Lockdown, Leben und Rehabilitation - in der Natur!


Corona, mit dem Lockdown, hat mein Leben dieses Jahr wieder einmal völlig auf den Kopf gestellt. Jetzt zum dritten Mal, seit dem Hirnabszess vor viereinhalb Jahren. Manchmal möchte ich von nichts mehr hören, denn immer wieder neu beginnen zu lernen, wird mir manchmal zu viel.

Dann ziehe ich mich gerne in meine Gedankenwelt zurück, denn ich denke dann gerne an den Camino zurück, wo ich auf die Basics des Lebens reduziert war. Nämlich Gehen, Essen und Schlafen. Dieses Gefühl versuche ich dann auf das Jetzt zu übertragen.

Zu Hause wird mein Gehirn, mit den vielen kleinen Dingen des Alltags überfordert und ich kann nur einen begrenzten Teil der Therapie und Rehabilitation widmen. Dadurch komme ich auch langsamer vorwärts. Der Alltag zu Hause ist meine Therapie. So versuche ich einen Mittelweg zu finden und in allem was ich mache, nicht unbedingt Therapie zu sehen.

Nach mittlerweile rund 7 Monaten Corona-Krise, kann ich ungefähr abschätzen, dass ich rund 30 bis 40 Prozent meiner Kondition und meines Denkens vom Februar am Camino verloren habe. Das meiste fiel unter Schadensbegrenzung, außer einiger Ausnahmen wie das Tanzen oder Radfahren, wo ich mir die Erfolge verschaffte, die ich brauche, um motiviert zu bleiben. Wichtig wurde einfach das DRANBLEIBEN.

Natur im Lockdown
Natur im Lockdown

Ziel "Gehen"

„Auf eingefahrenen Gleisen kommt man an kein neues Ziel.“

Paul Mommertz

Die ersten zwei Jahre lernte ich die Basics des Gehens. Im Jahr 2018 wurde dann Pilgern mein Ziel. Eigentlich wollte ich über die kurz zuvor vollzogene Trennung hinwegkommen, aber ich durfte schnell erkennen, dass der Camino mir so viel mehr zu bieten hatte. Bei meinem zweiten Camino, dem Camino Norte, konnte ich einen ersten Schritt zurück ins Leben vollziehen, dank meiner Mit-Pilger.

Der Camino ist eine besondere Herausforderung für Körper, Geist und Seele und ich konnte einzigartig unter lebensnahen Bedingungen trainieren. Obwohl ich alles neu lernen musste, fiel es mir nie als Therapie auf. Egal ob Denken, Sprechen oder die Bewegung. Der Jakobsweg hat seine eigene Magie.

Camno Frances 2020, Meseta
Camino Frances 2020, Meseta

Man sagt: "Der Camino beginnt zu Hause!"

Dieser Spruch hat seine Bedeutung. Auch für mich begann der WEG erst zu Hause. Besonders eine Frage stellte sich für mich, wie kann ich das dort gelernte zu Hause für mich umsetzen? Diese Frage bekam eine neue Wichtigkeit, als kurz nach meiner Rückkehr heuer vom Camino Frances, der Lockdown wegen Corona geschah. Pilgern wurde für mich unmöglich und eine neue Strategie war notwendig, wie ich mit dieser Situation umgehen kann.

Eines wurde im Verlauf der Monate schnell klar. Das von meiner Ergo-Therapeutin im April 2019 initiierte "wieder Leben lernen", war in dieser Form für mich plötzlich nicht mehr machbar, es wurde unmöglich. Social Distancing, der Fluch, der seit Beginn meiner Rehabilitation auf mir lastete, machte meine ganzen Bemühungen im Jahr 2019 zunichte, wieder das Leben zu erfahren.

Dieses sozial Abstand halten war das Ende meines Anfangs. Mein Gehirn kam mit der Situation nicht zu Recht und schaltete in einen Überlebensmodus. Ich begann mich wieder auf die Rehabilitation zu konzentrieren, die ich in Eigenregie durchführen konnte. Ab Juni kam wieder das therapeutische Tanzen dazu und ich begann mit dem Radfahren.

Das Radfahren war wie Gehen lernen

Die ersten Wochen zählte ich die Meter, die ich jedes Mal mehr zurück legen konnte. Nach zwei Monaten konnte ich schon eine halbe Stunde fahren. Langsam erreichte ich immer mehr innere Stabilität.

Anfangs litt das Gehen darunter. Das nahm ich aber in Kauf, da die Vorteile des Radfahrens überwogen. Meine Reaktion verbesserte sich, dadurch konnte ich zum Beispiel leichter die Straße überqueren. Erfolge, die mir gut getan haben.

Leider ist es aktuell zu kalt fürs Radfahren und ich habe wieder das Gehen forciert. Im Moment ist es wichtig, dass ich genug mache, um mit einer möglichst guten Kondition in den Winter zu kommen.

Radfahren im Lockdown

Gehen lernen

Es war von Anfang an so fest in meinem Kopf, dass ich alles tun wollte, um es wiederzuerlangen. Allerdings kam im Sommer 2019, nach dem Camino del Norte, heraus, dass ich an Muskelschwäche litt. Davor waren die Krankheit mit den Folgen des Hirnabszesses zu mächtig und verschleierten andere Probleme.

Die fünf Monate andauernde intravenöse Antibiotika Gabe im Krankenhaus, waren Gift für die Nerven und Muskeln. Dieser Schleier der Krankheit musste erst einmal abfallen. Übrig blieb eine Propriozeption, die in Verbindung mit der Muskelschwäche besonderes schwierig zu Verbessern ist.

Das Gehen lernen, bzw. der Umgang mit den Defiziten, wurde immer mehr zur Herausforderung. Das konnte man im Außen nicht sehen oder verstehen, hatte ich doch mit dem Camino Frances und dem Norte doch schon zwei der großen Caminos begangen. Ich lernte dort zwar besser gehen, aber noch mehr, besser damit umzugehen. Das erleichterte natürlich vieles, aber Ziel ist heute noch immer, Gehen zu lernen und nicht nur, besser damit umzugehen.

Und dann kam Corona mit dem Lockdown

Mit dem Beginn der Corona-Krise war alles vorangegangene für mich vorbei. Pilgern, mich an die Stadt und Menschen zu gewöhnen und meinen körperlichen Zustand zu verbessern. Was sollte jetzt neues her? Fast alle Therapien wurden ausgesetzt, nur das therapeutische Tanzen wurde so lange wie möglich beibehalten. Dieser Input half mir sehr über diese Zeit und ich bin meiner Therapeutin sehr dankbar für alles, was ich dort erfahren durfte.

Überhaupt bildet das therapeutische Tanzen die Grundlage für all mein Training in der Corona Zeit und bis heute.

Therapeutisches Tanzen auch beim Gehen
Therapeutisches Tanzen auch beim Gehen

Neuerlicher Lockdown im November

Pilgern wurde für den Rest des Jahres für mich unmöglich. Meine mühsam über die Jahre erarbeitete Grundlage konnte ich daher nicht behalten. Mein Gehirn braucht lange, um diese Vorgänge zu verstehen und neue Routinen zu lernen, die mir helfen.

Um mich nicht zu überfordern, habe ich beschlossen, bisher vertrautes zu übernehmen, nämlich die Rehabilitation. Das "Leben zu lernen", wie es mir meine Ergo-Therapeutin voriges Jahr empfohlen hatte, fällt damit nach wie vor ins Wasser.

Was mir hilft, sind Wanderungen und Spaziergänge in der Natur. Ich bin in den letzten Monaten beinahe die meisten der Wanderwege und Gipfel rund um mein Zuhause gegangen.

Gratkorn
Gratkorn
Camino Feeling zu Hause
Camino Feeling zu Hause

Rundweg Gratkorn

Der Rundweg Gratkorn ist einer dieser Wege, wo ich verschiedene Aspekte des therapeutischen Tanzen oder andere Übungen trainiere. Dabei versuche ich es nicht unter dem Aspekt der Therapie zu sehen, sondern wie am Jakobsweg, mit Spass und Freude den Alltag zu erleben.

Eines ist das Sammeln von Müll. Dosen und Plastik liegen überall herum. Je nachdem wie viel herumliegt, wende ich zwischen 20 und 45 Minuten dafür auf. Länger geht noch nicht, denn es hängt davon ab, wie oft ich mich niederbücken muss. Etwa 50 Mal geht, dann ist genug Kraft verbraucht und ich muss es beenden.

Wenn ich eine Dose vom Boden aufhebe, dann ist mir danach beim Aufstehen schwindlig. Es ist ein gutes Training, um mich daran zu gewöhnen. Begonnen habe ich es am Camino del Norte und führe es jetzt zu Hause mehrmals die Woche weiter. Es ist gleichzeitig ein Koordinations-, ein Kraft- und ein Feinmotoriktraining und ich kann gleichzeitig damit etwas Gutes tun. Vielleicht wäre es auch für den ein oder anderen eine Tätigkeit, sich körperlich im Lockdown zu betätigen.

Der Müll von 500 m Waldweg
Der Müll von 500 m Waldweg

Natur statt Stadt

Es war eine gute Entscheidung, praktisch nur mehr in die Natur zu gehen. Ich merke zwar, dass ich merkbar sensibler gegenüber Menschen und der Stadt geworden bin, aber dafür hat sich meine Wahrnehmung verbessert, seit ich täglich in den Wald gehe und nicht mehr in die Stadt.

Im Wald beim Lockdown

Mein Kino ist jetzt der Wald und die Natur um mich herum. Ich könnte es mir nicht vorstellen in der Stadt zu wohnen. Der Wald hilft mir so sehr, jetzt weiß ich endlich, wieso ich schon als kleiner Junge gerne tief im Wald, in einer Blockhütte, in Kanada leben wollte.

So versuche ich im Lockdown und der Corona-Krise das Beste aus der Situation zu machen und die nächsten Wochen werde ich versuchen, mich weiter zu stabilisieren. Schön wäre es trotzdem, wenn es wieder mehr "Leben lernen" gäbe. Aber, das es nicht so ist, daran muss ich mich wohl oder übel gewöhnen.

Daher bleibt die Natur auch weiterhin mein größtes Rehazentrum der Welt!


Der Schöckl und das Nebelmeer! 

Als Aufstieg wählten wir die Nordseite, denn von hier führt der kürzeste Anstieg zum Gipfelplateau. Seit Corona im März begonnen hat, verspüre ich ein langsames Nachlassen meiner Kondition und Resilience. Ich kann den damaligen Stand nicht halten und habe sukzessive über die Monate abgebaut. Nicht Pilgern gehen können, hat das seine dazu beigetragen.

Der Schöckl war das zweite Mal seit dem Hirnabszess mein Ziel. Wie schon beim ersten Mal, hatte mein Freund Bernd die Idee dazu und ich war natürlich gerne dabei. Mit meinem Sohn Noah stiefelten wir hoch.

Das Nebelmeer vom Schöckl
Das Nebelmeer vom Schöckl

Der Schöckl

Meine Beziehung zum Schöckl ist eine besondere. Zum ersten ist es mein Hausberg seit Kindesalter und zum Anderen ist es mein Trainingsberg mit dem Rad und zu Fuß. Allein im Winter 1994 auf 1995 war ich in der Vorbereitung auf das Idita-Sport Race in fünfzig Tagen rund zwanzigmal oben, bei jeder Schneelage.

Von allen Seiten führen Wege nach oben, leichtere und schwerere. Es führt auch eine Gondel hinauf, die aber wegen Corona derzeit eingestellt ist. Jahrelang produzierte ich auch das Video für den Schöckel Classic.

Jüngste Ausgrabungen und Forschungen berichten von einem Höhenheiligtum der Römer, welches sich rund um den Ostgipfel befand.

Nebelmeer im Süden

Ein faszinierendes Schauspiel begleitete uns. Der Süden ab Graz, lag unter einer dicken Hochnebelschicht. Man fühlte sich wie ein Raumfahrer im All. Da der Blick über das Nebelmeer keinen Halt fand, wurde es mir leicht schwindlig. Eine besondere Situation, die mich zum Stehenbleiben zwang, wenn ich schauen wollte.

Nur ein paar kleine Berggipfel ragten als Insel aus dem Nebel. Ein faszinierendes Schauspiel.

Nebelfrei im Norden

Der Norden hingegen war nebelfrei und lag unter blauem Himmel. Am Horizont erstreckte sich die Bergwelt der Steiermark.

Aussicht nach Norden vom Schöckl
Aussicht nach Norden vom Schöckl

Der Motorik Park am Schöckl

EIn großer Motorik Park befindet sich am Gipfelplateau am Schöckl. Zahlreiche Geräte verlockten Bernd und mich, darauf herumzuturnen. Eines hatte es uns besonders angetan. Die Rolle wurde zur Herausforderung, denn es bedeutete Kraft und Koordination, die viel abverlangte. Es war zu lustig, wie wir uns damit abmühten.

Ein Großteil der Stationen war für mich noch nicht machbar und außerdem musste ich ja noch vom Berg absteigen. Die Rolle forderte mich so sehr, dass ich danach beim Gehen sehr aufpassen musste und mein Gehirn bei jedem Schritt bewusst arbeitete. Es zeigte mir mein limitiertes Verhalten sehr stark auf.

Alles in allem...

...war es ein mehr als erfolgreicher Tag. Das Gehen bleibt auch in Corona-Zeiten eine der wichtigsten Teile meiner Rehabilitation, besonders das Gehirn, bzw. das Denken, steht und fällt damit. Das Pilgern war die mit Abstand beste Therapie seit 2018.

Seit Corona ist es aber nicht mehr möglich und ich habe noch keine adäquate Therapie gefunden, die mir mehr helfen kann.

"Gehen als Therapie" gewinnt für mich immer mehr an Bedeutung und wie komplex dieser Vorgang ist, wird mir immer mehr bewusst. Eine amerikanische Ärztin brauchte 8 Jahre für die Rehabilitation nach einer Gehirnblutung, dessen Auswirkungen mit mir vergleichbar sind.

Deshalb gebe ich nicht auf, was auch immer sein mag. Corona hat es verzögert, aber es ist weiterhin noch viel möglich. Wichtig ist nur, dass ich mir meinen inneren Frieden erhalte. Nur so ist es möglich, die Folgen des Hirnabszesses annehmen zu können und weiterzukommen.


Der Jakobsweg Burgenland als dringende Auszeit!

Wenn ich schon nicht nach Spanien zum Pilgern fahren kann, dann gehe ich eben die österreichischen Jakobswege und deren Zubringer. Der Jakobsweg Burgenland ist einer davon und führt 75 km von der Grenze zu Ungarn nach Maria Ellend.

Pilgern in Österreich ist für mich nicht leicht. Einerseits übersteigt es mein Budget mit dem oftmaligen Übernachten in Gasthäusern und Hotels, denn es gibt die Infrastruktur nicht, wie in Spanien mit den Herbergen.

Andererseits sind die Beschränkungen wegen Corona für mich nicht leicht zu Hand-zuhaben. Besonders das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Stichwort Maskenpflicht), stellt für mich eine besondere Herausforderung wegen der Krankheit dar. Dazu ist diese allgegenwärtige Unsicherheit, die meine Rehabilitation erschwert.

Ich war bisher einige Male mit Zelt oder Biwaksack unterwegs, an die ich meinen Körper allerdings erst gewöhnen muss. Hoffentlich bis nächstes Jahr, da ich dann durch Österreich gehen möchte. Mit Alexander Rüdiger ziehe ich es bequemer vor, übernachtet wird nur in Gasthöfen, also ein wesentlich angenehmeres Pilgern.

der Jakobsweg Burgenland, Kirche in Pamhag
Pfarrkirche Pamhagen

Der Weg

Der Jakobsweg Burgenland beginnt in Pamhagen, geht weiter über Frauenkichen, durch Neusiedl am See, nach Bruck am Leithagebirge und geht bei Maria Ellend in den Österreichischen Jakobsweg über.

Die Besonderheit am Jakobsweg Burgenland ist es für mich, dass die ersten zwei Tage große Ähnlichkeit mit der spanischen Meseta am Camino Frances aufweisen. Größere Distanzen zwischen den Orten und sehr flach, ist im Sommer sicher eine Herausforderung, aber Ende Oktober sind keine hohen Temperaturen mehr zu erwarten.

Für mich ist es spannend, wie ich den Weg vertrage. Mit Alexander übe ich sehr stark das automatische Gehen, da wir viel reden und ich dadurch vom Gehen abgelenkt werde. Da wir keine hohe Kilometerleistung vorhaben, sollte das klappen. Trotzdem muss ich aber aufpassen, denn die kühleren Temperaturen, die schwierige Anreise und in der Corona-Zeit schlechter gewordene Gehen, lassen mich vorsichtig werden. 

Die Meseta am Jakobsweg Burgenland
"Meseta" ähnliche Landschaft, wie in Spanien

1. Etappe, Pamhagen - Frauenkirchen, 22 km

Nach der Anreise mit der Bahn und dem Bus, besuchen wir die Kirche und gehen dann los. Es ist spannend, wie ich diesen Teil von Österreich erleben werde. Das letzte Mal war ich, genau wie diesmal, mit Alexander in dieser Gegend unterwegs, und zwar beim Extremsport Event "Burgenland Extrem", nur zwei Monate vor dem Hirnabszess. Damals planten wir einen Film über den Camino in Spanien.

Ein starker Wind von hinten schob uns über die Wege, auch die Sonne hatten wir im Rücken, gleich wie in Spanien. Schon von weitem sahen wir die Doppeltürme der Basilika von Frauenkirchen, es war aber noch ein weiter Weg dorthin. Die Entfernungen täuschen, auch wenn man das Ziel schon sieht. 

Eine Kapelle und viele Bildstöcke säumen den Weg durch Felder und Weingärten und scheint typisch für den Jakobsweg Burgenland zu sein. Das Gehen im ausschließlich Flachen Gelände strengt an und der zehn Meter lange steile Weg hinauf zu einem Bildstock, der auf einem Hügel trohnt, war eine willkommene Abwechslung für die Beine. 

2. Etappe, Frauenkirchen nach Neusiedl am See, 25 km

Nach dem Losgehen setzen wir uns neben der Kirche kurz auf eine lieblich gestaltete Bank. Die Besitzerin schaut kurz aus dem Fenster und wünscht uns alles Gute für den Weg.

Nach kurzem hin und her durch Frauenkirchen, führt der Weg wieder über endlose Geraden, den immer wieder Pilgerkreuze oder kleine Kapellen unterbrechen, die von Bäumen umringt sind wie in der Meseta, die Landschaft. 

3.  Etappe, Neusiedl am See - Maria Ellend, 30 km

Die ersten beiden Tage waren schon sehr schön, aber heute am letzten Tag, kamen auch mehrere Erlebnisse dazu, die den Tag aufheitern sollten. Das erste Erlebnis findet gleich außerhalb von Neusiedl statt. Auf einem einsamen Radweg gehen wir in Richtung Bruckneudorf.

Es ist niemand unterwegs, außer uns. Alexander und ich müssen einmal austreten und stellen uns an den Rand, zwischen die Bäume neben dem Weg. Nach einer Stunde ohne Begegnungen und mehreren hundert Metern Sicht in beide Richtungen sehen wir niemanden. Allerdings können wir gar nicht so schnell schauen, kommt ein elektrisch betriebenes Behinderten-Mobil mit einem Affenzahn daher. 

Tief nach vorne gebeugt, um dem Gegenwind keine Stirn zu bieten, schaut er weder nach links noch rechts und verringert auch seine Geschwindigkeit nicht, als er an uns vorprescht. Es ist eine derart skurrile Situation, dass wir lange brauchen, um uns vom Lachen zu erfangen. Es sollte nicht die einzige Begegnung bleiben, an die wir zurückdenken werden.

Nach Neusiedl am See, am Jakobsweg Burgenland
Brücke nach Neusiedl

Militär am Weg

Weiter geht es nach Bruckneudorf und Bruck an der Leitha, wo wir eine Mittagsrast halten wollen. Zuvor geht es über einsame Feldwege und vorbei an der Vitus-Kapelle mit der Jakobsmuschel drauf. Gleich darauf ein Militärmuseum im Freien, dass auf die Kriegsvergangenheit dieser Gegend hinweist. 

Ab der Kapelle gehen wir entlang des Truppenübungsplatzes Bruckneudorf, an deren Ende sich die Kaserne befindet. Nur wenige Meter über die Leitha erstreckt sich danach Bruck. Auf dem Weg dorthin treffen wir auf zwei Soldaten, die die Kaserne bewachen. Zwei junge Rekruten, bewaffnet mit Maschinengewehren, machen eine Kontrolle und verlangen unsere Ausweise.

Alexander gibt seinen hin und ich krame umständlich in meinem Rucksack, um ihn zu suchen. Die beiden sind zwei junge Burschen, die wohl ihre Ausbildung hier machen. Alex fragt beiläufig wie weit es noch bis Bruck a.d.Leitha sei und wo es ein Gasthaus gibt?

Als Antwort bekommt er: "Das weiß ich nicht, ich bin nicht von hier!". Ich denke mir nur, oje, die beiden sind sicher aus Tirol oder Salzburg, fern der Heimat und müssen hier ihren Dienst versehen. Beiläufig und mitfühlend frage ich: "Woher kommt ihr denn?". Darauf hin höre ich nur "Wien"! Ich wieder: "Nein, von wo ihr herkommt, wo ihr zu Hause seid, meine ich?". Die fiepsende Antwort: "Aus Wien kommen wir!".

Verblüfft bleibt mir der Mund offen, denn Wien ist keine 30 Kilometer von hier entfernt. Er kennt sich hier nicht aus und das Bruck an der Leitha auf der anderen Seite des Flusses liegt, weiß er nicht. Da möchte ich wissen, was er kontrolliert, wenn er nicht einmal weiß, wo er ist. Und das 30 Kilometer von zu Hause entfernt. Schön langsam verstehe ich die Kritik am Einsatz von Präsenzdienern an der Grenze. Die beiden wissen ja nicht einmal wo sie sind.

Bruck an der Leitha

Mit dem Leithakanal überqueren wir die Grenze zu Niederösterreich und lassen damit das Burgenland hinter uns. Unser erster Weg führt uns zur barocken Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die im Zentrum steht. Nicht alle Gasthäuser haben offen und so entscheiden wir uns für das am Schloss Prugg gelegene Gasthaus und lassen es uns gut gehen.

Da wir noch eine lange Strecke bis nach Maria Ellend vor uns haben, Stärken wir uns gut, bevor wir den letzten Teil angehen. 

Nach Maria Ellend, Ziel des Jakobsweg Burgenland

Wir sind jetzt in hügeligen Gelände und haben einen langen Waldweg vor uns, der uns nach Maria Ellend bringt. Das bergauf und bergab tut gut, nach dem langen Gehen im Flachen. Der Weg zieht sich noch und dauert länger als gedacht.

Ich verpasse meinen direkten Zug nach Hause und somit muss ich noch dreimal umsteigen und komme erst spät am Abend nach Hause. 

Resümee vom Jakobsweg Burgenland

Mein Resümee fällt wie meistens beim Pilgern sehr positiv aus. Ein toller Weg, der viele Gedanken an den Camino Frances hochkommen ließ. Das Pilgern ist das einzige, woran ich mich derzeit festhalten kann. Auf dem Weg fühle ich mich glücklich und voller Freude.

Zu Hause besteht mein Tagesablauf aus Rehabilitation, Training und Üben. Dazugekommen ist Corona, welches meine Rehabilitation sehr verändert hat. Kurze Ausbrüche aus diesem Leben, wie der Jakobsweg Burgenland, halten meine Motivation hoch, denn ausschließlich Rehabilitation seit vier Jahren halte selbst ich nicht aus.

Die Muschel am Jakobsweg Burgeland
Die Muschel begleitet mich seit Jahren

Dieses Jahr brachte mich durch Corona oft genug ans Limit, ein Limit, das besser verwendet wäre. Aber ich muss damit Leben lernen, bloß das dieses "Leben lernen" einen zusätzlichen, anderen Anstrich bekam. Gerade die wieder stärker werdende Corona-Krise bringt mich von meinem Ziel wieder weiter weg. Statt sozialer Kontakte werde ich immer mehr zum Eigenbrötler.

Jeden Tag erlebe ich NEU, so ist es mir unmöglich, altes aufzuarbeiten. Mein Gehirn macht da nicht mit. Ich kann nur jeden Moment im JETZT genießen und schauen, dass ich jederzeit das Beste daraus mache und versuche, mich wohlzufühlen. Freude und Glücklichsein versuche ich in mir zu kultivieren, egal durch was. Es gelingt nicht immer, aber immer öfter. Damit wird auch die Vergangenheit nicht mehr so wichtig, die mich zeitweise noch immer einholt.

Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.

Johann Wolfgang von Goethe

Ja, das Schreiben an meinem Buch hat unter Corona sehr gelitten. Ich merke das auch an der Häufigkeit meiner Blogartikel. Mir fehlt die Konzentration und die Muße zu schreiben. Mit der Hand bekomme ich bloß ein, zwei Sätze zusammen, dann wird es unleserlich. Die veränderte Denkweise durch Corona nimmt mich so in Anspruch, dass ich an anderer Stelle zurückschrauben musste. Manchmal habe ich nur das Gefühl zu überleben, anderes hat keinen Platz.

Darum sind solche Auszeiten wie am Jakobsweg Burgenland besonders wertvoll. Ich bekomme neue Ansichten, Einsichten und Aussichten und bin von der Rehabilitation abgelenkt. Mit dem Gehirn arbeitete und übte ich viel, aber es hat nichts so sehr geholfen, wie das Gehen in Spanien am Camino.

Vielleicht gelingt es mir, wieder mehr zu Schreiben, denn ich brauche etwas, an dem ich mich außer dem Gehen noch festhalten kann!


"Wieder Leben lernen", habe ich mir vorgenommen. Zum Ersten mal seit vielen Monaten wollte ich etwas machen, ohne dabei an Therapie zu denken. Der Badlgraben wurde dafür erkoren.

Ich bin dankbar dafür, was ich in den letzten Monaten geschafft habe. Der Beginn des Radfahrens, Schulung meiner Wahrnehmung, Konzentration auf mich und meine Defizite, das war der Hauptinhalt seit April.

Ich habe nach diesen über vier Monaten Therapie ein positives Resümee gezogen. Ich spürte aber in mir, dass etwas Neues Anstand, dass ja eigentlich ein Altes war, habe ich es ja schon ein Jahr lang unter anderen Voraussetzungen geübt.

Im Badlgrabe wieder Leben lernen
Badlgraben

Das Leben lernen

Es ist wichtig das Leben, über all den Therapien, nicht zu vergessen. Corona hat mir allerdings diesen Teil des Lebens genommen und ich habe lange gebraucht, um mich darin zurechtzufinden.

Im April des vorigen Jahres bekam ich in der Ergotherapie den Auftrag, des Öfteren etwas zu machen, was nicht unter dem Mantel der Therapie steht. Dazu fällt mir als erstes Kino gehen ein. Zu dem Zeitpunkt sah ich Zug- oder Straßenbahnfahren als Therapie für mich, genauso wie in ein Kino zu gehen. Ich hatte mich erst daran zu gewöhnen.

Es war aber auch wichtig, mich einmal nicht selbst zu beobachten, wie es mir dabei geht oder zu beurteilen, besser oder schlechter. Ich sollte einfach nur ins Kino gehen und mir einen Film ansehen. Auf diese Art lernte ich wieder zu Leben und mich unter Menschen zu begeben.

Später im Juni war der Camino Norte eine wundervolle Möglichkeit, mich wieder mehr ans Leben zu gewöhnen. Ich bekam hier zum ersten Mal das Gefühl, was es bedeutet zu Leben und nicht nur zu therapieren.

Camino del Norte, erster Moment des Leben lernen
Pilgern am Camino del Norte

Dann kam die Corona Zeit

Immer öfter bekam ich das Gefühl zu Leben und mein Highlight dazu war der Camino Frances im Winter dieses Jahres. Voller Pläne, wie ich die nächsten Wochen gestalten wollte, kam ich nach Hause.

Camino Frances im Winter, ein wichtiger Schritt Leben zu Lernen
Camino Frances Winter 2020

Mit Corona waren diese Pläne innerhalb eines Tages allerdings zunichte. Mein Gehirn war überfordert damit und vor allem damit, dass alles was mir wichtig gewesen ist, plötzlich nicht mehr gegolten hat. Alles, woran ich seit einem Jahr arbeitete, war von einem auf den anderen Tag hinfällig. Selbst die Trauma-Therapie wurde ausgesetzt.

Die einzige Chance das zu überstehen fand ich darin, mich auf nichts anderes einzulassen, als konzentriert an meinen Defiziten in den nächsten Monaten zu arbeiten und mein Wissen um die Therapie umzusetzen. Denn eines war mir nach dem Wegbrechen aller Therapien klar, ich musste alleine Lösungen für alles finden.

Gesagt, getan, einzig das Leben kam dabei zu kurz. Ich war erneut in Therapie und Rehabilitation gefangen, aus der ich vor einem Jahr entkommen wollte. Es ist in erster Linie ein mentaler Zustand, in den ich kommen wollte. Die Umstände waren aber schwierig, so blieb ich bei dem, was ich kannte.

Was ist Therapie für mich?

Es sind natürlich nicht immer Therapien unter Anleitung. Im Gegenteil, eigentlich fast immer Dinge in Eigenregie. Vieles hatte ich in meinen zahlreichen Rehabilitations-Aufenthalten gelernt oder wusste ich noch aus meiner Sportvergangenheit oder der Zeit als Energetiker.

Dabei ist es egal, ob auf mentaler oder körperlicher Ebene. Mein Glück ist es, alles mit Freude zu machen. Es ist noch immer ein Antrieb in mir, besser zu werden. Diesmal bedarf es aber einer besonderen Beharrlichkeit. Das Kleine in den Dingen zu erkennen wurde wieder wichtig. Viele Kleinigkeiten ergeben irgendwann das Große, deswegen hat Aufgeben auch keinen Sinn.

Durch die Erwerbsunfähigkeitspension wurde das Gesund werden praktisch zu meinem Beruf. Ich brauche mich 24 Stunden am Tag nur darum zu kümmern, dass es mir besser geht, so wie früher im Sport.

Dazu zählen alle Therapien, aber auch das "Leben lernen". Langsam spielt mein Gehirn wieder mit, diesen Gedanken zu verstehen und leben zu können. Derzeit noch Ansatzweise, versuche ich diesen Gedanken in mir immer mehr bewusst zu machen. Der Therapie ihre eigene Zeit zu geben, habe ich jetzt zu lernen.

Der Badlgraben im Gegensatz zum Mariazellerweg

Es war ein ganz großer Unterschied vom Badlgraben zum Mariazellerweg zuletzt. Den Weg über die Teichalm und den Schranzsattel nach Mitterdorf im Mürztal sah ich als reine Therapie und Training für meine Wahrnehmung. Mein Ziel ist es ja, mich an das Übernachten im Zelt gewöhnen zu können, um auch in Österreich mehrere Tage Pilgern oder Wandern zu können, ohne die teuren Übernachtungen.

Am Mariazellerweg,
Therapie statt Leben lernen
Therapie am Mariazellerweg

Der Mariazellerweg hat mir sehr geholfen, meine Grenzen wieder zu erweitern. Es war am Limit und ich brauchte danach eine Woche um mich zu Erholen. Im Badlgraben war zwar keine Übernachtung vorgesehen, aber der Weg führt durch eine Art Klamm, gesichert mit Stahlseilen und Eisenklammern.

Es war an der Zeit, wieder den nächsten Schritt zu wagen. Nicht so ausgesetzt wie ein Klettersteig, war der Weg an der Grenze für meine Möglichkeiten der Bewegung. Diesmal wollte ich trotz der Schwierigkeiten nicht therapieren, sondern genießen und nicht an die Defizite denken.

Der erste Abschnitt war grenzgenial und führte durch Dschungel ähnliche Gegend. Praktisch kein einziges Mal dachte ich an Therapie, auch weiter drinnen nicht.

Badlgraben
Diesmal keine Therapie

Seilsicherungen und Eisenklammern

Vor vielen Jahren war ich des Öfteren hier unterwegs. Es ist eine wunderschöne Klamm, mit einer urigen Gegend. Einige wenige Passagen sind mit einem Stahlseil und Eisenklammern gesichert, um ein sicheres Hinübergelangen zu gewährleisten. Heute war sie allerdings eine Prüfung für mich. Jeder Tritt musste passen, da sonst ein Abrutschen unvermeidlich war.

Nur für Geübte

Ich dachte diesmal nie an Therapie. Es war an der Grenze, aber machbar. Vor einem halben Jahr hätte ich mich noch nicht über solche Passagen gewagt.

Wie unterschiedlich die Tage noch sein können, wird mir einige Tage später bewusst, als ich den Bericht schreibe. Gleichgewichtsstörungen und Schwindel lassen mich nur drei Kilometer weit kommen und den Balance-Park abbrechen. Ich war noch nicht erholt von der Wanderung, der Badlgraben hat mehr Energie gekostet, als gedacht.

Der NEUE Weg, Leben zu lernen

Es war ein neuer Schritt zurück ins Leben, der nicht Therapie beinhaltet hat. Ich habe ihn auch nicht für die Rehabilitation gemacht. Wie vor einem Jahr ins Kino, habe ich mich diesmal einfach nur auf den Weg gefreut, ohne etwas zu wollen oder Trainieren zu müssen.

Ich möchte einfach wieder ins Gefühl zu Leben kommen. Therapie und Rehabilitation wird seinen Platz bekommen, aber ich habe zu lernen, wieder Leben zu können, mit und ohne Corona.

Zurück zum Auto

Ich werde die Stadt auch weiterhin meiden und möchte dieses Leben lernen in der Natur umsetzen. Die letzten Monate haben es gezeigt, meine Wahrnehmung hat sich gebessert. Das möchte ich stabilisieren und nicht durch den Stress in der Stadt in Gefahr bringen. Zu wackelig ist noch das Fundament und erst wenn ich stabil bin, werde ich mich stressigeren Dingen widmen können.

Corona hat viel verändert und ich bin dabei, neue Strategien zu entwickeln. Das Pilgern in der Form der vergangenen Jahre hat mir am meisten geholfen und mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe. Ich hätte mir gewünscht, in dieser Art noch einige Zeit am Camino in Spanien verbringen zu können. Diese Art der lebensnahen Therapie kann ich für längere Zeit vergessen und darf mir etwas Neues einfallen lassen.

"Im Leben kommt es nicht darauf an, ein gutes Blatt in der Hand zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen!"

Robert Louis Stevenson, schottischer Schriftsteller (Die Schatzinsel)

Dieses Gefühl zu Leben wird noch ein Weile dauern, bis ich es verinnerlicht habe. Denn noch muss ich zu viel an der Bewegung bewusst Denken und die Behinderung ist noch zu groß. Aber so wie ich gehen lernte, werde ich auch wieder das Leben lernen!


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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