Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Across Britain,1. Teil - von John o'Groats nach Inverness

Das Abenteuer „Across Britain“ – oder wie es hierzulande genannt wird: JOGLE – hat begonnen. Zwei bis dreitausend Kilometer warten auf mich, je nachdem wie ich gehe. Im Hinterkopf geistert in mir herum, dass ich wieder alle vier Kardinalpunkte erreichen möchte, also die vier entferntesten Punkte aller Himmelsrichtungen. Q

Allein die Nord-Süd-Durchquerung umfasst rund 2.000 Kilometer – mit dem Abstecher über den South West Coast Path werden es gut 2.500 km. Und wenn mich die Füße weitertragen, vielleicht noch mehr.

Mission JOGLE, Across Britain
Zu Hause geplante Tour.

Der Norden

Für mich beginnt dieser lange Weg durch Großbritannien ganz oben im Norden – in Thurso, der nördlichsten Stadt Schottlands.

Von hier aus mache ich mich zu Fuß auf den Weg nach Dunnet Head, dem tatsächlich nördlichsten Punkt der britischen Insel. Allein der Gedanke, dort zu stehen – am Rand der Steilküste, wo der Wind vom Atlantik her weht – hat etwas Symbolisches.

Von Dunnet Head geht es weiter. Dreißig Kilometer südöstlich liegt John o’Groats – jener Ort, der traditionell als Startpunkt der großen Nord-Süd-Durchquerung gilt. Hier beginnt das Abenteuer JOGLE offiziell. Für mich ist es aber schon früher losgegangen – mit dem ersten Schritt in Thurso, mit der Entscheidung, wieder unterwegs zu sein.

Across Britain
Dunnet Head, der nördlichste Punkt

Wetterglück und Wegentscheidungen

Gleich zu Beginn empfängt mich das seltene Glück des Wetters: blauer Himmel, strahlende Sonne und Temperaturen um die 25 Grad – fast schon ungewohnt für diese Region. Die Einheimischen sprechen von einer Hitzewelle, dabei sind hier sonst 17 Grad und regelmäßiger Regen die Norm.

Trotz der warmen Tage bleiben die Nächte kalt – und vor allem feucht. Ein guter Zeltplatz ist dabei entscheidend. Denn wenn das Zelt am Morgen triefend nass ist, verliert man nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Ich merke schnell, wie wichtig es ist, am Abend mit Bedacht zu wählen, wo ich mein Lager aufschlage.

Schon der erste Tag führt mich fast ausschließlich durch die Natur, über grüne Felder, entlang weiter Wiesen. Die Farben hier tun meiner Seele gut. Das viele Grün, in allen Schattierungen, wirkt beruhigend, fast heilend. Ich kann nicht genug davon bekommen. Und so entscheide ich mich, dem John o’Groats Coast Trail zu folgen – nicht durch die Highlands zu gehen, wie ursprünglich überlegt.

Dort, in den Highlands, liegen oft mehrere Tage zwischen den Ortschaften. Das bedeutet: viel Wasser, viel Essen – viel zu tragen. Und mein Körper, so sehr ich auch trainiert habe, ist noch nicht bereit für diese zusätzlichen Lasten. Zwei, drei Kilo mehr machen bei meiner Muskelschwäche einen großen Unterschied.

Ich musste es mir eingestehen: Trotz jahrelangen Übens hat sich meine Muskelkraft, mein Bindegewebe, nur in kleinen Schritten verbessert. Aber ich gehe weiter – mit Maß, mit Achtsamkeit – und mit dem Wissen, dass jede Entscheidung auf dem Weg Teil des Gehens ist.

Ein Weg, der zur Therapie wird

Schon jetzt, in diesen ersten Tagen, spüre ich: Dieser Weg ist mehr als eine Durchquerung. Er wird zur Therapie.

Das Gras wächst hier hoch und dicht, oft sehe ich meine eigenen Füße nicht. Ich stolpere über enge, unebene Pfade, die mich ständig fordern. Ohne die vielen tausend Kilometer, die hinter mir liegen – ohne diese jahrelange Vorbereitung –, hätte ich an dieser Stelle wohl schon umkehren müssen.

Jeder Schritt verlangt Konzentration. Nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig. Es ist eine Aufmerksamkeit gefordert, die mich manchmal an meine Grenzen bringt. Ich muss denken, bevor ich gehe. Und ich muss beim Gehen denken.

Hinzu kommt: Der Weg verläuft oft direkt am Rand der Grundstücke, außerhalb der alten Mauern – und dort beginnen gleich die Abhänge zum Meer. Steil, ungesichert, unberechenbar. Der Pfad ist oft nur einen Fuß breit, manchmal kaum erkennbar.

Das Meer rauscht unter mir, das Gras schlägt gegen meine Beine, und ich merke: Es ist genau dieser schmale Grat – zwischen Anstrengung und Achtsamkeit –, auf dem ich gehe. Und vielleicht ist es genau das, was ich jetzt brauche.

Oft geht es steil hoch oder runter zum Meer, dass ich manchmal sogar die Hände benötige. Bis Inverness bin ich acht Tage unterwegs und schlafe immer im Zelt. Hotels sind zu teuer und billige Herbergen kommen erst später. Bei Regen zu Zelten wird sicher eine Herausforderung, besonders wenn es einige Tage durch regnet.

Ankommen in Inverness – mit jeder Faser
Der Weg entlang der Küste bleibt fordernd. Immer wieder geht es steil hinauf und ebenso steil wieder hinunter – oft so abrupt, dass ich die Hände zu Hilfe nehmen muss, um Halt zu finden. Die Pfade verlieren sich im Gelände, und das Meer ist selten fern – manchmal direkt unter mir.

Acht Tage bin ich nun unterwegs, jeden Tag im Zelt. Hotels sind für mich keine Option, zu teuer – einfache Herbergen gibt es hier oben erst später. Noch bin ich auf mich gestellt, auf das Zelt, auf das Wetter. Und mit jedem Tag wird klarer: Wenn der Regen kommt und bleibt, wird das Zelten zur Prüfung.

In Inverness bin ich nun angekommen – am achten Tag. Es ist keine geplante Pause, sondern eine erzwungene. Schon ab Tag sechs spüre ich eine Veränderung: Eine große Blase hat sich gebildet, unter dem Fuß, an genau jener Stelle, die bei jedem Schritt Druck spürt.

In Inverness bin ich jetzt am achten Tag angelangt und mache eine Zwangspause, denn nach sechs Tagen bildete sich eine große Blase. Die letzten Kilometer humpele ich in den Ort, denn diese Blase hat mein System derart gestört, dass das Gehen zur Herausforderung geworden ist. Meine Propriozeption ist überlagert vom Schmerz und funktioniert gar nicht.

Es ist, als würde mein ganzer Körper sagen: Stopp. Und ich höre zu.

Ein falscher Schritt – und die Folgen

Dabei war ich übervorsichtig. Ich habe auf meine Füße geachtet, jeden Schritt bewusst gesetzt, alle bekannten Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Und doch – diesmal hat nichts davon geholfen.

Ein Fehler war sicher der Schuhwechsel. Meine vertrauten Hoka habe ich gegen ein Paar Altra getauscht – eine Entscheidung, die ich inzwischen bitter bereue. Zwar hatte ich die neuen Schuhe zu Hause eingegangen, aber das reichte offenbar nicht. Der Belastung auf diesem Weg waren sie – oder vielmehr: meine Füße in ihnen – nicht gewachsen.

Das Problem: Ich hatte auf die Schnelle keinen neuen Hoka mehr bekommen. Und so ging ich los, mit einem Kompromiss an den Füßen, der sich nun rächt.

Vielleicht habe ich in Inverness Glück und finde Ersatz – denn so, mit diesem Schmerz bei jedem Schritt, kann ich nicht weitermachen. Die Blase allein ist das eine. Aber wenn dadurch mein ganzes System aus der Balance gerät, wenn die Propriozeption aussetzt, dann ist das nicht einfach nur unangenehm. Dann ist das gefährlich.

Kochen und Essen

Der Kocher, den ich mithabe, tut mir zwar gut, bringt mich aber über mein Gewichtslimit. Besser wäre es gewesen, ich hätte mich von Anfang an auf kalte Küche einstellen sollen und warmes nur gegessen, wenn ich unterwegs etwas finde. Bisher war es mir immer zu schade den Kocher und Titantopf wegzugeben, also nutze ich ihn eben doch. Der Geldbeutel freut sich dafür, der Körper und Krafthaushalt weniger.

Leider konnte ich mich noch immer nicht an die fummelig Arbeit mit dem Kochen gewöhnen. Einmal war das Wasser heiß und ich stieß den Topf um, dass sich das Wasser auf mir und dem daneben liegenden Rucksack ergoss. Wäre weiter nicht tragisch gewesen, wenn ich nicht mit dem Wasserhaushalt aufpassen müsste und am nächsten Tag nicht noch über drei Stunden ins nächste Dorf gehabt hätte.

Es blieben mir am nächsten Tag nur 500 mml zum Trinken, bei Hitze und Schwerstarbeit die steilen Hügel hoch und runter. Trotzdem werde ich den Kocher behalten, denn ihn wegzugeben ist zu schade und es kommen noch einsame Gegenden, wo ich ihn brauchen werde.

Kochen und Kraft – ein tägliches Ringen

Mein Kocher tut mir gut. Allein das Wissen, dass ich mir unterwegs etwas Warmes zubereiten kann, gibt mir ein Gefühl von Unabhängigkeit und Sicherheit. Und doch – er ist zu schwer. Zusammen mit dem Titantopf sprengt er mein eigentliches Gewichtslimit.

Rational betrachtet wäre es klüger gewesen, mich von Anfang an auf kalte Küche einzustellen. Warmes Essen nur dann, wenn es unterwegs etwas gibt. Aber der Gedanke, den Kocher ganz wegzugeben, fiel mir immer schwer. Also trage ich ihn weiter – und nutze ihn eben doch.

Der Geldbeutel freut sich. Der Körper weniger. Vor allem mein Energiehaushalt leidet unter dem Zusatzgewicht.

Und dann ist da noch die Sache mit der Gewöhnung. Ich habe mich bis heute nicht wirklich an das fummelige Kochen im Freien gewöhnt. Einmal war das Wasser endlich heiß – und ich stoße den Topf um. Das Wasser ergießt sich über meine Hose und den danebenliegenden Rucksack.

An sich kein Drama. Aber: Es war mein einziges Wasser. Und bis zum nächsten Dorf waren es über drei Stunden zu Fuß.

So blieb mir für den nächsten Tag gerade mal ein halber Liter zum Trinken – bei 25 Grad, mit schwerem Rucksack, über steile Hügel. Ich spürte bei jedem Schritt, wie mein Körper gegen das Defizit arbeitete.

Und doch werde ich den Kocher behalten. Nicht nur aus Trotz oder Sentimentalität. Es kommen noch einsame Gegenden, in denen ich ihn brauchen werde. Vielleicht lerne ich bis dahin sogar, den Topf nicht mehr umzuwerfen.

Wenige Begegnungen – und doch von Wert

Der Weg durch Großbritannien ist bisher ein stiller. Nur wenige Begegnungen hatte ich – aber jene, die es gab, waren umso wertvoller.

Einmal sprach mich ein Mann an, dessen Haus einsam am Wegesrand liegt. Wir kamen ins Gespräch – ganz ungeplant, ganz offen. Es entwickelte sich ein Dialog, wie er nur unterwegs entsteht: ehrlich, ruhig, ohne Eile.

In Berriedale traf ich James – einen jungen Einheimischen, der seit einem Jahr im Haus seiner Großeltern lebt. Er ist Programmierer, arbeitet ortsunabhängig und hat sich bewusst entschieden, hierher zurückzukehren.

Auch dieses Gespräch blieb hängen. Nicht nur, weil es freundlich und interessiert war, sondern weil es mir ein Stück mehr von diesem Land gezeigt hat – aus der Sicht eines jungen Menschen, der zwischen Herkunft und Moderne seinen Platz sucht. Es ist nicht einfach, hier zurückzukehren. Und doch gibt es sie – jene, die es tun.

Danke nochmals, James, solltest du das irgendwann lesen. 🙏

Weiters möchte ich noch David mit seiner Frau Julie erwähnen, die auch schon lange unterwegs sind und mir unterwegs entgegengenommen sind. Sie machen diesen Weg gemeinsam. Leider habe ich vergessen ein Foto zu machen, deshalb verlinke ich auf Ihren Facebook Kanal, wo sie über Ihren Weg berichten. 👍

https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=pfbid0ySCRP4s9bUi1qj5M7Ya3JsTNuuyTdXbwo8eM5ngwq7TjTDjgw7z1qjsisj1HaHb6l&id=100083201350947&sfnsn=scwspmo

Überhaupt fühle ich mich sehr wohl in Schottland und fast heimisch. Die Menschen sind sehr freundlich und jederzeit hilfsbereit.

Fazit des ersten Abschnitts

Dass es schwer werden würde, wusste ich. Aber so schwer hatte ich es mir nicht vorgestellt.

Körperlich wie geistig komme ich immer wieder an meine Grenzen. Die langen Tage, das viele Gehen, die kleinen und größeren Wehwehchen – sie fordern mehr, als ich erwartet hatte. Und doch: Ich habe den ersten Abschnitt geschafft.

Es tut gut, herausgefordert zu werden. Denn nur so kann ich weitergehen – nicht nur im wörtlichen Sinne.

Diese Reise ist anders als meine Wege auf dem Jakobsweg. Das Gehen hier verlangt mehr vom Kopf, mehr Konzentration, mehr Anpassung an die Umstände. Ich lerne, mit wechselnden Verhältnissen umzugehen. Ich lerne, Lösungen zu finden, wenn keine offensichtlich sind.

Und ich merke: Auch das ist Teil des Weges – nicht nur die Kilometer, sondern das, was sie mit mir machen.

Baum und Wald Aden in Schottland, Across Britain

Und wie sagt man auch:

"Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker!“

Aber soweit möchte ich nicht gehen – nicht ständig meine Grenzen ausloten. Denn eines ist mir klar: Dieser Weg, Across Britain, kann auch sehr schnell zu Ende sein, wenn ich nicht auf mich höre.

Ich bin nicht unterwegs, um mich zu verausgaben. Ich bin unterwegs, um mich zu verbessern. Schritt für Schritt. In meinem Tempo. Mit Achtsamkeit.


Nach dem Erreichen des nördlichsten Punkt von Österreich, stand mir der lange Weg nach Vorarlberg bevor. Über 600 Kilometer, mit der Überquerung des Arlberg, als persönlichem Höhepunkt. So hoch kam ich seit dem Hirnabszess vor 5 Jahren noch nie hinaus. Am Walkabout sollte sich das ändern.

Wieder galt es, nicht zu viel nachdenken, einfach gehen und alles Weitere auf mich zukommen lassen.

Im Waldviertel

Ich kam erst gegen 18h vom nördlichsten Punkt in Rottal weg. Der Plan war, über Haugschlag, Litschau, Gmünd und Karlstift, auf geradem Wege zur Donau hinab zu kommen und dann dem Jakobsweg zu folgen.

Die tägliche Suche nach dem Weg, war zu mühsam. Ich wollte möglichst ohne Navigieren gehen und das versprach mir der Jakobsweg am ehesten.

Zunächst stellte sich mir allerdings die Frage nach dem Übernachten.  Es wurde immer später und die Möglichkeiten weniger. Die Entscheidung fiel mir aber leicht, ich wollte so lange gehen, wie Licht war und mich dann einfach in ein Bushäuschen legen, um dann möglichst früh wieder auf Achse zu sein.

Gesagt, getan - sehr früh bin ich wieder aufgebrochen. Die Wartehäuschen im Waldviertel sind, wahrscheinlich aufgrund der Witterung, kleine, rundum fast geschlossene Hütten und damit ideal zum Pausieren, vor allem bei schlechtem Wetter.  Bestens für mich geeignet, denn das Zelt aufbauen erforderte einfach viel mehr Energie, die ich mir hier ersparte.

Bushäuschen im Waldviertel am Walkabout

Durch Nebelverhangene, mystische Landschaft, ging es durch Wälder, vorbei an Seen, durch kleine Dörfer oder an einzeln gelegene Häuser vorbei.

Gmünd

In Gmünd nahm ich mir ein Zimmer in einer Pension, die schon viel erlebt hatte. Ein älteres Ehepaar führte sie und ich erfuhr einiges von Ihnen, ihrer Pension, der Stadt und der Eisenbahn, die hier alle verband. Wir sprachen über Dampfloks, die gemeinsam in der Früh anfeuerten und den Himmel verdunkeln ließen oder wie sich die Stadt im Laufe der Zeit veränderte.

Auf meinem Walkabout in Gmünd

Ich merkte, dass diese Kommunikation nicht nur mir gefehlt hat, sondern seit Corona praktisch jedem Menschen. Das machte es so wertvoll für mich, Zeit für die Menschen unterwegs zu haben, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichten zu hören. Auf diese Art der Gespräche freute ich mich jederzeit.

Karlstift

In Karlstift war ich erneut sehr spät unterwegs. Wieder stand mir eine Übernachtung im Zelt bevor. Ich ging bei einem der letzten Häuser vorbei, als mich ein Hund anbellte. Kurz darauf kam die Besitzerin hinter einer Hecke hervor und es folgte eine Unterhaltung.  Das Ergebnis war, dass ich mein Zelt auf ihrem Grund aufstellen konnte und es noch weitere spannende Unterhaltungen mit ihr und ihrem Mann gab.

Besonders die Aussage,"Wir sind jetzt über 60 Jahre verheiratet", berührte mich sehr. Was hatten die beiden nicht alles erlebt und durchlebt. Es war noch manch andere Aussage dabei, die mir die Tränen in die Augen trieb. Kurz vor dem Finster werden brachte mir die Dame noch einen Krug voll Wasser. Dankbar für diese Begegnung schlief ich ein.

Es war kühl, eigentlich sogar kalt, aber mit dem ersten Tageslicht baute ich das Zelt ab, um den Sonnenaufgang auf 1.000 Meter Seehöhe erleben zu können.

Diese Tage war ich die meiste Zeit Selbstversorger, denn fast alle Gasthäuser hatten zu. Es war immer so viel Essen in meinem Rucksack, dass ich damit über den nächsten Tag kam, im Notfall mit Müsliriegeln und Wasser. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, ein offenes Kaufhaus anzutreffen oder eine Tankstelle, denn die waren oft abseits meiner Route, zu weit, um hinzugehen.

Nach Karlstift führte mich mein Weg entlang der tschechischen Grenze. Oft tief im Wald, begegnete ich keiner Menschenseele. Komischerweise kamen öfter Gedanken um Bären auf. Gab es denn in dieser Wildnis an der Grenze zu Tschechien welche?

Ich dachte öfter an den Appalachen Trail in Amerika, wie ich mich gegenüber Bären verhalten würde. Davonlaufen ginge sowieso nicht, also spürte ich hinein, wie groß mein Vertrauen zu mir selbst war? Es war eine gute Übung, die mir in den folgenden Wochen öfter helfen sollte. Ich spürte, dass ich immer mehr in meiner Mitte war und Tiere merken das sofort.

Vor allem Hunde, deren Besitzer mir oft sagten: "Das macht er nie!". Ich zog Hunde richtig an, aber nicht um angegriffen zu werden, sondern zuerst vorsichtiges beschnuppern, um danach gekrault zu werden.

Enns, der Beginn des Jakobsweg

In Enns führt der Hauptweg des Jakobsweges durch Österreich vorbei. Ein mehr oder weniger gut markierter Weg, der mich bis nach Vorarlberg bringen sollte. Zum ersten Mal war wirklich schönes und warmes Wetter.

Oberösterreich war das Land der Erinnerungen ans Radfahren. Fast in jedem Städtchen bin ich schon Radrennen gefahren. Ansfelden, Wels, Lambach, Schwanenstadt und viele mehr, lagen auf meinem Weg. Obwohl ich schon oft hier war, war für mich alles neu. Mit der Langsamkeit der Füße entdeckte ich jeden Meter und hatte Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten.

Es waren aber nicht nur die Erlebnisse im Außen, die mich beschäftigten, die Inneren waren besonders stark. Stand der erste Teil des Walkabout unter dem Aufarbeiten vom Krankenhaus, so war es diesmal die Zeit danach.

Pfeifend, singend und tanzend zog ich dahin und muss für manchen ein recht komisches Bild abgegeben haben. Das war mir aber egal, denn durch die Tanztherapie hatte ich gelernt, meinen Körperimpulsen nachzugeben und mich darin nicht stören zu lassen. Die Hände fuchtelten oft umher und ein manchmal schwankender Gang ließen mich aussehen wie betrunken. Das half mir, mehr Lockerheit in den Körper zu bekommen, auch wenn es von Außen komisch aussah.

Pfeifend am Walkabout

Das schwere Gewicht des Rucksacks und der Vorwärtsdrang lassen mich oft starr werden. Seitliche Schritte und bewegen der Arme brachten wieder mehr Lockerheit. So wechselte ich oft ab, mit dem Ergebnis, dass ich wesentlich leichter und lockerer Gehen kann.

Obwohl ich oft langsam ging, legte ich Kilometer um Kilometer zurück und war am Abend verblüfft, so weit gekommen zu sein. Ich buchte nie im Voraus ein Quartier, sondern schaute ab 17 Uhr, wo ich war und welche Gasthöfe am Weg lagen. So hatte ich zwölf Stunden am Tag fürs unterwegs sein und so kamen auch die Kilometer zusammen.

Teststraßen

Ein wichtiger Punkt waren die Teststraßen, die es nur in den größeren Städten gab. Sonst nahm ich auch Apotheken in Anspruch oder was am Weg lag. Manchmal bedeutete das auch einen Umweg, den ich nur dann machte, wenn er nicht zu groß war.

Die Umstellung von "Negativ" auf "Nicht nachgewiesen" am Test, habe ich nie erfahren. Das erste Mal sah ich das in Sankt Johann in Tirol. Ich konnte das Ergebnis natürlich nicht abwarten und ging weiter. Irgendwann kam das SMS und ich schaute darauf. "Nicht nachgewiesen"???

Was war das jetzt? War mein Test ungültig oder fehlerhaft?

Zurückgehen nach Sankt Johann war mir nicht mehr möglich, daher wollte ich in der nächsten Stadt nachfragen. Zum Glück war der alte Test noch für diesen Tag gültig.Erst später sollte ich erfahren, dass die Bezeichnung geändert wurde.

Das Testen bekam ich dann immer besser in den Griff, allerdings waren die Teststraßen oft zu weit auseinander. Apotheken waren meist nur mit einem großen Umweg möglich, hatten Öffnungszeiten oder nur spezielle Termine für die Testung, die in meinen Weg nicht hineinpassten. Für solche Fälle musste dann eine Selbsttestung  her, die aber nur einen Tag gültig war.

Das immer zu bedenken, stellte mein Gehirn vor eine große Herausforderung. Ein anderer Aspekt war die große Ansammlung von Tests. Normalerweise verwendet man beim Pilgern einen Pilgerpass, worin die Stempel der Herbergen und Kirchen unterwegs dazu dienen, den Weg nachzuverfolgen. Mein Pilgerpass war die Sammlung der Tests, anhand derer ich meinen Weg durch Österreich verfolgen konnte.

Durchs Deutsche Eck nach Tirol

Es war lange für mich fraglich, ob ich über das Deutsche Eck gehen konnte oder innerhalb von Österreich bleiben musste? Zweiteres hätte einen Umweg von 150 km bedeutet und das über die Berge.  Die Situation um Corona beruhigte sich aber so weit, dass ich neben dem Deutschen Eck sogar erstmals den Jakobsweg retour durch Südtirol ins Auge fasste, um nach Kärnten zu gelangen. Mit diesen beiden Alternativen konnte ich die hohen Berge meiden, die für mich eigentlich noch nicht möglich waren.

Eine Nacht verbrachte ich auf einem Campingplatz im Deutschen Eck und am nächsten Tag war mein Ausflug nach Deutschland wieder vorbei.

Begegnungen am Walkabout

Das Salz in der Suppe waren aber nach wie vor die Begegnungen für mich. Wie  unterschiedlich die Charaktere durch Österreich waren, dass konnte ich auf jedem Meter, den ich vorwärtskam, bemerken. Zu Fuß unterwegs, bekam ich einen anderen Zugang zu den Menschen.

Auf der Flucht vor einem Gewitter nahm ich in Scheffau Zuflucht bei einer Liftstation. Der dortige Kaffee-Automat war defekt und kurzerhand wurde ich vom dortigen Skiverleih zum Kaffee eingeladen. Eine lockeres Gespräch entstand mit dem Seniorchef und seiner Frau, was mir das Warten verkürzte und mir neue Einblicke gab. Für mich waren das Bausteine auf dem Weg, lebte ich doch durch den Hirnabszess schon seit fünf Jahren im Social Distancing.

Hansis Sport in Scheffau
Walkabout durch Austria

Die Tage vergingen, abwechselnd im Zelt und in Gasthöfen verbringend. In Zams verpasste ich die Teststraße wegen einer Sperre am Weg. Ich musste Forstarbeiten abwarten, die mich viel Zeit kosteten. Ich ging noch weiter bis Landeck und verwendete den dortigen Campingplatz. Mit dem dortigen Betreiber, Lorenz, habe ich mich lange unterhalten, der als ausgebildeter Sportwissenschafter Interesse an meiner Tour hatte.

Der Arlberg

Am nächsten Tag startete ich schon besonders früh. Mein Ziel war der Arlberg, den ich, wenn möglich, an diesem Tag überqueren wollte. Die ersten Kilometer zogen sich dahin, besonders das viele auf und ab forderte mir einiges ab. Da ich am Vortag  nur einen Zutrittstest machte, hatte ich heute keinen gültigen Test. Erst in Sankt Anton kam ich an der dortigen Apotheke vorbei, die ich nutzte, um mir einen Test abzuholen. Um vierzehn Uhr startete ich in den Anstieg zum Arlberg. Ich musste damit rechnen, noch vor dem Gipfel im Zelt übernachten zu müssen.

Langsam, aber stetig stieg ich höher. Eigentlich ist es ein normaler Wanderweg, aber es gab ausgesetzte Stellen, die mir alles abverlangten.Ob Brücken oder ausgesetzte Stellen, meine Wahrnehmung kam dabei ans Limit.

Erst am Abend erreichte ich den Pass und musste dabei beim Absteigen einige Schneefelder queren. Ich war glücklich, als ich das letzte hinter mir lassen konnte. Ich stieg noch bis Langen am Arlberg ab, wo ich erst spät mein Zelt aufbaute. Trotz der Höhe, wurde es meine wärmste Nacht bisher, seit ich unterwegs war. Es sollte eine Ankündigung sein, was mich in den nächsten Tagen erwarten sollte.

Vorarlberg - zum westlichsten Ort und Punkt

Über Nüziders ging es nach Feldkirch. Die Temperaturen stiegen auf 35° und die Sonne brannte nieder. Ich fühlte mich wohl dabei, denn mein Nervensystem arbeitet bei solchen Temperaturen einfach besser. In Feldkirch übernachtete ich im Kloster und wollte erst am nächsten Tag die 8 Kilometer nach Bangs gehen.  Es war ein überwältigendes Gefühl, Österreich trotz meiner Handicaps durchquert zu haben. Der Walkabout hat seinen Sinn erfüllt.

Gesagt getan, am 18. Juni erreichte ich den westlichsten Ort und kurz darauf auch den westlichsten Punkt. So sehr emotional der Vortag war, so hatte ich kaum Gefühle. Es war ein Abhaken der Punkte und dann gings zurück nach Feldkirch.

Es gäbe natürlich noch 1000 andere Erlebnisse dazu zu erzählen, aber ich brauche Zeit, um alles verarbeiten zu können. Daher braucht auch mein Buch noch einige Zeit.

Im nächsten Teil des Walkabout geht es dann von Vorarlberg über Südtirol zum südlichsten Ort, Vellach/Eisenkappel in Kärnten.

(Zum ersten Teil des Walkabout)


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
Blogheim.at Logo
Bloggerei.de
Copyright © Jörg Krasser
Konzipiert und gestaltet von
crossmenu linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram