Nach dem Erreichen des nördlichsten Punkt von Österreich, stand mir der lange Weg nach Vorarlberg bevor. Über 600 Kilometer, mit der Überquerung des Arlberg, als persönlichem Höhepunkt. So hoch kam ich seit dem Hirnabszess vor 5 Jahren noch nie hinaus. Am Walkabout sollte sich das ändern.

Wieder galt es, nicht zu viel nachdenken, einfach gehen und alles Weitere auf mich zukommen lassen.

Im Waldviertel

Ich kam erst gegen 18h vom nördlichsten Punkt in Rottal weg. Der Plan war, über Haugschlag, Litschau, Gmünd und Karlstift, auf geradem Wege zur Donau hinab zu kommen und dann dem Jakobsweg zu folgen.

Die tägliche Suche nach dem Weg, war zu mühsam. Ich wollte möglichst ohne Navigieren gehen und das versprach mir der Jakobsweg am ehesten.

Zunächst stellte sich mir allerdings die Frage nach dem Übernachten.  Es wurde immer später und die Möglichkeiten weniger. Die Entscheidung fiel mir aber leicht, ich wollte so lange gehen, wie Licht war und mich dann einfach in ein Bushäuschen legen, um dann möglichst früh wieder auf Achse zu sein.

Gesagt, getan - sehr früh bin ich wieder aufgebrochen. Die Wartehäuschen im Waldviertel sind, wahrscheinlich aufgrund der Witterung, kleine, rundum fast geschlossene Hütten und damit ideal zum Pausieren, vor allem bei schlechtem Wetter.  Bestens für mich geeignet, denn das Zelt aufbauen erforderte einfach viel mehr Energie, die ich mir hier ersparte.

Bushäuschen im Waldviertel am Walkabout

Durch Nebelverhangene, mystische Landschaft, ging es durch Wälder, vorbei an Seen, durch kleine Dörfer oder an einzeln gelegene Häuser vorbei.

Gmünd

In Gmünd nahm ich mir ein Zimmer in einer Pension, die schon viel erlebt hatte. Ein älteres Ehepaar führte sie und ich erfuhr einiges von Ihnen, ihrer Pension, der Stadt und der Eisenbahn, die hier alle verband. Wir sprachen über Dampfloks, die gemeinsam in der Früh anfeuerten und den Himmel verdunkeln ließen oder wie sich die Stadt im Laufe der Zeit veränderte.

Ich merkte, dass diese Kommunikation nicht nur mir gefehlt hat, sondern seit Corona praktisch jedem Menschen. Das machte es so wertvoll für mich, Zeit für die Menschen unterwegs zu haben, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichten zu hören. Auf diese Art der Gespräche freute ich mich jederzeit.

Karlstift

In Karlstift war ich erneut sehr spät unterwegs. Wieder stand mir eine Übernachtung im Zelt bevor. Ich ging bei einem der letzten Häuser vorbei, als mich ein Hund anbellte. Kurz darauf kam die Besitzerin hinter einer Hecke hervor und es folgte eine Unterhaltung.  Das Ergebnis war, dass ich mein Zelt auf ihrem Grund aufstellen konnte und es noch weitere spannende Unterhaltungen mit ihr und ihrem Mann gab.

Besonders die Aussage,"Wir sind jetzt über 60 Jahre verheiratet", berührte mich sehr. Was hatten die beiden nicht alles erlebt und durchlebt. Es war noch manch andere Aussage dabei, die mir die Tränen in die Augen trieb. Kurz vor dem Finster werden brachte mir die Dame noch einen Krug voll Wasser. Dankbar für diese Begegnung schlief ich ein.

Es war kühl, eigentlich sogar kalt, aber mit dem ersten Tageslicht baute ich das Zelt ab, um den Sonnenaufgang auf 1.000 Meter Seehöhe erleben zu können.

Diese Tage war ich die meiste Zeit Selbstversorger, denn fast alle Gasthäuser hatten zu. Es war immer so viel Essen in meinem Rucksack, dass ich damit über den nächsten Tag kam, im Notfall mit Müsliriegeln und Wasser. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, ein offenes Kaufhaus anzutreffen oder eine Tankstelle, denn die waren oft abseits meiner Route, zu weit, um hinzugehen.

Nach Karlstift führte mich mein Weg entlang der tschechischen Grenze. Oft tief im Wald, begegnete ich keiner Menschenseele. Komischerweise kamen öfter Gedanken um Bären auf. Gab es denn in dieser Wildnis an der Grenze zu Tschechien welche?

Ich dachte öfter an den Appalachen Trail in Amerika, wie ich mich gegenüber Bären verhalten würde. Davonlaufen ginge sowieso nicht, also spürte ich hinein, wie groß mein Vertrauen zu mir selbst war? Es war eine gute Übung, die mir in den folgenden Wochen öfter helfen sollte. Ich spürte, dass ich immer mehr in meiner Mitte war und Tiere merken das sofort.

Vor allem Hunde, deren Besitzer mir oft sagten: "Das macht er nie!". Ich zog Hunde richtig an, aber nicht um angegriffen zu werden, sondern zuerst vorsichtiges beschnuppern, um danach gekrault zu werden.

Enns, der Beginn des Jakobsweg

In Enns führt der Hauptweg des Jakobsweges durch Österreich vorbei. Ein mehr oder weniger gut markierter Weg, der mich bis nach Vorarlberg bringen sollte. Zum ersten Mal war wirklich schönes und warmes Wetter.

Oberösterreich war das Land der Erinnerungen ans Radfahren. Fast in jedem Städtchen bin ich schon Radrennen gefahren. Ansfelden, Wels, Lambach, Schwanenstadt und viele mehr, lagen auf meinem Weg. Obwohl ich schon oft hier war, war für mich alles neu. Mit der Langsamkeit der Füße entdeckte ich jeden Meter und hatte Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten.

Es waren aber nicht nur die Erlebnisse im Außen, die mich beschäftigten, die Inneren waren besonders stark. Stand der erste Teil des Walkabout unter dem Aufarbeiten vom Krankenhaus, so war es diesmal die Zeit danach.

Pfeifend, singend und tanzend zog ich dahin und muss für manchen ein recht komisches Bild abgegeben haben. Das war mir aber egal, denn durch die Tanztherapie hatte ich gelernt, meinen Körperimpulsen nachzugeben und mich darin nicht stören zu lassen. Die Hände fuchtelten oft umher und ein manchmal schwankender Gang ließen mich aussehen wie betrunken. Das half mir, mehr Lockerheit in den Körper zu bekommen, auch wenn es von Außen komisch aussah.

Pfeifend am Walkabout

Das schwere Gewicht des Rucksacks und der Vorwärtsdrang lassen mich oft starr werden. Seitliche Schritte und bewegen der Arme brachten wieder mehr Lockerheit. So wechselte ich oft ab, mit dem Ergebnis, dass ich wesentlich leichter und lockerer Gehen kann.

Obwohl ich oft langsam ging, legte ich Kilometer um Kilometer zurück und war am Abend verblüfft, so weit gekommen zu sein. Ich buchte nie im Voraus ein Quartier, sondern schaute ab 17 Uhr, wo ich war und welche Gasthöfe am Weg lagen. So hatte ich zwölf Stunden am Tag fürs unterwegs sein und so kamen auch die Kilometer zusammen.

Teststraßen

Ein wichtiger Punkt waren die Teststraßen, die es nur in den größeren Städten gab. Sonst nahm ich auch Apotheken in Anspruch oder was am Weg lag. Manchmal bedeutete das auch einen Umweg, den ich nur dann machte, wenn er nicht zu groß war.

Die Umstellung von "Negativ" auf "Nicht nachgewiesen" am Test, habe ich nie erfahren. Das erste Mal sah ich das in Sankt Johann in Tirol. Ich konnte das Ergebnis natürlich nicht abwarten und ging weiter. Irgendwann kam das SMS und ich schaute darauf. "Nicht nachgewiesen"???

Was war das jetzt? War mein Test ungültig oder fehlerhaft?

Zurückgehen nach Sankt Johann war mir nicht mehr möglich, daher wollte ich in der nächsten Stadt nachfragen. Zum Glück war der alte Test noch für diesen Tag gültig.Erst später sollte ich erfahren, dass die Bezeichnung geändert wurde.

Das Testen bekam ich dann immer besser in den Griff, allerdings waren die Teststraßen oft zu weit auseinander. Apotheken waren meist nur mit einem großen Umweg möglich, hatten Öffnungszeiten oder nur spezielle Termine für die Testung, die in meinen Weg nicht hineinpassten. Für solche Fälle musste dann eine Selbsttestung  her, die aber nur einen Tag gültig war.

Das immer zu bedenken, stellte mein Gehirn vor eine große Herausforderung. Ein anderer Aspekt war die große Ansammlung von Tests. Normalerweise verwendet man beim Pilgern einen Pilgerpass, worin die Stempel der Herbergen und Kirchen unterwegs dazu dienen, den Weg nachzuverfolgen. Mein Pilgerpass war die Sammlung der Tests, anhand derer ich meinen Weg durch Österreich verfolgen konnte.

Durchs Deutsche Eck nach Tirol

Es war lange für mich fraglich, ob ich über das Deutsche Eck gehen konnte oder innerhalb von Österreich bleiben musste? Zweiteres hätte einen Umweg von 150 km bedeutet und das über die Berge.  Die Situation um Corona beruhigte sich aber so weit, dass ich neben dem Deutschen Eck sogar erstmals den Jakobsweg retour durch Südtirol ins Auge fasste, um nach Kärnten zu gelangen. Mit diesen beiden Alternativen konnte ich die hohen Berge meiden, die für mich eigentlich noch nicht möglich waren.

Eine Nacht verbrachte ich auf einem Campingplatz im Deutschen Eck und am nächsten Tag war mein Ausflug nach Deutschland wieder vorbei.

Begegnungen am Walkabout

Das Salz in der Suppe waren aber nach wie vor die Begegnungen für mich. Wie  unterschiedlich die Charaktere durch Österreich waren, dass konnte ich auf jedem Meter, den ich vorwärtskam, bemerken. Zu Fuß unterwegs, bekam ich einen anderen Zugang zu den Menschen.

Auf der Flucht vor einem Gewitter nahm ich in Scheffau Zuflucht bei einer Liftstation. Der dortige Kaffee-Automat war defekt und kurzerhand wurde ich vom dortigen Skiverleih zum Kaffee eingeladen. Eine lockeres Gespräch entstand mit dem Seniorchef und seiner Frau, was mir das Warten verkürzte und mir neue Einblicke gab. Für mich waren das Bausteine auf dem Weg, lebte ich doch durch den Hirnabszess schon seit fünf Jahren im Social Distancing.

Hansis Sport in Scheffau
Walkabout durch Austria

Die Tage vergingen, abwechselnd im Zelt und in Gasthöfen verbringend. In Zams verpasste ich die Teststraße wegen einer Sperre am Weg. Ich musste Forstarbeiten abwarten, die mich viel Zeit kosteten. Ich ging noch weiter bis Landeck und verwendete den dortigen Campingplatz. Mit dem dortigen Betreiber, Lorenz, habe ich mich lange unterhalten, der als ausgebildeter Sportwissenschafter Interesse an meiner Tour hatte.

Der Arlberg

Am nächsten Tag startete ich schon besonders früh. Mein Ziel war der Arlberg, den ich, wenn möglich, an diesem Tag überqueren wollte. Die ersten Kilometer zogen sich dahin, besonders das viele auf und ab forderte mir einiges ab. Da ich am Vortag  nur einen Zutrittstest machte, hatte ich heute keinen gültigen Test. Erst in Sankt Anton kam ich an der dortigen Apotheke vorbei, die ich nutzte, um mir einen Test abzuholen. Um vierzehn Uhr startete ich in den Anstieg zum Arlberg. Ich musste damit rechnen, noch vor dem Gipfel im Zelt übernachten zu müssen.

Langsam, aber stetig stieg ich höher. Eigentlich ist es ein normaler Wanderweg, aber es gab ausgesetzte Stellen, die mir alles abverlangten.Ob Brücken oder ausgesetzte Stellen, meine Wahrnehmung kam dabei ans Limit.

Erst am Abend erreichte ich den Pass und musste dabei beim Absteigen einige Schneefelder queren. Ich war glücklich, als ich das letzte hinter mir lassen konnte. Ich stieg noch bis Langen am Arlberg ab, wo ich erst spät mein Zelt aufbaute. Trotz der Höhe, wurde es meine wärmste Nacht bisher, seit ich unterwegs war. Es sollte eine Ankündigung sein, was mich in den nächsten Tagen erwarten sollte.

Vorarlberg - zum westlichsten Ort und Punkt

Über Nüziders ging es nach Feldkirch. Die Temperaturen stiegen auf 35° und die Sonne brannte nieder. Ich fühlte mich wohl dabei, denn mein Nervensystem arbeitet bei solchen Temperaturen einfach besser. In Feldkirch übernachtete ich im Kloster und wollte erst am nächsten Tag die 8 Kilometer nach Bangs gehen.  Es war ein überwältigendes Gefühl, Österreich trotz meiner Handicaps durchquert zu haben. Der Walkabout hat seinen Sinn erfüllt.

Gesagt getan, am 18. Juni erreichte ich den westlichsten Ort und kurz darauf auch den westlichsten Punkt. So sehr emotional der Vortag war, so hatte ich kaum Gefühle. Es war ein Abhaken der Punkte und dann gings zurück nach Feldkirch.

Es gäbe natürlich noch 1000 andere Erlebnisse dazu zu erzählen, aber ich brauche Zeit, um alles verarbeiten zu können. Daher braucht auch mein Buch noch einige Zeit.

Im nächsten Teil des Walkabout geht es dann von Vorarlberg über Südtirol zum südlichsten Ort, Vellach/Eisenkappel in Kärnten.

(Zum ersten Teil des Walkabout)


Mein Leben 3.0, es geht immer weiter!

Mein Neuanfang des Lebens ist seit Corona ins Stocken gekommen. Hatte ich schon viel damit zu tun, mein Leben 2.0 zu meistern, so ist das neue Leben 3.0 zu einer wesentlich größeren Herausforderung geworden. Denn mit Corona hat definitiv ein neues Leben im Leben begonnen.

Seit bald einem Jahr versuche ich, mehr oder weniger, über die Runden zu kommen. Ich beschäftige mich intensiv damit, mein Gehen und meine Wahrnehmung zu verbessern. Anderes wurde zu kompliziert für mein Gehirn und die Rehabilitation trat wieder in den Vordergrund. Denn das gibt mir Halt und Sicherheit.

Mein Leben 3.0
sdr

Fortschritte und Rückschritte

Es gab natürlich trotzdem Fortschritte und nicht nur Rückschritte. Ich konnte mit dem Radfahren beginnen und überhaupt lernte ich, mich sicherer im Wald und auf Straßen zu bewegen. Allerdings nur dort, wo kaum was los ist.

Kaum befinde ich mich unter Menschen oder in der Stadt, falle ich in ein vorsichtiges Verhalten und Rückzug zurück. Es wird mir sehr schnell alles zu viel. Oft hilft nur die Augen schließen, stehenbleiben, noch besser hinsetzen, um wieder zur Ruhe zu kommen.

Das Leben 3.0 wird anders als gedacht werden, aber es geht weiter, wie auch immer.

Hochsensibel und Energie

Die Hochsensibilität ist mein besonderes Thema. Jetzt verstehe ich verschiedene Verhaltensmuster von früher viel besser oder auch, warum ich als Energetiker arbeitete. Allerdings, wie kann ich diese Hochsensibilität, im Vergleich zu früher stark erhöhte, besser in den Griff bekommen?

Der Begriff des "Leben Lernen", ist so vielfältig. Wenn ich an die letzten Jahre zurückdenke, war es nicht selbstverständlich, dass ich nach dem Hirnabszess aufgestanden bin.

Noch heute erfahre ich von Dingen, wie knapp es mit dem Überleben damals zugegangen ist. Die Zeit im Krankenhaus war, im Nachhinein gesehen, eine gute Zeit, da ich aufgrund der fehlenden Schranken im Gehirn, besonders hochsensibel war. Dieser geschützte Bereich des Krankenhauses hat mir am Anfang das Überleben gesichert. 

Aber es ist auch heute noch so, dass ich einen geschützten Bereich brauche, denn mein Gehirn verarbeitet Dinge anders, als zuvor. Ich muss mich vor Überforderung schützen, denn durch die Hochsensibilität ist mein Körper zu durchlässig für alles. Wenn ich nicht aufpasse, kann wochenlange Arbeit umsonst gewesen sein.

Das ist für Außenstehende nicht sichtbar, denn offensichtlich schaue ich ja gesund aus. Daher ist es wichtig auf mich zu achten und allem anderen einen Riegel vorzuschieben.

Es kommen immer wieder Ereignisse hoch, auf die ich sehr Feinfühlig reagiere. Heute kann ich es besser verstehen, passe aber auf, mich solchen Situationen weniger auszusetzen.

Der Tag ist länger, als meine Energie reicht!

Meine Gesamtenergie ist seit letztem Jahr gesunken. Mein Ziel ist es, mit der Energie höher zu kommen, um die Hochsensibilität besser in den Griff zu bekommen. Auf über 50 % zu kommen, denn dann können mir Rückschläge nicht so viel anhaben.

Als Vergleich dazu, meinen ersten Camino Frances begann ich mit etwa 20 % und war am Ende bei 25- 30 % angelangt. Ein Jahr später, am Camino Norte, war ich auf etwa 35 % und letztes Jahr, als ich im März vom Camino Frances heimkam, bei rund 40 %.

Die Ausnahmesituation mit Corona hat mich wieder auf 25 - 30 % zurückgeworfen. 

Camino Norte

Tagesablauf im Leben 3.0

Mein Tagesablauf beinhaltet Struktur und Routinen, denn Veränderungen kosten mir unnötig Energie. Allerdings gehören sie dazu, aber dann, wenn ich es für gut befinde. Dann verlasse ich immer wieder meine Komfortzone, um Veränderung doch zu Erfahren. Sie ist wichtig, um weiterzukommen.

Von Zeit zu Zeit verändere ich auch meine Strukturen, um nicht in der Gewohnheit hängen zubleiben. Denn die Gewohnheit ist der Tod des Neuen.

Deswegen hat mir Pilgern auch so gutgetan, denn dabei ist man immer wieder mit neuen Herausforderungen konfrontiert. Corona war allerdings eine zu große Veränderung, für die ich lange brauchte und eigentlich noch immer brauche, um sie zu verstehen. Dieses Neue hat mich aus meiner Komfortzone gebracht, ohne das es von mir selbst ausging. Das ist vor allem psychisch anstrengend, aber ich habe jetzt das Leben 3.0 zu lernen.

Dieses lernen beinhaltet vieles nicht mehr, was vorher wichtig war. Kino gehen oder mich an Menschen gewöhnen, war plötzlich nicht mehr wichtig. Wichtiger sind jetzt der Umgang mit der Maske, dass Abstand halten, richtig einkaufen gehen oder richtig Hände waschen. Alles Vorherige, zum Leben gelernte, war nicht mehr gültig.

Das alles zu verstehen, ist mir heute noch schwer. Denn mit NEU lernen habe ich Schwierigkeiten. Früher gekonntes und gelebtes ist hingegen leichter für mich zu lernen.

Körperliches Training

Mir ist noch immer das Gehen und die Bewegung wichtig. Es bildet einfach die Grundlage für alles, auch für das Denken. Ich versuche immer wieder, unterschiedliche Bewegungsmuster einzubauen. Gehen - Langlaufen - Gymnastik - Balance-Park - Radfahren - Klettern - Dehnen und vieles mehr.

Wie gesagt, Gehen bildet noch immer die Basis. Ich kann gar nicht oft genug automatisches Gehen üben, denn in der Neurologie gilt: Viel, ist viel!

Die besten Erfolge hatte ich beim Pilgern, denn die oft weiten Strecken waren eine Aneinanderreihung von Schritten, wo mich ein jeder einzelne weiterbrachte und meine Automatik schulte. Gerade die Meseta mit ihren langen, flachen Geraden, war ideal zur Automatik üben.

Automatisches Gehen lernen

Da jetzt seit einem Jahr das Pilgern fehlt, versuche ich es anderweitig zu verbessern. Es ist Erfolg da, aber viel langsamer. Es hat sich alles verändert und die neue Situation geht nur Stück für Stück in meinen Kopf.

Radfahren

Ich war wieder einmal Radfahren, trotz der Kälte. Es hilft sehr für die sonst gleichbleibende Bewegung des Gehens. Es ist ein Bewegungsmuster, dass mir guttut.

In meiner Wahrnehmung machte ich damit einen großen Schritt nach vorwärts und ich freue mich auf die Zeit, wenn wieder mehr Radfahren möglich ist. 

Mein Leben 3.0, mit dem Rad Cafe to go trinken, im Lockdown

Langlaufen

Das war bis vor einigen Wochen noch möglich, bis es auch in der Höhe zu warm wurde. Die gleitende Bewegung hat mir ebenfalls gutgetan und war hervorragend geeignet, um mich noch mehr an Kälte zu gewöhnen.

Sonst habe ich noch mit Gymnastik und Dehnen begonnen, bzw. weiter gemacht. 

Langlaufen

Denktraining

Es findet meist am Computer oder Handy statt. Einerseits noch mein altes Computerspiel aus der Reha, andererseits habe ich mehrere Apps am Handy. Auch Computerspiele können mir gut helfen, spiele ich aber nicht so gerne. Es ist ein wesentlich langsameres herantasten beim Denken, als auf der körperlichen Seite.

Didgeridoo spielen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass ich mich an das Didgeridoo-spielen erinnert habe. Von meinen mehreren Aufenthalten in Australien habe ich mehrere originale Didgeridoos mitgebracht.

Allerdings sind sie für mich nicht spielbar. So habe ich mir ein einfaches besorgt, dass ich besser handhaben kann. Allein das Gewicht der Originalen kann ich nicht halten und es braucht einen größeren Atemdruck.

Allerdings ist selbst das einfache für mich nicht leicht zu spielen. Die Halbseitenlähmung ist für mich im Gesicht dabei spürbar, aber das Training tut mir gut. Die Gesichtsmuskeln werden dabei trainiert und der Mund wird weicher. Das wird mir auch mit der Zeit beim Essen helfen.

Obwohl ich mich so schwer fühle, bin ich nicht gut geerdet. Das Didgeridoo hilft mir, wieder mehr Erdverbundenheit zu bekommen und die Lebensenergie ins Fließen zu bekommen. Der tiefe, vibrierende Ton, kann auch tief sitzende Blockaden lösen und durch Alpha- und Theta-Wellen, gestörte Energieströme wieder herstellen.

Vom richtigen Spielen bin ich noch weit entfernt, aber ich bin überzeugt, dass es meinen Körper weiter harmonisieren wird. Gut Ding braucht eben Weile. Außerdem ist es im Lockdown ein guter Zeitvertreib.

Didgeridoo spielen, im Leben 3.0

"Es geht immer weiter!"

Dieser Spruch sagt einfach alles. Ich bin auch nicht froh über die Situation, die uns Corona beschert hat. Aber ich befinde mich nun schon seit fünf Jahren in einer Art Lockdown und im Krankenhaus lernte ich eines:

"Das Leben geht immer weiter, manchmal weiter, als man denkt!" 

Michael Richter, deutscher Zeithistoriker

Mit meinem Leben 3.0, gehe ich in eine neue Runde. Eine etwas andere als erwartet, aber es geht immer weiter!


Reha-Training statt "Leben lernen", zu Corona Zeiten!

Seit dem ersten Lockdown vor bald einem Jahr, hat sich mein Training sehr verändert. Bis dahin war "Leben lernen" immer mehr im Vordergrund. Seit Corona kümmere ich mich vor allem um den körperlichen Fortschritt, darunter verstehe ich Reha-Training.

Für das "Leben lernen" habe ich kein Rezept für mich gefunden, denn mein Gehirn ist mit der Situation überfordert. Daher konzentrierte ich mich auf bekanntes, also weiter Gehen lernen und das therapeutische Tanzen, dass nur kurz durch die Lockdowns unterbrochen war.

Wo befinde ich mich?
Wo befinde ich mich???

Der mentale Aspekt

Es ging gar nicht anders, im Gesamten bin ich nach unten gerasselt. Daher wurde der mentale Aspekt sehr wichtig. Nicht hängenlassen und nicht aufgeben, trotz der so veränderten Situation. Mental musste ich das erst verkraften, denn es war nichts mehr wie zuvor.

Mit dem Camino Frances im Jänner/Februar vorigen Jahres, habe ich mir eine Ausgangsbasis geschaffen, die mir sehr über die erste Zeit geholfen hat. Vor allem Mental konnte ich lange davon zehren.

Camino als Reha-Training

Im Laufe des Jahres bekam der mentale Zustand eine immer wichtigere Position. Trotzdem blieb ich dabei, mich auf das körperliche zu konzentrieren. Die Wahrnehmung konnte ich verbessern, besonders durch das therapeutische Tanzen.

Eine unscharfe, einfach ausgesprochene Definition für mentale Stärke ist:

"Gut drauf sein, wenns drauf ankommt."

Manches musste ich ignorieren, oft auch verdrängen, wenn es mir nicht guttat. Deswegen, weil mir einfach in manchen Dingen die Energie fehlt, um mich damit zu befassen. Es ist mir wichtig die innere Freude zu behalten, denn es ist das um und auf für Heilung.

Diese innere Freude ist mir besonders im Reha-Gedanken wichtig. Denn nur wenn ich es mit Freude mache, habe ich etwas davon. Das ist wiederum mit einer mentalen Stärke einfacher zu machen. Denn das ich nach bald fünf Jahren noch immer mit Rehabilitation beschäftigt bin, hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können.

Mental wurde es besonders schwierig, Ziele zu verfolgen. Ich konnte mich nur an bewährtes halten, besonders das Reha-Training.

Der Hirnabszess ist noch nicht vorbei

Dass die Folgen des Hirnabszesses noch nicht vorbei sind, wird mir manchmal bewusst gemacht. Manchmal muss ich aufpassen, es nicht zu übertreiben. Es ist dann eine Erschöpfung, die schnell auftritt. Es ist wie ein Hungerast beim Radfahren, nur dauert es länger.

In diesem besonderen Fall muss ich in die Horizontale und die Augen schließen. Meist folgt ein langer Schlaf von 10 bis 12 Stunden darauf. Es ist wichtig, diesen ersten Anzeichen zu folgen, denn beachte ich sie nicht, sind Doppelbilder die Folge und das braucht dann noch mehr Ruhe.

Das passiert mir selten, aber es passiert doch. Es ist ein herantasten an Grenzen, die ich immer weiter ausdehnen möchte. Da passiert es eben manchmal, dass ich an Grenzen anstoße.

Den Körper trainieren, Reha-Training

Wie schon gesagt, ich blieb beim Körper- oder Reha-Training. Den Hauptteil macht das Gehen aus. Flach, bergig, es ist alles dabei. Immer wieder bewusst langsam, versuche ich so den Körper zu stärken und das Gleichgewicht zu trainieren.

Dieses "langsam Gehen" trainiere ich seit Anfang letzten Jahres. Den Hinweis darauf bekam ich von einem laufenden Psychologen, der mir diese Technik empfahl. Am Camino Frances legte ich jeden Tag eine gewisse Strecke ein, um es zu trainieren. Das Gehirn muss mehr denken und die Muskeln werden stärker, um das Gleichgewicht halten zu können.

Ich arbeite hier entgegen der These, dass man anhand der Gehgeschwindigkeit, auf das biologische Alter Rückschlüsse ziehen kann. Bei mir geht es um das koordinative und muskuläre Trainieren und um den Bewegungsablauf. Mit besserer Kraft und Koordination geht man mit der Zeit automatisch schneller, was wieder der Gesundheit zugutekommt.

Langsames Gehen, Reha-Training
Langsames Gehen

Therapeutisches Tanzen

Das therapeutische Tanzen hat mich sicher vor größeren Schaden bewahrt. Es ist die beste aller Therapien, seit dem Hirnabszess und wenn ich es bewerten soll, so steht es an geteilter erster Stelle, zusammen mit Pilgern.

Ich habe so viel dabei erfahren, dass ich sogar mit ein bisschen Wehmut zum Pilgern gefahren bin. Vieles dort gelernte, konnte ich beim Pilgern umsetzen und in Summe brachten mir diese beiden am meisten. Deswegen bin ich auch traurig darüber, dass mir Pilgern in dieser Form für längere Zeit verwehrt bleibt.

Therapeutisches Tanzen als Reha-Training

Oberkörper und innere Stabilität trainieren

Damit habe ich so meine Schwierigkeiten. Im letzten Jahr gab es erstmals kein Fitnessstudio für mich (und auch für die meisten anderen), dieses Jahr wird es kaum anders.

Damit ist ein Training weggefallen, dass mir trotz der Muskelschwäche sehr geholfen hat. Alternatives Training machte ich im letzten Jahr kaum. So wie früher, als ich kleine Baumstämme im Wald zu heben begann. Damit verlor mein Rücken merklich an Stabilität, der sich mit Rückenschmerzen bemerkbar machte.

Erst das Langlaufen machte es wieder besser. Ich hatte Gelegenheit, immer wieder mit einem Freund auf die Teichalm mitzufahren. Bisher mache ich nur Skaten, aber es wäre zu überlegen, auch Klassisch auszuüben.

Beim Skaten fällt die Muskelschwäche besonders auf. Alle hundert bis zweihundert Meter brauche ich eine Pause. Nach mittlerweile sechsmal Langlaufen, bemerke ich aber eine Verbesserung der inneren Stabilität. Das unterstütze ich zu Hause noch mit diversen Kräftigungsübungen, um den Rückenschmerzen zu entkomme.

Langlaufen auf der Teichalm

Mein Problem ist nach wie vor, dass ich so viel trainieren müsste, um Verbesserungen zu erzielen. Es geht aber nicht alles und so komme ich nur Schritt für Schritt voran. Es sind nach wie vor so viele Baustellen zu beachten, die ich nur nach und nach (hoffentlich) beheben kann.

Geh-ABC

Natürlich darf bei der Bewegung auch nicht das Geh-ABC fehlen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich es das erste Mal machte. Danach war ich für Wochen zerstört, da es mein Körpersystem so durcheinander geworfen hat.

Alle Übungen mit Springen, mache ich sehr vorsichtig. Ich möchte nicht riskieren, wieder für Wochen außer Gefecht zu sein. Die Übungen tun wirklich gut, aber ich darf es nur vorsichtig steigern. Sprungübungen behandle ich nur vorsichtig. Wenige Male Springen kann das Maximum bedeuten, dass der Tag vorbei ist.

Dazu kann ich das nur bei einigermaßen moderaten Temperaturen machen. Ist es zu kalt, fange ich erst gleich nicht an damit. Es ist sowieso ein Training Tag für Tag. Die gleichen Muskelgruppen gleiche mehrere Tage hintereinander zu trainieren ist sowieso fast nicht möglich.

Geh-ABC, Reha-Training
Geh-ABC

"Leben lernen", in den Öffis

Als einfachste Aufgaben bekam ich 2019 den Auftrag, ins Kino oder Museum zu gehen. Dazu mit der Straßenbahn fahren zu lernen und etwas zu unternehmen, ohne etwas damit zu bezwecken. Besonders das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, war für mich Therapie.

Dazu kam etwas Belastendes, ich kann in Öffis nicht stehen und brauche unbedingt einen Sitzplatz, um nicht umzufallen. Das Belastende war aber, niemand konnte es mir ansehen, dass es so war und erklären konnte ich es in der kurzen Zeit nicht. Es war ein immerwährender Kampf darum, einen Sitzplatz zu bekommen. Nicht einmal bin ich an der Haltestelle stehen geblieben, weil keine Aussicht auf einen Sitz war.

Saß ich endlich, begann der nächste Kampf. Mein Körper musste den Fliehkräften standhalten. Was für andere Menschen kein oder kaum Problem ist, wurde für mich zur Mammutaufgabe. In mich verschränkt und abstützend, versuchte ich dem Gewackel entgegenzuhalten.

Jede Fahrt kostete mir alle Energie und es war mir fast unmöglich, keine Therapie darin zu sehen. Es war wie Krafttraining. Es wurde zwar nur wenig besser, aber ich lernte immer öfter etwas zu unternehmen.

Mit Corona fand das ein Ende. Seit bald einem Jahr bin ich nicht mehr mit dem Zug nach Graz gefahren oder war mit dem Bus unterwegs. Ich habe indes begonnen, mich voll und ganz auf die Natur zu konzentrieren, frei nach dem Motto von Hippokrates, "Die Natur sei deine Medizin".

Reha-Therapie in der Natur

Stretching und Gymnastik

Stretching gehört dringend dazu. Letztes Jahr war ich noch nachlässig, aber seit einiger Zeit gehört es zu meinem Tagesablauf dazu. Einige Übungen gehören zu meinem täglichen Pflichtprogramm.

Das 2020er Jahr hat mir viel gekostet, aber ich bin jetzt motiviert, alles dafür zu geben, wieder anschließen zu können, wo ich bereits war und besser zu werden. Ich möchte mein Ziel der 50 % erreichen, denn dann können mich Rückschläge nicht mehr so hart treffen.

Stretching und Gymnastik gehören da dazu, sie sind ein wichtiger Baustein zur Verbesserung. Mit Stretching geht es sich einfach besser.

Stretching im Reha-Training
Stretching im Reha-Training

Gehen als Reha-Training

Gehen lernen ist nach wie vor meine Hauptaufgabe und gerade im Lockdown, eine nach wie vor geliebte Tätigkeit. Manchmal gehe ich ohne Grund, einfach nur um des Gehens willen. Meistens nehme ich mir aber etwas vor. Dann gehe ich besonders langsam, achte auf die Technik oder übe mich im automatischen Gehen.

Besonders in der Automatik habe ich in den letzten Wochen sehr viel geübt. Ich bekomme immer wieder die Rückmeldung, dass man mir beim Gehen nichts ansieht. Das ist zwar schön, aber niemand versteht, was dazu überhaupt nötig ist. Mit jemanden zu sprechen, in schwierigem Terrain, funktioniert immer besser. Es ist aber noch zu viel Konzentration nötig, die mir in Summe zu viel Energie abverlangt.

Gehen im Steilhang,
Reha-Training

Darum heißt es weiter üben, weiter üben und weiter üben. Zeit darf mittlerweile keine Rolle mehr spielen, denn mit einer baldigen Normalisierung habe ich mich abgefunden. Es dauert so lange, wie es dauert.

Fazit

Als Fazit kommt heraus, dass ich noch einige Zeit brauchen werde, um dort wieder hinzukommen, wo ich nach dem Camino war. Corona und der Lockdown hat mir doch mehr gekostet als gedacht. Besonders das Gedächtnis und die Konzentration hat darunter gelitten. Reha-Training musste herhalten, etwas anderes hätte ich im Gehirn nicht geschafft.

Genauso die Kondition und noch vieles mehr. Ich fühle mich zwar einigermaßen gut, muss aber akzeptieren, dass ich im Gesamtzustand trotzdem viel verloren habe. Ich brauche lange, um mich auf neue Dinge umzustellen. Erst die letzten Wochen habe ich wieder mehr zielgerichtetes Denken bekommen, selbst aktiv etwas zu erreichen.

2020 war es eher ein Halten des Zustandes, mehr war einfach nicht drinnen. Die Ungewissheit war zudem ein nicht zu unterschätzender Faktor, nichts konnte geplant werden und das warf mich weit zurück.

Für heuer habe ich bereits einige Pläne, aber ob ich sie verwirklichen kann, steht in den Sternen. Das "Leben lernen" habe ich in der alten Form abgeschrieben und noch keinen Ersatz dafür gefunden. Ich kann nur versuchen, viele therapeutische Ansätze nicht als solche zu sehen und manches zu machen, weil ich es mache und nicht, weil ich ein therapeutisches Ziel erreichen möchte.

Reha-Training

So wird auch dieses Jahr eine Herausforderung, besonders im mentalen Bereich, Reha-Training wird auch weiterhin eine große Rolle spielen. Denn das Leben lernen spielt sich großteils im Kopf ab. Ob und wie ich es hinbringe, wir werden sehen!


Seit das erste Mal Schnee gefallen ist, hatte ich mehrmals die Gelegenheit auf die Teichalm mitzufahren, um Langlaufen zu gehen. Die Muskelschwäche behindert es zwar, aber es gibt viele gute andere Gründe, es trotzdem zu tun.

Vor zwei Jahren begann für mich das Abenteuer Langlaufen und es war eine gute Entscheidung. Mein Freund Bernd nahm mich an einem Wintertag 2019 zur Teichalm mit. Ohne Erwartungen, aber mit viel Freude stellte ich mich der Herausforderung.

Mit Bernd zum ersten Mal Langlaufen auf der Teichalm
Mit Bernd zum ersten Mal Langlaufen

Die ersten Meter auf der Loipe

Es war ein total gutes Gefühl auf den Ski. Damals stand noch das Gleichgewicht halten im Vordergrund und das ging erstaunlich gut. Die gleitende Bewegung, von einem Bein auf das andere, war relativ gut möglich. Schnelleres fahren, bedeutete aber höheren Krafteinsatz und diese Schnelligkeit konnte mein Gehirn noch nicht verarbeiten.

Langlaufen brachte mir einen ersten Eindruck vom schnellerem Bewegen. Alle 50 bis 100 Meter brauchte ich eine Pause, um meinen Muskeln wieder Erholung zu gönnen. Das Gehirn war gefordert, einen neuen Bewegungsablauf zu lernen. Ich war aber am meisten überrascht, dass ich das mit dem Gleichgewicht so gut hinbrachte. Das Gleichgewichtstraining der letzten Jahre war also nicht umsonst.

Die Teichalm ist für mich sehr gut geeignet, da es nur mäßig steil bergauf geht. Denn wie beim Gehen, habe ich auch beim Langlaufen aufgrund der Muskelschwäche Probleme. Damals wusste ich allerdings noch nichts davon und war der Meinung, dass ich es durch Training verbessern kann. Erst Ende 2019 kam es heraus, dass ich eine schwerere Art der Muskelschwäche habe.

Langlaufen auf der Teichalm
Langlaufen auf der Teichalm

Das bedeutet für mich aber nicht aufzugeben, sondern im Gegenteil, ich werde auch weiterhin alles versuchen. In jedem Fall war das Langlaufen eine Bereicherung, um Gehen zu lernen.

Der nächste Winter war eine Nullnummer

Der Winter 19/20 war untypisch. Auf der Teichalm war kein einziges Mal genug Schnee, um spuren zu können. Da alles andere zu weit weg war und ebenfalls von der Schneearmut betroffen war, ging ich diesen Winter kein einziges Mal Langlaufen.

Ich konzentrierte mich weiter auf das Gehen und die Bewegung. Über das therapeutische Tanzen versuchte ich wieder mehr Leichtigkeit in den Körper zu bekommen. Ich wurde beweglicher und langsam fühlte sich der Körper nicht mehr so schwer an.

Danach fuhr ich zu meinem ersten Camino im Winter. Am Camino Frances konnte ich alles in den letzten Jahren gelernte versuchen umzusetzen. Besonders das therapeutische Tanzen hat mir hier sehr geholfen.

Der Camino war geprägt von Lebenslust, Freude und Glücklichsein. Ich brauchte zwei Jahre um Gehen zu lernen und weitere zwei, um das hier mit meinen Handicaps erleben zu dürfen. Denn Handicaps habe ich immer, aber ich lerne immer besser damit umzugehen.

Lebenslust am Camino

Der Winter 20/21 steht unter der Corona Krise

So gut das 20er Jahr angefangen hat, so sehr überschattete es die Corona-Krise. Ich war überfordert mit all den Regeln und Vorschriften und brauchte lange, um mich zurechtzufinden. Mein Gehirn war überfordert damit.

Einzig das therapeutische Tanzen hat mir über diese schwierige Zeit geholfen, zunächst noch digital auf Zoom und ab Sommer wieder in der realen Gruppe. Alle anderen Therapien sind weggefallen.

Der Winter stand von Anfang an wieder unter der Corona-Krise und der Lockdown unterbrach auch das therapeutische Tanzen. Mit dem ersten Schnee im Jänner bekam ich allerdings die Gelegenheit, wieder Langlaufen zu gehen.

Therapeutisches Tanzen

Veränderte Ziele beim Langlaufen

Diesmal ging ich mit veränderten Zielen an das Langlaufen ran. Nicht mehr um Kraft zu gewinnen, sondern die innere Stabilität möchte ich verbessern. Denn frei Aufrecht zu sitzen, ist noch immer sehr schwierig. Es fehlt mir an der inneren Stabilität, denn mein Bindegewebe ist sehr stark betroffen und es kann seine Wirkung nicht ausüben.

Langlaufen fordert mich wesentlich mehr als Gehen, dass ja bekanntlich die effizienteste Art der Fortbewegung ist. Mit dem Skaten merke ich bereits eine spürbare Verbesserung. Es dauert aber lange, bis sich wirklich Erfolg einstellt. Dranbleiben ist wichtig, so wie es schon die letzten Jahre in allem für mich gilt.

Neuer Ski zeigt mir alte Probleme auf

Mein alter Vintage-Ski ist mir gebrochen und es musste Ersatz her. Auf willhaben fand ich innerhalb eines Tages Ersatz und so konnte es weitergehen. Allerdings bedachte ich nicht die Veränderung.

Die ersten drei Jahre verwendete ich nur ein Schuh-Modell. Jegliche Veränderung kostete mir zu viel Energie, an die ich mich nur schwer gewöhnen konnte. Dasselbe passierte mir jetzt auch beim Langlaufen.

Die neuen sind zwar auch schon in die Jahre gekommen, aber technisch weit über dem Niveau meiner bisherigen. Das Skaten hat sich technisch sehr verändert und diese Veränderung hatte ich zunächst nicht am Schirm. Das Material war natürlich besser geworden.

Durch die veränderte Skispannung war ich sehr gefordert, die Mitte des Ski zu finden. Mein Gleichgewicht war damit pausenlos gefordert und damit auch mein Gehirn. Es arbeitete auf Hochtouren und entsprechend schnell war ich erschöpft.

Neue Ski zum Langlaufen
Neue Ski zum Langlaufen

Mein Gehirn stark gefordert

Gerade die Automatik versuche ich schon lange zu trainieren. Das war aber mit den neuen Ski dahin, damit auch die Automatik. Mein Gehirn verlangte alle Aufmerksamkeit und ich fühlte mich wie in den ersten Jahren, beim Gehen lernen. Praktisch jeder Muskel musste angedacht werden, um zu funktionieren. Dazu die Koordination aller Elemente, von Beinen und Armen.

Dementsprechend war ich unterwegs. Von außen mag alles normal ausschauen, aber alles richtig zu koordinieren, erforderte jeden Funken Energie und Konzentration.

Der neue Ski ist auch 10 cm länger und damit hatte ich meine Probleme. Da merkte ich erst, wie wichtig Wiederholungen sind. Nicht umsonst ist das viele Gehen, unter allen Bedingungen, mein wichtigster Teil in der Rehabilitation. Die unzähligen Kilometer am Jakobsweg waren wohl das wichtigste der letzten Jahre.

Für die Automatik ist es ein gutes Anzeichen, ob ich nebenbei mit jemanden Sprechen kann. Das war mir diesmal nicht leicht möglich, so sehr konzentriert musste ich sein. Um das Gleichgewicht zu halten, arbeitet jeder Sensor in mir. Es heißt aber auch, aktiv und bewusst mithelfen. Was an für sich jeder automatisch kann, ist für mich nur denkend zu machen.

Die Leichtigkeit im Langlaufen

Beim Langlaufen fühlt es sich gut an, mit einer Leichtigkeit über den Schnee zu gleiten. Die Leichtigkeit ist seit Ende 2019 mein Thema. Besonders im therapeutischen Tanzen konnte ich große Fortschritte darin machen.

Es geht mir zwar ähnlich wie beim Gehen, besonders wenn es bergauf geht. Darin hat sich nichts geändert. Nur durch viel Training und Üben hat es sich verbessert. Diese Leichtigkeit soll ich immer wieder kultivieren. Langlaufen ist besonders dafür geeignet.

Teichalm

Veränderung

Trotzdem ist es gut, mit diesen veränderten Parametern umgehen zu lernen. Denn auch in der normalen Welt bin ich von Veränderungen umgeben. Die Corona-Krise war sicher die größte in letzter Zeit. Da wird mir wieder merkbar gemacht, warum Corona so schwer für mich ist, wenn mich schon neue Ski so aus dem Gewohnten bringen.

Langlaufen bringt mich aus dem Gewohnten. Im Sport bekomme ich sofort Rückmeldung, wenn etwas nicht passt. Darum ist mir der Sport in der Rehabilitation auch so wichtig, weil er mir aufzeigt, wo meine Grenzen liegen. Mein Ziel muss es sein, diese Latte Schritt für Schritt höher zu legen. Umso höher, umso mehr Lebensqualität habe ich.

Stabilität und Langlaufen

Nachdem ich die Muskelstärke vor zwei Jahren kaum verbessern konnte, spürte ich aber als Nebeneffekt eine verbesserte Stabilität. Dieses Jahr nehme ich das Langlaufen her, um es zu verbessern. Jeder kleinste Schritt bringt mich weiter, stabiler durchs Leben gehen zu können. Mein Bindegewebe ist einfach noch immer zu schwach.

Mir ist klar, dass die Fortschritte klein sind und oft nicht merkbar. Das ist aber kein Grund aufzuhören. Es kann sein, dass ich im Sommer so nebenbei bemerke, dass ich länger aufrecht sitzen kann. Das mag für manchen ein unbedeutender Grund sein, für mich bedeutet er aber mehr Lebensqualität.

Es stellt sich kaum jemand die Frage nach mehr Stabilität? Für mich ist es allerdings eine Frage nach Lebensqualität. Mit mehr Stabilität kann ich besser Autofahrten überstehen oder an einem Tisch sitzen. Darum hat es, wie viele andere Dinge auch, eine hohe Bedeutung für mich.

Langlaufen auf der Teichalm

Was ist noch möglich?

Dieses Jahr nutze ich den Winter erstmals voll aus. Es wird mir noch immer schnell kalt, aber ich funktioniere besser bei tiefen Temperaturen und kann mein Training beibehalten.

Wie ich allerdings auf tiefe Kälte reagiere, wie sie für Ende Jänner vorhergesagt wird, ist abzuwarten. Das fällt unter die Kategorie Veränderungen.

Noch tue ich mich schwer mit zu großen Veränderungen. Es dauert um ein vielfaches länger als früher. Dranbleiben ist wichtig und Voraussetzung dafür, dass ich nicht aufgebe. Mein Leben ist und bleibt nach wie vor eine Gratwanderung. Ich habe mich vom Tiefpunkt heraus gekämpft und bin bereit, noch des Öfteren meine Komfortzone zu verlassen. Allerdings immer in meinem Tempo und Geschwindigkeit.

Als Abschluss noch ein Spruch von Antoine de Saint-Exupery, den ich auf einem kleinen Zettel auf meinen Computer geklebt habe:

"Bewahre mich vor der Angst, ich könnte das Leben versäumen. Gib mir nicht, was ich mir wünsche, sondern was ich brauche. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte."

Antoine de Saint-Exupery

Am letzten Tag des Jahres kam ich noch unverhofft zu einem kleinen "Grenzgang". Als Sportler war ich dauernd auf Grenzgängen und als Trailrunner setzte ich mir manch eine Überschreitung als Ziel. Heute kann ein Spaziergang ein Grenzgang sein oder der Einkauf im Supermarkt.

Seit dem Hirnabszess habe ich kleinere Brötchen zu Backen. Sie stellen als Herausforderung aber nicht mindere Beanspruchung an mich dar. Die Grenzen haben sich verschoben, nicht nach oben, sondern um viele Stufen nach unten. Um Lebensqualität zu erreichen, gehören sie wieder um ein Stück nach oben verschoben.

Start der Wanderung an der Kirche Wetzelsdorf, hier beginnt mein Grenzgang.
Start der Wanderung an der Kirche Wetzelsdorf

Der Grenzgang

Der Grenzgänger bewegt sich aus der "Sicherheitheitszone", welche die meisten Menschen als Lebens- und Gestaltungsraum bevorzugen. In der Rehabilitation ist es meine Aufgabe, mich an diese Sicherheitszone heranzuwagen und manchmal auch darüber hinaus.

In meinem ersten Leben war ich gern Grenzgänger. Ob bei -35 Grad in Alaska oder bei + 40 Grad in Afrika, ich bewegte mich immer gern an der Grenze. Diese Grenze ist aber immer individuell und meine gilt nur für mich. Ein Inuit denkt sicher anders über Minusgrade, als ein Afrikaner oder ich.

An dieser Grenze passiert aber etwas Wesentliches für mich. Ich beginne mich besser zu spüren, was mir im Alltag oft geholfen hat. So habe ich begonnen, viele meiner Grenzen auszuweiten. Heute hilft es mir, besser mit meinen Handicaps umzugehen. Dabei werde ich ständig mit Grenzen konfrontiert und versuche sie zu erweitern. Das bringt mir unterm Strich immer mehr Lebensqualität.

Grenzen in den Handicaps ausweiten

Mein heutiges Ziel sind nicht mehr die Abenteuer wie früher, sondern es sind die kleinen Dingen des Alltags, wo ich mein Wissen um Grenzen anwenden kann.

Und da komme ich wieder zur Überschreitung. Am letzten Tag des Jahres wollte ich ein Überschreitung machen. Im Westen von Graz, ging es über die Hügel, in den Nordwesten von Graz. Auf diesem Weg sollte ich unverhofft auf einen Grenzgang stoßen, mehr dazu aber später.

Der Start war an der Kirche in Wetzelsdorf und das Ziel in Gösting, im Norden von Graz. Laut App eine Strecke von 16 Kilometer. Als Pilgerweg erprobter sollte es kein Problem sein, aber Corona und der derzeit herrschende Lockdown haben seine Spuren hinterlassen. Damit werden auch 16 km Wander- und Spazierwege zur Herausforderung.

Besondere Grenzen würde ich in der Stadt finden, an denen ich im Vorjahr begonnen habe, zu arbeiten. Corona hat dem aber ein Ende gesetzt. Ich entschied mich für die Natur und gehe nur im Ausnahmefall in die Stadt.

Matsch, Gatsch und Schnee

Der 31. Dezember 2020 war ein überraschend schöner und nicht allzu kalter Tag. Das kam mir entgegen, nur der an manchen Stellen matschige Weg, wurde zur Challenge.

Da kommt wieder die räumliche Orientierung ins Spiel. Das hat nichts zu tun damit, darüber Bescheid zu wissen, wo ich mich geografisch befinde. Es hat zu tun mit der Fähigkeit, sich im Raum richtungsbezogen zurechtzufinden und angemessen zu bewegen. Mehrere Sinne wirken da zusammen, vor allem Auge, Ohr, Muskel- und Gleichgewichtssinn, die im Zusammenspiel mit der Tiefensensibilität das Ermöglichen.

Auf dem matschigen Untergrund sind die Sensoren der Füße sehr gefordert. Das Zusammenspiel mit allen anderen Sensoren zu lernen, ist eine lange und herausfordernde Aufgabe, da der Hirnabszess diese Arbeit nachhaltig beschädigte. Mein Ziel ist es, auch auf schwierigem Untergrund wieder ohne zu viel Nachdenken, gehen zu können. Es kostet mir nach wie vor zu viel Energie, das Denken beim Gehen.

Grenzgang Schnee und Matsch
Grenzgang Schnee und Matsch

Der "Grenzgang" Schaukeln

Am Weg fang ich eine Schaukel. Ich konnte der Verlockung nicht widerstehen, sie auszuprobieren. Es ist ein komisches Gefühl, wenn sich unter mir alles bewegt. Das Gehirn kann es nicht genau einordnen. Aus dem gleichen Grund tue ich mich auch auf einer Brücke schwer.

Das hin und her auf einer Schaukel ist das Gegenteil einer Brücke, mit bewegten Wasser darunter. Es löst aber dasselbe aus. Mein Gehirn kann die Bilder nicht so schnell zusammensetzen und löst daher Schwindel aus. So erging es mir am Camino del Norte, als es in Ribadeiro über eine lange Brücke, über einen Meeresarm ging. Meine Erlebnisse dort, habe ich hier verlinkt.

Seitdem habe ich mich durch viel Training und Üben weiter entwickelt. Gewisse Brücken sind mir aber noch immer nicht geheuer. Schaukeln habe ich bisher kaum probiert, außer vor Corona in Graz, am Kinderspielplatz. Daher war ich sofort magisch angezogen von dieser Schaukel, die an langen Seilen hing.

Das Schaukeln ging überraschend gut, aber danach waren die ersten Metern sehr unsicher. Das leichte Schwingen tat sogar gut, es fühlte sich wie Fliegen an. Es störte aber mein Gleichgewicht. Auf den ersten Metern hatte ich Probleme damit. Dieses Aussetzen an die Grenze, immer und immer wieder, lässt mich aber vorwärtskommen. Mit jedem Mal werde ich weniger schwindlig und meine Wahrnehmung wird besser.

Grenzgang Schaukeln
Grenzgang Schaukeln

Der kürzere Weg

Am Ende siegte aber die Vernunft. Ich ging nicht mehr über den letzten Berg, sondern schräg an ihm hinunter. Den Fuß des Berges erreichte ich beim Schloss Eggenberg.

Der Weg war lang genug und durch den Schnee war ich in vielen Dingen gefordert. Die Schaukel war aber mein Höhepunkt des Tages, da ich mit diesem Ergebnis nicht rechnete.

Neues Jahr, neue Reize!

Dieser Grenzgang und andere, lassen mich weiterkommen. Beim Pilgern war ich ständig neuen Reizen ausgesetzt und hatte dementsprechenden Fortschritte. Die nächsten Monate möchte ich genug üben, um gut vorbereitet in den Frühling zu kommen. Denn für die wärmere Zeit habe ich einige Pläne, um den Sommer trotz Corona nutzen zu können.

Das Schaukeln wird einen wichtigen Teil in meiner Rehabilitation einnehmen, das spüre ich. Problemlos über Brücken zu kommen oder mich auch sicher zu fühlen, wenn mir Menschen am Gehsteig entgegenkommen, ist ein Ziel für dieses Jahr. Dazu soll mir der Grenzgang verhelfen. Für viele wäre das ein Spaziergang gewesen, für mich bedeutete der Tag einen Grenzgang. Er wird immer individuell behandelt und jeder erlebt ihn anders.

Also auf in das Jahr 2021, wo viele Möglichkeiten, auch mit Corona, auf mich warten und ich mich auf weitere Grenzgänge freue!


Rehabilitation, Geld und die Natur!

Manchmal stellt sich mir die Frage, wie meine Rehabilitation mit mehr Geld wohl verlaufen wäre? Was könnte ich anders oder besser machen, hätte ich mehr Erfolg oder mehr Verbesserung in der Gesundung geschafft?

Nach bald fünf Jahren nach dem Hirnabszess, kann ich mittlerweile abschätzen, was ich anders hätte machen können oder was mit mehr Geld möglich gewesen wäre.

Hilft Geld bei der Rehabilitation?
Hilft Geld bei der Rehabilitation?

Nur wer Überlebt hat, kann definieren, wie Gesundung für ihn ausschauen soll!

So wie es gewesen und passiert ist, war es perfekt und ich habe das Maximum aus mir bisher herausgeholt. Sicher, mehr Geld hätte manches erleichtert. Dass ich nicht soviel habe, hat aber wahrscheinlich bewirkt, dass ich mich stärker und intensiver mit der Natur befasst habe und erfolgreiche Alternativen gefunden habe. Wobei ich der Natur schon immer zugetan war.

Diese Alternativen für viele Therapien, habe ich hauptsächlich in der Natur gefunden. Als Überlebender, wovon auch immer, kann ich definieren, wie Heilung ausschaut und niemand anderer. Wir wissen am besten, was gut für uns ist. Dessen kann sich jeder bewusst sein.

Geld ist also nicht wirklich notwendig, um etwas zu erreichen, kann es aber erleichtern. Meine Rehabilitation findet größtenteils in der Natur statt, wofür ich wieder kaum Geld brauche.

Denn niemand kennt die Straße besser, als ich selbst, auf der ich gehe. Das Finden des 2.0 Lebens kann eine mühsame Aufgabe sein und wenn wir zu unserem 2.0 kommen wollen, haben wir keine andere Wahl, als es selbst zu tun. Niemand kann es für uns machen. Eigenverantwortung übernehmen, ist der Schlüssel zu Heilung.

Natürlich hilft es, Erfahrungen anderer anzunehmen, gerade was Ergo- und Physiotherapeuten betrifft. Aber schlussendlich bin ich selbst verantwortlich, für des Glückes Schmied. Etwas selbständig erreichen zu können, mit einem aktiven und zielgerichteten Verhalten, führt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einer positiven Reaktion.

Der Hunger nach Gesundung

Ich war vom ersten Tag an Hungrig nach Gesundung und das mir bestmögliche zu versuchen. Von der Intensivstation und dem Krankenhaus wieder nach Hause gekommen, ist mir dieses Hungrig nach Gesundung sein Erhalten geblieben. Es ließ mich dranbleiben, aber trotzdem Gelassen dabei bleiben.

Ich habe mich Anfangs nie ins Fitnessstudio bringen lassen, um mit Gewichten hantieren zu können. Im Gegenteil, ich suchte die Natur. Es dauerte zwar Monate, ehe ich wieder den nahen Wald erreichen konnte, aber sobald ich es konnte, nutzte ich dort Äste und Baumstämme, um mit ihnen zu trainieren. Rehabilitation im Wald.

Es kann manchmal beschwerlich und anstrengend sein. Möglicherweise kann man die Früchte der Arbeit selbst nicht sofort sehen. Man lernt täglich dazu und versucht, auf den vorangegangenen Tag aufzubauen. Dabei gibt es diesen Tag gar nicht mehr, aufgrund meines fehlenden Kurzzeitgedächtnis. Man denkt ausschließlich im Hier und Jetzt. Was war, das gibt es nicht mehr und zählt nicht.

Man lebt mit dem was IST und versucht sich weiter zu verbessern. Wie ein Sportler, der trainiert und trainiert, um besser zu werden. Dieses "Besser werden" liegt in uns Menschen, darf aber nicht zu Zwangsartigkeit ausarten. Gesunder Wachstum ist gut, zu viel Wachstum kann zerstörerisch wirken, wie uns immer wieder die Wirtschaft vorzeigt. Mit Wachstum bin aber ich als Mensch gemeint. Auch mit Behinderung ist Wachstum möglich, der allerdings oft falsch verstanden wird.

Rehabilitation im Wald

Ich sehe normal aus!

Ich bekomme immer wieder die Aussage zu hören, dass ich normal aussehe und man mir nichts ansieht. Für manch einen ist das ein Grund zu denken, dass ich wieder gesund bin. Ist dem aber so?

Ich erlitt eine Vielzahl an Auswirkungen des Hirnabszesses. Beeinträchtigung von kognitiven und sensomotorischen Funktionen, einer rechtsseitigen Hemiparese (Halbseitenlähmung), Verlust des Sprechvermögens und Wortfindungsstörungen, sowie emotionaler Regulationsstörungen, d.h. ich kann Emotionen nur schwer regulieren. Dazu der Verlust meines Kurzzeitgedächtnisses und manches mehr.

Ich habe die Kunst der Kompensationsstrategien auf Rehabilitation erlernt. Anderen fällt das kaum auf, besonders in einem Gespräch. Mir fehlt aber auch die Fähigkeit zur Problemlösung, bzw. ich brauche lange, um auf etwas angemessen zu reagieren.

Vor dem Hirnabszess war ich sehr mit mir zufrieden, dass ich mehrere Funktionen gleichzeitig ausführen konnte, Multitasking genannt. In meinem Beruf als Videojournalist war es normal, alleine zu Filmen und ein Interview gleichzeitig zu machen.

Heute kann ich meinen Focus nur auf eines davon legen und danach auf das andere. Zwei volle Teller zu tragen, ist fast unmöglich. Ich kann mich nur auf eines konzentrieren und darauf, nichts zu verschütten. Am Camino hatte ich immer Schwierigkeiten damit, mit dem Kaffee und dem Teller mit Tapas, durch die Fliegenvorhänge an der Tür zu kommen.

Stufen muss ich noch immer mit voller Konzentration gehen, egal ob rauf oder runter. Meine Beine brauchen die Aufmerksamkeit. Durch die fehlende Automatik ist meine Welt langsamer geworden. Das genaue Gegenteil von früher. Meine Rehabilitation beinhaltet viel vom Erlernen der Automatik, ein wichtiger Bestandteil von Lebensqualität.

Stufen steigen in der Rehabilitation

Die Monate vor dem Hirnabszess waren so schnell, dass mir schwindlig wurde. So schwindlig, dass mich der Hirnabszess hinstreckte und ich noch heute diesen Schwindel verspüre.

Indem ich dem wirklichen Leben wieder auf die Spur komme und mir Zeit lasse, ja lassen darf, komme ich vorwärts. Dazu sind verschiedene Lernstufen notwendig und es funktioniert nur Step by Step.

Die unsichtbaren Behinderungen

Ich sehe normal aus, ja, es ist aber noch lange nicht normal. Ich bin zwar den Camino gelaufen, 1.000 Kilometer durch Spanien, bis ans Meer, dass sich kaum wer vorstellen kann. Wie soll sich das dann aber jemand vorstellen können, unter welchen Bedingungen ich das schaffen konnte!

Ja, es mag unvorstellbar sein und eigentlich war es das erste Mal auch unmöglich, jedenfalls im allgemeinen Verständnis. Ich hatte aber eine Alternative gefunden, die für mich mehr als nur Therapie war. Denn noch wichtiger war es, wieder das Leben spüren zu lernen und das hat mir der Camino definitiv gezeigt.

Noch habe ich Schwierigkeiten mit dem Schreiben, aber ich arbeite trotzdem an einem Buch und einem Vortrag, um andere an meinem Schicksal teilhaben zu lassen. Was es bedeutet, plötzlich mit einer Behinderung konfrontiert zu sein. Ich habe mein Schicksal vor dreieinhalb Jahren öffentlich gemacht, nicht wissend, dass ich noch viele Jahre der Gesundung brauchen werde. Dranbleiben und nicht aufgeben wurde zu meiner Maxime.

Schreiben

Viel meiner Arbeit ist an den unsichtbaren Behinderungen. Meine Fotos, die ich poste, zeigen diese aber nicht. Wie kann man zum Beispiel Muskelschwäche sichtbar machen?

Denn Fotos kann ich nur machen, wenn es mir besser geht. Aus der Zeit im Krankenhaus gibt es so gut wie keine Fotos, weil ich gar nicht daran denken konnte, zu fotografieren. Dieses monatelange, tägliche trainieren, um ein paar Zentimeter weiterzukommen, war mein Alltag.

Es gibt so gut wie keine Aufzeichnungen davon. Eigentlich gar keine, denn mein Focus lag am Üben. Mein Gehirn konnte nicht ans Dokumentieren denken, ich hatte keine Energie dafür. Erst über ein Jahr später konnte ich schrittweise beginnen zu fotografieren, filmen nur ausnahmsweise.

Mein erstes Selfie im Wald
Mein erstes Selfie im Wald

Die Handicaps betreffen alle

Die Handicaps habe nicht nur ich erlitten, alle in meiner Familie haben sie zu spüren bekommen, es waren alle betroffen. Das zu erkennen, war oft nicht leicht. Für mich, wie auch für meine Familie.

Am schwersten ist es, wieder richtig kommunizieren zu lernen. Ich hatte alles zu lernen, nämlich zu sprechen, lesen, schreiben und zu gestikulieren. Fähigkeiten über die ich vorher nicht einmal nachgedacht habe. Im Krankenhaus bekam ich immer zu hören: "Lassen sie sich Zeit!", und ich brauchte Zeit.

Es ist schwer zu erklären, was es heißt, nicht denken zu können. Ich reagierte nur auf das, was war und war glücklich, wenn ein bekanntes Gesicht bei der Tür hereinschaute. Weiter ging mein Denken nicht, es reichte aber, um glücklich zu sein. Auch heute noch bin ich für kleinste Dinge dankbar und glücklich.

Meine Krankheit hat meine Familie nicht überstanden, sie ist daran zerbrochen. Das Gehirn schützt mich nach wie vor, mir darüber zu viele Gedanken machen zu können. Ich befinde mich jetzt im fünften Jahr der Rehabilitation und noch immer steht die Gesundung an vorderster Stelle. Das Überleben des Hirnabszesses bekam einen immer höheren Stellenwert.

Fünf Jahre Rehabilitation

Eigentlich unvorstellbar. Wer hat in seinem Leben ein Projekt verfolgt, dass so lange dauert? Nämlich dafür jede Minute seiner Zeit intensiv gewidmet und das rund um die Uhr?

Anfangs stand ja die Frage, was mehr Geld an meiner Rehabilitation geändert hätte? Vielleicht hätte ich mir die ein oder andere Therapie mehr leisten können. Vielleicht wäre ich für längere Zeit nach China gereist und hätte mich in die Obhut der TCM vor Ort begeben? Und vielleicht hätten Therapien wie Osteopathie oder Craniosacral-Therapie einiges bewirkt?

Natur und Geld
Natur und Geld

Das sind aber alles "Hätti-wari-datti" Gespinste. Es war so, wie es war und das war gut. Mit dem Pilgern konnte ich mir etwas geben, was meine Seele dringend gebraucht hat. Meine drei großen Pilger-Fahrten brachten mir so viel, ich kann es gar nicht beschreiben. Ich bin meinen alten Radkollegen mehr als dankbar, dass sie für mich sammelten und einen Teil dazu finanzierten.

Außerdem ist es müßig darüber zu sinnieren, was mit mehr Geld eventuell möglich gewesen wäre. Gerade kein Geld zu haben, war vielleicht entscheidend dafür, dort hinzukommen, wo ich jetzt bin. Ja, es fehlt noch viel, aber ich habe bisher mehr erreicht, als was ich erwarten durfte.

Dass ich überhaupt lebe, ist nicht selbstverständlich. Das muss mir immer wieder bewusst sein, ebenso wie ein Leben mit Handicap, mich jeden Tag intensiver erleben lässt, frei nach dem Motto:

"Lebe jeden Tag so, als sei es dein letzter!"

Abwandlung von Marc Aurel, römischer Kaiser, ("All dein tun und denken sei so beschaffen, als ob du möglicherweise in diesem Augenblick aus dem Leben scheiden solltest.")
Marc Aurel, römischer Kaiser

Jedes Ende ist zugleich ein Anfang!

Wie schon der Hirnabszess ein Ende und Anfang war, so hat auch meine Rehabilitation ein Ende gefunden, der zugleich einen Anfang darstellt.

Corona hat meine Strategie der Genesung über den Haufen geworfen und eine völlig neue Richtung benötigt. Langsam formt sich dieser neue Anfang heraus und wird für mich greifbarer. Mein Gehirn braucht noch immer Zeit, um Neues zu verstehen.

Pilgern als Therapie

Die einschneidendsten Änderungen gab es beim Pilgern. Das hat einerseits mit dem Reisen zu tun, andererseits mit den umfangreichen Verhaltensmaßnahmen und Beschränkungen wegen Covid-19.

Pilgern als Therapie, wie noch bis Februar dieses Jahres von mir angewendet, ist so nicht mehr möglich. Wenn ich an die letzten Jahre denke, 2018 bin ich meinen ersten Camino in Spanien gegangen, habe ich mich am Jakobsweg am meisten weiter entwickeln können.

Körperlich wie geistig habe ich zu Hause nur Ansatzweise etwas finden können, was dem gleichgestellt ist.

Jeder Tag ein Anfang,
wie am Camino

Der Camino im Winter

Mein Camino Frances im Winter bedeutete im Nachhinein das Ende eines Weges, der mir einen großen Auftrieb gab. Er bedeutet aber auch einen neuen Anfang, von dem ich noch nicht genau weiß, wie er ausschauen soll.

Gehen und Pilgern wird auch in Zukunft ein Teil meiner Rehabilitation bleiben, in welcher Form auch immer. Ich bin dankbar, den Camino noch in seiner alten Form kennengelernt zu haben. Andererseits hat der Jakobsweg schon hunderte Jahre und zahlreiche Kriege überlebt. Er wird also auch weiterhin bestehen bleiben.

So wie jeder Camino bisher, war auch dieser Wintercamino für mich ein besonderer. Ich war so glücklich darüber, wieder Gehen zu können und dieses Gefühl in mir, bewahre ich jetzt noch auf.

Mein WinterCamino

Grafiken zum Camino

Diese Grafiken stellte https://jakobsweg-lebensweg.de zur Verfügung. Sie zeigt die Entwicklung des Jakobsweges in Spanien.

Waren 2018 und 19 noch jeweils über 2000 Österreicher unterwegs, so sind es 2020 nur 31 im gesamten Jahr (offiziell) gewesen.

Das sind die offiziellen Pilgerzahlen, die sich auch im Pilger-Büro in Santiago registrieren haben lassen. 2018 war ich zum Beispiel noch nicht in der Verfassung, mich so lange anzustellen und habe auf die Compostela verzichtet. So ist auch mancher unterwegs, der sich nicht registrieren lässt.

Waren 2018 noch 96.000 Tausend am gesamten Camino Frances unterwegs, so waren es in diesem Jahr nur 14.000 Tausend.

Wie geht es weiter?

Nun, ich denke, dass weiß niemand wirklich. Meine Rehabilitation fußt auf dem bisher Gelernten und beschränkt sich darauf, es auszubauen. Besonders das therapeutische Tanzen gab mir wichtige Impulse, vieles besser in mein Leben besser zu verstehen, integrieren und zu verbessern.

Das Gehen werde ich auf Österreich beschränken, aber das Pilgern sehr wohl beibehalten. Dafür werde ich hoffentlich das Zelten besser in den Griff bekommen, denn in Österreich ist es nur mit Zelt für mich machbar. Mir schwebt bereits ein Projekt vor, welches ich hoffentlich umsetzen kann.

Einen wichtigen Teil wird auch das bessere Formulieren einnehmen. Ich schreibe noch immer am Buch und habe vor, einen kleinen Vortrag über das Pilgern und wie es mir geholfen hat, aufzubereiten. Über YouTube werde ich ihn verteilen, es wird aber noch eine Zeitlang dauern, denn ich bin noch nicht so weit.

Zelten
Mit Zelt Pilgern?

Ein neuer Anfang darf wieder her!

Anfang und Ende, es begleitet mich seit dem Hirnabszess auf besondere Weise. Oft gehe ich in den Wald und starre nur ins Narrenkastl. Ich vertraue dann darauf, dass alles so kommt, wie es zu meinem besten ist. Denn das Denken ist meine Herausforderung, besonders wenn es um das Gestalten geht.

So ist für mich seit Jahren jeder Tag ein neuer Anfang und eine besondere Herausforderung, besonders wenn ich etwas erschaffen möchte. Mir genug Zeit, Ruhe und Geduld zu geben, das habe ich mittlerweile gelernt.

"Ach, ich bin gelaufen, gelaufen und hingefallen, wieder aufgestanden, umgeworfen, wieder aufgesammelt, bis ich da angekommen bin, wo mein Ziel anfängt."

Fanny Gräfin zu Reventlow

Training, Training, Training - es muss ja einmal besser werden!

Die Tage sind voll davon - mit Training. Training und Üben, um besser zu werden. Aber wie viel besser, ist genug?

"Besser" ist ein relativer Begriff. Ich habe zwar das Himmel und Hölle Spiel, aber es zeigt mir nur, wo ich aktuell stehe. Es sagt mir nicht, wo ich im Training stehe oder wie weit ich wirklich bin. Seit dem Beginn der Corona-Krise bin ich nicht weiter gekommen.

Wo stehe ich im Training?
Wo stehe ich im Training?

Stillstand

Seit März dieses Jahres spüre ich Stillstand in mir. Mein größter Erfolg dieses Jahr war es, mit dem Radfahren begonnen zu haben. Trotzdem spüre ich Stillstand in mir.

Allerdings ist es wenigstens Stillstand und kein wirklicher Rückschritt. Woran soll ich aber Rückschritt messen? An meiner Kilometer Leistung, die ich imstande bin zu gehen? An meinen Übungen mit dem Computer, die mir zeigen, ob ich eine bessere Reaktion habe?

So gesehen habe ich seit März einen Rückschritt, keinen Stillstand.

Aussicht beim Training im Wald

Über die Runden kommen

Es ist eigentlich seit Monaten ein über die Runden kommen. Ich konzentrierte mich darauf, meine Gehfähigkeit zu verbessern und das therapeutische Tanzen.

Einige Aha-Effekte hatte ich und konnte sehr viel lernen. Die Eigen-Wahrnehmung spielt eine große Rolle und ich konnte an Dingen arbeiten, die mir so nicht bekannt waren. Propriozeption und Wahrnehmen, das waren die Sachen, an denen ich die meiste Zeit arbeitete und sogar mit großem Erfolg.

Körperlich baute ich aber immer mehr ab. Mir fehlt das viele Gehen, vor allem im Pilger-Modus. Zu Hause ist das fast nicht möglich.

Lockdown und Winter

Seit dem Lockdown und dem Winter ist alles schwerer geworden. An die Stelle der Leichtigkeit, an der ich arbeitete, ist wieder die Schwere getreten.

Das darf mich aber nicht irritieren. Der Winter war, seit dem Hirnabszess, schon immer mein Sorgenkind. Trotzdem hoffe ich jedes Mal darauf, dass ich diesen Winter besser vertrage. Letzten Winter war ich am Camino Frances und hatte die Hoffnung, in diesem Jahr einen entscheidenden Schritt nach vorne zu machen.

Stattdessen ging der erwartete Schritt nach vorne, ein Stück nach hinten. Den ganzen Sommer machte ich Schadensbeschränkung. Der eine oder andere Erfolg war da, wie das Radfahren. Trotzdem hatte ich mit den veränderten Bedingungen zu kämpfen. Der Winter und der Lockdown gaben mir den Rest.

Training Gehen

Optimistisch bleiben

Trotz allem bleibe ich optimistisch, mit dieser Zeit umgehen zu lernen. Es ist eben ein anderes Lernen, als noch vor einem Jahr. Meine größte Herausforderung ist es, mein Gehirn noch besser in Schuss zu bringen, um diese Veränderung auch verstehen zu können.

Denn im Moment reagiere ich bloß auf alles, so gut ich kann. Wirklich verstehen tue ich es noch immer nicht. Ich trainiere und übe für etwas, was bis Anfang des Jahres mein Leben ausmachte. Es ist gar nicht so sehr das Pilgern, mehr noch trifft mich das "Leben lernen", das ich im Frühjahr als Auftrag in der Ergo-Therapie bekam.

In gewisser Hinsicht bin ich wieder zurück an den Anfang gefallen, wo damals schon soziale Isolation und Rückzug mein Alltag war. Ich kann nur von Glück sprechen, dass ich am Rand eines Waldes wohne. Ohne einen Wald, womöglich in der Stadt, hätte ich mich weit schwerer getan, diese Zeit zu überstehen.

Cleanup Einkaufen

Ein beliebtes Training von mir, ist das Müll sammeln. Einmal die Woche gehe ich nach Gratwein einkaufen und sammle auf dem Weg den Müll ein. Jedes Mal kommen ein bis drei Sackerl zusammen und das Woche für Woche.

Beinahe an denselben Stellen finde ich Dosen, Zigarettenschachteln und Plastikabfall. Würde ich es seit März nicht jede Woche aufheben, würden Mengen von Müll am Weg liegen. Ich mache es aus Eigennutz, denn es tut mir in der Seele weh, entlang des Weges so viel Abfall zu sehen.

Außerdem schule ich meine Wahrnehmung und Beweglichkeit durch das hinunterbeugen und Greifen. Fast täglich sammle ich Dosen und Plastik bei meinen Spaziergängen im Wald ein.

Training im Home-Office

Mein Gymnastik-, Kraft- und Stretching Training mache ich seit März im Home-Office und nicht mehr im Fitness-Studio. Das Training mit Gewichten fehlt mir und ich muss gut improvisieren, um es auszugleichen.

Training, Training, Training - es muss ja einmal besser werden!

Muss es das? Ich hatte dieses Jahr erstmals einen Stillstand, obwohl ich mich in gewisser Hinsicht verbessert habe. Diese Verbesserung ist aber so subtil, dass ich sie fast nicht merke und durch wirkliche Verschlechterung aufgehoben wird.

Der große Durchbruch ist ausgeblieben, nach dem es im Frühjahr ausschaute. Stattdessen nahm unser aller Leben eine unerwartete Wendung. Durch Corona merkte ich umso mehr, wie groß meine Defizite und Handicaps sind. Trotz aller Schwierigkeiten ist mir aber eines geblieben:

"Never give up!"


Propriozeption üben im Balance-Park!

Letztens habe ich einen Beitrag über die Propriozeption geschrieben. Dazu gehört auch das Training im Balance-Park. Ich habe noch verschiedene Schwierigkeiten beim Wahrnehmen, besonders wenn ich nicht auf meine Füße schaue.

Im Balance-Park übe ich seit etwa 2 Jahren und er stellt einen wichtigen Baustein in der Rehabilitation dar. Gleich neben der Reha-Anstalt wurde die Anlage im Park erstellt. Für mich ein großes Glück, den eine solche Anlage kam mir wie gerufen.

Balance-Park

Der Balance-Park in Judendorf

Der Balance-Park ist seit rund 2 Jahren eine ständige Einrichtung, die ich gerne nutze. Meine Motorik wird geschult und besonders die Kräftigung der Fußgelenke kann ich hier trainieren. Die Propriozeption bekam mit der Zeit eine immer wichtigere Bedeutung.

Trainieren im Balance-Park

Die Geräte bestehen aus Holz und stehen in einer weiträumigen Parkanlage, inmitten von Bäumen, jedem zur Verfügung. Selbst jetzt im Winter nutze ich die Anlage, zumindest wenn es nicht regnet oder Schnee liegt. Denn das Holz wird bei Nässe schnell glatt und rutschig.

Balancieren über die Hölzer

Das Gehen über die Hölzer ist schon lange mein Training. In letzter Zeit achte ich vermehrt darauf, nicht auf meine Füße zu sehen. Das hat den Grund, dass ich eigentlich meine Füße sehen muss, um die Bewegung im Gehirn anzusteuern. Sobald es schwierigeres Terrain gibt, muss ich die Füße sehen, sonst stolpere ich unbeholfen dahin.

Das ist ein Ergebnis der fehlenden Propriozeption. Erst seit ich einigermaßen sicher balancieren kann, ist mir das vermehrt aufgefallen. Aus diesem Grund versuche ich nach vorne zu schauen und nicht nach unten. Eine besondere Konzentration ist notwendig, um balancieren zu können. Ich möchte lernen, meinen Füßen vertrauen zu können, auch wenn ich sie nicht sehe.

Mit dieser Übung hat wahrscheinlich ein Großteil der Menschen ihr Problem, aber sie brauchen auch nicht zu gehen lernen, bzw. ihr Automatismus funktioniert. Ich übe es jetzt schon eine Weile und die Fortschritte sind gering, aber langsam erkennbar. Es fühlt sich komisch an, wenn ich die Füße nicht sehe und kaum ein Gefühl dafür habe, wie und wo ich den Fuß aufsetze.

Nach vorne schauen

Je nachdem wie ich mich fühle, versuche ich geradeaus und nach vorne zu schauen und nicht nach unten, um meine Füße zu beobachten. Es gibt Tage, da funktioniert es besser oder schlechter. Ich habe einfach noch nicht das Vertrauen, dass ich es ohne schaffe. Oder anders gesagt: "Ich kann mich nicht im Raum zurechtfinden!"

Füße beobachten beim Balancieren
Blick auf die Füße und nicht nach vorne.

Trotzdem muss ich sagen, ich habe schon viel erreicht zumindest was ebenen Boden anbelangt. Musste ich am ersten Camino noch stehenbleiben, um zu schauen, so war dieses Jahr am Camino vieles einfacher. Auch während des Gehens, konnte ich, zumindest auf guter Straße, die Gegend um mich wahrnehmen.

Das war ein riesiger Lebensqualitätsgewinn, denn ich konnte viel öfter mit erhobenen Kopf gehen. Seither habe ich weniger Schmerzen im Genick, durchs runterschauen. Das ist nicht zuletzt auf das intensive Training im Balance-Park zurückzuführen.

Dieses Nach vorne schauen hat auch Auswirkungen auf mein mentales Gleichgewicht. Langsam kann ich auch beginnen, nach vorne, in die Zukunft zu schauen.

Ich beginne nach vorne zu schauen!

Ich bin zwar noch nicht dort, wo ich sein möchte, aber ich bin auf dem Weg!


Propriozeption, die Wahrnehmung des eigenen Körpers im Raum!

Propriozeption, was für ein schwieriges Wort! Eigentlich vermeide ich es, denn es kommt eigentlich nie richtig aus meinem Mund. Dabei beschreibt es, womit ich am meisten zu kämpfen habe. Ohne es, wäre keine körperliche Bewegung möglich.

Die Propriozeption ermöglicht dem Hirn, ständig zu erkennen, wo sich jeder Teil des Körpers gerade befindet, aber auch wie er sich bewegt. Es handelt sich um eine Eigenempfindung, also keine Wahrnehmung über Reize von Außen, sondern der Körper ist sich über die Lage der Gliedmaßen rein über innere Sensoren bewusst.

Der 6. Sinn und Gehen lernen

Dieser 6. Sinn wird für jede körperliche Bewegung gebraucht und interagiert mit allen anderen Sinnen. Dadurch ist es möglich, sich neben einer Tätigkeit auch zu unterhalten. Diese Propriozeption funktioniert normalerweise automatisch, bei mir allerdings leider nicht mehr. Ich habe jegliche Automatisation verloren.

Deshalb spreche ich auch nach über vier Jahren noch vom Gehen lernen. Am Anfang musste ich die Gliedmaße sehen, um sie ausführen zu können, wie zum Beispiel die Beine fürs Gehen. Sah ich sie nicht, kam ich ins Stolpern. Es ist wie Schreibmaschine schreiben lernen. Am Anfang muss man jede einzelne Taste sehen, um sie zu drücken. Später braucht man fast nicht mehr hinschauen, es wird automatisiert.

Ein gutes Beispiel ist auch Blindheit oder schlechtes Sehen. Wir können die Augen schließen und verstehen, wie sich diese Menschen verhalten und wie sich dieses Defizit anfühlt. Die Propriozeption ist aber eine innere Empfindung, die kaum zu verstehen ist und nachgestellt werden kann.

Diese Doku auf Arte beschreibt vieles davon, wie es mir geht und brachte mir neue Erkenntnisse.

Propriozeptionstraining

Durch viel Training kann ich mich wieder einigermaßen bewegen. Auf ebenen Asphalt kann ich mich fast "automatisch" fortbewegen. Aber auch dort können mich Unebenheiten ins Schleudern bringen. Aktuell versuche ich es auch unter schwierigen Bedingungen, mich bergauf zu unterhalten. So schule ich immer und immer wieder meine Automatik.

Ich mache deswegen soviel "Sport", weil ich als ehemaliger Leistungssportler durch mein jahrelanges koordinatives Training die Nerven sehr gut trainiert habe. In Radquerfeldeinrennen habe ich auf technischen Kursen immer gut abgeschnitten, hingegen wenn es um die Kraft ging, fuhr ich hinterher. Auch das Trailrunning hat mir sehr geholfen, jetzt vor allem das immer wieder in Gedanken vorstellbare. Neueste Erkenntnisse messen dem eine große Bedeutung bei, die Propriozeption in Gedanken zu üben.

Propriozeption und Radquerfeldein
Radquerfeldeinrennen

Übungen auf instabilen Untergründen, wie der Schaumstoffmatte oder auf dem Wackel-Board bilden den Standard. Jeden Tag in der Früh auf das Wackelbrett, ist auch heute noch Pflicht. Reaktionsmechanismen werden dadurch abgespeichert und hoffentlich wieder antrainiert.

Propriozeption und Faszien Training
Schaumstoffmatte

Bei Spitzensportlern schaut die Bewegung oft mühelos aus, weil ihre Bewegungsabläufe hocheffizient sind. Das ist auch mein Ziel, was aber oft noch nicht gelingt. Deswegen ist es mir viel Wert gewesen, die Technik des Gehens möglichst gut zu verstehen und zu lernen.

Meine Psychologin auf der Reha erkannte nach einigen Sitzungen, dass ich zwar wie viele andere auch, bei null gestartet bin, mich aber aufgrund meiner Vergangenheit auf einem wesentlich höheren Niveau befand. Meine Zeit im Sport kam mir jetzt zugute.

Körpererfahrungen

Wenn es doch nur so einfach wäre, einfach Gehen zu lernen. Dazu gehört weitaus mehr. Viele verschiedenste Bewegungsvarianten gehören dazu und machen mein Training abwechslungsreich. Es geht ja nicht nur um das Gehen, sondern auch das Greifen.

Mein erster Frisbee-Wurf ging genau zwei Meter weit. Ich hatte kein Gefühl für das werfen. Gleich geht es mir mit dem hineinwerfen in einen Mistkübel. Nur durch jahrelanges Training ist es mittlerweile besser geworden.

So gehört dazu:

  • Barfußgehen, besonders in der Natur
  • Im Wasser treten und gehen, Kaltwasseranwendungen
  • Auf unterschiedlichen Böden gehen, wie Sand, Rinde oder Waldböden
  • Im Schnee gehen
  • Balancieren (im Wald oder Balancepark)
  • Die Haut bürsten
  • Atemübungen
  • Frisbee-Golf
  • Gleichgewichtsübungen
  • Therapeutisches Tanzen

Nach viereinhalb Jahren kann ich sagen, zum Glück habe ich nicht aufgegeben. Ich habe seit 2016 rund 17.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Nur dadurch war es mir möglich, mich wieder einigermaßen zu bewegen und Vertrauen in mich zurückzugewinnen.

Camino Frances gehen lernen
Am Camino Frances

Besonders der aufrechten Haltung widme ich viel Aufmerksamkeit. Es kann Ausdruck von innerer Stärke und Sicherheit sein. Auf meinem ersten Camino hat mich in den ersten Tage kaum wer angesprochen, weil ich mit gesenktem Kopf unterwegs war und die Mit-Pilger dachten, ich wollte meine Ruhe. Dabei habe ich nur meine Füße beobachtet, um Gehen zu können. Meine Aufmerksamkeit war so vertieft in den Bewegungsablauf, dass ich für anderes nichts übrig hatte.

Camino Frances, Pyrenäen
Camino Frances, Pyrenäen - 2018

Das therapeutische Tanzen und Propriozeption

Eine meiner größten Fortschritte machte ich beim therapeutischen Tanzen, wo es ja um die Eigenempfindung geht. Das vergangene Jahr war nicht unbedingt leicht, denn neue Trainingskonzepte mussten her. An Therapien blieb nur das therapeutische Tanzen, daher konzentrierte ich mich in erster Linie darauf.

Besonders die Leichtigkeit steht im Mittelpunkt. Leichter durchs Leben zu gehen, war mein Ziel von Anfang an. Eine gestörte Propriozeption macht sich auch unter anderem darin bemerkbar, dass sich der Körper schwer anfühlt. Die ersten Jahre war alleine das Aufstehen vom Sitzen ein Kraftakt, der mich ans Limit brachte.

Jeder Schritt entgegen der Schwerkraft erfordert Überwindung, so ist es auch beim Tanzen. Langsam wird es besser, dieses Besser werden aber immer in meiner Geschwindigkeit und oft ist damit gemeint, dass ich besser damit klar komme. Hat mein Tagesablauf mit der Zeit als Leistungssportler viel gemein, so gilt das nicht für den Fortschritt. Ich musste neue Maßstäbe anwenden lernen und akzeptieren.

Das Tanzen tat unheimlich gut, mit den Körperwahrnehmungsübungen. Ein wichtiger Teil ist es, die Kontrolle zu verlieren. Mein ganzes Gehen ist aber auf Kontrolle aufgebaut, daher war es besonders bis in den Herbst hinein, nicht leicht zu erkennen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich musste Kontrolle aufgeben, um Leichtigkeit zu finden. Eine Kontrolle, die mir das Gehen bisher ermöglichte.

Auch wenn man es von außen nicht sieht, innerlich ist mein Gehen Roboterhaft und sehr kontrolliert. Mehr Leichtigkeit ist daher ein Ziel, dass ich über die Körperwahrnehmung beim therapeutischen Tanzen erreichen möchte.

Die Bewegung, nur eine Seite

Die andere Seite ist das Denken und Sprechen. Zwischen wenig und gar nicht sind da die Fortschritte. Besonders beim Pilgern konnte ich die Propriozeption in Verbindung mit dem Sprechen sehr gut üben. Ich tue mich schwer, jetzt im Lockdown und der Corona-Krise, denn der soziale Abstand setzt mir zu und verzögert mein Vorwärtskommen, abseits der Bewegung.

Besonders das Pilgern war die beste Möglichkeit, Bewegung, Denken und Sprechen zu fördern. Wie immer, mache ich aber das beste daraus und widme mich derzeit ganz der Verbesserung der Propriozeption und versuche in spielerischer Form Verbesserung zu erreichen.

Propriozeption und Klettern
Propriozeption und Klettern

Die Bewegung ist aber eben nur eines, auch in Zukunft muss ich immer genau abwägen, was ich machen darf und kann.

Es bleibt spannend, wie ich in Zukunft Rehabilitation, Corona und das Leben unter einen Hut bekomme. Zu tun ist genug!


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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