Das Thema Wald, Baum und Gesundheit beschäftigt mich schon länger. Noch vorm Hirnabszess war es mein Freund Bernd, der mir ein Buch von Erwin Thoma in die Hand drückte, "Die geheime Sprache der Bäume".
Es hat mich sehr angesprochen, aber auch nachdenklich gemacht.
Seit dem Hirnabszess hat der Wald für mich eine besondere Bedeutung bekommen. Er ist Ruhebringer, Therapeut und Kraftkammer in einem.
Einmal ist es mir besonders aufgefallen. Anders als üblich, spazierte ich diesmal von Graz nach Hause. Sonst gehe ich meist in den Wäldern rund um Stattegg spazieren. Diesmal war es umgekehrt.
Ich fuhr mit Silvia zum Einkaufen, ließ mich dann absetzen und setzte mich in ein Café um zu Schreiben. Dann kam mir die Idee, zu Fuß nach Hause zu gehen. Das habe ich noch nie gemacht, weil mich die lärmende Stadt immer sehr viel Energie kostet. Danach noch in den Wald zu gehen, vermied ich bis dato.
In der Stadt bekomme ich immer ein beengtes Gefühl. Mein Sichtfeld engt sich ein, ich bekomme den Tunnelblick. Das heißt, rechts und links nehme ich fast nichts wahr und nur ein kleiner Ausschnitt in der Mitte ist scharf. Dazu neigen sich meine Finger zu verkrampfen. Außerdem werde ich beim Gehen unsicher. Das alles führt dazu, dass ich mich in der Stadt nicht wohl fühle.
Ich wollte schon aufgeben, da ich dachte, heute nicht gut drauf zu sein. Diese ersten Meter auf der Straße stressten mich mehr als gedacht und noch standen mir ja drei Kilometer durch den Wald bevor.
Mit Pausen schaffte ich es bis zum Anfang des Waldes. Noch wäre ein Abbruch möglich gewesen.
Aber da war mein Wille stärker. Mit der Sicherheit, jederzeit, wenn ich nicht mehr weiter konnte, den Wald verlassen zu können und den Bus nach Hause zu nehmen, ging ich in den Wald hinein.
Kaum war ich weg von all den lärmenden Autos, dem harten Asphalt und dem Grau der Straße, wurde ich lockerer und ruhiger. So intensiv war mir das bisher noch nie aufgefallen. Je weiter ich ging umso ruhiger wurde ich.
Bei etwa der Hälfte des Waldstücks fühlte ich mich weit besser als noch kurz vorher, als ich in der Stadt unterwegs war, und das trotz der Strecke die ich schon zurückgelegt habe.
Bisher baute ich mit jedem gegangenen Meter körperlich ab. Diesmal war es aber anders. Ich erholte mich vom Stress der Stadt mit jedem Meter mehr. Der Tunnelblick weitete sich, was für mich am schönsten zu beobachten war. Es war das erste Mal, dass es mir so stark aufgefallen ist. Das zeigt mir, was die Kraft der Natur für eine Rolle in der Therapie spielen kann.
Das Stresshormon Cortisol verringert sich im Wald und diese Reduktion hält über Tage hinweg an. Dafür muss man sich nicht einmal bewegen: Waldluft wirkt, auch wenn man sitzt. Abgespanntheit, Stress und Erschöpfung werden weniger. Positive Gefühle kommen auf und man wird ruhiger.
Der Kontakt mit künstlichen Materialien verursacht einen gewissen Stress-Effekt. Auch die Stadt ist großteils künstlich. Mit Entsetzen musste ich nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus feststellen, wie viele Grünflächen in Graz verschwunden sind und wie viele alte Häuser durch moderne Hochbauten ersetzt wurden. Dieses "Alles zubauen" wird uns noch auf den Kopf fallen. Wir schaden damit unserer Gesundheit, denn wir sind nun einmal Naturgeschöpfe.
In der Stadt sind wir einer unaufhörlichen Reizüberflutung ausgesetzt. Das ermüdet. In der Natur hingegen ist die Aufmerksamkeit auf nur wenige Reize gelenkt. Die mentale Erschöpfung können wir in der Natur kurieren, in der Stadt nicht. In jungen Jahren fällt uns das nicht so auf, da können wir diese Reize noch locker abwehren. Aber wenn wir älter werden, da schlägt es dann umso härter zu. Burn Out und andere psychische Erkrankungen nehmen dann zu. Alles eine Folge unseres schnellen Leben.
„Wir wurden so geschaffen, dass wir in eine natürliche Umgebung passen, wenn wir uns inmitten der Natur aufhalten, werden unsere Körper wieder zu dem, was sie einmal waren.“
Zitat: Yoshifumi Miyazaki, Direktor des Zentrums für Umwelt, Gesundheit und Agrarwissenschaft von der Universität Chiba.
Auch ich spüre, dass mir der Wald helfen kann. Gerade mit den Folgen des Thalamus-Abszesses, wie etwa Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, aber auch der kognitiven Fähigkeiten. Im Wald ist alles mehr Lust statt Trainingseifer! Der Waldspaziergang ist ein Breitbandheilmittel, wie kaum etwas anderes.
"In einer Befragung von 355 Reha-Patienten in zehn Kurorten gaben mehr als drei Viertel der Befragten an, dass neben den ärztlichen Bemühungen das Spazieren im Grünen am meisten zu ihrer Gesundung beitrage."
In Fernost ist man gerade eifrig dabei, Wälder in Therapiezentren umzuwandeln. Eine tolle Idee. Ich weiß noch, wie ich im Aufenthaltsraum der Neurologie saß. Ich blickte durch die Fensterfront auf den Leechwald. Wie sehr habe ich mir damals gewünscht in den Wald gehen zu können. 5 Monate sah ich ihn nur durch die Glasscheibe hindurch. Doch auch das war irgendwie heilsam.
Darum kann ich nur ermuntern: Geht so oft es Euch die Zeit erlaubt in den Wald!
Welche Bedeutung hat der Sport für mich und meine Gesundheit nach der Krankheit bekommen. Ist er eine Motivation für mich?
Kann ich das, was ich mache, überhaupt Sport nennen oder ist es nur Therapie? Egal, wichtig ist, dass ich mich bewege. Motiviert bin ich, wenn ich ein Ziel sehe! Ohne Ziel, keine Motivation.
Ich bin umgeben von Hindernissen. Am Anfang ragten die Stufen überall in die Höhe und der erste Stock glich einer 8000er Besteigung. Jede kleinste Kante wurde zu einem für mich fast unüberwindbaren Hindernis. Heute, ein Jahr später, sehe ich meinen Anfang nur mehr verschwommen. Die Stufen und Kanten sind kleiner geworden, aber sie sind noch immer da. Diese Hindernisse schienen am Anfang unüberwindbar zu sein.
Deswegen setzte ich mir mit dem Eiger Ultra Trail ein großes Ziel. Es war 2014 meine erste Ultra Trail Teilnahme. Er ist noch weit weg, so weit, dass ich ihn fast nicht sehen kann. Aber er ist immer in meinem Hinterkopf. Auch in Momenten wie gerade zur Zeit. Ich habe das Gefühl, es geht nichts weiter.
Dann helfen mir die inneren Bilder und motivieren mich wieder. Objektiv darf ich nicht an meinem Zustand denken, ich würde daran verzweifeln und aufgeben. Mit einem Ziel vor Augen ist alles sinnvoller und gibt mir Mut.
Stiegen sind auch heute noch ein eigenes Kapitel. Kaum gehts wo rauf, bremst es mich ein. Stufe um Stufe muss ich erklimmen, mich auf jede einzelne konzentrieren. Schnaufend geht es hoch. Das kann frustrierend sein, denn eigentlich will ich schon weiter sein. So schwanke ich zwischen Frustration und Hoffnung, aber auch Dankbarkeit, dass ich überhaupt Gehen kann. Ein Wechselbad der Gefühle.
Ich denke immer wieder an die über 6000 Stufen auf den heiligen Adams Peak in Sri Lanka. Selbst Geh-Behinderte wagen den Aufstieg und brauchen 2 - 3 Tage. Auch hier ist Motivation ein wichtiger Punkt. In diesem Fall hat es religiöse Gründe. Nach buddhistisch-singhalesischem Glauben sollte jeder gute Buddhist diesen Berg zumindest einmal im Leben besteigen.
Bei einem Hirnabszess reagiert jeder anders, kein Fall ist gleich. Es ist entscheidend, wo das Abszess sitzt. Bei mir war es ein Thalamusabszess. Der Thalamus ist eine wichtige Schaltzentrale für Sensorik und Motorik. Er entscheidet, welche der eingehenden Informationen im Augenblick für den Organismus so wichtig sind, dass sie ins Bewusstsein gelangen sollen.
Ist der Thalamus betroffen, können Psychische Störungen mit Minderung der Aufmerksamkeit, Reizbarkeit, Ungeduld und Schreckhaftigkeit auftreten, sowie einer herabgesetzten Sensibilität der Haut und einer Störung der Tiefensensibilität. Das hat sich bei mir durch Verletzungen bemerkbar gemacht, die ich nicht bemerkte.
Der Thalamus ist verantwortlich für die Steuerung und Regelung der allgemeinen Empfindsamkeit (Sensibilität). Daher meine Probleme beim Greifen, Gehen und wieder Laufen können. Trailrunning muss noch eine Weile warten.
Ich darf nicht mehr vergleichen. Ein Vergleich zu früher hinkt eben. Das, was ich jetzt zu Leisten imstande bin, hat mich früher nicht einmal aus dem Bett hervor geholt. Sprich, was heute mein Limit ist, machte ich nicht einmal zum Aufwärmen. Aber jetzt zählt eben etwas anderes.
Der körperliche Zustand ist derzeit einer ständigen Veränderung unterworfen und das nicht immer aufwärts, wie bei einem Beinbruch. Das Training, bzw. die Fortschritte, gehen eben nicht in dem Tempo, wie ich es früher vom Rad- oder Lauftraining gewohnt war. Das ist nicht immer leicht zu verstehen.
Mein ganzes Leben wurde bisher vom Sport begleitet. Daher mache ich auch jetzt Sport, auch wenn es in nur geringem Maße möglich ist. Der Sport motiviert mich. Ich zähle auch Ausflüge in die Stadt dazu, wie ich es vor kurzem auf Instagram gepostet habe. Denn die Anstrengung ist immer die gleiche, egal was ich mache. Alles ist Training.
Am Anfang stellte schon eine Gehstrecke von 15 min. eine gewaltige Herausforderung dar. So lange dauerte es, bis ich vom ersten Stock unten war, die ersten Schritte auf der Straße machte und alles wieder zurück. 15 Minuten, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen.
Es sollte Wochen dauern, bis ich mich an die Steigung hinauf zur Landesstrasse wagen konnte. Normal ein Weg von ein paar Minuten, damals für mich 30 Minuten. Es dauerte dann wieder Wochen, bis ich auch diese Steigung schaffte. Nach mehreren Monaten war ich dann zum ersten Mal im Wald.
Wenn man der WHO glauben kann, soll man täglich 10.000 Schritte tun. Da bin ich allerdings noch weit entfernt davon. Es ist ein Richtwert, um gesund zu bleiben. Natürlich hängt es von der Intensität ab. Aber 10.000 Schritte sind ein guter Anhaltspunkt. Ich selbst habe gemerkt, wie mir die Bewegung gut tut. Wer täglich eine Stunde zu Fuß unterwegs ist, steigert die eigene Fitness spürbar. Empfohlen werden 30 bis 60 Minuten täglich. Dem kann ich mich nur anschließen.
In der Vorbereitungszeit auf die Denali Besteigung 1996, machte ich alle Besorgungen in Graz zu Fuß. Oft führte mich mein Weg quer durch die Stadt. Zusätzlich zur Bewegung in meinem Job als Landbriefträger, kam ich auf 20 bis 30 Kilometer zu Fuß am Tag, zusätzlich zum Radtraining. Gehen hat eine Vielzahl an Auswirkungen auf die Gesundheit. Deswegen ist es mir auch so wichtig.
Alles Punkte, die für mich wichtig sind. Gehen hat für mich einen besonderen Stellenwert bekommen. Es bedeutet für mich auch Freiheit oder besser gesagt, wieder Selbständig zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, wohin gebracht zu werden.
Aber es gehört auch noch anderes dazu. Ich möchte nicht sagen, dass ich es nicht beachtet habe, aber in letzter Zeit habe ich es sicher mehr in den Hintergrund verschoben. Nämlich die Hände. Ich bin meist so beschäftigt mit dem Gehen lernen, dass ich spezielle Ergotherapie-Übungen für die Hände und Finger ausgelassen habe.
Einerseits weil ich mit den Anforderungen des Gehen voll ausgelastet bin, andererseits der Schleier der Krankheit noch immer über mir liegt und sich immer wieder etwas verändert.
Der Frust oder der Ärger, etwas nicht zu können, ist allgegenwärtig. Es sind die alltägliche Dinge, die Ungeduld auslösen, wie zum Beispiel Schuhe binden. An manchen Tagen geht es gut, an manchen nicht. Vielleicht verwende ich deshalb so gerne meine Trailrunning Schuhe, weil die Quicklace Schnürung mir das Leben leichter macht. Es geht ja auch darum, etwas zu finden, was mir den Alltag erleichtert. Dem ist aber nicht immer so.
Milch- oder Saftpackerln sind eine weiteres Herausforderung. Es reicht nicht, nur den fummeligen Schraubverschluss zu öffnen. Nein, es gibt auch noch einen zusätzlichen Plastikring, so dass man mit Sicherheit den Inhalt verschüttet. Daher gibt es bei mir die Milch vom Bauern, in einer Flasche, mit der ich klar komme. Saft besorge ich am Bauernmarkt, der zugleich hervorragendes Brot hat. Da ersparen sich Silvia und ich den Weg in den stressigen Supermarkt.
Aber auch das Kochen kann frustrierend sein. Ungelenkiges Handhaben von Schüsseln, produziert ständig einen Sauhaufen beim entleeren oder umschütten. Ich koche gerne, aber wenn nichts gelingt, benötigt man ein hohes Frustpotenzial, um damit klar zukommen.
In der Reha meldete ich mich für die Kochgruppe. Einerseits ist Kochen super Ergo-Training, andererseits darf ich nur unterstützend helfen. Backofen vergessen, Herdplatte eingeschalten lassen, anbrennen lassen, Verbrennungen an den Händen - Dinge die noch nicht in den Kopf möchten. Da hat sich seit den Rehas leider nicht viel getan. Aber ich arbeite daran.
Um zurück zum Sport zu kommen, ich sehe all diese Dinge als sportliche Herausforderungen. Sicher, die eine oder andere Frustration gibt es immer wieder. Doch im Allgemeinen kann ich sagen, dass ich immer bestrebt bin, dass Beste aus jeder Situation zu machen und oft lache ich über mich selbst und meine Ungeschicklichkeit, die ich bei meinen Kindern immer kritisiere, wenn wieder alles voll gekleckert ist.
Die Trailrunning und andere Zeitschriften helfen mir auch, mich wichtiger Dinge zu erinnern. Gerade die Beiträge über Stabilitätsübungen, die fürs Trailrunning propagiert werden, sind wichtige Impulsgeber dran zu bleiben.
So hat der Sport also noch immer eine wichtige Funktion für mich, wenn auch einige Etagen tiefer. Aus Stunden wurden eben Minuten.
Aber das wichtigste ist:
...und als ehemaliger Briefträger würde ich sagen:
"Wer die Zukunft nicht mehr absichern kann, wird gleichsam gezwungen, im Augenblick zu leben."
Entschleunigung ja, aber ich hab ja keine Zeit dafür. Das war meine Einstellung vor der Krankheit. Gerade in den letzten Monaten ist der Ruf nach Entschleunigung bei mir immer lauter geworden und das Thema war auch in den Medien immer stärker präsent.
"Mit Entschleunigung wird ein Verhalten beschrieben, aktiv der Beruflichen und Privaten „Beschleunigung” des Lebens entgegenzusteuern, d. h. wieder langsamer zu werden oder sogar zur Langsamkeit zurückzukehren."
Ich dachte natürlich darüber nach, fand aber keinen Weg für mich, ihn auch umzusetzen. Ich war getrieben vom System und meinem Anspruch, alles perfekt zu erledigen zu wollen.
Der Druck in der Arbeitswelt nahm die letzten 10 Jahre rapide zu. Das geschah unter anderem auch dadurch, dass immer weniger Leute mehr leisten müssen. Als Videojournalist und in der Videoproduktion tätig, kam auch ich immer öfter an meine Grenzen.
Ich hetzte durch den Arbeitstag und nahm mir nicht mehr die Zeit, Feierabend zu machen. Es gab schlichtweg keinen Feierabend mehr. Ich stellte mir auch nicht die Frage - Wofür? Ich hatte einfach keine Zeit dafür. Dachte ich!
Die Rationalisierungswellen in der Arbeitswelt erlebte ich schon vor über 20 Jahren bei der Post mit. Als Landbriefträger war der Plausch mit älteren Menschen, für die der Briefträger oft die einzige Ansprechperson war, gang und gebe. Der (Zeit-)Druck wurde aber immer größer und man hatte kaum noch Raum für Gespräche.
Es war mit ein Grund, warum ich die Post nach 14 Jahren verließ. Ich ging in den Sport und bekam damals viel zurück. Den Schritt vom Beamten in eine ungewisse Zukunft als Sportler, habe ich nie bereut.
Heute sind wir soweit, dass in der Arbeitswelt die Zeiten für Innehalten, Besinnung und Regeneration kaum existieren oder abgeschafft wurden. Yoga und Angebote für Auszeiten stehen daher besonders hoch im Kurs, um den Druck in der Arbeit und des täglichen Lebens auszuhalten.
Ganz entspannt im Hier und Jetzt zu leben, ist vielen nicht mehr möglich. Gerade das Hier und Jetzt wurde bei mir ein Thema. Es war mir bewusst, aber......! Ja, dieses ABER. Dieses Wort zeigt uns die Verhinderer auf, denen wir die Macht überlassen. Es sind einzig allein Ausreden, warum etwas nicht geht.
Total verspannt, bewegte ich mich nur mehr im WENN und ABER. Wer aber nicht inne hält, wird haltlos. Nicht nur in der Arbeit, auch in der Partnerschaft. Der Sinn fehlt und macht alles nur schwer erträglich. Da sind schon kleine Heraus- und Anforderungen schnell zu viel. Was gilt es aber zu Erkennen: Es sind nicht die hohen Anforderungen, das Arbeitstempo oder die Zeitdauer schuld, sondern es ist der Mangel an Sinn.
Ich erkannte zwar das Problem, aber das was ich tat, war für den Körper maximal Schadensbegrenzung. Und nicht einmal das, denn das Hirnabszess zeigte mir sehr machtvoll auf, dass Zuviel, eben Zuviel ist. Eindrucksvoll zeigte es mir auf, wo meine Grenze lag.
Die Krankheit zwang mich in den Augenblick. Es gab nichts anderes mehr, als das HIER und JETZT.
Naja, die fehlende Entschleunigung war nicht das einzige Problem, sie hatte aber einen wesentlichen Anteil daran. Es müssen schon mehrere Dinge zusammenfallen, damit ein Abszess entstehen kann und besonders im Gebirn. Die Entschleunigung war nur ein Teil davon.
Die letzten Jahre produzierte ich, neben Puls4, auch für einen kleinen Privatsender in der Steiermark die Sendung. Zuletzt aber nicht nur die Beiträge, nein, ich ließ mich dazu überreden, aufgrund Personalmangels, die Sendungszusammenstellung zu machen.
Das war fatal. Es artete für mich in Stress aus. Ich kam selten vor 2 Uhr Nachts ins Bett und war um 6 Uhr wieder auf. Den Moment als es kippte, habe ich übersehen. In meinem Pflichtbewusstsein tat ich weiter, weiter und immer weiter.
Für Entschleunigung hatte ich keine Zeit, oder besser gesagt, ich nahm sie mir nicht. Mein Pflichtbewusstsein war größer. Damit nahm das Unheil seinen Anfang und ich tat nichts dagegen.
Zunächst einfach einmal alles langsamer angehen. Sich Zeit lassen und keine Hektik aufkommen lassen. Ich selbst lebe seit dem Hirnabszess noch immer im Hier und Jetzt. Meine Bewegungen, meine Reflexe und mein Denken ist von Langsamkeit geprägt. Eine Auswirkung der Krankheit, dem Hirnabszess. Das Gehirn läßt auf einmal nichts anderes mehr zu. Ich befasse mich nur mit der Sache, die ich im Augenblick mache. Alles andere hat für mich Konsequenzen. Multitasking funktioniert nicht mehr.
Ich musste erst lernen, die Langsamkeit aushalten. Zum Beispiel, einmal bewusst Gehen, statt zu Laufen. Mein Ziel ist zwar wieder zu Laufen, aber ich habe die Vorteile des Gehens wieder gefunden.
Ich mahle zu Hause schon seit mehreren Jahren mit einer von Hand betriebenen, alten Kaffeemühle. Im ersten Augenblick klingt das nach mehr Mühe, aber dem ist nicht so. Es ist ein Ritual daraus geworden und zwingt oder ermahnt mich, zur Langsamkeit. Kaffee trinken bekommt eine neue Qualität, eine Qualität der Auszeit.

Auch der Sport sollte öfter, mehr bewusst gemacht werden. Pulsgurt, Schrittzähler und Smart-Phone, mit den diversen Apps, lassen uns hektisch alles aufzeichnen. Wir sind mehr darum bemüht alle Daten zu bekommen, als dass wir die Natur und uns selbst wahrnehmen.
Nicht nur der Körper, auch das menschliche Gehirn kann mit diesem Tempo auf Dauer nicht Schritt halten. Schon kurze Aufenthalte im Grünen lindern Stress und Depressionen, stärken das Selbstwertgefühl und hellen die Stimmung nachhaltig auf. Eine kostenlose Behandlung ohne Medikamente und langwierige Sitzungen.
Dazu ist die Natur wertfrei. In der Stadt urteilen wir nur allzu schnell in schön, hässlich, nützlich, unnütz, gut und schlecht. In der Natur gibt es das in der Regel nicht. Denn sie ist, was sie ist. Und man ist selbst Teil davon.
Diese Punkte helfen mir, das Leben besser zu leben. Und es ist besser, nur einen einzigen Punkt umzusetzen, als gar keinen. Die Abwärtsspirale gehört unterbrochen.
Für mich sind es mittlerweile wesentliche Bestandteile meines Lebens, auf die ich draufkommen soll.
Hier noch der Verweis auf einen Artikel, der die Beschleunigung und Langsamkeit der Zeit zum Thema hat. Eine sehr interessante Betrachtungsweise von Karlheinz Geißler, Soziologe "Zwischenmenschlichkeit braucht Langsamkeit"
Was sind denn Eure eigenen Verhinderer, die Euch aufhalten? Mit den Worten, die nach "...., aber..." fallen, kann sich jeder diese Frage stellen und vielleicht gute Antworten bekommen.
"Langsamkeit macht Angst, Schnelligkeit auch!"
Also wünsche ich Euch, dass ihr und ich, den Mittelweg finden und sich Entschleunigung einfinden.
Alles Gute und bis bald!
Jörg
Ein erstes "Pilgern light" für mich zum Üben. Nachdem ich in den letzten Wochen des Öfteren über meinen Wunsch zu Pilgern geschrieben habe, mache ich Ernst.
Allerdings eine light Version. Oder noch besser, eine "light - light" Version. Kurze Anreise, kurze Wegstrecke und genug Zeit lassen.
Ich "pilgere" von Graz-Hilmteich nach Mariatrost zur Basilika. Fünf Kilometer Wegstrecke und leichte Steigungen. Nach 2,5 km eine Möglichkeit zur Einkehr und zum Ausrasten. Dazu genug Parkbänke auf dem Weg zum Niedersetzen. Das sollte für mich machbar sein. Ein Ausflug, der Lust auf Pilgern macht.
OK, es ist eigentlich nur ein Spazierweg für die Grazer und mit einem Pilgerweg nicht vergleichbar. Trotzdem ist er für mich eine Herausforderung. So einen Weg bin ich seit meinem Krankenhausaufenthalt noch nicht gegangen. Meine Herausforderungen haben sich halt verschoben.
Hoch motiviert starte ich zusammen mit meiner Lebensgefährtin Silvia. Gleich zu Beginn geht es den Leechwald bergauf. Ich bin ausgerastet und frisch. Das ist auch gut so, denn die ersten Meter sind die anstrengendsten. Mein Wille ist derzeit größer als mein Können. Über zahlreiche Wurzeln steige ich höher.
Noch geht es gut, ich fühle mich auch so und stapfe tapfer dahin. Den Leechwald kenne ich gut. Schon als kleiner Junge war ich hier oft zum Spielen und später habe ich hier für meine Rad-Querfeldeinrennen trainiert. Damals, vor 25 Jahren, störte es niemanden, hier mit dem Rad zu fahren. Viele Wege und Kurven erinnern mich heute an die vielen Runden, die ich damals zog. Erinnerungen kommen hoch, besonders an Alexander, meinem Cousin, der viel zu früh verstarb. Er war mit dem Rad oft dabei und wir lieferten uns zahlreiche Duelle.
Mein Puls pocht schnell und ich bleibe oft stehen, um durchzuschnaufen. Bergauf kann ich nur wenig schneller, als ich damals aus dem Krankenhaus gekommen bin. Trotz vielen Übens wird es nur langsam besser. Noch immer steige ich wie ein Höhenbergsteiger, Schritt für Schritt, langsam nach oben. Wie im tiefen Schnee.
Nichts dabei denken funktioniert nur bedingt. Ich versuche mich durch Sprechen und Bewegen der Arme abzulenken. Das Gehen soll ja automatisiert werden. Nach wenigen Schritten ist allerdings Schluss und mein Atem rasselt. Aber ich übe es wieder und wieder. Irgendwann kommt die Automatisierung zurück und wenn es Jahre dauert. Solange heißt es weiter üben.
Nicht weit von uns entfernt ist der Zugang zum LKH über den Leechwald. Silvia spazierte immer über den Hilmteich zu mir auf die Neurologie, um mich zu besuchen. Viele Erinnerungen aus der Krankenhauszeit kommen bei mir hoch. Es ist anscheinend ein Tag der Erinnerungen, denn immer wieder kommen mir frühere Erlebnisse in den Sinn.
Der Lärm des Notfallhubschraubers ist öfters zu hören. Dieses Geräusch begleitete mich die gesamte 5-monatige Zeit im Krankenhaus. Besonders die Tage nach der Operation waren prägend, da ich nur wenige Stockwerke unter dem Landeplatz lag. Den Rest der Zeit lag ich ja auf der Neurologie, die gegenüber der Kinderchirurgie mit ihrem Hubschrauber-Landeplatz liegt.
Jedes Mal ein betretenes "Oijee, schon wieder der Hubschrauber!", in unserem 4-Bett Zimmer. Wir fühlten jedes Mal mit. Auch heute noch ist für mich beim Klang des Hubschraubers ein bedachter Moment dabei.

So vergehen die ersten Meter mit alten und neuen Gedanken. Nach der Steigung führt der Weg leicht auf und ab weiter. Zunächst ist aber Pause angesagt. Das erste Bankerl wird in Beschlag genommen und ich streiche mir die Beine aus. Besonders die Waden verhärten schnell und es ist ja noch weiter ein Weg zu meistern. Zum Glück wartet auf mich bei der Halbzeit das "Häuserl im Wald", ein Gasthaus, das ich zuletzt in der Kindheit vor 40 Jahren oft besucht habe.
Ich spüre in den Beinen noch die Auswirkungen des ersten Anstieges und gehe dementsprechend vorsichtig weiter. Die Konzentration liegt jetzt merklich mehr beim Gehen. Automatisches Gehen ist auf dem Waldboden nicht möglich. Mit den Gedanken muss ich immer irgendwie dabei bleiben. Trotzdem versuche ich, mich zu unterhalten.
Kurz vorm 'Häuserl im Wald' ist Asphalt und eine Unterhaltung leichter möglich. Ich bin froh, die Halbzeit erreicht zu haben. 2,5 km stehen mir noch bevor. Im Gasthof versuche ich mich bei Kaffee mit Apfelstrudel zu erholen und die letzten 2,5 km Revue passieren zu lassen.
Mein Fazit ist ein bisschen ernüchternd. Eigentlich ist es hier schon genug. Trotzdem will ich weiter. Mein erster "Pilgerweg" soll nicht so enden. Dann bleibe ich eben auf der Forststraße und meide den schwierigeren Waldweg.
Gleich nach dem Gasthof geht es auf Asphalt steil bergauf und ich verfalle wieder in meinen Höhenbergsteigerschritt. Ein älteres Ehepaar zieht an mir vorüber. Aber dafür habe ich schon in meiner aktiven Radfahrer-Karriere vorgebaut.
Ein Training war damals, 5 Stunden den Puls nie über 100 kommen zu lassen. In der Sporgasse in Graz war es dann so weit. Mein Freund Harry und ich fielen auf dem steilen Kopfsteinpflaster mit dem Rad fast um, so langsam fuhren wir hoch. Plötzlich schob eine alte Frau ihr Waffenrad an uns vorbei.
Harry meinte nur: "Da musst du psychisch gut drauf sein, dass es dir wurscht ist, dass eine alte Frau schneller ist!". Er hat es im Spaß gesagt, aber in Wirklichkeit geht es darum. Egal was ist, man soll auf sich selbst schauen. Nur so wirst du besser. Viel zu oft trainiert man stur nach Trainingsplan und hört nicht in sich hinein, wie es einem geht.
An diesen Vorfall erinnerte ich mich noch öfter in den Jahren danach. Und heute ebenfalls wieder. Nur der Unterschied ist, ich kann diesmal nicht schneller. Der verwunderte Blick der beiden, wie ich da in Zeitlupe hinauf schnaufe, war lustig. Ihre Gedanken hätte ich gerne erfahren. Zu fragen, was los ist, haben sie sich nicht getraut.
Der Versuchung, wieder in den Wald zu wechseln, widerstehe ich. Ich bleibe auf der Straße. Es ist so einfacher für mich. Im Wald auf Wurzeln zu achten und bei jedem Schritt aufzupassen, wo ich ihn hinsetze, hat kaum mehr einen Trainingseffekt. Dazu ist meine Energie schon zu sehr aufgebraucht.
Lieber hänge ich meinen Gedanken nach. Die drehen sich darum, wann ich mir zutrauen kann, einen richtigen Pilgerweg in Angriff zu nehmen. Wieder ist es ernüchternd. Ich muss erkennen, dass es dafür noch viel zu früh ist. Mir fehlt es noch immer an Kraft und Ausdauer.
In Italien oder Spanien sind keine Parkbänke am Weg zum Rasten. Geplant habe ich es einmal für nächstes Jahr, aber aktuell traue ich mich nicht zu sagen, wann es gehen wird.
Ich bin froh, aus dem Wald zu kommen. Noch wenige Meter auf einem Gehsteig und ich stehe vor der Basilika in Mariatrost. Im wunderschönen Altarraum der Kirche zünde ich eine Kerze an. Meinen Wunsch kann sich wohl jeder selbst denken.
So beende ich meinen ersten Pilgerweg, der für mich einen besonderen Platz einnimmt. Für viele ist es nicht mehr als ein netter Spaziergang, für mich war es pilgern. Für mich war es der Weg in ein neues Leben. Mal sehen, wo es mich noch hinführen wird.
PS.: Die Pilger auf dem Adams Peak (mit 6000 Stufen) in Sri Lanka, sehe ich jetzt mit anderen Augen.
Ein Thema, das mich über die letzten Monate beschäftigt, ist das Laufen, oder mittlerweile, dass ich noch immer nicht laufen kann.
Ok, ich gebe mir Zeit und habe begriffen, dass eben andere Sachen wichtiger sind. Es ist ein Einschnitt in meinem Leben und ich durfte so viel anderes kennenlernen und erleben. Laufen und Trailrunning ist trotzdem noch mein Ziel, auch wenn es noch länger dauern wird.
Seit einigen Tagen bin ich trotzdem "läuferisch" unterwegs. Unterwegs ist eigentlich nicht richtig, denn ich versuche am Stand zu laufen und das sehr langsam.
Also, ...... ich bin nicht draußen unterwegs. Klingt komisch, ist aber so. Ist in meinem speziellen Fall sogar einleuchtend. Ich versuche schon seit Monaten zu laufen, aber es will nicht sein. Es ist mir zu schnell und die Koordination der Beine kommt nicht mit.
Mein Gehirn ist mit der Schnelligkeit überfordert, die es braucht, um die Schrittfolge zu meistern. Ein paar Schritte...noch dazu unter enormer Kraftanstrengung... und aus ist es. So musste eine neue Taktik her.
Mit dem Laufen am Stand trainiere ich zunächst in erster Linie die Synapsen im Gehirn. Es bekommt damit die Information, dass ich laufe, obwohl ich mich nicht vorwärts bewege. Es geht nur um die Information. Ich kann mich sogar festhalten, sollte mich der Schwindel erfassen oder wenn ich das Gleichgewicht verliere.
In diesem Fall geht es nicht um Kondition, sondern um die Information, die in meinem Gehirn anlangen soll. Erst wenn die Info, dass ich laufe, lange und oft genug im Gehirn ankommt, können sich die neuen Synapsen bilden.
Erst dann kann ich an der Fortbewegung trainieren, weil es das Hirn schon kennt. Das heißt dann zu beginnen, Zentimeter um Zentimeter vor den anderen Fuß setzen. Zehn Meter können so recht lange dauern. Derzeit reicht es am Stand zu laufen. Ich merke es, wenn ich so weit bin, mich vorwärtszubewegen. Es heißt eben auch hier von 0 weg zu beginnen.
Auch die Kondition lässt zu wünschen übrig. Sobald ich zum Beispiel etwas schneller gehe, komme ich gleich außer Atem. Da steht noch einiges an Training an. Allerdings, mein Körper lässt sich nicht überlisten. Viel Üben ist in meinem Fall zwar gut, aber mehr als die zurzeit mögliche Belastung geht eben nicht.
Rund eine Stunde kann ich für die wichtigen Anliegen des Tages nutzen. Dabei ist es egal, ob ich denke, mich bewege, oder etwas anderes mache. Eine Stunde am Tag ist nicht viel, daher muss ich genau überlegen, was ich mache. Diese Zeitspanne lag vor einem Jahr noch bei etwa fünfzehn Minuten, aber langsam wird sie größer.
Es wäre natürlich fein, wenn nur die Kondition für mein Bewegen zuständig wäre. Kondition trainieren und alles ist gut. So wie ich früher für ein Radrennen trainierte oder für eine Bergbesteigung. Aber es ist eben nicht so. Nicht die Kondition, sondern die neurologischen Defizite sind die Ursache für mein langsames Weiterkommen. Und das kann dauern.

Das Gehen lernen, zusammen mit meinen Übungen, war bisher optimal. Aber um meine Kondition weiter aufbauen zu können, komme ich um spezifisches Training nicht herum. Aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, ab Herbst ins Fitnessstudio zu gehen. Wenn es kälter wird, kann ich nicht so leicht meine Übungen im Freien machen.
Ich ziehe ja eigentlich die Natur vor, aber in diesem Fall muss ich über meinen Schatten springen und Indoor bleiben. Ich kann in der Kraftkammer bestimmte Muskelgruppen einfacher und zielgerichteter trainieren. Im Wald muss ich manchmal dazu einfach zu viel nachdenken, welche Übung jetzt passen würde. Und beim Denken bin ich noch limitiert.
Noch immer muss ich mir den Tag ganz genau damit einteilen, was ich alles erledigen möchte. Ich habe nur eine geringe Bandbreite. Mache ich zu viel, stehe ich schnell an. Es kann passieren, dass zu Mittag bereits meine Batterien leer sind. Dann heißt es sich über den Tag retten und viele zusätzliche Pausen zu machen.
Ich kann aber nicht immer zu Hause bleiben. Die Decke fällt mir sonst auf den Kopf. Wenn meine Lebensgefährtin Silvia etwas in der Stadt zu erledigen hat, lasse ich mich zur Mur bringen. Dort spaziere ich den Fluss entlang. Viele Parkbänke geben mir die Möglichkeit für genug Pausen.
Auf meiner Lieblingsstrecke komme ich dabei am Kalvarienberg vorbei, den ich zur Besteigung nutze. Die vielen Stufen hinauf sind eine Herausforderung, wie es früher ein Lauf in die Berge war. Etwas mehr als 100 Stufen sind zu erklimmen. Er gilt als der "Berg der Hoffnungen". Meine Hoffnung liegt darin, wieder größere Berge als den Kalvarienberg zu besteigen.
Eine andere Tour, die ich seit kurzem gerne nutze, ist der Schlossberg. Zu Fuß hinauf ist noch zu anstrengend, darum fahre ich mit der Bahn. Hinunter bieten mir viele Bänke Zeit zum Rasten. Das Bergabgehen ist ebenfalls sehr anspruchsvoll und mindestens so schwer wie bergauf.
Besonders die Oberschenkel werden trainiert. Allerdings ist das Verhältnis Trainingsaufwand zu Trainingsergebnis sehr gering. Ich mache eben in allem einen sehr kleinen Fortschritt. Egal ob im Denken, im Gehen oder im Greifen.
So sieht mein Training aus, wenn ich mal von zu Hause weg bin. Der Murweg oder der Schlossberg sind aber doch noch die Ausnahme. Das meiste Training findet noch bei mir zu Hause in den Wäldern von Stattegg statt und der Wald ist nach wie vor mein liebster Aufenthaltsort.
Kleine Verbesserungen spüre ich erst nach Wochen, wenn nicht nach Monaten. Ich habe zwar meine Rehabilitation wie ein Sportler angelegt, aber sie ist damit nur bedingt vergleichbar. Die Zeitdauer für Erfolge ist viel länger.
Seit genau einem Jahr bin ich wieder zu Hause, in meinem Leben 2.0. Am 20. August 2016 war mein letzter Tag im Krankenhaus und mein neues Leben 2.0 hat begonnen.
Der Hirnabszess hatte enorme Auswirkungen auf mich und meine Familie. Unser Leben wurde auf den Kopf gestellt und nichts war mehr wie zuvor. Alltag leben, ist bis heute nicht wirklich möglich, zu sehr beschäftigt die Krankheit den Tagesablauf. Ich habe so mit mir selbst zu tun, dass nur wenig Zeit für die Familie bleibt. Speziell das Denken und die Aufnahmefähigkeit sind stark gestört.
Wir alle waren, speziell am Anfang, mit der Situation überfordert. Ich konnte nicht, wie ich wollte und meine Familie wusste oft nicht, wie damit umgehen. Ich war ein Freund und doch ein Fremder geworden.
Es war definitiv nichts mehr wie früher. Ich musste mir meiner Lage erst bewusst werden. Im Krankenhaus war ich in einer geschützten Umgebung unterwegs. Ich rechnete nicht damit, so schnell entlassen zu werden, weil ich ja durchgehend intravenöse Antibiotika-Infusionen bekam. Doch mein Körper reagierte auf die Zugänge zunehmend allergisch, sodass die Ärzte auf orale Antibiotika-Medikation umstellten und mich nach Hause schickten. Der Krankenhausaufenthalt war nicht mehr notwendig. Ich durfte nach Hause, endlich!
Dann, von einem Tag auf den anderen, war ich plötzlich wie hinausgeworfen. Ich war Dingen ausgesetzt, die mich überforderten. Mit der Schnelligkeit des Lebens kam ich nicht mehr klar. Erst langsam gewöhnte ich mich an das Zuhause.
Unter Menschen gehe ich heute noch ungern. Ich fühle mich von den Eindrücken schnell überfordert. Multitasking, mein Zauberwort, ist noch immer nur sehr beschränkt möglich.
Mein Plan war damals, ich trainiere meine Kondition und zusammen mit dem Lauftraining werde ich bald wieder mobil und aktiv sein. Pustekuchen. Damals war ich noch der Meinung, dass es ein muskuläres Defizit sei. Ich musste ja bei null anfangen. Nach einigen Monaten habe ich erkannt, dass dem nicht so ist. Ein Großteil der Defizite sind neurologisch bedingt und Nerven brauchen lange zum Heilen und neu vernetzen.
Bergauf stapfe ich noch wie ein Höhenbergsteiger dahin, Schritt für Schritt. Mein neuer Spitzname ist "Duracell Hase". Besonders am Morgen oder wenn es kalt ist, sind die Muskeln steif und ich tripple mit steifen Beinen dahin, wie der Duracell Hase in der Werbung. Mal schauen, ob ich auch bald "entscheidend länger durchhalte". 🙂
Die ersten Monate war noch der Schleier der Krankheit über mir gelegen. Als der Schleier sich legte, blieben die reinen Defizite über. Jetzt war mentale Stärke gefragt, denn sonst wäre ich an diesem "nicht können", zerbrochen.
Geholfen hat mir in dieser Zeit mein Vorleben im Sport mit Mentaltraining und der Computer mit Internet. Er ermöglicht mir die Kommunikation mit der Außenwelt und das Tempo kann ich selbst bestimmen. Ende April begann ich mit dem Bloggen. Es hilft mir ungemein. Mein Schreibstil ist zwar dem eines Volksschülers ähnlich, aber mein Gehirn ist damit sehr gefordert. Das beste Training.
Meistens schreibe ich mit dem Computer. Die Hand ermüdet doch recht schnell und viele Schreibfehler lassen das Geschriebene schwer lesen. Das oftmalige Überarbeiten dauert seine Zeit und daher brauche ich für einen doch recht kurzen Blogbeitrag oft eine ganze Woche. Tippfehler am Computer sind leichter auszubessern.
Mir fehlt noch der Wortschatz, daher brauche ich lange zum Überarbeiten. Manchmal lasse ich es so stehen, weil es zu mühsam wäre, eine andere Formulierung zu finden. Damit kann ich aber leben. 😀
Überhaupt, ich musste mich in diesem vergangen Jahr "neu erfinden". Was nicht leicht ist, kann ich doch kaum in die Zukunft denken. Gut Ding braucht eben Weile!
Vorrangig ist das Beheben meiner Defizite. Sie erschweren mir den Alltag. Das Gleichgewicht, der Schwindel, verbunden mit Bodenunebenheiten beim Gehen, sie behindern mich sehr stark. Die kleinste Unebenheit bringt mich außer Tritt. Ständig muss ich mit den Gedanken beim Gehen und Ausbalancieren sein. Automatisch, wie früher, geht gar nichts.
Besonders die Stadt strengt mich an. Gehsteigkanten, kreuz und quer laufende Fußgänger, Radfahrer, Autos - Stress pur. Gut fürs Gewöhnen, aber da reichen ein paar Minuten aus und ich will wieder weg.
Es ist oft anstrengend und kaum zu beschreiben. Natürlich gab es Verbesserungen im letzten Jahr, aber eben nur minimale. Für mich der größte Fortschritt, war die Verbesserung der Gefühllosigkeit in den Fingern. Bereits nach der ersten Einheit Strom-Therapie in der Reha in Judendorf, merkte ich eine spürbare Verbesserung. Das bamstige Gefühl verschwand. Ich habe zwar noch Probleme mit dem Fühlen und Spüren beim Greifen, aber die bamstigen Wurstfinger bin ich endlich los.
Der größte Erfolg im letzten Jahr war, ich habe die Natur wieder für mich entdeckt. Wieder entdeckt deshalb, weil ich ja ein Leben lang ein Naturmensch war. Nur waren die letzten Jahre derart von der Arbeit überschattet, dass es mich immer mehr von der Natur weg brachte. Mein liebstes Training ist es, in den Wald zu gehen. Manchmal nur Gehen, ein anderes Mal mit Übungen verbunden. Was gibt es schöneres, als in der Natur zu trainieren! Ich spüre ganz intensiv, wie mich das Grün des Waldes anzieht. Wie es meinem Körper guttut.
Ich freue mich aber auch darauf, mich wieder einmal oberhalb der Baumgrenze zu bewegen. Das Hochgebirge ist für mich der Inbegriff der Freiheit. Noch ist es zu weit entfernt und ich kann am Berg nicht aufsteigen, aber vielleicht geht sich wenigstens heuer noch ein Ausflug aus.
Zuerst muss ich aber mein Gehen verbessern. Noch geht nichts automatisch, daher sind mit Felsen durchsetzte Wege ein großes Hindernis. Aber wie sagte ein Arzt: "In der Neurologie hilft viel wirklich viel!". Also weiter viel Training!
Deshalb bin ich viel zu Fuß unterwegs. Für mich halt viel. Immer in der Relation. Was für mich ein Mammut-Training ist, hätte früher nicht einmal fürs Aufwärmen gereicht. Es heißt aber auch aufzupassen, mich nicht dauernd mit früher zu vergleichen. Ich bin kein Extremsportler mehr. Heute ist heute.
Trotzdem motiviert und treibt mich ein Vergleich an. Ich gebe mein Bestes, da ich weiß, was noch möglich ist. In den ersten Monaten wollte ich allerdings zu sehr wieder laufen. Ich musste erst akzeptieren, dass ich damit noch warten muss. Mein Thema, die Langsamkeit, geht vor.
Im Moment schaue ich mir eben Bilder auf Instagram oder Facebook an. Instagram habe ich erst seit diesem Jahr für mich entdeckt. Ich danke allen Freunden und Athleten, dass sie mich mit ihren tollen Fotos und Storys daran teilhaben lassen, an einem Leben, dass mir im Moment nicht möglich ist. Es motiviert mich aber sehr, bald selbst wieder unterwegs zu sein. Gerade auf Instagram findet man wunderschöne Fotos, die mich anspornen, dass alles wieder zu erleben.
Weil ich nicht laufen kann, habe ich das Pilgern entdeckt. Seit Jahren spukt es schon in meinem Kopf herum. Aber wie so oft nimmt man sich für die wichtigen Dinge nicht die Zeit. Alles andere ist wichtiger und man verfällt in den Glauben, sich nicht die Zeit nehmen zu können (dürfen). Sollte es dem einen oder anderen auch so gehen, glaubt mir, ich würde nichts mehr aufschieben. Viele Entscheidungen würden jetzt anders ausfallen, als früher.
Aus diesem Grund werde ich nächstes Jahr den Jakobsweg gehen. Lieber wäre mir noch dieses Jahr, aber ich muss realistisch bleiben. Mein Gehen gehört zuerst noch verbessert. Dann kann ich Seelenarbeit mit Bewegung verbinden, in Kombination mit der notwendigen Langsamkeit. Pilgern und Laufen - tut Körper und Geist gut.
Trotz der momentanen Behinderung warten also auch in Zukunft eine Menge Abenteuer auf mich.
"Aufruf zur Langsamkeit: Wir müssen schleunigst entschleunigen!" Walter Ludin, Journalist und Buchautor
Heute gibt es einen Blogpost über mein Workout. Mein persönliches Training, das mich unterstützen soll, meine körperlichen Defizite auszugleichen und mehr Stabilität, trotz der Gleichgewichtsstörungen, zu bekommen.
Diese Übungen sind nicht nur für mich in der Rehabilitation gut, die sollte eigentlich jeder in seinen Alltag einbauen.

Die neurologische Rehabilitation ist eine der wenigen Bereiche in der Medizin, in denen viel wirklich viel hilft. „Üben, üben und nochmals üben“. Mein Leben ist derzeit ein einziges Üben. Wie ein Kind alles neu lernen zu müssen, was man doch längst schon konnte. Ja, es ist oft wirklich hart.
Es ist nicht immer Friede, Freude, Eierkuchen. Eine leichte Steigung wie ein Höhenbergsteiger, Schritt für Schritt, emporstapfen. Alle paar Meter stehenbleiben. Durchschnaufen. Das ist mein Alltag. Es ist nicht immer Freude dabei, so schnell ans Limit zu stoßen. Das einzige was wirklich schnell geht, ist mein Limit zu erreichen.
Das gilt für die Physiotherapie, in der das Gehen neu gelernt werden muss, für die Ergotherapie, in der Alltagsaktivitäten wie das selbstständige Essen, Trinken und Greifen auf dem Programm stehen und nicht zuletzt für die Neuropsychologie, in der Störungen des Gedächtnisses und der Konzentrationsfähigkeit, die das Denken massiv beeinträchtigen, angegangen werden.
Gilt das wirklich nur für mich? Diese Dinge sollte doch jeder beherrschen. Des öfteren bekomme ich von anderen Menschen, hauptsächlich Sportlern, die Rückmeldung, dass sie Übungen machen, die meinen sehr ähnlich sind. Es geht in erster Linie um Koordinations- und Stabilitätsübungen. Man trainiert damit Kraft, Ausdauer, Stabilität und Balance.
Ich ließ ein paar der Übungen in meinem Umfeld ausprobieren und siehe da, manch Übung stellt selbst für gesunde Menschen eine Herausforderung dar. Für mich sind diese Übungen essentiell auf dem Weg zurück ins Leben. Ich erschrak jedoch, wie viele Menschen in punkto Stabilität und Koordination auf einem mir ähnlichem Niveau liegen.
Dabei sind sie so einfach, bewirken aber eine Menge im Alltag. Meiner Meinung nach sollte das jeder beherrschen, egal ob jung oder alt.
Mein Programm dauert zur Zeit etwa 10 - 15 Minuten. Danach bin ich ausgepowert und muss mich erholen. Ich mache es sehr langsam, mit vielen Pausen dazwischen, denn ich bin schnell erschöpft. Es wäre toll, wenn ich von euch Rückmeldungen erhalte, um zu erfahren, wie lange ihr die verschiedenen Übungen durchhaltet.
Noch sind es die Basisübungen, die ich ausbauen werde, sobald genug Kraft da ist. 15 Sekunden halte ich die meisten Übungen durch, mit zwei bis drei Wiederholungen. Da merkt man erst, was es heißt, von 0 anzufangen. Mit meiner Zeit als Extremsportler oder Trailrunner darf ich mich nicht vergleichen.
Zusätzlich steige ich immer wieder auf das Luftkissen. Gut für die Balance und die Kräftigung der Füße. Meist noch mit Anhalten. Hin und wieder halte ich auch schon länger ohne durch. Ich verwende es auch zwischendurch zum Sitzen, wodurch das Becken und Gesäß beansprucht werden.
Ich mache alles nicht täglich, denn das würde mich überfordern. Denn es warten ja noch die Übungen auf dem Computer. Es ist halt so, dass ich nach einer intensiven Übungseinheit mein Pensum für den Tag aufgebraucht habe. Ich muss mir daher genau einteilen was ich wann mache.
Nach dem Training kommen noch ein paar Stretching-Übungen dazu. Mein Muskeln sind von dem langen Liegen sehr verkürzt. Die neueste Forschung räumt ja den Faszien eine wichtige Rolle ein. Gerade Rückenbeschwerden sind davon betroffen. Faszienverklebungen sind oft die Ursache dafür, auch bei mir.
Nach über einem halben Jahr, dass ich die meiste Zeit liegend verbracht habe, kein Wunder. Meine Gelenke und Wirbel knacken und krachen, sie müssen erst wieder in Form gebracht werden.
Begegnet man mir auf der Straße, würde man niemals annehmen, dass ich noch vor einem Jahr im Rollstuhl saß, nach der OP kaum Haare auf dem Kopf hatte und meine Beine so dünn wie Bohnenstangen waren.
Noch fehlt viel, aber langsam kehrt die Kraft in meinen Körper zurück. Joggen sollte mir bald möglich sein. Ein Problem ist halt noch immer das Gleichgewicht. Das ist seit dem vorigen Jahr über Nacht völlig gestört worden und noch immer habe ich Probleme damit.
Sitzen in einem Stuhl habe ich anfangs nur 15 Minuten täglich ausgehalten. Am Ende der Krankenhauszeit war bereits eine knappe Stunde möglich und ich konnte etwa hundert Meter weit gehen. Aber auch heute ist es noch so, wenn ich zu lange unterwegs bin, muss ich mich zwischendurch in eine waagrechte Position begeben, um mich zu erholen oder aufkommenden Schwindel zu beruhigen.
Der Blick in die Zukunft, die Prognose, ob ich wirklich wieder „ganz der Alte“ sein werde, ist sehr schwierig. Dafür sind in der Rehabilitation zu viele Faktoren beteiligt. So wie auf der einen Seite selbst nach Jahren noch kleine Wunder möglich sind, muss man andererseits auch damit rechnen, dass bestimmte Fähigkeiten und Funktionen unwiederbringlich verloren sind. Ich werde sehen!
Dieser Spruch ist mir in den letzten Tagen öfter über den Weg gelaufen. Einige der bekanntesten Ultra Trail Läufe fanden in den letzten zwei Wochen statt.
Eiger Ultra Trail, Zugspitz Ultra Trail, Hardrock 100 - um die bekanntesten zu nennen. Über Facebook, Posts und viele laufende Blogger, verfolge ich zur Zeit die Welt "draußen", an der ich noch nicht teilhaben kann.
Auch ich "rocke" die Trails rund um meinen Hausberg, den Schöckl. Wobei, die Schöckl Gegend, ist ein bisserl zu weit gegriffen. Kalkleiten eigentlich auch. Es sind derzeit "nur" die Trails rund um mein Wohnhaus in Stattegg. Weiter komme ich noch nicht.
Hinter dem Haus geht´s gleich hoch in Richtung Kalkleiten und weiter zum Gipfel des Schöckel. Und mein "rocken" ist langsames Gehen, dahin stolpern und ein Ringen ums Gleichgewicht.

Falls jemanden die Schreibweise stört, ich habe sie bewusst genommen, um auf die Veranstaltung "Schöckl Classic" hinzuweisen. Der Schöckl schreibt sich ohne "e", der Schöckel Classic aber mit "e".
In meinem alten Leben habe ich von 2010 bis 2016 für die Veranstaltung das Video produziert. Jetzt ist mein Ziel, dieses Rennen als Aktiver zu absolvieren. Ich nehme mir einmal 2018 vor. Diesen Duathlon hat es in meiner Zeit als Extremsportler ja nicht gegeben.
Hier unten ein Video der 2015 Version. Der nächste Schöckel Classic findet am 24.September 2017 statt.
Der Wald um Stattegg ist also die Gegend, in der ich trainiere und mich therapiere. Konnte ich im vorigen Jahr, im November, nur wenige Meter weit den Berg hochgehen, sind es jetzt schon einige Hundert. Natürlich brauche ich noch Pausen, aber inkl. Workout brauche ich schon eine Stunde.
Das Terrain ist ideal um das Gleichgewicht zu üben. Ich baue meine Waden auf und stärke die Oberschenkel, indem ich immer höhere Steine am Weg überwinde. Dazu ist der Waldboden super geeignet, um meine Sprunggelenke zu stärken, da ich auf dem weichen Boden stabil gehen muss. Ab und zu versuche ich auch durchs Unterholz zu gehen.
Ich muss allerdings damit klar kommen, dass es langsam geht. Ein Hirnabszess ist kein Beinbruch, wo es meist Erfahrungswerte mit der Heilungsdauer gibt. Meine Dauer ist offen und das macht es manchmal schwer für mich.
Bergauf bin ich noch immer sehr langsam unterwegs. Für 6000 Meter Höhe wäre das eine gute Geschwindigkeit, aber hier!
Es sind die neurologischen Störungen, die noch kein höheres Tempo zulassen. Ich muss noch immer zuviel Denken beim Gehen, mein Geist ist schnell überfordert damit. Besonders die Koordination wird schnell zuviel.
Denn ich war rechtsseitig komplett gelähmt und darf froh sein, dass ich überhaupt im Wald gehen kann. Passe ich allerdings nicht darauf auf, den rechten Fuß weit genug zu heben, bleibe ich leicht am Boden hängen. Über Wurzeln steigen ist daher eine Standardübung für mich im Wald. Irgendwann wird es wieder automatischer funktionieren.
Ich habe den Gleichgewichtssinn verloren und muss erst wieder lernen, den Körper auszubalancieren und die richtigen Muskeln zu verwenden.
Auf den Fotos kann ich mich selbst fast nicht anschauen. Immer Breitbeinig und die Arme zum Austarieren seitlich weggestreckt. So wackle ich dahin. Zum Glück werden keine Haltungsnoten vergeben :-). Von der Eleganz und dem Gazellen haften Laufen eines Trailrunners bin ich weit entfernt. Aber jeder fängt einmal an.
Den Wald genieße ich wie nie zuvor. Trotz der Anspannung beim Gehen und der doch recht schnellen Erschöpfung, komme ich geistig nicht mehr so müde nach Hause. Das Schauen in den grünen Wald tut dem Körper und der Seele gut. Die gleiche Zeit in der Stadt verbracht, bringt mich weit schneller ans Limit. Ein ganzer Tag in einem Waldgebiet führt dazu, dass die Anzahl der Killerzellen im Blut um 50 Prozent ansteigt – und gut eine Woche so bleibt. Deshalb verbringe ich lieber Zeit im Wald, als z.B. in der Stadt.
Mein Derzeitiges Ziel ist es, hoch bis zur Kirche nach Kalkleiten zu kommen. Und natürlich auch wieder hinunter. Früher ein Weg von 20 - 25 Minuten zu Laufen. Noch ist es utopisch, aber die Vorstellungskraft wird mir dabei helfen. Geistiges Training und Heilen ist nicht zu unterschätzen. Schon in meiner Zeit als aktiver Radrennfahrer konnte ich sehen, was möglich ist. Die Kraft der Gedanken sind nicht nur im Beruf oder Sport wichtig. Auch in der Krankheit ist es wunderbar zum Einsetzen.
Leider wird in der Schulmedizin noch zu wenig darauf eingegangen und meist nur "mechanisch" repariert. An dieser Stelle ein riesiges Danke an meine Therapeutinnen Lydia und Kerstin vom LKH, die mir die ersten Schritte und überhaupt wieder Bewegen beigebracht haben und in weiterer Folge auch an Karin, die in den bisherigen zwei Reha-Aufenthalten in Judendorf mit tollen Übungen an meinem Gangbild gearbeitet hat.
Schon als Radfahrer trainierte ich lieber im Freien. Ein Ergometer kam nur im Ausnahmefall zum Einsatz. Kraftkammer oder Turnhalle waren nur im Winter für Ausgleichs- und Krafttraining notwendig. Ich fuhr auch gerne bei widrigen Bedingungen mit dem Rad im Freien.
Das Training war für mich Freiheit. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Sieg bei den Hauptfahrern erinnern. Hobby und C-Rennen zähle ich nicht dazu. Es war das Einzelzeitfahren in Thörl. Ich kam im ersten Drittel des Starterfeldes dran und es begann, beim Start in Seewiesen, zu schneien. Es war kalt und nass. Trotzdem fühlte ich mich wohl und hatte einen guten Druck am Pedal.
Überraschenderweise hatte ich die Bestzeit im Ziel. Es hieß für mich noch lange abwarten. Erst als ein Favorit nach dem anderen hinter mir blieb, begann ich an ein gutes Ergebnis zu denken. Strecko Glivar, ein Slowene, kam als letzter an die Reihe. Zittern bis zum Ende. Als auch er im Ziel nur wenige Sekunden hinter mir lag, war es sicher. Ich war an diesem Tag der Schnellste im Rennen und mein erster Sieg bei den Hauptfahrern. Ich freute mich, spürte aber keine Euphorie, wie ich es mir immer vorstellte. Es war irgendwie eine Art Leere in mir. Ich dachte nur: "Das war es? Ok. So fühlt sich also ein Sieg an! Schön.". Mir fehlte ein gewisses Glücksgefühl.
Und an diesem Tag begriff ich, dass es um mehr geht, als nur ums Gewinnen. Radrennfahren war etwas, um fürs Leben zu lernen. Ich lernte wie man mit Gewinnen und Verlieren umgeht. Ich lernte, auch bei schlechtem Wetter, positiv zu bleiben. Das beste aus einer Situation zu machen. Auch das Leiden als etwas positives zu sehen.
Natürlich fuhr ich, wie die meisten auch, lieber bei schönem Wetter Rennen und trainieren. Aber entscheidend ist es, wie gehe ich mit allem anderen um. Viele geben schon bei ein paar Regentropfen auf oder wenn das Wetter nicht schön ist, wenn das Rennen hart ist, wenn man leidet oder wenn Widrigkeiten auf einen treffen.
Radrennfahren wurde für mich zur Lebensschule. Und es hatte erst begonnen. Meine Bewusstseins-Schulung stieg mit dem Extrem-Radfahren auf einen neuen Level an. Im Extremsport waren nur wenige Österreicher tätig und bei vielen Rennen in Amerika war ich als erster Europäer am Start. Das Reisen selbst wurde bereits zum Erlebnis. Es war schön, auf diese Art zu lernen.

Und dieses Lernen und Erleben im Sport habe ich bis heute beibehalten. Nach einem 10-jährigen Ausflug in die Filmwelt, wo ich unter anderem für Puls4 filmte, holte mich der Sport wieder ein. 2013 begann ich mit dem Trailrunning. Im Juli filmte ich noch beim Eiger Ultra Trail, der mich so motivierte, dass ich kurz darauf meinen ersten Trailrun unternahm. Und das nach mehren Jahren Sportpause.
Nur ein Jahr später nahm ich am Eiger Ultra Trail teil. Eigentlich ein Wahnsinn ob meiner Vorbereitungszeit. Ich beendete das Rennen nach 63 Kilometern. Ich finishte damit die Halbdistanz und war mit mir zufrieden. In der Folge nahm ich an keinen Wettkämpfen mehr teil, sonder lief nur mehr für mich.
Manchmal war ich zwei, drei Tage unterwegs und durchquerte einen Gebirgsstock. Mit Schlafsack und Minimal-Ausrüstung war ich auch fürs Übernachten gewappnet. Das machte mich zufrieden, denn ich setzte mich wieder mit der Natur auseinander.
Das Trailrunning gab mir eine gute körperliche Basis, das Hirnabszess besser zu überstehen. Gerade jetzt ist mir Bewegung in der Natur sehr wichtig. Meine Sensoren sind noch feinfühliger als früher und melden mir noch besser, was mir gut tut und was nicht. Und darauf höre ich.
Ich kann nur immer wieder jeden ermuntern: Geht in die Natur, schaut in den Wald, lauscht dem Gurgeln eines Baches, erfreut euch an der Natur. Es bringt den Geist zur Ruhe und ermöglicht den Ausstieg aus der Hektik der täglichen Anfordernisse. Positive Gefühle erscheinen größer und wichtiger als jene, die einen eher zermürben.
Zum Schluss möchte ich noch etwas über meinen Namen schreiben. Krasser bedeutet "extremer". Extremes war mir damit in die Wiege gelegt. Extrem heißt ja nur, seine Komfortzone zu verlassen, eben auch krasser. Alles außerhalb der Komfortzone wird oft mit dem Sprüchen bewertet: "Ist das krass!; Ein krasser Weg!; Echt krass!; Krasser gehts nicht!".
Die Sprüche kennt jeder. Auch ich kenne und kannte sie. Aber erst jetzt bringe ich sie mit meinem Namen in Zusammenhang. Früher machte ich mir kaum Gedanken darüber. Jetzt weiß ich, dass ich einen echt "krassen" Lebensweg habe.
Die Reha ist vorbei, der Alltag hat mich wieder – jetzt heißt es dranbleiben. Mein Training fortsetzen, die Intensität steigern und die nächsten Monate nutzen, um Schritt für Schritt voranzukommen. Meine Ziele bleiben klar: Das Gehen weiter verbessern und Denk- sowie Reaktionsvermögen schulen. Doch zuerst ist Erholung angesagt.
Auch diesmal bin ich erschöpft und müde aus der Reha heimgekehrt. Gleichzeitig aber voller neuer Ideen und Impulse für mein Training. Stabileres Gehen, Multitasking in allen Lebenslagen und vieles mehr – genug Herausforderungen für die kommenden Monate. Nun fehlen mir noch die konkreten Ziele, die mich antreiben.
Mein Gesundwerden ist wie der Radrennsport von früher: Es geht um Ziele. Ohne sie fehlt die Richtung, die Motivation. Damals wie heute brauche ich ein klares Ziel vor Augen. Wer nicht weiß, wofür er trainiert, verliert schnell den Fokus. Aber mit einem Ziel, egal wie fern es scheint, bleibt der Weg klar und jede Anstrengung bekommt ihren Sinn.
Trailrunning und Laufen als Ziele
Mein großes Ziel ist es, wieder im Hochgebirge laufen zu können. Diese Herausforderung vereint vieles: körperliche Fitness, Koordination und mentale Stärke. Wenn ich dieses Ziel erreiche, wäre ich auch beruflich wieder handlungsfähig. Doch der Gedanke an eine berufliche Rückkehr fällt mir schwer – zu ungewiss ist die Zukunft. Ob ich die Videoproduktion jemals wieder ausüben kann, bleibt fraglich.
Die Defizite sind derzeit einfach zu groß. Vom Filmen oder Schneiden bin ich weit entfernt, nicht zuletzt wegen der Nervenschäden, besonders in den Fingern. Zusammenhänge zu erfassen, Informationen zu verarbeiten – all das gelingt mir momentan nicht. Schneiden ist so unmöglich. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber es fühlt sich an, als würde das Gehirn plötzlich aussteigen und die Verbindung kappen.
Trotzdem bleiben die Berge mein Antrieb. Das Laufen dort oben ist mehr als nur Bewegung – es ist Freiheit, Herausforderung und zugleich ein Weg zurück ins Leben. Schritt für Schritt, egal wie weit der Weg noch ist.
Einfaches Denken gelingt mir schon, doch Multitasking ist noch kaum oder nur eingeschränkt möglich. In der Reha lag der Schwerpunkt darauf, Bewegungsabläufe zu automatisieren und wieder mehrere Dinge gleichzeitig denken und ausführen zu können. Doch immer wieder muss ich mir bewusst machen: Alles braucht seine Zeit.
Für zu Hause habe ich ein sehr gutes Computerprogramm bekommen. Aber auch hier gilt es, sich Zeit zu lassen – und sich diese auch zu nehmen. Ungeduld hat hier keinen Platz, auch wenn sie mich oft genug überkommt. Manchmal ist es genau diese Ungeduld, die mich antreibt, die mir die Kraft gibt, nicht aufzugeben und weiterzumachen.
Schwer ist es trotzdem. Nicht zu wissen, wie lange es dauern wird. Ein Jahr, zwei Jahre oder gar fünf? Niemand kann es sagen. Jeder Weg ist anders, jeder Fortschritt individuell. Wann ich wieder im Hochgebirge laufen kann, weiß ich nicht. Aber eines weiß ich ganz sicher: Ich werde es schaffen!
Der Blog
Am Computer für den Blog zu schreiben, ist eine wertvolle Übung. Es hilft mir, zur Ruhe zu kommen, meinen Weg besser zu verstehen und meine Wahrnehmung zu schulen. Gleichzeitig fördert es die Selbstreflexion. Doch auch hier gilt: Schritt für Schritt. Nicht zu viel auf einmal wollen – das ist leichter gesagt als getan, aber notwendig.
Neben dem großen Ziel brauche ich Zwischenziele, kleine Etappen, die mir kurzfristige Erfolge ermöglichen. Sie halten die Motivation am Leben. Ich musste jedoch lernen, umzudenken. Es geht alles so langsam voran, dass ich die Fortschritte oft selbst kaum wahrnehme. Es hat Zeit gebraucht, um zu erkennen, wie wichtig diese kleinen Schritte sind.
Heute freue ich mich auch über die scheinbar kleinen Erfolge. Zum Beispiel darüber, dass ich sicherer auf unterschiedlichen Böden gehen kann. Es mag unscheinbar wirken, doch für mich bedeutet es viel. Jeder dieser Schritte ist ein Stück zurück ins Leben. Schritt für Schritt – das gilt für den Blog, das Training und das Leben selbst.
"Alles ist gut so, wie es ist!"
Wenn man das verstanden hat, wird vieles leichter. Da bekommt auch die Krankheit einen Sinn, bzw. das, was ich daraus lernen kann. Eines stimmt aber sicher:
"Wenn Du nicht an Dir arbeitest, dann tut es eben das Leben!"
Ich habe zwar an mir gearbeitet, doch vor entscheidenden Schritten bin ich immer wieder zurückgeschreckt. Also hat das Leben selbst die Dinge in die Hand genommen. Schon eigenartig, wenn ich daran denke, was ich alles erlebt habe: Mit dem Rad durch die Sahara gefahren, das kälteste Radrennen der Welt gewonnen, hohe Berge bestiegen und so vieles mehr. Da könnte man meinen, das Leben sei ein Klacks. Aber das ist es nicht.
Ich habe zu lange darauf gewartet, dass sich etwas ändert – aus eigener Kraft, aus eigenem Antrieb. Doch manchmal braucht es einen Anstoß von außen, eine Wendung, die man sich nie gewünscht hätte. Jetzt hat sich etwas geändert. Vielleicht nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe, aber es ist Bewegung in mein Leben gekommen. Und manchmal ist es genau diese Bewegung, die den nächsten Schritt möglich macht.
Laufen gehen wir Menschen schon seit der Steinzeit. Trailrunning ist so etwas wie eine moderne Form der Jagd. Früher verfolgte man ein bei der Jagd verwundetes Tier oder war Kilometer weit auf der Suche nach Nahrung. Deshalb fühlt sich der Mensch auch um vieles wohler, wenn er in der Natur unterwegs ist. Das ist er seit Jahrtausenden gewohnt.
Trailrunning beinhaltet für mich so vieles, worin ich derzeit eingeschränkt bin. Einerseits die Bewegung, die ich nicht ausüben kann. Andererseits der Geist, der ja besonders über die langen Distanzen gefordert wird. Koordination und Reaktion gehören dazu, das Wetter richtig beurteilen zu können, schmale Trails, an Abgründen vorbei, bergauf laufen, steil bergab - Dinge, von denen ich derzeit nur träumen kann.
Kurz gesagt, wenn ich Trailrunning wieder richtig ausübe, funktioniert mein Körper und Geist wieder. Deshalb ist Laufen können mein Antrieb und steht stellvertretend für so vieles, was ich noch oder wieder erreichen möchte. Trailrunning und die Vorstellungskraft ist somit etwas sehr wichtiges für mich.
Andererseits aber frage ich mich, möchte ich wieder funktionieren wie früher? Denn immerhin hat mich dieses "Funktionieren" dorthin gebracht, wo ich jetzt stehe. Mit einem Hirnabszess und einer Menge Beeinträchtigungen. Und diesen "alten" Teil des Lebens möchte ich neu gestalten. Vieles kann ich erst im Laufe der Zeit für mich klären. Noch fehlt es an Konzentration und mehrere Dinge gleichzeitig zu erfassen und machen zu können. Ich arbeite täglich daran und es wird ja langsam besser.
Ich lernte in der Zeit des "nicht funktionieren" so viel für mein Leben dazu. Eine Seite ist die Integration von sogenannten "Behinderten" in unsere sogenannte "normale" Gesellschaft. Eigentlich gehört es umgedreht. Wir sollten beginnen, die "normale" Gesellschaft, in die Gesellschaft der Menschen mit Handicap zu integrieren. Es wäre eine enorme Bereicherung für beide. Allerdings gibt es noch große Berührungsängste. Arnold Schwarzenegger ist zum Beispiel ein besonderes Vorbild dafür, diese abzubauen.
Leider war es mir aufgrund meiner körperlichen Verfassung nicht möglich, bei den Special Olympics in der Steiermark dabei zu sein. Es ist etwas, wo die allgemeine Bevölkerung lieber nicht hinschauen möchte. Auch ich erlebte ein Gespräch in einem Cafe mit, wo jemand auf die Special Olympics schimpfte. Was das Geld kostet und so. Dabei können wir alle davon nur profitieren. Arnold Schwarzenegger brachte es auf den Punkt, als er einem Kritiker in einem Facebook Posting antwortete. Und so können wir uns alle einmal bei der Nase nehmen und selbst anschauen, wie wir mit dieser Sache umgehen.
Ich hätte ja auch nie gedacht, dass mir so etwas passiert. Es wurde mein intensivstes Erlebnis bisher im Leben. Alles bisher Erlebte möchte ich nicht missen. Situationen die Grenzwertig waren, ans Limit gingen, in denen ich meine Komfortzone verlassen musste. Aber es war nur ein Aufwärmprogramm, für das was jetzt ist. Aber so fühlen sicher viele, die einen Schicksalsschlag erlitten haben. Es ist die Chance für einen neuen Anfang.
Was kann ich mir vorstellen? Die Antwort sollte sein: ALLES!
Das wäre das Ziel. Vor dem Hirnabszess war das nicht mehr so. Ich war bildlich gesprochen, auf einer falschen Spur abgebogen. Selbst der Sport und das Trailrunning konnten mir nicht helfen.
Wie hoch die Fähigkeit sich etwas Vorzustellen ist, dort finden sich auch die Grenzen in unserem Leben. Eine Vorstellung im Gehirn, löst die entsprechende Reaktion im Körper aus. Der Geist baut sich also den Körper.
In der Reha bekam ich überraschend die Möglichkeit, Biofeedback auszuprobieren. Meine Atmung und meine Temperatur, über den Hautleitwiderstand, wurden angezeigt. Ziel war es, nur durch Vorstellung, meine Körpertemperatur ansteigen zu lassen. Es wurde sichtbar gemacht über eine aufgehende Sonne über dem Meer. Umso höher die Temperatur, umso höher stieg sie auf. Es passierte nur über die Vorstellungskraft. Stellte ich mir nichts vor, sank die Sonne, bzw. die Temperatur fiel.
Ich stellte mir das Schwitzen am Rad, bei minus fünfundzwanzig Grad, in Alaska vor. Es war für mich besonders real vorstellbar und sogleich stieg die Sonne in die Höhe. Da ich derzeit jedoch noch nicht lange konzentrationsfähig bin, fiel die Temperatur bald wieder. Konzentrierte ich mich wieder auf das Schwitzen, stieg sie wieder. Das ging mehrmals so, auf und ab. Ein Beweis für die Kraft der Gedanken, für die Vorstellungskraft.
Diese unsere Gedanken können uns gesund machen oder geben uns Krankheiten. Dadurch bekommen wir die Möglichkeit, etwas zu ändern. Trailrunning im Hochgebirge ist für mich das beste Thema. Dieser Test kam gerade rechtzeitig, da es zum Thema dieses Blogs passt und das folgende noch mehr verständlich macht, nämlich "Die Kraft der Gedanken".

Als bestes Beispiel fallen mir meine Teilnahmen beim Iditabike in Alaska ein. Der große Unterschied meines "Denkens", im Jahr 1995 und 1997.
Im Winter 1995 wollte ich ursprünglich nach Südamerika, bekam aber keinen unbezahlten Urlaub von meinem Arbeitgeber, der Post. Am gleichen Tag der Absage, dem Heiligen Abend, entschied ich mich zum zweiten Mal am Iditabike teilzunehmen. Ich hatte noch genau 45 Tage, um mich darauf vorzubereiten. Eine mehrmonatige Pause nach der Rennsaison lag hinter mir. Es war zwar noch von der letzten Rennsaison eine gute Basis vorhanden, aber für ein 300 km Rennen, im Winter durch Alaska, war die Zeit für die spezifische Vorbereitung doch recht kurz.


Ich trainierte viel, aber dosiert. Ich wusste, Kraft spielt eine entscheidende Rolle. Eine genau so große Rolle spielte es, das Rad Kilometerweit durch den Schnee zu schieben. Darauf legte ich mein körperliches Hauptaugenmerk. Bei meinem ersten Antreten im Vorjahr, hatte ich kaum Ahnung darüber, was mich dort erwartete. Diesmal wollte ich es optimieren. Von Mentaltraining hatte ich zur damaligen Zeit noch kaum Ahnung. Instinktiv trainierte ich aber auch meinen Kopf.
Ich arbeitete damals noch bei der Post als Landbriefträger. Ein extrem harter Winter, mit viel Schnee, brachte mir Bedingungen, wie ich sie mir nicht besser wünschen konnte. Meine Arbeit war das beste Training. Meine Zustellrunde war rund 15 km lang und mit dem Moped zu absolvieren. Schwer bepackt mit Post, musste ich immer wieder, durch den tiefen Schnee, das Moped schieben. So konnte ich Muskeln trainieren, die ich dringend brauchte.
Manchmal war ich so in das Visualisieren des Rennens versunken, dass ich plötzlich aufschreckte und nicht mehr wusste, wie ich die letzten zehn bis zwanzig Häuser die Post zustellte. Dann musste ich zurück und nachschauen, ob alles passte. Es war zum Glück kein Brief falsch zugestellt. Das passierte mir mehrmals am Tag. Ich merkte damals das ich mit dem Visualisieren keine Probleme hatte.
So ergab ich mich in Tag träumen, wo ich das Rennen bereits erlebte. Aber ich machte einen großen Fehler. Wie schon erwähnt, hatte ich bis dahin kaum Erfahrung mit Mentaltraining. Das sollte sich rächen.
Damals dachte ich noch an die Probleme, wie ich sie im letzten Jahr erlebte. Ich dachte zu wenig an die schönen Seiten des Rennens. Ich stellte mir jedes Problem vor, das mir zustoßen konnte. Gleichzeitig hatte ich das Rezept parat, wie ich darauf reagieren werde. Zum Beispiel große Kälte und Stürze im Schnee. Ich stellte mir einen Sturz vor und wie ich darauf reagierte. Im ersten Jahr ärgerte ich mich über jeden Sturz. Mein Gegenprogramm war daher, Rad aufheben, aufsteigen und weiterfahren. Keine Energie ins Ärgern setzen. Bei ca. 50 Stürzen im Rennen eine große Energieeinsparung.
Und so nahm ich mir jedes Problem vor und wie ich darauf reagieren werde. Eigentlich gut, aber ich habe eines nicht bedacht. Warum stellte ich mir nicht gleich das Gute vor und ließ die Probleme weg. Gedacht, getan - Ich bekam alle gedachten Probleme im Rennen. Hatte zwar für alles eine Lösung parat, aber bekam zuerst eben auch alles Negative. Das Rennen beendete ich Schlussendlich an zweiter Stelle, nach über 30 Stunden Fahrzeit.
Ein Resultat, das meinem Denken entsprach. Das der spätere Gewinner auch Probleme hatte und ich die Möglichkeit zum Sieg bekam, damit rechnete ich nicht. Ich hatte mich quasi auf den zweiten Platz vorprogrammiert.
Ganz anders dann zwei Jahre später. Ich war zusammen mit Harald Maier unterwegs und durch ihn zum Bewusstseinstraining gekommen. Er galt zwar als Rookie in diesem Rennen, war mir aber meilenweit im mentalen Bereich voraus. Er gab die Anweisung, nur an Sieg zu denken. Wenn ich Probleme damit habe, sollte ich sofort zu ihm kommen.
Ich wurde mir einige Male unsicher, es konnte in diesem Rennen ja so viel passieren. Er meinte nur, das ist gut, da kann unseren Gegnern viel passieren. Wir programmierten mich aber sofort wieder auf Sieg. Gedanken über Kälte, Stürze oder das Rad schieben, ließ er nicht zu. Ein Kommentar von ihm: "Ich bin Radfahrer, kein Radschieber!". Damit hatte er recht 🙂
So vorbereitet, stand ich mit Harry am Start. Hatte es im Jahr zuvor -25 bis -35 Grad Celsius den ganzen Tag über, dazu viel Neuschnee und Wind, war es jetzt vollkommen anders. Minus zehn Grad am Start und Null Grad über den Tag, zwei Kilometer Rad schieben gegen 45 im Vorjahr und zwei Stürze gegen 50 im Vorjahr.
Exequo gewannen wir zusammen das Rennen, drei Stunden vor dem Drittplatzierten und in neuer Rekordzeit von unter neun Stunden. Ja, es war diesmal ganz anders. Eben auch das Denken über das Rennen. Die Vorstellungskraft hat beide Jahre geklappt, nur dieses mal mit einem mir lieberen Erlebnis und Ergebnis.
Ich habe viel gelernt in Alaska, aber noch nicht genug. Seit 1995 lerne ich täglich dazu. Gerade die Extremradrennen haben mir sehr viel gebracht. Im Sport bekommt man sehr schnell Rückmeldung, wenn etwas nicht passt, im "normalen" Leben dauert es viel länger, bis es einem auffällt. Einmal im Sport falsch essen und am nächsten Tag läuft es nicht gut.
Wir essen im täglichen Leben oft jahrelang falsch und haben kaum kurzfristige Konsequenzen zu erleiden. Aber manchmal geht es so weit, dass man einen "Schicksalsschlag" braucht, der einen zum Umdenken zwingt.
Daher bin ich auch auf den Hirnabszess nicht böse oder hadere mit meinem Schicksal. Ich habe Erkennen dürfen und kann es jetzt ändern. Wobei es nicht so schnell geht. Ich kann erst seit rund zwei Monaten wieder zusammenhängender denken. Es wird dauern.
Deswegen muss ich aufpassen, mich nicht zu überfordern oder zu viel zu wollen. Das Gehirn gibt mir den Rhythmus vor, es lässt sich nicht betrügen. Zwanghaftes Beschleunigen geht nicht, da streikt der Körper sofort. Das Gehirn gehört trainiert wie die Muskel beim Trailrunning.
So bin ich auch in der Zukunft mit mir beschäftigt, alles wieder ins Lot zu bringen. Eine interessante und tolle Aufgabe. Und über diese Zusammenhänge im Leben kann jeder nachdenken. Wo passt etwas nicht, was habe ich mir anders vorgestellt oder warum etwas nicht bekommen?
Oder auch, was habe ich mir vorgestellt und dann wirklich bekommen? Gut wäre es, dass alles nieder zu schreiben. Immer mit dem Hintergrund: Wie habe ich vorher darüber gedacht?
Zumindest stelle ich mir immer wieder vor, wie ich von einem Stein zum anderen Stein springe. Trailrunning ist mein großes Ziel, obgleich es noch sehr weit weg ist.