Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Ein Ausflug zum Wasserfall in Peggau brachte mir viele Erinnerungen wieder. Meine Familie und ich lebten dort für 10 Jahre und meine Kinder wuchsen dort auf.
Da die letzten Wochen so sehr mit Therapien belegt waren, nutzte ich diese seltene Möglichkeit für einen Ausflug. Da ich nicht Mobil bin, war es eine willkommene Abwechslung.
Ich konzentrierte mich die letzte Zeit sehr auf die Kräftigung meiner Beine und das Gleichgewicht, daher war meine Gehfähigkeit eingeschränkt.

Einer meiner Lieblingswege führt in Peggau zum Wasserfall. Los ging es für mich beim Kreisverkehr. Ich wollte auch ein wenig von Peggau sehen, in dem sich einiges in den Jahren veränderte.
Der Wanderweg zum Wasserfall war in Märchenweg umbenannt. Da meine Kondition nicht sehr gut ist, sollten diese fünf Kilometer reichen. Mehr traute ich mir nicht zu.

Ich genoss den Duft am Waldrand und es war eine Wohltat für die Seele. Alles war grün, ein großer Unterschied zu wenigen Wochen zuvor. Es regnete leicht, aber was war schon Regen gegen die fünf Monate, die ich im Krankenzimmer verbracht habe. Außerdem fühle ich mich nicht nur bei Sonne wohl, sondern auch bei Regen.
Der Wald hat eine wichtige Bedeutung für meine Rehabilitation. Nur dort kann ich meinem Nervensystem die Erholung geben, die es braucht und die Wahrnehmung ist weit besser als in der Stadt.
Bis zum Wasserfall geht es bergauf, bergab dahin. Die Steigungen waren überraschend beschwerlich und nur mit Pausen möglich. Schritt für Schritt ging ich schnaufend nach oben. Teilweise war ich so langsam, dass ich mit dem Gleichgewicht Probleme bekam.
War war los? War ich schlecht drauf, ging es mir nicht gut, weil ich von den Therapien müde war?
So ließ ich es langsam angehen und genoss das Grün des Waldes und der Wiese.
Es war ein tolles Erlebnis, nach vielen Jahren wieder einmal den Wasserfall zu sehen. Sie üben eine besondere Anziehung auf mich aus.
Durch den Fall zerstäubt das Wasser und die Luft wird Ionisiert. Diese feinsten Partikel werden durch das Atmen aufgenommen und gelangen in die Lunge. Das hat eine gesunde Wirkung auf den Organismus. Im Labor künstlich hergestellte Ionisierung ist 200 mal größer als in Natur.
Es war sehr kühl, deswegen brauchte ich Anorak, Handschuhe und Haube. Der feine Sprühregen hatte so nicht viel Möglichkeiten, an meine Haut zu gelangen. Es wurde aber auch so ein großartiges Erlebnis.
Ich meditierte ein wenig, setzte mich an den Wasserfall und ließ mich vom Wasser verzaubern.
Am Rückweg befanden sich einige Schnecken am Weg. Sie symbolisieren meinen Weg, denn gerade bergauf bin ich langsam wie eine Schnecke. Als Krafttier hat sie eine besondere Botschaft für mich.
Eile mit Weile - haste nicht! Das ist kurz gesagt die wichtigste Botschaft für mich.
Die Schnecke trägt ein Haus am Rücken, wo sie sich zurückzieht und dich auffordert dies in regelmäßigen Abständen auch zu tun. Sehr passend auf meine jetzige Lebenssituation.
Ich war zwar konditionell nicht so auf der Höhe, aber es tat so gut, wieder einmal etwas neues zu sehen und zu erleben. Ich mache viel um weiter zu kommen, aber noch haben mich die Folgen des Hirnabszesses im Griff. Es wird noch länger dauern, bis ich zurück im Leben bin.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Da für mich der Alltag noch immer Therapie bedeutet, war auch der Camino France eine Therapie. Allerdings eine alternative. Es wäre schön gewesen, auf Krankenschein hier herfahren zu können 😁, für mich zumindest. Denn es ist noch immer für mich wichtig, in allem was ich mache, mein Handicap zu verbessern.
Vieles in der Reha gelernte und zu Hause verfestigte, konnte ich hier im Alltag anwenden. Eine wohltuende Abwechslung. Aber auch die bestehenden Defizite konnten entsprechend trainiert werden.
Viele Herausforderungen am Weg haben mir geholfen Bereiche zu üben, in denen ich noch Defizite habe und die noch nicht funktionieren.

Mein Hauptgrund hierher zukommen war ja, dass ich Gehen wollte. Allerdings, mit Behinderung auf einen so langen Weg? Ich wusste selbst nicht, was auf mich zukommt.
Nun, ich habe die Herausforderung angenommen. Was unmöglich schien, sollte Wirklichkeit werden. Das Gehen war und ist noch immer eines meiner Handicaps. Ich musste es also vorsichtig angehen und durfte nicht auf zu viel Verbesserung hoffen. Es braucht alles seine Zeit und ich bin ja schon bisher täglich gegangen. Verbesserung stellt sich trotzdem nur langsam ein.
Ein Bestreben von mir war, technisch möglichst gut zu gehen und keine Fehler einreißen zu lassen. Denn solche einmal eingelernten Fehler sind nur schwer wieder zu ändern.

Lange Zeit ging alles gut. Keine Probleme, keine Schmerzen – nur eine einzige Blase, mehr nicht. Ich war – natürlich – gedanklich stark beim Gehen. Denn automatisch lief hier gar nichts.
Jeder Schritt wollte gesetzt, jede Bewegung bewusst geführt sein. Ich achtete auf meine Füße, auf den Boden, auf jeden Tritt. Die ersten Tage war ich übervorsichtig unterwegs, tastend fast, als würde ich mich in unbekanntem Gelände bewegen – was es ja auch war, zumindest für meinen Körper.

Besonders das, wohin ich trat, verlangte meine volle Konzentration. Ich merkte es deutlich in den Tunneln – und davon gab es viele. Meistens war es in der Mitte stockdunkel. Da hieß es: besonders achtsam sein. Ich muss sehen, wo ich hintrete. Ohne diese visuelle Rückmeldung fehlt mir das Gefühl dafür, wie weit der Fuß noch vom Boden entfernt ist. Genau deshalb fällt mir das automatische Gehen noch immer so schwer. Diese Tunnel – sie waren echte Prüfsteine auf meinem Weg.
Was komisch war, hier gingen viele den "Teletubbi-Gang". Es war auch mein Gang, besonders am Anfang und in bestimmten Situationen auch heute noch. Hier sind die meisten vom Gehen überfordert und schlurfen dann dahin.
Besonders lustig wurde es in der Früh in den Herbergen. Viele kamen fast nicht mehr von den Stockbetten herunter. Sie hatten solch einen Muskelkater, Sehnen- oder Bänderschmerzen, dass sie es nur unter größter Mühe schafften.


Regelmäßiges Dehnen und Stretching gehörte bei mir dazu. Alles in meinem Körper muss erst wieder gestärkt werden, daher ist auch dehnen unverzichtbar. Seit dem Krankenhaus habe ich außerdem extreme Verkürzungen, besonders in den Beinen.
In den ersten Tagen war ich besonders darauf bedacht, meine Beweglichkeit zu erhalten. Ich achtete sehr darauf, dass keine Sehnen- oder Bänderbeschwerden auftraten. Aufmerksamkeit auf meine Handicaps legen, war wichtig.

Zum Gehen gehört auch das Gleichgewicht. Besonders steile Stücke sind für mich eine Herausforderung. Umso langsamer ich werde, desto mehr Probleme bekomme ich mit dem Gleichgewicht. Das ist an sich normal, ist bei mir aber nochmals verstärkt. Gerade steil bergauf wanke ich oft von links nach rechts. Zu Hause würde man mich als betrunken abstempeln, hier war es normal.
Die oft kleinen Japaner mit ihren großen Rucksäcken wankten bei jedem Schritt. Daher bin ich gar nicht so besonders aufgefallen. Wie man sieht, alles eine Ansichtssache!
Bei mir ist das gestörte Gleichgewichtsgefühl dafür verantwortlich. Andere Pilger taumeln ebenso dahin. Muskelkater, ein zu schwerer Rucksack oder andere Beschwerden lassen es nicht anders zu. Daher fühle ich mich hier nicht alleine. Der Unterschied ist aber, dass sie nach Ablegen des Rucksacks oder der entsprechenden Erholung wieder fit sind, bei mir bleibt es beständig.

Nach Pausen, die ich sitzend oder liegend verbringe, richte ich mich langsam auf, um nicht schwindlig zu werden. Dieses Leiden ist noch immer da und begleitet mich seit dem Krankenhaus. Damals, am Beginn, konnte ich mich oft nur 10 Minuten aufrecht halten. Das habe ich seither immer mehr ausweiten können, aber ich muss noch immer aufpassen und mich langsam aufrichten.
Hineingehen in eine Steigung erfordert eine Neupositionierung des gesamten Körpers. Der (schwere) Rucksack mit seinen 6 bis 7 kg, tut seines dazu bei. Schwer ist natürlich relativ. Eigentlich ist es leicht, aber ich hatte immer das Gefühl, 20 bis 25 kg zu tragen. Immer wieder war ein Anpassen der Winkel im Körper, passend zur Steigung des Weges und des Untergrunds notwendig. Das musste ich immer bewusst machen. Meine gesamte Automatisation ist verloren gegangen.
In Leon passierte mir dann auch ein folgenschwerer Fehler. Dort waren extrem viele schräg hängende Gehsteige. Absolutes Gift für meine Sprunggelenke. Zuerst merkte ich nichts, aber außerhalb Leons begann ein eigenartiges Ziehen in Gelenk und Schienbein.
Es war wie mit Skischuhen auf einer schrägen zu gehen. Man hält es nicht lange aus. Ähnlich erging es mir. Ich war unvorsichtig geworden. Immerhin hatte ich schon fast 500 Kilometer ohne größere Probleme zurückgelegt. Das sollte sich rächen.

Am nächsten Tag spürte ich einen eigenartigen Schmerz, konnte ihn aber nicht deuten. Ich legte noch 40 km in Etappen zurück, um dann festzustellen, dass sich eine Sehnenscheidenentzündung bemerkbar machte. Die ungewohnte Bewegung über wenige Kilometer bescherte mir das Aus.
Unter Umständen wären mir mehrere Wochen Ruhepause bevor gestanden, wäre ich weiter gegangen. Da die letzten 250 km nach Santiago bergig sind, entschloss ich mich nach Astorga zurückzugehen und den Camino zu beenden. Da meine Reha bald anfängt, wollte ich nichts riskieren.
Schade, aber ich darf dankbar sein, so weit gekommen zu sein.
Mir fehlt nach wie vor die Feinmotorik. Alles fummelige bereitet mir Probleme. Ein besonderes Training bescherten mir eingewickelte Zuckerln. Ich brauchte für jedes mehrere Minuten, um das mit Papier ummantelte zu öffnen. Es war gleichzeitig eine gute Übung für automatisiertes Gehen, da ich mit meiner Aufmerksamkeit beim Greifen war. Training pur also! Meine Ergotherapeutin hätte eine Freude mit mir gehabt.

Überhaupt war das Greifen schwierig. Am gemeinsamen Essen beteiligte ich mich nicht oft. Schüsseln wurden herumgereicht und das stellte mich oft vor ein Problem. Ich konnte sie nicht richtig fassen oder weiterreichen. Ungelenkig und potschert stellte ich mich an. Zu erklären, dass ich krank war, ist mir nicht möglich gewesen. Vor allem nicht in den verschiedenen Sprachen. So vermied ich es einfach, es war das leichteste für mich.
Das Denken muss ich unterteilen, da es verschiedene Bereiche oder Umstände gibt.
Ein wichtiger Punkt ist mir gleich aufgefallen. Ich wollte ja Gehen, um im Kopf leer zu werden. Leer werden heißt aber, NICHT denken. Das tat ich und diese gewonnene Energie setzte sich in vermehrter Gehleistung nieder.
Gar nichts Denken konnte ich natürlich auch nicht. Meine Bewegungen musste ich natürlich noch immer andenken. Aber Gedanken über Probleme, was ansteht und vieles andere, sind weggefallen. Und diese frei werdende Ressource zeigte sich in Gehleistung.
Es ist eigentlich ganz einfach, hatte ich aber im Vorfeld nicht bedacht. Ich habe über den Tag eine bestimmte Menge Energie. Egal ob ich denke, gehe oder sonst wie bewege, diese Energie wird weniger. Da aber das Denken über die Probleme zu Hause wegfielen, blieb einfach mehr für das Gehen über.
Noch ist die Energie schneller vorbei, als der Tag Stunden hat. Daher spüre ich diese Veränderung sehr stark. Das war auch ein Hauptgrund für manch einen Zweifel vorher, ob ich überhaupt schon fahren kann. Ich musste halt aufpassen, diesen Punkt nicht zu übersehen, denn dann kann es mühsam werden.


Ich muss denken, um vorwärts zu kommen. Die Orientierung am Camino war nicht so schwer. Überall weisen gelbe Pfeile oder die Jakobsmuschel den Weg. Nur ganz selten war ich im Zweifel, ob ich noch richtig bin. Da machte mir die andere Art der Orientierung mehr Probleme.
Nämlich die Orientierung wo ich war. Damit war ich überfordert. Das nächste Dorf konnte ich mir gerade noch merken. Aber aus welchem ich herkam oder wo ich hinwollte, dass hatte ich gleich wieder vergessen. Ich wurde immer wieder gefragt, wieweit ich noch zu gehen gedenke. Das konnte ich aber nicht sagen. Mein fehlendes Kurzzeitgedächtnis war daran schuld. Ich hatte kein Gefühl für Distanzen oder merkte mir einen Namen.
Wie ich ein Rezept zum Kochen immer wieder von vorne durchlesen muss, ist es auch mit der Tagesetappe. Immer wieder von vorne. Ich konnte im Reiseführer nachschauen, eine Minute später wusste ich nicht mehr, wohin oder wieweit. Es gab aber nur eine Richtung und die war mit gelben Pfeilen markiert. Und irgendwann musste auch eine Herberge kommen.
Ich ging einfach, soweit mich die Beine trugen. Zu Mittag begann ich nach einer Herberge Ausschau zu halten. Meine Konzentration lässt am Nachmittag stark nach, da wollte ich bereits ein Quartier haben.
Außerdem wurde es am Nachmittag recht heiß. Dem wollte ich mich nicht aussetzen. Während andere noch gingen, legte ich bereits die Beine hoch, obwohl ich die Hitze gut vertrug. Aber ich war meist schon seit frühen Morgen unterwegs, da konnte ich gerne stoppen. Mir lief ja nichts davon und ich hatte ja nicht das Ziel, nach Santiago zu gelangen. Zumindest zunächst nicht.
Erst gegen Ende zeichnete sich ab, dass ich den Camino France doch in Santiago beenden könnte. Allerdings durften keine Zwischenfälle vorkommen, was ja bekanntlich anders endete.
So reduzierte ich das Denken auf ein Minimum. Ich verfiel oft in ein meditatives Gehen. Keine Gedanken, kein durchspielen von Möglichkeiten, nichts. Denken und Gedanken, ein Mysterium. Mit Gedanken habe ich sowieso noch meine Probleme. Es sind mir noch keine weiterführenden Gedanken möglich.
Eine gewisse Konzentration war notwendig. Für das Gehen, das Bewegen und für die Orientierung habe ich sie gebraucht. Alles andere versuchte ich zu vermeiden.
Angestrengte Gespräche und Diskussionen am Abend unter den Pilgern führte ich keine. Das kostete mir zu viel Energie. Außerdem wurden meist zwei, drei Sprachen am Tisch gesprochen. Das war mir zu anstrengend und ich verzog mich in mein Bett. Ich ordnete alles dem Gehen unter.
Spanisch überforderte mich von Anfang an. Es war so anstrengend, dass ich mein Spanisch Wörterbuch bei nächster Gelegenheit nach Hause schickte. Wenn, dann musste Mr.Google herhalten. Einzig Englisch zu sprechen ging, war aber trotzdem schwer für mich. Ich konnte vielen Gesprächen nicht folgen, selbst Sprechen stellte oft ein Handicap dar.
Ein paar Pilger wussten über meine Probleme Bescheid. Sie gingen auf meine Problematik ein und halfen mir immer wieder. Mit ihnen ging ich auch ein Stück des Weges oder traf sie alle paar Tage wieder.
Es tat mir oft leid, dass ich vielem nicht folgen konnte und mich oft zurückzog. Aber es ging nicht anders, mein Hauptaugenmerk lag beim Gehen. Etwas anderes war mir nicht möglich.

Ich musste Energie einsparen, wo ich konnte. Mir war klar, dass ich vieles nicht erleben konnte, was den Camino ausmacht. Aber ich war ja wegen etwas anderem hier und dieses Erleben war genauso wertvoll. Wie man den Camino auch angeht, man wird so akzeptiert, wie man es möchte. Jeder kommt mit einer eigenen Motivation her.
Besonders die Städte mit ihren alten Bauten und Kirchen sind sehr schön und sehenswert. Ich möchte unbedingt wiederkommen, um auch dieses "andere" am Camino zu erleben. Gerade die Städte und Dörfer haben einen eigenen Flair, den ich nur am Rande wahrnekmen konnte.
Nun, in diesen Bereichen lagen meine Defizite am Weg. Ich habe mit meiner Behinderung und Handicap zu leben. Das ist eben anders wie früher.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Ich bin noch immer am Jakobsweg, dem Camino France, unterwegs. Jetzt doch schon die dritte Woche. Eigentlich unglaublich. Ich wollte weg aus Graz, weg aus Österreich. Die Decke fiel mir auf den Kopf. Hier habe ich gefunden, was ich wollte. Ruhe und wieder zu mir kommen.


In erster Linie versuche ich an nichts zu denken. Was nicht ganz stimmt, denn die Bewegung muss nach wie vor angedacht werden. Dazu muss ich immer den Weg vor mir genau beobachten, dass ich in keine Löcher stürze oder mich sonst wie gefährde.
Das Denken ist also nach wie vor gefordert. Was allerdings wegfällt, sind die Probleme und Herausforderungen von zu Hause. Hier brauche ich mich nur um mich selber kümmern. Erst hier merkte ich, wie sehr mich das belastete.
Diese gewonnene Energie schlägt sich hier in geh Leistung nieder. Andere Übungen aus der Ergotherapie oder Physiotherapie finden im Laufe des Tages ihren Einsatz im alltäglichen Leben unterwegs.


Es tut so gut, jeden Tag mit neuem konfrontiert zu werden. Damit meine ich aber in erster Linie die Landschaft. Schmale Wege wechseln mit Breiten ab. Endlose monotone Schotterpisten mit winkeligen Trails und flache Strecken mit bergigen.
Es ist alles dabei. Genauso sind viele Farben vertreten. Blumen in allen Variationen. Es ist einfach traumhaft schön. Und ich darf das erleben. Es ist eigentlich unglaublich.

Denn das ist nicht selbstverständlich. Manch einer kann so etwas nicht nachvollziehen. Es war aber nicht klar, wohin meine Reise führt. Zu viele Unbekannte standen im Weg und stehe eigentlich noch immer.
Dieser Weg tut mir gut und gibt mir wieder Kraft auch die nächste Reha und die vielen Trainings, die bald anstehen, durchzuführen. Vor noch wenigen Wochen hätte ich nicht gedacht, hier stehen und gehen zu können. Einfach unglaublich!
Wie einem das Leben doch spielt?
Das Thema Wald, Baum und Gesundheit beschäftigt mich schon länger. Noch vorm Hirnabszess war es mein Freund Bernd, der mir ein Buch von Erwin Thoma in die Hand drückte, "Die geheime Sprache der Bäume".
Es hat mich sehr angesprochen, aber auch nachdenklich gemacht.
Seit dem Hirnabszess hat der Wald für mich eine besondere Bedeutung bekommen. Er ist Ruhebringer, Therapeut und Kraftkammer in einem.
Einmal ist es mir besonders aufgefallen. Anders als üblich, spazierte ich diesmal von Graz nach Hause. Sonst gehe ich meist in den Wäldern rund um Stattegg spazieren. Diesmal war es umgekehrt.
Ich fuhr mit Silvia zum Einkaufen, ließ mich dann absetzen und setzte mich in ein Café um zu Schreiben. Dann kam mir die Idee, zu Fuß nach Hause zu gehen. Das habe ich noch nie gemacht, weil mich die lärmende Stadt immer sehr viel Energie kostet. Danach noch in den Wald zu gehen, vermied ich bis dato.
In der Stadt bekomme ich immer ein beengtes Gefühl. Mein Sichtfeld engt sich ein, ich bekomme den Tunnelblick. Das heißt, rechts und links nehme ich fast nichts wahr und nur ein kleiner Ausschnitt in der Mitte ist scharf. Dazu neigen sich meine Finger zu verkrampfen. Außerdem werde ich beim Gehen unsicher. Das alles führt dazu, dass ich mich in der Stadt nicht wohl fühle.
Ich wollte schon aufgeben, da ich dachte, heute nicht gut drauf zu sein. Diese ersten Meter auf der Straße stressten mich mehr als gedacht und noch standen mir ja drei Kilometer durch den Wald bevor.
Mit Pausen schaffte ich es bis zum Anfang des Waldes. Noch wäre ein Abbruch möglich gewesen.
Aber da war mein Wille stärker. Mit der Sicherheit, jederzeit, wenn ich nicht mehr weiter konnte, den Wald verlassen zu können und den Bus nach Hause zu nehmen, ging ich in den Wald hinein.
Kaum war ich weg von all den lärmenden Autos, dem harten Asphalt und dem Grau der Straße, wurde ich lockerer und ruhiger. So intensiv war mir das bisher noch nie aufgefallen. Je weiter ich ging umso ruhiger wurde ich.
Bei etwa der Hälfte des Waldstücks fühlte ich mich weit besser als noch kurz vorher, als ich in der Stadt unterwegs war, und das trotz der Strecke die ich schon zurückgelegt habe.
Bisher baute ich mit jedem gegangenen Meter körperlich ab. Diesmal war es aber anders. Ich erholte mich vom Stress der Stadt mit jedem Meter mehr. Der Tunnelblick weitete sich, was für mich am schönsten zu beobachten war. Es war das erste Mal, dass es mir so stark aufgefallen ist. Das zeigt mir, was die Kraft der Natur für eine Rolle in der Therapie spielen kann.
Das Stresshormon Cortisol verringert sich im Wald und diese Reduktion hält über Tage hinweg an. Dafür muss man sich nicht einmal bewegen: Waldluft wirkt, auch wenn man sitzt. Abgespanntheit, Stress und Erschöpfung werden weniger. Positive Gefühle kommen auf und man wird ruhiger.
Der Kontakt mit künstlichen Materialien verursacht einen gewissen Stress-Effekt. Auch die Stadt ist großteils künstlich. Mit Entsetzen musste ich nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus feststellen, wie viele Grünflächen in Graz verschwunden sind und wie viele alte Häuser durch moderne Hochbauten ersetzt wurden. Dieses "Alles zubauen" wird uns noch auf den Kopf fallen. Wir schaden damit unserer Gesundheit, denn wir sind nun einmal Naturgeschöpfe.
In der Stadt sind wir einer unaufhörlichen Reizüberflutung ausgesetzt. Das ermüdet. In der Natur hingegen ist die Aufmerksamkeit auf nur wenige Reize gelenkt. Die mentale Erschöpfung können wir in der Natur kurieren, in der Stadt nicht. In jungen Jahren fällt uns das nicht so auf, da können wir diese Reize noch locker abwehren. Aber wenn wir älter werden, da schlägt es dann umso härter zu. Burn Out und andere psychische Erkrankungen nehmen dann zu. Alles eine Folge unseres schnellen Leben.
„Wir wurden so geschaffen, dass wir in eine natürliche Umgebung passen, wenn wir uns inmitten der Natur aufhalten, werden unsere Körper wieder zu dem, was sie einmal waren.“
Zitat: Yoshifumi Miyazaki, Direktor des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Agrarwissenschaft von der Universität Chiba.
Auch ich spüre, dass mir der Wald helfen kann. Gerade mit den Folgen des Thalamus-Abszesses, wie etwa Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, aber auch der kognitiven Fähigkeiten. Im Wald ist alles mehr Lust statt Trainingseifer! Der Waldspaziergang ist ein Breitbandheilmittel, wie kaum etwas anderes.
"In einer Befragung von 355 Reha-Patienten in zehn Kurorten gaben mehr als drei Viertel der Befragten an, dass neben den ärztlichen Bemühungen das Spazieren im Grünen am meisten zu ihrer Gesundung beitrage."
In Fernost ist man gerade eifrig dabei, Wälder in Therapiezentren umzuwandeln. Eine tolle Idee. Ich weiß noch, wie ich im Aufenthaltsraum der Neurologie saß. Ich blickte durch die Fensterfront auf den Leechwald. Wie sehr habe ich mir damals gewünscht in den Wald gehen zu können. 5 Monate sah ich ihn nur durch die Glasscheibe hindurch. Doch auch das war irgendwie heilsam.
Darum kann ich nur ermuntern: Geht so oft es Euch die Zeit erlaubt in den Wald!
Welche Bedeutung hat der Sport für mich und meine Gesundheit nach der Krankheit bekommen. Ist er eine Motivation für mich?
Kann ich das, was ich mache, überhaupt Sport nennen oder ist es nur Therapie? Egal, wichtig ist, dass ich mich bewege. Motiviert bin ich, wenn ich ein Ziel sehe! Ohne Ziel, keine Motivation.
Ich bin umgeben von Hindernissen. Am Anfang ragten die Stufen überall in die Höhe und der erste Stock glich einer 8000er Besteigung. Jede kleinste Kante wurde zu einem für mich fast unüberwindbaren Hindernis. Heute, ein Jahr später, sehe ich meinen Anfang nur mehr verschwommen. Die Stufen und Kanten sind kleiner geworden, aber sie sind noch immer da. Diese Hindernisse schienen am Anfang unüberwindbar zu sein.
Deswegen setzte ich mir mit dem Eiger Ultra Trail ein großes Ziel. Es war 2014 meine erste Ultra Trail Teilnahme. Er ist noch weit weg, so weit, dass ich ihn fast nicht sehen kann. Aber er ist immer in meinem Hinterkopf. Auch in Momenten wie gerade zur Zeit. Ich habe das Gefühl, es geht nichts weiter.
Dann helfen mir die inneren Bilder und motivieren mich wieder. Objektiv darf ich nicht an meinem Zustand denken, ich würde daran verzweifeln und aufgeben. Mit einem Ziel vor Augen ist alles sinnvoller und gibt mir Mut.
Stiegen sind auch heute noch ein eigenes Kapitel. Kaum gehts wo rauf, bremst es mich ein. Stufe um Stufe muss ich erklimmen, mich auf jede einzelne konzentrieren. Schnaufend geht es hoch. Das kann frustrierend sein, denn eigentlich will ich schon weiter sein. So schwanke ich zwischen Frustration und Hoffnung, aber auch Dankbarkeit, dass ich überhaupt Gehen kann. Ein Wechselbad der Gefühle.
Ich denke immer wieder an die über 6000 Stufen auf den heiligen Adams Peak in Sri Lanka. Selbst Geh-Behinderte wagen den Aufstieg und brauchen 2 - 3 Tage. Auch hier ist Motivation ein wichtiger Punkt. In diesem Fall hat es religiöse Gründe. Nach buddhistisch-singhalesischem Glauben sollte jeder gute Buddhist diesen Berg zumindest einmal im Leben besteigen.
Bei einem Hirnabszess reagiert jeder anders, kein Fall ist gleich. Es ist entscheidend, wo das Abszess sitzt. Bei mir war es ein Thalamusabszess. Der Thalamus ist eine wichtige Schaltzentrale für Sensorik und Motorik. Er entscheidet, welche der eingehenden Informationen im Augenblick für den Organismus so wichtig sind, dass sie ins Bewusstsein gelangen sollen.
Ist der Thalamus betroffen, können Psychische Störungen mit Minderung der Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, Ungeduld und Schreckhaftigkeit auftreten, sowie einer herabgesetzten Sensibilität der Haut und einer Störung der Tiefensensibilität. Das hat sich bei mir durch Verletzungen bemerkbar gemacht, die ich nicht bemerkte.
Der Thalamus ist verantwortlich für die Steuerung und Regelung der allgemeinen Empfindsamkeit (Sensibilität). Daher meine Probleme beim Greifen, Gehen und wieder Laufen können. Trailrunning muss noch eine Weile warten.
Ich darf nicht mehr vergleichen. Ein Vergleich zu früher hinkt eben. Das, was ich jetzt zu Leisten imstande bin, hat mich früher nicht einmal aus dem Bett hervor geholt. Sprich, was heute mein Limit ist, machte ich nicht einmal zum Aufwärmen. Aber jetzt zählt eben etwas anderes.
Der körperliche Zustand ist derzeit einer ständigen Veränderung unterworfen und das nicht immer aufwärts, wie bei einem Beinbruch. Das Training, bzw. die Fortschritte, gehen eben nicht in dem Tempo, wie ich es früher vom Rad- oder Lauftraining gewohnt war. Das ist nicht immer leicht zu verstehen.
Mein ganzes Leben wurde bisher vom Sport begleitet. Daher mache ich auch jetzt Sport, auch wenn es in nur geringem Maße möglich ist. Der Sport motiviert mich. Ich zähle auch Ausflüge in die Stadt dazu, wie ich es vor kurzem auf Instagram gepostet habe. Denn die Anstrengung ist immer die gleiche, egal was ich mache. Alles ist Training.
Am Anfang stellte schon eine Gehstrecke von 15 min. eine gewaltige Herausforderung dar. So lange dauerte es, bis ich vom ersten Stock unten war, die ersten Schritte auf der Straße machte und alles wieder zurück. 15 Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen.
Es sollte Wochen dauern, bis ich mich an die Steigung hinauf zur Landesstrasse wagen konnte. Normal ein Weg von ein paar Minuten, damals für mich 30 Minuten. Es dauerte dann wieder Wochen, bis ich auch diese Steigung schaffte. Nach mehreren Monaten war ich dann zum ersten Mal im Wald.
Wenn man der WHO glauben kann, soll man täglich 10.000 Schritte tun. Da bin ich allerdings noch weit entfernt davon. Es ist ein Richtwert, um gesund zu bleiben. Natürlich hängt es von der Intensität ab. Aber 10.000 Schritte sind ein guter Anhaltspunkt. Ich selbst habe gemerkt, wie mir die Bewegung gut tut. Wer täglich eine Stunde zu Fuß unterwegs ist, steigert die eigene Fitness spürbar. Empfohlen werden 30 bis 60 Minuten täglich. Dem kann ich mich nur anschließen.
In der Vorbereitungszeit auf die Denali Besteigung 1996, machte ich alle Besorgungen in Graz zu Fuß. Oft führte mich mein Weg quer durch die Stadt. Zusätzlich zur Bewegung in meinem Job als Landbriefträger, kam ich auf 20 bis 30 Kilometer zu Fuß am Tag, zusätzlich zum Radtraining. Gehen hat eine Vielzahl an Auswirkungen auf die Gesundheit. Deswegen ist es mir auch so wichtig.
Alles Punkte, die für mich wichtig sind. Gehen hat für mich einen besonderen Stellenwert bekommen. Es bedeutet für mich auch Freiheit oder besser gesagt, wieder Selbständig zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, wohin gebracht zu werden.
Aber es gehört auch noch anderes dazu. Ich möchte nicht sagen, dass ich es nicht beachtet habe, aber in letzter Zeit habe ich es sicher mehr in den Hintergrund verschoben. Nämlich die Hände. Ich bin meist so beschäftigt mit dem Gehen lernen, dass ich spezielle Ergotherapie-Übungen für die Hände und Finger ausgelassen habe.
Einerseits weil ich mit den Anforderungen des Gehen voll ausgelastet bin, andererseits der Schleier der Krankheit noch immer über mir liegt und sich immer wieder etwas verändert.
Der Frust oder der Ärger, etwas nicht zu können, ist allgegenwärtig. Es sind die alltägliche Dinge, die Ungeduld auslösen, wie zum Beispiel Schuhe binden. An manchen Tagen geht es gut, an manchen nicht. Vielleicht verwende ich deshalb so gerne meine Trailrunning Schuhe, weil die Quicklace Schnürung mir das Leben leichter macht. Es geht ja auch darum, etwas zu finden, was mir den Alltag erleichtert. Dem ist aber nicht immer so.
Milch- oder Saftpackerln sind eine weiteres Herausforderung. Es reicht nicht, nur den fummeligen Schraubverschluss zu öffnen. Nein, es gibt auch noch einen zusätzlichen Plastikring, so dass man mit Sicherheit den Inhalt verschüttet. Daher gibt es bei mir die Milch vom Bauern, in einer Flasche, mit der ich klar komme. Saft besorge ich am Bauernmarkt, der zugleich hervorragendes Brot hat. Da ersparen sich Silvia und ich den Weg in den stressigen Supermarkt.
Aber auch das Kochen kann frustrierend sein. Ungelenkiges Handhaben von Schüsseln, produziert ständig einen Sauhaufen beim entleeren oder umschütten. Ich koche gerne, aber wenn nichts gelingt, benötigt man ein hohes Frustpotenzial, um damit klar zukommen.
In der Reha meldete ich mich für die Kochgruppe. Einerseits ist Kochen super Ergo-Training, andererseits darf ich nur unterstützend helfen. Backofen vergessen, Herdplatte eingeschalten lassen, anbrennen lassen, Verbrennungen an den Händen - Dinge die noch nicht in den Kopf möchten. Da hat sich seit den Rehas leider nicht viel getan. Aber ich arbeite daran.
Um zurück zum Sport zu kommen, ich sehe all diese Dinge als sportliche Herausforderungen. Sicher, die eine oder andere Frustration gibt es immer wieder. Doch im Allgemeinen kann ich sagen, dass ich immer bestrebt bin, dass Beste aus jeder Situation zu machen und oft lache ich über mich selbst und meine Ungeschicklichkeit, die ich bei meinen Kindern immer kritisiere, wenn wieder alles voll gekleckert ist.
Die Trailrunning und andere Zeitschriften helfen mir auch, mich wichtiger Dinge zu erinnern. Gerade die Beiträge über Stabilitätsübungen, die fürs Trailrunning propagiert werden, sind wichtige Impulsgeber dran zu bleiben.
So hat der Sport also noch immer eine wichtige Funktion für mich, wenn auch einige Etagen tiefer. Aus Stunden wurden eben Minuten.
Aber das wichtigste ist:
...und als ehemaliger Briefträger würde ich sagen:
"Wer die Zukunft nicht mehr absichern kann, wird gleichsam gezwungen, im Augenblick zu leben."
Entschleunigung ja, aber ich hab ja keine Zeit dafür. Das war meine Einstellung vor der Krankheit. Gerade in den letzten Monaten ist der Ruf nach Entschleunigung bei mir immer lauter geworden und das Thema war auch in den Medien immer stärker präsent.
"Mit Entschleunigung wird ein Verhalten beschrieben, aktiv der Beruflichen und Privaten „Beschleunigung” des Lebens entgegenzusteuern, d. h. wieder langsamer zu werden oder sogar zur Langsamkeit zurückzukehren."
Ich dachte natürlich darüber nach, fand aber keinen Weg für mich, ihn auch umzusetzen. Ich war getrieben vom System und meinem Anspruch, alles perfekt zu erledigen zu wollen.
Der Druck in der Arbeitswelt nahm die letzten 10 Jahre rapide zu. Das geschah unter anderem auch dadurch, dass immer weniger Leute mehr leisten müssen. Als Videojournalist und in der Videoproduktion tätig, kam auch ich immer öfter an meine Grenzen.
Ich hetzte durch den Arbeitstag und nahm mir nicht mehr die Zeit, Feierabend zu machen. Es gab schlichtweg keinen Feierabend mehr. Ich stellte mir auch nicht die Frage - Wofür? Ich hatte einfach keine Zeit dafür. Dachte ich!
Die Rationalisierungswellen in der Arbeitswelt erlebte ich schon vor über 20 Jahren bei der Post mit. Als Landbriefträger war der Plausch mit älteren Menschen, für die der Briefträger oft die einzige Ansprechperson war, gang und gebe. Der (Zeit-)Druck wurde aber immer größer und man hatte kaum noch Raum für Gespräche.
Es war mit ein Grund, warum ich die Post nach 14 Jahren verließ. Ich ging in den Sport und bekam damals viel zurück. Den Schritt vom Beamten in eine ungewisse Zukunft als Sportler, habe ich nie bereut.
Heute sind wir soweit, dass in der Arbeitswelt die Zeiten für Innehalten, Besinnung und Regeneration kaum existieren oder abgeschafft wurden. Yoga und Angebote für Auszeiten stehen daher besonders hoch im Kurs, um den Druck in der Arbeit und des täglichen Lebens auszuhalten.
Ganz entspannt im Hier und Jetzt zu leben, ist vielen nicht mehr möglich. Gerade das Hier und Jetzt wurde bei mir ein Thema. Es war mir bewusst, aber......! Ja, dieses ABER. Dieses Wort zeigt uns die Verhinderer auf, denen wir die Macht überlassen. Es sind einzig allein Ausreden, warum etwas nicht geht.
Total verspannt, bewegte ich mich nur mehr im WENN und ABER. Wer aber nicht inne hält, wird haltlos. Nicht nur in der Arbeit, auch in der Partnerschaft. Der Sinn fehlt und macht alles nur schwer erträglich. Da sind schon kleine Heraus- und Anforderungen schnell zu viel. Was gilt es aber zu Erkennen: Es sind nicht die hohen Anforderungen, das Arbeitstempo oder die Zeitdauer schuld, sondern es ist der Mangel an Sinn.
Ich erkannte zwar das Problem, aber das was ich tat, war für den Körper maximal Schadensbegrenzung. Und nicht einmal das, denn das Hirnabszess zeigte mir sehr machtvoll auf, dass Zuviel, eben Zuviel ist. Eindrucksvoll zeigte es mir auf, wo meine Grenze lag.
Die Krankheit zwang mich in den Augenblick. Es gab nichts anderes mehr, als das HIER und JETZT.
Naja, die fehlende Entschleunigung war nicht das einzige Problem, sie hatte aber einen wesentlichen Anteil daran. Es müssen schon mehrere Dinge zusammenfallen, damit ein Abszess entstehen kann und besonders im Gebirn. Die Entschleunigung war nur ein Teil davon.
Die letzten Jahre produzierte ich, neben Puls4, auch für einen kleinen Privatsender in der Steiermark die Sendung. Zuletzt aber nicht nur die Beiträge, nein, ich ließ mich dazu überreden, aufgrund Personalmangels, die Sendungszusammenstellung zu machen.
Das war fatal. Es artete für mich in Stress aus. Ich kam selten vor 2 Uhr Nachts ins Bett und war um 6 Uhr wieder auf. Den Moment als es kippte, habe ich übersehen. In meinem Pflichtbewusstsein tat ich weiter, weiter und immer weiter.
Für Entschleunigung hatte ich keine Zeit, oder besser gesagt, ich nahm sie mir nicht. Mein Pflichtbewusstsein war größer. Damit nahm das Unheil seinen Anfang und ich tat nichts dagegen.
Zunächst einfach einmal alles langsamer angehen. Sich Zeit lassen und keine Hektik aufkommen lassen. Ich selbst lebe seit dem Hirnabszess noch immer im Hier und Jetzt. Meine Bewegungen, meine Reflexe und mein Denken ist von Langsamkeit geprägt. Eine Auswirkung der Krankheit, dem Hirnabszess. Das Gehirn läßt auf einmal nichts anderes mehr zu. Ich befasse mich nur mit der Sache, die ich im Augenblick mache. Alles andere hat für mich Konsequenzen. Multitasking funktioniert nicht mehr.
Ich musste erst lernen, die Langsamkeit aushalten. Zum Beispiel, einmal bewusst Gehen, statt zu Laufen. Mein Ziel ist zwar wieder zu Laufen, aber ich habe die Vorteile des Gehens wieder gefunden.
Ich mahle zu Hause schon seit mehreren Jahren mit einer von Hand betriebenen, alten Kaffeemühle. Im ersten Augenblick klingt das nach mehr Mühe, aber dem ist nicht so. Es ist ein Ritual daraus geworden und zwingt oder ermahnt mich, zur Langsamkeit. Kaffee trinken bekommt eine neue Qualität, eine Qualität der Auszeit.

Auch der Sport sollte öfter, mehr bewusst gemacht werden. Pulsgurt, Schrittzähler und Smart-Phone, mit den diversen Apps, lassen uns hektisch alles aufzeichnen. Wir sind mehr darum bemüht alle Daten zu bekommen, als dass wir die Natur und uns selbst wahrnehmen.
Nicht nur der Körper, auch das menschliche Gehirn kann mit diesem Tempo auf Dauer nicht Schritt halten. Schon kurze Aufenthalte im Grünen lindern Stress und Depressionen, stärken das Selbstwertgefühl und hellen die Stimmung nachhaltig auf. Eine kostenlose Behandlung ohne Medikamente und langwierige Sitzungen.
Dazu ist die Natur wertfrei. In der Stadt urteilen wir nur allzu schnell in schön, hässlich, nützlich, unnütz, gut und schlecht. In der Natur gibt es das in der Regel nicht. Denn sie ist, was sie ist. Und man ist selbst Teil davon.
Diese Punkte helfen mir, das Leben besser zu leben. Und es ist besser, nur einen einzigen Punkt umzusetzen, als gar keinen. Die Abwärtsspirale gehört unterbrochen.
Für mich sind es mittlerweile wesentliche Bestandteile meines Lebens, auf die ich draufkommen soll.
Hier noch der Verweis auf einen Artikel, der die Beschleunigung und Langsamkeit der Zeit zum Thema hat. Eine sehr interessante Betrachtungsweise von Karlheinz Geißler, Soziologe "Zwischenmenschlichkeit braucht Langsamkeit"
Was sind denn Eure eigenen Verhinderer, die Euch aufhalten? Mit den Worten, die nach "...., aber..." fallen, kann sich jeder diese Frage stellen und vielleicht gute Antworten bekommen.
"Langsamkeit macht Angst, Schnelligkeit auch!"
Also wünsche ich Euch, dass ihr und ich, den Mittelweg finden und sich Entschleunigung einfinden.
Alles Gute und bis bald!
Jörg
Diese Woche haben mich zwei Meldungen beschäftigt, die mir wieder bewusst gemacht haben, was für mich derzeit im Leben wichtig ist.
Als erstes war es ein Facebook Posting von meinem ehemalige Kollegen bei Puls4, Florian Danner. Er befindet sich gerade auf einer #wahlwanderung durch Österreich, von Meiningen (Vorarlberg) nach Deutsch-Jahndorf (Burgenland). In seinem Post vom 19. September schreibt er unter anderem:
+ Lektion: Nur in Tagesetappen denken - und nicht weiter. Alles andere schlägt sich aufs Gemüt...
Florian Danner
Wie recht er hat! Es ist auch mein Thema derzeit. Langsam kommt das Denken wieder und ich beginne zu viel zu denken. Zum Beispiel über meine ungewisse Zukunft. Aber wozu sich Sorgen um etwas machen, was noch nicht einmal da ist. Gerade im Extremsport bin ich schon früher solche Wege gegangen. Ob beim Iditabike in Alaska (300 km bei -35°) oder der Crocodile Trophy in Australien (3000km). Die Länge des Weges durfte ich nie thematisieren. Das gilt auch für meine jetzige Erkrankung.
An solchen Erlebnissen und was ich daraus gelernt habe, erinnert mich zum Beispiel Florians Wanderung. Meine Erinnerung an früher ist noch nicht in vollem Umfang da. So helfen mir andere Menschen mich immer wieder, mich daran zu erinnern. Es wird mir dadurch immer mehr bewusst.
Die Länge des Weges gilt besonders für meine Rehabilitation. Es darf kein Thema sein und auch nicht werden. Es braucht so lange wie es braucht. Das ist eben ein Spagat zwischen Geduld und Ungeduld. Ich brauche ein bestimmtes Maß an Ungeduld. Es ist mein Antrieb weiter zu tun, mehr zu wollen. Aber sie darf nicht überhand nehmen. Tut sie das, kommt schnell Frustration hoch, weil es einem nicht gelingt. So heißt es genau Balance nehmen. Viele Menschen haben mit denselben Problemen wie ich zu tun, sind nicht in ihrer Mitte und kämpfen täglich dahin. Auch bei mir war es so und Krankheit die Folge.
Der zweite Artikel der mich ansprach, war ein Beitrag von Christof Herrmann, der den Blog einfacherleben.de betreibt.
Er beschreibt im Beitrag, wie wichtig Gehen für unsere Gesundheit ist. Der Artikel ist schon über viereinhalb Jahre alt, hat aber von seiner Wichtigkeit nichts verloren. Für mich hat das "Gehen lernen" derzeit Vorrang vor allem.
Ich habe mir erlaubt, die Gründe dafür, von seinem Blog zu kopieren. Ich kann mich damit identifizieren.
Den Punkten kann ich mich nur anschließen. Jeder einzelne Punkt trifft auf mich zu und deswegen hat Gehen, aber auch Laufen, einen so hohen Stellenwert für mich. Da kommt aber auch die Ungeduld ein bisschen hervor. Ich kann noch nicht so viel, wie nötig wäre. Die WHO empfiehlt zum Beispiel 10.000 Schritte täglich, das entspricht etwa 6-7-Kilometer täglich. Für mich einmal die Woche möglich, täglich wäre unmöglich.
Beim Gehen versuche ich oft, die Strecke die ich schaffe, zu verlängern. Aber es geht halt nicht immer und die Tagesverfassung ist verschieden. Aber ich komme weiter wie vor einem Jahr und in einem Jahr komme ich weiter wie heute. Und irgendwann werde ich auch Laufen. Aber darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Denn es ist gut so wie es ist und wäre es das nicht, wäre es trotzdem so.

Gerade die letzten Jahre vor dem Hirnabszess war ich körperlich fit. Mehrere Stunden zu Laufen waren kein Problem. Trailrunning war meine große Leidenschaft. Das war von einem Tag zum Anderen vorbei. Fünf Monate im Bett liegen gingen nicht spurlos vorüber. Und das muss ich mir immer wieder bewusst machen und vor Augen halten. Das ich vor einem Jahr bei Null begonnen habe. Und Null heißt nicht nur zu Gehen, sondern die ganze Koordination des Körpers wieder lernen. Das braucht eben noch Zeit.
Das Laufen am Stand praktiziere ich übrigens noch. Es fühlt sich gut an und ich werde es einige Zeit beibehalten. Bevor ich mich dann vorwärts bewege, muss ich noch am Gehen feilen. Der rechte Fuß bleibt noch ab und zu am Boden hängen, auch am Asphalt. Das ist durch die Lähmungen hervorgerufen, die ja rechts bestanden. Das Heben der Fußschaufel gehört noch mehr automatisiert. Ein Sturz passiert zu leicht.
Am Schluss möchte ich nicht verabsäumen, auf den Blog >diedanners.com< ,von Florian und Christina Danner hinzuweisen. Berichtet wird über den Familienalltag von Florian und Christina, sowie ihren Erlebnissen mit Theo (5) und Noah (18 Monate). Echt lesenswert. Wer ebenfalls Kinder hat, wird sich da und dort wiederfinden.
Viel Spaß mit dem Blog und auf in eine neue Woche,
euer
Jörg
Ein erstes "Pilgern light" für mich zum Üben. Nachdem ich in den letzten Wochen des Öfteren über meinen Wunsch zu Pilgern geschrieben habe, mache ich Ernst.
Allerdings eine light Version. Oder noch besser, eine "light - light" Version. Kurze Anreise, kurze Wegstrecke und genug Zeit lassen.
Ich "pilgere" von Graz-Hilmteich nach Mariatrost zur Basilika. Fünf Kilometer Wegstrecke und leichte Steigungen. Nach 2,5 km eine Möglichkeit zur Einkehr und zum Ausrasten. Dazu genug Parkbänke auf dem Weg zum Niedersetzen. Das sollte für mich machbar sein. Ein Ausflug, der Lust auf Pilgern macht.
OK, es ist eigentlich nur ein Spazierweg für die Grazer und mit einem Pilgerweg nicht vergleichbar. Trotzdem ist er für mich eine Herausforderung. So einen Weg bin ich seit meinem Krankenhausaufenthalt noch nicht gegangen. Meine Herausforderungen haben sich halt verschoben.
Hoch motiviert starte ich zusammen mit meiner Lebensgefährtin Silvia. Gleich zu Beginn geht es den Leechwald bergauf. Ich bin ausgerastet und frisch. Das ist auch gut so, denn die ersten Meter sind die anstrengendsten. Mein Wille ist derzeit größer als mein Können. Über zahlreiche Wurzeln steige ich höher.
Noch geht es gut, ich fühle mich auch so und stapfe tapfer dahin. Den Leechwald kenne ich gut. Schon als kleiner Junge war ich hier oft zum Spielen und später habe ich hier für meine Rad-Querfeldeinrennen trainiert. Damals, vor 25 Jahren, störte es niemanden, hier mit dem Rad zu fahren. Viele Wege und Kurven erinnern mich heute an die vielen Runden, die ich damals zog. Erinnerungen kommen hoch, besonders an Alexander, meinem Cousin, der viel zu früh verstarb. Er war mit dem Rad oft dabei und wir lieferten uns zahlreiche Duelle.
Mein Puls pocht schnell und ich bleibe oft stehen, um durchzuschnaufen. Bergauf kann ich nur wenig schneller, als ich damals aus dem Krankenhaus gekommen bin. Trotz vielen Übens wird es nur langsam besser. Noch immer steige ich wie ein Höhenbergsteiger, Schritt für Schritt, langsam nach oben. Wie im tiefen Schnee.
Nichts dabei denken funktioniert nur bedingt. Ich versuche mich durch Sprechen und Bewegen der Arme abzulenken. Das Gehen soll ja automatisiert werden. Nach wenigen Schritten ist allerdings Schluss und mein Atem rasselt. Aber ich übe es wieder und wieder. Irgendwann kommt die Automatisierung zurück und wenn es Jahre dauert. Solange heißt es weiter üben.
Nicht weit von uns entfernt ist der Zugang zum LKH über den Leechwald. Silvia spazierte immer über den Hilmteich zu mir auf die Neurologie, um mich zu besuchen. Viele Erinnerungen aus der Krankenhauszeit kommen bei mir hoch. Es ist anscheinend ein Tag der Erinnerungen, denn immer wieder kommen mir frühere Erlebnisse in den Sinn.
Der Lärm des Notfallhubschraubers ist öfters zu hören. Dieses Geräusch begleitete mich die gesamte 5-monatige Zeit im Krankenhaus. Besonders die Tage nach der Operation waren prägend, da ich nur wenige Stockwerke unter dem Landeplatz lag. Den Rest der Zeit lag ich ja auf der Neurologie, die gegenüber der Kinderchirurgie mit ihrem Hubschrauber-Landeplatz liegt.
Jedes Mal ein betretenes "Oijee, schon wieder der Hubschrauber!", in unserem 4-Bett Zimmer. Wir fühlten jedes Mal mit. Auch heute noch ist für mich beim Klang des Hubschraubers ein bedachter Moment dabei.

So vergehen die ersten Meter mit alten und neuen Gedanken. Nach der Steigung führt der Weg leicht auf und ab weiter. Zunächst ist aber Pause angesagt. Das erste Bankerl wird in Beschlag genommen und ich streiche mir die Beine aus. Besonders die Waden verhärten schnell und es ist ja noch weiter ein Weg zu meistern. Zum Glück wartet auf mich bei der Halbzeit das "Häuserl im Wald", ein Gasthaus, das ich zuletzt in der Kindheit vor 40 Jahren oft besucht habe.
Ich spüre in den Beinen noch die Auswirkungen des ersten Anstieges und gehe dementsprechend vorsichtig weiter. Die Konzentration liegt jetzt merklich mehr beim Gehen. Automatisches Gehen ist auf dem Waldboden nicht möglich. Mit den Gedanken muss ich immer irgendwie dabei bleiben. Trotzdem versuche ich, mich zu unterhalten.
Kurz vorm 'Häuserl im Wald' ist Asphalt und eine Unterhaltung leichter möglich. Ich bin froh, die Halbzeit erreicht zu haben. 2,5 km stehen mir noch bevor. Im Gasthof versuche ich mich bei Kaffee mit Apfelstrudel zu erholen und die letzten 2,5 km Revue passieren zu lassen.
Mein Fazit ist ein bisschen ernüchternd. Eigentlich ist es hier schon genug. Trotzdem will ich weiter. Mein erster "Pilgerweg" soll nicht so enden. Dann bleibe ich eben auf der Forststraße und meide den schwierigeren Waldweg.
Gleich nach dem Gasthof geht es auf Asphalt steil bergauf und ich verfalle wieder in meinen Höhenbergsteigerschritt. Ein älteres Ehepaar zieht an mir vorüber. Aber dafür habe ich schon in meiner aktiven Radfahrer-Karriere vorgebaut.
Ein Training war damals, 5 Stunden den Puls nie über 100 kommen zu lassen. In der Sporgasse in Graz war es dann so weit. Mein Freund Harry und ich fielen auf dem steilen Kopfsteinpflaster mit dem Rad fast um, so langsam fuhren wir hoch. Plötzlich schob eine alte Frau ihr Waffenrad an uns vorbei.
Harry meinte nur: "Da musst du psychisch gut drauf sein, dass es dir wurscht ist, dass eine alte Frau schneller ist!". Er hat es im Spaß gesagt, aber in Wirklichkeit geht es darum. Egal was ist, man soll auf sich selbst schauen. Nur so wirst du besser. Viel zu oft trainiert man stur nach Trainingsplan und hört nicht in sich hinein, wie es einem geht.
An diesen Vorfall erinnerte ich mich noch öfter in den Jahren danach. Und heute ebenfalls wieder. Nur der Unterschied ist, ich kann diesmal nicht schneller. Der verwunderte Blick der beiden, wie ich da in Zeitlupe hinauf schnaufe, war lustig. Ihre Gedanken hätte ich gerne erfahren. Zu fragen, was los ist, haben sie sich nicht getraut.
Der Versuchung, wieder in den Wald zu wechseln, widerstehe ich. Ich bleibe auf der Straße. Es ist so einfacher für mich. Im Wald auf Wurzeln zu achten und bei jedem Schritt aufzupassen, wo ich ihn hinsetze, hat kaum mehr einen Trainingseffekt. Dazu ist meine Energie schon zu sehr aufgebraucht.
Lieber hänge ich meinen Gedanken nach. Die drehen sich darum, wann ich mir zutrauen kann, einen richtigen Pilgerweg in Angriff zu nehmen. Wieder ist es ernüchternd. Ich muss erkennen, dass es dafür noch viel zu früh ist. Mir fehlt es noch immer an Kraft und Ausdauer.
In Italien oder Spanien sind keine Parkbänke am Weg zum Rasten. Geplant habe ich es einmal für nächstes Jahr, aber aktuell traue ich mich nicht zu sagen, wann es gehen wird.
Ich bin froh, aus dem Wald zu kommen. Noch wenige Meter auf einem Gehsteig und ich stehe vor der Basilika in Mariatrost. Im wunderschönen Altarraum der Kirche zünde ich eine Kerze an. Meinen Wunsch kann sich wohl jeder selbst denken.
So beende ich meinen ersten Pilgerweg, der für mich einen besonderen Platz einnimmt. Für viele ist es nicht mehr als ein netter Spaziergang, für mich war es pilgern. Für mich war es der Weg in ein neues Leben. Mal sehen, wo es mich noch hinführen wird.
PS.: Die Pilger auf dem Adams Peak (mit 6000 Stufen) in Sri Lanka, sehe ich jetzt mit anderen Augen.
Vier Tage Urlaub mit Silvia im Jufa Knappenberg. Mein erster Urlaub seit meinem Hirnabszess im März 2016. Ich frage mich, Urlaub oder Therapie?
Im Geburtsort von Heinrich Harrer also finden für mich diese ersten erholsamen Tage statt. Mit dem am Jufa angeschlossenen Tibet-Zentrum, wo Tibetische Medizin gelehrt wird und dem Heinrich-Harrer-Museum im nahen Hüttenberg, lässt es sich, mit viel Ruhe, gut Urlauben.

2007 filmte ich hier die Grundsteinlegung des Tibetischen Zentrums, die der Dalai Lama selbst durchgeführt hat. Es konnte sicher nicht alles im damals geplanten Umfang realisiert werden, aber die Gegend ist sicher ein Mittelpunkt der Tibetischen Medizin und Kultur in Österreich geworden. Die Geschichte des Bergbaus passt hervorragend dazu und der Vergleich der Alpenländer mit Tibet zeigt, dass es nicht so anders ist.
Ich wollte einmal ausspannen und weg vom Alltag zu Hause, aber "Therapien" lassen sich nicht ganz vermeiden. Auf 1100 Metern Seehöhe gelegen, ist Ruhe und eine langsamere Gangart in diesem ehemaligen Bergbau-Dorf zu finden. Genau das richtige für mich.
Neben Knappenberg ist Hüttenberg, mit dem Heinrich-Harrer-Museum, ein weiteres Highlight. Und in Hüttenberg fängt auch meine "Therapie" an. Aber alles der Reihe nach.
Zunächst steht ein Besuch im Heinrich-Harrer-Museum an. Seine Bücher kannte ich schon als Kind und damals war ich überzeugt, zu spät auf die Welt gekommen zu sein. Die Zeit des Entdeckens war vorbei, was ich bedauerte. Ähnliches zu erleben suchte ich dann auf Reisen durch die Sahara, in Alaska und mit dem Fahrrad in aller Welt.
Das Museum steht schon lange auf meiner Besuchsliste und endlich war es so weit. Gleich der erste Raum ist Harrer persönlich gewidmet. Die Ausrüstung bei seinen Bergbesteigungen ist beeindruckend. Allein seine Steigeisen sind wahrscheinlich gleich schwer, wie meine Mindestausrüstung beim Eiger Ultra Trail war.
Was ich auch nicht wusste, er war österreichischer Meister im Golfen 1933/34. Damals lebte er in meiner Heimatstadt Graz und studierte auf der Karl Franzens-Universität ein Lehramt.
Beim Durchgang des Museums muss ich mich immer wieder hinsetzen, um Pause zu machen, denn die Räume im ehemaligen Schulgebäude sind auf drei Stockwerke verteilt. Besonders mein Gehirn braucht Pausen, um alles zu verarbeiten und aufnehmen zu können. Die abgeschnittenen Yak-Schwänze bleiben besonders in Erinnerung, da sie in Amerika als Bärte für den Weihnachtsmann Verwendung fanden.
Aber auch die vielen Gebrauchsgegenstände aus natürlichen Materialien sind eindrucksvoll. Bei uns wird ja nur mehr alles aus Plastik produziert und nach Gebrauch weggeworfen. Alles in allem ein sehr interessantes Museum, das außerdem die Verbundenheit von Harrer zum Dalai Lama und dem Tibetischen Volk sehr gut zeigt.
Nach gut zwei Stunden verlassen wir das Museum und da kommt die "Therapie" ins Spiel. Gegenüber vom Museum baut sich der sogenannte "Lingkor von Hüttenberg", ein Pilgerweg, an einer Felswand auf. Pilgerpfade gibt es viele in Tibet, der bekannteste ist der Pfad rund um den Kailash oder der Lingkhor in Lhasa.
Beweggründe sind die Hoffnung auf Glück und Segen, eine bessere Wiedergeburt, die Heilung eines Leidens oder Vergebung von Sünden. Gute Gründe für einen Pilgerweg, die ja auch bei uns immer begehrter werden. Siehe den Mariazeller Weg oder der Jakobsweg. Der Hüttenberger Lingkor ist obendrein der einzige außerhalb Tibets gelegene tibetische Pilgerpfad.
Er führt auf Stiegen aus Stahl durch die Felswand, in schwindlige Höhen. An und für sich kein Problem für mich, aber jetzt nach dem Hirnabszess?

Ich entscheide mich, ihn zu wagen. Durch einen wunderschönen Eingangsbereich geht es los. Dann noch einen Helm ausgeborgt, denn ohne ihn darf man den Lingkor nicht betreten. Gleich bauen sich steile Stiegen vor mir auf. Hoch konzentriert, steige ich Stufe um Stufe höher. Gedanken ans Ausrutschen verwerfe ich sogleich, obwohl sie immer wieder da sind.
Es ist anstrengend für den Körper, so viele Stiegen zu steigen und für den Geist, das Ausgesetzt sein zu vertragen. Ich weiß nicht, was für mich anstrengender ist. Mir kommen die Pilger in den Sinn, die den Kailash mit Niederwerfungen umrunden. Dagegen ist mein Weg eine Lappalie, aber für mich halt auch am Limit.
Mit der Anstrengung nimmt auch der Schwindel zu. Die Hängebrücke lasse ich aus. Sie ist einer tibetanischen Hängebrücke nachempfunden. Das Schwanken der Brücke verträgt sich nicht mit meinem Schwindel. Ich habe Angst, zu stürzen. Fünfjährige Kinder stürmen über die Brücke, dass alles wackelt. Ich bleibe verschämt zurück, an einen Eisenträger gestützt oder besser gesagt, geklammert. Das ist noch eine Nummer zu groß für mich.
Über die Brücke zu gehen, wage ich nicht. Ich bin schon froh, den Rundgang zu schaffen. Bald geht es wieder bergab. Vorsichtig setze ich einen Fuß vor den anderen. Bergab zu gehen ist schwieriger für mich. In die Ferne zu schauen heißt, stehenzubleiben.
Multitasking der einfachen Art, Gehen und Schauen, ist gleichzeitig nicht möglich. Es ist Herausforderung genug, hier zu gehen. Ohne zu Stolpern schaffe ich es bis ans Ende der Stufen. Dort setze ich mich erschöpft ins Gras. Die Anspannung lässt nur langsam nach.
Ich darf stolz auf mich sein, es geschafft zu haben und meine Grenzen wieder zu erweitern. Dieses "An-die-Grenze gehen", habe ich immer wieder zu üben, nur so kann ich sie weiter hinauf setzen.
Ein Beispiel ist das "Iditabike" Rennen in Alaska, an dem ich dreimal teilnahm. Das heißt im Winter, mit einem Fahrrad, die Distanz von Graz nach Salzburg, auf einem Hundeschlitten-Trail zu fahren.Das war 1994 kaum vorstellbar.
Aber ich fuhr trotzdem hin und beendete dieses Rennen, einmal sogar Siegreich. Solche Erlebnisse von früher, helfen mir heute wieder in mein Leben zu finden oder mich an und über Grenzen zu wagen. Es geht vornehmlich um körperliche Grenzen, aber auch um geistige.
Und dafür ist es in Knappenberg ideal. Einmal unter anderen Bedingungen zu üben, tut dem Geiste wohl. Hier gibt es viele Gelegenheiten und ich mache es gerne. Zu Hause ist es oft schon ein Muss. Hier wird es wieder spielerischer.
Gerne gehe ich einen Teil des "Weg des Dialoges". Einen Rundweg in und um Knappenberg. Hier finde ich alles, was mir guttut. Für mich ist es ein Therapieweg.
Die Stufen durch die Bergbausiedlung stärken meine Waden, der Wiesen- und Waldweg ist uneben, mit Wurzeln. Beim Bergbau-Museum ist ein Spielplatz für (ältere) Kinder, den ich nutze. Einfach ideal für mich.
Es ist wie früher im Trainingslager, nur mit anderen Anforderungen. Das Ziel ist das Gleiche - ich will besser werden. Meine Bewegung muss bewusst getätigt werden, daher verschwimmen Urlaub und Therapie sowieso miteinander.
Trainingslager waren schon früher eigentlich Urlaub für mich, also ist es heute kein großes Problem, auch im Urlaub zu trainieren. Es gilt nicht nur für mich:
"Was du aus einer Situation machst, liegt nur in deiner Einstellung!"
...und in meiner Einstellung habe ich nie aufgegeben. Ich schaue immer nach vorne und gebe zu jeder Zeit mein Bestes. Dazu war ich immer lebensbejahend.
Auch in schwierigen Phasen, als ich mich nur mit dem Rollstuhl fortbewegen konnte oder gehen lernen musste. Ich behielt meinen Optimismus bei. Natürlich gibt es auch bei mir schwierige Phasen oder Momente wo es nicht läuft, die dauern aber nie lange.
Wo kann ich jetzt diese vier Tage einordnen, unter Urlaub oder Therapie? Das würde ich mit teils, teils beantworten.
Positiv war auf jeden Fall die veränderte Umgebung, allerdings konnte ich nicht abschalten, was den Rest betrifft. Die Defizite sind noch zu groß, die Konzentration zu stark für die täglichen Anforderungen. Auf der einen Seite kann ich froh sein, derart im JETZT zu leben, auf der anderen möchte ich, dass vieles wieder automatisch funktioniert und ich nicht so viel nachdenken muss.
Die Spaziergänge waren nicht nur schön, sondern auch nützlich, da sie gleichzeitig Übungen beinhalteten. Die Museen waren interessant, auch wenn sie etwas anstrengend waren. Der Lingkor-Rundweg war eine Herausforderung, aber ich bin stolz, ihn bewältigt zu haben. Ich denke, ich habe das Beste aus Urlaub und Therapie gemacht.
Ich bin optimistisch, dass es in Zukunft noch besser wird.

Laufen gehen wir Menschen schon seit der Steinzeit. Trailrunning ist so etwas wie eine moderne Form der Jagd. Früher verfolgte man ein bei der Jagd verwundetes Tier oder war Kilometer weit auf der Suche nach Nahrung. Deshalb fühlt sich der Mensch auch um vieles wohler, wenn er in der Natur unterwegs ist. Das ist er seit Jahrtausenden gewohnt.
Trailrunning beinhaltet für mich so vieles, worin ich derzeit eingeschränkt bin. Einerseits die Bewegung, die ich nicht ausüben kann. Andererseits der Geist, der ja besonders über die langen Distanzen gefordert wird. Koordination und Reaktion gehören dazu, das Wetter richtig beurteilen zu können, schmale Trails, an Abgründen vorbei, bergauf laufen, steil bergab - Dinge, von denen ich derzeit nur träumen kann.
Kurz gesagt, wenn ich Trailrunning wieder richtig ausübe, funktioniert mein Körper und Geist wieder. Deshalb ist Laufen können mein Antrieb und steht stellvertretend für so vieles, was ich noch oder wieder erreichen möchte. Trailrunning und die Vorstellungskraft ist somit etwas sehr wichtiges für mich.
Andererseits aber frage ich mich, möchte ich wieder funktionieren wie früher? Denn immerhin hat mich dieses "Funktionieren" dorthin gebracht, wo ich jetzt stehe. Mit einem Hirnabszess und einer Menge Beeinträchtigungen. Und diesen "alten" Teil des Lebens möchte ich neu gestalten. Vieles kann ich erst im Laufe der Zeit für mich klären. Noch fehlt es an Konzentration und mehrere Dinge gleichzeitig zu erfassen und machen zu können. Ich arbeite täglich daran und es wird ja langsam besser.
Ich lernte in der Zeit des "nicht funktionieren" so viel für mein Leben dazu. Eine Seite ist die Integration von sogenannten "Behinderten" in unsere sogenannte "normale" Gesellschaft. Eigentlich gehört es umgedreht. Wir sollten beginnen, die "normale" Gesellschaft, in die Gesellschaft der Menschen mit Handicap zu integrieren. Es wäre eine enorme Bereicherung für beide. Allerdings gibt es noch große Berührungsängste. Arnold Schwarzenegger ist zum Beispiel ein besonderes Vorbild dafür, diese abzubauen.
Leider war es mir aufgrund meiner körperlichen Verfassung nicht möglich, bei den Special Olympics in der Steiermark dabei zu sein. Es ist etwas, wo die allgemeine Bevölkerung lieber nicht hinschauen möchte. Auch ich erlebte ein Gespräch in einem Cafe mit, wo jemand auf die Special Olympics schimpfte. Was das Geld kostet und so. Dabei können wir alle davon nur profitieren. Arnold Schwarzenegger brachte es auf den Punkt, als er einem Kritiker in einem Facebook Posting antwortete. Und so können wir uns alle einmal bei der Nase nehmen und selbst anschauen, wie wir mit dieser Sache umgehen.
Ich hätte ja auch nie gedacht, dass mir so etwas passiert. Es wurde mein intensivstes Erlebnis bisher im Leben. Alles bisher Erlebte möchte ich nicht missen. Situationen die Grenzwertig waren, ans Limit gingen, in denen ich meine Komfortzone verlassen musste. Aber es war nur ein Aufwärmprogramm, für das was jetzt ist. Aber so fühlen sicher viele, die einen Schicksalsschlag erlitten haben. Es ist die Chance für einen neuen Anfang.
Was kann ich mir vorstellen? Die Antwort sollte sein: ALLES!
Das wäre das Ziel. Vor dem Hirnabszess war das nicht mehr so. Ich war bildlich gesprochen, auf einer falschen Spur abgebogen. Selbst der Sport und das Trailrunning konnten mir nicht helfen.
Wie hoch die Fähigkeit sich etwas Vorzustellen ist, dort finden sich auch die Grenzen in unserem Leben. Eine Vorstellung im Gehirn, löst die entsprechende Reaktion im Körper aus. Der Geist baut sich also den Körper.
In der Reha bekam ich überraschend die Möglichkeit, Biofeedback auszuprobieren. Meine Atmung und meine Temperatur, über den Hautleitwiderstand, wurden angezeigt. Ziel war es, nur durch Vorstellung, meine Körpertemperatur ansteigen zu lassen. Es wurde sichtbar gemacht über eine aufgehende Sonne über dem Meer. Umso höher die Temperatur, umso höher stieg sie auf. Es passierte nur über die Vorstellungskraft. Stellte ich mir nichts vor, sank die Sonne, bzw. die Temperatur fiel.
Ich stellte mir das Schwitzen am Rad, bei minus fünfundzwanzig Grad, in Alaska vor. Es war für mich besonders real vorstellbar und sogleich stieg die Sonne in die Höhe. Da ich derzeit jedoch noch nicht lange konzentrationsfähig bin, fiel die Temperatur bald wieder. Konzentrierte ich mich wieder auf das Schwitzen, stieg sie wieder. Das ging mehrmals so, auf und ab. Ein Beweis für die Kraft der Gedanken, für die Vorstellungskraft.
Diese unsere Gedanken können uns gesund machen oder geben uns Krankheiten. Dadurch bekommen wir die Möglichkeit, etwas zu ändern. Trailrunning im Hochgebirge ist für mich das beste Thema. Dieser Test kam gerade rechtzeitig, da es zum Thema dieses Blogs passt und das folgende noch mehr verständlich macht, nämlich "Die Kraft der Gedanken".

Als bestes Beispiel fallen mir meine Teilnahmen beim Iditabike in Alaska ein. Der große Unterschied meines "Denkens", im Jahr 1995 und 1997.
Im Winter 1995 wollte ich ursprünglich nach Südamerika, bekam aber keinen unbezahlten Urlaub von meinem Arbeitgeber, der Post. Am gleichen Tag der Absage, dem Heiligen Abend, entschied ich mich zum zweiten Mal am Iditabike teilzunehmen. Ich hatte noch genau 45 Tage, um mich darauf vorzubereiten. Eine mehrmonatige Pause nach der Rennsaison lag hinter mir. Es war zwar noch von der letzten Rennsaison eine gute Basis vorhanden, aber für ein 300 km Rennen, im Winter durch Alaska, war die Zeit für die spezifische Vorbereitung doch recht kurz.


Ich trainierte viel, aber dosiert. Ich wusste, Kraft spielt eine entscheidende Rolle. Eine genau so große Rolle spielte es, das Rad Kilometerweit durch den Schnee zu schieben. Darauf legte ich mein körperliches Hauptaugenmerk. Bei meinem ersten Antreten im Vorjahr, hatte ich kaum Ahnung darüber, was mich dort erwartete. Diesmal wollte ich es optimieren. Von Mentaltraining hatte ich zur damaligen Zeit noch kaum Ahnung. Instinktiv trainierte ich aber auch meinen Kopf.
Ich arbeitete damals noch bei der Post als Landbriefträger. Ein extrem harter Winter, mit viel Schnee, brachte mir Bedingungen, wie ich sie mir nicht besser wünschen konnte. Meine Arbeit war das beste Training. Meine Zustellrunde war rund 15 km lang und mit dem Moped zu absolvieren. Schwer bepackt mit Post, musste ich immer wieder, durch den tiefen Schnee, das Moped schieben. So konnte ich Muskeln trainieren, die ich dringend brauchte.
Manchmal war ich so in das Visualisieren des Rennens versunken, dass ich plötzlich aufschreckte und nicht mehr wusste, wie ich die letzten zehn bis zwanzig Häuser die Post zustellte. Dann musste ich zurück und nachschauen, ob alles passte. Es war zum Glück kein Brief falsch zugestellt. Das passierte mir mehrmals am Tag. Ich merkte damals das ich mit dem Visualisieren keine Probleme hatte.
So ergab ich mich in Tag träumen, wo ich das Rennen bereits erlebte. Aber ich machte einen großen Fehler. Wie schon erwähnt, hatte ich bis dahin kaum Erfahrung mit Mentaltraining. Das sollte sich rächen.
Damals dachte ich noch an die Probleme, wie ich sie im letzten Jahr erlebte. Ich dachte zu wenig an die schönen Seiten des Rennens. Ich stellte mir jedes Problem vor, das mir zustoßen konnte. Gleichzeitig hatte ich das Rezept parat, wie ich darauf reagieren werde. Zum Beispiel große Kälte und Stürze im Schnee. Ich stellte mir einen Sturz vor und wie ich darauf reagierte. Im ersten Jahr ärgerte ich mich über jeden Sturz. Mein Gegenprogramm war daher, Rad aufheben, aufsteigen und weiterfahren. Keine Energie ins Ärgern setzen. Bei ca. 50 Stürzen im Rennen eine große Energieeinsparung.
Und so nahm ich mir jedes Problem vor und wie ich darauf reagieren werde. Eigentlich gut, aber ich habe eines nicht bedacht. Warum stellte ich mir nicht gleich das Gute vor und ließ die Probleme weg. Gedacht, getan - Ich bekam alle gedachten Probleme im Rennen. Hatte zwar für alles eine Lösung parat, aber bekam zuerst eben auch alles Negative. Das Rennen beendete ich Schlussendlich an zweiter Stelle, nach über 30 Stunden Fahrzeit.
Ein Resultat, das meinem Denken entsprach. Das der spätere Gewinner auch Probleme hatte und ich die Möglichkeit zum Sieg bekam, damit rechnete ich nicht. Ich hatte mich quasi auf den zweiten Platz vorprogrammiert.
Ganz anders dann zwei Jahre später. Ich war zusammen mit Harald Maier unterwegs und durch ihn zum Bewusstseinstraining gekommen. Er galt zwar als Rookie in diesem Rennen, war mir aber meilenweit im mentalen Bereich voraus. Er gab die Anweisung, nur an Sieg zu denken. Wenn ich Probleme damit habe, sollte ich sofort zu ihm kommen.
Ich wurde mir einige Male unsicher, es konnte in diesem Rennen ja so viel passieren. Er meinte nur, das ist gut, da kann unseren Gegnern viel passieren. Wir programmierten mich aber sofort wieder auf Sieg. Gedanken über Kälte, Stürze oder das Rad schieben, ließ er nicht zu. Ein Kommentar von ihm: "Ich bin Radfahrer, kein Radschieber!". Damit hatte er recht 🙂
So vorbereitet, stand ich mit Harry am Start. Hatte es im Jahr zuvor -25 bis -35 Grad Celsius den ganzen Tag über, dazu viel Neuschnee und Wind, war es jetzt vollkommen anders. Minus zehn Grad am Start und Null Grad über den Tag, zwei Kilometer Rad schieben gegen 45 im Vorjahr und zwei Stürze gegen 50 im Vorjahr.
Exequo gewannen wir zusammen das Rennen, drei Stunden vor dem Drittplatzierten und in neuer Rekordzeit von unter neun Stunden. Ja, es war diesmal ganz anders. Eben auch das Denken über das Rennen. Die Vorstellungskraft hat beide Jahre geklappt, nur dieses mal mit einem mir lieberen Erlebnis und Ergebnis.
Ich habe viel gelernt in Alaska, aber noch nicht genug. Seit 1995 lerne ich täglich dazu. Gerade die Extremradrennen haben mir sehr viel gebracht. Im Sport bekommt man sehr schnell Rückmeldung, wenn etwas nicht passt, im "normalen" Leben dauert es viel länger, bis es einem auffällt. Einmal im Sport falsch essen und am nächsten Tag läuft es nicht gut.
Wir essen im täglichen Leben oft jahrelang falsch und haben kaum kurzfristige Konsequenzen zu erleiden. Aber manchmal geht es so weit, dass man einen "Schicksalsschlag" braucht, der einen zum Umdenken zwingt.
Daher bin ich auch auf den Hirnabszess nicht böse oder hadere mit meinem Schicksal. Ich habe Erkennen dürfen und kann es jetzt ändern. Wobei es nicht so schnell geht. Ich kann erst seit rund zwei Monaten wieder zusammenhängender denken. Es wird dauern.
Deswegen muss ich aufpassen, mich nicht zu überfordern oder zu viel zu wollen. Das Gehirn gibt mir den Rhythmus vor, es lässt sich nicht betrügen. Zwanghaftes Beschleunigen geht nicht, da streikt der Körper sofort. Das Gehirn gehört trainiert wie die Muskel beim Trailrunning.
So bin ich auch in der Zukunft mit mir beschäftigt, alles wieder ins Lot zu bringen. Eine interessante und tolle Aufgabe. Und über diese Zusammenhänge im Leben kann jeder nachdenken. Wo passt etwas nicht, was habe ich mir anders vorgestellt oder warum etwas nicht bekommen?
Oder auch, was habe ich mir vorgestellt und dann wirklich bekommen? Gut wäre es, dass alles nieder zu schreiben. Immer mit dem Hintergrund: Wie habe ich vorher darüber gedacht?
Zumindest stelle ich mir immer wieder vor, wie ich von einem Stein zum anderen Stein springe. Trailrunning ist mein großes Ziel, obgleich es noch sehr weit weg ist.