Nach vielen Jahren auf Fernwanderwegen hat sich meine Ausrüstung immer weiter verändert. Dinge kamen dazu, andere verschwanden wieder. Manche Ausrüstung, von der ich einmal überzeugt war, funktionierte auf Dauer doch nicht. Und manches, das zunächst ungewöhnlich erscheint, hat sich über Tausende Kilometer bewährt.
Auf dem HexaTrek durch die Pyrenäen war ich so leicht unterwegs wie kaum zuvor. Dabei geht es mir aber nicht darum, um jeden Preis die niedrigste Zahl auf einer Packliste zu erreichen. Gewicht spielt für mich eine große Rolle, aber mindestens genauso wichtig ist, wo sich dieses Gewicht befindet und wie ich damit umgehen kann.
Durch meine neurologischen Einschränkungen funktionieren manche Dinge bei mir anders als bei anderen Wanderern. Ein paar Gramm an den Händen können für mich wichtiger sein als dasselbe Gewicht im Rucksack. Ein Hüftgurt, der für die meisten Menschen selbstverständlich ist, behindert mich beim Gehen. Und nach einem langen Tag kann selbst die Zubereitung einer Mahlzeit zu einer Aufgabe werden, die mich überfordert.
Meine Ausrüstung muss deshalb vor allem eines: zu mir und meiner Art zu gehen passen. Am Ende gibt es die gesamte LighterPack Liste.

Für die Pyrenäen hatte ich meine Ausrüstung inzwischen ziemlich weit reduziert. Trotzdem war alles dabei, was ich für mehrere Wochen mit Übernachtungen im Zelt benötigte.
Zelt, Schlafsystem, Bekleidung, Kocher, Wasserfilter, Elektronik, Hygiene und Erste Hilfe mussten in einen 35-Liter-Rucksack passen. Dazu kamen je nach Abschnitt Lebensmittel für mehrere Tage und teilweise große Mengen Wasser.
Gerade Wasser und Verpflegung machten am Ende einen viel größeren Gewichtsunterschied als die letzten eingesparten Gramm bei einem einzelnen Ausrüstungsteil.

Beim Rucksack entschied ich mich für den Hyperlite Mountain Gear Contour 35. Für mich hat dieser Rucksack auf dem HexaTrek nahezu perfekt funktioniert – vor allem, weil er sehr gut zu meiner Art passt, einen Rucksack ohne Hüftgurt zu tragen.
Dass ich auf einen Hüftgurt verzichte, hat weniger mit dem eingesparten Gewicht zu tun. Nach meinem Hirnabszess ging ich in den ersten Jahren sehr steif, beinahe wie ein Roboter. Die natürliche Bewegung des Beckens war weitgehend verloren gegangen. Erst durch therapeutisches Tanzen gelang es mir nach und nach, wieder mehr Beweglichkeit in die Hüfte und damit auch in mein Gehen zu bringen.
Ein Hüftgurt macht bei mir genau das Gegenteil: Er fixiert einen Bereich, den ich mühsam wieder in Bewegung bringen musste. Bis heute empfinde ich ihn beim Gehen als Einschränkung. Deshalb trage ich das Gewicht lieber über die Schultergurte und lasse meine Hüfte frei.
Genau dafür funktionierte der Contour 35 ausgezeichnet. Auch die Aufteilung passte für mich. Die Seitentaschen für die Wasserflaschen waren gut erreichbar, und in der großen Mesh-Tasche außen konnte ich alles unterbringen, worauf ich unterwegs schnell zugreifen wollte.
An die Grenze kam das System nur, wenn ich viel Wasser und Lebensmittel für mehrere Tage tragen musste. Dann wurde der Rucksack ohne Hüftgurt schon sehr schwer. Es blieb aber gerade noch in einem Bereich, den ich bewältigen konnte.
Über die gesamte Strecke betrachtet war der Contour 35 für mich eine der besten Entscheidungen meiner Ausrüstung.
Bei der Wahl meines Zeltes waren für mich vor allem zwei Dinge entscheidend: Dyneema als Material und ein möglichst geringes Gewicht.
Natürlich gab es auch andere ultraleichte Zelte. Bei den für mich interessanten Modellen von Zpacks gefiel mir die Lösung am Eingang allerdings weniger. Ich wollte einen richtigen Reißverschluss und damit das Gefühl, das Zelt bei Wind vollständig und unkompliziert schließen zu können.
Auf Hyperlite Mountain Gear war ich schon zwei Jahre zuvor auf dem HexaTrek aufmerksam geworden. Die beiden Neuseeländer, mit denen ich damals unterwegs war, hatten ein Mid 2 dabei. Das Zelt gefiel mir so gut, dass es mir im Gedächtnis blieb. Für die Pyrenäen entschied ich mich schließlich für die kleinere Ein-Personen-Version, das Mid 1 mit rund 470 Gramm.
Nach den Wochen in den Pyrenäen kann ich sagen: Ich war damit mehr als zufrieden.
Besonders angenehm war der unkomplizierte Aufbau. Bis auf zwei oder drei Ausnahmen lief es immer gleich: Zelt ausbreiten, Heringe hinein, Zeltstange aufstellen – und es stand. Nach einem langen Tag mit vielen Höhenmetern wollte ich kein Zelt, mit dem ich mich am Abend noch lange beschäftigen musste. Eine Ausrüstung, die passt.
Auch bei starkem Wind hat sich das Mid 1 sehr gut geschlagen. Kondenswasser hatte ich erstaunlich selten. Einmal musste ich in einer Senke direkt neben einem Bach zelten. Mir war schon beim Aufbau klar, dass ich dort am nächsten Morgen Kondenswasser haben würde, aber es gab schlicht keine bessere Möglichkeit. Ein- oder zweimal kam es unter anderen Bedingungen ebenfalls dazu.
Ansonsten blieb das Zelt während dieser Wochen erstaunlich trocken.

Meine Trekkingstöcke sind keine teuren Markenstöcke, sondern ein günstiger No-Name-Carbon-Nachbau aus China. Ein Stock wiegt nur ungefähr 120 Gramm.
Trotz dieses geringen Gewichts habe ich sie bereits über Tausende Kilometer auf unterschiedlichsten Trails verwendet.
Gerade für mich ist das Gewicht an den Händen besonders wichtig. Deshalb wollte ich nicht auf schwerere Trekkingstöcke wechseln, nur um diese gleichzeitig als Zeltstange verwenden zu können.

Für das Mid 1 nahm ich stattdessen zusätzlich eine Durston-Zeltstange im Rucksack mit. Das bedeutete zwar zusätzliches Gewicht, war für mich aber der bessere Kompromiss: möglichst wenig Gewicht an den Händen während vieler Stunden Gehen und dafür etwas mehr Gewicht im Rucksack.
Beim Schlafsack entschied ich mich für den Sea to Summit Spark 2 mit einer Komforttemperatur von ungefähr 5 Grad.
Rückblickend war er für ungefähr zwei Drittel der Strecke eigentlich überdimensioniert. Gerade zu Beginn war es teilweise so heiß, dass ich überhaupt nicht im Schlafsack lag. In dieser Zeit hätte der leichtere Spark 1 problemlos gereicht.
Erst gegen Ende änderten sich die Bedingungen. Der Herbst kam, die Nächte wurden deutlich kälter und damit begann der Spark 2 seine Berechtigung zu bekommen.
Ob auch der Spark 1 mit zusätzlicher Kleidung gereicht hätte, kann ich im Nachhinein schwer beurteilen. Wahrscheinlich schon. Damit hätte ich ungefähr 150 Gramm einsparen können.
Auf der anderen Seite hatte ich mit dem Spark 2 eine Reserve und musste mir bei sinkenden Temperaturen keine Gedanken darüber machen, ob mein Schlafsack noch ausreicht.
Das zeigt auch die Schwierigkeit der Ausrüstungsplanung für einen langen Weg: Man packt nicht für einen einzelnen Tag, sondern für viele Wochen und völlig unterschiedliche Bedingungen.
Bei der Isomatte entschied ich mich diesmal für die Nemo Tensor Elite. Zuvor hatte ich über Jahre hauptsächlich die Therm-a-Rest NeoAir UberLite verwendet, teilweise sogar in einer extrem kurzen Version von ungefähr 120 Zentimeter und 168 Gramm.
Vom Gewicht her war das natürlich ideal und grundsätzlich habe ich darauf auch gut geschlafen. Das Problem war die Haltbarkeit. Auf längeren Wegen begann die UberLite bei mir immer wieder nach zwei oder drei Wochen Luft zu verlieren. Irgendwann funktionierte sie überhaupt nicht mehr und ich musste unterwegs Ersatz organisieren.
Ich besitze auch eine ältere Therm-a-Rest NeoAir XLite. Sie wäre vom Gewicht und von der Isolation interessant, hat für mich aber einen anderen Nachteil: Sie ist laut. Jede Bewegung erzeugt so viele Geräusche, dass ich davon teilweise aufwache. Die neuere Version soll ja besser sein.
Für den HexaTrek wechselte ich deshalb zur Nemo Tensor Elite. Ich verwendete die kurze Version mit etwa 1,60 Meter Länge und rund 210 Gramm.

Da ich hauptsächlich Seitenschläfer bin, reicht mir diese Länge vollkommen. Wenn ich auf dem Rücken lag, waren lediglich die Fersen außerhalb der Matte. Das empfand ich sogar als angenehm, weil diese etwas tiefere Position meine Knie entlastete.
Vor allem aber habe ich auf der Tensor Elite wirklich gut geschlafen. Die Oberfläche empfinde ich als angenehm und während des gesamten Weges funktionierte sie zuverlässig. Ausrüstung die einfach funktionierte.
Wenn ich etwas verändern würde, dann nicht die Länge, sondern die Breite. Ein paar Zentimeter mehr Platz wären angenehm gewesen.

An einem typischen Tag in den Pyrenäen trug ich erstaunlich wenig. Meist waren es meine Odlo-Trailrunninghose, ein kurzärmeliges Dynafit-Shirt mit gerade einmal 66 Gramm, meine Kappe und wadenlange Injinji-Socken.
Das Dynafit-Shirt war eines dieser Ausrüstungsteile, die einfach funktionierten. Es war extrem leicht und begleitete mich praktisch durchgehend. Das gleiche hatte ich auch als Ersatz-Shirt dabei. Denn Bekleidung, die ich nicht anhabe, muss ich ja im Rucksack tragen.
Ähnlich war es mit den Injinji-Socken. Ich trug sie fast jeden Tag und war damit sehr zufrieden. Das Waschen war allerdings ein eigenes Thema. Meist konnte ich die Socken nur in einem Bach oder See auswaschen. Aufgrund meiner Einschränkungen mit den Fingern kann ich sie mit der Hand nicht richtig durchwalken. Entsprechend viel Schmutz blieb trotz Waschen im Material. In einer Waschmaschine landeten sie während dieser Wochen, soweit ich mich erinnere, überhaupt nur zweimal.
Als Reserve hatte ich zunächst ein weiteres Paar Socken dabei, das ich praktisch nie verwendete. Ausgerechnet beim gemeinsamen Waschen mit einem anderen Wanderer vergaß ich dieses Paar. Später kaufte ich unterwegs ein leichtes, doppellagiges Paar als Ersatz.

Eines meiner meistverwendeten zusätzlichen Kleidungsstücke war die Windjacke. Sie befand sich fast immer in Griffweite und war häufig auch während des Gehens angezogen.
Gerade auf den Pässen konnten sich die Bedingungen schnell ändern. Selbst wenn es weiter unten warm war, wehte in großer Höhe häufig ein kräftiger und deutlich kühlerer Wind. Statt eine wärmere Schicht oder die Regenjacke herauszuholen, genügte oft die leichte Windjacke.
Vor allem ab ungefähr der Hälfte der Pyrenäen wurden auch Ärmlinge und Beinlinge zu ständigen Begleitern.
Meine weißen Ärmlinge waren sehr dünn und leicht und boten gleichzeitig UV-Schutz. Ich trug sie deshalb nicht nur bei kühleren Temperaturen, sondern zunehmend auch bei Hitze. Sie fühlten sich angenehm an und schützten meine Arme vor der intensiven Sonne.
Noch vielseitiger waren die Beinlinge. Am Morgen konnte ich sie vollständig hochziehen. Wurde es wärmer, schob ich sie nach unten. Manchmal trug ich sie nur über den Waden.
Das war auch auf Abschnitten praktisch, auf denen rechts und links stachelige Ginsterbüsche in den Trail ragten. Dann schützten die Beinlinge meine Unterschenkel.
So konnte ich sehr einfach regulieren, ohne ständig stehen zu bleiben und Kleidung aus dem Rucksack holen zu müssen.

Als Regenjacke hatte ich eine La-Sportiva-Jacke mit 20.000 mm Wassersäule dabei. Wirklich wegen Regen brauchte ich sie erstaunlicherweise fast nie. Über Wochen hatte ich unglaubliches Wetterglück. Erst am letzten Tag regnete es richtig.
Trotzdem trug ich die Jacke immer wieder am Abend, wenn es kühler wurde. Besonders gut funktionierte für mich die Kombination mit meinem extrem leichten 10-Gramm Wärmelayer. Für sein beinahe nicht vorhandenes Gewicht (116g) funktionierte dieser erstaunlich gut.
Rückblickend hätten mir dieser Wärmelayer, die Regenjacke und meine Windjacke wahrscheinlich für einen großen Teil des Weges gereicht.
Zur Sicherheit hatte ich zusätzlich eine synthetisch gefüllte Isolationsjacke mit ungefähr 230 Gramm dabei. Auch sie funktionierte gut, wirklich gebraucht habe ich sie aber kaum.
Im Nachhinein hätte ich hier wahrscheinlich etwas Gewicht sparen können. Gleichzeitig wusste ich vor dem Start natürlich nicht, dass ich über Wochen fast ausschließlich gutes Wetter haben würde.
Bei den Schuhen begann ich mit einem Hoka Speedgoat 6 in der Wide-Version.
Hoka funktioniert für meine Füße seit Jahren ausgesprochen gut. Ich schlüpfe hinein und der Schuh sitzt beinahe wie ein Hausschuh. Wichtig ist für mich allerdings die Wide-Version. Die normale Ausführung ist mir zu schmal.
Nach ungefähr 600 Kilometern war mein erstes Paar so weit verschlissen, dass ich wechseln musste. Ich versuchte natürlich, wieder denselben Hoka in Wide zu bekommen. Unterwegs war aber keiner aufzutreiben.
Nach vielen anprobierten Schuhen entschied ich mich schließlich für einen Adidas, der von allen Alternativen von der Breite her meinem Hoka am nächsten kam.
Grundsätzlich war es kein schlechter Schuh. Im Gegenteil: Der Grip war ausgezeichnet. Trotzdem bekam ich immer wieder Druckstellen. Ich änderte die Schnürung, probierte andere Socken und versuchte verschiedene Möglichkeiten – ganz verschwanden die Probleme nie. War rechts Ruhe, meldete sich links etwas.
Mit dem Hoka wusste mein Körper genau, was passiert, wenn ich auf einen Stein steige, über Geröll gehe oder irgendwo hinunterspringe. Ich kannte die Breite der Sohle, kannte den Grip und wusste, wie der Schuh reagiert.
Mit dem Adidas war dieses vertraute Gefühl plötzlich weg.
Durch meine Störung der Propriozeption ist ein Schuhwechsel für mich ohnehin schwieriger. Normalerweise brauche ich zwei bis drei Wochen, bis ich mich an einen neuen Schuh wirklich gewöhnt habe und ihm vertraue. Auf dem HexaTrek hatte ich diese Zeit nicht. Der neue Schuh musste am nächsten Morgen funktionieren – auf teilweise ausgesprochen schwierigen Wegen.
Die ersten zwei oder drei Tage waren deshalb unangenehm. Erst allmählich entwickelte sich wieder das Vertrauen, das ich für meine Schritte brauche.
Nach ungefähr 400 Kilometern war auch dieser Schuh für mich am Ende. Interessanterweise war nicht in erster Linie die Außensohle das Problem. Sie war zwar sichtbar abgelaufen, hatte aber weiterhin erstaunlich guten Grip.
Nachgelassen hatten vielmehr Dämpfung und Gesamtstabilität. Das Gehen wurde zunehmend unangenehm. Dieser Teil der Ausrüstung bedarf längerer Überlegung, denn es gibt mehrere Möglichkeiten der Beschaffung.


Bei meiner Kochausrüstung würde ich wenig verändern. Der kleine BRS-3000T-Gaskocher funktionierte zuverlässig und auch mein 500-Milliliter-Topf war für meine Bedürfnisse vollkommen ausreichend.
Anders sieht es bei der Verpflegung aus. Für diese Ausrüstung zählt Erfahrung und immer wieder ausprobieren.
Vor dem HexaTrek hatte ich mir vorgestellt, unterwegs abwechslungsreicher zu kochen. Nudeln mit Tomatenmark funktionierten beispielsweise sehr gut. In meiner Vorstellung wollte ich solche einfachen Gerichte mit Olivenöl, Gewürzen und anderen Zutaten aufwerten.
In der Realität merkte ich aber wieder, dass mich solche scheinbar einfachen Dinge unterwegs schnell überfordern können. Nach einem langen Tag noch verschiedene Zutaten zu organisieren und daraus etwas zuzubereiten klingt banal. Für mich ist es das nicht immer.
Das muss ich akzeptieren und meine Verpflegung entsprechend planen.

Auf zukünftigen langen Wegen werde ich deshalb wahrscheinlich von Beginn an stärker auf fertige Trekkingnahrung setzen. Nicht, weil sie kulinarisch besser wäre, sondern weil sie mir Entscheidungen und Arbeitsschritte abnimmt: Wasser erhitzen, einfüllen, warten, essen.
Dazu kommen einfache Dinge, die ohne Zubereitung funktionieren: Müsliriegel, Käse, teilweise Wurst und andere Lebensmittel, die ich direkt essen kann.
Meine Verpflegung muss nicht raffiniert sein. Sie muss auch dann noch funktionieren, wenn ich müde und überfordert bin.

Wasser war in den Pyrenäen praktisch jeden Tag ein Thema. Gleich zu Beginn machte mir die große Hitze zu schaffen. Dazu kam, dass mehrere eingezeichnete Wasserstellen schlicht kein Wasser führten. Bereits am ersten Tag musste ich deshalb vom Weg absteigen, um an Wasser zu kommen.
Nach dieser Erfahrung war ich zunächst vorsichtig und nahm lieber zu viel als zu wenig mit.
Meine maximale Kapazität war entsprechend groß: ein 1,5-Liter-Wasserbeutel, eine 1,5-Liter-Plastikflasche, vorne eine weitere 0,5-Liter-Flasche, die etwa 600-Milliliter-Flasche meines Wasserfilters und zusätzlich eine kleine 500-Milliliter-Softflask für den Notfall.
Wenn wirklich alles gefüllt war, hatte ich ausreichend Reserve – allerdings auch mehrere Kilogramm zusätzlich auf dem Rücken. Das alles zählt zusätzlich zum Basis-Gewicht.

Natürlich konnte ich unterwegs Wasser filtern. Trotzdem war mir das manchmal schlicht zu mühsam. Oft wusste ich außerdem nicht, welche Wasserqualität mich an einer eingezeichneten Stelle erwarten würde. Wenn ich beim Start oder an einer Hütte verlässlich gutes Wasser bekam, nahm ich deshalb manchmal lieber etwas mehr davon mit.
Nach ungefähr zwei Wochen hatte ich wesentlich mehr Erfahrung mit den Bedingungen. Statt möglichst viel mitzunehmen, begann ich genauer zu berechnen, wie viel ich tatsächlich bis zur nächsten verlässlichen Wasserstelle oder Hütte brauchte. Manchmal waren das nur ungefähr eineinhalb Liter.
Komplizierter wurde die Rechnung, wenn ich draußen übernachtete. Dann musste das Wasser zusätzlich fürs Kochen, für die Nacht, für den nächsten Morgen und schließlich noch bis zur ersten Wasserstelle des folgenden Tages reichen.
Es war jedes Mal eine kleine Rechenaufgabe. Mit der Zeit bekam ich dafür aber ein ziemlich gutes Gefühl. Abgesehen vom ersten Tag kann ich mich nicht erinnern, später noch einmal wirklich zu wenig Wasser gehabt zu haben.
Mit meiner Elektronik kam ich gut zurecht. Allerdings musste ich mit dem verfügbaren Strom sehr sparsam umgehen.
Den größten Teil benötigte ich für Navigation und Fotografieren. Einfach im Internet herumzusurfen gab es praktisch nicht – was wahrscheinlich gar kein Nachteil war.
Auch Beiträge für Instagram oder Facebook stellte ich nur selten online. Nicht weil es nichts zu erzählen gegeben hätte, sondern weil auch das zusätzliche Akkuleistung verbraucht hätte. Navigation und Fotografieren hatten Vorrang.
Mit dabei war außerdem eine kleine elektrische Pumpe für meine Isomatte. Die würde ich jederzeit wieder mitnehmen. Der Akku reicht für erstaunlich viele Füllungen und für mich war sie wesentlich angenehmer als ein Pumpsack.
Als Stirnlampe hatte ich meine Nitecore dabei. Sie funktionierte ausgezeichnet, war für diesen Weg aber eigentlich etwas überdimensioniert. Ich hatte diesmal nicht vor, nachts zu gehen. Anders als beispielsweise auf manchen Jakobswegen hätte wahrscheinlich auch eine kleinere und leichtere Lampe ausgereicht.

Bei der Hygiene hatte ich eigentlich alles dabei, was ich brauchte – mit einer Ausnahme. Gleich in den ersten Tagen bemerkte ich, dass ich meine Dr. Bronner’s Seife vergessen hatte.
In einem Hotel nahm ich deshalb ein kleines Stück Hotelseife mit. Aus diesem Provisorium wurde schließlich meine Seife für den restlichen Weg. Wenn ich irgendwo duschen konnte, brach ich einfach ein kleines Stück davon ab. Erstaunlicherweise reichte diese eine kleine Seife bis zum Ende.
Da ich häufig draußen biwakierte, bestand Körperpflege ohnehin oft nur aus dem, was gerade möglich war. Wenn sich die Gelegenheit ergab, wusch ich mich in einem Bach oder See. Meist war das eher eine Katzenwäsche: Füße und Beine vom Schmutz des Tages befreien, Hände und Gesicht waschen.
Mir war vor allem wichtig, nicht völlig verdreckt in meinen Schlafsack zu kriechen.
Mein kleines Tuch hatte gleich mehrere Aufgaben. Ich verwendete es zum Waschen und Abtrocknen, aber auch, um bei Bedarf das Zelt abzuwischen. Viel Wasser wollte ich für die Körperpflege ohnehin nicht verbrauchen – schließlich musste ich es tragen.
Mein Erste-Hilfe-Set brauchte ich immer wieder, zum Glück aber nie für etwas Ernstes. Eine gewisse Grundbasis gehört zur Ausrüstung.
Besonders meine Unterschenkel bekamen auf den felsigen Wegen einiges ab. Ich stieß immer wieder gegen Steine und zog mir kleinere Schürfwunden zu, die manchmal auch bluteten.
Sehr bewährt hat sich meine selbstgemachte Beinwellsalbe. Ich verwendete sie häufig abends an den Füßen und ließ sie über Nacht einwirken. Zusätzlich hatte ich eine ebenfalls selbstgemachte Pechsalbe dabei, die einige Male zum Einsatz kam.
Ansonsten genügten ein paar Pflaster und das Notwendigste zur Wundversorgung.

Nach den Wochen in den Pyrenäen fällt meine Bilanz überraschend eindeutig aus: Eigentlich würde ich nur sehr wenig verändern.
Diese Ausrüstung war wahrscheinlich die bisher beste Zusammenstellung, mit der ich auf einem meiner langen Wege unterwegs war.
Beim Schlafsack gibt es für mich kein klares Richtig oder Falsch. Im Hochsommer würde der Spark 1 wahrscheinlich vollkommen reichen und etwas Gewicht sparen. Sobald eine Wanderung bis in den Herbst reicht, gibt mir der Spark 2 dagegen mehr Reserve. Welchen ich wähle, würde ich deshalb von Jahreszeit, Route und meinem Gefühl vor dem Start abhängig machen.
Als Isolationsjacke würde ich wahrscheinlich eher meine leichte Daunenjacke mit etwa 150 Gramm einpacken, als die synthetische Jacke mit rund 230 Gramm. Bei den Bedingungen auf diesem Weg hätte sie gereicht. Bei längerem Regen und wirklich schlechtem Wetter könnte die Entscheidung allerdings wieder anders aussehen.
Eine kleinere Stirnlampe wäre ebenfalls möglich. Andererseits kenne ich meine Nitecore, bin an sie gewöhnt und wirklich schwer ist sie auch nicht. Manchmal ist mir Vertrautheit wichtiger als die letzten eingesparten Gramm.
Deutlicher ist meine Erkenntnis bei der Verpflegung. Hier werde ich auf zukünftigen Fernwanderungen wahrscheinlich von Anfang an stärker auf Trekkingnahrung und möglichst einfache Lebensmittel setzen. Trekkingnahrung ist teuer, nimmt mir aber Arbeit und Entscheidungen ab.
Bei der Nemo Tensor Elite wäre eine breitere Version angenehm. Meine jetzige Matte hat allerdings so gut funktioniert, dass ich sie deswegen nicht gleich ersetzen werde.
Und damit sind die Änderungen eigentlich schon aufgezählt.

Rucksack, Zelt, Trekkingstöcke, Koch- und Wassersystem und der größte Teil meiner Bekleidung haben sich bewährt. Für zukünftige Fernwanderungen würde ich meine Ausrüstung weitgehend genauso wieder einpacken und lediglich an Jahreszeit, Temperaturen und Strecke anpassen.
Nach all den Jahren und Kilometern ist das vielleicht meine wichtigste Erkenntnis: Ich suche nicht mehr nach der leichtesten oder besten Ausrüstung auf dem Papier.
Ich weiß inzwischen ziemlich genau, was für mich funktioniert.
Und genau das ist wahrscheinlich meine beste Packliste.
→ LighterPack Ausrüstung HexaTrek 2026 Pyrenäen Liste hier downloaden
...und hier geht´s zu meiner
→ LighterPack Ausrüstung HexaTrek 2024 Vogesen, Alpen, Cevennen
Mit Saint-Lary-Soulan lag Stage 5 hinter mir. Rund 600 Kilometer durch die Ostpyrenäen, unzählige Höhenmeter und einige der schwierigsten Tage meines bisherigen HexaTrek waren geschafft. Doch am Ziel war ich noch lange nicht. Vor mir lag Stage 6, der letzte Abschnitt durch die Westpyrenäen bis nach Hendaye am Atlantik.
Die Berge wurden langsam niedriger. Einfacher wurde der Weg deshalb noch lange nicht.

In den ersten Tagen von Stage 6 war ich noch einmal richtig hoch unterwegs. Mehrfach führte der Weg über 2.000 Meter, einmal sogar bis auf rund 2.600 Meter. Erst nach und nach veränderte sich das Höhenprofil. Die ganz hohen Übergänge wurden seltener. Nur noch einige Male führte der Weg auf über 2.400 Meter, später blieb ich zunehmend unter 2.000 Metern.
Gleichzeitig veränderte sich die Landschaft. Immer öfter öffneten sich längere Wiesen- und Almflächen, auf denen es manchmal ein oder zwei Kilometer vergleichsweise angenehm dahinging. Doch diese Leichtigkeit täuschte. Am Ende solcher Abschnitte folgten oft extrem steile Abstiege, und auch die nächsten Anstiege hatten es weiterhin in sich. So wechselten sich angenehmere Hochflächen mit sehr fordernden Auf- und Abstiegen ab.
Gerade diese Übergänge machten den Weg für mich so schwer. Oben konnte ich für eine Weile über offene Almflächen gehen, dann fiel der Weg abrupt ins Tal hinunter – und auf der anderen Seite wartete oft schon der nächste steile Anstieg, bis ich wieder oben auf einer Wiesenfläche herauskam.
Die Berge wurden niedriger, an der eigentlichen Anstrengung änderte sich zunächst aber kaum etwas. Noch immer waren 1.000 bis 1.500 Höhenmeter am Stück zu bewältigen, manchmal sogar zweimal am selben Tag. Wollte ich mit den Kilometern vorankommen, blieb mir oft gar nichts anderes übrig. Sonst wären nach einem langen Tag vielleicht gerade einmal 15 Kilometer zusammengekommen.
Im Gesamten wurde Stage 6 vermutlich etwas leichter als Stage 5. Angefühlt hat es sich für mich aber lange kaum so. Die Berge wurden niedriger – die Auf- und Abstiege blieben schwer.
Gerade auf Stage 6 gelang es mir dafür immer besser, in meinen eigenen Rhythmus zu finden. Begonnen hatte das eigentlich schon auf Stage 5: 100 Höhenmeter gehen, kurz sammeln, wieder 100 Höhenmeter. Nicht den ganzen Anstieg vor mir sehen, sondern nur den nächsten kleinen Abschnitt. Mit der Zeit wurde daraus fast ein eigener Modus, und irgendwann merkte ich etwas, das mich selbst überraschte: Ich konnte sogar die Anstrengung genießen.
Früher, etwa in den Alpen, war ich bergauf oft deutlich schneller unterwegs. Auch ein höherer Puls war für längere Zeit kein Problem. Hier funktionierte das nicht. Die steilen Anstiege verlangten von mir eine andere Form der Bewegung.
Seit meinem Hirnabszess muss ich jeden einzelnen Schritt bewusst setzen. Gerade auf solchen Wegen bedeutete das, jeden Tritt genau vorzubereiten und den Fuß immer wieder punktuell dort hinzusetzen, wo er hingehörte. Das kostete viel Kraft und Konzentration. Ich konnte es mir nicht leisten, zusätzlich ständig mit sehr hohem Puls unterwegs zu sein. Ich musste anders mit meinen Kräften umgehen: nicht möglichst schnell hinauf, sondern so, dass ich auch nach Stunden noch weitergehen konnte.
Anstrengung durfte sein, aber ich wollte die Grenze zur Überanstrengung nicht überschreiten.
Auch die Landschaft veränderte sich weiter. Die ganz hohen Berge lagen langsam hinter mir, und obwohl ich noch mitten in den Pyrenäen war, hatte ich zunehmend das Gefühl, mich dem Meer zu nähern. Gleichzeitig wurde es teilweise noch ruhiger. Der HexaTrek folgt nicht ständig dem GR10, sondern verlässt ihn immer wieder. Gerade auf diesen Abschnitten begegnete ich oft kaum jemandem.
Dann waren da nur der Weg, die Landschaft und ich. Und genau dort funktionierte ich oft am besten.

Am Tourmalet entschied ich mich, nicht dem Wanderweg zu folgen, sondern auf der Straße hinunter Richtung Barèges zu gehen. Normalerweise würde ich eine Straße eher meiden, doch hier hatte sie etwas Besonderes. Überall waren noch die Spuren der Tour de France zu sehen. Namen und Botschaften waren auf den Asphalt gemalt, auf Steinmauern tauchten gemalte Trikots und Radfahrer auf.
Für mich, mit meiner eigenen Vergangenheit im Radsport, war es spannend, diesen Ort einmal nicht auf dem Rad oder vor dem Fernseher, sondern zu Fuß zu erleben.






Auch in Luz-Saint-Sauveur begegnete mir die Geschichte des Radsports wieder. Im Gehsteig waren Handabdrücke und Namen großer Fahrer eingelassen – unter anderem Bernard Hinault und Miguel Indurain. Ich blieb immer wieder stehen und schaute sie mir an. Außerdem konnte ich dort meine Vorräte auffüllen. Vor allem Obst war mir wichtig, denn danach ging es wieder für mehrere Tage hinaus in die Berge.
Die folgenden Tage wurden noch einmal richtig anstrengend. Die Aufstiege waren lang und schwer. Trotzdem hatte sich mittlerweile ein Rhythmus eingestellt, der für mich funktionierte. Ich wusste besser, wann ich langsamer werden musste, wann eine kurze Pause notwendig war und wie weit ich gehen konnte.
Einmal kam ich zu einer Hütte, bekam dort aber keinen Schlafplatz mehr und verbrachte die Nacht draußen davor. Es störte mich kaum. Im Gegenteil: Der Sternenhimmel war unglaublich. Die Milchstraße zog sich deutlich über den Himmel, rundherum war es still und ich war weit entfernt von größeren Orten und vielen Menschen. Solche Nächte gehörten zu den Momenten, in denen ich mich besonders wohlfühlte.
Das Wetter blieb weiterhin gut. Überhaupt hatte ich während meiner Wochen in den Pyrenäen unglaubliches Glück. Bis auf einen Nebeltag hatte es nie richtig geregnet. Dafür war auch hier die Versorgung immer wieder Thema.
Eines Tages kam ich im Tal an der Hôtellerie du Pont d’Espagne vorbei, doch es war geschlossen. Also setzte ich mich hin, packte meinen Gaskocher aus und bereitete mir selbst etwas zu essen. Vielleicht einen Kilometer später lag plötzlich das Refuge du Clot direkt am Weg. In meiner Planung war es mir nicht aufgefallen, war nirgends eingezeichnet – und ausgerechnet dort hatte geöffnet.
Eigentlich gab es dort kaum etwas zu essen, nur ein paar Kleinigkeiten. Da ich gerade erst selbst gekocht hatte, dachte ich zunächst, ich würde einfach weitergehen. Wenn schon, hätte ich gerne noch einmal etwas Richtiges gegessen. Die Besitzerin bekam irgendwie mit, dass ich den HexaTrek ging, und machte für mich eine Ausnahme. Sie meinte, für HexaTrek-Wanderer mache sie das gerne, schließlich hätten wir unterwegs oft kaum Möglichkeiten, etwas zu essen zu bekommen.
So bekam ich doch noch einen Teller mit einer Bratwurst, Teigwaren, Gemüse und Salat. Nichts Besonderes im klassischen Sinn, aber in diesem Moment war es genau das Richtige. Solche kleinen Gesten blieben mir oft stärker in Erinnerung als vieles andere auf dem Weg.

Ein großes Ziel auf Stage 6 war für mich der Somport-Pass. Schon auf dem Weg dorthin merkte ich, wie viel dieser Ort in mir auslöste. Ein Stück ging ich direkt auf dem Pilgerweg – allerdings entgegen seiner eigentlichen Richtung. Plötzlich war all das wieder da, was mich in den vergangenen Jahren so sehr begleitet hat.
Das Pilgern hatte nach meiner Krankheit einen ganz besonderen Platz in meinem Leben bekommen. Auf diesen Wegen hatte ich nicht nur das Gehen wiederentdeckt, sondern auch vieles über mich selbst gelernt: über Geduld, über Grenzen, über das Weitergehen und darüber, dass man nicht immer den ganzen Weg vor sich sehen muss. In vielem fühlte sich auch der HexaTrek wie ein Abbild meiner Rehabilitation der vergangenen zehn Jahre an. Lange Anstiege, schwierige Abschnitte, Rückschritte, kurze Momente der Leichtigkeit – und immer wieder nur der nächste Schritt.
Vielleicht war der Somport-Pass deshalb so emotional für mich. Ich hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, hier einmal einen neuen Camino zu beginnen: den Camino Aragonés, der später in den Camino Francés mündet. Diesmal führte mich mein Weg nur ein Stück daran entlang. So ging ich mit einer gewissen Wehmut am Somport-Pass vorbei und tauchte kurz darauf wieder ein in das, was ich für mich inzwischen beinahe als Wildnis empfand: weniger Menschen, weniger Infrastruktur, wieder mehr Stille, Landschaft und Weg. Der Camino blieb zurück, der HexaTrek ging weiter.
Auf dem Weg zum Somport-Pass war ich an einer Bar vorbeigekommen. Ich hatte dort gegessen und nur wenig eingekauft. Im Nachhinein war das ein Fehler, denn das Restaurant direkt auf der Passhöhe, von dem ich fest angenommen hatte, dass es geöffnet sein würde, war geschlossen.
Also musste ich wieder einmal meine Vorräte durchgehen. Reichte das, was ich noch hatte, für die nächsten zwei oder drei Tage? Oder musste ich vom Pass hinunter ins Tal zum nächsten Dorf absteigen, wo es einen kleinen Laden gegeben hätte? Ganz ideal war meine Versorgung nicht mehr. Obst hatte ich keines mehr, ein Stück Brot war drei Tage alt. Aber ich hatte noch ein wenig Käse, zwei Portionen Trekkingnahrung und einige Proteinriegel dabei. Ich beschloss weiterzugehen, obwohl die nächste Einkaufsmöglichkeit drei Tagesetappen entfernt war.
Solche Entscheidungen waren inzwischen ganz normal geworden: Was habe ich noch? Wie lange reicht es? Wo bekomme ich Wasser? Wann kommt die nächste Möglichkeit einzukaufen? Mein Leben war auf wenige Dinge reduziert. Und vielleicht funktionierte ich gerade deshalb so gut.
Was mich weiterhin jeden Tag faszinierte, waren die Morgenstunden, die Sonnenaufgänge, das erste Licht über den Bergen und die Veränderung der Farben. Fast jeden Morgen begann ich bei guten Bedingungen, oft mit einem Licht, das die Landschaft noch einmal völlig anders aussehen ließ.
Eine Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Auf einem hohen Pass stieg ich auf der anderen Seite wieder ab. Hinter großen Felsblöcken saßen zwei ältere Damen. Wir grüßten uns zunächst nur kurz mit einem „Bonjour“, doch wenig später kamen wir ins Gespräch.
Eine der beiden sprach recht gut Englisch. Es waren zwei Schwestern, beide ungefähr 70 Jahre alt. Ich war beeindruckt, dass sie dort oben unterwegs waren, denn die Wege waren wahrlich nicht einfach.
Wir erzählten einander ein wenig von unseren Wegen. Irgendwann kam auch meine Geschichte zur Sprache und natürlich der HexaTrek. Die beiden waren völlig fasziniert. Eine gab mir Ingwer-Zuckerl, was nach den vielen ähnlichen Geschmäckern unterwegs allein schon etwas Besonderes war. Die andere schenkte mir sogar ihren Käse. Meiner war längst aufgebraucht und Einkaufen war kaum möglich.
Über diesen Käse freute ich mich wahrscheinlich mehr, als sie ahnen konnte.
Irgendwann verabschiedeten wir uns. Drei Tage später kam ich zu einer Hütte – und plötzlich saßen die beiden wieder vor mir. Sie freuten sich mindestens genauso sehr wie ich über das Wiedersehen. Diesmal hatten wir mehr Zeit und unterhielten uns lange.

Es war eine der wenigen Begegnungen während dieser Wochen, die nicht nur aus einem kurzen Gruß oder ein paar Worten bestand. Am Abend schlief ich wieder draußen im Zelt. Danach sah ich die beiden nicht mehr.
Einige Zeit später stieg ich in ein Dorf ab und fand dort ein Hostel. Zum Glück entschied ich mich zu bleiben. Es war ausgezeichnet, und am Abend wurde gekocht. Nach so vielen Tagen, an denen ich mich fast ausschließlich selbst versorgt hatte, war dieses Essen ein kleines Fest.
Einfach einmal am Tisch sitzen, nicht rechnen, was noch im Rucksack war, und mich richtig satt essen.
Am nächsten Morgen ging es wieder hinauf. Etwa 1.400 Höhenmeter lagen vor mir. Zwischen den Bergen hing zunächst Nebel, wodurch die Landschaft eine ganz eigene Stimmung bekam. Später löste er sich auf, die Sonne kam heraus und ich folgte einem langen Tal Richtung Pass.
Zwischen den Steinen nach oben kletternd, verlor ich immer wieder den Weg. Oben lag schließlich eine breite, steinige Hochfläche vor mir. Auf den ersten Blick wirkte sie gar nicht besonders schwierig, doch das täuschte. Überall lagen Felsblöcke und scharfkantiges Gestein, dazu ging es ständig ein paar Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. Für die Durchquerung brauchte ich fast eine Stunde.
Gerade solche Passagen waren für mich extrem anstrengend. Mit meiner gestörten Propriozeption musste ich jeden Schritt bewusst setzen. Ein unachtsamer Kontakt mit einem Stein genügte und ich hatte sofort eine Schürfwunde. Wenn ich mit dem Knie an einer scharfen Kante vorbeischrammte, begann es schnell zu bluten. Meine Beine waren inzwischen übersät mit verkrusteten Wunden.
Die Landschaft am Hexatrek war wunderschön, aber Schönheit und Schwierigkeit lagen dort oft nur einen Schritt voneinander entfernt.
Nachdem ich die Hochfläche hinter mir gelassen hatte, öffnete sich die Landschaft. Für eine Weile ging ich über große Wiesen und offene Flächen. Von weitem sah das beinahe einfach aus, aber auch hier hatten die Wege ihre Tücken. Die schmalen Kuhpfade machten mir zu schaffen. Auf solchen Wegen fehlt mir die Sicherheit, und ich muss jeden Fuß sehr bewusst setzen.
Trotzdem genoss ich diese Landschaft.
Auf meiner App war ein Restaurant eingezeichnet. Nicht mehr weit. Ich dachte mir: Wenn es jetzt noch eine Weile so weitergeht, muss eigentlich irgendwann nur noch der Abstieg kommen.
Und der kam – richtig.
Der Weg fiel steil durch einen Wald hinunter und führte anschließend durch eine Art Canyon. Überall Farne, dichtes Grün und Pflanzen. Plötzlich sah alles völlig anders aus. Ich fühlte mich beinahe wie auf einem anderen Planeten. Wunderschön – aber wieder enorm schwer zu gehen.
Mit dem schweren Rucksack konnte ich dort nicht leichtfüßig hinunterlaufen. Jeder Schritt musste sitzen.


Unten angekommen wartete das nächste kleine Déjà-vu: Das Restaurant war geschlossen. Daneben befand sich zwar ein Biwakplatz, doch ich entschied mich, noch weiterzugehen.
Nun wurde Wasser zum nächsten Thema. Mehrere Wasserstellen waren trocken. Schließlich kam ich an einem Haus vorbei und klopfte an. Zum Glück öffnete jemand und ich bekam zwei Liter Wasser.
Danach begann bereits der nächste Anstieg. Ein großer Teil führte über groben Asphalt, doch immer wieder schnitt der Wanderweg die Straßenkehren ab. Diese Abkürzungen waren teilweise extrem steil. Zwischen Steinen, Wurzeln und Bäumen arbeitete ich mich nach oben, bis ich schließlich ein kleines Shelter erreichte.
Ich war ganz allein.
Nach diesem langen Tag musste ich nichts mehr suchen, nichts mehr entscheiden. Nur noch dort sein.
Am nächsten Morgen wartete wieder ein grandioser Himmel auf mich. Als ich losging, standen die Schafe auf den eingezäunten Flächen bereits in der aufgehenden Sonne.
Irgendwann bemerkte ich allerdings, dass ich nicht mehr auf dem HexaTrek unterwegs war. Ich war einer Forststraße gefolgt und hatte die Abzweigung übersehen. Auf der App sah ich, dass die Straße später wieder auf den HexaTrek treffen würde, also ging ich weiter.
Was ich nicht ahnte: Die Forststraße führte zunächst bergab und danach wieder erstaunlich lange bergauf. Dabei hatte ich eigentlich geglaubt, fast nur noch ins Tal absteigen zu müssen.
Wieder einmal zeigte mir der Weg, wie wenig solche Erwartungen bedeuteten.
Bald kam ich in ein Gebiet mit einem tief eingeschnittenen Canyon. Von oben konnte ich mir zunächst kaum vorstellen, wo dort überhaupt ein Weg hinunterführen sollte. Gerade am Anfang waren die Pfade extrem schmal.
Später wurden sie besser und führten lange bergab. Schließlich erreichte ich eine Fußgängerbrücke hoch über dem Canyon. Beim Hinunterschauen konnte ich den Fluss beinahe nicht erkennen. Das Wasser lag tief unten und war zusätzlich von Blättern und Vegetation verdeckt.
Überall lagen Kastanien am Boden. Es tat mir fast leid, dass ich keine Möglichkeit hatte, welche mitzunehmen, zu kochen und zu essen.





Inzwischen war der Herbst angekommen. Die Farben hatten sich verändert. Immer mehr Gelb- und Brauntöne mischten sich ins Grün, und auch die Nächte wurden empfindlich kälter. Der Sommer war vorbei.
An diesem Tag ging ich zwischen 35 und 40 Kilometer. Noch immer gab es schwierige Auf- und Abstiege, doch dazwischen lagen längere Hochflächen, Wiesen und offene Wege. Überall Schafe, zwischendurch Kühe.
Einmal kam ich an alten Steingebilden vorbei, die laut Beschreibung aus längst vergangenen Zeiten stammten und möglicherweise als Ritual- oder Opferstätten gedient hatten. Ich wusste nicht immer genau, was ich dort eigentlich vor mir hatte, aber diese Spuren früherer Menschen mitten in dieser abgelegenen Landschaft faszinierten mich.
Auf der App sah der weitere Weg wieder einmal ziemlich einfach aus. In Wirklichkeit war er es nicht. Die Wege bremsten mich immer wieder aus, sodass ich meinen anvisierten Biwakplatz erst kurz vor Sonnenuntergang erreichte.
Ideal lag er nicht. Ganz in der Nähe floss ein Bach und der Platz selbst befand sich etwas in einer Senke. Am nächsten Morgen merkte ich die Folgen. Im Zelt hatte sich enorm viel Kondenswasser gebildet und alles war feucht. Also wischte ich es ab und packte es nass zusammen.
Ich wusste inzwischen, wie ich damit umgehen musste. Irgendwann im Laufe des Tages würde ich eine Pause machen und es in der Sonne trocknen.
Denn dieser Tag hatte ein besonderes Ziel: Saint-Jean-Pied-de-Port.
Wieder begann der Morgen mit einem wunderschönen Sonnenaufgang. Von meinem Schlafplatz ging es gleich in den nächsten Anstieg, den ich zunächst noch im Schatten gehen musste. Dadurch war es kühl und feucht, während die umliegenden Gipfel und einzelne Berghänge bereits im Sonnenlicht lagen. Dieser Kontrast begleitete mich noch eine ganze Weile und gab dem Morgen eine ganz eigene Stimmung.
Später führte mein Weg erstaunlich oft über kleine Asphaltstraßen. Langsam näherte ich mich Saint-Jean-Pied-de-Port. Dieser Ort war für mich weit mehr als nur eine weitere Ortschaft auf dem HexaTrek. Hier verband sich mein jetziger Weg wieder mit meiner Geschichte als Pilger.
Ich ging durch das Tor und machte mein Foto. Ein Kreis schloss sich. Nach allem, was seit meinem Hirnabszess passiert war, nach den Caminos, den vielen tausend Kilometern und nun den Pyrenäen stand ich wieder an einem dieser Orte, die mit meinem neuen Leben verbunden waren. Vor acht Jahren begann ich hier meinen ersten Camino Francés.
Danach ging ich essen und suchte nach einer Unterkunft. Doch die Herbergen konnten erst ab 16 Uhr bezogen werden. Ich war bereits gegen zwölf Uhr mittags angekommen. Vier Stunden irgendwo herumzusitzen wollte ich nicht.
Also erledigte ich nur das Nötigste, kaufte ein paar Dinge ein und entschied mich, weiterzugehen. Bis zum nächsten Campingplatz waren es noch einmal fast 20 Kilometer. Direkt daneben befand sich ein großes Geschäft, was perfekt war. Ich konnte noch einmal ordentlich einkaufen und mich für die letzten Tage bis Hendaye eindecken.
Zumindest dachte ich, dass es noch mehrere Tage sein würden. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Zwei Tage später würde ich am Atlantik stehen.
Von dort waren es nur noch rund 90 Kilometer bis Hendaye. Mein Plan war einfach: 45 Kilometer am nächsten Tag, noch einmal ungefähr 45 am Tag darauf. Dann wäre ich am Ziel. Zumindest auf dem Papier, denn wie schwer dieser Schluss tatsächlich werden sollte, merkte ich erst unterwegs.
Zunächst galt es noch einige steile Aufstiege zu überwinden. Teilweise waren Passagen sogar mit Seilen gesichert und immer wieder gab es Stufen. Gerade die machten mir zu schaffen, weil mir Stufensteigen bis heute schwerfällt. Sofort musste ich an den South West Coast Path denken, wo es gefühlt ständig nur Stufen hinauf und wieder hinunter ging.
An diesem Tag traf ich auch eine andere HexaTrek-Wanderin. Wir gingen kurz miteinander und unterhielten uns darüber, wie wir den Weg erlebt hatten. Was sich in Gesprächen mit anderen HexaTrek-Wanderern immer wieder deckte: Die Pyrenäen wurden als enorm anspruchsvoll erlebt. Sie wollte in einem Shelter übernachten, ich beschloss, noch etwa sechs Kilometer weiterzugehen.
Kurz bevor ich Ainhoa im Tal erreichte, vielleicht noch 200 Höhenmeter darüber, kam ich an einer kleinen Kirche und mehreren Kreuzen vorbei. Dort hatten einige Wanderer ihre Zelte aufgebaut. Ich wunderte mich, warum sie hier oben schliefen, wenn unten doch ein Ort mit Campingplatz, Geschäft und angeblich sogar einer Jugendherberge lag. Unten angekommen verstand ich es: Der Campingplatz existierte nicht mehr, die Jugendherberge war geschlossen und auch der kleine Markt hatte bereits zugesperrt.
In einem Café wollte ich wenigstens noch eine Cola kaufen, doch der Mann erklärte, er habe bereits geschlossen. Ich sagte, dass ich die Cola nur mitnehmen wolle, aber auch das half nichts. Also setzte ich mich draußen hin und begann nach einem Quartier zu suchen. Die meisten Unterkünfte waren ziemlich teuer, doch irgendwann fand ich eine günstigere Möglichkeit. Als ich davorstand, war ich nicht einmal sicher, ob ich richtig war. Keine Glocke, kein richtiges Schild.
In diesem Moment kamen drei Wanderer über den Platz. Ich fragte sie, ob sie wüssten, wo ich hier ein Zimmer finden könnte. Sie sahen mich an und meinten: „Du stehst davor.“ Einer von ihnen half mir, weil ich kein Französisch konnte. Gemeinsam gingen wir hinein und tatsächlich war in einem kleinen Zimmer mit zwei Stockbetten noch genau ein Bett frei.
Später kamen wir länger ins Gespräch. Die drei waren nur für einige Tage unterwegs und erzählten, dass sie im Alltag sehr viel arbeiteten und diese Wanderung als Auszeit brauchten. Irgendwann kam auch meine Geschichte zur Sprache. Als sie hörten, was hinter den vergangenen zehn Jahren lag, wurde das Gespräch persönlicher. Sie erzählten, dass ihnen selbst die Arbeit inzwischen oft zu viel geworden war und sie künftig besser darauf achten wollten, sich rechtzeitig Auszeiten zu nehmen.
Auch dem Wirt gegenüber erwähnten die drei irgendwann, dass ich auf dem HexaTrek unterwegs war. Während sie selbst den Weg bis dahin gar nicht gekannt hatten, wusste der Wirt sofort, wovon sie sprachen. Er erklärte ihnen, was der HexaTrek ist, wie lange dieser Weg durch Frankreich führt und wie lange ich bereits unterwegs war. Seine Reaktion mir gegenüber veränderte sich daraufhin spürbar. Er begegnete mir sehr freundlich und mit großer Achtung, fast ein wenig ehrfürchtig.

Solche Reaktionen erlebte ich unterwegs immer wieder. Manchmal war es mir allerdings zu viel zu erklären, dass ich den HexaTrek nicht in einem Stück gegangen war. Die Stages 1 bis 4 von Wissembourg bis Carcassonne hatte ich bereits 2024 absolviert, die letzten beiden Stages durch die Pyrenäen folgten nun zwei Jahre später. Die ersten rund 2.000 Kilometer lagen also bereits hinter mir, bevor ich 2026 für die letzten rund 1.000 Kilometer zurückkehrte.
Nicht immer schaffte ich es, noch dazuzusagen, dass ich den HexaTrek in zwei Teilen gegangen bin und diesmal erst in Carcassonne startete. Oft war mir die ganze Erklärung einfach zu viel. Dann ließ ich die Menschen in dem Glauben, ich wäre den Weg in einem Stück gegangen. Wenn daraufhin besonders anerkennende oder fast ehrfürchtige Reaktionen kamen, fühlte sich das für mich manchmal unangenehm an – beinahe so, als hätte ich etwas behauptet, das so nicht ganz stimmte. Dabei hatte ich nichts erfunden, ich hatte nur nicht immer die Kraft, die ganze Geschichte dazu zu erzählen.
In der Nacht begann es zu regnen. Auch der nächste Tag sollte wechselhaft bleiben, und eigentlich sollte es mein letzter Tag werden. Knapp 50 Kilometer lagen noch vor mir. Laut App und Höhenprofil sah es zunächst gar nicht so schlimm aus. Es schien fast nur noch bergab zu gehen, doch wieder täuschte die Darstellung. Ich kam zwar mehrmals bis auf ungefähr 100 Meter Seehöhe hinunter, musste danach aber wieder auf 600 oder 700 Meter aufsteigen. Am Ende sammelte ich an diesem letzten Tag noch einmal über 2.000 Höhenmeter im Aufstieg.
Am Vormittag erwischten mich einige Regenschauer. Mein inzwischen bewährtes System funktionierte aber hervorragend: Regenjacke und darüber der Schirm. Für mich war das die ideale Kombination. Später kreuzte ich sogar den Camino Baztan. Ein paar Meter davon kannte ich bereits von meiner früheren Wanderung von Bayonne nach Pamplona. Schon wieder berührten sich zwei meiner Wege.
Unterwegs kam ich durch mehrere baskische Dörfer. In einem davon fand gerade ein Umzug oder Volksfest statt. Eigentlich wäre es schön gewesen, dort länger zu bleiben, aber es wäre mir zu viel gewesen: zu viele Menschen, zu viele Eindrücke, zu viel Trubel. Also suchte ich noch etwas zu essen, setzte mich kurz in ein Café und gönnte mir einen Kaffee und ein besonderes Törtchen. Danach ging es noch einmal hinauf zu einem Pass.
Dort oben sah ich plötzlich das Meer. Nach all den Wochen in den Bergen lag es am Horizont vor mir. Dieser Augenblick war unglaublich. Da war Euphorie, Freude, vielleicht auch Erleichterung, und ich dachte: Jetzt bin ich fast da. Was ich in diesem Moment noch nicht wusste: Obwohl ich das Meer bereits sehen konnte, lagen noch über fünf Stunden Weg vor mir.

Der letzte Abschnitt wurde noch einmal besonders schwer. Der Weg führte durch eine Klamm, über große Steinblöcke und immer wieder zwischen Wasser hindurch. Teilweise musste ich von Stein zu Stein steigen oder springen. Nach all den Stunden und Kilometern war das für mich extrem fordernd. Von einem wirklichen Abstieg konnte kaum die Rede sein. Immer wieder kamen Gegenanstiege, teilweise steil und technisch schwierig. Auch bergauf waren die Wege stark mit Steinen durchsetzt, sodass ich jeden einzelnen Tritt bewusst setzen musste. Dabei sah ich das Meer immer wieder vor mir. Es kam näher, aber nur sehr langsam. Stundenlang hatte ich es bereits im Blick, ohne wirklich dort anzukommen.
Irgendwann erreichte ich schließlich eine Straße. Jetzt, dachte ich, würde es endlich unkompliziert Richtung Hendaye gehen. Doch genau dort spielte mir die Technik noch einen Streich. Das GPS-Signal meines Handys setzte aus. Ich bemerkte es zunächst nicht und glaubte, die Anzeige würde weiterhin stimmen. Der Weg war für mich nicht besonders gut markiert und so verlor ich komplett die Orientierung. Ich ging weiter, bis ich nach ungefähr einem Kilometer dachte: Das kann doch nicht stimmen. Warum gehe ich jetzt wieder bergauf, obwohl ich eigentlich schon Richtung Hendaye unterwegs sein müsste?
Erst dann bemerkte ich, dass das GPS-Signal hängen geblieben war. Ich war in die falsche Richtung gegangen und drehte um. Beim Hinuntergehen erkannte ich plötzlich den schmalen Steig wieder – da war ich heute schon einmal gewesen. Beim Hinaufgehen war mir das überhaupt nicht aufgefallen. Natürlich ärgerte ich mich kurz. Ein paar zusätzliche Kilometer braucht man am Ende eines solchen Tages wirklich nicht. Aber solche Dinge beschäftigten mich unterwegs nie lange. Nach einer Minute war es wieder vorbei. Ich ging einfach weiter, in meinem Tempo, mit meinem Schritt und meinem Rhythmus. Nicht lange darüber nachdenken, was schiefgelaufen war, sondern wieder die richtige Richtung finden und weitergehen.

Dann lagen tatsächlich nur noch die letzten Kilometer vor mir. Etwa fünf Kilometer führte ein Radweg neben der Straße durch Hendaye Richtung Meer. Nach Wochen in den Bergen wurde aus dem steinigen Pfad plötzlich Asphalt, und aus dem Punkt am Horizont wurde langsam mein Ziel.

Dann kamen die letzten Häuser, die letzten Kreisverkehre und schließlich die letzten Meter bis zu meinem eigentlichen Ziel: dem Briefkasten vor dem Tourismusamt in Hendaye. Von diesem Briefkasten hatte ich schon so viele Fotos gesehen. Unterwegs hatte ich immer wieder daran gedacht, irgendwann selbst dort zu stehen. Er war für mich zu einem ganz konkreten Ziel geworden.
Als ich näherkam, musste ich allerdings zweimal hinschauen. Direkt unter dem Briefkasten hatte sich hinter einer Mülltonne und mehreren Kartons ein obdachloser Mann eingerichtet. Der Briefkasten lugte gerade noch darüber hinweg. Ich konnte kaum Französisch und versuchte ihm freundlich zu erklären, dass ich nur ein Foto vom Briefkasten machen wollte, keines von ihm. Doch er reagierte sehr aggressiv und wollte mich vertreiben. Schließlich zog er sogar sein Handy hervor und drohte damit, die Polizei zu rufen.
Es war eine ziemlich absurde Situation. Nach mehr als 3.000 Kilometern stand ich endlich am Ziel, und ausgerechnet das obligatorische Zielfoto wurde zur nächsten kleinen Herausforderung. Also beugte ich mich über die Mülltonne und machte ein paar Fotos. Besonders schön sind sie nicht geworden, aber ich hatte mein Bild.



Danach ging ich hinunter zum Meer. Natürlich gehörte auch das dazu. Ich zog die Schuhe aus, ging ins Wasser und machte noch eine Filmaufnahme, wie ich ins Meer hineinging und die Arme nach oben hob. Angekommen – zumindest dachte ich das.
Als ich danach wieder meine Schuhe anziehen wollte, hielt ich mich an einem Stein fest und schlüpfte gerade in den ersten Schuh. In diesem Moment kam eine Welle und plötzlich stand ich bis zu den Knien im Wasser. Der zweite Schuh wäre beinahe davongeschwommen. Nach 3.034 Kilometern schaffte es der Atlantik also noch, mich auf den letzten Metern richtig nass zu machen.
Ich sammelte meine Sachen zusammen, kletterte über die Steine hinauf zur Promenade und leerte erst einmal das Wasser aus. Eigentlich konnte ich nur lachen. Allerdings war es mittlerweile schon ungefähr halb acht am Abend und meine Herberge lag noch rund drei Kilometer entfernt. Socken und Schuhe waren nass, also zog ich die Socken aus, schlüpfte barfuß in die Schuhe und ging einfach weiter. Auch diese drei Kilometer gehörten offenbar noch dazu.

Als ich schließlich in der Herberge ankam, war ich natürlich froh, aber etwas anderes fiel mir ebenfalls auf: Die ganz große Emotion blieb aus. Nach mehr als 3.000 Kilometern durch Frankreich und insgesamt 92 Tagen auf dem HexaTrek hätte man vielleicht erwartet, dass mich dieser Moment völlig überwältigt. So war es aber nicht.
Bis heute fällt es mir schwer, starke Gefühle genau in dem Moment wahrzunehmen oder zuzulassen, in dem etwas passiert. Solange ich noch funktionieren muss, bleibt eine gewisse Spannung in mir. Und auch in Hendaye musste ich noch funktionieren. Ich musste zur Herberge kommen, meine Sachen trocknen, organisieren, wie es weitergeht, und später wieder nach Hause fahren. Vielleicht konnte mein Kopf einfach noch nicht begreifen, dass dieser Weg tatsächlich vorbei war. Der HexaTrek war beendet, aber angekommen war ich innerlich noch nicht ganz.
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Den HexaTrek von Wissembourg bis Carcassonne war ich bereits 2024 gegangen. Auch diese rund 2.000 Kilometer waren anstrengend und fordernd. Trotzdem habe ich sie im Rückblick völlig anders wahrgenommen als die Pyrenäen. Heute kann ich sagen, dass die letzten rund 1.000 Kilometer für mich noch einmal eine andere Dimension hatten. Nicht unbedingt, weil jeder einzelne Tag extremer gewesen wäre, sondern weil sich dort sehr viele Schwierigkeiten gleichzeitig und über Wochen hinweg summierten.
Mir war von Anfang an klar, dass ich den HexaTrek anders wahrnehmen würde als viele andere Wanderer. Seit meinem Hirnabszess funktionieren Wahrnehmung, Bewegung und Verarbeitung bei mir anders. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass für mich alles schwerer, schlechter oder unangenehmer sein muss. Im Gegenteil. Ich habe gelernt, Wege so zu gehen, wie es für mich und meine Einschränkungen am besten funktioniert.
Gerade in den Pyrenäen wurde das besonders wichtig. Ich musste nicht versuchen, den Weg so zu gehen, wie ihn andere gehen würden, sondern herausfinden, wie ich ihn unter meinen Voraussetzungen bewältigen konnte. Dazu gehörten mein eigenes Tempo, kurze Unterbrechungen, das Einteilen der Anstiege in kleinere Abschnitte, der bewusste Umgang mit Reizen und manchmal auch Entscheidungen oder Reaktionen, die von außen vielleicht schwer nachvollziehbar wirken. Für mich waren sie Teil davon, diesen Weg so zu gehen, dass mein Körper und mein Nervensystem möglichst lange mitmachten. Dass ich den HexaTrek anders wahrnehme, macht meine Erfahrung nicht schlechter oder weniger wertvoll. Sie ist einfach meine eigene.
Mir fehlte in den Pyrenäen etwas, das mir beim Gehen normalerweise hilft: eine gleichmäßige, wiederkehrende Bewegung, wie ich sie etwa in den Alpen noch eher finden konnte. Kaum hatte ich für kurze Zeit einen Rhythmus gefunden, änderte sich der Untergrund wieder. Steine, besonders steile Stufen, schmale Pfade und Felsblöcke verlangten ständig eine neue Anpassung. Einen natürlichen Bewegungsrhythmus gab mir der Weg selten vor. Ich musste ihn mir selbst schaffen – etwa indem ich die Anstiege in Abschnitte von 100 Höhenmetern unterteilte.




Dabei war es nie nur das Gehen allein. Muskelarbeit, Koordination, Konzentration und Gleichgewicht liefen gleichzeitig ab. Dazu kamen Hitze, Rucksackgewicht, tausende Höhenmeter, Versorgung, Wasser, Schlafen im Zelt und die tägliche Planung. Jeder einzelne Punkt für sich wäre wahrscheinlich zu bewältigen gewesen. Schwer wurde es durch die Summe – und dadurch, dass diese Belastungen nicht nach einem Tag wieder vorbei waren, sondern sich über Wochen fortsetzten. Morgens begann nicht alles wieder bei null. Ein Teil der Belastung des Vortages ging mit in den nächsten.
Auch bei der Orientierung merkte ich meine Einschränkungen jeden Tag. Namen von Dörfern, kleinen Städten oder Bergpässen kann ich mir kaum merken. Ich schaute auf die App, sah, dass es beispielsweise noch fünf Kilometer bis zum nächsten Dorf waren, steckte das Handy wieder ein – und manchmal wusste ich schon eine Minute später nicht mehr, wie dieses Dorf hieß oder wie weit es noch war. Dann musste ich erneut nachsehen. Das kenne ich schon seit meinem ersten Camino Francés und es ist heute kaum anders. Deshalb habe ich unterwegs irgendwann aufgehört, mir all die Namen der Dörfer und Cols bewusst merken zu wollen. Ich folgte meiner Route und ging weiter. Einige größere Orte wie Carcassonne bleiben mir im Gedächtnis, viele kleine Orte und Pässe dagegen verschwinden fast sofort wieder.

Vielleicht wirkt ein solcher Reisebericht deshalb manchmal ungewöhnlich, weil mir viele Ortsnamen fehlen, obwohl ich dort selbst gegangen bin. Die Landschaft, die Anstrengung, einzelne Begegnungen oder bestimmte Situationen bleiben dagegen sehr lebendig in Erinnerung. Namen oft nicht. Auch das gehört zu meinem heutigen Leben dazu.
Im Rückblick habe ich das Gefühl, dass mich die Pyrenäen sehr nahe an die Grenze dessen brachten, was mein Körper und mein Nervensystem noch ausgleichen konnten. Entscheidend war für mich nicht ein einzelner extremer Tag. Es waren die technisch schwierigen Wege, die fehlende Bewegungsautomatik, die Muskelschwäche und die vielen Höhenmeter, die sich über Tage und Wochen summierten. Gerade im Vergleich mit meinem ersten Teil des HexaTreks wurde mir das im Nachhinein klar. Von Wissembourg bis Carcassonne war vieles ebenfalls schwer. Die Pyrenäen waren für mich trotzdem etwas anderes. Sie waren nicht einfach nur anstrengender, sondern komplexer in der Art, wie sie mich gefordert haben.

Gleichzeitig gab es einen scheinbaren Widerspruch. Körperlich und neurologisch war dieser Weg enorm fordernd, aber die Umgebung selbst machte es meinem Nervensystem in anderer Hinsicht leichter. Wenig Verkehr, wenige Menschen, kaum wechselnde Reize und meist eine eindeutige Aufgabe: gehen, essen, Wasser finden, schlafen und am nächsten Tag weiter. Diese Reduktion tat mir gut.
Deshalb konnte etwas für meinen Körper extrem schwer sein und sich innerlich trotzdem oft ruhiger anfühlen als ein ganz gewöhnlicher Tag in einer Stadt.
Auch bei der Orientierung merkte ich meine Einschränkungen jeden Tag. Namen von Dörfern, kleinen Städten oder Bergpässen kann ich mir kaum merken. Ich schaute auf die App, sah, dass es beispielsweise noch fünf Kilometer bis zum nächsten Dorf waren, steckte das Handy wieder ein – und manchmal wusste ich schon eine Minute später nicht mehr, wie dieses Dorf hieß oder wie weit es noch war. Dann musste ich erneut nachsehen. Das kenne ich schon seit meinem ersten Camino Francés und es ist heute kaum anders. Deshalb habe ich unterwegs irgendwann aufgehört, mir all die Namen der Dörfer und Cols bewusst merken zu wollen. Ich folgte meiner Route und ging weiter. Einige größere Orte wie Carcassonne bleiben mir im Gedächtnis, viele kleine Orte und Pässe dagegen verschwinden fast sofort wieder.
Vielleicht wirkt ein solcher Reisebericht deshalb manchmal ungewöhnlich, weil mir viele Ortsnamen fehlen, obwohl ich dort selbst gegangen bin. Die Landschaft, die Anstrengung, einzelne Begegnungen oder bestimmte Situationen bleiben dagegen sehr lebendig in Erinnerung. Namen oft nicht. Auch das gehört zu meinem heutigen Leben dazu.
Im Rückblick habe ich das Gefühl, dass mich die Pyrenäen sehr nahe an die Grenze dessen brachten, was mein Körper und mein Nervensystem noch ausgleichen konnten. Entscheidend war für mich nicht ein einzelner extremer Tag. Es waren die technisch schwierigen Wege, die fehlende Bewegungsautomatik, die Muskelschwäche und die vielen Höhenmeter, über die Tage. Gerade im Vergleich mit meinem ersten Teil des HexaTreks wurde mir das im Nachhinein klar. Von Wissembourg bis Carcassonne war vieles ebenfalls schwer. Die Pyrenäen waren für mich trotzdem etwas anderes. Sie waren nicht einfach nur anstrengender, sondern komplexer in der Art, wie sie mich gefordert haben.
Gleichzeitig gab es einen scheinbaren Widerspruch. Körperlich und neurologisch war dieser Weg enorm fordernd, aber die Umgebung selbst machte es meinem Nervensystem in anderer Hinsicht leichter. Wenig Verkehr, wenige Menschen, kaum wechselnde Reize und meist eine eindeutige Aufgabe: gehen, essen, Wasser finden, schlafen und am nächsten Tag weiter.
Diese Reduktion tat mir gut. Deshalb konnte etwas für meinen Körper extrem schwer sein und sich innerlich trotzdem oft ruhiger anfühlen als ein ganz gewöhnlicher Tag in einer Stadt.
Die mehr als 3.000 Kilometer des HexaTreks bin ich nicht in einem Stück gegangen. Die ersten rund 2.000 Kilometer von Wissembourg bis Carcassonne absolvierte ich 2024. Zwei Jahre später kehrte ich für die letzten rund 1.000 Kilometer durch die Pyrenäen zurück. Insgesamt war ich 92 Tage auf dem HexaTrek unterwegs.
Viel wichtiger als diese Zahlen ist für mich heute aber etwas anderes: Ich habe meinen Körper und mein Nervensystem wieder ein Stück besser verstanden. Die Pyrenäen haben mir sehr klar gezeigt, wo meine Grenzen liegen – aber auch, unter welchen Bedingungen ich trotz meiner neurologischen Einschränkungen erstaunlich gut funktionieren kann.
Dabei geht es nicht einfach darum, dass mir Ruhe, Natur oder ein eigener Rhythmus guttun. Das gilt wahrscheinlich für viele Menschen. Bei mir geht es um etwas Grundsätzlicheres. Seit meinem Hirnabszess funktionieren Bewegung, Wahrnehmung und Verarbeitung anders als früher. Ich muss jeden Schritt bewusst steuern, kann Reize nur begrenzt verarbeiten und kann deshalb auch keinem normalen Berufsalltag mehr nachgehen. Wenig äußere Reize, Zeit für meine Bewegungen und ein selbst bestimmter Rhythmus sind für mich keine angenehmen Extras, sondern Voraussetzungen dafür, möglichst stabil zu funktionieren.
Gleichzeitig darf ich nicht unterschätzen, wie stark sich körperliche und neurologische Belastung über viele Tage hinweg aufsummiert. Genau das haben mir die Pyrenäen noch einmal sehr klar vor Augen geführt. Nicht alles, was ich bewältigen kann, ist deshalb automatisch leicht für meinen Körper. Und nicht alles, was körperlich extrem schwer ist, fühlt sich für mich innerlich belastend an.

Die eigentliche Aufgabe beginnt für mich aber nach der Rückkehr. Wie kann ich das, was ich unterwegs über mich gelernt habe, in meinen Alltag zu Hause mitnehmen? Welche Bedingungen tun mir gut? Wo beginnt Überforderung? Welche Form von Bewegung hilft mir? Wie viel Reiz kann ich verarbeiten, bevor es zu viel wird? Und wie kann ich meinen Alltag so gestalten, dass ich nicht ständig gegen meine eigenen Grenzen arbeite?
Mit jeder Reise, mit jedem langen Weg und oft schon mit jeder Fahrt lerne ich etwas Neues über mich. Vielleicht ist genau das einer der größten Unterschiede zu meinem früheren Leben: Ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass mein Körper und mein Nervensystem so funktionieren wie früher oder wie bei den meisten anderen Menschen. Ich muss immer wieder neu verstehen lernen, wie sie heute funktionieren.

Dieses Verstehen ist kein abgeschlossener Prozess. Es gibt keinen Punkt, an dem ich sagen kann: Jetzt weiß ich, wie alles funktioniert. Neue Situationen bringen neue Reaktionen hervor, Bedingungen verändern sich, und manchmal merke ich erst im Nachhinein, was mir geholfen oder was mich überfordert hat. Vielleicht ist genau das mein eigentliches Lernen der vergangenen zehn Jahre: nicht alles wiederherzustellen, was einmal selbstverständlich war, sondern immer besser zu verstehen, wie ich heute funktioniere.
Der HexaTrek war zu Ende. Mein Lernen darüber, wie ich mit meinem Körper und meinem Nervensystem leben kann, geht weiter.
Hier geht es zu den anderen HexaTrek-Berichten:
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Dazu gehören unter anderem eine gestörte Körperwahrnehmung und Bewegungssteuerung, fehlende Automatismen, eingeschränkte körperliche Belastbarkeit sowie Beeinträchtigungen beim Denken, Verarbeiten und Orientieren. Vieles, was für andere selbstverständlich und automatisch geschieht, erfordert bei mir bewusste Aufmerksamkeit und zusätzliche Energie.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Den HexaTrek bin ich in zwei Abschnitten gegangen. 2024 führte mich mein Weg über Stage 1 bis 4 bis nach Carcassonne, wo ich damals meinen HexaTrek beendete. 2026 setzte ich ihn genau dort fort und ging mit Stage 5 und 6 weiter durch die Pyrenäen bis nach Hendaye. Damit war mein Ziel, den gesamten HexaTrek zu gehen, endlich erreicht.
Eigentlich wollte ich den HexaTrek von Anfang an in einem Stück gehen. Doch in Carcassonne musste ich ihn 2024 unterbrechen. Für den Aufbruch in die Pyrenäen war ich inzwischen zu spät im Jahr dran. Nach und nach würden die Hütten schließen, die Versorgung schwieriger werden und ich hätte immer mehr Lebensmittel selbst tragen müssen. Genau das war für mich durch die Folgen des Hirnabszesses nur sehr eingeschränkt möglich.
Damals fiel mir die Entscheidung aufzuhören nicht leicht. Stage 5 und 6 blieben im Kopf. Ich nahm mir vor, zurückzukommen und den Weg bis zum Atlantik fortzusetzen. Schon 2025 wollte ich dieses Vorhaben umsetzen, doch gesundheitliche Probleme machten mir einen Strich durch die Rechnung. Mein Nervensystem spielte nicht mit. Also musste ich noch einmal warten.
Erst 2026 war ich so weit.

Im Nachhinein weiß ich, dass die Entscheidung von 2024 richtig war. Selbst dieses Jahr kam ich mit der Versorgung und vor allem mit dem Gewicht meines Rucksacks immer wieder an meine Grenzen. Später im Jahr, mit bereits geschlossenen Hütten und noch mehr Verpflegung am Rücken, wäre dieser Abschnitt für mich kaum machbar gewesen.
Bei solchen Entscheidungen muss ich meine neurologischen Einschränkungen immer mitdenken. Mein Körper und mein Nervensystem funktionieren heute anders als früher – und in manchen Situationen auch anders als bei den meisten Menschen. Viele dieser Einschränkungen sind unsichtbar. Von außen ist kaum zu erkennen, wie viel Aufmerksamkeit selbst einfache Bewegungen von mir verlangen.
Dadurch wirke ich auf andere manchmal abwesend oder vielleicht sogar ignorant. Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall: Ich bin so sehr damit beschäftigt, meine Bewegung zu kontrollieren, meinen nächsten Schritt zu setzen und mich zu orientieren, dass für meine Umgebung kaum noch Aufmerksamkeit übrig bleibt. Ich nehme Menschen dann nicht bewusst wahr – nicht weil sie mir egal sind, sondern weil meine Aufmerksamkeit in diesem Moment bereits vollständig gebraucht wird.

Am Abend gegen 20 Uhr kam ich in Carcassonne an und nahm mir für die Nacht ein Hotelzimmer. Eigentlich hatte ich geplant, am nächsten Tag noch in der Stadt zu bleiben, mir die Burganlage und ein wenig von Carcassonne anzusehen und mich in Ruhe auf die kommenden Wochen vorzubereiten.
Doch am nächsten Morgen änderte ich meinen Plan. Ich ließ mir trotzdem Zeit, frühstückte, besorgte noch ein paar Dinge für unterwegs und war bis etwa zehn Uhr in der Stadt. Dann wollte ich los.
Also machte ich mich auf den Weg. Der HexaTrek führte direkt durch die beeindruckende Burganlage von Carcassonne, und so bekam ich ganz nebenbei doch noch einiges von der Stadt zu sehen – ohne mich lange dort aufhalten zu müssen.
Schon auf den ersten Kilometern zeigte mir der HexaTrek, was mich in den kommenden Wochen erwarten würde. Es war unheimlich heiß. Das Thermometer bewegte sich irgendwo zwischen 35 und 40 Grad. Ich hatte reichlich Wasser dabei – zumindest glaubte ich das beim Start. Schon auf der ersten Etappe wurde klar, dass es nicht reichen würde.





Also blieb mir nichts anderes übrig, als den Weg zu verlassen und vom Berg in ein Dorf abzusteigen, nur um meine Flaschen wieder aufzufüllen. Dort landete ich mitten in einem Volksfest. Einer der Verantwortlichen kam mit mir ins Gespräch, schenkte mir zwei Orangina und eine Cola. Mit ihm und ein paar anderen Leuten unterhielt ich mich eine ganze Weile, unter anderem auch über meine Geschichte.
Aus einem notwendigen Umweg war plötzlich eine jener kleinen Begegnungen geworden, die mir vom Weitwandern besonders in Erinnerung bleiben.

Mit frisch gefüllten Wasserflaschen machte ich mich wieder auf den Weg nach oben. Im Rückblick war dieser erste Tag bereits ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen. Vieles würde anders kommen als gedacht, manches schwieriger werden als erwartet. Immer wieder musste ich mich auf neue Bedingungen einstellen, Entscheidungen treffen und meinen Weg daran anpassen.
Die ersten drei oder vier Tage führten noch durch das Vorgebirge der Pyrenäen. Die Hitze blieb dabei mein ständiger Begleiter. Kurze Hose und T-Shirt reichten nicht nur untertags, selbst in der Nacht brauchte ich anfangs keine zusätzliche Kleidung. Sogar der Schlafsack war zu warm.
Am fünften Tag ging es erstmals auf über 2.000 Meter hinauf. Damit veränderte sich auch die Landschaft. Aus dem Vorgebirge wurde Hochgebirge – und dort fühlte ich mich sofort wohler. Die heißen Tage weiter unten waren für mich wesentlich unangenehmer gewesen.
Mit dem Wetter hatte ich überhaupt erstaunliches Glück. Über lange Zeit herrschte Sonnenschein, es war warm und selbst hoch oben konnte ich meist in kurzer Kleidung unterwegs sein. Ich hatte eine richtige Schönwetterperiode erwischt. Das machte einen gewaltigen Unterschied. Die steilen und steinigen Wege waren für mich schon unter diesen guten Bedingungen schwierig genug. Bei Regen, Kälte oder länger anhaltendem Schlechtwetter wäre vieles um ein Vielfaches schwieriger geworden.
In diesen ersten Tagen traf ich auch einen HexaTrekker aus Südafrika, etwas älter als ich. Schon sein Rucksack fiel mir auf: Er verwendete beinahe das gleiche Modell wie ich. Nur meiner war noch wesentlich weißer – er war schließlich neu.
Überhaupt erkennen sich Weitwanderer oft auf ihre eigene Art. Die Ausrüstung verrät einiges. Welcher Rucksack, welches Material, wie wenig oder wie viel jemand mit sich trägt. Ein Wanderer sprach mich einmal nur wegen meines Rucksacks aus Dyneema an: „Ah, du bist sicher ein HexaTrekker.“

Mit dem Südafrikaner war ich nur kurze Zeit gemeinsam unterwegs. Dann trennten sich unsere Wege, und ich sah ihn nicht wieder. Später erfuhr ich, dass er den HexaTrek sechs Tage vor mir beendet hatte.
Für ihn spielte dabei auch die Zeit eine Rolle. Als Reisender aus Südafrika war sein Aufenthalt in Europa begrenzt, und er musste darauf achten, den Trail innerhalb dieser Frist zu schaffen.
HexaTrek Stage 5 ist mit fast 600 Kilometern eine lange Etappe und beinhaltet für mich auch den schwierigsten Teil des HexaTrek. Dabei waren es weniger die Kilometer, die den Unterschied machten, sondern die Höhenmeter und vor allem die Beschaffenheit der Wege.
Ein Anstieg mit 1.500 Höhenmetern gehörte beinahe zum normalen Tagesprogramm. Wollte ich wenigstens ein paar Kilometer weiterkommen, blieb es meistens nicht bei diesem einen Anstieg. Nach dem Abstieg wartete oft bereits der nächste Berg. 2.000 bis 2.500 Höhenmeter nur im Aufstieg waren deshalb an vielen Tagen nichts Außergewöhnliches. Sonst standen am Abend vielleicht gerade einmal zehn oder fünfzehn Kilometer auf der Uhr.

Schon bald hörte ich deshalb auf, meine Tagesleistung nur in Kilometern zu betrachten. Die Höhenmeter wurden mindestens genauso wichtig.
Normalerweise habe ich dafür eine einfache Rechnung: Zehn Kilometer bedeuten für mich ungefähr zwei Stunden Gehzeit. Kommen 1.000 Höhenmeter im Aufstieg dazu, rechne ich eine weitere Stunde. Wegen der schwierigen Wege in den Pyrenäen gab ich mir zusätzlich noch etwa eine halbe Stunde Reserve. Mit dieser Rechnung versuchte ich abzuschätzen, was an einem Tag möglich sein könnte.
Dabei verließ ich mich anfangs auf etwas, das sonst meistens gut funktioniert: bergab wieder Zeit gutzumachen. Im Abstieg bin ich normalerweise relativ schnell unterwegs. Was ich bergauf an Zeit verliere, kann ich auf der anderen Seite zumindest teilweise wieder hereinholen.
Nur funktionierte das in den Pyrenäen häufig nicht.
Viele Abstiege waren genauso steil und technisch wie die Aufstiege. Statt einfach bergab gehen zu können, musste ich mich von Stein zu Stein bewegen, den nächsten Tritt suchen und jeden Schritt bewusst setzen. Teilweise war ich bergab kaum schneller als bergauf. Damit gab es keinen Zeitgewinn mehr.
Einmal brauchte ich für gerade einmal 14 Kilometer achteinhalb Stunden. Solche Tage zeigten mir endgültig, dass Kilometer hier kaum etwas darüber aussagten, wie lang oder schwierig ein Tag tatsächlich werden würde.
Auf der Landkarten-App sah alles so schön aus. Vor Ort bewegte ich mich auf steilen Trails über große Steine und Felsblöcke.


Gerade auf den schwierigen Abstiegen durch die Pyrenäen musste ich immer wieder an ein Bild denken, das mich seit meiner Krankheit begleitet.
Noch auf der Intensivstation tauchte immer wieder eine Szene in mir auf, die ich einige Jahre zuvor tatsächlich erlebt hatte: der Eiger Ultra Trail, schwierige Abstiege, von Stein zu Stein, jeder Schritt musste passen, jeder Tritt sitzen.
Damals konnte ich kaum denken und schon gar keine großen Pläne machen. Aber dieses Bild war da. Es war so prägnant in mir geblieben, dass daraus nach und nach etwas wie ein Ziel entstand: Mich eines Tages wieder über solche Wege bewegen zu können.
Zu diesem Zeitpunkt war das eigentlich völlig absurd. Ich konnte nicht einmal selbstständig gehen. Sitzen, aufstehen, Gleichgewicht halten – all das musste ich erst wieder lernen. Gleichzeitig verband ich mit diesem Bild lange noch eine andere Hoffnung: Wenn ich irgendwann wieder so über schwierige Trails gehen könnte, dann müsste eigentlich auch der Rest wieder funktionieren.
Jahre später erreichte ich dieses Ziel tatsächlich auf der Cheval Blanc in den Nordalpen. Ich war damals überglücklich. Dieses Bild von der Intensivstation war Wirklichkeit geworden.

Doch damit war nicht plötzlich alles wieder wie früher.
Spätestens nach dem HexaTrek 2024 wurde mir immer deutlicher, dass ich zwar vieles zurückerobert hatte, aber trotzdem mit bleibenden Einschränkungen lebte. Mein Körper, mein Denken, meine Wahrnehmung und meine Belastbarkeit funktionierten nicht einfach wieder so wie vor der Erkrankung. Vielleicht begann genau dort etwas Neues: nicht mehr darauf zu warten, wieder der Alte zu werden, sondern zu lernen, mit meinen Handicaps wirklich zu leben.
In den Pyrenäen kam das alte Bild noch einmal zurück.
Fast zehn Jahre nach meiner Krankheit bewegte ich mich wieder durch genau jene Art von Gelände, die ich damals vor Augen gehabt hatte. Nicht automatisch und nicht unbeschwert, sondern mit voller Aufmerksamkeit.
Wegen meiner gestörten Propriozeption muss ich jeden Schritt bewusst vorbereiten. Ich muss sehen, wohin ich trete, den Untergrund einschätzen und meine Bewegung gezielt steuern. Gerade deshalb erstaunte mich etwas: Auf all diesen schwierigen Kilometern vertrat ich mich kein einziges Mal.

Zweimal knickte ich um. Beide Male kamen mir gerade Menschen entgegen. Für einen kurzen Moment wanderte ein Teil meiner Aufmerksamkeit zu ihnen – und genau das reichte. Eigentlich hätte ich stehen bleiben müssen.
Vielleicht lag darin die eigentliche Verbindung zu dem alten Bild. Damals auf der Intensivstation konnte ich nur dieses eine Bild sehen: mich irgendwann wieder über schwierige Trails bewegen zu können. Der Weg dorthin bestand jedoch nicht aus einem großen Sprung. Er bestand aus unzähligen kleinen Schritten: sitzen lernen, aufstehen, das Gleichgewicht halten, gehen lernen – und irgendwann wieder sicher über einen Stein steigen.
Auch in den Pyrenäen half es mir nicht, ständig auf den nächsten Pass oder auf das große Ziel zu schauen. Wenn ich an die gesamte Strecke dachte, wurde sie schnell überwältigend. Entscheidend war nur der nächste Schritt. Der nächste sichere Tritt. Dann der nächste.
Das Bild von damals hatte ich längst einmal erreicht. In den Pyrenäen wurde mir aber noch einmal bewusst, wie ich überhaupt dorthin gekommen war: nicht mit einem großen Schritt, sondern mit unzähligen kleinen.
Das Bild kann am Horizont liegen, aber gegangen wird der Weg dort, wo der nächste Fuß aufsetzt.

Nicht meine Ausdauer war das Problem. Die ist durch die vielen Jahre des Gehens in einem hervorragenden Zustand. Was mich ausbremste, waren die fehlende Kraft und die Art der Bewegung, die diese Wege verlangten.
Gerade in den Oberschenkeln fehlt mir seit meinem Hirnabszess viel Kraft. Vor einem großen Stein konnte ich nicht einfach meinen Gehrhythmus beibehalten. Ich musste das Bein anheben, den Fuß aufsetzen und mich nach oben drücken. Und das nicht zehn- oder hundertmal, sondern über Stunden. Von einem Stein zum nächsten, immer wieder das Gleichgewicht finden, den nächsten Tritt suchen und das Körpergewicht nach oben bringen.
Anfangs empfand ich diese vielen Höhenmeter noch als gutes Training. Jeder Schritt nach oben trainierte genau jene Muskulatur, die mir zu Hause hilft, eine Stiege hinaufzukommen oder morgens vom Bett aufzustehen. Diesen Gedanken hatte ich auch später noch im Kopf.
Doch mit Fortdauer der Tage wurde es immer schwieriger. Die Pausen wurden häufiger und irgendwann musste ich mir die langen Anstiege noch kleiner einteilen.
100 Höhenmeter.
Dann stellte ich den Rucksack ab, trank etwas, aß eine Kleinigkeit und machte kurz Pause. Danach die nächsten 100 Höhenmeter. Wieder Rucksack abstellen. Und dann die nächsten 100.
So hangelte ich mich Stück für Stück nach oben. Bei einem Anstieg mit 1.500 Höhenmetern durfte ich nicht daran denken, dass noch 1.200 oder 1.000 vor mir lagen. Die nächste Marke waren 100. Mehr interessierte mich in diesem Moment nicht.
Es ist schwer zu beschreiben, wie anstrengend dieses ständige Steigen und Balancieren über die Steine für mich wurde. Von einem Stein zum nächsten, einen Absatz hinauf, wieder das Bein hochheben, wieder nach oben drücken. Dazu der Rucksack am Rücken – und am nächsten Tag begann alles wieder von vorne.
Irgendwann war das mehr als Training. Ich kam dabei sehr oft an meine Grenzen.




Mein längster und wohl härtester Tag brachte es schließlich auf rund 3.600 Höhenmeter bergauf und 3.900 Höhenmeter bergab.
Und trotzdem blieb der ursprüngliche Gedanke: Vielleicht hilft mir genau dieser Schritt irgendwann zu Hause dabei, eine Stiege etwas leichter hinaufzukommen oder morgens leichter vom Bett aufzustehen.
Tausende Höhenmeter in den Pyrenäen – für etwas so Alltägliches wie eine Stiege oder das Aufstehen vom Bett. Eigentlich absurd.
Eine genaue Etappeneinteilung hatte ich nicht. Jeden Morgen festzulegen, wie weit ich gehen, welche Hütte ich erreichen oder wo ich am Abend schlafen würde, hätte mich überfordert.
Meine Strategie war einfacher: Ich ging jeden Tag so weit, wie ich konnte.
Trotzdem musste ich vorausplanen. Vor allem beim Wasser konnte ich nicht einfach losgehen und darauf vertrauen, dass sich unterwegs schon etwas finden würde. Ich musste wissen, wie lange es ungefähr dauern würde, bis ich wieder an Wasser kam.
Und genau das war nicht immer einfach. Viele eingezeichnete Rast- oder Wasserstellen hatten kein Wasser, andere lagen weiter auseinander als gedacht. Manchmal war die nächste sichere Möglichkeit so weit entfernt, dass ich sehr genau rechnen musste.
Es ging nicht nur darum, wie viel ich bis zur nächsten Quelle trinken würde. Ich musste überlegen: Wie viel Wasser brauche ich noch für den restlichen Tag? Will ich am Abend damit kochen? Wie viel brauche ich während der Nacht und am nächsten Morgen? Und wie weit ist es dann am nächsten Tag bis zur nächsten sicheren Wasserstelle?
Aus einer scheinbar einfachen Frage – wie viel Wasser nehme ich mit? – wurden plötzlich fünf oder sechs Entscheidungen, die voneinander abhingen.
Genau solche Situationen forderten mein Gehirn gewaltig. Körperlich konnte ich stundenlang gehen. Aber mehrere Dinge gleichzeitig vorauszudenken, Mengen abzuschätzen und daraus die richtige Entscheidung für die nächsten Stunden oder sogar den nächsten Morgen zu treffen, kostete mich enorm viel Energie.
Deshalb versuchte ich, den Weg trotz aller notwendigen Planung möglichst klein zu halten. Ich musste wissen, wo ich ungefähr hinwollte und wo ich wieder Wasser oder Essen bekommen konnte. Beim Gehen selbst gab es aber immer nur den nächsten Abschnitt.
Und manchmal nur die nächsten 100 Höhenmeter.
So schwierig das Gehen war, so einfach war mein Tagesablauf: gehen, essen, schlafen.
Beim Weitwandern reduziert sich das Leben auf die elementarsten Dinge. Habe ich genug Wasser? Habe ich etwas zu essen? Wo kann ich schlafen? Viel mehr musste ich nicht wissen.
Gerade diese Einfachheit tut mir gut. Körperlich waren die Tage in den Pyrenäen enorm fordernd, für meinen Kopf war dieses reduzierte Leben dagegen oft eine Erleichterung. Ich musste nicht zehn verschiedene Dinge gleichzeitig organisieren oder ständig zwischen Aufgaben wechseln.
Ich stand am Morgen auf, packte meine Sachen zusammen und ging. Irgendwann musste ich essen. Und irgendwann brauchte ich einen Platz zum Schlafen.
Dann begann am nächsten Morgen alles wieder von vorne.

Ganz ohne Planung ging es auch bei der Verpflegung nicht. Ich musste zumindest einige Tage vorausdenken: Wo bekomme ich wieder Essen? Und wie viel muss ich bis dahin mitnehmen?
Manchmal bedeutete das, Verpflegung für drei, vier oder sogar fünf Tage in den Rucksack zu packen. Wahrscheinlich trug ich öfter mehr mit mir, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Aber zu viel Essen war mir lieber als zu wenig. Es gab schließlich Abschnitte, auf denen ich zwei oder drei Tage fast vollständig auf meine eigene Verpflegung angewiesen war.
Mein Gehrhythmus hatte allerdings einen großen Nachteil: Er passte nur selten zu den Küchenöffnungszeiten in Frankreich. Sehr oft kam ich an einer Hütte oder einem Gasthaus vorbei, freute mich auf ein richtiges Essen – und die Küche hatte geschlossen. Es war dasselbe wie auf dem Hexatrek durch die Alpen.
Ich konnte schließlich nicht schneller gehen, nur weil irgendwo die Küche schloss.
Wenn ich Pech hatte, gab es nur noch ein Sandwich mit Käse oder Schinken und etwas zu trinken. Ein richtiges warmes Essen unterwegs blieb deshalb eher die Ausnahme.
Ursprünglich hatte ich vorgehabt, meine Mahlzeiten selbst zusammenzustellen und zu kochen. Schon nach kurzer Zeit merkte ich jedoch, dass mich auch das zusätzlich überforderte. Nach einem langen Tag noch verschiedene Zutaten und Arbeitsschritte koordinieren zu müssen, war für meinen Kopf einfach zu viel.
Also vereinfachte ich auch hier: Trekkingmahlzeit auf, heißes Wasser hinein, warten, essen. Pasta, Rindfleisch mit Püree oder was gerade verfügbar war. Nicht besonders abwechslungsreich, aber einfach.



Besonders Obst wurde unterwegs fast zum Luxus. Hin und wieder bekam ich Zwetschgen oder andere Früchte. Nach mehreren Tagen mit Brot, Sandwiches und Trekkingnahrung schmeckte so etwas unglaublich gut.
Immer öfter gönnte ich mir unterwegs auch eine Cola, wenn ich irgendwo eine bekommen konnte. Für mich funktionierte das gut. Andere Wanderer erzählten immer wieder von Magenproblemen, teilweise im Zusammenhang mit Wasser, das sie unterwegs getrunken hatten. Ich war deshalb lieber vorsichtig und filterte Wasser aus Quellen oder Leitungen entlang des Weges meistens trotzdem.
Damit bin ich sehr gut gefahren. Während der gesamten Zeit hatte ich kein einziges Mal Probleme mit dem Magen.
Auch beim Schlafen wollte ich möglichst wenig planen müssen. Genau dafür hatte ich mein Zelt dabei.
Gab es zufällig einen freien Platz in einer Hütte, nahm ich ihn. Fand ich eines der einfachen Shelter, freute ich mich darüber. Und wenn beides nicht passte, stellte ich mein Zelt auf. Ich musste am Morgen nicht wissen, wo ich am Abend schlafen würde.
Grundsätzlich schlafe ich ohnehin gerne allein im Zelt, oft sogar lieber als in einer vollen Hütte. Doch es gab Nächte mit so starker Kondensation, dass ich am Morgen ein völlig nasses Zelt einpacken musste. Auch mein Schlafsack bekam immer wieder Feuchtigkeit ab.
Sobald untertags die Sonne herauskam, musste ich deshalb stehen bleiben, alles wieder auspacken und Zelt und Schlafsack zum Trocknen ausbreiten. Eine halbe Stunde warten, wieder einpacken und weiter. Denn ich wusste nie, wo ich am Abend landen würde und ob ich meine trockene Ausrüstung wieder brauchen würde.

An einem Morgen ging ich in dichtem Nebel los. Es ging über den Col du Bentaillou. Ich kann mich an praktisch keinen der vielen Namen von Gipfeln, Cols, Hütten und Übergängen erinnern. Zum Glück speichert Google die Positionsdaten zu jedem Foto. Es waren einfach zu viele. Mein Gehirn konnte sie nicht abspeichern.
Aber die Bilder sind geblieben.
An diesem Nebeltag ging es vorbei an alten Minen, hinauf bis auf etwa 2.500 Meter. In alpinem Gelände kam ich immer wieder an alten Gerätschaften vorbei. Für mich kaum vorstellbar, dass Menschen hier oben vor rund 100 Jahren Bergbau betrieben hatten.
Der Nebel verschwand den ganzen Tag nicht. Er war so dicht und feucht, dass es sich irgendwann fast wie Regen anfühlte. Komplett durchnässt erreichte ich schließlich das Refuge Jacques Husson und hatte Glück: Ich bekam gerade noch einen der wenigen Schlafplätze.
Viele Hütten waren lange im Voraus ausgebucht. Immer wieder wurde ich abgewiesen und schlief dann eben im Zelt, manchmal sogar direkt neben der Hütte.
Fast noch lieber waren mir deshalb manchmal die einfachen Shelter. Ein paar Mal hatte ich richtig Glück und fand am Abend einen solchen Unterschlupf ganz für mich allein. Nach einem langen Tag plötzlich ein Dach über dem Kopf zu haben, ohne Reservierung und ohne vorher überhaupt zu wissen, dass dort eine Schlafmöglichkeit auf mich wartete, fühlte sich beinahe wie Luxus an.
Nur ein einfacher Raum, mein Schlafsack und draußen die Pyrenäen.
Mehr brauchte ich nicht.
Besonders im östlichen Teil der Pyrenäen traf ich erstaunlich wenige Menschen. An manchen Tagen war ich stundenlang völlig allein. Der HexaTrek führte oft durch Täler in die Anstiege, die von wenigen Menschen besucht wurden.
Nur an bestimmten Punkten, die leichter erreichbar waren oder von Touristen besucht wurden, änderte sich das kurz. Teilweise verläuft der HexaTrek gemeinsam mit dem GR10. Dort kamen mir häufiger Wanderer entgegen, aber meistens blieb es bei einem kurzen „Bonjour“.
Hin und wieder traf ich andere HexaTrekker. Einige überholte ich, wir wechselten ein paar Worte und dann ging ich wieder weiter.
Dieses viele Alleinsein empfand ich nicht als unangenehm. Im Gegenteil. Ich konnte meinen eigenen Rhythmus gehen, musste mich niemandem anpassen und konnte den Tag so gestalten, wie es mein Körper gerade zuließ.
Interessant war allerdings, wie Menschen reagierten, wenn der HexaTrek zur Sprache kam. Nicht jeder kannte ihn. Wer aber wusste, was dieser Weg bedeutete, reagierte häufig mit erstaunlichem Respekt. Menschen wurden neugierig, fragten nach oder waren besonders zuvorkommend.
Ich merkte: Der HexaTrek hat inzwischen einen Namen.
Für mich selbst bestand er in diesen Momenten allerdings aus etwas ganz anderem.
Meistens sah ich nur den nächsten Anstieg.


So hart diese Tage waren, die Landschaft um mich herum bildete einen unglaublichen Gegenpol. Die Pyrenäen waren wunderschön. Blumen, Pflanzen, unzählige Schmetterlinge und immer wieder Tiere begleiteten mich. Eigentlich fehlten mir nur Bär und Wolf.
In einer Nacht hörte ich in der Ferne sogar ein Heulen. Vielleicht war es ein Wolf, vielleicht auch einer der Hirtenhunde. Ich weiß es nicht.
Es waren diese kleinen Momente, die einen langen und schwierigen Tag wieder in ein anderes Licht rückten. Nach Stunden auf einem steilen Pfad plötzlich stehen zu bleiben und einfach in die Landschaft zu schauen. Einen Schmetterling zu beobachten. Am Abend allein beim Zelt zu sitzen. Die Geräusche der Nacht zu hören.
Die Anstrengung verschwand dadurch nicht. Aber sie bekam einen Gegenpol.

Und trotz dieser enormen körperlichen Anstrengung war dieses Leben für mich in mancher Hinsicht einfacher als zu Hause.
Das klingt zunächst widersprüchlich. In den Pyrenäen ging ich an manchen Tagen Tausende Höhenmeter, balancierte stundenlang über Steine und kam körperlich immer wieder an meine Grenzen. Trotzdem bestand mein Tag im Wesentlichen aus wenigen Dingen: gehen, essen, trinken, schlafen. Die Aufgaben waren schwierig, aber sie waren klar.
Zu Hause kann etwas scheinbar Banales wesentlich schwieriger sein. Nach Graz in die Stadt zu fahren, eine Straßenbahn zu nehmen, zwischen Menschen unterwegs zu sein, Verkehr, Geräusche und Bewegungen gleichzeitig wahrzunehmen und ständig auf neue Situationen reagieren zu müssen – all das kann mein Gehirn stärker fordern als ein langer Tag in den Bergen.
In den Pyrenäen war der nächste Schritt meistens eindeutig. Vor mir lag ein Stein, ein Weg oder ein Anstieg. Ich musste nicht gleichzeitig zehn verschiedene Reize verarbeiten.
Die Pyrenäen waren schwer.
Aber sie waren für mich nicht kompliziert.
Vielleicht ist das einer dieser vielen Gegensätze, aus denen mein Leben seit zehn Jahren besteht. Ich kann stundenlang gehen und Tausende Höhenmeter überwinden – und gleichzeitig kann mich eine Fahrt mit der Straßenbahn durch Graz völlig überfordern. Ich kann tagelang allein durch die Berge ziehen, muss aber bei einer scheinbar einfachen Entscheidung aufpassen, dass sie meinem Kopf nicht zu viel wird.
Vieles davon habe ich selbst lange nicht verstanden. Erst nach und nach, durch Beobachten, Ausprobieren und unzählige Erfahrungen, beginne ich zu erkennen, was funktioniert, was mich überfordert und warum manche scheinbar schwierigen Dinge leichter sind als ganz alltägliche.
Und wenn ich selbst zehn Jahre brauche, um diese Gegensätze langsam zu verstehen – wie soll sie dann jemand anderer auf Anhieb verstehen?
Nach ein oder zwei Wochen begann ich noch etwas anderes zu bemerken. Diese langen Anstiege kamen mir auf eine merkwürdige Weise bekannt vor.
Immer öfter dachte ich an meine Rehabilitation und an die vergangenen zehn Jahre.
Auch meine Rehabilitation war ein langer Weg, bestehend aus unzähligen kleinen Zwischenschritten. Oft wusste ich nicht, wohin sie mich bringen würden. Ich konnte nicht sehen, was irgendwann wieder möglich sein würde.
Das nicht ständig zu hinterfragen, sondern einfach das zu machen, was gerade vor mir lag, war über all die Jahre ein wichtiger Teil meiner Strategie gewesen.
Und genau das half mir jetzt wieder.
Wenn vor mir ein Anstieg mit 1.500 Höhenmetern lag, durfte ich nicht ständig nach oben schauen und daran denken, wie weit es noch war. Tausende kleine Schritte brachten mich Meter um Meter nach oben. Auf der anderen Seite wieder Meter um Meter hinunter.
Mehr musste in diesem Moment nicht passieren.

Eigentlich war es in meiner Rehabilitation genauso gewesen. Als ich nach meinem Hirnabszess wieder ganz am Anfang stand, hätte es keinen Sinn gehabt, daran zu denken, irgendwann kilometerweit zu gehen oder vielleicht sogar wieder Rad zu fahren. Das war meilenweit entfernt und ich wusste nicht einmal, ob ich diese Dinge jemals wieder können würde.
Also blieb nur das, was gerade möglich war.
Der nächste Schritt.
Und danach wieder der nächste.
Vielleicht war genau das eine meiner größten Lernaufgaben der vergangenen zehn Jahre: nicht den ganzen Weg sehen zu müssen. Denn wenn ich ständig auf alles geschaut hätte, was noch vor mir lag, hätte mich die Dimension wahrscheinlich überfordert.
In den Pyrenäen wurde ich daran wieder erinnert. Vor mir lagen Berge, deren Gipfel noch Stunden entfernt waren. Hinter dem Gipfel wartete der Abstieg und danach oft bereits der nächste Anstieg.
Den ganzen Weg auf einmal konnte ich nicht gehen.
Aber den nächsten Schritt schon.
Und irgendwann waren aus diesen kleinen Schritten 1.500 Höhenmeter geworden.
So wie aus vielen kleinen Schritten irgendwann zehn Jahre Rehabilitation wurden.
Unterwegs entschied ich mich in Bagnères-de-Luchon für einen Ruhetag. Nach all den Höhenmetern und den anstrengenden Tagen dachte ich, dass mir ein Tag Pause guttun müsste.
Im Nachhinein betrachtet war es für mich wahrscheinlich die falsche Entscheidung.
Der Ruhetag brachte mich aus meinem Rhythmus. Dieses tägliche Aufstehen, Rucksack packen und Losgehen war inzwischen zu meinem Ablauf geworden. Nach einem Tag Pause wieder einzusteigen, fiel mir schwerer, als einfach weiterzugehen.
Auch das war wieder einer dieser Gegensätze, die ich unterwegs erst verstehen musste: Eine Pause muss nicht automatisch Erholung bedeuten. Für mich war in diesem Moment der Rhythmus wichtiger.





Gegen Ende von HexaTrek Stage 5 kam noch ein ganz anderes Problem dazu. Meine Hoka hatten mich bis dahin hervorragend durch die Pyrenäen getragen. Sie fühlten sich an meinen Füßen beinahe wie Hausschuhe an. Ich stand sicher darin, sie hafteten gut und ich wusste genau, wie sie sich auf schwierigem Untergrund verhalten.
Auf den letzten 20 oder 30 Kilometern merkte ich allerdings, dass der Gehkomfort immer schlechter wurde. Die Dämpfung war praktisch zusammengebrochen und plötzlich spürte ich jeden einzelnen Stein unter meinen Füßen.
Für diese Beanspruchung hatten die Schuhe trotzdem erstaunlich gut gehalten. Auf dem Camino Francés hatte ich ein Paar schon etwa 1.400 Kilometer getragen. Aber die Pyrenäen waren etwas anderes: unzählige Steine, steile Auf- und Abstiege und dazu das Gewicht meines Rucksacks. Mit rund 600 Kilometern war ich deshalb mehr als zufrieden.
Nur brauchte ich jetzt dringend Ersatz.
In Loudenvielle fand ich ein gut sortiertes Sportgeschäft und probierte bestimmt zehn verschiedene Paar Schuhe. Sogar mein Hoka-Modell gab es in meiner Größe – allerdings nicht in der Wide-Version. Die normale Version ist für meinen Fuß zu eng. Also ließ ich sie stehen.
Nach inzwischen rund 75.000 Kilometern zu Fuß kenne ich meine Füße ziemlich gut. Ich weiß, was funktioniert und was auf Dauer Probleme bereitet. Gerade auf einem Weg wie diesem wollte ich deshalb keinen Kompromiss eingehen, bei dem ich schon im Geschäft wusste, dass der Schuh eigentlich nicht passt.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als mit meinen alten Hoka noch über den nächsten Berg bis nach Saint-Lary-Soulan weiterzugehen.
Dort begann die Suche von vorne. In drei Sportgeschäften probierte ich weiter, bis ich schließlich einen Adidas fand. Er war breit genug und von allen verfügbaren Schuhen die beste Alternative.
Perfekt war auch er nicht. Einige Druckstellen bekam ich bis zum Ende des HexaTrek nicht wirklich in den Griff. Blasen hatte ich zum Glück keine.
Aber ich konnte damit weitergehen.
Und das war entscheidend.
In Saint-Lary-Soulan endete für mich Stage 5 des HexaTrek. Rund 600 Kilometer durch die Pyrenäen lagen hinter mir – mit Hitze, unzähligen Höhenmetern, langen Anstiegen und vielen Stunden auf steinigen Wegen.
Stage 5 hatte mich körperlich und mental deutlich mehr gefordert, als ich erwartet hatte. Gleichzeitig hatte sie mich an etwas erinnert, das mich schon durch die vergangenen zehn Jahre begleitet: Ich musste nie den ganzen Weg auf einmal schaffen. An manchen Tagen reichten die nächsten 100 Höhenmeter, manchmal nur der nächste sichere Schritt.
In den letzten Tagen hatte ich deshalb immer öfter an Stage 6 und die Westpyrenäen gedacht. Die Berge dort waren niedriger, und in meinem Kopf entstand das Bild von weit geschwungenen Wiesenhängen und Wegen, auf denen das Gehen endlich wieder etwas einfacher werden würde.
Nach all dem Balancieren über Steine freute ich mich darauf.
In Saint-Lary-Soulan begann Stage 6, des Hexatrek, rund 400 km, bis zum Ende in Hendaye. Neue Schuhe an den Füßen, niedrigere Berge vor mir – und die Hoffnung, dass nun der leichtere Teil kommen würde.
Ich sollte mich täuschen.
Hier geht’s zu den anderen HexaTrek Berichten:
HexaTrek Stage 1 Vogesen, Jura
HexaTrek Stage 4 Ardeche, Sevennen
HexaTrek Stage 6 kommt demnächst
HexaTrek und Ausrüstung kommt demnächst
Wenn ich heute an meine ersten Caminos zurückdenke, dann sehe ich nicht nur die Wege, die Landschaften und die Begegnungen vor mir. Ich sehe auch die Ausrüstung, mit der ich damals unterwegs war, und ich merke, wie sehr auch sie ein Teil dieses ganzen Weges geworden ist.
Vieles davon war aus heutiger Sicht alles andere als optimal. Manche Dinge waren zu schwer, andere unpraktisch, und einiges hatte ich einfach dabei, weil ich es nicht besser wusste. Und trotzdem gehört genau diese Ausrüstung zu meinen Anfängen. Ohne sie hätte ich diese ersten Schritte so nicht gemacht.
Mit der Zeit hat sich vieles verändert. Nicht plötzlich, nicht von heute auf morgen, sondern langsam, beinahe unmerklich. Mit jedem Camino, mit jeder Nacht draußen und mit jeder neuen Erfahrung wurde mir ein Stück klarer, worauf es mir wirklich ankommt. Heute wähle ich meine Ausrüstung bewusster aus. Nicht, weil ich alles perfektionieren möchte, sondern weil ich gelernt habe zu verstehen, was ich wirklich brauche – und was nicht.
In diesem Beitrag möchte ich genau diesen Weg zeigen. Den Weg meiner Ausrüstung. Von den ersten, noch einfachen und oft auch schweren Setups bis hin zu dem Punkt, an dem ich heute stehe. Denn oft sind es nicht nur die Wege selbst, die einen verändern, sondern auch die Dinge, die man Tag für Tag auf dem Rücken trägt.

Zweieinhalb Jahre nach meinem Hirnabszess kam ein Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. Ich brauchte eine Auszeit. Nach all den Therapien, der Reha und diesem ständigen Kampf zurück ins Leben war da dieser Wunsch, einfach fortzugehen.
Ich musste zu diesem Zeitpunkt noch immer gehen lernen. Vieles war unsicher, vieles funktionierte nicht so, wie ich es gewohnt war. Selbst einfache Dinge wie Stufen hinunterzugehen waren schwierig, weil mir Kraft, Gleichgewicht und Sicherheit fehlten.
Eigentlich hätte mein Zustand es kaum zugelassen, überhaupt einen Rucksack zu tragen. Und trotzdem war da dieser Wunsch, loszugehen.
Ich erinnerte mich an den Jakobsweg. Kurz vor dem Hirnabszess hatte ich einen Filmauftrag dazu bekommen. Dieser Gedanke kam wieder zurück, und aus ihm entstand etwas Neues. Es war kein großer Plan, eher ein innerer Impuls. Aber genau dieser Impuls wurde zum Startschuss.
Nicht nur fürs Pilgern und Weitwandern, sondern auch für das Gehen selbst. Und für die Auseinandersetzung mit der Ausrüstung.
Gerade diese Beschäftigung mit der Ausrüstung wurde für mich zu etwas sehr Wertvollem. Ich musste mich mit einzelnen Dingen auseinandersetzen, Entscheidungen treffen, überlegen, was ich wirklich brauche und was nicht. Schritt für Schritt. Auch das war Therapie.
In dieser Zeit fiel es mir oft schwer, neue Dinge zu organisieren oder mich intensiv mit Details zu beschäftigen. Deshalb griff ich auf vieles zurück, was ich bereits hatte.
Der Begriff „Ultralight“ spielte für mich damals noch keine wirkliche Rolle, auch wenn Gewicht schon früher ein Thema gewesen ist. Vor allem durch meine Arbeit bei Filmprojekten und die Begleitung der Radzwillinge wusste ich, dass jedes zusätzliche Kilo irgendwann spürbar wird.
Ich nutzte unter anderem einen neun Jahre alten Rucksack, den ich mir damals in den USA gekauft hatte, um die Radzwillinge auf den Gipfel des Mt. Whitney zu begleiten und zu Filmen. Es war einer der ersten leichten Ultra-Light Rucksäcke, die es gab. Ich hatte ihn bei zahlreichen Einsätzen dabei.




Trotzdem war meine Ausrüstung auf den ersten Caminos weit entfernt von dem, was ich heute mitnehmen würde. Ich nahm das mit, was da war, was funktionierte und was es mir überhaupt ermöglichte, loszugehen.
Es war keine perfekt abgestimmte Ausrüstung. Aber sie war ausreichend.
Und genau das war entscheidend.

Diese ersten Caminos waren für mich viel mehr als nur Wege. Sie waren meine ersten echten Schritte zurück ins Leben. Mit wenig Kraft, mit vielen Einschränkungen, aber mit einem großen Willen, wieder vorwärtszukommen.
Rückblickend hat vieles von dem, was ich damals dabeihatte, funktioniert. Sonst wäre ich nicht unterwegs gewesen. Und doch habe ich relativ schnell gemerkt, dass funktionierende Ausrüstung nicht automatisch gute Ausrüstung ist.
Gerade durch meinen körperlichen Zustand entstand eine besondere Situation. Einerseits wollte ich Gewicht sparen, andererseits brauchte ich in manchen Bereichen mehr als andere. Vor allem bei der Kleidung wollte ich auf der sicheren Seite sein, weil ich nie genau wusste, wie mein Körper reagieren würde. Mir war schneller kalt, vieles war unsicher, und ich wollte Reserven dabeihaben.
So war meine Ausrüstung am Anfang oft ein Kompromiss. Zwischen dem Wunsch, leicht unterwegs zu sein, und der Notwendigkeit, auf meinen Körper Rücksicht zu nehmen.
Mit der Zeit begann ich, mir andere Fragen zu stellen. Nicht nur: Wie viel wiegt etwas? Sondern auch:
Was bringt es mir wirklich?
Was gibt mir Sicherheit?
Und was trage ich vielleicht nur aus Gewohnheit mit?

Genau an diesem Punkt begann die eigentliche Entwicklung.
Mit jedem weiteren Camino und jeder längeren Tour wurde meine Ausrüstung ein Stück durchdachter. Am Anfang nahm ich vor allem das mit, was ich hatte oder was in meiner damaligen Situation möglich war. Denn bei Ultra-Light handelt es sich auch oft um den Preis. Später begann ich immer mehr zu hinterfragen und bewusste Entscheidungen zu treffen.
Gerade beim Weitwandern mit Zelt, Schlafsack und Kochausrüstung wurde mir schnell klar, wie viel Einfluss diese großen Bereiche auf das Gesamtgewicht haben. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass es nicht nur darum geht, immer leichter zu werden. Es geht darum, dass die Ausrüstung zum eigenen Körper, zum Weg und zur jeweiligen Situation passen muss.
Am Anfang war es für mich wichtig, überhaupt ein Zelt dabeizuhaben. Es ging um Schutz, um Sicherheit, um die Möglichkeit, draußen übernachten zu können.
Mit der Zeit haben sich meine Ansprüche verändert. Gewicht, Packmaß und vor allem ein einfacher Aufbau wurden immer wichtiger. Denn wenn man jeden Tag unterwegs ist, merkt man schnell, ob etwas nur irgendwie funktioniert oder ob es einem den Alltag tatsächlich erleichtert.
Heute ist das Zelt für mich nicht mehr nur ein Schutzraum, sondern ein durchdachter Teil meines Systems.



Zu Beginn nutzte ich noch einen Schlafsack aus meiner Zeit vor dem Hirnabszess, einen leichten Northland mit rund 420 Gramm. Ein Schlafsack, der mich lange begleitet hat und mit dem ich viele Nächte draußen verbracht habe.
Doch nach meinem zweiten Camino begann ich, auch hier umzudenken.
Ich entschied mich schließlich für den Sea to Summit Spark I. Mit seinen 350 Gramm ist er noch einmal leichter und gleichzeitig genau auf das reduziert, was ich wirklich brauche.

Dieser Schlafsack begleitet mich seither auf vielen Wegen – am Walkabout, beim JOGLE, am Hexatrek und darüber hinaus.
Für kältere Bedingungen nutze ich zusätzlich den Spark II. Denn gerade im Winter zeigt sich schnell, wie wichtig es ist, die richtige Ausrüstung zur richtigen Zeit dabeizuhaben.

Auch bei der Kochausrüstung hat sich im Laufe der Zeit einiges verändert. Wenn man alles selbst trägt, wird jedes einzelne Teil irgendwann zur Frage.
Je nach Tour koche ich entweder mit Gas oder mit Spiritus. Gas ist für mich die einfachere und verlässlichere Lösung, während Spiritus mehr Aufmerksamkeit und ein ruhigeres Arbeiten erfordert. Manchmal kein leichtes Unterfangen bei meiner schlechten Feinmotorik.


Auf den Caminos in Spanien gehe ich noch einen Schritt weiter und verzichte beinahe ganz auf das Kochen. Bei den vielen Cafés und Restaurants unterwegs kein Problem.
Diese Entscheidung reduziert nicht nur das Gewicht, sondern verändert auch die Art des Unterwegsseins. Es wird für mich einfacher.

Denn alles, was ich nicht tragen muss, macht jeden Schritt ein wenig leichter.
Meine Ausrüstung lässt sich nicht nur beschreiben, sondern auch konkret nachvollziehen.
Hier findest du einige meiner Setups aus verschiedenen Phasen:
Für mich sind diese Listen mehr als reine Aufstellungen. Sie zeigen meinen Weg. Man erkennt darin, wie sich Prioritäten verschieben und wie aus einer eher pragmatischen Ausrüstung nach und nach ein stimmiges Gesamtsystem entsteht.
Besonders deutlich wird die Qualität der eigenen Ausrüstung im Winter.
Kälte, kürzere Tage und oft auch mehr Unsicherheit verlangen nach einem guten Gleichgewicht zwischen Reduktion und Verlässlichkeit. Gerade hier reicht es nicht, einfach nur leicht unterwegs sein zu wollen. Die Ausrüstung muss funktionieren.
Und doch war es für mich spannend zu sehen, dass ich auch unter diesen Bedingungen mit der Zeit immer bewusster und leichter unterwegs sein konnte.
Ein Wintercamino mit rund drei Kilogramm Basisgewicht wäre für mich früher kaum vorstellbar gewesen. Nicht, weil ich es nicht gewollt hätte, sondern weil mir die Erfahrung gefehlt hat.

Der Weg selbst hat mir gezeigt, was möglich ist.
Wenn ich heute auf meine Camino- und Weitwanderausrüstung zurückblicke, dann sehe ich nicht nur einzelne Gegenstände. Ich sehe meinen eigenen Weg darin.
Ich sehe, wie sich mit den Jahren nicht nur meine Ausrüstung verändert hat, sondern auch mein Blick auf das Wesentliche.
Am Anfang ging es darum, überhaupt loszugehen. Mit dem, was da war. Später begann ich zu verstehen, was ich wirklich brauche – und was nur Ballast ist. Nicht nur im Rucksack, sondern manchmal auch im Kopf.
Mit jedem weiteren Weg wurde meine Ausrüstung einfacher, stimmiger und bewusster. Nicht perfekt, aber passend.
Denn gute Ausrüstung muss nicht beeindrucken. Sie muss tragen, entlasten und zum eigenen Weg passen.

Gerade nach allem, was ich erlebt habe, hat dieses Thema eine tiefere Bedeutung bekommen. Es geht nicht nur um Gramm oder Materialien. Es geht auch um Freiheit, Selbstständigkeit und Vertrauen.
So ist meine Ausrüstung heute nicht einfach nur leichter geworden. Sie ist aus vielen Erfahrungen entstanden. Aus Versuchen, aus Fehlern und aus unzähligen Tagen draußen.
Und sie wird sich weiter verändern. So wie sich Wege verändern. So wie man sich selbst verändert.
Am Ende ist Ausrüstung für mich mehr als das, was ich auf dem Rücken trage.
Sie ist ein Teil meines Weges geworden.
Und vielleicht ist genau das das Schönste daran:
Dass man mit jedem Schritt nicht nur weitergeht, sondern auch klarer sieht, was man wirklich braucht - am Weg, wie im Leben!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
„Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet.“
Es ist eine Lebensqualität, die ich mir Tag für Tag erarbeiten muss, damit sie bleibt und damit sie nicht wieder verloren geht. Denn nach dem Hirnabszess war nichts mehr selbstverständlich, und vieles, was früher einfach war, wurde plötzlich zu einer Herausforderung. Mein Körper funktionierte nicht mehr wie zuvor, und auch mein Gehirn arbeitete anders, sodass ich lernen musste, mit diesem neuen Zustand zu leben.
Vieles war reduziert auf das Jetzt, weil ich gar nicht weiter vorausdenken konnte. Auf den nächsten Schritt, den ich setzen musste, und auf den nächsten Atemzug, der mich im Moment hielt. Denn mehr war oft nicht möglich.
Und genau dort, in dieser Beschränkung und gerade weil alles auf das Wesentliche reduziert war, verstand ich, was mich wirklich lebendig macht. Nicht das Große und Weite, sondern das Kleine und Nahe. Nicht das Morgen, sondern das Jetzt, weil nur hier Leben spürbar ist.

Ein Schritt nach dem anderen. Millionenfach wiederholt. Immer wieder hinaus. In die Natur. In die Wälder, auf die Wege, über Asphalt und Schotter. Die Natur wurde meine Therapie Nummer eins. Sie fordert mich, aber sie überfordert mich nicht. Sie spiegelt mir meinen Zustand – jeden Tag aufs Neue.
Lebendig fühle ich mich nicht, wenn alles leicht ist. Sondern wenn ich spüre, dass ich wirke. Dass ich etwas bewege. Dass ich trotz Einschränkungen weitergehe. Dieses Weitergehen ist kein Leistungsbeweis. Es ist ein inneres Ja zum Leben.
Erst später wurde mir bewusst, warum mich früher Leistungs- und Extremsport so angezogen haben. In der Bewegung spürte ich mich besser. Dort, wo es weh tut, liegt oft auch eine Wahrheit über sich selbst.

Und dann ist da die Freude. Heute ist sie wichtiger denn je. Sie wirkt oft leise. Ein Moment auf einem Waldstück, wenn das Licht durch die Bäume fällt. Das Wissen, wieder ein Stück sicherer gegangen zu sein. Oder einfach Dankbarkeit, dass ich überhaupt gehen kann.

Über die Jahre habe ich gelernt: Gehe ich weniger, übe ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, zieht sich etwas in mir zurück. Nicht nur die Muskulatur. Nicht die Propriozeption, diese Tiefensensibilität, die kein fixer Besitz mehr ist, sondern etwas, das ich mir durch millionenfaches Wiederholen zurückerobert habe und zu erhalten versuche.
Lasse ich nach, wird auch das Gehen unsicherer. Auch die innere Lebendigkeit wird dann weniger. Sie braucht Bewegung. Sie braucht Wiederholung. Sie braucht Hingabe.

In meinem ersten Leben war ich vieles, doch der Leistungssport war vor allem eines: ein Versuch, mich selbst kennenzulernen. Dieses Leben an der Grenze ließ mich wachsen – geistig wie körperlich. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht und besonders die Reaktion wurden geschärft und zu einem Teil von mir.
Später, als Videojournalist, zehrte ich davon. Schnell erfassen. Richtig reagieren. Den Überblick behalten. Der Sport war dafür die beste Schule.
Der Sport lehrte mich, Leistung zu bringen. Aber noch wichtiger war mir immer die Haltung dahinter. Leistung ohne Ethik war für mich nie erstrebenswert. Dieser Wert begleitet mich bis heute. Er ist geblieben – wie das Gehen. Wie das Streben nach Entwicklung. Schritt für Schritt.

Dem zu folgen, was mich lebendig macht, bedeutet nicht, nur das Angenehme zu wählen. Es bedeutet, dem nachzugehen, was Sinn stiftet. Was mich aufrichtet. Was mich in Verbindung bringt – mit mir selbst und mit der Welt um mich herum.
Für mich sind es nicht nur die täglichen Wege. Es ist auch das Weitwandern. Das Pilgern. Stundenlanges Gehen. Tag für Tag. Schritt, Atem, Schritt. Nicht um besondere Leistungen zu vollbringen. Nicht um Rekorde zu sammeln, sondern um meinen Körper zu regulieren und Stabilität zu schaffen.
Diese langen Wege bringen mein Nervensystem in einen Rhythmus. Sie geben meinem Körper jene Wiederholungen, die er braucht. Für Außenstehende mag das extrem wirken. Für mich ist es kein Extremsport mehr. Es ist Erhalt und es ist notwendig, um selbstständig zu bleiben. Um nicht erneut zum Pflegefall zu werden.

Mir ist bewusst, dass nicht jeder diesen Weg gehen kann – und ihn auch nicht gehen muss. Jeder Mensch hat seine eigene Form, lebendig zu bleiben. Schreiben. Musizieren. Gärtnern. Gespräche führen. Wichtig ist nicht, was es ist. Wichtig ist, dass es einen stärkt.
Nach zehn Jahren weiß ich: Lebensqualität entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Ausrichtung. Durch die bewusste Entscheidung, dem Raum zu geben, was nährt. Und das loszulassen, was dauerhaft schwächt.
Für mich ist es das Gehen. Die langen Wege. Das Unterwegssein.
Vielleicht ist das die eigentliche Essenz: Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet. Nicht irgendwann. Sondern heute. Schritt für Schritt.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Mein Herbst- und Winter-Camino Francés steht für meinen Weg zurück ins Leben. Vor Jahren hat ein Hirnabszess alles aus der Bahn geworfen. Nichts war mehr selbstverständlich, nicht einmal das Gehen. Was einst unbewusst geschah, wurde zur täglichen Übung.
Warum mir das Gehen hilft, der Starrheit zu entkommen, darüber erzähle ich. In jedem Schritt liegt Bewegung – körperlich wie innerlich. Draußen in der Natur finde ich Freiheit und Weite. Das Gehen ist meine Therapie Nummer eins.

Hier zum Anfang meiner Geschichte, die vor 10 Jahren begann.
Den Camino Francés bin ich diesmal in nur 17 Tagen gegangen, plus vier Tage nach Muxia und Finesterre und nochmal drei Tage zurück nach Santiago. Ein Tempo, das früher nie möglich gewesen wäre. Und doch wurde es möglich, weil mich dieses Gehen trägt, weil es mich innerlich ordnet.

Unter allen Umständen wollte ich damals das Gehen lernen, um all das wieder spüren zu dürfen. Es war ein immenser Aufwand dafür nötig, aber es hat sich gelohnt. Jeder zusätzliche Schritt benötigte Wochen, aber ich dachte nie ans Aufgeben.
Ich konnte Teile meiner Propriozeption zurückerobern, aber leider nicht alles und nachhaltig. Ich muss dranbleiben. Eines der wenigen "muss" in meinem Leben. Ich habe nicht einfach Gehen gelernt – ich habe mein Ich-Gefühl zurückgeholt.
Bei meinem Thalamus-Hirnabszess verlor der Körper nicht nur Funktionen, sondern auch die Selbstwahrnehmung:
Das nennt man propriozeptive Identität. Und ich habe darum gekämpft, sie zurückzubekommen. Nicht für Kilometer. Nicht für Fitness. Sondern für das Gefühl: „Ich bin wieder ich.“
Viele Menschen begreifen das nicht, aber ich habe nicht nur Gehen gelernt – ich habe mich selbst damit zurückerobert.
Diesmal durfte ich in der Rioja die Sonne, in der Meseta die Kälte, am C'Obreiro den Schnee und in Galizien den Regen spüren. Es war wundervoll, in jeden dieser Abschnitte tief einzutauchen. Andere Pilger konnten oft nicht verstehen, wie ich oft angesichts des Wetters so positiv gestimmt sein konnte.




Zehn Jahre lebe ich jetzt mit den Folgen des Hirnabszesses.
Allein am Leben zu sein – das ist mein größter Verdienst.
In all diesen Jahren habe ich keinen einzigen Tag vergeudet. Vielleicht nicht jeden Tag geschafft – aber keinen verschenkt.
Vieles hat sich verschoben. Vor allem die Prioritäten.
Heute geht es nicht mehr darum, etwas zu erreichen.
Es geht darum, lebendig zu sein.
Dieses Leben zu spüren – mit jeder Faser.
Geld? Status? Erfolg?
Nicht mehr das, woran ich mich orientiere.
Das eigentliche Gut liegt woanders.
Es liegt darin, da zu sein.
Hier. Jetzt.
Und dieses Geschenk auch wirklich wahrzunehmen.
Bewusst. Dankbar. Schritt für Schritt.

Das rhythmische Gehen – dieses einfache, beinahe meditative Hin und Her von links nach rechts – wirkt auf mein Körpersystem wie eine sanfte EMDR in Bewegung. Es stimuliert den Vagusnerv, beruhigt mein Nervenkostüm und verleiht meinem Inneren Stabilität.
In der Bewegung finde ich Halt. Sobald ich weniger gehe oder das Gehen aussetze, gerät mein System ins Wanken. Die Starrheit, dieser kaum greifbare Zustand zwischen Erstarrung und Rückzug, breitet sich rasch aus, wenn die Schritte fehlen. Es ist, als müsste sich mein Körper im Gehen erst daran erinnern, wie Regulation funktioniert.
Nichts davon ist selbstverständlich. Kein Tag, an dem sich mein Körper von selbst ordnet. Was nach außen oft mühelos wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Wiederholungen, geduldiger Übungen und vieler Anläufe.
Nichts davon ist selbstverständlich. Kein einziger Tag, an dem sich mein Körper mühelos ordnet. Diese Stabilität, die nach außen oft so leicht wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Übungen, Wiederholungen, Versuche. Bleibe ich zu lange still, verliert mein System seinen Halt – und ich muss mir den Weg zurück in die Beweglichkeit erst wieder erarbeiten.
Das Gehen ist dabei nicht nur Fortbewegung. Es ist mein tägliches Ringen darum, nicht in dieser Starrheit zu versinken. Jeder Schritt hält mich im Leben, Schritt für Schritt, immer wieder neu. Es ist nie mühsam, sondern bereitet mir Freude.
Mühsam wird es nur dann, wenn ich gegen mich selbst arbeite – wenn ich mehr will, als mein System geben kann. Doch gerade darin liegt ein Geschenk: Dieses Gehen ist ein „Muss“, das nicht eng macht, sondern mich befreit. Ein „Muss“, das mir Bewegung schenkt – und damit Freiheit.

All das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass Bewegung meine Hauptregulationsstrategie ist.
Doch dieses Gefühl hält nur, solange ich in Bewegung bleibe. Zu Hause gehe ich auch viel, aber längst nicht so viel wie hier oder auf meinen Weitwanderwegen.
Und dann, im Alltag, spüre ich die Starrheit wieder deutlicher. Sie sitzt dann tiefer und rührt stärker.

Zu Hause bewege ich mich weniger – und das bedeutet: weniger Regulation.
Auf dem Camino ist alles anders. Dort bin ich im Ausnahmezustand, aber im besten Sinne. Der Weg schenkt mir Richtung und Sinn. Ich bin eingebunden in eine Gemeinschaft, umgeben von Natur, frei von vielen Verpflichtungen. Es ist, als würde der Weg selbst zur Therapie werden – mit jedem Schritt ein Stück mehr bei mir.
Zu Hause hingegen ist vieles enger. Die vertraute Umgebung, alte Gewohnheiten, Erinnerungen – sie alle berühren andere Ebenen meines Nervensystems. Stressreaktionen, die ich auf dem Camino kaum noch spüre, tauchen hier wieder auf. Dort bin ich im Fluss – hier falle ich leichter zurück in alte Muster.
Am Anfang meiner Erkrankung war mein Fokus ganz klar: Ich wollte, dass es mir gut geht. Stabilität war alles. Heute – mit mehr innerer Sicherheit – lässt mein Gehirn auch anderes zu. Es zeigt mir Stellen, an denen noch etwas offen ist. Alte Traumata, die tiefer liegen, dürfen sich nun langsam zeigen. Vielleicht, weil ich heute besser damit umgehen kann.
Eine Frage begleitet mich dabei schon seit Jahren: Schützt mich das noch – oder verdränge ich etwas? Darauf zu achten, ist mir wichtig. Denn der Unterschied ist fein – aber entscheidend. Und auch das ist ein Teil meines Weges: nicht nur weiterzugehen, sondern bewusster hinzusehen.

Diese Frage begleitet mich, weil mein Körper mir darauf längst Antworten gibt. Ich spüre sie in der erhöhten Muskelspannung, in diesen Momenten des Erstarrens, in der Mischung aus innerer Starre und äußerer Steifheit, die mich manchmal daran hindert, fließend zwischen Aktivität und Ruhe zu wechseln.
Es ist keine einfache, keine eindeutige Starre. Sie ist eine Melange aus vielem, was sich im Laufe der Jahre angesammelt hat: neurologische Nachwirkungen, alte Freeze-Muster, die tief im Nervensystem verankert sind, zu wenig intensive, tägliche Bewegung und emotionale Altlasten, die sich ihren Platz im Körper gesucht haben. All das greift ineinander, verstärkt sich gegenseitig und zeigt sich nicht im Kopf allein, sondern im ganzen Sein.
Das Gehen hilft mir, dem etwas entgegenzusetzen. Es bringt Bewegung in das, was fest geworden ist, löst Schicht für Schicht und wirkt dort, wo Worte oft nicht mehr hinkommen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Aber es löst nicht alles.
„Ich schöpfe das Wasser aus dem Boot, aber ich repariere noch nicht das Leck.“
Gehen ist für mich ein Geschenk. Ein Werkzeug. Eine tägliche Medizin.
Aber wenn die Starre zurückkommt, spüre ich:
Da ist noch etwas, das gesehen werden will.
Etwas, das mehr braucht als Bewegung.
Was es braucht?
– Regulation, auch in der Ruhe.
– Eine sichere Bindung.
– Eine Hand, die mich therapeutisch begleitet.
– Atem, der durch die Enge führt.
– Körperarbeit, die tiefer reicht.
– Und Integration – anstelle der Flucht in Aktivität.
Denn so sehr das Gehen mir gibt – es ersetzt nicht das Innehalten.
Und vielleicht liegt genau darin der nächste Schritt.

Ja – meine Starrheit hat viel mit Trauma zu tun. Und mit einem Nervensystem, das seit dem Hirnabszess nachhaltig verändert wurde.
Ja – das Gehen wirkt regulierend. Es tut gut. Es heilt auf seine Weise.
Aber: Es löst das Trauma nicht vollständig.
Es bringt Erleichterung.
Es schenkt Momente der Lebendigkeit.
Doch die tieferen Ursachen brauchen andere Räume, andere Formen der Verarbeitung.
Und trotzdem ist es für mich ein starkes Zeichen, wenn ich unterwegs – besonders auf dem Camino – wieder fließender werde.
Denn es zeigt mir:
➡️ Mein Körper kann.
➡️ Meine Lebendigkeit ist nicht verloren.
➡️ Mein Nervensystem ist lernfähig, plastisch – und auf Heilung ausgerichtet.
Das ist ein gutes Zeichen.
Es bestätigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
"Heilung" heißt für mich nicht, wieder zu werden wie früher.
Es heißt: mit dem, was ist, gut leben zu lernen.
Und genau daran arbeite ich –
jeden Tag, Schritt für Schritt,
im Gehen
und in der behutsamen Arbeit an mir selbst.
Ausrüstungsliste am Camino Francés im November 2025 https://lighterpack.com/r/5m6vdv
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Einige Tage sind vergangen, seit ich meinen Camino abgebrochen habe, in denen ich Ursachenforschung betreiben konnte. Es war kein dramatischer Moment, in dem alles plötzlich zu viel wurde. Eher ein langsames, inneres Leiser werden. Ein Ziehen und Zerren, im Körper und der Seele. Bis die Erkenntnis kam: Ich gehe nicht weiter.
Es war ein inneres Wissen: Weiterzugehen hätte mir nicht gutgetan. Beim Weitwandern lernte ich, dass sich vieles unterwegs verändern kann. Der Körper, die Gedanken, Wetter, Wege. Erfahrene Wanderer raten: „Warte einen Tag, iss gut, ruhe dich aus – und dann spür noch einmal hinein.“
Seit dem Hirnabszess hat sich jedoch meine Wahrnehmung verändert. Ich bin feinfühliger geworden, nicht nur körperlich, auch seelisch. Ich spüre sehr genau, wann etwas stimmig ist und wann nicht. Diesmal sagte alles in mir: Es ist genug für jetzt. Der Weg ist noch nicht vorbei, das Beenden an diesem Punkt richtig.

Ich habe den Camino Integral abgebrochen. Nicht aus einem einzigen Grund, sondern aus vielen kleinen, die zusammen ein großes „Nein“ ergaben. Meine Entscheidung war nicht gegen den Weg, sondern gegen das Weitergehen um jeden Preis. Denn eines habe ich gelernt in den letzten Jahren nur das zu tun, was mir guttut.
Es war keine schwierige Entscheidung, denn meine Gesundheit hat immer oberste Priorität. Natürlich mache ich es mir nicht leicht, denn leichtfertig gibt man so eine Unternehmung nicht auf und bisher hat ja das meiste geklappt, bloß war es diesmal notwendig.

Ich spürte es in den Beinen und noch mehr im Herzen. Der Körper wurde schwer. Die Gedanken laut. Die Freude am Gehen wich einem inneren Druck, der mit jedem Schritt größer wurde. Die Beine spürten sich an, wie noch nie in den letzten Jahren. Es ist das erste Mal, dass ich einen Camino abgebrochen habe.
Wieder zu Hause bewege ich mich wie durch Nebel. Nicht nur äußerlich, auch innerlich ist vieles verschwommen. Entscheidungen fallen mir schwer und so versuche ich nicht zu viel zu denken. Die kleinsten Aufgaben fordern mich heraus. Manchmal ist schon das Aufstehen am Morgen ein Kraftakt.

Ich beginne zu ahnen, vielleicht war dieser Abbruch kein Zeichen von Schwäche. Sondern ein Ausdruck von etwas Tieferem. Vielleicht ist mein Körper längst weiter als ich.
Vielleicht hat das Gehen etwas gelöst – aber nicht auf eine Weise, wie ich es erwartet hätte. Die ersten Tage sind der Ursachenforschung gewidmet.

Um die Ursache zu finden, heißt es zunächst Innenschau zu halten, zu Pausieren und mit viel Ruhe.
Dieser Abbruch ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Ausdruck von etwas Tieferem. Etwas, das gesehen werden will. Vielleicht ist mein Körper längst weiter als ich. Vielleicht hat dieser Weg etwas freigelegt, das lange verborgen war oder ich mir nie anschauen wollte.
Schon seit meinem kurzem Camino im Mai habe ich eine Veränderung an mir gemerkt. Irgendetwas war anders, aber ich konnte es nicht benennen. Es gab immer wieder Anzeichen, aber ich wollte sie nicht sehen. Im Gegenteil, ich dachte daran, dieses Befinden am Weg weggehen zu können.
Je tiefer ich in mich hineinschaue, desto mehr spüre ich: Das, was gerade in mir geschieht, hat nicht erst mit dem Camino angefangen. Und es hört auch nicht mit dem Abbruch auf.
Ich habe angefangen - wieder einmal - mich mit der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) zu beschäftigen – nicht, weil ich eine Diagnose suche, sondern weil ich verstehen will, warum mein Körper so reagiert, wie er reagiert. Warum ich manchmal einfach nicht mehr kann, obwohl ich „eigentlich“ doch will.
Schon im März 2022, unterwegs am Camino Frances, geschah etwas, das tiefer ging. Ich ging damals weiter, ging es mir gewissermaßen im Gehen weg, denn da bin ich bei mir. Schritt für Schritt fand ich wieder Zugang zu mir selbst.
In Rücksprache mit meiner Tanztherapeutin griff ich auf Werkzeuge zurück, die ich durch die Tanztherapie kennengelernt hatte. Bewegungen, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele in Schwingung bringen. Es brauchte Zeit, Geduld – und viele Wege unter meinen Füßen. Doch schließlich konnte ich es auflösen. Auf meine Weise. Im Gehen. Im Spüren.

Es passiert mir nicht oft, aber auch neun Jahre nach dem Hirnabszess ist diese Möglichkeit des Trauma da.
Sie ist eine Reaktion auf etwas, das einmal zu viel war.
Zu viel Schmerz. Zu viel Ohnmacht. Zu viel Einsamkeit.
Viele Menschen mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung haben andauernde oder wiederholte traumatische Erfahrungen durchlebt.
Bei mir war es die langanhaltende Krankheit und die medizinischen Eingriffe, die mehr waren als nur Belastung – sie waren vkomplexer posttraumatischer Belastungsstörunerbunden mit Angst, Isolation und dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.
Doch die eigentlichen Auslöser reichen weiter zurück. Es sind Muster aus der Vergangenheit, tief eingegraben, oft unsichtbar – aber wirksam. Der Kopf mag vieles vergessen haben, aber der Körper nicht.
Er erinnert.
Und manchmal spricht er. In Form von Erschöpfung, in Form dieser inneren Leere. Oder in diesem schwer zu greifenden Gefühl: „Ich kann nicht mehr.“
Komplexe PTBS begleitet mich seit Jahren. Sie kehrt zurück – weil mein Gehirn nicht mehr so arbeitet wie früher. Oft will ich mehr, als mein Kopf zulässt. Doch genau das zwingt mich dann hinzuschauen.
Manchmal ist ein Abbruch kein Rückschritt.
Sondern der Anfang von etwas Neuem. Der Beginn von Heilung.
Gerade frühe Erfahrungen hinterlassen Spuren. Auch wenn sie im Nachhinein kaum noch greifbar sind. Der Kopf blendet aus. Der Körper nicht.
Er erinnert.
Und manchmal erinnert er so laut, dass ich ihn nicht mehr überhören kann.
Dieses „Ich kann nicht mehr“ – es fällt nicht einfach so vom Himmel. Es ist ein Echo.
Ein Echo einer Geschichte, die viel früher begonnen hat.
Die Diagnose einer kPTBS gehört in erfahrene Hände. Ich weiß:
Ich will da hinschauen.
Ich will heilen.
Und ich muss es nicht allein tun.
Es gibt viele therapeutische Wege, die speziell für Menschen mit komplexer Traumatisierung entwickelt wurden. Einige davon werde ich mir näher anschauen – einige kenne ich schon:
Sie alle laden dazu ein, das Erlebte zu spüren, zu integrieren, zu wandeln.
Langsam und in sicherem Tempo. In Beziehung.
Vielleicht ist dieser Abbruch nicht mein Ende – sondern mein Anfang.
Und vielleicht geht es beim Gehen nicht immer darum, vorwärtszukommen.
Sondern manchmal einfach darum, anzuhalten – und zuzuhören.

Ich wollte mich auf diesem Camino finden.
Und fand mich im Stillstand.
Im Abbruch.
Im Anhalten.
Aber vielleicht beginnt genau hier ein anderer Weg.
Mein Camino Integrale dauerte nicht lange, aber jeder Schritt war den Weg wert. Es ist ein weiterer Schritt zu "ganzheitlich“ oder „das Ganze betreffend”. Ich bedauere es nicht, den Camino abgebrochen zu haben.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Was vor Jahren als Neuanfang begann, ist heute eine Reise, die weit über das Gehen hinausgeht. Mein Camino Integrale wird mich von der eigenen Haustür bis nach Finesterre führen. 3.500 Kilometer zu Fuß, durch die Natur, über Berge und durch Städte. Dazwischen, die letzten Etappen des HexaTrek, durch die Pyrenäen, die mir noch fehlen.
Der Hirnabszess wirkte wie das Ende, aber es wurde zum Anfang eines Lebens, das ich Schritt für Schritt neu zusammensetzen musste.
Körperlich. Geistig. Innerlich.
Gewonnen habe ich schon jetzt, denn zu (Über-)Leben ist mein größter Gewinn geworden. Allerdings liegt ein weiter Raum zwischen dem bloßen Überleben und dem wirklichen Leben. Akzeptieren wie es ist, bleibt ein wichtiger Bestandteil, doch ich werde nie hinnehmen, dass es so bleiben muss. Das ist Teil meiner Motivation.
Der Camino Integrale ist kein klassischer Jakobsweg, wie der Name vielleicht darauf hindeutet. Denn es ist ein Weg, den ich für mich einfach so genannt habe.
Ein Weg des Erinnerns, des Reduzierens, des Wiederfindens.
Ein Weg, der verbinden soll, was lange getrennt war: Körper und Geist – mit dem Leben selbst.
Seit neun Jahren versuche ich Grenzen zu verschieben und ins Leben zu kommen. Ob und wie weit dieser Weg wirklich wird, weiß ich noch immer nicht.
Der Weg nach Finesterre wird in jedem Fall ein weiterer wichtiger Schritt sein, denn im Gehen bin ich bei mir und lebe am besten mit den Handicaps.

Der Camino Integrale – diesen Pilgerweg gibt es nicht dem Namen nach, er existiert nur in meinem Kopf. Integral bedeutet „ein Ganzes ausmachend“, „vollständig“, „unversehrt“ oder auch „nicht geteilt“. Genau deshalb habe ich dieser Reise diese Überschrift gegeben. Es ist für mich weit mehr als nur ein Pilgerweg. Denn er beschreibt meinen Versuch, seit nunmehr neun Jahren die Bruchstücke meines Lebens wieder zu einem Ganzen zu fügen.

Vor einigen Jahren hatte ich einen Hirnabszess, der vieles verändert hat, körperlich wie geistig. Seitdem ist nichts mehr selbstverständlich. Auch das Gehen nicht. Koordination, Körperwahrnehmung, Gleichgewicht, alles musste ich mir mühsam zurückholen und muss weiterhin täglich daran arbeiten, es zu erhalten.
Jeder Weg seither ist eine Übung, jede Wanderung ein Stück mehr Selbstermächtigung. Die Rückeroberung von etwas, das einst selbstverständlich war. Wer macht sich schon Gedanken, über das eigene Gehen oder wie von einem Sessel aufstehen.
„Integrale“ steht dabei für das Ganze – für einen Weg, der
Es ist mein Weg durch Städte und Natur, durch Berge und Erinnerungen, durch Gegenwart und Vergangenheit.

Im Camino Integrale verbinden sich:
– meine therapeutischen Schritte, mit meinem inneren Ruf, weiterzugehen.
– das medizinisch Notwendige, mit dem spirituell Heilsamen.
– das Leben danach, mit dem Menschen, der ich immer war – und der ich wieder werden möchte.

Der Entschluss begann vor langer Zeit in mir zu reifen:
Im Juli breche ich zu Fuß auf – von zu Hause bis nach Santiago de Compostela, genauer gesagt: bis Finesterre. Kein Flug, kein Zug, kein Bus. Ich möchte den ganzen Weg gehen. Vom ersten Schritt an, bis zum Ende.
Die Idee dazu begleitet mich seit meinem ersten Camino 2018. Damals begegnete ich einem Ehepaar aus Holland, das direkt vor der eigenen Haustür gestartet ist. Diese Begegnung hat sich tief in mir eingeprägt und hat mich nie mehr losgelassen.
Seitdem ist da dieser Gedanke:
Eines Tages werde ich das auch tun.
Nicht irgendwo einsteigen – sondern zu Hause die Tür hinter mir schließen und losgehen. Dann kam die Pandemie. Der Walkabout 2021 war mein erster Versuch und eine einzigartige Erfahrung, hinter mir die Tür zuzuschließen, zu gehen und zwei Monaten später, sie wieder aufzuschließen.
Und jetzt ist dieser neue Moment gekommen.
Die Zeit ist reif, der Gedanke ist gereift – und der Weg ruft.
Ich werde gehen. Von zu Hause aus. Schritt für Schritt, hinein in das, was vor mir liegt:
mein ganz persönlicher Camino Integrale.
Ich werde wieder leicht gehen. Über die Jahre habe ich meine Ausrüstung immer weiter reduziert, angepasst, verfeinert. Jedes Teil, das ich mitnehme, ist erprobt und sorgfältig ausgewählt.
Nicht nur im Rucksack, sondern auch im Kopf. Ich habe gelernt: Vorbereitung ist mehr als eine Packliste.
Anfangs schleppte ich manches mit, das ich nicht brauchte. Dinge, die mir vermeintlich Sicherheit geben sollten. Doch Sicherheit entsteht nicht durch Gewicht, sie wächst mit der Erfahrung und dem Vertrauen, sich den Bedingungen anpassen zu können.
Allein um im Zelt wirklich schlafen zu können, brauchte ich Jahre. Jahre, in denen ich nicht nur mich, sondern auch meine Ausrüstung Schritt für Schritt weiterentwickeln musste.
Zum Grammzähler wurde ich nicht aus Prinzip, sondern aus Notwendigkeit. In vielem verwende ich die gleichen Dinge wie früher, aber eben leichter.

Mein gesamter Rucksack wurde mit diesen Optimierungen in vielen Bereichen um bis zu einen Kilogramm leichter. Das klingt nicht nach viel, ist für mich mit der Muskelschwäche aber enorm.
Heute weiß ich: Weniger ist oft mehr.
Ultralight ist für mich keine Mode, es ist Voraussetzung. Da ich nicht laufen kann, brauche ich trotzdem mehr zum Anziehen oder Wetterschutz. Trotz mehr Ausrüstung, bringe ich es auf knapp 5 Kilogramm Basisgewicht.
👉 Zur Packliste: Camino Integrale 2025


Es wird nicht der direkte Weg nach Santiago werden.
Denn mich zieht es in die Berge. Genauer gesagt, in die Pyrenäen. Dort baue ich zwei Etappen des HexaTrek ein, die Abschnitte fünf und sechs, die ich ja noch nicht gegangen bin. Ein Umweg, ja. Aber vor allem ein Herzstück meiner Tour.

2.000 Kilometer HexaTrek liegen bereits hinter mir.
Was noch offen ist, sind die letzten 1.000 km – durch die Pyrenäen.
Diesmal will ich sie gehen und sie mit dem Weg nach Santiago verbinden. Der Jakobsweg beginnt für mich zu Hause, nicht erst in Frankreich. Er führt über Le Puy-en-Velay, dorthin, wo der Hexatrek ganz nah ist, weiter bis nach Carcassonne.
Wie bei all meinen Wegen gilt auch diesmal:
Die genaue Strecke entscheide ich unterwegs.
Ich laufe nicht nach Plan, sondern nach Gefühl.
Und wenn ich spüre, dass es genug ist,
dann höre ich auf – ganz gleich, wo ich gerade bin.
Denn es geht nicht ums Ankommen.
Es geht für mich darum, unterwegs zu sein.
An oberster Stelle steht für mich immer noch, eine gute Zeit in Freude zu verbringen. Jeder Tag seit dem Hirnabszess ist ein gewonnener Tag und so soll es bleiben. Kampf und Krampf wäre das falsche Signal an meinen Körper.
Weil es mir nicht nur ums Ziel geht – sondern um den Weg dorthin.
Ich suche keine kürzeste Verbindung mehr. Ich suche Erfahrung.
Und die finde ich vor allem dort, wo es still wird.
In den Bergen. In den Weiten. In der Natur.
Dort, wo jeder Schritt fordert und zugleich etwas zurückgibt.
Letztes Jahr, in den Alpen, habe ich ein Ziel erreicht, das sich 2016 im Krankenhaus geformt hat.
Ich hatte durch den Hirnabszess meine Propriozeption beschädigt, aber in meinem Kopf liefen Bilder vom Eiger Ultra Trail.
Wie ich vom höchsten Punkt, dem Faulhorn, über die steilen Felshänge hinuntersprang.
Für mich war das: Propriozeption in Bestform.
Und ich dachte: Wenn ich das je wieder schaffe, dann funktioniert auch alles andere.

Der Gedanke war gut, aber es sollte nicht ganz so kommen.
Letztes Jahr, am HexaTrek – in den Nordalpen, mit Blick auf den Mont Blanc – kam ich diesem inneren Bild erstaunlich nahe. Die Tage rund um die Cheval Blanc wurden zu einem Meilenstein meiner Rehabilitation. Körperlich. Mental.
Trotzdem musste ich erkennen:
Ich habe nur einen Teil davon erreicht. Und den mit Abstrichen.
Es war wichtig. Aber ich habe zu verstehen, es ist noch nicht das Ende. Das Gefühl in den Beinen ist nicht zurückgekommen. Jeder Schritt fordert das Gehirn - ob ich am Berg gehe oder durch de Stadt.
Denn Heilung ist kein Gipfel.
Es bleibt ein Weg und sogar ein längerer, als gedacht.

Ich habe dort ein körperliches Ziel erreicht – eines, das ich mir im Krankenhaus gesetzt hatte. Aber heil bin ich deshalb noch lange nicht.
Körperliche Fortschritte sind sichtbar, spürbar – und doch ist da mehr, das bleibt zum Heil werden.
Denn Heil(ung) ist kein Punkt auf der Landkarte.
Es ist ein Weg, der tiefer führt. Einer, den ich auch innen gehen muss. Das spüre ich umso mehr, je länger es dauert.
Das zehnte Jahr nach dem Hirnabszess hat begonnen. Seit vorigem Jahr kann ich immer öfter über mehr Dinge nachdenken, was ich bisher nicht konnte. Aber ich muss aufpassen, möchte kein Trauma wecken. Besonders die Zeit bis zwei, drei Jahre nach dem Hirnabszess belastet mich noch. Daher habe ich auch das Buchschreiben hintangestellt, denn das Schreiben kann Traumen auslösen.
Mein Weg ist mehr ein geistiger geworden, ein Weg der Verarbeitung, des Verstehens, des Wachsens.
Ich bin weiter als früher. Aber noch nicht am Ende. Vielleicht auch nie.
Mein Weg ist ein leises, fortwährendes Lernen. Schritt für Schritt. Es verändert sich beinahe täglich und wöchentlich. Ich kann seit heuer gedanklich vieles besser verarbeiten, muss aber aufpassen, nicht im Denken stecken zu bleiben.
Bis zum Aufbrechen, steht noch ein medizinischer Abschnitt an: die nächste Etappe meiner Zahnsanierung. Und es ist wirklich eine Etappe.
Durch den Hirnabszess mussten mir mehrere Zähne gezogen werden. Ein Teil konnte bereits ersetzt, saniert und repariert werden, doch einiges blieb offen. Nun, im Mai und Juni, folgten wieder mehrere Sitzungen.
Auch das ist kein Abschluss, sondern ein weiterer Schritt – einer von vielen auf meinem Weg zurück zu mehr Ganzheit.
Das gehört auch zu meinem Camino Integrale:
nicht nur draußen unterwegs zu sein, sondern auch im eigenen Körper wieder Heimat zu finden.

Ein Punkt, der mich gerade stark beschäftigt:
Mein Gehirn reagiert verzögert – in der Koordination, in der Reizverarbeitung, im Gleichgewicht.
Es ist keine Überraschung. Und doch immer wieder eine Erinnerung:
Mein Nervensystem bleibt empfindlich und reagiert schnell. Nicht immer zum Positiven.
Ich weiß, was das unterwegs bedeuten kann.
Zu viele Reize. Kognitive Erschöpfung. Wackelige Tage,
an denen die Tiefensensibilität nachlässt.
Ich bin nicht stabil im klassischen Sinn – nicht jeden Tag gleich belastbar.
Nicht planbar. Nicht zuverlässig im Funktionieren.
Gerade deshalb arbeite ich weiter an mir.
An mehr Stabilität – außen wie innen.
Nicht, um wieder zu „funktionieren“,
sondern um freier gehen zu können. Schritt für Schritt.

Denn "draußen" am Trail, fühle ich mich meist wohl und kann auf meine Grenzen achten. Aber ein wichtiger Teil meines Lebens findet auch daheim statt. Und dort stoße oft ich an Grenzen.
Dann beende ich den Tag früher oder wenn es genug ist. Zuhause gehe ich zu oft über meine Grenzen. Mit dem Zug heimfahren, Einkaufen gehen, unter zu vielen Menschen. Kleinigkeiten für die meisten, für mich schwierig zu händeln.

Sicherheit ist für mich kein äußerer Zustand mehr, es ist etwas Inneres geworden. Ich kann nicht alles kontrollieren. Aber ich kann lernen, mir selbst zu vertrauen – in der Bewegung, in der Pause, in der Entscheidung, wann es weitergeht und wann es genug ist.
Ich habe in den letzten Jahren oft erlebt, dass mein Körper mehr kann, als ich mir zutraue und ich ihn nicht überfordere. Und ich habe erfahren, dass Vertrauen nicht auf einmal da ist. Es wächst. In kleinen Schritten. Umso mehr ich ins Leben komme, desto mehr Vertrauen wächst.
Eine meiner Aufgaben ist es, mich intensiv mit meinem Nervensystem zu beschäftigen – denn darin sind noch viele Traumata gespeichert.
Sie zeigen sich auf unterschiedliche Weise: in der Bewegung, besonders in der Halbseitenlähmung, aber auch darin, wie ich auf bestimmte Situationen reagiere.
Genau darum geht es für mich auf diesem Weg:
Nicht alles im Griff zu haben, sondern immer wieder in Verbindung zu treten – mit mir selbst, mit der Natur, mit dem Moment.
Vielleicht ist das die tiefste Form von Sicherheit, die ich kennenlernen kann:
Nicht, dass nichts passiert, sondern dass ich in allem, was passiert, bei mir bleiben kann. Auf dem Camino kann ich dass üben, ohne gleich überfordert zu sein.
Vielleicht werde ich am Camino Integrale an meine Grenzen stoßen. Vielleicht öfter, als ich es mir wünsche.
Aber genau deshalb gehe ich. Nicht, weil alles sicher ist – sondern weil ich wachsen möchte, im Vertrauen.
Vertrauen in meinen Körper und in andere.
Vertrauen in den Weg.
Vertrauen, dass ich mit allem, was kommt, Schritt für Schritt umgehen kann.

Über drei Monate – im Juli, August, September, vielleicht noch im Oktober – liegen vor mir.
Eine Zeit des Gehens, des Draußen Seins, der Begegnungen und des Alleinseins.
Ich gehe nicht, um anzukommen.
Ich gehe, um unterwegs zu sein.
Das Gehen gibt mir Sinn – und ich finde mich selbst darin wieder.
Es hilft mir, mit der Situation klarzukommen. Es lässt mich weitermachen, Schritt für Schritt.
Ohne das Gehen wäre ich nie so weit gekommen.
Jeder Camino, jeder Weitwanderweg hatte seinen Sinn bisher und seinen ganz eigenen Platz in meinem Leben.
Manchmal traue ich mir kaum auszumalen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Weg nicht gegangen wäre und in Zukunft weitergehe.
Das größte Abenteuer ist das Kennenlernen von sich selbst!
Der Weg beginnt vor meiner Haustür.
Alles Weitere wird sich ergeben.
Schritt für Schritt - der Camino Integrale!

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Seit Dezember letzten Jahres arbeite ich intensiv an mir – körperlich, geistig und innerlich. Im Mai war es dann so weit: Ich entschied mich, mich auf den Weg zu machen. Der Camino Francés sollte es sein. Mein Einstiegspunkt: León - 315 km später das Ziel in Santiago. Dazwischen – Berge, Einsamkeit, Weite. Und das alles mit Ultra-Light Gepäck.
Es war eine Gratwanderung. Der Mai kann in Spanien noch erstaunlich kalt sein, vor allem in höheren Lagen. Dennoch wollte ich nur das Allernötigste mitnehmen. Keinen überflüssigen Ballast – weder im Rucksack noch im Kopf. Meine Ausrüstung habe ich bereits im letzten Blogbeitrag vorgestellt.


Erstmals flog ich über Madrid ein. Schon bei der Ankunft war klar: Dies würde kein gewöhnlicher Start werden. Ein großflächiger Stromausfall in ganz Spanien sorgte für Unsicherheit und machte eine späte Weiterreise nach León notwendig. Ich trug nur meinen kleinen Laufrucksack – und niemand hätte wohl geglaubt, dass ich so den Camino gehen würde.
Um 21:45 Uhr kam ich schließlich am Busbahnhof in León an. Zu spät für jede Herberge. Und ein Hotel – das war keine Option für mich. Also reifte in mir der Gedanke, die erste Nacht durchzuwandern. Warum nicht gleich mit einem kleinen Abenteuer starten?
Ich setzte mich in eine noch geöffnete Bar, trank in aller Ruhe einen Kaffee, dazu ein paar Tapas. Für die Nacht hatte ich zwei Proteinriegel, Wasser, eine Mandarine und einen halben Liter Cola im Gepäck. Damit sollte es gehen. Mein Ziel war klar: durch die Nacht, durch die Meseta, bis nach Astorga.
Ein ungewöhnlicher Start – und doch genau richtig
Einen Camino auf diese Weise zu beginnen – mitten in der Nacht, ohne Herberge, ohne festen Plan – mag für viele ungewöhnlich erscheinen. Für mich fühlte es sich genau richtig an. Das Ultra-Light Equipment hat viel dazu beigetragen.
In den letzten Monaten hatte ich mehr und mehr gespürt, wie sehr mir Menschenmengen zusetzen. Die Stadt wurde mir zu eng, zu laut, zu viel. Eine stille Nebenwirkung der intensiven Arbeit an mir selbst.

Und so verließ ich gegen 23 Uhr die letzten Vororte von León. Schritt für Schritt entfernte ich mich von der Stadt, von der Unruhe, vom Lärm. Über mir ein weiter Himmel, durchzogen von Sternen. Ich fühlte mich frei – nicht nur körperlich, sondern tief in mir.
Den Weg entlang der Hauptstraße nach Astorga bin ich schon mehrfach gegangen. Doch noch nie bei Nacht. Etwa acht Stunden würde ich unterwegs sein – rund fünfzig Kilometer. Mein Ziel: mit dem ersten Licht des Tages in Astorga einziehen und irgendwo gemütlich frühstücken.
Unterwegs machte ich dreimal einen Powernap, das reichte, um durch die Nacht zu kommen. Ich legte mich auf eine Bank, in ein Buswartehäußchen und auf eine Mauer. Ich zog mich nicht an, denn die Kälte der Nacht weckte mich in jedem Fall auf. Zu Mitternacht hatte es überraschende 16 Grad, das aber in Richtung Morgen jede Stunde um einen bis zwei Grad abnahm. Um fünf Uhr morgens hatte es nur mehr etwa sieben Grad.
Der Mond stand abnehmend am Himmel, sein Licht war schwach. Doch dafür war das Firmament umso reicher bestückt mit Sternen – ein Lichtteppich, der mich begleitete. In meinem Gepäck: eine kleine Ultra-Light Petzl e+light Stirnlampe, dazu Ersatzbatterien – für den Fall, dass es wirklich finster werden sollte. Doch erstaunlicherweise reichte das Sternenlicht über weite Strecken. Nur auf etwa zehn bis zwanzig Prozent des Weges war ich auf die Lampe angewiesen.
Genau vor Astorga erreichten mich die ersten Strahlen der Sonne und tauchten alles ins erste Licht des Tages. Während andere Pilger vor dem Losgehen noch ein Frühstück in einer Bar zu sich nehmen, ist es meine erste Mahlzeit nach über neun Stunden gehen. Mit meinem Ultra-Light Rucksack setze ich mich an einen Tisch.

Ich gehe noch 15 km weiter und bleibe in Santa Catalina, nach 65 km.
Hinter Astorga beginnen die Berge. Ich kenne diesen Abschnitt gut – doch diesmal gehe ich ihn langsamer. Bewusster. Nicht an einem Tag, wie früher, sondern in drei. Schritt für Schritt. Leicht, aber nicht schnell. Langsam, trotz Ultra-Light Ausrüstung, welches das Gehen viel leichter machte.
Es ist das erste Mal seit Langem, dass ich wieder in der Hauptsaison unterwegs bin. Ich kehre fast ausschließlich in öffentlichen Herbergen ein – einfach, ursprünglich, nah am Geist des Weges.
Diese Herbergen folgen einer einfachen Regel: Sie sind nur für jene da, die ihr Gepäck selbst tragen. Keine Etappen per Taxi. Kein vorausgeschickter Rucksack. Nur du – und was du auf dem Rücken trägst.
In Molinaseca treffe ich in der Kirche den Amerikaner Tim, 79 Jahre alt und ehemaliger Eisenbahner. Er ist vor einem Jahr hergezogen, lebt heute hier und betreut die Kirche. Er hat eine kleine Website gegründet – eine, die helfen soll, die richtige Frage zu finden. Auch er ist den Camino gegangen, zurückgekehrt und geblieben.
Denn viele suchen nur nach Antworten – ohne je die richtige Frage gestellt zu haben. Seine Website unterstützt einen dabei: Camino Questions, www.caminoquestions.com.
Wir stehen beisammen, auf der Wiese vor der Kirche. Sie ist kurz geschnitten und wird von ihm gepflegt. Er erzählt mir von seiner Motivation, von seinem Weg, von dem, was war – und was noch sein soll. Ich höre zu, erzähle dann von mir. Von meiner Geschichte mit dem Hirnabszess. Davon, wie viel mir der Camino in den letzten Jahren gegeben hat. Wie sehr mir das Gehen geholfen hat, Stück für Stück zurück ins Leben zu finden.
Er hört aufmerksam zu, nickt langsam. Dann sagt er etwas, das mich berührt: „Wenn du auf jeder Reise nur ein, zwei Menschen begegnest und ihnen erzählst, denen dein Schicksal – und wie du damit umgehst – es ihnen hilft, ihr eigenes besser zu meistern, dann tust du schon mehr, als viele je erreichen.“
Beim Abschied umarmen wir uns. Es ist eine dieser Umarmungen, die nicht laut sind, aber lange nachwirken. Ich sage ihm, dass ich mich freue, ihn das nächste Mal wiederzutreffen.
Er lacht – warm, mit einem Augenzwinkern. Dann zeigt er mit der Hand auf die Wiese: „Wenn nicht da drüben auf der Wiese, dann liege ich nebenan.“ Eine kurze Pause. Nebenan ist der Friedhof. „Beides ist ok. Du kannst in jedem Fall mit mir reden!“.
Ein Satz, wie aus dem Leben gegriffen. Ernst und humorvoll zugleich. Und so sehr Camino, wie es nur geht.
Lachend verabschieden wir uns.
In Ponferrada besuche ich zum ersten Mal die Burg der Templer. Schon lange hatte ich diesen Ort auf meiner inneren Landkarte markiert – voller Geschichten, Legenden, Erwartungen. Und doch: Irgendwie hatte ich mir mehr erhofft. Vielleicht lag es am Tag. Vielleicht an mir.
Meine Wahrnehmung ist oft gedämpft, wie durch einen Schleier. Ich merke es sofort, wenn zu viele Eindrücke auf mich einwirken. Das Interesse ist da – lebendig und wach. Aber wenn ich dann mitten in der Situation stehe, geht nichts mehr. Der Kopf macht zu.
Früher habe ich versucht, mich zu zwingen. Dabeizubleiben. Durchzuhalten. Heute nicht mehr. Ich weiß inzwischen, wann es genug ist. Was nicht geht, geht einfach nicht – und das ist in Ordnung.
Die Größe der Burg hat mich dennoch beeindruckt. Ihre Mauern, die sich in den Himmel recken, erzählen eine eigene Sprache. Eine, die ich eher spüre als verstehe.
Doch lange bleibe ich nicht. Es zieht mich wieder hinaus – dorthin, wo mein Kopf zur Ruhe kommt. Zwischen Bäumen, im Wald, am Berg. Da, wo nichts erklärt werden muss und keine Schautafel laut wird.
Dort finde ich, was ich brauche: Weite. Luft. Stille.
Der Weg zum Obreiro ist immer wieder schön. Es ist jedes Mal besonders, durch diesen Ort zu gehen und vor den alten Häusern zu stehen. Diese Orte haben etwas – eine Ruhe, eine Geschichte, die spürbar ist, trotz der vielen Menschen dort.
Auch die Kirche dort ist ein Ruhepol. Sie ist die älteste am Camino Frances. und bleibt trotz der vielen Menschen still. Nicht nur ein schönes Bild für das Auge, sondern ein Ort, in dem ich immer wieder gerne stehen bleibe und Ruhe finde.
Früh in Obreiro losgegangen, erreichen mich die ersten Sonnenstrahlen am Pilger-Monument, kurz nach Linares. Ein stiller, bewegender Moment. Solch ein Sonnenaufgang ist für mich immer etwas Besonderes. Denn für mich geht die Sonne seit neun Jahren jeden Tag aufs Neue auf, selbst wenn es regnet.
Es ist ein Dank ans Leben – dafür, dass ich solche Tage noch, oder besser gesagt: wieder erleben darf. Es sind Geschenke, die nicht selbstverständlich sind. Und doch weiß ich: Es bleibt ein täglicher Grenzgang. Immer wieder wird mir das bewusst.
Aber gerade solche Tage geben mir den Sinn zurück. Sie erinnern mich daran, warum ich weitermache. Warum ich an mir arbeite. Diese Arbeit ist kein Hobby. Sie ist mein Lebensprojekt geworden. Ein Full-Time-Job – körperlich, geistig, seelisch.
Ein wichtiger Teil dieser Reise war das Malen von Postkarten – eine Übung, die mir half, meine Feinmotorik zu trainieren. Damals wusste ich noch nicht, welch tiefer Einschnitt mir bevorstand. Nur eine Woche nach meiner Rückkehr aus Spanien erlitt ich ein Posttraumatisches Belastungssyndrom. Für einige Tage war es, als hätte mir der Körper jegliche Feinmotorik genommen. Ein Schock – still, aber gewaltig.
Irgendwann, bei Gelegenheit, werde ich diesem Kapitel einen eigenen Blogbeitrag widmen. Denn es verdient Raum – genau wie das Gehen, das Schweigen und das Wiederfinden.

Zurück auf dem Camino. Zunächst liegt alles noch im Nebel. Wie ein Schleier legt er sich über die Landschaft, lässt Formen verschwimmen, Farben verblassen. Die Welt wird weichgezeichnet, fast traumhaft. Es wirkt, als ginge ich durch eine Szene, die nicht ganz von dieser Welt ist.
Ich gehe langsam. Ganz bewusst. Und lasse mir Zeit. Mein Ultra-Light Gepäck unterstützt mich dabei. Es gibt kaum Gedanken über das Gewicht.
Den Umweg über Samos nehme ich jedes Mal – nicht, weil er kürzer wäre, im Gegenteil, er ist bis fünfzehn Kilometer länger, sondern weil er schöner ist. Hier zeigt sich das Grün Galiciens von seiner eindrucksvollsten Seite.
Zunächst liegt alles noch im Nebel. Wie ein Schleier legt er sich über die Landschaft, lässt Formen verschwimmen, Farben verblassen. Die Welt wird weichgezeichnet, fast traumhaft. Es wirkt, als ginge ich durch eine Szene, die nicht ganz von dieser Welt ist.
Ab Sarria wird es spürbar voller auf dem Camino.
Mehr Menschen. Mehr Stimmen. Mehr Bewegung.
Der Weg verliert ein wenig von seiner Stille – jener Stille, die mir so viel bedeutet.
Ich meide die größeren Orte und ziehe stattdessen weiter aufs Land, dorthin, wo die Herbergen kleiner sind, familiärer.
Dort finde ich, was ich brauche: Ruhe. Raum zum Atmen. Einfache Gespräche oder auch Rückzug.
Monte do Gozo – der „Berg der Freude“. Ein Name, der mehr ist als ein geografischer Ort. Nur wenige Kilometer vor Santiago de Compostela erhebt sich dieser sanfte Hügel, fast unscheinbar. Und doch ist er für viele Pilger ein Moment von tiefer Bedeutung.
Hier oben bleibe ich stehen. Denn von diesem Hochplateau aus sieht man sie: die Türme der Kathedrale von Santiago. Ganz klein noch, am Horizont, aber doch schon zum Greifen nah.
Zwei Pilgerstatuen stehen hier, in Bronze gegossen. Sie blicken der Stadt entgegen und erinnern an den heiligen Jakob, an seine Ankunft, und auch an all jene, die auf seinen Spuren unterwegs sind.
Der Monte do Gozo ist für mich mehr als ein Aussichtspunkt. Er ist ein Ort der Verwandlung. Ein letztes Innehalten, bevor man Santiago betritt. Ein Moment, in dem man spürt, dass die Reise nicht mit dem Ankommen endet, sondern dort erst beginnt.
Es ist ruhig an diesem Morgen, auf meinem Weg zur Kathedrale. Noch liegt ein sanfter Dunst über der Stadt, die Stimmen sind leise, die Schritte langsam. Ich setze mich auf den Platz vor der Kirche, lasse den Blick über das Pflaster schweifen – und denke nach. Über die letzten Tage, über das, was war.
Wieder durfte ich einigen Menschen begegnen. Begegnungen, wie sie nur der Weg schenkt – offen und ehrlich. Und jede einzelne hat mir etwas mitgegeben.
Besonders aber freut mich eines: Meine Knieschmerzen sind weg. Ganz weg.
Ein halbes Jahr lang haben sie mich begleitet – verursacht durch falsche Schuhe, wie sich später herausstellte. Es war ein langer Weg, bis ich sie mir wieder weggegangen bin. Viel Therapie, gezielte Kräftigungsübungen, und vor allem: das konsequente Gehen mit Schuhen, die zu mir passen.
Nachlässigkeit darf sich nicht einschleichen. Denn mit der Muskelschwäche braucht es oft ein Vielfaches an Zeit und Energie, um kleinste Fehler wieder auszubügeln. Diese Erfahrung habe ich mittlerweile oft genug gemacht.
Und ich habe gelernt, geduldig zu bleiben – auch wenn es mir nicht immer leichtfällt. Besonders aufmerksam bin ich bei meiner Schuhwahl geworden. Denn ich weiß inzwischen: Schon kleinste Veränderungen können große Auswirkungen haben.
Darum fiel meine Entscheidung ganz bewusst auf Ultra-Light – um den Fokus auf das Wesentliche zu legen: auf die Beine, auf das Gehen, auf mich. Mein Körper, meine Sehnen und Muskeln sind nach wie vor empfindlich, fragil. Jeder Schritt zählt. Und jeder Schritt will gut vorbereitet sein.
Leben zu lernen bedeutet manchmal, Umwege zu gehen. Versuch und Irrtum. Immer wieder. Bis etwas passt.
Diese zwei Wochen waren wieder ein Stück davon. Ein weiterer kleiner Baustein – auf meinem Weg ins Leben.

Sechs Jahre liegen zwischen diesen beiden Bildern – aufgenommen kurz vor Santiago. Wenn ich sie heute betrachte, wird mir bewusst, wie weit ich seitdem gekommen bin. Ich durfte Dinge erleben und erreichen, die mir vor neun Jahren unvorstellbar erschienen. Auch damals war ich light unterwegs, aber noch nicht Ultra-Light.
Und doch gibt es nach wie vor Defizite, die zwar nach Außen kaum erkennbar sind, doch trotzdem begleiten sie mich täglich und fordern mich dadurch auf eine Weise, die man kaum sieht – nur ich spüre sie.
Mein minimalistisches Ultra-Light-Gepäck hat sich voll bewährt. Auch wenn die Bedingungen gelegentlich kalt waren, habe ich nie gefroren und es hat mir nichts gefehlt. Es war eine befreiende Erfahrung, mit so wenig unterwegs zu sein, denn dadurch konnte ich das Wandern noch intensiver genießen. Gleichzeitig habe ich auf meinem Ultra-Light Camino wertvolle Erkenntnisse gesammelt, die mir auf zukünftigen Weitwanderungen zugutekommen werden.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Meine Entscheidung für Ultra-Light entstand nicht aus einer Modeerscheinung heraus, sondern aus einer Notwendigkeit. Nach dem Hirnabszess blieb eine Muskelschwäche zurück – eine jener unsichtbaren Lasten, die das Gehen zu einer täglichen Herausforderung machen. Doch gerade deshalb habe ich begonnen, meine Ausrüstung zu hinterfragen. Stück für Stück stelle ich jedes Gramm immer wieder auf den Prüfstand.
Von Tour zu Tour habe ich weiter reduziert, angepasst, verfeinert – immer auf der Suche nach diesen kleinen, aber entscheidenden Verbesserungen, die mir das Gehen erleichtern. Viele Wege hätte ich ohne diese konsequente Auseinandersetzung mit dem Thema Ultra-Light nicht gehen können. Es wurde zu einem stillen Verbündeten. Einer, der mir geholfen hat Strecken zu meistern, die vorher für mich undenkbar waren.

Der Camino Frances ist der bekannteste unter den Pilgerwegen und ich habe ihn am häufigsten besucht. Er zieht jedes Jahr Tausende Pilger aus aller Welt an – mit unterschiedlichen Zielen: spirituelle Erleuchtung, sportliche Herausforderung oder, wie in meinem Fall, nach einer langen Krankheit. Sich mit Ultra-Light auseinanderzusetzen kann somit für jeden etwas sein, denn mit weniger Gewicht kannst du den Weg mehr genießen und legst vielleicht auch schneller mehr Ballast im Kopf ab.
Mein diesmaliger Fokus für den Jakobsweg im Mai ist klar: So leicht wie möglich unterwegs sein und durch diese Reduktion neue Erfahrungen machen können. 2,5 kg Basisgewicht – das ist alles, was ich mitnehme. Kein überflüssiger Ballast, kaum „Falls-ich-es-brauche“-Dinge, sondern ein durchdachtes System, das auf Minimalismus und Funktionalität setzt. Dazu kommt nur noch Wasser und Verpflegung. Mein Gesamtgewicht wird sich auf rund 4 Kilogramm beschränken.

Seit Mitte Dezember, nach meinem Winter-Camino Frances, habe ich mich mit ganzer Kraft meinen Handicaps gewidmet. Therapeutischaes Tanzen, Dehnungs- und Kräftigungsübungen, gezieltes Wahrnehmungstraining und eine bewusste Ernährung bildeten das Fundament. Besonders die Knieschmerzen, aufgrund falscher Schuhwahl am Hexatrek, begleiteten mich lange und standen seither im Fokus.
Mein Ziel ist klar: Am Camino möchte ich wieder in meine Mitte finden, Schritt für Schritt, ohne äußere Störungen. Einfach nur gehen. Gerade gehen. Und dabei mein neues Ziel verspüren, welches Leben und Therapie vereint.
Der Vorteil von Ultra-Light liegt in mehreren Aspekten:

Bei Ultra-Light geht es um Reduktion auf das Wesentliche, um Effizienz und darum, mit weniger mehr zu erreichen. Für mich wird es spannend, zu erleben, was das mit mir macht. So leicht war ich noch nie am Camino in Spanien unterwegs. Im Sommer würde ich auf noch weniger kommen, mit etwa 2 kg Basisgewicht. Am Foto oben, am Hexatrek in Frankreich, hatte ich rund 5 kg Basisgewicht, allerdings mit Zelt.
In den Jahren seit meinem Hirnabszess optimierte ich alle Arbeitsschritte und praktiziere Reduktion, in fast allen Bereichen meines täglichen Lebens. Mein Gehirn ist damit weniger belastet, was ein riesiger Vorteil ist. Es hat dadurch weniger Arbeit und damit bleibt mehr Energie für die Bewegung.
Nach und nach setze ich Ultra-Light immer mehr beim Pilgern um. Auf meinen Wegen war ich schon immer leicht unterwegs, aber der Ultra-Leicht Gedanke machte erst vieles möglich.
Hier ist mein Setup für den Camino in Spanien:
Ja, es ginge noch leichter, aber im Mai möchte ich doch noch gewappnet sein für Kälte, Wetterumschwünge und Regen. Im Sommer wäre ich wahrscheinlich mit 2 kg unterwegs.
Als ehemaliger Trailrunner, Bergsteiger und Radfahrer habe ich schon viel Erfahrung mit der Optimierung von Ausrüstung. Doch nach meiner schweren Krankheit habe ich meinen Fokus noch stärker auf Effizienz und Energieeinsparung gelegt. Jedes überflüssige Gramm kann unterwegs zu unnötiger Belastung werden. Die Muskelschwäche fordert einen leichten Rucksack geradezu heraus.
Viele Pilger tragen klassische Rucksäcke – mit einem Basisgewicht von 8 bis 12 Kilogramm, wo noch Wasser und Proviant dazu kommt. Ich gehe diesen Weg nicht. Mein Ansatz ist ein anderer: so leicht wie möglich, so reduziert, dass ich den Rucksack kaum mehr spüre. Einerseits weniger Sachen mitnehmen und andererseits die anderen gegen noch leichtere austauschen.
Es ist nicht nur eine körperliche Entscheidung, sondern auch eine symbolische. Auf dem ersten Pilgerweg trägt fast jeder einen zu schweren Rucksack – nicht nur auf dem Rücken, sondern auch im Herzen. Er steht für all das, was einen innerlich beschwert: Sorgen, Ängste, alte Geschichten.
Und oft geschieht es ganz unbewusst, dass man im Laufe des Weges Dinge zurücklässt – Überflüssiges, Belastendes. Was bleibt, ist das Wesentliche. Und manchmal ist es genau das, was die Seele braucht: weniger Gewicht, innen wie außen und so wird der Rucksack leichter, weil man überflüssiges zurücklässt.
Ultra-Light bedeutet aber nicht „spartanisch“. OK, vielleicht ein bisschen, allerdings verzichte ich trotzdem nicht auf ein wenig Komfort, sondern wähle bewusst. Die Kunst liegt darin, sich auf das Nötigste zu beschränken, ohne wichtige Funktionen zu verlieren.
Für mein Ultra-Light Setup am Camino Frances habe ich zwei Modelle zur Auswahl – beide sind eigentlich Lauf-Westen, aber genau deshalb optimal: leicht, körpernah, ohne unnötigen Schnickschnack. Keine dicken Polster, keine überladenen Fächer – einfach pur. Und genau das brauche ich. Schlussendlich habe ich mich für das Modell von Scott entschieden.
Der Evo Trail von Decathlon ist schlicht, funktional und erfüllt genau das, was ich brauche – nicht mehr, nicht weniger. Klar, 15 Liter klingen knapp – sind sie auch. Aber ich habe wenig dabei, also reicht’s. Besonders wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt und täglich wäscht, ist das machbar. Mit seinen vielen Außenfächern geht er eher in Richtung 20 Liter Rucksack.

Der Kinabalu TR 20 ist ein Leichtgewicht mit etwas mehr Spielraum. 20 Liter geben mir die Freiheit, nicht jeden Zentimeter packoptimiert nutzen zu müssen. Und trotzdem ist die Weste noch leichter als der Decathlon – 280 g für 20 Liter, das ist schon eine Ansage.
Die Passform ist exzellent, vor allem wenn man lange unterwegs ist und der Rucksack zur zweiten Haut wird. Mehr Platz bedeutet auch: etwas mehr Freiheit – im Notfall hat mehr zum Essen platz genug. Er hat den Vorteil von zwei rückwärtigen Stretchfächern, um zwei Trinkflaschen zu verstauen.



Warum aber ein so kleiner Rucksack? Ein großer verleitet dazu, mehr einzupacken. Ich habe bewusst einen kleinen gewählt, damit ich mich nicht mit überflüssigen Dingen belaste. Trotzdem habe ich alles dabei, bin auch gegen Kälte gewappnet und habe trotzdem noch einiges an Komfort dabei.
Mein schon oft bewährter Schlafsack von Sea to Summit, der Spark I (360 g), ist ausreichend warm für die Nächte in den Herbergen und kann im Mai auch im Freien benutzt werden.
Ich schlafe normal in Pilgerherbergen und nutze bewusst die vorhandene Infrastruktur – das spart nicht nur Gewicht, sondern auch Platz im Rucksack. Dennoch bin ich vorbereitet, falls es unterwegs anders kommt: Sollte eine Herberge überfüllt sein oder ich nicht weitergehen wollen, bin ich auch für eine Nacht im Freien gerüstet. Leicht, flexibel und unabhängig.

Getragen: Leichte Wanderhose von Patagonia, 160g - Funktionsshirt von Craft mit Merinowolle - Fleecejacke von Kaikkala 205g - Laufhose & Ijinji Socken - Trailrunning Schuhe Hoka Speedgoat 6 wide - Kappe von Buff

Im Rucksack: Zusätzliches Paar Socken - ein Ersatz T-Shirt (77g) - eine kurze Ersatz-Laufhose (90g) - Windjacke 79g -Regenjacke (170g) & dünne Daunenweste von Haglöfs (180 g) -Regenhose ONN (99g) - wasserdichte Handschuhe & Merino Haube - Poncho (136g) - Sandalen (58g)
Warum? Ein Set Kleidung trage ich – Ersatzset brauche ich keines. Wenn nötig, wird gewaschen. Als Kälteschutz fungiert eine Weste von Haglöfs, in Verbindung mit der Regenjacke. Besonderen Wert habe ich auf die Regenkleidung gelegt, weil mein Körper bei Kühle und Regen verschiedenartig reagieren kann.


Smartphone + Mini-Powerbank (5000 mAh) - USB-Ladekabel - Ladegerät - Mini-Stirnlampe - Mini-Erste-Hilfe-Set - Toilettenartikel (Seife, Sonnencreme)
Mein Komforteil ist ein Malset Wasserfarben mit Postkarten zum Bemalen.
Ich nehme nur das, was wirklich notwendig ist. Kein Buch, kein Tablet, kein überflüssiger Luxus.

Viele denken, Ultra-Light bedeutet, sich selbst zu quälen oder auf Komfort zu verzichten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es geht darum, bewusst zu reduzieren, um sich freier zu fühlen. Das gilt für mich besonders, wegen der Muskelschwäche.
Der Jakobsweg ist eine Reise zu sich selbst – warum also mit unnötigem Ballast starten? Ich möchte jeden Moment bewusst erleben, ohne mich über schwere Schultern oder müde Beine zu ärgern. OK, die Beine werde ich auch trotz Ultra-Light spüren.
Kann ich wirklich so minimalistisch reisen, ohne dass mir etwas fehlt? Wird das geringe Gewicht einen spürbaren Unterschied machen? Oder merke ich unterwegs, dass ich an der falschen Stelle gespart habe? Eine Packliste aufzustellen ist das eine – doch die wahre Herausforderung beginnt, wenn ich Tag für Tag mit genau dieser Ausrüstung lebe.
Werde ich meine Entscheidungen feiern oder mich ärgern, nicht doch ein paar hundert Gramm mehr eingepackt zu haben? Wie wird sich der Verzicht auf unnötige Dinge auf meine mentale und physische Belastung auswirken? Ich weiß nur eins: Ich werde es herausfinden – Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer.
Schon im Winter hatte ich bisher mit rund 4 kg sehr leicht gepackt. Jeder Tag auf dem Camino beinhaltet eine neue Lektion. Vielleicht stelle ich erleichtert fest, dass mir wirklich nichts fehlt. Oder ich ertappe mich dabei, an ein zusätzliches Kleidungsstück zu denken. Ich freue mich schon auf meinen Frühjahrs-Camino seit langem.

Im Februar 2023 traf ich Pierre – einen französischen Trailrunner, der mit seinem Minimalismus dort Maßstäbe für mich setzte. Er lief den Winter-Camino, ausgestattet nur mit einer 15-Liter-Salomon-Laufweste. Keine klassische Pilgerausrüstung, kein überflüssiges Gramm – nur das, was wirklich nötig war. Alles an ihm war auf Effizienz und Leichtigkeit ausgelegt.
Sein Ansatz beeindruckte mich: zwei Tage ging er jeweils rund 25 Kilometer, am dritten lief er etwa 50. Es ging ihm nicht ums Pilgern – es ging ums gezielte Training, um die Vorbereitung auf die Wettkampfsaison. Sein Weg war ein Statement: Weniger ist mehr.
Er erzählte von der Leichtigkeit, mit der er sich bewegte, aber auch von den Herausforderungen, die ein derart minimalistisches Setup mit sich brachte. Aufgrund der Folgen meiner Krankheit, brauche ich doch ein bisschen mehr Kleidung.
Die Idee faszinierte mich: Den Camino wie einen langen Trailrun erleben – mit minimalem Gewicht, maximaler Freiheit und der Bereitschaft, auf überflüssigen Komfort zu verzichten. Doch während Pierre ein erfahrener Ultra-Trail-Läufer war, bin ich gespannt, ob ich mit meinen 2,5 kg denselben Effekt spüre. Der Unterschied, ich werde nicht laufen, sondern mir Zeit nehmen.
Der Camino steht für Einfachheit – und genau diese Einfachheit will ich erleben. Kein schwerer Rucksack, der mich in die Knie zwingt. Keine Last, die meine Gedanken belastet. Nur der Weg, die Landschaft, die Begegnungen und der Rhythmus des Gehens. Es geht mir nicht um Schnelligkeit, sondern um das Erleben, so leicht wie möglich und mit weniger Sachen unterwegs zu sein.
Vielleicht werde ich am Ende sagen können: „Der Weg gibt dir, was du brauchst.“ oder ich kehre mit neuen Erkenntnissen über Minimalismus, Komfort und persönliche Grenzen zurück. So oder so – es wird eine Reise, die mich wieder verändert und meine Grenzen (hoffentlich) erweitert.
NEVER GIVE UP!
Hier nochmal mein Setup für den Camino in Spanien: 2,5 kg lighterpack Liste