Wieder ist eine Woche um. Die Tage vergehen wie im Fluge. Manchmal setzte ich mich hin und versuche die vergangenen Tage zu analysieren. Wo stand ich letztes Wochenende? Wo stehe ich jetzt? Gibt es Veränderungen? Was ist anders seit der Reha?
Oft kann ich nicht einmal sagen, dass sich etwas verändert hat. Dann nehme ich mir einen größeren Zeitraum. Denn dann erkenne ich, was seit dem letzten mal besser geht.
In diesen Tagen sind mir noch einmal die letzten Wochen, im letzte Jahr im Krankenhaus, durch den Kopf gegangen. Diese Ereignisreichen Tage habe ich euch bisher vorenthalten. Es machte mir wieder bewusster, dass ich seither schon viel erreicht habe. Aber lest selbst.

Juli 2016

Aus meinem Tagebuch:

  • 10.Juli : „Lagerkoller. Ich halte es fast nicht mehr aus. Ich kann das Essen im Krankenhaus nicht mehr sehen.“
  • Zwei Tage später schreibe ich:  „Infusionsende. Orale Antibiotika. Ich will nur mehr weg.“
  • 13.Juli:  „Fühle mich gut. Überstanden. Jetzt gehört halt Körperübungen.“ –  Ich hatte erfahren das ich bald nach Judendorf kam.

Ich schrieb nur kurze Eintragungen, Stichwortartig, ins Tagebuch. Das Schreiben strengte mich sehr an, ich war erst auf dem Weg, es wieder zu lernen. Schreibfehler, Schriftbild, Buchstaben vergessen, Wörter vergessen. Es war mühsam und eigentlich schon toll das ich überhaupt schrieb. Das konnte ich aber nicht sehen. Damals glaubte ich auch noch, das mit dem Aufbau der Muskel wieder alles im Lot sei. Aber noch ist die  Krankheit über mir gelegen. Ich konnte nicht erahnen, dass es so lange dauern würde, meine Nerven so stark betroffen sind. Meine Gedanken waren nur: Ich hab das Ärgste hinter mir.

Das Ende der Zeit im Krankenhaus?

Krankenwagen
Am 14.Juli 2016 wurde ich völlig überraschend mit dem Krankenwagen vom LKH in die Klinik Judendorf zur Reha überstellt. Ich
benötigte einen Rollstuhl, um aufs Zimmer zu gelangen und er war mir auch die nächste Zeit ein treuer
 
Gefährte. Es war ein großartiges Gefühl aus dem Krankenhaus  draußen zu sein. Seit bald vier Monaten hatte ich nichts anderes gesehen als den Blick aus meinem Zimmer.
Auf der Fahrt durch Graz und weiter nach Judendorf konnte ich mich nicht satt sehen. Viel hatte sich verändert oder nahm ich anders wahr. Schon damals bemerkte ich, dass mich die Farbe Grün besonders anzog. Ich konnte mich nicht satt sehen daran und auch heute gehe ich lieber in den Wald als in die Stadt. Bin ich überfordert, brauche ich nur ins Grüne zu schauen. Es beruhigt mich.

Reha Klinik Judendorf

In der Reha Klinik ging es gleich los mit den Therapien. Ich war mit dem Rollstuhl unterwegs, da ich nicht weit gehen konnte und mir immer schwindlig wurde. Auch der Tunnelblick war ein Problem. Ich war dermaßen beansprucht, dass ich für anderes als die Therapien keine Energie hatte. Von Therapie zu Therapie war meistens eine halbe Stunde Zeit. Normalerweise konnte man sich kurz ausruhen. Dafür hatte ich fast keine Zeit. Ich hatte genug zu tun, rechtzeitig zur nächsten Behandlung zu kommen.
Ich war in den Armen so schwach, dass ich den Rollstuhl nicht richtig bedienen konnte. Nur langsam und mit vielen Pausen kam ich vorwärts. Es war ein Alptraum. Den ich allerdings dazu nutzte, um meine Arme zu trainieren. Wie schon öfters erwähnt, alles ist Therapie, auch Bewegungen im Alltag. Ich bekam Physio-, Ergo- und Logopädie, Krafttraining und Psychologische Diagnose.
Mein treuer Begleiter in der Reha, der Rollstuhl
Am Abend war ich fix und fertig. Noch immer hatte ich die oralen Antibiotika zu nehmen. Das förderte nicht gerade meine Leistungsfähigkeit. So wand ich mich durch die Reha. Nach vierzehn Tagen hatte ich dann die erste MR Kontrolle am LKH. Bei der Nachbesprechung auf der Neurologie am LKH dann das dicke Ende. Ich durfte nicht nach Judendorf zurück. Es ging um die Blutwerte. Ich bekam gleich ein Bett im zweiten Stock und war somit wieder zurück am LKH.

LKH Graz

Ich war am Boden zerstört. Das kam zu überraschend. Meine Blutwerte waren zu schlecht. Das Problem war, dass in den oralen Antibiotika ein Stoff war, der weiße Blutkörperchen zerstört. Und weiße Blutkörperchen hatte ich eh schon wenig, nach mehreren Monaten Einnahme der Antibiotika.
Mein ganzes Zeug war noch in Judendorf. Es musste geholt und mir gebracht werden.

Neurologie 2.Stock

Dieses mal bekam ich wieder volle Pulle ab. Fünf mal am Tag, jeweils zwei bis drei Flaschen Antibiotika. Dreizehn Stück waren es am Tag. Zwischen zwei und drei Stunden benötigte ich jedes mal dafür. Am linken Arm hatte ich schon ungefähr 35 Einstiche für den Infusions-Zugang. Rechts hatte ich die Lähmungen, so wurden dort nur im Notfall Zugänge gesetzt.
In den letzten Monaten hatten sich meine Venen immer mehr zurück zogen, so wurde es jedes mal zur Herausforderung, eine neue Einstichstelle zu finden. Hatte der Zugang am Anfang noch eine Woche gehalten, so passierte es immer häufiger, dass er nur mehr zwei, drei Tage hielt. Für einen Zugang waren zwei bis drei Stiche notwendig, bis man auf Blut stieß. Für mich jedes mal ein Horror. Spritzen und Nadeln konnte ich noch nie ausstehen. Ich habe mich bis zum  heutigen Tag nicht daran gewöhnen können.
Zugang für Infusionen  Ich, nach der OP im LKH
Dazu eine kleine Überschlagsrechnung. In der Zeit im Krankenhaus erhielt ich ungefähr 1000 Antibiotika Infusionen, dazu noch 150 Thrombosespritzen, mir wurden etwa 50 Zugänge gesetzt und ich musste ca. 1000 Pillen schlucken.

Die ersten Tage auf der Neurologie

Die ersten Tage waren scheußlich. Ich musste mich wieder an die intravenöse Infusion gewöhnen. Mir war schlecht und ich zog mich in mein Bett zurück. Meine Zimmerkollegen nahm ich nur am Rande wahr. Alles war sehr weit weg und ich nicht aufnahmefähig, dazu der starke Tunnelblick, der es nicht einfacher machte. Ich hatte einfach zu viel mit mir selbst zu tun.
Nach drei, vier Tagen ging es dann etwas besser. Ein wenig konnte ich mich bereits unterhalten, am liebsten mit Fred, meinem Zimmerkollegen, der wegen eines Bandscheibenvorfalls hier war. Im Verlauf der Gespräche kamen wir drauf, dass wir gemeinsam 1984 am Großglockner Radrennen am Start standen, ohne uns aber zu kennen. Es ergaben sich viele nette Diskussionen, die mich ein wenig von meinem Zustand ablenkten.

Therapien
Krafttraining in der Reha

Nach einer Woche begannen auch wieder die Maßnahmen zur Reha.  Für mich am wichtigsten – die Physiotherapie, mit Hauptaugenmerk auf Gehen. Ich übte auch Stiegen steigen. Es war aber nicht damit getan hinauf oder hinunter zu gehen, auch die Technik dazu spielte eine große Rolle. Die richtige Körperneigung, die Fußstellung. Es strengte sehr an. Nach einer Stiege musste ich oft mit dem Lift zurück in den 2.Stock fahren, da die Kraft zu Ende war.
Da ich in Judendorf Krafttraining an den Beinen machte, war ich konstitutionell besser drauf. Ich drückte dort in der Beinpresse zuerst 20 kg, in der zweiten Woche dann schon 30 kg. Für mich damals das Limit. Als Radrennfahrer drückte ich über 200 kg. Zehn mal so viel wie in der Reha in Judendorf. Ich freute mich aber jetzt mehr über meine 20 – 30 kg. Wenn ich mich ansah, musste ich lachen. 20 kg Beinpresse, 10 kg für die Arme – und meine noch immer sehr dünnen Beine. Was für ein Gegensatz zu früher. Ich konnte es aber gut annehmen. Fünf Monate später, zum zweiten Mal auf Reha, schaffte ich bereits 50 – 60 kg.

Kämpfe um jeden Meter

Das Krafttraining half mir jetzt beim Gehen. Ich hatte zwar keine Ausdauer, aber wenigstens kräftigeres Stehvermögen. Meine Gehleistung steigerte ich in den drei Wochen meines neuerlichen Aufenthaltes um vieles. Wenn ich das heute hier nieder schreibe, kommt mir alles so unwirklich vor. Die Zeit im Krankenhaus war wie ein Traum. Es ist vieles kaum zu erklären oder zu verstehen.
Für mich als ehemaligen Leistungssportler war Training schon immer ein Bestandteil meines Lebens. Es war aber schwer zu verstehen das Training nicht Training ist. Ich brauchte Wochen um ein paar Meter weiter zu gehen. Ich kämpfte regelrecht um jeden Meter. Man kann sich nicht vorstellen was es heißt, nur mit der linken Hand gerade noch einen Löffel zu halten. Wochenlang zu trainieren, bis es auch rechts wieder funktioniert. Man erfreut sich an den kleinsten Dingen. Und die müssen einem oft von außen gezeigt werden.
Meine Lebensgefährtin Silvia, die Therapeutin oder einer Krankenschwester, fiel es als erster auf oder ermunterten mich. Selbst nimmt man es kaum wahr, weil der Fortschritt so langsam ist.

Zum ersten Mal nach draußen

Silvia brachte mich mit dem Rollstuhl zum ersten Mal nach draußen. Das brachte ein neues Lebensgefühl, war ich doch seit Ende März nicht im Freien. 15 Minuten Sonne tanken. Danach war ich erschöpft. Später einmal ließ ich mich zum Hinterausgang der Neurologie bringen. Dort beginnt gleich der Leechwald. Wie ein Höhenbergsteiger stapfte ich Schritt für Schritt eine Steigung hoch. Alle paar Schritte brauchte ich eine Pause. Mein Puls war auf 150. Ich jubelte, nachdem ich oben stand (…und wieder Puste dafür hatte). Ich brauchte für die dreißig Meter etwa fünf Minuten, aber die Zeit war egal.
Mich im Freien am Waldrand zu bewegen, dass war das Größte für mich. Das erste Mal nach fünf Monaten. Der Kiesgrund, die Unebenheiten, der einschränkende Tunnelblick, alles war ungewohnt und ich musste aufpassen nicht zu stürzen. Vom Boden aufstehen war mir nämlich fast unmöglich. Langsam und überaus vorsichtig bewegte ich mich wieder zurück. Die erste Sitzgelegenheit nahm ich wahr und rastete mich aus. Wenn ich an diese Zeit denke, dann war dieses Erlebnis sehr prägend. Einerseits die Steigung geschafft zu haben, andererseits stärkte es meinen Willen weiter zu machen, denn die harte Arbeit zeigte Früchte.
Es gibt immer wieder Bilderserien, die zeigen „Was ist“ und „Was andere sich vorstellen“. Diese beiden Bilder zeigen in etwa das, was war und das, wie ich mich fühlte.
Weg Hochgebirge

Die letzten Tage im Krankenhaus

Über die letzten Wochen im Krankenhaus führte ich nicht mehr Tagebuch. Die Antibiotika, die Reha – alles setzte mir derart zu, dass ich das Schreiben sein ließ. Ein Grund waren auch die Zugänge für die Antibiotika. Alle ein bis drei Tage musste ein neuer gesetzt werden. Der Arm schwoll immer wieder an und zeigte Abwehrreaktionen. Das Essen konnte ich gar nicht mehr anschauen, ich wollte nur mehr heim. Ich sah fürchterlich aus und bekam Hautausschläge im Gesicht. Ich wollte nur mehr weg. Weg von all dem. Ich konnte kein Krankenhaus mehr sehen. Ich wollte nur mehr nach Hause.
Die Erlösende Nachricht bekam ich am Vortag. Der nächste Tag sollte mein letzter im Krankenhaus sein. Ich war emotional sehr aufgewühlt. Ich konnte es nicht glauben. Zum ersten Mal, nach fünf Monaten, durfte ich wieder in meine vier Wände, zurück zur Familie. Ich hatte zwar meine Probleme, aber nichts hielt mich noch hier. Wie ich die 25 Stufen zu Hause in die Wohnung schaffen sollte, egal. Das alles am Anfang mühsam für mich werden sollte, egal. Ich dachte nur an JETZT. Und das hieß: Wieder zu Hause sein.
Über alles andere konnte ich mir später Gedanken machen. Was zählte, war nur das JETZT. Und das ist auch heute noch so.


14. Blog am 21.7.