Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Zwischen meinem letzten Blog und heute liegen 800 Kilometer, randvoll mit Erlebnissen und Ereignissen. Meine Mission JOGLE wurde dem Namen gerecht, es wurde eine Mission. Mittlerweile liegen1.350 Kilometer hinter mir.
Ich habe Bristol erreicht, nach Wochen voller Regen und etwas Sonnenschein dazwischen. Es waren Hindernisse wie der knappe Strom und tagelang im Zelt unterwegs, weshalb ich lange keine Möglichkeit zum Schreiben fand. Darum erst jetzt eine Zusammenfassung der letzten Wochen.

Der mich schon am West Highländer Weg ereilende Regen sollte mich weiterhin begleiten. Bei Sonnenschein gehe ich aus Glasgow hinaus. Dabei fällt mir ein Logo am Boden auf, dass auf die kommende Rad WM hier hinweist.
Diese Tage sind wie eine Überstellungsetappe, bevor es wieder mit gekennzeichneten Wegen weitergeht. Unterwegs treffe ich auf Simon aus England, der wie ich, den Nord-Süd Weg geht. Er ist einen Tag vor mir gestartet, allerdings auf oft anderer Strecke, deswegen haben wir uns noch nie getroffen. Während er diesmal das Hotel vorzieht, gehe ich noch weiter.
Ich schaue nicht auf Kilometer und schlage mein Lager auf, wenn mir danach ist. Diesmal wird es immer weiter, weil ich keinen geeigneten Lagerplatz finde. Spät erst entdecke ich im Wald einen ebenen Platz.

Am nächsten Morgen wache ich früh auf und gehe los. Es wird ein Weg angezeigt, wo keiner ist. Ich brauche lange, um mich zurechtfinden. Das Ergebnis sind eine Kuhherde, die mir ein mulmiges Gefühl verursacht, hohes Gras, drei Zäune zum Überspringen und durchnässte Füße. Das Abenteuer hat mich viel Zeit und Kraft gekostet.
Im nächsten Dorf frühstücke ich ausgiebig an einem Take Away Imbissladen, die einzige Möglichkeit im Umkreis vieler Kilometer. Aufgrund des regnerischen Wetters entschließe ich mich, den restlichen Tag einem Radweg zu folgen. Über einen Berg komme ich in ein Paralelltal nach Moffart, wo ich ein Bett in einem Hostel bekomme. Trotz Problemen mit meiner Bankomatkarte nimmt mich der Inhaber auf, im Vertrauen, dass ich irgenwie bezahlen werde.
Es wird mein mit Abstand bestes Hostel am Weg, von der Sauberkeit, bis zur Ausstattung und auch der Freundlichkeit des Besitzers. Da auch der darauffolgende Tag regnerisch bleibt, bleibe ich der Straße treu und verzichte auf abseits gelegene Wege, um mich keiner weiteren Expedition mehr auszusetzen.
Ans Zelten habe ich mich eigentlich gewöhnt, aber noch nicht ans Zelten im Regen. Meine gestörte Propriozeption macht es ungemütlich, weil ich mich kaum bewegen kann, ohne nass zu werden. Bei einem einwandigen Zelt darf ich nicht an die Zeltwand stoßen, da sonst das Kondenswasser herunter perlt.
Es ist mir aber nicht möglich, alles unter Kontrolle zu halten. Ich habe damit zu tun, in den Schlafsack zu kommen. Dabei darauf zu achten, nirgends anzustoßen, ist mir unmöglich und so geht es mir mit vielem.
Alles ist dann feucht und nass, meist aufgrund meiner Ungeschicklichkeit. Gerade in Sachen Feinmotorik und Multi-Tasking habe ich noch eine Menge zu lernen. Dieser Weg fordert mich täglich, es gibt kaum eine Verschnaufpause.
In Caleile plane ich meine weitere Route. Ich möchte gerne die Hadriens Wall sehen und das geht einher mit dem Pennine Way, dem ich nachher folgen kann. Dafür verzichte ich auf den Lake District.
Zunächst geht es 35 Kilometer entlang der Hadrians Wall. Auf einer mehrtägigen Wanderung führt dieser Weg von der Westküste an die Ostküste der Insel (oder umgekehrt), immer entlang der Reste dieser alten Steinmauer. Die Mauer diente als Schutz gegen das Eindringen der Schotten nach England, das die Römer damals besetzten. Bestimmt auch eine tolle Wanderung, mit viel Kultur.
Auf diesen ersten Kilometern bekomme ich einen guten Eindruck über die Mauer und biege dann rechts ab, auf den Pennine Way. Diesen Weg in kurzen Worten beschrieben:
Wild, enorme weiten, Hochmoore, Regen, Einsamkeit.
Über mehrere Tage geht es auf schmalen Pfaden, nur unterbrochen von ausgelegten Steinen, über die Hochmoore, Gipfel und lange, gerade Pfade. Extremer Gegenwind erschwert das Vorwärtskommen, oft muss ich mich mit aller Kraft gegen den Wind stemmen. Zum ersten Mal durfte ich erfahren, warum die meisten die Süd-Nord Variante für die England Durchquerung wählten, den LEJOG, denn dabei hat man in der Regel Rückenwind, im Gegensatz zum JOGLE.
Schön langsam zeigen meine Schuhe Auflösungserscheinungen und ein junger Engländer gibt mir den Tipp, online neue zu bestellen und mir die Schuhe in ein Hostel schicken zu lassen. Wenn ich heute noch bestelle, sind sie in vier Tagen im nächsten Hostel am Weg. Zum Glück habe ich das dann nicht gemacht, denn am nächsten Tag am Abend war ich bereits in diesem Hostel.
Für diesen Weg hatte er vier Tage eingeplant. Kein Wunder bei dem Gewicht was die meisten und so auch er, hier tragen. Obwohl er auf einige Leichtsachen umgestiegen ist, hat er noch immer viel zu viel mit. Einen neuen leichten Rucksack hat er sich in dieses Hostel schicken lassen, aber selbst dieser Rest war noch viel zu schwer. Alleine sein Zelt würde die Hälfte des Platzes in meinem Rucksack benötigen. Als er mein Zelt sieht, möchte er es gar nicht glauben, dass es ein Zelt ist.
Mit seinen bisher bis zu 17 kg am Rücken, ist das Gehen in diesem Gelände eben sehr schwierig. Dabei fühlt sich mein Rucksack schon schwer an, der Basis 5 kg und vollbeladen etwa 8 - 9 Kilogramm schwer ist. Im Nachhinein gesagt hatte ich oft zu viel Wasser und Lebensmittel mit, welches natürlich viel vom Gewicht ausmacht.
Die Hochmoore sind interessant, trotzdem reicht es mir nach einigen Tagen, vor allem der Regen macht es nicht gerade leicht. Mein Pennine Way dauert normal um die 18 Tage, ich bin ihn in 8 Tagen gegangen. Einerseits, weil es dauernd regnete und man sich nirgends hinsetzen konnte, andererseits, weil ich von 6 Uhr morgens, bis 20 Uhr abends Zeit hatte zum Gehen.
Und ehrlich gesagt, länger wollte ich auch bei diesem Regen hier nicht unterwegs sein, denn die Bedingungen waren mehr als widrig.
Mit einer kurzen Unterbrechung, wo ich den Weg selber finden musste, kam ich zum Gritstone Way, eine Möglichkeit nach Westen zu gelangen, um zum Offas Dyke Way zu queren. Aufgrund des Regens entschied ich mich allerdings kurzfristig, nach dem Gritstone den direkten Weg nach Süden zu nehmen.
Der Gritstone Way war von Schafen, aber auch immer öfter von Kühen bevölkert. Seit einem Erlebnis in der Jugend, bin ich bei Kühen vorsichtig, ensprechend achtsam ging ich an ihnen vorbei. Der Weg ist wenig begangen und der Pfad oft schwer erkennbar, obwohl er eigentlich gut markiert ist. Den 56 km langen Weg ging ich an einem Tag. Im Internet ist er auf drei Tage ausgelegt.
Eine der wesentlichen Punke meiner Wanderung ist es, dass ich keinen Reiseführer vorher gelesen habe oder mich vorweg über die Gegend wo ich durchkomme, informiert habe. Ich hätte es aufgrund des fehlenden Kurzzeitgedächnisses mir sowieso nicht gemerkt und außerdem wollte ich alles so erleben, wie ich es vorfinde und sehe, ohne Vorbehalte oder Erwartungen.
Ich möchte alles so erleben, Menschen wie Gegend, ohne zu wissen, was auf mich zukommt. So habe ich keine Erwartungen darauf, wie es sein soll und ich kann mich jederzeit auf die Situation leichter einstellen. So schwer es oft für mich war, das fehlende Kurzzeitgedächtnis lässt mich jeden Tag neu beginnen und alles Schwere vom Vortag ist vergessen.
Mein Weg habe ich zwar grob geplant, aber nur um zu sehen, wieviele Kilometer es ungefähr sind. Den genauen Weg entscheide ich immer erst beim Losgehen in der Früh oder ich bin auf einem Fernwanderweg unterwegs, der gut markiert ist. Planen tu ich nur von Tag zu Tag, oder nehme mir die nächste große Stadt als Ziel, ohne zu wissen, was für Wege, Menschen und Landschaft mich unterwegs erwartet.
Auf diese Art bin ich bis jetzt bis Bristol gekommen, nur mehr wenige Tage vor dem Beginn des South West Costal Path in Minehead. Damit sind es noch ca. 500 Kilometer bis nach Lands End. Wobei das nicht mein oberstes Ziel ist, denn das liegt am südlichsten Zipfel, am Weg des SWCP, in Lizard Point. Erst damit habe ich England durchquert.
Nach dem Gritstone Way gehe ich direkt nach Süden. Ohne es vorher gewusst zu haben, gehe ich entlang eines Kanals, der mittels Schleusen die Schiffe über einen Berg führt. Zunächst war ich noch sauer darüber, denn ich erwartete mir, flach entlang am Fluss zu wandern. Dass der Kanal über einen Berg führt, verwirrt mich.
Unterwegs treffe ich den 74-jährigen Pensionisten Philipp, der auf einem der zahlreichen Boote wohnt. Er erzählt mir viel über die Geschichte dieses Kanals und dass England mit über 3.000 Meilen (ca. 5.000 km) dieser Kanäle durchzogen ist. So schippert er seit Jahren durchs Land, mal hierhin, mal dorthin. Er lebt von seiner nicht gerade üppigen Pension, lebt aber als freier Mensch und möchte nicht in einem Altersheim eingesperrt sein, wie er mir erzählt.
Diese Kanäle wurden von Hand gegraben, vor etwa 200 bis 250 Jahren. Waren aller Art konnte so schonend ins Land gebracht werden, ohne zu verschleißen oder zu zerbrechen. Der Transport war am Wasser ruhiger, als auf den damaligen holprigen Strassen. Heute wird er von Hausbooten bevölkert.
An einer Schleuse übernachte ich und kann beobachten, wie die Schiffer sie bedienen, um weiterzukommen. Insgesamt strahlen diese Menschen auf ihren Booten eine Ruhe aus, die auch mich erfasst. Stress gibt es für sie nie und die Bewegungen sind ohne Hektik und Schnelligkeit.
Leider ist dieser Weg nach einigen Tagen zu Ende. Aus dem Kanal wird ein Fluss und die Schiffe darauf größer. Der Weg wird kleiner und ist seltener begangen. Nach 10 Kilometern über Viehweiden, ist plötzlich Ende. Die Markierung führt ins Gestrüpp, umgehen ist nicht möglich, also kämpfe ich mich hindurch.
Für etwa 300 Meter muss ich mir einen Weg suchen, mit den Stöcken schlagend und kriechend, durch hohe Brennessel und dichtes Gestrüpp, bis ich wieder auf eine offene Viehweide komme. Die App zeigte mir einen Weg an. Es ist mir unverständlich, wieso auf diesen paar Metern der offizielle Weg nicht erhalten wird.
Zwei Tage später, meldet der hinter mir gehender Engländer Simon die gleichen Probleme zu haben und versteht nun, was ich meinte.
Dazu verlässt mich unterwegs meine Powerbank, deshalb gerate ich in Stromprobleme beim Handy, dass ich trotz der Markierungen zum Navigieren brauche. So klein und leicht die Powerbank von Nitecore auch ist, es ist nach meinem Walkabout durfte Österreich bereits zweite, die mir unterwegs kaputt wird.
In Takesbury kaufe ich mir eine neue, allerdings nur mit 5000 mA, denn Größe und Gewicht sind entscheidend.
Dem Gewicht ordne ich praktisch alles unter und verzichte dabei sogar auf etwas Komfort beim Schlafen. Aus diesem Grund wählte ich die Thermarest Uberlight, allerdings die kurze Version, mit 119 cm Länge und gerade mal 170 Gramm schwer. Ein absolutes Federgewicht. Gewicht zählt alles, auf meiner Mission JOGLE.
Allerdings sind bereits drei Tage nach meinem Aufbruch in John o'Groats die ersten Zwischenkammern im Innenbereich gebrochen, die mein Kopfkissen überflüssig machten, weil sie so aufgequollen sind. Nach einer weiteren Woche musste ich einmal in der Nacht Luft nach pusten, da sie begann, Luft zu verlieren. Ich habe einen Reparatur-Kit mit, aber es war kein Loch, sondern sie verlor die Luft über das Ventil.
Mit jeder weiteren Woche kam ein zusätzliches Aufpumpen in der Nacht dazu, bis sie praktisch die Luft gar nicht mehr hielt. Der Versuch, ein Ersatzventil zu bekommen, geht schief, denn kein Outdoorgeschäft, wo ich in den nächsten Tagen vorbeikomme, hat eines lagernd. Es bei Thermarest direkt zu bekommen geht auch nicht, denn sie empfehlen nur Geschäfte. Die Lieferzeit ist aber sehr vage angegeben, mit bis zu 10 Tagen, daher fälltl auch das aus, denn wohin sollte ich es denn schicken lassen.
Tagelang quäle ich mich damit ab, in der Nacht bis zu 10 x nachzupumpen, was natürlich auf Kosten des Schlafes geht. Erst in Bristol finde ich einen billigen Matratzen-Ersatz, denn die Uberlight kostet hier in England 220,- Pfund, was bei meinem Budget nicht drinnen ist.
Ich finde eine 350 Gramm schwere, mit einem nicht so guten R-Wert von 1,7. Damit muss ich mich zufriedengeben, zumindest ist sie recht kompakt zu verpacken, was bei meinem kleinen Rucksack eine große Rolle spielt.
Nach vielen Tagen im Inneren des Landes, komme ich wieder ans Meer, bzw. an einen, weit ins Land hineinreichenden Meeresarm. Grüne Wiesen und flaches Gelände erwarten mich. Trotzdem ist jeder Meter weiterhin nicht leicht, denn die letzten Tage machten mich müde und damit funktioniert meine Propriozeption nicht mehr so gut.
Besonders die schmalen Wege sind eine Herausforderung und machen das Gehen schwer. 90% meiner Mission JOGLE sind auf solchen Wegen bisher.
Das Gehen wird immer schwieriger, aber mein Zwischenziel Bristol ist nicht mehr weit. Dort möchte ich gerne einen, wenn nicht zwei Ruhetage einlegen.
Zur Abwechslung gibt es immer mehr Rinder auf den Weiden, an denen ich mit Vorsicht vorbeigehe. Einmal steht eine ganze Herde direkt vor dem Gatter, wo ich durch muss. Es sind Jung-Rinder und ich weiß nicht, wer mehr Angst voreinander hat, ich oder sie.
Zuerst warte ich noch in gebührlicher Entfernung, aber irgendwann gehe ich los, mit sicherem Schritt, dem Gatter entgegen und mitten durch die Herde durch. Sie sind unruhig, aber ich komme ohne Probleme durch. Ein andermal schreckt die ganze Herde auf und läuft mir entgegen. Ich gehe nicht weiter, sondern drehe um und gehe schnell zurück, zu aufgedreht scheint mir die Herde zu sein. Ich habe nicht weit zurück zur Straße und umgehe diesen Abschnitt auf einem Umweg.
Zwei tolle Schlafplätze lasse ich links liegen und spaziere noch weiter in Richtung Bristol, dass ich aber an diesem Tag nicht mehr erreichen werde. Vom Meeresarm weg, gibt es praktisch nur mehr eingezäunte Felder und Weiden, was das Finden eines Schlafplatzes erschwert.
Ich gehe, gehe und gehe, aber es findet sich nichts. Es ist schon neun Uhr Abends, da springe ich über einen Zaun und hinter einer nicht einsehbaren Hecke schlage ich mein Lager auf. Da meine Luftmatratze kaum mehr Luft hält, wird es sowieso nur eine kurze Nacht werden, da ich fast nichts mehr zwischen mir und dem kühlen Boden habe.
Es ist noch früh, als ich in Bristol eintreffe. Langsam schlendere ich Richtung Innenstadt. Auf dem Weg dorthin komme ich bei einem Outdoorladen vorbei, wo ich wegen des Ventil angefragt hatte. Ich sichte die Matten, aber es gibt keine unter hundert Pfund. Das liegt weit über meinem Budget.
Nur hundert Meter weiter ist ein anderes Geschäft und die haben eine Eigenmarke, mit gerade einmal 350 Gramm, allerdings schlechtem R-Wert. Die bisher beste Möglichkeit, aber schlechter als meine Uberlight, mit 170 Gramm und 2,3 R-Wert. Ob sie sich bewährt, werden die nächsten Tage zeigen.
Bristol ist eine coole Stadt, toll angelegt und mit zahlreichen Cafes und Restaurants. Dazu existiert eine tolle Kunstszene und ich fühle mich gleich wohl hier. Bei einem Punk-Friseur lasse ich mir die Haare schneiden und den Bart rasieren. In einem tollen Gespräch erzähle ich ihm über meinen Weg und die Krankheit und er gibt mir wertvolle Tipps für Bristol. Dazu motiviert er mich meine Vespa-Doku fertigzumachen, denn viele seiner Punk-Freunde sind in der Vespa-Szene und er meint, es wäre ein toller Schritt für mich, mich darüberzutrauen.
So erlebe ich Bristol von seiner schönen Seite und genieße zwei Tage Auszeit vom Gehen. Danach wartet der South West Costal Path (SWCP) auf mich, der mich nach Lands End und dem südlichsten Punkt Englands bringen wird.
Die Mission JOGLE bringt mir "Never give up!" nochmals näher.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Ja, meine neue Bezeichnung von Across Britain heißt "Mission JOGLE". Gegeben wurde er mir unterwegs von einem Wanderer, mit dem ich mich einige Zeit unterhalten habe.
JOGLE steht als Abkürzung für John o´Groats to Lands End, also der Durchquerung Englands von Nord nach Süd. Im Gegensatz dazu steht LEJOG, für vom Süden nach Norden.

Der Tag beginnt früh in Inverness. Zunächst steht der Great Glen Way am Programm. Es geht einen Kanal entlang, unterbrochen von Seen, die die Ost mit der Westseite Schottlands verbindet. Kleinere Schiffe können hier queren und es war sicher ein imposantes Schauspiel, als er um 1830 gebaut wurde.
Von flach kann erst keine Rede sein, immer geht es über Hügel rauf und runter. Dazwischen aber immer wieder flache Abschnitte entlang des Kanals.
Schönes Wetter begleitet mich und macht das Gehen zum Vergnügen. Allerdings bin ich mit meinen Schuhen nicht ganz glücklich. Die Altras sind super Schuhe, aber nicht wirklich für mich. Ich habe Blasen, in erster Linie wegen einer gebrochenenen Einlage und die Dämpfung hat mittlerweile stark nachgelassen, was meinen Nervenstörungen nicht zusagt.




Am ersten Tag komme ich am Loch Ness an, dessen dunkles Wasser mich empfängt. Jetzt stehe ich also hier an diesem Ort, wo es das Ungeheuer von Loch Ness geben soll. Der Ort Drumnadrochit gleicht aber eher einem Disneyland, so viel ist hier los. Aber nur hier, denn Abseits am Trail bin ich fast den ganzen Tag alleine.
Der nächste Tag ist wieder voller Waldenergie, nur unterbrochen von kurzen Regenschauern. Nach dem Loch Ness kann ich erstmals die Schleusen sehen, welche die Schiffe höherbringen und später wieder runter. Der Kanal führt ja von Meeres- zu Meeresseite.
Der zweite Tag wird sehr lange, denn Forst- und Bauarbeiten machen einen langen Umweg nötig, ohne das ich es vorger wusste. Auf den steilen Anstiegen verliere ich viel Zeit und komme erst spät zum Zeltplatz, der aus forstlichen Gründen noch um eineinhalb Meilen nach hinten verlegt wurde. Erst um 10 Uhr Abends komme ich an, dafür zelte ich am Seestrand und bin alleine.
Der letzte Tag wird regnerisch, allerdings immer wieder von der Sonne unterbrochen. Wieder einmal später als gedacht, komme ich in Fort Williams an. Ich bekomme etwas außerhalb ein Bett in einem Hostel, aber nur für diese Nacht, sonst ist alles ausgebucht. Das heißt, ich werde ohne Ruhetag in den West Highlander Weg starten müssen.
Um sechs Uhr in der Früh geht es bei Regen los, auf den West Highlander Way. Steil geht es hoch, auf schmalem Trail. Ich wohnte abseits, daher muss ich erst auf den Trail kommen. Ein Nachteil im Regen ist es, kaum Pausen machen zu können, da ich dann im Regen stehe. Hinsetzen ist auch fast nie möglich, weil dafür alles zu nass ist, auch unter Bäumen.
Allerdings wie früher beim Radfahren, habe ich mich daran gewöhnt, während des Gehen zu essen. Schon in der Früh richte ich mir alles griffbereit her, eingeschlichtet in die zahlreichen Taschen auf der Vorderseite des Rucksacks.
Der Weg wird immer anstrengender und lässt mich nur langsam vorankommen. Ich gehe über unangenehm große Steine und ich muss immerfort aufpassen, nicht umzukippen. Mein Ziel ist es, die ersten beiden großen Berge zu überwinden und dann zu gehen, soweit ich komme. Um fünf Uhr erreiche ich Kingshouse, eigentlich ein Nobelhotel, wo es aber eine Stube für die Wanderer gibt. Nach einem Kaffee mit Muffin gehe ich noch zwei Stunden im strömenden Regen und schlage mein Zelt zwischen Bäumen auf.
Es regnet so stark, dass ich hoffe, halbwegs trocken zu bleiben. Am nächsten Morgen richte ich alles her, springe aus dem Zelt, baue es ab und spurte los. Die hiesigen Mücken, Midges genannt, fallen sofort über mich her und da bleibt nur die Flucht. Alle nicht geschützten Hautstellen werden befallen und die Viecher beißen zu. Echt unangenehm.
Sie können allerdings nicht schnell fliegen, deshalb ist man geschützt, solange man geht. Bleibt man stehen, ist man sofort umzingelt. Deswegen bleibe ich tagsüber kaum stehen und esse im Gehen.

Das Gehen über die Steine war für mich gestern am Limit und heute wird es nicht besser. Jeder Schritt ist eine Qual. Mein Gehirn ist übermüdet von der dauernden Anstrengung, alles auszugleichen und andenken zu müssen. Ab der zweiten Tageshälfte ist es ein dahinwanken, weil das Gehirn nicht mehr mitkommt.
Den Tag beende ich am Eingang zum Loch Lomond, weiter schaffe ich es nicht. Auf einer Bergkuppe zelte ich über dem See und es lässt sich sogar die Sonne erblicken. Ich schlafe zehn Stunden und komme am Morgen erst gegen Acht los. Es wird ein Tag, den ich nicht so schnell vergesse.
Der Trail ist schmal und wird immer blockiger, mit großen Steinen. Für zwei Kilometer brauche ich über eine Stunde, so wild geht es neben dem See voran. So etwas habe ich selten erlebt. Ich brauche die Hände, um vorwärts zu kommen. Es ist manchmal wie klettern und es ist mir unbegreiflich, wie hier manche mit ihren doppelt so großen und schweren Rucksäcken vorankommen können.


Einige hundert Meter nach dem Abschnitt treffe ich auf zwei englische Herren. Einen Fotoapparat umgehängt, kurzes Leibchen und kurze Hose, sehen sie aus, als ob sie aus einem Pub vom Tee trinken gekommen sind. So stelle ich mir typische Engländer vor.
Sie fragen mich nach dem Weg. Ich antworte: "Da kommt jetzt ein wirklich rauhes Stück, etwa ein, zwei Meilen lang.". Als Antwort bekomme ich: "Puuhhh, ja, bei uns waren die letzten zwei bis drei Meilen auch wirlich tricky (Schwierig). Wie weit ist es bis ans Ende des Sees?". Für sie ist es bis dahin noch mehr als 10 Kilometer, gar nicht so einfacher Trail, aber das schreckte sie gar nicht. Wir verabschiedeten uns und gingen jeder seine Wege.
Ich erwartete hinter jeder Biegung, dass es wieder los geht, mit den Schwierigkeiten, aber es kam nichts. Nach 5 Kilometern über gute Trails, erreichte ich eine Schiffsanlegestelle, wo man sich aussetzen lassen konnte, um einen kleinen Teil des Weges zurückzulegen. Ob, wie und wann die beiden am Ende ankamen, blieb mir verwehrt zu erfahren, aber sie hatten es sicher nicht leicht, wenn schon der erste Teil für sie anstrengend war.
Es kamen noch einige schwierige Abschnitte und nach 35 Kilometern, am Ende des Sees, schlug ich das Lager an einem dort befindlichen Campingplatz auf. Nach zwei Tagen im Regen, konnte eine Dusche nur gut tun. Es war leider 10 Kilometer unter meinem Soll, denn so hatte ich am nächsten Tag noch fast 50 Kilometer bis Glasgow.
Wieder schlief ich lange und kam erst um acht Uhr weg. Nach dem üblichen Midges-Problem beim Abbau des Zeltes, ging ich bei Sonnenschein los, um bald darauf wieder meinen Poncho überzuziehen. Dieses Prozedere sollte sich sicher zwanzig- bis dreissigmal an diesem Tag wiederholen. Sonnenschein wechselte sich andauernd mit Regenschauern ab, die teils heftig waren.
In einem wunderschönen Hotel mit Restaurant bekomme ich ausnahmsweise eine Kanne Kaffee, mit den Hausgästen. Das war ein Highlight diesen Morgen. Verschwitzt von drei Tagen im Zelt, saß ich neben sauberst gekampelten Wanderern, mit ihrem frischen Gewand.
Ich war mit ein, zwei anderen vom Norden kommend unterwegs, der Haupteil startet in Milngavie Richtung Norden. Dementsprechend viel Gegenverkehr hatte ich, was oft nicht einfach war, wegen der schmalen Trails. Immer wieder musste ich stehenbleiben und den Gegenverkehr abwarten.
Ziemlich gerade, bergauf, bergab, ging es dahin in Richtung Milngavie und dann passierte es, kurz vor dem Ende des West Highland Way. Ein graviereder Fehler, müde und schon etwas unachtsam, fingerte ich das Handy heraus. Dabei entglitt es mir und fiel mit der Displayseite voran auf den steinigen Boden. Das Malheur war passiert. Das Display hatte an mehreren Stellen Sprünge und funktionierte nicht mehr. In einem kurzen Moment konnte ich noch zwei Fotos auf gut Glück vorm Steinbild am Ende in Milngavie machen, aber danach ging nichts mehr.
Mit unzähligen Umwegen und immer wieder der Versuch, nach dem Weg zu fragen, kämpfte ich mich nach Glasgow, ohne die Unterstützung des Handys. Der Weg ist nicht markiert und deswegen schwer anzufinden.
Am Limit erreiche ich das Hostel und war zunächst einmal gerettet. Allerdings nur zunächst, denn noch stand mir das Wäsche waschen bevor. Im Hostel gab es keine Waschmaschiene, aber gleich daneben, an der Tankstelle. Leider war diese kaputt und man schickte mich 15 min Wegzeit zur nächsten. Die machte aber gleich zu, erbarmte sich aber meiner und zu meinem großen Glück, konnte ich zumindest die Wäsche waschen, aber nicht trocknen. Also wieder zurück zur Tankstelle, wo zumindest der Trockner funktionierte. So konnte ich endlich wieder einmal trockene Wäsche anziehen.
Unterwegs war ich nur mit einer kurzen Laufhose, dem Anorak und nassen Schuhen. Alles andere musste in die Wäsche. Noch am Abend kaufe ich ein neues Handy, um weitergehen zu können. Allerdings überschreitete ich mein Geldlimit und neue Schuhe müssen damit warten.
Die Landschaft ist wunderschön. Selten habe ich mich so wohl gefühlt. Durch das viele Zelten, bin ich der Natur noch mehr ausgesetzt, was mir unheimlich gut tut.

Auf der anderen Seite kostet es viel Energie, mit Zelt und selbst zu kochen, unterwegs zu sein. Da ist Pilgern natürlich leichter. Es tut aber gut, einmal aus meinen Routinen herausgerissen zu werden und mein Gehirn zu fordern.
Dieser Abschnitt bleibt mir in Erinnerung, weil ich schon lange nicht mehr so an meine Grenzen gegangen bin, aber nur die bringen mich weiter. Auf meinem letzten Jakobsweg habe ich zum ersten Mal wieder gelebt, hier hat der Weg mehr therapeutische Wirkung.
Es ist faszinierend zu sehen, wie sich mein Körper weiter entwickelt. Dazu habe ich hier tolle Möglichkeiten. Es ist besser, als wie jede Reha-Anstalt.
Ich bin auf (in) meiner Mission JOGLE!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Wichtig ist es mir, die Sache dahinter zu sehen. Manchmal möchte ich mehr, als ich kann oder draufhabe und dann wird es schwierig. Wie im Moment mit einer schlimmen Blase am Fuß, nach 6 Tagen bei "Across Britain". Daher höre ich darauf, was mir die Blase zu sagen hat.
Ich lege einen weiteren Ruhetag ein, um das Erlebte besser verarbeiten zu können und meine schmerzende Blase am linken Fuß ausheilen zu können. Darauf sollte ich hören, denn eine entzündete Blase kann schnell das endgültige Aus bedeuten.

Kilian Jornet, Trailrunner und Alpinist, hat recht damit, wenn er sagt, man solle nicht an Rennen und Ergebnisse denken, sondern an den Prozess und die Suche nach Fortschritten.
Der Focus soll darauf gerichtet sein, Fortschritte zu erzielen. Übersetzt auf mich heißt das, nicht die Fernwanderung ist das Ziel, sondern vielmehr, welche Fortschritte ich mit meinen Handicaps insgesamt erzielen kann. Ein Camino Frances oder Across Britain kann ein gutes (Zwischen-)Ziel sein, um konzentriert zu bleiben. Allerdings mein wahres Ziel bleibt, Fortschritte in körperlicher, wie geistiger Weise nach dem Hirnabszess zu erzielen.

Wäre die erfolgreiche Durchquerung von England mein Ziel, könnte ich mich danach hinsetzen und damit aufhören, weiter zu suchen. Suchen nach meinem persönlichen Fortschritt, wo es allerdings kein Ende gibt. Kein Gipfel, kein Jakobsweg, keine Fernwanderung, kann diesen persönlichen Fortschritt ersetzen, denn der liegt in mir selbst.
Allein, daß ich mich dem Ausgesetzt habe, nach Schottland zu reisen, ist für mich als Erfolg zu verbuchen, alles weitere ist eine Draufgabe. Möchte ich Abbrechen, ist es auch gut, denn dahinter steht ein Ziel, welches viel größer ist, als "nur" durch England zu gehen.
Letztens habe ich auf Facebook gepostet:
"Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe"
Seneca
Across Britain ist nur das Erreichen eines Zwischenzieles, also einer Stufe, denn das wahre Ziel liegt wie immer, weit dahinter.

Ich möchte als Mensch reifen und dazulernen, dass Maximum, was für mich möglich ist. Jedes Jahr wende ich diverse Zeit für (Fern-)Wanderungen und Jakobswege auf, im Gegensatz dazu trainiere und übe ich aber jeden einzelnen Tag auch zuhause.
Mein Focus liegt auf jeden dieser einzelnen Tage und letztendlich vertraue ich darauf, dass alles am Schluss zu guten Ergebnissen führt, ob auf Fernwanderung oder zu Hause. Früher waren es bei mir, Erfolge und Siege bei Radrennen zu haben. Das sollte aber nebenbei passieren. Heute sind Fernwanderungen und Jakobswege um konzentriert zu bleiben, mein Hauptziel ist es, wieder rein ins Leben zu kommen.

Meinen größten Sieg aber durfte ich bereits erleben, der mehr als jeder Sieg bei Radrennen zählt, nämlich den Hirnabszess zu überleben. Dieses neu gewonnene Leben (er-)leben zu dürfen und mit besonderen Inhalten füllen zu dürfen, ist so schön und damit bekommt auch Behinderung eine neue Bedeutung.
Manchmal vergesse ich allerdings darauf, werde aber schnell eines besseren belehrt. Meist mit Dingen, die nicht so lustig sind. Demut ist dann gefragt und nicht, mit dem Kopf durch die Wand, denn das erzeugt Schmerz!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Das Abenteuer „Across Britain“ – oder wie es hierzulande genannt wird: JOGLE – hat begonnen. Zwei bis dreitausend Kilometer warten auf mich, je nachdem wie ich gehe. Im Hinterkopf geistert in mir herum, dass ich wieder alle vier Kardinalpunkte erreichen möchte, also die vier entferntesten Punkte aller Himmelsrichtungen.
Allein die Nord-Süd-Durchquerung umfasst rund 2.000 Kilometer – mit dem Abstecher über den South West Coast Path werden es gut 2.500 km. Und wenn mich die Füße weitertragen, vielleicht noch mehr.

Für mich beginnt dieser lange Weg durch Großbritannien ganz oben im Norden – in Thurso, der nördlichsten Stadt Schottlands.
Von hier aus mache ich mich zu Fuß auf den Weg nach Dunnet Head, dem tatsächlich nördlichsten Punkt der britischen Insel. Allein der Gedanke, dort zu stehen – am Rand der Steilküste, wo der Wind vom Atlantik her weht – hat etwas Symbolisches.
Von Dunnet Head geht es weiter. Dreißig Kilometer südöstlich liegt John o’Groats – jener Ort, der traditionell als Startpunkt der großen Nord-Süd-Durchquerung gilt. Hier beginnt das Abenteuer JOGLE oder Across Britain offiziell. Für mich ist es aber schon früher losgegangen – mit dem ersten Schritt in Thurso, mit der Entscheidung, wieder unterwegs zu sein.

Gleich zu Beginn empfängt mich das seltene Glück des Wetters: blauer Himmel, strahlende Sonne und Temperaturen um die 25 Grad – fast schon ungewohnt für diese Region. Die Einheimischen sprechen von einer Hitzewelle, dabei sind hier sonst 17 Grad und regelmäßiger Regen die Norm.
Trotz der warmen Tage bleiben die Nächte kalt – und vor allem feucht. Ein guter Zeltplatz ist dabei entscheidend. Denn wenn das Zelt am Morgen triefend nass ist, verliert man nicht nur Zeit, sondern auch Energie. Ich merke schnell, wie wichtig es ist, am Abend mit Bedacht zu wählen, wo ich mein Lager aufschlage.
Schon der erste Tag führt mich fast ausschließlich durch die Natur, über grüne Felder, entlang weiter Wiesen. Die Farben hier tun meiner Seele gut. Das viele Grün, in allen Schattierungen, wirkt beruhigend, fast heilend. Ich kann nicht genug davon bekommen. Und so entscheide ich mich, dem John o’Groats Coast Trail zu folgen – nicht durch die Highlands zu gehen, wie ursprünglich überlegt.
Dort, in den Highlands, liegen oft mehrere Tage zwischen den Ortschaften. Das bedeutet: viel Wasser, viel Essen – viel zu tragen. Und mein Körper, so sehr ich auch trainiert habe, ist noch nicht bereit für diese zusätzlichen Lasten. Zwei, drei Kilo mehr machen bei meiner Muskelschwäche einen großen Unterschied.
Ich musste es mir eingestehen: Trotz jahrelangen Übens hat sich meine Muskelkraft, mein Bindegewebe, nur in kleinen Schritten verbessert. Aber ich gehe weiter – mit Maß, mit Achtsamkeit – und mit dem Wissen, dass jede Entscheidung auf dem Weg Teil des Gehens ist.
Schon jetzt, in diesen ersten Tagen, spüre ich: Across Britain ist mehr als eine Durchquerung. Es wird zur Therapie.
Das Gras wächst hier hoch und dicht, oft sehe ich meine eigenen Füße nicht. Ich stolpere über enge, unebene Pfade, die mich ständig fordern. Ohne die vielen tausend Kilometer, die hinter mir liegen – ohne diese jahrelange Vorbereitung –, hätte ich an dieser Stelle wohl schon umkehren müssen.
Jeder Schritt verlangt Konzentration. Nicht nur körperlich, sondern vor allem geistig. Es ist eine Aufmerksamkeit gefordert, die mich manchmal an meine Grenzen bringt. Ich muss denken, bevor ich gehe. Und ich muss beim Gehen denken.
Hinzu kommt: Der Weg verläuft oft direkt am Rand der Grundstücke, außerhalb der alten Mauern – und dort beginnen gleich die Abhänge zum Meer. Steil, ungesichert, unberechenbar. Der Pfad ist oft nur einen Fuß breit, manchmal kaum erkennbar.
Das Meer rauscht unter mir, das Gras schlägt gegen meine Beine, und ich merke: Es ist genau dieser schmale Grat – zwischen Anstrengung und Achtsamkeit –, auf dem ich gehe. Und vielleicht ist es genau das, was ich jetzt brauche.
Der Weg entlang der Küste bleibt fordernd. Immer wieder geht es steil hinauf und ebenso steil wieder hinunter – oft so abrupt, dass ich die Hände zu Hilfe nehmen muss, um Halt zu finden. Die Pfade verlieren sich im Gelände, und das Meer ist selten fern – manchmal direkt unter mir.
Acht Tage bin ich nun unterwegs, jeden Tag im Zelt. Hotels sind für mich keine Option, zu teuer – einfache Herbergen gibt es hier oben erst später. Noch bin ich auf mich gestellt, auf das Zelt, auf das Wetter. Und mit jedem Tag wird klarer: Wenn der Regen kommt und bleibt, wird das Zelten zur Prüfung.
In Inverness bin ich nun angekommen – am achten Tag. Es ist keine geplante Pause, sondern eine erzwungene. Schon ab Tag sechs spüre ich eine Veränderung: Eine große Blase hat sich gebildet, unter dem Fuß, an genau jener Stelle, die bei jedem Schritt Druck spürt.
Es ist, als würde mein ganzer Körper sagen: Stopp. Und ich höre zu.
Dabei war ich übervorsichtig. Ich habe auf meine Füße geachtet, jeden Schritt bewusst gesetzt, alle bekannten Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Und doch – diesmal hat nichts davon geholfen.
Ein Fehler war sicher der Schuhwechsel. Meine vertrauten Hoka habe ich gegen ein Paar Altra getauscht – eine Entscheidung, die ich inzwischen bitter bereue. Zwar hatte ich die neuen Schuhe zu Hause eingegangen, aber das reichte offenbar nicht.
Das Problem: Ich hatte auf die Schnelle keinen neuen Hoka mehr bekommen. Und so ging ich los, mit einem Kompromiss an den Füßen, der sich nun rächt.
Vielleicht habe ich in Inverness Glück und finde Ersatz – denn so, mit diesem Schmerz bei jedem Schritt, kann ich nicht weitermachen. Die Blase allein ist das eine. Aber wenn dadurch mein ganzes System aus der Balance gerät, wenn die Propriozeption aussetzt, dann ist das nicht einfach nur unangenehm. Dann ist das gefährlich.
Mein Kocher tut mir gut. Allein das Wissen, dass ich mir unterwegs etwas Warmes zubereiten kann, gibt mir ein Gefühl von Unabhängigkeit und Sicherheit. Und doch – er ist zu schwer. Zusammen mit dem Titantopf sprengt er mein eigentliches Gewichtslimit.
Rational betrachtet wäre es klüger gewesen, mich von Anfang an auf kalte Küche einzustellen. Warmes Essen nur dann, wenn es unterwegs etwas gibt. Aber der Gedanke, den Kocher ganz wegzugeben, fiel mir immer schwer. Also trage ich ihn weiter – und nutze ihn eben doch.
Der Geldbeutel freut sich. Der Körper weniger. Vor allem mein Energiehaushalt leidet unter dem Zusatzgewicht.
Und dann ist da noch die Sache mit der Gewöhnung. Ich habe mich bis heute nicht wirklich an das fummelige Kochen im Freien gewöhnt. Einmal war das Wasser endlich heiß – und ich stoße den Topf um. Das Wasser ergießt sich über meine Hose und den danebenliegenden Rucksack.
An sich kein Drama. Aber: Es war mein einziges Wasser. Und bis zum nächsten Dorf waren es über drei Stunden zu Fuß.
So blieb mir für den nächsten Tag gerade mal ein halber Liter zum Trinken – bei 25 Grad, mit schwerem Rucksack, über steile Hügel. Ich spürte bei jedem Schritt, wie mein Körper gegen das Defizit arbeitete.
Und doch werde ich den Kocher behalten. Nicht nur aus Trotz oder Sentimentalität. Es kommen noch einsame Gegenden, in denen ich ihn brauchen werde. Vielleicht lerne ich bis dahin sogar, den Topf nicht mehr umzuwerfen.





Der Weg durch Großbritannien ist bisher ein stiller. Nur wenige Begegnungen hatte ich – aber jene, die es gab, waren umso wertvoller.
Einmal sprach mich ein Mann an, dessen Haus einsam am Wegesrand liegt. Wir kamen ins Gespräch – ganz ungeplant, ganz offen. Es entwickelte sich ein Dialog, wie er nur unterwegs entsteht: ehrlich, ruhig, ohne Eile.
In Berriedale traf ich James – einen jungen Einheimischen, der seit einem Jahr im Haus seiner Großeltern lebt. Er ist Programmierer, arbeitet ortsunabhängig und hat sich bewusst entschieden, hierher zurückzukehren.
Auch dieses Gespräch blieb hängen. Nicht nur, weil es freundlich und interessiert war, sondern weil es mir ein Stück mehr von diesem Land gezeigt hat – aus der Sicht eines jungen Menschen, der zwischen Herkunft und Moderne seinen Platz sucht. Es ist nicht einfach, hier zurückzukehren. Und doch gibt es sie – jene, die es tun.
Danke nochmals, James, solltest du das irgendwann lesen. 🙏
Erwähnen möchte ich auch David und seine Frau Julie, die mir unterwegs begegnet sind. Auch sie sind bereits seit längerer Zeit auf diesem Weg unterwegs, allerdings von Sür nach Nord. Sie machen diesen Weg gemeinsam. Leider habe ich vergessen ein Foto zu machen, deshalb verlinke ich auf Ihren Facebook Kanal, wo sie über Ihren Weg berichten.
Zur Facebook Seite von David hier klicken
Überhaupt fühle ich mich sehr wohl in Schottland und fast heimisch. Die Menschen sind sehr freundlich und jederzeit hilfsbereit. Ein guter Auftakt von Across Britain.
Dass es schwer werden würde, wusste ich. Aber so schwer hatte ich es mir nicht vorgestellt.
Körperlich wie geistig komme ich immer wieder an meine Grenzen. Die langen Tage, das viele Gehen, die kleinen und größeren Wehwehchen – sie fordern mehr, als ich erwartet hatte. Und doch: Ich habe den ersten Abschnitt geschafft.
Es tut gut, herausgefordert zu werden. Denn nur so kann ich weitergehen – nicht nur im wörtlichen Sinne.
Diese Reise ist anders als meine Wege auf dem Jakobsweg. Das Gehen hier verlangt mehr vom Kopf, mehr Konzentration, mehr Anpassung an die Umstände. Ich lerne, mit wechselnden Verhältnissen umzugehen. Ich lerne, Lösungen zu finden, wenn keine offensichtlich sind.
Und ich merke: Auch das ist Teil des Weges – nicht nur die Kilometer, sondern das, was sie mit mir machen.

Und wie sagt man auch:
"Was mich nicht umbringt, macht mich nur stärker!“
Aber soweit möchte ich nicht gehen – nicht ständig meine Grenzen ausloten. Denn eines ist mir klar: Dieser Weg, Across Britain, kann auch sehr schnell zu Ende sein, wenn ich nicht auf mich höre.
Ich bin nicht unterwegs, um mich zu verausgaben. Ich bin unterwegs, um mich zu verbessern. Schritt für Schritt. In meinem Tempo. Mit Achtsamkeit.
Nach dem Erreichen des nördlichsten Punkt von Österreich, stand mir der lange Weg nach Vorarlberg bevor. Über 600 Kilometer, mit der Überquerung des Arlberg, als persönlichem Höhepunkt. So hoch kam ich seit dem Hirnabszess vor 5 Jahren noch nie hinaus. Am Walkabout sollte sich das ändern.
Wieder galt es, nicht zu viel nachdenken, einfach gehen und alles Weitere auf mich zukommen lassen.
Ich kam erst gegen 18h vom nördlichsten Punkt in Rottal weg. Der Plan war, über Haugschlag, Litschau, Gmünd und Karlstift, auf geradem Wege zur Donau hinab zu kommen und dann dem Jakobsweg zu folgen.
Die tägliche Suche nach dem Weg, war zu mühsam. Ich wollte möglichst ohne Navigieren gehen und das versprach mir der Jakobsweg am ehesten.
Zunächst stellte sich mir allerdings die Frage nach dem Übernachten. Es wurde immer später und die Möglichkeiten weniger. Die Entscheidung fiel mir aber leicht, ich wollte so lange gehen, wie Licht war und mich dann einfach in ein Bushäuschen legen, um dann möglichst früh wieder auf Achse zu sein.
Gesagt, getan - sehr früh bin ich wieder aufgebrochen. Die Wartehäuschen im Waldviertel sind, wahrscheinlich aufgrund der Witterung, kleine, rundum fast geschlossene Hütten und damit ideal zum Pausieren, vor allem bei schlechtem Wetter. Bestens für mich geeignet, denn das Zelt aufbauen erforderte einfach viel mehr Energie, die ich mir hier ersparte.

Durch Nebelverhangene, mystische Landschaft, ging es durch Wälder, vorbei an Seen, durch kleine Dörfer oder an einzeln gelegene Häuser vorbei.
In Gmünd nahm ich mir ein Zimmer in einer Pension, die schon viel erlebt hatte. Ein älteres Ehepaar führte sie und ich erfuhr einiges von Ihnen, ihrer Pension, der Stadt und der Eisenbahn, die hier alle verband. Wir sprachen über Dampfloks, die gemeinsam in der Früh anfeuerten und den Himmel verdunkeln ließen oder wie sich die Stadt im Laufe der Zeit veränderte.

Ich merkte, dass diese Kommunikation nicht nur mir gefehlt hat, sondern seit Corona praktisch jedem Menschen. Das machte es so wertvoll für mich, Zeit für die Menschen unterwegs zu haben, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichten zu hören. Auf diese Art der Gespräche freute ich mich jederzeit.
In Karlstift war ich erneut sehr spät unterwegs. Wieder stand mir eine Übernachtung im Zelt bevor. Ich ging bei einem der letzten Häuser vorbei, als mich ein Hund anbellte. Kurz darauf kam die Besitzerin hinter einer Hecke hervor und es folgte eine Unterhaltung. Das Ergebnis war, dass ich mein Zelt auf ihrem Grund aufstellen konnte und es noch weitere spannende Unterhaltungen mit ihr und ihrem Mann gab.
Besonders die Aussage,"Wir sind jetzt über 60 Jahre verheiratet", berührte mich sehr. Was hatten die beiden nicht alles erlebt und durchlebt. Es war noch manch andere Aussage dabei, die mir die Tränen in die Augen trieb. Kurz vor dem Finster werden brachte mir die Dame noch einen Krug voll Wasser. Dankbar für diese Begegnung schlief ich ein.
Es war kühl, eigentlich sogar kalt, aber mit dem ersten Tageslicht baute ich das Zelt ab, um den Sonnenaufgang auf 1.000 Meter Seehöhe erleben zu können.
Diese Tage war ich die meiste Zeit Selbstversorger, denn fast alle Gasthäuser hatten zu. Es war immer so viel Essen in meinem Rucksack, dass ich damit über den nächsten Tag kam, im Notfall mit Müsliriegeln und Wasser. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, ein offenes Kaufhaus anzutreffen oder eine Tankstelle, denn die waren oft abseits meiner Route, zu weit, um hinzugehen.
Nach Karlstift führte mich mein Weg entlang der tschechischen Grenze. Oft tief im Wald, begegnete ich keiner Menschenseele. Komischerweise kamen öfter Gedanken um Bären auf. Gab es denn in dieser Wildnis an der Grenze zu Tschechien welche?
Ich dachte öfter an den Appalachen Trail in Amerika, wie ich mich gegenüber Bären verhalten würde. Davonlaufen ginge sowieso nicht, also spürte ich hinein, wie groß mein Vertrauen zu mir selbst war? Es war eine gute Übung, die mir in den folgenden Wochen öfter helfen sollte. Ich spürte, dass ich immer mehr in meiner Mitte war und Tiere merken das sofort.
Vor allem Hunde, deren Besitzer mir oft sagten: "Das macht er nie!". Ich zog Hunde richtig an, aber nicht um angegriffen zu werden, sondern zuerst vorsichtiges beschnuppern, um danach gekrault zu werden.
In Enns führt der Hauptweg des Jakobsweges durch Österreich vorbei. Ein mehr oder weniger gut markierter Weg, der mich bis nach Vorarlberg bringen sollte. Zum ersten Mal war wirklich schönes und warmes Wetter.
Oberösterreich war das Land der Erinnerungen ans Radfahren. Fast in jedem Städtchen bin ich schon Radrennen gefahren. Ansfelden, Wels, Lambach, Schwanenstadt und viele mehr, lagen auf meinem Weg. Obwohl ich schon oft hier war, war für mich alles neu. Mit der Langsamkeit der Füße entdeckte ich jeden Meter und hatte Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten.
Es waren aber nicht nur die Erlebnisse im Außen, die mich beschäftigten, die Inneren waren besonders stark. Stand der erste Teil des Walkabout unter dem Aufarbeiten vom Krankenhaus, so war es diesmal die Zeit danach.
Pfeifend, singend und tanzend zog ich dahin und muss für manchen ein recht komisches Bild abgegeben haben. Das war mir aber egal, denn durch die Tanztherapie hatte ich gelernt, meinen Körperimpulsen nachzugeben und mich darin nicht stören zu lassen. Die Hände fuchtelten oft umher und ein manchmal schwankender Gang ließen mich aussehen wie betrunken. Das half mir, mehr Lockerheit in den Körper zu bekommen, auch wenn es von Außen komisch aussah.

Das schwere Gewicht des Rucksacks und der Vorwärtsdrang lassen mich oft starr werden. Seitliche Schritte und bewegen der Arme brachten wieder mehr Lockerheit. So wechselte ich oft ab, mit dem Ergebnis, dass ich wesentlich leichter und lockerer Gehen kann.
Obwohl ich oft langsam ging, legte ich Kilometer um Kilometer zurück und war am Abend verblüfft, so weit gekommen zu sein. Ich buchte nie im Voraus ein Quartier, sondern schaute ab 17 Uhr, wo ich war und welche Gasthöfe am Weg lagen. So hatte ich zwölf Stunden am Tag fürs unterwegs sein und so kamen auch die Kilometer zusammen.
Ein wichtiger Punkt waren die Teststraßen, die es nur in den größeren Städten gab. Sonst nahm ich auch Apotheken in Anspruch oder was am Weg lag. Manchmal bedeutete das auch einen Umweg, den ich nur dann machte, wenn er nicht zu groß war.
Die Umstellung von "Negativ" auf "Nicht nachgewiesen" am Test, habe ich nie erfahren. Das erste Mal sah ich das in Sankt Johann in Tirol. Ich konnte das Ergebnis natürlich nicht abwarten und ging weiter. Irgendwann kam das SMS und ich schaute darauf. "Nicht nachgewiesen"???
Was war das jetzt? War mein Test ungültig oder fehlerhaft?
Zurückgehen nach Sankt Johann war mir nicht mehr möglich, daher wollte ich in der nächsten Stadt nachfragen. Zum Glück war der alte Test noch für diesen Tag gültig.Erst später sollte ich erfahren, dass die Bezeichnung geändert wurde.
Das Testen bekam ich dann immer besser in den Griff, allerdings waren die Teststraßen oft zu weit auseinander. Apotheken waren meist nur mit einem großen Umweg möglich, hatten Öffnungszeiten oder nur spezielle Termine für die Testung, die in meinen Weg nicht hineinpassten. Für solche Fälle musste dann eine Selbsttestung her, die aber nur einen Tag gültig war.
Das immer zu bedenken, stellte mein Gehirn vor eine große Herausforderung. Ein anderer Aspekt war die große Ansammlung von Tests. Normalerweise verwendet man beim Pilgern einen Pilgerpass, worin die Stempel der Herbergen und Kirchen unterwegs dazu dienen, den Weg nachzuverfolgen. Mein Pilgerpass war die Sammlung der Tests, anhand derer ich meinen Weg durch Österreich verfolgen konnte.
Es war lange für mich fraglich, ob ich über das Deutsche Eck gehen konnte oder innerhalb von Österreich bleiben musste? Zweiteres hätte einen Umweg von 150 km bedeutet und das über die Berge. Die Situation um Corona beruhigte sich aber so weit, dass ich neben dem Deutschen Eck sogar erstmals den Jakobsweg retour durch Südtirol ins Auge fasste, um nach Kärnten zu gelangen. Mit diesen beiden Alternativen konnte ich die hohen Berge meiden, die für mich eigentlich noch nicht möglich waren.
Eine Nacht verbrachte ich auf einem Campingplatz im Deutschen Eck und am nächsten Tag war mein Ausflug nach Deutschland wieder vorbei.
Das Salz in der Suppe waren aber nach wie vor die Begegnungen für mich. Wie unterschiedlich die Charaktere durch Österreich waren, dass konnte ich auf jedem Meter, den ich vorwärtskam, bemerken. Zu Fuß unterwegs, bekam ich einen anderen Zugang zu den Menschen.
Auf der Flucht vor einem Gewitter nahm ich in Scheffau Zuflucht bei einer Liftstation. Der dortige Kaffee-Automat war defekt und kurzerhand wurde ich vom dortigen Skiverleih zum Kaffee eingeladen. Eine lockeres Gespräch entstand mit dem Seniorchef und seiner Frau, was mir das Warten verkürzte und mir neue Einblicke gab. Für mich waren das Bausteine auf dem Weg, lebte ich doch durch den Hirnabszess schon seit fünf Jahren im Social Distancing.

Die Tage vergingen, abwechselnd im Zelt und in Gasthöfen verbringend. In Zams verpasste ich die Teststraße wegen einer Sperre am Weg. Ich musste Forstarbeiten abwarten, die mich viel Zeit kosteten. Ich ging noch weiter bis Landeck und verwendete den dortigen Campingplatz. Mit dem dortigen Betreiber, Lorenz, habe ich mich lange unterhalten, der als ausgebildeter Sportwissenschafter Interesse an meiner Tour hatte.
Am nächsten Tag startete ich schon besonders früh. Mein Ziel war der Arlberg, den ich, wenn möglich, an diesem Tag überqueren wollte. Die ersten Kilometer zogen sich dahin, besonders das viele auf und ab forderte mir einiges ab. Da ich am Vortag nur einen Zutrittstest machte, hatte ich heute keinen gültigen Test. Erst in Sankt Anton kam ich an der dortigen Apotheke vorbei, die ich nutzte, um mir einen Test abzuholen. Um vierzehn Uhr startete ich in den Anstieg zum Arlberg. Ich musste damit rechnen, noch vor dem Gipfel im Zelt übernachten zu müssen.
Langsam, aber stetig stieg ich höher. Eigentlich ist es ein normaler Wanderweg, aber es gab ausgesetzte Stellen, die mir alles abverlangten.Ob Brücken oder ausgesetzte Stellen, meine Wahrnehmung kam dabei ans Limit.
Erst am Abend erreichte ich den Pass und musste dabei beim Absteigen einige Schneefelder queren. Ich war glücklich, als ich das letzte hinter mir lassen konnte. Ich stieg noch bis Langen am Arlberg ab, wo ich erst spät mein Zelt aufbaute. Trotz der Höhe, wurde es meine wärmste Nacht bisher, seit ich unterwegs war. Es sollte eine Ankündigung sein, was mich in den nächsten Tagen erwarten sollte.
Über Nüziders ging es nach Feldkirch. Die Temperaturen stiegen auf 35° und die Sonne brannte nieder. Ich fühlte mich wohl dabei, denn mein Nervensystem arbeitet bei solchen Temperaturen einfach besser. In Feldkirch übernachtete ich im Kloster und wollte erst am nächsten Tag die 8 Kilometer nach Bangs gehen. Es war ein überwältigendes Gefühl, Österreich trotz meiner Handicaps durchquert zu haben. Der Walkabout hat seinen Sinn erfüllt.
Gesagt getan, am 18. Juni erreichte ich den westlichsten Ort und kurz darauf auch den westlichsten Punkt. So sehr emotional der Vortag war, so hatte ich kaum Gefühle. Es war ein Abhaken der Punkte und dann gings zurück nach Feldkirch.
Es gäbe natürlich noch 1000 andere Erlebnisse dazu zu erzählen, aber ich brauche Zeit, um alles verarbeiten zu können. Daher braucht auch mein Buch noch einige Zeit.
Im nächsten Teil des Walkabout geht es dann von Vorarlberg über Südtirol zum südlichsten Ort, Vellach/Eisenkappel in Kärnten.
(Zum ersten Teil des Walkabout)