gehen tut mir gut. Heute weiß ich: Das ist zu wenig. Dieses Gehen ist für mich notwendig geworden. Nicht im Sinne von „wäre schön, wenn ich es mache“, sondern im Sinne von: Ich brauche es, damit es mir überhaupt gut gehen kann.
Damit mein Kopf ruhig wird.
Damit mein Körper wieder in einen Rhythmus kommt.
Damit ich nicht im Denken hängen bleibe.

Dieses tagelange Unterwegssein bildet die Basis, um zu funktionieren.
Es bringt mich in einen Zustand in dem ich klarer werde. In dem ich überhaupt das Gefühl habe, bei mir zu sein.
Nach meiner Krankheit ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Und genau deshalb nehme ich das Gehen ernst. Nicht als Hobby. Nicht als Ausgleich. Nicht als „ich geh mal eine Runde“.
Sondern als das, was es für mich ist: Ein Weg, um körperlich und geistig in Balance zu bleiben. Oder ganz einfach gesagt: Ich gehe nicht nur, weil es mir gut tut. Ich gehe, weil ich es brauche. Kein Ziel – und genau deshalb der Weg
Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber ich gehe mittlerweile ohne wirkliches Ziel. Natürlich werde ich in Santiago ankommen. Und wahrscheinlich auch in Finisterre. Ich weiß, dass ich das kann. Aber darum geht es mir nicht. Das Ziel ist nicht entscheidend. Der Weg ist es.
Dieses tägliche Unterwegssein. Dieses Eingebettet-Sein in eine Richtung, ohne sie ständig hinterfragen zu müssen. Auch zehn Jahre nach dem Hirnabszess lerne ich noch so viel dazu.
Die gelben Pfeile nehmen mir etwas ab, das im Alltag ständig präsent ist. Ich kann mich darauf einlassen, einfach zu gehen, einfach zu sein.
Und in diesem Gehen passiert etwas anderes. Ich komme wieder ins Spüren. Ich merke, wann es genug ist. Wann ich eine Pause brauche. Wie weit ich gehen möchte. Das kommt nicht aus dem Kopf. Das kommt von innen.
Ich gehe nicht weg. Ich gehe zurück. Zurück zu einem Zustand, in dem es ruhiger wird. In dem nicht alles gleichzeitig passiert. In dem ich nicht ständig funktionieren muss.
Ich bin am Anfang gegangen, weil ich ein Ziel hatte. Wieder gehen können. Ich dachte, irgendwann ist es geschafft.
Heute kann ich gehen. Aber nicht so, wie ich es mir damals vorgestellt habe. Die Automatik ist nicht zurückgekommen. Jeder Tag beginnt ein Stück weit von vorne. Nicht bei null – aber auch nicht dort, wo ich geglaubt habe anzukommen.
Früher bin ich gegangen, um etwas zu erreichen. Heute gehe ich ohne das Ziel, irgendwo anzukommen zu müssen.
Aber mit dem Gefühl, in Bewegung bleiben. Damit es gut bleibt.
Eigentlich ist es arg, wie sich das bei mir verändert hat.
Am Jakobsweg war das Ziel klar. Santiago de Compostela. Ich wusste, wohin ich gehe, und genau das hat mir Halt gegeben. Jeder Schritt hatte eine Richtung, und dieses Ziel im Kopf war wichtig für mich. Es hat mich getragen.
Beim Hexatrek war es anders. Natürlich gab es auch dort ein Ziel, aber es war kein fixes mehr. Ich habe es mir offen gelassen, unterwegs aufzuhören, umzudrehen oder weiterzugehen. Es ging weniger darum, irgendwo anzukommen, sondern mehr darum, überhaupt zu gehen.
Und vielleicht habe ich genau dort zum ersten Mal wirklich gespürt, dass sich etwas verändert hat. Dass beides seinen Platz hat. Ein Ziel zu haben, das einen zieht. Aber auch gehen zu können, ohne eines zu brauchen.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich jetzt stehe. Zu wissen, dass ich beides kann. Mit Ziel gehen – und ohne.
Ich war jetzt lange zu Hause. Ich merke, wie es wieder enger wird. Zu viel Denken. Zu viel Offen. Zu viel im Kopf.

Es ist Zeit, wieder loszugehen. Der Camino Primitivo ist kein Ziel für mich. Er ist der Weg zurück in einen Zustand, in dem ich nicht ständig entscheiden muss.
Ich breche bald auf.
Nach meinem Hirnabszess musste ich vieles neu lernen.
Ein Hirnabszess ist vereinfacht gesagt eine Entzündung im Gehirn.
Was das genau bedeutet, habe ich erst im Nachhinein wirklich verstanden.
Die Folgen spüre ich bis heute.
Gehen.
Denken.
Sprechen.
Das klingt im ersten Moment greifbar.
Aber das eigentliche Problem sieht man nicht.
Ich habe meine Automatik verloren.

Früher ist alles einfach passiert.
Ich bin gegangen, ohne darüber nachzudenken.
Ich habe gesprochen, ohne jeden Satz bewusst zu bauen.
Ich konnte mehrere Dinge gleichzeitig machen.
Heute ist das nicht mehr so.
Heute ist jede dieser Sachen eine eigene Aufgabe.
Auch mein Körpergefühl ist nicht mehr selbstverständlich.
Ich spüre Bewegungen anders, unsicherer.
Was früher automatisch funktioniert hat, muss ich mir immer wieder bewusst erarbeiten.
Und selbst das bleibt nur, wenn ich dranbleibe.
Höre ich auf zu üben, verliere ich es wieder ein Stück.

Ich gehe in den Supermarkt.
Eigentlich nichts Besonderes.
Nur schnell etwas holen.
Früher: rein, nehmen, zahlen, raus.
Nebenbei denken, vielleicht telefonieren – alles gleichzeitig.
Heute merke ich schon beim Reingehen:
Es ist viel.
Menschen.
Geräusche.
Bewegung.
Ich nehme alles gleichzeitig wahr.

Ich gehe langsamer.
Versuche mich zu orientieren.
Was wollte ich eigentlich holen?
Manchmal weiß ich es noch.
Manchmal ist es einfach weg.
Ich stehe vor einem Regal und merke:
Mein Kopf ist voll – und gleichzeitig leer.
Ich weiß, dass ich etwas brauche.
Aber ich komme nicht mehr hin.
Dann bleibe ich stehen.
Nicht, weil ich will –
sondern weil ich muss.
Ich versuche, mich wieder zu sammeln.
Wenn mich in diesem Moment jemand anspricht, wird es noch schwieriger.
Eine einfache Frage –
und ich merke, wie ich kämpfen muss, um überhaupt zu antworten.
Früher wäre das nebenbei gegangen.
Heute ist es eine eigene Aufgabe.
Manchmal breche ich den Einkauf ab.
Nicht, weil ich nicht will –
sondern weil es zu viel wird.

Der Einkauf ist nur ein Beispiel.
Es passiert überall.
Wenn ich etwas erledige.
Wenn ich mit Behörden spreche.
Wenn ich unterwegs bin.
Selbst draußen oft, auf einem Camino oder Weitwanderweg.
Es ist nicht die eine Situation.
Es ist mein Alltag.

Und genau das sieht niemand.
Von außen bin ich jemand, der einkaufen geht.
Der geht.
Der spricht.
Also wirkt es normal.
Aber es ist nicht normal.
Alles kostet Energie.
Alles braucht Aufmerksamkeit.
Der Autopilot ist weg.
Und ja – es ist eine Form von Behinderung.
Nur eine, die man nicht sieht.
Muskelschwäche, Wahrnehmung, gestörte Propriozeption. Alles Behinderungen die nicht sichtbar sind.
https://www.aktion-mensch.de/ueber-uns/das-treibt-uns-an/was-ist-inklusion/unsichtbare-behinderung
Ich habe gelernt, damit umzugehen. Besser gesagt, mich trotzdem zu bewegen, auch mit der Gefahr, mich zu verletzen.
Langsamer zu sein.
Pausen zu machen.
Ehrlich zu sagen, wenn es gerade nicht geht.
Ich bin nicht jemand anderer geworden.
Ich funktioniere nur anders.

Und wenn du jemanden siehst, dem man „nichts ansieht“:
Dann denk daran –
nicht alles, was eine Behinderung ist, ist sichtbar.
Vielleicht siehst du nicht alles.
Und vielleicht lohnt es sich, vorsichtiger zu urteilen.
Du siehst nur das Ergebnis.
Nicht den Aufwand dahinter.
Und trotzdem gehe ich weiter.
Auf meinen Wegen, auf meinen Caminos – und im Alltag.
Am 27. März 2016 wurde mein Leben jäh unterbrochen. Ein Einschnitt, der alles veränderte. Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr selbstverständlich. An meinen Grenzen arbeite ich noch heute und versuche sie zu verschieben.
Und doch bekam ich damals eine zweite Chance. Ein zweites Leben.
Es ging weiter, aber nicht mehr so wie zuvor. Anders. Ein anderes Leben, das ich erst wieder lernen musste.
Hier gehts zu meinem ersten Blogbeitrag, wie alles anfing.

Eine der wesentlichsten Änderungen für mich, neben unzähliger anderer: Zeit hat eine andere Bedeutung bekommen. Denn um im Hier und Jetzt zu leben, ist Zeit nicht mehr etwas, das vergeht, sondern etwas, das gefüllt werden möchte.
Und das ist vielleicht das Entscheidende – ich habe Zeit bekommen, nicht verloren.

Mein Gehirn wurde auf „Überleben im Moment“ umgestellt.
Nach so einem Ereignis funktioniert vieles im Kopf nicht mehr wie vorher. Planen, Zukunft denken, mehrere Dinge gleichzeitig tun – all das wurde schwieriger, wenn nicht unmöglich. Zukunft oder Vergangenheit waren nicht denkbar, es gab nur den aktuellen Moment. Dadurch bleibt automatisch nur das Hier und Jetzt übrig.
Und plötzlich merkte ich:
Zeit ist nicht mehr etwas, das ich „manage“, sondern etwas, in dem ich einfach bin.

Vorher lief vieles automatisch: gehen, essen, schreiben, sprechen - Multitasking. Nach der Krankheit musste ich alles wieder bewusst machen. Selbst so einfache Dinge wie Zähneputzen, Essen oder Gehen. Alles erfordert Achtsamkeit - bis heute.
Das hat eine interessante Nebenwirkung:
Wenn man nur eine Sache machen kann, wird der Tag länger – weil man wirklich in jeder Tätigkeit tief drinnen ist und sehr intensiv erlebt.
Wenn man einmal erlebt hat, dass das Leben von einem Tag auf den anderen völlig kippen kann, verändert sich etwas Grundlegendes. Dinge, die früher wichtig waren – wie Leistung, Termine und Tempo – verlieren Gewicht.
Wichtiger wird: ein Schritt ohne Schwindel, ein Spaziergang im Wald, ein Gespräch, ein ruhiger Moment. Dinge, die ich besonders auf meinen Weitwanderwegen schätzen gelernt habe. Das Wandern wurde meine Therapie.

Vor der Krankheit hatte Zeit oft etwas Bedrohliches: zu wenig Zeit, zu viele Aufgaben. Danach wurde Zeit etwas anderes: eine Möglichkeit.
Oder anders gesagt:
Früher wollte ich die Zeit kontrollieren.
Heute versuche ich, sie zu erleben.
In meinem ersten Leben war Zeit mein Trainingspartner. Sekunden, Höhenmeter, Durchschnittsgeschwindigkeit. Alles drehte sich darum, schneller zu sein. Im Sport normal, änderte sich das im Beruf. Die Zeit war etwas, gegen das man arbeitete.
Heute hat Zeit für mich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Sie ist nicht mehr mein Trainingspartner, sondern mein Lehrer.
Zeit ist heute kein Gegner mehr.
Sie ist ein Raum, in dem Heilung passieren darf.
Wenn ich von meinem Leben erzähle, dann ist es immer unterteilt in ein Davor und ein Danach.
Das DAVOR war geprägt von Bewegung, Leistung und Geschwindigkeit. Mein Leben spielte sich oft am Limit ab. Den Sport habe ich damit noch sehr positiv in Erinnerung.
Das DANACH ist anders. Viel langsamer. Viel bewusster.
Plötzlich ging es nicht mehr darum, schneller zu werden, sondern überhaupt wieder gehen zu können. Es wurde ein täglicher Grenzgang, bis heute.
Das macht demütig und gibt einen zu erkennen, wie wertvoll ein einzelner Schritt sein kann. Wenn ich an die erste Zeit zurück denke, welchen Willen ich aufbringen musste, diese ersten Schritte machen zu wollen.
Sie bedeuten, dass von einem Moment auf den anderen nichts mehr selbstverständlich ist und damit selbst die einfachsten Dinge eine neue, tiefere Bedeutung bekommen.
Mit diesem Einschnitt startete ich nicht bei null, sondern im Minus. Jeder kleinste Fortschritt war kein normaler Entwicklungsschritt, sondern ein Geschenk, das ich mir erarbeiten musste. Ich war lange Zeit an meinen Grenzen unterwegs.
Zehn Jahre nach diesem Einschnitt bedeuten keine Karriere und keinen geradlinigen Aufstieg, sondern eine lange Bewährungsprobe.

Ich bin nicht in mein altes Leben zurückgekehrt. Es gab bisher keinen Punkt, an dem ich sagen konnte: Jetzt ist wieder alles wie früher. Stattdessen begann ein langsamer Aufbau – nicht zurück, sondern neu. Ein Aufbau, der mir jedoch nicht bleibt. Ich muss immerfort dranbleiben, muss jeden Tag bewußt dranbleiben.
Bildung bekam dabei eine neue Bedeutung. Ich musste sie mir in den letzten zehn Jahren Schritt für Schritt neu erarbeiten. Sie war kein Karrierebaustein, sondern ein Wiedergewinn von geistiger Klarheit, innerer Ordnung und Handlungsfähigkeit.
Mein Kopf arbeitet wieder.
Anders und vielleicht langsamer – aber er arbeitet.
Alte Synapsen wieder zu verbinden, ist auch heute noch Teil meines Alltags. Genau das verstehe ich heute unter Bildung. Lernen, was ich eigentlich schon konnte.
Im Video von Markus Leyacker-Schatzl erzähle ich über meinen Weg.
Der Hirnabszess war rückblickend eine Verschiebung meiner Maßstäbe. Nicht nur mein Körper war betroffen, sondern auch die Maßstäbe, mit denen ich mein Leben messe.
Planbarkeit hat ihre Selbstverständlichkeit verloren, weil Energie und Belastbarkeit nicht mehr verlässlich abrufbar sind. Körperliche Anstrengung ist seither kein Trainingsreiz mehr, sondern etwas, das genau dosiert werden muss.
Auch meine kognitive Sicherheit, dieses stille Vertrauen in das eigene Denken, hat sich verändert. Entscheidungen, Konzentration und Mehrfachbelastung sind nicht mehr selbstverständlich verfügbar.
Am stärksten hat sich jedoch mein Vertrauen dahingehend verändert, dass es immer irgendwie weitergeht. Früher dachte ich, Entwicklung passiert Schritt für Schritt von selbst. Heute weiß ich, dass Stabilität nichts Selbstverständliches ist, sondern etwas, das jeden Tag neu erarbeitet werden muss.
Am stärksten zeigt sich der Neubau in der Selbststeuerung. Früher war Belastung normal, heute ist sie etwas, das ich bewusst dosieren muss. Energie, Pausen und Prioritäten – nichts davon geschieht automatisch.
Ich habe noch heute zu lernen, meine Grenzen nicht zu ignorieren, sondern sie zu lesen. Nicht Überforderung als Stärke zu sehen, sondern Steuerung als Kompetenz. Mein Leben ist sowieso ein Grenzgang.
Der Moment, in dem ich merkte, dass ich nicht mehr nur überlebe, sondern wieder gestalte, kam erst mit der Zeit. Es war eine stille Erkenntnis, die erst in der letzten Zeit reifte.
Ich treffe Entscheidungen wieder bewusster und reagiere nicht nur auf das, was passiert. Ich setze Ziele – nicht um etwas zu beweisen, sondern um mein Leben aktiv zu Formen, zumindest versuche ich es.
Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr nur Patient.
Ich war wieder Handelnder.

Ein Blick auf diese Jahre schließt auch die bleibenden Einschränkungen mit ein. Fatigue ist nach wie vor ein großes Thema. Energie ist nicht jederzeit abrufbar, sondern muss eingeteilt werden. Belastung braucht Planung.
Darüber hinaus haben sich mehrere Funktionen dauerhaft verändert. Konzentration ist begrenzt. Gedächtnisleistung ist nicht in jeder Situation zuverlässig. Sprache braucht manchmal Zeit. Reize können schnell überfordern.
Viele Dinge, die früher selbstverständlich waren, verlangen heute Aufmerksamkeit und Struktur. Stabilität entsteht nicht automatisch. Sie muss hergestellt und erhalten werden. Manchmal ist das nah an dem, was man sonst Pflege nennen würde – nur dass ich sie selbst übernehme.
Es hat sich auch eine neue Vorsicht im Umgang mit mir selbst entwickelt. Nicht aus Angst, sondern aus Erfahrung. Ich weiß heute, dass Stabilität nichts Selbstverständliches ist.
Das ist keine Bitterkeit.
Es ist Teil meiner Realität.
Und mit dieser Realität arbeite ich.
In den letzten 10 Jahren ist etwas entstanden, das ich früher so nicht kannte. Keine Euphorie und kein „Alles wird gut“, sondern eine Form von Zuversicht.
Es hat sich dahingehend eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Ich muss nicht mehr alles steuern oder absichern.
Prioritäten sind klarer geworden. Unwichtiges verliert an Bedeutung und wird schnell aussortiert. Eigenverantwortung ist zentral. Meine Energie kann nur ich selbst einteilen und entscheiden, was mir gut tut.
Langsamkeit bewerte ich nicht negativ. Sie erhöht Genauigkeit und Stabilität.
Mein Verständnis von Gesundheit hat sich grundlegend verändert. Gesundheit ist für mich nicht die Abwesenheit von Krankheit und auch nicht die Rückkehr zu meinem früheren Leistungsniveau. Sie bedeutet heute, mit meinen vorhandenen Ressourcen stabil leben zu können.
Entscheidend ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung: Energie bewusst einteilen, Belastung dosieren, Grenzen rechtzeitig erkennen und darauf reagieren. Stabilität ist wichtiger geworden als Intensität.
Sie ist ein fortlaufender Prozess, der Aufmerksamkeit erfordert – körperlich wie mental. Solange ich gehen, denken und eigenständig entscheiden kann, bin ich gesund im Sinne meines heutigen Verständnisses.
Gesundheit bedeutet für mich: selbstbestimmt leben – unter veränderten Bedingungen. Gesundheit bedeutet für mich heute nicht mehr Leistungsfähigkeit, sondern Selbststeuerung.
Langsamkeit ist kein Nachteil mehr.
Sie bringt Stabilität.
Ich lebe bewusster als früher.
Wie messe ich Fortschritt?
Was ist Erfolg?
Was bedeutet Stärke?
Fortschritt messe ich heute in Stabilität.
Erfolg bedeutet Kontinuität.
Stärke zeigt sich nicht mehr im Durchhalten um jeden Preis, sondern im bewussten Umgang mit Grenzen. Das ist eine Grundbedingung, um Grenzen verschieben zu können.

Wenn ich zurückblicke, sehe ich keine verlorenen zehn Jahre.
Ich sehe zehn Jahre Arbeit.
Zehn Jahre Lernen.
Zehn Jahre Entscheidung, nicht stehen zu bleiben.
Zehn Jahre später gehe ich nicht schneller.
Aber bewusster.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
„Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet.“
Es ist eine Lebensqualität, die ich mir Tag für Tag erarbeiten muss, damit sie bleibt und damit sie nicht wieder verloren geht. Denn nach dem Hirnabszess war nichts mehr selbstverständlich, und vieles, was früher einfach war, wurde plötzlich zu einer Herausforderung. Mein Körper funktionierte nicht mehr wie zuvor, und auch mein Gehirn arbeitete anders, sodass ich lernen musste, mit diesem neuen Zustand zu leben.
Vieles war reduziert auf das Jetzt, weil ich gar nicht weiter vorausdenken konnte. Auf den nächsten Schritt, den ich setzen musste, und auf den nächsten Atemzug, der mich im Moment hielt. Denn mehr war oft nicht möglich.
Und genau dort, in dieser Beschränkung und gerade weil alles auf das Wesentliche reduziert war, verstand ich, was mich wirklich lebendig macht. Nicht das Große und Weite, sondern das Kleine und Nahe. Nicht das Morgen, sondern das Jetzt, weil nur hier Leben spürbar ist.

Ein Schritt nach dem anderen. Millionenfach wiederholt. Immer wieder hinaus. In die Natur. In die Wälder, auf die Wege, über Asphalt und Schotter. Die Natur wurde meine Therapie Nummer eins. Sie fordert mich, aber sie überfordert mich nicht. Sie spiegelt mir meinen Zustand – jeden Tag aufs Neue.
Lebendig fühle ich mich nicht, wenn alles leicht ist. Sondern wenn ich spüre, dass ich wirke. Dass ich etwas bewege. Dass ich trotz Einschränkungen weitergehe. Dieses Weitergehen ist kein Leistungsbeweis. Es ist ein inneres Ja zum Leben.
Erst später wurde mir bewusst, warum mich früher Leistungs- und Extremsport so angezogen haben. In der Bewegung spürte ich mich besser. Dort, wo es weh tut, liegt oft auch eine Wahrheit über sich selbst.

Und dann ist da die Freude. Heute ist sie wichtiger denn je. Sie wirkt oft leise. Ein Moment auf einem Waldstück, wenn das Licht durch die Bäume fällt. Das Wissen, wieder ein Stück sicherer gegangen zu sein. Oder einfach Dankbarkeit, dass ich überhaupt gehen kann.

Über die Jahre habe ich gelernt: Gehe ich weniger, übe ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, zieht sich etwas in mir zurück. Nicht nur die Muskulatur. Nicht die Propriozeption, diese Tiefensensibilität, die kein fixer Besitz mehr ist, sondern etwas, das ich mir durch millionenfaches Wiederholen zurückerobert habe und zu erhalten versuche.
Lasse ich nach, wird auch das Gehen unsicherer. Auch die innere Lebendigkeit wird dann weniger. Sie braucht Bewegung. Sie braucht Wiederholung. Sie braucht Hingabe.

In meinem ersten Leben war ich vieles, doch der Leistungssport war vor allem eines: ein Versuch, mich selbst kennenzulernen. Dieses Leben an der Grenze ließ mich wachsen – geistig wie körperlich. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht und besonders die Reaktion wurden geschärft und zu einem Teil von mir.
Später, als Videojournalist, zehrte ich davon. Schnell erfassen. Richtig reagieren. Den Überblick behalten. Der Sport war dafür die beste Schule.
Der Sport lehrte mich, Leistung zu bringen. Aber noch wichtiger war mir immer die Haltung dahinter. Leistung ohne Ethik war für mich nie erstrebenswert. Dieser Wert begleitet mich bis heute. Er ist geblieben – wie das Gehen. Wie das Streben nach Entwicklung. Schritt für Schritt.

Dem zu folgen, was mich lebendig macht, bedeutet nicht, nur das Angenehme zu wählen. Es bedeutet, dem nachzugehen, was Sinn stiftet. Was mich aufrichtet. Was mich in Verbindung bringt – mit mir selbst und mit der Welt um mich herum.
Für mich sind es nicht nur die täglichen Wege. Es ist auch das Weitwandern. Das Pilgern. Stundenlanges Gehen. Tag für Tag. Schritt, Atem, Schritt. Nicht um besondere Leistungen zu vollbringen. Nicht um Rekorde zu sammeln, sondern um meinen Körper zu regulieren und Stabilität zu schaffen.
Diese langen Wege bringen mein Nervensystem in einen Rhythmus. Sie geben meinem Körper jene Wiederholungen, die er braucht. Für Außenstehende mag das extrem wirken. Für mich ist es kein Extremsport mehr. Es ist Erhalt und es ist notwendig, um selbstständig zu bleiben. Um nicht erneut zum Pflegefall zu werden.

Mir ist bewusst, dass nicht jeder diesen Weg gehen kann – und ihn auch nicht gehen muss. Jeder Mensch hat seine eigene Form, lebendig zu bleiben. Schreiben. Musizieren. Gärtnern. Gespräche führen. Wichtig ist nicht, was es ist. Wichtig ist, dass es einen stärkt.
Nach zehn Jahren weiß ich: Lebensqualität entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Ausrichtung. Durch die bewusste Entscheidung, dem Raum zu geben, was nährt. Und das loszulassen, was dauerhaft schwächt.
Für mich ist es das Gehen. Die langen Wege. Das Unterwegssein.
Vielleicht ist das die eigentliche Essenz: Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet. Nicht irgendwann. Sondern heute. Schritt für Schritt.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Regulation ist für mich nichts Theoretisches. Es ist etwas, das ich jeden Tag spüre. Seit dem Hirnabszess ist vieles nicht mehr selbstverständlich. Vor allem nicht dieser innere Zustand, in dem man einfach sein kann.
Nach dem Hirnabszess ist vieles anders geworden. Mein System ist sensibler. Dinge, die früher einfach mitgelaufen sind, kosten heute Energie. Zu viele Reize, zu viele Abläufe gleichzeitig – das merke ich sofort. Nicht im Kopf, sondern im Körper.

Er hat auch viele Traumen ausgelöst. Und genau deshalb ist Regulation so wichtig. Mein System ist schnell im Alarm. Manchmal reicht wenig und ich merke: Ich bin wieder im dauernden Bereitsein, im Mitdenken, im unterschwelligen Aufpassen. Mein Nervensystem bleibt dabei ständig wach. Es kommt nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand. Es ist immer ein wenig angespannt, auch dann, wenn eigentlich nichts los ist.
Darum entscheidet Regulation für mich darüber, ob ich nur funktioniere oder ob ich wirklich lebe. Ohne Regulation wird alles schnell zu viel. Selbst Dinge, die eigentlich gut tun würden.
Ich habe früh gemerkt, dass mein Weg über den Körper führt. Über das Gehen, über Wiederholung, über das langsame Üben. So kann mein Nervensystem wieder Sicherheit finden. Nicht Kontrolle, sondern Sicherheit.
Und ich komme immer wieder darauf, in welchen Situationen Traumen noch da sind, auch heute noch. Oft zeigt sich das erst im Körper. In der Bewegung, im Stocken, in der Spannung. Es bleibt ein ständiges Lernen, aber auch ein Lösen.
Vor allem durch Bewegung. Denn Traumen zeigen sich meist in Bewegung. Und dort kann auch Regulation passieren. Darum ist therapeutisches Tanzen für mich so gut. Es hilft mir, Spannungen wahrzunehmen und langsam weicher werden zu lassen. Ohne Druck, ohne viele Worte. Schritt für Schritt.
Regulation bedeutet für mich, wieder bei mir zu sein. Zu spüren, was geht und was nicht. Zu merken, wann es genug ist. Wann Bewegung hilft und wann Ruhe nötig ist.
Weitwandern oder Pilgern ist nur bedingt Abenteuer, es ist vor allem ein Raum, in dem genau das möglich wird: ein Alltag ohne Überforderung, mit klaren Abläufen, in dem mein System wieder hören kann, was es braucht.
Nach jeder Pilgerfahrt oder nach einem Weitwanderweg gewinne ich wieder mehr Vertrauen. Vertrauen ist kein Anfangspunkt, sondern etwas, das entsteht, wenn mein System lange genug erleben darf, dass nichts von ihm verlangt wird.
Ich bin sicher, ohne etwas kontrollieren zu müssen.
Ohne Regulation wäre alles nur Reaktion.
Mit Regulation wird es wieder Leben.
Schritt für Schritt. Wie beim Gehen.

Ich habe lange versucht, das über Denken zu lösen. Verstehen, einordnen, erklären. Das hilft ein Stück weit, aber es bringt keine echte Ruhe. Was mir wirklich hilft, ist etwas viel Einfacheres: Gehen.
Gehen – nicht als Training, sondern als Zustand
Wenn ich gehe, wird es ruhiger. Der Atem wird gleichmäßiger. Der Blick geht weiter. Die Gedanken werden weniger.
Ich muss nichts entscheiden und nichts organisieren. Ein Schritt nach dem anderen reicht.

Zu Hause bin ich immer eingebunden. Auch dann, wenn ich eigentlich nichts vorhabe. Da laufen Abläufe, Gewohnheiten, Erwartungen. Vieles davon automatisch.
Nach dem Hirnabszess merkte ich: Das ist auf Dauer zu viel. Nicht ein einzelnes Ding, sondern die Summe aus vielen kleinen Anforderungen gleichzeitig. Auch Ruhe ist zu Hause oft nicht wirklich ruhig. Natürlich kann ich zu Hause spazieren gehen oder bewusst Pausen machen. Das tut auch gut. Aber es bleibt eingebettet im Alltag. Am Ende des Tages bin ich wieder mittendrin.
Der Alltag hört nicht auf. Mein System bleibt wachsam. Nicht, weil konkret etwas passiert. Sondern weil jederzeit etwas passieren könnte. Ein Geräusch. Eine Frage. Eine Kleinigkeit, die Aufmerksamkeit braucht. Auch wenn nichts davon eintritt, bleibt diese Bereitschaft im Körper.
Ich spüre es daran, dass ich innerlich nicht ganz herunterfahre. Es ist, als wäre ein Teil von mir ständig auf Empfang. Nicht angespannt im klassischen Sinn, aber auch nicht wirklich entspannt.
Nach dem Hirnabszess ist genau das anstrengend. Dieses dauernde „Bereit sein“, dieses Mitdenken, dieses ständige Aufpassen. Mein Nervensystem kommt so nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand.
Zu Hause kann ich mich erholen, aber ich kann mich dort kaum vollständig regulieren. Und diese Regulierung ist für mein Überleben wichtig geworden.
Auf einem Weitwanderweg ist das anders, denn der Weg ist der Alltag.Der Tag ist überschaubar: gehen, essen, schlafen. Mehr nicht. Keine Termine, keine Rollen, keine Dinge, die gleichzeitig Aufmerksamkeit wollen.
Regulation braucht Dauer, nicht kurze PausenRegulation entsteht bei mir nicht durch kurze Auszeiten. Sie entsteht durch Dauer. Deswegen tun mir Weitwanderwege so gut.
Natur verlangt nichts von mir. Ob Wald oder Meer. Am Meer kommt Weite dazu. Der Horizont. Die gleichmäßigen Geräusche.

Im November war ich am Camino Francés und im April ebenso dort zwei Wochen unterwegs.
Gut – aber über das Jahr gesehen zu wenig.
Das hier ist keine Reha, die irgendwann abgeschlossen ist. Die Schäden bleiben. Der Unterschied liegt darin, wie gut ich damit umgehen kann – und das hängt direkt davon ab, wie stabil mein System ist.
Noch trägt mich mein Wille. Aber ich weiß, dass das nicht unbegrenzt so sein wird. Darum ist es wichtig, jetzt gegenzusteuern.
In den letzten Wochen sind die Bedingungen draußen schwierig. Eisige Temperaturen, ständig Minusgrade, gefrorene Wege. Dinge, die ich früher einfach hingenommen habe, wirken sich heute viel direkter auf mein System aus. Ich merke, dass mir die Kälte und die Unsicherheit am Untergrund Energie ziehen.
Ich bewege mich vorsichtiger, angespannter. Das Gehen verliert seinen Rhythmus. Dazu kommt, dass es mich am Eis auch geschmissen hat, mit einer Oberschenkelzerrung und einem Körpersystem, das danach spürbar durcheinander war. Seitdem ist Regulation deutlich schwieriger. Nicht nur körperlich, auch innerlich. Der Körper bleibt noch wachsamer, noch vorsichtiger. Und genau das ist auf Dauer anstrengend.
Diese Wochen haben mir wieder klar gezeigt, wie stark äußere Bedingungen auf mein Befinden wirken. Wenn Bewegung nicht mehr flüssig möglich ist, wenn jeder Schritt Aufmerksamkeit braucht, dann fehlt mir etwas. Vielleicht ist es deshalb, dass mich der Gedanke ans Wegfahren gerade jetzt wieder so beschäftigt.
Nicht aus Ungeduld, sondern aus Wahrnehmung. Ich spüre sehr deutlich, dass mein System im Moment keinen guten Rahmen hat, um sich zu regulieren.





Ich merke: Meine Regulation funktioniert nicht mehr richtig. Nicht schlecht – aber nicht gut genug. Ich bin schon zu lange zu Hause, im Alltag gefangen.
Deshalb denke ich jetzt an einen Weg in Portugal, in den nächsten Wochen. Vor allem, weil es dort wärmer ist. Wärme macht für mich im Moment den Unterschied: weniger Spannung im Körper, mehr Sicherheit im Gehen, weniger Widerstand bei jedem Schritt.
Es geht mir nicht um einen bestimmten Weg oder um ein „Dort“. Es geht um Bedingungen, unter denen Bewegung wieder flüssig möglich ist. Um einen Rahmen, der mein System entlastet, statt es zusätzlich zu fordern.
Ein Camino in Spanien wäre derzeit etwas anderes. Nicht grundsätzlich, sondern im Moment. Kältere, wechselnde Verhältnisse würden meinem System gerade mehr abverlangen, als ihm gut tut. Portugal passt jetzt besser.
Manchmal geht es nicht darum, mehr auszuhalten, sondern rechtzeitig zu merken, dass etwas fehlt. Dann braucht es kein ständiges Gegensteuern. Mein System kann sich beruhigen, statt permanent aktiv zu bleiben.
Ich komme wieder in einen Zustand, in dem mich das Vorhandene nicht mehr überfordert. Das, was ich schon kurz nach dem Hirnabszess erkannt habe, gilt noch immer – nur auf einer anderen Ebene. Damals fehlten mir die Worte, heute kann ich es benennen. Regulation.
Und dieser Weg ist es nach wie vor, den ich gehe: diese Regulation zu verbessern. Denn nur wenn sie gelingt, lebe ich wirklich.

Ein neues Jahr beginnt und im März jährt sich zum zehnten Mal die Zeit nach dem Hirnabszess. Oft werde ich gefragt, wie es mir heute geht. Die Frage ist gut gemeint, aber sie greift zu kurz. Denn es geht nicht um gut oder schlecht, nicht um gesund oder krank, nicht um fertig oder unfertig. Es geht um etwas anderes, das ich lange selbst nicht benennen konnte. Es geht um Regulation.
Nicht als medizinischen Begriff, sondern als etwas sehr Konkretes in meinem Alltag. Etwas, das mein Leben heute trägt.

Zehn Jahre sind vergangen, seit mein Leben abrupt zum Stillstand gekommen ist. Hirnabszess, Intensivstation, Reha, das langsame Zurückfinden in etwas, das man wieder Leben nennen kann.
Am Anfang ging es ums Überleben.
Später ums Funktionieren.
Lange Zeit um Rehabilitation.
Erst viel später habe ich verstanden, dass all das nur die Oberfläche war und dass es darunter um etwas viel Grundlegenderes ging.
Damals hatte ich dafür keine Worte. Ich wusste nur, dass nichts mehr so selbstverständlich war wie früher. Mein Körper war nicht mehr intakt, und vor allem nicht mehr automatisch stabil.
Dinge, die früher einfach passiert sind, sind heute anstrengend. Gespräche fordern plötzlich mehr, Geräusche werden schnell zu viel, Entscheidungen ermüden mich schneller.
Lange dachte ich, ich müsse einfach nur wieder belastbarer werden. Wieder mehr aushalten, wieder normal funktionieren, wieder hinein in das alte Leben.
Heute weiß ich, dass es nie um Belastung ging. Es geht um Ordnung im System. Körper, Kopf und Geist dürfen nicht gegeneinander arbeiten.

Regulation bedeutet für mich, dass mein Körper wieder in einen Zustand kommt, in dem er nicht dauernd Alarm schlägt. Seit dem Hirnabszess reagiert mein Nervensystem schneller. Es funktioniert, aber es ist empfindlicher geworden.
Wie ein Rauchmelder, der korrekt arbeitet, aber schon beim kleinsten Dampf losgeht.
Regulation heißt nicht, diesen Rauchmelder auszuschalten oder zu ignorieren. Sondern ihm immer wieder zu zeigen, dass gerade kein Feuer ist.

Wenn ich das nicht tue, passiert nicht einfach nichts. Es passiert zu viel. Der Kopf wird voll, der Körper wird unruhig oder müde, die Bewegung verlangsamt sich. Reize brauchen länger, um zu verschwinden. Erholung dauert länger.
Ich werde nicht klassisch krank.
Aber ich werde instabil.
Und das merke ich meist erst im Nachhinein. Oft hilft dann ruhiges Gehen, am besten in der Natur. Ich spreche dann oft vom, “...wieder auf gleich gehen!”.
Der Alltag zu Hause fühlt sich dicht an. Viele Reize, viele Rollen, viel Gleichzeitigkeit. Für ein Nervensystem, das früher vieles automatisch geregelt hat, ist das kein großes Thema.
Für meines schon.
Deshalb brauche ich Zeiten, in denen alles einfacher wird. Zeiten, in denen der Rhythmus klar ist, in denen weniger entschieden werden muss, in denen der Körper wieder führen darf und der Kopf leiser wird.
Nicht als Rückzug vom Leben, sondern als Voraussetzung dafür, dass Leben für mich überhaupt funktionieren kann.

Das Weitwandern ist für mich kein Hobby geworden. Auch kein sportliches Ziel. Und ganz sicher keine Flucht.
Es ist eine meiner wichtigsten Formen der Regulation.
Beim Gehen über längere Zeit passiert etwas sehr Ursprüngliches. Schritt und Atem finden einen gemeinsamen Rhythmus und die Reizdichte wird weniger. Der Körper kommt in einen gleichmäßigen Zustand, ohne dass ich etwas aktiv steuern muss.
Gedanken ordnen sich oder werden still. Genau dadurch entsteht wieder Stabilität.
Wenn ich zurückkomme, bin ich nicht weg vom Leben, sondern ich bin wieder mehr da.

Lange hatte ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Warum ich gehe. Warum ich länger unterwegs bin. Warum ich Pausen brauche, die andere nicht brauchen und gehe, wenn andere nicht mehr gehen.
Heute sehe ich das anders.
Regulation ist für mich keine Wellness. Es ist Wartung. Ohne sie funktioniert mein Alltag nicht. Deshalb höre ich heute früher hin und reagiere früher. Nicht unbedingt aus Angst, sondern aus Erfahrung.
Eine Angst sitzt dennoch tief in mir. Es ist die Angst vor der Bewegungslosigkeit, wie ich sie im Krankenhaus erlebt habe und wie sie mich auch lange Zeit danach noch begleitet hat. Diese Starre, dieses Ausgeliefertsein an den eigenen Körper, hat sich eingebrannt. Sie ist leiser geworden, aber verschwunden ist sie nie. Das möchte ich nie wieder erleben.
Ich war lange der Meinung, man müsse irgendwann mit der Rehabilitation fertig sein, um endlich wieder zu leben. Inzwischen weiß ich, dass Rehabilitation kein Abschnitt ist, der endet.
Sie integriert sich ins Leben.
Nicht als Mangel, sondern als Art zu leben.
Ich kann nicht zehn Jahre nur rehabilitieren. Aber ich kann auch nicht so tun, als wäre alles wie früher. Die Wahrheit liegt dazwischen.

Was sich mit der Zeit verändert hat, ist nicht nur mein Umgang mit Regulation, sondern mein ganzer Umgang mit meinem Körper. Regulation ist wichtig für mich, aber sie steht nicht allein. Da sind auch Dinge, die geblieben sind, ein Körpergefühl, das nicht immer verlässlich ist, ein Gleichgewicht, das Aufmerksamkeit braucht, ein Denken, das anders läuft als früher. Viele kleine Baustellen, die im Alltag mitlaufen, meist leise und für andere kaum sichtbar.
Diese Dinge sind nicht ständig da, aber sie melden sich, vor allem dann, wenn ich müde bin oder zu viel auf einmal möchte. Regulation hilft mir dabei, den Rahmen zu halten, damit nicht alles gleichzeitig kippt und ich den Überblick verliere.
Ich weiß heute besser, was mir guttut und wann ich langsamer werden muss, nicht nach festen Regeln, sondern aus Erfahrung. Es ist ein ständiges Austarieren zwischen Gehen und Pausieren, zwischen Aufmerksamkeit und Vertrauen. Und oft ist genau dieses Gehen der einfachste Weg, wieder Ordnung hineinzubringen, Schritt für Schritt, ohne viel nachzudenken.

Ich muss nichts mehr beweisen. Ich darf mit dem unterwegs sein, was da ist, mit einem Körper, der nicht mehr so funktioniert wie früher, mit einem System, das Aufmerksamkeit braucht, aber trägt, und mit einem Leben, das anders geworden ist.
Heilung beginnt mit kleinen Schritten. Für mich waren es oft die unscheinbaren Wege im Alltag, die mir neue Kraft geschenkt und mir geholfen haben, wieder Vertrauen in meinen Körper und meinen Weg zu finden und Stillstand auszuhalten.
Man denkt oft, man müsste große Sprünge machen, um wirklich voranzukommen. Doch ich habe gelernt, dass es genau andersherum ist: Die kleinen Schritte, die ich Tag für Tag gegangen bin, haben die größte Veränderung gebracht.
Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg zurückblicke, dann sehe ich nicht nur die Etappen, die wie Meilensteine aussehen. Ich sehe vor allem die vielen unscheinbaren Momente dazwischen – das erste Mal wieder bewusst ein paar Meter gehen, das tiefe Atmen in der Natur, das Innehalten im Wald hinter dem Haus.

Jeder dieser Schritte war klein, manchmal fast unsichtbar für andere, aber sie haben mir gezeigt: Heilung geschieht nicht in einem großen Sprung, sondern Schritt für Schritt.
Wege sind für mich mehr als nur Pfade, die irgendwohin führen. Sie sind ein Spiegel meines Lebens und meiner Heilung.
So wie draußen in der Natur mein Weg verläuft, so gestaltet sich auch mein innerer Heilungsweg: mal eben, mal voller Hindernisse, mal überraschend schön.

Ich muss keine lange Pilgerreise beginnen, um die Kraft des Gehens zu spüren. Schon kleine Wege im Alltag haben viel in mir bewegt. In den letzten zehn Monaten war ich nur vierzehn Tage unterwegs und habe den Rest der Zeit zu Hause verbracht.
Allerdings haben mir die Wege daheim und viele kleine Rituale geholfen, diese Zeit des Trainings, dem Üben und der Arbeit an mir selbst, bestmöglich zu verbringen:
Diese kleinen Rituale haben mir gezeigt, dass Fortschritt nicht groß aussehen muss, um bedeutsam zu sein.

Auf unserem Weg durchs Leben wünschen wir uns meist Bewegung, sichtbare Veränderungen und klare Erfolge. Doch es gibt Phasen, in denen scheinbar gar nichts passiert. Auch ich fühle mich festgefahren, als würde die Zeit stillstehen. Stillstand auszuhalten, ist schwer. Und doch habe ich gelernt: Gerade diese Zeiten sind wichtig – denn Stillstand ist auch Fortschritt.
Auf den ersten Blick sieht es nach „Pause“ oder sogar „Rückschritt“ aus. Doch im Hintergrund laufen entscheidende Prozesse ab:

Für mich ist Stillstand wie ein Plateau beim Wandern. Der Anstieg liegt hinter mir, der nächste Gipfel ist noch nicht in Sicht. Auf diesem flachen Stück scheint alles gleich zu bleiben – doch genau hier kann ich verschnaufen, meinen Blick weiten und Kraft sammeln. Ohne das Plateau wäre der nächste Aufstieg kaum zu schaffen.

Stillstand fordert Vertrauen: Vertrauen darauf, dass auch diese Phase zum Weg gehört. Dass innere Prozesse Zeit brauchen, bevor man im Außen Fortschritte sieht. Und dass ein neuer Abschnitt kommen wird – oft leichter, klarer und gestärkter als zuvor.
Stillstand ist kein Nichts. Er ist ein unsichtbarer Teil des Fortschritts. Manchmal ist er sogar die wichtigste Etappe, weil er uns die Basis schenkt, weiterzugehen.
👉 Vielleicht bist du gerade auf einem Plateau. Dann erinnere dich daran: Auch hier bewegst du dich. Nur eben innerlich.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich vier Monate nach dem Krankenhaus zum ersten Mal den nur wenige hundert Meter entfernten Wald erreichte. Für andere waren es nur ein paar Schritte. Für mich war es ein kleines Wunder – ein Zeichen, dass Heilung möglich ist.
Solche Augenblicke haben mir Mut gemacht. Sie haben mir gezeigt, dass jeder Schritt zählt. Gerade die unscheinbaren machen am Ende den Unterschied.

Dieses Jahr habe ich mit einem längeren Stillstand zu tun, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Eigentlich wollte ich meinen Weg von zu Hause nach Santiago gehen – doch meine Zahnsanierung hat diesen Plan vereitelt. Stattdessen habe ich mich entschieden, das Jahr der Therapie, dem Üben und dem Trainieren zu widmen.
Und trotzdem fühlt es sich für mich wie Stillstand an. Das schwere Gehen begleitet mich weiterhin, weil meine gestörte Propriozeption keinen Tag Ausnahme macht. Jeder Schritt fordert mich heraus. Es gibt Tage, da spüre ich Fortschritte – und doch bleibt die Wahrnehmung, auf einem Plateau zu stehen und dass nichts weitergeht.
Genau dieser Widerspruch ist schwer auszuhalten: Ich tue viel, aber es sieht nicht nach „großem Vorankommen“ aus. Und doch ahne ich, dass auch diese Phase ein Teil meines Weges ist – dass mein Körper und meine Seele die Zeit brauchen, um nachzukommen.

Heute weiß ich: Es ist nicht der große Sprung, der mein Leben verändert hat, sondern die Summe der vielen kleinen Schritte, die ich Tag für Tag gegangen bin. Jeder einzelne Schritt trägt mich näher zu mir selbst.
Und genau darin liegt für mich die Kraft: Mein Weg beginnt nicht irgendwann, er beginnt immer wieder heute – mit dem nächsten Schritt.
Ich begann meine fotografische Reise 2016 nach dem Hirnabszess zunächst mit dem Smartphone. Es war leicht, handlich, und ich konnte damit viel Gewicht sparen. Auf meinen ersten Pilgerfahrten hatte ich allerdings immer eine kleine Kompaktkamera dabei, denn die damaligen Handys besaßen noch keinen guten Fotoapparat.
So war das Fotografieren von Anfang an ein treuer Begleiter meiner Wege – einmal mit dem Handy, einmal mit der Kamera, immer auf der Suche nach dem richtigen Blick. Auf meinem Walkabout durch Österreich war das Gewicht in der Ausrüstung ein großes Thema und ich begann das Smartphone anstatt einer Kamera zu verwenden, um Gewicht zu sparen.
Seit 2021 fotografiere ich mit dem Handy, doch jetzt kehre ich bewusst zurück zum Fotoapparat. Denn so praktisch das Smartphone auch ist: Die Tiefe, die Ruhe und die Aufmerksamkeit finde ich nur mit der Kamera in der Hand.

Das Fotografieren mit dem Smartphone hatte für mich lange Zeit einen klaren Vorteil: Es war unkompliziert, immer griffbereit und sparte Gewicht. Doch je mehr ich damit unterwegs war, desto deutlicher spürte ich, dass mir etwas verloren ging – die Aufmerksamkeit, die Fokussierung auf das Bild, auf die Komposition, auf das kleine Detail. Genau das also, was ich ja in puncto Wahrnehmung eigentlich verbessern wollte.
Vor Jahren begann ich nach dem Hirnabszess wieder mit dem Fotoapparat, um meine Pilgerwege zu dokumentieren. Und schon bald merkte ich, wie gut mir dieser Wechsel tat. Plötzlich wurde das Sehen selbst zu einer Übung: das Entdecken, das Erkennen, das bewusste Gestalten. Nicht einfach nur den Auslöser drücken, sondern innehalten, überlegen, entscheiden. Jedes Bild eine kleine Konzentrationsübung.
Mein Gehirn lernte dabei neu, Details wahrzunehmen, und ich konnte spüren, wie sich meine Aufmerksamkeit Schritt für Schritt schärfte.
Mit der separaten Kamera erlebe ich heute einen ganz anderen Zustand der Konzentration. Während das Smartphone ständig nach Aufmerksamkeit ruft – mit Benachrichtigungen, Apps und all seinen Ablenkungen –, konnte ich mich mit dem Fotoapparat ganz auf das Fotografieren einlassen.

Natürlich bringt der Fotoapparat auch sein Gewicht mit. Rund 300 Gramm mehr trage ich nun in der Tasche – eine Last, die ich bewusst in Kauf nehme. Denn der Gewinn überwiegt deutlich: mehr Konzentration, mehr Achtsamkeit, mehr Freude am Bild. Dieses Mehr an Gewicht verwandelt sich unterwegs in ein Mehr an Tiefe beim Fotografieren.
Schon im Krankenhaus zeigte sich, dass ich mit Bildern leichter umgehen konnte als mit Schrift. Ich bin ein visueller Typ. Damals begann ich, mit Fotos aus der Vergangenheit zu arbeiten, um mich zu orientieren und Erinnerungen zu verankern.
Bis heute begleitet mich diese Art des Denkens. Auch mein Schreiben im Blog entsteht meist aus Bildern heraus – sie sind für mich der Ausgangspunkt, um Worte zu finden. Bilder sind meine Brücke zur Erinnerung, zur Sprache, zum Ausdruck.
Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, wieder zurück zum Fotoapparat zu gehen. Doch es war nicht allein die Konzentration. Ein weiterer Grund liegt in meinen Nervenschädigungen: Durch die Störung bin ich beim Greifen anfällig, und so kam es immer wieder vor, dass mir Geräte aus den Händen fielen.
Ein- bis zweimal im Jahr brauchte ich deshalb ein neues Handy oder eine neue Kamera. Bei Preisen zwischen vier- und siebenhundert Euro wurde das auf Dauer zu teuer. Mit dem Fotoapparat habe ich nun eine Lösung gefunden, die für mich stabiler, verlässlicher und langfristig sinnvoller ist.
Ein weiterer Grund, warum mir das Fotografieren so wichtig ist, liegt in meinen Erinnerungen. Viele Bilder aus meiner Vergangenheit stammen aus Film- und Fotodokumentationen, die ich selbst aufgenommen habe. Diese Aufnahmen sind heute ein wertvoller Schatz – sie erinnern mich an Momente, die längst vergangen sind, und lassen sie wieder lebendig werden.
Ich habe zwar mein Langzeitgedächtnis behalten, doch auch dieses ist nicht mehr vollständig. Viele meiner Erlebnisse im Radrennsport, im Extremsport und beim Bergsteigen leben für mich vor allem durch die Bilder weiter. Ohne sie wären manche Erfahrungen nur noch bruchstückhaft in Erinnerung – durch die Fotografien bleiben sie dagegen lebendig und greifbar. Gerade deshalb möchte ich auch weiterhin bewusst mit einer Kamera unterwegs sein und neue Erinnerungen in derselben Qualität festhalten.
Frustriert darüber, dass ich erneut eine Kamera verloren hatte, überlegte ich lange, wie es weitergehen sollte. Schließlich entschied ich mich, eine neue zu kaufen – nicht mit dem Anspruch auf höchste Qualität, sondern mit dem Blick auf die Robustheit.
So fiel meine Wahl auf die Olympus T7. Sie mag vielleicht Abstriche bei der Bildqualität haben, doch ihre Stabilität und Widerstandsfähigkeit sind für mich ein großer Pluspunkt. Damit kann ich wieder unbeschwerter unterwegs sein, ohne ständig Angst vor dem nächsten Totalschaden zu haben.

Für mich ist das Fotografieren längst mehr als nur ein Hobby geworden. Seit dem Hirnabszess ist es ein wichtiger Teil meines Trainings – fast wie eine stille Therapie. Mit jedem Bild übe ich, mich zu konzentrieren, mich auszurichten, bewusst wahrzunehmen. Der Fotoapparat zwingt mich, genauer hinzuschauen, mich zu entscheiden: Was will ich wirklich festhalten? Welches Detail verdient meine Aufmerksamkeit?
So ist das Fotografieren für mein Gehirn zu einer Art Schulung geworden. Ich lerne dabei nicht nur, Bilder zu gestalten, sondern auch, wieder klarer zu denken, mich zu sammeln, mich zu fokussieren. Wie beim Gehen draußen in der Natur ist es das wiederholte Tun, das mich stärkt. Jeder Druck auf den Auslöser ist eine kleine Übung, ein Schritt zurück zur Aufmerksamkeit, zurück zu mir selbst.

Fotografieren bringt mir Freude – und diese Freude ist für mich von unschätzbarem Wert. Seit dem Hirnabszess fehlt mir das Kurzzeitgedächtnis. Viele Dinge würden einfach verschwinden, wenn ich sie nicht in Bildern festhalte. Die Fotos helfen mir, mich zu erinnern, sie geben mir Halt, sie machen Erlebnisse wieder greifbar.
Gerade auf Wegen wie dem JOGLE, dem Hexatrek oder den Pilgerwegen erlebe ich unzählige kleine Momente. Würde ich mich heute allein auf mein Gedächtnis verlassen, wären sie längst verloren. Doch die Fotos führen mich zurück. Sie lassen mich diese Wege erneut durchschreiten, sie bewahren die Erinnerungen, die sonst verblassen würden.


So sind es die vielen Bilder, die für mich zu einem Schatz geworden sind. Ich blättere sie nicht einfach durch, sondern tauche mit ihnen wieder ein in die Augenblicke, die mich geprägt haben. Erinnerungen werden im Alter immer wichtiger, umso mehr, wie ich mich mit dem Erinnern schwertue.
Ein besonderes Foto begleitet mich seit Jahren: auf der Via de la Plata, am Ende des Camino Sanabres, steht der Pico Sacro. Dort stehe ich im aufgehenden Sonnenlicht, still, meditierend, auf einem kleinen Gipfel. Dieses Bild hängt – gemeinsam mit weiteren Aufnahmen – als Collage an meiner Wand.

Drei Bilder, die mich in unterschiedlichen Momenten zeigen: meditierend, im Sonnenaufgang, im stillen Stehen vor dem weiten Horizont, in der aufgehenden Sonne.
Diese Collage erinnert mich jeden Tag daran, dass ein Foto mehr sein kann als ein Bild. Es ist Erinnerung, es ist Kraft, es ist ein Stück meines Weges, das ich nicht verlieren möchte und es erinnert mich daran, niemals aufgegeben zu haben.
“Never give up!”
Das Smartphone bleibt praktisch, leicht, immer griffbereit. Doch gerade darin liegt aber auch seine Schwäche: Es lenkt ab, es zerstreut, es zieht den Blick fort vom Wesentlichen. Der Fotoapparat dagegen schenkt mir Klarheit. Er zwingt mich, innezuhalten, zu sehen, wahrzunehmen. Er fordert Gewicht im Gepäck, aber er lässt mich tiefer erleben und schult meine Wahrnehmung.
Darum habe ich mich entschieden: Ich nehme wieder den Fotoapparat. Für die Aufmerksamkeit. Für die Erinnerung. Und für die Freude am bewussten Fotografieren.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Manchmal ist der größte Fortschritt nicht der nächste Schritt, sondern das stille Anerkennen, dass der Weg gerade nicht weitergeht. Dieses Jahr war voll solcher Momente. Ich bin aufgebrochen. Und ich bin zurückgekehrt. Ich habe gehofft – und losgelassen.
Im Mai war ich zwei Wochen auf dem Camino Frances. Es war wie ein Aufatmen. Zwei Wochen Gehen, Spüren, Draußensein. Doch ich wusste: Es ist nur ein kurzes Fenster. Danach würde der Alltag wiederkommen.

Im Juli dann ein neuer Versuch: der Camino Integral. Er dauerte nur einige Tage. Der Wille war da, der Körper nicht bereit. Ich habe abgebrochen – ohne Bitterkeit, aber mit dieser stillen Enttäuschung, die bleibt, wenn man etwas will, das noch nicht möglich ist, was doch schon war.
Seitdem bin ich wieder ganz in meiner Therapie. In Eigenregie, wie schon so oft. Kein Zentrum, kein Plan von außen. Ich gehe meinen Weg, mit dem, was ich weiß, mit dem, was ich fühle. Und mit dem Vertrauen, dass auch das Pausieren Teil dieses Weges ist.
Im Mai bin ich dennoch ausgebrochen – oder besser: aufgebrochen. Zwei Wochen auf den Camino Frances. Es war ein Gehen, das mir gutgetan hat. Kein Weglaufen, sondern ein kurzes Wieder-Eintauchen ins Gehen, ins Draußen, ins Leben. Ich war auf meinem Weg unterwegs – mit Körper und Geist. Und trotzdem wusste ich: Es ist eine Ausnahme. Danach würde ich zurückkehren – in meinen Alltag, in meine Übungen, in meine Selbststruktur, denn ich hatte ja Großes vor, den Camino Integrale.
Dass ich diesen Camino überhaupt schmerzfrei gehen konnte, war für mich keine Selbstverständlichkeit. Anfang des Jahres hatte ich noch mit Knieschmerzen zu kämpfen – Spätfolgen falscher Schuhe am HexaTrek, vom letzten Jahr. Ich habe viel unternommen, um dem entgegenzuwirken: gezieltes Training, Anpassung der Ausrüstung, bewusste mich darauf konzentrieren. Es hat sich gelohnt. Im Mai war das Knie ruhig. Stabil. Belastbar. Schmerzfrei.

Nach dem HexaTrek im letzten Jahr, fühlte ich mich – abgesehen vom Knie – so gut wie noch nie seit dem Hirnabszess. Mein bestes Befinden in all den Jahren. Stabil, kräftig, im Körper angekommen. Trotz Muskel- und Bindegewebsschwäche.
Dieses Jahr steht deshalb unter einem anderen Zeichen: Auszeit. Therapie. Zurück zum Kern. Ich habe verstanden, dass ich nicht alles gleichzeitig schaffen muss. Dass es in Ordnung ist, langsamer zu werden. Und dass mein Körper keine Selbstverständlichkeit ist – sondern ein Raum, der immer wieder neu bewohnt werden will.
Aber nicht nur das Knie war ein Thema. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder gemerkt, wie wenig selbstverständlich vieles ist, was anderen leichter fällt: die richtigen Schuhe zu finden, barfuß gehen zu können, Belastung richtig zu dosieren, Stabilität im Körper zu spüren. Und vor allem: ein Bindegewebe, das stark genug ist, mein Inneres zu halten.
Krafttraining ist für mich wichtig – für die Haltung und die richtige Dosis an Spannung im Körper. Anfang des Jahres habe ich das gezielte Krafttraining sicher vernachlässigt. Ich spüre, wie sehr es fehlt, dranbleiben ein Muss ist.
Ich will im Heute einen Beitrag leisten, damit ich Vitalität spüre. Damit ich Energie habe für das, was mir wichtig ist. Das Heute nutzen – um zu üben. Immer wieder. Das ist Dranbleiben.
Das „Warum“ – oft scheitert es genau daran. Nicht am Wie, sondern daran, dass das Warum zu klein ist. Ist das Warum größer als das Wie, wird die Motivation niemals das Problem sein.
Entscheidend ist für mich die Qualität des Weges. Ich kann lange die gleiche Runde laufen – und dabei immer wieder Neues entdecken. Gleichzeitig aber liebe ich neue Aufgaben. Neue Herausforderungen. Das eine schließt das andere nicht aus.
Ich sehe mich selbst nicht als Vorbild. Und doch weiß ich: Genau durch das Tun, durch mein tägliches Dranbleiben, kann ich für viele eines sein. Nicht, weil ich darüber spreche – sondern weil ich es lebe.
Ich rede nicht über Disziplin, ich übe sie. Ich spreche nicht über Ausdauer, ich gehe sie. Ich halte keine Reden – ich gehe jeden Tag meinen Weg.
Ich glaube: Wenn wir unserer Berufung folgen, heilt auch der Körper. Und mein Ziel ist klar:
Ich will meinen Alltag lieben, auch wenn er von Therapie geprägt ist.

Im Juli dann der Camino Integral - von zu Hause nach Santiago. Es wurden nur einige Tage. Die Antwort kam früh: Es war zu viel – trotz der vielen Kilometer und Touren der letzten Jahre. Ich habe abgebrochen. Ohne Drama. Aber mit ehrlichem Blick auf das, was ist – nicht auf das, was ich mir wünsche. Mein Bindegewebe fühlte sich wie nicht vorhanden an, ich wankte ohne Stabilität dahin.
Und es war nicht das Knie. Es war eine andere Baustelle: die Zähne. Eine umfangreiche Zahnsanierung lag hinter mir, und mein System war nicht stabil genug. Erst zwei Wochen nach dem Abbruch beruhigte sich mein Körper wieder. Es war, als hätte der Camino einen Heilungsprozess offengelegt, der noch nicht abgeschlossen war.
Auch das habe ich gelernt: Der Körper meldet sich nicht willkürlich. Und er hat meistens recht.

Ich verlasse mich nicht auf vorgegebene Reha-Pläne. Meine Therapie folgt keinem Schema, keinem Protokoll. Sie folgt mir – meinem Körper, meiner Wahrnehmung, meiner Erfahrung. Ich entscheide, was ich tue. Und ich trage auch die Verantwortung, wenn es nicht funktioniert.
Diese Freiheit ist manchmal anstrengend. Aber sie ist echt. Und sie ist es wert. Denn ich habe erfahren, dass kein Therapiezentrum mir diese Tiefe, diese Nähe zu mir selbst bieten kann. Ich weiß, was funktioniert. Und was nicht. Ich nehme Rückschläge ernst, aber ich lasse mich nicht aus der Bahn werfen.
Ich trainiere, wiederhole, justiere – jeden Tag. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will - wie früher beim Radrennfahren.
Dieses Jahr bisher stand – mehr als je zuvor – im Zeichen der Therapie. Nicht in einem Zentrum, nicht unter ständiger Anleitung, sondern in Eigenregie. Ich baue auf das Wissen, das ich mir über Jahre erarbeitet habe – auf erprobte Methoden, auf Techniken, die für mich funktionieren. Und ergänze es, wenn ich was finde.
Und ja: Meine Form der Therapie ist oft wirkungsvoller als vieles, was ich in klassischen Einrichtungen erlebt habe. Weil sie individuell ist. Weil sie konsequent ist. Weil ich sie selbst will.

Ich habe meinen Rhythmus gefunden. Ich weiß, was funktioniert. Ich weiß, was ich brauche – und was nicht. Und ich weiß, dass mir kein Therapeut diese Klarheit abnehmen kann.
Ich habe im Gehen Vertrauen gewonnen. Nicht nur in meinen Körper, sondern in mich. In das, was möglich ist, wenn ich dranbleibe. Das Gehen hat mir gezeigt, dass ich nicht stehenbleiben muss – selbst wenn es langsam geht. Jeder Schritt war ein kleines Ja. Zu meinem Weg. Zu mir.
Die Therapie vertieft dieses Vertrauen. Sie bringt Stabilität, Wiederholung, Struktur – und damit auch Ruhe. Sie hilft mir, das Gehen im Alltag weiterzuführen. Innen wie außen.
Es war mein Weg. Kein gerader, kein schneller – aber meiner. Ich habe ihn Schritt für Schritt gefunden, nicht geplant. Und ich möchte ihn nicht tauschen. Nicht gegen eine Theorie, nicht gegen ein „Was wäre wenn“. Denn er hat mich hierhergebracht. Und das zählt.

Ich gehe weiter. In meinem Tempo. Auf meinem Weg. Mit dem Mut, Pausen zu machen – und der Disziplin, sie richtig zu nutzen.
Ich gehe weiter.
10 Jahre nach dem Hirnabszess hat sich mein Leben von Grund auf verändert. Zehn Jahre, in denen ich vieles verloren und manches neu gelernt habe. Heute lebe ich mit Handicaps, die mich täglich begleiten.
Aber ich habe auch entdeckt, dass sich darin neue Möglichkeiten öffnen können. Mein Leben ist seitdem ein ständiger Wechsel zwischen Einschränkung und Fortschritt, zwischen Übung und Alltag.

Mein Denken ist nicht mehr wie früher. Früher konnte ich viele Dinge gleichzeitig im Kopf bewegen, planen und weit vorausdenken. Heute geht das nicht mehr. Gedanken reißen ab, als würde jemand mitten im Satz die Seite umschlagen. Alles läuft langsamer, und ich musste lernen, mit diesem neuen Tempo zu leben.
Gerade deshalb bedeutet mir das Pilgern so viel. Auf dem Weg zählt nur der nächste Schritt, nicht der große Plan. Ich muss nicht vorausdenken, sondern darf im Moment sein. Der Camino gibt mir eine klare Struktur: gehen, atmen, ankommen.

Eine besondere Erfahrung war die Cheval Blanc im Mont-Blanc-Gebiet, die ich im Rahmen des Hexatrek gegangen bin. Für mich war sie die ultimative Herausforderung bisher. Steile Anstiege, ausgesetzte Passagen, ein Gelände, das mir alles abverlangte. Mein Körper, mein Gleichgewicht, meine Konzentration – alles wurde auf die Probe gestellt.
Ich bin stolz, dass ich das geschafft habe. Denn solche Momente zeigen mir, dass trotz aller Handicaps vieles möglich bleibt, wenn ich dranbleibe. Jeder Gipfel wird zu einem Beweis dafür, dass mein Weg zwar anders ist als früher, aber trotzdem weiterführt.

Noch deutlicher spüre ich es in meiner Propriozeption. Dieses innere Gespür für den Körper, das für andere selbstverständlich ist, funktioniert bei mir nicht mehr zuverlässig. Für viele Menschen ist es wie ein unsichtbarer Kompass, der ihnen sagt, wo Hand, Fuß oder Arm sich befinden. Bei mir ist dieser Kompass gestört.
Jeder Schritt ist ein bewusstes Abtasten, fast so, als würde ich mich in einem dunklen Raum bewegen. Wenn ich mit dem Training nachlasse, verliere ich sofort an Sicherheit. Es ist wie ein Instrument, das ständig neu gestimmt werden muss – und das schnell wieder verstimmt klingt, wenn ich es nicht spiele.

Auch das Gleichgewicht fordert mich täglich heraus. Eine Treppe kann für mich so viel Aufmerksamkeit brauchen wie für andere ein Berggipfel. Ein unebener Weg oder eine Fahrt im Bus werden zu Prüfungen, die mir zeigen: Mein Körper ist nicht selbstverständlich. Er ist verletzlich, aber zugleich mein wichtigster Lehrer. Denn er erinnert mich daran, dass jeder Schritt zählt.
Früher dachte ich: Therapie ist etwas, das einmal abgeschlossen sein wird, ein Ziel, das man erreicht. Doch ich habe gelernt, dass es anders ist. Therapie endet nicht. Sie ist heute Teil meines Lebens, so selbstverständlich wie Atmen oder Gehen.
Ich habe akzeptiert, dass ich beides verbinden muss: Therapie und Leben. Es ist kein „Entweder-oder“ mehr, sondern ein gemeinsamer Weg. Und genau darin liegt auch eine besondere Kraft.

Gerade 10 Jahre nach dem Hirnabszess bedeutet Pilgern für mich mehr als Gehen. Die Weitwanderwege, vor allem das Pilgern, haben mir mein Leben zurückgegeben. Schritt für Schritt, oft mühsam und manchmal schmerzhaft, bin ich wieder ins Jetzt zurückgekehrt. Ohne dieses Gehen hätte ich mich wohl sehr schwergetan, neuen Sinn zu finden.
Natürlich – irgendwie hätte ich auch ohne das Gehen weiterleben müssen. Aber ob ich dann wirklich ins Leben zurückgefunden hätte? Das Gehen ist für mich mehr als Bewegung: Es ist Therapie, Meditation und Lebensschule zugleich.

Am Anfang war da oft der Gedanke: Vielleicht werde ich nie mehr gehen können. Diese Vorstellung hat mir Angst gemacht und mich lange beschäftigt. Doch noch stärker als diese Angst war der Wunsch, wieder aufzustehen. Ich habe all meine Kraft in das Gehen gelegt – Schritt für Schritt, Tag für Tag.
Dranbleiben – das war in diesen zehn Jahren mein wichtigstes Wort. Auch wenn die Fortschritte klein waren, auch wenn die Rückschläge groß schienen: Ich bin weitergegangen. Jeden Tag, Schritt für Schritt.
Dieses Dranbleiben hat mir nicht nur das Gehen zurückgegeben, sondern auch Lebensfreude. Beharrlichkeit kann Türen öffnen, die auf den ersten Blick verschlossen wirken.
Ohne das Dranbleiben wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Es hat mich gelehrt, geduldig mit mir selbst zu sein, den Augenblick anzunehmen und das Kleine wertzuschätzen. Vor allem aber hat es mir gezeigt: Heilung ist kein Ziel, sondern ein Weg – ein Weg, den ich Tag für Tag gehe.

Nicht nur beim Gehen habe ich gelernt, immer ein Stück weiterzugehen. Schon als Kind, mit fünf oder sechs Jahren, bin ich Rad gefahren – damals in der Riegelklasse, meist unter der Aufsicht meiner Mutter. Aber auch dort wollte ich mehr. Ich habe versucht, um die Kurve zu fahren, dorthin, wo sie mich nicht mehr sehen konnte. Mein Radius sollte größer werden, Schritt für Schritt, Runde für Runde.
Dieses „noch ein bisschen mehr“ begleitet mich bis heute. Damals war es das Radfahren, später war es im Krankenhaus, wo ich mich Millimeter für Millimeter vorwärts kämpfte. Und immer wieder dasselbe Muster: das Limit probieren, es leicht verschieben, nicht stehen bleiben. Schon als fünfjähriger Bub habe ich das gesucht – und genau das hat mir später geholfen, auch nach dem Hirnabszess nicht aufzugeben.
Ein Satz von Bruce Lee begleitet mich bis heute: „Gehe immer noch die Extrameile.“ Dieses Bild hat sich tief in mir verankert. Denn genau das ist mein Weg geworden – weiterzugehen, auch wenn es schwerfällt. Nicht stehenzubleiben, wenn die Kräfte nachlassen, sondern den nächsten Schritt zu machen.
Diese "Extrameile" bin ich speziell am Anfang meines Gehens gegangen. Statt auf dem direkten Weg nach Hause zu gehen, habe ich einen Umweg gemacht, auch wenn er mühsam war. Aber so verschob ich meine Grenzen nach und nach.
Bruce Lee plädierte für Mut und Ausdauer, um seine Ziele zu erreichen, und lehrte mich, dass man sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben soll. "Es gibt keine Grenzen. Es gibt nur Plateaus, und dort darf man nicht verweilen, man muss sie überwinden", half mir über Zeiten, wo offensichtlich nichts weitergegangen ist.
Ich lasse mich durch vermeintliche Grenzen niemals einschränken. Stattdessen versuche ich sie, als Chancen zu sehen, mich weiterzuentwickeln und neue höhere "Plateaus" zu erreichen, auch in Zeiten des Stillstands. Klar gehören auch schlechte Tage dazu, aber ich brauche nie lange, um wieder auf Kurs zu sein.
Man darf sich nicht mit dem zufriedengeben, was man bereits erreicht hat, denn das ist eine Ausrede dafür, nicht hart an sich zu arbeiten. Bruce Lees Philosophie ermutigt mich, immer nach mehr zu streben und mich dabei kontinuierlich zu verbessern. Und diese Arbeit an mir bringt mich mehr ins Leben.

Auch andere Worte sind mir wichtig geworden:
Solche Worte sind für mich wie Wegweiser. Sie erinnern mich daran, dass andere Menschen ebenfalls Grenzen kannten und sie überwinden mussten. Ihre Stimmen sind mir oft wie Begleiter am Wegesrand – manchmal leise, manchmal laut, aber immer ermutigend.

Wenn ich nach vorne blicke, wünsche ich mir, dass ich noch viele Wege gehen darf – in der Natur, auf Pilgerpfaden und in meinem Inneren. Vielleicht werden es Herausforderungen wie die Cheval Blanc sein, vielleicht auch ganz andere, kleinere Etappen. Entscheidend ist nicht die Größe der Aufgabe, sondern dass ich weiter in Bewegung bleibe.
Mein Ziel ist es nicht, wieder „ganz der Alte“ zu sein. Mein Ziel ist, mit dem, was ist, in Frieden zu leben. Und wenn es mir gelingt, dabei anderen Mut zu machen, dann hat mein Weg noch einmal mehr Sinn gefunden.
Und wie schon früher beim Radfahren – damals, als ich heimlich meinen Radius erweitern wollte – so bleibt es auch heute: immer noch ein Stück weiter, noch ein bisschen mehr. Nicht stehenbleiben, sondern dranbleiben. Das ist mein Weg in die nächsten zehn Jahre.
