Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Gehen hat für mich mit Freiheit zu tun. Der Walkabout durch Austria ist somit auch dem Teil geschuldet, diese Freiheit wiederzuerlangen. Eine Freiheit, die dann wieder besonders wichtig wird, wenn man sie verloren hat. Der Weg Judendorf - Neusiedl kann mir viel bringen.

Mit dem Gehen habe ich mir etwas zurückgeholt, was weit wichtiger als nur das Gehen selbst ist, nämlich Freiheit. Zu fragen, wenn ich aufs WC wollte oder überhaupt das Bett zu verlassen, war lange mein Alltag. Da bekommt der Begriff "Freiheit" eine neue Bedeutung. Das ist kaum jemanden bewusst, was man noch unter Freiheit verstehen kann.

Judendorf - Neusiedl

Kurz ein paar nackte Zahlen:

  • ca. 230 km, mit Umwegen
  • 6 Tage
  • 5100 Höhenmeter bergauf
  • Sonnenschein und Hitze am Anfang
  • Kühl und Regen an zwei Tagen
  • Kalte Nächte im Zelt
  • Windig bis stürmisch
  • Lockdown-Zeit
  • permanent im Freien

Es war der Start zu meinem Walkabout durch Austria, von Judendorf - Neusiedl am See. 29 km vor dem östlichsten Punkt von Österreich habe ich vorläufig abgebrochen und warte das Ende des Lockdowns am 19.5. ab.

Judendorf - Neusiedl
der Weg
Judendorf - Neusiedl
die Höhenmeter
Judendorf - Neusiedl
die Kilometer

Das sagt der Planer, es wurde aber wegen der Umwege mehr.

Wo sind meine Grenzen?

Beim Gehen habe ich scheinbar kaum Grenzen. Trotzdem muss ich immer aufpassen, denn meine Grenzen sind sehr unterschiedlich. Denn warum kann ich nicht arbeiten, wenn ich doch so weit gehen kann? Eine berechtigte Frage!

Da sind auf der einen Seite die körperlichen Grenzen und auf der anderen die geistigen. Das ist mir die letzten Tage wieder sehr bewusst geworden.

Meine Grenzen bilden mehr als die Leistung, die messbar ist. Die Muskelschwäche behindert mich sehr, deswegen setze ich auf die Ausdauer. So kann ich länger am Limit agieren und das bekommt man von Außen nicht mit, dass ich am Limit bin. Ob 5 km oder 35 km, ich kann es nur vollbringen, indem ich mich dauernd an der Grenze bewege. Bewegung bedeutet Grenze für mich. Daher mein Verlangen danach, meine Grenzen auszuweiten.

Ich finde meine Grenze nicht durch das Denken, sondern nur durch das Fühlen. Das Herz entscheidet, wo die Grenze liegt. Ich gehe nie über meine Grenze, aber immer knapp an sie heran. Ich mache mich frei von allem, vergesse mein Ego und meinen Willen und spüre in mein Herz und handle danach. Deshalb kann ich auch alles beenden, wie diese Tour nach 6 Tagen im Lockdown. Ich gehe eben später weiter.

Um noch einmal darauf zurückzukommen, warum ich nicht arbeiten kann? Mir fehlt die Feinmotorik und der Automatismus, um produktiv Geld verdienen zu können. Ich habe kein Kurzzeitgedächtnis mehr, was in der Arbeitswelt notwendig ist. Es ist so viel in Unordnung in mir, dass ich froh bin, wenigstens eines wieder zu können. Nämlich zu gehen!

Denn bleibe ich nicht in Bewegung, funktioniert auch der Rest nicht so gut!

Der Weg

Das besondere ist, von zu Hause wegzugehen. Die ersten Meter waren ein eigenartiges Gefühl. Man kennt alles und trotzdem ist es anders. Kaum ging es in den ersten Waldweg hinein, war ich im Gehen drin.

Es ging über den Schöckel, weiter nach Plenzengreith und Passail. Hier übernachtete ich in einem Holzpavillon und war schon neugierig auf den nächsten Tag. Er sollte mich über die Sommeralm bringen.

Hier traf ich beim Wetterkreuz auf Andreas, der in der Gegend wohnte und ich bedanke mich für das Interesse und das Gespräch. Es sollte das Einzige intensivere am gesamten Weg sein, dass ich abhalten konnte.

Begegnungen

Mein Ziel, die Schanz, erreichte ich über Umwege. Einmal nicht aufgepasst und ich machte mehrere Kilometer Umweg. Das war besonders bitter, denn ich wollte die hohen Berge nach dem dritten Tag hinter mir lassen, wo ich die gesamte Verpflegung mitnehmen musste.

Die hohen Berge

Weiter ging es über die Teufelsteinhütte, den Pretul und das Stuhleck, welche ich bei traumhaften, aber windigen Wetter überquerte. Einzig der Wasservorrat machte mir Sorgen. Es war anstrengend und am Limit, aber ich dosierte mein Tempo. Ich war so konzentriert aufs Steigen, dass andere Gedanken keinen Platz hatten.

Judendorf - Neusiedl

Ab dem dritten Tage begann ich mein Essen zu rationieren. In Gloggnitz sollte ich die erste Einkaufsmöglichkeit haben, immerhin noch 50 Kilometer bis dorthin. Ich ergatterte unterwegs noch zwei Wurstsemmeln und so musste ich damit, einem kleinen Stück Brot, einem Gel und einem Müsliriegel bis morgen auskommen.

Wurstsemmel als Verpflegung am Weg Judendorf - Neusiedl.
Wurstsemmel x 2

Der Abstieg vom Stuhleck, mit 1750 Meter der höchste Punkt bis zum Neusiedlersee, barg noch einige Schwierigkeiten und wurde mit 27 km doch sehr lang. In der Früh hatte ich nur mehr 400 mml Wasser, ein Stück Brot und das Gel, dass musste reichen.

Ein schmaler Steig führte entlang eines Berges und durch zauberhafte Landschaft. Zu überquerende Murenabgänge ließen meinen Puls kurz hochsteigen. Danach ging es fast nur noch bergab bis nach Gloggnitz.

Windräder am Pretul.

Warmes Essen

In einer Fleischerei holte ich mir Essen zum Mitnehmen und verdrückte es neben der Straße. Aufgrund des Lockdowns war es ja nicht möglich ein Gasthaus zu besuchen. Es war mein erstes warmes Essen seit über drei Tagen.

Danach ging es noch in ein Kaufhaus, um meine Essensvorräte neu aufzustocken.

Das einzige warme Essen in sechs Tagen, auf dem Weg Judendorf - Neusiedl.
Das einzige warme Essen in sechs Tagen

Stromknappheit

Am vierten Tag merkte ich zusehends, dass ich meine Stromvorräte nicht mehr richtig händeln konnte. Ich hatte zwar eine kleine Solaranlage und Powerbank für Wanderer mit, aber es reichte nicht, um alles geladen zu halten. Ich hatte es verabsäumt, immer alles sofort bei Sonnenschein zu laden. Die Rechnung bekam ich jetzt.

Ich musste immer wieder mit der Powerbank nachladen, die bald leer war. Das wichtigste war mir entgangen, da zeigte sich wieder mein fehlendes Kurzzeitgedächtnis. Dazu kam was, an das ich nie dachte.

Ich sah immer wieder meinen gesuchten Weg auf der Komoot-App. Was ich aber nicht bedachte, es war kein markierter Weg, wie der Jakobsweg. Oft brauchte ich die Handypeilung, die mir den Weg zeigte. Oft ging ich vor und zurück, weil der Weg durch einen Eingang einer Mauer führte, den ich nicht erkannte. Ich ging zwar traumhafte Wege, die ich aber nur aufgrund der GPS Daten am Handy finden konnte.

Hatte ich keinen Strom, war ich orientierungslos. Es beunruhigte mich immer mehr, dass der Strompegel des Handy sank und alles leer wurde. Ich musste mir eingestehen, ohne Strom und funktionierendes Handy hatte ich keine Orientierung. Als alles endgültig leer war, stand ich da und wusste nicht wohin. Eine kleine Landkarte für den Notfall hatte ich verloren, sie hätte mir im Wald auch nichts gebracht.

Durch den Regen war es dunkel im Wald und die Sonne unsichtbar. Es gab zahllose Schilder bei jeder Wegkreuzung, die mir nichts sagten. Ich hätte überall hingehen können. So wurden aus wenigen Kilometern viele mehr und ich kam doch nicht weiter.

Es begann zu dämmern und ich legte mich neben den Trail im Zelt zum Schlafen. Zum Glück hörte es auf zu regnen. Während des Aufbaues preschten etwa 10 Wildschweine nur 20 Meter von mir entfernt mit einem Höllenlärm vorbei.

Das Ende von Teil 1

Unfähig auch nur etwas zu denken, legte ich mich hin. Über 40 Kilometer legte ich an diesem Tag zurück und wusste nicht, wohin weiter. Sobald ich logisch denken wollte, baute sich die mir schon sehr bekannte weiße Wand auf. Ich denke, das waren die Minuten, in denen ich den Abbruch erwog. Ich wollte nur mehr irgendwie nach Neusiedl kommen und dann bis zum Ende des Lockdowns zu Hause abwarten. Regen und Lockdown, diese Kombination war für mich zu viel.

Ich fühlte mich zwar recht gut, abgesehen vom Zustand des Denkens. Das machte mir Angst, denn damit hatte ich mich nicht unter Kontrolle. Alle drei Tage brauche ich doch noch ein Quartier, um mich zu erholen und den Stress mit dem Strom nicht zu bekommen.

In der Früh ging ich schon um fünf Uhr los. Einfach den Weg und der Markierung folgend, nicht ahnend, wohin er mich bringen wird. Nach einer dreiviertel Stunden bergab gehend, erreichte ich St.Georgen. So stand mir ein Straßenweg von über 30 Kilometer bis nach Neusiedl im wieder einsetzenden Regen bevor.

Dort angekommen, war es eine leichte Entscheidung nach Hause zu fahren und erst nach dem Ende des Lockdowns wieder weiterzugehen.

Fazit von Judendorf - Neusiedl

Es war eine gute Erfahrung, bei Lockdown zu Fuß unterwegs zu sein. Es zeigte mir sehr gut meine Defizite auf. Diesmal spürte ich allerdings mehr die geistigen, wie die körperlichen.

Es ist für mich von immenser Bedeutung, in allen Welten zurechtzukommen. Daher brauche ich Erfahrungen, die mein Denken in bestimmten Momenten bis ans Limit herausfordern. Gerade das Gefühl der Orientierungslosigkeit war auf diese Art neu für mich. Auch im Umgang mit Regeln konnte ich viel dazu lernen. Einerseits mit Corona, andererseits mit den Naturgesetzen.

Am meisten war es aber interessant, wie gut mein Körper in der Natur reagiert. Auch in der Erholung im Zelt konnte ich mich verbessern. Allerdings brauche ich doch noch alle paar Tage einen geschützten Raum, sprich einen Gasthof, eine Pension oder ein Hotel.

Schon diese sechs Tage reichten, dass ich mich zu Hause schwer wieder reinfand. Der Tagesablauf mit Gehen und dem System mit Zelten behagte mir weit mehr, als die letzten Jahre mit Rehabilitationstraining.

Nach dem Lockdown geht es sofort weiter!



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Da für mich der Alltag noch immer Therapie bedeutet, war auch der Camino France eine Therapie. Allerdings eine alternative. Es wäre schön gewesen, auf Krankenschein hier herfahren zu können 😁, für mich zumindest. Denn es ist noch immer für mich wichtig, in allem was ich mache, mein Handicap zu verbessern.

Vieles in der Reha gelernte und zu Hause verfestigte, konnte ich hier im Alltag anwenden. Eine wohltuende Abwechslung. Aber auch die bestehenden Defizite konnten entsprechend trainiert werden.

Viele Herausforderungen am Weg haben mir geholfen Bereiche zu üben, in denen ich noch Defizite habe und die noch nicht funktionieren.

Gehen mit Handicap

Handicap 1: Das Gehen

Mein Hauptgrund hierher zukommen war ja, dass ich Gehen wollte. Allerdings, mit Behinderung auf einen so langen Weg? Ich wusste selbst nicht, was auf mich zukommt.

Nun, ich habe die Herausforderung angenommen. Was unmöglich schien, sollte Wirklichkeit werden. Das Gehen war und ist noch immer eines meiner Handicaps. Ich musste es also vorsichtig angehen und durfte nicht auf zu viel Verbesserung hoffen. Es braucht alles seine Zeit und ich bin ja schon bisher täglich gegangen. Verbesserung stellt sich trotzdem nur langsam ein.

Ein Bestreben von mir war, technisch möglichst gut zu gehen und keine Fehler einreißen zu lassen. Denn solche einmal eingelernten Fehler sind nur schwer wieder zu ändern.

Gehen

Am Anfang wenig Probleme

Lange Zeit ging alles gut. Keine Probleme, keine Schmerzen – nur eine einzige Blase, mehr nicht. Ich war – natürlich – gedanklich stark beim Gehen. Denn automatisch lief hier gar nichts.

Jeder Schritt wollte gesetzt, jede Bewegung bewusst geführt sein. Ich achtete auf meine Füße, auf den Boden, auf jeden Tritt. Die ersten Tage war ich übervorsichtig unterwegs, tastend fast, als würde ich mich in unbekanntem Gelände bewegen – was es ja auch war, zumindest für meinen Körper.

Zur Vorsicht Blasenpflaster

Besonders das, wohin ich trat, verlangte meine volle Konzentration. Ich merkte es deutlich in den Tunneln – und davon gab es viele. Meistens war es in der Mitte stockdunkel. Da hieß es: besonders achtsam sein. Ich muss sehen, wo ich hintrete. Ohne diese visuelle Rückmeldung fehlt mir das Gefühl dafür, wie weit der Fuß noch vom Boden entfernt ist. Genau deshalb fällt mir das automatische Gehen noch immer so schwer. Diese Tunnel – sie waren echte Prüfsteine auf meinem Weg.

Der Teletubbi-Gang

Was komisch war, hier gingen viele den "Teletubbi-Gang". Es war auch mein Gang, besonders am Anfang und in bestimmten Situationen auch heute noch. Hier sind die meisten vom Gehen überfordert und schlurfen dann dahin.

Besonders lustig wurde es in der Früh in den Herbergen. Viele kamen fast nicht mehr von den Stockbetten herunter. Sie hatten solch einen Muskelkater, Sehnen- oder Bänderschmerzen, dass sie es nur unter größter Mühe schafften.

Verkürzungen, auch andere haben ein Handicap
Besonders viele Asiaten hatten Probleme

Dehnen und Stretching

Stretching

Regelmäßiges Dehnen und Stretching gehörte bei mir dazu. Alles in meinem Körper muss erst wieder gestärkt werden, daher ist auch dehnen unverzichtbar. Seit dem Krankenhaus habe ich außerdem extreme Verkürzungen, besonders in den Beinen.

In den ersten Tagen war ich besonders darauf bedacht, meine Beweglichkeit zu erhalten. Ich achtete sehr darauf, dass keine Sehnen- oder Bänderbeschwerden auftraten. Aufmerksamkeit auf meine Handicaps legen, war wichtig.

Handicap 2: Das Gleichgewicht

bergauf, bergab - mit Handicap

Zum Gehen gehört auch das Gleichgewicht. Besonders steile Stücke sind für mich eine Herausforderung. Umso langsamer ich werde, desto mehr Probleme bekomme ich mit dem Gleichgewicht. Das ist an sich normal, ist bei mir aber nochmals verstärkt. Gerade steil bergauf wanke ich oft von links nach rechts. Zu Hause würde man mich als betrunken abstempeln, hier war es normal.

Die oft kleinen Japaner mit ihren großen Rucksäcken wankten bei jedem Schritt. Daher bin ich gar nicht so besonders aufgefallen. Wie man sieht, alles eine Ansichtssache!

Bei mir ist das gestörte Gleichgewichtsgefühl dafür verantwortlich. Andere Pilger taumeln ebenso dahin. Muskelkater, ein zu schwerer Rucksack oder andere Beschwerden lassen es nicht anders zu. Daher fühle ich mich hier nicht alleine. Der Unterschied ist aber, dass sie nach Ablegen des Rucksacks oder der entsprechenden Erholung wieder fit sind, bei mir bleibt es beständig.

Handicap3: Der Schwindel

Handicap erfordert Pause

Nach Pausen, die ich sitzend oder liegend verbringe, richte ich mich langsam auf, um nicht schwindlig zu werden. Dieses Leiden ist noch immer da und begleitet mich seit dem Krankenhaus. Damals, am Beginn, konnte ich mich oft nur 10 Minuten aufrecht halten. Das habe ich seither immer mehr ausweiten können, aber ich muss noch immer aufpassen und mich langsam aufrichten.

Handicap 4: Die Position des Körpers

Hineingehen in eine Steigung erfordert eine Neupositionierung des gesamten Körpers. Der (schwere) Rucksack mit seinen 6 bis 7 kg, tut seines dazu bei. Schwer ist natürlich relativ. Eigentlich ist es leicht, aber ich hatte immer das Gefühl, 20 bis 25 kg zu tragen. Immer wieder war ein Anpassen der Winkel im Körper, passend zur Steigung des Weges und des Untergrunds notwendig. Das musste ich immer bewusst machen. Meine gesamte Automatisation ist verloren gegangen.

In Leon passierte mir dann auch ein folgenschwerer Fehler. Dort waren extrem viele schräg hängende Gehsteige. Absolutes Gift für meine Sprunggelenke. Zuerst merkte ich nichts, aber außerhalb Leons begann ein eigenartiges Ziehen in Gelenk und Schienbein.

Es war wie mit Skischuhen auf einer schrägen zu gehen. Man hält es nicht lange aus. Ähnlich erging es mir. Ich war unvorsichtig geworden. Immerhin hatte ich schon fast 500 Kilometer ohne größere Probleme zurückgelegt. Das sollte sich rächen.

Gehsteige in Leon waren mit Handicap schwer zu bewältigen
Schräge Gehsteige in Leon

Aus wegen Unvorsichtigkeit

Am nächsten Tag spürte ich einen eigenartigen Schmerz, konnte ihn aber nicht deuten. Ich legte noch 40 km in Etappen zurück, um dann festzustellen, dass sich eine Sehnenscheidenentzündung bemerkbar machte. Die ungewohnte Bewegung über wenige Kilometer bescherte mir das Aus.

Unter Umständen wären mir mehrere Wochen Ruhepause bevor gestanden, wäre ich weiter gegangen. Da die letzten 250 km nach Santiago bergig sind, entschloss ich mich nach Astorga zurückzugehen und den Camino zu beenden. Da meine Reha bald anfängt, wollte ich nichts riskieren.

Schade, aber ich darf dankbar sein, so weit gekommen zu sein.

Handicap 5: Die Hände

Mir fehlt nach wie vor die Feinmotorik. Alles fummelige bereitet mir Probleme. Ein besonderes Training bescherten mir eingewickelte Zuckerln. Ich brauchte für jedes mehrere Minuten, um das mit Papier ummantelte zu öffnen. Es war gleichzeitig eine gute Übung für automatisiertes Gehen, da ich mit meiner Aufmerksamkeit beim Greifen war. Training pur also! Meine Ergotherapeutin hätte eine Freude mit mir gehabt.


Zuckerl    Zuckerl, Ergotherapie
Überhaupt war das Greifen schwierig. Am gemeinsamen Essen beteiligte ich mich nicht oft. Schüsseln wurden herumgereicht und das stellte mich oft vor ein Problem. Ich konnte sie nicht richtig fassen oder weiterreichen. Ungelenkig und potschert stellte ich mich an. Zu erklären, dass ich krank war, ist mir nicht möglich gewesen. Vor allem nicht in den verschiedenen Sprachen. So vermied ich es einfach, es war das leichteste für mich.

Handicap 6: Das Denken

Das Denken muss ich unterteilen, da es verschiedene Bereiche oder Umstände gibt.

Ein wichtiger Punkt ist mir gleich aufgefallen. Ich wollte ja Gehen, um im Kopf leer zu werden. Leer werden heißt aber, NICHT denken. Das tat ich und diese gewonnene Energie setzte sich in vermehrter Gehleistung nieder.

Gar nichts Denken konnte ich natürlich auch nicht. Meine Bewegungen musste ich natürlich noch immer andenken. Aber Gedanken über Probleme, was ansteht und vieles andere, sind weggefallen. Und diese frei werdende Ressource zeigte sich in Gehleistung.

Es gibt zwei Arten von Denken

Es ist eigentlich ganz einfach, hatte ich aber im Vorfeld nicht bedacht. Ich habe über den Tag eine bestimmte Menge Energie. Egal ob ich denke, gehe oder sonst wie bewege, diese Energie wird weniger. Da aber das Denken über die Probleme zu Hause wegfielen, blieb einfach mehr für das Gehen über.

Noch ist die Energie schneller vorbei, als der Tag Stunden hat. Daher spüre ich diese Veränderung sehr stark. Das war auch ein Hauptgrund für manch einen Zweifel vorher, ob ich überhaupt schon fahren kann. Ich musste halt aufpassen, diesen Punkt nicht zu übersehen, denn dann kann es mühsam werden.

Orientierung = denken

Wegweiser
Landkarte vom Camino

Ich muss denken, um vorwärts zu kommen. Die Orientierung am Camino war nicht so schwer. Überall weisen gelbe Pfeile oder die Jakobsmuschel den Weg. Nur ganz selten war ich im Zweifel, ob ich noch richtig bin. Da machte mir die andere Art der Orientierung mehr Probleme.

Nämlich die Orientierung wo ich war. Damit war ich überfordert. Das nächste Dorf konnte ich mir gerade noch  merken. Aber aus welchem ich herkam oder wo ich hinwollte, dass hatte ich gleich wieder vergessen. Ich wurde immer wieder gefragt, wieweit ich noch zu gehen gedenke. Das konnte ich aber nicht sagen. Mein fehlendes Kurzzeitgedächtnis war daran schuld. Ich hatte kein Gefühl für Distanzen oder merkte mir einen Namen.

Wie ich ein Rezept zum Kochen immer wieder von vorne durchlesen muss, ist es auch mit der Tagesetappe. Immer wieder von vorne. Ich konnte im Reiseführer nachschauen, eine Minute später wusste ich nicht mehr, wohin oder wieweit. Es gab aber nur eine Richtung und die war mit gelben Pfeilen markiert. Und irgendwann musste auch eine Herberge kommen.

Soweit mich die Beine tragen

Ich ging einfach, soweit mich die Beine trugen. Zu Mittag begann ich nach einer Herberge Ausschau zu halten. Meine Konzentration lässt am Nachmittag stark nach, da wollte ich bereits ein Quartier haben.

Außerdem wurde es am Nachmittag recht heiß. Dem wollte ich mich nicht aussetzen. Während andere noch gingen, legte ich bereits die Beine hoch, obwohl ich die Hitze gut vertrug. Aber ich war meist schon seit frühen Morgen unterwegs, da konnte ich gerne stoppen. Mir lief ja nichts davon und ich hatte ja nicht das Ziel, nach Santiago zu gelangen. Zumindest zunächst nicht.

Erst gegen Ende zeichnete sich ab, dass ich den Camino France doch in Santiago beenden könnte. Allerdings durften keine Zwischenfälle vorkommen, was ja bekanntlich anders endete.

Denken und Gedanken

So reduzierte ich das Denken auf ein Minimum. Ich verfiel oft in ein meditatives Gehen. Keine Gedanken, kein durchspielen von Möglichkeiten, nichts. Denken und Gedanken, ein Mysterium. Mit Gedanken habe ich sowieso noch meine Probleme. Es sind mir noch keine weiterführenden Gedanken möglich.

Handicap 7: Die Konzentration

Eine gewisse Konzentration war notwendig. Für das Gehen, das Bewegen und für die Orientierung habe ich sie gebraucht. Alles andere versuchte ich zu vermeiden.

Angestrengte Gespräche und Diskussionen am Abend unter den Pilgern führte ich keine. Das kostete mir zu viel Energie. Außerdem wurden meist zwei, drei Sprachen am Tisch gesprochen. Das war mir zu anstrengend und ich verzog mich in mein Bett. Ich ordnete alles dem Gehen unter.

Handicap 8: Die verschiedenen Sprachen

Spanisch überforderte mich von Anfang an. Es war so anstrengend, dass ich mein Spanisch Wörterbuch bei nächster Gelegenheit nach Hause schickte. Wenn, dann musste Mr.Google herhalten. Einzig Englisch zu sprechen ging, war aber trotzdem schwer für mich. Ich konnte vielen Gesprächen nicht folgen, selbst Sprechen stellte oft ein Handicap dar.

Ein paar Pilger wussten über meine Probleme Bescheid. Sie gingen auf meine Problematik ein und halfen mir immer wieder. Mit ihnen ging ich auch ein Stück des Weges oder traf sie alle paar Tage wieder.

Es tat mir oft leid, dass ich vielem nicht folgen konnte und mich oft zurückzog. Aber es ging nicht anders, mein Hauptaugenmerk lag beim Gehen. Etwas anderes war mir nicht möglich.

Das wichtigste, Energie einsparen!

Gehen mit Handicap

Ich musste Energie einsparen, wo ich konnte. Mir war klar, dass ich vieles nicht erleben konnte, was den Camino ausmacht. Aber ich war ja wegen etwas anderem hier und dieses Erleben war genauso wertvoll. Wie man den Camino auch angeht, man wird so akzeptiert, wie man es möchte. Jeder kommt mit einer eigenen Motivation her.

Ich komme wieder

Besonders die Städte mit ihren alten Bauten und Kirchen sind sehr schön und sehenswert. Ich möchte unbedingt wiederkommen, um auch dieses "andere" am Camino zu erleben. Gerade die Städte und Dörfer haben einen eigenen Flair, den ich nur am Rande wahrnekmen konnte.

Nicht eingeschränkt, nur anders!

Nun, in diesen Bereichen lagen meine Defizite am Weg. Ich habe mit meiner Behinderung und Handicap zu leben. Das ist eben anders wie früher.

Das Erleben war nicht eingeschränkt, sondern nur anders.


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
Blogheim.at Logo
Bloggerei.de
Copyright © Jörg Krasser
Konzipiert und gestaltet von
crossmenu linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram