Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Vor ein paar Tagen brachte ich meine Mutter zu einem Termin nach Graz. Während sie beim Augenarzt war, ging ich in den kleinen Park gleich daneben. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie gut der Wald und die Natur meinem Nervensystem tun – obwohl es nur ein paar Bäume mitten in der Stadt waren.
Es dauerte nur wenige Minuten.
Ich spürte, wie mein Körper ruhiger wurde. Mein Gang wurde lockerer. Mein Kopf entspannte sich. Es war, als könnte mein Nervensystem endlich durchatmen.
Als ich den Park wieder verließ und die wenigen Schritte zurück auf die Straßen der Stadt ging, veränderte sich das sofort.
Ich merkte, wie ich wieder steifer wurde. Mein Gehirn versuchte plötzlich, alles gleichzeitig wahrzunehmen. Mein Körper schaltete wieder in einen Alarmmodus.
Oft habe ich das Gefühl, dass mein Gehirn die vielen Eindrücke nicht gleichzeitig verarbeiten kann. Jeder zusätzliche Reiz fordert Aufmerksamkeit – und das kostet Energie.

Warum der Wald unserem Nervensystem so guttut, konnte ich mir viele Jahre nicht erklären. Ich wusste nur eines: Immer wenn ich zwischen Bäumen unterwegs war, veränderte sich etwas.
Mein Körper wurde ruhiger. Mein Gang entspannte sich. Erst viel später verstand ich, warum mich die Natur so magisch anzog. Jahre später kam immer öfter das Waldbaden auf und ich verstand immer mehr, was da dahinter steckt.

Mir wurde irgendwann auch klar: Es geht nicht darum, alles zurückzubekommen. Aber ich möchte auch nicht zulassen, dass mein Leben immer kleiner wird.
Die Frage nach dem Warum beschäftigte mich lange. Sie half mir zunächst, vieles von dem zu verstehen, was mit mir passiert war:
Das Leben wird rückwärts verstanden, aber nach vorne gelebt!
Zunächst war es mein Ziel, Verbesserung zu erzielen. Nach einigen Jahren aber merkte ich, dass ich mich nur besser an die Handycaps gewöhnte. Eine andere Frage bekam dabei immer mehr Gewicht.
Nicht, um alles zurückzubekommen, sondern wieder mehr Möglichkeiten zu haben.
Vielleicht wieder einmal in Ruhe eine Stadt zu besichtigen. In einem Café zu sitzen. Durch einen kleinen Markt zu schlendern. Oder einfach einen Arzttermin wahrzunehmen, ohne dass mich das den restlichen Tag erschöpft.
Rückblickend begann das wahrscheinlich schon viel früher.
In den letzten Wochen auf der Intensivstation konnte ich meinen Kopf nach links drehen. Dort war ein Fenster. Weil ich im Erdgeschoss lag, schaute ich direkt auf einige Bäume. Gleich dahinter begann der Wald. Ich kannte damals weder den Begriff Waldbaden noch wissenschaftliche Studien darüber. Ich wusste nur eines: Es zog mich immer wieder zu diesem Fenster. Ich schaute hinaus auf das Grün, auf die Bäume und den Wald dahinter. Irgendetwas daran tat mir gut. Warum, konnte ich damals nicht sagen.
Später auf der Reha-Station war es ähnlich. Von meinem Zimmer aus blickte ich auf die Obstwiesen am Ruckerlberg. Immer wieder wanderte mein Blick hinaus – zu den Wiesen, zu den Bäumen, zu diesem Grün. Damals begann ich zu ahnen, dass die Natur etwas mit mir machte. Nicht von einem Tag auf den anderen. Aber sie gab meinem Körper und meinem Kopf etwas, das ich in den Gebäuden des Krankenhauses nicht fand.

Viele Jahre später stieß ich auf Berichte über Waldbaden und wissenschaftliche Untersuchungen dazu. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass das, was ich seit Jahren erlebte, nicht nur Einbildung war. Die Forschung beschreibt heute ziemlich genau, was ich damals einfach gespürt habe: Aufenthalte im Wald können unser Stresssystem beruhigen und sich positiv auf unser Wohlbefinden auswirken.
Genau deshalb berühren mich diese Studien bis heute. Sie haben mir nicht gezeigt, warum ich den Wald suche. Sie haben mir geholfen zu verstehen, warum er mich schon damals gefunden hat.
Heute frage ich mich manchmal, wie gut etwas mehr Natur vielen Krankenzimmern tun würde. Vielleicht nicht als Ersatz für Medizin – aber als Ergänzung für alles, was Heilung ebenfalls braucht.
Viele glauben, dass meine langen Wanderungen eine Flucht aus dem Alltag sind. Für mich ist eher das Gegenteil der Fall.
Zuhause kostet mich der Alltag bereits viel Kraft. Organisieren, Termine, Einkaufen oder Telefonate verlangen meinem Gehirn oft mehr Energie ab, als man von außen vermuten würde.
Wenn ich unterwegs bin, fällt vieles davon weg. Dadurch entsteht etwas, das mir im Alltag oft fehlt: Raum. Raum, um Neues auszuprobieren, Bewegungen bewusst wahrzunehmen und Erfahrungen zu sammeln.
Ich glaube, genau deshalb haben mir meine vielen Kilometer so viel gegeben. Nicht, weil ich möglichst weit gehen wollte, sondern weil ich unterwegs an mir arbeiten kann, ohne gleichzeitig den ganzen Alltag bewältigen zu müssen.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum es mich immer wieder hinauszieht.

So sehr mir die Natur guttut – sie ist nicht das ganze Leben.
Das Leben findet auch in Städten statt. Beim Einkaufen, beim Arzt, in einem Café. Oder auf einem Camino, wenn der Weg durch eine lebendige Altstadt führt.
In den letzten Jahren habe ich größere Städte deshalb immer mehr vermieden. Das war zunächst eine einfache und für mich auch sinnvolle Lösung: Wenn mir etwas so viel Energie nimmt, warum sollte ich mich ihm unnötig aussetzen?
Irgendwann merkte ich aber, dass diese Vermeidung auch eine andere Seite hat. Je weniger ich mich solchen Situationen aussetzte, desto schwieriger wurden sie für mich. Dabei kann ich Städte nicht vollständig aus meinem Leben streichen. Zuhause muss ich zu Terminen, einkaufen oder irgendwo durch die Stadt. Und auch unterwegs führen meine Wege immer wieder durch größere Orte und Städte.
Deshalb versuche ich heute, mich diesen Reizen wieder vorsichtig und dosiert auszusetzen. Nicht um mich zu überfordern und auch nicht, weil ich Städte plötzlich mögen müsste. Sondern weil ich lernen möchte, wieder besser mit ihnen umzugehen.
Früher wollte ich möglichst schnell wieder hinaus. Heute bleibe ich manchmal noch ein paar Minuten länger. Nicht weil es angenehm ist. Sondern weil ich weiß, dass auch diese Minuten zu meinem Weg gehören.
Ich könnte versuchen, all das möglichst zu vermeiden. Das wäre vermutlich der einfachere Weg. Aber ich möchte mein Leben deshalb nicht immer kleiner werden lassen.
Deshalb gehört für mich inzwischen beides zusammen.
Vielleicht zieht es mich deshalb immer wieder in den Wald. Nicht um der Welt zu entkommen. Sondern um Kraft zu sammeln, damit ich ihr wieder begegnen kann. Schritt für Schritt.

Vielleicht besteht mein Weg genau darin.
Auf meinen Körper zu hören. Zu erkennen, was mir guttut. Und gleichzeitig den Mut zu haben, mich immer wieder dorthin zu wagen, wo es etwas schwieriger wird.
Ich werde wahrscheinlich nie der Mensch sein, der stundenlang durch eine Großstadt bummelt. Das muss ich auch gar nicht. Aber wenn ich eines Tages wieder eine Stadt besuchen kann, ohne dass sie mir den ganzen Tag die Energie nimmt, dann ist das für mich ein großes Stück Lebensqualität.
Denn darum geht es mir.
Nicht darum, alles zurückzubekommen.
Sondern wieder mehr am Leben teilnehmen zu können.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Für viele Pilger endet der Camino in Santiago de Compostela.
Für mich nicht.
Natürlich saß auch ich vor der Kathedrale, holte mir die Compostela und erledigte das, was man dort eben erledigt. Doch nach den vielen Tagen auf dem Camino Norte und dem Camino Primitivo fühlte sich Santiago für mich fremd an. Die vielen Menschen, die Geräusche und die Unruhe überforderten mich mehr, als ich erwartet hatte.
Deshalb machte ich mich noch am selben Vormittag wieder auf den Weg.
Mein Ziel war Negreira, die erste größere Station am Camino Finisterre.
Kaum hatte ich die Stadt verlassen und die ersten Wälder erreicht, veränderte sich alles.
Noch einmal konnte ich zurückblicken. In der Ferne war die Kathedrale von Santiago zu sehen. Ein schöner Anblick.
Dann verschwand sie hinter den Bäumen.
Und damit war Santiago für mich auch schon wieder vorbei.
Vor mir lagen noch viele Tage, und vor allem viel Zeit.
Schon vor der Reise hatte ich für den Abschnitt nach Muxía und Finisterre bewusst mehr Zeit eingeplant.
Für die rund 220 Kilometer am Camino Finisterre und bis zurück nach Santiago hatte ich beinahe so viele Tage wie für die ersten 700 Kilometer.
Nicht weil ich langsamer geworden wäre, sondern weil ich spürte, dass ich diese Zeit brauchen würde.
Die vergangenen Wochen hatten viel in mir bewegt.
Der Camino Norte und der Camino Primitivo hatten mir gezeigt, warum das Gehen für mich so wichtig geworden ist.
Nun wollte ich all das ein wenig sacken lassen.
Nicht grübeln. Nicht analysieren.
Einfach Zeit haben.
Zeit zum Schreiben. Zeit zum Schauen. Zeit zum Nachdenken, wenn ein Gedanke auftauchte. Und Zeit, ihn wieder ziehen zu lassen.
Denn viele Erkenntnisse kommen nicht während des Gehens, sondern erst danach.
Der Weg nach Muxía führte durch das grüne Galicien, das ich so sehr schätze.
Wälder. Kleine Dörfer. Schmale Wege.
Und irgendwann dann der erste Blick auf das Meer.
Blauer Himmel. Blaues Wasser. Weite.
Nach den Bergen des Primitivo war das wieder ein völlig anderes Bild.
Ich ging die letzten Kilometer nach Muxía langsam. Fast absichtlich langsam. Nicht weil ich müde gewesen wäre, sondern weil es keinen Grund gab, sich zu beeilen.
In Muxía übernachtete ich in der öffentlichen Herberge. Da diese erst am frühen Nachmittag öffnete, ging ich zunächst hinunter zum Heiligtum am Meer.
Natürlich machte ich die üblichen Fotos. Doch viel wichtiger war mir der Blick hinaus auf den Atlantik. Die Weite. Die Ruhe. Das Rauschen der Wellen.
Große Emotionen spürte ich auch hier nicht.
Eher Zufriedenheit. Eine ruhige Form des Ankommens.
Nach Santiago hatte sich etwas verändert.
Nicht die Landschaft. Nicht die Wege. Sondern mein Blick darauf.
Nach dem Hirnabszess musste ich vieles neu lernen.
Bewegungen. Vertrauen. Den Umgang mit meinem veränderten Gehirn.
Ich musste verstehen, warum mich Städte oft überfordern, besonders diesmal.
Warum ich mich in der Natur so viel wohler fühle. Warum ich stundenlang durch einen Wald gehen kann, während mich eine belebte Fußgängerzone nach kurzer Zeit erschöpft.
Lange glaubte ich, ich müsste mich daran gewöhnen. An die Menschenmengen, an die Geräusche, an den Trubel.
Ich versuchte immer wieder, mich bewusst solchen Situationen auszusetzen.
Irgendwann wurde mir jedoch klar, dass es nicht darum geht, etwas zu erzwingen. Nach dem Hirnabszess funktioniert mein Gehirn anders als früher. Das musste ich erst akzeptieren.
Heute versuche ich nicht mehr, mich unbedingt an Städte und die Unruhe zu gewöhnen. Stattdessen habe ich gelernt, auf das zu hören, was mir guttut.
Und das finde ich meist draußen in der Natur. Auf den Wegen. In den Wäldern.
Auch das war eine Form des Entdeckens.
Die ersten 700 Kilometer war ich vor allem im Gehen. Tag für Tag. Schritt für Schritt. Ganz in meinem Rhythmus.
Jetzt begann ich langsam zu verarbeiten, was diese Zeit eigentlich mit mir gemacht hatte.
Viele Erkenntnisse kamen nicht auf dem Weg, sondern während ich auf das Meer schaute. Während ich schrieb. Während ich durch Finisterre spazierte. Oder einfach in einem Café saß.
Immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage: Warum ist das Gehen für mich eigentlich so wichtig geworden?
Und damit verbunden eine andere: Muss ich wirklich jeden Tag vierzig oder fünfzig Kilometer gehen?
Oder geht es um etwas anderes?
Vielleicht nicht um die Kilometer, sondern um die Zeit draußen.
Um die Bewegung, um die Ruhe, um den Rhythmus.
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass mich nicht die Distanz glücklich macht.
Die Kilometer sind oft nur das Ergebnis, nicht das Ziel.
Gleichzeitig tauchte immer wieder eine Frage auf, die mich wohl noch länger begleiten wird:
Was passiert eines Tages, wenn ich nicht mehr so viel gehen kann?
Oder vielleicht gar nicht mehr?
Nach dem Hirnabszess weiß ich, dass solche Gedanken keine Theorie sind. Ich habe erlebt, wie schnell sich ein Leben verändern kann.
Vielleicht denke ich deshalb öfter darüber nach als andere Menschen.
Nicht aus Angst, sondern aus Erfahrung.
Vielleicht waren die Tage zwischen Muxía, Finisterre und dem Rückweg nach Santiago deshalb so wertvoll für mich.
Nicht weil dort das Ende der Welt liegt.
Sondern weil ich dort erstmals Zeit hatte, all das zu verstehen, was die ersten 700 Kilometer in mir ausgelöst hatten.
Es geht nämlich nicht um Gehen, sondern um in Bewegung bleiben.
Auf dem Camino Finisterre beschäftigte mich noch ein anderer Gedanke.
Vor einigen Jahren war ich auf der Via de la Plata unterwegs. Damals wollte ich ursprünglich bis zum nördlichsten Punkt Spaniens gehen. Kurz vor Santiago entschied ich mich anders.
Ich bog nach Finisterre ab. Im Nachhinein war das eine wichtige Entscheidung. Denn damals merkte ich, dass dieser Wunsch vor allem aus meinem Ego kam.
Ich wollte einen Punkt erreichen. Etwas schaffen. Etwas abhaken.
Diesmal stellte sich eine ähnliche Frage.
Warum wollte ich unbedingt den westlichsten Punkt Spaniens besuchen?
War das wieder mein Ego oder etwas anderes?
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass es diesmal nicht um den Punkt auf der Landkarte ging. Sondern um den Weg dorthin.
Ich verließ den bekannten Camino und stellte mir meine eigene Route zusammen. Plötzlich war da wieder dieses Gefühl des Entdeckens.
Nicht zu wissen, was hinter der nächsten Kurve kommt. Nicht genau zu wissen, wie der Weg verlaufen würde.
Und genau das machte den Reiz aus.
Nicht der westlichste Punkt Spaniens, sondern das Abenteuer eines neuen Weges.

Schon als Kind wollte ich Entdecker werden. Damals dachte ich an ferne Länder und Abenteuer. Heute sieht dieses Entdecken anders aus.
Ich entdecke Wege. Landschaften. Gedanken. Und manchmal entdecke ich auch mich selbst.
Vielleicht ist genau diese Neugierde etwas, das ich niemals verlieren möchte.
Die Neugierde auf das Leben. Die Neugierde auf neue Wege. Auf neue Erfahrungen. Auf neue Gedanken.
Denn hätte ich diese Neugierde verloren, dann wäre für mich etwas Wesentliches verloren gegangen.
Vielleicht sogar ein Teil dessen, was meinem Leben Sinn gibt.
Auf dem Weg zum westlichsten Punkt Spaniens traf ich eine 68-jährige Amerikanerin.
Sie war mit Zelt unterwegs und wanderte direkt entlang der Küste.
Ihr Rucksack war riesig. Fast so groß wie sie selbst. Wir kamen ins Gespräch, mitten auf der Straße ans Kap Touriñán.
Sie erzählte mir von der vergangenen Nacht.
Es hatte stark geregnet. So stark, dass rund um ihr Zelt und sogar drinnen alles unter Wasser gestanden war.
Nun genoss sie die ersten Sonnenstrahlen des Tages.
Zunächst hielt sie mich für einen Tageswanderer. Mein Rucksack war klein.
Erst als ich erzählte, dass ich bereits seit vielen Wochen unterwegs war und von Bilbao bis hierher zu Fuß gegangen war, wurde sie neugierig.
Besonders erstaunte sie meine Ausrüstung.
Ich hatte keinen großen Trekkingrucksack. Kein Zelt. Und war dennoch für Übernachtungen im Freien vorbereitet.
Mit Biwaksack. Isomatte. Eine Daunenjacke. Und dem Nötigsten für unterwegs.
Mein gesamter Rucksack wog mit Wasser und Essen selten mehr als fünf Kilogramm.
Ihrer vermutlich das Dreifache.
Mehrmals betrachtete sie meinen Rucksack und meinte lachend, dass sie ihre Ausrüstung wohl noch einmal überdenken müsse.
Nach etwa einer halben Stunde trennten sich unsere Wege wieder.
Wie so oft auf dem Camino.
Doch die Begegnung blieb mir in Erinnerung.
In Finisterre nahm ich mir erstmals bewusst Zeit. Drei Tage blieb ich dort.
Ich ging hinaus zum Kap. Schaute auf den Atlantik. Verfolgte die Sonnenuntergänge. Saß in Cafés. Schrieb. Spazierte durch den Ort.
Und tat vor allem eines:
Nicht viel.
Aber diesmal war das nicht wichtig.
Es ging nicht ums Weiterkommen. Nicht um die nächste Herberge. Nicht um die nächste Etappe.
Sondern einfach darum, dort zu sein.
Das tat mir gut.
Dass ich anschließend wieder nach Santiago zurückging, hatte mehrere Gründe.
Zum einen gefiel mir der Gedanke.
Früher endeten Pilgerwege nicht in Santiago.
Die Menschen gingen anschließend wieder nach Hause.
Zu Fuß.

Natürlich waren meine wenigen Tage zurück nach Santiago nicht mit den Rückwegen der mittelalterlichen Pilger vergleichbar.
Und trotzdem mochte ich diesen Gedanken. Der Camino war für mich noch nicht ganz zu Ende.
Ein weiterer Grund war die Sonne.
Von Bilbao bis Finisterre hatte ich sie fast immer im Rücken oder seitlich neben mir. Über viele Wochen war ich Richtung Westen gegangen.
Nun drehte ich um.
Und ging der Sonne entgegen.
Es klingt nach einer Kleinigkeit.
Doch wenn man viele Stunden am Tag unterwegs ist, verändert das die Wahrnehmung.
Die Schatten lagen anders. Die Landschaft wirkte anders. Selbst bekannte Wege bekamen eine neue Wirkung.
Ich ging nicht denselben Weg zurück.
Ich sah denselben Weg aus einer anderen Perspektive.
Nach drei ruhigen Tagen in Finisterre machte ich mich langsam auf den Rückweg nach Santiago.
Die erste Etappe führte mich nur etwa fünfzehn Kilometer weit zu einer kleinen Donativo-Herberge.
Einer jener Orte, die vom Engagement der Menschen leben und oft eine besondere Atmosphäre haben.
Auch dieser Aufenthalt blieb mir in guter Erinnerung.
Auf dem weiteren Weg fiel mir etwas auf. Plötzlich kamen mir ständig Menschen entgegen. Die meisten Pilger gehen nach Finisterre und fahren anschließend mit dem Bus zurück.
Ich war einer der wenigen, die wieder nach Santiago gingen.
Dadurch begegnete ich den ganzen Tag Menschen, die Richtung Meer gingen.
Immer wieder.
Und irgendwann wurde selbst das Grüßen anstrengend.
Viele waren Touristen, viele Spanier. Viele grüßten überhaupt nicht zurück.
Oft war gar nicht klar, wer Pilger und wer Urlauber war.
Ich ertappte mich dabei, wie ich irgendwann nur noch jene grüßte, die offensichtlich schon länger unterwegs waren.
Vielleicht war das ein Zeichen dafür, wie sehr ich mich an die Ruhe der vergangenen Wochen gewöhnt hatte.
An das Alleinsein. An die stillen Stunden auf den Wegen.
Als ich schließlich wieder Santiago erreichte, fühlte es sich anders an als einige Tage zuvor.
Ruhiger.
Leichter.
Abgeschlossener.
Nicht weil ich angekommen war. Sondern weil ich unterwegs Zeit gehabt habe.
Der Camino Norte hatte mich zurück auf den Weg gebracht.
Der Camino Primitivo zurück zu meinem Rhythmus.
Und irgendwo zwischen Muxía, Finisterre und dem Atlantik begann ich zu verstehen, warum das Gehen für mich überhaupt so wichtig geworden ist.
Vielleicht war genau das das eigentliche Geschenk dieser letzten Tage.
Nicht das Ende der Welt. Nicht das Meer. Nicht die Kilometer.
Sondern die Zeit.
Die Zeit, all das zu begreifen, was die ersten 700 Kilometer in mir ausgelöst hatten.

Denn das Wandern wie das Leben stehen für Wandel. Vieles von dem, was ich heute über mich weiß, habe ich nicht in Büchern gelernt, sondern auf den Wegen. Vielleicht war es deshalb so wichtig, dass der Camino für mich nicht in Santiago endete.
Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass ich noch immer neugierig bin.
Auf neue Wege. Auf neue Erfahrungen. Und auf das Leben selbst.
Mein Camino Norte/Primitivo/Finisterre in vier Teilen:
Zwischen Gehen und Nichtgehen – 900 Kilometer am Camino Primitivo
Camino Finisterre / siehe oben
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Als ich schließlich Oviedo erreichte, den eigentlichen Startpunkt meines Camino Primitivo, war es bereits früher Abend.
Hinter mir lagen mehr als 370 Kilometer am Camino Norte. Eigentlich hätte mein Camino hier erst beginnen sollen. Zumindest laut ursprünglichem Plan. Doch mittlerweile war ich schon viele Tage unterwegs und spürte, wie gut mir das Gehen tat.
Gleichzeitig merkte ich aber auch, dass mir die Stadt nicht guttat.
Seit dem Hirnabszess fehlen mir jene Filter, mit denen andere Menschen Reize ausblenden können. Menschen, Geräusche, Bewegungen und Eindrücke prasseln oft ungefiltert auf mich ein. Mal stärker, mal schwächer.
Vielleicht treffe ich deshalb manche Entscheidungen sehr kurzfristig. Nicht weil ich sprunghaft bin, sondern weil ich oft erst im Moment spüre, was mir guttut und was nicht.
Nach vielen Tagen auf Wegen, durch Wälder und über Hügel zog es mich nicht in Straßen, Geschäfte oder Sehenswürdigkeiten. Ich wollte eigentlich nur noch meine Ruhe haben.
In der öffentlichen Herberge wartete zunächst eine kleine Geduldsprobe. Obwohl nur wenige Pilger vor mir standen, dauerte das Einchecken beinahe eine Stunde. Der Hospitalero war freundlich, aber alles lief in einem erstaunlich langsamen Tempo ab. Informationen wurden immer wieder neu erklärt, Dokumente mehrfach kontrolliert und jeder einzelne Schritt schien länger zu dauern als nötig.

Nach fast fünfzig Kilometern kann eine Stunde Warten erstaunlich lang werden.
Irgendwann erhielt ich mein Bett, zog mich zurück und freute mich auf den nächsten Morgen.
Denn am nächsten Tag würde der Camino Primitivo beginnen.
Jener Weg, auf den ich mich schon lange gefreut hatte.
Wie meistens war ich früh unterwegs.
Sehr früh.
Zum Frühstück hatte ich nicht mehr viel. Deshalb hoffte ich darauf, unterwegs eine offene Bar zu finden.
Als ich die Herberge verließ, war es noch dunkel.

Eigentlich hätte das der große Moment sein können.
Der erste Morgen am Camino Primitivo.
Doch die Realität sah etwas anders aus.
Die ersten Kilometer durch Oviedo waren überraschend anspruchsvoll. Nicht wegen der Strecke, sondern wegen der Orientierung. Ich hatte genug damit zu tun, den richtigen Weg aus der Stadt zu finden.
Dadurch blieb wenig Raum für große Gedanken.
Der Übergang vom Camino Norte zum Camino Primitivo verlief deshalb erstaunlich unspektakulär.


Erst kurz vor dem Stadtrand fand ich eine offene Bar. Dort gönnte ich mir ein Frühstück. Als ich wenig später Oviedo hinter mir ließ, war es bereits hell.
Eigentlich war Oviedo eine jener Städte gewesen, die ich schon lange einmal besuchen wollte.
Trotzdem hatte ich mich bewusst dagegen entschieden.
Städte überfordern mich oft.
Viele Menschen, viele Reize, viel Bewegung auf engem Raum kosten mich deutlich mehr Energie als lange Stunden allein auf einem Weg.
Während andere vielleicht einen zusätzlichen Tag geblieben wären, freute ich mich vor allem darauf, wieder draußen unterwegs zu sein.
Dort, wo es ruhiger wurde.
Dort, wo der Weg begann.
Das eigentliche Gefühl, am Camino Primitivo angekommen zu sein, stellte sich erst etwas später ein.
Irgendwann verließ der Weg die breiteren Abschnitte und führte auf schmale Waldpfade.
Singletrails. Wald. Hügel. Natur.
Plötzlich hatte ich das Gefühl:
Ja.
Genau so hatte ich mir den Camino Primitivo vorgestellt.
Der Unterschied zum Norte wurde schnell spürbar.
Weniger Asphalt.
Mehr Wald.
Mehr Wege.
Mehr Natur.
Dazu kamen die Morgenstunden.
Oft lagen Nebelschwaden zwischen den Bäumen. Nach regnerischen Nächten hing die Feuchtigkeit noch in der Luft. Manchmal schien bereits die Sonne durch den Nebel hindurch.
Es wirkte beinahe gespenstisch und gleichzeitig wunderschön.
Besonders fiel mir die Stille auf.
Am Camino Norte war oft irgendwo die Autobahn hörbar gewesen.
Hier hörte ich plötzlich Vögel. Wind. Und manchmal gar nichts.
Genau das hatte ich gesucht.
Mit der Zeit stellte sich ein ganz eigener Rhythmus ein.
Fast jeder Tag begann gleich.
Ich stand früh auf.
Sehr früh.
Wenn andere noch schliefen oder gerade ihre Rucksäcke packten, war ich meist schon unterwegs.
Dabei war mir eines wichtig:
Ich wollte niemanden stören.
Wer schon einmal in einer Pilgerherberge geschlafen hat, kennt das Problem. Manche stehen lange vor Sonnenaufgang auf und beginnen dann mitten im Schlafsaal ihre Ausrüstung zu sortieren. Raschelnde Plastiksäcke, Reißverschlüsse, Stirnlampen und das unvermeidliche Kramen im Rucksack können einen ganzen Raum aufwecken.
Genau das wollte ich vermeiden.
Deshalb packte ich meinen Rucksack bereits am Abend fast vollständig.
Alles hatte seinen Platz.
Bis auf den Schlafsack und die Kleidung für den Tag war bereits alles verstaut.
Wenn ich morgens aufwachte, musste ich nur noch meinen Schlafsack zusammennehmen, den Rucksack schultern und den Schlafraum verlassen.
Das dauerte oft keine Minute.
Draußen suchte ich mir dann einen Platz in einem Aufenthaltsraum, unter einem Vordach oder irgendwo vor der Herberge.
Erst dort packte ich meinen Schlafsack ein, zog mich fertig an und bereitete mich auf den Tag vor.
Dadurch konnte ich früh losgehen, ohne andere Pilger aus dem Schlaf zu reißen.
Und gleichzeitig begann mein Tag genau so, wie ich es mochte:
Ruhig, ohne Hektik und ohne Lärm.
Oft ging ich noch eine halbe Stunde oder länger in völliger Dunkelheit dahin.
Dadurch gehörten mir die ersten Stunden des Tages fast immer allein.
Kein Gedränge. Keine Gespräche. Keine Hektik.
Nur der Weg. Die Wälder. Die Vögel.
Und das langsame Erwachen des Tages.
Diesmal war ich nicht nach Spanien gekommen, um möglichst viele Menschen kennenzulernen.
Ich wollte etwas anderes.
Ruhe.
Nach den vergangenen Monaten hatte ich das Gefühl, genau das zu brauchen.
Weniger Reize.
Weniger Ablenkung.
Weniger Lärm.
Der Camino Primitivo schien mir genau das zu geben.
Eigentlich hatte ich erwartet, dass der Camino Primitivo deutlich ruhiger sein würde als der Norte.
Diese Hoffnung erfüllte sich nur teilweise.
Die Herbergen waren oft voll.
Manche sogar überfüllt.
Immer wieder musste ich überlegen, ob ich reservieren sollte.
Etwas, das ich bis heute nicht besonders gerne tue.
Und trotzdem erlebte ich den Camino als erstaunlich einsam.
Im Rückblick wurde mir klar:
Der Camino war gar nicht besonders einsam.
Die Herbergen waren voll.
Viele Menschen waren unterwegs.
Reservierungen wurden oft notwendig.
Und trotzdem verbrachte ich die meiste Zeit allein.
Nicht weil der Camino leer gewesen wäre, sondern weil mein Rhythmus ein anderer war.
Wenn andere noch schliefen, war ich bereits unterwegs.
Wenn viele ihre Tagesetappe beendet hatten, ging ich oft noch weiter.
Dadurch bewegte ich mich zeitlich irgendwie zwischen den Pilgerströmen.
Vielleicht war der Camino deshalb für mich so ruhig.
Nicht weil wenige Menschen dort waren.
Sondern weil ich zu einer anderen Zeit unterwegs war als die meisten anderen.
Mir ist bewusst, dass viele meiner Entscheidungen für andere schwer nachvollziehbar sind.
Warum ich oft vierzig oder fünfzig Kilometer gehe.
Warum ich weitergehe, obwohl ich auch früher aufhören könnte.
Warum ich Städte wieder verlasse.
Warum ich lieber stundenlang durch einen Wald gehe, als einen Nachmittag in einer belebten Altstadt zu verbringen.
Seit meinem Hirnabszess habe ich gelernt, genauer auf mich zu hören.
Nicht auf das, was man tun sollte, sondern auf das, was ich brauche.
Und dabei habe ich festgestellt, dass meine Antworten oft anders ausfallen als die vieler anderer Menschen.
Der Weg gibt mir Energie.
Menschenmengen kosten mich oft Energie.
Ruhe gibt mir mehr als Unterhaltung.
Weitergehen fühlt sich oft richtiger an als Bleiben.
Vielleicht war der Camino Primitivo deshalb genau der richtige Weg zur richtigen Zeit.
In den letzten Monaten wurde mir immer klarer, dass Bewegung für mich weit mehr ist als Sport.
Es geht nicht um Leistung.
Nicht um Trainingspläne.
Nicht um Rekorde.
Es geht um etwas viel Grundsätzlicheres.
Es geht darum, ein Leben zu erhalten, das ich heute noch führen kann.
Vielleicht fällt es vielen Menschen schwer nachzuvollziehen, warum mir das Gehen so wichtig geworden ist.
Die Antwort liegt wahrscheinlich dort, wo alles begann.
Nach meinem Hirnabszess lag ich gelähmt im Bett.
Meine Arme konnte ich ein wenig bewegen.
Das war alles.
Für vieles andere brauchte ich Hilfe.
Pfleger und Krankenschwestern mussten mich auf die Seite drehen.
Mussten mir helfen, mich zum Essen aufzurichten.
Mussten Dinge für mich übernehmen, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind.
Damals ging es nicht darum, fünfzig Kilometer am Tag zu gehen.
Es ging darum, überhaupt wieder gehen zu können.
Zunächst ein paar Schritte.
Nach 5 Monaten allein aufs WC zu kommen.
Ein Stück Eigenständigkeit zurückzugewinnen.
Von dort komme ich her.
Vielleicht vergesse ich deshalb nie, wie schmal der Grat eigentlich ist.
Viele Menschen erleben ihr heutiges Leben als selbstverständlich.
Ich kann das nicht.
Ich habe erlebt, wie schnell sich alles verändern kann.
Wie schnell Fähigkeiten verloren gehen können.
Wie schnell aus Selbstständigkeit Abhängigkeit werden kann.
Deshalb gehe ich nicht, um jemandem etwas zu beweisen.
Ich gehe nicht, um Rekorde aufzustellen.
Und ich gehe auch nicht, weil mich irgendwelche Kilometerzahlen besonders interessieren.
Ich gehe, weil ich heute noch gehen kann.
Nicht, weil ich gesund bin, sondern weil ich weiß, dass mein Körper das Gehen nicht einfach bewahrt.
Wenn ich mich ein oder zwei Tage kaum bewege, merke ich bereits, wie Kraft, Gleichgewicht und Sicherheit nachlassen.
Deshalb fühlt sich der Pflegefall für mich nicht wie eine ferne Möglichkeit an.
Sondern wie etwas, das ich jeden Tag aufs Neue auf Abstand halte.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Erfahrung.
Genau deshalb bedeutet mir jeder Tag, an dem ich unterwegs sein kann, so viel.
Jeder Tag, an dem ich durch einen Wald gehen kann.
Jeder Tag, an dem ich einen Berg hinaufsteigen kann.
Jeder Tag, an dem ich abends müde in einer Herberge ankomme.
Unterwegs spüre ich das besonders deutlich.
Da gehe ich. Jeden Tag und viele Stunden.
Und mit jedem Tag entsteht etwas, das mir im Alltag oft verloren geht.
Ein Rhythmus.
Ein Gleichgewicht.
Ein Gefühl von Stabilität.
Vielleicht gehe ich deshalb so viel.
Nicht um irgendwo anzukommen.
Sondern weil ich dieses Leben, das ich heute führen kann, so lange wie möglich bewahren möchte.
Weil ich weiß, dass nichts davon selbstverständlich ist.
Und weil jeder einzelne Schritt für mich noch immer ein kleines Wunder ist.

Viele Menschen lesen von meinen langen Etappen.
Von vierzig, fünfzig oder mehr Kilometern am Tag.
Und vermutlich entsteht dabei ein bestimmtes Bild.
Dass ich wieder gesund sein muss.
Dass die Geschichte mit dem Hirnabszess zwar schlimm war, aber letztlich überwunden ist.
Dass alles wieder funktioniert.
Doch so einfach ist es nicht.
Meine Behinderungen sieht man nicht.
Man sieht keinen Rollstuhl.
Keine Krücken.
Keinen Gips.
Kein offensichtliches Zeichen.
Man sieht jemanden, der geht.
Und vielleicht sogar jemanden, der sehr weit geht.
Was man nicht sieht, ist alles andere.
Man sieht nicht, wie viel Energie mich manche Situationen kosten.
Man sieht nicht, warum mich Städte oft überfordern.
Man sieht nicht, warum ich Menschenmengen vermeide.
Man sieht nicht, warum ich morgens lieber allein durch einen Wald gehe als durch eine belebte Altstadt.
Man sieht nicht, warum ich nach einer Stunde in einer Menschenmenge oft erschöpfter bin als nach vielen Kilometern auf einem Bergweg.
Und man sieht auch nicht, wie viel Konzentration in manchen Dingen steckt, die für andere selbstverständlich sind.
Vielleicht gehe ich deshalb so viel.
Nicht weil ich gesund bin, sondern weil ich es nicht bin.
Das Gehen ist für mich kein Beweis dafür, dass alles wieder gut geworden ist.
Es ist ein Teil meines Lebens mit den Folgen des Hirnabszesses.
Ein Teil dessen, was mir hilft, selbstständig zu bleiben.
Ein Teil dessen, was mir hilft, mein Gleichgewicht zu halten.
Viele Menschen sehen die fünfzig Kilometer.
Ich sehe den Mann, der einmal gelähmt im Bett lag.
Der seine Arme nur ein wenig bewegen konnte.
Der darauf angewiesen war, dass ihn andere auf die Seite drehten.
Der lernen musste, wieder aufzustehen.
Wieder zu gehen.
Wieder selbstständig zu werden.
Vielleicht wirken vierzig oder fünfzig Kilometer deshalb auf andere Menschen anders als auf mich.
Viele sehen darin Leistung.
Ich sehe darin vor allem die Möglichkeit, etwas zu erhalten, das ich beinahe verloren hätte.
Selbstständigkeit.
Beweglichkeit.
Freiheit.
Vielleicht beschäftigt mich deshalb noch etwas anderes.
Vor wenigen Jahrzehnten hätte ich meinen Hirnabszess vermutlich nicht überlebt.
Heute kann die Medizin vieles möglich machen.
Sie rettet Leben.
Doch die eigentliche Frage beginnt oft erst danach.
Wie lebt man weiter?
Wie findet man seinen Platz wieder?
Wie geht man mit Einschränkungen um, die andere Menschen oft gar nicht sehen?
Ich habe darauf keine allgemeingültige Antwort gefunden.
Aber ich habe für mich einen Weg gefunden.
Ich gehe.
Nicht weil dadurch alles gut wird.
Nicht weil meine Behinderung verschwindet.
Sondern weil ich unterwegs spüre, dass dieses Leben trotz allem lebenswert ist.
Vielleicht suche ich deshalb immer wieder die Weite.
Die langen Wege.
Die Berge.
Nicht um etwas hinter mir zu lassen.
Sondern um dieses Leben, das mir geblieben ist, möglichst bewusst zu leben.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum mir diese langen Wege so viel bedeuten.
Nicht weil ich vor etwas davonlaufe.
Nicht weil ich etwas beweisen möchte.
Sondern weil ich jeden Tag, an dem ich noch unterwegs sein kann, als Geschenk empfinde.

Eine Frage bekomme ich immer wieder gestellt:
“Hörst du eigentlich Musik oder Podcasts, wenn du zehn oder zwölf Stunden unterwegs bist?”
Die Antwort lautet:
Nein.
Am gesamten Camino Primitivo und auch sonst nie, habe ich kein einziges Mal Musik gehört.
Keinen Podcast.
Kein Hörbuch.
Keine Kopfhörer.
Interessanterweise war das nicht immer so.
Als ich nach meinem Hirnabszess wieder gehen lernte, hörte ich zeitweise durchaus Musik.
Damals half mir das sogar und war Teil der Therapie.
Ich bin stark im Single-Tasking, Multi-Tasking geht gar nicht.
Meine Aufmerksamkeit lag ständig auf meinen Beinen, auf den Bewegungen und auf jedem einzelnen Schritt.
Die Musik lenkte einen Teil dieser Aufmerksamkeit weg.
Es war der Versuch, dass Gehen mit der Zeit automatischer zu machen.
Heute ist das anders.
Mittlerweile bin ich über 65.000 Kilometer zu Fuß gegangen.
Ich suche diese Ablenkung nicht mehr.
Im Gegenteil.
In der Natur möchte ich die Natur hören.
Den Wind.
Die Vögel.
Den Regen.
Und manchmal einfach die Stille.

Nach vielen ruhigen Tagen kam plötzlich eine Begegnung, die mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.
Wie meistens war ich früh unterwegs.
Zwischen den Bäumen hingen dichte Nebelschwaden.
Es war starkes Nebelreißen.
Eigentlich regnete es nicht.
Und trotzdem war alles feucht.
Die Luft war nass.
Fast so, als würde man mitten durch eine Wolke gehen.
Nach elf Kilometern erreichte ich ein Dorf und frühstückte dort.
Kaffee.
Toast.
Marmelade.
Mein Standardfrühstück.
Als ich das Dorf verließ, standen vor einer Herberge sechs oder sieben Mountainbiker.
Ich grüßte kurz und ging weiter.
Einige Kilometer später überholten sie mich.
Da bemerkte ich auch, dass es E-Bikes waren.
Mein erster Gedanke:
Die sehe ich jetzt vermutlich nicht mehr wieder.
Doch genau das Gegenteil passierte.
Schon beim nächsten Anstieg holte ich sie wieder ein.
Der Weg wurde steiler.
Felsiger.
Technischer.
Mehrere mussten ihre Räder schieben.
Und plötzlich war ich zu Fuß schneller.
Wir grüßten uns.
Wir lachten.
Dann ging jeder weiter.
Kurz darauf überholten sie mich wieder.
Und so begann ein kleines Spiel, das uns den ganzen Tag begleiten sollte.
Sie überholten mich.
Dann überholte ich sie.
Dann wieder sie mich.
Dann wieder ich sie.
Je öfter das passierte, desto lustiger wurde es.
Als sie mich etwa einen Kilometer vor der Herberge ein letztes Mal überholten, mussten wir alle herzlich lachen.
Fast neun Stunden und 45 km waren vergangen.
Sie auf ihren E-Bikes.
Ich zu Fuß.
Und trotzdem waren wir praktisch gleich schnell gewesen.
Es war einer jener kleinen Camino-Momente, die man nicht planen kann.
Und gerade deshalb bleiben sie in Erinnerung.
Für viele ist es die Königsetappe des Camino Primitivo, die Route de Hospitales.
Und ich wollte sie an einem Tag gehen und die nächste Etappe gleich dazu. 2.000 Höhenmeter im Auf- und im Abstieg.
Bereits am Vorabend hatte ich mich vorbereitet.
Kaffee.
Brot.
Avocado.
Denn ich wusste, dass lange Zeit nichts kommen würde.
Noch im Dunkeln brach ich auf.
Zunächst über Asphalt.
Dann bog der Weg in die Berge ab.
Ich entschied mich bewusst für die direkte Route über die Höhenzüge.
Nicht weil sie schwieriger war.
Sondern weil ich über die Berge gehen wollte.
Je höher ich kam, desto mehr erinnerte mich die Landschaft an Zuhause.
An die Pack und Koralm.
An kleine Almen.
An offene Höhenzüge.
Das Wetter hätte schöner kaum sein können.
Blauer Himmel.
Sonne.
Klare Sicht.
Ein Traumtag.
Besonders beeindruckten mich die verbrannten Wälder.
Soweit der Blick reichte, standen schwarze Baumstämme in der Landschaft.
Zeugen der großen Brände des Vorjahres.
Und gleichzeitig wuchs darunter bereits wieder dichtes Grün.
Zerstörung und Hoffnung lagen unmittelbar nebeneinander.
Oben auf den Höhenzügen öffneten sich weite Ausblicke.
Genau diese Weite tat mir gut.
Von dort oben wirkte vieles ruhiger.
Freier.
Einfacher.
Der höchste Punkt selbst ging beinahe unbemerkt vorbei.
Kein Gipfel.
Kein großer Moment.
Eher ein langgezogenes Plateau.
Irgendwann war ich oben.
Ohne es wirklich zu merken.
Am Abend erreichte ich den Salime-Stausee im strömenden Regen, nach durchgehend 1.000 Höhenmeter Abstieg.
Im nahegelegenen Hotel Las Grandas gönnte ich mir ein Einzelzimmer, dass zum Glück recht günstig war.
Interessanterweise fühlte ich mich gar nicht besonders müde.
Aber kein Stolz und keine großen Emotionen.
Nur das Gefühl, dass mir dieser Tag unglaublich gutgetan hatte.

Nach zwei weiteren Etappen erreichte ich Lugo.
Eigentlich hatte ich darüber nachgedacht, kürzere Etappen zu gehen.
Nicht langsamer.
Einfach weniger weit.
Doch wenn man von früh bis spät gerne unterwegs ist, kommen die Kilometer irgendwann von selbst zusammen.
Lugo war eine Ausnahme.
Nicht weil ich eine Pause brauchte.
Sondern weil mich die Geschichte interessierte.
Ein guter Freund sammelt seit Jahren römische Münzen und hat mir immer wieder Geschichten über Kaiser, Machtkämpfe und die Römerzeit erzählt.
Dadurch wurde Lugo plötzlich interessant.
Augustus.
Hadrian.
Die Stadtmauer.
Die Geschichte.
Also blieb ich einen Tag.
Besuchte das Museum.
Ging auf der berühmten Stadtmauer spazieren.
Und tauchte für einen Tag in die Vergangenheit ein.
Natürlich nahm ich mir wieder ein Einzelzimmer.
Nicht weil ich Menschen nicht mochte.
Sondern weil ich Ruhe brauchte.
Ruhe war auf diesem Camino kein Luxus.
Sie war ein wichtiger Teil dessen, warum mir dieser Weg so guttat.
Nach Lugo veränderte sich der Camino.
Für fast zwanzig Kilometer gab es weder Café noch Herberge.
Nur einen Automaten.
Dort drückte ich mir einen Kaffee heraus und aß dazu meine eigenen Vorräte.
Dazu kam das Wetter.
Immer wieder zogen Regenschauer durch.
Wenn es zu regnen begann, blieb der Schirm oft lange geöffnet.
Dann wurde es wieder trocken.
Dann begann alles von vorne.
Regen.
Sonne.
Wolken.
Wieder Regen.
Fünfzehn Mal.
Vielleicht zwanzig Mal.
Irgendwann hörte ich auf mitzuzählen.
Der Regen war längst Teil des Caminos geworden.
Genau wie die Wälder.
Die Hügel.
Und die langen Tage unterwegs.
Unterwegs spielte ich immer wieder mit verschiedenen Möglichkeiten.
Vielleicht schon früher wo bleiben.
Vielleicht doch bis Melide gehen.
Mit jedem Kilometer wurde jedoch klarer, dass ich weitergehen würde.
Schließlich erreichte ich Melide.
Jenen Ort, an dem der Camino Primitivo auf den Camino Francés trifft.
Damit war auch klar, dass von nun an deutlich mehr Pilger unterwegs sein würden.
Nach Melide veränderte sich die Stimmung am Camino spürbar.
Plötzlich waren deutlich mehr Menschen unterwegs.
Viele davon gingen nur die letzten hundert Kilometer bis Santiago.
Entsprechend voll wirkten die Wege am Morgen.
Noch im Dunkeln verließ ich Melide.
Gleich hinter dem Ort führte der Weg steil bergab.
Schotter.
Einige Felsen.
Nichts Schwieriges.
Trotzdem merkte man sofort, dass viele Pilger erst seit wenigen Tagen unterwegs waren.
Manche hatten nicht einmal eine Stirnlampe dabei und tasteten sich vorsichtig den Hang hinunter.
Nach den vielen Tagen am Primitivo wirkte das fast ungewohnt.
Trotz der vielen Menschen blieb mein eigener Rhythmus erstaunlich unverändert.
Während viele gegen Mittag ihre Tagesetappe beendeten, ging ich meist weiter.
Und so wurde es ab dem frühen Nachmittag wieder ruhig.
Fast so, als würde sich der Camino erneut leeren.
Als ich ankam, war die Herberge zunächst noch geschlossen.
Ein Zettel kündigte an, dass die Hospitalera bald kommen würde.
Also setzte ich mich hin und wartete.
Kurz darauf stürmte eine größere Gruppe herein.
Viel Aufregung.
Viel Telefonieren.
Viel Diskussion.
Als die Hospitalera schließlich aufschloss, drängte sich die Gruppe sofort nach vorne.
Mir war es egal.
Ich wartete einfach.
Nach einigen Minuten stellte sich heraus, dass sie in der falschen Unterkunft gelandet waren.
Sie hatten reserviert und mussten zu einem anderen Gebäude weiter unten.
Kurz darauf waren sie wieder verschwunden.
Dann war ich an der Reihe.
Die Hospitalera war ausgesprochen freundlich.
Während sie meine Daten aufnahm, öffnete sie eine Schachtel mit Keksen und reichte mir einen davon.
Eine kleine Geste.
Aber genau solche Kleinigkeiten bleiben oft in Erinnerung.
Insgesamt waren wir nur sechs Pilger in einer Herberge für rund vierzig Personen.
Nach all den vollen Herbergen der vergangenen Wochen fühlte sich das fast unwirklich an.
Am Abend ging ich noch einmal hinaus.
Die Sonne stand bereits tief.
Monte do Gozo bedeutet übersetzt „Berg der Freude“.
Hier oben stehen die bekannten Figuren, die hinunter nach Santiago blicken.
Zur Kathedrale.
Zum Ziel.
Es war nicht das erste Mal, dass ich dort oben stand.
Und trotzdem berührte mich dieser Moment wieder.
Schon vor Jahrhunderten standen Pilger an genau dieser Stelle.
Und blickten zum ersten Mal auf Santiago.
Genau wie ich.
Dieser Gedanke gefiel mir.
Morgen würde ich dort ankommen.
Heute genügte es, einfach hier oben zu stehen und zu schauen.
Am nächsten Morgen ging ich los.
Nicht ganz so früh wie sonst.
Nach wenigen Kilometern frühstückte ich noch einmal.
Dann erreichte ich den Platz vor der Kathedrale.
Viele Pilger kamen an.
Manche umarmten sich.
Andere weinten.
Wieder andere machten Fotos mit ihrer Compostela.
Ich setzte mich einfach hin.
Und schaute.
Natürlich dachte ich an die vergangenen Wochen.
An die Berge.
Den Regen.
Die Wälder.
Die langen Tage.
Doch Santiago selbst fühlte sich nicht wie das eigentliche Ziel an.
Vielleicht weil das Geschenk dieses Caminos längst unterwegs passiert war.
In den stillen Morgenstunden.
Im Gehen.
Im eigenen Rhythmus.
Später ging ich zum Pilgerbüro.
Die Compostela wollte ich mir natürlich trotzdem holen.
Draußen warteten bereits viele Menschen.
Ich bekam die Nummer 18.
Eigentlich keine große Sache.
Und trotzdem merkte ich schon draußen, dass etwas nicht stimmte.
Immer wieder musste ich kurz Abstand gewinnen.
Je weiter die Schlange ins Gebäude hineinführte, desto schwieriger wurde es.
Zu viele Menschen.
Zu wenig Raum.
Zu viele Geräusche.
Zu viele Eindrücke.
Alles in mir wollte eigentlich nur noch eines:
Hinaus.
Heute weiß ich, dass ich genau das hätte tun sollen.
Ich hätte auf die Compostela verzichten sollen.
Nicht weil sie unwichtig ist.
Sondern weil ich längst gespürt hatte, was ich in diesem Moment gebraucht hätte.
Doch ich blieb.
Holte die Urkunde.
Und bezahlte dafür einen Preis.
Selbst Stunden später war ich noch nicht wieder bei mir.
Dabei ging ich am selben Tag bereits weiter Richtung Negreira.
Der Camino war für mich noch nicht zu Ende.
Im Rückblick war das vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Tages:
Wochenlang hatte ich gelernt, auf meinen eigenen Rhythmus zu hören.
Und ausgerechnet am Ende hatte ich es für einen Moment nicht getan.
Dieser Bericht beschreibt meinen Weg am Camino Primitivo.
Die Etappen.
Die Landschaft.
Die Berge.
Den Regen.
Die Begegnungen.
Und die Erfahrungen unterwegs.
Wenn du jedoch verstehen möchtest, warum mir das Gehen überhaupt so wichtig geworden ist, weshalb ich immer wieder auf solche Wege zurückkehre und was das lange Unterwegssein körperlich und mental mit mir macht, dann findest du hier einen Artikel, der deutlich tiefer geht:
👉 Zwischen Gehen und Nichtgehen – 900 Kilometer am Camino Primitivo
https://www.von0auf101.com/pilgern/zwischen-gehen-und-nichtgehen-900-kilometer-am-camino-primitivo/
Dort geht es weniger um den Camino selbst.
Und mehr um das, was das Gehen mit mir am Primitivo gemacht hat.
Fortsetzung folgt
Mit Santiago war mein Weg noch nicht zu Ende.
Noch am selben Tag machte ich mich direkt vom Pilgerbüro wieder auf den Weg.
Über Negreira ging es weiter Richtung Atlantik.
Nach Muxía.
Nach Finisterre.
Und schließlich wieder zurück nach Santiago.
Davon erzähle ich im dritten Teil dieser Serie.
Das hatte ich alles mit. Zur Lighterpack Liste hier klicken.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Für den Camino Norte und Camino Primitivo hatte ich mich schon lange interessiert.
Irgendetwas zog mich am Primitivo an.
Vielleicht sein Ruf. Rauer sollte er sein. Ursprünglicher. Weniger überlaufen als andere Caminos. Mehr Berge, mehr Einsamkeit, mehr Natur. Ein Weg, der noch ein wenig wilder wirkt als vieles andere Caminos, die ich bisher gegangen bin.
Und vielleicht wollte ich ihn deshalb unbedingt einmal kennenlernen.
Diesmal entschloss ich mich außerdem zu etwas, das ich sonst eher vermeide:
Ich flog nach Spanien.
Normalerweise beginne ich eine Reise lieber langsam. Bus oder Zug gehören für mich fast schon zum Unterwegssein dazu. Der Weg beginnt nicht erst am Camino. Oft beginnt er schon viel früher, irgendwo zwischen Umsteigen, Bahnhöfen und langen Stunden des Unterwegsseins.
Doch bis Bilbao hätte die Anreise diesmal sehr lange gedauert.
Und ich wollte meine Kräfte lieber fürs Gehen aufheben.
Also buchte ich für das Hinkommen – bewusst und zum erst zweiten Mal für einen Camino – einen Flug.

Der ursprüngliche Plan war eigentlich simpel:
In Bilbao landen und von dort weiter nach Oviedo fahren. Mit Bus oder Zug, ganz unkompliziert. Dort sollte dann der Camino Primitivo beginnen.
Doch je länger ich darüber nachdachte, desto absurder erschien mir die Idee.
Warum noch weiter irgendwohin fahren, um dann zu gehen – wenn ich doch bereits dort war?
Also änderte ich den Plan kurzerhand.
Ich schnürte in Bilbao die Schuhe und machte mich zu Fuß auf den Weg.
Zunächst entlang des Camino Norte Richtung Westen.
Erst später wollte ich Richtung Oviedo abbiegen – dorthin, wo der eigentliche Camino Primitivo beginnt.
Im Nachhinein war es wohl wieder eine typische Camino-Entscheidung.
Nicht alles zerdenken.
Einfach losgehen.
In Bilbao angekommen, entschied ich mich bewusst gegen eine Herberge und nahm mir ein Einzelzimmer.
Das Fliegen hatte mich mehr erschöpft als gedacht.
Ich merkte schnell: Ich brauche Ruhe.
Normalerweise beginne ich einen Camino unkompliziert. Diesmal fühlte es sich aber richtig an, mir diese erste Nacht bewusst zu gönnen.
Einfach ankommen.
Nichts müssen.
Kraft sammeln.
Im Nachhinein war es genau die richtige Entscheidung.
Am nächsten Morgen ging es sehr früh los.
Noch in der Dunkelheit verließ ich Bilbao.
Ich mag diese frühen Stunden am Camino.
Wenn die Welt noch schläft. Die Straßen leer sind. Wenn der Tag erst langsam beginnt und man beinahe das Gefühl hat, alleine unterwegs zu sein.
Schritt für Schritt wurde es heller.
Irgendwann hatte ich die aufgehende Sonne im Rücken.
Der Camino Norte führt mittlerweile anders aus Bilbao hinaus als früher. Über die Höhen geht es rund um die Stadt Richtung Meer.
Damit kommen gleich zu Beginn einige zusätzliche Höhenmeter zusammen.
Immer wieder öffneten sich schöne Ausblicke zurück auf Bilbao.
Dann wieder ging es bergauf.
Bergab.
Weiter.
Stadt und Natur wechselten sich ab.
Und irgendwo dort merkte ich:
Jetzt hat der Camino wirklich begonnen.
Trotz der frühen Stunde war es bereits warm genug für kurze Hose.
Der Tag versprach Hitze – und hielt sie auch.
Mein Ziel war Castro Urdiales.
Über fünfzig Kilometer entfernt.
Eigentlich keine kleine erste Etappe.
Aber schon bald stellte sich dieses vertraute Gefühl ein:
Ich wollte einfach gehen.
Gehen, gehen, gehen.
Ich wollte mich und mein Nervensystem wieder auf gleich bringen.
Dadurch, dass ich so früh gestartet war, hatte ich den Weg lange fast für mich allein.

Erst später begegnete ich anderen Pilgern. Viele waren gemütlicher unterwegs oder starteten in einer der späteren Dörfer.
Während andere gerade losgingen, hatte ich bereits Stunden in den Beinen.
Und trotzdem fühlte sich der Tag erstaunlich leicht an.

Früher als gedacht erreichte ich Castro Urdiales.
Ich hatte Zeit.
Zeit zum Essen.
Zum Herumschlendern.
Zum Meer hinuntergehen.
Zum Sitzen.
Zum Schauen.
Einfach da sein.
Es war kein spektakulärer erster Tag.
Aber genau richtig.
Ein zwar langer, aber ruhiger Beginn.





Schon in den ersten Tagen merkte ich, dass ich vor allem eines wollte:
Gehen.
Nicht viel reden.
Nicht viel organisieren.
Möglichst wenig Menschen.
Einfach unterwegs sein.
Früh losgehen – oft noch vor den meisten anderen Pilgern – und bis spät am Nachmittag unterwegs bleiben.
Das Alleingehen tat mir gut.
Dadurch, dass ich meist sehr früh startete, begegnete ich oft stundenlang kaum jemandem.
Erst später holte ich andere Pilger ein.
Für mich passte dieses stille Dahingehen perfekt.
Wenig reden.
Viel schauen.
Viel wahrnehmen.
Eine Sache hatte ich allerdings unterschätzt:
Den Camino Norte im Frühjahr/ Sommer.
Obwohl ich unterwegs oft erstaunlich wenige Menschen traf, war am Abend plötzlich alles voll.
Wenn ich nach langen Etappen am späten Nachmittag irgendwo ankam, waren viele Betten bereits vergeben.
Mehr als einmal bekam ich gerade noch ein letztes freies Bett.
Manchmal wurde es richtig knapp.
Das irritierte mich anfangs.
Bisher war ich es gewohnt, eher in der Nebensaison oder im Winter unterwegs zu sein. Dort stellt sich die Quartierfrage meist gar nicht.
Man kommt an und findet immer ein Bett.
Hier war das anders.
Relativ schnell wurde mir klar:
Am Camino Norte würde ich wohl öfter reservieren müssen.
Nur genau das tue ich äußerst ungern.
Telefonieren fällt mir bis heute nicht leicht.
Besonders dann, wenn am anderen Ende nur Spanisch gesprochen wird und man irgendwie erklären muss, wann man ankommt oder ob überhaupt noch ein Bett frei ist.
Also schob ich das möglichst lange hinaus.
In der Hoffnung, dass sich – wie so oft am Camino – schon irgendwie alles ergeben würde. Deswegen sicher die für andere oft merkwürdigen Entscheidungen.
Ich mache das, was für mein Gehirn seit dem Hirnabszess möglich ist, auch wenn es für andere nicht nachvollziehbar ist.
Die Etappe Richtung Santander wurde auf ihre eigene Art besonders.
Etwa fünfundzwanzig Kilometer vor der Stadt hatte ich übernachtet.
In der Früh ging ich wieder zeitig los.
Wie meistens.
Rund zehn Kilometer vor der Fähre nach Santander stand ich schließlich vor einer Entscheidung.
Der Camino bot zwei Möglichkeiten.
Die direkte, eher unspektakuläre Strecke, neben der Straße.
Oder den schöneren Weg entlang des Meeres.
Mehr Küste.
Mehr Landschaft.
Aber auch länger.
Eigentlich hätte mich der Weg am Meer gereizt.
Doch manchmal entscheidet der Camino für einen.
Am Horizont zogen dunkle Wolken auf.

Innerhalb kurzer Zeit wurde aus einer Ahnung Gewissheit.
Das Gewitter kam schnell näher.
Erst Regen.
Dann plötzlich strömender Regen.
Nicht dieser kurze Sommerschauer.
Sondern einer jener Regengüsse, die alles verschlucken.
Dazu Donner und Blitze.
Ein Blitz schlug irgendwo nicht weit entfernt ein.
Sekunden später folgte ein Knall, so laut, dass man das Gefühl hatte, die Erde würde kurz erzittern.
Für einen Moment blieb ich stehen.
Respekt bekommt man in solchen Augenblicken automatisch.
Die Entscheidung war gefallen.
Im strömenden Regen und tiefem Sand weiter Richtung Meer zu gehen, machte keinen Sinn.
Also nahm ich die direkte Strecke entlang des Radwegs Richtung Santander.
Schön war anders.
Unterstellen?
Keine Chance.
Kein Dach.
Keine Bushaltestelle.
Nichts.
Also blieb nur eines:
Weitergehen.
Zwei Stunden lang marschierte ich im strömenden Regen, oft unter Blitz und Donner, Richtung Fähre.

Schuhe und Kleidung längst durchnässt.
Bei der Fähre angekommen, hörte das Gewitter endlich auf.
Die Sonne kam sogar kurz hervor.
Ich konnte mich beim Warten ein wenig trocknen.
Und plötzlich wirkte alles wieder deutlich freundlicher.
Mit der Fähre ging es hinüber nach Santander.
Bleiben wollte ich dort allerdings nicht.
Ich kaufte nur etwas ein.
Dann ging es weiter.
Noch einmal rund zwanzig Kilometer.
Wieder eine lange Etappe.
Aber nach dem Regen fühlte sich das Gehen plötzlich gut an.
Fast leicht.

Als ich schließlich die Herberge erreichte, folgte Ernüchterung.
Über sechzig Betten sollte sie haben und war die einzige am Abschnitt.
Doch die Hospitalera sah mich nur an und meinte:
„Completo.“
Voll.
Kein Platz mehr.
Zum ersten Mal wurde mir richtig bewusst, wie voll der Camino Norte tatsächlich war.
Tagsüber war ich oft stundenlang allein unterwegs, traf nur vereinzelt Pilger.
Und trotzdem waren am Abend die Unterkünfte ausgebucht.
Die Hospitalera verwies mich an eine weitere Unterkunft, allerdings war diese Herberge noch einmal zwanzig bis fünfundzwanzig Kilometer entfernt.
Ein starkes Stück.
Vor allem mit bereits vierzig Kilometern in den Beinen.
Trotzdem beschloss ich weiterzugehen. Es gab sonst nur einige teure Hotels, die Nacht um über € 100,-. Mein Budget für drei Tage. Alle günstigeren Quartiere waren ausgebucht.
Im Notfall, dachte ich mir, würde ich irgendwo schlafen.
In einer Bushaltestelle oder einem anderen Unterstand meinen Schlafsack einfach ausrollen.
Irgendwie würde es gehen.
Doch am Nachmittag begann es wieder zu regnen.
Nicht kurz.
Als es gegen 19 Uhr noch immer in Strömen regnete, wurde mir klar:
Heute werde ich mich nicht irgendwo draußen hinlegen.
Schließlich fand ich ein Hotelzimmer.
Warm.
Trocken.
Einzelzimmer.
Und überraschend günstig.
Kurz nach 20 Uhr checkte ich ein.
Und war einfach froh, angekommen zu sein.
Der Camino Norte zeigte sich wettertechnisch von einer Seite, mit der ich so nicht gerechnet hatte:
Regen.
Und zwar viel Regen.
Nicht jeden Tag durchgehend.
Aber immer wieder.
Es begann.
Hörte auf.
Begann erneut.
Dann wieder Sonne.
Kurz darauf wieder Regen.
Manche Tage fühlten sich an, als würde jemand irgendwo einen Schalter ständig ein- und ausschalten.
Auf.
Zu.
Auf.
Zu.
Teilweise spannte ich den Regenschirm fünfzehn oder zwanzig Mal am Tag auf.
Kein Scherz.
Gerade hatte man ihn verstaut, begann es wieder leicht zu nieseln. Dann wurde daraus Regen. Kurz später wieder trocken.
Und wieder von vorne.
Dadurch waren die Wege oft nass.
Teilweise richtig gatschig.
Besonders nach längeren Regenfällen wurde manches zur kleinen Rutschpartie. Schuhe und Beine waren ohnehin irgendwann nass. Dagegen anzukämpfen machte wenig Sinn.
Mental war das auf Dauer durchaus fordernd.
Über viele hundert Kilometer immer wieder im Regen unterwegs zu sein, macht etwas mit einem.
Vor allem dann, wenn sich das Wetter tageweise kaum entscheiden kann.
Und trotzdem merkte ich: Mein Regensystem funktionierte erstaunlich gut.
Den Poncho hatte ich längst aussortiert.
Stattdessen ging ich fast nur noch mit Regenschirm.
Bei stärkerem Regen oder kühleren Temperaturen zusätzlich mit Regenjacke.
Damit kam ich deutlich besser zurecht.
Oben blieb ich halbwegs trocken, hatte mehr Bewegungsfreiheit und fühlte mich weniger eingeengt als früher unter einem Poncho.
Unten – besonders Schuhe und Beine – wurden ohnehin nass.
Also warum groß dagegen ankämpfen?
Irgendwann akzeptiert man es einfach.
Und geht weiter.
Schritt für Schritt.
Auch im Regen.
Vielleicht sehe ich Regen aber auch deshalb anders als früher.
Während meiner fünf Monate im Krankenhaus lag ich oft am Fenster und schaute hinaus.
Immer wieder regnete es.
Ich sah den Regen.
Konnte ihn aber nicht erreichen.
Damals hätte ich viel dafür gegeben, einfach draußen zu stehen. Den Wind zu spüren. Die Regentropfen auf der Haut zu fühlen. Überhaupt irgendwo draußen unterwegs sein zu können.
Als mich damals nach langer Zeit wieder einmal Regen traf, fühlte es sich beinahe so an, als würde eine vertrocknete Blume gegossen werden.
Seltsam vielleicht.
Aber genau so fühlte es sich an.
Seit damals hat Regen für mich etwas von seinem Schrecken verloren.
Natürlich ist tagelanger Regen anstrengend.
Natürlich nervt nasse Kleidung oder Schlamm.
Und trotzdem denke ich mir oft:
Immerhin bin ich draußen und darf unterwegs sein.
Genau dort, wo ich so lange nicht sein konnte.
Nach Santander wollte ich es eigentlich ruhiger angehen.
Weniger Kilometer. Früher ankommen.
Zumindest war das der Plan.
Doch wie so oft unterwegs kam es anders.
Herbergen voll.
Eine nach der anderen.
Also ging ich immer wieder weiter.
Irgendwann merkte ich, dass ich in einen richtigen Flow geriet.
Stunde um Stunde vergingen.
Ohne großes Nachdenken.
So wurden aus kurzen Etappen wieder lange.
Was mir allerdings erneut auffiel:
Wie viel Asphalt der Camino Norte eigentlich hat.
Viele Caminowanderer jammern darüber.
Mich störte es erstaunlich wenig.
Im Gegenteil.
Der gleichmäßige Rhythmus hatte fast etwas Meditatives.
Weniger Stolpern und damit weniger Aufmerksamkeit für jeden einzelnen Schritt.
Einfach gehen.
Kurz vor Villaviciosa wartete plötzlich eine alte Bekanntschaft auf mich.
Ein langer, steiler Hügel.
Asphalt.
Gerade hinauf.

Schon beim Anblick wusste ich:
Den kenne ich. Von meinem letzten Camino Norte, im Jahr 2019.
Damals brachte mich jede Steigung an meine Grenzen.
Langsam, Schnaufend und Schritt für Schritt.
Diesmal fühlte es sich anders an.
Natürlich war der Hügel noch immer steil.
Aber es ging leichter, ruhiger und Gleichmäßiger.
Irgendwann stand ich oben.
Fast ohne groß darüber nachzudenken.
Ein kleiner Moment vielleicht.
Aber einer, der mir viel bedeutete und der mir zeigte:
Zwischen damals und heute hatte sich doch einiges verändert.
Jahrelang übte und trainierte ich daran, mehr Leichtigkeit im Gehen und im Leben zu bekommen. Hier hatte ich die Bestätigung für meine Art des Weges bekommen.

In Villaviciosa entschied ich mich nach einem kurzen Einkauf weiterzugehen, weg vom Camino Norte, hin zum Camino Primitivo.
Mein Ziel war Valdediós.
Das Kloster kurz vor Oviedo.
Klöster haben für mich am Camino immer etwas Besonderes.
Sie bringen automatisch Ruhe hinein.
Eine andere Atmosphäre.
Und ehrlich gesagt hoffte ich auch auf weniger Menschen.
Nach den vollen Herbergen der vergangenen Tage sehnte ich mich wieder nach Stille.
Als ich ankam, war ich der erste Pilger.
Später kamen noch zwei weitere dazu.
Mehr nicht, also ideal für mich.
An diesem Abend lernte ich Michael kennen.
59 Jahre alt. Kanadier aus Vancouver.
Außerdem einen Slowaken, ebenfalls am Camino unterwegs.
Rückblickend waren diese beiden eigentlich die einzigen Menschen, mit denen ich längere Gespräche führte.
Vielleicht blieben sie mir gerade deshalb so in Erinnerung.
Michael wusste unglaublich viel über Kirchenbau und Architektur.
Mit Begeisterung erklärte er Unterschiede zwischen Baustilen, Bauzeiten oder warum Fensterhöhen oft Hinweise auf bestimmte Epochen geben.
Es war faszinierend zuzuhören.
Der Slowake wiederum erzählte offen von seiner Krebserkrankung.
Für ihn war der Camino längst mehr als nur Wandern geworden.
Vieles von dem, worüber wir gesprochen haben, habe ich längst wieder vergessen. Aber das Gefühl dieses Abends ist geblieben.
Es waren aber gute Gespräche.
Solche, die bleiben.
Und irgendwie passte an diesem Abend einfach alles.
Ruhe. Gute Begegnungen. Kein Trubel.
Genau richtig.

Am nächsten Tag wurde die Etappe wieder länger als gedacht.
Mehr als fünfundvierzig Kilometer standen am Ende auf der Uhr.
Irgendwann erreichte ich schließlich Oviedo.
Damit war der Camino Norte für mich vorerst zu Ende, nach 370 km.
Vor mir lag nun jener Weg, auf den ich mich eigentlich schon lange gefreut hatte:
Der Camino Primitivo.
Rauer. Bergiger. Ursprünglicher.
Zumindest seinem Ruf nach.
In der öffentlichen Herberge war überraschend viel los. Nach den Erfahrungen der vergangenen Tage hoffte ich trotzdem auf etwas mehr Ruhe. Weniger Menschen. Mehr Stille. Vielleicht wieder längere Abschnitte ganz für mich allein.
Ob sich diese Hoffnung erfüllen würde, wusste ich nicht.
Was ich allerdings wusste:
Am nächsten Morgen würde ich wieder früh aufstehen.
Sehr früh.
Wenn andere noch schliefen oder ihre Rucksäcke packten, würde ich vermutlich schon unterwegs sein.
Genau diese Stunden mochte ich am meisten.
Wenn die Welt noch ruhig ist.
Wenn die Luft kühl ist.
Wenn der Tag erst langsam beginnt und der Weg für einen kurzen Moment beinahe nur einem selbst gehört.
Schritt für Schritt.
Kilometer für Kilometer.

Vor mir lagen Berge, lange Tage, überraschende Begegnungen – und wohl auch wieder mehr Kilometer, als ursprünglich geplant.
Doch davon mehr im nächsten Beitrag.
Mit Oviedo begann schließlich jener Teil des Weges, auf den ich mich beim Camino Norte und Camino Primitivo besonders gefreut hatte:
der Camino Primitivo.
Lighterpack Ausrüstungs-Liste: Camino Norte und Camino Primitivo
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
„Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet.“
Es ist eine Lebensqualität, die ich mir Tag für Tag erarbeiten muss, damit sie bleibt und damit sie nicht wieder verloren geht. Denn nach dem Hirnabszess war nichts mehr selbstverständlich, und vieles, was früher einfach war, wurde plötzlich zu einer Herausforderung. Mein Körper funktionierte nicht mehr wie zuvor, und auch mein Gehirn arbeitete anders, sodass ich lernen musste, mit diesem neuen Zustand zu leben.
Vieles war reduziert auf das Jetzt, weil ich gar nicht weiter vorausdenken konnte. Auf den nächsten Schritt, den ich setzen musste, und auf den nächsten Atemzug, der mich im Moment hielt. Denn mehr war oft nicht möglich.
Und genau dort, in dieser Beschränkung und gerade weil alles auf das Wesentliche reduziert war, verstand ich, was mich wirklich lebendig macht. Nicht das Große und Weite, sondern das Kleine und Nahe. Nicht das Morgen, sondern das Jetzt, weil nur hier Leben spürbar ist.

Ein Schritt nach dem anderen. Millionenfach wiederholt. Immer wieder hinaus. In die Natur. In die Wälder, auf die Wege, über Asphalt und Schotter. Die Natur wurde meine Therapie Nummer eins. Sie fordert mich, aber sie überfordert mich nicht. Sie spiegelt mir meinen Zustand – jeden Tag aufs Neue.
Lebendig fühle ich mich nicht, wenn alles leicht ist. Sondern wenn ich spüre, dass ich wirke. Dass ich etwas bewege. Dass ich trotz Einschränkungen weitergehe. Dieses Weitergehen ist kein Leistungsbeweis. Es ist ein inneres Ja zum Leben.
Erst später wurde mir bewusst, warum mich früher Leistungs- und Extremsport so angezogen haben. In der Bewegung spürte ich mich besser. Dort, wo es weh tut, liegt oft auch eine Wahrheit über sich selbst.

Und dann ist da die Freude. Heute ist sie wichtiger denn je. Sie wirkt oft leise. Ein Moment auf einem Waldstück, wenn das Licht durch die Bäume fällt. Das Wissen, wieder ein Stück sicherer gegangen zu sein. Oder einfach Dankbarkeit, dass ich überhaupt gehen kann.

Über die Jahre habe ich gelernt: Gehe ich weniger, übe ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, zieht sich etwas in mir zurück. Nicht nur die Muskulatur. Nicht die Propriozeption, diese Tiefensensibilität, die kein fixer Besitz mehr ist, sondern etwas, das ich mir durch millionenfaches Wiederholen zurückerobert habe und zu erhalten versuche.
Lasse ich nach, wird auch das Gehen unsicherer. Auch die innere Lebendigkeit wird dann weniger. Sie braucht Bewegung. Sie braucht Wiederholung. Sie braucht Hingabe.

In meinem ersten Leben war ich vieles, doch der Leistungssport war vor allem eines: ein Versuch, mich selbst kennenzulernen. Dieses Leben an der Grenze ließ mich wachsen – geistig wie körperlich. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht und besonders die Reaktion wurden geschärft und zu einem Teil von mir.
Später, als Videojournalist, zehrte ich davon. Schnell erfassen. Richtig reagieren. Den Überblick behalten. Der Sport war dafür die beste Schule.
Der Sport lehrte mich, Leistung zu bringen. Aber noch wichtiger war mir immer die Haltung dahinter. Leistung ohne Ethik war für mich nie erstrebenswert. Dieser Wert begleitet mich bis heute. Er ist geblieben – wie das Gehen. Wie das Streben nach Entwicklung. Schritt für Schritt.

Dem zu folgen, was mich lebendig macht, bedeutet nicht, nur das Angenehme zu wählen. Es bedeutet, dem nachzugehen, was Sinn stiftet. Was mich aufrichtet. Was mich in Verbindung bringt – mit mir selbst und mit der Welt um mich herum.
Für mich sind es nicht nur die täglichen Wege. Es ist auch das Weitwandern. Das Pilgern. Stundenlanges Gehen. Tag für Tag. Schritt, Atem, Schritt. Nicht um besondere Leistungen zu vollbringen. Nicht um Rekorde zu sammeln, sondern um meinen Körper zu regulieren und Stabilität zu schaffen.
Diese langen Wege bringen mein Nervensystem in einen Rhythmus. Sie geben meinem Körper jene Wiederholungen, die er braucht. Für Außenstehende mag das extrem wirken. Für mich ist es kein Extremsport mehr. Es ist Erhalt und es ist notwendig, um selbstständig zu bleiben. Um nicht erneut zum Pflegefall zu werden.

Mir ist bewusst, dass nicht jeder diesen Weg gehen kann – und ihn auch nicht gehen muss. Jeder Mensch hat seine eigene Form, lebendig zu bleiben. Schreiben. Musizieren. Gärtnern. Gespräche führen. Wichtig ist nicht, was es ist. Wichtig ist, dass es einen stärkt.
Nach zehn Jahren weiß ich: Lebensqualität entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Ausrichtung. Durch die bewusste Entscheidung, dem Raum zu geben, was nährt. Und das loszulassen, was dauerhaft schwächt.
Für mich ist es das Gehen. Die langen Wege. Das Unterwegssein.
Vielleicht ist das die eigentliche Essenz: Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet. Nicht irgendwann. Sondern heute. Schritt für Schritt.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Regulation ist für mich nichts Theoretisches. Es ist etwas, das ich jeden Tag spüre. Seit dem Hirnabszess ist vieles nicht mehr selbstverständlich. Vor allem nicht dieser innere Zustand, in dem man einfach sein kann.
Nach dem Hirnabszess ist vieles anders geworden. Mein System ist sensibler. Dinge, die früher einfach mitgelaufen sind, kosten heute Energie. Zu viele Reize, zu viele Abläufe gleichzeitig – das merke ich sofort. Nicht im Kopf, sondern im Körper.

Er hat auch viele Traumen ausgelöst. Und genau deshalb ist Regulation so wichtig. Mein System ist schnell im Alarm. Manchmal reicht wenig und ich merke: Ich bin wieder im dauernden Bereitsein, im Mitdenken, im unterschwelligen Aufpassen. Mein Nervensystem bleibt dabei ständig wach. Es kommt nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand. Es ist immer ein wenig angespannt, auch dann, wenn eigentlich nichts los ist.
Darum entscheidet Regulation für mich darüber, ob ich nur funktioniere oder ob ich wirklich lebe. Ohne Regulation wird alles schnell zu viel. Selbst Dinge, die eigentlich gut tun würden.
Ich habe früh gemerkt, dass mein Weg über den Körper führt. Über das Gehen, über Wiederholung, über das langsame Üben. So kann mein Nervensystem wieder Sicherheit finden. Nicht Kontrolle, sondern Sicherheit.
Und ich komme immer wieder darauf, in welchen Situationen Traumen noch da sind, auch heute noch. Oft zeigt sich das erst im Körper. In der Bewegung, im Stocken, in der Spannung. Es bleibt ein ständiges Lernen, aber auch ein Lösen.
Vor allem durch Bewegung. Denn Traumen zeigen sich meist in Bewegung. Und dort kann auch Regulation passieren. Darum ist therapeutisches Tanzen für mich so gut. Es hilft mir, Spannungen wahrzunehmen und langsam weicher werden zu lassen. Ohne Druck, ohne viele Worte. Schritt für Schritt.
Regulation bedeutet für mich, wieder bei mir zu sein. Zu spüren, was geht und was nicht. Zu merken, wann es genug ist. Wann Bewegung hilft und wann Ruhe nötig ist.
Weitwandern oder Pilgern ist nur bedingt Abenteuer, es ist vor allem ein Raum, in dem genau das möglich wird: ein Alltag ohne Überforderung, mit klaren Abläufen, in dem mein System wieder hören kann, was es braucht.
Nach jeder Pilgerfahrt oder nach einem Weitwanderweg gewinne ich wieder mehr Vertrauen. Vertrauen ist kein Anfangspunkt, sondern etwas, das entsteht, wenn mein System lange genug erleben darf, dass nichts von ihm verlangt wird.
Ich bin sicher, ohne etwas kontrollieren zu müssen.
Ohne Regulation wäre alles nur Reaktion.
Mit Regulation wird es wieder Leben.
Schritt für Schritt. Wie beim Gehen.

Ich habe lange versucht, das über Denken zu lösen. Verstehen, einordnen, erklären. Das hilft ein Stück weit, aber es bringt keine echte Ruhe. Was mir wirklich hilft, ist etwas viel Einfacheres: Gehen.
Gehen – nicht als Training, sondern als Zustand
Wenn ich gehe, wird es ruhiger. Der Atem wird gleichmäßiger. Der Blick geht weiter. Die Gedanken werden weniger.
Ich muss nichts entscheiden und nichts organisieren. Ein Schritt nach dem anderen reicht.

Zu Hause bin ich immer eingebunden. Auch dann, wenn ich eigentlich nichts vorhabe. Da laufen Abläufe, Gewohnheiten, Erwartungen. Vieles davon automatisch.
Nach dem Hirnabszess merkte ich: Das ist auf Dauer zu viel. Nicht ein einzelnes Ding, sondern die Summe aus vielen kleinen Anforderungen gleichzeitig. Auch Ruhe ist zu Hause oft nicht wirklich ruhig. Natürlich kann ich zu Hause spazieren gehen oder bewusst Pausen machen. Das tut auch gut. Aber es bleibt eingebettet im Alltag. Am Ende des Tages bin ich wieder mittendrin.
Der Alltag hört nicht auf. Mein System bleibt wachsam. Nicht, weil konkret etwas passiert. Sondern weil jederzeit etwas passieren könnte. Ein Geräusch. Eine Frage. Eine Kleinigkeit, die Aufmerksamkeit braucht. Auch wenn nichts davon eintritt, bleibt diese Bereitschaft im Körper.
Ich spüre es daran, dass ich innerlich nicht ganz herunterfahre. Es ist, als wäre ein Teil von mir ständig auf Empfang. Nicht angespannt im klassischen Sinn, aber auch nicht wirklich entspannt.
Nach dem Hirnabszess ist genau das anstrengend. Dieses dauernde „Bereit sein“, dieses Mitdenken, dieses ständige Aufpassen. Mein Nervensystem kommt so nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand.
Zu Hause kann ich mich erholen, aber ich kann mich dort kaum vollständig regulieren. Und diese Regulierung ist für mein Überleben wichtig geworden.
Auf einem Weitwanderweg ist das anders, denn der Weg ist der Alltag.Der Tag ist überschaubar: gehen, essen, schlafen. Mehr nicht. Keine Termine, keine Rollen, keine Dinge, die gleichzeitig Aufmerksamkeit wollen.
Regulation braucht Dauer, nicht kurze PausenRegulation entsteht bei mir nicht durch kurze Auszeiten. Sie entsteht durch Dauer. Deswegen tun mir Weitwanderwege so gut.
Natur verlangt nichts von mir. Ob Wald oder Meer. Am Meer kommt Weite dazu. Der Horizont. Die gleichmäßigen Geräusche.

Im November war ich am Camino Francés und im April ebenso dort zwei Wochen unterwegs.
Gut – aber über das Jahr gesehen zu wenig.
Das hier ist keine Reha, die irgendwann abgeschlossen ist. Die Schäden bleiben. Der Unterschied liegt darin, wie gut ich damit umgehen kann – und das hängt direkt davon ab, wie stabil mein System ist.
Noch trägt mich mein Wille. Aber ich weiß, dass das nicht unbegrenzt so sein wird. Darum ist es wichtig, jetzt gegenzusteuern.
In den letzten Wochen sind die Bedingungen draußen schwierig. Eisige Temperaturen, ständig Minusgrade, gefrorene Wege. Dinge, die ich früher einfach hingenommen habe, wirken sich heute viel direkter auf mein System aus. Ich merke, dass mir die Kälte und die Unsicherheit am Untergrund Energie ziehen.
Ich bewege mich vorsichtiger, angespannter. Das Gehen verliert seinen Rhythmus. Dazu kommt, dass es mich am Eis auch geschmissen hat, mit einer Oberschenkelzerrung und einem Körpersystem, das danach spürbar durcheinander war. Seitdem ist Regulation deutlich schwieriger. Nicht nur körperlich, auch innerlich. Der Körper bleibt noch wachsamer, noch vorsichtiger. Und genau das ist auf Dauer anstrengend.
Diese Wochen haben mir wieder klar gezeigt, wie stark äußere Bedingungen auf mein Befinden wirken. Wenn Bewegung nicht mehr flüssig möglich ist, wenn jeder Schritt Aufmerksamkeit braucht, dann fehlt mir etwas. Vielleicht ist es deshalb, dass mich der Gedanke ans Wegfahren gerade jetzt wieder so beschäftigt.
Nicht aus Ungeduld, sondern aus Wahrnehmung. Ich spüre sehr deutlich, dass mein System im Moment keinen guten Rahmen hat, um sich zu regulieren.





Ich merke: Meine Regulation funktioniert nicht mehr richtig. Nicht schlecht – aber nicht gut genug. Ich bin schon zu lange zu Hause, im Alltag gefangen.
Deshalb denke ich jetzt an einen Weg in Portugal, in den nächsten Wochen. Vor allem, weil es dort wärmer ist. Wärme macht für mich im Moment den Unterschied: weniger Spannung im Körper, mehr Sicherheit im Gehen, weniger Widerstand bei jedem Schritt.
Es geht mir nicht um einen bestimmten Weg oder um ein „Dort“. Es geht um Bedingungen, unter denen Bewegung wieder flüssig möglich ist. Um einen Rahmen, der mein System entlastet, statt es zusätzlich zu fordern.
Ein Camino in Spanien wäre derzeit etwas anderes. Nicht grundsätzlich, sondern im Moment. Kältere, wechselnde Verhältnisse würden meinem System gerade mehr abverlangen, als ihm gut tut. Portugal passt jetzt besser.
Manchmal geht es nicht darum, mehr auszuhalten, sondern rechtzeitig zu merken, dass etwas fehlt. Dann braucht es kein ständiges Gegensteuern. Mein System kann sich beruhigen, statt permanent aktiv zu bleiben.
Ich komme wieder in einen Zustand, in dem mich das Vorhandene nicht mehr überfordert. Das, was ich schon kurz nach dem Hirnabszess erkannt habe, gilt noch immer – nur auf einer anderen Ebene. Damals fehlten mir die Worte, heute kann ich es benennen. Regulation.
Und dieser Weg ist es nach wie vor, den ich gehe: diese Regulation zu verbessern. Denn nur wenn sie gelingt, lebe ich wirklich.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Mein Herbst- und Winter-Camino Francés steht für meinen Weg zurück ins Leben. Vor Jahren hat ein Hirnabszess alles aus der Bahn geworfen. Nichts war mehr selbstverständlich, nicht einmal das Gehen. Was einst unbewusst geschah, wurde zur täglichen Übung.
Warum mir das Gehen hilft, der Starrheit zu entkommen, darüber erzähle ich. In jedem Schritt liegt Bewegung – körperlich wie innerlich. Draußen in der Natur finde ich Freiheit und Weite. Das Gehen ist meine Therapie Nummer eins.

Hier zum Anfang meiner Geschichte, die vor 10 Jahren begann.
Den Camino Francés bin ich diesmal in nur 17 Tagen gegangen, plus vier Tage nach Muxia und Finesterre und nochmal drei Tage zurück nach Santiago. Ein Tempo, das früher nie möglich gewesen wäre. Und doch wurde es möglich, weil mich dieses Gehen trägt, weil es mich innerlich ordnet.

Unter allen Umständen wollte ich damals das Gehen lernen, um all das wieder spüren zu dürfen. Es war ein immenser Aufwand dafür nötig, aber es hat sich gelohnt. Jeder zusätzliche Schritt benötigte Wochen, aber ich dachte nie ans Aufgeben.
Ich konnte Teile meiner Propriozeption zurückerobern, aber leider nicht alles und nachhaltig. Ich muss dranbleiben. Eines der wenigen "muss" in meinem Leben. Ich habe nicht einfach Gehen gelernt – ich habe mein Ich-Gefühl zurückgeholt.
Bei meinem Thalamus-Hirnabszess verlor der Körper nicht nur Funktionen, sondern auch die Selbstwahrnehmung:
Das nennt man propriozeptive Identität. Und ich habe darum gekämpft, sie zurückzubekommen. Nicht für Kilometer. Nicht für Fitness. Sondern für das Gefühl: „Ich bin wieder ich.“
Viele Menschen begreifen das nicht, aber ich habe nicht nur Gehen gelernt – ich habe mich selbst damit zurückerobert.
Diesmal durfte ich in der Rioja die Sonne, in der Meseta die Kälte, am C'Obreiro den Schnee und in Galizien den Regen spüren. Es war wundervoll, in jeden dieser Abschnitte tief einzutauchen. Andere Pilger konnten oft nicht verstehen, wie ich oft angesichts des Wetters so positiv gestimmt sein konnte.




Zehn Jahre lebe ich jetzt mit den Folgen des Hirnabszesses.
Allein am Leben zu sein – das ist mein größter Verdienst.
In all diesen Jahren habe ich keinen einzigen Tag vergeudet. Vielleicht nicht jeden Tag geschafft – aber keinen verschenkt.
Vieles hat sich verschoben. Vor allem die Prioritäten.
Heute geht es nicht mehr darum, etwas zu erreichen.
Es geht darum, lebendig zu sein.
Dieses Leben zu spüren – mit jeder Faser.
Geld? Status? Erfolg?
Nicht mehr das, woran ich mich orientiere.
Das eigentliche Gut liegt woanders.
Es liegt darin, da zu sein.
Hier. Jetzt.
Und dieses Geschenk auch wirklich wahrzunehmen.
Bewusst. Dankbar. Schritt für Schritt.

Das rhythmische Gehen – dieses einfache, beinahe meditative Hin und Her von links nach rechts – wirkt auf mein Körpersystem wie eine sanfte EMDR in Bewegung. Es stimuliert den Vagusnerv, beruhigt mein Nervenkostüm und verleiht meinem Inneren Stabilität.
In der Bewegung finde ich Halt. Sobald ich weniger gehe oder das Gehen aussetze, gerät mein System ins Wanken. Die Starrheit, dieser kaum greifbare Zustand zwischen Erstarrung und Rückzug, breitet sich rasch aus, wenn die Schritte fehlen. Es ist, als müsste sich mein Körper im Gehen erst daran erinnern, wie Regulation funktioniert.
Nichts davon ist selbstverständlich. Kein Tag, an dem sich mein Körper von selbst ordnet. Was nach außen oft mühelos wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Wiederholungen, geduldiger Übungen und vieler Anläufe.
Nichts davon ist selbstverständlich. Kein einziger Tag, an dem sich mein Körper mühelos ordnet. Diese Stabilität, die nach außen oft so leicht wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Übungen, Wiederholungen, Versuche. Bleibe ich zu lange still, verliert mein System seinen Halt – und ich muss mir den Weg zurück in die Beweglichkeit erst wieder erarbeiten.
Das Gehen ist dabei nicht nur Fortbewegung. Es ist mein tägliches Ringen darum, nicht in dieser Starrheit zu versinken. Jeder Schritt hält mich im Leben, Schritt für Schritt, immer wieder neu. Es ist nie mühsam, sondern bereitet mir Freude.
Mühsam wird es nur dann, wenn ich gegen mich selbst arbeite – wenn ich mehr will, als mein System geben kann. Doch gerade darin liegt ein Geschenk: Dieses Gehen ist ein „Muss“, das nicht eng macht, sondern mich befreit. Ein „Muss“, das mir Bewegung schenkt – und damit Freiheit.

All das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass Bewegung meine Hauptregulationsstrategie ist.
Doch dieses Gefühl hält nur, solange ich in Bewegung bleibe. Zu Hause gehe ich auch viel, aber längst nicht so viel wie hier oder auf meinen Weitwanderwegen.
Und dann, im Alltag, spüre ich die Starrheit wieder deutlicher. Sie sitzt dann tiefer und rührt stärker.

Zu Hause bewege ich mich weniger – und das bedeutet: weniger Regulation.
Auf dem Camino ist alles anders. Dort bin ich im Ausnahmezustand, aber im besten Sinne. Der Weg schenkt mir Richtung und Sinn. Ich bin eingebunden in eine Gemeinschaft, umgeben von Natur, frei von vielen Verpflichtungen. Es ist, als würde der Weg selbst zur Therapie werden – mit jedem Schritt ein Stück mehr bei mir.
Zu Hause hingegen ist vieles enger. Die vertraute Umgebung, alte Gewohnheiten, Erinnerungen – sie alle berühren andere Ebenen meines Nervensystems. Stressreaktionen, die ich auf dem Camino kaum noch spüre, tauchen hier wieder auf. Dort bin ich im Fluss – hier falle ich leichter zurück in alte Muster.
Am Anfang meiner Erkrankung war mein Fokus ganz klar: Ich wollte, dass es mir gut geht. Stabilität war alles. Heute – mit mehr innerer Sicherheit – lässt mein Gehirn auch anderes zu. Es zeigt mir Stellen, an denen noch etwas offen ist. Alte Traumata, die tiefer liegen, dürfen sich nun langsam zeigen. Vielleicht, weil ich heute besser damit umgehen kann.
Eine Frage begleitet mich dabei schon seit Jahren: Schützt mich das noch – oder verdränge ich etwas? Darauf zu achten, ist mir wichtig. Denn der Unterschied ist fein – aber entscheidend. Und auch das ist ein Teil meines Weges: nicht nur weiterzugehen, sondern bewusster hinzusehen.

Diese Frage begleitet mich, weil mein Körper mir darauf längst Antworten gibt. Ich spüre sie in der erhöhten Muskelspannung, in diesen Momenten des Erstarrens, in der Mischung aus innerer Starre und äußerer Steifheit, die mich manchmal daran hindert, fließend zwischen Aktivität und Ruhe zu wechseln.
Es ist keine einfache, keine eindeutige Starre. Sie ist eine Melange aus vielem, was sich im Laufe der Jahre angesammelt hat: neurologische Nachwirkungen, alte Freeze-Muster, die tief im Nervensystem verankert sind, zu wenig intensive, tägliche Bewegung und emotionale Altlasten, die sich ihren Platz im Körper gesucht haben. All das greift ineinander, verstärkt sich gegenseitig und zeigt sich nicht im Kopf allein, sondern im ganzen Sein.
Das Gehen hilft mir, dem etwas entgegenzusetzen. Es bringt Bewegung in das, was fest geworden ist, löst Schicht für Schicht und wirkt dort, wo Worte oft nicht mehr hinkommen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Aber es löst nicht alles.
„Ich schöpfe das Wasser aus dem Boot, aber ich repariere noch nicht das Leck.“
Gehen ist für mich ein Geschenk. Ein Werkzeug. Eine tägliche Medizin.
Aber wenn die Starre zurückkommt, spüre ich:
Da ist noch etwas, das gesehen werden will.
Etwas, das mehr braucht als Bewegung.
Was es braucht?
– Regulation, auch in der Ruhe.
– Eine sichere Bindung.
– Eine Hand, die mich therapeutisch begleitet.
– Atem, der durch die Enge führt.
– Körperarbeit, die tiefer reicht.
– Und Integration – anstelle der Flucht in Aktivität.
Denn so sehr das Gehen mir gibt – es ersetzt nicht das Innehalten.
Und vielleicht liegt genau darin der nächste Schritt.

Ja – meine Starrheit hat viel mit Trauma zu tun. Und mit einem Nervensystem, das seit dem Hirnabszess nachhaltig verändert wurde.
Ja – das Gehen wirkt regulierend. Es tut gut. Es heilt auf seine Weise.
Aber: Es löst das Trauma nicht vollständig.
Es bringt Erleichterung.
Es schenkt Momente der Lebendigkeit.
Doch die tieferen Ursachen brauchen andere Räume, andere Formen der Verarbeitung.
Und trotzdem ist es für mich ein starkes Zeichen, wenn ich unterwegs – besonders auf dem Camino – wieder fließender werde.
Denn es zeigt mir:
➡️ Mein Körper kann.
➡️ Meine Lebendigkeit ist nicht verloren.
➡️ Mein Nervensystem ist lernfähig, plastisch – und auf Heilung ausgerichtet.
Das ist ein gutes Zeichen.
Es bestätigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
"Heilung" heißt für mich nicht, wieder zu werden wie früher.
Es heißt: mit dem, was ist, gut leben zu lernen.
Und genau daran arbeite ich –
jeden Tag, Schritt für Schritt,
im Gehen
und in der behutsamen Arbeit an mir selbst.
Ausrüstungsliste am Camino Francés im November 2025 https://lighterpack.com/r/5m6vdv
Heilung beginnt mit kleinen Schritten. Für mich waren es oft die unscheinbaren Wege im Alltag, die mir neue Kraft geschenkt und mir geholfen haben, wieder Vertrauen in meinen Körper und meinen Weg zu finden und Stillstand auszuhalten.
Man denkt oft, man müsste große Sprünge machen, um wirklich voranzukommen. Doch ich habe gelernt, dass es genau andersherum ist: Die kleinen Schritte, die ich Tag für Tag gegangen bin, haben die größte Veränderung gebracht.
Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg zurückblicke, dann sehe ich nicht nur die Etappen, die wie Meilensteine aussehen. Ich sehe vor allem die vielen unscheinbaren Momente dazwischen – das erste Mal wieder bewusst ein paar Meter gehen, das tiefe Atmen in der Natur, das Innehalten im Wald hinter dem Haus.

Jeder dieser Schritte war klein, manchmal fast unsichtbar für andere, aber sie haben mir gezeigt: Heilung geschieht nicht in einem großen Sprung, sondern Schritt für Schritt.
Wege sind für mich mehr als nur Pfade, die irgendwohin führen. Sie sind ein Spiegel meines Lebens und meiner Heilung.
So wie draußen in der Natur mein Weg verläuft, so gestaltet sich auch mein innerer Heilungsweg: mal eben, mal voller Hindernisse, mal überraschend schön.

Ich muss keine lange Pilgerreise beginnen, um die Kraft des Gehens zu spüren. Schon kleine Wege im Alltag haben viel in mir bewegt. In den letzten zehn Monaten war ich nur vierzehn Tage unterwegs und habe den Rest der Zeit zu Hause verbracht.
Allerdings haben mir die Wege daheim und viele kleine Rituale geholfen, diese Zeit des Trainings, dem Üben und der Arbeit an mir selbst, bestmöglich zu verbringen:
Diese kleinen Rituale haben mir gezeigt, dass Fortschritt nicht groß aussehen muss, um bedeutsam zu sein.

Auf unserem Weg durchs Leben wünschen wir uns meist Bewegung, sichtbare Veränderungen und klare Erfolge. Doch es gibt Phasen, in denen scheinbar gar nichts passiert. Auch ich fühle mich festgefahren, als würde die Zeit stillstehen. Stillstand auszuhalten, ist schwer. Und doch habe ich gelernt: Gerade diese Zeiten sind wichtig – denn Stillstand ist auch Fortschritt.
Auf den ersten Blick sieht es nach „Pause“ oder sogar „Rückschritt“ aus. Doch im Hintergrund laufen entscheidende Prozesse ab:

Für mich ist Stillstand wie ein Plateau beim Wandern. Der Anstieg liegt hinter mir, der nächste Gipfel ist noch nicht in Sicht. Auf diesem flachen Stück scheint alles gleich zu bleiben – doch genau hier kann ich verschnaufen, meinen Blick weiten und Kraft sammeln. Ohne das Plateau wäre der nächste Aufstieg kaum zu schaffen.

Stillstand fordert Vertrauen: Vertrauen darauf, dass auch diese Phase zum Weg gehört. Dass innere Prozesse Zeit brauchen, bevor man im Außen Fortschritte sieht. Und dass ein neuer Abschnitt kommen wird – oft leichter, klarer und gestärkter als zuvor.
Stillstand ist kein Nichts. Er ist ein unsichtbarer Teil des Fortschritts. Manchmal ist er sogar die wichtigste Etappe, weil er uns die Basis schenkt, weiterzugehen.
👉 Vielleicht bist du gerade auf einem Plateau. Dann erinnere dich daran: Auch hier bewegst du dich. Nur eben innerlich.
Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich vier Monate nach dem Krankenhaus zum ersten Mal den nur wenige hundert Meter entfernten Wald erreichte. Für andere waren es nur ein paar Schritte. Für mich war es ein kleines Wunder – ein Zeichen, dass Heilung möglich ist.
Solche Augenblicke haben mir Mut gemacht. Sie haben mir gezeigt, dass jeder Schritt zählt. Gerade die unscheinbaren machen am Ende den Unterschied.

Dieses Jahr habe ich mit einem längeren Stillstand zu tun, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Eigentlich wollte ich meinen Weg von zu Hause nach Santiago gehen – doch meine Zahnsanierung hat diesen Plan vereitelt. Stattdessen habe ich mich entschieden, das Jahr der Therapie, dem Üben und dem Trainieren zu widmen.
Und trotzdem fühlt es sich für mich wie Stillstand an. Das schwere Gehen begleitet mich weiterhin, weil meine gestörte Propriozeption keinen Tag Ausnahme macht. Jeder Schritt fordert mich heraus. Es gibt Tage, da spüre ich Fortschritte – und doch bleibt die Wahrnehmung, auf einem Plateau zu stehen und dass nichts weitergeht.
Genau dieser Widerspruch ist schwer auszuhalten: Ich tue viel, aber es sieht nicht nach „großem Vorankommen“ aus. Und doch ahne ich, dass auch diese Phase ein Teil meines Weges ist – dass mein Körper und meine Seele die Zeit brauchen, um nachzukommen.

Heute weiß ich: Es ist nicht der große Sprung, der mein Leben verändert hat, sondern die Summe der vielen kleinen Schritte, die ich Tag für Tag gegangen bin. Jeder einzelne Schritt trägt mich näher zu mir selbst.
Und genau darin liegt für mich die Kraft: Mein Weg beginnt nicht irgendwann, er beginnt immer wieder heute – mit dem nächsten Schritt.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Manchmal ist der größte Fortschritt nicht der nächste Schritt, sondern das stille Anerkennen, dass der Weg gerade nicht weitergeht. Dieses Jahr war voll solcher Momente. Ich bin aufgebrochen. Und ich bin zurückgekehrt. Ich habe gehofft – und losgelassen.
Im Mai war ich zwei Wochen auf dem Camino Frances. Es war wie ein Aufatmen. Zwei Wochen Gehen, Spüren, Draußensein. Doch ich wusste: Es ist nur ein kurzes Fenster. Danach würde der Alltag wiederkommen.

Im Juli dann ein neuer Versuch: der Camino Integral. Er dauerte nur einige Tage. Der Wille war da, der Körper nicht bereit. Ich habe abgebrochen – ohne Bitterkeit, aber mit dieser stillen Enttäuschung, die bleibt, wenn man etwas will, das noch nicht möglich ist, was doch schon war.
Seitdem bin ich wieder ganz in meiner Therapie. In Eigenregie, wie schon so oft. Kein Zentrum, kein Plan von außen. Ich gehe meinen Weg, mit dem, was ich weiß, mit dem, was ich fühle. Und mit dem Vertrauen, dass auch das Pausieren Teil dieses Weges ist.
Im Mai bin ich dennoch ausgebrochen – oder besser: aufgebrochen. Zwei Wochen auf den Camino Frances. Es war ein Gehen, das mir gutgetan hat. Kein Weglaufen, sondern ein kurzes Wieder-Eintauchen ins Gehen, ins Draußen, ins Leben. Ich war auf meinem Weg unterwegs – mit Körper und Geist. Und trotzdem wusste ich: Es ist eine Ausnahme. Danach würde ich zurückkehren – in meinen Alltag, in meine Übungen, in meine Selbststruktur, denn ich hatte ja Großes vor, den Camino Integrale.
Dass ich diesen Camino überhaupt schmerzfrei gehen konnte, war für mich keine Selbstverständlichkeit. Anfang des Jahres hatte ich noch mit Knieschmerzen zu kämpfen – Spätfolgen falscher Schuhe am HexaTrek, vom letzten Jahr. Ich habe viel unternommen, um dem entgegenzuwirken: gezieltes Training, Anpassung der Ausrüstung, bewusste mich darauf konzentrieren. Es hat sich gelohnt. Im Mai war das Knie ruhig. Stabil. Belastbar. Schmerzfrei.

Nach dem HexaTrek im letzten Jahr, fühlte ich mich – abgesehen vom Knie – so gut wie noch nie seit dem Hirnabszess. Mein bestes Befinden in all den Jahren. Stabil, kräftig, im Körper angekommen. Trotz Muskel- und Bindegewebsschwäche.
Dieses Jahr steht deshalb unter einem anderen Zeichen: Auszeit. Therapie. Zurück zum Kern. Ich habe verstanden, dass ich nicht alles gleichzeitig schaffen muss. Dass es in Ordnung ist, langsamer zu werden. Und dass mein Körper keine Selbstverständlichkeit ist – sondern ein Raum, der immer wieder neu bewohnt werden will.
Aber nicht nur das Knie war ein Thema. Ich habe in den letzten Jahren immer wieder gemerkt, wie wenig selbstverständlich vieles ist, was anderen leichter fällt: die richtigen Schuhe zu finden, barfuß gehen zu können, Belastung richtig zu dosieren, Stabilität im Körper zu spüren. Und vor allem: ein Bindegewebe, das stark genug ist, mein Inneres zu halten.
Krafttraining ist für mich wichtig – für die Haltung und die richtige Dosis an Spannung im Körper. Anfang des Jahres habe ich das gezielte Krafttraining sicher vernachlässigt. Ich spüre, wie sehr es fehlt, dranbleiben ein Muss ist.
Ich will im Heute einen Beitrag leisten, damit ich Vitalität spüre. Damit ich Energie habe für das, was mir wichtig ist. Das Heute nutzen – um zu üben. Immer wieder. Das ist Dranbleiben.
Das „Warum“ – oft scheitert es genau daran. Nicht am Wie, sondern daran, dass das Warum zu klein ist. Ist das Warum größer als das Wie, wird die Motivation niemals das Problem sein.
Entscheidend ist für mich die Qualität des Weges. Ich kann lange die gleiche Runde laufen – und dabei immer wieder Neues entdecken. Gleichzeitig aber liebe ich neue Aufgaben. Neue Herausforderungen. Das eine schließt das andere nicht aus.
Ich sehe mich selbst nicht als Vorbild. Und doch weiß ich: Genau durch das Tun, durch mein tägliches Dranbleiben, kann ich für viele eines sein. Nicht, weil ich darüber spreche – sondern weil ich es lebe.
Ich rede nicht über Disziplin, ich übe sie. Ich spreche nicht über Ausdauer, ich gehe sie. Ich halte keine Reden – ich gehe jeden Tag meinen Weg.
Ich glaube: Wenn wir unserer Berufung folgen, heilt auch der Körper. Und mein Ziel ist klar:
Ich will meinen Alltag lieben, auch wenn er von Therapie geprägt ist.

Im Juli dann der Camino Integral - von zu Hause nach Santiago. Es wurden nur einige Tage. Die Antwort kam früh: Es war zu viel – trotz der vielen Kilometer und Touren der letzten Jahre. Ich habe abgebrochen. Ohne Drama. Aber mit ehrlichem Blick auf das, was ist – nicht auf das, was ich mir wünsche. Mein Bindegewebe fühlte sich wie nicht vorhanden an, ich wankte ohne Stabilität dahin.
Und es war nicht das Knie. Es war eine andere Baustelle: die Zähne. Eine umfangreiche Zahnsanierung lag hinter mir, und mein System war nicht stabil genug. Erst zwei Wochen nach dem Abbruch beruhigte sich mein Körper wieder. Es war, als hätte der Camino einen Heilungsprozess offengelegt, der noch nicht abgeschlossen war.
Auch das habe ich gelernt: Der Körper meldet sich nicht willkürlich. Und er hat meistens recht.

Ich verlasse mich nicht auf vorgegebene Reha-Pläne. Meine Therapie folgt keinem Schema, keinem Protokoll. Sie folgt mir – meinem Körper, meiner Wahrnehmung, meiner Erfahrung. Ich entscheide, was ich tue. Und ich trage auch die Verantwortung, wenn es nicht funktioniert.
Diese Freiheit ist manchmal anstrengend. Aber sie ist echt. Und sie ist es wert. Denn ich habe erfahren, dass kein Therapiezentrum mir diese Tiefe, diese Nähe zu mir selbst bieten kann. Ich weiß, was funktioniert. Und was nicht. Ich nehme Rückschläge ernst, aber ich lasse mich nicht aus der Bahn werfen.
Ich trainiere, wiederhole, justiere – jeden Tag. Nicht, weil ich muss, sondern weil ich will - wie früher beim Radrennfahren.
Dieses Jahr bisher stand – mehr als je zuvor – im Zeichen der Therapie. Nicht in einem Zentrum, nicht unter ständiger Anleitung, sondern in Eigenregie. Ich baue auf das Wissen, das ich mir über Jahre erarbeitet habe – auf erprobte Methoden, auf Techniken, die für mich funktionieren. Und ergänze es, wenn ich was finde.
Und ja: Meine Form der Therapie ist oft wirkungsvoller als vieles, was ich in klassischen Einrichtungen erlebt habe. Weil sie individuell ist. Weil sie konsequent ist. Weil ich sie selbst will.

Ich habe meinen Rhythmus gefunden. Ich weiß, was funktioniert. Ich weiß, was ich brauche – und was nicht. Und ich weiß, dass mir kein Therapeut diese Klarheit abnehmen kann.
Ich habe im Gehen Vertrauen gewonnen. Nicht nur in meinen Körper, sondern in mich. In das, was möglich ist, wenn ich dranbleibe. Das Gehen hat mir gezeigt, dass ich nicht stehenbleiben muss – selbst wenn es langsam geht. Jeder Schritt war ein kleines Ja. Zu meinem Weg. Zu mir.
Die Therapie vertieft dieses Vertrauen. Sie bringt Stabilität, Wiederholung, Struktur – und damit auch Ruhe. Sie hilft mir, das Gehen im Alltag weiterzuführen. Innen wie außen.
Es war mein Weg. Kein gerader, kein schneller – aber meiner. Ich habe ihn Schritt für Schritt gefunden, nicht geplant. Und ich möchte ihn nicht tauschen. Nicht gegen eine Theorie, nicht gegen ein „Was wäre wenn“. Denn er hat mich hierhergebracht. Und das zählt.

Ich gehe weiter. In meinem Tempo. Auf meinem Weg. Mit dem Mut, Pausen zu machen – und der Disziplin, sie richtig zu nutzen.
Ich gehe weiter.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
10.000 bis 20.000 Schritte am Tag, Dehnen, Kräftigen, Balance – so sieht mein Alltag jetzt aus. Kein Schritt ist umsonst. Es ist kein Camino in Spanien, doch es ist mein Camino hier zu Hause. Jeder Schritt, jede Übung ist Teil meines Weges, und genau darin liegt die Kraft: nicht aufzuhören, sondern anders weiterzugehen.

Eineinhalb Monate ist es nun her, dass ich den Camino Integrale abgebrochen habe. Dieser Entschluss fiel mir nicht leicht. Wer einmal auf einem Jakobsweg unterwegs war, weiß, wie sehr Körper und Seele nach dem Weitergehen verlangen. Jeder Morgen weckt die Sehnsucht nach einem neuen Abschnitt, nach einem weiteren Stück des Weges. Das Aufbrechen gehört zum Pilgern wie das Atmen zum Leben.
Doch diesmal war es anders. Schon nach wenigen Tagen spürte ich, dass ich an meine Grenzen gestoßen war – nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Jeder Schritt kostete mehr Kraft, als er mir schenkte. Mein Körper verlangte nach Ruhe, mein Inneres nach Ausgeglichenheit. Die Zahnsanierung arbeitete noch in mir und war nur ein weiterer Teil dazu.
Der Abbruch war kein Scheitern, sondern ein bewusstes Innehalten. Eine Entscheidung, der Gesundheit und Heilung den Vorrang zu geben. Zunächst war ich unsicher, ob ich zu früh aufgegeben habe. Aber je mehr Zeit verging, desto klarer wurde mir: Es war der richtige Moment, um anzuhalten. Denn dieser Schritt schenkte mir etwas, das genauso wertvoll ist wie das Pilgern selbst – eine Zeit der inneren Einkehr.
Seit jenem Tag gehe ich nicht mehr die Wege Spaniens, sondern die Wege hier zu Hause. Und doch gehe ich – Tag für Tag. 10.000 bis 20.000 Schritte sind mein tägliches Maß, eine Konstante, die mir Halt gibt. Auch wenn es nicht die langen Etappen des Camino Integrale geworden sind, so sind es doch Wege, die Bedeutung haben.
Sie führen mich über vertraute Straßen, durch kleine Wälder, an Feldern vorbei und entlang von Flussufern. Hier lernte ich überhaupt erst gehen und jeder dieser Schritte ist ein Teil meines neuen Weges.
Es ist ein Gehen ohne große Ziele, aber mit klarer Wirkung. Ich merke, wie mir diese täglichen Kilometer helfen, körperlich wie seelisch. Sie sind mein innerer Camino. Statt durch Frankreich, Kastilien oder Galicien führt er durch die Landschaften meines Alltags. Und auch hier gilt: Jeder Schritt bringt mich weiter, so wie seit zehn Jahren.
In dieser Zeit habe ich gelernt, dass das Gehen nicht immer Ferne braucht. Es kann genauso viel Kraft entfalten, wenn es nahe bleibt. Es zwingt mich, genauer hinzuhören, achtsamer zu werden – auf meinen Körper, auf meine Gedanken, auf mein Inneres.

Um nicht ins Schwanken zu geraten, habe ich mir feste Rituale geschaffen. Sie sind wie die Etappen eines Pilgerweges: Sie geben Struktur, sie setzen Schwerpunkte, sie machen Fortschritt (hoffentlich) sichtbar.
Am Morgen beginne ich mit Dehnübungen. Sie sind mein Start in den Tag, langsam und bewusst. Jede Bewegung weckt den Körper, erinnert ihn an seine Fähigkeiten und gibt mir das Gefühl, dass ich in Verbindung mit mir selbst stehe. Dieses Dehnen ist wie ein stilles Gespräch: „Ich kümmere mich um dich. Wir fangen gemeinsam an.“
Direkt im Anschluss am Vormittag folgen die Kräftigungsübungen. Diese Zeit ist für mich die beste, denn am Vormittag bin ich am leistungsfähigsten. Mein Körper ist ausgeruht, mein Kopf noch frisch. Genau diese Energie nutze ich. Es sind anstrengende Einheiten, manchmal mühsam, aber unverzichtbar. Ich spüre, wie die Stabilität langsam besser wird. Jede Wiederholung ist für mich wie ein Kilometer auf dem Camino – ein kleiner, aber bedeutender Schritt nach vorne.
Am Nachmittag liegt mein Schwerpunkt auf dem Gehen. 10.000 bis 20.000 Schritte sind mein Ziel, fast täglich erreiche ich sie, manchmal wird es auch mehr. Ich gehe über Feldwege, entlang von Wäldern. Manche Wege kenne ich schon auswendig, andere entdecke ich neu.
Ein weiterer fester Teil, mehrmals die Woche, sind die Übungen im Balancepark und am Balancebrett. Dort trainiere ich nicht nur Gleichgewicht, sondern auch die kleinsten Muskeln, die sonst sehr schnell verloren gehen. Gerade sie sind entscheidend für Stabilität und Haltung. Wichtig ist hier, ständig dranzubleiben.
Doch diesmal tue ich es in besserer Ausgewogenheit: nicht bis zur Erschöpfung, sondern so, dass auch mein Gehirn die nötige Pause bekommt. Diese Balance zwischen Anstrengung und Erholung ist vielleicht die wichtigste Lektion dieser Zeit.

Seit kurzem begleitet mich außerdem ein neues Gerät, das gegen meine Muskelschwäche wirkt. Es arbeitet mit feinen Rüttelbewegungen und nutzt die sogenannten Schumann Frequenzen. Auf den ersten Blick unscheinbar hat es sich zu einem wertvollen Teil meiner Rehabilitation entwickelt. Kein Ersatz für das Gehen oder die Übungen, aber eine sinnvolle Ergänzung. Es schenkt neue Reize, aktiviert Muskeln auf andere Weise und hilft, Fähigkeiten zurückzugewinnen. So wie ein Pilgerstab das Gehen erleichtert, so unterstützt mich dieses Gerät in meinem Training.
Was ich in dieser Phase besonders lerne, ist das Maßhalten. Mein Körper, und vor allem mein Gehirn, fordern Ruhe. 10 Jahre Rehabilitation, Therapien und Wiederherstellung nach dem Hirnabszess fordern Ihren Tribut.
Diese Zeit hat Spuren hinterlassen. Sie haben mich geformt, aber auch viel Energie gekostet. Ich habe verstanden, dass Fortschritt nicht durch Überlastung entsteht, sondern durch kluges Wechselspiel. Muskeln brauchen Training, das Gehirn aber braucht Pausen. Zu viel führt nicht nach vorn, sondern zurück. Das richtige Verhältnis zwischen Dranbleiben und Pause machen, ist oft nicht leicht zu finden.
Darum übe ich nicht nur die Muskeln, sondern auch die Geduld. Es ist nicht leicht, sich selbst zu bremsen, wenn man voller Motivation ist. Aber Maßhalten ist entscheidend, genauso wie beim Pilgern. Auch dort findet jeder seinen eigenen Rhythmus: Wer zu schnell geht, brennt aus; wer zu langsam geht, verliert den Anschluss. Nur in der Mitte, im Gleichgewicht, findet man den langen Atem.
Oft denke ich zurück an meine früheren Caminos. Den Camino Frances, der mich über Tausende Kilometer getragen hat. Die unzähligen Wege in den Bergen rund um Graz, die mir zu Heimat geworden sind. Damals lernte ich: Gehen bedeutet Geduld. Schritt für Schritt, Stunde um Stunde. Kein Tag ist wie der andere, und doch gehört jeder zum großen Ganzen.
Genau dieses Wissen trage ich jetzt in meinen Alltag. Meine Übungen sind wie Etappen – mal leicht, mal schwer. Es gibt Tage, an denen alles gelingt, und Tage, an denen selbst kleine Schritte mühsam sind. Aber wie beim Pilgern gilt: Jeder Tag ist ein Teil des Weges, auch die schwierigen.
Die Parallelen sind offensichtlich. Auf dem Camino trägt man die Last des Rucksacks, hier trage ich die Last der Übungen. Dort geht es um Landschaften, hier um meinen Körper. Doch in beiden Fällen ist es eine Reise zu mir selbst.

Anfangs fiel es mir schwer, nicht nach Spanien unterwegs zu sein. Ich fühlte mich wie ausgebremst, wie ein Pilger, der sein Ziel nicht erreicht. Doch mit der Zeit wandelte sich dieses Gefühl.
Heute empfinde ich Dankbarkeit. Dankbarkeit dafür, dass ich die Chance habe, meinen Körper weiter zu stärken. Dankbarkeit für die kleinen Fortschritte, die ich Tag für Tag spüre. Dankbarkeit für die Erkenntnis, dass Heilung Zeit braucht – und dass auch eine Pause Teil des Weges ist.
Diese Zeit zu Hause ist keine Niederlage. Sie ist ein Abschnitt meines Lebens, vielleicht sogar ein besonders wichtiger. Denn sie zeigt mir, dass Gehen nicht nur Ferne bedeutet. Auch die Schritte vor der Haustür, auch das tägliche Üben, auch das achtsame Maßhalten sind Wege, die mich weiterbringen.

Ich weiß nicht, wann ich wieder aufbreche. Ob es der Camino Integrale sein wird, ein anderer Jakobsweg oder ein kleinerer Weg in meiner Heimat. Aber ich weiß: Der Tag wird kommen.
Bis dahin übe ich weiter. Ich dehne, ich kräftige, ich gehe meine 10.000 bis 20.000 Schritte, ich trainiere mein Gleichgewicht und nutze das neue Gerät mit seinen Rüttelbewegungen. Vor allem aber halte ich Maß – und schenke meinem Gehirn die Pausen, die es braucht.
Ich freue mich auf jede kleinste Verbesserung, auf jedes Stück Kraft, das zurückkehrt. Denn für mich ist Gehen nicht nur Bewegung. Es ist Therapie, es ist Lebensschule, es ist Heilung.

Auch wenn ich im Moment nicht durch Frankreich oder Galicien wandere, gehe ich doch meinen Weg. Ein innerer Camino, der mich ebenso prägt wie jeder äußere.
Vielleicht ist das die wichtigste Lektion dieser Monate: Das Gehen hört nie auf. Es verändert nur seine Form. Mal sind es tausend Kilometer durch Spanien, mal zwanzigtausend Schritte durch meine Heimat. Mal ist es der Weg über Berge, mal der Weg über ein Balancebrett. Doch jeder Schritt zählt. Jeder Schritt bringt mich weiter.
Und so gehe ich – Tag für Tag, Schritt für Schritt. Nicht mit Blick auf ein fernes Ziel, sondern mit Freude am Tun. Im Wissen: Ich bin auf meinem Weg.