
Nach meinem Hirnabszess musste ich vieles neu lernen.
Ein Hirnabszess ist vereinfacht gesagt eine Entzündung im Gehirn.
Was das genau bedeutet, habe ich erst im Nachhinein wirklich verstanden.
Die Folgen spüre ich bis heute.
Gehen.
Denken.
Sprechen.
Das klingt im ersten Moment greifbar.
Aber das eigentliche Problem sieht man nicht.
Ich habe meine Automatik verloren.

Früher ist alles einfach passiert.
Ich bin gegangen, ohne darüber nachzudenken.
Ich habe gesprochen, ohne jeden Satz bewusst zu bauen.
Ich konnte mehrere Dinge gleichzeitig machen.
Heute ist das nicht mehr so.
Heute ist jede dieser Sachen eine eigene Aufgabe.
Auch mein Körpergefühl ist nicht mehr selbstverständlich.
Ich spüre Bewegungen anders, unsicherer.
Was früher automatisch funktioniert hat, muss ich mir immer wieder bewusst erarbeiten.
Und selbst das bleibt nur, wenn ich dranbleibe.
Höre ich auf zu üben, verliere ich es wieder ein Stück.

Ich gehe in den Supermarkt.
Eigentlich nichts Besonderes.
Nur schnell etwas holen.
Früher: rein, nehmen, zahlen, raus.
Nebenbei denken, vielleicht telefonieren – alles gleichzeitig.
Heute merke ich schon beim Reingehen:
Es ist viel.
Menschen.
Geräusche.
Bewegung.
Ich nehme alles gleichzeitig wahr.

Ich gehe langsamer.
Versuche mich zu orientieren.
Was wollte ich eigentlich holen?
Manchmal weiß ich es noch.
Manchmal ist es einfach weg.
Ich stehe vor einem Regal und merke:
Mein Kopf ist voll – und gleichzeitig leer.
Ich weiß, dass ich etwas brauche.
Aber ich komme nicht mehr hin.
Dann bleibe ich stehen.
Nicht, weil ich will –
sondern weil ich muss.
Ich versuche, mich wieder zu sammeln.
Wenn mich in diesem Moment jemand anspricht, wird es noch schwieriger.
Eine einfache Frage –
und ich merke, wie ich kämpfen muss, um überhaupt zu antworten.
Früher wäre das nebenbei gegangen.
Heute ist es eine eigene Aufgabe.
Manchmal breche ich den Einkauf ab.
Nicht, weil ich nicht will –
sondern weil es zu viel wird.

Der Einkauf ist nur ein Beispiel.
Es passiert überall.
Wenn ich etwas erledige.
Wenn ich mit Behörden spreche.
Wenn ich unterwegs bin.
Selbst draußen oft, auf einem Camino oder Weitwanderweg.
Es ist nicht die eine Situation.
Es ist mein Alltag.

Und genau das sieht niemand.
Von außen bin ich jemand, der einkaufen geht.
Der geht.
Der spricht.
Also wirkt es normal.
Aber es ist nicht normal.
Alles kostet Energie.
Alles braucht Aufmerksamkeit.
Der Autopilot ist weg.
Und ja – es ist eine Form von Behinderung.
Nur eine, die man nicht sieht.
Muskelschwäche, Wahrnehmung, gestörte Propriozeption. Alles Behinderungen die nicht sichtbar sind.
https://www.aktion-mensch.de/ueber-uns/das-treibt-uns-an/was-ist-inklusion/unsichtbare-behinderung
Ich habe gelernt, damit umzugehen. Besser gesagt, mich trotzdem zu bewegen, auch mit der Gefahr, mich zu verletzen.
Langsamer zu sein.
Pausen zu machen.
Ehrlich zu sagen, wenn es gerade nicht geht.
Ich bin nicht jemand anderer geworden.
Ich funktioniere nur anders.

Und wenn du jemanden siehst, dem man „nichts ansieht“:
Dann denk daran –
nicht alles, was eine Behinderung ist, ist sichtbar.
Vielleicht siehst du nicht alles.
Und vielleicht lohnt es sich, vorsichtiger zu urteilen.
Du siehst nur das Ergebnis.
Nicht den Aufwand dahinter.
Und trotzdem gehe ich weiter.
Auf meinen Wegen, auf meinen Caminos – und im Alltag.
