Die Folgen des Hirnabszesses haben mich mehr Hochsensibel gemacht, die in der Kombination mit dem Hirnabszess schwer zu handhaben ist. Alle meine Filter im Gehirn wurden geöffnet und jeder Reiz dringt ungefiltert in mich. Wichtiges von Unwichtigen zu unterscheiden lernen, ist gar nicht so leicht.

Mein "Weg zurück ins Leben" scheint mit dem Jakobsweg und mit dem Beginn des Radfahrens für viele Vollzogen, aber dem ist noch nicht so. Solange der Tag von meinen Defiziten geprägt ist, solange werde ich an mir weiterarbeiten.

Die Kunst wird es wieder werden, trotz dieser Defizite Leben zu können. Ich war schon auf einem guten Weg, allerdings hat Corona sehr viel für mich verändert. Im Moment lenke ich mich ab und es ist kein Problem, in eigentlich allem was ich mache, Therapie zu sehen und nicht nach Graz zu fahren. Durch die Stadt zu spazieren, Straßenbahn fahren lernen oder ins Kino zu gehen, habe ich derzeit aufgegeben. Damit fällt vieles weg, an was ich mich in den letzten eineinhalb Jahre gewöhnen wollte.

Hochsensibel am Rad in den Griff bekommen

Hochsensibel, was bedeutet das?

Hochsensible Menschen nehmen Dinge einfach anders wahr. Die Filter im Gehirn sind durchlässiger und das Gehirn muss mehr verarbeiten. Man nimmt mehr wahr, wie Gerüche, Stimmungen oder die Gestik in den Gesichtern von Mensch und Tier. Das kann mit der Zeit sehr anstrengend und auslaugend sein, wenn man nicht gelernt hat, alles in entsprechende Kanäle fließen zu lassen. 

Das alles ist bei mir zu einer Herausforderung geworden, es unter einen Hut zu bekommen. Der Hirnabszess lässt mich nur auf eines Fokussieren, meistens auf die Bewegung. Rede ich während beim Hinunter- oder Hinaufgehen über eine Stiege, wäre die Gefahr eines Sturzes groß. Meine Konzentration gilt dort nur der Bewegung, denn es gibt keine Automatik mehr. Deswegen stresst jeder zusätzliche Eindruck.

Zentralnervensystem

Als Hochsensibler gehen lernen

Die Menge an Eindrücken erschwert mir das Gehen lernen. Ich habe mehr Reize im Gehirn zu verarbeiten, zusätzlich zur Technik des Gehens und das macht es nicht einfach. Deshalb ist auch das therapeutische Tanzen so gut für mich.

Klar, ich bin mittlerweile drei Caminos in Spanien gegangen. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich deswegen Gehen kann. Noch immer ist es mein Ziel, automatisch Gehen zu können. Es funktioniert nur in Teilbereichen, in anderen aber gar nicht. Gerade der Lockdown hat mir ohne zu wissen warum, viel an dieser Automatik gekostet.

Beim Tanzen kann ich experimentieren und meine neurologischen Probleme kombinieren mit der Hochsensibilität. In meinem Tempo und mit ruhigen Bewegungen, an schneller tanzenden Vorbeibewegen. Wie nehme ich das wahr? Was strengt mich dabei an und wie kann ich mich wieder wahrnehmen, trotz der Bewegung um mich. So lerne ich in einem geschütztem Rahmen, mich diesem Stress auszusetzen.

Das Gehen lernen hat durch das therapeutische Tanzen eine neue Qualität bekommen.

Reize, Reize, alles sind Reize

Meine Filter sind durchlässiger als bei anderen. Das kann Fluch oder Seegen sein. Die Jahre vor dem Hirnabszess war es ein Seegen und von mir gar nicht so anders wahrgenommen. Es artete nie in Reizüberflutung oder Stresssymptome aus. 

Jetzt ist es anders und seit Corona nochmals anders. Seit Anfang März war ich zweimal in Graz, also in der Stadt. Mein Gewöhnen an den Stress in der Stadt hat ein jähes Ende damals genommen. Aber dieses Nicht-Aussetzen hat meinen Körper ruhiger gemacht. 

Reize setze ich sehr dosiert ein, besonders stressige. Diese ermüden mich sehr schnell. Andererseits setze ich täglich viele Trainingsreize, aber nur mir zuträgliche. Ich habe Radfahren begonnen, das war bisher wegen der Reizüberflutung nicht möglich. Es ist wie beim Gehen lernen, Step by Step, verschiebe ich immer weiter die Grenzen. Nach zwei Monaten konnte ich beginnen, dass Straßenrad zu verwenden. Bisher war nur das Mountainbike im Einsatz,

Dazu therapiere ich sehr viel zu Hause, mit diversen Geräten oder gehe in den Wald. Diese positiv gesetzten Reize ermüden mich zwar auch, aber alle schädlichen Nebenwirkungen fallen weg. Das Ziel ist es, jeden Tag glücklich schlafen zu gehen.

Positive Reize im Wald
Positive Reize im Wald

Ich brauche viel Schlaf

Viel Schlaf und Erholung sind das andere. HSPs brauchen mehr Zeit zum Regenerieren und müssen sich die Kraft genau einteilen. Mein Akku an Energie reicht nur für eine gewisse Zeit. Daher spreche ich oft von "...der Tag ist länger, als meine Energie reicht". Ich spüre regelrecht, wie mein Batteriestand fällt.

Durch die Feinfühligkeit, die schon mein Leben lang habe, spüre ich genau, wann es genug ist für meinen Körper und wann ich eine Pause brauche. Es ist vergleichbar mit einem Grenzgang, wie früher ein Extremrennen. Damals schon legte ich es in mir an, meine Grenzen zu kennen. Es war immer gut, ein wenig besser trainiert zu sein, als meine Gegner oder die Herausforderung. Damit brauchte ich mich nie in einen für mich negativen Stress begeben oder besser gesagt, sehr selten.

Ich verbringe sehr viel Zeit im Bett, um zu dösen oder zu schlafen. 10 Stunden in der Nacht durchzuschlafen sind keine Seltenheit. Ab Nachmittag geht es mit mir bergab. Alle Aktivitäten setze ich daher an den Anfang des Tages und ich kann regelrecht beobachten, wie mein Akku im Verlauf des Tages weniger wird. 

Der zwischenmenschliche Bereich oder Empathie

Darin habe ich die meiste Arbeit noch vor mir, denn damit ich den Hirnabszess überstehen konnte, wurden alle Gefühle und Emotionen vom Thalamus quasi ausgeschaltet. Ich spürte aber weiterhin die Zustände anderer Menschen. Allerdings konnte ich sie nicht benennen, dafür waren die Wortfindungsstörungen zu groß. Im Gehirn war alles klar, aber die Verbindung zur Sprache war gestört. Ich konnte nur schauen, beobachten und spüren. Ich konnte es nicht einordnen und daher schwieg ich.

Manchmal wollte ich mich Besuchern im Krankenhaus gegenüber mitteilen, aber es kamen für sie nur undefinierbare Wortversuche heraus. Mir fiel das gar nicht auf, denn ich hatte mir die Wörter im Kopf zurechtgelegt. Das etwas anderes aus meinem Mund herauskommt, konnte ich nicht erfassen. 

Dieses einfühlen in andere Menschen kann auf Dauer sehr anstrengend sein. Nach der Zeit als Rennfahrer übte ich mehrere Jahre lang den Beruf als Energetiker aus. Es ist eigentlich eine Gabe, dafür hochsensibel zu sein. Abgrenzung ist sehr wichtig und das beherrschte ich sehr gut.

Ich verwendete ein Gerät, dass die Energieströme im Körper sichtbar machte. Anhand der Grafiken wurde sichtbar gemacht, wo es im Körper zu Energieüberschuss oder Defiziten kam. Im Grunde brauchte ich dieses Gerät gar nicht, aber es war für andere leichter nachvollziehbar, wo die Problematik liegt.

Wenn der Kunde bei der Tür hereinkam und ich ihn sah, wusste ich sofort, was Sache ist. Man nimmt alles wahr und verarbeitet es in Sekundenbruchteilen. Den Gang, den Gesichtsausdruck und feinste Konturen im Gesicht. Die Messung war nur mehr eine Überprüfung, von dem, was ich spürte.

Gleich fühlte und spürte ich auch gegenüber mir selbst, leider hörte ich nicht immer darauf. Denn diese Gabe wurde zu meinem Fluch. Für mich selbst fand ich immer weniger Lösungen und mein Umfeld verstand mich nicht, wie auch ich mich nicht oft zu artikulieren wusste. So entstand mit der Zeit der Hirnabszess. Ich implodierte, anstatt zu explodieren. 

Hochsensibel und Empathie

Analysieren und Denken

Statt mein Herz zu kultivieren, konnte oder wollte ich nur mehr alles mit dem Denken analysieren. Immer öfter verlernte ich auf mein Herz zu hören. Perfektionismus stand für mich weit vorne, eine weitere Sache für Hochsensible. Es war nie etwas zu Ende und immer hatte ich noch was zu verbessern oder wollte etwas noch besser machen. 

Besonders beim Filmen kam das hervor. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren, denn es gab immer noch eine bessere Bildeinstellung oder eine andere Idee. Es dauerte lange, bis ich ein Ende, ein Ende sein lassen konnte.

Hochsensibel und Empathie in der Beziehung

Am schwersten ist mir die Empathie in der Beziehung gefallen und sie ist schlussendlich auch daran zerbrochen. Nach dem Hirnabszess stand ich in allem auf null, hatte alles neu zu lernen. Der Thalamus störte nicht nur meine Bewegung, er hatte auch großen Einfluss auf meine Gefühle und Emotionen.

Dass das Auswirkungen sein können, hat mir nie jemand gesagt. Nach dem Krankenhaus war ich alleine auf mich gestellt. Alles musste ich mir selbst erarbeiten. Ich musste erst lernen, Entscheidungen zu fällen, was auch dem Bereich des Thalamus zufällt. Zur Idee mir Hilfe zu holen, kam ich erst spät. Mein Gehirn funktionierte ja nicht, es gab keinen Gedanken dazu, was mir helfen könnte. Erst wenn ich mir dessen bewusst war, konnte ich einen Schritt weitergehen.

So begann ich erst im letzten Jahr eine Traumatherapie, weil ich erkennen durfte, nicht alles alleine bewältigen zu können. Ich las viele Bücher und Zeitschriften über das Gehirn, über Lebensführung und anderes. Aber mir fehlte das selbständige Denken. Es fehlt die Fähigkeit, etwas alleine durchzudenken oder noch besser, gleich meinem Gefühl vertrauen zu können.

Mit dem Hirnabszess hatte ich alles Vertrauen in mich verloren, wie sollte ich da jemanden anderem vertrauen. Ein erster Schritt war im Krankenhaus, jedem dahingehend zu Vertrauen, dass dort alles nur zu meinem besten geschieht. Ich konnte nicht an Hochsensibilität denken, aber ich lernte meinem Instinkt zu vertrauen, der die Sensibilität mit einschloss.

Hochsensibel und Empathie
Hochsensibel und Empathie

Die Trennung

Die Trennung brachte mich wieder an den Anfang zurück. Es war ein Vertrauensbruch, in einer Zeit, wo ich um jeden Millimeter Fortschritt kämpfte. Meine Hochsensibilität war Fluch und Seegen zugleich.

Das Ende der Beziehung war auch das Ende einer Struktur, die mir Halt gegeben hat. Mein Harmoniebedürfnis war empfindlich gestört und ich konnte nicht verstehen, was gerade passiert ist. Noch heute fehlen mir angemessene Worte und Handlungsmuster. Das überforderte mich, denn Handlungsmuster hatte ich keine, habe ich doch das Leben neu zu lernen und bin gerade bei den Basics.

Wir Hochsensiblen vertragen es nicht, wenn es ungerecht oder respektlos zugeht. Dazu kommt noch, dass ich wie ein Kind, nicht verbal für mich eintreten kann. Die Wortfindungsstörungen überrollten mich. Ich hatte mit mehreren Fronten zugleich zu kämpfen. Nur langsam beginne ich mich zurechtzufinden.

Die Wut

Für Hochsensible kann es gut sein, sich ihre Wut zu erlauben. Der Hirnabszess war ja nichts anderes als eine in sich gekehrte Wut, die sich lange aufgestaut hatte. Zu lange habe ich selbstzerstörerisch gehandelt, fand aber keinen Ausweg daraus. Hätte ich früh genug hingeschaut und gehandelt, hätte ich mir den Hirnabszess ersparen können.

So heißt es jetzt damit zurechtkommen, wie es ist und das Beste daraus zu lernen. Und so wie ich tagtäglich an meinen Defiziten arbeite, habe ich auch geistig, mental an mir zu arbeiten.

Zum Beispiel dieser Blog. Ich hatte zum Lernen, dass ich etwas sein lassen muss. Kein endloses überarbeiten, schreiben und nicht perfekt sein. So wie es ist, ist es.

Ich darf glücklich darüber sein, was ich bisher schon erreicht habe.


Endlich Radfahren!

Anfang Mai konnte ich wieder erstmals mit dem Radfahren beginnen. Es wurde ein herantasten an eine Bewegung, die ich Jahre zuvor verinnerlicht habe. Daher erwartete ich mir einiges davon und wie es scheint, auch nicht unberechtigt.

Es hilft mir, meine Reaktion und Wahrnehmung zu steigern. Die brauche ich für den "normalen" Alltag, egal ob fürs über die Straße gehen oder in besonders stressigen Situationen. Seit dem Lockdown bin ich wesentlich anfälliger dafür und habe körperlich abgebaut. Das Radfahren kann mir neue Impulse dazu bringen und die Schnelligkeit meiner Wahrnehmung hinaufsetzen.

Nachdem das Pilgern unter den derzeitigen Verhältnissen für mich nicht möglich ist, brauchte ich dringend Ersatz. Hatte ich das letzte Jahr noch versucht, wieder "Leben" zu lernen, besteht mein Alltag seit Corona wieder aus Therapie und einzig aus dem Ziel, meine Defizite zu verringern. Langsam finde ich mich in diesem Rhythmus zurecht.

Endlich wieder am Rad. Radfahren ist endlich möglich.

Bisher war Radfahren nicht möglich

Vor einem Jahr war mein Gehirn noch weit überfordert mit Radfahren. Nach nur wenigen Metern nahm der Schwindel überhand, dazu die Gleichgewichtsprobleme und zwangen mich schnell stehen zu bleiben und die Augen zu schließen. Es war dann ähnlich, wie wenn man betrunken vom Rad steigt und der Boden unter einem schwankt. Meist brauchte ich lange, um mich davon zu erholen.

Die muskulären Defizite waren das nächste. Ich bin innerlich so instabil, dass es mir enorme Kraft abverlangt, am Rad nur sitzen zu können. Mein Bindegewebe, die Faszien und Muskeln sind aufgrund der Muskelschwäche so stark zurückgegangen, dass ich wie eine Marionette mit schwach gespannten Fäden wirke. Das fällt nach außen hin ja nicht so auf, aber ich benötige viel Disziplin, um gerade und aufrecht stehen und gehen zu können. Gerade der Lockdown hat mir viel Automatismus gekostet, den ich mir jetzt wieder aneignen muss.

Die Nackenmuskulatur ist auch heute noch schwach und zeigt mir schnell das Limit auf. Gerade beim Radfahren ist sie sehr wichtig. Nach einer halben Stunde kann ich kaum mehr den Kopf heben. Selbst jetzt nach vier Jahren, verbessert es sich nur langsam. Mehrere Monate kein Fitnessstudio, zeigen ihre Auswirkung.

Radfahren benötigt so viele Muskelgruppen und vor allem andere als beim Gehen. Im Grunde genommen geht es mir ähnlich wie zu der Zeit, als ich wieder Gehen lernte. Vor allem die Reaktion in der Verbindung mit der Geschwindigkeit, habe ich zu lernen. Wenn mir beim Gehen etwas zu schnell ist, kann ich stehenbleiben und die Augen schließen, am Rad geht das nicht.

Dieses Zusammenspiel von mehreren Faktoren ist mein neues Ziel. Was nehme ich wie schnell wahr, das ist beim Radfahren extrem wichtig. Meine Reaktion messe ich zum Beispiel, beim über die Straße gehen. Als ich mich vor vier Jahren zum ersten Mal im Straßenverkehr bewegte, war ich heillos überfordert damit. Ich brauchte oft zehn Sekunden, um zu erkennen, ob etwas von links kommt, dann nochmals rechts und wieder zurück. So brauchte ich bis zu einer Minute, um eine freie Straße zu überqueren. Beim Radfahren ist eine noch schnellere Wahrnehmung notwendig.

Mit dem Rad nach Enzenbach

Lockeres dahinrollen, ohne Anstrengung

Den Anfang machte ein einfaches dahinrollen auf Asphalt oder guten Wegen und abseits vom Straßenverkehr. 10 Minuten waren mehr als genug und das nicht jeden Tag, sondern maximal jeden zweiten bis dritten Tag. Dazwischen brauche ich Erholung und diese Zeit musste ich mir geben. Zuviel des Guten erfordert mehrere Tage Erholung. Langsam konnte ich so Tag für Tag die Zeitdauer hinausschieben.

Mir kommt mein gutes Körpergefühl zugute, dass ich in vielen Jahren Leistungssport antrainiert habe. Es half mir dabei, nicht aufzugeben und genau auf meinen Körper zu hören, was er braucht. Die später gelernten Erfahrungen als Energetiker im Energiebereich des Menschen, zusammen mit den Jahren im Sport, waren heute gesehen wichtige Lehrjahre, für ein weiterleben nach dem Hirnabszess.

Ich hatte als Radfahrer zwar einen Trainingsplan, trainierte aber trotzdem nach Gefühl. Dieses Gespür für den Körper, das ich damals lernte, ist heute meine wichtigste Ressource. Es lässt mich genau spüren, welche Belastung gut tut und welche nicht.

Wenn ich vom Rad absteige, schwanke ich, als ob ich von einem schaukelnden Schiff komme. Der Gleichgewichtssinn benötigt seine Zeit, um sich wieder einzupendeln und mein Körpersystem braucht lange, bis es sich wieder stabilisiert. Langsam beginne ich mich daran zu gewöhnen und das Allgemeinbefinden verbessert sich.

Trotzdem brauche ich noch Zeit, mich hinzulegen. Ruhe und die Horizontale ist noch immer am besten, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Beim Gehen legte ich mich immer wieder lang ausgestreckt auf eine Bank und dasselbe mache ich auch beim Radfahren. Ziel ist es, diese Zeitdauer Schritt für Schritt zu erweitern.

Radfahren in der Umgebung

Verbesserung braucht viel Zeit

Schritt für Schritt und Kilometer um Kilometer erweiterte ich so meinen Radius. Nach zwei Wochen gelangte ich zum ersten Mal zum nahen Radweg und konnte fünf Kilometer zurücklegen. Jedes Mal kam ich weiter. Ich fühlte mich wie am Anfang mit dem Gehen lernen, wo ich mir jeden Meter mit langem Üben erkämpfte.

Vor vier Jahren lag ich im Krankenhaus und konnte nicht mehr gehen. Selbst das Aufrichten war nicht möglich. Ich verlor die Kraft in jedem Muskel und musste selbst kleinste Bewegungsabläufe neu lernen. Mein Nervensystem funktionierte nur bedingt und Bewegungen wurden durch die neurologischen Störungen fast unmöglich.

Es war wichtig, diese Störungen nicht als gegeben hinzunehmen. Ich brauchte fast zwei Jahre, bis ich wieder eine Nadel vom Tisch aufheben konnte. Ich erinnere mich noch an eine Ärztin, die mir zwei Jahre nach dem Hirnabszess sagte, ich soll mich darauf einstellen, dass sich nicht mehr viel verbessern lassen wird, denn nach zwei Jahren ist nicht viel Verbesserung mehr zu erwarten.

Hätte ich ihr geglaubt und mich mit dem damals erreichten zufriedengegeben, hätte sie recht damit gehabt. Das habe ich aber nicht und habe ausschließlich an mich geglaubt. Wer hätte damals daran geglaubt, dass ich dreimal am Camino in Spanien gehen kann und fünf Jahre später mit dem Radfahren beginne. Und das ist noch lange nicht das Ende!

Radfahren und Klettern

Der innere Frieden!

Der Spruch...

"Man muss das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen!"

...treibt mich noch heute an, nicht aufzugeben. Dabei ist es nicht so wichtig hohe Ziele zu erreichen, als den inneren Frieden zu finden. Vielen ist das nicht möglich, meist aber, weil sie es gar nicht anstreben. Ich kann sagen, dass ich dem immer näher komme.

Da mir das Unmögliche wohl nie ausgehen wird, habe ich noch viel vor mir. Dabei darf ich aber nie den inneren Frieden vergessen, denn ihn kann ich auch mit Behinderung erreichen. Krampfhaft unbedingt etwas erreichen zu wollen, würde diesen stören.

Ich bin des Öfteren mit meinem Freund Harry unterwegs. Von ihm lernte ich in meiner Zeit als Radrennfahrer alles über Bewusstseinsbildung, dazu weiß er alles wie du den Körper und Geist trainieren kannst und ist eigentlich mein Personaltrainer, wie ich mir keinen besseren vorstellen kann.

Der Weg zurück ins Leben bekam durch das Radfahren einen neuen Schub, wie ich es mir nach Corona nicht gedacht hätte.

Unterwegs mit dem Straßenrad

MTB versus Straßenrad

Die ersten zwei Monate verbrachte ich ausschließlich auf dem Mountainbike. Die dicken Reifen gaben mir eine Sicherheit und ich konnte mich langsam daran gewöhnen. Seit 10 Tagen verwende ich auch das Straßenrad. Es gibt ein Gefühl von Freiheit, so leicht dahinzurollen.

In die Stadt oder zu viel Verkehr vermeide ich noch. Die kleinen Nebenstraßen und Radwege in Graz Nord sind genau richtig für mich.

Von der Reaktion als Rennfahrer bin ich weit weg, aber ich werde besser. Geschwindigkeiten über 25 km/h sind für meine Augen allerdings noch zu schnell.

Am meisten überrascht bin ich über meine Stabilität am Rad, da hat sich in den letzten Monaten am meisten getan. Beim Sitzen auf einem Sessel habe ich allerdings noch immer das Problem, dass ich noch zu wenig Kraft habe, lange aufrecht sitzen zu können.

Radfahren

Radfahren am Limit und an der Grenze

Mit der Entscheidung im April die Therapie in den Vordergrund zu stellen, stoße ich natürlich wieder schnell an meine Grenzen. Der Tag ist länger, als meine Energie reicht. Radfahren und einkaufen geht sich zum Beispiel nicht am selben Tag aus.

Gehen musste ich für das Radfahren wesentlich zurückstellen und mehr Zeit für die Erholung musste her. Eine dreiviertel Stunde Radfahren ist wie mehrere Stunden Gehen. Diese neuen Bewegungsmuster bringen mich wesentlich schneller ans Limit und ich ermüde schnell.

Das Gehirn ist mit den vielen Eindrücken sehr gefordert und verbraucht mehr Energie. Ich brauche deswegen viel mehr Pausen und Erholung.

In Summe bringt es mir aber so viel mehr, auch wenn ich nicht so leistungsfähig bin. Es ist nach wie vor ein Vorankommen "Step by Step" und es dauert nach wie vor länger, bis wirkliche Erfolge sichtbar werden.

Ich trainiere täglich 24 Stunden, um besser zu werden. Das Pilgern fehlt mir, aber das Training der letzten vier Jahre gibt mir recht. Ohne mein Tun in den letzten Jahren, wäre Radfahren nicht möglich geworden. Ich werde weitermachen und weiterhin auf mein Gefühl hören, was mir guttut. So komme ich meinem Ziel, "zurück ins Leben", immer näher.


Radfahren und Muskelschwäche

Die Rehabilitation hat mich wieder eingeholt oder besser gesagt, ich habe mich bewusst dafür entschieden. Durch das Erlernen von Radfahren, möchte ich meine Wahrnehmung verbessern und die Muskelschwäche besser in den Griff bekommen.

Der Lockdown hat mich schwer erwischt und ich brauchte doch lange um mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Leben lernen, dass konnte ich erstmal streichen. Soziale Distanz spricht all dem entgegen, was ich mir mühsam in den letzten Monaten und am Camino aufgebaut hatte.

Der Camino Frances im Februar

Am Camino habe ich große Fortschritte gemacht und ich freute mich schon, das Gelernte zu Hause in Anwendung zu bringen und weiter zu Verfolgen.

Im nachhinein bin ich glücklich, mich für den Camino Frances im Jänner entschieden zu haben. Das Gefühl wieder zu Leben, hatte ich noch nie so intensiv wie diesmal gespürt. Die Freude am Gehen ließ mich keinen Tag aus, es war mein neues Leben.

Langsam bekomme ich wieder einen geregelten Tagesablauf zuhause, wie ich am Camino einen hatte. Er ist mein Vorbild und es zeigte mir, dass der Camino zuhause erst richtig weiter geht. Was hilft es mir, wenn es mir nur unterwegs gut geht?

Viele sehen nur das Abenteuer Jakobsweg, dass zweifelsohne ein Abenteuer ist, dass es zu bestehen gilt. Aber der hauptsächliche Grund ist der, dass ich meine dort gelernten Fähigkeiten, zu Hause im Alltag einsetzen möchte. 

Camino Frances

Neue Routinen

Die ersten Wochen in der Krise war ich damit beschäftigt, mir neue Routinen anzueignen. Ohne Anleitung von einem Therapeuten, versuchte ich meinen Weg zu finden. Die Herausforderung war es, ohne Zusammenhängende Gedanken führen zu können, einen Weg zu finden, der mir hilft.

Leben zu lernen, ist mir derzeit mit den alten Vorgaben praktisch nicht möglich, darum habe ich beschlossen, wieder mehr Therapie einfließen zu lassen. Es ist eine Gratwanderung, denn vor zwei Jahren war ich gedanklich knapp am Aufgeben, weil mein Leben nur aus Therapie bestand.

"Never give Up"

Ich bin schon zu weit gekommen, daher gibt es auch kein Aufgeben. Trotzdem musste ich mir etwas neues einfallen lassen, als gleich weiter zu machen. In der Muskelschwäche bin ich praktisch nicht weiter gekommen. Sie verhindert vieles und lässt mich in vielem permanent ans Limit stoßen.

Ein Erfolg der letzten Zeit, ist das Senken meines Puls gewesen. Weniger Pulsschlag heißt weniger Arbeit für das Herz, wie bei einem Auto. Fast vier Jahre war ich Hochtourig unterwegs und tat alles um es wieder zu beruhigen. Ein Ergebnis von mehreren tausend Kilometern gehen.

Seit kurzem ist jetzt mein Ruhepuls viel niedriger und er schnellt nicht bei jeder kleinsten Bewegung nach oben. Das viele Gehen im unteren Bereich zeigte endlich Wirkung. Darüber bin ich so glücklich, denn es ist ein wichtiger Meilenstein.

Der Versuch Radfahren

An meiner Kraftlosigkeit änderte sich bisher kaum was, trotz des vielen Gehen und Trainings. Neue Reize mussten her und ich probiere es mit Radfahren.

Was ich nicht bedachte, es ist ähnlich mit dem Gehen lernen. Eine neuer Bewegungsablauf fordert das Gehirn. Außerdem ist mein Körper darauf noch nicht vorbereitet. Mein Körper fühlt sich fragil an. Es kostet Anstrengung, bloß auf dem Rad zu sitzen.

Trotzdem habe ich erstmals ein gutes Gefühl. Ich probierte es schon öfter, aber nach wenigen Metern musste ich den Versuch bisher abbrechen. Diesmal bin ich aber dran geblieben, wenn es auch noch ein weiter Weg ist.

Zunächst möchte ich mich an die Wahrnehmung gewöhnen. Die vielen Eindrücke in der Schnelligkeit belasten mein Gehirn. Es ist wie beim Gehen, wo ich mich Schritt für Schritt herantasten musste, dasselbe gilt auch für das Radfahren.

Ich beim Radfahren

Langsame Steigerung beim Radfahren

Anfang Mai habe ich gestartet. Allerdings brauche ich noch viel Erholung, es ist nur etwa alle zwei bis drei Tage möglich. An den anderen Tagen gehe ich in den Motorik-Park, um meine Balance zu stärken.

Zunächst fahre ich nur langsam in meiner näheren Umgebung. Eine halbe Stunde (mit Pausen) reicht aus und den restlichen Tag liege ich flach, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich muss mich in die Waagrechte begeben und schlafe sehr viel. Das wird noch länger so gehen, bis ich mich daran gewöhne. Hoffentlich nicht solange, wie ich für das Gehen brauchte.

Meine letzte Tour führte mich das erste Mal auf den nahen Radweg. Das Gefühl auf der Strasse ist komisch. Es fehlt mir die Aufmerksamkeit und Reaktion. Langsames Fahren, um jederzeit reagieren zu können, ist Pflicht.

Die Konzentration ist so hoch, dass ich nach 15 Minuten erschöpft bin. Wie beim Gehen, wo ich immer wieder sitzen oder liegen muss, ist es auch beim Radfahren. Beim Hinlegen habe ich die beste Erholung.

Muskelaufbau

Ob und wie es mir beim Muskelaufbau helfen kann, wird die Zeit zeigen. Es ist jedenfalls ein gutes Krafttraining, in einer Zeit wo die Fitnessstudios geschlossen haben.

Dazu nehme ich Eiweißstoffe und andere gezielte Nahrungsergänzungen zu mir, um meinen Körper auf die neue Arbeit zu unterstützen. Besonders dem Denken tut die Bewegung gut. In der Zeit der Ausgangsbeschränkungen funktionierte das Gehirn nicht so gut, was sich auch darin niederschlug. dass ich keine Blogartikel zusammen brachte. Es war schlichtweg nicht möglich, Gedanken dazu zu haben.

Radfahren

Diese neue Ziel, dass ich durchs Radfahren erreichen möchte, lässt mich konzentrierter arbeiten und lenkt mich von den Folgen der Corona-Krise ab.

Mal sehen, was ich in den nächsten Wochen berichten kann!


Der WingsforlifeworldRun

Am Sonntag habe ich an meinem ersten Wingsforlifeworldrun teilgenommen. Laufen kann ich zwar noch immer nicht, aber ich möchte es wieder können.

"Gemeinsam laufen wir für alle, die es selbst nicht können."

Motto des "Wings for Life World Run"

Per APP ist es kurzfristig durch die Corona-Krise sogar ein Muss geworden. Ich wollte mich erstmals damit auseinandersetzen und schauen, ob ich damit schon zurechtkomme.

Schon letztes Jahr war ich nahe dran am Wingsforlifeworldrun teilzunehmen, habe aber im letzten Moment zurückgezogen. Denn es geht nicht nur um mein körperliches Befinden, sondern auch um das Gehirn. Es gibt mir alles in letzter Konsequenz vor, was geht und was nicht. Ich fühlte mich noch nicht so weit und so startete ich dieses Jahr zum ersten Mal.

Die Corona-Viruskrise nahm mir viel von dem, was ich mir in den letzten Jahren hart erarbeitet habe. Neue Ziele und Strategien mussten her. Ich durfte aber nichts überstürzen, alles Step by Step. Durch den Corona-Virus hat sich einiges geändert in meinem Leben, wofür ich die letzten Jahre gearbeitet habe.

Meine Teilnahme am Wingsforlifeworldrun

Der Wingsforlifeworldrun, der für mich ein Gehen bedeutete

Ich mache keine Wettkämpfe mehr, denn ich habe in meinem Leben schon genug gemacht. Trotzdem kann so etwas wie der Wingsforlifeworldrun eine große Motivation sein. Allein der Slogan "Ich laufe für die, die es nicht können" motiviert und Motivation kann ich in meiner Lage gar nicht genug bekommen.

Die App sollte man vorher ausprobieren und ich wurde in den Tagen davor auch mehrmals daran erinnert. Jedoch jedes Mal, wenn ich unterwegs war, habe ich darauf vergessen.

Ich bin mit den derzeit herrschenden Regeln überfordert und selbst mich im Freien bedarf einer Aufmerksamkeit, die für das Gehirn zu viel ist. Wo ich normalerweise abschalten kann und mich nur aufs Gehen konzentriere, arbeitet mein Gehirn jetzt auf Hochtouren. Dazu aber später mehr.

Der Lauf, bzw. das Gehen, bin ich ja gewohnt. Dass ich die Wochen zuvor weniger gemacht habe, spürte ich. Mein Weg führte mich auf Nebenstraßen durch Judendorf, eigentlich flach, aber eine Eisenbahnunterführung ließ meine Durchschnittsgeschwindigkeit beim folgenden Anstieg merkbar sinken.

Ziel am Wingsforlifeworldrun nicht ganz erreicht

Mein Ziel, die 5 km Marke zu erreichen, erreichte ich nicht ganz, dass virtuelle Catcher Car holte mich nach 4,71 Kilometer oder 50 Minuten und 15 Sekunden ein. Das waren aber immerhin 5,6 km/h Schnitt. Mein Ziel habe ich zwar nicht erreicht, bin aber damit zufrieden, denn mein größtes Ziel wieder Gehen zu lernen habe ich erreicht. Jetzt fehlt nur mehr Laufen!

Ab 6 km/h ist zum Überlegen, ob ein langsamer Dauerlauf nicht besser wäre. Ich habe es versucht, aber es geht nicht. Die Muskelschwäche lässt ein schwammiges Gefühl zurück und bei jedem Schritt stampft es meinen Körper, nach der Flugphase wo beide Beine vom Boden entfernt sind, in den Asphalt.

Nach 5 - 10 Schritten im Laufversuch, bin ich froh, wieder gehen zu können. Mein ganzes Körpersystem, inklusive Gehirn und Koordination, kommt dabei durcheinander. Die Muskeln werden dabei auf eine Art angespannt, die es mir nicht erlaubt, danach überhaupt noch zu gehen.

Meine Bewegung wird unkontrolliert und ich muss mich hinlegen. Hinsetzen geht auch, aber hinlegen ist besser. Nur so ist eine Erholung gewährleistet. Überschreite ich diese Phase, auch beim Gehen, kann es schwerwiegende Folgen haben.

Urkunde vom Wingsforlifeworldrun
Urkunde vom Wingsforlifeworldrun

In die Spur zu kommen

Es heißt, mich auf die kommenden Monate vorzubereiten. Da meine Rehabilitation besonders körperlich bezogen ist, war das Ziel für den Lauf, an meiner Motivation zu arbeiten, wieder in die Spur des täglichen Lebens zu kommen.

Neue Strategien, Ziele und anderes mussten definiert und gefunden werden. Das alles ergibt Motivation für das Training und Tun. Und das ich tun möchte, steht außer Zweifel.

Das alles schreibe ich mir in ein Heft, unterteilt in Monatliche, Wöchentliche und tägliche Ziele, aber auch, was ich dafür zu tun habe. Ich habe mich bewusst dazu entschieden, ein analoges Heft zu benutzen. Schreiben mit einem Stift gehört nämlich mit zu meinen Zielen, wie auch das Trainieren meiner Finger.

Gehen ist nicht gleich Gehen

Die Zeit der Krise nutze ich auch, um meinen Blog neu aufzusetzen. Mein Sohn hat mir den Blog neu programmiert. Dazu ist auch ein Überarbeiten der Artikel notwendig geworden. So habe ich mir am Abend nach dem Wingsforlifeworldrun meine ersten Blogartikel beim Überarbeiten durchgelesen, die von meiner Rehabilitation und den Tagen im Krankenhaus handeln.

So wurde ich daran erinnert, von wo ich herkomme. Wieder Gehen zu können, war vor vier Jahren mein Wunschtraum, den ich mir mit dem Absolvieren von mittlerweile drei Caminos in den letzten zwei Jahren erfüllt habe.

Allerdings ist Gehen, nicht gleich Gehen. Mein Gehen ist eigentlich besser mit dem Wort "Fortbewegen" beschrieben. In Wirklichkeit kämpfe ich noch um jeden Meter, auch wenn es von Außen nicht so ausschaut. Allerdings auf einem recht hohen Niveau. Es ist mir kaum etwas anzusehen, vor allem wenn man nicht um meine Vorgeschichte weiß. Es gibt aber mehr, als man sieht.

Fast jeder hat bestimmt schon einmal erlebt, dass Beschwerden vorhanden sind, die das Gegenüber nicht wahrnimmt. Bei mir ist es aber kein Zahnschmerz, ein Hexenschuss oder andere große Schmerzen, die niemand sehen kann. Bei mir geht es ums Gehen, die Bewegung und die Funktion des Gehirns

Gehen am Camino

Gehen als Selbstverständlichkeit

An für sich etwas Selbstverständliches und darum nehmen wir es auch als Selbstverständlich wahr. Bei mir beinhaltet dieses Selbstverständliche aber weit mehr. Praktisch jede Bewegung oder Gewichtsverlagerung muss bewusst angedacht werden. Da hat dann nichts Platz für anderes. Gleichzeitig einem Gespräch folgen und mich zu Bewegen ist eine Herausforderung. Eine meiner größten Errungenschaften der letzten Jahre war sicher, dass ich mich beim Gehen auf ebenen Boden unterhalten kann.

Ein Beispiel für Bewegung andenken ist mein rechter Arm, gehandicapt durch die Hemiparese (einseitige Lähmung). An für sich gut unter Kontrolle gebracht, merkt man bei der Bewegung nichts. Kommt mir jemand aber am Gehsteig entgegen, bin ich so mit dem Rundherum beschäftigt, dass ich darauf vergesse, ihn mitzuschwingen, um besser im Gleichgewicht zu bleiben. Er hängt dann schlaff an mir runter, bis ich mir dessen wieder bewusst werde und ihn bewusst bewege.

Selbstbestimmung durch Gehen

Dieses Bewegen können brachte mir einen gewissen Grad an Selbstbestimmung zurück. Es war mir sehr wichtig, alles daranzusetzen, mich wieder fortbewegen zu können. Das habe ich geschafft, wenn auch mit Einschränkungen. Dadurch bin ich heute in der Lage, selbstbestimmt zu trainieren oder Einkaufen zu gehen.

Diese Selbstbestimmung hat aber ihre Grenzen. Kochen, Wäsche waschen und Putzen ist nur mit einem sehr hohen Einsatz meinerseits möglich. Normalerweise hilft mir jemand, aber in dieser Zeit der Corona-Krise bin ich darauf angewiesen, vieles selbst zu machen.

Die Corona-Krise

Sie hat unser aller Leben durcheinander gewirbelt. Jeder kommt anders damit zurecht oder ist anders davon betroffen. Während die einen plötzlich viel Zeit haben und eine Entschleunigung des Lebens einsetzte, sind andere Berufsgruppen davon gar nicht betroffen. Pflegedienste, Krankenhauspersonal und der Lebensmittelhandel sind extrem gefordert in dieser Zeit. 

Die Auflagen bringen mir immer wieder Schwierigkeiten. Eigentlich bin ich darauf konzentriert die Bewegung beim Gehen richtig auszuführen, egal ob im Wald oder beim Einkaufen. Da ich noch immer nicht Multitasking fähig bin, kann ich mich nur auf das Eine oder das Andere konzentrieren. Die Bewegung leidet darunter und der Energieverbrauch ist weit höher. Die Tage werde wieder "kürzer" mit der Corona-Krise.

Beispiel einkaufen

Abstand halten, Gesichtsmaske auf, nicht ins Gesicht greifen, usw. Auf viele Regeln muss ich achten. Multitasking wäre dabei von Vorteil, aber das beherrsche ich noch immer nicht. Einkaufen wird somit wieder zur besonderen Aufgabe. Es kostet mir soviel Energie, dass ich mir einen ganzen Tag dafür reserviere.

Einmal vergesse ich die Gesichtsmaske, dass andere Mal konzentriere ich mich so sehr darauf, die Maske nicht zu vergessen, dass ich nach vier Kilometern Fußmarsch zum Supermarkt draufkomme, die Einkaufsliste vergessen zu haben.

Im Supermarkt soll ich genügend Abstand zu anderen halten. Achte ich jedoch immer darauf, komme ich nicht zu den Artikeln. Meine Hochsensibilität lässt einen Einkauf zu einer hoch anstrengenden Tätigkeit werden. Nach einem Einkauf ist der Tag vorbei und ich erhole mich im Bett.

Einkaufen mit Rucksack

Begegnungen auf der Straße

Begegnungen auf der Straße sind auch ein Thema. Mit Abstand aneinander vorbeigehen, ist auf vielen Gehsteigen nicht möglich und ein Ausweichen auf die Straße unumgänglich. Ich fühle mich wie in die erste Zeit nach dem Hirnabszess zurückversetzt. Unfähig zu handeln und eingeschränkt in der Bewegung.

Meine Erfolge

Auf meine größten Erfolge seit dem Hirnabszess angesprochen, zähle ich sicher das Sprechen und Zuhören können, während dem Gehen. Wer meinen Blog oder Instagram verfolgt, weiß wie lange ich schon daran arbeitete.

Noch muss ich es Eingrenzen auf ebene und befestigte Wege. Im Gelände oder schmalen Trails habe ich noch zu viel mit mir zu tun und kann einem Gespräch kaum folgen.

Mit dem Gehen hatte ich am Camino wohl das schönste und beste Erlebnis seit dem Hirnabszess. So große Freude empfand ich wohl noch nie dabei. Keine Blasen, keine Schmerzen, nichts was diese Freude dämpfen konnte. Es war einmalig seit der Erkrankung und machte mich Hoffnungsvoll für die Zukunft, eine Zukunft die bald anders als gedacht ausschauen sollte.

Gehen am Camino Frances
Gehen am Camino Frances

Der Hirnabszess und der Corona-Virus

Am Camino Frances habe ich noch einen Riesenschritt nach vorne machen können, um kurz darauf wieder auf einen Stand von vor ein bis zwei Jahren zurückzufallen. Allein durch den Shutdown, die Ausgangsbeschränkungen und alles auf null niederzufahren, sind viele meiner erlernten Fähigkeiten verloren gegangen oder verschüttet worden.

Durch die Muskelschwäche und die neurologische Erkrankung zähle ich zur Risikogruppe. Zwei Wochen im Bett liegen zu müssen, hätte bei mir fatale Folgen, wenn ich an mir sehe, was der Shutdown auslöste.

Am Camino freute ich mich schon auf die Zeit danach und auf weitere Zielführende Therapien. Wieder zuhause, sollte sich alles ändern. Alle Therapien abgesagt und allein auf mich gestellt, musste ich neue Ansätze finden, Strategien entwickeln und neue Ziele finden.

Mein Strategiebuch

Bisher machte ich viel über den Computer. Diesmal wählte ich allerdings meinen alten Organizer mit Schreibstift. Hier halte ich meine Monatlichen, Wöchentlichen und täglichen Ziele fest. Habe ich sie erreicht, dann hake ich sie ab.

Dadurch möchte ich mich mehr am handschriftlichen Schreiben üben, denn meine Handgelenke und Arme sind von der Muskelschwäche sehr betroffen und ich werde sehr beschränkt darin.

Der Organizer hat den Vorteil, leicht Seiten zu entfernen oder dazuzugeben.

Meine Ziele

Ziele brauche ich, um mich zu motivieren. Ein Endziel war immer vorhanden, aber ich brauche auch Zwischenziele zur Motivation, um dieses zu Erreichen. Ist mein Ziel zu klein, ist meine Motivation zu gering. Nur wenn mein Ziel groß genug ist, werde ich es auch erreichen. Der Wingsforlifeworldrun war geeignet, um mir meiner Ziele wieder bewusst zu werden.

Viele dieser Zwischenziele sind weggefallen. Pilgern in Spanien fällt länger aus, an dem doch mehr hängt, als viele glauben. Und so ist es mit vielem. Die Ungewissheit macht mir am meisten zu schaffen, denn fast alles ist damit verbunden, was jetzt und vielleicht auch in Zukunft, nicht möglich ist.

Vorrangig ist, wie ich jetzt Leben lernen kann, ohne die Therapie zu vernachlässigen. Alle Strategien des letzten Jahres funktionieren nicht mehr. Dafür Ersatz zu finden dauert. Mein Gehirn ist damit überfordert und braucht lange, um sich auf diese neue Situation einzustellen.

Wieder auf Spur kommen

Ich arbeite schon länger daran und mit dem Wingsforlifeworldrun habe ich einen Motivationsschub bekommen, auch in dieser Lage das bestmögliche für mich zu finden und herauszuholen.

Es gäbe noch viel zu schreiben über die Vorkommnisse der letzten Zeit, aber ich habe derzeit so viel mit mir zu tun, dass ich nicht dazu komme. Durch die Anforderungen ist meine Konzentrationsfähigkeit derzeit um ein vielfaches gesunken und ich muss das akzeptieren. Schreiben strengt mich sehr an, aber es ist auch eine gute Möglichkeit um mir bewusst zu machen, was gerade passiert ist.

Zum Abschluss ein Spruch von Konfuzius, der sagt:

Wer das Ziel kennt, kann entscheiden. Wer entscheidet, findet Ruhe. Wer Ruhe findet, ist sicher. Wer sicher ist, kann überlegen. Wer überlegt, kann verbessern.

Konfuzius

Ich wünsche jedem in dieser Zeit, seine Ziele zu kennen.


Seit zwei Monaten unterziehe ich mich einer Ergo- und Physiotherapie, mit Gang-ABC. Ziel ist es, meinen Körper zu kräftigen und stabilisieren. Der Hirnabszess und seine Auswirkungen auf die Nerven lässt mich nur langsam weiterkommen.

Die wöchentlichen Einheiten haben den Vorteil, dass ich Zeit habe mich zu verbessern habe und mein Bewegungsablauf kontrolliert werden kann. So stehe ich unter Beobachtung und es kann auf Veränderungen über einen längeren Zeitraum reagiert werden.

Gang-ABC

Gang-ABC

Das Gang-ABC ist sehr anstrengend. Das Gleichgewicht bereitet mir immer wieder Schwierigkeiten und ich gehe an die Grenze.

Die Koordination ist besonders wichtig und erfordert meine ganze Aufmerksamkeit. Manche Übungen sind so anspruchsvoll, das ich mit dem Denken kaum nachkomme. Meine Physiotherapeutin führt mich aber genau richtig dosiert heran und nicht nachdenken ist oft besser.

Das Ziel soll ja sein, wieder einen vermehrten Automatismus in meinen Bewegungsablauf zu bringen. Noch funktioniert aber nichts ohne Denken.

Gang-ABC

Geduld ist erforderlich

Geduld, Geduld und nochmals Geduld ist erforderlich. Dessen muss ich mir nach wie vor bewusst sein. Was nicht leicht ist, denn der betroffene Thalamus ist das Tor zum Bewusstsein.

Es heißt einen Weg für mich finden, der es mich verstehen lässt, damit umzugehen. Ich bin manchmal ganz verwirrt über das, was ich denken soll und muss.

Eigentlich ist das Ziel nicht zu denken und widerspricht dem, eben auch wieder Denken zu lernen. Dabei den Mittelweg zu finden, ist für mich noch schwer.

Den Nerven Zeit lassen

Es sind jetzt drei Jahre seit dem Hirnabszess vergangen und noch immer soll ich mir Zeit lassen. Das ist schwer in den Kopf zu bekommen, auch jetzt noch. Als Sportler war ich gewohnt, mit einem bestimmten Aufwand, in einer bestimmten Zeit, etwas zu erreichen. Das gilt jetzt nicht mehr.

Das ist jetzt ist so fern von allem. Als ob keine Regeln mehr Gültigkeit haben. Oft muss ich darüber lachen, denn anders wäre es nicht zu verkraften. Und das kann ich zum Glück, besonders wenn ich wieder besonders tollpatschig war.

Hirnabszess

Der Batteriehase

Ich bin wie der Batteriehase aus der Werbung. Nach so einer intensiven Einheit wie der Physiotherapie, bleibe ich ähnlich dem Hasen einfach stehen. Dann geht gar nichts mehr.

Batterie
Over and out

Es war ein herrlicher Tag und ich wollte nach der Therapie noch ins Cafe, um den Tag und die Wärme auszukosten. Vorher wollte ich mich noch kurz Zuhause hinlegen. Diese Ruhepause dauerte allerdings bis zum nächsten Tag. Ich war nicht in der Lage aufzustehen.

So ist mein Alltag noch immer bestimmt von meinem körperlichen Zustand. Deswegen passe ich auf, was ich mache. Denn meine Zeit ist noch immer begrenzt. Es soll und darf nicht alle Zeit für Therapie draufgehen. Ich habe auch wieder Leben zu lernen. Das ist aber nicht einfach, wenn der Körper so begrenzt ist.

Aber es macht noch Spaß und Freude, an mir zu arbeiten und ich darf dabei nur nicht auf das Leben vergessen.


Ein Ausflug zum Wasserfall in Peggau brachte mir viele Erinnerungen wieder. Meine Familie und ich lebten dort für 10 Jahre und meine Kinder wuchsen dort auf.

Da die letzten Wochen so sehr mit Therapien belegt waren, nutzte ich diese seltene Möglichkeit für einen Ausflug. Da ich nicht Mobil bin, war es eine willkommene Abwechslung.

Ich konzentrierte mich die letzte Zeit sehr auf die Kräftigung meiner Beine und das Gleichgewicht, daher war meine Gehfähigkeit eingeschränkt.

Der Märchenweg

Einer meiner Lieblingswege führt in Peggau zum Wasserfall. Los ging es für mich beim Kreisverkehr. Ich wollte auch ein wenig von Peggau sehen, in dem sich einiges in den Jahren veränderte.

Der Wanderweg zum Wasserfall war in Märchenweg umbenannt. Da meine Kondition nicht sehr gut ist, sollten diese fünf Kilometer reichen. Mehr traute ich mir nicht zu.

Wasserfall Peggau

Wald und Wiese

Ich genoss den Duft am Waldrand und es war eine Wohltat für die Seele. Alles war grün, ein großer Unterschied zu wenigen Wochen zuvor. Es regnete leicht, aber was war schon Regen gegen die fünf Monate, die ich im Krankenzimmer verbracht habe. Außerdem fühle ich mich nicht nur bei Sonne wohl, sondern auch bei Regen.

Der Wald hat eine wichtige Bedeutung für meine Rehabilitation. Nur dort kann ich meinem Nervensystem die Erholung geben, die es braucht und die Wahrnehmung ist weit besser als in der Stadt.

Im Wald

Bergauf, Bergab

Bis zum Wasserfall geht es bergauf, bergab dahin. Die Steigungen waren überraschend beschwerlich und nur mit Pausen möglich. Schritt für Schritt ging ich schnaufend nach oben. Teilweise war ich so langsam, dass ich mit dem Gleichgewicht Probleme bekam.

War war los? War ich schlecht drauf, ging es mir nicht gut, weil ich von den Therapien müde war?

So ließ ich es langsam angehen und genoss das Grün des Waldes und der Wiese.

Im Wald

Der Wasserfall und die Ionen

Es war ein tolles Erlebnis, nach vielen Jahren wieder einmal den Wasserfall zu sehen. Sie üben eine besondere Anziehung auf mich aus.  

Durch den Fall zerstäubt das Wasser und die Luft wird Ionisiert. Diese feinsten Partikel werden durch das Atmen aufgenommen und gelangen in die Lunge. Das hat eine gesunde Wirkung auf den Organismus. Im Labor künstlich hergestellte Ionisierung ist 200 mal größer als in Natur.

Es war sehr kühl, deswegen brauchte ich Anorak, Handschuhe und Haube. Der feine Sprühregen hatte so nicht viel Möglichkeiten, an meine Haut zu gelangen. Es wurde aber auch so ein großartiges Erlebnis.

Ich meditierte ein wenig, setzte mich an den Wasserfall und ließ mich vom Wasser verzaubern.

Wasserfall Peggau
Wasserfall Peggau

Schnecken am Weg

Am Rückweg befanden sich einige Schnecken am Weg. Sie symbolisieren meinen Weg, denn gerade bergauf bin ich langsam wie eine Schnecke. Als Krafttier hat sie eine besondere Botschaft für mich.

Eile mit Weile - haste nicht! Das ist kurz gesagt die wichtigste Botschaft für mich.

Die Schnecke trägt ein Haus am Rücken, wo sie sich zurückzieht und dich auffordert dies in regelmäßigen Abständen auch zu tun. Sehr passend auf meine jetzige Lebenssituation.

Krafttier Schnecke

Ein gelungener Tag

Ich war zwar konditionell nicht so auf der Höhe, aber es tat so gut, wieder einmal etwas neues zu sehen und zu erleben. Ich mache viel um weiter zu kommen, aber noch haben mich die Folgen des Hirnabszesses im Griff. Es wird noch länger dauern, bis ich zurück im Leben bin.


Die richtige Ausrüstung für den Jakobsweg zu finden, ist gleichzeitig Therapie für mich. Genau zu wissen, was ich brauche, erfordert ein Denken, welches mir eigentlich noch fehlt. Es muss alles bedacht sein, denn immerhin muss ich alles selber tragen.

Eines war für mich gleich klar. Das Gewicht spielt eine große Rolle, für mich noch mehr. Früher habe ich auch schon großen Wert auf das Gewicht gelegt, nach dem Hirnabszess bekam es aber eine noch größere Bedeutung, jeder Kilo wiegt für mich dreifach.

Ausrüstung

Die Ausrüstung

Verschiedene Teile der Ausrüstung sind mir vorgegeben, denn ich habe sie noch aus meiner Zeit vom Trailrunning. Damals legte ich besonderen Wert auf das Gewicht, denn umso leichter, umso weniger zu tragen.

Die Packliste dient mir als Leitfaden für minimalistisches Wandern. Es kann natürlich das eine oder andere ergänzt oder weggelassen werden.

Das Gewicht

Ich muss bei jedem Stück das Gewicht beachten. Ich habe jetzt die Erfahrung von zwei Reisen, was sich gut bewährt hat und was nicht gepasst hat.

Die neurologischen Folgen des Hirnabszesses lassen mich das Gewicht eines Rucksacks viermal so schwer fühlen. Ein 5 kg Rucksack ist für mich so schwer wie einer mit 20 Kilogramm. Jedes Gramm ist daher bedeutend, was ich weniger zum Tragen habe.

Rucksack

Der wichtigste Teil, der Rucksack

Auf meinen bisherigen zwei Reisen am Camino Frances verwendete ich zwei verschiedene Rucksäcke. Beim Ersten mal verwendete ich einen neun Jahre alten Leichtrucksack. Es war einer der ersten auf dem Markt und ich kaufte ihn vor einer Bike und Hike Tour der Radzwillinge, vom Death Valley auf den Mt.Whitney.

Er wog 500 Gramm, hatte allerdings eine minimierte Rückenpolsterung und Gurte und fasste etwa 35 Liter. Ideal für den Jakobsweg, auf Dauer aber für meine Schwache Muskulatur nicht so gut.

Daher wechselte ich am zweiten Teil, der über die Berge führte, auf einen Lauf-Rucksack um. Er war mit 880 Gramm etwas schwerer, hatte aber wesentlich bessere Tragegurte, Polsterung und Verstaumöglichkeiten. Allerdings auch ein Fassungsvermögen von 40+ Litern, was an für sich zuviel ist.

Rucksack

Nach meiner Rückkehr suchte ich nach einer leichteren und kleineren Alternative. Bei einem Angebot konnte ich nicht widerstehen. Es ist die kleinere Variante des Peak 40, nämlich der Peak 30. Er wiegt nur 545 Gramm und mit der gleichen Ausstattung wie die größere Variante.

Da ich sowieso minimalistisch unterwegs bin, reichten 30 Liter Fassungsvermögen. Er hat das gleiche Gewicht wie mein 9 Jahre alter Rucksack, allerdings eine modernere Ausstattung.

Die Hosen

Minimalistisch, leicht, klein verstaubar und schnell trocknend sind die Grundvoraussetzungen. Eine Wander-Hose ohne Gürtel bevorzuge ich, dazu für den Abend eine leichte lange Lauf-Hose. Die nehme ich im Falle eines Kälteeinbruchs auch für unter der Wander-Hose.

Für sehr warme Tage verwende ich eine kurze Lauf-Short mit Inlet und Seitentaschen. Ergänzt wird es noch um zwei schnell trocknende Sport-Unterhosen und einer Regenhose. Alles bei einem Gesamtgewicht von 760 Gramm.

Jacken und Leibchen

Hier versuche ich viel Gewicht einzusparen, aber trotzdem gegen Regen geschützt zu sein.

Eine leichte Goretex Jacke mit 250 Gramm, soll gegen den Regen schützen. Eine Alternative wäre ein Regenschirm. Dazu eine leichte Fleecejacke mit 350 Gramm, im Fall von Kälte muss ich eben alles, was ich habe anziehen.

Zwei Leibchen reichen, denn das Verschwitzte wird täglich gewaschen. Ich hatte beim Ersten mal drei Leibchen dabei, aber es stellte sich heraus, dass zwei vollauf genügen. Dazu noch ein langes Unterleibchen, für kühlere Tage zur Sicherheit.

Sollte was kaputtgehen oder es doch kälter als gedacht sein, so gibt es in jeder größeren Stadt die Möglichkeit etwas zu kaufen.

Leibchen und Hosen
Leibchen und Hosen

Schuhe und Socken

Die perfekten Schuhe sollte man nicht ändern. Mich haben bisher immer Speedcross begleitet. Trotzdem habe ich mich entschlossen, dieses Mal etwas anderes zu nehmen. Ich habe mich für Hoka entschieden. Sehr leicht und mit einer hervorragenden Dämpfung. Damit sollte ich gut klarkommen.

Eigentlich wollte ich gerne Barfuß-Schuhe verwenden, aber meine Gelenke und Sehnen sind noch nicht so belastbar und die Gewöhnung daran dauert bei mir zu lange.

Für die Herbergen und als Reserve nahm ich normale Crocks mit.

Als Socken nehme ich Wright Socks, mit ihnen habe ich das letzte Mal hervorragende Erfahrung gemacht. Zwei Paar würden reichen, ich nehme aber ein drittes Paar als Reserve mit.

Socken und Schuhe wiegen zusammen 1.060 Gramm.

Schlafsack und sonstige Ausrüstung

Stirnlampe

Mein altbewährter Schlafsack von Northland wird mich wieder begleiten. Aus Daune und nur 420 Gramm schwer, ist er auch für kühle Temperaturen geeignet. Dazu kommen Taschenmesser, Stirnlampe, Packbeutel und Regenhülle.

Macht zusammen 627 Gramm.

Kulturbeutel

Kulturtasche

Zahnbürste, Zahnpasta und Seife. Ein Reisehandtuch, Kamm und besonders wichtig, Blasenpflaster. Einweg-Kontaktlinsen trage ich an besonders sonnigen Tagen, kombiniert mit einer guten Sonnenbrille. Ich bin sehr lichtempfindlich seit dem Hirnabszess und möchte nicht darauf verzichten. Dazu kommen eine Soft-Flask Trinkflasche und Sonnencreme.

Mit weiteren Kleinteilen wie Duschgel und Rasierer komme ich auf ca. 500 Gramm.

Elektrisches Zeug und Dokumente

Ein Handy ist Pflicht, allerdings mit limitierten Einschaltzeiten. Die Kompaktkamera Lumix DC-TZ91 nimmt einigermaßen gute Bilder auf. Dazu ein USB-Charger mit 2 bis 4 Anschlüssen und diverse Ladekabel.

Elektronisches Equipment

Da ich das nächste Mal mehr Schreiben möchte, überlege ich ein 6" Handy oder ein Tablet mit Tastatur mitzunehmen. Ein kleines MacBook Air 11" oder ein Microsoft Surface wäre die Alternative. Zwar besser zum Schreiben, aber auch ein höheres Gewicht von 700 Gramm bis 1 kg.

Schreiben

Wichtig ist der Pilgerausweis, ein Reiseführer und Reisepass und EC Karte.

Den Abschluss macht ein kleiner Stein, den ich in Finesterre oder Muxia ablegen werde.

Das Gesamtgewicht

Alles zusammen wiegt nicht ganz 6 Kilogramm.

Davon bleibt rund 4,5 Kilogramm im Rucksack zum Tragen über, den Rest trage ich am Körper. Dazu kommen noch Wasser und Verpflegung. 

Diese Ausrüstung beinhaltet alles, was ich zum Leben brauche. Ich könnte damit noch die nächsten Jahre unterwegs sein.


Ein Pilgertag als Therapie!

Mein Leben bestand bisher nur aus Therapie. Drei Jahre sind aber genug und diese Zeit habe ich mir auch gegeben. Man sagt, dass die ersten zwei Jahre in der Neurologie besonders wichtig sind.

Eine neue Aufgabe besteht darin, zwischen Leben und Therapie zu unterscheiden. Der Weg zur Jakobus Kirche in Thal war ideal dazu.

Pilgern als Therapie

Auch Leben habe ich wieder zu lernen

Das ist nicht einfach, wenn die letzten drei Jahre nur aus Therapie bestanden. Für mich war auch jede Tätigkeit im normalen Leben eine Therapie.

Es ist eigentlich nur die Sichtweise darauf. Ich kann spazieren gehen und es als Therapie sehen oder es einfach für mich tun, ohne mit dem Ziel, etwas zu verbessern oder es als Therapie zu sehen.

Immer wieder gehe ich jetzt spazieren, ohne etwas zu wollen. Das ist nur eine kleine Gedankenänderung, die aber sehr viel ausmacht.

Pilgern nach Thal

Im Pilgermodus

Im Pilgern erwarte ich mir nichts, trotzdem kann Pilgern Therapie sein. Am Jakobsweg voriges Jahr habe ich beides erlebt. Der ganze Weg war eine Therapie und hat meine Defizite verbessert.

Gleichzeitig konnte ich auch erstmals seit drei Jahren Leben. Der Camino hat mir so viel gegeben, wie nichts anderes bisher. Klar, ich war oft am Limit, aber ich konnte einen wichtigen Schritt auf dem Weg zurück ins Leben machen.

Ich mache jetzt schon seit einiger Zeit wieder Physio- und Ergotherapie. Ich brauchte dringend einen Ausgleich dazu. Was lag näher, als die Jakobus Kirche in Thal zu besuchen! Ich versuchte den Weg im Pilgermodus zu beschreiten.

Pilgern als Therapie

Die Jakobus Kirche in Thal

Die Jakobus Kirche in Thal ist von Prof. Ernst Fuchs in besonderer Weise gestaltet. Das Auf und Ab des Lebens, wie des Pilgerweges, symbolisiert er durch unebenen Boden, der für mich besonders schwer zu begehen ist.

Boden der Jakobus Kirche in Thal, wie Therapie

Die Kirche ist der Beginn des Weststeirischen Pilgerweges von Thal nach Lavamünd in Kärnten. Am liebsten wäre ich gleich weiter gegangen, aber die Therapie hat Vorrang.

Dafür gelang es mir, in den Pilgermodus zu kommen. Es war seit langem ein besonders unbeschwerter Tag, den ich voll und ganz genießen konnte. Manchmal war es zwar auch Therapie, aber ich konnte beim Gehen immer wieder schnell umschalten.

Jakobus Kirche

Ich möchte wieder länger Pilgern

Der Tag motivierte mich, wieder Pilgern zu gehen. Da es mir im letzten Jahr so gutgetan hatte, werde ich nach dem Ende der Therapie wieder Pilgern gehen. Welchen Weg weiß ich noch nicht, das werde ich kurz vorher entscheiden.

Da ich im Moment nicht sehr gut drauf bin, werde ich den Weg sehr langsam gehen. Das macht aber nichts, denn schnell kann ich sowieso nicht. Ein weiterer Grund ist mein Buch, dass ich fertig schreiben möchte. Daher kann ich mir Zeit lassen.

Pilgerpass

Pilgern als Therapie

Ich bin jetzt schon längere Zeit nicht mehr weiter unterwegs gewesen. Daher bin ich auch Ausdauer mäßig nicht sehr gut drauf. Es wird ähnlich wie im letzten Jahr sein. Nur weiß ich diesmal, dass ich viel mehr schaffe, als ich oft glaube. Natürlich bin ich im Denken noch nicht viel besser drauf, wie im Vorjahr. Aber ich weiß jetzt besser damit umzugehen.

So hat mir die Kirche in Thal sehr viel gegeben und mich für neue Aufgaben motiviert.


Ja, mein dritter Geburtstag ist heute. Vor drei Jahren, am 27.3.2016, hat mein neues Leben begonnen. An diesem Tag wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert und dieser Tag sollte alles verändern, wie nie zuvor. Heute ist Jahrestag!

Die Auswirkungen des Hirnabszesses sind so gravierend, dass sie bis heute andauern. Mein Leben hat sich so sehr verändert, kein Stein blieb auf dem anderen. Ich MUSSTE ein neues Leben beginnen, wollte ich überleben.

Im Krankenhaus

Was macht ein neues Leben aus?

Das mit dem "...kein Stein blieb auf dem anderen!" ist im wörtlichen Sinn gemeint. Mein jetziges Leben hat nichts mehr gemein mit dem von früher.

Durfte es auch nicht, denn meine damalige Denkweise hatte den Hirnabszess gebracht. Also habe ich zu lernen, mein Denken wieder in bessere und in gesündere Bahnen zu bringen. Bessere Bahnen heißt unter anderem, ich muss wieder mehr auf mein Herz hören.

Die Auswirkungen des Abszesses machten Denken und Entscheidungen fällen unmöglich. Ich war gezwungen auf mein Herz zu hören, musste ihm wieder vertrauen lernen und danach handeln. Dinge, die mir vorher unmöglich schienen, nahmen plötzlich Platz in meinem Leben ein und wurden wichtig. Es dauerte aber, bis ich so weit war.

mein neues leben

Habe ich mich dadurch verändert?

Ja und Nein! Was mich jetzt zu vorher unterscheidet ist, dass ich mir selbst wieder zu Vertrauen lernte und auf mein Herz höre. Das genaue Gegenteil zu früher, denn damals hat der Kopf mit dem Denken die Macht übernommen. Kopfgesteuert wurden Gefühle immer mehr ausgeblendet.

Gerade für mich als Herzensmensch eine verzwickte Lage. Ich wollte die Dinge nur mehr mit dem Kopf lösen und das brachte mich in eine Lage, wo der Körper nicht mehr weiter wusste. Erst der Hirnabszess brachte mich wieder zurück zum Herzen.

Hirnabszess

Wie schauts aus?

Gesundheitlich besteht mein Leben noch aus Therapie. Nach wie vor bin ich beeinträchtigt mit dem Denken. Vernetztes und weiterführendes Denken kann ich noch kaum und es hält mich von vielem ab. Ich mache zwar dazu meine Übungen und trainiere auch mein Gehirn, aber der Erfolg ist überschaubar.

Aus diesem Grund konzentriere ich mich auch mehr auf die Bewegung. Da erhoffe ich mir die meisten Fortschritte, denn auch das Gehirn braucht Bewegung. Die besten Fortschritte brachte mir dazu der Jakobsweg im vorigen Jahr.

Klettern als Therapie
Klettern als Therapie

Wenn man nachdenken möchte, aber nicht kann, dann endet es oft mit Depressionen. Ich kann es nicht, daher wurde der Drang mich zu bewegen sehr stark. Depressionen und Bewegung passen nicht zusammen. Bin ich in Bewegung, kann ich nicht schlecht gelaunt sein und auf falsche Gedanken kommen. Es war daher nur logisch mich zu Bewegen.

Allerdings benötigt jede Bewegung Denken, sodass kaum mehr Energie für weiteres Denken übrig bleibt. Ein beschädigtes Kurzzeitgedächtnis vereinfacht die Sache nicht. Das Denken bleibt somit ein zentrales Thema. Aus diesem Grund wollte ich auch im Kopf leer werden, was mir am Jakobsweg gelang.

Am Jakobsweg

Hier hatte ich nichts anderes zu tun, als zu Gehen. Ich war im absoluten JETZT. Es gab keine Gedanken an die Vergangenheit und die Zukunft, die mir viel Energie kosten.

Zum Ersten mal konnte ich mich wirklich voll und ganz auf mich konzentrieren. Der Körper dankte es mir damit, dass ich lernte, mit meinen Handicaps besser umzugehen. Es war so viel Positives am Weg, ich war glücklich. Obwohl ich mich oft schwertat, vorwärtszukommen. Es hatte keine Bedeutung. Ich war glücklich, einfach nur zu Sein.

Am Jakobsweg

Veränderung

Es brachte mir noch eine weitere große Veränderung. Nach 19 Jahren trennten sich meine Lebensgefährtin und ich. Ich kann es akzeptieren, aber mein Gehirn schafft es nicht, darüber nachzudenken. Dazu fehlt mir das vernetzte Denken. Ich falle immer in eine Schleife, aus der es kein rauskommen gibt. Dadurch vermeide ich es.

Daher denke ich nicht daran und konzentriere mich ganz aufs Gesund werden. Das erfordert meine ganze Kraft, denn noch immer muss ich mir den Tag genau einteilen, was ich mache. Unnötige Gedanken, die ich ja doch nicht weiterdenken kann, haben da nichts verloren.

Mein neues Leben - gehen lernen

Um eine Normalität einkehren zu lassen, soll ich nicht mehr jede Bewegung, jedes Tun als Therapie sehen. Es hat mit Automatismus zu tun, an dem ich speziell seit letztem Jahr arbeite. Schaffe ich es, mehr Automatismus in meine Bewegung zu bekommen, werde ich nicht dauernd an die Bewegung erinnert. Dann kann Normalität einkehren.

Ich stoße noch immer sehr schnell ans Limit, dann ist es vorbei mit Normalität. Mein Leben neu zu organisieren bringt mich immer wieder an die Grenze. Manchmal ist alles so viel, dass ich nicht mehr möchte. Dann lege ich mich hin und lasse alles sein, egal was ansteht.

In solchen Momenten ist es wichtig auf mein Herz zu hören. Es sagt mir immer, wann es richtig ist mich zurückzuziehen. Höre ich nicht darauf, dann bekomme ich es zu spüren, indem es mir körperlich nicht gut geht.

neues Leben ohne Wolken

Es geht immer weiter!

Eines habe ich seit dem Hirnabszess erfahren. Es geht immer weiter und ich habe es selbst in der Hand zu entscheiden, ob es mir gut geht oder ob ich schlecht drauf bin.

Denn in jeder, auch negativen, Erfahrung steckt etwas Gutes. Ich muss nur bereit sein hinzuschauen und das Gute erkennen.


Mein Zustand, inkl. dem Gesund werden, kann noch immer nicht als "normal" bezeichnet werden. Nach drei Jahren würde man meinen, dass endlich ein normales Leben nach dem Hirnabszess möglich ist.

Aber was ist wirklich möglich? Kann ich schon normal Leben?

Hirnabszess

Der Vergleich mit früher bringt nichts!

Ich bin natürlich versucht, mich mit meinem früheren ICH zu vergleichen. Nur war früher eben so viel mehr möglich, dass ich jetzt an einer solchen Messlatte zerbrechen würde.

Zu akzeptieren, dass vieles nicht (mehr) möglich ist, war am Anfang das Schwierigste. Mittlerweile akzeptiere ich, dass es derzeit so ist. Nicht akzeptieren kann ich, dass es so bleiben soll.

Aber was ist noch möglich? Diese Frage ist mein Antrieb seit langem.

Vom Leistungsmenschen zurück zum Mensch

In meinem ersten Leben war ich viel. Der Leistungssport war in erster Linie der Versuch, mich besser kennen zulernen. Dieses Leben an der Grenze brachte mich in vielem weiter. 

Gleich wie ich mich geistig weiterentwickelte, entwickelte ich mich auch körperlich weiter. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht, Reaktion und noch vieles mehr, wurde im Sport immer besser ausgebildet. Besonders die Reaktion war auf einem hohen Niveau.

Umstände, die mir später im Beruf des Videojournalisten sehr geholfen haben. Eine bessere Schulung als im Sport konnte ich mir dafür nicht vorstellen.

Ich lernte über den Sport Leistung zu bringen. Wichtig war mir aber immer die entsprechende Ethik in allem was ich tat. Das ist mir auch jetzt noch ein hoher Wert.

Altstadtkriterium Graz 1992

Wie sehe ich den Sport von früher

Begonnen habe ich mit dem Radrennsport auf der Straße. Es wurde mir bald klar, nicht der Sieg war mir allein wichtig. Durch Niederlagen konnte ich mehr über mich lernen. Dieses Lernen stand bald im Vordergrund.

Besonders am Anfang wollte ich einfach nur dranbleiben. Nicht abreißen lassen, auch wenn es schwer wurde. Es war die Zeit des Dopings, aber darüber machte ich mir keine Gedanken. Mein Ziel war in erster Linie die Selbsterfahrung und nicht der Sieg. Was hätte es mir gebracht, wenn ich diese Erfahrungen mit unerlaubten Mitteln errungen hätte?

Altstadtkriterium Graz 1992
Altstadtkriterium Graz 1992

Dieses damals gelernte "dranbleiben", hilft mir jetzt enorm in meiner Rehabilitation nach dem Hirnabszess. So wie ich als Radrennfahrer täglich trainierte, so absolviere ich jetzt mein tägliches Training zur Rehabilitation.

Wenn es mir einmal nicht so gut geht, dann hilft mir der Gedanke des dran bleibens. Denn würde ich mich hängenlassen, dann bräuchte ich wieder dreimal so lange, wieder dort zu sein, wo ich schon war.

Dranbleiben nach dem Hirnabszess

Dieses "dranbleiben" ist seit drei Jahren mein ständiger Begleiter. Mir wurde trotz verminderten Denkens bald klar, dass es einer entsprechenden Einstellung bedarf, um wieder Gehen zu lernen und ins Leben zurück zu kommen.

Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die mich oft am meisten fordern. Dinge, die ich zuvor als selbstverständlich sah. Wenn ich etwas noch nicht kann, dann bleibe ich dran, es wieder zu können. Ich bin nicht wirklich ungeduldig, aber gesunde Ungeduld treibt mich an, es wieder zu können. Ich muss nur aufpassen, mein ehemaliges Können nicht als Maßstab zu nehmen.

Es heißt in jedem Bezug nach dem Hirnabszess "dranbleiben".

Was kann ich wieder und was möchte ich?

An erster Stelle steht bei mir das Gehen. Ich kann mich wieder fortbewegen. Allerdings mit Einschränkungen, denn zum richtigen Gehen fehlt noch der Automatismus. Ich muss zuviel denken, damit ich gehen kann. Das kostet Energie, die mir am Ende des Tages fehlt.

Es war mir schon immer klar, aber erst jetzt kann ich es bewerten, wie viel Kraft das Denken kostet. Automatisch Gehen und Bewegen zu lernen, ist mein dringlichstes Anliegen. Dadurch wäre viel Energie einzusparen, welche ich für das Denken sonst brauchen würde.

Das was ich bisher erreicht habe, ist mehr als man erwarten durfte. Es ist für Außenstehende leichter erkennbar, als für mich. Denn ich bewege mich, trotz der Fortschritte, noch immer am Limit. Und Limit bleibt Limit, auch wenn sich einiges verbessert hat.

Im Therapiezentrum

Wieder Leben lernen

Mein Leben besteht seit drei Jahren aus Therapie. Aus gezielter Therapie und dem Alltag als Therapie. Jede Bewegung im Alltag habe ich bisher als Therapie gesehen. Egal ob aus dem Bett steigen, waschen, die Stufen hinunter oder hinauf steigen und anderes mehr.

Alles was zusätzlich neben dem normalen Alltag kommt, nehme ich als Belastung wahr. Ich kann es nicht einfach zusätzlich erledigen. Anderes ist mir damit nicht mehr möglich zu tun. Ich sage dazu immer, "Der Tag ist länger, als meine Energie reicht!" oder "Es bleibt noch viel Tag über, wenn meine Energie verbraucht ist".

Es ist nicht leicht, aber ich soll wieder lernen zu Leben. Es hat sich in mir eingebrannt, dass alles Therapie ist. Ab sofort soll es Zeiten für Therapie und Zeiten für das Leben geben. Das wird am Anfang nicht einfach sein, aber wie schon alles andere auch, Step by Step.

Gleichgewicht, Motorik und Koordination

Im Park von Judendorf hat die Gemeinde einen neuen Geschicklichkeitsparcour gebaut. Wenn es passt, übe ich dort gerne. Die Balance wiederfinden, dass ist mein Ziel. Nicht nur im Körper, sondern auch im Leben.

Ich stehe auf der Stufe eines Kindes und lerne langsam dazu. Möchte ich zu viel, stoppt mich Schwindel und Unsicherheit.

Wie lange braucht ein Kind bis zum Gehen? Wann hat es seine Balance ausgebildet und kann herumspringen?

Ich bin im Verhältnis erst drei Jahre alt. Das darf ich nie vergessen, wenn ich wieder einmal ungeduldig bin und mehr möchte, als ich drauf habe.

Gleichgewicht, Motorikpark
Training für das Hirnabszess

Ein Zahl pro Jahr

Ich bewerte mich gerne mit dem Himmel und Hölle Spiel. Immer wenn ich es wo sehe, erinnert es mich daran. Der Schritt auf die Vier steht bevor, aber es ist noch nicht soweit. Die Drei hält mich fest gefangen.

Ich startete im Rollstuhl und habe jetzt im Schnitt eine Zahl pro Jahr erklommen. Bis ich bei Zehn ankomme, habe ich also noch sieben Jahre Zeit. Ich fühle mich wie in einer Zeitmaschine, allerdings einer zur Verlangsamung.

Himmel - HÖLLE
Wo stehe ich nach dem Hirnabszess?

Zug fahren

Es sind so viele Dinge, an die ich mich erst wieder gewöhnen muss. Zug fahren zum Beispiel. Wobei das Fahren das geringste Problem ist. Besonders Bahnhöfe und Bahnsteige sind noch immer eine Herausforderung.

Ich kann Entfernungen noch immer schwer abschätzen und die Stufen bei Auf- oder Abgängen stellen eine Herausforderung dar. Auch nach drei Jahren habe ich das nicht im Griff. Der Organismus ist gefordert, mit überhöhtem Puls und Tunnelblick, besonders wenn mehr Menschen unterwegs sind.

Da es sich bei mir um großteils unsichtbare Handicaps handelt, tue ich mich schwer im Umgang mit anderen Menschen, besonders in der Mitteilung. Ich brauche alle Energie für die Bewegung und Wahrnehmung.

Bahnhof

Training, Training und Training

Mein Bestreben ist es, alles dafür zu geben, wieder einigermaßen Leben zu können. Ich investiere viel Zeit dafür, was ich gerne mache. Denn nur so habe ich die Chance, wieder ein normales Leben zu führen.

Meine Beschwerden sind ähnlich der Multiplen Sklerose (MS). Nur glaube ich daran, dass es in eine andere Richtung geht und besser wird. Trainiere ich allerdings einen Tag nicht, stagniert es. Trainiere ich eine Woche nicht, sind es zwei Wochen harter Arbeit, um wieder dorthin zu gelangen, wo ich vorher war.

Es ist ein täglicher Kampf auf Messers Schneide. Training und Erholung gehören richtig getimt.

"Ganz gleich wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im HEUTE von NEUEM beginnen."

Ich bin in den letzten Jahren mehrmals hingefallen, aber es kommt darauf an, dass man wieder aufsteht und weitermacht!


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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