Walkabout durch Austria - Daheim bis zum nördlichsten Punkt!

20. Juli 2021
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8 Minuten Lesezeit

Mein Walkabout durch Austria ist zu Ende. In 59 Tagen legte ich rund 2100 Kilometer durch Österreich zurück, unterwegs zu den entferntesten Orten aller vier Himmelsrichtungen. Dieser Bericht handelt vom Weg zum nördlichsten Punkt. Der Weg zum westlichsten und südlichsten folgt.

Das Ende des Weges ist zugleich ein Anfang, denn wie beim Pilgern gilt auch hier:

"Der Weg beginnt am Ende!"

Walkabout

Der Walkabout beinhaltete mehrerlei!

Ich wollte meinem ICH wieder näher kommen. Wer oder was bin ich, diese Frage stellte ich mir ja schon seit dem Hirnabszess!

Es ist mir gelungen, meinen Körper und Geist wieder (fast) zusammenzubringen. Darauf arbeite ich seit langem hin und ich kann mich an die Aussage nach meinem ersten Camino erinnern, dass es noch einige Caminos brauchen wird, ehe es so weit ist. Ja, es dauerte, aber ich habe einen guten Weg für mich gefunden und mir, was genauso wichtig war, die Zeit dazu gegeben.

Eine große Unterstützung war und ist noch immer, dass therapeutische Tanzen. Zuerst noch in der Gruppe, dann in Einzelsitzungen, konnte ich speziell an den verschiedensten Punkten arbeiten. Ein großes Danke dafür an meine Therapeutin Hannah T., die wesentlichen Anteil daran hatte, dass ich mich überhaupt auf den Weg machen konnte. Das therapeutische Tanzen ist eine Form der Therapie, die ich nie als solche angesehen oder empfunden hatte. Es half mir besonders durch das letzte Jahr der Pandemie und brachte eine gewisse Beruhigung in mein Leben.

Tücher vom therapeutischen Tanzen begleiteten mich.
Tücher vom therapeutischen Tanzen begleiteten mich

Was hat sich also getan in den letzten zwei Monaten?

Der Start des Walkabout war noch im Lockdown im Mai, deshalb wählte ich zunächst den Weg über die Berge, von mir zuhause bis zum Neusiedlersee. Es war mir wichtig zu sehen, wie ich in den Bergen zurecht komme und ob ich für diese Art zu Gehen schon bereit war. Denn in Österreich ist es etwas anderes, als in Spanien zu Pilgern.

Somit war ich als Selbstversorger in den ersten drei Tagen unterwegs, trug alles bei mir, auch das Essen. Alle Hütten waren geschlossen und zu meiner Überraschung, auch die Brunnen. Diese ersten Tage hatte ich immer wieder große Probleme, an genug Wasser zu kommen. Das Gewicht zum Tragen war höher als beim Pilgern. Denn neben dem Wasser hatte ich auch Zelt und Unterlegmatte mit dabei.

Am Wetterkreuz traf ich auf meine erste Begegnung. Mit dem Einheimischen Andreas unterhielt ich mich länger und es tat gut, meine Geschichte erzählen zu können und einfach Small Talk zu erleben. Seit Corona war das für mich kaum mehr möglich.

Das Essen musste ich rationieren, denn eines hatte ich übersehen. Für drei Tage hatte ich Essen mit und ein Einkaufen war erst am vierten Tag möglich. Allerdings waren am vierten Tag noch bis dahin 6 Stunden zu gehen, das hatte mein Gehirn nicht registriert. 300 mml Wasser und ein Müsliriegel mussten für diese Strecke reichen.

Erst in Gloggnitz kam ich zu Essen und Wasser. In einer Fleischerei kaufte ich mir etwas Warmes, mein erstes warmes Essen seit vier Tagen. Natürlich gab es das nur als Take Away und so blieb mir nichts anderes übrig, als auf einem Parkplatz, am Boden sitzend, es zu verdrücken.

Walkabout

Die beiden  nächsten Tage zum Neusiedlersee waren verregnet, gekennzeichnet von Orientierungsproblemen und Stromproblemen für das Handy.  In einer Tankstelle mit Take Away Kaffee, bat ich darum, mein Handy für eine viertel Stunde zu Laden, ich wollte abseits im Freien warten. Es schüttete in Strömen und ich wurde schroff hinauskomplimentiert, mit den Worten, "Des is net erlaubt bei uns!". Na ja, das waren sehr streng angelegte Corona-Regeln, aber denen musste ich mich beugen und ich stiefelte im Regen weiter.

In Neufeld an der Leitha kam ich am Handy Neufeld Shop vorbei, wo mir Yusuf meinem Handy wieder Leben einhauchte, damit ich überhaupt weitergehen konnte. Ein großes Dankeschön dafür. Ich war abhängig von der Technik, um mich orientieren zu können. Ohne Technik ließ mich mein durch die Krankheit verlorener Orientierungssinn im Stich.

Lockdown und Öffnung

In Neusiedl am See entschied ich mich das Ende des Lockdowns abzuwarten, bevor ich weiterging. Ich wollte nicht riskieren, weitere Tage im Lockdown und Regen zu verbringen, die mein Gesamtziel, nämlich durch Österreich zu gehen, womöglich unmöglich gemacht hätte.

Die Folgen des Hirnabszesses schränken meinen Körper noch zu sehr ein und ich wollte nicht dauernd am Limit sein, was es sonst zu schnell gewesen wäre. Der Weg alleine war sowieso schon am Limit für mich. Am 19.Mai endete der harte Lockdown und ging in einen weichen über. Gasthöfe, Hotels und Cafes konnten wieder aufsperren, wenn auch mit Regeln, die es mir nicht einfach machten.

Alle zwei bis drei Tage brauchte ich eine Teststraße, denn Eigentests hatte ich nur begrenzt mit. Zu viel nachdenken durfte ich nicht, ich ließ besser alles auf mich zukommen und musste dann eben reagieren.

Der östlichste Ort und Punkt von Österreich

Regen und Sturm machten es nicht leicht. In unwirtlichem Wetter erreichte ich Deutsch-Jahrndorf und ich ging noch die fünf Kilometer zum östlichsten Punkt, an das Dreiländereck Österreich, Slowakei und Ungarn. Alleine stand ich dort im Regen und Sturm, nach 266 Kilometern zu Fuß. Meinen ersten Ort und Punkt konnte ich damit abhaken.

Den Punkt mache ich immer mit, wenn er leicht erreichbar war, der Ort aber war mein Ziel. Denn ich wusste, der Unterschied vom südlichsten Ort und Punkt war sehr groß und für mich unter Umständen nicht machbar, da es zu ausgesetzt ist. Die Tour hatte ja den Sinn, besser ins Leben zu kommen und nicht alles dranzusetzen, um irgendwie an den weitesten Punkt zu kommen.

Tesla-Pilgern

Mein Freund Bernd begleitete mich ab Neusiedl für zwei Tage und stellte mir sein Auto fürs Übernachten zur Verfügung. Ein total luxuriöses Übernachten, denn der Tesla war im Innenraum immer ideal temperiert, anders als im Zelt. Bernd kreierte daraufhin das "Tesla-Pilgern".

Für mich hatte es den Vorteil, solange zu gehen wie ich wollte, denn dort wo ich war, stellte er das Auto ab und ich brauchte im Regen nicht das Zelt aufzubauen. Wie gesagt, ein total luxuriöses Schlafen, denn Gasthäuser gab es in dieser Gegend kaum, bzw. welche die offen hatten. Danke Bernd!

Tesla-Pilgern
Tesla-Pilgern

Als nächstes: Weinviertel

Das Weinviertel blieb mir sehr ambivalent in Erinnerung. Als Erstes fällt mir dazu nur Regen, Regen und Regen ein!

Es gab natürlich auch sonnige Tage, die aber fast immer mit Regen endeten. Mehrere Stunden am Tag stiefelte ich im Regen, nassen Gras und Schlamm dahin. An die wenigen Sonnenstunden erinnert sich mein Gedächtnis kaum, obwohl es die auch gab. Meist war der Vormittag sonnig und ab Mittag begann es zu Regnen.

Dafür entschädigten die Menschen unterwegs, auf die ich traf. Kommunikation war ein Thema, welches speziell seit dem Social Distancing eines wurde und das mich seit dem Hirnabszess begleitet. Ob Tom und Susi, die mich für eine Nacht aufnahmen, der Bauer, der mich im Vorgarten seines Hauses zelten ließ, oder Alexander Rüdiger, der mich kurz am Weg besuchte, trotz seiner Zeitknappheit. Es waren Begegnungen, die mir viel bedeuteten.

Natürlich gab es Regeln wegen Corona, aber wenn man die einhielt, stand der Menschlichkeit nichts im Wege.

Mit Stromproblemen hatte ich in dem Ausmaß nicht gerechnet. Durch den vielen Regen war es nicht möglich, über das Solar-Paneel Strom zu erzeugen. Da viele Tage im Zelt waren, musste ich irgendwie schauen, dass mein Handy Strom hatte. Denn das Handy war meine Navigation. Ich ging auf recht gerader Linie in Richtung nördlichster Punkt. Allerdings bestand diese Gerade aus unzähligen Abbiegungen, besonders zwischen den Feldern. Einmal falsch gehen, konnte einen immensen Umweg bedeuten.

Daher war mein Telefon ständig in Gebrauch. Die Komoot-App führte mich auf total schönen Wegen durchs Land, die ich ohne die App nie gefunden hätte. Aber es zeigte sich auch mein verloren gegangener Orientierungssinn, denn ohne App war ich verloren.

Ich watete durch Schlamm und Nässe. Die Temperatur war mit ca. 13° zwar angenehm, aber der Wind machte es viel kälter, als es war. Kam die Sonne heraus, wurde es warm und die grün leuchtenden Felder waren eine Wohltat fürs Auge und Gehirn. Das war aber nicht von Dauer, denn der wolkenlose Himmel veränderte sich schnell in eine graue Masse und Regen setzte wieder ein.

Durch das viele Gehen im Regen, wurden meine Schuhe sehr beansprucht. Sie hatten doch schon einige Kilometer drauf und sind innerhalb weniger Tage gebrochen und ließen das Wasser hinein. Das zusammen mit dem schwierigen Gehen auf den durchtränkten Feldwegen, brachte mir einige Blasen ein, wo ich doch sonst nie Blasen hatte. Aber diese Blasen wollten mir was sagen, war ich doch auf einem Walkabout, der eine besondere Aufgabe zu erfüllen hatte.

Trotz aller Plagen, verlor ich nie meine Freude. Ich war glücklich hier gehen zu können, egal ob der Umstände. In mir drinnen breitete sich ein innerer Friede aus, dem auch das Äußere nichts anhaben konnte.

Meinen Ersatzschuh hatte ich ab Salzburg eingeplant, dass sie jetzt schon brechen würden, hatte ich nicht bedacht, noch vor dem nördlichsten Punkt. So waren nasse Füße ab jetzt mein ständiger Begleiter und umso achtsamer musste ich mit mir, meinen Füßen und meinen Gedanken umgehen.

Durchs Waldviertel zum nördlichsten Punkt

Das regnerische Wetter hielt auch im Waldviertel an und die Übernachtungen im Zelt waren feucht und kalt. Etwa alle drei Tage nahm ich ein Quartier, wenn es eines gab. Ich durchquerte viele kleine Ortschaften, in denen das Gasthaus geschlossen war. Offene gab es nur in größeren Orten und damit war auch mein Übernachten auf diese begrenzt.

Corona forderte seinen Tribut und es war traurig zu sehen, welche Formen das annahm. Für kleine Gasthäuser am Land zahlte sich das Aufsperren nicht aus, denn mit den verbundenen Regeln war es unwirtschaftlich zu öffnen. Zwischen "ich trau mich" und "es geht schief", war ein schmaler Grat.

Gerade auf dem Weg zum nördlichsten Punkt musste ich immer wieder aufs Zelt ausweichen.

Aufarbeiten in Niederösterreich

Niederösterreich war für mich das Aufarbeiten vom Krankenhaus. Es kamen Dinge hoch, die ich lange verdrängt oder vergessen hatte. Wenn ich torkelnd durch den Schlamm watete, kamen in mir Erinnerungen hoch, vom Gehen lernen, von meinen ersten Schritten und der schnellen Erschöpfung. Fortschritte ließen sich für mich kaum erkennen und das Ziel schien unerreichbar. Trotzdem gab ich nicht auf und ich lernte mit "Step by Step" umzugehen. Andererseits motivierte es mich, nie aufgegeben zu haben. Das ließ es erst zu, mich auf diesen Walkabout zu begeben. Erinnerungen von meinen ersten Camino Frances, wechselten mit Erlebnissen aus dem Krankenhaus ab. Mein oftmaliges dahin stolpern am Camino, wegen der Halbseitenlähmung, aber auch mein Wille, es quasi einfach wegzugehen!

Dann gab es Momente, in denen war ich so glücklich und ich erfreute mich an oft kleinsten Dingen am Wegesrand. Ich beobachtete Schnecken und Ameisen und ich hatte das Gefühl, besonders zu Tieren eine besondere Beziehung aufbauen zu können. Natürlich hatte ich auch Gelegenheit, die verschiedensten Tiere zu sehen. Oftmals kamen sie als Krafttiere, in allen Varianten, in mein Leben. Dann hatten sie mir etwas besonderes zu sagen.

Unterwegs zum nördlichsten Punkt das Krafttier Käfer

Zum nördlichsten Ort und Punkt

Erst am späten Nachmittag kam ich nach Haugschlag und etwas später zum nördlichsten Punkt, an der tschechischen Grenze. Es war ein gutes Gefühl, die Heimat zu Fuß zu erwandern und jeden Meter tatsächlich zu Fuß zu erobern. Nach 514 Kilometer und 14 Tagen stand ich um 17h30 am nördlichsten Punkt von Österreich.

zum nördlichten Punkt

Trotz der Anstrengung fand ich es nie anstrengend. Die Leichtigkeit ist seit langem auch Thema im therapeutischen Tanzen, die langsam immer mehr Einzug in meinem Leben halten darf. Das Leben darf leicht sein und ich setzte immer nur einen Fuß vor den anderen und das über den ganzen Tag.

Allein, dass ich das konnte, machte mich überglücklich. Wenn mich jemand auf das Wetter ansprach, dann antwortete ich: "Ich habe über Monate im Krankenhaus keinen Regen auf meiner Haut gespürt, es war mein Ziel, dass wieder zu erleben!"

Regen macht mir nichts aus, einzig vor Gewittern habe ich gehörig Respekt. Allerdings musste ich auch einsehen, dass mein körperliches Befinden das Campieren noch nicht so gut verträgt und der Regen, verbunden mit Kälte, es mir doch schwerer machte, als gedacht.

Es gab viele Erlebnisse auf dem Weg zum nördlichsten Punkt Österreichs, die ich nicht mehr missen möchte.

Mein weiterer Weg zum westlichsten Punkt...

...Österreichs gibt es in ein paar Tagen im nächsten Artikel. Es tut mir gut, die Erlebnisse niederzuschreiben. Denn seit ich zu Hause bin, ist es so, als ob ich nie losgegangen sei!


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5 comments on “Walkabout durch Austria - Daheim bis zum nördlichsten Punkt!”

  1. Lieber Jörg!
    Du hast es geschafft mit deinem Lebensmotto:" Never give up!"
    Was soll ich zu diesem, deinem Walk about sagen. Mir fehlen die Worte........ über deine Willensstärke, dein Durchhaltevermögen, deine positive Einstellung zu Allem was ist, dein Annehmen von Widrigkeiten, deine physische und psychische Stärke, den Fokus, den du auf das Hier und Jetzt richtest, deine Sensibilität für den Kosmos, Mensch und Tier in Demut& Dankbarkeit zu begegnen.Die Sinnhaftigkeit in Allen Geschehnissen zu hinterfragen,nach Antworten wartend und mit diesen neu gewonnenen Einsichten an dir selbst weiter zu wachsen.
    Danke zu sagen, für jeden neuen gewonnenen Tag. Ich denke, du bist selbst über dich hinaus gewachsen.Mit der Verbundenheit spürend, du als Mensch, mit dem Himnel& der Erde verwoben, vernetzt zu sein, dass es keine Trennung gibt, mit diesen ,von Gott gegebenen Naturgesetzen könntest du diesen Walk about nun mit Freude erst mal abschließen.
    Dazu möchte ich dir von ganzem Herzen gratulieren.Ich wünsche dir eine gute Verarbeitungs - und Erholungsphase.
    Möge deine HeilWerdung weiter seinen Weg finden.

    In diesem Sinn
    Alles Liebe
    Andrea Ziegler

    1. Danke!!! Puuuhh, was soll ich zu diesen Worten noch sagen? Danke dafür! Ja, es war ein außergewöhnliches Erlebnis, dass mir viel gegeben hat und für die Heilwerdung eine große Rolle spielte.
      Es hat einiges verändert und ich denke, ich kann jetzt zu Leben beginnen, ohne die Therapie zu vernachlässigen. Ich bin in mir angekommen.
      Danke und alles Liebe
      Jörg

    1. Hallo, gerne! Würde mich über ein Treffen auch freuen. Bin noch diese Woche bei Pilgerfreunden vom Camino Norte, aber ab nächster Woche bin ich wieder da.
      Liebe Grüße
      Jörg

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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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