Seit genau einem Jahr bin ich wieder zu Hause, in meinem Leben 2.0. Am 20. August 2016 war mein letzter Tag im Krankenhaus und mein neues Leben 2.0 hat begonnen.
Der Hirnabszess hatte enorme Auswirkungen auf mich und meine Familie. Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt und nichts war mehr wie zuvor. Alltag leben, ist bis heute nicht wirklich möglich, zu sehr beschäftigt die Krankheit den Tagesablauf. Ich habe so mit mir selbst zu tun, dass nur wenig Zeit für die Familie bleibt. Speziell das Denken und die Aufnahmefähigkeit sind stark gestört.
Wir alle waren, speziell am Anfang, mit der Situation überfordert. Ich konnte nicht, wie ich wollte und meine Familie wusste oft nicht, wie damit umgehen. Ich war ein Freund und doch ein Fremder geworden.
Es war definitiv nichts mehr wie früher. Ich musste mir meiner Lage erst bewusst werden. Im Krankenhaus war ich in einer geschützten Umgebung unterwegs. Ich rechnete nicht damit, so schnell entlassen zu werden, weil ich ja durchgehend intravenöse Antibiotika-Infusionen bekam. Doch mein Körper reagierte auf die Zugänge zunehmend allergisch, sodass die Ärzte auf orale Antibiotika-Medikation umstellten und mich nach Hause schickten. Der Krankenhausaufenthalt war nicht mehr notwendig. Ich durfte nach Hause, endlich!
Dann, von einem Tag auf den anderen, war ich plötzlich wie hinausgeworfen. Ich war Dingen ausgesetzt, die mich überforderten. Mit der Schnelligkeit des Lebens kam ich nicht mehr klar. Erst langsam gewöhnte ich mich an das Zuhause.
Unter Menschen gehe ich heute noch ungern. Ich fühle mich von den Eindrücken schnell überfordert. Multitasking, mein Zauberwort, ist noch immer nur sehr beschränkt möglich.
Mein Plan war damals, ich trainiere meine Kondition und zusammen mit dem Lauftraining werde ich bald wieder mobil und aktiv sein. Pustekuchen. Damals war ich noch der Meinung, dass es ein muskuläres Defizit sei. Ich musste ja bei null anfangen. Nach einigen Monaten habe ich erkannt, dass dem nicht so ist. Ein Großteil der Defizite sind neurologisch bedingt und Nerven brauchen lange zum Heilen und neu vernetzen.
Bergauf stapfe ich noch wie ein Höhenbergsteiger dahin, Schritt für Schritt. Mein neuer Spitzname ist "Duracell Hase". Besonders am Morgen oder wenn es kalt ist, sind die Muskeln steif und ich tripple mit steifen Beinen dahin, wie der Duracell Hase in der Werbung. Mal schauen, ob ich auch bald "entscheidend länger durchhalte". 🙂
Die ersten Monate war noch der Schleier der Krankheit über mir gelegen. Als der Schleier sich legte, blieben die reinen Defizite über. Jetzt war mentale Stärke gefragt, denn sonst wäre ich an diesem "nicht können", zerbrochen.
Geholfen hat mir in dieser Zeit mein Vorleben im Sport mit Mentaltraining und der Computer mit Internet. Er ermöglicht mir die Kommunikation mit der Außenwelt und das Tempo kann ich selbst bestimmen. Ende April begann ich mit dem Bloggen. Es hilft mir ungemein. Mein Schreibstil ist zwar dem eines Volksschülers ähnlich, aber mein Gehirn ist damit sehr gefordert. Das beste Training.
Meistens schreibe ich mit dem Computer. Die Hand ermüdet doch recht schnell und viele Schreibfehler lassen das Geschriebene schwer lesen. Das oftmalige Überarbeiten dauert seine Zeit und daher brauche ich für einen doch recht kurzen Blogbeitrag oft eine ganze Woche. Tippfehler am Computer sind leichter auszubessern.
Mir fehlt noch der Wortschatz, daher brauche ich lange zum Überarbeiten. Manchmal lasse ich es so stehen, weil es zu mühsam wäre, eine andere Formulierung zu finden. Damit kann ich aber leben. 😀
Überhaupt, ich musste mich in diesem vergangen Jahr "neu erfinden". Was nicht leicht ist, kann ich doch kaum in die Zukunft denken. Gut Ding braucht eben Weile!
Vorrangig ist das Beheben meiner Defizite. Sie erschweren mir den Alltag. Das Gleichgewicht, der Schwindel, verbunden mit Bodenunebenheiten beim Gehen, sie behindern mich sehr stark. Die kleinste Unebenheit bringt mich außer Tritt. Ständig muss ich mit den Gedanken beim Gehen und Ausbalancieren sein. Automatisch, wie früher, geht gar nichts.
Besonders die Stadt strengt mich an. Gehsteigkanten, kreuz und quer laufende Fußgänger, Radfahrer, Autos - Stress pur. Gut fürs Gewöhnen, aber da reichen ein paar Minuten aus und ich will wieder weg.
Es ist oft anstrengend und kaum zu beschreiben. Natürlich gab es Verbesserungen im letzten Jahr, aber eben nur minimale. Für mich der größte Fortschritt, war die Verbesserung der Gefühllosigkeit in den Fingern. Bereits nach der ersten Einheit Strom-Therapie in der Reha in Judendorf, merkte ich eine spürbare Verbesserung. Das bamstige Gefühl verschwand. Ich habe zwar noch Probleme mit dem Fühlen und Spüren beim Greifen, aber die bamstigen Wurstfinger bin ich endlich los.
Der größte Erfolg im letzten Jahr war, ich habe die Natur wieder für mich entdeckt. Wieder entdeckt deshalb, weil ich ja ein Leben lang ein Naturmensch war. Nur waren die letzten Jahre derart von der Arbeit überschattet, dass es mich immer mehr von der Natur weg brachte. Mein liebstes Training ist es, in den Wald zu gehen. Manchmal nur Gehen, ein anderes Mal mit Übungen verbunden. Was gibt es schöneres, als in der Natur zu trainieren! Ich spüre ganz intensiv, wie mich das Grün des Waldes anzieht. Wie es meinem Körper guttut.
Ich freue mich aber auch darauf, mich wieder einmal oberhalb der Baumgrenze zu bewegen. Das Hochgebirge ist für mich der Inbegriff der Freiheit. Noch ist es zu weit entfernt und ich kann am Berg nicht aufsteigen, aber vielleicht geht sich wenigstens heuer noch ein Ausflug aus.
Zuerst muss ich aber mein Gehen verbessern. Noch geht nichts automatisch, daher sind mit Felsen durchsetzte Wege ein großes Hindernis. Aber wie sagte ein Arzt: "In der Neurologie hilft viel wirklich viel!". Also weiter viel Training!
Deshalb bin ich viel zu Fuß unterwegs. Für mich halt viel. Immer in der Relation. Was für mich ein Mammut-Training ist, hätte früher nicht einmal fürs Aufwärmen gereicht. Es heißt aber auch aufzupassen, mich nicht dauernd mit früher zu vergleichen. Ich bin kein Extremsportler mehr. Heute ist heute.
Trotzdem motiviert und treibt mich ein Vergleich an. Ich gebe mein Bestes, da ich weiß, was noch möglich ist. In den ersten Monaten wollte ich allerdings zu sehr wieder laufen. Ich musste erst akzeptieren, dass ich damit noch warten muss. Mein Thema, die Langsamkeit, geht vor.
Im Moment schaue ich mir eben Bilder auf Instagram oder Facebook an. Instagram habe ich erst seit diesem Jahr für mich entdeckt. Ich danke allen Freunden und Athleten, dass sie mich mit ihren tollen Fotos und Storys daran teilhaben lassen, an einem Leben, dass mir im Moment nicht möglich ist. Es motiviert mich aber sehr, bald selbst wieder unterwegs zu sein. Gerade auf Instagram findet man wunderschöne Fotos, die mich anspornen, dass alles wieder zu erleben.
Weil ich nicht laufen kann, habe ich das Pilgern entdeckt. Seit Jahren spukt es schon in meinem Kopf herum. Aber wie so oft nimmt man sich für die wichtigen Dinge nicht die Zeit. Alles andere ist wichtiger und man verfällt in den Glauben, sich nicht die Zeit nehmen zu können (dürfen). Sollte es dem einen oder anderen auch so gehen, glaubt mir, ich würde nichts mehr aufschieben. Viele Entscheidungen würden jetzt anders ausfallen, als früher.
Aus diesem Grund werde ich nächstes Jahr den Jakobsweg gehen. Lieber wäre mir noch dieses Jahr, aber ich muss realistisch bleiben. Mein Gehen gehört zuerst noch verbessert. Dann kann ich Seelenarbeit mit Bewegung verbinden, in Kombination mit der notwendigen Langsamkeit. Pilgern und Laufen - tut Körper und Geist gut.
Trotz der momentanen Behinderung warten also auch in Zukunft eine Menge Abenteuer auf mich.
"Aufruf zur Langsamkeit: Wir müssen schleunigst entschleunigen!" Walter Ludin, Journalist und Buchautor
Die kleinen Schritte. Ja, es ist eine wahre Kunst, sich darin zu üben. Auch die Gedanken.
"Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte."
Auszug aus einem Gebet von Antoine de Saint-Exupéry
Ich kann es oft noch immer schwer akzeptieren, dass diese Schritte so klein sind. Ich ahnte nicht, dass es so kleine überhaupt gibt. Machte mir kaum Gedanken darüber.
Brauchte ich auch nicht, denn ich lebte mit einer Geschwindigkeit, da war es mir unmöglich, zurückzuschalten. Oder ist das doch nicht so? - Ein ehrliches Innehalten und einmal kleinere Schritte tun - das wäre sicher oft hilfreich.
Zurückgeschalten habe ich nur vom vierten in den dritten Gang. Aber wirkliche Erholung und Orientierung habe ich nicht gefunden. Das wäre nur im ersten Gang möglich gewesen.
Leider wird einem die Zeit für Veränderung nicht gegeben. Man ist damit beschäftigt, sich im Hamsterrad zu bewegen. Ich wusste zwar um die Problematik, hatte aber keine Möglichkeit für mich gefunden, es zu lösen. Mir die Zeit zu nehmen, kam mir gar nicht mehr in den Sinn. Ich "kämpfte" lieber weiter, zwar sinnlos, aber zumindest kämpfen.
Auch möchte ich wieder mit Golfen beginnen. Es ist eine gute Übung im HIER und JETZT zu leben. Die Gedanken sind nur auf den Ball, den Schwung und das Ziel fokussiert. Eine gute Übung. Leider habe ich es vor 15 Jahren aufgegeben.
Minigolf habe ich mittlerweile gespielt. Es dient hervorragend zum Trainieren des Gefühls. Für echtes Golf fehlt noch die Kraft und Ausdauer.
Eineinhalb Jahre sind seit dem Ausbruch des Hirnabszesses vergangen. Vor bald einem Jahr kam ich aus dem Krankenhaus nach Hause. Es war und ist nichts wie zuvor.
Ich habe keinen Beruf mehr. Keinen Sport mehr. Ich darf von 0 beginnen. Gehen, Denken und mich wieder bewegen lernen. Alles neu eben. Mein Leben hat sich total gewandelt.
Die Erinnerung an die Wochen vor dem Abszess sind dunkel. Ich war müde. Müde von den Terminen, von dem Gehetze, von dem Druck, immer perfekt funktionieren zu müssen. Ich hatte viele Pläne, das Eine oder das Andere angedacht, vieles umgesetzt, manches nicht fertig gemacht, einiges nicht erledigt.
Innerlich war ich unausgeglichen und es herrschte Chaos in mir. Zu viele Gedanken. Ein nicht endender Gedankenstrudel.
Wollte ich zu viel? Was wollte ich eigentlich? Ich weiß es nicht mehr. Denn es kam sowieso anders.
Ich weiß noch, ich bin am Strand gelaufen. Beim Laufen kann ich wunderbar abschalten oder, wenn notwendig, auch Probleme lösen. Das habe ich schon früher beim Radtraining so gemacht. Beim Losfahren war noch das Problem da, nach zwei, drei Stunden wurde es schon weniger, nach vier, fünf Stunden hatte ich die Lösung. So einfach konnte es sein.
Ja, so einfach war es damals. Aber für diesmal hatte ich keine Lösung. Die kam damit, dass ich mich hinlegte und fünf Monate lang nicht mehr aufstehen konnte.
Dazu war "Denken" nur im HIER und JETZT möglich. Ich war befreit von Zukunft und Vergangenheit. Es gab keine Termine, ich hatte kein Gehetze mehr und es gab keinen Druck mehr.
Ich konnte nicht sofort nachvollziehen, was passiert war. Ich akzeptierte das Geschehene, es blieb mir eh nichts anderes übrig. Es nicht zu akzeptieren war mit meinem Denkmuster nicht vereinbar. Ich wusste vom Anfang an, ich hatte eine Grenze überschritten, mein Körper hatte ein Machtwort gesprochen. Die kleinen Hinweise hatte ich nicht verstehen wollen.
Heute wird mir klarer, dass es diese gegeben hat. Ich brauchte kein leichtes Tatscherl mehr auf die Schulter. Ich bekam die Hammer-Lösung serviert.
Das Universum hatte das genau Richtige für mich ausgesucht. Mein blockierter Kopf hat die haargenau richtige Herausforderung bekommen. Seit einigen Monaten beginne ich langsam zu verstehen. Gleich langsam wie ich für das Gehen und Laufen lernen benötige, entwickelt sich auch das Denkvermögen.
Jeden Tag, jede Woche, jeden Monat, ja, jedes Jahr ein bisschen mehr. Ich kann nichts erzwingen, keine Schritte überspringen. Es braucht so lange wie es braucht. Ich darf mir Zeit lassen.
Ich denke über vieles anders als früher. Das Denken hat einen zentralen Stellenwert in meinem Leben bekommen. Ich trainiere es ja täglich. Meine Gedanken sind auf den Moment fokussiert. Sie sind nicht in der Vergangenheit und kaum weiter vorne in der Zukunft. Berufliche Gedanken habe ich auf die Seite gelegt. Ich komme ja doch zu keinem Ergebnis. Manchmal beschäftigt es mich, aber ich komme in diesen Gedankengängen nicht weiter. Es hat derzeit keinen Sinn, sich damit auseinanderzusetzen.
Im Moment versuche ich die Gedanken zu ordnen. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Das Denken ist noch immer Therapie für mich. Weiterführende Gedanken sind nur manchmal möglich. Ich habe mich damit arrangiert. Außenstehende merken fast nichts davon. Wenn ich aber alleine bin, will ich mehr. Dann versuche ich Zusammenhängendes zu überblicken oder am Computer zu trainieren.
Das Programm bringt mich an die Grenze, zeigt mir meine Limits auf. Anfangs war ich enttäuscht darüber, als ich merkte, dass nichts weiter geht. Ich hatte die Kleinheit der Schritte nicht bemerkt. Jetzt freue ich mich auch über kleine Fortschritte und kann sie meist auch erkennen.
Unter Menschen zu gehen strengt mich noch an. Noch immer treffe ich mich sehr selten mit Freunden oder begebe mich in die Stadt. Ich stoße schnell an Grenzen, die mich überfordern.
Überforderung zeigt sich, indem der Kopf abschaltet und sich weigert, noch mehr aufzunehmen. Ich überlege lange, ob was geht und was nicht. Darauf achte ich genau. Trotzdem komme ich schnell an meine Grenze.
Aus diesem Grund möchte ich versuchen, nicht mehr jeden Tag ans Limit zu gehen. Wenn das auch bedeutet, den restlichen Tag in Ruhe zu Hause zu verbringen. Keine schwierigen Gespräche zu führen, mich zu schonen und den Tag mit Ruhe zu beenden.
Auch früher hätte ich mehr darauf schauen sollen. Oft habe ich bis spät in die Nacht noch Filme geschnitten, um Termine einzuhalten. Hatte sehr oft zeitlichen Druck, etwas fertig zu stellen und bin deswegen zu lange aufgeblieben und habe gearbeitet.Mein "krasser" Weg
Schon letztes Mal habe ich die Bedeutung meines Namen angeschnitten. Krasser = Extremer. Daran möchte ich heute nochmal anknüpfen. Es war seit dem letzten Jahr ein wirklich "krasser" Weg.
Wie gesagt, Krasser bedeutet auch Extrem. Also ist mein Weg unter anderem ein Extremer. Das Hirnabszess gehört mit Sicherheit dazu. Es hat mein Leben extrem verändert. Ich habe viel erlebt bisher, aber das letzte Jahr hat alles geschlagen, stellte alle anderen extremen Abenteuer in den Schatten.
Ich habe immer Extremes unternommen, dabei kommt zwangsläufig auch die Frage auf: Wo liegt mein Limit?
Nun, mein Limit habe ich immer für mich selbst festgelegt. Egal ob es um eine Besteigung eines Berges ging, um die Länge eines Radrennens oder anderes. Ich versuchte immer ein bisschen besser zu sein, als die Herausforderung war. So war ich immer sicher, nicht an meine Grenze zu gelangen. Noch eine Reserve zu haben.
Mit der Krankheit musste ich allerdings mein Limit, meine Grenzen neu überdenken. Mein Limit ist plötzlich weit unten angesiedelt. Das zu Verstehen ist schwer.
Ich habe erst in letzter Zeit registriert, dass es seit vorigen Jahr nur wenige Tage gab, an denen ich nicht am Limit war. An meinem persönlichen Limit. Das ich oft über meine Grenze gehen musste. Von außen erkennt das niemand.
Ich habe gelernt, NEIN zu sagen, nicht immer ja zu sagen.
Einerseits recht verständlich. Eine Stunde im Wald, mit ein paar Übungen, bringt mich bereits ans Limit. Alles weitere kann ich nur mehr limitiert machen. Limitiert in Gedanken und Bewegung. Habe ich etwas vor, mache ich davor nichts oder weniger. Zumindest sollte ich. Geht aber meistens eh nicht. Irgendwie rette ich mich über den Tag.
Das Limit liegt weit unter dem, was ich früher gewohnt war. Das ist neu für mich und ungewohnt. Deswegen kann ich auch noch nicht an Arbeit denken. Was soll ich mit einer Stunde Konzentration am Tag?
Ich freue mich an dem, was derzeit ist!
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Vier Tage Urlaub mit Silvia im Jufa Knappenberg. Mein erster Urlaub seit meinem Hirnabszess im März 2016. Ich frage mich, Urlaub oder Therapie?
Im Geburtsort von Heinrich Harrer also finden für mich diese ersten erholsamen Tage statt. Mit dem am Jufa angeschlossenen Tibet-Zentrum, wo Tibetische Medizin gelehrt wird und dem Heinrich-Harrer-Museum im nahen Hüttenberg, lässt es sich, mit viel Ruhe, gut Urlauben.

2007 filmte ich hier die Grundsteinlegung des Tibetischen Zentrums, die der Dalai Lama selbst durchgeführt hat. Es konnte sicher nicht alles im damals geplanten Umfang realisiert werden, aber die Gegend ist sicher ein Mittelpunkt der Tibetischen Medizin und Kultur in Österreich geworden. Die Geschichte des Bergbaus passt hervorragend dazu und der Vergleich der Alpenländer mit Tibet zeigt, dass es nicht so anders ist.
Ich wollte einmal ausspannen und weg vom Alltag zu Hause, aber "Therapien" lassen sich nicht ganz vermeiden. Auf 1100 Metern Seehöhe gelegen, ist Ruhe und eine langsamere Gangart in diesem ehemaligen Bergbau-Dorf zu finden. Genau das richtige für mich.
Neben Knappenberg ist Hüttenberg, mit dem Heinrich-Harrer-Museum, ein weiteres Highlight. Und in Hüttenberg fängt auch meine "Therapie" an. Aber alles der Reihe nach.
Zunächst steht ein Besuch im Heinrich-Harrer-Museum an. Seine Bücher kannte ich schon als Kind und damals war ich überzeugt, zu spät auf die Welt gekommen zu sein. Die Zeit des Entdeckens war vorbei, was ich bedauerte. Ähnliches zu erleben suchte ich dann auf Reisen durch die Sahara, in Alaska und mit dem Fahrrad in aller Welt.
Das Museum steht schon lange auf meiner Besuchsliste und endlich war es so weit. Gleich der erste Raum ist Harrer persönlich gewidmet. Die Ausrüstung bei seinen Bergbesteigungen ist beeindruckend. Allein seine Steigeisen sind wahrscheinlich gleich schwer, wie meine Mindestausrüstung beim Eiger Ultra Trail war.
Was ich auch nicht wusste, er war österreichischer Meister im Golfen 1933/34. Damals lebte er in meiner Heimatstadt Graz und studierte auf der Karl Franzens-Universität ein Lehramt.
Beim Durchgang des Museums muss ich mich immer wieder hinsetzen, um Pause zu machen, denn die Räume im ehemaligen Schulgebäude sind auf drei Stockwerke verteilt. Besonders mein Gehirn braucht Pausen, um alles zu verarbeiten und aufnehmen zu können. Die abgeschnittenen Yak-Schwänze bleiben besonders in Erinnerung, da sie in Amerika als Bärte für den Weihnachtsmann Verwendung fanden.
Aber auch die vielen Gebrauchsgegenstände aus natürlichen Materialien sind eindrucksvoll. Bei uns wird ja nur mehr alles aus Plastik produziert und nach Gebrauch weggeworfen. Alles in allem ein sehr interessantes Museum, das außerdem die Verbundenheit von Harrer zum Dalai Lama und dem Tibetischen Volk sehr gut zeigt.
Nach gut zwei Stunden verlassen wir das Museum und da kommt die "Therapie" ins Spiel. Gegenüber vom Museum baut sich der sogenannte "Lingkor von Hüttenberg", ein Pilgerweg, an einer Felswand auf. Pilgerpfade gibt es viele in Tibet, der bekannteste ist der Pfad rund um den Kailash oder der Lingkhor in Lhasa.
Beweggründe sind die Hoffnung auf Glück und Segen, eine bessere Wiedergeburt, die Heilung eines Leidens oder Vergebung von Sünden. Gute Gründe für einen Pilgerweg, die ja auch bei uns immer begehrter werden. Siehe den Mariazeller Weg oder der Jakobsweg. Der Hüttenberger Lingkor ist obendrein der einzige außerhalb Tibets gelegene tibetische Pilgerpfad.
Er führt auf Stiegen aus Stahl durch die Felswand, in schwindlige Höhen. An und für sich kein Problem für mich, aber jetzt nach dem Hirnabszess?

Ich entscheide mich, ihn zu wagen. Durch einen wunderschönen Eingangsbereich geht es los. Dann noch einen Helm ausgeborgt, denn ohne ihn darf man den Lingkor nicht betreten. Gleich bauen sich steile Stiegen vor mir auf. Hoch konzentriert, steige ich Stufe um Stufe höher. Gedanken ans Ausrutschen verwerfe ich sogleich, obwohl sie immer wieder da sind.
Es ist anstrengend für den Körper, so viele Stiegen zu steigen und für den Geist, das Ausgesetzt sein zu vertragen. Ich weiß nicht, was für mich anstrengender ist. Mir kommen die Pilger in den Sinn, die den Kailash mit Niederwerfungen umrunden. Dagegen ist mein Weg eine Lappalie, aber für mich halt auch am Limit.
Mit der Anstrengung nimmt auch der Schwindel zu. Die Hängebrücke lasse ich aus. Sie ist einer tibetanischen Hängebrücke nachempfunden. Das Schwanken der Brücke verträgt sich nicht mit meinem Schwindel. Ich habe Angst, zu stürzen. Fünfjährige Kinder stürmen über die Brücke, dass alles wackelt. Ich bleibe verschämt zurück, an einen Eisenträger gestützt oder besser gesagt, geklammert. Das ist noch eine Nummer zu groß für mich.
Über die Brücke zu gehen, wage ich nicht. Ich bin schon froh, den Rundgang zu schaffen. Bald geht es wieder bergab. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. Bergab zu gehen ist schwieriger für mich. In die Ferne zu schauen heißt, stehenzubleiben.
Multitasking der einfachen Art, Gehen und Schauen, ist gleichzeitig nicht möglich. Es ist Herausforderung genug, hier zu gehen. Ohne zu Stolpern schaffe ich es bis ans Ende der Stufen. Dort setze ich mich erschöpft ins Gras. Die Anspannung lässt nur langsam nach.
Ich darf stolz auf mich sein, es geschafft zu haben und meine Grenzen wieder zu erweitern. Dieses "An-die-Grenze gehen", habe ich immer wieder zu üben, nur so kann ich sie weiter hinauf setzen.
Ein Beispiel ist das "Iditabike" Rennen in Alaska, an dem ich dreimal teilnahm. Das heißt im Winter, mit einem Fahrrad, die Distanz von Graz nach Salzburg, auf einem Hundeschlitten-Trail zu fahren.Das war 1994 kaum vorstellbar.
Aber ich fuhr trotzdem hin und beendete dieses Rennen, einmal sogar Siegreich. Solche Erlebnisse von früher, helfen mir heute wieder in mein Leben zu finden oder mich an und über Grenzen zu wagen. Es geht vornehmlich um körperliche Grenzen, aber auch um geistige.
Und dafür ist es in Knappenberg ideal. Einmal unter anderen Bedingungen zu üben, tut dem Geiste wohl. Hier gibt es viele Gelegenheiten und ich mache es gerne. Zu Hause ist es oft schon ein Muss. Hier wird es wieder spielerischer.
Gerne gehe ich einen Teil des "Weg des Dialoges". Einen Rundweg in und um Knappenberg. Hier finde ich alles, was mir guttut. Für mich ist es ein Therapieweg.
Die Stufen durch die Bergbausiedlung stärken meine Waden, der Wiesen- und Waldweg ist uneben, mit Wurzeln. Beim Bergbau-Museum ist ein Spielplatz für (ältere) Kinder, den ich nutze. Einfach ideal für mich.
Es ist wie früher im Trainingslager, nur mit anderen Anforderungen. Das Ziel ist das Gleiche - ich will besser werden. Meine Bewegung muss bewusst getätigt werden, daher verschwimmen Urlaub und Therapie sowieso miteinander.
Trainingslager waren schon früher eigentlich Urlaub für mich, also ist es heute kein großes Problem, auch im Urlaub zu trainieren. Es gilt nicht nur für mich:
"Was du aus einer Situation machst, liegt nur in deiner Einstellung!"
...und in meiner Einstellung habe ich nie aufgegeben. Ich schaue immer nach vorne und gebe zu jeder Zeit mein Bestes. Dazu war ich immer lebensbejahend.
Auch in schwierigen Phasen, als ich mich nur mit dem Rollstuhl fortbewegen konnte oder gehen lernen musste. Ich behielt meinen Optimismus bei. Natürlich gibt es auch bei mir schwierige Phasen oder Momente wo es nicht läuft, die dauern aber nie lange.
Wo kann ich jetzt diese vier Tage einordnen, unter Urlaub oder Therapie? Das würde ich mit teils, teils beantworten.
Positiv war auf jeden Fall die veränderte Umgebung, allerdings konnte ich nicht abschalten, was den Rest betrifft. Die Defizite sind noch zu groß, die Konzentration zu stark für die täglichen Anforderungen. Auf der einen Seite kann ich froh sein, derart im JETZT zu leben, auf der anderen möchte ich, dass vieles wieder automatisch funktioniert und ich nicht so viel nachdenken muss.
Die Spaziergänge waren nicht nur schön, sondern auch nützlich, da sie gleichzeitig Übungen beinhalteten. Die Museen waren interessant, auch wenn sie etwas anstrengend waren. Der Lingkor-Rundweg war eine Herausforderung, aber ich bin stolz, ihn bewältigt zu haben. Ich denke, ich habe das Beste aus Urlaub und Therapie gemacht.
Ich bin optimistisch, dass es in Zukunft noch besser wird.

Die Reha ist vorbei, der Alltag hat mich wieder – jetzt heißt es dranbleiben. Mein Training fortsetzen, die Intensität steigern und die nächsten Monate nutzen, um Schritt für Schritt voranzukommen. Meine Ziele bleiben klar: Das Gehen weiter verbessern und Denk- sowie Reaktionsvermögen schulen. Doch zuerst ist Erholung angesagt.
Auch diesmal bin ich erschöpft und müde aus der Reha heimgekehrt. Gleichzeitig aber voller neuer Ideen und Impulse für mein Training. Stabileres Gehen, Multitasking in allen Lebenslagen und vieles mehr – genug Herausforderungen für die kommenden Monate. Nun fehlen mir noch die konkreten Ziele, die mich antreiben.
Mein Gesundwerden ist wie der Radrennsport von früher: Es geht um Ziele. Ohne sie fehlt die Richtung, die Motivation. Damals wie heute brauche ich ein klares Ziel vor Augen. Wer nicht weiß, wofür er trainiert, verliert schnell den Fokus. Aber mit einem Ziel, egal wie fern es scheint, bleibt der Weg klar und jede Anstrengung bekommt ihren Sinn.
Trailrunning und Laufen als Ziele
Mein großes Ziel ist es, wieder im Hochgebirge laufen zu können. Diese Herausforderung vereint vieles: körperliche Fitness, Koordination und mentale Stärke. Wenn ich dieses Ziel erreiche, wäre ich auch beruflich wieder handlungsfähig. Doch der Gedanke an eine berufliche Rückkehr fällt mir schwer – zu ungewiss ist die Zukunft. Ob ich die Videoproduktion jemals wieder ausüben kann, bleibt fraglich.
Die Defizite sind derzeit einfach zu groß. Vom Filmen oder Schneiden bin ich weit entfernt, nicht zuletzt wegen der Nervenschäden, besonders in den Fingern. Zusammenhänge zu erfassen, Informationen zu verarbeiten – all das gelingt mir momentan nicht. Schneiden ist so unmöglich. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber es fühlt sich an, als würde das Gehirn plötzlich aussteigen und die Verbindung kappen.
Trotzdem bleiben die Berge mein Antrieb. Das Laufen dort oben ist mehr als nur Bewegung – es ist Freiheit, Herausforderung und zugleich ein Weg zurück ins Leben. Schritt für Schritt, egal wie weit der Weg noch ist.
Einfaches Denken gelingt mir schon, doch Multitasking ist noch kaum oder nur eingeschränkt möglich. In der Reha lag der Schwerpunkt darauf, Bewegungsabläufe zu automatisieren und wieder mehrere Dinge gleichzeitig denken und ausführen zu können. Doch immer wieder muss ich mir bewusst machen: Alles braucht seine Zeit.
Für zu Hause habe ich ein sehr gutes Computerprogramm bekommen. Aber auch hier gilt es, sich Zeit zu lassen – und sich diese auch zu nehmen. Ungeduld hat hier keinen Platz, auch wenn sie mich oft genug überkommt. Manchmal ist es genau diese Ungeduld, die mich antreibt, die mir die Kraft gibt, nicht aufzugeben und weiterzumachen.
Schwer ist es trotzdem. Nicht zu wissen, wie lange es dauern wird. Ein Jahr, zwei Jahre oder gar fünf? Niemand kann es sagen. Jeder Weg ist anders, jeder Fortschritt individuell. Wann ich wieder im Hochgebirge laufen kann, weiß ich nicht. Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich werde es schaffen!
Der Blog
Am Computer für den Blog zu schreiben, ist eine wertvolle Übung. Es hilft mir, zur Ruhe zu kommen, meinen Weg besser zu verstehen und meine Wahrnehmung zu schulen. Gleichzeitig fördert es die Selbstreflexion. Doch auch hier gilt: Schritt für Schritt. Nicht zu viel auf einmal wollen – das ist leichter gesagt als getan, aber notwendig.
Neben dem großen Ziel brauche ich Zwischenziele, kleine Etappen, die mir kurzfristige Erfolge ermöglichen. Sie halten die Motivation am Leben. Ich musste jedoch lernen, umzudenken. Es geht alles so langsam voran, dass ich die Fortschritte oft selbst kaum wahrnehme. Es hat Zeit gebraucht, um zu erkennen, wie wichtig diese kleinen Schritte sind.
Heute freue ich mich auch über die scheinbar kleinen Erfolge. Zum Beispiel darüber, dass ich sicherer auf unterschiedlichen Böden gehen kann. Es mag unscheinbar wirken, doch für mich bedeutet es viel. Jeder dieser Schritte ist ein Stück zurück ins Leben. Schritt für Schritt – das gilt für den Blog, das Training und das Leben selbst.
"Alles ist gut so, wie es ist!"
Wenn man das verstanden hat, wird vieles leichter. Da bekommt auch die Krankheit einen Sinn, bzw. das, was ich daraus lernen kann. Eines stimmt aber sicher:
"Wenn Du nicht an Dir arbeitest, dann tut es eben das Leben!"
Ich habe zwar an mir gearbeitet, doch vor entscheidenden Schritten bin ich immer wieder zurückgeschreckt. Also hat das Leben selbst die Dinge in die Hand genommen. Schon eigenartig, wenn ich daran denke, was ich alles erlebt habe: Mit dem Rad durch die Sahara gefahren, das kälteste Radrennen der Welt gewonnen, hohe Berge bestiegen und so vieles mehr. Da könnte man meinen, das Leben sei ein Klacks. Aber das ist es nicht.
Ich habe zu lange darauf gewartet, dass sich etwas ändert – aus eigener Kraft, aus eigenem Antrieb. Doch manchmal braucht es einen Anstoß von außen, eine Wendung, die man sich nie gewünscht hätte. Jetzt hat sich etwas geändert. Vielleicht nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, aber es ist Bewegung in mein Leben gekommen. Und manchmal ist es genau diese Bewegung, die den nächsten Schritt möglich macht.
Ein Jahr und zwei Monaten sind seit Beginn meiner Krankheit vergangen. Derzeit bin ich in wieder auf Reha, um (hoffentlich) vieles zu verbessern. Ich sage vieles, weil es gilt, so viele Baustellen zu verbessern. Eine davon ist Schreiben, eine zweite, ich kann noch immer nicht laufen. Gehen ja, aber nicht Laufen. Es ist mein großes, übergeordnetes Ziel.
Ich habe mir dafür keinen Zeitrahmen mehr gesetzt, da ich, seit ich aus dem Krankenhaus raus bin, zu starke Erwartungen hatte, die nicht erfüllt worden sind. Hier, in der Reha, habe ich ein Laufband und einen Ergometer zur Verfügung.
Da das Laufband Seiten hat, ist es vielleicht möglich, erste Schritte zu laufen. Ich kann mich im Notfall festhalten, sollte das Gleichgewicht nicht mittun. Denn wie ich mittlerweile feststellen musste, ist es nicht die Kraft, wie ich anfangs dachte, sondern die Gleichgewichtsstörungen, die es verhindern.
Seit der Schleier der Krankheit größtenteils weg ist, sind die Defizite klarer zu Tage getreten. Deswegen verspüre ich noch keine so großen Verbesserungen seit der letzten Reha im Dezember vorigen Jahres, obwohl welche da sind. Daran werde ich die nächsten Wochen in der Rehaklinik besonders arbeiten.
Ich bin frustriert. Nichts geht. Entnervt lege ich den Kugelschreiber auf die Seite. Es will noch nicht sein.
So geht es mir am Anfang mit dem Schreiben. Ich habe zwar schon seit Mitte Mai ein Tagebuch, aber ich kann nichts hinein schreiben. Auch ein Diktiergerät hilft nichts, es ist mir nicht möglich, einen sinnvollen Satz zu konstruieren, geschweige denn zu denken.
Auf der Neurologie beginne ich mit der Ergotherapie, um meine Hände wieder gebrauchen zu können. Das heißt, "Lernen durch Aktiv sein". Das klingt plausibel. Rechtsseitig bin ich gelähmt. Nur langsam bekomme ich die Hand unter Kontrolle. Ich beginne mit einfachen Übungen. Knetmasse drücken, Fingerübungen, Bausteine aufheben und wieder ablegen. Langsam werde ich besser, vom Schreiben aber noch weit entfernt. So vergeht Woche um Woche.
Ein wichtiger Punkt war die Herstellung eines Spiels aus Holz. Meine Ergotherapeutin Kerstin hat mich ermutigt es zu versuchen. Sägen, Schleifen, Bohren, Lackieren - alles ist dabei und ich bin motiviert. Ich versuche sauber zu arbeiten. Das Ergebnis ist toll. Ich habe das Gefühl, als arbeite ich mit dicken Winterfäustlingen. Daher bin ich stolz, als ich mein selbst gebautes Spiel endlich in Händen halte. Meinem Ziel, dem Schreiben, bin ich wieder näher gekommen.

Ich beginne auch mit Malen. Genauer gesagt, Mandala Bilder ausmalen. Plump halte ich den Stift. Ich kann ja noch nicht einmal mit Löffel oder Gabel rechts essen. Trotzdem nehme ich immer wieder den Stift zur Hand und versuche zu malen. Kurven, Schwünge, Kreise. "Lernen durch aktiv sein", kommt mir immer wieder in den Sinn. Es sind meine weiteren Schritte zurück in ein selbst bestimmtes Leben.
Im Mai beginne ich einzelne Wörter in der Therapie zu Schreiben. Ich brauche für jedes Wort elend lange. Dazwischen muss ich pausieren. Mehrere zusammenhängende Wörter, also einen Satz, bringe ich nicht zusammen. Oft vergesse ich Buchstaben im Wort. Ich muss immer wieder absetzen, weil ich nicht weiß, welcher Buchstabe als nächstes drankommt.
Es ist frustrierend, wobei ich nicht weiß, ob frustrierend das richtige Wort ist. Eher ungeduldig. Ich war es gewohnt, schnell zu schreiben. Kaum Rechtschreibfehler. Seit Wochen möchte ich im Tagebuch schreiben, aber es geht nicht. Auch hier muss ich mir Zeit geben. Viele Gedanken wollen festgehalten werden, doch noch ist es nicht so weit. Der Journalist und Dokumentarfilmer kommt immer wieder in mir durch. Aber es soll noch nicht sein.
Wenn ich schreibe bin ich hoch konzentriert, aber sehr langsam. Buchstaben zu vergessen fällt mir leicht. Beim nochmaligen durchlesen komme ich erst drauf. Aus diesem Grund schreibe ich mit radierbarer Tinte. Eine geniale Erfindung. So schauen die Seiten recht sauber aus. Am Computer geht es mit dem Korrigieren einfacher, aber ebenfalls langsamer und verschiedene Buchstaben muss ich auf der Tastatur immer wieder suchen.
Komplizierte, lange Wörter sage ich mir langsam und laut vor. Buchstabe für Buchstabe tippe ich das Wort in den Computer. Da passiert es dann allerdings, dass ich danach nicht mehr weiß, was ich genau schreiben möchte. So sehr muss ich mich auf das Wort konzentrieren, dass ich anderes vergesse.
Der Blog ist ein ideales Mittel, um gleich mehreres auf einmal zu üben. Ich schreibe auf zweierlei Arten. Einmal im Buch, meistens wenn ich unterwegs bin. Das übertrage ich dann zu Hause in den Computer. Die Fingerfertigkeit wird beider male geübt.
Dazu muss ich aber vorher überlegen, was ich schreibe. Gleichzeitig schreiben und darüber denken geht noch nicht. Trotzdem merke ich, es geht was weiter. Kein Vergleich mit der Zeit im Krankenhaus, wo ich nur stichwortartig schreiben konnte.
Mein erster Tagebucheintrag ist vom 7.Juni 2016, also gut zweieinhalb Monate nach Ausbruch meiner Krankheit. Schreiben versuchte ich schon früher, im Rahmen von Therapien. Es war anstrengend und forderte mir einiges ab. Einzelne Wörter versuchte ich zu einem Satz zusammen zu fügen. So beschrieb ich meinen Alltag.
Von richtigem Tagebuch schreiben, wie ich es von früher gewohnt war, bin ich noch weit weg. Ich übe Rundungen, ziehe vorgegebene Linien nach und versuche einen Schwung zu finden. Der richtige Schwung, die Basis fürs Schreiben.
Nach zweieinhalb Monaten im Krankenhaus dann der erste Tagebucheintrag:

Die folgenden Tage halte ich in ähnlicher Weise fest. Stichwortartig. Mehr bringe ich nicht zusammen. Es ist schwer zu erklären. Mein Denken lässt keine ausführliche Schreiberei zu. Und nicht nur das Denken. Es ist auch die Technik, wie beim Gehen. Alles zusammen ist schwer, Multitasking wäre gefragt. Früher funktionierte das einfach, ohne nachdenken. Jetzt steht jeder Teil für sich und will alleine gemacht werden. Über das Wie machte ich mir früher keine Gedanken. Erst jetzt erkenne ich, wie komplex alles ist. Es war selbstverständlich, ist es jetzt aber nicht mehr.
Alles was ich seit Monaten täglich tue, kann ich als Therapie sehen. Alles bringt mich jeden Tag ein Stück weiter, mehr oder weniger. Wie schrieb Monica Lierhaus in ihrem Buch "Immer noch ich":
"Mit dem Aufwachen ist es noch nicht vorbei. Es dauert Monate bis Jahre!"
Monica Lierhaus
Auch bei mir wird es länger dauern. Wie lange traut sich keiner zu sagen!
Drei Monate sind seit meiner Einlieferung vergangen. Die Tendenz ist zwar aufwärts, aber sehr langsam und mit einigen Auf und Ab. Trotz Schwindel und kaum Kraft wird an meiner Mobilität gearbeitet. Ich muss mich bewegen, wenn es täglich auch nur eine kurze Zeitspanne ist. Gehen lernen steht an.
Es heißt aufpassen. Der Grad zwischen „es geht“ und „es geht nicht mehr“, ist sehr klein. Ihn heißt es nicht zu übersehen.
Zweimal habe ich ihn bereits überschritten. Innerhalb weniger Augenblicke ist mir schwindlig und ich breche zusammen. Deshalb darf ich nicht ohne Begleitperson aus dem Bett. Im Normalfall eine Krankenschwester, im speziellen die Physio- oder Ergotherapeutin. Ein Rollstuhl ist Pflicht, ohne ihn geht nichts.

Meist passiert es nach Therapien, die mich immer besonders fordern. Im Normalfall fahre ich nach Therapien mit dem Rollstuhl zurück. Manchmal glaube ich, ich kann noch gehen, werde aber schnell eines besseren belehrt. Auf dem Weg zurück ins Zimmer habe ich dann meistens ein kurzes Blackout. Es geht so schnell, dass ich nicht mal mehr Zeit habe, mich hinzusetzen. Dabei ist es wichtig, dass mich die Begleitperson auffängt und kontrolliert zu Boden lässt.
Die Bewusstlosigkeit ist meist nicht von langer Dauer. Wenn ich wieder zu mir komme, liege ich seitlich und frage mich, was los ist. Mehrere Personen sind um mich herum, um zu helfen. Ich werde in einen Rollstuhl verfrachtet und zurück ins Bett gelegt. Die Beine hoch und nur mehr liegen. Das Bett verlassen darf ich an solchen Tagen nicht mehr und unter verstärkter Aufsicht bin auch die folgenden Tage. Meiner Ergotherapeutin Kerstin danke ich besonders für Ihre Hilfe und das Vertrauen.
Ich bekomme mehrere Arten von Therapien.
Alle Therapien helfen auf ihre Art, meine Defizite zu beheben oder besser damit umzugehen. Besonders wichtig ist mir die Physiotherapie, denn Gehen zu können ist mir essentiell wichtig. Noch glaube ich, dass es nur eine Frage der Kraft ist. Aber ich muss erkennen, dass die Technik genauso wichtig ist.
Noch weiß ich nicht, das es nicht nur von der fehlenden Kraft abhängt, dass ich gehen kann. Auch das neurologische spielt eine Rolle. Jedenfalls muss ich von Grund auf neu Gehen lernen.
Auch wenn ich früher Gehen konnte, ich muss es jetzt neu lernen. Besonders wie ich die einzelnen Körperteile und Muskeln zueinander bewege. Wie Training funktioniert, habe ich in vielen Jahren Leistungssport gelernt. Ich weiß, was ich für die letzten Prozent trainieren muss. Das alles hilft mir jetzt aber nicht. Ich weiß nicht, was es bedeutet, von NULL weg anzufangen.
Es ist so viel zu beachten, dass ich fast überfordert damit bin. Haltung, Technik, entspannt gehen, die Finger nicht verkrampfen – es ist zu viel auf einmal. Mein Gehirn kann sich derzeit nur auf eine Sache konzentrieren. Schaue ich zu stark auf die Technik, verkrampfe ich mit den Fingern und der Hand. Achte ich darauf das die Finger locker sind und damit die Handgelenke, neige ich dazu, zu aufrecht zu gehen. Ich bringe es kaum auf einen gemeinsamen Nenner.
Nach dem Geh-Training bin ich immer körperlich fertig. Das Ziel ist es, wieder automatisch zu funktionieren. Ein langer Weg steht mir bevor. Man bringt mir den Vergleich mit einem Kleinkind. Wie lange braucht ein Kleinkind zum Gehen lernen?
Am Anfang halte ich mich immer am Handlauf fest. Ich würde sonst umfallen. Die Gleichgewichtsstörungen sind zu stark. Nach und nach dehne ich das Gehen immer weiter aus. Erst 10, dann 20, dann 30 Meter. Im Wochentakt.
Bei Türen ist die Stange unterbrochen. Eine besondere Herausforderung, diese zu überqueren. Am Anfang stütze ich mich am Rand ab, oder lasse die Finger, leicht an der Wand oder Türe tippend, mitlaufen. An der anderen Hand berührt mich ganz leicht die Therapeutin. Verkrampfe ich, tippt sie mich leicht an der Handfläche an. Sofort lasse ich locker. So mache ich Meter um Meter. Immer wieder muss ich dazwischen sitzen und mich erholen.
Ich freue mich irrsinnig, als ich soweit bin, den Gang frei gehend entlang zu marschieren. Die Grenzen verschieben sich langsam, aber sie verschieben sich. Früher waren es 200 km mit dem Rad zu fahren, 100 km zu Laufen, auf einen 6000er zu steigen – das ist im Moment vorbei, für mich heißt es umdenken. Die Wichtigkeiten haben sich verschoben. Beim Gehen lernen relativiert sich viel.
Trotzdem sind die früheren Bilder wichtige Antreiber. Das Gehen strengt mich so an, dass sofort Bilder von Gipfelgängen auf hohe Berge hochkommen. Dort war Höchstleistung im Schneckentempo gefordert. Ähnlich wie jetzt.
Beim Gehen habe ich sofort einen hohen Puls. Der Denali in Alaska ist mein Favoriten bild. Schritt für Schritt dem Gipfel entgegen. Mit dem Unterschied, dass ich jetzt noch langsamer als damals unterwegs bin. Bei der geringsten Belastung schnellt mein Puls nach oben.
In etwa so stelle ich mir die Besteigung des Everest vor.Kurz vor meiner Krankheit sprach ich noch mit Clemens, meinem Rechtsanwalt. Er versuchte sich bereits zweimal am Everest. Er führt übrigens einen lesenswerten Blog über seine Bergbesteigungen unter www.dattinger.at. Mehr im Spaß, insgeheim aber wahrscheinlich doch im Ernst, sagte ich einmal, „Das nächste mal fahre ich mit!“. Aber wie das Leben so spielt, kurz darauf finde ich mich in meinem persönlichen Everest wieder. Zumindest brauche ich nicht so weit zu fahren.
Noch habe ich aber meine Hausaufgaben zu machen. Stiegen steigen ist als nächstes dran. Einige Tage nach der OP lerne ich zum ersten Mal die Stiegen auf der Neurochirurgie kennen. Mit bekanntem Ergebnis, wie im Blog 5 erzählt.
Zurück auf der Neurologie muss ich noch die Umstellung auf die neuen Antibiotika vertragen, ehe ich Stiegen steigen kann. Erbrechen und schlecht sein wechseln sich die folgenden Tage ab. Die Umstellungen sind notwendig, um das Abszess und Ödem einzudämmen. Solange es noch im MR zu sehen ist, habe ich diese Therapie fortzuführen. Außerdem bekomme ich ein Mittel zur Kreislaufstabilisierung, es hilft aber wenig.
Am 7.Juni geht es mir Vormittags nicht gut. Gegen ein Uhr kommt Lydia, meine Physiotherapeutin. Nach einer Massage macht sie mir einen Vorschlag. Ob ich nicht den Ergometer ausprobieren möchte. Und ob ich wollte. Mit dem Rollstuhl fahre ich in den Turnsaal und voller Freude setze ich mich auf den Ergometer. Zuerst noch mit Stufe 1, fahre ich bald auf Stufe 3. Es tut sooo gut.
Mein Kreislaufproblem ist wie verflogen und ich fühle mich gut, wie seit langem nicht. Es heißt aber aufpassen, dass ich nicht in der Euphorie übertreibe. Nach einer Viertelstunde ist Schluss. Ich kann fast nicht absteigen, meine Beine zittern. Ich bin aber zufrieden wie lange nicht, dabei steht mir das nächste Highlight noch bevor.
Um halb drei kommt Silvia. Sie nimmt den Rollstuhl und führt mich damit vors Haus ins Freie. Es ist für mich seit zweieinhalb Monaten das erste Mal im Freien. Ich sehe den Himmel, ich berühre das Gras, ich kann nicht beschreiben was ich empfinde. In meinem Tagebuch ist es erst der zweite Eintrag, seit ich es habe. In fast unleserlicher Schrift steht da: „Ich war wie im siebten Himmel!“.
Fünfzehn Minuten halte ich aus, dann geht´s wieder rein. Für mich waren diese fünfzehn Minuten einfach traumhaft. Gehen im Freien ist mir allerdings noch nicht möglich.
Auf die guten Tage folgen schlechtere. Am 13.Juni wieder einmal Umstellung der Antibiotika. Wieder muss ich erbrechen. Bis 17. geht es mir schlecht. Die Therapien sind verkürzt oder werden ausgelassen. Erst danach ist Gehen wieder möglich. An manchen Tagen werde ich für Dreißig Minuten mit dem Rollstuhl in den Tagesraum geführt. Körperlich bin ich am Boden. Solche Rückschläge sind nicht zu vermeiden. Aber ich weiß, es geht danach wieder aufwärts.
Gute Tage folgen. Und ich nütze sie, wo ich kann. Ich steigere die Meter beim Geh-Training. Einmal jogge ich sogar für zwei Minuten auf dem Laufband. Danach bin ich aber groggy. Es soll das einzige mal in fünf Monaten Krankenhaus sein, dass ich gelaufen bin. Es war einerseits frustrierend, andererseits war ich froh es tun zu können. Allerdings sehe ich gleich ein, dass es noch nichts bringt.

Wenn der Tag einen Meter dauert, sind es auf Zeit umgerechnet, nur zwei bis drei Zentimeter, die ich körperlich nutzen kann. Körperlich oder geistig besser gesagt. Es ist egal was ich tue. Gehen oder Denken, es ist beides gleich anstrengend und nimmt beider maßen von der mir zur Verfügung stehenden Zeit. Es ist also egal, ob ich in der Logopädie denke, in der Ergo greife oder in der Physio gehe. Ich habe ca. dreißig Minuten am Tag, die ich gezielt mit Therapien verbringen kann. Dauert es länger, schleppe ich mich halt dahin. Viel Ruhe ist daher wichtig. Mein Ziel ist es, diese Zeit immer mehr auszudehnen. Eben Step by Step Gehen lernen.
Mein größtes Handicap ist der Schwindel, das Gleichgewichtsgefühl und die Koordination. Nach vier Monaten im Krankenhaus schaffe ich es endlich, über fünfzig Meter zu gehen. Verunsichert bin ich darüber, wie langsam es voran geht. Ich glaube noch immer daran, dass ich nach dem Krankenhaus ein Monat in der Reha-Klinik verbringen werde und dann wieder fit bin.
Das Gehen lernen wird mir noch lange erhalten bleiben.
Ein komisches Gefühl, bisher war mir Bloggen immer ein bisschen suspekt. Eigentlich habe ich mich nicht dafür interessiert, was ein Blog ist. Erst im letzten halben Jahr habe ich mich dafür zu interessieren begonnen. Davor war es mir nicht möglich, weil ich nichts aufnehmen konnte.
Zuerst wollte ich Tagebuch schreiben, was mir aufgrund der Krankheit lange nicht möglich war. Die Wortfindungsstörungen und Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis waren zu stark. Dazu kam die Lähmung der rechten Körperseite, die mir Schreiben unmöglich machte. Nach etwa vier Monaten begann ich zu lesen. Zuerst Bücher und dann zu Hause Blogs im Internet. Von Lifestyle, Fitness hin zu Reise- und Laufblogs. Dabei kam ich auf die Idee, selber einen Blog zu schreiben.

Einerseits hilft mir das Schreiben die Krankheit zu verarbeiten, andererseits macht es auch Spaß. Da ich viele Jahre als Videojournalist gearbeitet habe, finde ich es toll meine Rehabilitation mit einem ähnlichen Werkzeug zu unterstützen. Schreiben war zwar nicht meine Stärke, aber bis zu einem gewissen Grad lässt es sich ja lernen. Und der Blog ist ein Teil meiner täglichen Therapie geworden.
Meine Therapeuten haben mir auch empfohlen, die Videokamera zur Hand zu nehmen. Ich versuchte es, aber es waren zu viele Eindrücke. Ich tue mir schwer, mehr als zwei Sachen gleichzeitig zu denken, geschweige denn auszuführen. Drei Dinge sind fast unmöglich.
Mit dem Schreiben komme ich besser klar. Es wird zwar keine journalistische Meisterleistung werden, dazu fehlen mir noch zu viele Wörter, wichtig aber ist es, daran Spaß zu haben. Der Blog dient als therapeutisches Schreiben.
Oft passiert es, dass ich, während ich einen Satz schreibe, vergesse wie ich weiter schreiben will. Denn das Schreiben ist das EINE, das andere ist die Tastatur tippen. Beides zu koordinieren, ist nicht leicht. Daher muss ich aufpassen, keine zu langen Sätze zu formulieren.
Wenn ich an einem komplizierten Wort zu lange auf der Tastatur brauche, ist die Chance groß, den Faden im Satz zu verlieren. Auch darf ich mich nicht überfordern. Doppelbilder und Schwäche sind die Folge.
Der Titel "von 0 auf 101" war ursprünglich für ein Laufprojekt für 2014 gedacht. Innerhalb eines Jahres vom Nicht-Läufer zum 101 km langen Eiger Ultra Trail in der Schweiz. Damals, 2013, filmte ich für eine Werbeagentur, wo der Chef selber bei diesem Rennen an den Start ging.
Ich war zum ersten Mal bei so einem Event dabei und war so fasziniert davon, dass ich mich entschloss, in einem Jahr selber daran teilzunehmen. Gesagt, getan. Es war zwar ein Mammut-Programm, aber ich stand genau ein Jahr später, im Juli 2014, am Start.
In den Monaten danach hatte ich aber so viel zu tun, dass ich die Fertigstellung des Projekts immer wieder verschieben musste.
Das "von 0 auf 101" bekam für mich dann im Frühjahr 2016 eine dramatisch andere Bedeutung, als ursprünglich gedacht.
Ich war damals, im März 2016, wirklich bei NULL angelangt.
Dass es dann so lange dauern würde, hätte ich nicht gedacht. Viel später verstand ich erst, wie schlimm es wirklich war und dass ich froh sein konnte, so davon gekommen zu sein. Die oftmalige Aussage meiner Ärzte, "Lassen Sie sich Zeit, das wird noch dauern!", ging mir nicht in den Kopf. Ich dachte nur: "Jetzt bin ich schon vier, fünf Monate im Krankenhaus, was meint er mit Zeit lassen, wie lange denn noch?".
Im Nachhinein gesehen hatten die Ärzte recht. Fünf Monate ist im Verhältnis zur Schwere der Krankheit gar nichts. Ich wollte schon im Jänner mit dem Blog beginnen. Jetzt ist es April. Ich musste immer wieder erfahren, man kann nichts erzwingen. Geduld zu lernen war in diesem Fall eine Prüfung für mich. Sich Zeit lassen. Wie so viele andere Dinge auch, die ich noch oder wieder zu lernen habe.
Dafür lebe ich jetzt zu hundert Prozent im HIER und JETZT! Schon der nächste Tag ist so weit weg. Ich kann nicht "denken", was in der Zukunft ist oder sein wird. Es passiert mir immer wieder, dass ich etwas erledigen will und gleich darauf vergessen habe, was ich eigentlich wollte.
Im März 2016 trat ein Hirnabszess auf, welches schon sicher länger bestand. Die körperlichen Auswirkungen spürte ich dann von einem Tag auf den anderen. Es wurde mir schwindlig und ich konnte nur mehr liegen. Zuerst glaubte ich noch an eine Grippe. Zwei Tage später, ich antwortete bereits verwirrt, wurde ich per Rettungswagen ins LKH Graz eingeliefert.
Eine Ärztin fragte mich Monate später, "Was sollte denn anders sein, dass sie sich fühlen wie früher?". Ich antwortete "ALLES!".
Auf der einen Seite sollte sich ALLES ändern, auf der anderen Seite bin ich dankbar dafür, diese Erfahrungen der geistigen und körperlichen Defizite machen zu dürfen. In meinem "ersten" Leben war ich Extremradsportler, Bergsteiger und Trailrunner und konnte auch bei der Videoproduktion schwere Aufträge stemmen. Ich war es gewohnt, jahrelang an meinem körperlichen Limit zu arbeiten. Für einen Prozent mehr Leistungsfähigkeit trainierte ich früher ein ganzes Jahr.
Plötzlich war alles anders. Ich, der Bewegungsmensch, war zum Stillstand gezwungen. Mein Abenteuer war es nicht mehr zu Reisen, tolle Filmaufträge oder sportliche Leistungen zu vollbringen. Nein, mein Abenteuer wurden es, Gehen zu lernen, Essen zu lernen, meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen.
War in meinem alten Leben vieles zu schnell geworden, hat im neuen Leben die Langsamkeit Einzug gehalten. Ich durfte alles NEU FINDEN. Ich musste MICH neu erfinden. Wie schon Monica Lierhaus, die ehemalige ARD Sportmoderatorin, die eine Gehirnblutung erlitt, sagte: "Ich bin keine Andere, nur eine Veränderte!"
Auch ich hatte mich verändert. Nach einem Monat Intensivstation und insgesamt fünf Monaten Krankenhaus kein Wunder. Trotzdem bin ich der Gleiche geblieben. Und obwohl "der Gleiche", sehe ich viele Dinge anders wie früher. Ich bekam Zeit geschenkt, nicht gestohlen.
Durch meine geminderte Konzentrationsfähigkeit beschränke ich mich auf wesentliche Dinge. Alles, was ich für unwesentlich halte, geht an mir vorüber. Es kann natürlich wichtig sein, doch im Moment hat es für mich keine Wichtigkeit. Ist es wichtig genug, kommt es so lange wieder, bis es mir wichtig wird oder ist. Ich belaste mich nicht mit Unnötigem, kann es gar nicht.
Zum Glück habe ich Menschen um mich, an die ich Sachen delegieren kann oder die manches erst gar nicht an mich heran lassen.
Der Sport ist ein wichtiger Antrieb für mich. Auch wenn ich noch nicht Laufen oder Radfahren kann, gedanklich bin ich jeden Tag dabei. Ich stelle mir vor, eine mir bekannte Strecke durch den Wald zu laufen. Ich gehe voll und ganz in die Emotion hinein. Spüre die Belastung, spüre wie ich die Bodenunebenheiten ausgleiche. Das mache ich täglich.
Ich stelle mir die Bewegungsabläufe vor. Ich trainiere im Kopf. Das kann ich überall. Wenn ich wo warten muss, zum Beispiel. Auch so bekommen meine Muskeln Informationen, wie sie funktionieren sollen.
Ich denke oft an die Kenia Sport Safari zurück. Mein Freund Harry sagte damals: "Mal schauen, wie man eine Rundfahrt ohne Training gewinnt. Das wird interessant?". Die Rundfahrt war im November. Auch er hatte eine längere Pause hinter sich. Im Vorfeld trainierte er fast nur mit seiner Vorstellungskraft. Er hat diese Rundfahrt dann doch gewonnen. Zwar auf den letzten Drücker, aber gewonnen. Das hilft auch mir jetzt sehr.
Ich weiß, der Körper folgt dem Geist. Der Körper folgte auch nur meinem geistig erschaffenen Hirnabszess. Natürlich funktioniert das auch umgekehrt. Der Spruch, "Dir geschehe nach deinem Glauben!" , hat noch immer Gültigkeit. In beide Richtungen. Wie wahr.

Im Moment habe ich nur eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne über den Tag, in der ich mental und körperlich voll da bin. Die restliche Zeit ruhe ich aus, genieße den Moment und lasse das Leben auf mich einfließen. Manchmal muss ich allerdings drüber gehen, Kinder können einen fordern!
Meine Lebensgefährtin hat mir in einer Zeit im Krankenhaus, wo es mir nicht gut ging, folgendes gesagt: "Schau, andere Leute geben viel Geld für Seminare aus, machen Persönlichkeitsentwicklung, lesen zahlreiche Bücher und sind oft nach Jahren nicht dort angelangt, wo du jetzt bist - nämlich im HIER und JETZT!".
Da hat sie recht. Dieser Satz begleitet mich, wenn ich wieder einmal zu ungeduldig mit mir bin.
Dieses im HIER und JETZT leben beschäftigte mich schon lange vor meiner Krankheit. Durch die Krankheit wurde ich gezwungen im HIER und JETZT zu leben. Es gab keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr. Nur den Moment. Jetzt, ein Jahr später, kommt langsam das Gefühl wieder, an die Zukunft denken zu können. Aber es ist anders. Es hat keine so große Wichtigkeit mehr.
Auch meine Einstellung zum Tod hat sich geändert. Er schreckt mich nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr davor, was danach sein wird, oder etwas versäumt zu haben. Nein, er ist freundlicher geworden.
So hat alles (s)einen Sinn für mich bekommen.
Das LEBEN geht weiter und der Blog hilft mir dabei!