Warum Gehen alleine nicht reicht

27. April 2026
 · 
6 Minuten Lesezeit

Ich musste Gehen neu lernen

Ich musste Gehen neu lernen. Nicht im übertragenen Sinn.

Wirklich.

In der Reha gab es einen Rundweg. Ein paar Meter nur. Verschiedene Untergründe – Steine, Sand, Holz. Kleine Abschnitte, vielleicht ein Meter lang, dann der nächste.

Für jemanden von außen nichts Besonderes. Für mich war es alles. Ich bin diese Runden gegangen. Immer wieder. Obwohl ich es eigentlich noch gar nicht konnte. Der Untergrund hat mich komplett gefordert. Gleichgewicht, Koordination – nichts war selbstverständlich.

Eine kleine Schräge war schon zu viel. Ein anderer Untergrund eine Herausforderung. Und trotzdem bin ich gegangen. Runde für Runde.Nicht, weil es leicht war. Sondern weil ich wusste: Das ist der Weg zurück.

Trauma Verarbeitung, Gehen lernen
Treppen hinuntersteigen, noch heute mit Vorsicht

Was mir damals noch nicht klar war: Es ging nicht nur um Kraft. Ich hatte etwas anderes verloren – die Automatik.

Jeder Schritt war bewusst.

Und das ist geblieben.

Erst nach vier, fünf Jahren habe ich wirklich verstanden, dass ich diese Automatik nicht mehr zurückholen kann.

Ich gehe.

Anders.

Warum Gehen für mich mehr ist als Bewegung

Seitdem hat Gehen für mich eine andere Bedeutung. Es ist nicht einfach Bewegung. Es ist nicht einfach „rausgehen“. Es ist mein Zugang zu mir selbst geworden. Nach dem Hirnabszess funktioniert vieles anders. Ich habe gelernt, genau hinzuspüren. Sehr genau.

Ich merke sofort, wenn etwas besser wird. Ich merke aber auch sofort, wenn etwas nicht passt. Gehen ist dabei mein Gradmesser. Wenn es mir gut geht, spüre ich es im Gehen. Wenn etwas kippt, merke ich es dort zuerst.

Gehen – und trotzdem fehlt etwas

Ich gehe viel.

Zu Hause, im Wald, auf meinen gewohnten Strecken. Und jedes Mal spüre ich, es tut mir gut. Der Körper kommt in Bewegung, ich bin draußen, ich spüre die Luft, die Umgebung, mich selbst ein Stück weit auch.

Es ist nicht so, dass mir das Gehen zu Hause nichts gibt – im Gegenteil. Aber es ist nicht das, was ich vom Camino kenne.

Es sieht gleich aus – ist es aber nicht

Von außen betrachtet mache ich genau das Gleiche. Ich ziehe meine Schuhe an, gehe los, mache meine Kilometer und komme wieder zurück. Aber innerlich ist es ein großer Unterschied. Mein Kopf läuft zuhause mit.

Nicht laut oder chaotisch, eher leise im Hintergrund, aber konstant. Gedanken an Dinge, die noch zu erledigen sind. Kleine Entscheidungen, die ich treffe, ohne es bewusst wahrzunehmen.

Welchen Weg nehme ich heute? Wie lange gehe ich? Was gehört danach noch erledigt?

Es hört nicht wirklich auf. Und genau das ist der Punkt.

Wenn der Rahmen alles verändert

Am Camino ist das anders. Dort passiert etwas, das ich zu Hause nicht herstellen kann. Nicht, weil ich mich anstrenge oder etwas anders mache, sondern weil der Rahmen ein anderer ist. Der Weg ist vorgegeben. Die Richtung ist klar. Ich folge den gelben Pfeilen.

Mehr braucht es nicht.

Ich muss nichts entscheiden, nichts planen, nichts Abwägen. Und genau dadurch entsteht etwas, das ich im Alltag derzeit kaum noch kenne: Ruhe. Nicht komplette Stille, aber eine Tiefe, die sich Schritt für Schritt aufbaut.

Gehen am Camino, folge den Pfeilen

Warum diesmal wieder ein Camino

Ich habe mich ganz bewusst dafür entschieden, wieder auf den Camino zu gehen. Nicht irgendwo hin, nicht einfach drauflos – sondern genau dorthin. Ein Grund dafür ist die Struktur. Die Herbergen, die Etappen, dieser klare Rahmen. Ich weiß, ich komme irgendwo an, finde einen Platz, habe ein Bett.

Das mag einfach klingen, aber genau das hilft mir im Moment. Ich muss nicht alles selbst organisieren. Ich muss nicht vorausdenken. Ich darf im Tag bleiben.

Noch nicht wieder das Zelt

Vor einem Jahr hätte ich wahrscheinlich sofort wieder das Zelt genommen. Frei sein, unabhängig sein, draußen schlafen.

Aber jetzt ist es anders.

Das Zelt bedeutet mehr Entscheidungen. Mehr Planung. Mehr Verantwortung.

Und genau davon brauche ich im Moment weniger. Die Herbergen geben mir eine Struktur, die mich trägt. Einen Rahmen, in dem ich mich bewegen kann, ohne mich zu verlieren.

Gehen am Camino, Struktur durch Herbergen macht es leichter für mich
Herberge in Arzúa

Was mich wirklich müde macht

Ich habe lange geglaubt, dass mich vor allem die körperliche Belastung müde macht. Aber das stimmt nur bedingt. Was mich wirklich müde macht, ist das ständige Entscheiden. Das Organisieren. Das Mitdenken.

Ein Umzug in der Familie war intensiv. Viel Verantwortung, viele Entscheidungen, vieles gleichzeitig. Es war notwendig, aber es hat Kraft gekostet – vor allem im Kopf.

Auch wenn ich zu Hause bin und mich erhole, arbeitet er weiter. Gedanken laufen nach, Dinge wollen verarbeitet werden.

Durch die Folgen des Hirnabszesses ist genau das nicht mehr selbstverständlich. Manche Denkvorgänge sind nicht mehr möglich, andere brauchen deutlich mehr Zeit und Energie. Was früher nebenbei ging, fordert heute meine volle Aufmerksamkeit. Es ist immer wieder spannend, das zu beobachten.

Nicht nur das Tun selbst erschöpft mich. Sondern das Verarbeiten danach.

Das ist es, was mich oft wirklich müde macht.

Und das gilt es zu akzeptieren – und meine Kräfte bewusst einzuteilen.

Ich brauche keinen Urlaub

Ich habe gemerkt: Ich brauche keinen Urlaub. Was ich brauche, ist ein Zustand, in dem ich nicht ständig denken muss. Ein Zustand, in dem ich nicht dauernd Entscheidungen treffen muss.

Der Camino gibt mir genau das.

Der Unterschied, der für mich alles verändert hat

Der Unterschied zwischen dem Gehen zu Hause und dem Gehen am Camino – oder generell auf einem Weg, der einfach weiterführt – ist für mich nach meiner Krankheit nicht nur spürbar.

Er ist entscheidend.

Zu Hause gehen tut mir gut. Das spüre ich. Aber es ist nicht das Gleiche, wie am Camino.

Dieses tagelange Gehen, dieses Dahingehen über viele Tage, über Wochen – das geht tiefer.

Das ist kein Spaziergang mehr. Das ist ein Zustand. Und genau diesen Zustand brauche ich. Es geht nicht mehr nur ums „Gut tun“.

Früher hätte ich gesagt: Gehen tut mir gut. Heute weiß ich: Das ist zu wenig. Dieses Gehen ist für mich notwendig geworden. Nicht im Sinne von „wäre schön, wenn ich es mache“, sondern im Sinne von: Ich brauche es, damit es mir überhaupt gut gehen kann.

Damit mein Kopf ruhig wird.

Damit mein Körper wieder in einen Rhythmus kommt.

Damit ich nicht im Denken hängen bleibe.

Überleben, nicht optimieren

Dieses tagelange Unterwegssein bildet die Basis, um zu funktionieren.

Es bringt mich in einen Zustand in dem ich klarer werde. In dem ich überhaupt das Gefühl habe, bei mir zu sein.

Nach meiner Krankheit ist das keine Selbstverständlichkeit mehr. Und genau deshalb nehme ich das Gehen ernst. Nicht als Hobby. Nicht als Ausgleich. Nicht als „ich geh mal eine Runde“.

Sondern als das, was es für mich ist: Ein Weg, um körperlich und geistig in Balance zu bleiben. Oder ganz einfach gesagt: Ich gehe nicht nur, weil es mir gut tut. Ich gehe, weil ich es brauche. Kein Ziel – und genau deshalb der Weg

Es klingt vielleicht widersprüchlich, aber ich gehe mittlerweile ohne wirkliches Ziel. Natürlich werde ich in Santiago ankommen. Und wahrscheinlich auch in Finisterre. Ich weiß, dass ich das kann. Aber darum geht es mir nicht. Das Ziel ist nicht entscheidend. Der Weg ist es.

Dieses tägliche Unterwegssein. Dieses Eingebettet-Sein in eine Richtung, ohne sie ständig hinterfragen zu müssen. Auch zehn Jahre nach dem Hirnabszess lerne ich noch so viel dazu.

Wieder ins Spüren kommen

Die gelben Pfeile nehmen mir etwas ab, das im Alltag ständig präsent ist. Ich kann mich darauf einlassen, einfach zu gehen, einfach zu sein.

Und in diesem Gehen passiert etwas anderes. Ich komme wieder ins Spüren. Ich merke, wann es genug ist. Wann ich eine Pause brauche. Wie weit ich gehen möchte. Das kommt nicht aus dem Kopf. Das kommt von innen.

Warum ich wieder losgehe

Ich gehe nicht weg. Ich gehe zurück. Zurück zu einem Zustand, in dem es ruhiger wird. In dem nicht alles gleichzeitig passiert. In dem ich nicht ständig funktionieren muss.

Ich bin am Anfang gegangen, weil ich ein Ziel hatte. Wieder gehen können. Ich dachte, irgendwann ist es geschafft.

Heute kann ich gehen. Aber nicht so, wie ich es mir damals vorgestellt habe. Die Automatik ist nicht zurückgekommen. Jeder Tag beginnt ein Stück weit von vorne. Nicht bei null – aber auch nicht dort, wo ich geglaubt habe anzukommen.

Früher bin ich gegangen, um etwas zu erreichen. Heute gehe ich ohne das Ziel, irgendwo anzukommen zu müssen.

Aber mit dem Gefühl, in Bewegung bleiben. Damit es gut bleibt.

Jakobsweg versus Weitwanderwege

Eigentlich ist es arg, wie sich das bei mir verändert hat.

Am Jakobsweg war das Ziel klar. Santiago de Compostela. Ich wusste, wohin ich gehe, und genau das hat mir Halt gegeben. Jeder Schritt hatte eine Richtung, und dieses Ziel im Kopf war wichtig für mich. Es hat mich getragen.

Beim Hexatrek war es anders. Natürlich gab es auch dort ein Ziel, aber es war kein fixes mehr. Ich habe es mir offen gelassen, unterwegs aufzuhören, umzudrehen oder weiterzugehen. Es ging weniger darum, irgendwo anzukommen, sondern mehr darum, überhaupt zu gehen.

Und vielleicht habe ich genau dort zum ersten Mal wirklich gespürt, dass sich etwas verändert hat. Dass beides seinen Platz hat. Ein Ziel zu haben, das einen zieht. Aber auch gehen zu können, ohne eines zu brauchen.

Gehen, meine "Therapie"

Es wird wieder Zeit

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem ich jetzt stehe. Zu wissen, dass ich beides kann. Mit Ziel gehen – und ohne.

Ich war jetzt lange zu Hause. Ich merke, wie es wieder enger wird. Zu viel Denken. Zu viel Offen. Zu viel im Kopf.

Lebe, bevor du stirbst!
Gehen am Camino.
Lebe, bevor du stirbst!

Es ist Zeit, wieder loszugehen. Der Camino Primitivo ist kein Ziel für mich. Er ist der Weg zurück in einen Zustand, in dem ich nicht ständig entscheiden muss.

Ich breche bald auf.


Teile meinen Blogartikel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
Blogheim.at Logo
Bloggerei.de
Copyright © Jörg Krasser
Konzipiert und gestaltet von noahkrasser.com
crossmenu linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram