Seit meinem ersten Camino im Jahr 2018 bin ich viele Tausend Kilometer auf verschiedenen Jakobswegen gegangen. Jeder dieser Wege war anders. Die Landschaft, das Wetter, die Menschen – und auch ich selbst.
Deshalb tue ich mir schwer damit, allgemeine Regeln für den Jakobsweg aufzustellen. Was für mich funktioniert, muss für einen anderen Menschen noch lange nicht richtig sein.
Meine Erfahrungen sind keine Anleitung dafür, wie man einen Camino „richtig“ geht. Es sind vielmehr Dinge, die ich unterwegs gelernt habe – über das Gehen, über Begegnungen und vor allem über mich selbst.
Vielleicht können einige davon auch anderen helfen.
Früher hätte ich vielleicht gesagt: „Geh den Camino alleine.“ Heute würde ich es etwas anders formulieren:
Geh deinen eigenen Weg.
Das bedeutet nicht, dass du ständig alleine sein musst. Im Gegenteil. Begegnungen gehören für mich zu den wertvollsten Erfahrungen auf dem Jakobsweg. Manche Menschen begleiten einen ein paar Stunden, andere mehrere Tage und einige bleiben einem noch Jahre später in Erinnerung.
Trotzdem ist es wichtig, den eigenen Rhythmus nicht zu verlieren.
Geh dein Tempo. Mach Pause, wenn du sie brauchst. Geh weiter, wenn es sich richtig anfühlt. Nur weil jemand anderes heute 30 Kilometer gehen möchte, müssen diese 30 Kilometer nicht auch für dich richtig sein.
Gerade durch meine Einschränkungen musste ich lernen, mich nicht dauerhaft an das Tempo anderer anzupassen. Mein Körper gibt mir einen eigenen Rhythmus vor. Das habe ich irgendwann nicht mehr als Nachteil empfunden.
Der Camino gehört niemand anderem.
Dein Camino gehört dir.
Dieser Satz begleitet mich seit meinen ersten Caminos:
„Du bekommst, was du brauchst – nicht, was du willst.“
Ich glaube, dass uns Dinge nicht einfach grundlos begegnen. Gerade Situationen, die ich zunächst als negativ empfinde, können mir etwas über mich selbst zeigen.
Wenn mich etwas besonders ärgert, verletzt oder aus meinem Gleichgewicht bringt, versuche ich deshalb nicht nur auf das Ereignis selbst zu schauen. Ich frage mich auch: Was hat das mit mir zu tun? Warum löst gerade diese Situation etwas in mir aus? Gibt es etwas, das ich in meinem Inneren noch nicht angeschaut habe?
Der Camino bietet dafür viel Raum. Pläne funktionieren nicht, Menschen begegnen einem unerwartet, der Körper setzt Grenzen oder eine Situation entwickelt sich völlig anders, als man es sich gewünscht hätte.
Nicht immer versteht man in diesem Moment, was darin liegen könnte. Manchmal braucht es Abstand.
Für mich bedeutet „Du bekommst, was du brauchst – nicht, was du willst“ deshalb auch, darauf zu vertrauen, dass gerade in schwierigen Erfahrungen etwas liegen kann, das mich weiterbringt.
Dieser Gedanke reicht inzwischen weit über den Camino hinaus.
Nach meinem Hirnabszess wollte ich mein früheres Leben zurück. So ist es nicht gekommen. Vieles ist geblieben und manches werde ich wahrscheinlich nie zurückbekommen.
Das bedeutet für mich nicht, dass der Hirnabszess deshalb etwas Gutes war. Aber ich kann mich fragen, was dieses veränderte Leben von mir verlangt, was es mir zeigt und was ich darin über mich selbst lernen kann.
Vielleicht bekommen wir nicht immer das Leben, das wir uns wünschen. Aber manchmal liegt gerade in dem, was wir nicht wollten, etwas, das wir brauchen.
Eine weitere Lektion habe ich mit der Zeit verstanden:
Ich muss nicht wissen, wie ich den ganzen Weg schaffen soll.
Wenn ich morgens losgehe, muss ich nicht bereits wissen, wie sich Kilometer 25 anfühlen wird. Ich muss auch nicht den nächsten Berg im Kopf schon überwunden haben.
Zunächst reicht der nächste Schritt.
Gerade auf schwierigen Wegen ist das für mich wichtig. Durch meine fehlende Geh-Automatik benötigt jeder Schritt mehr Aufmerksamkeit als früher. Auf steilen oder technischen Passagen kann ich nicht gleichzeitig über den gesamten Berg nachdenken.
Also zerlege ich ihn.
Noch hundert Höhenmeter.
Dann die nächsten hundert.
Und irgendwann stehe ich oben.
Dieses Prinzip begleitet mich inzwischen auch außerhalb des Wanderns. Nach meinem Hirnabszess wusste ich ebenfalls nicht, was Jahre später möglich sein würde. Hätte ich damals versucht, mein gesamtes zukünftiges Leben zu überblicken, wäre die Aufgabe viel zu groß gewesen.
Es ging um die nächste Bewegung, den nächsten Tag, den nächsten Schritt.
Manchmal reicht das.
Natürlich plane auch ich meine Wege. Ich schaue auf Entfernungen, Versorgung, Wetter, Höhenmeter und mögliche Schlafplätze.
Aber ein Plan ist für mich keine Verpflichtung.
Der Körper kann an einem Tag anders reagieren als am Tag zuvor. Das Wetter kann umschlagen. Eine Begegnung kann dazu führen, dass man länger an einem Ort bleibt. Oder man merkt einfach, dass das ursprüngliche Ziel heute nicht passt.
Einen Plan anzupassen bedeutet für mich nicht zu scheitern.
Manchmal bedeutet es lediglich, auf das zu reagieren, was gerade da ist.
Gerade auf langen Wegen ist diese Flexibilität wichtiger geworden als das sture Festhalten an einer ursprünglichen Vorstellung. Der Weg muss nicht genauso verlaufen, wie ich ihn geplant habe, damit er richtig ist.
Vielleicht gilt auch das nicht nur für den Camino.
Ich gehe gerne alleine.
In der Ruhe finde ich meinen eigenen Rhythmus. Ich muss mich niemandem anpassen und kann meine Aufmerksamkeit dort lassen, wo ich sie brauche. Gerade mit meinen Einschränkungen ist diese Freiheit für mich sehr wertvoll.
Alleine gehen bedeutet aber nicht, einsam zu sein.
Der Camino hat mir immer wieder gezeigt, wie schnell Begegnungen entstehen können. Man sitzt am Abend gemeinsam an einem Tisch, trifft jemanden am nächsten Morgen wieder oder geht ein Stück miteinander.
Manchmal reicht ein Gespräch. Manchmal begleitet man sich mehrere Tage. Und manchmal entsteht eine Verbindung, die weit über den Camino hinaus bestehen bleibt.
Aber nicht jede Begegnung muss festgehalten werden.
Manche Menschen begleiten uns nur ein kleines Stück. Trotzdem können sie genau in diesem Moment wichtig sein.
Vielleicht ist gerade diese Mischung aus Alleinsein und Begegnung etwas, das ich am Camino besonders schätze.
Auf meinen langen Wegen habe ich gelernt, genauer hinzuhören.
Nicht nur auf Schmerzen oder Müdigkeit.
Auch auf dieses schwer zu erklärende Gefühl dafür, ob etwas gerade richtig ist.
Mein Körper funktioniert seit meinem Hirnabszess anders. Deshalb musste ich lernen, seine Signale ernst zu nehmen. Nicht jedes Weitergehen ist Stärke und nicht jedes Stehenbleiben ist Schwäche.
Manchmal ist eine Pause genau das Richtige.
Manchmal weiß ich aber auch, dass noch etwas geht, obwohl es gerade schwierig ist.
Diese Unterscheidung kann einem niemand abnehmen. Kein Reiseführer, keine App und auch kein anderer Pilger kennt deinen Körper und dein Inneres so wie du selbst.
Ich habe über die Jahre gelernt, diesem Gefühl stärker zu vertrauen.
Ich bin inzwischen viele Caminos gegangen und trotzdem würde ich nicht behaupten, den Jakobsweg zu kennen.
Denn jeder Camino war anders.
Manchmal war ich auf der Suche nach etwas. Manchmal wollte ich einfach unterwegs sein. Manche Wege waren leicht, andere schwierig. Und auch ich war nie derselbe Mensch wie beim Camino davor.
Vielleicht ist genau deshalb die eigene Erfahrung so wichtig.
Man kann sich vorbereiten. Man kann Bücher lesen, Videos ansehen, Packlisten studieren und andere Menschen nach ihren Erfahrungen fragen.
Aber irgendwann muss man losgehen.
Erst dann entsteht der eigene Camino.
Wenn ich aus all meinen Wegen ein paar Gedanken mitnehmen müsste, wären es deshalb diese:
Geh deinen eigenen Weg.
Du bekommst, was du brauchst – nicht, was du willst.
Du musst nicht den ganzen Weg sehen. Der nächste Schritt reicht.
Der Camino hat mir nicht gezeigt, dass es keine Schwierigkeiten oder Grenzen gibt.
Er hat mir gezeigt, dass ich nicht im Voraus wissen muss, wo diese Grenzen tatsächlich liegen – und dass gerade in dem, was mir unterwegs begegnet, etwas liegen kann, das ich für meinen weiteren Weg brauche.