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Blog schreiben - eine Herausforderung für mich

Ein komisches Gefühl. Bisher war mir Bloggen immer ein bisschen suspekt. Eigentlich habe ich mich nicht dafür interessiert was ein Blog ist. Erst im letzten halben Jahr habe ich mich dafür zu interessieren begonnen. Davor war es mir nicht möglich, weil ich nichts aufnehmen konnte.

Zuerst wollte ich Tagebuch schreiben, was mir aufgrund der Krankheit nicht möglich war.  Wortfindungsstörungen und Schwierigkeiten mit dem Gedächtnis waren zu stark. Dazu kam die Lähmung der rechten Körperseite, die mir Schreiben unmöglich machte. Nach etwa vier Monaten begann ich zu lesen. Zuerst Bücher und dann zu Hause Blogs im Internet. Von Lifestyle, Fitness hin zu Reise- und Laufblogs. Dabei kam ich auf die Idee, selber einen Blog zu schreiben.

Blog schreiben

Das erste mal nach sechs Monaten im Wald
Das erste mal nach sechs Monaten im Wald


Einerseits hilft es mir die Krankheit zu verarbeiten, andererseits macht es Spaß. Da ich viele Jahre als Videojournalist gearbeitet habe, finde ich es toll, meine Rehabilitation mit einem ähnlichen Werkzeug zu unterstützen. Schreiben war zwar nicht meine Stärke, aber bis zu einem gewissen Grad lässt es sich ja lernen. Und es ist ein Teil meiner täglichen Therapie geworden.

Meine Therapeuten haben mir empfohlen, die Videokamera zur Hand zu nehmen. Ich versuchte es, aber es waren zu viele Eindrücke. Ich tue mir schwer, mehr als zwei Sachen gleichzeitig zu denken, geschweige denn auszuführen. Drei Dinge sind fast schon unmöglich.

Mit dem Schreiben komme ich besser klar. Es wird zwar keine journalistische Meisterleistung werden, dazu fehlen mir noch zu viele Wörter, wichtig aber ist es, daran Spaß zu haben.

Oft passiert es, dass ich, während ich einen Satz schreibe, vergesse wie ich weiter schreiben will. Denn das Schreiben ist das EINE, das andere ist die Tastatur tippen. Beides zu koordinieren ist nicht leicht. Daher muss ich aufpassen, keine zu langen Sätze zu formulieren.

Wenn ich an einem komplizierten Wort zu lange auf der Tastatur brauche, ist die Chance groß, den Faden im Satz zu verlieren. Auch darf ich mich nicht überfordern. Doppelbilder und Schwäche sind die Folge.

Der Titel „von 0 auf 101“ !

Der Titel „von 0 auf 101“  war ursprünglich für ein Laufprojekt für 2014 gedacht. Innerhalb eines Jahres vom Nicht-Läufer zum 101 km langen Eiger Ultra Trail in der Schweiz. Damals, 2013, filmte ich für eine Werbeagentur, wo der Chef selber bei diesem Rennen an den Start ging. 

Ich war zum ersten Mal bei so einem Event dabei und war so fasziniert davon, das ich mich entschloss, in einem Jahr selber daran teil zu nehmen. Gesagt, getan. Es war zwar ein Mammut Programm, aber ich stand genau ein Jahr später, im Juli 2014, am Start. 

In den Monaten danach hatte ich aber so viel zu tun, dass ich die Fertigstellung des Projekts immer wieder verschieben musste.
Das „von 0 auf 101“  bekam für mich im Frühjahr 2016 eine dramatisch andere Bedeutung als ursprünglich gedacht.

Ich war damals, im März 2016, wirklich bei NULL angelangt.

Es dauert so lange wie es braucht

Dass es dann so lange dauern würde, hätte ich nicht gedacht. Viel später verstand ich erst, wie schlimm es wirklich war und dass ich froh sein konnte, so davon gekommen zu sein. Die oftmalige Aussage meiner Ärzte, „Lassen Sie sich Zeit, das wird noch dauern!„, ging mir nicht in den Kopf. Ich dachte nur: „Jetzt bin ich schon vier, fünf Monate im Krankenhaus, was meint er mit Zeit lassen, wie lange denn noch?„.

Im Nachhinein gesehen hatten die Ärzte recht. Fünf Monate ist im Verhältnis zur Schwere der Krankheit gar nichts. Ich wollte schon im Jänner mit dem Blog beginnen. Jetzt ist es April. Ich musste immer wieder erfahren, man kann nichts erzwingen. Geduld zu lernen war in diesem Fall eine Prüfung für mich. Sich Zeit lassen. Wie so viele andere Dinge auch, die ich noch oder wieder zu lernen habe.

Dafür lebe ich jetzt zu hundert Prozent im HIER und JETZT! Schon der nächste Tag ist so weit weg. Ich kann nicht „denken“, was in der Zukunft ist oder sein wird. Es passiert mir immer wieder, dass ich etwas erledigen will und gleich darauf vergessen habe, was ich eigentlich wollte.

Aber worin liegen jetzt meine sogenannten Defizite?

Im März 2016 trat ein Hirnabszess auf, welches schon sicher länger bestand. Die körperlichen Auswirkungen spürte ich dann von einem Tag auf den anderen. Es wurde mir schwindlig und ich konnte nur mehr liegen. Zuerst glaubte ich noch an eine Grippe. Zwei Tage später, ich antwortete bereits verwirrt, wurde ich per Rettungswagen ins LKH Graz eingeliefert.

Eine Ärztin fragte mich Monate später, „Was sollte denn anders sein, dass sie sich fühlen wie früher?„. Ich antwortete „ALLES!„.

Auf der einen Seite sollte sich ALLES ändern, auf der anderen Seite bin ich dankbar dafür, diese Erfahrungen der geistigen und körperlichen Defizite machen zu dürfen. In meinem „ersten“ Leben war ich Extremradsportler, Bergsteiger und Trailrunner und konnte auch bei der Videoproduktion schwere Aufträge stemmen. Ich war es gewohnt, jahrelang an meinem körperlichen Limit zu arbeiten. Für einen Prozent mehr Leistungsfähigkeit trainierte ich früher ein ganzes Jahr.

Schon gekonntes, neu lernen

Plötzlich war alles anders. Ich, der Bewegungsmensch, war zum Stillstand gezwungen. Mein Abenteuer war es nicht mehr zu Reisen, tolle Filmaufträge oder sportliche Leistungen zu vollbringen. Nein, mein Abenteuer wurden es, Gehen zu lernen, Essen zu lernen, meinen Körper wieder unter Kontrolle zu bringen.

War in meinem alten Leben vieles zu schnell geworden, hat im neuen Leben die Langsamkeit Einzug gehalten. Ich durfte alles NEU FINDEN. Ich musste MICH neu erfinden. Wie schon Monica Lierhaus, die ehemalige ARD Sport Moderatorin, die eine Gehirnblutung erlitt, sagte: „Ich bin keine Andere, nur eine Veränderte!

Auch ich hatte mich verändert. Nach einem Monat Intensivstation und insgesamt fünf Monaten Krankenhaus kein Wunder. Trotzdem bin ich der Gleiche geblieben. Und obwohl „der Gleiche“, sehe ich viele Dinge anders wie früher. Ich bekam Zeit geschenkt, nicht gestohlen.

Durch meine geminderte Konzentrationsfähigkeit beschränke ich mich auf wesentliche Dinge. Alles, was ich für unwesentlich halte, geht an mir vorüber. Es kann natürlich wichtig sein, doch im Moment hat es für mich keine Wichtigkeit. Ist es wichtig genug, kommt es so lange wieder, bis es mir wichtig wird oder ist. Ich belaste mich nicht mit Unnötigem, kann es gar nicht.

Zum Glück habe ich Menschen um mich, an die ich Sachen delegieren kann oder die manches erst gar nicht an mich heran lassen.

Sport ist Antrieb

Der Sport ist ein wichtiger Antrieb für mich. Auch wenn ich noch nicht Laufen oder Radfahren kann, gedanklich bin ich jeden Tag dabei. Ich stelle mir vor, eine mir bekannte Strecke durch den Wald zu laufen. Ich gehe voll und ganz in die Emotion hinein. Spüre die Belastung, spüre wie ich die Bodenunebenheiten ausgleiche. Das mache ich täglich.

Ich stelle mir die Bewegungsabläufe vor. Ich trainiere im Kopf. Das kann ich überall. Wenn ich wo warten muss, zum Beispiel. Auch so bekommen meine Muskeln Informationen, wie sie funktionieren sollen.

Ich denke oft an die Kenia Sport Safari zurück. Mein Freund Harry sagte damals: „Mal schauen, wie man eine Rundfahrt ohne Training gewinnt. Das wird interessant?“. Die Rundfahrt war im November. Auch er hatte eine längere Pause hinter sich. Im Vorfeld trainierte er fast nur mit seiner Vorstellungskraft. Er hat diese Rundfahrt dann doch gewonnen. Zwar auf den letzten Drücker, aber gewonnen. Das hilft auch mir jetzt sehr.

Ich weiß, der Körper folgt dem Geist. Der Körper folgte auch nur meinem geistig erschaffenen Hirnabszess. Natürlich funktioniert das auch umgekehrt. Der Spruch, „Dir geschehe nach deinem Glauben!“ , hat noch immer Gültigkeit.  In beide Richtungen. Wie wahr.

Ich lebe im HIER und JETZT

im HIER und JETZT sein

Im Moment habe ich nur eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne über den Tag, in der ich mental und körperlich voll da bin. Die restliche Zeit ruhe ich aus, genieße den Moment und lasse das Leben auf mich einfließen. Manchmal muss ich allerdings drüber gehen, Kinder können einen fordern!

Meine Lebensgefährtin hat mir in einer Zeit im Krankenhaus, wo es mir nicht gut ging, folgendes gesagt: „Schau, andere Leute geben viel Geld für Seminare aus, machen Persönlichkeitsentwicklung, lesen zahlreiche Bücher und sind oft nach Jahren nicht dort angelangt, wo du jetzt bist – nämlich im HIER und JETZT!“.

Da hat sie recht. Dieser Satz begleitet mich, wenn ich wieder einmal zu ungeduldig mit mir bin.

Dieses im HIER und JETZT leben beschäftigte mich schon lange vor meiner Krankheit. Durch die Krankheit wurde ich gezwungen im HIER und JETZT zu leben. Es gab keine Vergangenheit und keine Zukunft mehr. Nur den Moment. Jetzt, ein Jahr später, kommt langsam das Gefühl wieder, an die Zukunft denken zu können. Aber es ist anders. Es hat keine so große Wichtigkeit mehr.

Auch meine Einstellung zum Tod hat sich geändert. Er schreckt mich nicht mehr. Ich habe keine Angst mehr davor, was danach sein wird, oder etwas versäumt zu haben.  Nein, er ist freundlicher geworden.

So hat alles (s)einen Sinn für mich bekommen.
Das LEBEN geht weiter und der Blog hilft mir dabei!