Zwei Bücher haben mir geholfen, den Weg zurück ins Leben zu verstehen. Das erste ist das Buch von Monica Lierhaus, deren Satz, "Die Länge des Weges nicht thematisieren!", mir sehr geholfen hat.

Das andere ist von Gela Allmann, das mir, in der ersten Zeit nach dem Krankenhaus, das Erlebte besser verstehen ließ. Durch das Buch wurden viele Erlebnisse hervorgeholt und ich konnte viele Dinge besser verarbeiten.

Viele Einzelheiten und Erlebnisse aus dem Krankenhaus wurden für mich wieder greifbar. Es war emotional sehr aufwühlend, aber tat mir gut, weil es mir Verständnis für meine Lage gab.

Bin ich noch ich - Monica Lierhaus

Der Spruch aus Ihrem Buch, "Die Länge des Weges nicht thematisieren", wurde für mich prägend.

Es war mir in der ersten Zeit nicht möglich, das Geschehen zu erfassen. Denken und Körper waren wie getrennt. Ich konnte nur auf das unmittelbare auf mich eintreffende reagieren. Ich verfing mich immer wieder in einer Denkschleife, aus der es mir nicht gelang rauszukommen.

Es war unmöglich das Geschehene zu verstehen oder zu realisieren, wie lange es noch dauern würde. Als ich zum Ersten mal den Satz las, ließ er mich nicht mehr los. Ich habe ihn in mein Notizbuch auf die erste Seite geschrieben. Dadurch werde ich immer daran erinnert, wenn der Fortschritten .

Es wird nie mehr so wie es war!

Jetzt, nach drei Jahren, ist alles klarer geworden. Hätte ich die Dauer damals als Thema für mich wichtig gemacht, ich wäre daran zerbrochen.

Mittlerweile weiß ich, es wird nie mehr so sein wie es war. Die Schwierigkeit ist für mich, dass in seiner Gesamtheit zu verstehen. Mein Gehirn macht einfach nicht mit. Ich befinde mich wie in einer Warteschleife. Ich kann gewisse Dinge nicht weiter oder zu Ende denken.

Das zu akzeptieren ist nicht leicht. Oft möchte ich es verstehen, aber ich kann es nur Sein lassen. Ich darf mich nicht in Gedanken verstricken, aus denen ich sowieso nicht raus finde.

Die Chance auf einen Neuanfang!

Der Hirnabszess bedeutete für mich einen Neuanfang. Ich musste alles umkrempeln, was mir bisher etwas bedeutete. Ich musste mein Leben ändern und es sollte sich ändern.

Diese Chance auf einen Neuanfang war nicht nur eine Chance. Wollte ich über- und weiterleben, durfte ich nicht in alten Strukturen bleiben.

Trotz Hirnschädigungen, die mich unter anderem nur im Hier und Jetzt halten, wurde es ein Neuanfang. Ich kann noch immer nichts planen, nur reagieren und im jetzt leben. Was an und für sich ja nicht schlecht ist, aber die einfachsten Pläne sind mir kaum möglich.

Das ist oft frustrierend und lässt mich in einer Denkschleife zurück. Da raus zu kommen ist oft nicht leicht.

Schreiben als Therapie

Mit dem Schreiben versuche ich zu verstehen. Wie alles andere auch, ist das nur langsam möglich. Es ermöglicht mir, vieles besser zu verstehen. Es dauert oft Wochen, bis mir ein Thema klarer wird.

Wenn ich so vage darüber schreibe, dann nur deswegen, weil mir vieles noch unklar ist. Ich möchte versuchen, es zu verstehen. Erst dann kann ich darüber schreiben.

Das ist die andere Seite meines Weges zurück ins Leben, die Gedankliche. Ich erzähle darüber selten, weil es zuviel nachdenken erfordert, was mir nicht immer gelingt. Oft füge ich ein Bruchstückchen ans andere. Das Schreiben hilft mir dabei.

Schreiben

Die Länge des Weges

Es ist ein langer Weg, den ich zu gehen habe. Wie lange er noch dauert? Ich weiß es nicht. Zu fragen hätte keinen Sinn, es kann mir sowieso niemand beantworten.

Jeden Tag mein Bestes geben und darauf vertrauen, dass es mich weiter bringt. So schaut es aus.

Meine Rehabilitation

Mein Weg besteht noch aus Rehabilitation. Die Behinderungen sind Allgegenwärtig. Ich kann keinen Schritt machen, ohne das ich daran erinnert werde.

Ich versuche mich weiterzubilden, wie mein Nervensystem funktioniert. Das gehört auch zu meiner Rehabilitation. Wobei, noch wichtiger ist der Energiefluss, denn bringe ich die Energie wieder zum Fließen, dann habe ich viel gewonnen.

Ich muss mich immer nach meinem Befinden am Tag richten. Erst danach entscheide ich, was ich tun kann.

Lieber sage ich Training zu meiner Rehabilitation. Es hat mehr mit dem Leben zu tun, als das Wort Rehabilitation, das mehr mit Krankheit zu tun hat.

Eines ist mir wichtig geworden. Ich darf niemals

"...die Länge des Weges thematisieren!"


Ich habe mit dem Schreiben ein paar Monate nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus begonnen. Zuerst war es mein Antrieb, wieder mit einem Stift Buchstaben um Buchstaben auf Papier zu bringen. Ich hatte keine Ahnung warum, aber der Antrieb war da. Ich wollte wieder Schreiben zu lernen. Schreiben als Therapie.

Schon im Krankenhaus habe ich versucht das Geschehen festzuhalten. Es blieb aber beim Versuch. Ich musste erst wieder die Technik lernen, einen Stift zu halten und Schreiben lernen.

Ich kann bis heute nur begrenzt mit der Hand schreiben. Die Finger ermüden schnell und dann wird es unleserlich. Aus diesem Grund habe ich begonnen, auf einem Tablet zu tippen. Gleich darauf kaufte ich mir eine Tastatur. Damit wurde es möglich länger zu Schreiben und die vielen Fehler auszubessern.

Schreiben

Schreiben lernen

Der Anfang war frustrierend. Ich brauchte für jedes Wort so lange, dass ich nicht mehr wusste, was ich schreiben wollte. Ich musste mich auf jeden einzelnen Buchstaben im Wort konzentrieren. Längere Wörter brachten mich an die Grenze.

Oft lasse ich Buchstaben aus. Erst beim wiederholten Durchlesen wird es mir bewusst, dass sie fehlen. An manchen Tagen geht es besser, an manchen schlechter.

Ich schreibe mit dem Zweifingersystem. Meine Finger, wie mein ganzer Körper, sind von den Schädigungen des Zentralnervensystems betroffen. Feinheiten erledigen sind mir noch immer kaum möglich. Ich übe zwar den Umgang, aber das Aufheben einer Nadel wird zum Geduldspiel.

Ist Schreiben meine neue Gabe?

Das Schreiben als Therapie

Das Schreiben wurde auch zur Therapie für mich. Ich versuche positiv zu schreiben und das verankert sich in mir drinnen. Es gibt mir auch die Möglichkeit zu reflektieren, was oft wichtig ist. Dadurch kann ich mein Gehirn trainieren, Gedankenwege zu finden. Ein Problem ist es noch weiterführende Gedanken zu verfolgen. Beim Schreiben muss ich mich damit auseinandersetzen. Jeder Satz wird so zur Herausforderung.

Mittlerweile haben sich bereits so viele Blogartikel, Aufzeichnungen und Notizen angesammelt, dass ich über ein Buchprojekt nachdenke. Es macht mir einfach Freude und ist etwas, was ich ausführen kann.

Gedanken

Zurzeit sind viele Veränderungen im Gange. Mit manchen davon komme ich nicht klar. Deshalb heißt es jetzt besonders auf meine Gedanken aufzupassen. Mit meinen Gedanken habe ich den Hirnabszess kreiert. Mit meinen Gedanken kann ich aber auch positives kreieren. Darum ist es so wichtig, was ich denke.

Veränderungen tun mir im Moment nicht gut. Trotzdem stehen sie an. Einen goldenen Mittelweg zu finden ist daher wichtig und das Umgehen wird immer wieder eine Herausforderung. Mit meinen Handicaps wird eigentlich alles zur Herausforderung. Denn es sind nicht nur die Geh- und Bewegungseinschränkungen, das schwerer wiegende ist das Gehirn.

Im Wald

NEUES Leben leben

Mit den Einschränkungen komme ich für mich klar, allerdings werde ich immer wieder vor Herausforderungen gestellt, die mein derzeitiges Potenzial weit übersteigen. So wandle ich nach wie vor oft am Limit dahin.

Auf jeden Fall bewege ich mich, Schritt für Schritt, vorwärts in ein neues Leben.


Ein Jahr und zwei Monaten sind seit Beginn meiner Krankheit vergangen. Derzeit bin ich in wieder auf Reha, um (hoffentlich) vieles zu verbessern. Ich sage vieles, weil es gilt, so viele Baustellen  zu verbessern. Eine davon ist  Schreiben, eine zweite, ich kann noch immer nicht laufen. Gehen ja, aber nicht Laufen. Es ist mein großes, übergeordnetes Ziel.

Ich habe mir dafür keinen Zeitrahmen mehr gesetzt, da ich, seit ich aus dem Krankenhaus raus bin, zu starke Erwartungen hatte, die nicht erfüllt worden sind. Hier, in der Reha, habe ich ein Laufband und einen Ergometer zur Verfügung.

Tagebuch schreiben

Da das Laufband Seiten hat, ist es vielleicht möglich, erste Schritte zu laufen. Ich kann mich im Notfall festhalten, sollte das Gleichgewicht nicht mittun. Denn wie ich mittlerweile feststellen musste, ist es nicht die Kraft, wie ich anfangs dachte, sondern die Gleichgewichtsstörungen, die es verhindern.

Seit der Schleier der Krankheit größtenteils weg ist, sind die Defizite klarer zu Tage getreten. Deswegen verspüre ich noch keine so großen Verbesserungen seit der letzten Reha im Dezember vorigen Jahres, obwohl welche da sind. Daran werde ich die nächsten Wochen in der Rehaklinik besonders arbeiten.

SCHREIBEN LERNEN

Mandala malen
Schreiben
Erste Schreibversuche

Mai 2016, LKH - Schreiben lernen.

Ich bin frustriert. Nichts geht. Entnervt lege ich den Kugelschreiber auf die Seite. Es will noch nicht sein.

So geht es mir am Anfang mit dem Schreiben. Ich habe zwar schon seit Mitte Mai ein Tagebuch, aber ich kann nichts hinein schreiben. Auch ein Diktiergerät hilft nichts, es ist mir nicht möglich, einen sinnvollen Satz zu konstruieren, geschweige denn zu denken.

Auf der Neurologie beginne ich mit der Ergotherapie, um meine Hände wieder gebrauchen zu können. Das heißt, "Lernen durch Aktiv sein". Das klingt plausibel. Rechtsseitig bin ich gelähmt. Nur langsam bekomme ich die Hand unter Kontrolle. Ich beginne mit einfachen Übungen. Knetmasse drücken, Fingerübungen, Bausteine aufheben und wieder ablegen. Langsam werde ich besser, vom Schreiben aber noch weit entfernt. So vergeht Woche um Woche.

Ein wichtiger Punkt war die Herstellung eines Spiels aus Holz. Meine Ergotherapeutin Kerstin hat mich ermutigt es zu versuchen. Sägen, Schleifen, Bohren, Lackieren - alles ist dabei und ich bin motiviert. Ich versuche sauber zu arbeiten. Das Ergebnis ist toll. Ich habe das Gefühl, als arbeite ich mit dicken Winterfäustlingen. Daher bin ich stolz, als ich mein selbst gebautes Spiel endlich in Händen halte. Meinem Ziel, dem Schreiben, bin ich wieder näher gekommen.

Spiel bauen vorm Schreiben

Malen vor dem Schreiben

Ich beginne auch mit Malen. Genauer gesagt, Mandala Bilder ausmalen. Plump halte ich den Stift. Ich kann ja noch nicht einmal mit Löffel oder Gabel rechts essen. Trotzdem nehme ich immer wieder den Stift zur Hand und versuche zu malen. Kurven, Schwünge, Kreise. "Lernen durch aktiv sein", kommt mir immer wieder in den Sinn. Es sind meine weiteren Schritte zurück in ein selbst bestimmtes Leben.

Endlich die ersten Schreibversuche

Im Mai beginne ich einzelne Wörter  in der Therapie zu Schreiben. Ich brauche für jedes Wort elend lange. Dazwischen muss ich pausieren. Mehrere zusammenhängende Wörter, also einen Satz, bringe ich nicht zusammen. Oft vergesse ich Buchstaben im Wort. Ich muss immer wieder absetzen, weil ich nicht weiß, welcher Buchstabe als nächstes drankommt.

Es ist frustrierend, wobei ich nicht weiß, ob frustrierend das richtige Wort ist. Eher ungeduldig. Ich war es gewohnt, schnell zu schreiben. Kaum Rechtschreibfehler. Seit Wochen möchte ich im Tagebuch schreiben, aber es geht nicht. Auch hier muss ich mir Zeit geben. Viele Gedanken wollen festgehalten werden, doch noch ist es nicht so weit. Der Journalist und Dokumentarfilmer kommt immer wieder in mir durch. Aber es soll noch nicht sein.

Wenn ich schreibe bin ich hoch konzentriert, aber sehr langsam. Buchstaben zu vergessen fällt mir leicht. Beim nochmaligen durchlesen komme ich erst drauf. Aus diesem Grund schreibe ich mit radierbarer Tinte. Eine geniale Erfindung. So schauen die Seiten recht sauber aus. Am Computer geht es mit dem Korrigieren einfacher, aber ebenfalls langsamer und verschiedene Buchstaben muss ich auf der Tastatur immer wieder suchen.

Komplizierte, lange Wörter sage ich mir langsam und laut vor. Buchstabe für Buchstabe tippe ich das Wort in den Computer. Da passiert es dann allerdings, dass ich danach nicht mehr weiß, was ich genau schreiben möchte. So sehr muss ich mich auf das Wort konzentrieren, dass ich anderes vergesse.

Der Blog

Der Blog ist ein ideales Mittel, um gleich mehreres auf einmal zu üben. Ich schreibe auf zweierlei Arten. Einmal im Buch, meistens wenn ich unterwegs bin. Das übertrage ich dann zu Hause in den Computer. Die Fingerfertigkeit wird beider male geübt.

Dazu muss ich aber vorher überlegen, was ich schreibe. Gleichzeitig schreiben und darüber denken geht noch nicht. Trotzdem merke ich, es geht was weiter. Kein Vergleich mit der Zeit im Krankenhaus, wo ich nur stichwortartig schreiben konnte.

Erster Tagebucheintrag

Mein erster Tagebucheintrag ist vom 7.Juni 2016, also gut zweieinhalb Monate nach Ausbruch meiner Krankheit. Schreiben versuchte ich schon früher, im Rahmen von Therapien. Es war anstrengend und forderte mir einiges ab. Einzelne Wörter versuchte ich zu einem Satz zusammen zu fügen. So beschrieb ich meinen Alltag.

Von richtigem Tagebuch schreiben, wie ich es von früher gewohnt war, bin ich noch weit weg. Ich übe Rundungen, ziehe vorgegebene Linien nach und versuche einen Schwung zu finden. Der richtige Schwung, die Basis fürs Schreiben.

Nach zweieinhalb Monaten im Krankenhaus dann der erste Tagebucheintrag:

"Zum ersten mal weit gegangen. Sonst keine Therapien"
Tagebuch


Die folgenden Tage halte ich in ähnlicher Weise fest. Stichwortartig. Mehr bringe ich nicht zusammen. Es ist schwer zu erklären. Mein Denken lässt keine ausführliche Schreiberei zu. Und nicht nur das Denken. Es ist auch die Technik, wie beim Gehen. Alles zusammen ist schwer, Multitasking wäre gefragt. Früher funktionierte das einfach, ohne nachdenken. Jetzt steht jeder Teil für sich und will alleine gemacht werden. Über das Wie machte ich mir früher keine Gedanken. Erst jetzt erkenne ich, wie komplex alles ist. Es war selbstverständlich, ist es jetzt aber nicht mehr.

Alles was ich seit Monaten täglich tue, kann ich als Therapie sehen. Alles bringt mich jeden Tag ein Stück weiter, mehr oder weniger. Wie schrieb Monica Lierhaus in ihrem Buch "Immer noch ich":

"Mit dem Aufwachen ist es noch nicht vorbei. Es dauert Monate bis Jahre!"

Monica Lierhaus

Auch bei mir wird es länger dauern. Wie lange traut sich keiner zu sagen!


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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