Pilgern ist mein neues Trailrunning, besser gesagt, mein „Trail-Gehen“. Mein größter Wunsch war, wieder Gehen und Laufen zu können. Das mit dem Gehen habe ich mir mit jahrelangem Training erfüllt. Laufen muss noch warten.

Trailrunning ist immer noch nicht möglich. Dafür bin ich noch zu wenig stabil und es ist mir noch zu intensiv. Jeder Schritt beim Laufen bringt eine Erschütterung mit sich, die mein Körper noch nicht verträgt.

Pilgern als Reha

Reha, Leben und Pilgern

Aus diesen drei Faktoren besteht mein Leben. Bestimmend von den Dreien ist noch immer der Punkt „Rehabilitation“

Meine Defizite sind noch zu groß, als das es anders wäre. Solange ich die Chance einer Verbesserung sehe, werde ich daran arbeiten. Ich akzeptiere meinen derzeitigen Zustand, aber ich nehme ihn nicht als gegeben hin. Nur darf es nicht ausschließlich Reha sein, ich soll trotzdem wieder Leben lernen.

Allerdings ist das jetzt mein Leben. Es wäre naiv, meinen derzeitigen Zustand nicht Annehmen zu wollen. Nur indem ich ihn annahm, konnte ich diese mittlerweile über dreijährige Phase überstehen. 

Camino del Norte, meine Reha Anstalt

Pilgern mit Behinderung

Das Pilgern nimmt einen wichtigen Stellenwert für mich ein. Es war im letzen Jahr mein erster Ausbruch aus der Welt der Rehabilitation, als ich zum Camino Frances fuhr.

Denn egal was ich bisher tat, die geringste Bewegung ließ mich besser werden und war Rehabilitation. Es war nicht leicht, aus diesem Gedanken zu kommen. Die Behinderung des Körpers, wie auch des Geistes war allgegenwärtig.

Beim Pilgern brauchte ich daran nicht denken. Denn viele andere Pilger hatten Bänder, Sehnen und Gelenksprobleme und wackelten entsprechend daher. Es gab kaum einen Unterschied.

Mit Geh-Behinderung am Camino

Pilgern ist auch Rehabilitation, aber unter dem Aspekt zu Leben

Es geschieht nebenbei und das unter „gewöhnlichen“ Bedingungen. Pilgern mit Behinderung hat einen wichtigen Aspekt, nämlich wieder Leben zu lernen. Am Jakobsweg brauche ich mich nur um das zu kümmern, was anstand. Das ist ein großer Vorteil, gegenüber zu Hause. Dort bin ich zu sehr in das tägliche Überleben involviert.

Es ist im heimischen Zuhause nicht möglich, sich ganz und gar nur auf sich zu konzentrieren. Aber gerade das brauche ich.  Mein Gedächtnis ist ebenso betroffen, wie die Bewegung und lässt sich nur gleich langsam wie alles andere verbessern. Daher versuche ich, allen Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen oder besser gesagt, alles zu vermeiden, was mir keine Freude bereitet.

Daher tut mir das Pilgern so gut. Denn nur in einem Zustand der Freude ist Heilung möglich und am Camino bin ich immer unter einem Zustand der Freude. Selbst im starken Regen gehe ich pfeifend durch Gatsch und Wasser, vollkommen durchnässt. Diese Freude am Leben ist echt und sehr emotional. In solchen Momenten fühle ich mich gut aufgehoben und bringt mich gesundheitlich weiter, als Stunden in der Kraftkammer.

Pfeifend beim Pilgern

Pilgern und die Defizite

Am Camino denke ich nicht über meine Defizite oder über die Behinderung nach. Sie sind ein Teil von mir, wie der Weg, der Hunger oder der Durst. Natürlich sind sie da, aber sie sind nicht vorherrschend. 

Zu Hause gehe ich zur Therapie oder auf Reha. Ich werde dabei immer daran erinnert, dass ich behindert bin und Defizite habe. Es ist weitaus gefährlicher, weil ich immer wieder in die Stadt muss. Dieses dauernde Erinnern und darauf gestoßen zu werden, an meinen Defiziten zu arbeiten, ist oft nicht leicht. Am Camino kann ich leben und therapiere gleichzeitig, ohne das es mir auffällt.

Am Camino halte ich mich praktisch nur in der Natur auf. Die wenigen Großstädte durchquerte ich in einem Stück, meist am Sonntag, wo weniger los war. So wurde meine Aufmerksamkeit geschont und es blieb mehr Energie für den Rest. Gerade meine Hochsensibilität macht mir in den Städten zu schaffen.

Freude beim Pilgern und das ich überhaupt wieder gehen kann.

Bergauf, Bergab

Ich fühle mich wohl, wenn ich gehen kann. Mit entsprechenden kurzen Pausen dazwischen, kann ich schon weit gehen. Diese Pausen sind unter anderem meinen Sprunggelenken geschuldet. Das Ziel der mehrmonatigen Physiotherapie Anfang des Jahres war eine Stärkung dieser. Das war gelungen. Knöchelte ich am Anfang des Jahres noch öfter um, so kippte ich am Camino nur mehr einige Male um, ohne größere Auswirkungen.

Wichtig war die innere Stärkung und die erreicht man durch balancieren. Dazu war am Camino mehr als genug Gelegenheit. Das Gleichgewicht und die Muskulatur zu verstärken, heißt auch die Gehirnzellen auf Trab zu bringen.

Besonders bergab war es wichtig die Balance auf den Steinen zu halten. Allerdings konnte ich nicht springen. Trotzdem wurde der Körper aktiviert und arbeitete mehr als genug. Es geht mir gleich wie kleinen Kindern, die durch Herumtollen ihre Bewegung verbessern. Mein Körper ist steif, unbeweglich und die Geschmeidigkeit fehlt ihm. Daher tut das Abwärts Gehen auf den schmalen Pfaden sehr gut, weil ich ständig meinen Körper verdrehen muss.

Balancieren, Pilgern als Reha am Camino

Lieber durch den Wald, wie durch die Stadt

Der Wald ist mein Fitness-Studio. Durch den weichen und unebenen Boden wird meine Bein- und Rumpfmuskulatur gestärkt. Ich verwendete diese Woche zum ersten Mal eine Puls Uhr. Dabei bemerkte ich einen um fünf Schläge höheren Puls auf einer Schotterstrasse, als auf Asphalt.

Gerade der Küstennahe Regenwald brachte zusätzliche Wirkung. Da es doch oft regnete, war die Luft durchdrungen von den Düften des Waldes. Es war eine einzigartige Stimmung, die meine Fröhlichkeit förderte, froh darüber das alles erleben zu dürfen.

Diese Freude am Leben spiegelte sich in vielem wieder. Ich konnte plötzlich wieder pfeifen, was mir lange wegen der Halbseitenlähmung nicht gelang. Meine Zunge und Gesichtshälfte sind ja betroffen davon.

Dazu kann ich mich nicht einmal daran erinnern, während des Caminos nicht gut drauf gewesen zu sein. Der Jakobsweg war Balsam für meinen Körper, Geist und Seele.

Pilgern gehen

Das Pilgern wurde meine liebste Tätigkeit, die ich auch mit Handicap unternehmen kann.