Heute, dem 27.03.2020, feiere ich meinen vierten Geburtstag nach dem Hirnabszess. Das Datum steht für meinen Neubeginn und der Einlieferung ins Krankenhaus. Mit dem Corona Virus hat sich allerdings viel verändert. Seit der Krise gelten meine mühsam Erlernten Routinen nicht mehr und ich muss einiges neu zulassen und lernen. 

Es gibt zur Zeit keine Therapien und die Rehabilitation findet ausschließlich bei mir zu Hause in Eigenregie statt. Ein wichtiger Anker fehlt somit und ohne Anleitung muss ich mir ein Programm zusammen stellen, mit dem ich zurecht komme. Für mein Gehirn eine Herausforderung, denn die Unterstützung von Außen fehlt. Langsam und Schritt für Schritt beginne ich erneut, mich und das Leben auszuloten.

Gehen

Was geschah bisher?

Es begann am 27.März 2016. An diesem Tag wurde ich mit der Diagnose Hirnabszess ins Krankenhaus eingeliefert. Einen Monat wurde ich auf der Intensivstation behandelt. An diese Zeit habe ich nur bruchstückhafte Erinnerungen. Sehr viel später erfuhr ich erst, was sich alles zugetragen hat.

Noch weitere vier Monate verbrachte ich auf der Normal- oder Reha-Station. Praktisch rund um die Uhr bekam ich Infusionen mit Antibiotica, fünfmal am Tag, jeweils drei Flaschen. In den kurzen Pausen dazwischen bekam ich Mobilisation und wurden erste Reha-Maßnahmen gesetzt. Ich lernte die Basis des Gehen und der Bewegung.

ich auf der intensivstation

September 2016

Ab September war ich wieder Zuhause, im vertrauten Umfeld der Familie. Schwach und Kraftlos war mein Tagespensum 50 - 100 Meter gehen, danach ging nichts mehr.

Statt wieder daheim, war ich das dritte "Kind". Alles neu zu lernen, war auch für meine Familie eine Belastung. Jede Bewegung war gleichzeitig Therapie. Darum tue ich mich auch heute noch schwer, nicht in allem was ich mache, Therapie zu sehen.

Im Dezember ging es auf Reha, wo ich meinen 50. Geburtstag "feierte". Nach vier Wochen Stationärer Therapie war ich am Limit. Ich brauchte vier Monate, bis ich mich davon erfangen habe. Allerdings benutzte ich danach nie mehr einen Rollstuhl.

In der Reha feierte ich meinen 50. Geburtstag

2017

Im Mai 2017 begann ich meinen Blog und auf Instagram zu schreiben, was auch ein Teil meiner Rehabilitation war. Das Schreiben hilft mir bis heute. Allerdings ist es mir noch nicht gelungen, das eine oder andere Trauma aufzulösen.

Im Sommer machte ich dann meine zweite stationäre Rehabilitation. Im Herbst konnte ich bereits zwei bis drei Kilometer weit gehen, allerdings mit vielen Pausen. Ich kämpfte, bildlich gesehen, um jeden Milimeter.

In den 200 Meter entfernten Wald ging es bergauf und ich versuchte jedesmal ein paar Meter höher zu kommen. "Never give up", entstand in diesen Tagen.

Ende des Jahres begann ich wieder zu Denken, allerdings hatte ich kein Kurzzeitgedächtnis mehr und konnte nichts aufbauendes Denken.

Geburtstag in der Reha

2018

Es wurde ein sehr gemischtes Jahr. Die Trennung von meiner Lebensgefährtin, mit der ich immerhin zwanzig Jahre zusammen lebte und zwei Kinder habe, warf mich fast an den Anfang zurück. Ich bekam große gesundheitliche Probleme, noch konnte ich es gedanklich verarbeiten.

Im Juni entschloss ich mich, trotz der gesundheitlichen Schwierigkeiten, zum Jakobsweg nach Spanien zu fahren. Ich kam weiter als gedacht, aber nach rund 500 Kilometer musste ich in Astorga abbrechen, denn Ende Juli stand mein dritter Reha-Aufenthalt bevor. Die sechs Wochen in der Reha-Klinik brachten mich wieder an, bzw. übers Limit.

Nach wenigen Tagen Erholung, fuhr ich zurück zum Camino France, der eine andere Art der Reha für mich war und beendete ihn in Finesterre am Meer.

2019

Judendorf wurde meine neue Heimat und ich brauchte lange (eigentlich bis heute noch), um einen eigenen Haushalt zu gründen. Statt einer stationären Reha ging ich diesmal über drei Monate hinweg zur Physio- und Ergotherapie. Das half mir besser, wie ein sechswöchiger Reha-Aufenthalt. Das größte Problem für mich, war der noch immer auftretende Schwindel. 

Im Juni und Juli war ich wieder am Jakobsweg unterwegs, diesmal am Camino Norte. "Gehen als Medizin", bekam für mich eine immer größere Bedeutung. Wieder Zuhause trainierte ich vor allem weiter die Bewegung, denn ich merkte, dass mir die Umfänge und vielen Wiederholungen beim Gehen gut taten. Außerdem wird das Gehirn mittrainiert.

Gleichzeitig begann ich im Spätsommer eine Traumatherapie und nahm psychologische Hilfe in Anspruch. Ich hatte mich zwar in allem verbessert, musste gleichzeitig aber akzeptieren, dass Verbesserungen zwar da waren, aber nicht in dem Umfang, wie ich es mir gewünscht hätte.

Camino de Norte

Der Jakobsweg Weinviertel ließ mich noch einmal das Gehen intensiver erleben.

Anfang des Jahres bekam ich in der Ergotherapie die Aufgabe, auch öfter einmal etwas NICHT unter dem Mantel der Therapie zu machen. Hin und wieder gelang es mir, aber der Beweggrund bestand doch meist aus Therapie. Mit Behinderung das Leben wieder zulassen können, wurde immer wichtiger.

2020

Da ich Postler war, wusste ich, "Aufgeben tut man nur einen Brief!", also habe ich nie aufgegeben. Darum arbeitete ich weiter am Gehen, in der Bewegung, im Denken und besonders in der Bewusstseinsbildung. Den langsamen Fortschritt lernte ich zu akzeptieren.

Im Februar fuhr ich erneut zum Camino Frances. Gehen nicht nur als Therapie zu sehen, war meine Herausforderung. Es gelang auch oft und ich hatte große Freude am Gehen. Es ist kaum zu beschreiben und ich wollte gar nicht aufhören. In einem für meine Verhältnisse, nach dem Hirnabszess, super Zustand, kam ich zurück. 

Crux de Ferro
Crux de Ferro

Eine weitere vier Tage lange Wanderung am Wiener Wallfahrerweg nach Mariazell, ließ mich langsam wieder in der Heimat ankommen.

Gleich darauf begann die Corona Virus Krise und stellt meine mühsam und über lange Zeit erlernte Routinen auf den Kopf. Statt soziales Leben lernen, trat wieder Soziale Distanz in mein Leben. Wie auch den Hirnabszess vor vier Jahren, kann ich es nur hinnehmen und versuchen, wieder eine neue Struktur in mein Leben zu bekommen.

Geburtstag

4. Geburtstag

Ich habe den 27. März als meinen zweiten Geburtstag genommen, weil mit der Einlieferung ins Krankenhaus mein 2. Leben begann. Ich feiere diesen Geburtstag für mich, denn ich bin dankbar, ihn bereits zum vierten Mal erleben zu dürfen!

Mit dem Camino Frances im Winter und dem Wiener Wallfahrerweg konnte ich noch zwei Pilgerwege vollenden, bevor der Coronavirus Österreich und die Welt stilllegte.

So wie ich vor ziemlich genau vier Jahren stillgelegt wurde, passiert es auch dieser Tage mit der Mehrheit von uns. "Das Leben neu kennen lernen", seit vier Jahren meine Aufgabe, ist es jetzt auch für die meisten Menschen eine Herausforderung geworden.

Mich selbst hat es auf die Zeit nach dem Hirnabszess zurückgeworfen. Im letzten Jahr bekam ich die Aufgabe, mich wieder unter Menschen zu begeben und das Sozialleben wieder zu lernen. Jetzt ist es genau umgekehrt.

"Socialdistance" 

"Socialdistance" zu praktizieren, verwirrt mein Gehirn. Ich gebe mir Zeit, um all die Anforderungen zu verstehen. Das Gehirn gibt mir das Tempo vor, alles zu verstehen und in meinen Alltag integrieren zu können.

Für mich besteht jetzt die Aufgabe, trotz des Abstand halten nicht in die soziale Einsamkeit zurück zu fallen. Seit einem Jahr arbeite ich daran, das Leben wieder zuzulassen zu können und gedanklich nicht in allem bei Rehabilitation und Therapie zu sein.

Social Distancing am Wiener Wallfahrerweg

Das Pilgern hat mir bisher am meisten dabei geholfen, denn in der Normalität des Gehens findet, fast unbemerkt, auch Therapie statt. Gerade das soziale Leben kann ich nur mit einer entsprechenden Geschwindigkeit neu lernen, die meinem Geist angepasst ist. Mich auf Menschen einlassen, in einem Umfang, der mir gut tut und mich nicht überfordert.

Allerdings sollte sich das nach dem Wiener Wallfahrerweg ändern. Da ja eigentlich noch Winter ist, traf ich auf diesem Weg nur wenigen Menschen. Nach der Rückkehr sollte sich das noch dramatischer verstärken. In diesen Tagen kam dann das Wort "Socialdistance" auf. Für mich schlimm, da ich ja "Sozialnähe" üben sollte. Da ich in diesen ersten Tagen der beginnenden Corona-Krise aber in Wald und Wiese unterwegs war, konnte ich mich auf das später Folgende langsam einstimmen.

Der Wiener Wallfahrerweg

Zusammen mit Alexander Rüdiger startete ich am äußersten Stadtrand von Wien, in Kaltenleutgeben, am 12. März und wir gingen bis 15. März. Mit einigen Schritten ging es über die Stadtgrenze und wir waren im Wienerwald. Bis auf wenige Begegnungen, waren wir vollkommen alleine. So nahe der größten Stadt Österreichs, war so wenig los. Mit jedem Tag sollte es aber noch weniger werden.

Am ersten Tag pilgerten wir von Kaltenleutgeben bzw. Perchtoldsdorf nach Weissenbach an der Triesting. 30 Kilometer, meistens durch Wald. In Heiligenkreuz machten wir Pause im Stiftskeller. Zum Pilgern und Gehen gehört auch Genuss, der hier in köstlicher Weise in Form von hervorragenden Gerichten zelebriert wird. Für uns das letzte Mal, vor dem Beginn des Ausnahmezustandes. Wir besichtigten noch die Kirche und dann ging es in die zweite Hälfte der Strecke.

Über den Peilstein erreichten wir am späten Nachmittag Weissenbach. Die großen Fabriken überraschten uns, unter denen sich auch Weltmarktführer befinden. Im einzig geöffneten Gasthof nahmen wir ein Zimmer. Wir bekamen erste Diskussionen um den Corona Virus mit. Es schien doch schlimmer zu werden, als angenommen.

Wiener Wallfahrerweg in Heiligenkreuz
Heiligenkreuz

Regentropfen und Sonne

Einzig für den zweiten Tag war Regen vorhergesagt. Allerdings gab es auch starken Wind der den Regen verblasen hat und so gab es nur Vormittag ein paar Regentropfen. Der Weg führte über das Kieneck und weiter nach Rohr.

Wiener Wallfahreweg, Aufstieg zum Kieneck
Aufstieg zum Kieneck

Über Wurzeln und Steine stiegen wir höher. Hier merkte ich wieder, wie unterschiedlich Gehen sein konnte. Solange ich einen Fuß vor den anderen setzen, ja eigentlich schleudern, konnte, blieb es einfach. Musste ich jedoch ein Bein anheben oder knapp Kniehoch steigen, so setzte mir die Muskelschwäche Grenzen. Selbst steile Hänge versuche ich in viele kleine Schritte zu zerlegen, um das Steigen zu verhindern.

Gehen und Steigen

Pilgern funktioniert deswegen so gut für mich, weil es im Grunde nur Gehen und kein Steigen ist. Die Strecken sind meist so, dass auch schlecht trainierte Menschen meist zurechtkommen. Daher ist auch das Hochgebirge noch nichts für mich, denn dort ist Steigen gefragt. Ich trainiere natürlich auch zu Hause, dass Treppen steigen, habe aber bisher nur minimalen Erfolg. 

Durch traumhafte Landschaft geht es weiter und ich bemerke wieder, wie gut mir die Natur tut. Umso länger ich mich darin aufhalte, umso besser wird auch meine Wahrnehmung. Der Schwindel wird weniger, die Konzentration ist besser und das Gleichgewicht fühlt sich stabiler an. Kann ich längere Zeit in der Natur verbringen, fühle ich mich einfach besser. Nur wenige Augenblicke in der Stadt können reichen, um dieses Gefühl zu verlieren und in einen inneren Alarmzustand zu verfallen, als ob mein Leben bedroht wird.

Verbessern lässt es sich, indem ich mich öfter der Stadt aussetze, sondern indem ich das gute Gefühl in der Natur verlängere und dadurch verbessere. Es geht aber nur langsam, Schritt für Schritt voran. Wahrscheinlich auch deswegen, weil es (mir) nicht möglich ist, solange in der Natur zu bleiben.

Auf einem meiner nächsten Pilgerwege möchte ich versuchen, im Freien im Schlafsack zu nächtigen. Ich bin mir sicher, gesundheitlich auf einen nächsten Level zu kommen. Aber diese Gedanken, bleiben im Moment Gedanken. Der Coronavirus hat anderes mit uns vor und für mich heißt es, mit dem Nicht-Gehen und Zuhause bleiben, umgehen zu lernen.

Hystierie und Hamsterkäufe

Die Nachricht von Hamsterkäufen erreichte auch uns. Im örtlichen kleinen Kaufhaus bemerkten wir allerdings nichts davon und wir waren gleich darauf wieder in der Einsamkeit der Berge unterwegs. Jetzt abzubrechen, wäre mit einem unglaublichen Aufwand verbunden gewesen und hätte nichts gebracht. Wir entschieden uns weiterzugehen, alles andere hätte nichts gebracht.

Eine ordentliche Verkehrsverbindung war erst wieder ab Mariazell möglich. Keine Einkehrmöglichkeiten, keine Menschen am Weg und nur Berge um uns herum, ließen einen an die Wildnis Kanadas denken. Tatsächlich waren wir nur 20 Geh Stunden von Wien entfernt.

Von Mariazell aus braucht man ca. 4 Stunden mit den Öffis oder zwei Stunden mit dem eigenen Auto. Als Pilger misst man Entfernung mit der Zeit, die man braucht, um dorthin zu Gehen. Daher war alles weit weg. Nach Hause zu gehen, bedeutete mindestens einen Tag durchgehend zu gehen.

Also beschlossen wir den Wiener Wallfahrerweg bis nach Mariazell zu Pilgern und dann den Heimweg anzutreten.


Der Camino ist in mir noch lebendig, allerdings hat mir ein Tag Paris gezeigt, wo ich wirklich stehe. In der Stadt werden meine Defizite in der Bewegung und der Aufmerksamkeit sichtbarer. Sämtliche Sinne sind aufs äußerste angespannt und die Stadt fordert ihren Tribut. Auch daheim ist es nicht mit dem Camino vergleichbar oder mit dem Anfang vor vier Jahren.

Das größte Therapie Zentrum der Welt, der Camino, hat mir allerdings sehr geholfen das Leben wieder ein Stück mehr kennen zu lernen. Diese Verbesserung geht in Mikroschritten vor sich, wobei, auch die Gewöhnung daran ist eine Verbesserung.

Mein größtes Therapie Zentrum,
daheim am Camino

Blind in Paris

Nach einem Monat praktisch ständig in der Natur, holt es mich in Paris in die Wirklichkeit zurück. Ich bin unfähig, normal durch die Stadt zu gehen. Mit dieser Hektik komme ich kaum zurecht. Es ist ein Haken schlagen, wie ein Hase, ansonsten würde ich andauernd mit jemanden kollidieren. 

In all dem Wirbel fällt mir ein Blinder auf. Er sucht seinen Weg durch all die vielen Menschen und dem Verkehr, die kaum Rücksicht auf ihn nehmen. Unbeirrt geht er seinen Weg, behindert von falsch parkenden Autos und Fußgängern, die ihn fast umrennen. An einer Ampel helfe ich ihm über die Strasse. Ein halb am Zebrastreifen parkendes Auto erschwert es uns. Er kennt diesen Weg, aber so etwas ist selbst für ihn nicht leicht.

Er ist überrascht, dass sich jemand um ihn kümmert und wirft mir ein freudiges "Thank you!" entgegen. Ja, Behinderte verstehen sich leichter, welche Hindernisse sich uns in den Weg stellen und uns behindern. Wenige Worte reichen aus, um sich zu verstehen. Er scheint zu spüren, dass auch mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Ich bewundere ihn, sich auf diese Strassen hier zu wagen, ohne sehen zu können.

Nach einer Demo in Paris verbrannte Mopeds
Nach einer Demo verbrannte Mopeds in Paris

Den weiteren Weg gehe ich dankbarer und nachdenklicher. Ich habe zwar eine gestörte Wahrnehmung und das Gehen fällt mir schwer, aber ich kann sehen. Das erleichtert mir offensichtlich vieles, dabei ist es nur eine andere Art des Handicaps. Ich denke viel darüber nach, was es für mich bedeuten würde, nicht sehen zu können. Dabei fällt mir auf, dass meine Ohren in der Nacht einen wesentlich größeren Teil meiner Wahrnehmung übernehmen. Ich werde das in Zukunft genauer beobachten und darüber berichten.

Paris

Das Treiben in Paris

Es herrscht hier ein anderer Verkehr wie Zuhause. Überall wuseln Menschen und an die Verkehrsregeln muss ich mich erst gewöhnen. Rot für Fußgänger gilt nur, wenn ein Auto kommt. Also, auf andere Fußgänger darf ich mich nicht verlassen, denn mir fehlt der schnelle Schritt, um eine Strasse bei Rot überqueren zu können. Ich muss Achtsam sein, um meinen Weg hier zu finden. Graz ist ein beschauliches Dorf, gegen das Treiben hier.

Am Camino gehe ich stundenlang am Weg dahin und die Natur tut so gut. Da ist die Hektik von Paris etwas anderes. Daher sitze ich meist im Café, beobachte dieses Treiben oder schreibe auf meinem Handy. 

Neuen Gedanken kann ich nur ansatzweise folgen. Ich möchte zwar mehr, es funktioniert aber noch nicht. Auf irgendeine Weise bin ich noch darin festgehalten, mein Leben zu lernen und einmal bereits gekonntes, wieder zu Erwecken. Wirklich Neues lässt sich kaum lernen, wie eine Sprache. Spanisch kann ich noch immer nicht, trotz meiner vielen Aufenthalte dort. Das ändert sich auch daheim nicht.

Bilder schneiden und sortieren, am Tablet oder Handy

Unterwegs bin ich auf das Handy angewiesen, denn so übe ich wenigstens meine Feinmotorik. Der Touchscreen fällt mir noch immer schwer, denn dafür ist Gefühl gefragt, dass mir noch fehlt. So vertippe ich mich immer wieder, weil ich es nicht schaffe, den Finger genau auf dem Display zu plazieren.

Wieder Zuhause, kann ich das Tablet verwenden. Der Versuch, ein Video aus meinen Bildern zu machen, fordert mir einiges ab, aber ich schaffe es. Vom Filme schneiden bin ich aber noch meilenweit entfernt.

Hier meine beiden Versuche daheim, zwei Filme zu machen. Einmal ein Film darüber, jeden Tag von mir ein Foto in der Früh vorm Losgehen und ein zweiter, der meinen Weg in einer Minute vierzig zu zeigen versucht. 

Mit Tablet und Kaffee daheim

Wie geht's daheim weiter?

Es geht weiter wie bisher auch. Wieder Zuhause werde ich mich besonders dem therapeutischen Tanzen widmen. Es dauert zwar, bringt aber großartige Ergebnisse. Emotionen und Gefühle wieder in den Griff zu bekommen, ist wichtig. Mich davon abzuschneiden, bringt auf Dauer nichts. Durch das therapeutische Tanzen habe ich einen ersten Zugang dazu gefunden.

Dazu gehört auch die Trauma-Aufarbeitung. Es wird seine Zeit benötigen, aber Zeit ist etwas relatives. Unterm Strich soll es mir gut gehen, auch jetzt schon.

Dazu kommt mein übliches Training daheim, für die Bewegung. Es beinhaltet einiges. Das Gehen, der Motorik-Park, die Kletterwand, der Frisbee Parcour und das Fitnessstudio. Ich habe viel erreicht bisher, aber es ist trotzdem noch mehr möglich. Das Ende ist noch nicht erreicht und ich werde auf jeden Fall weiter machen. Am Camino habe ich das Leben wiedergefunden, darauf möchte ich aufbauen. Das Feeling vom Camino daheim auch Leben zu können, dass wäre ein Ziel.

Unsichtbare Defizite

An für sich sind meine Defizite nicht sofort von Außen sichtbar, das macht es mir oft nicht leicht. Fehlt mir eine Hand oder ein Bein, so merkt es jeden sofort. Es ehrt mich, wenn man mir sagt, mir ist nichts oder kaum was anzusehen. Trotzdem ist die Behinderung noch da, wenn auch für andere nicht sichtbar. Die seelischen oder geistigen Behinderungen sind sowieso nicht ersichtlich. Daheim tue ich mich schwerer, als zum Beispiel am Jakobsweg.

Eine sichtbare Verbesserung ist für mich nicht so wichtig, obwohl sie passiert. Ich selber merke es gar nicht so. Da ich jegliche Automatik verloren habe, benötige ich viel Denkarbeit für die Bewegung. Bewege ich mich technisch sauber, so wird mir viel Energie erspart. Natürlich fallen dann meine Defizite auch nicht so auf, obwohl sie da sind. Die richtige Technik anzuwenden ist mir wichtig.

 Wer glaubt mir zum Beispiel, dass ich einen Sitzplatz im Bus brauche? Da spaziere ich durch ganz Spanien und falle noch immer leicht in den Öffis um. Aber auch dafür ist Spanien gut. Mein Gesamtzustand verbessert sich, wenn auch langsam. Das viele Gehen brachte eine wesentlich bessere Körperspannung, die mir im Bus oder der Straßenbahn hilft.

Andererseits komme ich mir im Motorik-Park wie der erste Mensch vor, obwohl ich viel am Gleichgewicht auf dem Camino geübt habe. Es fällt mir schwer und ich muss fast von vorne beginnen. Allerdings merke ich die verbesserte Körperspannung, also hat sich doch einiges getan.

Oft verstehe ich meinen Körper selbst nicht. Er funktioniert so anders und entgegen aller bekannten Regeln. Es heißt einfach an den Defiziten weiter arbeiten und üben, üben und üben. Wieder daheim, beginnt alles erneut.

Daheim im Motorik Park

Was hätte ich vor dem Hirnabszess anders gemacht?

Es tut gut, sich mit der Frage, was sich ändern soll, in Ruhe zurück zu ziehen. Der Körper holt es sich sonst sowieso. Ich war gefangen in einem Hamsterrad und fand keinen Ausweg. Das gewohnte funktionierte nicht mehr, trotzdem gaukelte es eine vermeintliche innere und äußere Sicherheit vor.

Mein Leben war irrsinnig schnell gewesen, dass ist mir heute bewusst. Aus dieser Schnelligkeit auszusteigen, war mir unmöglich. Also besser vorher das unmögliche Möglich machen, als sich später mit einer Krankheit herumschlagen.

Manch einer beneidet mein Leben. Ich habe Zeit und konnte bisher drei Camino gehen. Dazu gehört dann aber auch die Behinderung und die Zeit im Krankenhaus. Ob dieses Gesamtpaket jemand möchte, ist die Frage? Es gibt immer einen Gegenpol, nur sieht den kaum einer (gerne). Beneidet man mich um die Zeit, so muss man auch die Behinderung mit allem drum und dran nehmen.

Da ich jetzt aus eigener Erfahrung weiß, wie so ein Neuanfang von 0 weg ausschaut, kann ich nur jedem empfehlen, die Zeit davor zu nutzen, auch wenn das nicht einfach ist oder unmöglich scheint. Mit dem heutigen Wissen um das Erlebte, hätte ich schon vorher verändert und es nie soweit kommen lassen. Allerdings ist man nachher immer gescheiter und mein Lebensweg war einfach so vorgesehen.

Mein Wortschatz

Einem interessanten Kurztest habe ich mich vor kurzem daheim unterzogen. Es wird grob bestimmt, über welchen Wortschatz man verfügt. Goethe soll über einen Wortschatz von 80.000 Wörtern verfügt haben. Im Alltag genügen bis zu 800 Wörter, um sich zu verständigen. Bis zu 12.000 Wörter sind allgemein ok, werden allerdings kaum benutzt. Shakespear soll in seinen Werken rund 30.000 Wörter verwendet haben.

Laut Test soll ich bereits wieder über rund 12.500 Wörter verfügen. Besonders der letzte Camino hat mir sehr geholfen, meinen Wortschatz zu erweitern. Ich habe mich zwar meist in Englisch unterhalten, aber sehr oft den Google Übersetzer verwendet und lernte so dazu. Was mir fehlt, ist das Umschreiben und Formulieren. Ich kenne zwar Wörter, kann sie aber nicht im richtigen Kontext einsetzen.

So hat sich viel getan und jetzt heißt es, diese vielen Dinge, im Leben daheim auch umzusetzen. Es sind nur kleine Schritte, aber viele kleine, ergeben einen großen. Auch nach vier Jahren heißt es weiter dranbleiben und #niemalsaufgeben !

Buen Camino

Wenn ich den gesamten Weg hernehmen, dann hat auch diesmal wieder das "nichts denken" überwogen. Erfahrungen und Erkenntnisse brachte er mir eine Menge.

Bisher brachte jeder meiner Caminos  neue und andere Erfahrungen. Es geht einher mit meiner Gesundung. Dass es Zeit braucht, ist mir mittlerweile klar geworden. Zeit hat eine andere Bedeutung bekommen.

Erkenntnisse

Wenn ich jetzt vor dem Computer sitze und ich über meine Erkenntnisse schreiben möchte, dann kommt im Augenblick nichts. Es ist, wie auch sonst oft. Eine weiße Wand baut sich vor mir auf und auch meine Gedanken schauen so aus, nämlich weiß und nichts da.

Aber auch das gehört zu meinen Erkenntnissen, nämlich damit umgehen zu lernen. Es gehört zu meiner Rehabilitation, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

Erkenntnisse in Sprachen

Meinen Wortschatz konnte ich wieder etwas erweitern, besonders in Englisch. In der Zeit am Camino Frances traf ich niemanden aus Österreich und nur zwei Deutsche. 

Es war interessant zu beobachten, wie das Gehirn arbeitet. Es begann in Englisch zu träumen und Selbstgespräche führte ich ebenfalls auf Englisch. Deutsch kam tagelang so gut wie gar nicht mehr vor. Das sind neue Erfahrungen für mich.

Neue Erfahrungen 

Die für mich schönste Erfahrung machte ich in der Meseta. Es war ein landschaftlich wunderschöner Abschnitt. Ich hörte Musik und fotografierte viel. Was sich bisher noch nie ereignete, passierte. Zu den gemachten Fotos spielte die Musik im Takt im Kopf, als ob ich beim schneiden eines Films sitze.

Es war mir bisher noch nie möglich, so gestalterisch zu denken. Ein Highlight für mich. Instagram und der Blog helfen mir darin, etwas zu gestalten. Ist ein Bericht zu groß, verliere ich den Überblick. Aber nur durch immer wieder tun komme ich weiter, wenn auch langsam.

Meinem Ziel, einen Vortrag zu gestalten, komme ich näher. Ihn zusammenzustellen ist allerdings das Eine. Dazu auch zu sprechen, das Andere. Ob das Gehirn da mitmacht, wird sich erst zeigen.

Erfahrungen auf der Meseta

Entwicklung im Gehen

Jeder Camino bringt neue Erkenntnisse für das Gehen. Es ist so komplex, dass geringfügige Verbesserungen eine große Wirkung haben können.

Dem Ziel, mehr Automatismus in die  Bewegung zu bekommen, habe ich erreicht. Noch fehlt dazu ein bisschen mehr Vertrauen, aber es geht voran.

Auf Asphalt ist es mir möglich, mich fast ungehindert mit jemanden zu unterhalten, ebenso auf ebenen Schotterpisten. Ein riesiger Fortschritt, gegenüber noch vor wenigen Monaten.

Gehen, neue Erfahrungen

Die Koordination

Es gelingt mir vieles immer besser. Allerdings nur, wenn es nicht zu schnell ist. Laufen funktioniert noch nicht. Beim Treppensteigen muss ich sehr konzentriert gehen. Unterhaltungen sind dabei kaum möglich.

Ein Manko ist noch die Aufmerksamkeit, wenn mehr als eines gleichzeitig beachtet werden möchte. Auf besonders steinigen Wegen muss ich auf die Füße achten und übersehe dabei in den Weg hängende Pflanzen und Dornen. Das tut manchmal weh. Multitasking geht noch immer nicht, Single-Tasking ist dafür aber zu wenig.

Den größten Fortschritt brachte aber die Sicherheit beim Gehen. Meine Knöchel sind so stark geworden, dass ich fast nicht mehr umkippe. Ein großer Vorteil beim Gehen, bin ich früher doch oft umgekippt. Das viele Training trotz Muskelschwäche hat sich ausgezahlt.

Sicher gehen

Der Camino

Es sind alles Dinge, die ich schon seit Anfang an Trainiere. Aber der Camino brachte alles auf eine neue Ebene. Therapie im Alltag, unter natürlichen Bedingungen. Denn auch das Leben wieder leben lernen, ist mir hier wieder gelungen.

Erfahrungen am Camino

Allerdings fehlt noch einiges, denn Emotionen und Gefühle kann ich nur beschränkt zulassen. Sie wirklich handhaben zu können, wird noch einige Zeit dauern. Diese Erfahrungen sind aber unumgänglich.

So konnte ich wieder einiges verbessern oder konnte erkennen, woran ich noch arbeiten muss. Um mich nicht misszuverstehen, ich bewege mich noch immer im einstelligen Prozent Bereich der Verbesserung. Von 0 auf 101 bewege ich mich zwischen 35 und 40. Das klingt wenig, aber ich möchte gar nicht wissen, wo ich stünde, wenn ich den Camino nicht für mich entdeckt hätte.

Damit schließe ich, denn das Schreiben ohne Tastatur, die ich ja verloren habe, geschieht mir nicht leicht.

Buen Camino

1 Bild jeden Tag vorm Losgehen

Ich bin in Santiago de Compostela angekommen und werde einen Ruhetag einlegen. Den zweiten auf meiner Reise. Die Gelegenheit, mit Bildern über diesen Wintercamino eine Rückschau zu halten.

Dieser Winter ist kein normaler Winter. Kein Schnee, moderate Temperaturen und nur ein paar Tage, an denen es geregnet hat. Es gibt Bilder vom Winter, da schaut's anders aus.

Der Start meines WinterCamino in Saint Jean Pied de Port in Frankreich

Von Pamplona nach Burgos

Die Meseta

Zum Crux de Ferro

Obreiro, Wintercamino ohne Schnee!

Samos und Santiago de Compostela

...und jetzt geht's weiter nach Finesterre!


Vier lange Tage auf der Meseta liegen hinter mir, in denen das Gehen ein große Rolle spielte und ich erfuhr viel Freude und Glücklichsein am Weg. Danach kamen die Berge, es war einfach herrlich, wie die Füsse mich trugen.

Nach 450 Kilometern habe ich noch keine einzige Blase am Fuß, trotz einiger sehr langen Etappen. Mit jedem Schritt spüre ich unendliche Dankbarkeit dafür, wieder Gehen zu können. 

Meseta, Glücklichsein am Weg
Meseta

Erinnerungen aus dem Krankenhaus kommen hoch

Wieder Gehen zu können, es hat eine unendlich wichtige Bedeutung für mich. Es bedeutet einen Teil der Selbständigkeit, der fast verloren schien.

Viele Erinnerungen aus dem Krankenhaus kommen mir in diesen Tagen auf der Meseta hoch, besonders die Zeit im Krankenhaus spielte eine große Rolle.

Ich brauchte damals Wochen, ehe ich das Erste mal im Krankenhaus Aufstehen konnte. Ich wuchtete mich zum zwei Meter entfernten Tisch und war so schwindlig, dass ich kaum aufrecht sitzen konnte.

Glücklichsein nach der OP, ich habe Überlebt!
Im Krankenhaus nach der OP

Zentimeter um Zentimeter, eroberte ich mir in den folgenden Wochen, ja Monaten, immer mehr Raum zurück. Bis zu den ersten Schritten sollten weitere Wochen vergehen. Das Krankenzimmer konnte ich erst nach drei Monaten erstmals auf eigenen Füßen verlassen.

Viereinhalb Monate musste jederzeit jemand an meiner Seite sein, sobald ich das Bett verliess. Mit dem Rollstuhl ging es auf die Toilette oder überall dort hin, was weiter wie zwanzig Meter vom Bett entfernt war.

Wieder Gehen zu können wurde mein größter Antrieb dafür, so viel zu machen. Man musste mich oft bremsen, weil ich so viel tat. Ich arbeitete am Limit, jederzeit. Ich konnte nicht aufgeben oder weniger tun. Jeden Tag ans Limit zu gehen bedeutete, jeden Tag mein Limit zu erweitern. Von Anfangs 15 Minuten täglich, konnte ich es bis ans Ende der Krankenhauszeit auf 30 Minuten erweitern. 

Ohnmächtig

Ein paar Mal war es zuviel des Guten. Nach wenigen Schritten klappte ich zusammen und fiel ohnmächtig um. Wie in einem Film wachte ich nach einigen Minuten auf und sah nur die Beine der Krankenschwestern um mich herum. Der Grat auf dem ich mich bewegte, war extrem schmal. 

 Jeder Ohnmachtsanfall bedeutete für mich drei Tage Bettruhe, in denen ich nicht aufstehen durfte. So lernte ich, mein Limit besser einzuschätzen und versuchte es zu vermeiden. Drei Tage Bettruhe waren drei Tage verlorene Zeit. Dazu kam ein vermehrter Dokumentationsaufwand und Aufregung für die Schwestern.

Das es Jahre dauern würde, bis ich wieder soweit hergestellt bin, ahnte ich damals nicht.

Glücklichsein und Freude

"Es gibt keinen Weg zum Glücklichsein. Glücklichsein ist der Weg!"

Buddha

Ich bekam bisher des öfteren am Camino zu hören: "Du lächselst dauernd und schaust immer glücklich aus, egal was ist?"

Ja, mehr oder weniger stimmt das. Es gibt kaum mehr etwas Unangenehmes oder etwas, dass mich stört. Natürlich habe ich auch Trauer und nicht so Schönes in mir, aber das Grundgefühl ist Dankbarkeit und Glücklichsein, dass ich überhaupt noch am Leben bin.

Die Trennung nach 20 Jahren von meiner Lebensgefährtin und dass meine Familie zerbrach, löste große Trauer in mir aus, bis heute noch. Ich hatte somit zu lernen, trotzdem ein glückliches Leben zu leben, denn Glücklichsein ist der Grundstock um wieder Gesund zu werden. 

Dieses Glück fand ich am Camino wieder. Ich lernte, mein Glück nicht von anderen abhängig zu machen. Glücklichsein und Trauer schließen sich nicht aus. 

Gefühle und Emotionen beim therapeutischen Tanzen

Beim therapeutischen Tanzen lerne ich, Gefühle und Emotionen wieder zu spüren. Es hilft mir, sie langsam wieder kennenzulernen.

Ich kann nur schwer damit umgehen. Ein berührender Moment in einem Film bringt mir sofort Tränen in die Augen. Es gibt nur alles oder nichts.

Um emotional nicht nieder zu brechen, musste ich mich davon abschneiden. Jetzt heißt es wieder, damit richtig umgehen zu lernen.

Glücklichsein am Camino
Emotionaler Weg

Die Auswirkungen des Hirnabszesses 

Sie sind nicht zu unterschätzen. Nach außen mag nichts darauf hindeuten, aber die Wirklichkeit schaut eben anders aus. Es kann niemand in mich hineinschauen und ich verstehe es, dass es verwundert, 1000 km durch Spanien am Jakobsweg zu wandern, aber im Bus durch Graz einen Sitzplatz brauche, da ich sonst umfalle.

Jeder Meter am Camino France ist hart erarbeitet. In Summe bringt mir das eine Verbesserung, die für manchen Unvorstellbar ist. Ich bewege mich in kleinsten Bereichen, aber viel von wenig, bringt mehr Verbesserung. Trotzdem bleiben es Kleinsterfolge, die nur in großen Abständen messbar sind. Aber es geht vorwärts, trotz andersartigen Prognosen.

Da die Defizite so vielfältig sind, kann ich mich auch hier am Tag nur einem dieser Defizite annehmen. So bekamen die Aspekte des therapeutische Tanzen einen großen Stellenwert.

Gefühle und Emotionen sind mir wichtig, sie wieder zu lernen, vor allem der Umgang mit Ihnen. Die Traumaaufarbeitung dauert lange. Zunächst die Zeit im Krankenhaus, aber besonders die Trennung, kann ich emotional noch immer nicht verarbeiten. 

Der Camino ist für mich zu den Therapien zu Hause nicht mehr wegzudenken. Er ist ein wichtiger Teil meines Lebens geworden, ohne den vieles nicht möglich geworden wäre. Ich treffe hier auf alle möglichen Menschen, mit denen ich mich um alles mögliche Unterhalte. Mit einigen wenigen kann ich mich spezieller Unterhalten.

Zum Beispiel mit einer griechischen Krankenschwester, die in England, speziell mit Kopftumor-Patienten, arbeitet.

Solche Treffen sind "zufällig" und bringen für beide Seiten enorm viel. Mir tut es gut, mich mit jemanden vom Fach zu unterhalten und sie kann von meinen Erfahrungen lernen und in ihre Arbeit einfließen lassen.

Meseta, Berge und Galizien

Am Ende der Meseta hatte ich das Gefühl, mir die Krankheit aus dem Leib laufen zu wollen. Ich fand so großen Gefallen am Gehen, ich wollte und konnte damit nicht aufhören. Das Gehen wurde wie zur Sucht. Andererseits ist es das einzige was ich wirklich kann, was aber trotzdem noch große Konzentration erfordert.

Als es über die Berge ging, konnte ich nicht anders, als weiter zu machen. Erst in Ponferrada begann ich kürzer zu treten und kurze Etappen einzulegen.

Glücklichsein am Crux de Ferro
Berge
Über die Berge

Galizien

 Die ersten Tage hier waren wunderschön. Ich stehe knapp über hundert Kilometer vor Santiago und gehe teilweise nur 15 Kilometer am Tag.

Die Landschaft ist zauberhaft schön. In Samos hatte ich ein besonderes Erlebnis. Ich übernachtete in einem mehrere hundert Jahre alten rießigem Kloster. 

Der Nachteil war, es gab keine Heizung und es war eine der kältesten Nächte seit langem. Zumindest in den alten Klostermauern. Im Freien war es wärmer.

Es wurde trotzdem ein einzigartiges Erlebnis, zusammen mit Frank aus USA. Es ist immer wieder schön, in so alten Gemäuern zu übernachten.

Samos

Nach Sarria

Der Abstecher nach Samos brachte ein wenig mehr an Kilometern, aber war jeden Schritt wert. Tolle Natur entschädigte für den Aufwand.

Erste blühende Bäume und Schnecken am Boden, brachten den Frühling näher. Es waren tolle Momente am Weg.

Es geht weiter....!

Noch bin ich nicht am Ziel und es warten noch wunderschöne Tage, im Herzen von Galizien.

Mein Ziel, von diesem Camino wieder etwas für meine Gesundheit mitzunehmen, habe ich bereits erreicht. Ich weiß, woran ich arbeiten muss und was noch nicht so gut funktioniert.

Bis dahin versuche ich noch in Spanien das Leben und die Therapie unter einen Hut zu bekommen und zu genießen!

Buen Camino


Der Ausbruch zum Winter Camino gibt mir genau das, was ich derzeit brauche. Die Bestätigung, dass in meiner Rehablilitation doch was weiter gegangen ist. Die Schritte sind so klein, dass ich einen Ausbruch aus meinem Leben von zu Hause brauche, um den Unterschied zu erkennen. 

Der wichtigste Unterschied zu noch vor einem Jahr ist der, dass ich trotz Handicaps beginnen kann zu Leben. Es besteht nicht mehr nur aus Therapie und Training. Hier am Camino fällt es mir besonders leicht, das Leben zu leben.

Ausbruch zum Winter Camino

Ausbruch zum Camino

Es begann mit der Pyrenäen Überquerung. Es war wieder die gleiche Unsicherheit des "was wird mich erwarten" wie beim ersten Mal, nur das es diesmal nicht direkt über die Berge ging, sondern den Winterweg herum, der nur wenig über 1000 Meter hoch geht.

Es tut so gut, gehen zu können, ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich bin. Jede Minute, Stunde und Wochen des oft harten Trainings werden mir hier zurück gegeben. Das dranbleiben hat sich trotz Muskelschwäche ausgezahlt. Dieser Ausbruch tut gut und bringt mich wieder weiter.

Es geht noch immer nicht gerade leicht zu gehen, aber im Vergleich zum ersten Camino Frances sind Welten Unterschied. Besonders der Tunnelblick und die Wahrnehmung ist so viel besser. Ich kann die Landschaft noch besser genießen und nehme alles viel besser wahr.

Pyrenäen

Einzig die größeren Städte tun mir noch immer nicht gut. Den Spaziergang durch Logrono habe ich abgebrochen und mich in ein Cafe gesetzt. Aufkommende  Gangunsicherheit und Schwindel lassen mich vorsichtig sein. Zu viele Reize prallen auf mich ein und ich bin froh, die Stadt am nächsten Tag wieder verlassen zu können.

Was ist anders als im Sommer?

Das Entscheidenste sind die vielen geschlossenen Herbergen. Es sind an für sich genug offen, aber sie beeinflussen die Weglänge. Entweder entscheidet man sich für 20 - 25 Kilometer, oder das doppelte. Im Sommer ist im Schnitt alle 5 - 10 Kilometer eine offene zu finden.

Außerdem sind weniger Bars geöffnet, aber immer noch genug, um versorgt zu sein. Es ist auf jeden Fall besser, wie im Juni am Camino Norte, trotzdem ist es eine Umstellung. 

Die Bekleidung

Ja, die Bekleidung. Das Wetter ist wärmer als gedacht. Das macht meinen Rucksack schwerer. Lange Unterwäsche, Daunenjacke, Handschuhe und warme Haube muss ich tragen, anstatt das ich es anhabe. Dazu habe ich eine Thermosflasche bis Logrono mitgetragen und nie gebraucht. 

800g habe ich per Post nach Hause geschickt, denn jedes Gramm zählt. Einiges Zeug trage ich weiter mit, denn noch warten die Berge und das Wetter kann ja schlechter werden. Dann tut es gut, ein bißchen Reserve zu haben.

In Erinnerung bleibt mir der Tag nach den Pyrenäen. Nur mit Kurzarmtrikot war es einige Zeit möglich, in der Sonne zu gehen.

kurzärmelig nach den Pyrenäen
Am Camino, der Ausbruch

Das Wetter

Außer Schnee hatte ich bisher alles. Regen wechselte immer wieder mit Sonne ab. Dabei war auch ein wolkenloser Tag mit herrlichem Sonnenaufgang. Der Weg ist allerdings sehr matschig und feucht. Die Gore Text Schuhe sind bisher eine gute Wahl. Ob sie auch im Schnee eine gute Wahl sind, wird sich noch zeigen.

Alles in allem hat sich der Ausbruch aus meinem Leben zu Hause bisher mehr als gelohnt!

Regenwetter

Von Paulo Coelho

"Niemand ist die ganze Zeit mutig.  Das Unbekannte ist eine ständige Herausforderung, und Angst ist Teil der Reise. Was ist zu tun? Sprich mit dir.  Sprich alleine. Sprechen Sie mit sich selbst, auch wenn andere denken, Sie seien verrückt geworden. Während wir reden, gibt uns eine innere Kraft die Sicherheit, die Hindernisse zu überwinden, die überwunden werden müssen. Wir lernen Lehren aus den Niederlagen, die wir erleiden müssen. Und wir bereiten uns auf die vielen Siege vor, die Teil unseres Lebens sein werden. Und nur zwischen Ihnen und mir wissen diejenigen, die diese Angewohnheit haben (und ich bin einer von ihnen), dass sie nie alleine reden: Der Schutzengel ist da, hört zu und hilft uns beim Nachdenken."


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"Das Aufbrechen ist am schwersten. Unterwegs zu sein, ist leicht und schön!"

Dieser Spruch beinhaltet viel Wahrheit. Ich habe mich für die Reise zwar entschieden, allerdings habe ich die Vorbereitung darauf unterschätzt.

Mein Gehirn arbeitet noch schwerfällig und die achtsame Auswahl der Bekleidung nötigte mir viel Kraft ab. Das habe ich unterschätzt. Ich bin mir zwar recht sicher darin, was ich brauche, aber mein System kommt damit durcheinander, wenn ich Alternativen suchen und ausprobieren muss. Da ist der Sommer leichter.

Es ist diesmal anders, als sonst. Es kommt viel unbekanntes auf mich zu und vor allem, wie ich es handhaben werde. Alles außerhalb des Gewohntem fühlt sich neu, aber auch erschreckend an.

Aufbruch
Vorbereitung

Aufbrechen, wann und wohin ich will!

Aufbrechen zu können ist Freiheit. Schöner ist es noch, bereits unterwegs zu sein. Denn zum Aufbrechen gehört vorher einiges dazu. Hat man das überwunden, ist man unterwegs.

Ich kann mich noch an meine Aufbrüche zu Extrem-Radrennen oder Bergfahrten erinnern. Alles musste bedacht sein, vom Werkzeug bis zum kleinsten Ding. Ob in die Sahara, am Denali oder der Crocodile Trophy, alles war Schwerstarbeit bis zum letzten Augenblick.

Denn hatte man etwas vergessen, konnte man es nicht um die Ecke kaufen. An solchen kleinen Dingen konnte der Erfolg oder das Scheitern hängen.

Bisher machte ich mir vor dem Camino auch Gedanken, allerdings waren sie noch nie so weitreichend wie bisher. Ein Camino im Winter ist eben doch was anderes und für mich besonders.

Ist die Ausrüstung optimal?

Es ist für mich sehr schwer abzuschätzen, was ich wirklich brauche und das ich das dann in der richtigen Weise integrieren kann. Dazu ist ein fortführendes Denken notwendig. Der Wintercamino brachte mich dabei in neue Sphären des Denkens und ist schon vor dem Losfahren eine Herausforderung.

follow your heart, Aufbrechen in mein neues Leben

Wichtig ist, dass ich mich nicht unter Druck setze, nicht verbissen versuche alles umzusetzen und mir auch die Möglichkeit offen halte, nach Hause zu fahren, sei es, weil es mir doch zu kalt ist oder wegen anderer Gründe.

Ob die Bekleidung reicht, wird erst der Weg zeigen. Meine früheren Erfahrungen als Bergsteiger und Extremsportler helfen mir nur mehr bedingt.

Wenn ich an meinen Sieg beim Iditasport Race in Alaska denke, hat mein Empfinden damals nichts mehr mit dem heute zu tun. Ich wusste damals, im Gegensatz zu heute, sehr genau wo mein Limit lag.

Mit diesem Limit an Kleidung war ich in der Wildnis Alaskas unterwegs. Fehler durften nicht passieren. Bei meinem zweiten Platz war ich sogar Temperaturen von bis zu -35° ausgesetzt.

Heute muss ich meinen Körper noch einmal neu kennenlernen.

Mein Limit

Es heißt, mich langsam wieder ans Leben herantasten, dass geht oft nur über's Limit. Würde ich das seit drei Jahren nicht tun, dann wäre ein Weiterkommen unmöglich.

Die Spange zwischen dem jetzt Zustand und einem Pflegefall ist sehr gering, auch jetzt noch.

"Never give up!", ist auch heute noch mein Leitspruch.

Die Bekleidung

Da ich von der Erwerbsunfähigkeitspension leben muss, bleibt nicht viel Geld für die Ausrüstung über. Mittlerweile bin ich allerdings Spezialist für doch einigermaßen Qualität, aber auch Billig-Ausrüster. Die noch im Abverkauf, wird Pilgern leistbar.

Für den Wintercamino habe ich mir zusammengerechnet, daß meine Hauptbekleidung rund € 350.- ausmacht. Zum Spass habe ich mir angeschaut, was die in etwa gleiche Ausrüstung bei einer Markenfirma gekostet hätte. Es hätte im Vergleich dazu € 1.550.- gekostet.

Ok, ich habe nichts von Mammut, Salewa oder Skinfit, trotzdem stehe ich nicht weit hinten an. Meine Berghose begleitet mich jetzt schon am dritten Camino und hat im Ausverkauf € 49.- gekostet.

Meine Fleecejacken kosteten zwischen € 20.- und € 40.- und die Unterleibchen habe ich im Ausverkauf um € 5.- erstanden.

Bekleidung

Das teuerste ist die Regenjacke und -hose, die ich noch zu Trailrunningzeiten erstand. Sie sind superleicht und sie alleine würden beinahe mein Gesamtbudget ausmachen. Zum Glück sind mir die Sachen aus früherer Zeit erhalten geblieben.

Das Material, die Schuhe

Auch das restliche Material hatte ich größtenteils zu Hause. Neuanschaffungen waren kaum nötig. Einzig der Schuhverbrauch ist groß. 5 Paar Trailrunning Schuhe habe ich bisher in den letzten dreieinhalb Jahren aufgebraucht. Ein Paar hält etwa einen Camino lang durch, also rund 1000 Kilometer.

Dann sind sie allerdings durchgegangen und am Limit. Der Hoka hatte allerdings auch am Ende noch eine sehr gute Dämpfung, obwohl oben das Mash eingerissen ist. Trotzdem bleibe ich der Marke treu und verwende ihn auch jetzt im Winter, nur das GoreTex Modell. Zusammen mit Gamaschen sollte er auch für den Camino einsetzbar sein.

Meine Schuhe sind nach 1000 km am Ende

Das Aufbrechen

Ich musste mich dann schlussendlich entscheiden, was ich wirklich mitnehme. Es war ein Grund, warum ich das Aufbrechen diesmal so schwer empfand. Ich gehe praktisch jeden Tag und bei jedem Wetter, allerdings fühlte ich mich fast immer anders. So war es schwer herauszufinden, was ich wirklich benötige.

Schlussendlich entschied ich mich für Sicherheit und nehme etwas mehr mit, als ich vielleicht brauchen werde. Das schlägt sich allerdings in einem höheren Rucksackgewicht nieder, das höher als mein Limit ist.

Aufbrechen zum Training

Mit der Körperschwäche muss ich einen Kilo mal drei rechnen. Deshalb habe ich immer versucht, unter 5 Kilo Gesamtgewicht für den Rucksack bleiben.

Diesmal sind es aber 8 Kilogramm, inklusive Verpflegung. Das ist recht schwer und ob es möglich ist, wird der Weg zeigen. Ich lasse mich überraschen und es gibt ja die Möglichkeit, etwas heim zu schicken oder herzuschenken.

Das Aufbrechen so schwer sein kann? Aber nach vier Jahren kann ich es mir schon zutrauen!


Es wird interessant, ob meine heutigen Gefühle und der Beweggrund den Camino zu gehen, in zwei Monaten die Selben sein werden?

Ich komme gerade vom therapeutischen Tanzen in Frohnleiten und möchte das hier Gelernte mit dem Gehen am Jakobsweg verbinden. Die verschiedenen Gefühle und Emotionen die da hochkommen, sind eine gute Basis, um mich auch am Camino darum zu kümmern.

Frohnleiten

Ein neuer Schritt für mehr Automatik im Leben

Dieser Camino wird wieder vieles für mich bereithalten. Ich arbeite seit langem an mehr Automatik im Leben und besonders im Gehen. Gerade das therapeutische Tanzen unterstützt mich darin. Ich bin schon mehrmals nach der Therapie ein Stück nach Hause gegangen und habe versucht, dass eben gelernte dabei im Gehen umzusetzen.

Rhythmus und mich besser zu spüren, wird mich also auch am Camino Frances begleiten. Den Rhytmus im Gehen umzusetzen, daran versuchte ich mich schon öfter und es ist total interessant, was man dabei alles spürt. In der Gesundheit dreht sich alles um Gefühle und Emotionen, die mir gut tun und mir weiterhelfen. Im Gegensatz dazu komme ich schneller darauf, was mir nicht gut tut.

Wie ich es am Jakobsweg umsetzen kann, das wird die Zeit zeigen, aber ich bin optimistisch, dass es mir hilft. Manch einer meint, ich mache zuviel. Das glaube ich aber nicht, denn es ist nicht nur eine einzelne Therapie, die mir helfen kann, sondern viele in der Gemeinsamkeit sind es.

Der Jakobsweg oder Camino Frances

Jeder Camino hält etwas anderes für einen bereit und man weiß eigentlich nie was. Trotzdem mache ich mir schon Gedanken darüber, was ich dort überhaupt möchte.

Denn ein Camino im Winter braucht eine gewisse Vorbereitung für mich, da ich nicht so schnell reagieren oder eben auch Sachen beschaffen kann. Für alles brauche ich eine längere Zeit des Überlegens und Abwägens.

Gerade das Thema der Bekleidung hat mich sehr beschäftigt. Reagiert mein Körper doch so viel anders wie früher. Deswegen komme ich auch auf ein Gesamtgewicht von etwas über sechs Kilogramm für den Rucksack, da ich doch mehr Sicherheiten punkto Bekleidung brauche, als im Sommer.

Bekleidung testen

Der Beweggrund "Denken"

Ein Beweggrund ist der, dass ich jetzt über sechs Monate Therapien hinter mir habe, in der ich speziell am Denken und der Psyche arbeitete. Das ist zwar gut, aber das Rundherum bzw. der Alltag stresst mich in letzter Zeit immer mehr. So habe ich mich entschieden, zum Jakobsweg zu fahren, um im Alltag zu Therapieren.

Verschieden Jakobswege konnte ich bereits kennen lernen und die verschiedensten Erfahrungen dabei machen. Im Grunde nehmen ich mir nichts vor, aber das Tanzen hat mich schon auf eine Idee gebracht. Übertrieben gesagt, tänzelnd gehen und mich dabei beobachten, weiche Gefühle und Emotionen dabei aufkommen. Ich kann es nicht besser beschreiben, noch fehlen mir die Worte dazu.

Beweggrund Auszeit

Eine Zeit ohne Therapie gibt es seit mittlerweilen über drei Jahren nicht mehr für mich. Würde ich immer in Therapie denken, ginge das gar nicht. Denn Therapie heißt, ich funktioniere nicht und ich habe etwas zu tun, um wieder zu funktionieren.

Das kann ein Teufelskreis sein, in dem ich mich befinde. Das Leben vergesse ich darüber, obwohl ich ja lebe, ja leben muss.

Der Camino gibt mir aber Leben, obwohl ich auch dort, allerdings im Alltag, therapiere. Dazu habe ich auch Hausaufgaben, die ich erfüllen möchte, ohne dem Damoklesschwert Therapie auf mir zu spüren.

Ob und wie es gelingt, ich werde darüber berichten!


Meine Therapie ist allgegenwärtig, denn quasi nebenbei, soll ich auch wieder Leben lernen. Das ist manchmal gar nicht so einfach. Denn jede Aktivität ist ein Tun, um Körperlich weiter zu kommen. Es ist jedoch entscheidend, alles im richtigen Bereich zu machen. Eine 24/7 Vorbereitung auf das Leben.

Meine Rehabilitation hat Ähnlichkeit mit dem Leistungssport. Nur arbeite ich in einem anderen Leistungsbereich und habe ein anderes Ziel. Der Aufwand ist derselbe.

Geht es bei einem Sportler um eine Punktgenaue Abrufung von Leistung, geht es bei mir darum, die Abrufung der Basics zu lernen. Einfachste Dinge möchten wieder gekonnt werden. Vom Sport habe ich das Dranbleiben mitbekommen. Das hilft mir jetzt sehr, um an meiner Rehabilitation dran zu bleiben. Rückschläge möchte ich vermeiden. 

Vorbereitung auf ein neues Leben, Klettern

Krafttraining

Das erfordert Fingerspitzengefühl und Durchhaltevermögen. Es ist ein Vorteil, dass ich mich gut spüre. Durch die Muskelschwäche darf ich mich nicht überfordern. Für das Fitnessstudio heißt das, ich darf mit maximal 60% meiner Maximalkraft trainieren. Alles darüber macht keinen Sinn und könnte den Muskel schädigen.

Dabei immer die genaue Belastung zu finden, ist das Kunststück. Nach dem Krankenhaus war ich noch guter Dinge und hatte eine Steigerung. Kein Wunder, begann ich doch mit 10 kg Beindrücken. Bald war ich auf 30 kg, aber jeder weitere Kilo bedeutete in Folge viel Arbeit.

Heute, nach vier Jahren, stehe ich bei 40 - 50 Kilogramm Beindrücken, je nach Befinden. Durch die Muskelschwäche stockt die Vorbereitung etwas.

Vorbereitung Kraftkammer

Sprungübungen

Dabei heißt es aufpassen. Es fehlt mir noch immer die Koordination dafür und zweitens tut es mir nicht gut. Alles was mit Schnellkraft zu tun hat, ist mit Vorsicht zu behandeln. Es gab in den letzten Jahren nahezu keine Veränderung. Von einem Sessel zu steigen ist fast nicht möglich. 

Besonders beim Gang-ABC muss ich nach wie vor aufpassen, um meinen Körper nicht zu überfordern.

Die Tiefensensibilität

Die Finger und Beine kann ich nur begrenzt lange trainieren, denn es ist eine Kombination aus gestörter Tiefensensibilität, verzögerter Reizweiterleitung und Muskelschwäche, die der Hirnabszess ausgelöst hat.

Spezielle Rezeptoren in den Muskeln und Gelenken, vermitteln die Information an das Gehirn über die Bewegung, die Haltung und die Position des Körpers im Raum, indem sie auf Druck oder Verformung reagieren.

Diese Reize entscheiden über die notwendige Positionsanpassung des Körpers über das Gehirn und senden wiederum entsprechende Befehle an die Muskeln.

Ich habe zwar wieder Greifen und Gehen gelernt, aber das Gefühl für die Feinmotorik fehlt. Es ist vergleichbar mit Alkoholkonsum. Oftmals ein Torkeln beim Gehen, im Stehen aus dem Gleichgewicht geraten oder den Abstand zwischen Füßen und Boden falsch wahrnehmen, sind die Folge. Ich kann auch eine Gangunsicherheit beobachten, deshalb bin ich auf der Strasse sehr vorsichtig.

Das sind nur die körperlichen Auswirkungen in der Bewegung, es gibt aber weitere im seelisch-geistigen Bereich, die einer eigenen Vorbereitung bedürfen.

Sensibilisierung

Der Thalamus - das Tor zum Bewusstsein

Der Thalamus hat einen großen Aufgabenbereich. Er ist das Steuersystem für den Körper, Geist und Seele. Eine Schlüsselbedeutung hat er für Denk- und Entscheidungsvorgänge im Gehirn.

Im Thalamus wird gefiltert und Weitergeleitet. Er arbeitet unbewusst und wird nicht vom eigenen Willen beeinflusst. Alle Signale und Reize, die auf den Körper treffen, müssen vorverarbeitet werden. Der Thalamus entscheidet, welche weitergeleitet werden und welche blockiert werden.

Im Krankenhaus gab es keine Filter, ich war komplett durchlässig für alle Reize. Über drei Jahre waren bisher notwendig, den Ist-Zustand zu erreichen. In manchen Bereichen ist es besser geworden, aber die Stadt mit ihrem Lärm und zahlreichen Reizen setzt mir noch immer zu. Kleinste Schritte sind erforderlich, um mich wieder daran zu gewöhnen.

Mit dem bisher Erreichten bin ich auf einem guten Weg. Trotzdem wird es noch lange dauern, bis ich manche Reize wieder vertrage. Grelles Licht oder Feuerwerk, wie zu Silvester, mag ich noch nicht.

Thalamus Abszess
Thalamus Abszess

Krankhafte Veränderungen des Thalamus

  • halbseitige Lähmung (Hemiparese)
  • Reduzierung der Empfindlichkeit (Sensibilitätsstörung)
  • Unruhe, starker Bewegungsdrang
  • somatisch bedingte Schmerzen
  • Beeinträchtigungen des Bewusstseins
  • Verringerung der Muskelkraft
  • Ataxie durch eine gestörte Koordination der Bewegung
  • psychische Auffälligkeiten

Die Krankheitszeichen sind ineinander verflochten. Ich habe an so vielen Baustellen gleichzeitig zu arbeiten, dass meine Rehabilitation meine ganze Aufmerksamkeit fordert. Da bleibt nur wenig Zeit dafür, auch wieder zu Leben. Nach drei Jahren Therapie, Training und Üben, ist die Zeit gekommen, auch wieder zu Leben. Das muss allerdings wieder gelernt werden.

Vorbereitung auf das Leben

Ein Großteil der Tages-Energie geht fürs (An-)Denken der Bewegung drauf. Es ist heuer eines meiner Ziele, dass ich gerne verbessern möchte, auch wenn's nur um Nuancen geht.

Im Moment ist alles Training für eine Vorbereitung auf mein neues Leben und die Vorbereitung auf den Camino im Winter, der eine Therapie im Alltag darstellt.

Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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