Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Propriozeption, was für ein schwieriges Wort! Eigentlich vermeide ich es, denn es kommt eigentlich nie richtig aus meinem Mund. Dabei beschreibt es, womit ich am meisten zu kämpfen habe. Ohne es, wäre keine körperliche Bewegung möglich.
Die Propriozeption ermöglicht dem Hirn, ständig zu erkennen, wo sich jeder Teil des Körpers gerade befindet, aber auch wie er sich bewegt. Es handelt sich um eine Eigenempfindung, also keine Wahrnehmung über Reize von Außen, sondern der Körper ist sich über die Lage der Gliedmaßen rein über innere Sensoren bewusst.
Dieser 6. Sinn wird für jede körperliche Bewegung gebraucht und interagiert mit allen anderen Sinnen. Dadurch ist es möglich, sich neben einer Tätigkeit auch zu unterhalten. Diese Propriozeption funktioniert normalerweise automatisch, bei mir allerdings leider nicht mehr. Ich habe jegliche Automatisation verloren.
Deshalb spreche ich auch nach über vier Jahren noch vom Gehen lernen. Am Anfang musste ich die Gliedmaße sehen, um sie ausführen zu können, wie zum Beispiel die Beine fürs Gehen. Sah ich sie nicht, kam ich ins Stolpern. Es ist wie Schreibmaschine schreiben lernen. Am Anfang muss man jede einzelne Taste sehen, um sie zu drücken. Später braucht man fast nicht mehr hinschauen, es wird automatisiert.
Ein gutes Beispiel ist auch Blindheit oder schlechtes Sehen. Wir können die Augen schließen und verstehen, wie sich diese Menschen verhalten und wie sich dieses Defizit anfühlt. Die Propriozeption ist aber eine innere Empfindung, die kaum zu verstehen ist und nachgestellt werden kann.
Diese Doku auf Arte beschreibt vieles davon, wie es mir geht und brachte mir neue Erkenntnisse.
Durch viel Training kann ich mich wieder einigermaßen bewegen. Auf ebenen Asphalt kann ich mich fast "automatisch" fortbewegen. Aber auch dort können mich Unebenheiten ins Schleudern bringen. Aktuell versuche ich es auch unter schwierigen Bedingungen, mich bergauf zu unterhalten. So schule ich immer und immer wieder meine Automatik.
Ich mache deswegen soviel "Sport", weil ich als ehemaliger Leistungssportler durch mein jahrelanges koordinatives Training die Nerven sehr gut trainiert habe. In Radquerfeldeinrennen habe ich auf technischen Kursen immer gut abgeschnitten, hingegen wenn es um die Kraft ging, fuhr ich hinterher. Auch das Trailrunning hat mir sehr geholfen, jetzt vor allem das immer wieder in Gedanken vorstellbare. Neueste Erkenntnisse messen dem eine große Bedeutung bei, die Propriozeption in Gedanken zu üben.

Übungen auf instabilen Untergründen, wie der Schaumstoffmatte oder auf dem Wackel-Board bilden den Standard. Jeden Tag in der Früh auf das Wackelbrett, ist auch heute noch Pflicht. Reaktionsmechanismen werden dadurch abgespeichert und hoffentlich wieder antrainiert.

Bei Spitzensportlern schaut die Bewegung oft mühelos aus, weil ihre Bewegungsabläufe hocheffizient sind. Das ist auch mein Ziel, was aber oft noch nicht gelingt. Deswegen ist es mir viel Wert gewesen, die Technik des Gehens möglichst gut zu verstehen und zu lernen.
Meine Psychologin auf der Reha erkannte nach einigen Sitzungen, dass ich zwar wie viele andere auch, bei null gestartet bin, mich aber aufgrund meiner Vergangenheit auf einem wesentlich höheren Niveau befand. Meine Zeit im Sport kam mir jetzt zugute.
Wenn es doch nur so einfach wäre, einfach Gehen zu lernen. Dazu gehört weitaus mehr. Viele verschiedenste Bewegungsvarianten gehören dazu und machen mein Training abwechslungsreich. Es geht ja nicht nur um das Gehen, sondern auch das Greifen.
Mein erster Frisbee-Wurf ging genau zwei Meter weit. Ich hatte kein Gefühl für das werfen. Gleich geht es mir mit dem hineinwerfen in einen Mistkübel. Nur durch jahrelanges Training ist es mittlerweile besser geworden.
So gehört dazu:





Nach viereinhalb Jahren kann ich sagen, zum Glück habe ich nicht aufgegeben. Ich habe seit 2016 rund 17.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Nur dadurch war es mir möglich, mich wieder einigermaßen zu bewegen und Vertrauen in mich zurückzugewinnen.

Besonders der aufrechten Haltung widme ich viel Aufmerksamkeit. Es kann Ausdruck von innerer Stärke und Sicherheit sein. Auf meinem ersten Camino hat mich in den ersten Tage kaum wer angesprochen, weil ich mit gesenktem Kopf unterwegs war und die Mit-Pilger dachten, ich wollte meine Ruhe. Dabei habe ich nur meine Füße beobachtet, um Gehen zu können. Meine Aufmerksamkeit war so vertieft in den Bewegungsablauf, dass ich für anderes nichts übrig hatte.

Eine meiner größten Fortschritte machte ich beim therapeutischen Tanzen, wo es ja um die Eigenempfindung geht. Das vergangene Jahr war nicht unbedingt leicht, denn neue Trainingskonzepte mussten her. An Therapien blieb nur das therapeutische Tanzen, daher konzentrierte ich mich in erster Linie darauf.
Besonders die Leichtigkeit steht im Mittelpunkt. Leichter durchs Leben zu gehen, war mein Ziel von Anfang an. Eine gestörte Propriozeption macht sich auch unter anderem darin bemerkbar, dass sich der Körper schwer anfühlt. Die ersten Jahre war alleine das Aufstehen vom Sitzen ein Kraftakt, der mich ans Limit brachte.



Jeder Schritt entgegen der Schwerkraft erfordert Überwindung, so ist es auch beim Tanzen. Langsam wird es besser, dieses Besser werden aber immer in meiner Geschwindigkeit und oft ist damit gemeint, dass ich besser damit klar komme. Hat mein Tagesablauf mit der Zeit als Leistungssportler viel gemein, so gilt das nicht für den Fortschritt. Ich musste neue Maßstäbe anwenden lernen und akzeptieren.
Das Tanzen tat unheimlich gut, mit den Körperwahrnehmungsübungen. Ein wichtiger Teil ist es, die Kontrolle zu verlieren. Mein ganzes Gehen ist aber auf Kontrolle aufgebaut, daher war es besonders bis in den Herbst hinein, nicht leicht zu erkennen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich musste Kontrolle aufgeben, um Leichtigkeit zu finden. Eine Kontrolle, die mir das Gehen bisher ermöglichte.
Auch wenn man es von außen nicht sieht, innerlich ist mein Gehen Roboterhaft und sehr kontrolliert. Mehr Leichtigkeit ist daher ein Ziel, dass ich über die Körperwahrnehmung beim therapeutischen Tanzen erreichen möchte.
Die andere Seite ist das Denken und Sprechen. Zwischen wenig und gar nicht sind da die Fortschritte. Besonders beim Pilgern konnte ich die Propriozeption in Verbindung mit dem Sprechen sehr gut üben. Ich tue mich schwer, jetzt im Lockdown und der Corona-Krise, denn der soziale Abstand setzt mir zu und verzögert mein Vorwärtskommen, abseits der Bewegung.
Besonders das Pilgern war die beste Möglichkeit, Bewegung, Denken und Sprechen zu fördern. Wie immer, mache ich aber das beste daraus und widme mich derzeit ganz der Verbesserung der Propriozeption und versuche in spielerischer Form Verbesserung zu erreichen.

Die Bewegung ist aber eben nur eines, auch in Zukunft muss ich immer genau abwägen, was ich machen darf und kann.
Es bleibt spannend, wie ich in Zukunft Rehabilitation, Corona und das Leben unter einen Hut bekomme. Zu tun ist genug!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Corona, mit seinem Lockdown, hat mein Leben in diesem Jahr wieder einmal komplett auf den Kopf gestellt. Zum dritten Mal schon, seit dem Hirnabszess vor viereinhalb Jahren, wurde alles durcheinandergewirbelt. Und manchmal möchte ich einfach nichts mehr hören, denn dieses ständige Neu-Beginnen, dieses immer wieder Lernen, kann auch belastend werden.
In solchen Momenten ziehe ich mich gerne in meine Gedankenwelt zurück. Dann denke ich an den Camino, an diese besondere Zeit, in der alles auf die einfachen Grundlagen des Lebens reduziert war: Gehen, Essen, Schlafen. Ein Rhythmus, der mich getragen hat. Dieses Gefühl versuche ich, so gut es geht, in meinen Alltag hinüberzuretten.
Doch zu Hause prasseln die vielen Kleinigkeiten des Alltags auf mein Gehirn ein und überfordern es schnell. Dadurch bleibt mir nur begrenzt Raum für Therapie und Rehabilitation – und so komme ich langsamer voran. Der Alltag ist inzwischen selbst zu meiner Therapie geworden. Ich versuche, einen Mittelweg zu finden, ohne in allem gleich eine Aufgabe zu sehen, die ich „abarbeiten“ muss.
Nach sieben Monaten Corona-Krise kann ich einschätzen, dass ich rund 30 bis 40 Prozent meiner Kondition und meines klaren Denkens verloren habe, die ich im Februar am Camino noch hatte. Vieles war reine Schadensbegrenzung. Doch es gab auch Lichtblicke: das Tanzen etwa oder das Radfahren. Diese kleinen Erfolge gaben mir genau die Motivation, die ich brauchte. Und so wurde eines zum wichtigsten Grundsatz dieser herausfordernden Zeit: DRANBLEIBEN.

„Auf eingefahrenen Gleisen kommt man an kein neues Ziel.“
Paul Mommertz
Die ersten zwei Jahre nach dem Hirnabszess widmete ich ganz dem Erlernen der Basics des Gehens. Schritt für Schritt, oft wackelig, aber immer mit Blick nach vorne. 2018 wurde das Pilgern zu meinem großen Ziel. Eigentlich wollte ich damals vor allem die kurz zuvor vollzogene Trennung verarbeiten. Doch schon nach wenigen Tagen durfte ich spüren, dass der Camino mir so viel mehr schenkte, als ich überhaupt erhofft hatte.
Auf meinem zweiten Camino, dem Camino Norte, gelang mir dann ein erster, zarter Schritt zurück ins Leben – getragen von meinen Mit-Pilgern, die mir Halt gaben, genau dann, wenn ich ihn brauchte.
Der Camino ist eine besondere Herausforderung für Körper, Geist und Seele. Und zugleich ein Geschenk: ein Ort, an dem ich unter nahezu lebensnahen Bedingungen trainieren konnte. Obwohl ich alles neu lernen musste – das Denken, das Sprechen und die Bewegung –, fühlte es sich nie wie Therapie an. Der Jakobsweg hat seine eigene Magie. Eine, die mich bis heute begleitet.

Dieser Spruch hat seine Bedeutung. Auch für mich begann der WEG erst zu Hause. Besonders eine Frage stellte sich mit neuer Dringlichkeit: Wie kann ich das, was ich am Camino gelernt habe, in meinen Alltag hinüberretten? Diese Frage bekam eine noch tiefere Wichtigkeit, als kurz nach meiner Rückkehr vom Camino Francés der Lockdown über uns hereinbrach. Von einem Tag auf den anderen wurde Pilgern unmöglich – und ich musste eine neue Strategie finden, um mit dieser ungewohnten Situation zurechtzukommen.
Im Verlauf der Monate wurde eines schnell klar: Dieses „wieder Leben lernen“, das meine Ergo-Therapeutin im April 2019 so sanft angestoßen hatte, war in dieser Form plötzlich nicht mehr machbar. Es wurde unmöglich. Das Social Distancing, dieser unsichtbare Fluch, der seit Beginn meiner Rehabilitation über mir schwebte, machte all meine Bemühungen des Jahres 2019 zunichte, wieder am Leben teilzunehmen und es wirklich zu erfahren.
Dieses Abstandhalten war das Ende meines Anfangs. Mein Gehirn kam mit der Situation nicht zurecht und schaltete in einen Überlebensmodus. Also begann ich erneut, mich auf jene Rehabilitation zu konzentrieren, die ich in Eigenregie durchführen konnte. Ab Juni kam das therapeutische Tanzen wieder dazu – ein kleiner Lichtstrahl. Und ich begann mit dem Radfahren.
Die ersten Wochen zählte ich die Meter, die ich jedes Mal weiter schaffte. Nach zwei Monaten konnte ich bereits eine halbe Stunde fahren. Mit jedem Tritt in die Pedale gewann ich ein Stück innere Stabilität zurück.
Anfangs litt das Gehen darunter, doch ich nahm es in Kauf. Die Vorteile des Radfahrens überwogen. Meine Reaktion verbesserte sich spürbar, und plötzlich war es leichter, eine Straße zu überqueren – kleine Erfolge, die mir gutgetan haben und die ich brauchte, um weiterzumachen.
Jetzt ist es jedoch zu kalt fürs Radfahren, und ich habe das Gehen wieder in den Vordergrund gestellt. Im Moment ist es wichtig, genug zu tun, um mit einer möglichst guten Kondition in den Winter zu kommen. Schritt für Schritt, so wie damals am Camino – nur eben zu Hause, auf meinem eigenen Weg.

Es war von Anfang an tief in mir verankert, dieser Wunsch, alles dafür zu tun, das Gehen wiederzuerlangen. Ein innerer Entschluss, der mich durch die ersten schweren Monate trug. Doch im Sommer 2019, nach dem Camino del Norte, zeigte sich etwas, das bis dahin im Verborgenen geblieben war: eine ausgeprägte Muskelschwäche. Die Folgen des Hirnabszesses waren zuvor so mächtig, dass sie andere Probleme schlicht überdeckten.
Die fünf Monate dauernde intravenöse Antibiotikatherapie im Krankenhaus war Gift für meine Nerven und Muskeln gewesen. Erst als der Schleier der Krankheit langsam von mir abfiel, zeigte sich das eigentliche Ausmaß. Zurück blieb eine Propriozeption, die in Verbindung mit der Muskelschwäche besonders schwer zu verbessern war.
Das Gehen lernen – oder besser, der Umgang mit all den Defiziten – wurde zur stetigen Herausforderung. Von außen konnte man das kaum sehen. Für viele war ich derjenige, der bereits zwei große Caminos gegangen war: den Camino Francés und den Camino del Norte.
Doch was man sah, war nur die Oberfläche. Ja, ich lernte dort besser zu gehen, aber noch viel mehr lernte ich, mit meinen Einschränkungen umzugehen. Das erleichterte vieles, ohne Zweifel. Doch das eigentliche Ziel ist bis heute dasselbe geblieben: wirklich Gehen zu lernen – und nicht nur, besser mit meinen Defiziten zu leben.
Mit dem Beginn der Corona-Krise war alles, was ich mir in den Monaten davor mühsam erarbeitet hatte, plötzlich vorbei. Das Pilgern, das langsame Gewöhnen an die Stadt und an Menschen, das Verbessern meines körperlichen Zustands – all das wurde abrupt unterbrochen. Und so stand ich vor der Frage: Was jetzt? Fast alle Therapien wurden ausgesetzt. Nur das therapeutische Tanzen blieb mir so lange wie möglich erhalten. Dieser kleine, beständige Input trug mich durch diese Zeit. Dafür bin ich meiner Therapeutin bis heute zutiefst dankbar, denn vieles von dem, was ich dort lernen durfte, wurde zu meinem Anker.
Überhaupt wurde das therapeutische Tanzen zur Grundlage für all mein Training während der Corona-Zeit – und es ist es bis heute geblieben. Es ist wie ein leiser Rhythmus, der mich immer wieder zurückholt, wenn sich der Alltag zu sehr verengt, und der mir hilft, meinen Körper neu zu spüren. Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung, zurück ins Leben.

Pilgern wurde für den Rest des Jahres unmöglich. Und so konnte ich jene mühsam über Jahre aufgebaute Grundlage nicht halten. Mein Gehirn braucht viel Zeit, um Vorgänge zu verstehen und neue Routinen zu verankern, die mir im Alltag helfen. Mit dem abrupten Ende des Pilgerns fielen viele dieser Strukturen einfach weg.
Um mich nicht zu überfordern, beschloss ich daher, auf das Vertraute zurückzugreifen – auf die Rehabilitation. Dieses „Leben lernen“, das mir meine Ergo-Therapeutin im vergangenen Jahr ans Herz gelegt hatte, blieb damit weiterhin etwas, das ich vor mir herschob, ohne es wirklich leben zu können.
Was mir jedoch hilft, sind die Spaziergänge und Wanderungen in der Natur. In den letzten Monaten bin ich fast alle Wege und Gipfel rund um mein Zuhause gegangen. Die Wälder, die Hügel, die kleinen Pfade – sie wurden zu meinem Camino vor der Haustür. Hier finde ich das wieder, was mir sonst so leicht entgleitet: Ruhe, Orientierung, ein Gefühl von Weitergehen.


Der Rundweg in Gratkorn ist einer jener Wege, auf denen ich verschiedene Aspekte des therapeutischen Tanzens oder andere Übungen einbaue. Dabei versuche ich – ganz wie am Jakobsweg – nicht in „Therapie“ zu denken, sondern mit Freude und einer gewissen Leichtigkeit durch den Alltag zu gehen. Der Weg wird so zu einem kleinen Übungsfeld, ohne dass er sich wie eines anfühlt.
Eines meiner Rituale dort ist das Müllsammeln. Dosen, Plastik, all die kleinen Hinterlassenschaften, die überall herumliegen. Je nachdem, wie viel sich angesammelt hat, wende ich zwischen zwanzig und fünfundvierzig Minuten dafür auf. Länger geht noch nicht, denn es hängt davon ab, wie oft ich mich bücken muss. Rund fünfzig Mal schaffe ich – dann ist die Kraft verbraucht, und ich beende es.
Wenn ich eine Dose vom Boden aufhebe und wieder aufstehe, wird mir oft schwindlig. Doch gerade das ist ein gutes Training, ein vorsichtiges Gewöhnen an Bewegungen, die mir schwerfallen. Begonnen habe ich damit am Camino del Norte, und jetzt führe ich es zu Hause mehrmals pro Woche weiter. Es ist Koordination, Kraft und Feinmotorik in einem – und gleichzeitig tue ich etwas Gutes für die Wege, die mich tragen.
Vielleicht ist es auch für den einen oder anderen eine Möglichkeit, sich im Lockdown körperlich zu betätigen. Ein kleiner Beitrag, der gut tut – dem Körper und der Natur.

Es war eine gute Entscheidung, praktisch nur mehr in die Natur zu gehen. Ich merke zwar, dass ich merkbar sensibler gegenüber Menschen und der Stadt geworden bin, aber dafür hat sich meine Wahrnehmung verbessert, seit ich täglich in den Wald gehe und nicht mehr in die Stadt.

Mein Kino ist jetzt der Wald und die Natur um mich herum. Ich könnte es mir nicht vorstellen in der Stadt zu wohnen. Der Wald hilft mir so sehr, jetzt weiß ich endlich, wieso ich schon als kleiner Junge gerne tief im Wald, in einer Blockhütte, in Kanada leben wollte.
So versuche ich im Lockdown und der Corona-Krise das Beste aus der Situation zu machen und die nächsten Wochen werde ich versuchen, mich weiter zu stabilisieren. Schön wäre es trotzdem, wenn es wieder mehr "Leben lernen" gäbe. Aber, das es nicht so ist, daran muss ich mich wohl oder übel gewöhnen.
Daher bleibt die Natur auch weiterhin mein größtes Rehazentrum der Welt!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Als Aufstieg wählten wir die Nordseite, denn von hier führt der kürzeste Anstieg zum Gipfelplateau. Seit Corona im März begonnen hat, verspüre ich ein langsames Nachlassen meiner Kondition und Resilience. Ich kann den damaligen Stand nicht halten und habe sukzessive über die Monate abgebaut. Nicht Pilgern gehen können, hat das seine dazu beigetragen.
Der Schöckl war das zweite Mal seit dem Hirnabszess mein Ziel. Wie schon beim ersten Mal, hatte mein Freund Bernd die Idee dazu und ich war natürlich gerne dabei. Mit meinem Sohn Noah stiefelten wir hoch.

Meine Beziehung zum Schöckl ist eine besondere. Zum ersten ist es mein Hausberg seit Kindesalter und zum Anderen ist es mein Trainingsberg mit dem Rad und zu Fuß. Allein im Winter 1994 auf 1995 war ich in der Vorbereitung auf das Idita-Sport Race in fünfzig Tagen rund zwanzigmal oben, bei jeder Schneelage.
Von allen Seiten führen Wege nach oben, leichtere und schwerere. Es führt auch eine Gondel hinauf, die aber wegen Corona derzeit eingestellt ist. Jahrelang produzierte ich auch das Video für den Schöckel Classic.
Jüngste Ausgrabungen und Forschungen berichten von einem Höhenheiligtum der Römer, welches sich rund um den Ostgipfel befand.
Ein faszinierendes Schauspiel begleitete uns. Der Süden ab Graz, lag unter einer dicken Hochnebelschicht. Man fühlte sich wie ein Raumfahrer im All. Da der Blick über das Nebelmeer keinen Halt fand, wurde es mir leicht schwindlig. Eine besondere Situation, die mich zum Stehenbleiben zwang, wenn ich schauen wollte.
Nur ein paar kleine Berggipfel ragten als Insel aus dem Nebel. Ein faszinierendes Schauspiel.
Der Norden hingegen war nebelfrei und lag unter blauem Himmel. Am Horizont erstreckte sich die Bergwelt der Steiermark.

EIn großer Motorik Park befindet sich am Gipfelplateau am Schöckl. Zahlreiche Geräte verlockten Bernd und mich, darauf herumzuturnen. Eines hatte es uns besonders angetan. Die Rolle wurde zur Herausforderung, denn es bedeutete Kraft und Koordination, die viel abverlangte. Es war zu lustig, wie wir uns damit abmühten.
Ein Großteil der Stationen war für mich noch nicht machbar und außerdem musste ich ja noch vom Berg absteigen. Die Rolle forderte mich so sehr, dass ich danach beim Gehen sehr aufpassen musste und mein Gehirn bei jedem Schritt bewusst arbeitete. Es zeigte mir mein limitiertes Verhalten sehr stark auf.






...war es ein mehr als erfolgreicher Tag. Das Gehen bleibt auch in Corona-Zeiten eine der wichtigsten Teile meiner Rehabilitation, besonders das Gehirn, bzw. das Denken, steht und fällt damit. Das Pilgern war die mit Abstand beste Therapie seit 2018.
Seit Corona ist es aber nicht mehr möglich und ich habe noch keine adäquate Therapie gefunden, die mir mehr helfen kann.
"Gehen als Therapie" gewinnt für mich immer mehr an Bedeutung und wie komplex dieser Vorgang ist, wird mir immer mehr bewusst. Eine amerikanische Ärztin brauchte 8 Jahre für die Rehabilitation nach einer Gehirnblutung, dessen Auswirkungen mit mir vergleichbar sind.
Deshalb gebe ich nicht auf, was auch immer sein mag. Corona hat es verzögert, aber es ist weiterhin noch viel möglich. Wichtig ist nur, dass ich mir meinen inneren Frieden erhalte. Nur so ist es möglich, die Folgen des Hirnabszesses annehmen zu können und weiterzukommen.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Wenn ich schon nicht nach Spanien zum Pilgern fahren kann, dann gehe ich eben die österreichischen Jakobswege und deren Zubringer. Der Jakobsweg Burgenland ist einer davon und führt 75 km von der Grenze zu Ungarn nach Maria Ellend.
Pilgern in Österreich ist für mich nicht leicht. Einerseits übersteigt es mein Budget mit dem oftmaligen Übernachten in Gasthäusern und Hotels, denn es gibt die Infrastruktur nicht, wie in Spanien mit den Herbergen.
Andererseits sind die Beschränkungen wegen Corona für mich nicht leicht zu Hand-zuhaben. Besonders das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Stichwort Maskenpflicht), stellt für mich eine besondere Herausforderung wegen der Krankheit dar. Dazu ist diese allgegenwärtige Unsicherheit, die meine Rehabilitation erschwert.
Ich war bisher einige Male mit Zelt oder Biwaksack unterwegs, an die ich meinen Körper allerdings erst gewöhnen muss. Hoffentlich bis nächstes Jahr, da ich dann durch Österreich gehen möchte. Mit Alexander Rüdiger ziehe ich es bequemer vor, übernachtet wird nur in Gasthöfen, also ein wesentlich angenehmeres Pilgern.

Der Jakobsweg Burgenland beginnt in Pamhagen, geht weiter über Frauenkichen, durch Neusiedl am See, nach Bruck am Leithagebirge und geht bei Maria Ellend in den Österreichischen Jakobsweg über.
Die Besonderheit am Jakobsweg Burgenland ist es für mich, dass die ersten zwei Tage große Ähnlichkeit mit der spanischen Meseta am Camino Frances aufweisen. Größere Distanzen zwischen den Orten und sehr flach, ist im Sommer sicher eine Herausforderung, aber Ende Oktober sind keine hohen Temperaturen mehr zu erwarten.
Für mich ist es spannend, wie ich den Weg vertrage. Mit Alexander übe ich sehr stark das automatische Gehen, da wir viel reden und ich dadurch vom Gehen abgelenkt werde. Da wir keine hohe Kilometerleistung vorhaben, sollte das klappen. Trotzdem muss ich aber aufpassen, denn die kühleren Temperaturen, die schwierige Anreise und in der Corona-Zeit schlechter gewordene Gehen, lassen mich vorsichtig werden.

Nach der Anreise mit der Bahn und dem Bus, besuchen wir die Kirche und gehen dann los. Es ist spannend, wie ich diesen Teil von Österreich erleben werde. Das letzte Mal war ich, genau wie diesmal, mit Alexander in dieser Gegend unterwegs, und zwar beim Extremsport Event "Burgenland Extrem", nur zwei Monate vor dem Hirnabszess. Damals planten wir einen Film über den Camino in Spanien.
Ein starker Wind von hinten schob uns über die Wege, auch die Sonne hatten wir im Rücken, gleich wie in Spanien. Schon von weitem sahen wir die Doppeltürme der Basilika von Frauenkirchen, es war aber noch ein weiter Weg dorthin. Die Entfernungen täuschen, auch wenn man das Ziel schon sieht.
Eine Kapelle und viele Bildstöcke säumen den Weg durch Felder und Weingärten und scheint typisch für den Jakobsweg Burgenland zu sein. Das Gehen im ausschließlich Flachen Gelände strengt an und der zehn Meter lange steile Weg hinauf zu einem Bildstock, der auf einem Hügel trohnt, war eine willkommene Abwechslung für die Beine.






Nach dem Losgehen setzen wir uns neben der Kirche kurz auf eine lieblich gestaltete Bank. Die Besitzerin schaut kurz aus dem Fenster und wünscht uns alles Gute für den Weg.
Nach kurzem hin und her durch Frauenkirchen, führt der Weg wieder über endlose Geraden, den immer wieder Pilgerkreuze oder kleine Kapellen unterbrechen, die von Bäumen umringt sind wie in der Meseta, die Landschaft.











Die ersten beiden Tage waren schon sehr schön, aber heute am letzten Tag, kamen auch mehrere Erlebnisse dazu, die den Tag aufheitern sollten. Das erste Erlebnis findet gleich außerhalb von Neusiedl statt. Auf einem einsamen Radweg gehen wir in Richtung Bruckneudorf.
Es ist niemand unterwegs, außer uns. Alexander und ich müssen einmal austreten und stellen uns an den Rand, zwischen die Bäume neben dem Weg. Nach einer Stunde ohne Begegnungen und mehreren hundert Metern Sicht in beide Richtungen sehen wir niemanden. Allerdings können wir gar nicht so schnell schauen, kommt ein elektrisch betriebenes Behinderten-Mobil mit einem Affenzahn daher.
Tief nach vorne gebeugt, um dem Gegenwind keine Stirn zu bieten, schaut er weder nach links noch rechts und verringert auch seine Geschwindigkeit nicht, als er an uns vorprescht. Es ist eine derart skurrile Situation, dass wir lange brauchen, um uns vom Lachen zu erfangen. Es sollte nicht die einzige Begegnung bleiben, an die wir zurückdenken werden.

Weiter geht es nach Bruckneudorf und Bruck an der Leitha, wo wir eine Mittagsrast halten wollen. Zuvor geht es über einsame Feldwege und vorbei an der Vitus-Kapelle mit der Jakobsmuschel drauf. Gleich darauf ein Militärmuseum im Freien, dass auf die Kriegsvergangenheit dieser Gegend hinweist.
Ab der Kapelle gehen wir entlang des Truppenübungsplatzes Bruckneudorf, an deren Ende sich die Kaserne befindet. Nur wenige Meter über die Leitha erstreckt sich danach Bruck. Auf dem Weg dorthin treffen wir auf zwei Soldaten, die die Kaserne bewachen. Zwei junge Rekruten, bewaffnet mit Maschinengewehren, machen eine Kontrolle und verlangen unsere Ausweise.


Alexander gibt seinen hin und ich krame umständlich in meinem Rucksack, um ihn zu suchen. Die beiden sind zwei junge Burschen, die wohl ihre Ausbildung hier machen. Alex fragt beiläufig wie weit es noch bis Bruck a.d.Leitha sei und wo es ein Gasthaus gibt?
Als Antwort bekommt er: "Das weiß ich nicht, ich bin nicht von hier!". Ich denke mir nur, oje, die beiden sind sicher aus Tirol oder Salzburg, fern der Heimat und müssen hier ihren Dienst versehen. Beiläufig und mitfühlend frage ich: "Woher kommt ihr denn?". Darauf hin höre ich nur "Wien"! Ich wieder: "Nein, von wo ihr herkommt, wo ihr zu Hause seid, meine ich?". Die fiepsende Antwort: "Aus Wien kommen wir!".
Verblüfft bleibt mir der Mund offen, denn Wien ist keine 30 Kilometer von hier entfernt. Er kennt sich hier nicht aus und das Bruck an der Leitha auf der anderen Seite des Flusses liegt, weiß er nicht. Da möchte ich wissen, was er kontrolliert, wenn er nicht einmal weiß, wo er ist. Und das 30 Kilometer von zu Hause entfernt. Schön langsam verstehe ich die Kritik am Einsatz von Präsenzdienern an der Grenze. Die beiden wissen ja nicht einmal wo sie sind.
Mit dem Leithakanal überqueren wir die Grenze zu Niederösterreich und lassen damit das Burgenland hinter uns. Unser erster Weg führt uns zur barocken Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die im Zentrum steht. Nicht alle Gasthäuser haben offen und so entscheiden wir uns für das am Schloss Prugg gelegene Gasthaus und lassen es uns gut gehen.
Da wir noch eine lange Strecke bis nach Maria Ellend vor uns haben, Stärken wir uns gut, bevor wir den letzten Teil angehen.


Wir sind jetzt in hügeligen Gelände und haben einen langen Waldweg vor uns, der uns nach Maria Ellend bringt. Das bergauf und bergab tut gut, nach dem langen Gehen im Flachen. Der Weg zieht sich noch und dauert länger als gedacht.





Ich verpasse meinen direkten Zug nach Hause und somit muss ich noch dreimal umsteigen und komme erst spät am Abend nach Hause.
Mein Resümee fällt wie meistens beim Pilgern sehr positiv aus. Ein toller Weg, der viele Gedanken an den Camino Frances hochkommen ließ. Das Pilgern ist das einzige, woran ich mich derzeit festhalten kann. Auf dem Weg fühle ich mich glücklich und voller Freude.
Zu Hause besteht mein Tagesablauf aus Rehabilitation, Training und Üben. Dazugekommen ist Corona, welches meine Rehabilitation sehr verändert hat. Kurze Ausbrüche aus diesem Leben, wie der Jakobsweg Burgenland, halten meine Motivation hoch, denn ausschließlich Rehabilitation seit vier Jahren halte selbst ich nicht aus.

Dieses Jahr brachte mich durch Corona oft genug ans Limit, ein Limit, das besser verwendet wäre. Aber ich muss damit Leben lernen, bloß das dieses "Leben lernen" einen zusätzlichen, anderen Anstrich bekam. Gerade die wieder stärker werdende Corona-Krise bringt mich von meinem Ziel wieder weiter weg. Statt sozialer Kontakte werde ich immer mehr zum Eigenbrötler.
Jeden Tag erlebe ich NEU, so ist es mir unmöglich, altes aufzuarbeiten. Mein Gehirn macht da nicht mit. Ich kann nur jeden Moment im JETZT genießen und schauen, dass ich jederzeit das Beste daraus mache und versuche, mich wohlzufühlen. Freude und Glücklichsein versuche ich in mir zu kultivieren, egal durch was. Es gelingt nicht immer, aber immer öfter. Damit wird auch die Vergangenheit nicht mehr so wichtig, die mich zeitweise noch immer einholt.
Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.
Johann Wolfgang von Goethe
Ja, das Schreiben an meinem Buch hat unter Corona sehr gelitten. Ich merke das auch an der Häufigkeit meiner Blogartikel. Mir fehlt die Konzentration und die Muße zu schreiben. Mit der Hand bekomme ich bloß ein, zwei Sätze zusammen, dann wird es unleserlich. Die veränderte Denkweise durch Corona nimmt mich so in Anspruch, dass ich an anderer Stelle zurückschrauben musste. Manchmal habe ich nur das Gefühl zu überleben, anderes hat keinen Platz.
Darum sind solche Auszeiten wie am Jakobsweg Burgenland besonders wertvoll. Ich bekomme neue Ansichten, Einsichten und Aussichten und bin von der Rehabilitation abgelenkt. Mit dem Gehirn arbeitete und übte ich viel, aber es hat nichts so sehr geholfen, wie das Gehen in Spanien am Camino.
Vielleicht gelingt es mir, wieder mehr zu Schreiben, denn ich brauche etwas, an dem ich mich außer dem Gehen noch festhalten kann!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
"Wieder Leben lernen", habe ich mir vorgenommen. Zum Ersten mal seit vielen Monaten wollte ich etwas machen, ohne dabei an Therapie zu denken. Der Badlgraben wurde dafür erkoren.
Ich bin dankbar dafür, was ich in den letzten Monaten geschafft habe. Der Beginn des Radfahrens, Schulung meiner Wahrnehmung, Konzentration auf mich und meine Defizite, das war der Hauptinhalt seit April.
Ich habe nach diesen über vier Monaten Therapie ein positives Resümee gezogen. Ich spürte aber in mir, dass etwas Neues Anstand, dass ja eigentlich ein Altes war, habe ich es ja schon ein Jahr lang unter anderen Voraussetzungen geübt.

Es ist wichtig das Leben, über all den Therapien, nicht zu vergessen. Corona hat mir allerdings diesen Teil des Lebens genommen und ich habe lange gebraucht, um mich darin zurechtzufinden.
Im April des vorigen Jahres bekam ich in der Ergotherapie den Auftrag, des Öfteren etwas zu machen, was nicht unter dem Mantel der Therapie steht. Dazu fällt mir als erstes Kino gehen ein. Zu dem Zeitpunkt sah ich Zug- oder Straßenbahnfahren als Therapie für mich, genauso wie in ein Kino zu gehen. Ich hatte mich erst daran zu gewöhnen.
Es war aber auch wichtig, mich einmal nicht selbst zu beobachten, wie es mir dabei geht oder zu beurteilen, besser oder schlechter. Ich sollte einfach nur ins Kino gehen und mir einen Film ansehen. Auf diese Art lernte ich wieder zu Leben und mich unter Menschen zu begeben.
Später im Juni war der Camino Norte eine wundervolle Möglichkeit, mich wieder mehr ans Leben zu gewöhnen. Ich bekam hier zum ersten Mal das Gefühl, was es bedeutet zu Leben und nicht nur zu therapieren.

Immer öfter bekam ich das Gefühl zu Leben und mein Highlight dazu war der Camino Frances im Winter dieses Jahres. Voller Pläne, wie ich die nächsten Wochen gestalten wollte, kam ich nach Hause.

Mit Corona waren diese Pläne innerhalb eines Tages allerdings zunichte. Mein Gehirn war überfordert damit und vor allem damit, dass alles was mir wichtig gewesen ist, plötzlich nicht mehr gegolten hat. Alles, woran ich seit einem Jahr arbeitete, war von einem auf den anderen Tag hinfällig. Selbst die Trauma-Therapie wurde ausgesetzt.
Die einzige Chance das zu überstehen fand ich darin, mich auf nichts anderes einzulassen, als konzentriert an meinen Defiziten in den nächsten Monaten zu arbeiten und mein Wissen um die Therapie umzusetzen. Denn eines war mir nach dem Wegbrechen aller Therapien klar, ich musste alleine Lösungen für alles finden.
Gesagt, getan, einzig das Leben kam dabei zu kurz. Ich war erneut in Therapie und Rehabilitation gefangen, aus der ich vor einem Jahr entkommen wollte. Es ist in erster Linie ein mentaler Zustand, in den ich kommen wollte. Die Umstände waren aber schwierig, so blieb ich bei dem, was ich kannte.
Es sind natürlich nicht immer Therapien unter Anleitung. Im Gegenteil, eigentlich fast immer Dinge in Eigenregie. Vieles hatte ich in meinen zahlreichen Rehabilitations-Aufenthalten gelernt oder wusste ich noch aus meiner Sportvergangenheit oder der Zeit als Energetiker.
Dabei ist es egal, ob auf mentaler oder körperlicher Ebene. Mein Glück ist es, alles mit Freude zu machen. Es ist noch immer ein Antrieb in mir, besser zu werden. Diesmal bedarf es aber einer besonderen Beharrlichkeit. Das Kleine in den Dingen zu erkennen wurde wieder wichtig. Viele Kleinigkeiten ergeben irgendwann das Große, deswegen hat Aufgeben auch keinen Sinn.
Durch die Erwerbsunfähigkeitspension wurde das Gesund werden praktisch zu meinem Beruf. Ich brauche mich 24 Stunden am Tag nur darum zu kümmern, dass es mir besser geht, so wie früher im Sport.
Dazu zählen alle Therapien, aber auch das "Leben lernen". Langsam spielt mein Gehirn wieder mit, diesen Gedanken zu verstehen und leben zu können. Derzeit noch Ansatzweise, versuche ich diesen Gedanken in mir immer mehr bewusst zu machen. Der Therapie ihre eigene Zeit zu geben, habe ich jetzt zu lernen.
Es war ein ganz großer Unterschied vom Badlgraben zum Mariazellerweg zuletzt. Den Weg über die Teichalm und den Schranzsattel nach Mitterdorf im Mürztal sah ich als reine Therapie und Training für meine Wahrnehmung. Mein Ziel ist es ja, mich an das Übernachten im Zelt gewöhnen zu können, um auch in Österreich mehrere Tage Pilgern oder Wandern zu können, ohne die teuren Übernachtungen.

Der Mariazellerweg hat mir sehr geholfen, meine Grenzen wieder zu erweitern. Es war am Limit und ich brauchte danach eine Woche um mich zu Erholen. Im Badlgraben war zwar keine Übernachtung vorgesehen, aber der Weg führt durch eine Art Klamm, gesichert mit Stahlseilen und Eisenklammern.
Es war an der Zeit, wieder den nächsten Schritt zu wagen. Nicht so ausgesetzt wie ein Klettersteig, war der Weg an der Grenze für meine Möglichkeiten der Bewegung. Diesmal wollte ich trotz der Schwierigkeiten nicht therapieren, sondern genießen und nicht an die Defizite denken.
Der erste Abschnitt war grenzgenial und führte durch Dschungel ähnliche Gegend. Praktisch kein einziges Mal dachte ich an Therapie, auch weiter drinnen nicht.

Vor vielen Jahren war ich des Öfteren hier unterwegs. Es ist eine wunderschöne Klamm, mit einer urigen Gegend. Einige wenige Passagen sind mit einem Stahlseil und Eisenklammern gesichert, um ein sicheres Hinübergelangen zu gewährleisten. Heute war sie allerdings eine Prüfung für mich. Jeder Tritt musste passen, da sonst ein Abrutschen unvermeidlich war.

Ich dachte diesmal nie an Therapie. Es war an der Grenze, aber machbar. Vor einem halben Jahr hätte ich mich noch nicht über solche Passagen gewagt.


Wie unterschiedlich die Tage noch sein können, wird mir einige Tage später bewusst, als ich den Bericht schreibe. Gleichgewichtsstörungen und Schwindel lassen mich nur drei Kilometer weit kommen und den Balance-Park abbrechen. Ich war noch nicht erholt von der Wanderung, der Badlgraben hat mehr Energie gekostet, als gedacht.
Es war ein neuer Schritt zurück ins Leben, der nicht Therapie beinhaltet hat. Ich habe ihn auch nicht für die Rehabilitation gemacht. Wie vor einem Jahr ins Kino, habe ich mich diesmal einfach nur auf den Weg gefreut, ohne etwas zu wollen oder Trainieren zu müssen.
Ich möchte einfach wieder ins Gefühl zu Leben kommen. Therapie und Rehabilitation wird seinen Platz bekommen, aber ich habe zu lernen, wieder Leben zu können, mit und ohne Corona.

Ich werde die Stadt auch weiterhin meiden und möchte dieses Leben lernen in der Natur umsetzen. Die letzten Monate haben es gezeigt, meine Wahrnehmung hat sich gebessert. Das möchte ich stabilisieren und nicht durch den Stress in der Stadt in Gefahr bringen. Zu wackelig ist noch das Fundament und erst wenn ich stabil bin, werde ich mich stressigeren Dingen widmen können.
Corona hat viel verändert und ich bin dabei, neue Strategien zu entwickeln. Das Pilgern in der Form der vergangenen Jahre hat mir am meisten geholfen und mich dahin gebracht, wo ich jetzt stehe. Ich hätte mir gewünscht, in dieser Art noch einige Zeit am Camino in Spanien verbringen zu können. Diese Art der lebensnahen Therapie kann ich für längere Zeit vergessen und darf mir etwas Neues einfallen lassen.
"Im Leben kommt es nicht darauf an, ein gutes Blatt in der Hand zu haben, sondern mit schlechten Karten gut zu spielen!"
Robert Louis Stevenson, schottischer Schriftsteller (Die Schatzinsel)
Dieses Gefühl zu Leben wird noch ein Weile dauern, bis ich es verinnerlicht habe. Denn noch muss ich zu viel an der Bewegung bewusst Denken und die Behinderung ist noch zu groß. Aber so wie ich gehen lernte, werde ich auch wieder das Leben lernen!
Was hält uns an, im Leben weiter zu tun? Was ist die Motivation? Warum möchten wir Ziele erreichen? Warum weiter leben?
Diese Fragen waren da, aber ich stellte sie mir nicht. Konnte besser gesagt gar nicht. Ich hatte nur Gedanken für das unmittelbar Nächste, was anstand. Andere Gedanken kamen nicht auf, denn es ging einfach nicht.
Als ehemaliger Leistungs- und Extremsportler ging es für mich immer darum, besser zu werden. Wollte ich Geld damit verdienen, musste ich sehr gut in dem sein, was ich machte. Ich war fokussiert und musste manches Opfer bringen, um meine volle Leistungsfähigkeit auszuschöpfen. Erfolg, nicht nur materieller Art, ist der Lohn dafür.
Ich habe immer am eigenen Leib verspürt oder wie es sich anfühlt, an die eigene Grenze zu gehen und meine Grenzen auszuweiten. Diese Erfahrung hat mir geholfen, mich weiterzuentwickeln und den ständigen Lernprozessen des Lebens zu folgen. Das habe ich vor dem Hirnabszess vergessen. Danach wurde ich umso eindrücklicher wieder daran erinnert.

Die Sportvergangenheit hat mir vom ersten Tag an geholfen, zuerst noch unbewusst, an meiner Rehabilitation zu arbeiten. Es war nicht nur die körperliche Seite wiederherzustellen, schwieriger ist es in solchen Situationen einen guten "Mind" zu behalten.
Die Einstellung zählt, bewusst oder unbewusst, wenn man nicht funktioniert. Es wäre leicht gewesen aufzugeben, aber durch meine Konditionierung als Sportler konnte ich gar nicht anders als 'Nicht aufgeben'.

Am 27.März jährt sich mein zweites Leben zum zweiten Mal. Ja, es sind seither schon zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre, in denen ich mich nachträglich oft selber frage, woher ich die Kraft nahm zurück ins Leben zu wollen. Ich fiel von einem Tag auf den anderen von einem Läufer, der 50 Kilometer in den Bergen zurücklegen konnte, in den Zustand der Bettlägerigkeit und Abhängigkeit.
Die folgenden fünf Wochen sah ich kein Badezimmer oder WC von innen. Alles wurde, großteils von anderen Personen, ausschließlich im Bett für mich erledigt. Für mich zuerst ein unerträglicher Zustand, über den ich, Gottseidank, damals nicht weiter nachdenken konnte. Ich ließ es geschehen und war dankbar dafür, Menschen die mir helfen, um mich herum zu haben. Meine Motivation ins "normale" Leben zurückzukehren, wurde damit größer.


Ich konnte nicht an die Zukunft denken. Ich war völlig im HIER und JETZT gefangen. Und das war auch gut so. Nachdenken über die Situation, in der ich steckte, hätte zuviel Energie gebraucht. Die war für Essentielleres reserviert.
Ich war gefangen in meinem Körper und vertraute einzig darauf, dass er alles richtig macht und das Richtige für mich gemacht wird. Diesem Vertrauen gab ich mich völlig hin, brauchte nicht darüber nachzudenken. Das war der erste Schritt zur Gesundung - VERTRAUEN!
Das lässt mich täglich, seit zwei Jahren, weitermachen. Vertrauen darin zu haben, dass nichts stillsteht. Es immer weiter geht.
Veränderungen waren unter anderem mein Thema vor dem Hirnabszess. Ich war der Meinung, mich nicht verändern zu können, ja, zu dürfen. Zuviel sprach dagegen. Veränderungen waren halbherzig und nicht mit vollem Ernst durchgezogen. Die Krankheit brachte dann eine grundlegende Veränderung. Ich lernte sie anzunehmen. Nicht Annehmen hätte ein Aufgeben des Lebens bedeutet. Im Nachhinein gesehen war es doch möglich zu verändern.

Meine Motivation bestand am Anfang darin, wieder gehen zu lernen. Ich durfte lange nicht ohne eine anwesende Krankenschwester aus dem Bett aufstehen, geschweige denn, zum zwei Meter entfernten Esstisch im Zimmer zu gehen.
Um aufs Klo zu gelangen, musste ich eine Schwester rufen, die mich im Rollstuhl hinbrachte. Sie half mir, mich umzusetzen und ließ mich dann mein Geschäft alleine machen. Dauerte es länger, fragte sie mich durch die Türe, ob es mir gut geht. Ich konnte ja jederzeit einen Schwindelanfall haben.
Abgesehen davon, konnte ich nur einen kurzen Augenblick stehen. Alleine die Hose hochziehen war fast ein Ding der Unmöglichkeit. Alles Punkte, die meine Motivation aber nur steigerten. Ich WOLLTE es wieder können. (Hier gehts zum Beitrag übers Gehen lernen)
Solche Erlebnisse machen einem bewusst, wie abhängig man von anderen ist und welch kleiner Stein man im Universum ist. Er macht zugleich dankbar dem Leben gegenüber und man lernt den Moment zu schätzen.
Wahrscheinlich regt es mich daher so auf, dass meine Kinder so viel Zeit vor dem Computer verbringen. Denn ich habe gelernt, meine Zeit sinnvoll einzusetzen, selbst wenn das Schlafen bedeutet. Ein Computer ist für mich definitiv nicht das Lebenssinn stiftende. Wer einmal erfahren hat, wie schnell es zu Ende sein kann, der lernt den Moment mit sinnvollen Bereichen zu füllen.
Das wurde eine bedeutende Frage für mich, bis heute. Ich neige oft dazu, zu sehen, was nicht geht. Ich kann den Fortschritt oft nicht selbst sehen und hadere eher damit, dass etwas noch nicht funktioniert. Einerseits gut, denn Ungeduld treibt mich an, es wieder und wieder zu versuchen. Andererseits darf ich akzeptieren, wo ich stehe.
Es ist ja keine Prüfung, sondern es ist mit einem Haus vergleichbar. Jeder Tag, jedes Training ist wie ein Baustein. Ziegel um Ziegel baue ich auf und es dauert lange, bis das Haus steht.

Meine Rehabilitation ist wie ein Haus bauen. Und vorrangig ist und bleibt es: Habe ich mich heute dafür gewürdigt? Habe ich erkannt, dass mich jeder Tag vorwärtsbringt, was es auch ist. Habe ich, wenn auch nur einen kleinen Ziegel, aufgebaut fürs Leben.
Die Fortschritte in der Neurologie, besonders was die Nerven betrifft, können sehr langsam sein, fast nicht erkennbar. Für mich als Betroffenen ist das oft frustrierend. In solchen Momenten heißt es zu akzeptieren und zu würdigen, dass es so ist. Nicht darüber jammern, was nicht geht. Dann geht es allen, inklusive mir, besser.

Ich sehe mir gerne Trailrunning - Zeitschriften an. Seit ich aus dem Krankenhaus bin, habe ich mir jede Ausgabe der Trailrunning Szene gekauft. Da ich viel mit der Kraft der Vorstellung arbeite, tun mir die schönen Trail-Bilder gut. Solche Art der Motivation tut gut.
Gerade das Trailrunning hat mir im bisherigen Verlauf sehr geholfen, auch wenn ich es nicht ausüben kann. Es motiviert mich täglich alles dafür zu geben, solche Momente wieder zu erleben.
Zurzeit ist es ja so, dass ich bergauf nur unter großen Anstrengungen gehen kann. Die konditionelle Verbesserung geht nur im Rahmen der neurologischen Möglichkeiten. Es geht nicht so schnell, wie früher im Sport. Es dauert um ein Vielfaches länger. Viel Wissen muss ich erst wieder reaktivieren.
Da helfen mir die Tipps aus der Zeitschrift sehr gut. Im letzten Heft sind gute Beispiele für Visualisierungstechniken angeführt, wie auch für Outdoor Gym. Mein Gedächtnis braucht immer wieder einen Anstupser. Ich vergesse oft innerhalb von Sekunden, was ich eigentlich wollte. Ich arbeite zwar dran, aber ich brauche immer wieder die Erinnerung. In Zeitschriften bekomme ich wertvolle Hinweise, die mir weiter helfen.
Als besonders gut fand ich die Visualisierungstechnik vom Phyisiotherapeuten Florian Reiter: Ein unsichtbarer Faden zieht dich nach oben, zum Beispiel an einem Husky hängend. So trainierte ich kürzlich am Schlossberg in Graz, den ich zum ersten Mal zu Fuß erklimmen konnte. In Gedanken wurde ich von einem Husky hochgezogen.
So finde ich immer wieder viele gute Tipps für meine Reha. Step by Step!

Außerdem habe ich immer gerne geplant. Vieles, vor allem Längerfristiges, geht noch nicht zu denken, weil ich Gedankensprüngen oder einen Gedanken weiter zu denken, noch nicht mächtig bin.
Wann kann ich wieder laufen, wann kann ich wieder Reisen? Es ist da, aber zu weit weg. Noch nicht zu beantworten. Wichtiger sind die kurzfristigen Pläne. Sie sind notwendig, um die Gegenwart besser zu erleben.
Einen Plan fürs Gehen zu erstellen. Einen anderen fürs Lernen am Computer und einen anderen für die Zeit mit der Familie.
Umso besser geplant, umso besser funktioniert alles.
So viel zu "meinem Weg zurück" derzeit, der mit vielen Herausforderungen gespickt ist.