Zehn Jahre nach dem Hirnabszess – ein etwas anderer Camino-Bericht

900 Kilometer zu Fuß. Camino Norte und vor allem Camino Primitivo. Zehn Jahre nach meinem Hirnabszess.

Vielleicht ist dies kein gewöhnlicher Camino-Bericht. Denn ich möchte nicht erzählen, welche Herberge besonders schön war, wo das Essen am besten schmeckte oder welcher Ausblick mich am meisten beeindruckte. Natürlich gab es all das. Aber darum soll es hier nicht gehen.

Es geht um etwas anderes. Um das, was dieser Weg in mir bewegt hat. Um das Gehen selbst. Und um die Frage, wie es sich anfühlt, zehn Jahre nach einem Hirnabszess unterwegs zu sein.

Denn diese rund 900 Kilometer waren für mich mehr als Wandern. Mehr als Pilgern. Vielleicht waren sie vor allem eines:

Ein Dankeschön.

Ein Dankeschön dafür, dass ich überhaupt gehen darf.

Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Vor genau zehn Jahren kämpfte ich im Krankenhaus ums Überleben. Fünf Monate Krankenhaus. Fast zwei Jahre, um annähernd wieder gehen zu lernen.

Damals hätte ich vieles nicht geglaubt. Dass ich jemals wieder stundenlang gehen würde. Dass ich Berge gehen könnte. Dass ich eines Tages zu Fuß durch Nordspanien unterwegs sein würde.

900 Kilometer.

Schritt für Schritt.

Denn damals ging es nicht um Freiheit. Nicht um Abenteuer. Nicht um Weite.

Es ging ums Gehen.

Darum, wieder aufzustehen. Nicht umzufallen. Einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Gehen - Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Zwischen Gehen und Nichtgehen liegt manchmal erschreckend wenig

Vielleicht habe ich in diesen Jahren etwas gelernt, das schwer zu erklären ist:

Zwischen Gehen und Nichtgehen liegt manchmal erschreckend wenig.

Das klingt dramatisch. Für mich ist es manchmal dramatisch.

Denn ich kann heute viele Stunden gehen. Tage hintereinander. Ich bin seit meinem Hirnabszess mittlerweile rund 65.000 Kilometer zu Fuß gegangen.

Und trotzdem fühlt sich Gehen bis heute nicht selbstverständlich an.

Viele Menschen denken bei Rehabilitation an ein paar Monate Therapie. Dann wird man wieder gesund. Fertig.

So funktioniert es bei mir nicht.

Nach meinem Hirnabszess musste ich Gehen neu lernen. Gleichgewicht. Körpergefühl. Wahrnehmung. Aufmerksamkeit.

Vor allem Aufmerksamkeit.

Man denkt eigentlich nicht darüber nach, wie man geht. Man geht einfach.

Allerdings nicht bei mir.

Heute ist Gehen oft bewusstes Gehen.

Wie setze ich den Fuß auf? Trete ich zu hart auf? Bin ich locker? Oder angespannt? Wie fühlt sich mein Gleichgewicht an?

Seit meinem Hirnabszess funktioniert Gehen nicht mehr automatisch.

Meine Propriozeption, auch Tiefensensibilität genannt, ist zum großen Teil verloren gegangen. Ein kompliziertes Wort für etwas sehr Einfaches:

Das Gefühl dafür, wo sich der Körper im Raum befindet.

Ein gesunder Mensch denkt darüber kaum nach.

Ich schon.

Der Körper im Raum. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Warum Rehabilitation für mich nie aufgehört hat, auch nicht am Camino Primitivo

Gehe ich weniger, lasse ich ein paar Tage aus oder bin krank, merke ich es oft rasch.

Denn verlieren geht schneller als aufbauen.

Viel schneller.

Eine Woche weniger Bewegung bedeutet für mich oft nicht einfach Pause.

Sie bedeutet Wiederaufbau.

Denn Gehen ist für mich nicht nur Gehen.

Es ist Gleichgewicht. Koordination. Aufmerksamkeit. Wahrnehmung. Wiederholung.

Immer wieder Wiederholung.

Seit meinem Hirnabszess bin ich rund 65.000 Kilometer gegangen. Nicht aus Ehrgeiz. Nicht wegen Rekorden.

Sondern damit ich im Gehen bleibe.

Denn mein Nervensystem braucht Bewegung.

Rhythmus.

Wiederholung.

Im Gehen bleiben. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Reha unter freiem Himmel – warum der Camino für mich mehr als Wandern ist

Vielleicht brauchte ich gerade deshalb diesen Camino.

Nicht wegen Santiago.

Nicht wegen Finisterre.

Nicht wegen der Kilometer.

Sondern weil mein Nervensystem Bewegung braucht.

Der Camino wurde für mich etwas wie Reha unter freiem Himmel.

Der Camino Primitivo wurde ein riesiger Übungsraum.

Tag für Tag.

Stunde für Stunde.

Schritt für Schritt.

Reha unter freiem Himmel. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Besonders hier wurde mir das bewusst.

Stundenlang allein unterwegs.

Weite.

Ruhe.

Wenige Menschen.

Ein Rhythmus, der langsam in den Körper zieht.

Warum ich am Camino allein gehe

Deshalb gehe ich am Camino meist allein.

Nicht unfreundlich gemeint.

Sondern weil mein Gehirn Raum und Ruhe braucht.

Raum zum Funktionieren.

Raum zum Lernen.

Besonders merke ich meine Einschränkungen dort, wo viele Reize zusammenkommen.

In Städten. Zwischen Menschen. Verkehr. Geräusche. Wenn ich ausweichen muss. Wenn vieles gleichzeitig passiert.

Dann kippt oft als Erstes mein Gleichgewichtsgefühl.

Es ist schwer zu erklären.

Kein klassischer Schwindel.

Mehr ein Unsicherwerden.

Ein leichtes Schwanken.

Fast so, als würde der Körper plötzlich weniger stabil funktionieren.

Langsam gehen hilft dann.

Ruhe hilft.

Aufmerksamkeit hilft.

Aber all das kostet Kraft. Denn alles muss ich bewusst machen. Es gibt keine Automatik mehr.

Wenn der Körper sich an Rhythmus erinnert

Gerade deshalb fühlte sich der Camino Primitivo für mich fast wie Therapie an.

Weniger Reize.

Mehr Rhythmus.

Und irgendwann geschieht etwas, das schwer zu beschreiben ist.

Der Körper erinnert sich.

Nicht plötzlich.

Nicht spektakulär.

Eher leise.

Das Auftreten wird weicher.

Die Schultern lockerer.

Das Gleichgewicht stabiler.

Ich trete weniger hart auf.

Der Körper arbeitet ruhiger.

Nicht perfekt.

Ein Stein oder eine Bodenwelle können mich noch immer rasch aus dem Rhythmus bringen.

Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Dann brauche ich wieder Aufmerksamkeit. Kontrolle. Konzentration.

Aber dazwischen gibt es diese Momente.

Momente, in denen Gehen fast wieder selbstverständlich wird, auch wenn es oft nur kurz ist.

Fast wie früher.

Fast wie Freiheit.

Für kurze Zeit verschiebt sich mein Gehen von bewusst kontrolliert hin zu getragen, rhythmisch, teilweise automatisch.

Und genau diese Momente sind für mich unglaublich wertvoll.

Denn dann funktioniere ich nicht nur.

Dann lebe ich.

Fast so, als würde mein Gehirn kurz sagen:

„Ja. So funktioniert es.“

Gehen ist neurologisch viel komplexer, als wir glauben

Vielleicht unterschätzen viele Menschen, wie komplex Gehen eigentlich ist.

Das Gehirn verarbeitet gleichzeitig Gleichgewicht, Muskelspannung, Gelenksstellung, Druck in den Füßen, räumliche Orientierung, Blickrichtung und unzählige kleine Korrekturen.

Jeder Schritt ist Information.

Jeder Schritt ist Training.

Das Gehirn lernt durch Wiederholung.

Man nennt das Neuroplastizität.

Vielleicht habe ich deshalb früh begonnen, aktiv in meine Rehabilitation einzugreifen.

Mit Bewegung.

Aufmerksamkeit.

Ausdauer.

Wiederholung.

Denn Gehen ist für mich nicht nur Mobilität.

Gehen ist Input für das Gehirn.

Gehen ist komplex. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo.
Gehen ist komplex

Kein Luxus, sondern neurologische Wartung

Vielleicht brauche ich deshalb diese langen Wege.

Nicht als Luxus oder als verrückte Idee.

Sondern als neurologische Wartung.

Denn mein Nervensystem scheint auf Rhythmus, Ruhe und Wiederholung zu reagieren.

Der Camino trainiert für mich nicht primär Leistung.

Wichtiger ist Vertrauen.

Vertrauen in Bewegung.

Vertrauen in den Körper.

Vertrauen, dass manches noch lernbar ist.

Die Fähigkeit ist nicht weg.

Aber sie ist fragil geworden, sehr fragil.

Störanfällig.

Kontextabhängig.

Vielleicht liegt genau darin etwas Demütiges.

Zu wissen, wie nahe die andere Seite bleibt.

Wie nahe Nichtgehen manchmal am Gehen liegt.

Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

900 Kilometer als Dankeschön

Vielleicht hat mich genau deshalb dieser Camino emotional so berührt.

Nicht weil alles leicht war.

Nicht weil er spektakulär war.

Sondern weil er überhaupt möglich war.

Vor zehn Jahren Krankenhaus.

Heute 900 Kilometer zu Fuß.

Manchmal fühlt sich das fast unwirklich an.

Und gleichzeitig spüre ich jeden Tag:

Nichts daran ist selbstverständlich.

Vielleicht war dieser Camino am Ende genau das:

Ein Dankeschön.

Für zehn Jahre Leben nach dem Hirnabszess.

Für unzählige Wiederholungen.

Für rund 65.000 Kilometer zu Fuß.

Für all die Schritte, die niemand sieht.

Für Aufmerksamkeit.

Für Disziplin.

Für das tägliche Wiederanfangen.

Und dafür, dass ich trotz allem noch gehen darf.

Denn vielleicht habe ich in diesen zehn Jahren vor allem eines gelernt:

Zwischen Gehen und Nichtgehen liegt manchmal erschreckend wenig.

Finesterre, am Ende der (alten) Welt. Pilgern am Camino Norte und Camino Primitivo

Und genau deshalb fühlt sich jeder Schritt manchmal nicht selbstverständlich an.

Sondern kostbar.


(Ein Bericht über den Camino Norte und Camino Primitivo folgt noch)


Ich musste Gehen neu lernen

Ich musste Gehen neu lernen. Nicht im übertragenen Sinn.

Wirklich.

In der Reha gab es einen Rundweg. Ein paar Meter nur. Verschiedene Untergründe – Steine, Sand, Holz. Kleine Abschnitte, vielleicht ein Meter lang, dann der nächste.

Für jemanden von außen nichts Besonderes. Für mich war es alles. Ich bin diese Runden gegangen. Immer wieder. Obwohl ich es eigentlich noch gar nicht konnte. Der Untergrund hat mich komplett gefordert. Gleichgewicht, Koordination – nichts war selbstverständlich.

Eine kleine Schräge war schon zu viel. Ein anderer Untergrund eine Herausforderung. Und trotzdem bin ich gegangen. Runde für Runde.Nicht, weil es leicht war. Sondern weil ich wusste: Das ist der Weg zurück.

Trauma Verarbeitung, Gehen lernen
Treppen hinuntersteigen, noch heute mit Vorsicht

Was mir damals noch nicht klar war: Es ging nicht nur um Kraft. Ich hatte etwas anderes verloren – die Automatik.

Jeder Schritt war bewusst.

Und das ist geblieben.

Erst nach vier, fünf Jahren habe ich wirklich verstanden, dass ich diese Automatik nicht mehr zurückholen kann.

Ich gehe.

Anders.

Warum Gehen für mich mehr ist als Bewegung

Seitdem hat Gehen für mich eine andere Bedeutung. Es ist nicht einfach Bewegung. Es ist nicht einfach „rausgehen“. Es ist mein Zugang zu mir selbst geworden. Nach dem Hirnabszess funktioniert vieles anders. Ich habe gelernt, genau hinzuspüren. Sehr genau.

Ich merke sofort, wenn etwas besser wird. Ich merke aber auch sofort, wenn etwas nicht passt. Gehen ist dabei mein Gradmesser. Wenn es mir gut geht, spüre ich es im Gehen. Wenn etwas kippt, merke ich es dort zuerst.

Gehen – und trotzdem fehlt etwas

Ich gehe viel.

Zu Hause, im Wald, auf meinen gewohnten Strecken. Und jedes Mal spüre ich, es tut mir gut. Der Körper kommt in Bewegung, ich bin draußen, ich spüre die Luft, die Umgebung, mich selbst ein Stück weit auch.

Es ist nicht so, dass mir das Gehen zu Hause nichts gibt – im Gegenteil. Aber es ist nicht das, was ich vom Camino kenne.

Es sieht gleich aus – ist es aber nicht

Von außen betrachtet mache ich genau das Gleiche. Ich ziehe meine Schuhe an, gehe los, mache meine Kilometer und komme wieder zurück. Aber innerlich ist es ein großer Unterschied. Mein Kopf läuft zuhause mit.

Nicht laut oder chaotisch, eher leise im Hintergrund, aber konstant. Gedanken an Dinge, die noch zu erledigen sind. Kleine Entscheidungen, die ich treffe, ohne es bewusst wahrzunehmen.

Welchen Weg nehme ich heute? Wie lange gehe ich? Was gehört danach noch erledigt?

Es hört nicht wirklich auf. Und genau das ist der Punkt.

Wenn der Rahmen alles verändert

Am Camino ist das anders. Dort passiert etwas, das ich zu Hause nicht herstellen kann. Nicht, weil ich mich anstrenge oder etwas anders mache, sondern weil der Rahmen ein anderer ist. Der Weg ist vorgegeben. Die Richtung ist klar. Ich folge den gelben Pfeilen.

Mehr braucht es nicht.

Ich muss nichts entscheiden, nichts planen, nichts Abwägen. Und genau dadurch entsteht etwas, das ich im Alltag derzeit kaum noch kenne: Ruhe. Nicht komplette Stille, aber eine Tiefe, die sich Schritt für Schritt aufbaut.

Gehen am Camino, folge den Pfeilen

Warum diesmal wieder ein Camino

Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, wieder auf den Camino zu gehen. Nicht irgendwo hin, nicht einfach drauflos – sondern genau dorthin. Ein Grund dafür ist die Struktur. Die Herbergen, die Etappen, dieser klare Rahmen. Ich weiß, ich komme irgendwo an, finde einen Platz, habe ein Bett.

Das mag einfach klingen, aber genau das hilft mir im Moment. Ich muss nicht alles selbst organisieren. Ich muss nicht vorausdenken. Ich darf im Tag bleiben.

Noch nicht wieder das Zelt

Vor einem Jahr hätte ich wahrscheinlich sofort wieder das Zelt genommen. Frei sein, unabhängig sein, draußen schlafen.

Aber jetzt ist es anders.

Das Zelt bedeutet mehr Entscheidungen. Mehr Planung. Mehr Verantwortung.

Und genau davon brauche ich im Moment weniger. Die Herbergen geben mir eine Struktur, die mich trägt. Einen Rahmen, in dem ich mich bewegen kann, ohne mich zu verlieren.

Gehen am Camino, Struktur durch Herbergen macht es leichter für mich
Herberge in Arzúa

Was mich wirklich müde macht

Ich habe lange geglaubt, dass mich vor allem die körperliche Belastung müde macht. Aber das stimmt nur bedingt. Was mich wirklich müde macht, ist das ständige Entscheiden. Das Organisieren. Das Mitdenken.

Ein Umzug in der Familie war intensiv. Viel Verantwortung, viele Entscheidungen, vieles gleichzeitig. Es war notwendig, aber es hat Kraft gekostet – vor allem im Kopf.

Auch wenn ich zu Hause bin und mich erhole, arbeitet er weiter. Gedanken laufen nach, Dinge wollen verarbeitet werden.

Durch die Folgen des Hirnabszesses ist genau das nicht mehr selbstverständlich. Manche Denkvorgänge sind nicht mehr möglich, andere brauchen deutlich mehr Zeit und Energie. Was früher nebenbei ging, fordert heute meine volle Aufmerksamkeit. Es ist immer wieder spannend, das zu beobachten.

Nicht nur das Tun selbst erschöpft mich. Sondern das Verarbeiten danach.

Das ist es, was mich oft wirklich müde macht.

Und das gilt es zu akzeptieren – und meine Kräfte bewusst einzuteilen.

Ich brauche keinen Urlaub

Ich habe gemerkt: Ich brauche keinen Urlaub. Was ich brauche, ist ein Zustand, in dem ich nicht ständig denken muss. Ein Zustand, in dem ich nicht dauernd Entscheidungen treffen muss.

Der Camino gibt mir genau das.

Der Unterschied, der für mich alles verändert hat

Der Unterschied zwischen dem Gehen zu Hause und dem Gehen am Camino – oder generell auf einem Weg, der einfach weiterführt – ist für mich nach meiner Krankheit nicht nur spürbar.

Er ist entscheidend.

Zu Hause gehen tut mir gut. Das spüre ich. Aber es ist nicht das Gleiche, wie am Camino.

Dieses tagelange Gehen, dieses Dahingehen über viele Tage, über Wochen – das geht tiefer.

Das ist kein Spaziergang mehr. Das ist ein Zustand. Und genau diesen Zustand brauche ich. Es geht nicht mehr nur ums „Gut tun“.

Früher hätte ich gesagt: Gehen tut mir gut. Heute weiß ich: Das ist zu wenig. Dieses Gehen ist für mich notwendig geworden. Nicht im Sinne von „wäre schön, wenn ich es mache“, sondern im Sinne von: Ich brauche es, damit es mir überhaupt gut gehen kann.

Damit mein Kopf ruhig wird.

Damit mein Körper wieder in einen Rhythmus kommt.

Damit ich nicht im Denken hängen bleibe.

Überleben, nicht optimieren

Dieses tagelange Unterwegssein bildet die Basis, um zu funktionieren.

Es bringt mich in einen Zustand in dem ich klarer werde. In dem ich überhaupt das Gefühl habe, bei mir zu sein.

Nach meiner Krankheit ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Und genau deshalb nehme ich das Gehen ernst. Nicht als Hobby. Nicht als Ausgleich. Nicht als „ich geh mal eine Runde“.

Sondern als das, was es für mich ist: Ein Weg, um körperlich und geistig in Balance zu bleiben. Oder ganz einfach gesagt: Ich gehe nicht nur, weil es mir gut tut. Ich gehe, weil ich es brauche. Kein Ziel – und genau deshalb der Weg

Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber ich gehe mittlerweile ohne wirkliches Ziel. Natürlich werde ich in Santiago ankommen. Und wahrscheinlich auch in Finisterre. Ich weiß, dass ich das kann. Aber darum geht es mir nicht. Das Ziel ist nicht entscheidend. Der Weg ist es.

Dieses tägliche Unterwegssein. Dieses Eingebettet-Sein in eine Richtung, ohne sie ständig hinterfragen zu müssen. Auch zehn Jahre nach dem Hirnabszess lerne ich noch so viel dazu.

Wieder ins Spüren kommen

Die gelben Pfeile nehmen mir etwas ab, das im Alltag ständig präsent ist. Ich kann mich darauf einlassen, einfach zu gehen, einfach zu sein.

Und in diesem Gehen passiert etwas anderes. Ich komme wieder ins Spüren. Ich merke, wann es genug ist. Wann ich eine Pause brauche. Wie weit ich gehen möchte. Das kommt nicht aus dem Kopf. Das kommt von innen.

Warum ich wieder losgehe

Ich gehe nicht weg. Ich gehe zurück. Zurück zu einem Zustand, in dem es ruhiger wird. In dem nicht alles gleichzeitig passiert. In dem ich nicht ständig funktionieren muss.

Ich bin am Anfang gegangen, weil ich ein Ziel hatte. Wieder gehen können. Ich dachte, irgendwann ist es geschafft.

Heute kann ich gehen. Aber nicht so, wie ich es mir damals vorgestellt habe. Die Automatik ist nicht zurückgekommen. Jeder Tag beginnt ein Stück weit von vorne. Nicht bei null – aber auch nicht dort, wo ich geglaubt habe anzukommen.

Früher bin ich gegangen, um etwas zu erreichen. Heute gehe ich ohne das Ziel, irgendwo anzukommen zu müssen.

Aber mit dem Gefühl, in Bewegung bleiben. Damit es gut bleibt.

Jakobsweg versus Weitwanderwege

Eigentlich ist es arg, wie sich das bei mir verändert hat.

Am Jakobsweg war das Ziel klar. Santiago de Compostela. Ich wusste, wohin ich gehe, und genau das hat mir Halt gegeben. Jeder Schritt hatte eine Richtung, und dieses Ziel im Kopf war wichtig für mich. Es hat mich getragen.

Beim Hexatrek war es anders. Natürlich gab es auch dort ein Ziel, aber es war kein fixes mehr. Ich habe es mir offen gelassen, unterwegs aufzuhören, umzudrehen oder weiterzugehen. Es ging weniger darum, irgendwo anzukommen, sondern mehr darum, überhaupt zu gehen.

Und vielleicht habe ich genau dort zum ersten Mal wirklich gespürt, dass sich etwas verändert hat. Dass beides seinen Platz hat. Ein Ziel zu haben, das einen zieht. Aber auch gehen zu können, ohne eines zu brauchen.

Gehen, meine "Therapie"

Es wird wieder Zeit

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich jetzt stehe. Zu wissen, dass ich beides kann. Mit Ziel gehen – und ohne.

Ich war jetzt lange zu Hause. Ich merke, wie es wieder enger wird. Zu viel Denken. Zu viel Offen. Zu viel im Kopf.

Lebe, bevor du stirbst!
Gehen am Camino.
Lebe, bevor du stirbst!

Es ist Zeit, wieder loszugehen. Der Camino Primitivo ist kein Ziel für mich. Er ist der Weg zurück in einen Zustand, in dem ich nicht ständig entscheiden muss.

Ich breche bald auf.


Was man nach einem Hirnabszess nicht sieht

Nach meinem Hirnabszess musste ich vieles neu lernen.

Ein Hirnabszess ist vereinfacht gesagt eine Entzündung im Gehirn.
Was das genau bedeutet, habe ich erst im Nachhinein wirklich verstanden.

Die Folgen spüre ich bis heute.

Gehen.
Denken.
Sprechen.

Das klingt im ersten Moment greifbar.

Aber das eigentliche Problem sieht man nicht.

Ich habe meine Automatik verloren.

unsichtbare Behinderung, mein Alltag nach dem Hirnabszess

Wenn nichts mehr automatisch ist

Früher ist alles einfach passiert.
Ich bin gegangen, ohne darüber nachzudenken.
Ich habe gesprochen, ohne jeden Satz bewusst zu bauen.
Ich konnte mehrere Dinge gleichzeitig machen.

Heute ist das nicht mehr so.

Heute ist jede dieser Sachen eine eigene Aufgabe.

Auch mein Körpergefühl ist nicht mehr selbstverständlich.

Ich spüre Bewegungen anders, unsicherer.
Was früher automatisch funktioniert hat, muss ich mir immer wieder bewusst erarbeiten.

Und selbst das bleibt nur, wenn ich dranbleibe.

Höre ich auf zu üben, verliere ich es wieder ein Stück.

Alltag nach Hirnabszess, Üben

Ein ganz normaler Einkauf – der keiner ist

Ich gehe in den Supermarkt.

Eigentlich nichts Besonderes.
Nur schnell etwas holen.

Früher: rein, nehmen, zahlen, raus.
Nebenbei denken, vielleicht telefonieren – alles gleichzeitig.

Heute merke ich schon beim Reingehen:

Es ist viel.

Menschen.
Geräusche.
Bewegung.

Ich nehme alles gleichzeitig wahr.

Alltag einkaufen

Ich gehe langsamer.
Versuche mich zu orientieren.

Was wollte ich eigentlich holen?

Manchmal weiß ich es noch.
Manchmal ist es einfach weg.

Wenn der Kopf nicht mehr mitkommt

Ich stehe vor einem Regal und merke:
Mein Kopf ist voll – und gleichzeitig leer.

Ich weiß, dass ich etwas brauche.
Aber ich komme nicht mehr hin.

Dann bleibe ich stehen.

Nicht, weil ich will –
sondern weil ich muss.

Ich versuche, mich wieder zu sammeln.

Wenn mich in diesem Moment jemand anspricht, wird es noch schwieriger.

Eine einfache Frage –
und ich merke, wie ich kämpfen muss, um überhaupt zu antworten.

Früher wäre das nebenbei gegangen.

Heute ist es eine eigene Aufgabe.

Manchmal breche ich den Einkauf ab.

Nicht, weil ich nicht will –
sondern weil es zu viel wird.

Einkaufen nach Hirnabszess

Und das passiert überall

Der Einkauf ist nur ein Beispiel.

Es passiert überall.

Wenn ich etwas erledige.
Wenn ich mit Behörden spreche.
Wenn ich unterwegs bin.
Selbst draußen oft, auf einem Camino oder Weitwanderweg.

Es ist nicht die eine Situation.

Es ist mein Alltag.

Santiago de Compostela

Unsichtbare Folgen

Und genau das sieht niemand.

Von außen bin ich jemand, der einkaufen geht.
Der geht.
Der spricht.

Also wirkt es normal.

Aber es ist nicht normal.

Alles kostet Energie.
Alles braucht Aufmerksamkeit.

Der Autopilot ist weg.

Und ja – es ist eine Form von Behinderung.
Nur eine, die man nicht sieht.

Muskelschwäche, Wahrnehmung, gestörte  Propriozeption. Alles Behinderungen die nicht sichtbar sind.

https://www.aktion-mensch.de/ueber-uns/das-treibt-uns-an/was-ist-inklusion/unsichtbare-behinderung

Mein Umgang damit

Ich habe gelernt, damit umzugehen. Besser gesagt, mich trotzdem zu bewegen, auch mit der Gefahr, mich zu verletzen.

Langsamer zu sein.
Pausen zu machen.
Ehrlich zu sagen, wenn es gerade nicht geht.

Ein letzter Gedanke

Ich bin nicht jemand anderer geworden.

Ich funktioniere nur anders.

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Eisberg, 2/3 unter Wasser

Und wenn du jemanden siehst, dem man „nichts ansieht“:

Dann denk daran –

nicht alles, was eine Behinderung ist, ist sichtbar.

Vielleicht siehst du nicht alles.

Und vielleicht lohnt es sich, vorsichtiger zu urteilen.

Du siehst nur das Ergebnis.

Nicht den Aufwand dahinter.

Und trotzdem gehe ich weiter.
Auf meinen Wegen, auf meinen Caminos – und im Alltag.


Vom ersten Camino bis heute – meine Ausrüstung im Wandel

Wenn ich heute an meine ersten Caminos zurückdenke, dann sehe ich nicht nur die Wege, die Landschaften und die Begegnungen vor mir. Ich sehe auch die Ausrüstung, mit der ich damals unterwegs war, und ich merke, wie sehr auch sie ein Teil dieses ganzen Weges geworden ist.

Vieles davon war aus heutiger Sicht alles andere als optimal. Manche Dinge waren zu schwer, andere unpraktisch, und einiges hatte ich einfach dabei, weil ich es nicht besser wusste. Und trotzdem gehört genau diese Ausrüstung zu meinen Anfängen. Ohne sie hätte ich diese ersten Schritte so nicht gemacht.

Mit der Zeit hat sich vieles verändert. Nicht plötzlich, nicht von heute auf morgen, sondern langsam, beinahe unmerklich. Mit jedem Camino, mit jeder Nacht draußen und mit jeder neuen Erfahrung wurde mir ein Stück klarer, worauf es mir wirklich ankommt. Heute wähle ich meine Ausrüstung bewusster aus. Nicht, weil ich alles perfektionieren möchte, sondern weil ich gelernt habe zu verstehen, was ich wirklich brauche – und was nicht.

In diesem Beitrag möchte ich genau diesen Weg zeigen. Den Weg meiner Ausrüstung. Von den ersten, noch einfachen und oft auch schweren Setups bis hin zu dem Punkt, an dem ich heute stehe. Denn oft sind es nicht nur die Wege selbst, die einen verändern, sondern auch die Dinge, die man Tag für Tag auf dem Rücken trägt.

Ein langer Weg, die Ausrüstung zu optimieren.

Die ersten Caminos – ein Anfang unter schwierigen Bedingungen

Zweieinhalb Jahre nach meinem Hirnabszess kam ein Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. Ich brauchte eine Auszeit. Nach all den Therapien, der Reha und diesem ständigen Kampf zurück ins Leben war da dieser Wunsch, einfach fortzugehen.

Ich musste zu diesem Zeitpunkt noch immer gehen lernen. Vieles war unsicher, vieles funktionierte nicht so, wie ich es gewohnt war. Selbst einfache Dinge wie Stufen hinunterzugehen waren schwierig, weil mir Kraft, Gleichgewicht und Sicherheit fehlten.

Eigentlich hätte mein Zustand es kaum zugelassen, überhaupt einen Rucksack zu tragen. Und trotzdem war da dieser Wunsch, loszugehen.

Ich erinnerte mich an den Jakobsweg. Kurz vor dem Hirnabszess hatte ich einen Filmauftrag dazu bekommen. Dieser Gedanke kam wieder zurück, und aus ihm entstand etwas Neues. Es war kein großer Plan, eher ein innerer Impuls. Aber genau dieser Impuls wurde zum Startschuss.

Nicht nur fürs Pilgern und Weitwandern, sondern auch für das Gehen selbst. Und für die Auseinandersetzung mit der Ausrüstung.

Gerade diese Beschäftigung mit der Ausrüstung wurde für mich zu etwas sehr Wertvollem. Ich musste mich mit einzelnen Dingen auseinandersetzen, Entscheidungen treffen, überlegen, was ich wirklich brauche und was nicht. Schritt für Schritt. Auch das war Therapie.

Meine erste Ausrüstung – verwenden was da ist

In dieser Zeit fiel es mir oft schwer, neue Dinge zu organisieren oder mich intensiv mit Details zu beschäftigen. Deshalb griff ich auf vieles zurück, was ich bereits hatte.

Der Begriff „Ultralight“ spielte für mich damals noch keine wirkliche Rolle, auch wenn Gewicht schon früher ein Thema gewesen ist. Vor allem durch meine Arbeit bei Filmprojekten und die Begleitung der Radzwillinge wusste ich, dass jedes zusätzliche Kilo irgendwann spürbar wird.

Ich nutzte unter anderem einen neun Jahre alten Rucksack, den ich mir damals in den USA gekauft hatte, um die Radzwillinge auf den Gipfel des Mt. Whitney zu begleiten und zu Filmen. Es war einer der ersten leichten Ultra-Light Rucksäcke, die es gab. Ich hatte ihn bei zahlreichen Einsätzen dabei.

Trotzdem war meine Ausrüstung auf den ersten Caminos weit entfernt von dem, was ich heute mitnehmen würde. Ich nahm das mit, was da war, was funktionierte und was es mir überhaupt ermöglichte, loszugehen.

Es war keine perfekt abgestimmte Ausrüstung. Aber sie war ausreichend.

Und genau das war entscheidend.

Meine Ausrüstung auf meinem ersten Camino Francés, ca. 6 kg
Ausrüstung Camino Frances, ca. 6 kg, 2018

Diese ersten Caminos waren für mich viel mehr als nur Wege. Sie waren meine ersten echten Schritte zurück ins Leben. Mit wenig Kraft, mit vielen Einschränkungen, aber mit einem großen Willen, wieder vorwärtszukommen.

Was funktioniert – und was wirklich hilft

Rückblickend hat vieles von dem, was ich damals dabeihatte, funktioniert. Sonst wäre ich nicht unterwegs gewesen. Und doch habe ich relativ schnell gemerkt, dass funktionierende Ausrüstung nicht automatisch gute Ausrüstung ist.

Gerade durch meinen körperlichen Zustand entstand eine besondere Situation. Einerseits wollte ich Gewicht sparen, andererseits brauchte ich in manchen Bereichen mehr als andere. Vor allem bei der Kleidung wollte ich auf der sicheren Seite sein, weil ich nie genau wusste, wie mein Körper reagieren würde. Mir war schneller kalt, vieles war unsicher, und ich wollte Reserven dabeihaben.

So war meine Ausrüstung am Anfang oft ein Kompromiss. Zwischen dem Wunsch, leicht unterwegs zu sein, und der Notwendigkeit, auf meinen Körper Rücksicht zu nehmen.

Mit der Zeit begann ich, mir andere Fragen zu stellen. Nicht nur: Wie viel wiegt etwas? Sondern auch:

Was bringt es mir wirklich?
Was gibt mir Sicherheit?
Und was trage ich vielleicht nur aus Gewohnheit mit?

Camino Norte, bereits leichtere Ausrüstung
Camino Norte, 2019

Genau an diesem Punkt begann die eigentliche Entwicklung.

Wie sich meine Ausrüstung im Laufe der Zeit verändert hat

Mit jedem weiteren Camino und jeder längeren Tour wurde meine Ausrüstung ein Stück durchdachter. Am Anfang nahm ich vor allem das mit, was ich hatte oder was in meiner damaligen Situation möglich war. Denn bei Ultra-Light handelt es sich auch oft um den Preis. Später begann ich immer mehr zu hinterfragen und bewusste Entscheidungen zu treffen.

Gerade beim Weitwandern mit Zelt, Schlafsack und Kochausrüstung wurde mir schnell klar, wie viel Einfluss diese großen Bereiche auf das Gesamtgewicht haben. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass es nicht nur darum geht, immer leichter zu werden. Es geht darum, dass die Ausrüstung zum eigenen Körper, zum Weg und zur jeweiligen Situation passen muss.

Zelt – vom reinen Schutz zum durchdachten Begleiter

Am Anfang war es für mich wichtig, überhaupt ein Zelt dabeizuhaben. Es ging um Schutz, um Sicherheit, um die Möglichkeit, draußen übernachten zu können.

Mit der Zeit haben sich meine Ansprüche verändert. Gewicht, Packmaß und vor allem ein einfacher Aufbau wurden immer wichtiger. Denn wenn man jeden Tag unterwegs ist, merkt man schnell, ob etwas nur irgendwie funktioniert oder ob es einem den Alltag tatsächlich erleichtert.

Heute ist das Zelt für mich nicht mehr nur ein Schutzraum, sondern ein durchdachter Teil meines Systems.

Meine Ausrüstung am JOGLE
JOGLE, 2023 - Six Moon Designs Lunar Solo Zelt, 720 Gramm
Lager am Hexatrek, mit Nemo Hornet Elite 2P Zelt. Ausrüstung perfektionieren.
Mit dem Nemo Hornet Elite 2P (920 Gramm) am Hexatrek, 2024
Mein aktuelles, Hyperlight Mid 1, 475 Gramml

Schlafsack – der Weg zur Reduktion

Zu Beginn nutzte ich noch einen Schlafsack aus meiner Zeit vor dem Hirnabszess, einen leichten Northland mit rund 420 Gramm. Ein Schlafsack, der mich lange begleitet hat und mit dem ich viele Nächte draußen verbracht habe.

Doch nach meinem zweiten Camino begann ich, auch hier umzudenken.

Ich entschied mich schließlich für den Sea to Summit Spark I. Mit seinen 350 Gramm ist er noch einmal leichter und gleichzeitig genau auf das reduziert, was ich wirklich brauche.

Schlafsetup Biwak beim Walkabout 2021

Dieser Schlafsack begleitet mich seither auf vielen Wegen – am Walkabout, beim JOGLE, am Hexatrek und darüber hinaus.

Für kältere Bedingungen nutze ich zusätzlich den Spark II. Denn gerade im Winter zeigt sich schnell, wie wichtig es ist, die richtige Ausrüstung zur richtigen Zeit dabeizuhaben.

HexaTrek 2024, SeatoSummit Spark1

Kochausrüstung – die Entscheidung für Einfachheit

Auch bei der Kochausrüstung hat sich im Laufe der Zeit einiges verändert. Wenn man alles selbst trägt, wird jedes einzelne Teil irgendwann zur Frage.

Je nach Tour koche ich entweder mit Gas oder mit Spiritus. Gas ist für mich die einfachere und verlässlichere Lösung, während Spiritus mehr Aufmerksamkeit und ein ruhigeres Arbeiten erfordert. Manchmal kein leichtes Unterfangen bei meiner schlechten Feinmotorik.

Spiritus Kocher am Hexatrek, 2024
Umstieg am Hexatrek auf Gaskocher

Auf den Caminos in Spanien gehe ich noch einen Schritt weiter und verzichte beinahe ganz auf das Kochen. Bei den vielen Cafés und Restaurants unterwegs kein Problem.

Diese Entscheidung reduziert nicht nur das Gewicht, sondern verändert auch die Art des Unterwegsseins. Es wird für mich einfacher.

2,5 Kilo Ausrüstung
2,5 Kilo Ausrüstung am Camino im Frühjahr

Denn alles, was ich nicht tragen muss, macht jeden Schritt ein wenig leichter.

Meine Lighterpack-Listen – Ausrüstung als Weggeschichte

Meine Ausrüstung lässt sich nicht nur beschreiben, sondern auch konkret nachvollziehen.

Hier findest du einige meiner Setups aus verschiedenen Phasen:

Für mich sind diese Listen mehr als reine Aufstellungen. Sie zeigen meinen Weg. Man erkennt darin, wie sich Prioritäten verschieben und wie aus einer eher pragmatischen Ausrüstung nach und nach ein stimmiges Gesamtsystem entsteht.

Wintercaminos – wenn Ausrüstung wirklich zählen muss

Besonders deutlich wird die Qualität der eigenen Ausrüstung im Winter.

Kälte, kürzere Tage und oft auch mehr Unsicherheit verlangen nach einem guten Gleichgewicht zwischen Reduktion und Verlässlichkeit. Gerade hier reicht es nicht, einfach nur leicht unterwegs sein zu wollen. Die Ausrüstung muss funktionieren.

Und doch war es für mich spannend zu sehen, dass ich auch unter diesen Bedingungen mit der Zeit immer bewusster und leichter unterwegs sein konnte.

Ein Wintercamino mit rund drei Kilogramm Basisgewicht wäre für mich früher kaum vorstellbar gewesen. Nicht, weil ich es nicht gewollt hätte, sondern weil mir die Erfahrung gefehlt hat.

Schnee am Alto Plano. Winter-Camino Frances 2025
Winter-Camino Frances 2025

Der Weg selbst hat mir gezeigt, was möglich ist.

Fazit: Ausrüstung ist Erfahrung

Wenn ich heute auf meine Camino- und Weitwanderausrüstung zurückblicke, dann sehe ich nicht nur einzelne Gegenstände. Ich sehe meinen eigenen Weg darin.

Ich sehe, wie sich mit den Jahren nicht nur meine Ausrüstung verändert hat, sondern auch mein Blick auf das Wesentliche.

Am Anfang ging es darum, überhaupt loszugehen. Mit dem, was da war. Später begann ich zu verstehen, was ich wirklich brauche – und was nur Ballast ist. Nicht nur im Rucksack, sondern manchmal auch im Kopf.

Mit jedem weiteren Weg wurde meine Ausrüstung einfacher, stimmiger und bewusster. Nicht perfekt, aber passend.

Denn gute Ausrüstung muss nicht beeindrucken. Sie muss tragen, entlasten und zum eigenen Weg passen.

Camino Frances, November 2025

Gerade nach allem, was ich erlebt habe, hat dieses Thema eine tiefere Bedeutung bekommen. Es geht nicht nur um Gramm oder Materialien. Es geht auch um Freiheit, Selbstständigkeit und Vertrauen.

Vertrauen in den eigenen Weg.

So ist meine Ausrüstung heute nicht einfach nur leichter geworden. Sie ist aus vielen Erfahrungen entstanden. Aus Versuchen, aus Fehlern und aus unzähligen Tagen draußen.

Und sie wird sich weiter verändern. So wie sich Wege verändern. So wie man sich selbst verändert.

Am Ende ist Ausrüstung für mich mehr als das, was ich auf dem Rücken trage.
Sie ist ein Teil meines Weges geworden.

Und vielleicht ist genau das das Schönste daran:
Dass man mit jedem Schritt nicht nur weitergeht, sondern auch klarer sieht, was man wirklich braucht - am Weg, wie im Leben!


27.März 2016: Zehnter Jahrestag nach dem Hirnabszess - mein Leben mit Grenzen!

Am 27. März 2016 wurde mein Leben jäh unterbrochen. Ein Einschnitt, der alles veränderte. Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr selbstverständlich. An meinen Grenzen arbeite ich noch heute und versuche sie zu verschieben.

Und doch bekam ich damals eine zweite Chance. Ein zweites Leben.

Es ging weiter, aber nicht mehr so wie zuvor. Anders. Ein anderes Leben, das ich erst wieder lernen musste.

Hier gehts zu meinem ersten Blogbeitrag, wie alles anfing.

der Hirnabszess hat mit Grenzen gesetzt
Diagnose Hirnabszess - 27.März 2016

Zeit – vom Gegner zum Lehrer

Eine der wesentlichsten Veränderungen in meinem Leben betrifft meinen Umgang mit der Zeit.

Früher war Zeit oft etwas, gegen das ich arbeitete. Im Sport war sie mein Trainingspartner. Sekunden, Höhenmeter, Durchschnittsgeschwindigkeit – vieles drehte sich darum, schneller zu werden, mehr zu schaffen und die eigene Leistung zu verbessern. Auch im Beruf war Zeit häufig mit Terminen, Aufgaben und dem Gefühl verbunden, nie genug davon zu haben.

Nach meinem Hirnabszess bekam Zeit eine völlig andere Bedeutung.

Plötzlich ging es nicht mehr darum, möglichst viel in möglichst kurzer Zeit zu schaffen. Vieles, was früher selbstverständlich und automatisch funktionierte, brauchte nun meine ganze Aufmerksamkeit. Ich musste langsamer werden und lernen, mich auf das zu konzentrieren, was gerade möglich war.

Damit veränderte sich auch mein Verhältnis zum Hier und Jetzt. Die Zukunft war nicht mehr selbstverständlich planbar, und vieles aus meinem früheren Leben lag außerhalb meiner Möglichkeiten. Was blieb, war der gegenwärtige Moment.

Früher wollte ich die Zeit kontrollieren. Heute versuche ich, sie zu erleben.

Zeit ist für mich nicht mehr nur etwas, das vergeht oder möglichst sinnvoll genutzt werden muss. Sie gibt mir die Möglichkeit, weiterzulernen, mich zu entwickeln und an meinen Grenzen zu arbeiten. Nicht alles muss sofort gelingen. Manche Fortschritte brauchen Monate, andere Jahre.

Die Zeit ist nicht mehr mein Gegner, sondern mein Lehrer geworden.

Und vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis daraus: Ich habe Zeit bekommen, nicht verloren.

2017, ein langer Weg steht mir bevor. Mich an Grenzen zu bewegen, war mein Tagesablauf.
2017, ein langer Weg steht mir bevor

Ein Leben davor und danach

Wenn ich heute von meinem Leben erzähle, dann ist es fast immer in ein Davor und ein Danach unterteilt.

Das Davor war geprägt von Bewegung, Leistung und Geschwindigkeit. Sport spielte eine große Rolle in meinem Leben. Ich war es gewohnt, meinen Körper zu fordern und meine Grenzen auszutesten. An diese Zeit denke ich durchaus gerne zurück.

Das Danach war völlig anders.

Plötzlich ging es nicht mehr darum, schneller zu werden, sondern überhaupt wieder gehen zu können.

Was vorher selbstverständlich gewesen war, verlangte auf einmal enorme Anstrengung. Gehen, essen, schreiben, sprechen – vieles musste ich wieder bewusst ausführen. Tätigkeiten, über die ich früher kaum nachgedacht hatte, erforderten meine volle Aufmerksamkeit.

Selbst Zähneputzen oder Essen konnten nicht einfach nebenbei geschehen. Mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen, war oft nicht möglich.

Ich musste lernen, mich auf eine Tätigkeit zu konzentrieren. Nicht, weil ich mir vorgenommen hatte, achtsamer zu leben, sondern weil mein Gehirn vieles nicht mehr anders bewältigen konnte.

Auch heute ist diese Aufmerksamkeit in vielen Situationen notwendig.

Ein einzelner Schritt bekam dadurch eine Bedeutung, die ich früher kaum verstanden hätte.

Wenn ich an die erste Zeit zurückdenke, erinnere ich mich daran, wie viel Willen ich aufbringen musste, um überhaupt wieder gehen zu können.

Grenzgang Weitwandern, Grenzen erobern
Grenzgang Weitwandern

Nicht zurück, sondern neu beginnen

Lange Zeit ging es darum, verlorene Fähigkeiten zurückzugewinnen. Doch irgendwann wurde deutlich, dass ich nicht einfach in mein früheres Leben zurückkehren würde.

Es gab keinen Punkt, an dem ich sagen konnte: Jetzt ist wieder alles wie früher. Stattdessen begann ein langsamer Neuaufbau.

Mit dem Hirnabszess startete ich nicht bei null, sondern weit darunter. Jeder noch so kleine Fortschritt musste erarbeitet werden. Was von außen selbstverständlich aussehen mochte, konnte für mich das Ergebnis vieler Wochen oder Monate sein.

Und dieser Aufbau ist nicht abgeschlossen.

Viele Fähigkeiten, die ich wiedergewonnen habe, bleiben nicht einfach erhalten, ohne dass ich etwas dafür tue. Ich muss mich weiterhin damit beschäftigen, sie anwenden und trainieren.

Das gilt nicht nur für meinen Körper.

Auch geistig musste ich vieles neu lernen. Konzentration, Aufmerksamkeit, Denken und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erfassen, waren nicht mehr selbstverständlich.

Bildung bekam für mich dadurch eine andere Bedeutung. Es ging nicht mehr um berufliche Entwicklung oder darum, möglichst viel neues Wissen anzusammeln. Es ging zunächst darum, Fähigkeiten wiederzugewinnen, die ich früher bereits besessen hatte.

Mein Kopf arbeitet wieder. Anders. Manchmal langsamer. Mit Grenzen, die ich berücksichtigen muss. Aber er arbeitet. Und ich arbeite weiter daran.

Im Video von Markus Leyacker-Schatzl erzähle ich über meinen Weg.

Grenzen erkennen und verschieben

Vor meiner Erkrankung war es für mich normal, an meine Grenzen zu gehen. Im Sport gehörte das dazu. Anstrengung war etwas, das ich suchte, um besser zu werden.

Heute muss ich mit Belastung anders umgehen.

Meine Energie ist nicht jederzeit in gleichem Ausmaß verfügbar. Körperliche und geistige Anstrengungen lassen sich nicht beliebig steigern. Was an einem Tag gut funktioniert, kann an einem anderen bereits zu viel sein.

Deshalb muss ich lernen, meine Grenzen nicht nur zu überwinden, sondern sie zunächst überhaupt zu erkennen.

Das klingt einfacher, als es ist.

Denn der Wunsch, etwas zu schaffen, ist geblieben. Ich möchte mich weiterentwickeln, selbstständig bleiben und meine Möglichkeiten ausschöpfen.

Aber ich muss genauer darauf achten, wann Belastung sinnvoll ist und wann sie mich überfordert.

Pausen, Prioritäten und die Einteilung meiner Energie sind deshalb ein wesentlicher Teil meines Alltags geworden.

Ich lerne noch immer, Überforderung nicht mit Stärke zu verwechseln.

Stärke bedeutet für mich heute auch, rechtzeitig zu reagieren, bevor ich über meine Grenzen hinausgehe.

Nur so kann ich langfristig daran arbeiten, diese Grenzen vielleicht wieder ein Stück zu verschieben.

die Natur hat mir geholfen, Grenzen zu erweitern.

Das Gehen als Weg zurück ins Leben

Das Gehen wurde zu einem wichtigen Bestandteil meiner Entwicklung.

Anfangs war es Therapie. Jeder Schritt verlangte Aufmerksamkeit, Gleichgewicht und Anstrengung. Später wurden aus den ersten Gehversuchen längere Spaziergänge und schließlich Wanderungen.

In der Natur fand ich Möglichkeiten, an meinen Fähigkeiten zu arbeiten, ohne ständig nur auf meine Einschränkungen zu schauen.

Auf meinen langen Wegen lernte ich, meinen Körper besser wahrzunehmen. Ich musste mich mit meinem Tempo, meiner Belastbarkeit und meinen Grenzen auseinandersetzen.

Das Weitwandern wurde für mich zu einer Möglichkeit, selbstständig unterwegs zu sein und mein Leben wieder stärker selbst zu gestalten.

Dabei geht es längst nicht mehr nur darum, wie viele Kilometer ich zurücklege.

Es geht auch darum, mit meinen vorhandenen Möglichkeiten zurechtzukommen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für mich selbst zu übernehmen.

Die langen Wanderungen zeigen mir, was möglich geworden ist.

Sie ändern aber nichts daran, dass viele Schwierigkeiten auch zu Hause und im gewöhnlichen Alltag geblieben sind.

Was geblieben ist

Zehn Jahre nach dem Hirnabszess sind zahlreiche Einschränkungen weiterhin Teil meines Lebens.

Fatigue spielt nach wie vor eine große Rolle. Energie muss eingeteilt und Belastung geplant werden. Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass meine Leistungsfähigkeit jederzeit gleich ist.

Auch meine kognitiven Fähigkeiten haben sich verändert.

Meine Konzentration ist begrenzt. Das Gedächtnis funktioniert nicht in jeder Situation zuverlässig. Manchmal brauche ich mehr Zeit, um Worte zu finden oder Gedanken zu ordnen. Mehrere Anforderungen gleichzeitig können mich rasch überfordern.

Dazu kommt die Verarbeitung von Reizen. Situationen, die für andere selbstverständlich erscheinen, können für mich viel Aufmerksamkeit und Energie verlangen.

Deshalb brauche ich Struktur und muss bewusst mit meinen Möglichkeiten umgehen.

Vieles davon ist von außen kaum sichtbar.

Wer mich auf einer langen Wanderung erlebt, könnte leicht glauben, dass ich meine Einschränkungen weitgehend überwunden habe.

Doch eine lange Strecke gehen zu können bedeutet nicht, dass auch alle anderen Bereiche meines Lebens wieder so funktionieren wie früher.

Ich muss weiterhin an meiner Stabilität arbeiten.

Manchmal fühlt sich das beinahe wie eine Form von Pflege an, die ich selbst übernehme. Ich muss darauf achten, was mir guttut, was mich überfordert und wie ich meine Fähigkeiten möglichst lange erhalten kann.

Das ist keine Bitterkeit.

Es ist Teil meiner Realität.

Und mit dieser Realität arbeite ich.

Dem eigenen Weg treu bleiben, trotzdem Grenzen Überwinden.
Dem eigenen Weg treu bleiben und trotzdem Grenzen überwinden

Was gewachsen ist

Neben den gebliebenen Einschränkungen hat sich in diesen zehn Jahren auch etwas entwickelt, das ich früher in dieser Form nicht kannte.

Keine dauerhafte Euphorie und auch nicht die Überzeugung, dass irgendwann alles wieder gut sein wird.

Eher eine Form von Zuversicht.

Ich weiß heute besser, dass Entwicklung Zeit braucht. Dass Rückschritte dazugehören können und Fortschritt nicht immer sichtbar ist.

Meine Prioritäten haben sich verändert. Vieles, was früher wichtig erschien, hat an Bedeutung verloren.

Ein Schritt ohne Schwindel. Ein Spaziergang im Wald. Ein gutes Gespräch. Ein ruhiger Moment.

Solche Dinge sind für mich wertvoller geworden.

Auch die Langsamkeit bewerte ich heute anders. Sie ist nicht automatisch ein Nachteil. Manchmal ermöglicht sie mir erst die Genauigkeit und Aufmerksamkeit, die ich brauche.

Vor allem habe ich gelernt, dass ich selbst Verantwortung für meinen Umgang mit meinen Möglichkeiten übernehmen muss.

Niemand kann mir diese Aufgabe vollständig abnehmen.

Ich muss selbst erkennen, wann ich mich fordern kann, wann eine Pause notwendig ist und welche Entscheidungen mir langfristig guttun.

Das gelingt mir nicht immer.

Aber ich werde besser darin.

Was Gesundheit heute für mich bedeutet

Mein Verständnis von Gesundheit hat sich in diesen zehn Jahren grundlegend verändert.

Früher war Gesundheit für mich eng mit Leistungsfähigkeit verbunden. Ich konnte Sport betreiben, meinen Körper fordern und mich auf meine Fähigkeiten verlassen.

Heute sehe ich das anders.

Gesundheit bedeutet für mich nicht, frei von jeder Einschränkung zu sein. Auch nicht, wieder das Leistungsniveau meines früheren Lebens zu erreichen.

Gesundheit bedeutet für mich, mit meinen vorhandenen Möglichkeiten möglichst stabil und selbstbestimmt leben zu können.

Dazu gehört, meinen Körper wahrzunehmen, meine Energie einzuteilen und meine Grenzen ernst zu nehmen.

Es bedeutet aber auch, nicht bei diesen Grenzen stehen zu bleiben.

Ich möchte weiterhin lernen, mich entwickeln und neue Möglichkeiten entdecken. Nicht um etwas zu beweisen, sondern weil ich mein Leben gestalten möchte.

Gesundheit ist für mich deshalb kein Zustand, den man einmal erreicht und anschließend behält.

Sie ist ein fortlaufender Prozess.

Gesundheit bedeutet für mich heute vor allem: selbstbestimmt leben – unter veränderten Bedingungen.

Grenzen erkennen und hinausschieben
Vom Patienten zum Handelnden

Was gewachsen ist

In den letzten 10 Jahren ist etwas entstanden, das ich früher so nicht kannte. Keine Euphorie und kein „Alles wird gut“, sondern eine Form von Zuversicht.
Es hat sich dahingehend eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Ich muss nicht mehr alles steuern oder absichern.

Prioritäten sind klarer geworden. Unwichtiges verliert an Bedeutung und wird schnell aussortiert. Eigenverantwortung ist zentral. Meine Energie kann nur ich selbst einteilen und entscheiden, was mir gut tut.

Langsamkeit bewerte ich nicht negativ. Sie erhöht Genauigkeit und Stabilität.

Mein Verständnis von Gesundheit hat sich grundlegend verändert. Gesundheit ist für mich nicht die Abwesenheit von Krankheit und auch nicht die Rückkehr zu meinem früheren Leistungsniveau. Sie bedeutet heute, mit meinen vorhandenen Ressourcen stabil leben zu können.

Entscheidend ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung: Energie bewusst einteilen, Belastung dosieren, Grenzen rechtzeitig erkennen und darauf reagieren. Stabilität ist wichtiger geworden als Intensität.

Gesundheit ist kein Zustand, den man erreicht und behält.

Sie ist ein fortlaufender Prozess, der Aufmerksamkeit erfordert – körperlich wie mental. Solange ich gehen, denken und eigenständig entscheiden kann, bin ich gesund im Sinne meines heutigen Verständnisses.

Gesundheit bedeutet für mich: selbstbestimmt leben – unter veränderten Bedingungen. Gesundheit bedeutet für mich heute nicht mehr Leistungsfähigkeit, sondern Selbststeuerung.

Langsamkeit ist kein Nachteil mehr.
Sie bringt Stabilität.

Ich lebe bewusster als früher.

Zehn Jahre später – was ist Fortschritt?

Zehn Jahre nach meinem Hirnabszess stelle ich mir andere Fragen als früher.

  • Wie messe ich Fortschritt?
  • Was ist Erfolg?
  • Was bedeutet Stärke?

Früher hätte ich darauf vermutlich mit Leistung, Geschwindigkeit und erreichten Zielen geantwortet. Heute messe ich Fortschritt stärker daran, wie stabil ich meinen Alltag bewältigen kann.

Erfolg bedeutet für mich, dranzubleiben und meine Möglichkeiten langfristig zu erhalten. Und Stärke zeigt sich nicht mehr darin, um jeden Preis durchzuhalten. Sie zeigt sich auch darin, die eigenen Grenzen zu erkennen und bewusst mit ihnen umzugehen. Das bedeutet nicht, dass ich keine neuen Herausforderungen mehr suche.

Im Gegenteil.

Ich möchte weiterhin herausfinden, was mir möglich ist. Aber ich möchte dabei nicht vergessen, dass auch das Leben zwischen meinen großen Wanderungen zählt.

Zeichnung aus der Schulzeit
Zeichnung aus der Schulzeit

Wenn ich auf diese zehn Jahre zurückblicke, sehe ich keine verlorene Zeit. Ich sehe zehn Jahre Arbeit. Zehn Jahre Lernen.

Zehn Jahre, in denen ich immer wieder Entscheidungen treffen musste, um nicht stehen zu bleiben. Ich bin nicht in mein altes Leben zurückgekehrt.

Ich habe begonnen, mir ein anderes aufzubauen.

Und daran arbeite ich weiter.

Zehn Jahre später gehe ich nicht unbedingt schneller. Aber bewusster.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Von der Freude und dem Glück, dem zu folgen, was lebendig macht

„Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet.“

Es ist eine Lebensqualität, die ich mir Tag für Tag erarbeiten muss, damit sie bleibt und damit sie nicht wieder verloren geht. Denn nach dem Hirnabszess war nichts mehr selbstverständlich, und vieles, was früher einfach war, wurde plötzlich zu einer Herausforderung. Mein Körper funktionierte nicht mehr wie zuvor, und auch mein Gehirn arbeitete anders, sodass ich lernen musste, mit diesem neuen Zustand zu leben.

Vieles war reduziert auf das Jetzt, weil ich gar nicht weiter vorausdenken konnte. Auf den nächsten Schritt, den ich setzen musste, und auf den nächsten Atemzug, der mich im Moment hielt. Denn mehr war oft nicht möglich.

Und genau dort, in dieser Beschränkung und gerade weil alles auf das Wesentliche reduziert war, verstand ich, was mich wirklich lebendig macht. Nicht das Große und Weite, sondern das Kleine und Nahe. Nicht das Morgen, sondern das Jetzt, weil nur hier Leben spürbar ist.

Freude am Gehen
Schritt für Schritt

Es war das Gehen, das mir Freude und Lebendigkeit brachte.

Ein Schritt nach dem anderen. Millionenfach wiederholt. Immer wieder hinaus. In die Natur. In die Wälder, auf die Wege, über Asphalt und Schotter. Die Natur wurde meine Therapie Nummer eins. Sie fordert mich, aber sie überfordert mich nicht. Sie spiegelt mir meinen Zustand – jeden Tag aufs Neue.

Lebendig fühle ich mich nicht, wenn alles leicht ist. Sondern wenn ich spüre, dass ich wirke. Dass ich etwas bewege. Dass ich trotz Einschränkungen weitergehe. Dieses Weitergehen ist kein Leistungsbeweis. Es ist ein inneres Ja zum Leben.

Erst später wurde mir bewusst, warum mich früher Leistungs- und Extremsport so angezogen haben. In der Bewegung spürte ich mich besser. Dort, wo es weh tut, liegt oft auch eine Wahrheit über sich selbst.

Australien

Und dann ist da die Freude. Heute ist sie wichtiger denn je. Sie wirkt oft leise. Ein Moment auf einem Waldstück, wenn das Licht durch die Bäume fällt. Das Wissen, wieder ein Stück sicherer gegangen zu sein. Oder einfach Dankbarkeit, dass ich überhaupt gehen kann.

Hexatrek
Wunderschöne Natur am Hexatrek

Über die Jahre habe ich gelernt: Gehe ich weniger, übe ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, zieht sich etwas in mir zurück. Nicht nur die Muskulatur. Nicht die Propriozeption, diese Tiefensensibilität, die kein fixer Besitz mehr ist, sondern etwas, das ich mir durch millionenfaches Wiederholen zurückerobert habe und zu erhalten versuche.

Lasse ich nach, wird auch das Gehen unsicherer. Auch die innere Lebendigkeit wird dann weniger. Sie braucht Bewegung. Sie braucht Wiederholung. Sie braucht Hingabe.

Propriozeption auf verschiedenen Untergründen üben
Propriozeption auf verschiedenen Untergründen üben

Leistungssport und Hingabe

In meinem ersten Leben war ich vieles, doch der Leistungssport war vor allem eines: ein Versuch, mich selbst kennenzulernen. Dieses Leben an der Grenze ließ mich wachsen – geistig wie körperlich. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht und besonders die Reaktion wurden geschärft und zu einem Teil von mir.

Später, als Videojournalist, zehrte ich davon. Schnell erfassen. Richtig reagieren. Den Überblick behalten. Der Sport war dafür die beste Schule.

Der Sport lehrte mich, Leistung zu bringen. Aber noch wichtiger war mir immer die Haltung dahinter. Leistung ohne Ethik war für mich nie erstrebenswert. Dieser Wert begleitet mich bis heute. Er ist geblieben – wie das Gehen. Wie das Streben nach Entwicklung. Schritt für Schritt.

Strassenradrennsport

Lebendigkeit bringt Sinn

Dem zu folgen, was mich lebendig macht, bedeutet nicht, nur das Angenehme zu wählen. Es bedeutet, dem nachzugehen, was Sinn stiftet. Was mich aufrichtet. Was mich in Verbindung bringt – mit mir selbst und mit der Welt um mich herum.

Für mich sind es nicht nur die täglichen Wege. Es ist auch das Weitwandern. Das Pilgern. Stundenlanges Gehen. Tag für Tag. Schritt, Atem, Schritt. Nicht um besondere Leistungen zu vollbringen. Nicht um Rekorde zu sammeln, sondern um meinen Körper zu regulieren und Stabilität zu schaffen.

Diese langen Wege bringen mein Nervensystem in einen Rhythmus. Sie geben meinem Körper jene Wiederholungen, die er braucht. Für Außenstehende mag das extrem wirken. Für mich ist es kein Extremsport mehr. Es ist Erhalt und es ist notwendig, um selbstständig zu bleiben. Um nicht erneut zum Pflegefall zu werden.

Freude am Pilgern
Pilgern

Mein Weg ist nicht der anderer

Mir ist bewusst, dass nicht jeder diesen Weg gehen kann – und ihn auch nicht gehen muss. Jeder Mensch hat seine eigene Form, lebendig zu bleiben. Schreiben. Musizieren. Gärtnern. Gespräche führen. Wichtig ist nicht, was es ist. Wichtig ist, dass es einen stärkt.

Nach zehn Jahren weiß ich: Lebensqualität entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Ausrichtung. Durch die bewusste Entscheidung, dem Raum zu geben, was nährt. Und das loszulassen, was dauerhaft schwächt.

Für mich ist es das Gehen. Die langen Wege. Das Unterwegssein.

Vielleicht ist das die eigentliche Essenz: Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet. Nicht irgendwann. Sondern heute. Schritt für Schritt.

Morgenstimmung am Hexatrek, Freude pur
Morgenstimmung am Hexatrek, Freude pur!

Über Bewegung, Bedingungen und warum Wochen des Unterwegssein mehr sind als Auszeiten


Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Warum Regulation für mich so wichtig ist

Regulation ist für mich nichts Theoretisches. Es ist etwas, das ich jeden Tag spüre. Seit dem Hirnabszess ist vieles nicht mehr selbstverständlich. Vor allem nicht dieser innere Zustand, in dem man einfach sein kann.

Nach dem Hirnabszess ist vieles anders geworden. Mein System ist sensibler. Dinge, die früher einfach mitgelaufen sind, kosten heute Energie. Zu viele Reize, zu viele Abläufe gleichzeitig – das merke ich sofort. Nicht im Kopf, sondern im Körper.

Regulieren mit den Elementen, SWCP England
Regulieren mit den Elementen, SWCP England

Trauma und Regulation

Er hat auch viele Traumen ausgelöst. Und genau deshalb ist Regulation so wichtig. Mein System ist schnell im Alarm. Manchmal reicht wenig und ich merke: Ich bin wieder im dauernden Bereitsein, im Mitdenken, im unterschwelligen Aufpassen. Mein Nervensystem bleibt dabei ständig wach. Es kommt nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand. Es ist immer ein wenig angespannt, auch dann, wenn eigentlich nichts los ist.

Darum entscheidet Regulation für mich darüber, ob ich nur funktioniere oder ob ich wirklich lebe. Ohne Regulation wird alles schnell zu viel. Selbst Dinge, die eigentlich gut tun würden.

Ich habe früh gemerkt, dass mein Weg über den Körper führt. Über das Gehen, über Wiederholung, über das langsame Üben. So kann mein Nervensystem wieder Sicherheit finden. Nicht Kontrolle, sondern Sicherheit.

Traumen behandeln, durch Vertrauen und Regulation

Und ich komme immer wieder darauf, in welchen Situationen Traumen noch da sind, auch heute noch. Oft zeigt sich das erst im Körper. In der Bewegung, im Stocken, in der Spannung. Es bleibt ein ständiges Lernen, aber auch ein Lösen.

Vor allem durch Bewegung. Denn Traumen zeigen sich meist in Bewegung. Und dort kann auch Regulation passieren. Darum ist therapeutisches Tanzen für mich so gut. Es hilft mir, Spannungen wahrzunehmen und langsam weicher werden zu lassen. Ohne Druck, ohne viele Worte. Schritt für Schritt.

Regulation bedeutet für mich, wieder bei mir zu sein. Zu spüren, was geht und was nicht. Zu merken, wann es genug ist. Wann Bewegung hilft und wann Ruhe nötig ist.

Weitwandern oder Pilgern ist nur bedingt Abenteuer, es ist vor allem ein Raum, in dem genau das möglich wird: ein Alltag ohne Überforderung, mit klaren Abläufen, in dem mein System wieder hören kann, was es braucht.

Nach jeder Pilgerfahrt oder nach einem Weitwanderweg gewinne ich wieder mehr Vertrauen. Vertrauen ist kein Anfangspunkt, sondern etwas, das entsteht, wenn mein System lange genug erleben darf, dass nichts von ihm verlangt wird.

Ich bin sicher, ohne etwas kontrollieren zu müssen.

Ohne Regulation wäre alles nur Reaktion.
Mit Regulation wird es wieder Leben.
Schritt für Schritt. Wie beim Gehen.

Auf der Meseta, am Camino Frances.
Regulation im Gehen.
Regulation beim Gehen.

Über den Kopf geht es nicht

Ich habe lange versucht, das über Denken zu lösen. Verstehen, einordnen, erklären. Das hilft ein Stück weit, aber es bringt keine echte Ruhe. Was mir wirklich hilft, ist etwas viel Einfacheres: Gehen.

Gehen – nicht als Training, sondern als Zustand

Wenn ich gehe, wird es ruhiger. Der Atem wird gleichmäßiger. Der Blick geht weiter. Die Gedanken werden weniger.

Ich muss nichts entscheiden und nichts organisieren. Ein Schritt nach dem anderen reicht.

Regulation beim Gehen
Regulation beim Gehen

Warum das zu Hause schwierig ist

Zu Hause bin ich immer eingebunden. Auch dann, wenn ich eigentlich nichts vorhabe. Da laufen Abläufe, Gewohnheiten, Erwartungen. Vieles davon automatisch.

Nach dem Hirnabszess merkte ich: Das ist auf Dauer zu viel. Nicht ein einzelnes Ding, sondern die Summe aus vielen kleinen Anforderungen gleichzeitig. Auch Ruhe ist zu Hause oft nicht wirklich ruhig. Natürlich kann ich zu Hause spazieren gehen oder bewusst Pausen machen. Das tut auch gut. Aber es bleibt eingebettet im Alltag. Am Ende des Tages bin ich wieder mittendrin.

Der Alltag hört nicht auf. Mein System bleibt wachsam. Nicht, weil konkret etwas passiert. Sondern weil jederzeit etwas passieren könnte. Ein Geräusch. Eine Frage. Eine Kleinigkeit, die Aufmerksamkeit braucht. Auch wenn nichts davon eintritt, bleibt diese Bereitschaft im Körper.

Ich spüre es daran, dass ich innerlich nicht ganz herunterfahre. Es ist, als wäre ein Teil von mir ständig auf Empfang. Nicht angespannt im klassischen Sinn, aber auch nicht wirklich entspannt.

Nach dem Hirnabszess ist genau das anstrengend. Dieses dauernde „Bereit sein“, dieses Mitdenken, dieses ständige Aufpassen. Mein Nervensystem kommt so nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand.

Zu Hause kann ich mich erholen, aber ich kann mich dort kaum vollständig regulieren. Und diese Regulierung ist für mein Überleben wichtig geworden.

Wenn der Weg der Alltag ist

Auf einem Weitwanderweg ist das anders, denn der Weg ist der Alltag.Der Tag ist überschaubar: gehen, essen, schlafen. Mehr nicht. Keine Termine, keine Rollen, keine Dinge, die gleichzeitig Aufmerksamkeit wollen.

Regulation braucht Dauer, nicht kurze PausenRegulation entsteht bei mir nicht durch kurze Auszeiten. Sie entsteht durch Dauer. Deswegen tun mir Weitwanderwege so gut.

Natur verlangt nichts von mir. Ob Wald oder Meer. Am Meer kommt Weite dazu. Der Horizont. Die gleichmäßigen Geräusche.

Meer

Der Kontrast im letzten Jahr

Im November war ich am Camino Francés und im April ebenso dort zwei Wochen unterwegs.

Gut – aber über das Jahr gesehen zu wenig.

Das hier ist keine Reha, die irgendwann abgeschlossen ist. Die Schäden bleiben. Der Unterschied liegt darin, wie gut ich damit umgehen kann – und das hängt direkt davon ab, wie stabil mein System ist.

Noch trägt mich mein Wille. Aber ich weiß, dass das nicht unbegrenzt so sein wird. Darum ist es wichtig, jetzt gegenzusteuern.

Wenn die Bedingungen kippen

In den letzten Wochen sind die Bedingungen draußen schwierig. Eisige Temperaturen, ständig Minusgrade, gefrorene Wege. Dinge, die ich früher einfach hingenommen habe, wirken sich heute viel direkter auf mein System aus. Ich merke, dass mir die Kälte und die Unsicherheit am Untergrund Energie ziehen.

Ich bewege mich vorsichtiger, angespannter. Das Gehen verliert seinen Rhythmus. Dazu kommt, dass es mich am Eis auch geschmissen hat, mit einer Oberschenkelzerrung und einem Körpersystem, das danach spürbar durcheinander war. Seitdem ist Regulation deutlich schwieriger. Nicht nur körperlich, auch innerlich. Der Körper bleibt noch wachsamer, noch vorsichtiger. Und genau das ist auf Dauer anstrengend.

Diese Wochen haben mir wieder klar gezeigt, wie stark äußere Bedingungen auf mein Befinden wirken. Wenn Bewegung nicht mehr flüssig möglich ist, wenn jeder Schritt Aufmerksamkeit braucht, dann fehlt mir etwas. Vielleicht ist es deshalb, dass mich der Gedanke ans Wegfahren gerade jetzt wieder so beschäftigt.

Nicht aus Ungeduld, sondern aus Wahrnehmung. Ich spüre sehr deutlich, dass mein System im Moment keinen guten Rahmen hat, um sich zu regulieren.

Warum jetzt Portugal Thema wird

Ich merke: Meine Regulation funktioniert nicht mehr richtig. Nicht schlecht – aber nicht gut genug. Ich bin schon zu lange zu Hause, im Alltag gefangen.

Deshalb denke ich jetzt an einen Weg in Portugal, in den nächsten Wochen. Vor allem, weil es dort wärmer ist. Wärme macht für mich im Moment den Unterschied: weniger Spannung im Körper, mehr Sicherheit im Gehen, weniger Widerstand bei jedem Schritt.

Es geht mir nicht um einen bestimmten Weg oder um ein „Dort“. Es geht um Bedingungen, unter denen Bewegung wieder flüssig möglich ist. Um einen Rahmen, der mein System entlastet, statt es zusätzlich zu fordern.

Ein Camino in Spanien wäre derzeit etwas anderes. Nicht grundsätzlich, sondern im Moment. Kältere, wechselnde Verhältnisse würden meinem System gerade mehr abverlangen, als ihm gut tut. Portugal passt jetzt besser.

Nicht als Flucht, sondern als Fürsorge.

Manchmal geht es nicht darum, mehr auszuhalten, sondern rechtzeitig zu merken, dass etwas fehlt. Dann braucht es kein ständiges Gegensteuern. Mein System kann sich beruhigen, statt permanent aktiv zu bleiben.

Ich komme wieder in einen Zustand, in dem mich das Vorhandene nicht mehr überfordert. Das, was ich schon kurz nach dem Hirnabszess erkannt habe, gilt noch immer – nur auf einer anderen Ebene. Damals fehlten mir die Worte, heute kann ich es benennen. Regulation.

Und dieser Weg ist es nach wie vor, den ich gehe: diese Regulation zu verbessern. Denn nur wenn sie gelingt, lebe ich wirklich.

Via de la Plata

Ein neues Jahr beginnt und im März jährt sich zum zehnten Mal die Zeit nach dem Hirnabszess. Oft werde ich gefragt, wie es mir heute geht. Die Frage ist gut gemeint, aber sie greift zu kurz. Denn es geht nicht um gut oder schlecht, nicht um gesund oder krank, nicht um fertig oder unfertig. Es geht um etwas anderes, das ich lange selbst nicht benennen konnte. Es geht um Regulation.

Nicht als medizinischen Begriff, sondern als etwas sehr Konkretes in meinem Alltag. Etwas, das mein Leben heute trägt.

Immer in Regulation.
Wie geht es mir?

Zehn Jahre Abstand

Zehn Jahre sind vergangen, seit mein Leben abrupt zum Stillstand gekommen ist. Hirnabszess, Intensivstation, Reha, das langsame Zurückfinden in etwas, das man wieder Leben nennen kann.

Am Anfang ging es ums Überleben.
Später ums Funktionieren.
Lange Zeit um Rehabilitation.

Erst viel später habe ich verstanden, dass all das nur die Oberfläche war und dass es darunter um etwas viel Grundlegenderes ging.

Nicht Belastung, sondern Ordnung

Damals hatte ich dafür keine Worte. Ich wusste nur, dass nichts mehr so selbstverständlich war wie früher. Mein Körper war nicht mehr intakt, und vor allem nicht mehr automatisch stabil.

Dinge, die früher einfach passiert sind, sind heute anstrengend. Gespräche fordern plötzlich mehr, Geräusche werden schnell zu viel, Entscheidungen ermüden mich schneller.

Lange dachte ich, ich müsse einfach nur wieder belastbarer werden. Wieder mehr aushalten, wieder normal funktionieren, wieder hinein in das alte Leben.

Heute weiß ich, dass es nie um Belastung ging. Es geht um Ordnung im System. Körper, Kopf und Geist dürfen nicht gegeneinander arbeiten.

Regulation Kopf, Körper, Geist

Was ich heute unter Regulation verstehe

Regulation bedeutet für mich, dass mein Körper wieder in einen Zustand kommt, in dem er nicht dauernd Alarm schlägt. Seit dem Hirnabszess reagiert mein Nervensystem schneller. Es funktioniert, aber es ist empfindlicher geworden.

Wie ein Rauchmelder, der korrekt arbeitet, aber schon beim kleinsten Dampf losgeht.

Regulation heißt nicht, diesen Rauchmelder auszuschalten oder zu ignorieren. Sondern ihm immer wieder zu zeigen, dass gerade kein Feuer ist.

Doubs, Hexatrek
Regulation in der Natur

Wenn Regulation fehlt

Wenn ich das nicht tue, passiert nicht einfach nichts. Es passiert zu viel. Der Kopf wird voll, der Körper wird unruhig oder müde, die Bewegung verlangsamt sich. Reize brauchen länger, um zu verschwinden. Erholung dauert länger.

Ich werde nicht klassisch krank.
Aber ich werde instabil.

Und das merke ich meist erst im Nachhinein. Oft hilft dann ruhiges Gehen, am besten in der Natur. Ich spreche dann oft vom, “...wieder auf gleich gehen!”.

Warum Alltag oft zu viel ist

Der Alltag zu Hause fühlt sich dicht an. Viele Reize, viele Rollen, viel Gleichzeitigkeit. Für ein Nervensystem, das früher vieles automatisch geregelt hat, ist das kein großes Thema.

Für meines schon.

Deshalb brauche ich Zeiten, in denen alles einfacher wird. Zeiten, in denen der Rhythmus klar ist, in denen weniger entschieden werden muss, in denen der Körper wieder führen darf und der Kopf leiser wird.

Nicht als Rückzug vom Leben, sondern als Voraussetzung dafür, dass Leben für mich überhaupt funktionieren kann.

Weitwandern als Regulation

Das Weitwandern ist für mich kein Hobby geworden. Auch kein sportliches Ziel. Und ganz sicher keine Flucht.

Es ist eine meiner wichtigsten Formen der Regulation.

Beim Gehen über längere Zeit passiert etwas sehr Ursprüngliches. Schritt und Atem finden einen gemeinsamen Rhythmus und die Reizdichte wird weniger. Der Körper kommt in einen gleichmäßigen Zustand, ohne dass ich etwas aktiv steuern muss.

Gedanken ordnen sich oder werden still. Genau dadurch entsteht wieder Stabilität.

Wenn ich zurückkomme, bin ich nicht weg vom Leben, sondern ich bin wieder mehr da.

Am Ende der Welt, in Finesterre.
Regulation beim Weitwandern.
Regulation beim Weitwandern

Keine Rechtfertigung mehr

Lange hatte ich das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Warum ich gehe. Warum ich länger unterwegs bin. Warum ich Pausen brauche, die andere nicht brauchen und gehe, wenn andere nicht mehr gehen. 

Heute sehe ich das anders.

Regulation ist für mich keine Wellness. Es ist Wartung. Ohne sie funktioniert mein Alltag nicht. Deshalb höre ich heute früher hin und reagiere früher. Nicht unbedingt aus Angst, sondern aus Erfahrung.

Eine Angst sitzt dennoch tief in mir. Es ist die Angst vor der Bewegungslosigkeit, wie ich sie im Krankenhaus erlebt habe und wie sie mich auch lange Zeit danach noch begleitet hat. Diese Starre, dieses Ausgeliefertsein an den eigenen Körper, hat sich eingebrannt. Sie ist leiser geworden, aber verschwunden ist sie nie. Das möchte ich nie wieder erleben.

Rehabilitation als Teil des Lebens

Ich war lange der Meinung, man müsse irgendwann mit der Rehabilitation fertig sein, um endlich wieder zu leben. Inzwischen weiß ich, dass Rehabilitation kein Abschnitt ist, der endet.

Sie integriert sich ins Leben.
Nicht als Mangel, sondern als Art zu leben.

Ich kann nicht zehn Jahre nur rehabilitieren. Aber ich kann auch nicht so tun, als wäre alles wie früher. Die Wahrheit liegt dazwischen.

Rehabilitation

Was bleibt

Was sich mit der Zeit verändert hat, ist nicht nur mein Umgang mit Regulation, sondern mein ganzer Umgang mit meinem Körper. Regulation ist wichtig für mich, aber sie steht nicht allein. Da sind auch Dinge, die geblieben sind, ein Körpergefühl, das nicht immer verlässlich ist, ein Gleichgewicht, das Aufmerksamkeit braucht, ein Denken, das anders läuft als früher. Viele kleine Baustellen, die im Alltag mitlaufen, meist leise und für andere kaum sichtbar.

Diese Dinge sind nicht ständig da, aber sie melden sich, vor allem dann, wenn ich müde bin oder zu viel auf einmal möchte. Regulation hilft mir dabei, den Rahmen zu halten, damit nicht alles gleichzeitig kippt und ich den Überblick verliere.

Ich weiß heute besser, was mir guttut und wann ich langsamer werden muss, nicht nach festen Regeln, sondern aus Erfahrung. Es ist ein ständiges Austarieren zwischen Gehen und Pausieren, zwischen Aufmerksamkeit und Vertrauen. Und oft ist genau dieses Gehen der einfachste Weg, wieder Ordnung hineinzubringen, Schritt für Schritt, ohne viel nachzudenken.

Regulation beim Gehen

Ich muss nichts mehr beweisen. Ich darf mit dem unterwegs sein, was da ist, mit einem Körper, der nicht mehr so funktioniert wie früher, mit einem System, das Aufmerksamkeit braucht, aber trägt, und mit einem Leben, das anders geworden ist.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mein Herbst- und Winter-Camino Francés steht für meinen Weg zurück ins Leben. Vor Jahren hat ein Hirnabszess alles aus der Bahn geworfen. Nichts war mehr selbstverständlich, nicht einmal das Gehen. Was einst unbewusst geschah, wurde zur täglichen Übung.

Warum mir das Gehen hilft, der Starrheit zu entkommen, darüber erzähle ich. In jedem Schritt liegt Bewegung – körperlich wie innerlich. Draußen in der Natur finde ich Freiheit und Weite. Das Gehen ist meine Therapie Nummer eins.

Starrheit durch einen Hirnabszess

Hier zum Anfang meiner Geschichte, die vor 10 Jahren begann.

Ein Camino Frances in kurzer Zeit

Den Camino Francés bin ich diesmal in nur 17 Tagen gegangen, plus vier Tage nach Muxia und Finesterre und nochmal drei Tage zurück nach Santiago. Ein Tempo, das früher nie möglich gewesen wäre. Und doch wurde es möglich, weil mich dieses Gehen trägt, weil es mich innerlich ordnet.

Gehen als Hauptregulationsstrategie

Unter allen Umständen wollte ich damals das Gehen lernen, um all das wieder spüren zu dürfen. Es war ein immenser Aufwand dafür nötig, aber es hat sich gelohnt. Jeder zusätzliche Schritt benötigte Wochen, aber ich dachte nie ans Aufgeben.

Ich konnte Teile meiner Propriozeption zurückerobern, aber leider nicht alles und nachhaltig. Ich muss dranbleiben. Eines der wenigen "muss" in meinem Leben. Ich habe nicht einfach Gehen gelernt – ich habe mein Ich-Gefühl zurückgeholt.

Bei meinem Thalamus-Hirnabszess verlor der Körper nicht nur Funktionen, sondern auch die Selbstwahrnehmung:

  • Wo bin ich im Raum?
  • Wo ist mein Gleichgewicht?
  • Wo endet mein Körper?
  • Wie fühlt es sich an, in mir zu wohnen?

Das nennt man propriozeptive Identität. Und ich habe darum gekämpft, sie zurückzubekommen. Nicht für Kilometer. Nicht für Fitness. Sondern für das Gefühl: „Ich bin wieder ich.“

Viele Menschen begreifen das nicht, aber ich habe nicht nur Gehen gelernt – ich habe mich selbst damit zurückerobert.

Diesmal durfte ich in der Rioja die Sonne, in der Meseta die Kälte, am C'Obreiro den Schnee und in Galizien den Regen spüren. Es war wundervoll, in jeden dieser Abschnitte tief einzutauchen. Andere Pilger konnten oft nicht verstehen, wie ich oft angesichts des Wetters so positiv gestimmt sein konnte.

Mit Sonne am Camino gegen die Starrheit.
Sonne in der Rioja
Regen und Matsch, aber in Bewegung. Jeder Schritt gegen Starrheit.
Kälte und Matsch auf der Meseta
Bei Schnee am C'Obreiro.
Schnee am C'Obreiro
Im Regen, einfach von allem etwas
Regen in Galizien

Zehn Jahre danach – und noch immer hier

Zehn Jahre lebe ich jetzt mit den Folgen des Hirnabszesses.

Allein am Leben zu sein – das ist mein größter Verdienst.

In all diesen Jahren habe ich keinen einzigen Tag vergeudet. Vielleicht nicht jeden Tag geschafft – aber keinen verschenkt.

Vieles hat sich verschoben. Vor allem die Prioritäten.

Heute geht es nicht mehr darum, etwas zu erreichen.
Es geht darum, lebendig zu sein.
Dieses Leben zu spüren – mit jeder Faser.

Geld? Status? Erfolg?
Nicht mehr das, woran ich mich orientiere.

Das eigentliche Gut liegt woanders.
Es liegt darin, da zu sein.
Hier. Jetzt.
Und dieses Geschenk auch wirklich wahrzunehmen.

Bewusst. Dankbar. Schritt für Schritt.

Mit jeder Faser das Lebendig sein spüren

Der Starrheit entfliehen - dem Leben entgegen

Das rhythmische Gehen – dieses einfache, beinahe meditative Hin und Her von links nach rechts – wirkt auf mein Körpersystem wie eine sanfte EMDR in Bewegung. Es stimuliert den Vagusnerv, beruhigt mein Nervenkostüm und verleiht meinem Inneren Stabilität.

Im Gehen zurück ins Leben

In der Bewegung finde ich Halt. Sobald ich weniger gehe oder das Gehen aussetze, gerät mein System ins Wanken. Die Starrheit, dieser kaum greifbare Zustand zwischen Erstarrung und Rückzug, breitet sich rasch aus, wenn die Schritte fehlen. Es ist, als müsste sich mein Körper im Gehen erst daran erinnern, wie Regulation funktioniert.

Nichts davon ist selbstverständlich. Kein Tag, an dem sich mein Körper von selbst ordnet. Was nach außen oft mühelos wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Wiederholungen, geduldiger Übungen und vieler Anläufe.

Vielleicht lässt sich mein Erleben so beschreiben:

Nichts davon ist selbstverständlich. Kein einziger Tag, an dem sich mein Körper mühelos ordnet. Diese Stabilität, die nach außen oft so leicht wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Übungen, Wiederholungen, Versuche. Bleibe ich zu lange still, verliert mein System seinen Halt – und ich muss mir den Weg zurück in die Beweglichkeit erst wieder erarbeiten.

Das Gehen ist dabei nicht nur Fortbewegung. Es ist mein tägliches Ringen darum, nicht in dieser Starrheit zu versinken. Jeder Schritt hält mich im Leben, Schritt für Schritt, immer wieder neu. Es ist nie mühsam, sondern bereitet mir Freude.

Mühsam wird es nur dann, wenn ich gegen mich selbst arbeite – wenn ich mehr will, als mein System geben kann. Doch gerade darin liegt ein Geschenk: Dieses Gehen ist ein „Muss“, das nicht eng macht, sondern mich befreit. Ein „Muss“, das mir Bewegung schenkt – und damit Freiheit.

Schönes Wetter am Crux de Ferro, ein Ritual um die Starrheit hinter mir zu lassen.
Dankbar am Crux de Ferro

All das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass Bewegung meine Hauptregulationsstrategie ist.

Doch dieses Gefühl hält nur, solange ich in Bewegung bleibe. Zu Hause gehe ich auch viel, aber längst nicht so viel wie hier oder auf meinen Weitwanderwegen.

Und dann, im Alltag, spüre ich die Starrheit wieder deutlicher. Sie sitzt dann tiefer und rührt stärker.

Gehen, dabei fühle ich mich wohl.

Warum spüre ich die Starrheit zu Hause stärker?

Zu Hause bewege ich mich weniger – und das bedeutet: weniger Regulation.

Auf dem Camino ist alles anders. Dort bin ich im Ausnahmezustand, aber im besten Sinne. Der Weg schenkt mir Richtung und Sinn. Ich bin eingebunden in eine Gemeinschaft, umgeben von Natur, frei von vielen Verpflichtungen. Es ist, als würde der Weg selbst zur Therapie werden – mit jedem Schritt ein Stück mehr bei mir.

Zu Hause hingegen ist vieles enger. Die vertraute Umgebung, alte Gewohnheiten, Erinnerungen – sie alle berühren andere Ebenen meines Nervensystems. Stressreaktionen, die ich auf dem Camino kaum noch spüre, tauchen hier wieder auf. Dort bin ich im Fluss – hier falle ich leichter zurück in alte Muster.

Schützt mich das noch – oder verdränge ich etwas?

Am Anfang meiner Erkrankung war mein Fokus ganz klar: Ich wollte, dass es mir gut geht. Stabilität war alles. Heute – mit mehr innerer Sicherheit – lässt mein Gehirn auch anderes zu. Es zeigt mir Stellen, an denen noch etwas offen ist. Alte Traumata, die tiefer liegen, dürfen sich nun langsam zeigen. Vielleicht, weil ich heute besser damit umgehen kann.

Eine Frage begleitet mich dabei schon seit Jahren: Schützt mich das noch – oder verdränge ich etwas? Darauf zu achten, ist mir wichtig. Denn der Unterschied ist fein – aber entscheidend. Und auch das ist ein Teil meines Weges: nicht nur weiterzugehen, sondern bewusster hinzusehen.

Regenbogen am Camino

Wie sehr hängt die Starrheit mit Trauma zusammen?

Diese Frage begleitet mich, weil mein Körper mir darauf längst Antworten gibt. Ich spüre sie in der erhöhten Muskelspannung, in diesen Momenten des Erstarrens, in der Mischung aus innerer Starre und äußerer Steifheit, die mich manchmal daran hindert, fließend zwischen Aktivität und Ruhe zu wechseln.

Es ist keine einfache, keine eindeutige Starre. Sie ist eine Melange aus vielem, was sich im Laufe der Jahre angesammelt hat: neurologische Nachwirkungen, alte Freeze-Muster, die tief im Nervensystem verankert sind, zu wenig intensive, tägliche Bewegung und emotionale Altlasten, die sich ihren Platz im Körper gesucht haben. All das greift ineinander, verstärkt sich gegenseitig und zeigt sich nicht im Kopf allein, sondern im ganzen Sein.

Das Gehen hilft mir, dem etwas entgegenzusetzen. Es bringt Bewegung in das, was fest geworden ist, löst Schicht für Schicht und wirkt dort, wo Worte oft nicht mehr hinkommen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber es löst nicht alles.

„Ich schöpfe das Wasser aus dem Boot, aber ich repariere noch nicht das Leck.“

Was es braucht?

Gehen ist für mich ein Geschenk. Ein Werkzeug. Eine tägliche Medizin.
Aber wenn die Starre zurückkommt, spüre ich:
Da ist noch etwas, das gesehen werden will.
Etwas, das mehr braucht als Bewegung.

Was es braucht?
– Regulation, auch in der Ruhe.
– Eine sichere Bindung.
– Eine Hand, die mich therapeutisch begleitet.
– Atem, der durch die Enge führt.
– Körperarbeit, die tiefer reicht.
– Und Integration – anstelle der Flucht in Aktivität.

Denn so sehr das Gehen mir gibt – es ersetzt nicht das Innehalten.
Und vielleicht liegt genau darin der nächste Schritt.

Mit Ultra-Light Gepäck im Winter am Camino Francés bis nach Finesterre.

Auf dem Weg – nicht zurück, sondern vorwärts.

Ja – meine Starrheit hat viel mit Trauma zu tun. Und mit einem Nervensystem, das seit dem Hirnabszess nachhaltig verändert wurde.

Ja – das Gehen wirkt regulierend. Es tut gut. Es heilt auf seine Weise.

Aber: Es löst das Trauma nicht vollständig.
Es bringt Erleichterung.
Es schenkt Momente der Lebendigkeit.
Doch die tieferen Ursachen brauchen andere Räume, andere Formen der Verarbeitung.

Und trotzdem ist es für mich ein starkes Zeichen, wenn ich unterwegs – besonders auf dem Camino – wieder fließender werde.

Denn es zeigt mir:
➡️ Mein Körper kann.
➡️ Meine Lebendigkeit ist nicht verloren.
➡️ Mein Nervensystem ist lernfähig, plastisch – und auf Heilung ausgerichtet.

Das ist ein gutes Zeichen.
Es bestätigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Heilung - Heil werden

"Heilung" heißt für mich nicht, wieder zu werden wie früher.
Es heißt: mit dem, was ist, gut leben zu lernen.

Und genau daran arbeite ich –
jeden Tag, Schritt für Schritt,
im Gehen
und in der behutsamen Arbeit an mir selbst.


Ausrüstungsliste am Camino Francés im November 2025 https://lighterpack.com/r/5m6vdv


Stillstand: Warum kleine Wege Großes bewirken können

Heilung beginnt mit kleinen Schritten. Für mich waren es oft die unscheinbaren Wege im Alltag, die mir neue Kraft geschenkt und mir geholfen haben, wieder Vertrauen in meinen Körper und meinen Weg zu finden und Stillstand auszuhalten.


Die Kraft kleiner Schritte im Alltag

Man denkt oft, man müsste große Sprünge machen, um wirklich voranzukommen. Doch ich habe gelernt, dass es genau andersherum ist: Die kleinen Schritte, die ich Tag für Tag gegangen bin, haben die größte Veränderung gebracht.

Wenn ich heute auf meinen eigenen Weg zurückblicke, dann sehe ich nicht nur die Etappen, die wie Meilensteine aussehen. Ich sehe vor allem die vielen unscheinbaren Momente dazwischen – das erste Mal wieder bewusst ein paar Meter gehen, das tiefe Atmen in der Natur, das Innehalten im Wald hinter dem Haus.

Mein Weg durch England, als Metapher für kleine Schritte.
Mein Weg durch England, als Metapher für kleine Schritte.

Jeder dieser Schritte war klein, manchmal fast unsichtbar für andere, aber sie haben mir gezeigt: Heilung geschieht nicht in einem großen Sprung, sondern Schritt für Schritt.

Wege als Spiegel der Heilung

Wege sind für mich mehr als nur Pfade, die irgendwohin führen. Sie sind ein Spiegel meines Lebens und meiner Heilung.

  • Ein Waldweg hat mir Klarheit geschenkt.
  • Ein steiler Anstieg hat mich daran erinnert, dass Durchhalten belohnt wird.
  • Eine Kreuzung hat mir gezeigt, dass ich Entscheidungen treffen muss.

So wie draußen in der Natur mein Weg verläuft, so gestaltet sich auch mein innerer Heilungsweg: mal eben, mal voller Hindernisse, mal überraschend schön.

Im Stillstand denke ich gerne an schöne Momente zurück, wie hier am JOGLE - Loch Lemond
Atmen in der Natur

Kleine Rituale für den Alltag

Ich muss keine lange Pilgerreise beginnen, um die Kraft des Gehens zu spüren. Schon kleine Wege im Alltag haben viel in mir bewegt. In den letzten zehn Monaten war ich nur vierzehn Tage unterwegs und habe den Rest der Zeit zu Hause verbracht.

Allerdings haben mir die Wege daheim und viele kleine Rituale geholfen, diese Zeit des Trainings, dem Üben und der Arbeit an mir selbst, bestmöglich zu verbringen:

  • täglich bewusst spazieren gehen
  • ab und zu einen kleinen Umweg wählen, anstatt immer die gleiche Strecke zu gehen
  • den Tag mit einem bewussten ersten Schritt beginnen – mit dem Gefühl, dass dieser Schritt etwas Neues einleitet

Diese kleinen Rituale haben mir gezeigt, dass Fortschritt nicht groß aussehen muss, um bedeutsam zu sein.

Auch zu Hause ist der Jakobsweg. Stillstand gehört zum Weg.
Auch zu Hause ist der Jakobsweg

Stillstand ist auch Fortschritt – warum nichts tun manchmal der wichtigste Schritt ist

Auf unserem Weg durchs Leben wünschen wir uns meist Bewegung, sichtbare Veränderungen und klare Erfolge. Doch es gibt Phasen, in denen scheinbar gar nichts passiert. Auch ich fühle mich festgefahren, als würde die Zeit stillstehen. Stillstand auszuhalten, ist schwer. Und doch habe ich gelernt: Gerade diese Zeiten sind wichtig – denn Stillstand ist auch Fortschritt.

Was im Stillstand geschieht

Auf den ersten Blick sieht es nach „Pause“ oder sogar „Rückschritt“ aus. Doch im Hintergrund laufen entscheidende Prozesse ab:

  • Verarbeitung: Erlebnisse und Erfahrungen brauchen Zeit, um sich zu setzen.
  • Integration: Neues Wissen und Routinen verbinden sich mit dem, was schon da ist.
  • Regeneration: Körper und Seele tanken Kraft – so wie Muskeln nicht beim Training, sondern in der Ruhe wachsen.
  • Innere Reifung: Geduld, Vertrauen und Gelassenheit entwickeln sich nicht im Sprint, sondern im Innehalten.
Sei wie Wasser, Stillstand und Bewegung
Sei wie Wasser, Stillstand und Bewegung

Das Plateau als Bild

Für mich ist Stillstand wie ein Plateau beim Wandern. Der Anstieg liegt hinter mir, der nächste Gipfel ist noch nicht in Sicht. Auf diesem flachen Stück scheint alles gleich zu bleiben – doch genau hier kann ich verschnaufen, meinen Blick weiten und Kraft sammeln. Ohne das Plateau wäre der nächste Aufstieg kaum zu schaffen.

Pen-y-ghent, einer der Yorkshire Three Peaks, am Pennine Way. 
Stilstand vor einem Aufstieg.
Plateau im Außen, der Pen-y-ghent, am Pennine Way

Warum Vertrauen so wichtig ist

Stillstand fordert Vertrauen: Vertrauen darauf, dass auch diese Phase zum Weg gehört. Dass innere Prozesse Zeit brauchen, bevor man im Außen Fortschritte sieht. Und dass ein neuer Abschnitt kommen wird – oft leichter, klarer und gestärkter als zuvor.

Fazit – der stille Fortschritt

Stillstand ist kein Nichts. Er ist ein unsichtbarer Teil des Fortschritts. Manchmal ist er sogar die wichtigste Etappe, weil er uns die Basis schenkt, weiterzugehen.

👉 Vielleicht bist du gerade auf einem Plateau. Dann erinnere dich daran: Auch hier bewegst du dich. Nur eben innerlich.

Meine persönliche Erfahrung mit Stillstand und kleinen Schritten

Ich erinnere mich noch genau an den Moment, als ich vier Monate nach dem Krankenhaus zum ersten Mal den nur wenige hundert Meter entfernten Wald erreichte. Für andere waren es nur ein paar Schritte. Für mich war es ein kleines Wunder – ein Zeichen, dass Heilung möglich ist.

Solche Augenblicke haben mir Mut gemacht. Sie haben mir gezeigt, dass jeder Schritt zählt. Gerade die unscheinbaren machen am Ende den Unterschied.

Zum ersten Mal im Wald, 2016, nach meiner Zeit des Stillstand im Krankenhaus.
Das einzige Foto, als ich zum ersten Mal im Wald in Stattegg war, 2016

Dieses Jahr habe ich mit einem längeren Stillstand zu tun, als ich es mir am Anfang vorgestellt hatte. Eigentlich wollte ich meinen Weg von zu Hause nach Santiago gehen – doch meine Zahnsanierung hat diesen Plan vereitelt. Stattdessen habe ich mich entschieden, das Jahr der Therapie, dem Üben und dem Trainieren zu widmen.

Und trotzdem fühlt es sich für mich wie Stillstand an. Das schwere Gehen begleitet mich weiterhin, weil meine gestörte Propriozeption keinen Tag Ausnahme macht. Jeder Schritt fordert mich heraus. Es gibt Tage, da spüre ich Fortschritte – und doch bleibt die Wahrnehmung, auf einem Plateau zu stehen und dass nichts weitergeht.

Genau dieser Widerspruch ist schwer auszuhalten: Ich tue viel, aber es sieht nicht nach „großem Vorankommen“ aus. Und doch ahne ich, dass auch diese Phase ein Teil meines Weges ist – dass mein Körper und meine Seele die Zeit brauchen, um nachzukommen.

Sich des Stillstands bewusst sein und bewusst leben.
Sich des Stillstands bewusst sein und bewusst leben!

Fazit – Jeder Tag ein neuer Anfang

Heute weiß ich: Es ist nicht der große Sprung, der mein Leben verändert hat, sondern die Summe der vielen kleinen Schritte, die ich Tag für Tag gegangen bin. Jeder einzelne Schritt trägt mich näher zu mir selbst.

Und genau darin liegt für mich die Kraft: Mein Weg beginnt nicht irgendwann, er beginnt immer wieder heute – mit dem nächsten Schritt.


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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