Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Das Abenteuer der Selbstentdeckung nach meinem Hirnabszess

Abenteurer zu sein, begleitet mich schon mein ganzes Leben. Doch der Hirnabszess eröffnete mir eine neue Dimension, mit der Erkenntnis, im Abenteuer das Leben wieder neu zu entdecken, das Abenteuer der Selbstentdeckung.

Mein aktuelles Abenteuer besteht darin, mich selbst zu erforschen und verstehen zu lernen. Denn wenn das Gehirn plötzlich anders funktioniert als die 50 Jahre zuvor, habe ich selbst das Einfachste neu zu entdecken. Diese Reise führte mich zum Pilgern und Weitwandern, was mich zu meinem Ursprung brachte.

Weitwandern und Pilgern

Der Kampf der letzten sieben Jahre

Die letzten sieben Jahre fühlten sich oft wie ein endloser Kampf an. Der Weg zur Heilung forderte meine gesamte Kraft und ich war oft am Limit. Es gab Tage, an denen ich nicht wusste, woher ich die Energie nehmen sollte, um weiterzumachen. Doch eines war mir immer klar: Ohne diesen unermüdlichen Einsatz wären die Folgen des Hirnabszesses weitaus gravierender gewesen.

Im Jahr 2017 riet mir eine Ärztin sogar, ich solle zurückschalten, meine Behinderung endlich akzeptieren, denn es wird nicht mehr besser werden, da die neurologischen Defizite zu groß seien. Doch ich weigerte mich, das zu tun.

Diese Worte trafen mich tief, aber sie entfachten ein Feuer in mir. Statt aufzugeben, entschied ich mich, weiterzukämpfen und das Beste aus meiner Situation zu machen, ganz getreu meinem Motto:

Heilung durch Anpassung und Akzeptanz

Manchmal liegt mein Fokus eben nicht auf vollständiger Heilung, sondern darauf, die Behinderung anzunehmen, mich anzupassen und so ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die Förderung solcher Lebenskompetenzen ist nicht nur gesundheitsfördernd, sondern auch zutiefst heilend. Positive Erfahrungen und gut abgestimmte Maßnahmen sind dabei von entscheidender Bedeutung.

Nicht immer gelingt es mir, manchmal falle ich in eine Phase, wo mir scheinbar nichts gelingt. Dann durchschreite ich ein Tal, wobei ich mir nur bewusst sein muss, dass auf der anderen Seite wieder ein Weg herausführt.

Hinab ins Tal, danach wieder Aufstieg
Hinab ins Tal, danach wieder Aufstieg

Abenteuer der Selbstentdeckung als heilende Erfahrung

Abenteuer, in all seinen Variationen, bekommt eine ganz neue Bedeutung. Der gezielte Einsatz solcher Erlebnisse, angepasst an den jeweiligen Menschen, kann heilende und gesundheitsfördernde Wirkungen haben.

Eines dieser Abenteuer sind meine oft wochenlangen Weitwanderungen oder Pilgerfahrten, es können aber auch Abenteuer bei mir zu Hause ums Eck sein. So taste ich mich in kleinsten Schritten vorwärts und bin stolz auf mich, wenn ich wieder etwas erreicht habe. Wobei mir immer wieder bewusst wird, der Weg ist das Ziel.

Solche, oft kleine Erfolge, passieren am Weg und es war mir letztens zum Beispiel nicht wichtig, Spanien von Süd nach Nord zu durchqueren. Nur 170 km vor diesem vermeintlichen Ziel, bog ich nach Finesterre ab. Hier wurde es mir so richtig bewusst, der Weg ist das Ziel, nicht ein Ort oder etwas für das Ego.

Abenteuer Selbstentdeckung, Pilgern
Der Weg ist das Ziel, nicht ein Ort!

Der innere Antrieb

Eine innere Stimme flüstert mir oft: "Nimm die einfachste Variante!". Aber ich habe gelernt, dass ein freies Leben Disziplin, Aufmerksamkeit und Offenheit erfordert, was nicht immer die einfachste Variante beinhaltet. Meine Wanderungen zeigen mir, wie wahr Friedrich Nietzsches Worte sind: "Wer ein Warum zu ertragen hat, erträgt fast jedes Wie!". Dieser innere Antrieb treibt mich vorwärts, weil ich weiß, was hinter diesem Wie, mich näher zum Warum bringt. Das Wie brauche ich selten zu hinterfragen, kommt aber natürlich auch mal vor.

Das Leben hat das Potenzial, zutiefst sinnvoll zu sein, wenn man > nicht < den Weg des geringsten Widerstandes wählt. Die wahre Herausforderung liegt dann darin, aus meinen Erfahrungen einen Sinn zu ziehen. Denn Abenteuer mache ich für neue Erfahrungen und die sollen einen Sinn beinhalten.

Falle ich zu tief in Gewohnheiten, schränkt es mich in meiner Freiheit und Unabhängigkeit ein. Es ist ein Balanceakt, entlang dieses Grates zu gehen. Mein Gehirn funktioniert zwar leichter mit Gewohnheiten, aber nicht immer ist das gut.

Einfache Glückseligkeit in der Natur

Brauche ich all diesen vermeintlichen Luxus und Komfort? Nein, denn am glücklichsten fühle ich mich im Zelt, auch bei Regen, mit nur 5 kg im Rucksack. Dort habe ich alles, was ich wirklich brauche. Es überkommt mich oft eine tiefe, einfache Glückseligkeit. Es entsteht eine andere Bewusstheit, wenn man sich so reduziert. Durch diese Reduktion lässt es mich das wirklich wesentliche erkennen.

Wenn ich stundenlang durch die Natur gehe, erlebe ich viele Abenteuer, die mir das Wesentliche im Lebens lehrt. Denn Leben lernen, steht für mich in der Rangliste ganz oben. Die Natur spricht oft in Metaphern und lehrt mir Weisheiten, für die ich bereit bin, zuzuhören. Es ist eine Weisheit, die ich in der Stadt nie erfahren könnte.

Trauma Aufarbeitung, Abenteuer und Selbstentdeckung auf andere Weise, als bisher

Seit der Via de la Plata kann ich erstmals seit vielen Jahren, an meinen Haupttraumen arbeiten. Mit Beginn der Pandemie 2020, wurde meine Traumatherapie eingestellt.

Mit dem therapeutischen Tanzen wurden einige Themen bearbeitet. Einigen verweigerte ich mich aber. Seit meiner Rückkehr vom Camino habe ich die Kraft, mich diesen Themen zu widmen. Es bleibt mir nicht langweilig!


Die Via de la Plata, mein Dankeschön an das Leben! 

Nach 1.430 Kilometer habe ich meinen Camino über die Via de la Plata von Tarifa nach Santiago bis nach Finesterre abgeschlossen. Es fühlte sich für mich richtig an, nicht mehr in den Norden weiterzugehen, um Spanien von Süd nach Nord zu duchqueren, ich wollte den Weg in Finesterre enden lassen. Die Durchquerung ist mir nicht mehr wichtig gewesen, sondern nur was mir gut tut und was sich richtig anfühlt.

Die Via de la Plata ist für mich die anstrengendste aller großen Caminos in Spanien geworden. Sie ist der Inbegriff für Gehen, große Distanzen und so habe ich es auch erlebt. Für 6 -7 Stunden alles Wasser mithaben und die Verpflegung organisieren, macht den Rucksack dementsprechend schwer.

Via de la Plata

Es wurde ein Dankeschön an das Leben

Das ich nach dem Hirnabszess überhaupt hier stehen und gehen konnte, dass habe ich vielen Menschen zu verdanken. Zunächst all die Menschen im Krankenhaus, von denen ich, bis auf wenige Ausnahmen, nicht einmal die Namen kenne. Eine ist meine damalige Ergotherapeutin Kerstin, sowie den Krankenschwestern und Pflegern auf der Neurologie Station. Weiters danke ich allen meinen Freunden, die mich von Anfang an unterstützten und besonders meiner Familie, die mir sehr viel ermöglichte, besonders in den letzten Jahren.

Dazu gehören auch die vielen PilgerInnen, die einen großen Anteil daran haben, denn mit jedem Pilgerweg konnte ich ein Stück mehr am Leben wieder teilnehmen.

Ohne all diese Menschen wäre ich heute nicht dort, wo ich jetzt bin. Wenn ich zurückblicke auf die vergangene Zeit der letzten acht Jahre, dann kommen mir in erster Linie solche Erinnerungen, die ich mit Menschen erlebt habe. Ich bin den Großteil meiner Zeit alleine unterwegs und verbringe die meiste Zeit meines Trainings alleine, trotzdem fallen mir immer Situationen als erstes ein, wo ich mit Menschen zu tun hatte. Jedem Einzelnen Danke dafür!

Die Via de la Plata wurde ein riesiges Dankeschön an alle meine Caminos bisher, die mir seit dem Hirnabszess das Leben wieder näher bringen. Jeder dieser Caminos ist ein kleiner Baustein in meiner Rehabilitation, wo ich keinen einzigen Tag vermissen möchte.

Der Camino und die Tanztherapie sind das, was meinen Körper und Geist wieder zusammen gebracht hat. Die beiden ergänzen sich so toll, dass ich nicht wüsste, was ich anderes oder noch dazu machen könnte.

Die Via de la Plata, mit ihren langen Geraden

Ab Sevilla beginnen die langen Geraden. Die erste Teilstrecke von Tarifa habe ich ja schon im vorangegangenen Blog (Die Via de la Plata, endlich wieder unterwegs!) beschrieben. Hier machen die oft großen Abstände zwischen den Ortschaften und Herbergen sie zu einer besonderen Herausforderung.

Kaum Wasserstellen und lange Distanzen konnte ich ein wenig damit umgehen, dass ich bereits Mitte Februar startete. Das kältere Wetter erleichtert einiges, gegenüber im späteren Frühjahr oder gar im Sommer. In der Hochebene war es gleich kühler, als zuvor am Meer.

Es nicht wie am Camino Frances, wo es alle fünf bis zehn Kilometer eine Bar oder Wasserstellen gibt. Immer wieder muss man sich für sechs, sieben Gehstunden oder länger, selbst vorsorgen, Wasser und Verpflegung. Selbst im Winter trägt man oft drei bis vier Liter Flüssigkeit mit sich.

Es ist ein Gehen mit sich selbst. Man wird auf sich selbst zurückgeworfen, was ein oft meditatives Gehen wird. Dadurch wurde es für mich auch ein großes Dankeschön für die letzten Jahre. Am Camino habe ich wieder Gehen gelernt und konnte mich Jahr für Jahr immer mehr in kleinen Schritten ans Leben gewöhnen, wie ich es zu Hause nie machen hätte können.

Außerdem hatte ich auf diesen langen Geraden genug Zeit zum Reflektieren, was in den letzten Jahren geschehen ist. Es tut gut, wenn man weiß, wo man herkommt und nichts für selbstverständlich hält. Die verlorene Automatik macht das Gehen auch nach acht Jahren noch schwer, aber ich lernte immer besser damit umzugehen.

Von Salamanca nach Zamora, an einem Tag

Der Tag war bis auf den Anfang verregnet, daher war ich im Nachhinein froh, an einem Tag von Salamanca nach Zamora zu gehen, denn die vielen Flussdurchquerungen sind bei noch höherem Wasserstand noch viel unangenehmer oder müssen umgangen werden. Es gibt meistens keine erhöhten Steine zum Darüber kommen. Viele Pilger ziehen jedes Mal die Schuhe aus, wenn sie zu einer Wasserfurt kommen. Ich mit meinen Turnschuhen ging einfach hindurch, denn nasse Füße hatte ich durch den Regen ja sowieso schon.

Gefühlt trockneten sie bis zur nächsten Furt, wo alles von vorne begann. Es waren bestimmt zehn an der Zahl, die tiefer waren. Vormittags kam ich an einem richtigen Fluss vorbei, der noch ein Rinnsal und eigentlich einfach zu bewältigen war. Die Pilger am nächsten Tag standen vor einem einen Meter höheren Fluss und mussten einen großen Umweg über die Straße machen, wie mir Fotos zeigten.

Bereits im Finsteren unterwegs, begann es zu Hageln und kurz darauf zu Schneien. Durch Schlamm, Überflutungen und die Nacht suchte ich meinen Weg nach Zamora. Um halb zehn Uhr Abends erreichte ich mein Hotel. Ich buchte es von Unterwegs aus über Booking.com, und normalerweise ist die Lage darin genau angegeben. Ich kopierte die Adresse in Google Maps und ließ mich vom Handy hinführen.

Am angegeben Punkt stand ich aber auf einer mehrspurigen Straße im Nichts. Dort kam ich drauf, dass nur die Straße angegeben war und die leider am verkehrten Ende. Wäre ich normal auf geraden Weg direkt zum Hotel gegangen, hätte ich mir mehrere Kilometer Umweg erspart.

Am Ende des Tages standen dann 75 Kilometer zu Buche, was geschlossenen Herbergen, überteuerten Hotels und dem Umweg am Schluss geschuldet war. An der ersten und einzigen offenen Herberge nach über 30 Kilometer bin ich vorrüber gegangen, was im Nachhinein ein Fehler war.

Weiter auf der Via de la Plata, in Richtung Meseta

Die folgenden Tage waren eigentlich wie in der Meseta, die ich vom Camino France kannte. Nur leicht auf und ab, meistens lange Geraden. Unterwegs traf ich auf den 71-jährigen Amerikaner Marlin, der mit 67 Jahren den Appalachen Trail gegangen ist. Zum ersten Mal konnte ich mit jemanden sprechen, der diesen Weg selbst gegangen ist und bin nicht auf Berichte im Internet angewiesen. Es wurden interessante Gespräche.

Zusammen mit Sema aus der Schweiz, bildete sich eine kleine Gruppe, die oft zusammen blieb und die zwei höheren Berge an der Grenze zu Galizien in Angriff nahm. Auf den Höhen von 1400 m lag Schnee und besonders der zweite Berg war eine Herausforderung. Der in den letzten Tagen gefallene Schnee knickte viele Bäume um und der Weg war oft ein Bachbett, unter dem Schnee.

In diesem Wirrwarr kletterten wir nach oben, mit nassen Schuhen und teilweise im Regen. Wir waren jetzt in Galizien und mit jedem Meter auf der anderen Seite bergab, wurde es grüner und wärmer.

Meine Schuhe, die ich auf der Via de la Plata verwende

Für diesen Weg verwendete ich die Hoka Speedgoat 5 Goretex. Im Nachhinein war es nicht die richtige Wahl, aber die Passform ist trotzdem einmalig. Das Prolem war, dass ich in relativ großer Tageshitze im Süden gestartet bin und in den Winter gegangen bin. Mit so einer Wärme am Anfang habe ich nicht gerechnet und dafür war Goretex nicht geeignet. Erst nach 1000 Kilometer kam ich in die Schneebedeckten Berge, da war allerdings das Goretex bereits kaputt und undicht.

Die ersten Risse bekamen die Schuhe bereits nach 400 Kilometer, die in Folge immer größer wurden. Der Weg war gerade am Anfang sehr anspruchsvoll für das Material und der Verschleiss begann früh. Mit Klebeflicken für ein Zelt und Superkleber versuchte ich die Risse klein zu halten, bzw. das Auseinanderreissen zu verhindern.

Sie waren zwar nicht mehr wasserdicht, aber ich konnte noch bis zum Schluss gut darin gehen. Auch die Sohle hat gut gehalten, immerhin hatte der Schuh am Schluss rund 1500 km drauf.

Hoka Speedgoat 5 Goretex

Ein bisschen zur sonstigen Ausrüstung

Im großen und ganzen konnte ich zufrieden sein, trotzdem habe ich eine Menge dazugelernt. Die lange Unterhose hätte ich mir sparen können oder in Kombination mit einer dünneren Wanderhose. Meine Karpos Hose war an vielen Tagen ein bisschen zu warm und da werde ich mir für die Zukunft noch was überlegen.

Den Decathlon Anorak tauschte ich auf dem Hinweg in Malaga noch aus. Im dortigen Shop war ein Angebot des mit Daunen gefüllten. Der große Vorteil ist das Packmaß und das Gewicht, bei etwa gleicher Wärmeleistung, gegenüber der Kunststoff Füllung. Bei 370 zu 290 gramm und um nur € 50,- brauchte ich nicht lange überlegen. Da ich den Anorak oft nur am Abend brauchte und den Rest des Tages im Rucksack verstaute, brachte mir die Daune einen großen Vorteil.

Die Wrightsocks Socken sind zwar hervorragend zum Tragen, aber sie verschleissen doch recht schnell. Das eine Paar, welches ich mit hatte, war nach 500 Kilometer kaputt. Als zweites Paar hatte ich Darn Tough mit, die ja eine lebenslange Garantie bieten. Sie bewährten sich gut, später abwechselnd mit einem Paar doppellagiger Socken von Decathlon, die ich unterwegs erstand.

Zwei extraleichte Leibchen von Salomon, eines um die 90 gramm, erleichterten das Wäsche trocknen. Im Winter sind die Herbergen nachts kalt und trocknen ist oft unmöglich. Nicht so diese leichten, denn ich habe sie oft gewaschen und sie waren bis zum nächsten Tag trocken.

Mit dem Rucksack, dem Ultimate Direction 30, war ich sehr zufrieden, da ich so immer Reserven hatte, um mehr Wasser oder Verpflegung tragen zu können. Manchmal wünschte ich mir allerdings den kleineren 20 Liter, der auch gereicht hätte, wenn ich den kleineren Schlafsack genommen hätte. Die vielen kleinen Taschen vorne sind optimal, um während des Gehens zu Essen. Besonders im Nassen ist das ein Vorteil, weil es kaum Sitzgelegenheiten gab oder auch nur, den Rucksack trocken hinzustellen.

In Verwendung hatte ich den Sea to Summit Spark II Schlafsack, mit 500 gramm. Wahrscheinlich hätte auch der Spark I gereicht, nur 350 gramm schwer. Für die Übernachtung im Freien hätte ich eben mehr Bekleidung anhaben müssen. Für die Herbergen wäre der leichtere voll ausreichend gewesen.

Bei Rucksack, Schlafsack und noch einigen anderen Dingen, hätte ich bis zu 750 gramm einsparen können. Das werde ich auf jeden Fall in Zukunft stärker beachten. Im Zweifelsfall gehe ich halt doch mehr auf Sicherheit, da ich oft nicht weiß, wie mein Körper reagiert.

Hier meine Ausrüstungsliste auf lighterpack:

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Der Pico de Sacro, kurz vor Santiago

Ein Pilgerfreund, Kai aus Deutschland, riet mir, auf den Pico de Sacro zu steigen. Ein neben dem Weg liegender Berg, den nur wenige besuchen, der aber sehr Energiereich ist. Als Besonderheit ist er am Gipfel gespalten und sieht aus, wie zwei Gehirnhälften. Für mich also noch besonderer.

Schon in der Früh, noch im Finsteren, verlassen Marlin und ich die Herberge. Nur einige Kilometer bergan, stehen wir bald am Gipfel. Die Sonne beginnt gerade aufzugehen und taucht die Umgebung in ein besonderes Licht. Ich mache Fotos und setze mich hin, um zu meditieren. Langsam kommt die Sonne hervor und ich spüre eine Wärme, wie nie zuvor auf meinem Gesicht. Von der Stirn, über die Wangen und weiter nach unter, spüre ich eine Wärme und Energie, die einzigartig ist.

Ich fühle mich angekommen, angekommen in mir und im Leben. Ab hier bekommt mein Leben eine neue Bedeutung.

(M)Ein neues Leben nach dem Hirnabszess

Die letzten 8 Jahre der Therapie habe ich am Pico de Sacro abgeschlossen. Es mag zwar noch einiges fehlen, aber ich bin froh darüber, wie es sich entwickelt. Der Camino lehrte mich, wieder ein Selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die Tanztherapie gab mir Werkzeuge, mit denen ich mich wieder Bewegen lernte, löste viel im geistigen Bereich und half mir, mich wieder zurechtzufinden.

Zeit, Raum und Menschen bekamen eine neue Bedeutung, die ich langsam in mein Leben integrieren lerne. Ich wurde ein Abenteurer und Entdecker, der das Leben neu (er-)finden muss. Das wichtigste wurde es, Gelegenheiten selbst zu erzeugen und auf nichts zu warten. Ich kann behaupten, keinen einzigen Tag seit dem Hirnabszess vergeudet zu haben und wenn es auch oft am Limit ist, ich LEBE jeden einzelnen Tag und fülle ihn mit Geschichten.

Manches gelingt noch immer nicht. Gerade jetzt wo ich schreibe, fehlen mir Wörter, um es beschreiben zu können. Aber ich versuche es, egal was dabei herauskommt. So ist es mit vielen Dingen.

Der weitere Weg nach Santiago

Noch sind es 15 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Es ist ein teilweiser ruhiger, in mich gekehrter Weg. 1.274 km werden mir im Pilgeroffice für meinen Weg bestätigt, weitere wertvolle Kilometer ins Leben. Am Platz vor der Kathedrale setze ich mich hin und es gehen im Eilzugstempo verschiedenste Stationen dieser vergangenen acht Jahre in Gedanken vorüber. 

Den Entschluss, nicht mehr in den Norden zu gehen, habe ich am Pico de Sacro gefällt. Die Durchquerung Spaniens von Süd nach Nord hätte nur meinem Ego geschmeichelt, ich bin aber für etwas anderes da und das habe ich auf dem letzten Berg vor Santiago gefunden. Diese ersten Sonnenstrahlen auf meiner Stirn werde ich nicht so schnell vergessen.

Zu Mittag erreiche ich mit Marlin Santiago und entschließe mich, einen Ruhetag hier zu verbringen. Mit Marlin war ich erstmals etwa zehn Tage zusammen unterwegs, was ich bisher noch kaum mit jemanden geschafft habe. Bisher war ich zumindest untertags alleine. Auch unter dem Gehen mich mit jemanden zu unterhalten, das war in dieser Menge neu für mich. So konnte ich gleichzeitiges Gehen und Sprechen üben, was immer noch eine Herausforderung für mich ist.

Danke Marlin, für die oft sehr interessanten Gespräche und auch für die Möglichkeit, mit dir meine Aufnahmefähigkeit zu üben.

Weiter nach Muxia und Finesterre

Da in Santiago die Osterfeiern im Gange waren, entschloss ich mich, weiter nach Muxia und Finesterre zu gehen. Inzwischen war auch Sema aus der Schweiz in Santiago angelangt und so trafen wir uns auf dem Weg nach Muxia. Es war nass und regnete immer wieder und ein sturmartiger Wind machte das Gehen schwer. Trotzdem ist es immer wieder ein Genuss, den Weg hier abzuschließen und am Schluss in Finesterre am Kap zu stehen.

Am Ende der Welt, was es ja vor hunderten Jahren war, dreht man um und beginnt ein neues Leben. Man sagt ja, das Leben beginnt erst nach dem Camino. Wie wahr!

Mit dieser Reise hat meine Rehabilitation nach dem Hirnabszess eine neue Stufe erreicht. Nach acht Jahren Training, Üben und das Leben lernen, habe ich auf irgendeine Art meinen Frieden gefunden und mich selbst. Es wird sich äußerlich nicht allzu viel ändern, sicher aber meine Einstellung zu manchem.

Ich habe es schon am Weg gemerkt, dass ich kaum mehr ans reparieren oder therapieren denke und lockerer Gehen und Aufnehmen kann. Besser gesagt, ich kann einfacher Leben, ohne mich durch die Behinderungen gestört zu fühlen. Damit wird das Leben einfacher, wenngleich die Rehabilitation noch immer dazugehört.

Wieder zu Hause

Kaum wieder zu Hause, fehlt mir das unbekümmerte Gehen am Camino. Zu viele Pflichten und Erledigungen machen es schwer, zu Hause anzukommen. Ich denke darüber nach, Vorträge zu halten oder mein Buch zu schreiben, allerdings bleibt es beim Versuch, darüber zu denken. Noch komme ich nicht damit weiter.

Viel lieber denke ich über einen nächsten Weg nach, wo ich mich mit meinen Defiziten besser aufgehoben fühle und das Leben noch mehr genießen kann. Wohin wird mich das Leben führen, ich kann es nicht sagen. Ich lebe im Jetzt und kann nicht über die Zukunft nachdenken oder mir zu viele Gedanken darüber machen. Es endet am Schluss ja doch im "Nicht denken können".

Daher gehe ich in der Natur spazieren, wo mir ständig die Jakobsmuschel über den Weg läuft und mich an die Via de la Plata erinnert. Ich bin noch immer beim Aufarbeiten, was ich unterwegs lernte und was ich in mein Leben integrieren werde.

Schlussendlich fülle ich mein Leben mit immer mehr Geschichten. Geschichten, die mein Leben bereichen und wieder lebenswert machen.

Ein kleiner Hinweis noch am Ende:

Für "Menschen im Porträt", habe ich erstmals voriges Jahr ein Interview gegeben, wo ich über die Zeit nach dem Hirnabszess spreche. Dieses ist seit kurzem online. In einem nächsten Blogbeitrag werde ich über das Interview berichten, meinen Beweggrund, warum ich es getan habe und darüber schreiben, wie es mir heute geht.

Hier gehts zum Interview:

Buen Camino und Ultreia (Guten Weg und immer vorwärts)



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mission JOGLE - Lands End, Across Britain ist geschafft!

Meine Durchquerung von Großbritannien ist Wirklichkeit geworden. Mit dem Erreichen von Lands End und mit dem südlichsten Punkt, Point Lizard, habe ich den JOGLE und die Nord/Süd Durchquerung von Großbritannien abgeschlossen.

Warum es diesen geografischen Unterschied überhaupt gibt, hat sich mir bis heute nicht erschlossen und ich habe auch bis heute vergessen, danach zu fragen. Liegen die beiden jeweiligen Punkte, im Norden, wie im Süden, doch nicht so weit auseinander.

Mit dem Erreichen von Lands End durfte ich wieder eine tolle Erfahrung hinter mich bringen, die mir viele neue Erkenntnisse in Bezug auf mein Funktionieren nach dem Hirnabszess brachte und das mir zeigte, dass das Lernen immer weiter geht.

Den Weg mochte ich zuerst mehr unter Rehabilitation einordnen, als unter "wieder Leben lernen". Wobei im Nachhinein gesehen, auch das nicht zu kurz gekommen ist und ich wesentliche Dinge auch geistiger Natur lernen durfte. Solche Weitwanderwege sind ganzheitlich zu verstehen.

Unterwegs nach Lands End, JOGLE

Wilde letzte Tage

Das Schlechtwetter verlässt mich auch diese letzten Tagen nicht. Stürmisch und regnerisch bleibt es, aber es kommt an manchen Tagen doch immer wieder kurz die Sonne heraus. Meine Fotos zeigen deswegen fast immer Sonnenschein, weil ich im Regen nicht immer das Handy zücke, um zu fotografieren.

Unterwegs nach Lands End, JOGLE
Regen und Sturm

Das Kaputt werden meines alten Handys, mit der guten Kamera, macht mich vorsichtig. Noch einmal ein neues zu kaufen, kann ich mir finanziell nicht leisten, aber gerade im Regen wird es nass und gleitet mir somit noch leichter aus den Händen. Daher heißt es, aufpassen. Ich habe überhaupt ein sehr geringes Budget, das macht diese Reise für mich sowieso schon besonders.

Wildnis und Wildheit wird mir auf diesen letzten 400 km am SWCP besonders gut vermittelt, aber auch, wie ich sie in meiner Rehabilitation einsetzen kann. Denn Wildnis erdet, etwas, was ich seit dem Hirnabszess brauche. Wildnis möchte auch keine Begrenzungen und sie zeigt mir immer wieder, mit meinen eigenen Begrenzungen umgehen zu lernen. Denn Begrenzungen erlebe ich oft genug aufgrund meiner Handicaps. Damit umzugehen, ist oft nicht so leicht. Sie sind von Außen nicht für jeden ersichtlich und das macht es für mich noch schwieriger. 

Die Wildnis zeigt mir auch, wie ich authentisch leben und mit meinen Ängsten umgehen kann, welche Risiken ich eingehen möchte und welchen Selbstschutz ich brauche. Somit ist die Wildnis meine Therapeutin, die mir das Leben lehrt, wie kaum etwas zuvor. Genau das brauche ich jetzt, genauso, wie die Wildheit. Sie erinnert uns daran, wie wir instinktiver und im Einklang mit der Natur lebten.

Das therapeutische Tanzen bildet die Grundlage,...

...um überhaupt leben zu können. Es brachte mich die letzten Jahre immer mehr ins Leben hinein und war eine Voraussetzung, um das alles hier überhaupt erleben zu können. Meine Selbstwahrnehmung steigerte sich, ebenso wie die Wahrnehmung im Außen.

Jede einzelne absolvierte Stunde der letzten Jahre war ein Baustein und so immens wichtig, ich kann es gar nicht oft genug betonen. Das Bewegen im Tanz brachte mir so viele Erfahrungen und Erkenntnisse und ich bin meiner Therapeutin Hanna Treu so sehr dankbar für alles, was sie in den letzten Jahren für mich getan hat. 

Genauso dankbar bin ich auch für die Tatsache, meine Rehabilitation in die eigenen Hände genommen zu haben und meinem Instinkt zu folgen, was mir guttut. Der Kontakt mit den Kräften und Energien der wilden Natur hilft mir, besser zentriert zu sein und wieder ins Gleichgewicht zu kommen, meiner Intuition zu vertrauen und diese auch zulassen.

Wildnis im Innen und Außen

Wildnis und Wildheit spürte ich schon früher, aber der Verstand ließ vieles nicht zu. Ich gehe heute einen Weg, der sich für mich richtig und stimmig anfühlt. Das bekomme ich immer wieder bestätigt, allerdings habe ich die letzten Jahre diese Wildheit in mir wieder zulassen lernen müssen. Sie ist meine Freundin, die mich wieder ins Leben bringt, denn am meisten spüre ich mich selbst, wenn ich mich der Wildnis aussetze.

Auf diesem Weg langen Weg durch England stellte ich mich vielen Mustern und Ängsten, konnte vieles bearbeiten und manches lösen. Es hat mich wieder einen Schritt nach vorne gebracht. Diese Wildheit durch Großbritannien und besonders entlang des Ozean am SWCP, spürte ich besonders gut, wobei es wichtig ist, Wildnis für sich zu definieren.

Wildnis hat für mich mit Freiheit zu tun. Wobei es mir wichtig ist, die innerer Freiheit zu leben. Nämlich dann, wenn ich Begrenzungen erfahre, im Innern wie im Außen, die ich mir ja oft selbst unbewusst auferlege.

Wildnis am Weg nach Lands End, JOGLE

Schwierige letzte Tage, mit Sturm und Regen nach Lands End

Diese letzten Tage dieser Reise sind immer wieder ein Versuch, Resümee über diese zwei Monate am JOGLE zu ziehen. "Du bekommst, was du brauchst, nicht was du möchtest!", dieser Spruch vom Jakobsweg hat auch hier Gültigkeit. Meine Frage ist manchmal, WARUM brauche ich über vierzig Regentage und all die anderen Herausforderungen?

Darüber denke ich in diesen letzten Tagen nach und kann es gar nicht glauben, dass es bald vorbei ist. Allerdings nicht ganz vorbei, denn ich möchte ja noch nach Poole gehen, dem Ende des South West Coast Path. Davor heißt es aber die letzten Kilometer überstehen, die Konzentration aufrecht zu halten. Die haben es nämlich noch einmal in sich. 

Mein vorletzter Tag beginnt in Portreath. Regen und Sturm Peitschen vom Meer kommend ans Land und machen es mir nicht leicht. Es geht Ausgesetzt am Meer entlang, mit so einem starken Gegenwind, dass ich kaum vorwärtskomme. Es gibt kaum Hecken, hinter denen ich vom Wind geschützt gehen kann und immer wieder Regen, der mir waagrecht entgegen kommt, mit starkem Sturm.

Eine Weile gehe ich zwischen Dünen entlang und dann wieder direkt am Strand. Ich kann zwischen steilen Hügeln im tiefen Sand oder am flachen Strand, mit stürmischem Gegenwind entscheiden. Beides ist gleich schwierig und nach Stunden diesen Elementen ausgesetzt, wechsle ich auf die im Land gelegene Straße, denn neben dem Meer wird es mir zu gefährlich.

Die Windböen kommen zum Glück vom Meer, so werde ich immer nach links, gegen die steile Böschung gedrückt. Rechts geht es genauso steil nach unten, wo das Meer wartet. Es wird mir zu gefährlich auf den schmalen Steigen weiterzugehen und ich schlage mich irgendwie in die Richtung zur Straße durch. Wobei auch diese nicht ungefährlich ist.

Schmal, rechts und links, mit hohen Hecken, kein Seitenstreifen für Fußgänger, viele Kurven und Verkehr. Immer wieder wechsle ich die Straßenseite, da ich den Gegenverkehr nicht einsehen kann. Nach vier Kilometer erreiche ich den Stadtrand von Hayle und beim ersten Gehsteig kann ich Durch- und Aufatmen.

Das erste Pub am Weg nutze ich zum Frühstücken. Obwohl ich damit mein Budget überschreite, bestelle ich mir ein ordentliches, bestehend aus Omelett, Speck, Würstchen und Bohnen. Dieses Unwetter zehrt an meinen Kräften und ich muss aufpassen, nicht in ein kalorisches Defizit zu laufen. Besonders auf genug Eiweiß muss ich achten und genug zu mir zu nehmen. Wegen der Muskelschwäche dürfen Defizite erst gar nicht aufkommen.

Nach Hayle beginnt wieder einmal die Sonne zu scheinen und ich genieße die warmen Strahlen. Unterwegs trockne ich mein Zelt und alles andere, was feucht ist, lege es in die Wiese, in die für ein paar Minuten heiße Sonne.  Ein Kaffee ist schnell zubereitet und in der Sonne liegend raste ich.

Nach einer halben Stunde ist die Sonne wieder weg und bei den ersten Regentropfen packe ich schnell alles ein. Bei Bewölkung nähere ich mich auf schönen Pfaden St. Ives. Die Zeichen des Camino Ingles erlebe ich bei Sonne, um St. Ives wieder im Regen zu erleben. Es ist eine der teuersten Gegenden von Cornwall. Schon seit Wochen sind alle Quartiere hier ausgebucht, so auch das einzige Hostel in der Gegend. Mir ist daher klar, dass ich hier nur durchgehe und mich nur versorge.

In der Stadt beschränke ich mich auf eine Dose Baked Beans. Diese esse ich, vom Regen geschützt, unter einer Markise vor einem Geschäft, in der belebten Fußgängerzone. Am Boden sitzend, schaue ich aus wie ein Obdachloser, denn der viele Regen und das Zelten der letzten Tage hat Spuren hinterlassen. Es ist aber egal ist, denn Essen, Einkaufen und danach möglichst schnell wieder auf den Trail, was anderes zählt für mich nicht. Mein Ziel ist es, noch möglichst weit in Richtung Lands End zu kommen, denn nur dann dann kann ich es morgen erreichen.

In einem Outdoorladen ergänze ich meine Vorräte mit Flipjacks, von denen jeder fast 400 Kalorien hat und mit speziellen Mint Riegeln, die schon Edmund Hillary auf seinem Gipfelgang zum Everest dabeihatte. Die Firma hat ihren Sitz in Kendal, nicht weit vom Weg, wo ich vor ein paar Wochen vorbeigekommen bin.

Es ist schon später Nachmittag und ich möchte noch einige Kilometer in Richtung Lands End zurücklegen. Allerdings sind diese Kilometer nach St.Ives bei diesem Wetter besonders schwierig. Als wollte mich dieses Land vor dem Ende nochmals prüfen, führt ein schmaler Steig entlang des Meeres, gespickt mit großen Steinblöcken, durch die ich durch und drüber klettern muss. Dazu gibt es immer wieder Regenschauer. Die Wildheit nimmt wieder zu.

Ich brauche oft die Hände, um mich hochzuziehen oder abzustützen. Mit dem Rucksack ist es ein immenser Aufwand, die Balance zu halten. Nur langsam komme ich weiter, denn ständig muss jeder Schritt hochkonzentriert gesetzt werden. Ein Fehltritt hätte fatale Folgen, inmitten dieses Steinfeldes. Gegen sechs Uhr Abend überhole ich zwei junge Wanderinnen, mit riesigen Rucksäcken. Ich kann mir gar nicht vorstellen, so etwas auf meinen Rücken zu schnallen, geschweige denn, über diesen Trail zu tragen.

Da ich nicht vom Trail weg ins Hinterland gehen möchte, um einen Zeltplatz zu finden, bleibt Wildcampen die einzige Möglichkeit. Allerdings findet sich kein einziges, halbwegs ebenes Stück Wiese und ich sehe mich schon irgendwo zwischen Steinen sitzend, biwakieren. Seit dem Start am Nachmittag in diesen Abschnitt sind schon Stunden vergangen und die Sonne geht bald unter.

Da führt der Trail für kurze Zeit an einer Steinmauer entlang, bis an ein Gatter, mit einem schmalen Wiesenstück davor. Unbequem, aber zur rechten Zeit, denn bis zur Dunkelheit ist es nicht mehr weit. Der Blick hinter das Gatter verheißt ein mehr ebene Fläche, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es nicht irgendwo Kühe gibt.

Es ist alles ruhig und so baue ich schnell das Zelt dahinter auf, richte mich und alles andere her. Es ist viel ebener. Meine Füße sind vom vielen Regen verschrumpelt und alles ist nass und schmutzig. Diese letzte Nacht vor Lands End hält mich noch auf Trab. Kein Gedanke daran, dass morgen mein großer Tag ist, keine Gedanken an die vergangenen zwei Monate, kein Resümee ziehen oder nachdenken an das, was bisher war. Ich bin so fest in der Gegenwart verankert und darf nicht nachlässig werden oder die Konzentration beenden. Meine über die letzten zwei Monate erlangten Routinen und das Jetzt sind wichtiger, als über Vergangenes zu sinnieren.

Diese zwei Monate waren so lebensbejahend, wie auch das Gefühl, mit der Natur zu verschmelzen, wenn ich der Kraft der Naturelemente begegne und das Gefühl habe, genau hierher zu gehören. In solchen Momenten wird mir bewusst, was Heilung ist. Es ist nicht das völlige Verschwinden von Krankheit, es hat mehr mit einem Inneren Heil werden zu tun. Werde ich Innen Heil, kann auch das Außen folgen.

Mit einem satten, vollen und Erdverbundenen Gefühl, blicke ich weit übers Meer, vor mir die steil abfallenden Klippen, an die das Wasser tief unter mir an die Felsen schlägt. Ich bin einfach nur glücklich, hier zu stehen.

Der letzte Tag meines JOGLE beginnt. Auf nach Lands End.

Nach einer Regenreichen Nacht wache ich im Morgengrauen auf, zum Glück ohne Regen. Als erstes wische ich die Zeltinnenseite mit meinem kleinen Wetex-Tuch ab. Die Kondensation war stark diese Nacht, wie so oft. Um beim Herrichten im Zelt nicht nass zu werden, wische ich es vor dem Aufstehen immer ab. Ich packe alles im Zelt fertig, erst dann stehe ich auf, denn das Zelt kommt als letzer dran.

Wie ich die Plane öffne, schaue ich in die mich fixierenden Augen einer stehenden Kuh, etwa 100 Meter entfernt. Weiter dahinter kommen andere, mit ihren Kälber, alle auf mich zutrottend. Schnell werfe ich den Rucksack über den Zaun, ziehe die Heringe aus dem Boden, werfe das Zelt über das Gatter und springe hinterher. Auf eine Konfrontation mit Ihnen möchte ich mich nicht einlassen, der letzte Schreck liegt mir noch in den Knochen und liegt noch nicht so lange zurück und diesmal sind auch Kälber dabei.

Es regnet zwar nicht, aber die Gräser sind voll mit nassen Tropfen der Nacht und der Trail ist glitschig. Auf meiner Wander-App ist nicht erkennbar, wo das einfachere Gelände vor Lands End beginnt. Nach zwei Stunden Kraxelei durch dieses nasse Wirrwarr komme ich zu ersten Ruinen, wo ein idealer Zeltplatz gelegen wäre. Leider bin ich gestern nicht mehr so weit gekommen.

Wllde Trails auf dem Weg nach Lands End
Glitschiger und nasser Pfad

Ab jetzt ist Bergbaugebiet, in dem früher Zinn und Kupfer abgebaut wurde, teilweise schon im 18. Jahrhundert. Eindrucksvolle Zeugnisse vergangener Epochen. Es tauchen vereinzelt Spaziergänger auf, also kann es nicht mehr weit bis in die "Zvilisation" sein. Es ist immer wieder ein eigenartiges Gefühl, dort aufzutauchen, diesmal sogar mit dem Gefühl, England durchquert zu haben.

Noch ein bißchen Auf und Ab, dann bin ich da. Allerdings stellt sich kein Gefühl der Freude oder das Glücklichsein über die Durchquerung bei mir ein. Im Gegenteil, ich bin überfordert mit Lands End und eigentlich enttäuscht. Es erwartet mich ein kleines Disneyland, viele Menschen und eine endlos lange Schlange, vor dem Schild von Lands End. Das ist zuviel für mich, da macht mein Gehirn nicht mehr mit. Mickey Mouse und Konsorten laden ein und alles geht zu, wie am Rummelplatz.

Ich bin so von der Rolle, dass mir fast keine Bilder gelingen. Diesen Trubel habe ich nicht erwartet und schneller als gedacht, gehe ich weg von dort. Mein Ankommen ist zugleich ein Weitergehen. In einem nahen Campingplatz entschließe ich mich dazu, am nächsten Tag, noch ganz in der Früh, noch einmal das Schild zu besuchen. Damit habe ich also den JOGLE beendet.

Zum südlichsten Punkt Englands, Point Lizard

Jetzt fehlt nur noch der südlichste Punkt, in Point Lizard gelegen, den ich nach einigen weiteren Tagen erreiche. Es ist ein nebeliger Tag, mit kaum Aussicht. Ich gehe bis ans Meer, wo ich die durch ganz Grobritannien gesammelte Federn und einen Stein ins Meer werfe. Die Federn Symbolisieren Leichtigkeit, eine Leichtigkeit im Leben, aber auch eine Leichtigkeit des Körpers, an der ich seit 2016, wie ich aus dem Krankenhaus gekommen bin, arbeite.

Damals war alles schwer, besonders die Bewegung. Das Heben eines Armes war schwer, die Beine beim Gehen und erst mit dem Beginn des therapeutischen Tanzen im Jahr 2019, brachte von Jahr zu Jahr mehr Leichtigkeit in mein Leben.

Mit dem JOGLE habe ich mein bisheriges Meisterstück vollbracht, was allerdings nicht heißt, dass ich die vollendete Leichtigkeit erreicht habe. Da sind wir wieder beim Heil werden, noch fehlt trotzdem viel.

Resümee

Die Heilwerdung schreitet voran, ungeachtet der noch vorhandenen Defizite. Die 2.000 km durch England habe mich wieder weitergebracht. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass ich nicht damit aufhören darf, mich zu bewegen. Ein einmal erreichtes Plateau bleibt mir nicht erhalten, zu schnell geht es wieder in die andere Richtung, wenn ich mich weniger bewege. Deshalb ist Dranbleiben so wichtig.

Solange ich durch Gehen mein körperliches Befinden besser erhalten kann, werde ich gehen. Das werde ich machen, solange ich kann oder motiviert dazu bin. Das ist die wohl wichtigste Erkenntnis von diesem Weg.

Zum Abschluss möchte ich mich bei allen bedanken, die mich auf dem Weg unterstützt haben. Ohne Euch wäre es anders abgelaufen. 😉 DANKE



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mission JOGLE - Bristol und Teil 1, South West Coast Path

Mein letzter großer Teilabschnitt des JOGLE steht bevor. Ich entscheide mich für den Weg an der Küste, mit dem South West Coast Path am Ende. So lerne ich auf meiner Mission JOGLE beinahe alle großen Weitwanderwege Englands kennen.

Zum South West Coast Path habe ich eine besondere Beziehung aufgebaut, da er schon seit Jahren in meinem Geiste herumschwebt, mir aber immer zu schwer war. Nicht umsonst gilt er als einer der schwersten Weitwanderwege in Europa. Eigentlich hatte ich ihn zuerst alleine ins Auge gefasst und erst danach die England-Durchquerung für mich entdeckt.

Die letzten zwei Wochen habe ich mich gut erholt, allerdings nicht meine Geldtasche. Ich merke, dass die Ferienzeit in England beginnt, denn alle Quartiere sind preislich merklich gestiegen. Hostels, die noch im Mai 15 - 20 Pfund verlangten, wollen plötzlich das doppelte und mehr, nur für ein Bett im Schlafraum, wohlgemerkt.

Ein Hotel oder eine Pension unter 100 Euro zu finden, wird fast unmöglich. Wenn ich etwas finde, ist es zu Fuß meist zu weit abseits vom Trail oder ausgebucht, so bleibt mir meist nur das Zelt.

South West Coast Path

Start in Bristol

Frühmorgens gehe ich los und finde natürlich kein offenes Café. Ich habe schon damit gerechnet, denn so früh hat hier kaum was offen. Die meisten sperren erst ab 10 Uhr auf. Ich möchte aber am liebsten in zwei Tagen in Minehead sein, wo sich der offizielle Start des South West Coast Path befindet, daher mein früher Aufbruch.

Um Strom für das Handy zu sparen, möchte ich den Samarither Weg gehen, der an für sich gekennzeichnet ist und ich daher nicht so oft das Handy zum Navigieren brauche. Allerdings wird der Weg anscheinend wenig begangen, denn die Wege sind schlecht, führen durch hohe Wiesen mit Brennesseln und sind nicht gepflegt.

Es sind oft öffentliche "Footpath Wege", die meist über privates Land führen. Schon auf den ersten Kilometern vergehe ich mich einige Male, weil die Wegweiser zugewachsen oder gar nicht vorhanden sind. Dann stehe ich mitten im Nirgendwo und muss mich in die richtige Richtung selbst durchkämpfen. Also wieder nichts mit Dahinspazieren, ohne nachdenken zu müssen.

An einem Gatter gehe ich durch, um nach einem Hügel eine Rinderherde zu bemerken. Ich habe noch etwa hundert Meter bis zum nächsten Gatter, da bemerkt mich die erste Kuh. Aufschauen und losrennen passiert in einem Augenblick, aber nicht nur sie, auch die anderen dreißig Kühe laufen augenblicklich los. Es wird einem zwar geraten stehenzubleiben, aber wenn dreißig Kühe hinter dir  losstürmen, dass der Boden wackelt, habe selbst ich kein Vertrauen mehr darauf, dass sie ebenfalls stehenbleiben, wenn ich es tue.

Es wird mein längster Sprint seit sieben Jahren. Wenige Meter vor dem für mich "lebensrettenden" Gatter, ist die erste Kuh noch etwa zwanzig Meter hinter mir. Da sehe ich, dass der Riegel für mich, mit meiner schlechten Feinmotorik, zu langsam zu öffnen ist. Also entscheide ich mich fürs raufklettern und auf der anderen Seite hinunterspringen. Das Gatter ist allerdings höher als normal, nämlich rund 2 Meter und damit noch mehr ein Hindernis.

Ich springe gleich auf eine obere Sprosse, klettere höher und werfe mich auf die andere Seite hinunter. Nach unten sind es rund eineinhalb Meter, zu viel für mich, um eine Landung auf zwei Beinen zu überstehen. Irgendwie schaffe ich es, mich mit Rucksack in der Wiese abzurollen und liege dann wie erschlagen da, hinter mir das Gatter mit schnaubenden, mit den Hufen am Boden scharrenden Kühen. Wäre es mit Vertrauen leichter abgegangen? Ich weiß es nicht und muss mich erst einmal erholen.

Ab diesem Erlebnis gehe ich erst einmal auf der Straße weiter, verzichte auf "Footpath" Wege, bis ich bei Bridgwater an den Meeresarm gelange. Zum Übernachten klettere ich am Abend über ein Gatter, auf eine Weide neben der Straße. Dort finde ich eine ebene Flächen für das Zelt, nicht ohne mich vorher zu vergewissern, dass ich alleine bin und die Weide nicht von Kühen besetzt ist. Von den Farmern wird das allgemein toleriert, wenn man nichts zurück lässt und sich entsprechend verhaltet.

Wind und Atomkraftwerk

Starker Wind erschwert mir das Vorwärtskommen. Dazu regnet es immer wieder und die schmalen Pfade kommen mir nicht entgegen. Wegen dem Gleichgewicht gehe ich eher breitbeinig und so wanke ich oft von links nach rechts, als wäre ich betrunken. Seit Beginn in Schottland, erarbeite ich mir jeden Meter, ein einfaches Dahingehen ist einfach nicht möglich.

In der Ferne tauchen riesige, alleinstehende Gebäude neben dem Meer auf, die sich als Atomkraftwerk entpuppen. Es steht direkt am Meer und muss von uns Wanderern umgangen werden. Dabei merkt man erst die eigentliche Größe, denn für den Umweg brauche ich fünf Kilometer, immer entlang eines stark gesicherten Zaunes. Das sind immerhin etwa eine Stunde Gehzeit, immer das Kernkraftwerk neben sich.

Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl, wie ich daran vorbeigehe und bin froh, als ich vorüber bin. Von weitem sehe ich es noch lange, wenn ich zurückblicke. Bilder von Demonstranten vor einem Atomkraftwerk kommen mir in Gedanken. So allein und abseits stehend, inmitten von grasenden Kühen, hat es etwas befremdliches, verstörendes an sich.

Atomkraftwerk direkt am Meer

Minehead

Kurz vor Minehead übernachte ich und am nächsten Vormittag gehe ich in die Stadt. Die vielen Menschen erschlagen mich. Es wimmelt nur so an jeder Ecke von Touristen und mehrere Vergnügungsparks machen Lärm. Überall befinden sich Spielsaloons für Kinder und Geschäfte für Souveniers. Es ist so ein Trubel, der mich nach so langer Zeit in der Natur verstört und ich bin ein wenig enttäuscht, dass an einem solch geschäftigen Ort der "berühmte" South West Coast Path beginnt.

Noch schnell in einem Laden einkaufen, denn die nächsten Tage weiß ich nicht, was mich erwartet. Für zwei Tage möchte ich immer mit Essen grundversorgt sein. Das heißt, genug Energieriegel, Brot und Fertignudeln.

Nach diesem letzten Einkauf gehe ich weiter ans Ortsende. Plötzlich treffe ich auf die Jakobsmuschel und Hinweise auf den Jakobsweg. Sie werde ich immer wieder treffen und mir kommt die Idee, danach mit der Fähre nach Spanien zu fahren und den Camino Ingles nach Santiago zu gehen. Mit dem Blick auf den Preis für die Fähre, verwerfe ich aber diesen Plan. 

Dann das Schild, wo der South West Coast Path beginnt. Während dem Fotografieren sehe ich in der Nähe eine alte Dame am Gehsteig stürzen. Sie fällt so unglücklich auf das Gesicht, dass ihre Lippe aufplatzt und sie Schürfwunden im Gesicht und an den Händen erleidet. Sie ist geschockt und kommt kaum hoch. Ich setze mich zu ihr und wir reden beruhigend, so kann sie sich ein wenig erfangen. Bekannte warten 15 Gehminuten entfernt, so helfe ich ihr auf, bis sie kommen und sie setzt sich in ihr Auto, welches nicht weit entfernt parkt.

Ich mache meine Fotos fertig, immer mit einem Blick auf die Dame, bis ihre Bekannten kommen. Für mich beginnt nach dieser Aufregung der letzte große Abschnitt, der berühmte South West Coast Path.

Der South West Coast Path

Rund 1400 km liegen hinter mir und etwa 500 km bis Lands End und Point Lizzard, vor mir. Da ich niemals die Kilometer zähle, weiß ich es gar nicht genau. Gleich der erste Anstieg zeigt mir, was mich hier erwartet. Steil geht es lange durch einen Wald bergauf und ich spüre den überladenen Rucksack. Immer wieder einsetzender Regen erschwert alles. Das kann ja heiter werden.

Seit dem West Highländer Way in Schottland habe ich täglich Regenwetter und wie es ausschaut, wird sich das in nächster Zeit nicht ändern. Kurze Regenpausen, manchmal auch mit ein wenig Sonne, erleichtern alles, bevor es gleich wieder zu schütten beginnt.

Steiler Anstieg, South West Coast Path

Konzentriertes Gehen

Im Gehen dem Augenblick begegnen

Seit dem Start des JOGLE ist jeder Meter eine Übung in Konzentration. Und auch auf diesem Abschnitt bleibt es dabei: Regen, steile An- und Abstiege, kein einziges Stück zur Erholung – alles fordert mich heraus, zwingt mich, ganz da zu sein. Eine Konzentration, wie ich sie auf keinem anderen Weg in dieser Intensität erlebt habe.

Oft muss ich innehalten, durchatmen – nicht, weil der Körper nicht mehr will, sondern weil das Gehirn eine Pause braucht. Mehr noch als die Muskeln verlangt es nach Momenten der Ruhe. Dieser Weg zwingt mich seit Wochen dazu, im Hier und Jetzt zu leben. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Und je länger ich gehe, desto näher komme ich mir selbst.

Denn sich selbst findet man nur in der Gegenwart. Und davon gibt es hier reichlich – in jeder Sekunde, in jedem Tritt, in jedem Windstoß. Schön langsam fügt sich eines zum anderen. Die tausenden Kilometer der letzten Jahre waren nicht umsonst. Ich werde weitergehen, so lange, bis ich wieder ganz bei mir bin.

Der Gegenwind bläst mir hart ins Gesicht, manchmal wird er zum Sturm. Da gibt es kein „Fuß anheben und er fällt schon von allein nach vorn“. Nein – jeder Schritt will bewusst gesetzt werden. Und wenn ich nicht aufpasse, drückt der Wind meinen Fuß zurück, bevor er den Boden berührt. Dann lande ich nicht dort, wo ich hinwollte – das Stolpern ist vorprogrammiert. Aber genau dadurch wächst meine Achtsamkeit.

Dazu kommen schmale Steige, auf die sich das Gras von beiden Seiten legt. Ich sehe meine Füße oft nicht, gehe tastend voran – Schritt für Schritt, dem Unsichtbaren entgegen. Das Wasser sammelt sich an den Halmen, ich streife es bei jedem Tritt ab. Die Folge: durchweichte Schuhe, nasse Socken, klamme Zehen – seit Stunden.

Und dann sind da noch die Höhenmeter. Es geht ständig auf und ab, ohne Pause. Manche Steige sind so steil, dass sie mit Brettern abgestützt wurden – doch diese Stufen reichen mir oft bis zum Knie. Kein einfacher Gang. Kleine Menschen werden es hier schwer haben. Und wenn selbst ich mich schwertue, sagt das einiges.

Mit Muskelschwäche am South West Coast Path

So viele Stufen wie auf diesem Abschnitt bin ich seit dem Hirnabszess nicht mehr gestiegen. Bilder steigen in mir auf – vom Schlossberg in Graz, meinem alten Übungsplatz. Dort lernte ich einst das Stufensteigen, Schritt für Schritt, Tritt für Tritt. Am Anfang der Rehabilitation dachte ich nur an eines: Ich muss wieder Kraft aufbauen. Ich hoffte auf Fortschritt, auf Muskelwachstum – doch was ich für Kraftlosigkeit hielt, entpuppte sich als etwas anderes. Eine bleibende Muskelschwäche. Und dazu die gestörte Propriozeption, die nichts mit der Muskelkraft zu tun hat – sondern mit der tiefen Wahrnehmung des Körpers im Raum.

Ich musste erst verstehen, was da mit mir passiert war. Die Nervenverbindungen sind nachhaltig geschädigt. Und doch habe ich mich weiterentwickelt – weit mehr, als ich es anfangs für möglich hielt. Immer im Rahmen dessen, was mit der Muskelschwäche und der fehlenden Propriozeption möglich ist.

Am Anfang war schon das Aufstehen aus dem Bett eine Höchstleistung. Heute ist es noch immer nicht leicht – aber es fühlt sich nicht mehr unmöglich an. Und so ist es mit vielem.

Dass ich heute 50 Kilometer gehen kann, bedeutet mehr als eine Zahl. Es ist die Grundlage, um im Alltag durchzuhalten. Zuhause. Im Leben. Denn jedes Gehen schenkt mir Kraft – nicht nur für die Beine, sondern für alles, was durchzuhalten ist.

Das viele Gehen ist – in einem weiteren Sinn – auch eine Form der Flucht. Ich fliehe vor der Starre. Vor der Angst, mich nicht mehr bewegen zu können. Diese Angst sitzt tief. Und deshalb meide ich alles, was mich in diese lähmende Situation zurückführen könnte. Ich spüre es sofort, wenn etwas in mir zu erstarren droht. Dann wird jeder Schritt doppelt wichtig.

Lasse ich das Gehen für ein paar Tage aus, spüre ich, wie ich zurückfalle. Schnell, unerbittlich. Es ist, als würde der Körper vergessen, was er gelernt hat – und mit ihm auch der Geist. Genau das möchte ich vermeiden. Denn was es damals brauchte, um wieder in Bewegung zu kommen, war eine Kraftanstrengung, die ich nicht noch einmal durchleben möchte.

Das Gehen ist mein Weg geblieben. Mein Schutz, mein Weiterkommen – Schritt für Schritt aus der Angst heraus.

Ziele

Für mich ist es wichtig, ohne Ziele genauso glücklich zu sein. Klar habe ich den JOGLE als Ziel, jedoch mache ich mein Glück nicht davon abhängig, ob ich es erreiche oder nicht. Nur wenige Tage vor dem Beginn des SWCP, fühlte ich mich so glücklich und gut drauf, dass ich nach Hause fahren hätte können. Mein Glück hing nicht davon ab, ihn zu beenden oder nicht, so wie alle Wege die ich bisher bestritt.

Mein Weg darf niemals ein Kampf sein oder mich in ein Ziel gar zu verbeißen. Natürlich ist der JOGLE das bisher schwierigste Unternehmen, welches ich seit dem Hirnabszess mache, aber ich denke in anderen Dimensionen. Es geht mir nicht um das Prestige oder damit ich sagen kann, ich habe England durchquert. Jeden Schritt mache ich für mich und mein Leben, welchem ich damit einen Sinn gebe.

In den letzten Jahren hat sich immer mehr gezeigt, wie sehr mir der Aufenthalt in der Natur guttut. Die ersten Jahre war ich noch bemüht, mich auch wieder in der Stadt zurechtzufinden. Das ging nur schleppend und langsam dahin und in der Pandemie verschlechterte es sich sogar. Bis ich mich entschied, vorrangig in der Natur zu bleiben und mithilfe der Natur Verbesserung zu erwirken.

Deshalb tut es so gut, England, praktisch bis auf wenige Ausnahmen, in der Natur zu durchqueren. An größeren Städten besuchte ich nur Inverness, Glasgow, Bristol, Penzance und Exiter, wo ich Ruhepausen einlegte

Kleine Fischerdörfer am Weg des South West Coast Path

Meine Highlights entlang des Weges sind die kleinen Fischerdörfer. Sie liegen wie Ruhepunkte im Sturm – eingebettet zwischen Felsen, Meer und Wind. Oft – aber nicht immer – finde ich hier meinen Kaffee. Und wenn ich Glück habe, eine Steckdose für mein Telefon und die Powerbank. Dann bleibe ich sitzen, mit der Tasse in der Hand. Manchmal eineinhalb Stunden. Oder so lange, bis genug Strom da ist, um bis zum nächsten Tag durchzukommen.

Es ist meist meine einzige Pause am Tag. Denn draußen verhindern Sturm und Regen jedes Innehalten. Es gibt keine Unterstände, keine trockenen Plätze – alles ist klatschnass. Die wenigen kurzen Sonnenfenster nutze ich, um das Zelt zu trocknen. Ein tägliches Ritual zwischen Weitergehen und Warten.

Die Dörfer selbst bestehen aus alten Steinhäusern. Davor kleine, liebevoll gepflegte Gärten – manchmal wild, manchmal akkurat. Am Anfang stellte ich mir genau so die Küstendörfer vor: ruhig, schlicht, ehrlich. Doch je näher ich nach Land’s End komme, desto mehr verändert sich das Bild. Die Orte werden touristischer, voller, auf Hochglanz gebracht. Menschenmengen ziehen durch enge Gassen. St. Ives gehört zu den teuersten Gegenden hier – alles ausgebucht, alles belegt.

Ein völliger Kontrast zu den einfachen Fischerdörfern auf der Westseite. Und doch blitzt für einen Moment die Sonne durch – als würde sie mir diesen Übergang zeigen wollen. Genau in diesem Licht entdecke ich das Jakobswegzeichen, die vertraute Muschel. Ein stiller Moment, mitten im Trubel.

South West Coast Path

Zelten im Sturm, am South West Coast Path

Jeder Tag beginnt mit der Suche nach einem Schlafplatz. Das ist es, was mich beschäftigt. Nicht der Wind, nicht der Regen, sondern: Wo kann ich heute Nacht liegen? Hinter einer Hecke, geschützt vom Wind – dort geht es einigermaßen. Aber diesen Platz muss ich erst einmal finden.

Über steile Stufen geht es Klippe um Klippe rauf und wieder runter. Stundenlang. Und oft dauert es bis in den späten Nachmittag, ehe ich einen Platz finde, an dem ich mein Zelt aufstellen kann. Wenn es am Morgen regnet, ist der Start besonders unangenehm. Das nasse Zelt abbauen, alles zusammenpacken, im Wind verstauen – es kostet Kraft. Dann hoffe ich auf eine Regenpause, am besten mit ein wenig Sonne, um das Zelt unterwegs trocknen zu können. Denn eines ist sicher: Es gibt kaum etwas Unangenehmeres, als am Abend in ein klammes Zelt zu kriechen.

Oft bleibt mir nichts anderes übrig. Dann passe ich auf, dass der Schlafsack nicht den Boden berührt – alles, damit er trocken bleibt. Ich esse noch etwas, meist im Sitzen, in mich gekehrt, und versuche dann zu schlafen.

An Abenden mit Regen lasse ich das Kochen meist sein. Dann gibt es, was da ist: ein Stück Brot, Käse, manchmal ein wenig Salami. Wenn ich Glück hatte und am Nachmittag noch ein Kaufhaus kam – und ich die Kraft fand, mehr zu tragen – dann vielleicht auch eine Avocado. Man wird genügsam. In drei Monaten habe ich vielleicht fünfmal Butter gegessen. Jedes Mal ein kleines Highlight.

Mit der Dauer der Tour verändern sich die Bedürfnisse. Fett und Zucker bekommen plötzlich ihren Platz. Sie geben Energie, schnell und verlässlich. Für Eiweiß habe ich Kapseln dabei. Wenn ich Mozzarella finde, kaufe ich ihn – schwer ist er, deshalb wird er meist gleich unterwegs gegessen.

Manchmal nutze ich eine Regenpause am Nachmittag zum Kochen. Dann fällt das Abendessen aus – und das ist gut so. Denn wenn die Sonne untergeht, wird es rasch kalt. Dann bin ich froh, wenn ich einfach nur noch in meinen Schlafsack kriechen und zur Ruhe kommen kann. Nichts mehr tun. Nur liegen. Nur sein.

Alleinsein in der Natur

Eigentlich hatte ich gehofft, am South West Coast Path mehr Menschen zu treffen. Ich wollte an meiner Kommunikation arbeiten, Gespräche führen, mich austauschen. Doch das Wetter macht vieles zunichte – ich bin oft allein unterwegs. Regen, Sturm und kalte Tage lassen kaum jemand draußen verweilen. Seit dem Start in Schottland habe ich vielleicht mit zwanzig Menschen wirklich gesprochen. Die kurzen Sätze mit der Bedienung im Pub oder an der Supermarktkasse zähle ich nicht dazu.

Und doch bekommt das Alleinsein auf dieser JOGLE-Reise eine ganz neue Bedeutung. Ich entscheide mich, es anzunehmen – nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit. Ich habe mich nie einsam gefühlt. Im Gegenteil: Diese Stille, diese Abgeschiedenheit geben mir Raum. Raum, um Vertrauen zu entwickeln – in mich selbst. Denn nur, wenn ich mir selbst vertraue, können andere eine Quelle der Freude sein. Keine Bedrohung, keine Sorge. Diese Tage sind lehrreich. Und sie bringen mich weiter – Schritt für Schritt, ganz leise.

Zum ersten Mal beginne ich zu verstehen, was Alleinsein wirklich bedeutet. Es ist nicht das Fehlen von anderen, sondern das Wahrnehmen von sich selbst. Ich sehe mich – und ich kann mich selbst einschätzen, ohne das Echo der Außenwelt zu brauchen. Innere Konflikte zeigen sich mir in einem größeren Zusammenhang. Und ich beginne zu erkennen, wo sie ihren Ursprung haben. Das ist für mich der Beginn von Heilung.

Hier, an der rauen Küste, neben dem Ozean, den Elementen ausgesetzt, führe ich ein Leben, das ganz bei mir ist. Ein Leben ohne Umwege, ohne Ablenkung. Es geht ums Wesentliche: um das Leben selbst. Um das Vertrauen in meine Intuition – besonders auf den wilden, einsamen Wegen, oben über den Klippen. Dort spüre ich sie am deutlichsten: die leise Gewissheit, dass dieser Weg der richtige ist.

South West Coast Path
Klippe runter, Klippe hoch!

Oft vergehen Stunden, bis ich wieder auf ein Dorf treffe. In unserer Zeit ist das ein Luxus, den viele gar nicht mehr kennen. Tagelang bin ich unterwegs – gehe einkaufen, versorge mich – und verschwinde dann wieder in die Natur. Dass ich dabei so viel lernen würde, hätte ich nicht erwartet.

Aber das funktioniert nur, wenn man bereit ist, mit sich allein zu sein. Ich beginne, meine eigenen Grenzen zu erkennen, meine Bedürfnisse, meine Sehnsüchte. Gedanken, die ich seit dem Hirnabszess kaum mehr in dieser Tiefe hatte. Doch langsam, ganz langsam, macht auch mein Gehirn Fortschritte. Und dafür bin ich dankbar.

Was mir die Natur bisher gegeben hat, lässt sich kaum in Worte fassen. Je mehr ich mich auf sie einlasse, desto mehr zeigt sie mir – ihre Ruhe, ihre Kraft, ihre Weisheit. Ich sehe sie klarer, verstehe sie besser. Und spüre, was sie mit mir macht. Ohne den Aufbruch auf den Jakobsweg vor fünf Jahren hätte ich diese Form der Heilung nie erfahren.

Manchmal denke ich daran, wie viele Menschen in Einrichtungen verharren, ohne die Chance, sich noch einmal ganz neu kennenzulernen. Ohne Wind im Gesicht, ohne Erde unter den Füßen, ohne Weite vor den Augen. Ich hatte das Glück, aufzubrechen. Und was ich dabei finde, bin ich selbst.

Das Land entdecken und mich selbst

In Portreath übernachte ich in einem der wenigen Hostels entlang des Weges. Die Besitzerin wird mit Jahresende schließen – sie geht in Pension. Es ist eines dieser Häuser, in denen man sofort merkt: Hier ist jemand mit Herz bei der Sache gewesen. Ich bin mit einer Familie die einzigen Gäste, obwohl das Haus eigentlich ausgebucht war. Doch viele haben wegen des schlechten Wetters abgesagt – und so wurde für mich ein Platz frei.

Viele Hostels liegen zu weit abseits vom Weg, um sie zu erreichen. Und da ich nie genau weiß, wie weit ich an einem Tag komme, kommt Vorreservieren für mich nicht infrage. Das Zelt ist flexibler. Und es erdet mich. Es bringt mich näher zur Natur, zu mir selbst.

Mit der Wirtin spreche ich lange. Über Gott und die Welt. Über das Leben. Es sind diese Gespräche, die in Erinnerung bleiben – unerwartet, ehrlich, offen. Zum Abschied gibt sie mir noch einen Tipp: Ein Stück weiter, gut versteckt zwischen Felsen, kann man Seehunde beobachten. Ich wäre daran vorbeigegangen, hätte sie für Steine am Strand gehalten.

Die Möwen, die Meisen – sie begleiten mich auch an diesem Tag. Trotz des Windes, trotz des Regens. Manche von ihnen tauchen wie kleine Zeichen auf, Krafttiere vielleicht, die mich ein Stück weit begleiten. Und mir zeigen: Ich bin auf dem richtigen Weg.

Unter all dem ist es mein eigentliches Abenteuer, das Einfache wiederzufinden – und neu zu entdecken. Meine Gedanken kreisen nicht um das, was ich erreicht habe, sondern um das, was wieder möglich wird. Ich beginne zu erkennen: Es wird möglich, was ich möglich mache.

Ein kleines Beispiel: Trotz der täglichen Anstrengung verspüre ich beim Niederbücken immer seltener Schwindel. Ein Fortschritt, der nicht nur körperlich ist. Ich spüre, dass es auch damit zu tun hat, dass ich zu mir stehe – dass ich endlich das tue, was ich wirklich möchte.Jetzt, zu Hause, wo ich diese Zeilen schreibe, muss ich wieder mehr aufpassen. Beim Aufstehen ist der Schwindel wieder spürbarer. Es ist ein Zeichen. Vor dem Hirnabszess habe ich vieles getan, das mir nicht guttut – und es trotzdem weitergemacht. Viel zu lange.

In Städten wird mir heute schneller schwindlig. Es ist, als würde mein Körper dort noch stärker zeigen, was ihm nicht bekommt. Hier draußen, fast ausschließlich in der Natur, geht es mir besser. Die Natur gibt mir Raum. Und Schwindel – so habe ich für mich erkannt – hat oft mit Dingen zu tun, die man verdrängt, zur Seite schiebt, nicht anschauen will.So arbeite ich mich voran – Schritt für Schritt, auf dem Weg wie in mir. Manchmal mühsam, aber immer weiter.

Am schönsten ist es, in der Gegenwart zu leben. Hier draußen ist das möglich. Tag für Tag, Tritt für Tritt. Und anders wäre es für mich gar nicht möglich, überhaupt weiterzukommen.

Am Meer angekommen, South West Coast Path

Den Abschluss bis zum Ende in Lands End und Point Lizzard, beschreibe ich dann das nächste Mal, mit einem Resümee, was mich der Weg durch England lehrte.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mission JOGLE, von Glasgow nach Bristol

Zwischen meinem letzten Blog und heute liegen 800 Kilometer, randvoll mit Erlebnissen und Ereignissen. Meine Mission JOGLE wurde dem Namen gerecht, es wurde eine Mission. Mittlerweile liegen1.350 Kilometer hinter mir.

Ich habe Bristol erreicht, nach Wochen voller Regen und etwas Sonnenschein dazwischen. Es waren Hindernisse wie der knappe Strom und tagelang im Zelt unterwegs, weshalb ich lange keine Möglichkeit zum Schreiben fand. Darum erst jetzt eine Zusammenfassung der letzten Wochen.

Am Ende des Gritstone Trail, Mission JOGLE
Im Regen am Ende des Gritstone Trails

Von Glasgow nach Caleile, Mission JOGLE

Der mich schon am West Highländer Weg ereilende Regen sollte mich weiterhin begleiten. Bei Sonnenschein gehe ich aus Glasgow hinaus. Dabei fällt mir ein Logo am Boden auf, dass auf die kommende Rad WM hier hinweist.

Diese Tage sind wie eine Überstellungsetappe, bevor es wieder mit gekennzeichneten Wegen weitergeht. Unterwegs treffe ich auf Simon aus England, der wie ich, den Nord-Süd Weg geht. Er ist einen Tag vor mir gestartet, allerdings auf oft anderer Strecke, deswegen haben wir uns noch nie getroffen. Während er diesmal das Hotel vorzieht, gehe ich noch weiter.

Ich schaue nicht auf Kilometer und schlage mein Lager auf, wenn mir danach ist. Diesmal wird es immer weiter, weil ich keinen geeigneten Lagerplatz finde. Spät erst entdecke ich im Wald einen ebenen Platz.

Lagerplatz auf der Mission JOGLE

Am nächsten Morgen wache ich früh auf und gehe los. Es wird ein Weg angezeigt, wo keiner ist. Ich brauche lange, um mich zurechtfinden. Das Ergebnis sind eine Kuhherde, die mir ein mulmiges Gefühl verursacht, hohes Gras, drei Zäune zum Überspringen und durchnässte Füße. Das Abenteuer hat mich viel Zeit und Kraft gekostet.

Im nächsten Dorf frühstücke ich ausgiebig an einem Take Away Imbissladen, die einzige Möglichkeit im Umkreis vieler Kilometer. Aufgrund des regnerischen Wetters entschließe ich mich, den restlichen Tag einem Radweg zu folgen. Über einen Berg komme ich in ein Paralelltal nach Moffart, wo ich ein Bett in einem Hostel bekomme. Trotz Problemen mit meiner Bankomatkarte nimmt mich der Inhaber auf, im Vertrauen, dass ich irgenwie bezahlen werde.

Es wird mein mit Abstand bestes Hostel am Weg, von der Sauberkeit, bis zur Ausstattung und auch der Freundlichkeit des Besitzers. Da auch der darauffolgende Tag regnerisch bleibt, bleibe ich der Straße treu und verzichte auf abseits gelegene Wege, um mich keiner weiteren Expedition mehr auszusetzen.

Ans Zelten habe ich mich eigentlich gewöhnt, aber noch nicht ans Zelten im Regen. Meine gestörte Propriozeption macht es ungemütlich, weil ich mich kaum bewegen kann, ohne nass zu werden. Bei einem einwandigen Zelt darf ich nicht an die Zeltwand stoßen, da sonst das Kondenswasser herunter perlt.

Es ist mir aber nicht möglich, alles unter Kontrolle zu halten. Ich habe damit zu tun, in den Schlafsack zu kommen. Dabei darauf zu achten, nirgends anzustoßen, ist mir unmöglich und so geht es mir mit vielem.

Alles ist dann feucht und nass, meist aufgrund meiner Ungeschicklichkeit. Gerade in Sachen Feinmotorik und Multi-Tasking habe ich noch eine Menge zu lernen. Dieser Weg fordert mich täglich, es gibt kaum eine Verschnaufpause.

In Caleile plane ich meine weitere Route. Ich möchte gerne die Hadriens Wall sehen und das geht einher mit dem Pennine Way, dem ich nachher folgen kann. Dafür verzichte ich auf den Lake District.

Von Caleile auf die Hadriene Wall und den Pennine Way

Zunächst geht es 35 Kilometer entlang der Hadrians Wall. Auf einer mehrtägigen Wanderung führt dieser Weg von der Westküste an die Ostküste der Insel (oder umgekehrt), immer entlang der Reste dieser alten Steinmauer. Die Mauer diente als Schutz gegen das Eindringen der Schotten nach England, das die Römer damals besetzten. Bestimmt auch eine tolle Wanderung, mit viel Kultur.

Auf diesen ersten Kilometern bekomme ich einen guten Eindruck über die Mauer und biege dann rechts ab, auf den Pennine Way. Diesen Weg in kurzen Worten beschrieben:

Wild, enorme weiten, Hochmoore, Regen, Einsamkeit.

Über mehrere Tage geht es auf schmalen Pfaden, nur unterbrochen von ausgelegten Steinen, über die Hochmoore, Gipfel und lange, gerade Pfade. Extremer Gegenwind erschwert das Vorwärtskommen, oft muss ich mich mit aller Kraft gegen den Wind stemmen. Zum ersten Mal durfte ich erfahren, warum die meisten die Süd-Nord Variante für die England Durchquerung wählten, den LEJOG, denn dabei hat man in der Regel Rückenwind, im Gegensatz zum JOGLE.

Schön langsam zeigen meine Schuhe Auflösungserscheinungen und ein junger Engländer gibt mir den Tipp, online neue zu bestellen und mir die Schuhe in ein Hostel schicken zu lassen. Wenn ich heute noch bestelle, sind sie in vier Tagen im nächsten Hostel am Weg. Zum Glück habe ich das dann nicht gemacht, denn am nächsten Tag am Abend war ich bereits in diesem Hostel.

Für diesen Weg hatte er vier Tage eingeplant. Kein Wunder bei dem Gewicht was die meisten und so auch er, hier tragen. Obwohl er auf einige Leichtsachen umgestiegen ist, hat er noch immer viel zu viel mit. Einen neuen leichten Rucksack hat er sich in dieses Hostel schicken lassen, aber selbst dieser Rest war noch viel zu schwer. Alleine sein Zelt würde die Hälfte des Platzes in meinem Rucksack benötigen. Als er mein Zelt sieht, möchte er es gar nicht glauben, dass es ein Zelt ist.

Mit seinen bisher bis zu 17 kg am Rücken, ist das Gehen in diesem Gelände eben sehr schwierig. Dabei fühlt sich mein Rucksack schon schwer an, der Basis 5 kg und vollbeladen etwa 8 - 9 Kilogramm schwer ist. Im Nachhinein gesagt hatte ich oft zu viel Wasser und Lebensmittel mit, welches natürlich viel vom Gewicht ausmacht.

Link zur Ausrüstung

Die Hochmoore sind interessant, trotzdem reicht es mir nach einigen Tagen, vor allem der Regen macht es nicht gerade leicht. Mein Pennine Way dauert normal um die 18 Tage, ich bin ihn in 8 Tagen gegangen. Einerseits, weil es dauernd regnete und man sich nirgends hinsetzen konnte, andererseits, weil ich von 6 Uhr morgens, bis 20 Uhr abends Zeit hatte zum Gehen.

Und ehrlich gesagt, länger wollte ich auch bei diesem Regen hier nicht unterwegs sein, denn die Bedingungen waren mehr als widrig.

Der Gritstone Way, auf meiner Mission JOGLE

Mit einer kurzen Unterbrechung, wo ich den Weg selber finden musste, kam ich zum Gritstone Way, eine Möglichkeit nach Westen zu gelangen, um zum Offas Dyke Way zu queren. Aufgrund des Regens entschied ich mich allerdings kurzfristig, nach dem Gritstone den direkten Weg nach Süden zu nehmen.

Der Gritstone Way war von Schafen, aber auch immer öfter von Kühen bevölkert. Seit einem Erlebnis in der Jugend, bin ich bei Kühen vorsichtig, ensprechend achtsam ging ich an ihnen vorbei. Der Weg ist wenig begangen und der Pfad oft schwer erkennbar, obwohl er eigentlich gut markiert ist. Den 56 km langen Weg ging ich an einem Tag. Im Internet ist er auf drei Tage ausgelegt.

Den Weg erleben, Mission JOGLE

Eine der wesentlichen Punke meiner Wanderung ist es, dass ich keinen Reiseführer vorher gelesen habe oder mich vorweg über die Gegend wo ich durchkomme, informiert habe. Ich hätte es aufgrund des fehlenden Kurzzeitgedächnisses mir sowieso nicht gemerkt und außerdem wollte ich alles so erleben, wie ich es vorfinde und sehe, ohne Vorbehalte oder Erwartungen.

Ich möchte alles so erleben, Menschen wie Gegend, ohne zu wissen, was auf mich zukommt. So habe ich keine Erwartungen darauf, wie es sein soll und ich kann mich jederzeit auf die Situation leichter einstellen. So schwer es oft für mich war, das fehlende Kurzzeitgedächtnis lässt mich jeden Tag neu beginnen und alles Schwere vom Vortag ist vergessen.

Mein Weg habe ich zwar grob geplant, aber nur um zu sehen, wieviele Kilometer es ungefähr sind. Den genauen Weg entscheide ich immer erst beim Losgehen in der Früh oder ich bin auf einem Fernwanderweg unterwegs, der gut markiert ist. Planen tu ich nur von Tag zu Tag, oder nehme mir die nächste große Stadt als Ziel, ohne zu wissen, was für Wege, Menschen und Landschaft mich unterwegs erwartet.

Auf diese Art bin ich bis jetzt bis Bristol gekommen, nur mehr wenige Tage vor dem Beginn des South West Costal Path in Minehead. Damit sind es noch ca. 500 Kilometer bis nach Lands End. Wobei das nicht mein oberstes Ziel ist, denn das liegt am südlichsten Zipfel, am Weg des SWCP, in Lizard Point. Erst damit habe ich England durchquert.

Am Kanal entlang

Nach dem Gritstone Way gehe ich direkt nach Süden. Ohne es vorher gewusst zu haben, gehe ich entlang eines Kanals, der mittels Schleusen die Schiffe über einen Berg führt. Zunächst war ich noch sauer darüber, denn ich erwartete mir, flach entlang am Fluss zu wandern. Dass der Kanal über einen Berg führt, verwirrt mich.

Unterwegs treffe ich den 74-jährigen Pensionisten Philipp, der auf einem der zahlreichen Boote wohnt. Er erzählt mir viel über die Geschichte dieses Kanals und dass England mit über 3.000 Meilen (ca. 5.000 km) dieser Kanäle durchzogen ist. So schippert er seit Jahren durchs Land, mal hierhin, mal dorthin. Er lebt von seiner nicht gerade üppigen Pension, lebt aber als freier Mensch und möchte nicht in einem Altersheim eingesperrt sein, wie er mir erzählt.

Diese Kanäle wurden von Hand gegraben, vor etwa 200 bis 250 Jahren. Waren aller Art konnte so schonend ins Land gebracht werden, ohne zu verschleißen oder zu zerbrechen. Der Transport war am Wasser ruhiger, als auf den damaligen holprigen Strassen. Heute wird er von Hausbooten bevölkert.

An einer Schleuse übernachte ich und kann beobachten, wie die Schiffer sie bedienen, um weiterzukommen. Insgesamt strahlen diese Menschen auf ihren Booten eine Ruhe aus, die auch mich erfasst. Stress gibt es für sie nie und die Bewegungen sind ohne Hektik und Schnelligkeit.

Durch Brennnesseln und Gestauder

Leider ist dieser Weg nach einigen Tagen zu Ende. Aus dem Kanal wird ein Fluss und die Schiffe darauf größer. Der Weg wird kleiner und ist seltener begangen. Nach 10 Kilometern über Viehweiden, ist plötzlich Ende. Die Markierung führt ins Gestrüpp, umgehen ist nicht möglich, also kämpfe ich mich hindurch.

Für etwa 300 Meter muss ich mir einen Weg suchen, mit den Stöcken schlagend und kriechend, durch hohe Brennessel und dichtes Gestrüpp, bis ich wieder auf eine offene Viehweide komme. Die App zeigte mir einen Weg an. Es ist mir unverständlich, wieso auf diesen paar Metern der offizielle Weg nicht erhalten wird.

Zwei Tage später, meldet der hinter mir gehender Engländer Simon die gleichen Probleme zu haben und versteht nun, was ich meinte.

Dazu verlässt mich unterwegs meine Powerbank, deshalb gerate ich in Stromprobleme beim Handy, dass ich trotz der Markierungen zum Navigieren brauche. So klein und leicht die Powerbank von Nitecore auch ist, es ist nach meinem Walkabout durfte Österreich bereits zweite, die mir unterwegs kaputt wird.

In Takesbury kaufe ich mir eine neue, allerdings nur mit 5000 mA, denn Größe und Gewicht sind entscheidend.

Die Luftmatraze gibt ihren Geist auf

Dem Gewicht ordne ich praktisch alles unter und verzichte dabei sogar auf etwas Komfort beim Schlafen. Aus diesem Grund wählte ich die Thermarest Uberlight, allerdings die kurze Version, mit 119 cm Länge und gerade mal 170 Gramm schwer. Ein absolutes Federgewicht. Gewicht zählt alles, auf meiner Mission JOGLE.

Allerdings sind bereits drei Tage nach meinem Aufbruch in John o'Groats die ersten Zwischenkammern im Innenbereich gebrochen, die mein Kopfkissen überflüssig machten, weil sie so aufgequollen sind. Nach einer weiteren Woche musste ich einmal in der Nacht Luft nach pusten, da sie begann, Luft zu verlieren. Ich habe einen Reparatur-Kit mit, aber es war kein Loch, sondern sie verlor die Luft über das Ventil.

Mit jeder weiteren Woche kam ein zusätzliches Aufpumpen in der Nacht dazu, bis sie praktisch die Luft gar nicht mehr hielt. Der Versuch, ein Ersatzventil zu bekommen, geht schief, denn kein Outdoorgeschäft, wo ich in den nächsten Tagen vorbeikomme, hat eines lagernd. Es bei Thermarest direkt zu bekommen geht auch nicht, denn sie empfehlen nur Geschäfte. Die Lieferzeit ist aber sehr vage angegeben, mit bis zu 10 Tagen, daher fälltl auch das aus, denn wohin sollte ich es denn schicken lassen.

Tagelang quäle ich mich damit ab, in der Nacht bis zu 10 x nachzupumpen, was natürlich auf Kosten des Schlafes geht. Erst in Bristol finde ich einen billigen Matratzen-Ersatz, denn die Uberlight kostet hier in England 220,- Pfund, was bei meinem Budget nicht drinnen ist.

Ich finde eine 350 Gramm schwere, mit einem nicht so guten R-Wert von 1,7. Damit muss ich mich zufriedengeben, zumindest ist sie recht kompakt zu verpacken, was bei meinem kleinen Rucksack eine große Rolle spielt.

Am Meeresarm entlang nach Bristol

Nach vielen Tagen im Inneren des Landes, komme ich wieder ans Meer, bzw. an einen, weit ins Land hineinreichenden Meeresarm. Grüne Wiesen und flaches Gelände erwarten mich. Trotzdem ist jeder Meter weiterhin nicht leicht, denn die letzten Tage machten mich müde und damit funktioniert meine Propriozeption nicht mehr so gut.

Besonders die schmalen Wege sind eine Herausforderung und machen das Gehen schwer. 90% meiner Mission JOGLE sind auf solchen Wegen bisher.

Das Gehen wird immer schwieriger, aber mein Zwischenziel Bristol ist nicht mehr weit. Dort möchte ich gerne einen, wenn nicht zwei Ruhetage einlegen.

Zur Abwechslung gibt es immer mehr Rinder auf den Weiden, an denen ich mit Vorsicht vorbeigehe. Einmal steht eine ganze Herde direkt vor dem Gatter, wo ich durch muss. Es sind Jung-Rinder und ich weiß nicht, wer mehr Angst voreinander hat, ich oder sie.

Zuerst warte ich noch in gebührlicher Entfernung, aber irgendwann gehe ich los, mit sicherem Schritt, dem Gatter entgegen und mitten durch die Herde durch. Sie sind unruhig, aber ich komme ohne Probleme durch. Ein andermal schreckt die ganze Herde auf und läuft mir entgegen. Ich gehe nicht weiter, sondern drehe um und gehe schnell zurück, zu aufgedreht scheint mir die Herde zu sein. Ich habe nicht weit zurück zur Straße und umgehe diesen Abschnitt auf einem Umweg.

Zwei tolle Schlafplätze lasse ich links liegen und spaziere noch weiter in Richtung Bristol, dass ich aber an diesem Tag nicht mehr erreichen werde. Vom Meeresarm weg, gibt es praktisch nur mehr eingezäunte Felder und Weiden, was das Finden eines Schlafplatzes erschwert.

Ich gehe, gehe und gehe, aber es findet sich nichts. Es ist schon neun Uhr Abends, da springe ich über einen Zaun und hinter einer nicht einsehbaren Hecke schlage ich mein Lager auf. Da meine Luftmatratze kaum mehr Luft hält, wird es sowieso nur eine kurze Nacht werden, da ich fast nichts mehr zwischen mir und dem kühlen Boden habe.

In Bristol

Es ist noch früh, als ich in Bristol eintreffe. Langsam schlendere ich Richtung Innenstadt. Auf dem Weg dorthin komme ich bei einem Outdoorladen vorbei, wo ich wegen des Ventil angefragt hatte. Ich sichte die Matten, aber es gibt keine unter hundert Pfund. Das liegt weit über meinem Budget.

Nur hundert Meter weiter ist ein anderes Geschäft und die haben eine Eigenmarke, mit gerade einmal 350 Gramm, allerdings schlechtem R-Wert. Die bisher beste Möglichkeit, aber schlechter als meine Uberlight, mit 170 Gramm und 2,3 R-Wert. Ob sie sich bewährt, werden die nächsten Tage zeigen.

Bristol ist eine coole Stadt, toll angelegt und mit zahlreichen Cafes und Restaurants. Dazu existiert eine tolle Kunstszene und ich fühle mich gleich wohl hier. Bei einem Punk-Friseur lasse ich mir die Haare schneiden und den Bart rasieren. In einem tollen Gespräch erzähle ich ihm über meinen Weg und die Krankheit und er gibt mir wertvolle Tipps für Bristol. Dazu motiviert er mich meine Vespa-Doku fertigzumachen, denn viele seiner Punk-Freunde sind in der Vespa-Szene und er meint, es wäre ein toller Schritt für mich, mich darüberzutrauen.

So erlebe ich Bristol von seiner schönen Seite und genieße zwei Tage Auszeit vom Gehen. Danach wartet der South West Costal Path (SWCP) auf mich, der mich nach Lands End und dem südlichsten Punkt Englands bringen wird.

Die Mission JOGLE bringt mir "Never give up!" nochmals näher.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mission JOGLE - von Inverness nach Glasgow

Ja, meine neue Bezeichnung von Across Britain heißt "Mission JOGLE". Gegeben wurde er mir unterwegs von einem Wanderer, mit dem ich mich einige Zeit unterhalten habe.

JOGLE steht als Abkürzung für John o´Groats to Lands End, also der Durchquerung Englands von Nord nach Süd. Im Gegensatz dazu steht LEJOG, für vom Süden nach Norden.

JOGLE
JOGLE + South West Costal Path

Great Glen Way, von Inverness aus

Leider konnte ich im Moment nur ein paar Bilder retten, weil das Handy kaputt wurde. Ich reiche sie nach,wenn ich wieder rankomme.

Der Tag beginnt früh in Inverness. Zunächst steht der Great Glen Way am Programm. Es geht einen Kanal entlang, unterbrochen von Seen, die die Ost mit der Westseite Schottlands verbindet. Kleinere Schiffe können hier queren und es war sicher ein imposantes Schauspiel, als er um 1830 gebaut wurde.

Von flach kann erst keine Rede sein, immer geht es über Hügel rauf und runter. Dazwischen aber immer wieder flache Abschnitte entlang des Kanals.

Schönes Wetter begleitet mich und macht das Gehen zum Vergnügen. Allerdings bin ich mit meinen Schuhen nicht ganz glücklich. Die Altras sind super Schuhe, aber nicht wirklich für mich. Ich habe Blasen, in erster Linie wegen einer gebrochenenen Einlage und die Dämpfung hat mittlerweile stark nachgelassen, was meinen Nervenstörungen nicht zusagt.

Am ersten Tag komme ich am Loch Ness an, dessen dunkles Wasser mich empfängt. Jetzt stehe ich also hier an diesem Ort, wo es das Ungeheuer von Loch Ness geben soll. Der Ort Drumnadrochit gleicht aber eher einem Disneyland, so viel ist hier los. Aber nur hier, denn Abseits am Trail bin ich fast den ganzen Tag alleine.

Der nächste Tag ist wieder voller Waldenergie, nur unterbrochen von kurzen Regenschauern. Nach dem Loch Ness kann ich erstmals die Schleusen sehen, welche die Schiffe höherbringen und später wieder runter. Der Kanal führt ja von Meeres- zu Meeresseite.

Der zweite Tag wird sehr lange, denn Forst- und Bauarbeiten machen einen langen Umweg nötig, ohne das ich es vorger wusste. Auf den steilen Anstiegen verliere ich viel Zeit und komme erst spät zum Zeltplatz, der aus forstlichen Gründen noch um eineinhalb Meilen nach hinten verlegt wurde. Erst um 10 Uhr Abends komme ich an, dafür zelte ich am Seestrand und bin alleine.

Der letzte Tag wird regnerisch, allerdings immer wieder von der Sonne unterbrochen. Wieder einmal später als gedacht, komme ich in Fort Williams an. Ich bekomme etwas außerhalb ein Bett in einem Hostel, aber nur für diese Nacht, sonst ist alles ausgebucht. Das heißt, ich werde ohne Ruhetag in den West Highlander Weg starten müssen.

West Highländer Way, Highlight am JOGLE

Um sechs Uhr in der Früh geht es bei Regen los, auf den West Highlander Way. Steil geht es hoch, auf schmalem Trail. Ich wohnte abseits, daher muss ich erst auf den Trail kommen. Ein Nachteil im Regen ist es, kaum Pausen machen zu können, da ich dann im Regen stehe. Hinsetzen ist auch fast nie drin, weil dafür alles zu nass ist, auch unter Bäumen.

Allerdings wie früher beim Radfahren, habe ich mich daran gewöhnt, während des Gehen zu essen. Schon in der Früh richte ich mir alles griffbereit her, eingeschlichtet in die zahlreichen Taschen auf der Vorderseite des Rucksacks.

Der Weg wird immer anstrengender und lässt mich nur langsam vorankommen. Ich gehe über unangenehm große Steine und ich muss immerfort aufpassen, nicht umzukippen. Mein Ziel ist es, die ersten beiden großen Berge zu überwinden und dann zu gehen, soweit ich komme. Um fünf Uhr erreiche ich Kingshouse, eigentlich ein Nobelhotel, wo es aber eine Stube für die Wanderer gibt. Nach einem Kaffee mit Muffin gehe ich noch zwei Stunden im strömenden Regen und schlage mein Zelt zwischen Bäumen auf.

Es regnet so stark, dass ich hoffe, halbwegs trocken zu bleiben. Am nächsten Morgen richte ich alles her, springe aus dem Zelt, baue es ab und spurte los. Die hiesigen Mücken, Midges genannt, fallen sofort über mich her und da bleibt nur die Flucht. Alle nicht geschützten Hautstellen werden befallen und die Viecher beißen zu. Echt unangenehm.

Sie können allerdings nicht schnell fliegen, deshalb ist man geschützt, solange man geht. Bleibt man stehen, ist man sofort umzingelt. Deswegen bleibe ich tagsüber kaum stehen und esse im Gehen.

Das Gehen über die Steine war für mich gestern am Limit und heute wird es nicht besser. Jeder Schritt ist eine Qual. Mein Gehirn ist übermüdet von der dauernden Anstrengung, alles auszugleichen und andenken zu müssen. Ab der zweiten Tageshälfte ist es ein dahinwanken, weil das Gehirn nicht mehr mitkommt.

Vorbei am Loch Lomond

Den Tag beende ich am Eingang zum Loch Lomond, weiter schaffe ich es nicht. Auf einer Bergkuppe zelte ich über dem See und es lässt sich sogar die Sonne erblicken. Ich schlafe zehn Stunden und komme am Morgen erst gegen Acht los. Es wird ein Tag, den ich nicht so schnell vergesse.

Der Trail ist schmal und wird immer blockiger, mit großen Steinen. Für zwei Kilometer brauche ich über eine Stunde, so wild geht es neben dem See voran. So etwas habe ich selten erlebt. Ich brauche die Hände, um vorwärts zu kommen. Es ist manchmal wie klettern und es ist mir unbegreiflich, wie hier manche mit ihren doppelt so großen und schweren Rucksäcken vorankommen können.

Einige hundert Meter nach dem Abschnitt treffe ich auf zwei englische Herren. Einen Fotoapparat umgehängt, kurzes Leibchen und kurze Hose, sehen sie aus, als ob sie aus einem Pub vom Tee trinken gekommen sind. So stelle ich mir typische Engländer vor.

Sie fragen mich nach dem Weg. Ich antworte: "Da kommt jetzt ein wirklich rauhes Stück, etwa ein, zwei Meilen lang.". Als Antwort bekomme ich: "Puuhhh, ja, bei uns waren die letzten zwei bis drei Meilen auch wirlich tricky (Schwierig). Wie weit ist es bis ans Ende des Sees?". Für sie ist es bis dahin noch mehr als 10 Kilometer, gar nicht so einfacher Trail, aber das schreckte sie gar nicht. Wir verabschiedeten uns und gingen jeder seine Wege.

Ich erwartete hinter jeder Biegung, dass es wieder los geht, mit den Schwierigkeiten, aber es kam nichts. Nach 5 Kilometern über gute Trails, erreichte ich eine Schiffsanlegestelle, wo man sich aussetzen lassen konnte, um einen kleinen Teil des Weges zurückzulegen. Ob, wie und wann die beiden am Ende ankamen, blieb mir verwehrt zu erfahren, aber sie hatten es sicher nicht leicht, wenn schon der erste Teil für sie anstrengend war.

Es kamen noch einige schwierige Abschnitte und nach 35 Kilometern, am Ende des Sees, schlug ich das Lager an einem dort befindlichen Campingplatz auf. Nach zwei Tagen im Regen, konnte eine Dusche nur gut tun. Es war leider 10 Kilometer unter meinem Soll, denn so hatte ich am nächsten Tag noch fast 50 Kilometer bis Glasgow.

Gegenverkehr

Wieder schlief ich lange und kam erst um acht Uhr weg. Nach dem üblichen Midges-Problem beim Abbau des Zeltes, ging ich bei Sonnenschein los, um bald darauf wieder meinen Poncho überzuziehen. Dieses Prozedere sollte sich sicher zwanzig- bis dreissigmal an diesem Tag wiederholen. Sonnenschein wechselte sich andauernd mit Regenschauern ab, die teils heftig waren.

In einem wunderschönen Hotel mit Restaurant bekomme ich ausnahmsweise eine Kanne Kaffee, mit den Hausgästen. Das war ein Highlight diesen Morgen. Verschwitzt von drei Tagen im Zelt, saß ich neben sauberst gekampelten Wanderern, mit ihrem frischen Gewand.

Ich war mit ein, zwei anderen vom Norden kommend unterwegs, der Haupteil startet in Milngavie Richtung Norden. Dementsprechend viel Gegenverkehr hatte ich, was oft nicht einfach war, wegen der schmalen Trails. Immer wieder musste ich stehenbleiben und den Gegenverkehr abwarten.

Ziemlich gerade, bergauf, bergab, ging es dahin in Richtung Milngavie und dann passierte es, kurz vor dem Ende des West Highland Way. Ein graviereder Fehler, müde und schon etwas unachtsam, fingerte ich das Handy heraus. Dabei entglitt es mir und fiel mit der Displayseite voran auf den steinigen Boden. Das Malheur war passiert. Das Display hatte an mehreren Stellen Sprünge und funktionierte nicht mehr. In einem kurzen Moment konnte ich noch zwei Fotos auf gut Glück vorm Steinbild am Ende in Milngavie machen, aber danach ging nichts mehr.

Mit unzähligen Umwegen und immer wieder der Versuch, nach dem Weg zu fragen, kämpfte ich mich nach Glasgow, ohne die Unterstützung des Handys. Der Weg ist nicht markiert und deswegen schwer anzufinden.

Am Limit erreiche ich das Hostel und war zunächst einmal gerettet. Allerdings nur zunächst, denn noch stand mir das Wäsche waschen bevor. Im Hostel gab es keine Waschmaschiene, aber gleich daneben, an der Tankstelle. Leider war diese kaputt und man schickte mich 15 min Wegzeit zur nächsten. Die machte aber gleich zu, erbarmte sich aber meiner und zu meinem großen Glück, konnte ich zumindest die Wäsche waschen, aber nicht trocknen. Also wieder zurück zur Tankstelle, wo zumindest der Trockner funktionierte. So konnte ich endlich wieder einmal trockene Wäsche anziehen.

Unterwegs war ich nur mit einer kurzen Laufhose, dem Anorak und nassen Schuhen. Alles andere musste in die Wäsche. Noch am Abend kaufe ich ein neues Handy, um weitergehen zu können. Allerdings überschreite ich mein Geldlimit und neue Schuhe müssen damit warten.

Fazit dieses Abschnitts des JOGLE

Die Landschaft ist wunderschön. Selten habe ich mich so wohl gefühlt. Durch das viele Zelten, bin ich der Natur noch mehr ausgesetzt, was mir unheimlich gut tut.

Natur am JOGLE
Natur pur

Auf der anderen Seite kostet es viel Energie, mit Zelt und selbst zu kochen, unterwegs zu sein. Da ist Pilgern natürlich leichter. Es tut aber gut, einmal aus meinen Routinen herausgerissen zu werden und mein Gehirn zu fordern.

Dieser Abschnitt bleibt mir in Erinnerung, weil ich schon lange nicht mehr so an meine Grenzen gegangen bin, aber nur die bringen mich weiter. Auf meinem letzten Jakobsweg habe ich zum ersten Mal wieder gelebt, hier hat der Weg mehr therapeutische Wirkung.

Es ist faszinierend zu sehen, wie sich mein Körper weiter entwickelt. Dazu habe ich hier tolle Möglichkeiten. Es ist besser, als wie jede Reha-Anstalt.

Ich bin auf (in) meiner Mission JOGLE!



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Across Britain,1. Teil - von John o'Groats nach Inverness

Das Abenteuer „Across Britain“ – oder wie es hierzulande genannt wird: JOGLE – hat begonnen. Zwei bis dreitausend Kilometer warten auf mich, je nachdem wie ich gehe. Im Hinterkopf geistert in mir herum, dass ich wieder alle vier Kardinalpunkte erreichen möchte, also die vier entferntesten Punkte aller Himmelsrichtungen. Q

Allein die Nord-Süd-Durchquerung umfasst rund 2.000 Kilometer – mit dem Abstecher über den South West Coast Path werden es gut 2.500 km. Und wenn mich die Füße weitertragen, vielleicht noch mehr.

Mission JOGLE, Across Britain
Zu Hause geplante Tour.

Der Norden

Für mich beginnt dieser lange Weg durch Großbritannien ganz oben im Norden – in Thurso, der nördlichsten Stadt Schottlands.

Von hier aus mache ich mich zu Fuß auf den Weg nach Dunnet Head, dem tatsächlich nördlichsten Punkt der britischen Insel. Allein der Gedanke, dort zu stehen – am Rand der Steilküste, wo der Wind vom Atlantik her weht – hat etwas Symbolisches.

Von Dunnet Head geht es weiter. Dreißig Kilometer südöstlich liegt John o’Groats – jener Ort, der traditionell als Startpunkt der großen Nord-Süd-Durchquerung gilt. Hier beginnt das Abenteuer JOGLE offiziell. Für mich ist es aber schon früher losgegangen – mit dem ersten Schritt in Thurso, mit der Entscheidung, wieder unterwegs zu sein.

Across Britain
Dunnet Head, der nördlichste Punkt

Wetterglück und Wegentscheidungen

Gleich zu Beginn empfängt mich das seltene Glück des Wetters: blauer Himmel, strahlende Sonne und Temperaturen um die 25 Grad – fast schon ungewohnt für diese Region. Die Einheimischen sprechen von einer Hitzewelle, dabei sind hier sonst 17 Grad und regelmäßiger Regen die Norm.

Trotz der warmen Tage bleiben die Nächte kalt – und vor allem feucht. Ein guter Zeltplatz ist dabei entscheidend. Denn wenn das Zelt am Morgen triefend nass ist, verliert man nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Ich merke schnell, wie wichtig es ist, am Abend mit Bedacht zu wählen, wo ich mein Lager aufschlage.

Schon der erste Tag führt mich fast ausschließlich durch die Natur, über grüne Felder, entlang weiter Wiesen. Die Farben hier tun meiner Seele gut. Das viele Grün, in allen Schattierungen, wirkt beruhigend, fast heilend. Ich kann nicht genug davon bekommen. Und so entscheide ich mich, dem John o’Groats Coast Trail zu folgen – nicht durch die Highlands zu gehen, wie ursprünglich überlegt.

Dort, in den Highlands, liegen oft mehrere Tage zwischen den Ortschaften. Das bedeutet: viel Wasser, viel Essen – viel zu tragen. Und mein Körper, so sehr ich auch trainiert habe, ist noch nicht bereit für diese zusätzlichen Lasten. Zwei, drei Kilo mehr machen bei meiner Muskelschwäche einen großen Unterschied.

Ich musste es mir eingestehen: Trotz jahrelangen Übens hat sich meine Muskelkraft, mein Bindegewebe, nur in kleinen Schritten verbessert. Aber ich gehe weiter – mit Maß, mit Achtsamkeit – und mit dem Wissen, dass jede Entscheidung auf dem Weg Teil des Gehens ist.

Ein Weg, der zur Therapie wird

Schon jetzt, in diesen ersten Tagen, spüre ich: Dieser Weg ist mehr als eine Durchquerung. Er wird zur Therapie.

Das Gras wächst hier hoch und dicht, oft sehe ich meine eigenen Füße nicht. Ich stolpere über enge, unebene Pfade, die mich ständig fordern. Ohne die vielen tausend Kilometer, die hinter mir liegen – ohne diese jahrelange Vorbereitung –, hätte ich an dieser Stelle wohl schon umkehren müssen.

Jeder Schritt verlangt Konzentration. Nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig. Es ist eine Aufmerksamkeit gefordert, die mich manchmal an meine Grenzen bringt. Ich muss denken, bevor ich gehe. Und ich muss beim Gehen denken.

Hinzu kommt: Der Weg verläuft oft direkt am Rand der Grundstücke, außerhalb der alten Mauern – und dort beginnen gleich die Abhänge zum Meer. Steil, ungesichert, unberechenbar. Der Pfad ist oft nur einen Fuß breit, manchmal kaum erkennbar.

Das Meer rauscht unter mir, das Gras schlägt gegen meine Beine, und ich merke: Es ist genau dieser schmale Grat – zwischen Anstrengung und Achtsamkeit –, auf dem ich gehe. Und vielleicht ist es genau das, was ich jetzt brauche.

Oft geht es steil hoch oder runter zum Meer, dass ich manchmal sogar die Hände benötige. Bis Inverness bin ich acht Tage unterwegs und schlafe immer im Zelt. Hotels sind zu teuer und billige Herbergen kommen erst später. Bei Regen zu Zelten wird sicher eine Herausforderung, besonders wenn es einige Tage durch regnet.

Ankommen in Inverness – mit jeder Faser
Der Weg entlang der Küste bleibt fordernd. Immer wieder geht es steil hinauf und ebenso steil wieder hinunter – oft so abrupt, dass ich die Hände zu Hilfe nehmen muss, um Halt zu finden. Die Pfade verlieren sich im Gelände, und das Meer ist selten fern – manchmal direkt unter mir.

Acht Tage bin ich nun unterwegs, jeden Tag im Zelt. Hotels sind für mich keine Option, zu teuer – einfache Herbergen gibt es hier oben erst später. Noch bin ich auf mich gestellt, auf das Zelt, auf das Wetter. Und mit jedem Tag wird klarer: Wenn der Regen kommt und bleibt, wird das Zelten zur Prüfung.

In Inverness bin ich nun angekommen – am achten Tag. Es ist keine geplante Pause, sondern eine erzwungene. Schon ab Tag sechs spüre ich eine Veränderung: Eine große Blase hat sich gebildet, unter dem Fuß, an genau jener Stelle, die bei jedem Schritt Druck spürt.

In Inverness bin ich jetzt am achten Tag angelangt und mache eine Zwangspause, denn nach sechs Tagen bildete sich eine große Blase. Die letzten Kilometer humpele ich in den Ort, denn diese Blase hat mein System derart gestört, dass das Gehen zur Herausforderung geworden ist. Meine Propriozeption ist überlagert vom Schmerz und funktioniert gar nicht.

Es ist, als würde mein ganzer Körper sagen: Stopp. Und ich höre zu.

Ein falscher Schritt – und die Folgen

Dabei war ich übervorsichtig. Ich habe auf meine Füße geachtet, jeden Schritt bewusst gesetzt, alle bekannten Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Und doch – diesmal hat nichts davon geholfen.

Ein Fehler war sicher der Schuhwechsel. Meine vertrauten Hoka habe ich gegen ein Paar Altra getauscht – eine Entscheidung, die ich inzwischen bitter bereue. Zwar hatte ich die neuen Schuhe zu Hause eingegangen, aber das reichte offenbar nicht. Der Belastung auf diesem Weg waren sie – oder vielmehr: meine Füße in ihnen – nicht gewachsen.

Das Problem: Ich hatte auf die Schnelle keinen neuen Hoka mehr bekommen. Und so ging ich los, mit einem Kompromiss an den Füßen, der sich nun rächt.

Vielleicht habe ich in Inverness Glück und finde Ersatz – denn so, mit diesem Schmerz bei jedem Schritt, kann ich nicht weitermachen. Die Blase allein ist das eine. Aber wenn dadurch mein ganzes System aus der Balance gerät, wenn die Propriozeption aussetzt, dann ist das nicht einfach nur unangenehm. Dann ist das gefährlich.

Kochen und Essen

Der Kocher, den ich mithabe, tut mir zwar gut, bringt mich aber über mein Gewichtslimit. Besser wäre es gewesen, ich hätte mich von Anfang an auf kalte Küche einstellen sollen und warmes nur gegessen, wenn ich unterwegs etwas finde. Bisher war es mir immer zu schade den Kocher und Titantopf wegzugeben, also nutze ich ihn eben doch. Der Geldbeutel freut sich dafür, der Körper und Krafthaushalt weniger.

Leider konnte ich mich noch immer nicht an die fummelig Arbeit mit dem Kochen gewöhnen. Einmal war das Wasser heiß und ich stieß den Topf um, dass sich das Wasser auf mir und dem daneben liegenden Rucksack ergoss. Wäre weiter nicht tragisch gewesen, wenn ich nicht mit dem Wasserhaushalt aufpassen müsste und am nächsten Tag nicht noch über drei Stunden ins nächste Dorf gehabt hätte.

Es blieben mir am nächsten Tag nur 500 mml zum Trinken, bei Hitze und Schwerstarbeit die steilen Hügel hoch und runter. Trotzdem werde ich den Kocher behalten, denn ihn wegzugeben ist zu schade und es kommen noch einsame Gegenden, wo ich ihn brauchen werde.

Kochen und Kraft – ein tägliches Ringen

Mein Kocher tut mir gut. Allein das Wissen, dass ich mir unterwegs etwas Warmes zubereiten kann, gibt mir ein Gefühl von Unabhängigkeit und Sicherheit. Und doch – er ist zu schwer. Zusammen mit dem Titantopf sprengt er mein eigentliches Gewichtslimit.

Rational betrachtet wäre es klüger gewesen, mich von Anfang an auf kalte Küche einzustellen. Warmes Essen nur dann, wenn es unterwegs etwas gibt. Aber der Gedanke, den Kocher ganz wegzugeben, fiel mir immer schwer. Also trage ich ihn weiter – und nutze ihn eben doch.

Der Geldbeutel freut sich. Der Körper weniger. Vor allem mein Energiehaushalt leidet unter dem Zusatzgewicht.

Und dann ist da noch die Sache mit der Gewöhnung. Ich habe mich bis heute nicht wirklich an das fummelige Kochen im Freien gewöhnt. Einmal war das Wasser endlich heiß – und ich stoße den Topf um. Das Wasser ergießt sich über meine Hose und den danebenliegenden Rucksack.

An sich kein Drama. Aber: Es war mein einziges Wasser. Und bis zum nächsten Dorf waren es über drei Stunden zu Fuß.

So blieb mir für den nächsten Tag gerade mal ein halber Liter zum Trinken – bei 25 Grad, mit schwerem Rucksack, über steile Hügel. Ich spürte bei jedem Schritt, wie mein Körper gegen das Defizit arbeitete.

Und doch werde ich den Kocher behalten. Nicht nur aus Trotz oder Sentimentalität. Es kommen noch einsame Gegenden, in denen ich ihn brauchen werde. Vielleicht lerne ich bis dahin sogar, den Topf nicht mehr umzuwerfen.

Wenige Begegnungen – und doch von Wert

Der Weg durch Großbritannien ist bisher ein stiller. Nur wenige Begegnungen hatte ich – aber jene, die es gab, waren umso wertvoller.

Einmal sprach mich ein Mann an, dessen Haus einsam am Wegesrand liegt. Wir kamen ins Gespräch – ganz ungeplant, ganz offen. Es entwickelte sich ein Dialog, wie er nur unterwegs entsteht: ehrlich, ruhig, ohne Eile.

In Berriedale traf ich James – einen jungen Einheimischen, der seit einem Jahr im Haus seiner Großeltern lebt. Er ist Programmierer, arbeitet ortsunabhängig und hat sich bewusst entschieden, hierher zurückzukehren.

Auch dieses Gespräch blieb hängen. Nicht nur, weil es freundlich und interessiert war, sondern weil es mir ein Stück mehr von diesem Land gezeigt hat – aus der Sicht eines jungen Menschen, der zwischen Herkunft und Moderne seinen Platz sucht. Es ist nicht einfach, hier zurückzukehren. Und doch gibt es sie – jene, die es tun.

Danke nochmals, James, solltest du das irgendwann lesen. 🙏

Weiters möchte ich noch David mit seiner Frau Julie erwähnen, die auch schon lange unterwegs sind und mir unterwegs entgegengenommen sind. Sie machen diesen Weg gemeinsam. Leider habe ich vergessen ein Foto zu machen, deshalb verlinke ich auf Ihren Facebook Kanal, wo sie über Ihren Weg berichten. 👍

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=pfbid0ySCRP4s9bUi1qj5M7Ya3JsTNuuyTdXbwo8eM5ngwq7TjTDjgw7z1qjsisj1HaHb6l&id=100083201350947&sfnsn=scwspmo

Überhaupt fühle ich mich sehr wohl in Schottland und fast heimisch. Die Menschen sind sehr freundlich und jederzeit hilfsbereit.

Fazit des ersten Abschnitts

Dass es schwer werden würde, wusste ich. Aber so schwer hatte ich es mir nicht vorgestellt.

Körperlich wie geistig komme ich immer wieder an meine Grenzen. Die langen Tage, das viele Gehen, die kleinen und größeren Wehwehchen – sie fordern mehr, als ich erwartet hatte. Und doch: Ich habe den ersten Abschnitt geschafft.

Es tut gut, herausgefordert zu werden. Denn nur so kann ich weitergehen – nicht nur im wörtlichen Sinne.

Diese Reise ist anders als meine Wege auf dem Jakobsweg. Das Gehen hier verlangt mehr vom Kopf, mehr Konzentration, mehr Anpassung an die Umstände. Ich lerne, mit wechselnden Verhältnissen umzugehen. Ich lerne, Lösungen zu finden, wenn keine offensichtlich sind.

Und ich merke: Auch das ist Teil des Weges – nicht nur die Kilometer, sondern das, was sie mit mir machen.

Baum und Wald Aden in Schottland, Across Britain

Und wie sagt man auch:

"Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker!“

Aber soweit möchte ich nicht gehen – nicht ständig meine Grenzen ausloten. Denn eines ist mir klar: Dieser Weg, Across Britain, kann auch sehr schnell zu Ende sein, wenn ich nicht auf mich höre.

Ich bin nicht unterwegs, um mich zu verausgaben. Ich bin unterwegs, um mich zu verbessern. Schritt für Schritt. In meinem Tempo. Mit Achtsamkeit.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Camino Portugiese -  von Porto nach Santiago de Compostella

Der Camino Portugiese, den ich bereits im März absolvierte, hat eine Menge Herausforderungen für mich bereitgehalten, besonders auch danach. In Porto beginnt ja der "schöne" Camino Portugiese, zumindest der leichter begehbare, wo ich mehr genießen konnte.

Nach dem immensen Energie Aufwand von Lissabon bis Porto, wollte ich es ab hier ruhiger angehen. Dafür passte es, dass mein Freund Alexander Rüdiger dazu kommt, der extra für den Camino Portugiese nach Porto kam, um mich hier zu treffen und mit mir die restlichen, knapp dreihundert Kilometer, zu gehen. Bisher waren wir beide zusammen auf allen möglichen österreichischen Jakobswegen unterwegs, diesmal, zum ersten Mal, auf der Iberischen Halbinsel.

Für mich auch ein Novum, denn alle großen Caminos in Spanien, habe ich bisher alleine bestritten, nun erstmals mit Begleitung.  Wir wählen den Küstenweg, meist am Meer entlang führend, mit wundervoller Landschaft. Und so schön dieser Weg auch werden sollte, so ereilte mich unterwegs etwas, das ich gGefühlsmäßig kaum verarbeiten könnte. Aber dazu später.

Am Camino Portugiese

Städte, Dörfer und die Landschaft, am Camino Portugiese

Porto war nach den vielen Tagen alleine ein bisschen viel für mich. Am frühen Morgen ging ich hinunter zum Meer, wo ich mich mit Alexander treffen wollte. Ich war praktisch alleine unter der bekannten Brücke von Porto, bestellte mir einen Kaffee und wartete.

Bald kam er daher und wir gingen gleich los, fort vom inzwischen beginnenden Trubel. Es ging immer entlang des Meeres, manchmal unterbrochen von Holzstegen, die Kilometerlang die Sanddünen säumten. Immer wieder tauchten Dörfer auf, die man durchquerte, um gleich darauf wieder am Grün gesäumten Meeresrand einzutauchen.

Das Wetter beinhaltete von allem etwas. Sonne wechselte mit Regen und einem stetig wehenden Wind ab. Vom kurzen Leiberl, bis zur Fleecejacke und Regenponcho kam alles zum Einsatz, ebenso die Temperaturen, die ein oftmaliges Umziehen erforderte.

Malerische Landschaften mit Meer zeigten mir einen neuen Jakobsweg und eine neue Landschaft. Dieses "neue" tut meinem Gehirn gut, wird aber immer wieder auch zur Herausforderung.

Menschen kennen lernen

Seit Herbst des Vorjahres habe ich eine neue Wahrnehmung, die jede Anstrengung der letzten Jahre wert war. Es ist die Bestätigung dafür, drangebleiben zu sein und nie aufgegeben zu haben.

Im Gruppentraining beim therapeutischen Tanzen lerne ich, wieder mit Menschen oder Dingen in Beziehung zu kommen. Dieses Wissen hilft mir auch am Jakobsweg, Schritt für Schritt, diese für mich neue Welt zu erkunden.

Da bin ich besonders meinen litauischen, französischen Pilgerfreunden und Alexander dankbar, wo ich viel dazulernen konnte. Das alles lässt mich wieder einen Schritt mehr ins Leben treten.

Camino Portugiese, unter Menschen

Die Konfrontation mit dem Tod am Camino Portugiese

Fünf Tage vor Schluss ereilt mich die Nachricht vom Tod meiner Tante. Sie stand mir sehr nahe, war meine Taufpatin und hat mir in den ersten Jahren nach dem Hirnabszess sehr geholfen.

Deshalb war es mir unmöglich, die letzten Wochen weiter am Camino-Bericht zu Schreiben. Mein Herz und Gehirn waren zu sehr damit beschäftigt, es zu verstehen, aufnehmen zu können und die Trauer zu verarbeiten. Trotzdem möchte ich ein bisschen darüber erzählen, über Dinge, die mir noch am Weg passiert sind.

Wir waren gerade am Meer unterwegs, da hatte ich das Bedürfnis, eine in Lissabon gefundene und zum Andenken mitgenommene, portugisische Scherbe am Weg, vielleicht an einem Kilometerstein, abzulegen. Als ich um eine Ecke biege, steht er plötzlich vor mir, ein mit zahlreichen bunt bemalten Steinen umgebener Kilometerstein. Da wußte ich sofort, hier wollte ich ihn ablegen.

Auf den letzten Schritten hin, stolpere ich noch fast über eine vom Winde verwehte Blüte, die ich aufheben und zur Scherbe dazulegte. Es ist für mich stimmig und passte.

Dann nur ein paar Stunden später, bekam ich die Nachricht vom Tod meiner Tante. Mein Ablegezeitpunkt der Scherbe, war um den Zeitpunkt ihres Todes.  Ich erinnerte mich noch daran, dass Sie oft in Portugal auf Urlaub war und eine besondere Beziehung zu diesem Land hatte. So bekam diese Scherbenniederlegung eine besondere Bedeutung für mich.

Meine Tante war es auch, die mir die letzten Vorbehalte vor meiner Reise zum Camino nahm und mir nachdrücklich sagte: "Mach es, mach es!"

Scherbe am Camino Portugiese abgelegt

Der Regenbogen

Für mich hieß es allerdings aufpassen, mir nicht zuviele Fragen wegen ihrem Tod zu stellen, denn da behindert mich noch immer das Nicht-Weiterdenken können. Ich durfte nur ja nicht in Gedankenschleifen verfallen, denn das konnte meinen Körper komplett durcheinander werfen.

Mir kam das eine oder andere Erlebnis mit Ihr in Erinnerung und immer öfter kam die Frage auf, ob es ihr jetzt gut geht? Vielleicht könnte sie mir ein Zeichen geben, so wie mir immer wieder die Krafttiere erscheinen, um mir etwas mitzuteilen.

Am nächsten Tag ging ich mit Alexander einige Höhenmeter über dem Meer, auf das wir immer wieder hinunterschauten. Es war regnerisch und zwischendurch schien die Sonne. Auf einmal sehe ich eine große Brücke unter mir, mit einem großen Regenbogen  über sich, wie ich ihn in einer solchen Pracht noch nie gesehen habe. Die Bilder können es nur Ansatzweise zeigen, wie es wirklich war. Es ist, als ob meine Tante damit herunterschaut, um mir zu sagen, dass alles OK ist.

Es sind komische weitere Tage, wo ich die Trauer im Gehen verarbeite. Die Gespräche mit Alexander bringen mich immer wieder auf andere Gedanken. Mit Begegnungen am Weg tue ich mich noch schwer, versuche aber mich darin zu üben, um dem Leben mehr Chancen zu geben. Trotzdem verbringe ich immer wieder viele Kilometer alleine, um meine Gedankengänge verarbeiten zu können.

Die letzten Kilometer nach Santiago

Da ich mich seit dem Hirnabszess in einem ständigen Lernprozess befinde, speziell um auch wieder mit Gefühlen umgehen zu können, war es diesmal eine besondere Herausforderung, mit dem Gefühl der Trauer umgehen zu können. Bis heute kann ich in Bezug auf die Trauer noch nicht weinen, was so viel erleichtern würde.

Der Weg nach Santiago war noch nie so wie diesmal. Ich genoss die Strecke und kurz vor Santiago eröffnet sich ein schöner Blick auf die Kathedrale. Den Einzug auf dem Platz vor der Kathedrale war ich nachdenklich und still und ich zog mich an den Rand zurück, wo ich mich hinsetzte.

Camino Portugiese, vor Santiago. Die Kathedrale im Blickfeld.

Einige Pilgerfreunde waren anwesend und man freute sich gemeinsam über das erreichen des Zieles. Alex und ich holten uns die Compostela und verabredeten uns mit anderen Pilgern für den Abend zum Essen und anschließend für den Gottesdienst in der Kathedrale.

Es war das erste Mal, dass ich daran teilnehmen wollte. Die Jahre zuvor war es mir nicht möglich und diesmal nur Aufgrund der Gruppe. Den schwingenden Weihrauch Kessel erlebte ich bisher noch nie live, aber durch meine Verbesserte Wahrnehmung wollte ich es unbedingt versuchen. Es wurde ein Erlebnis, nach so vielen Caminos zum ersten Mal den Botafumo zu sehen.

Resümee

Der Camino Portugiese war zusammen mit dem Camino Frances ein weiterer Meilenstein in meiner Rehabilitation. Im großen und ganzen ging ich erstmals diese zwei Monate in einer neuen Wahrnehmung.

Das ist für mich umso bemerkenswerter, da ich dieses Mal nicht auf Verbesserung fokussiert war. Dafür war ich noch mehr auf die kleinen Dinge aus, die mir den Tag verschönern. Das waren Schmetterlinge und Insekten am Weg, aber auch Pflanzen und Blumen oder sonstige Wegbegebenheiten und Ausblicke.

Ich genoss diese bessere Wahrnehmung und am meisten freute mich, dass der Schwindel viel seltener auftrat. Jahrelang ging es nur in kleinsten Schritten vorwärts und das Ergebnis freute mich, immer drangebleiben zu sein und motiviert mich, auch weiterhin Dranzubleiben.

Allerdings bin ich mit dem Tod meiner Tante an Grenzen gestoßen, die den Fortschritt relativieren. Vorsichtig zu sein, wird auch in Zukunft wichtig sein und meinen Zustand gut zu spüren und wie weit ich gehen kann. Denn mein Limit kann unverhofft schneller da sein, als ich oft glaube.

Camino Portugiese, am Praza do Obradoiro in Santiago angelangt.

Überschreite ich dieses Limit, setze ich alles aufs Spiel und brauche danach lange, um wieder dorthin zu kommen, wo ich war. Daher bleibt es oft noch immer eine Gratwanderung, wie ich vor wenigen Wochen erfahren durfte.

Auf den Erfahrungen dieser zwei Monate kann ich aber aufbauen und trotz mancher Rückschläge, geht es vorwärts. "Gehen als Medizin", habe ich noch nie so intensiv gespürt, wie diesmal.

Also bleibe ich dem Gehen treu, denn es bildet die Basis für meine Genesung.

Ultreia



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Camino Portugiese 2023, die Extrameile, erster Teil, von Lissabon nach Porto

Die Extrameile einlegen, mache ich seit dem Hirnabszess immer wieder. Diesmal sollte der Camino Portugiese diese Extrameile werden. Egal was ich seit dem Hirnabszess machte, ich tat einfach ein bisschen mehr. Ich reize immer wieder mein Limit aus, denn nur so kann ich es immer weiter hinausschieben.

Anfangs war es nicht schwer war, ans körperliche Limit zu gelangen, denn das lag bei 15 min. am Tag auf der Intensivstation und später bei 30 min. auf der Reha-Station. Es brauchte Monate bis Jahre, bis mehr möglich wurde. In ganz kleinen Schritten und die meist immer am Limit, konnte ich es steigern. Heute, sieben Jahre später, hänge ich nach dem Camino France noch den Camino Portugiese dran, es sollte meine Extrameile werden.

Das bedeutet, nicht den Weg des geringsten Widerstandes zu gehen, sondern sich auch mit den Hindernissen am Weg auseinanderzusetzen. Man gibt damit einer bestimmten Sache den Wert, die sie für einen hat. Der Unterschied liegt darin, etwas nicht nur zu versuchen, sondern etwas WIRKLICH zu wollen. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Denn wieviel ist man WIRKLICH bereit zu geben? Ich wollte wieder Gehen lernen, egal wie und wie lange es dauern sollte. Ich wollte wirklich alles dafür geben!

Aber wo ist meine Krankheit zu Ende und wann fängt Gesundheit an?

Krankheit ist der Beginn der Heilung und der Weg zur Gesundheit beginnt. Auch mit meinen Handicaps und Defiziten ist ein gesundes Leben möglich und es ist wichtig, noch in der Krankheit Gesundheit zu leben. Materie folgt der Aufmerksamkeit, also beschäftigte sich mein gesamtes Ich und mir mögliches Denken mit Gesundheit.

Auf dieser Pilgerreise war allerdings so vieles anders, als auf allen meinen Caminos zuvor. Zum ersten Mal wollte ich am Jakobsweg nichts verbessern oder therapieren und diese Einstellung zog sich auch am Camino Portugiese fort.

Seit Jahren versuche ich ins Leben zu kommen und nicht in allem Therapie zu sehen. Die Defizite begleiten mich täglich, trotzdem gibt es auch ein Leben mit diesen Handicaps und nicht nur Therapie. Da einen Unterschied zu machen, war mir bisher kaum möglich.

Meine schlechten Phasen oder zumindest die nicht so Guten, die sieht ja niemand. Genausowenig wie die vielen Stunden hinter dem Computer mit Trainingsprogrammen für das Gehirn, das Stretching, Kraft- und Gleichgewichtstraining oder das geistige Arbeiten. Dieses Chaos in meinem Kopf bekomme ich manchmal kaum in den Griff und das ist eben nicht für jeden Sichtbar. Das sind eben die unsichtbaren Behinderungen, die kaum wer sieht und die von außen kaum wer sieht.

Gesundheit zu leben, war mir schon immer wichtig und das hilft mir heute, meine Defizite und Handicaps immer besser in den Griff zu bekommen. Kann ich dann über einen längeren Zeitraum gehen, ist mein gesamter Organismus nur mit lebensnotwendigen Dingen beschäftigt. Allerlei Randgetöse von zu Hause fällt weg. Dabei bleibt mehr Energie für die nicht so gut funktionierenden Sachen übrig, die vor allem das Gehirn betreffen. Achtsamkeit zu entwickeln, ist für mich eine lebensnotwendige Sache.

Normalerweise liegt der Energieverbrauch des Gehirns bei etwa 20%, bei mir höher, da einige Bereiche zerstört sind und das Umgehen viel Kraft erfordert. Daher ist mein Gehirntraining auch so anstrengend, wie zum Beispiel Krafttraining.

Bin ich zum Beispiel am Jakobsweg unterwegs, fallen viele Anforderungen von zu Hause weg und ich kann mich auf mich selbst und mein Gehirn, immer im Hier und Jetzt, besser konzentrieren. Deswegen geht es mir am und kurz nach dem Jakobsweg auch so viel besser. Meist  solange, bis diese anderen Anforderungen wieder da sind.

Im Laufe dieses Camino Portugiese sind so viele Dinge passiert, im Positiven wie im Negativen. Einige Tage vor Ende bekam ich es mit einem Todesfall in der Familie zu tun, dem ersten seit dem Hirnabszess 2016. Mein Gehirn ist bis heute damit beschäftigt, es zu verarbeiten.

Der Verstand versteht es, allerdings macht das Herz Probleme. Emotionen und Gefühle, wie Trauer, sind mir noch immer nur sehr schwer möglich, wenn nicht unmöglich. Irgendwas ist in mir, dass mich davor schützt, wenn zu viele Dinge auf mich einprasseln. Da heißt es dann aufpassen und akzeptieren, dass es so ist und nicht darüber nachdenken, denn das darüber Grübeln lässt mich nicht Weiterkommen und ist kontraproduktiv.

Auf nach Lissabon!

Jetzt aber zum Camino Portugiese. Ich nutze die Chance, in Santiago zu sein, um nach Lissabon zu gelangen, um den Camino Portugiese in seiner ganzen Länge zu gehen, nicht nur von Porto aus, so wie es die meisten tun. Von Zuhause aus würde ich nicht so weit fahren, denn Lissabon ist mit dem Bus fast 50 Stunden entfernt, das wäre zu weit für mich. Deshalb war der Camino Portugiese auch noch nie ein Thema und ich wollte die Gunst der Stunde nutzen.

Bereits am nächsten späten Nachmittag bin ich, von Finesterre kommend, in Lissabon am Busbahnhof und durchquere die Stadt, um zur Herberge zu gelangen.

Immer wieder habe ich Probleme damit, an Menschengruppen vorbei- oder durch sie hindurchzugehen. Nach dieser langen Zeit in der Natur stresst es mich, so viele Menschen auf einem Platz zu sehen. Überall wird gefeiert und die Straßen sind voll. Was ich nicht bedacht habe ist, es ist Freitag und es geht rund in der Stadt.

Dazu sind die Gehsteige sehr schmal und die Autos fahren knapp an einem vorrüber. Bei der Herberge angekommen, ist sie geschlossen. Damit habe ich nicht gerechnet. Sie liegt nahe am Weg und wäre ideal, um am nächsten Tag zu starten. Es ist bereits sieben Uhr am Abend und mittlerweile finster. Im Urban Garden Hostel finde ich dann Unterschlupf, muss aber deswegen wieder durch die gesamte Innenstadt.

Mit vier Algeriern am Zimmer, komme ich dort kaum zum Schlafen. Bis drei Uhr früh geht dauernd das Licht an und aus oder es geht jemand aus dem Zimmer oder kommt. Ich stehe deshalb um halb sechs Uhr auf, mache Licht, packe mein Zeug zusammen und gehe los. Ich kümmere mich nicht darum, leise zu sein, denn um mich hat sich auch niemand gekümmert. Diese Schroffheit und Direktheit ist eine Folge des Hirnabszesses, es gibt kein dazwischen. Das wird mich diesmal noch öfter begleiten.

Ich möchte nur mehr weg aus der Stadt. Im aufkommenden Samstag ist es noch ruhig in der Stadt und mein Weg führt mich zunächst durch die Luxus Einkaufsstraße der Stadt. Wahrscheinlich kostet eine Handtasche dieser Luxusmarken so viel, wie meine gesamte Ausrüstung, die ich mit mir führe. Welch verrückte Welt!

Trotzdem bin ich wahrscheinlich glücklicher als viele, die diesen Wert brauchen und ihr Glück davon abhängig machen. Ich habe nichts, außer dem Zeug in meinem Rucksack und ich brauche auch nicht mehr. Einige Fotos mache ich noch und dann nichts wie raus aus der Stadt. Die berühmten Straßenbahnen habe ich bereits gestern gesehen und damit auch Lissabon. Für mehr, wie Museen oder Galerien, wäre ich nicht tauglich, da reicht mir oft schon ein kurzer Aufenthalt und ich sehne mich wieder nach dem Trail, dem Wald und der Einsamkeit.

Auf dem Weg zur Kathedrale setze ich mich in eine Bar und frühstücke. Langsam erwacht die Stadt. Im ersten Morgenlicht komme ich zur Kathedrale, die in der Nähe des Meeres liegt, mache ein Foto und gehe los.

Der erste Teil, von Lissabon nach Porto

Den Camino Portugiese werde ich in zwei Teilen schreiben, da meine Konzentration nicht für einen längeren Bericht reicht. Daher behandle ich zunächst einmal nur den Teil bis Porto.

Gleich die ersten Meter geht es über das portugiesische Pflaster, dass mich immer wieder begleiten wird. Es schaut zwar schön aus, macht das Gehen für mich aber schwierig. Es ist praktisch in jeder Ortschaft anzutreffen, in all seinen Varianten und es gibt kaum einen nicht gepflasterten Gehsteig.

Für mich weniger gut, denn an Pflastersteine konnte ich mich noch immer nicht gewöhnen. Das Nicht-Spüren der Stellung der Gelenke ist auf Pflasterwegen so viel ausgeprägter, als auf allen anderen Untergründen. Ich gehe steif, wie ein Roboter, darüber, um nicht umzuknicken. Ich fühle mich wie beim Radrennen Paris-Roubaix, alle paar Kilometer sind Abschnitte mit Pflaster.

Als Radrennfahrer war ich einmal auf der Titelseite einer belgischen Tageszeitung bei der Belgien Rundfahrt, auf einem gepflasterten Anstieg. Ich liebte das früher und fühlte mich wohl. Mit ein Grund, warum ich wieder einigermaßen gehen kann, weil ich seit jungen Jahren eine besonders gut entwickelte Propriozeption hatte.

Belgien Rundfahrt 1992

Allerdings habe ich über den Abschnitt von Lissabon nach Porto nicht viele gute Meinungen gehört, das möchte ich aber selbst erfahren, ob es so ist und warum. Gehen tue ich sowieso überall und habe, trotz oft Widrigkeiten, meine Freude daran, die mir keiner und nichts nehmen kann.

Zu einem Land gehören außerdem nicht nur die schönen Seiten, sondern auch die weniger Guten, um es besser erleben und beurteilen zu können. Erstmals kann ich auch diese Seiten einer Reise intensiver kennenlernen. Es brauchte sieben Jahre dazu, deswegen hat sich der Aufwand der letzten Jahre auch gelohnt.

Autofahrer in Portugal...

...sind ein eigenes Kapitel. Ich komme ja nach einem Monat am Camino France direkt nach Portugal. Portugal und Spanien habe ich in irgendeiner Weise bisher immer als dasselbe gesehen, vor allem in der Mentalität dachte ich mir, gibt es kaum einen Unterschied.

Diesmal lerne ich aber den Unterschied zu Spanien wirklich kennen und das beginnt mit den Autofahrern. Sind Pilger in Sicht, wird in Spanien das Tempo verringert und die Pilger in möglichst weitem Bogen umfahren. Oft wird man aus dem Auto winkend oder hupend mit einem Gruß bedacht.

Anders in Portugal, zumindest auf der Strecke von Lissabon nach Porto. Nach den ersten zwei, drei Tagen der Beobachtung, kam mir meine Lernaufgabe mit dem Hirnabszess in Erinnerung.

"Lernen, mit seiner Aggression umzugehen!", steht an vorderster Stelle.

Damit konnte ich hier beginnen, denn das gilt für 3 von 5 Autos. Zunächst einmal verringert kaum ein Auto seine Geschwindigkeit wegen eines Pilgers. Dazu fahren sie sehr knapp an einem vorbei, auch wenn viel Platz auf der Straße war. Ich merkte bald, dass sich manch einer einen Spaß daraus machte, Pilger damit zu erschrecken.

Für mich weniger gut, weil so sehr ich mich bisher in allen Belangen verbesserte, hier komme ich an meine Grenzen der Propriozeption. Gerade knapp vorbei rasende Autos kann ich nicht schnell genug einschätzen und kosten mich viel Energie.

Eigentlich hilft oft nur der Schritt in den Straßengraben und das, obwohl kein Gegenverkehr ist und damit genug Platz für uns beide wäre. Ein guter Zeitpunkt, um mit meiner Aggression umgehen zu lernen.

Nach einigen Tagen nahm ich die Herausforderung an, denn ich wollte nicht mehr in den Straßengraben springen oder mich erschrecken lassen. Ich brauchte Jahre, um meinen Puls zu beruhigen und habe erstmals seit Jahren wieder innert Sekunden einen hohen Puls, einfach weil ich mich erschreckte und das mehrmals am Tag. So konnte und durfte es nicht weitergehen.

Ich fixierte mit Augenkontakt jeden entgegen kommenden Autofahrer und merkte sofort, wenn er mich erschrecken wollte, denn dann zog ein süffisantes Grinsen über seine Gesichtszüge. Das hieß meistens, dass er eher noch mehr Gas gab und möglichst knapp an mir vorbeizog. Durch den Hirnabszess muss ich wieder lernen, Geschwindigkeiten und Abstände einschätzen zu können, um mich sicher im Verkehr bewegen zu können. Das hier war aber eine neue Art.

In für mich relevanten Situationen kann ich es schon ganz gut. Ich habe nur mehr wenig Probleme damit zu wissen, wie weit und wohin ich den nächsten Schritt setzen kann oder wenn ich etwas aufheben möchte, es auch wirklich mit dem ersten Griff erfassen zu können. Mit so etwas wie den Autofahrern war es allerdings eine neue Situation für mich. Anfangs ärgerte ich mich über den verursachten Schreck, aber wie gesagt, ich nahm die Herausforderung an.

Zielte wieder auf mich jemand zu, obwohl genug Platz war, nahm ich beide Wanderstöcke in die zur Straßenseite liegende Hand und hielt sie seitlich von mir weg. Man muss dazusagen, auf vielen Abschnitten gibt es kein Straßenbankett. Man geht auf der Straße und hat kaum Möglichkeit, auf die Seite zu treten, da das hohe Gras direkt daneben beginnt oder ein abschüssiger Straßengraben. Es war für mich jedoch ein gutes Training, um Abstand und Geschwindigkeiten abschätzen zu lernen.

Mit dem Blick blieb ich bis zum Schluss in den Augen des Autofahrers, die sich vom ersten Grinsen in ein "...was macht er denn jetzt?", erschrecktes Gesicht wandelte. Es hatte jeder im Endeffekt mehr Angst um sein Auto, ging kurz vom Gas und machte damit kurz vor mir doch einen Bogen um mich.

Ein paarmal blieb das Auto fast stehen, da jetzt der Autofahrer ärgerlich war. Sofort deutete ich ihm, mit den Stöcken in der Hand nach, er solle nur herkommen, dafür fehlte aber allen der Mut. Sie gaben wieder Gas und fuhren weiter, denn meine gesamte Körperhaltung strahlte Ärger aus und darauf wollten sie sich dann doch nicht einlassen, denn sie spürten, dass sie im Unrecht waren.

Sie wussten natürlich nicht um meine körperliche Unterlegenheit, denn eigentlich hätte ein Windhauch gereicht und ich falle um. Und da sind wir wieder beim Thema "nicht sichtbare Behinderungen". In diesem Fall habe ich es nicht mehr hingenommen, mich so behandeln zu lassen und mich zur Wehr gesetzt. Zu lange habe ich Dinge hingenommen und den Ärger in mich hineingefressen. Da war es natürlich eine gute Möglichkeit, mit diesen Emotionen umgehen zu lernen.

Das kann natürlich zweierlei Konsequenzen haben. Die erste wäre, der Autofahrer hat dazugelernt und wird keine Pilger mehr erschrecken, um nicht selbst dadurch Konsequenzen zu erleiden. Die zweite ist die nicht so schöne, er wird seinen Hass auf Pilger, wo immer der herkommt, weiter ausleben, solange, bis er dann doch einmal die Konsequenzen erleben wird. So hatte dies doch recht negativer Erlebnis für beide Seiten gute Lehren, die ich dankbar annahm.

Vom schwierigen Verkehr auf diesen ersten rund 400 Kilometern hatte ich schon gehört, aber diesmal auch erlebt. Deshalb empfehle ich jedem, ab Porto loszugehen und den Teil ab Lissabon auszulassen. Es ist ein schöneres Pilgererlebnis ab Porto, außer man hat ähnlich gelagerte Themen.

Trotz der oft schwierigen Verhältnisse, nicht nur mit dem Verkehr, möchte ich keinen Meter dieser Strecke vermissen.

Der Geruch neben dem Weg, der Straße und im Wald!

Da ich jeden Meter zu Fuß gehe, habe ich auch alles kennengelernt. In den vereinzelten Herbergen habe ich dann andere Pilger kennengelernt, die es anders handhabten. Man geht nämlich praktisch immer in der Nähe der Eisenbahnstrecke und kommt immer wieder an Stationen vorbei. Viele überbrücken dann nicht so schönen Abschnitte mit der Eisenbahn und gehen eben dann wieder weiter. Auch eine Möglichkeit, ich aber wollte wirklich alles zu Fuß zurücklegen.

Und da kommen wir zum Geruch. Speziell auf den ersten 200 Kilometern liegt oftmals ein Fäkaliengeruch in der Luft, der einem den Atem nimmt. Erst viel später erfuhr ich von einem in Portugal lebenden Deutschen, dass viele Portugiesen keinen besonderen Umwelt- oder Naturschutzgedanke haben. Dazu kommt die Teuerung, dass viele kaum mehr Geld haben. Aus diesen Gründen, werden die Senkgruben oft nicht ausgeleert und gehen über. Das mündet in einem übelriechendem Gestank im Straßengraben, neben dem man ja viele Kilometer zurücklegt.

Das alles klingt sehr negativ über Portugal, aber das gehört auch einmal gesagt. Es ist natürlich nicht überall so und es gibt auch Abschnitte, die wirklich schön sind.

Einen weiteren dieser negativen und positiven Gründe liefert auch der Wald.

Zwischendurch findet man sich wieder in duftenden Eukalyptuswäldern. Es ist oft eine einzige Dufttherapie, durch den, mit ätherischen Ölen angereicherten Wald, zu gehen. Das ist das Positive, beinhaltet aber gleichzeitig auch Negatives.

Der Eukalyptus ist in Portugal nicht heimisch und wächst bereits auf mehr als einem Viertel der portugiesischen Waldfläche. Er dient der Papierherstellung, weil er so schnell wächst und wird in den meisten Regionen angebaut. Beim Gehen macht sich der Duft bemerkbar und tut vielen Menschen gut.

So schlecht ist es aber für die Tier- und Pflanzenwelt. In einem solchen Wald gibt es keinen Vogelgesang, also auch keine Vögel und die restliche Tierwelt, wie Mäuse, andere Nager oder Rehwild, halten den starken Eukalyptusduft ebenfalls nicht aus. Und das auf einem Viertel der Waldfläche Portugals!

Dem Kommerz wird viel geopfert und dazu kommen jedes Jahr enorme Waldbrände, wo das Feuer viele Häuser und Dörfer verschluckt. Wenn ich genau überlege, habe ich meinen ersten bewussten, dort heimischen Wald, erst nach Tagen gesehen, als es über einen 600 Meter hohen Bergrücken ging.

Es ist zwar im ersten Moment wohltuend durch diese Eukalyptuswälder zu gehen, aber mit dem Wissen um die Hintergründe verliert es seinen Zauber.

Regen am Camino Portugiese

Hatte ich am Camino Frances in vier Wochen nur zwei Tage wirklich Regen, so erwische ich hier des Öfteren Regentropfen. Die Stärke wechselt immer ab zwischen leicht, gar nicht und stark. Sobald es beginnt, ziehe ich so schnell wie möglich den Poncho über, denn man hat nur wenige Sekunden Zeit, bis es zu schütten beginnt.

Nass unter dem Poncho zu sein, mag ich nicht besonders. Es wird daher an manchen Tagen ein An- und Ausziehen. Ich bin erstmals in normalen Schuhen von Hoka unterwegs, nicht mit Gore-Tex, das ist für mich gewöhnungsbedürftig. An manchen Tagen habe ich von Früh bis Spät nasse Schuhe, Socken und Füße. Meine Hoka Gore-Tex habe ich ja in Santiago entsorgt, nach 1.200 km, die sie drauf hatten und neue besorgt. Diesmal nur mit Mesh, das ist gewöhnungsbedürftig, wenn es nass ist.

Von Lissabon nach Porto in 9 Tagen, am Camino Portugiese

Die knapp 400 Kilometer von Lissabon nach Porto legte ich in 9 Tagen zurück. Ab Porto begleitet mich Alexander Rüdiger, der aus Wien nachkommt. Eine Premiere für uns beide, da wir zwar schon oft die heimischen Pilgerwege in Österreich begangen sind, aber zusammen noch nie in Spanien oder Portugal waren.

Am letzten Tag lege ich 65 km zurück, da ich mich am nächsten Tag in der Früh in Porto mit Alexander treffe. Der Tag besteht fast zur Gänze aus Asphalt und Kopfsteinpflaster, mit immer wieder leichtem Regen dazwischen. Erst im Finsteren treffe ich in Porto ein und muss noch durch die ganze Stadt zur Herberge gehen.

So sehe ich, gleich wie in Lissabon, die ganze Stadt während des Gehens. Spät treffe ich in der Herberge ein, wo ich zum Allerersten die Wäsche wasche. Nach der Dusche sitze ich wieder im Regenzeug in der Küche und bereite ich mir ein Essen. Danach hole ich die Wäsche ab und gehe schlafen. Das war mein bisher längster Tag.

Mit Alexander am Camino Portugiese

Für diesen ersten Abschnitt habe ich mich bewusst für das Gehen und täglich viele Kilometer entschieden, ab Porto stehen dann weniger Kilometer am Tag auf dem Programm. Darüber im nächsten Teil.

Teil 2 behandelt den Camino Portugiese, von Porto nach Santiago de Compostela.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Camino Finesterre Februar 2023, von Santiago nach Muxia und Finesterre

Am Tag nach meiner Ankunft in Santiago de Compostela geht es wieder weiter. Der Camino Finesterre, mit Muxia, steht an. Diese Runde ist besonders gut geeignet, um den langen Camino France zu verarbeiten, herunterzukommen und sich Zeit zu nehmen. Es sind geplante 230 Kilometer, mit dem Rückweg nach Santiago.

Heute, wo ich das niederschreibe, ist bereits über einen Monat vergangen, seit ich dort war. Es ist viel passiert seither und das fließt natürlich in mein Befinden, Fühlen und Bewerten ein. Denn manches verstehe ich jetzt besser, was mir damals noch nicht klar war. Für viele Dinge brauche ich noch immer lange, um es zu verstehen, bzw. es in mein Herz aufzunehmen.

Camino Finesterre

Schlendern und genießen am Camino Finesterre

Schon früh starte ich und mache noch Fotos vor der Kathedrale in Santiago. Mein übliches Cafe hat geschlossen, so muss ich mir ein neues suchen. Gesagt, getan und nach einem Kaffee mit Tostada, wie ein getoastetes Brot in Spanien heißt, gehe ich in einen kleinen Supermarkt und kaufe für unterwegs ein. Ich möchte zuerst nach Muxia, erst danach nach Finesterre und wieder nach Santiago zurückgehen.

Santiago, Start Camino Finesterre

Da ich Zeit habe, gehe ich langsam und möchte nur genießen, um die Zeit am Camino gut abschließen zu können. "Das Leben zelebrieren", war ein geflügeltes Wort meines Mit-Pilgers Günter, im Jahr 2019. Trinken und Snacks für unterwegs sind besorgt und los geht's.

Unterwegs am Camino Finesterre

Bergauf, bergab führt der Weg durch den Galizischen (Regen-)Wald, den ich schon Ende Februar in allen Grüntönen erleben darf. Der typische Eukalyptus Geruch tut mir gut, allerdings ist er hier nicht heimisch und verdrängt immer mehr die heimische Tier- und Pflanzenwelt. Daran muss ich immer denken und es bekommt einen Schalen Beigeschmack dazu.

In Negreira gehe ich in die öffentliche Herberge, wo ich als einer der ersten eintreffe und mein Bett beziehe. Alle öffentlichen Herbergen in Galizien sind neu renoviert, ein Ergebnis aus der Covid-Zeit. Es gibt hier ein eigenes WC und Badezimmer für Behinderte, einzig der Stiegen Aufgang ist der gleiche seit Jahren.

Über Eisengitter geht es nach oben oder unten. Wie ein Flamingo stolziere ich darauf herum, die Propriozeption lässt grüßen. Noch immer habe ich mit Eisengittern, besonders auf Brücken, meine Probleme, da reicht selbst schon ein Stiegen Aufgang. Solche Eindrücke durch die Umwelt, kann mein Gehirn noch nicht richtig verarbeiten. Die Wahrnehmung umfasst dabei Prozesse wie Reizaufnahme, Weiterleitung, Speicherung und Koordination.

Negreira, am Camino Finesterre

Da die Sonne scheint, nutze ich die Zeit zum Waschen und kann die Wäsche im Freien aufhängen. Ein seltener Luxus im Winter, auch weil ich meistens bis zum späten Nachmittag unterwegs bin und die Sonne bereits im Untergehen ist.

Oliveiroa

Am nächsten Tag geht es nach Oliveiroa. Die öffentliche Herberge hat diesmal offen. Es ist kalt, aber dafür scheint die Sonne. Letztes Jahr hatte ich Regen und Sturm den ganzen Tag über. Besonders über einen steilen Hügel erwischte mich ein Sturmregen, wie ich ihn selten bisher erlebt habe.

Den ganzen Tag spaziere ich dahin und denke nicht viel. Irgendwie fühle ich mich am rechten Platz und auch wieder nicht. Darüber nachzudenken ist mir nicht möglich, um ein Warum zu finden. Ich rekapituliere den bisherigen Camino und versuche mich an Begebenheiten zu erinnern, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. So halte ich Rückschau über meinen bisherigen Weg und was er mir bisher gebracht hat.

Dritter Tag, auf dem Weg nach Muxia

Schon früh starte ich, aber alle Cafés haben noch geschlossen. Ich habe mich entschieden zuerst nach Muxia zu gehen und dann erst nach Finesterre. Nach den Camino-Wegweisern, wo einer nach Muxia und der andere nach Finesterre weist, geht es eine Zeitlang durch den Wald. Plötzlich kommen Gedanken in mir auf: Bin ich am richtigen Weg?

Die letzten beide Tage waren dafür da, alles bisher Erlebte zu verarbeiten. Es war ein toller, erlebnisreicher Camino, wo ich erstmals das Leben genießen konnte, statt in allem Therapie zu sehen. Es fehlte aber bisher die eine große Erkenntnis oder das Erlebnis, dass immer einen Wow-Effekt ausgelöst hat. Daher war ich mir nicht sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Wäre ich besser zuhause aufgehoben, in meiner Rehabilitation?

...und dann war es plötzlich da, das Krafttier Hausrotschwanz!

Normalerweise ein doch recht scheue Vogel, der schnell davon fliegt. Meistens sieht man seinen roten Schwanz noch im Wegfliegen. Dieser aber blieb etwa eineinhalb Meter vor mir sitzen, starrte mich an und zwitscherte, flog aber nicht weg, so als wollte er mir was sagen.

Hausrotschwanz
Hausrotschwanz

Am gesamten Weg bisher sah ich viele Rotkehlchen und viele Meisenarten, aber keinen einzigen Hausrotschwanz. Es war mein erster am Weg, nach einem Monat durch Spanien. Erst nach etwa 30 Sekunden flog  er davon und ich schaue sofort nach, was er bedeutet.

Bedeutung Hausrotschwanz, am Camino Finesterre

Die genaue Bedeutung und was er mir sagen wollte, könnt ihr hier nachlesen. Ich habe einen eigenen Blog-Artikel dazu geschrieben (Zum Blog-Artikel). Hier reicht die Überschrift der Beschreibung dafür, die da lautete:

"Du bist auf dem richtigen Weg"

Die mich seit dem Morgen beschäftigende Frage, war damit beantwortet. Die Grübelei hatte ein Ende und ich schritt fröhlich mit mir und der Welt weiter. Es war wichtig, aus dieser Grübelei auszusteigen und wieder mehr auf mein Herz zu hören. Denn das Herz lässt mich im Hier sein und den Moment voll auskosten. Pflanzen, Insekten und die Natur bekommen dann wieder mehr Wichtigkeit und gerade das, tut mir gut.

Wenn diese Grübelei auch zum Glück nicht lange andauert, hält sie mich doch davon ab, mir gutes zu tun. Mein Gehirn funktioniert seit dem Hirnabszess anders und ich lerne jeden Tag dazu und besser damit umzugehen.

Überhaupt habe ich seit dem Beginn des Camino Finesterre das Gefühl, besser geerdet zu sein. Immer öfter weicht die Schwere meines Körpers einer Leichtigkeit, die ich in der Natur besonders spüre. In Städten wird es wieder schwerer, darum bevorzuge ich den Aufenthalt in der Natur.

Muxia, Gehen für die Gesundheit

In Muxia angekommen, gehe ich zuerst ans Meer. In der Nähe der Kirche Virxe da Barca lege ich mich auf die Felsen, hin zum Meer und spüre einen Frieden in mir. Einen Frieden, in mir angekommen zu sein. Minutenlang schaue ich auf die stürmische See, ohne einen Gedanken zu haben. In solchen Momenten fühle ich mich am wohlsten, mit den Elementen der Natur um mich.

Das Gehen hat eine gesundheitliche Komponente, die mir hilft, dem Leben einen Sinn zu geben. Mit dem Erreichen von Muxia habe ich rund 1.000 Kilometer im letzten Monat zurückgelegt. Jeder Meter davon ist ein Meter zu mehr Gesundheit und mehr zu mir selbst. Gesundheit und Heilung hat für mich vielleicht eine andere Bedeutung, als was die meisten darunter verstehen könnten.

Es sind in erster Linie der Geist und die Seele für mein Befinden verantwortlich. Denn ob ich daran verzweifle oder akzeptieren kann, wie es ist, findet in meiner Seele und dem Geist statt, nicht im Körper.

Mein Wille muss größer sein, als meine Fähigkeiten.

Fähigkeiten, die ich vielleicht nie mehr wiedererlangen werde. Was kaputt ist, ist kaputt, Nervenverbindungen zum Beispiel. Trotzdem arbeite ich daran, denn der Körper ist so toll, wie er manche Dinge plötzlich auf andere Weise zustande bringt und umgeht. Das geht nur Step by Step und gehen war mir am wichtigsten.

Das Gehen ermöglicht mir, mich in dieser Welt zurechtzufinden und kein Pflegefall zu sein. Das muss mir immer wieder bewusst bleiben, denn der Grad zurück, kann sehr schnell sein. Solange ich gehen kann, kann ich ein einigermaßen eigenständiges Leben führen und das möchte ich mir erhalten, solange ich kann. Niemals wieder möchte ich in eine so ausweglose Situation geraten.

Vor genau einem Jahr hatte ich den Nierenstein und durfte an mir sehen, wie schnell es auch in die andere Richtung gehen kann. Der Nierenstein hatte weitaus mehr Einfluss auf meinen Körper. Hier gehts zum damaligen Blogbericht.

Zur Herberge in Muxia

Immer wieder ergoss sich ein kurzer Regenschauer über mich und um 16 Uhr komme ich zur öffentlichen Herberge, wo ich wieder der erste war. Nach mir kamen allerdings nur zwei weitere Pilger, die ich aber nur am Rande wahrnahm.

In einem nahen Café genehmigte ich mir einen Burger mit Pommes und ging zurück zur Herberge. Zufrieden schlief ich schon früh ein und konnte nach langer Zeit wieder einmal ohne aufzuwachen durchschlafen.

Ein unerwartetes Treffen

In der Früh ging ich als Erstes in ein Café, um zu Frühstücken. Dort traf ich auf den Pilger Kai aus Deutschland. Wir hatten einen guten Draht zueinander und in der nächsten Stunde erfuhr ich einiges über mich, bzw. über das, was mir die Numerologie, in Kombination mit der Astrologie, aktuell zu sagen hatte.

Das sind Dinge, die ich teilweise schon wusste, mir aber seit dem Hirnabszess entfallen sind. Die Stunde war eine Wiederherstellung meiner Synapsen in diese Richtung. Vieles habe ich zwar aufgrund des fehlendes Kurzzeitgedächtnis wieder vergessen, trotzdem ist mir einiges in Erinnerung geblieben und vieles war mir neu. Es waren Dinge, die ich hier nicht genau erläutern kann, um es niederzuschreiben. Es wird mir aber viel für die Zukunft bringen, vor allem, welche Themen bei mir in Zukunft eine Rolle spielen werden.

Im Nachhinein gesehen, bekam jede Entscheidung, jeder Schritt und jeder Tag seit dem Losgehen auf diesem Camino seinen Sinn. Manchmal fragte ich mich, warum gehe ich bloß 20 Kilometer? Einen anderen Tag fragte ich mich, warum gehe ich heute 55? Aber jeder Tag war genau richtig, um nach einem Monat, genau um diese Uhrzeit und an diesem Tag, hier in diesem Café zu stehen und diese Begegnung zu haben.

Jeder Schritt war wichtig

Wäre nur ein kleiner Baustein in den vergangenen vier Wochen anders gewesen, wäre ich nicht an diesem Platz gestanden und hätte den Pilger Kai nicht kennengelernt. Damit bekam das Krafttier Hausrotschwanz vom Vortag noch mehr Bedeutung, auf dem richtigen Weg zu sein. Dieses Gespräch rundete meinen Camino ab und es fehlte nur mehr mein Weg nach Finesterre, um ihn zu vollenden.

Der Camino Finesterre hat ja eine besondere Bedeutung, die ich in dieser Weise noch nie so erklärt bekommen habe. Muxia ist Wasser und Finesterre Feuer. Zusammen mit Santiago ergibt das ein Kreuz und gehört zusammen. Mit diesem neuen Wissen bekam mein Camino Finesterre eine neue Bedeutung, die ich so noch nicht kannte. Bei der Verabschiedung von Kai, gab er mir noch den Tipp, auf halben Wege nach Finesterre, im Restaurant in Lires, Pulpo zu essen. Es war der beste, den er je gegessen hat.

Gesagt, getan, es wurde auch für mich ein bisheriges Highlight in Sachen Kulinarik. Leider hat die ans Restaurant angeschlossene Herberge noch nicht offen, sonst wäre ich geblieben. Überhaupt ging ich es diesen Tag langsam an und trödelte auf dem Weg. An besonders schönen Stellen rastete ich, viel öfter als bisher, hatte keine Eile und nahm mir Zeit, die Gegend zu genießen.

Kap Finesterre, das Ende der Welt

So kam ich erst am späten Nachmittag in Finesterre an und nahm mir ein Einzelzimmer. Ich wollte in Ruhe meine Gedanken ordnen können, dazu war die Herberge nicht geeignet. Ich blieb nur kurz, denn ich wollte noch hinaus ans Cap, wo meine Reise erst wirklich zu Ende war.

Auf dem Weg dorthin traf ich auch eine Pilgerin aus England wieder, die von der Via de la Plata gekommen ist, sowie ihren französischen Freund, der eine Herberge in Saint Jean Pied de Port betreibt und seit Santiago dabei ist. Ich traf sie einige Tage zuvor, noch vor Santiago und konnte so einiges über die Via de la Plata in Erfahrung bringen.

Das neuerliche Gespräch verkürzte den Weg und die Sonne stand schon tief, als wir das Cap erreichten. So waren auch mir bekannte Gesichter am Cap und ich war nicht allein. Trotzdem suchte dort jeder seinen eigenen Platz, denn jeder hat ein eigenes Ritual, um seine Reise abzuschließen. Bald darauf begann der Sonnenuntergang, den ich bisher jedes Mal anders erlebt habe.

Nach längerer Zeit konnte ich diesmal wieder einen Sonnenuntergang erleben, denn letztes Jahr war das Wetter so schlecht, dass ich beide Male nicht bis zum Abend geblieben bin. Diesmal erinnerte es mich wieder daran, dass jeder Tag ein Ende hat und tags darauf neu beginnt. Auf jeden Untergang erfolgt ein Aufgang, als bildliches Gleichnis für das Leben, was besonders für mich gilt.

Es ist ein dankbarer Zustand, in dem ich mich befinde, dankbar dem Leben gegenüber. Es sind auch viele Touristen anwesend, unter denen sich aber nur eine Handvoll Pilger befinden. Allen gemeinsam ist, dass wir den Abend mit dem Schauspiel der Sonne genießen.

Es hat eine besondere Wirkung, bis ans "Ende der Welt" zu Fuß zu gehen und hier die Sonne unterzugehen zu sehen. Ich muss an die Pilger vergangener Zeiten denken und was für Strapazen sie auf sich genommen haben, um hier stehen zu können. Mir kommen auch viele Bilder aus den vergangenen Jahren und was ich seit dem Hirnabszess erleben durfte. Ja, auch ich bin dankbar hier stehen zu können, nach all dem, was ich durchgemacht habe.

Viele Bilder tauchen in meinem Gehirn auf, während ich auf die im Meer verschwindende Sonne schaue. Auf der einen Seite stehe ich hier mit dem Verstand, auf der anderen mit dem, was mein Herz fühlt. Gefühle und Gedanken springen umher und ohne dass ich es steuern kann, rinnen mir auch ein paar Tränen über die Wange.

Da ich um die Wichtigkeit der Tränen und Trauer weiß, möchte ich dem freien Fluss lassen. Daran hindert mich aber der umherspringende Verstand, der alles unterbindet, besonders aber, Gefühle spüren zu können. Kurze Momente sind möglich, aber sofort holt mich der Verstand zurück und lässt keine Emotionen zu. Er lässt mich in einer Verwirrung zurück. Ich arbeite daran, komme aber nur Stück für Stück damit voran.

Trotzdem verlasse ich freudig diesen Kraftort und bei beginnender Dunkelheit gehen wir Pilger zu Fuß zurück nach Finesterre, den schmalen Pfad entlang, neben der Straße. Dort treffe ich wieder auf meine Pilgerfreunde und wir unterhalten uns den ganzen Weg zurück. So erfahre ich viel über das Hospidalero-Dasein und was es für einen Unterschied macht, eine Herberge am Start des Camino France zu betreuen oder später, weiter im Lande.

Waschtag in Finesterre

Den Tag nach meiner Ankunft habe ich als Ruhetag eingeplant. Als Erstes geht es zum Wäschewaschen. Die Bedienung des Trockners ist kompliziert und aufgrund meines letztjährigen Erlebnisses bin ich vorsichtig. Stufe 2 beim Trockner sollte gehen und so warte ich 20 Minuten darauf, bis es fertig ist.

Ich sitze nur im Daunenanorak und der Regenhose da, denn alles andere habe ich gewaschen. Dann der Schock, wieder ist einiges eingegangen. Auch die Stufe zwei ist zu stark. Beide Unterhosen, die Haube und was mich am meisten schmerzt, die Fleecejacke sind derart eingegangen, dass ich sie nicht oder kaum mehr benutzen kann.

Waschen am Camino Finesterre

Zum Glück geht meine Hose noch und die Handschuhe. Auch die kurzen Leibchen sitzen etwas strenger, eines muss ich danach wegwerfen. Alles mit spezieller Gummierung ist dahin. Für die letzten Tage eigentlich nicht so schlimm, aber andere Gedanken kommen immer stärker in mir auf. Ich möchte noch weitergehen.

Wie der Camino Portugiese mir in den Sinn kommt

Nach diesem neuerlichen Schock im Waschsaloon spaziere ich durch den Ort und lasse es mir gutgehen. In einer Bar überlege ich, was ich jetzt mache. Ich bin jetzt einen Monat unterwegs und hätte noch Zeit. Der Camino Ingles kommt mir in den Sinn, er wäre in einigen Tagen machbar.

Als Alternative überlege ich auch den Camino Portugiese, der ab Porto in gemütlichen 10 bis 12 Tagen machbar wäre. Allerdings beginnt er eigentlich in Lissabon. Ich überschlage kurz die Distanz von 600 bis 700 km und komme darauf, dass ich es in den verbleibenden 25 Tagen schaffen könnte. Meinen Verstand schalte ich aus und lass das Herz entscheiden.

Da es sich zeitlich nicht ausgeht, nach Santiago zurückzugehen, beschließe ich doch den Bus zu nehmen und dann eine weitere Busverbindung nach Lissabon. Die Überlegung ist nämlich diese, von Graz aus zum Camino nach Lissabon zu gelangen, ist mir bisher zu weit gewesen, denn Fliegen kommt für mich (normalerweise) nicht infrage. Daher war der portugiesische Weg auch noch nie ein Thema für mich.

Als nutze ich die Gunst der Stunde und werde 8 Stunden mit dem Bus nach Lissabon fahren, zum Start des Camino Portugiese. Den Camino Finesterre beende ich somit in Finesterre und werde mit dem Bus zurückfahren. Die drei Tage zu Fuß würden mir am Ende fehlen oder zumindest unnötig Stress verursachen.

Neue Schuhe in Santiago

In Santiago angekommen, führt mich mein erster Weg in ein Sportgeschäft am Weg. Eine neue Fleecejacke bekomme ich stark ermäßigt und auf dem Weg zur Kassa frage ich noch um Schuhe. Meine derzeitigen haben 1.200 km drauf und reichen für etwa noch weitere 200 km. Da ich dann aber in der Pampa stehen würde, überlege ich mir neue zu besorgen.

Nach vielem Anprobieren bringt mir der Chef des Geschäfts einen Hoka Mafate, sogar das neueste Modell, die er mir mehr als günstig gibt. Allerdings ist er ein wenig zu groß. Die rettende Idee kommt mir im Austauschen der Einlagen, auf meine zwar schon durchgegangenen speziellen Einlagen, aber er passt damit recht gut. Mit diesen neuen Teilen werde ich mich auf den Camino Portugiese wagen.

Das Resümee vom Camino Finesterre

Mit den Erlebnissen am Camino Finesterre kann ich einen recht guten Zwischen-Abschluss unter einem Monat unterwegs sein ziehen. Meine Wahrnehmung hat sich wieder verbessert und beim Gehen fühle ich mich stabiler.

Das größte war allerdings für mich, dass ich erstmals gehen konnte, ohne etwas verbessern zu wollen. Das brachte mich dazu, den Weg anders genießen zu können, als wie bisher. Bisher war es so, dass ich in allem, was ich getan habe, Therapie sah. Dass es diesmal nicht so war, ist zu einem Großteil auf das therapeutische Tanzen zurückzuführen, mit dem ich schon so lange arbeite.

Mein sechster großer Camino brachte mir viele tolle Momente im Hier und Jetzt, die für mich so wertvoll sind. Aufgrund meines eingeschränkten Denkvermögens und dem fehlenden Kurzzeitgedächtnis, geben mir solche Erlebnisse wie am Camino einen Sinn im Leben. Gehen eröffnet mir eine Tür zur Welt!

Camino Finesterre, am Cap
Am Cap Finesterre

Gehen ist für mich eine Kunst geworden. Wie ich mich bewege, so fühle ich mich. Gehen und Bewegen ist ein Gradmesser geworden für mein Befinden geworden, nicht zuletzt durch das therapeutische Tanzen. Am Camino beginnt jetzt auch meine Seele zu heilen, denn wie sagte schon Platon:

"Willst du den Körper heilen, musst du zuerst die Seele heilen!"

Teil 6 wird die Extrameile Camino Portugiese sein. Es ist viel passiert in den letzten Wochen, daher tut es gut, es mit ein bisschen Abstand zu schreiben.

Bis bald und Buen Camino


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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