Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Nach dem Jura setzte ich mit dem Boot über den Genfer See nach Thonon-les-Bains über. Hier begann für mich die zweite Etappe des HexaTrek durch die Nordalpen.
Vor diesem Abschnitt hatte ich großen Respekt. Lange Anstiege, ausgesetzte Wege und große Höhen stellten für mich eine besondere Herausforderung dar. Jahrelang hatte ich daran gearbeitet, mit meiner Muskelschwäche und meinen neurologischen Einschränkungen besser zurechtzukommen.
Noch wusste ich nicht, ob ich alle schwierigen Passagen bewältigen könnte. Insgeheim überlegte ich sogar, manche Abschnitte zu umgehen. Gerade diese gehörten allerdings zu den landschaftlich schönsten Teilen des Weges.


In Thonon finde ich auch Shops für neue Schuhe. Der Hexatrek forderte das Material bisher sehr stark, besonders die Schuhe, die bereits nach 700 km total hinüber sind. Am Camino war ich gewohnt, die Schuhe erst nach 1200 bis 1400 Kilometer zu wechseln, hier sind sie schon nach 550 km fast hinüber und nach 700 km total am Limit.
Neue Schuhe sind jetzt vonnöten. Erst im dritten Shop von Thonon werde ich fündig. Mein bisheriger, ein Hoka Speedgoat 5 in der Wide Version, war mein bisher bester Schuh. Allerdings werde ich die Wide Version hier kaum bekommen. Ich probiere alle möglichen Modelle durch, aber keiner ist auf den ersten Versuch bequem genug.
Mein alter Schuh schaut zwar optisch noch gut aus, aber die Sohle und die Dämpfung ist bereits sehr in Mitleidenschaft gezogen. Bereits nach 400 km begann sich die Sohle zu lösen und ich musste sie immer wieder mit Superkleber ankleben. Nach 700 km war nur mehr ein dünner Belag, zuwenig für die Alpen.
In einem Ausrüster Shop entscheide ich mich für den Altra Olympus 5, den ich bereits in England verwendete und mir daher vertraut ist. Seine breite Zehenbox ist bequem und er hat eine zwar gute, aber geringere Dämpfung, als der Speedgoat. Die beste Alternative zu allen anderen angebotenen ist er allerdings.
In den Alpen geht es ständig rauf und runter. Eigentlich nicht viel anders als zuvor in den Vogesen – nur sind hier die Anstiege und Abstiege deutlich länger.
Mit 1000 Höhenmetern komme ich oft gerade einmal zehn Kilometer weit. Der Weg verlangt hier eine ganz andere Kraft. Jeder Schritt bergauf kostet Energie, jeder Abstieg wieder volle Konzentration.
Also heißt es für mich, einen neuen Rhythmus zu finden. Einen Rhythmus, der es mir erlaubt, am Tag mehr Höhenmeter zu bewältigen, ohne dabei meine Kräfte zu früh zu verlieren. Am Campingplatz de l'Essert werde ich deshalb einen Ruhetag einlegen. Der Körper braucht diese Pausen.
Nach meinem Ruhetag breche ich früh auf. Die Beine sind wieder frisch, der Weg ruft. Im Laufe des Tages hole ich Willy ein, der bereits am Vortag gestartet ist. Mit dabei ist auch seine Katze Jamy. Ein ungewöhnlicher Anblick auf diesem Weg.
Wir gehen ein Stück gemeinsam. Während wir Schritt für Schritt vorankommen, sitzt Jamy gemütlich auf Willys Rucksack. Von dort aus beobachtet sie aufmerksam ihre Umgebung. Still, konzentriert, fast so, als würde sie den Weg genauso studieren wie wir.
Es ist ein besonderer Moment. Mitten in dieser großen Berglandschaft unterwegs zu sein – und dabei eine Katze zu sehen, die ruhig auf einem Rucksack sitzt und die Welt betrachtet. Auch das sind diese kleinen Begegnungen am Weg, die eine Reise so besonders machen.
Als uns Regen überrascht, finden wir Unterschlupf unter dem Vordach einer geschlossenen Hütte und warten das Ende des Schauers ab. Wir werden von Kühen bedrängt, die ebenso unter dem Vordach Schutz suchen wollen.
Auf dem nächsten Abschnitt werde ich von Sam und Matt, zwei Thruhikern aus Neuseeland, eingeholt. Sie gehen in einem flotten Tempo, und ich beschließe, mich einfach hinter sie zu hängen.
Es ist angenehm, ihnen zu folgen. Ich kann meine Energie ganz auf das Gehen konzentrieren, statt ständig auf die Navigation achten zu müssen. Schritt für Schritt geht es weiter durch die Berge.
Am Nachmittag zieht Regen auf, und auch ein Gewitter ist angekündigt. Die Wolken werden dunkler, die Luft schwerer. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir das Refuge de Chésery und finden dort Schutz vor dem Unwetter.
Da der Regen nicht nachlässt und das Gewitter länger anhält, beschließen wir schließlich, hier zu bleiben und zu übernachten.

Am folgenden Tag stellt sich mir die Frage: Soll ich mit Sam und Matt den schwierigen Weg versuchen oder eine Abkürzung nehmen, um die steilsten und gefährlichsten Passagen zu vermeiden? Ich entscheide mich bewusst dafür, auf dem Hexatrek zu bleiben und nehme die Herausforderung der Cheval Blance an – einem anspruchsvollen Abschnitt, der nicht nur physische, sondern auch mentale Stärke erfordert.
Die Cheval Blance ist bekannt für ihre ausgesetzten Stellen, steilen Anstiege und technisch anspruchsvollen Passagen. Um es klarzustellen, wir reden hier vom Weitwandern und nicht vom Klettern, allerdings reicht das schon für mich, wenn die Hände des öfteren zu gebrauchen sind. Schon beim ersten Blick auf den felsigen Grat wird mir klar, dass dies keine einfache Etappe wird. Der Trail ist oft schmal, und ein falscher Schritt könnte fatale Folgen haben.
Die größte Frage ist für mich, wie werde ich all das Wahrnehmen? Diese Gedanken begleiten mich während des gesamten Aufstiegs. Sam und Matt, die sicher und zielstrebig vorgehen, geben mir das Selbstvertrauen, mich auf diesem schwierigen Weg zu bewegen.
Die steilen Passagen sind besonders fordernd. Die Hände kommen oft zum Einsatz, um den Fels zu greifen und mich sicher weiterzubewegen. An manchen Stellen führt der Pfad so nah an den Rand, dass der Abgrund tief unter mir zu sehen ist. Hier hilft es mich voll und ganz auf die Bewegungen und Schritte der Neuseeländer zu konzentrieren, die mir als erfahrene Thruhiker Sicherheit geben.
Diese Etappe verlangt mir mental alles ab. Vor allem die ausgesetzten Stellen fordern höchste Konzentration. Hier gibt es keinen Spielraum für Fehler. Jeder Schritt muss sitzen.
Es ist nicht nur die körperliche Anstrengung, die mich fordert. Es ist auch diese ständige Präsenz der Angst vor einem Sturz. Eine Angst, die immer wieder auftaucht – und die ich Schritt für Schritt überwinden möchte.
Der Blick geht nach vorne, der nächste Tritt wird gesetzt, dann der nächste. So arbeite ich mich weiter über den Grat.
Wenn ich daran denke, dass ich noch vor zwei Jahren selbst auf manchen Brücken große Probleme hatte, wird mir erst bewusst, welchen Weg ich seitdem gegangen bin. Genau für solche Momente bin ich hier unterwegs, speziell beim Walkabout oder am JOGLE?
Rückblickend wird mir erst langsam bewusst, was die Überquerung der Cheval Blanche für mich bedeutet hat. Sie war einer der intensivsten Momente meiner Reise – vielleicht sogar der Höhepunkt seit meiner Rehabilitation.
Noch vor zwei Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Der Gedanke an schwankende Brücken, an schmale, ausgesetzte Grate und an diese schwindelerregenden Tiefblicke hätte mich damals wohl umkehren lassen. Zu groß war die Unsicherheit. Zu wenig das Vertrauen in meinen eigenen Körper. Doch genau diese Wahrnehmung, dieses Gefühl für Gleichgewicht und Raum, versuche ich seit vielen Jahren wiederzugewinnen.
Hier, mitten in den Alpen, habe ich mich dieser Herausforderung gestellt. Schritt für Schritt. Und ich habe sie gemeistert.
Im Moment selbst spüre ich das kaum. Die Anspannung ist zu groß. Der Weg verlangt meine ganze Aufmerksamkeit. Erst Tage später beginnt mir bewusst zu werden, was da eigentlich geschehen ist. Denn auch die kommenden Etappen verlangen weiterhin Konzentration – es warten noch einige schwierige Passagen auf mich.
So ist es oft auf diesem Weg: Während ich gehe, denke ich kaum darüber nach. Ich gehe einfach weiter. Und erst später erkenne ich, wie weit mich diese Schritte eigentlich gebracht haben.
Die Überquerung der Cheval Blanche ist für mich nicht nur der physische Höhepunkt dieser Wanderung, sondern auch ein emotionaler Meilenstein.
Noch vor zwei Jahren hätte mich allein der Gedanke an solche Passagen vor beinahe unlösbare Probleme gestellt.
Ich erinnere mich gut an das Jahr 2021, beim Walkabout durch Austria. Am Arlberg wäre ich beinahe gescheitert. Links vom Wanderweg fiel das Gelände steil zum Bach hinunter. Dieser Anblick war für mein Gehirn kaum zu verarbeiten. Der Blick in die Tiefe brachte alles ins Schwanken, und ich musste immer wieder die Augen schließen, um nicht schwindlig zu werden.
Auch Brücken, egal ob klein oder groß, bereiten mir bis heute Schwierigkeiten. Das leichte Schwanken, kombiniert mit den oft tiefen Abgründen darunter, bringt mich manchmal zum Innehalten. Dann stehe ich kurz still, sammle mich wieder und gehe erst weiter, wenn der Kopf bereit ist.
Und doch hat sich in den letzten acht Jahren unglaublich viel verändert. Durch unzählige Schritte, durch Geduld und kontinuierliche Rehabilitation habe ich gelernt, mit diesen Situationen immer besser umzugehen. Vieles, was früher kaum möglich war, gelingt heute wieder.
Ganz verschwunden ist diese Unsicherheit jedoch nicht. Sie kann jederzeit wieder auftauchen. Aber heute weiß ich: Auch dann kann ich weitergehen – Schritt für Schritt

Dank der Unterstützung von Sam und Matt und auch durch meine eigene, manchmal fast sture Willenskraft, ist etwas Wirklichkeit geworden, das lange Zeit unerreichbar schien. Die Besteigung der Cheval Blanche wurde zum krönenden Höhepunkt meiner bisherigen Reise durch die Alpen.
Eine Reise, die mein Leben verändert hat.
Vor acht Jahren, noch im Krankenhaus, setzte ich mir dieses Ziel. Damals war es kaum mehr als ein Gedanke, ein leiser Wunsch, der irgendwo in der Zukunft lag, so fern und eigentlich kaum zu Erreichen. Heute sind diese Bilder vom Krankenhaus Wirklichkeit geworden.
Dieser Moment erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und mit einer Freude, die sich kaum in Worte fassen lässt. All die Schritte, all die Mühen, all die Zweifel – sie haben mich bis hierher geführt.
Und doch ist da neben dieser Freude auch ein anderer Gedanke, der leise mitschwingt:
Was kommt jetzt?
Wenn ein Ziel, das einen so viele Jahre begleitet hat, plötzlich erreicht ist, entsteht auch ein neuer Raum. Ein Raum voller Fragen. Vielleicht aber auch voller neuer Wege.
Meine Handicaps sind damit nicht verschwunden. Sie begleiten mich weiterhin auf meinem Weg. Und doch hat sich etwas verändert.
Jetzt beginnt eine neue Phase. Eine Phase, in der es darum geht, ein neues Ziel zu finden und ihm eine Richtung zu geben.
Was macht mich wirklich glücklich und erfüllt?
Welche Fähigkeiten möchte ich noch weiterentwickeln?
Welche Ängste möchte ich noch überwinden?
Und welchen Beitrag kann ich zur Welt leisten?
Fragen, die mich in letzter Zeit immer öfter beschäftigen. Denn trotz meiner Behinderungen spüre ich deutlich: Ich möchte noch etwas tun.
Dass ich nicht mehr arbeiten kann, so wie früher, ist mir inzwischen bewusst geworden. Diese Erkenntnis war nicht leicht. Aber sie hat auch etwas geklärt. Jetzt geht es darum, etwas anderes zu finden. Etwas zu schaffen, das zu meinen heutigen Fähigkeiten passt.
Körperlich wird es wohl weiterhin das Weitwandern sein. Das Gehen ist und bleibt meine wichtigste Therapie. Doch auch der Geist möchte beschäftigt werden.
Das Wandern wird in meiner Zukunft eine besondere Rolle spielen. Und ich sehe meine Handicaps heute mit anderen Augen. Vieles hat sich verbessert. Meine Wahrnehmung ist stabiler geworden, sicherer als früher.
Was jedoch bis heute nicht zurückgekehrt ist, ist das automatische Gehen. Trotz der vielen tausend Kilometer funktioniert es nicht so wie früher. Gerade hier, auf dem HexaTrek, merke ich das besonders deutlich.
Die Wege sind oft schwierig – zumindest für mich. Mein Gehirn muss bei jedem einzelnen Schritt aktiv mitarbeiten. Ich denke jeden Tritt bewusst. Jeder Schritt braucht Aufmerksamkeit.
Ein Fehltritt ist keine Option.
Diese ständige Wachsamkeit verlangt eine besondere Form der Achtsamkeit. Der Kopf darf nie abschweifen. Immer wieder prüfe ich: Wo setze ich den Fuß? Wie liegt der Stein? Wie steil fällt der Hang ab?
Die Schwierigkeiten an der Cheval Blanche, wie eigentlich auf dem gesamten HexaTrek, liegen vor allem in den ausgesetzten und steilen Passagen. Für einen erfahrenen Bergsteiger mögen diese Stellen vielleicht harmlos wirken. Mancher würde darüber wohl nur lächeln.
Für mich jedoch ist der HexaTrek eine ultimative Herausforderung.
Von den schwersten Stellen habe ich keine Bilder. Fotografieren war dort für mich schlicht unmöglich.
Ich wollte durch nichts abgelenkt sein. In diesen Momenten zählt nur eines: volle Konzentration. Kein Griff zum Handy, kein kurzer Blick zur Seite.
Also ging ich weiter, Schritt um Schritt. Ganz bei mir, ganz beim Weg. Jeder Tritt musste sitzen.
Meine Dankbarkeit ist groß, diesen Abschnitt überhaupt in Angriff genommen zu haben. Und sie gilt auch Sam und Matt. Ohne sie hätte ich mich wohl nicht getraut, diesen Weg zu gehen.
Auf einem teilweise mit Seilen gesicherten Steig führt der Weg weiter in Richtung Chamonix. Dabei bewege ich mich die meiste Zeit auf etwa 2100 Metern Seehöhe. Die Landschaft ist beeindruckend, doch der Weg verlangt weiterhin Aufmerksamkeit. Schritt für Schritt geht es weiter.
In Chamonix nutze ich die Gelegenheit, mich neu auszurüsten. In einem der vielen Sportgeschäfte kaufe ich mir ein neues T-Shirt und einige Heringe für mein Zelt. Außerdem tausche ich meinen Spirituskocher gegen einen Gaskocher. Mit meiner eingeschränkten Feinmotorik ist dieser doch deutlich einfacher zu bedienen, als mit Spiritus zu kochen.
Am Campingplatz in Le Houches nehme ich mir Zeit für alles, was unterwegs kaputtgegangen ist. Ich repariere meine Ausrüstung und bereite mich auf die kommenden Etappen vor.
Größere Ortschaften werde ich in den nächsten Tagen kaum erreichen. Deshalb muss ich diesmal mehr Lebensmittel mitnehmen und entsprechend mehr Gewicht tragen. Doch auch das gehört zu diesem Weg dazu.
Mit Le Houches verbinde ich besondere Erinnerungen. Im Jahr 2002 war ich schon einmal hier. Damals filmte ich die Radzwillinge auf ihrer Nonstop-Tour von Graz zum Mont Blanc.
Als ich nun wieder durch diese Gegend gehe, kreuze ich sogar den Weg, den wir damals beim Aufstieg auf den Mont Blanc genommen haben. Alte Bilder tauchen auf, Erinnerungen an eine ganz andere Zeit meines Lebens.
Mit diesen Gedanken im Kopf gehe ich weiter. Die nächsten Kilometer gehören teilweise zur Tour du Mont Blanc, und stellenweise verläuft sie auf genau denselben Wegen.
So mischen sich Vergangenheit und Gegenwart. Erinnerungen von damals begleiten meine Schritte von heute.

Schön langsam beginne ich zu realisieren, was ich hier eigentlich geleistet habe. Das Gehen bereitet mir große Freude, und jeden Morgen kann ich es kaum erwarten, wieder auf dem Trail unterwegs zu sein.
Mein Tagesablauf in den Alpen bekommt nach und nach eine Routine. Genau diese Routinen helfen mir sehr. Sie entlasten mein Gehirn, weil nicht mehr alles neu überlegt werden muss. Viele Abläufe passieren immer gleich – und das gibt mir Sicherheit.
Im Moment fühle ich mich wohl. Vieles funktioniert.
An die langen An- und Abstiege gewöhne ich mich immer besser. Mein Körper hat sich angepasst, auch wenn meine Muskelschwäche sich kaum verbessert hat. Gehe ich in die Hocke, kann ich meist nicht mehr alleine aufstehen. Ich brauche etwas, an dem ich mich hochziehen oder festhalten kann.
In Supermärkten sieht das manchmal etwas seltsam aus. Aber das ist einfach so, und ich kann es nicht ändern.
Dafür hat sich etwas anderes deutlich verbessert: mein Atmen. Früher brachte mich schon die kleinste Steigung außer Atem. Heute ist das anders. Ich kann länger und ruhiger gehen, auch wenn der Weg bergauf führt.
Ab jetzt führt mich der Weg immer weiter nach Süden. Schritt für Schritt entferne ich mich vom Mont-Blanc-Gebiet.
Hin und wieder tauchen noch Schneefelder auf. Dort muss ich besonders vorsichtig sein. Das Gehen auf Schnee fällt mir nach wie vor schwer. Der Untergrund gibt nach, jeder Schritt fühlt sich unsicher an, und mein Gleichgewicht wird sofort stärker gefordert.
Eine weitere Schwierigkeit am HexaTrek sind die Wege selbst. Oft sind sie übersät mit Steinen und Felsen. Für viele Wanderer gehört das einfach dazu. Für mich bedeutet es jedoch, dass mein Gehirn bei jedem Schritt aufmerksam bleiben muss.
Jeder Tritt will genau gesetzt sein. Jeder Schritt verlangt Konzentration.
Achtsam jeden Schritt zu setzen, ist hier die wichtigste Voraussetzung. Doch genau das kostet viel Konzentration und Energie. Mein Blick bleibt meist am Boden, beim nächsten Tritt. Einen Ausblick in die Landschaft bekomme ich nur dann, wenn ich bewusst stehen bleibe.
Während des Gehens muss mein Gehirn bei jedem einzelnen Schritt bleiben. Abschweifen ist kaum möglich. Dadurch ist dieser Weg für mich um vieles anstrengender als jeder Camino, den ich bisher gegangen bin.
Eine meiner größten Sorgen war immer, in schwierigem Gelände plötzlich Doppelbilder zu bekommen. Genau das möchte ich vermeiden. Deshalb ist es für mich so wichtig, immer stabiler zu werden. Nicht nur hier in den Bergen, sondern auch später im Alltag – in der Stadt und überall sonst.
Die eigentliche Kunst besteht darin, mich an der Grenze meiner Möglichkeiten zu bewegen, ohne sie zu überschreiten. Und gleichzeitig diese Grenze Schritt für Schritt ein wenig weiter hinauszuschieben.
Am letzten Tag der Nordalpen gehe ich Nachmittags den Col du Galibier hoch. Der genaue Weg der GPS Daten ist nicht anzufinden, so gehe ich die ersten Kilometer die Straße hoch. Es ist ein eigenartiges Gefühl diesen Geschichtsträchtigen Berg zu Fuß zu erklimmen und nicht mit dem Rad. Diese Tage sind geprägt von der Tour de France, denn immer wieder quere ich bekannte Pässe, die ich großteils nur vom Fernsehen kenne.
Nach 5 Kilometern auf der Straße, wechsle ich auf den Bergpfad. Der weitere Aufstieg ist zäh. Ein kaum begangener und noch wenig sichtbarer Weg führt nach oben und oft geht es durch steiles Geröll, wo der Weg überhaupt nicht zu sehen ist. Mit dem Handy navigiere ich mich hier durch, wobei es oft kerzengerade den steilen Hang hoch geht.
Den Pass erreiche ich hoch über dem Tunnel und der Straße und klettere vorsichtig über die steilen Schotterwände ab. Das erste Gasthaus an der Straße hat geschlossen. Also gehe ich weiter in Richtung Tal, wo eine Herberge eingezeichnet ist. Doch auch dort habe ich kein Glück – sie ist ebenfalls geschlossen, und zwar endgültig.
So bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzugehen. Mein Weg führt mich nun in Richtung Col du Lautaret.
Mit dem Erreichen des Col du Lautaret habe ich die Nordalpen geschafft. Ein besonderer Moment auf diesem langen Weg.
Es ist bereits 18 Uhr, als ich oben auf der Passhöhe ankomme. Dort entdecke ich ein offenes Restaurant – ein kleiner Glücksfall nach diesem langen Tag. Ich gönne mir ein warmes Essen und lasse die Anstrengung langsam von mir abfallen.
Danach mache ich mich auf die Suche nach einem Biwakplatz in der Nähe. Ein ruhiger Platz für die Nacht, bevor am nächsten Tag ein neuer Abschnitt dieser Reise beginnt.
Am bisher kältesten Morgen auf dem HexaTrek beginne ich den Abschnitt durch die Südalpen. Der Col du Lautaret, immerhin auf etwa 2050 Metern, bildet die Grenze zwischen den beiden großen Alpenregionen.
Noch liegt vieles im Schatten, als ich mich auf den Weg mache. Die Luft ist frisch und klar. Erst langsam kommt die Sonne über die Berge und begleitet meine ersten Schritte in diesem neuen Abschnitt.
So beginne ich meinen Weg durch die Südalpen, weiter am Hexatrek.
Weiter geht´s im nächsten Blogbeitrag.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Die ersten 700 km des Hexatrek in Frankreich liegen hinter mir. Der erste Teil ist somit geschafft, mit den Vogesen und dem Jura.
Ich bin am Genfer See angelangt und jetzt warten die Alpen. Das Schreiben ist sehr anstrengend und mir fehlt die Tastatur, so gibt es nur einen kurzen Überblick.
Die Vogesen sind bereits ein absolutes Highlight meiner Reise. So viel Kultur und so viele Burgruinen wie hier habe ich noch nie erlebt. Obwohl ich eigentlich für mein Gehirn ein Sparprogramm verfolge, tut es unglaublich gut, mich intensiver mit der Geschichte und den Sehenswürdigkeiten dieser Region auseinanderzusetzen. Interessanterweise hatten auch die Habsburger hier ihre Finger im Spiel.
Die Wanderungen führen bergauf und bergab, oft durch dichte Wälder, die einen angenehmen Schutz vor der Sonne bieten. Ich biwakiere fast die ganze Zeit, was bedeutet, dass ich immer genug Wasser für die Nacht dabei haben muss. Dadurch ist mein Rucksack oft ziemlich schwer – meistens um die 10 kg und mehr.
Nach den Vogesen folgt der Fluss Doubs. Der Regenwald Neuseelands wirkt fast wie ein Vergleich in Sachen Schönheit.
Die unzähligen Grüntöne, die das Auge erfreuen, sind wahrhaft heilend. Moose und Flechten hängen von den Bäumen, und man fühlt sich wie in einem verzauberten Land.
Allerdings ist alles stets feucht und nass, besonders am frühen Morgen. Die Wahl des Zeltplatzes ist zwar entscheidend, bietet aber kaum Schutz vor der allgegenwärtigen Feuchtigkeit.

Im Jura entscheide ich mich längere Distanzen zurückzulegen und dafür mehr Wasser zu tragen. Es kommen mindestens 3 Liter zusammen, wodurch sich das Gewicht meines Rucksacks mit der Verpflegung auf über 10 kg erhöht. So viel habe ich seit meinem Hirnabszess kaum noch getragen.
Mit etwa 1600 Metern erreiche ich den höchsten Punkt im Jura. Von hier aus bietet sich eine atemberaubende Aussicht auf den Genfer See und die dahinterliegenden Alpen, mit dem majestätischen Mont Blanc im Hintergrund.
Meine Schuhe haben mittlerweile ihr Limit erreicht, und ich weiß, dass ich vor den Alpen neue brauche. Die Sohle ist stellenweise so dünn, dass sie sich bereits ablöst. Das zusätzliche Gewicht macht sich bemerkbar – sowohl an meinen Füßen als auch an den Schuhen.
Diese letzten acht Jahre, jeder einzelne Jakobsweg, das viele Gehen und das ständige Training für mein Gehirn – ich möchte keines dieser Erlebnisse missen. Manchmal mag mich vielleicht jemand schief anschauen wegen meiner Besessenheit, zu gehen. Doch jeder Schritt war notwendig, um an den Punkt zu kommen, an dem ich heute stehe.
Natürlich spüre ich noch immer die Auswirkungen der Halbseitenlähmung, den verlorenen Automatismus und die Muskelschwäche. Aber mittlerweile habe ich gelernt, damit zu leben. Ich gehe viele Dinge anders an, und oft wundere ich mich selbst, wie ich in vielem auf eine neue Weise funktioniere. Das einzige, was mir bleibt, ist, mich an ein Sprichwort zu halten:
„Es ist, wie es ist, weil es IST – und nicht, weil es gut ist.“
Mein anderes Schicksal, ein Pflegefall zu bleiben, war nur einen winzigen Schritt entfernt. Doch mein unbeugsamer Wille und die klare Entscheidung, zu leben, hielten mich davon ab, auf einen Rollstuhl angewiesen oder gar im Bett liegen zu bleiben.
Allmählich spüre ich wieder, was es heißt zu leben. ❤️🍀🙏

Im nächsten Teil werde ich dann über die Alpen berichten! Bis dahin auf Facebook und neuerdings auch wieder auf Instagram.
https://www.instagram.com/von0auf101
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Rückblick 2026: Diesen Artikel schrieb ich unmittelbar vor meinem Aufbruch zum HexaTrek im Juli 2024. Damals wusste ich noch nicht, wie mein Körper auf die langen Strecken, das anspruchsvolle Gelände und das zusätzliche Gewicht der Lebensmittel reagieren würde. Inzwischen habe ich den gesamten HexaTrek in sechs Etappen abgeschlossen. Hier erzähle ich von meinen damaligen Vorbereitungen, Erwartungen und Unsicherheiten.
Vor acht Jahren änderte sich mein Leben schlagartig. Ein Hirnabszess brachte mich an den Rand des Lebens. Plötzlich musste ich alles neu lernen. sprechen, denken, die Bewegung und vor allem, Gehen.
Die Rehabilitation war lang und oft mühsam. aber sie lehrte mich auch, das Leben und jede einzelne Bewegung zu schätzen.
Heute, viele Jahre später, beginnt für mich eine neue Herausforderung. Dieses Abenteuer bringt mich, im Idealfall, 3000 km durch die atemberaubenden Landschaften der Vogesen, der Alpen und Pyrenäen – der Hexatrek, durch Frankreich.
Dieser Weitwanderweg durch Frankreich wurde 2022 gegründet und ich möchte euch einen Einblick in meine Vorbereitung geben, von der Ausrüstung bis zur mentalen Einstellung. Das ist nicht nur eine Reise durch wunderschöne Landschaften, sondern auch ein wichtiger Teil meiner Rehabilitation und meiner persönlichen Entwicklung.

Die Entscheidung den Hexatrek zu wandern, kam mir über Nacht. Nach Jahren intensiver Therapie und vieler kleiner Fortschritte fühle ich mich bereit für ein neues Abenteuer.
Meine bisherigen Caminos und Wanderungen in den letzten Jahren hatten jede ihren eigenen Zweck, so auch diese. Ich leide unter bleibenden Behinderungen, die mein Nervensystem, mein Gleichgewicht und meine Merkfähigkeit beeinträchtigen. Ich versuche was geht, Verbesserungen zu erzielen.
Rehabilitation und Leben unter einen Hut zu bringen, stellt eine enorme Herausforderung dar. Präferiere ich eines, leidet darunter das Andere und ich gerate aus meiner Mitte, daher soll beides sein. Es ist ein langer Prozess, in dem ich langsam Vertrauen in meinen Körper zurückgewinne.
Nicht mehr arbeiten zu können, war für mich eine der größten Herausforderungen. Die Arbeit war für mich nicht nur Beschäftigung, sie war Aufgabe, Struktur, Sinn. Ich habe sie gerne gemacht, mit Hingabe, mit Freude. Und doch musste ich lernen, dass sie nicht alles im Leben ist.
So wie das Gehen für mich eine neue Bedeutung bekommen hat, musste auch die Arbeit ihren Platz neu finden. Früher definierte ich mich über das Tun, über Leistung, über das, was am Ende eines Tages sichtbar war. Seit der Krankheit aber wurde mir bewusst, dass der Wert eines Menschen nicht nur im Arbeiten liegt. Es war ein innerer Wandel, der Zeit brauchte. Ein Loslassen von dem, was einmal selbstverständlich war.
Heute weiß ich: Arbeit ist wichtig, aber sie ist nicht das Leben selbst. Das Leben findet auch im Innehalten statt, im Annehmen, im Sein.

Der Hexatrek – ein noch wenig bekannter Weitwanderweg quer durch Frankreich – ist für mich jetzt genau das Richtige. Er ist nicht nur eine Strecke auf der Landkarte, sondern eine neue Etappe auf meinem Weg. Eine Herausforderung, ja. Aber auch eine Chance.
Eine Chance, meine Fortschritte sichtbar zu machen. Schritt für Schritt. Höhenmeter für Höhenmeter. Was ich mir in den letzten Jahren mühsam erarbeitet habe, darf sich dort bewähren. Auf langen Anstiegen, in einsamen Tälern, auf schmalen Pfaden.
Der Hexatrek fordert. Er verlangt Ausdauer, Konzentration und Vertrauen in den eigenen Körper. Gerade deshalb zieht er mich an. Denn jede Herausforderung ist auch eine Möglichkeit, weiterzugehen – im wahrsten Sinn des Wortes. Meine Fortschritte nicht nur zu bewahren, sondern sie zu festigen.
Das Wandern hat mich auf eine Weise zurück ins Leben geführt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Anfangs war es einfach ein Mittel, um gehen zu lernen, aus dem Haus zu kommen und meinen Körper zu bewegen. Es ist noch immer die beste Rehabilitation - Gehen als Therapie.
Doch bald merkte ich, dass das Wandern viel mehr ist, als nur eine körperliche Betätigung. Es wurde zu einer Therapie für die Seele und einer Möglichkeit, den Geist zu beruhigen und den Kopf freizubekommen.
Mit jedem Schritt den ich mache, fühle ich mich der Natur und mir selbst näher. Die sanften Hügel, die rauschenden Bäche und die weiten Felder – sie alle haben eine beruhigende Wirkung auf mich und therapieren meinen Körper.

Das alles erinnert mich daran, dass das Leben auch außerhalb meiner eigenen vier Wände weitergeht und dass es überall Schönheit und Freude zu finden und erleben gibt. Die Natur ist meine Medizin und mit jedem Weg finde ich mehr und mehr Vertrauen in mich.
Das Wandern bietet mir die Möglichkeit, mich wieder lebendig zu fühlen und das mit oder trotz Behinderung. Ich kann den Alltag hinter mir lassen und lebe im Moment. Diese Präsenz im Hier und Jetzt ist für mich von unschätzbarem Wert und kann ich in der Natur noch besser ausleben.
Noch habe ich Probleme damit, an die Vergangenheit oder in die Zukunft zu denken. Den Moment zu leben, ist für mich die einzige, aber auch die beste Möglichkeit.

Das Wandern rückt die innere Ruhe in den Vordergrund, die sich nur dann einstellt, wenn ich im Einklang mit mir selbst und meiner Umgebung bin.
Durch den Hirnabszess habe ich gelernt, dass das Leben aus vielen kleinen Schritten besteht. Jeder einzelne mag unscheinbar erscheinen, doch in ihrer Gesamtheit ergeben sie einen Weg, der mich weiterbringt.
Manchmal ist es ein steiniger Pfad, manchmal eine sanfte Wiese – jeder Weg kann eine Metapher sein, für den eigenen Weg. Jeder Weg hat seine eigene Schönheit und seinen eigenen Wert. Das Wandern hat mir geholfen, wieder Vertrauen in mich selbst und in das Leben zu finden.
Wandern hat mir gezeigt, dass es immer einen Weg gibt, auch wenn er nicht immer geradeaus führt. Diese Erkenntnis gibt mir Kraft und Zuversicht, auch die Herausforderungen des Alltags zu meistern, so wie ich sie auf meinen Weitwanderwegen meisterte.

Eine so lange Wanderung erfordert eigentlich eine sorgfältige Planung, besonders mit meiner Vorgeschichte. Mein Gehirn lässt aber seit dem Hirnabszess kein detailliertes Planen mehr zu. Die Erfahrung aus den letzten Jahren lässt mich leichter damit umgehen.
Die Entscheidung, es zu versuchen, kam mir erst vor 14 Tagen. Die Hexatrek-App und ein paar YouTube-Videos, in denen Wanderer ihre Tipps und Erfahrungen teilen, haben mir geholfen, mich auf diesen Weg vorzubereiten.
Der Hexatrek ist kaum mit meinen bisherigen Wegen vergleichbar. Die oft große Höhenlage, Ausgesetztheit und das oftmalige Zelten machen es für mich unberechenbar, gleichzeitig aber auch interessant, wie mein Körper reagieren wird. Die optimale Ausrüstung wird eine wichtige Rolle spielen.

Die Wahl der richtigen Ausrüstung ist entscheidend. Ich achte darauf, dass meine Ausrüstung leicht und funktional ist, um meinen Körper nicht unnötig zu belasten. Es geht durch viele verschiedene Höhenlagen und Klimazonen, daher lege ich auf die Ausrüstung einen besonderen Augenmerk.
Das Basisgewicht beträgt 5 kg. Dazu kommen Nahrungsmittel und Wasser, die immer variieren.
Hier eine Liste der wichtigsten Gegenstände, die ich mitnehmen werde:
Zur Ausrüstungsliste auf lighterpack geht's hier.
Ein 3000 km langer Trek erfordert eine gute körperliche Verfassung. In den letzten Monaten, nach der Via de la Plata in Spanien, habe ich mein Training, bzw. meine Rehabilitation intensiviert. Regelmäßige Wanderungen und Gleichgewichtstraining haben meinen Körper auf die bevorstehenden Herausforderungen (hoffentlich) vorbereitet.
Seit meinem Hirnabszess und den folgenden Jahren der Rehabilitation habe ich unermüdlich daran gearbeitet, Kraft und Ausdauer aufzubauen. Allerdings mehr Ausdauer, denn durch die Muskelschwäche bin ich in der Kraft limitiert. Darum werden die vielen langen Anstiege eine Herausforderung.
Im therapeutischen Tanzen konnte ich, wie die Jahre zuvor, interessante neue Aspekte gewinnen, die mir auf diesem Weitwanderweg helfen werden. Ohne die Tanztherapie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.
Es ermöglicht mir, mit diesem Leben immer besser zurechtzukommen und hat mir durch die Pandemie geholfen. Ich lernte unter anderem, mich, mit gestörter Tiefensensibilität und Nervensystem, besser zu bewegen. Keine andere Therapie konnte mir bisher so viel vermitteln.

Es ist mir eine Freude, mich im Tanz selbst wiederzuentdecken. Unter Anleitung meiner Therapeutin Hanna Treu, konnte ich in den letzten Jahren enorme Verbesserungen machen, die mir kaum wer zugetraut hätte.
Diese neu gewonnene Selbstwahrnehmung hat mir eine Lebensqualität beschert, die ich so nicht erwartet habe. Es bleibt ein tägliches Arbeiten an mir.
Für den Hexatrek wird es besonders wichtig sein, mich schrittweise an das Tragen eines schweren Rucksacks zu gewöhnen – soweit es meine Muskelschwäche eben zulässt. In den letzten Jahren war das schlichtweg nicht möglich. Doch auch diesmal werde ich wieder im Leicht- oder Ultraleicht-Modus unterwegs sein. Nur so ist diese Herausforderung für mich überhaupt machbar.
Der Hexatrek ist in sechs Abschnitte unterteilt. Diese führen durch verschiedene Landschaften Frankreichs:
Jeder Abschnitt hat seine eigenen landschaftlichen Highlights und Herausforderungen.
Neben der körperlichen Vorbereitung spielt die mentale Vorbereitung eine entscheidende Rolle für den Ausgang eines solchen Unternehmens. Ich habe zu lernen, mit meinen Ängsten umzugehen und Vertrauen in meine Fähigkeiten zu gewinnen. Meditation und Achtsamkeitstraining helfen mir, inneren Frieden und Klarheit zu finden.
Für mich ist das mentale Training ebenso wichtig wie die körperliche Vorbereitung – gerade mit Blick auf meine gesundheitlichen Herausforderungen. Vor kurzem war ich auf einer Probetour unterwegs, um zu testen, wie ich mit ausgesetzten Stellen zurechtkomme. Es ging auf den Lugauer – ein Berg, der sich als ideales Testgelände erwies.
Vor zwei Jahren stand ich an derselben Stelle und musste damals umkehren. Die Ausgesetztheit hatte mir damals noch starken Drehschwindel bereitet. Diesmal war das Unbehagen zwar noch spürbar, aber ich habe die Passage gemeistert – bergauf wie bergab.
Solche Touren nutze ich, um herauszufinden, wie mein Körper und mein Geist in herausfordernden Situationen reagieren. Schritt für Schritt lerne ich mich neu kennen.








Eine der größten mentalen Hürden ist das Aufbauen und Bewahren von Selbstvertrauen. Seit meinem Hirnabszess habe ich oft Zweifel an meinen Fähigkeiten und meiner Belastbarkeit.
Durch das Wandern habe ich jedoch gelernt, dass ich mehr erreichen kann, als ich oft glaube. Jeder erfolgreich gemeisterte Abschnitt stärkt mein Vertrauen in mich selbst.

Lange Wanderungen erfordern ein hohes Maß an Durchhaltevermögen. Es gibt Tage, an denen ich müde und erschöpft bin. In solchen Momenten ist es wichtig, die innere Stärke zu finden, um weiterzumachen.
Das Wandern hat mich gelehrt, dass es in Ordnung ist, Pausen einzulegen und sich Zeit zu nehmen, um wieder Kraft zu schöpfen. Diese Erkenntnis hilft mir auch im Alltag, Herausforderungen gelassener anzugehen und Rückschläge als Teil des Weges zu akzeptieren.
Eine Wanderung bietet die perfekte Gelegenheit, Achtsamkeit zu üben. Durch die ständige Bewegung in der Natur und das bewusste Erleben der Umgebung kann ich meine Gedanken beruhigen und mich auf den Moment konzentrieren.
Achtsamkeit hilft mir, Stress abzubauen und die Schönheit des Augenblicks zu genießen. Diese Praxis hat auch meine allgemeine Lebensqualität verbessert und mir geholfen, eine positive Einstellung zu bewahren.
Angesichts meiner gesundheitlichen Situation habe ich manchmal mit Ängsten und Unsicherheiten zu kämpfen. Das Wandern lehrt mich, diese Gefühle zu akzeptieren und ihnen nicht die Kontrolle zu überlassen.
Indem ich mich Schritt für Schritt vorwärts bewege, lerne ich, meine Ängste zu überwinden und mich auf das zu konzentrieren, was ich kontrollieren kann. Diese Fähigkeit überträgt sich auch auf andere Bereiche meines Lebens und gibt mir die Kraft, mich neuen Herausforderungen zu stellen.
Ängste treten vor allem in der Stadt auf und überall wo viele Menschen sind. Ich bin dann in einem Daueralarmzustand, aus dem ich kaum raus kann. Diese erhöhte Anspannung ist natürlich nicht gesund.
Ich möchte deshalb einerseits meinen Körper kontrollieren lernen, andererseits, das Gegenteil von Kontrolle, ist Vertrauen. Beim Gehen in der Natur kann ich beides üben und verbinden, Kontrolle und Vertrauen in mich finden. Die richtige Balance zwischen beidem zu finden, ist mir wichtig. Dann wirds auch in der Stadt für mich leichter.

Während des Wanderns finde ich eine innere Ruhe, die ich im Alltag oft vermisse. Die Natur bietet einen Rückzugsort, an dem mein Körper entspannen kann und das Nervensystem beruhigt.
Ich brauchte fast vier Jahre, bis mein Ruhepuls von 85 im Krankenhaus, auf knapp über 50 heute, gesunken ist. Das viele Gehen und Ausdauertraining hat dazu entscheidend beigetragen.
Der Hexatrek wird sicherlich eine der größten Herausforderungen der letzten Jahre und wird weitere wichtige und lohnende Erfahrungen beinhalten. Er wird mir Erfahrungen bringen, die mich im Leben erneut weiter voranbringen werden.
Abenteurer und Entdecker von mir selbst bin ich seit dem Hirnabszess geworden und dazu verhelfen mir meine Reisen und Pilgerwege. Mit der richtigen Vorbereitung und der notwendigen mentalen Stärke bin ich zuversichtlich, dass ich auch dieses Abenteuer erfolgreich meistern und eine Menge dazulernen werde.
Ich freue mich darauf, meine Erfahrungen und Erlebnisse mit euch zu teilen. Bleibt dran für Updates hier im Blog (abonnieren) und auf Facebook. Folgt mir auf diesem spannenden Weg, der wieder ein wichtiger Schritt für mich ins Leben ist. Das Gehen gibt mir Freude und auf diese Art kann ich wieder zu mehr Kontakt zu meinen Mitmenschen kommen.
Es wird nie mehr wie früher sein, aber wichtig ist, dass ich immer einen Sinn im Leben und damit auch Freude daran finde.
Aus meinen damaligen Plänen wurde eine lange Wanderung durch Frankreich. 2024 legte ich auf den ersten vier Etappen rund 2.000 Kilometer zurück. 2026 kehrte ich zurück und beendete die beiden letzten Etappen durch die Pyrenäen.
Alle sechs Reiseberichte findest du auf meiner HexaTrek-Übersichtsseite.
Jetzt online, der 2.Teil meines Interviews für "Menschen im Porträt". Einige Zeit nach dem ersten Interview, habe ich mich nochmals mit Markus Leyacker-Schatzl getroffen, um auf verschiedene Fragen näher einzugehen, was im ersten Teil oft nur angerissen wurde.
Darunter, warum mir der Walkabout durch Österreich so wichtig war, das Pilgern am Jakobsweg, aber auch andere Anekdoten aus sieben Jahre Rehabilitation.

So offen habe ich über meine Krankheit und das danach, noch kaum mit jemandem gesprochen, als mit Markus. Es hat auch lange genug gedauert, bis ich für ein Interview bereit war.
Folgend der neue 2. Teil und darunter nochmals der 1.Teil.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Abenteurer zu sein, begleitet mich schon mein ganzes Leben. Doch der Hirnabszess eröffnete mir eine neue Dimension, mit der Erkenntnis, im Abenteuer das Leben wieder neu zu entdecken, das Abenteuer der Selbstentdeckung.
Mein aktuelles Abenteuer besteht darin, mich selbst zu erforschen und verstehen zu lernen. Denn wenn das Gehirn plötzlich anders funktioniert als die 50 Jahre zuvor, habe ich selbst das Einfachste neu zu entdecken. Diese Reise führte mich zum Pilgern und Weitwandern, was mich zu meinem Ursprung brachte.

Die letzten sieben Jahre fühlten sich oft wie ein endloser Kampf an. Der Weg zur Heilung forderte meine gesamte Kraft und ich war oft am Limit. Es gab Tage, an denen ich nicht wusste, woher ich die Energie nehmen sollte, um weiterzumachen. Doch eines war mir immer klar: Ohne diesen unermüdlichen Einsatz wären die Folgen des Hirnabszesses weitaus gravierender gewesen.
Im Jahr 2017 riet mir eine Ärztin sogar, ich solle zurückschalten, meine Behinderung endlich akzeptieren, denn es wird nicht mehr besser werden, da die neurologischen Defizite zu groß seien. Doch ich weigerte mich, das zu tun.
Diese Worte trafen mich tief, aber sie entfachten ein Feuer in mir. Statt aufzugeben, entschied ich mich, weiterzukämpfen und das Beste aus meiner Situation zu machen, ganz getreu meinem Motto:

Manchmal liegt mein Fokus eben nicht auf vollständiger Heilung, sondern darauf, die Behinderung anzunehmen, mich anzupassen und so ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die Förderung solcher Lebenskompetenzen ist nicht nur gesundheitsfördernd, sondern auch zutiefst heilend. Positive Erfahrungen und gut abgestimmte Maßnahmen sind dabei von entscheidender Bedeutung.
Nicht immer gelingt es mir, manchmal falle ich in eine Phase, wo mir scheinbar nichts gelingt. Dann durchschreite ich ein Tal, wobei ich mir nur bewusst sein muss, dass auf der anderen Seite wieder ein Weg herausführt.

Abenteuer, in all seinen Variationen, bekommt eine ganz neue Bedeutung. Der gezielte Einsatz solcher Erlebnisse, angepasst an den jeweiligen Menschen, kann heilende und gesundheitsfördernde Wirkungen haben.
Eines dieser Abenteuer sind meine oft wochenlangen Weitwanderungen oder Pilgerfahrten, es können aber auch Abenteuer bei mir zu Hause ums Eck sein. So taste ich mich in kleinsten Schritten vorwärts und bin stolz auf mich, wenn ich wieder etwas erreicht habe. Wobei mir immer wieder bewusst wird, der Weg ist das Ziel.
Solche, oft kleine Erfolge, passieren am Weg und es war mir letztens zum Beispiel nicht wichtig, Spanien von Süd nach Nord zu durchqueren. Nur 170 km vor diesem vermeintlichen Ziel, bog ich nach Finesterre ab. Hier wurde es mir so richtig bewusst, der Weg ist das Ziel, nicht ein Ort oder etwas für das Ego.

Eine innere Stimme flüstert mir oft: "Nimm die einfachste Variante!". Aber ich habe gelernt, dass ein freies Leben Disziplin, Aufmerksamkeit und Offenheit erfordert, was nicht immer die einfachste Variante beinhaltet. Meine Wanderungen zeigen mir, wie wahr Friedrich Nietzsches Worte sind: "Wer ein Warum zu ertragen hat, erträgt fast jedes Wie!". Dieser innere Antrieb treibt mich vorwärts, weil ich weiß, was hinter diesem Wie, mich näher zum Warum bringt. Das Wie brauche ich selten zu hinterfragen, kommt aber natürlich auch mal vor.
Das Leben hat das Potenzial, zutiefst sinnvoll zu sein, wenn man > nicht < den Weg des geringsten Widerstandes wählt. Die wahre Herausforderung liegt dann darin, aus meinen Erfahrungen einen Sinn zu ziehen. Denn Abenteuer mache ich für neue Erfahrungen und die sollen einen Sinn beinhalten.
Falle ich zu tief in Gewohnheiten, schränkt es mich in meiner Freiheit und Unabhängigkeit ein. Es ist ein Balanceakt, entlang dieses Grates zu gehen. Mein Gehirn funktioniert zwar leichter mit Gewohnheiten, aber nicht immer ist das gut.

Brauche ich all diesen vermeintlichen Luxus und Komfort? Nein, denn am glücklichsten fühle ich mich im Zelt, auch bei Regen, mit nur 5 kg im Rucksack. Dort habe ich alles, was ich wirklich brauche. Es überkommt mich oft eine tiefe, einfache Glückseligkeit. Es entsteht eine andere Bewusstheit, wenn man sich so reduziert. Durch diese Reduktion lässt es mich das wirklich wesentliche erkennen.
Wenn ich stundenlang durch die Natur gehe, erlebe ich viele Abenteuer, die mir das Wesentliche im Lebens lehrt. Denn Leben lernen, steht für mich in der Rangliste ganz oben. Die Natur spricht oft in Metaphern und lehrt mir Weisheiten, für die ich bereit bin, zuzuhören. Es ist eine Weisheit, die ich in der Stadt nie erfahren könnte.
Seit der Via de la Plata kann ich erstmals seit vielen Jahren, an meinen Haupttraumen arbeiten. Mit Beginn der Pandemie 2020, wurde meine Traumatherapie eingestellt.
Mit dem therapeutischen Tanzen wurden einige Themen bearbeitet. Einigen verweigerte ich mich aber. Seit meiner Rückkehr vom Camino habe ich die Kraft, mich diesen Themen zu widmen. Es bleibt mir nicht langweilig!
Für die YouTube Serie, "Menschen im Porträt", von Markus Leyacker Schatzl, habe ich mich letztes Jahr bereit erklärt, nach langer Zeit, vor die Kamera zu treten. 2017 gab es einen Beitrag von Puls4, wo ich mit meinen Handicaps noch sichtlich zu kämpfen hatte. Das war einer der Gründe, dass ich ein längeres Interview bisher immer abgelehnt hatte.
Besonders die Wortfindungsstörungen waren unangenehm. Ich vergaß oft mitten im Satz, worüber ich weiter sprechen wollte oder vergaß einzelne Wörter im Satz. Deswegen hatte ich alles abgelehnt, was mit einer Kamera zu tun hatte.
Markus hat mich schon vor einigen Jahren das erste Mal gefragt, aber ich fühlte mich nicht bereit dazu. Für ein längeres Interview fehlte mir die Konzentrationsfähigkeit und mich entsprechend ausdrücken zu können.
Einen Wendepunkt brachte eine Einheit beim therapeutischen Tanzen, vor zwei Jahren. Damals verbesserte sich meine Wahrnehmung und für einige Minuten konnte ich mich, gefühltermaßen ohne Denken, bewegen. Es hatte großen Anteil daran, es zu versuchen.
Ich habe aber auch Markus zu danken, für seine verständnisvolle Art mich zu Interviewen. Die Unterhaltung ließ mich die Anwesenheit einer Kamera vergessen und war wie ein Gespräch im Kaffeehaus.
Das Ergebnis kann man hier anschauen:
Ich hoffe, es kann ein bisschen vermitteln, was ich in den letzten Jahren alles erlebt habe und eigentlich noch immer erlebe. Mit dem Gehen habe ich mir etwas erarbeitet, was mein größter Wunsch war. Es ermöglicht mir das Abenteuer Leben, mit all seinen Facetten, neu zu entdecken. In gewisser Weise bin ich wie ein Kind, daß genauso wie ich, das Leben entdecken möchte.
Der vielleicht irreführende Titel meint, ich sei um die Welt gegangen. Das bin ich natürlich nicht, sondern ich bin seit 2016 rund 45.000 Kilometer in Summe gegangen. Das wäre einmal am Äquator rundherum, was über 40.000 Kilometer wären.
Sehr viel bin ich in meiner Heimat gegangen und rund 16.000 Kilometer auf Pilgerwegen und Fernwanderungen. Ich habe meine Automatik verloren und die millionenfachen Wiederholungen, helfen mir Gehen zu können. Tue ich nichts, bildet sich alles schnell zurück.
So lange es brauchte und so schwer es war, wieder gehen zu lernen, so wartet jetzt ein noch größeres Abenteuer auf mich, nämlich LEBEN zu lernen.

„Das größte Abenteuer, das du haben kannst, ist das Leben, das du dir erschaffst.“
Unbekannt
Nach 1.430 Kilometer habe ich meinen Camino über die Via de la Plata von Tarifa nach Santiago bis nach Finesterre abgeschlossen. Es fühlte sich für mich richtig an, nicht mehr in den Norden weiterzugehen, um Spanien von Süd nach Nord zu duchqueren, ich wollte den Weg in Finesterre enden lassen. Die Durchquerung ist mir nicht mehr wichtig gewesen, sondern nur was mir gut tut und was sich richtig anfühlt.
Die Via de la Plata ist für mich die anstrengendste aller großen Caminos in Spanien geworden. Sie ist der Inbegriff für Gehen, große Distanzen und so habe ich es auch erlebt. Für 6 -7 Stunden alles Wasser mithaben und die Verpflegung organisieren, macht den Rucksack dementsprechend schwer.

Das ich nach dem Hirnabszess überhaupt hier stehen und gehen konnte, dass habe ich vielen Menschen zu verdanken. Zunächst all die Menschen im Krankenhaus, von denen ich, bis auf wenige Ausnahmen, nicht einmal die Namen kenne. Eine ist meine damalige Ergotherapeutin Kerstin, sowie den Krankenschwestern und Pflegern auf der Neurologie Station. Weiters danke ich allen meinen Freunden, die mich von Anfang an unterstützten und besonders meiner Familie, die mir sehr viel ermöglichte, besonders in den letzten Jahren.
Dazu gehören auch die vielen PilgerInnen, die einen großen Anteil daran haben, denn mit jedem Pilgerweg konnte ich ein Stück mehr am Leben wieder teilnehmen.
Ohne all diese Menschen wäre ich heute nicht dort, wo ich jetzt bin. Wenn ich zurückblicke auf die vergangene Zeit der letzten acht Jahre, dann kommen mir in erster Linie solche Erinnerungen, die ich mit Menschen erlebt habe. Ich bin den Großteil meiner Zeit alleine unterwegs und verbringe die meiste Zeit meines Trainings alleine, trotzdem fallen mir immer Situationen als erstes ein, wo ich mit Menschen zu tun hatte. Jedem Einzelnen Danke dafür!
Die Via de la Plata wurde ein riesiges Dankeschön an alle meine Caminos bisher, die mir seit dem Hirnabszess das Leben wieder näher bringen. Jeder dieser Caminos ist ein kleiner Baustein in meiner Rehabilitation, wo ich keinen einzigen Tag vermissen möchte.
Der Camino und die Tanztherapie sind das, was meinen Körper und Geist wieder zusammen gebracht hat. Die beiden ergänzen sich so toll, dass ich nicht wüsste, was ich anderes oder noch dazu machen könnte.
Ab Sevilla beginnen die langen Geraden. Die erste Teilstrecke von Tarifa habe ich ja schon im vorangegangenen Blog (Die Via de la Plata, endlich wieder unterwegs!) beschrieben. Hier machen die oft großen Abstände zwischen den Ortschaften und Herbergen sie zu einer besonderen Herausforderung.
Kaum Wasserstellen und lange Distanzen konnte ich ein wenig damit umgehen, dass ich bereits Mitte Februar startete. Das kältere Wetter erleichtert einiges, gegenüber im späteren Frühjahr oder gar im Sommer. In der Hochebene war es gleich kühler, als zuvor am Meer.
Es nicht wie am Camino Frances, wo es alle fünf bis zehn Kilometer eine Bar oder Wasserstellen gibt. Immer wieder muss man sich für sechs, sieben Gehstunden oder länger, selbst vorsorgen, Wasser und Verpflegung. Selbst im Winter trägt man oft drei bis vier Liter Flüssigkeit mit sich.
Es ist ein Gehen mit sich selbst. Man wird auf sich selbst zurückgeworfen, was ein oft meditatives Gehen wird. Dadurch wurde es für mich auch ein großes Dankeschön für die letzten Jahre. Am Camino habe ich wieder Gehen gelernt und konnte mich Jahr für Jahr immer mehr in kleinen Schritten ans Leben gewöhnen, wie ich es zu Hause nie machen hätte können.
Außerdem hatte ich auf diesen langen Geraden genug Zeit zum Reflektieren, was in den letzten Jahren geschehen ist. Es tut gut, wenn man weiß, wo man herkommt und nichts für selbstverständlich hält. Die verlorene Automatik macht das Gehen auch nach acht Jahren noch schwer, aber ich lernte immer besser damit umzugehen.
Der Tag war bis auf den Anfang verregnet, daher war ich im Nachhinein froh, an einem Tag von Salamanca nach Zamora zu gehen, denn die vielen Flussdurchquerungen sind bei noch höherem Wasserstand noch viel unangenehmer oder müssen umgangen werden. Es gibt meistens keine erhöhten Steine zum Darüber kommen. Viele Pilger ziehen jedes Mal die Schuhe aus, wenn sie zu einer Wasserfurt kommen. Ich mit meinen Turnschuhen ging einfach hindurch, denn nasse Füße hatte ich durch den Regen ja sowieso schon.
Gefühlt trockneten sie bis zur nächsten Furt, wo alles von vorne begann. Es waren bestimmt zehn an der Zahl, die tiefer waren. Vormittags kam ich an einem richtigen Fluss vorbei, der noch ein Rinnsal und eigentlich einfach zu bewältigen war. Die Pilger am nächsten Tag standen vor einem einen Meter höheren Fluss und mussten einen großen Umweg über die Straße machen, wie mir Fotos zeigten.
Bereits im Finsteren unterwegs, begann es zu Hageln und kurz darauf zu Schneien. Durch Schlamm, Überflutungen und die Nacht suchte ich meinen Weg nach Zamora. Um halb zehn Uhr Abends erreichte ich mein Hotel. Ich buchte es von Unterwegs aus über Booking.com, und normalerweise ist die Lage darin genau angegeben. Ich kopierte die Adresse in Google Maps und ließ mich vom Handy hinführen.
Am angegeben Punkt stand ich aber auf einer mehrspurigen Straße im Nichts. Dort kam ich drauf, dass nur die Straße angegeben war und die leider am verkehrten Ende. Wäre ich normal auf geraden Weg direkt zum Hotel gegangen, hätte ich mir mehrere Kilometer Umweg erspart.
Am Ende des Tages standen dann 75 Kilometer zu Buche, was geschlossenen Herbergen, überteuerten Hotels und dem Umweg am Schluss geschuldet war. An der ersten und einzigen offenen Herberge nach über 30 Kilometer bin ich vorrüber gegangen, was im Nachhinein ein Fehler war.
Die folgenden Tage waren eigentlich wie in der Meseta, die ich vom Camino France kannte. Nur leicht auf und ab, meistens lange Geraden. Unterwegs traf ich auf den 71-jährigen Amerikaner Marlin, der mit 67 Jahren den Appalachen Trail gegangen ist. Zum ersten Mal konnte ich mit jemanden sprechen, der diesen Weg selbst gegangen ist und bin nicht auf Berichte im Internet angewiesen. Es wurden interessante Gespräche.
Zusammen mit Sema aus der Schweiz, bildete sich eine kleine Gruppe, die oft zusammen blieb und die zwei höheren Berge an der Grenze zu Galizien in Angriff nahm. Auf den Höhen von 1400 m lag Schnee und besonders der zweite Berg war eine Herausforderung. Der in den letzten Tagen gefallene Schnee knickte viele Bäume um und der Weg war oft ein Bachbett, unter dem Schnee.
In diesem Wirrwarr kletterten wir nach oben, mit nassen Schuhen und teilweise im Regen. Wir waren jetzt in Galizien und mit jedem Meter auf der anderen Seite bergab, wurde es grüner und wärmer.
Für diesen Weg verwendete ich die Hoka Speedgoat 5 Goretex. Im Nachhinein war es nicht die richtige Wahl, aber die Passform ist trotzdem einmalig. Das Prolem war, dass ich in relativ großer Tageshitze im Süden gestartet bin und in den Winter gegangen bin. Mit so einer Wärme am Anfang habe ich nicht gerechnet und dafür war Goretex nicht geeignet. Erst nach 1000 Kilometer kam ich in die Schneebedeckten Berge, da war allerdings das Goretex bereits kaputt und undicht.
Die ersten Risse bekamen die Schuhe bereits nach 400 Kilometer, die in Folge immer größer wurden. Der Weg war gerade am Anfang sehr anspruchsvoll für das Material und der Verschleiss begann früh. Mit Klebeflicken für ein Zelt und Superkleber versuchte ich die Risse klein zu halten, bzw. das Auseinanderreissen zu verhindern.
Sie waren zwar nicht mehr wasserdicht, aber ich konnte noch bis zum Schluss gut darin gehen. Auch die Sohle hat gut gehalten, immerhin hatte der Schuh am Schluss rund 1500 km drauf.

Im großen und ganzen konnte ich zufrieden sein, trotzdem habe ich eine Menge dazugelernt. Die lange Unterhose hätte ich mir sparen können oder in Kombination mit einer dünneren Wanderhose. Meine Karpos Hose war an vielen Tagen ein bisschen zu warm und da werde ich mir für die Zukunft noch was überlegen.
Den Decathlon Anorak tauschte ich auf dem Hinweg in Malaga noch aus. Im dortigen Shop war ein Angebot des mit Daunen gefüllten. Der große Vorteil ist das Packmaß und das Gewicht, bei etwa gleicher Wärmeleistung, gegenüber der Kunststoff Füllung. Bei 370 zu 290 gramm und um nur € 50,- brauchte ich nicht lange überlegen. Da ich den Anorak oft nur am Abend brauchte und den Rest des Tages im Rucksack verstaute, brachte mir die Daune einen großen Vorteil.

Die Wrightsocks Socken sind zwar hervorragend zum Tragen, aber sie verschleissen doch recht schnell. Das eine Paar, welches ich mit hatte, war nach 500 Kilometer kaputt. Als zweites Paar hatte ich Darn Tough mit, die ja eine lebenslange Garantie bieten. Sie bewährten sich gut, später abwechselnd mit einem Paar doppellagiger Socken von Decathlon, die ich unterwegs erstand.
Zwei extraleichte Leibchen von Salomon, eines um die 90 gramm, erleichterten das Wäsche trocknen. Im Winter sind die Herbergen nachts kalt und trocknen ist oft unmöglich. Nicht so diese leichten, denn ich habe sie oft gewaschen und sie waren bis zum nächsten Tag trocken.
Mit dem Rucksack, dem Ultimate Direction 30, war ich sehr zufrieden, da ich so immer Reserven hatte, um mehr Wasser oder Verpflegung tragen zu können. Manchmal wünschte ich mir allerdings den kleineren 20 Liter, der auch gereicht hätte, wenn ich den kleineren Schlafsack genommen hätte. Die vielen kleinen Taschen vorne sind optimal, um während des Gehens zu Essen. Besonders im Nassen ist das ein Vorteil, weil es kaum Sitzgelegenheiten gab oder auch nur, den Rucksack trocken hinzustellen.
In Verwendung hatte ich den Sea to Summit Spark II Schlafsack, mit 500 gramm. Wahrscheinlich hätte auch der Spark I gereicht, nur 350 gramm schwer. Für die Übernachtung im Freien hätte ich eben mehr Bekleidung anhaben müssen. Für die Herbergen wäre der leichtere voll ausreichend gewesen.
Bei Rucksack, Schlafsack und noch einigen anderen Dingen, hätte ich bis zu 750 gramm einsparen können. Das werde ich auf jeden Fall in Zukunft stärker beachten. Im Zweifelsfall gehe ich halt doch mehr auf Sicherheit, da ich oft nicht weiß, wie mein Körper reagiert.
Hier meine Ausrüstungsliste auf lighterpack:
https://lighterpack.com/r/57nlxb
Ein Pilgerfreund, Kai aus Deutschland, riet mir, auf den Pico de Sacro zu steigen. Ein neben dem Weg liegender Berg, den nur wenige besuchen, der aber sehr Energiereich ist. Als Besonderheit ist er am Gipfel gespalten und sieht aus, wie zwei Gehirnhälften. Für mich also noch besonderer.
Schon in der Früh, noch im Finsteren, verlassen Marlin und ich die Herberge. Nur einige Kilometer bergan, stehen wir bald am Gipfel. Die Sonne beginnt gerade aufzugehen und taucht die Umgebung in ein besonderes Licht. Ich mache Fotos und setze mich hin, um zu meditieren. Langsam kommt die Sonne hervor und ich spüre eine Wärme, wie nie zuvor auf meinem Gesicht. Von der Stirn, über die Wangen und weiter nach unter, spüre ich eine Wärme und Energie, die einzigartig ist.
Ich fühle mich angekommen, angekommen in mir und im Leben. Ab hier bekommt mein Leben eine neue Bedeutung.
Die letzten 8 Jahre der Therapie habe ich am Pico de Sacro abgeschlossen. Es mag zwar noch einiges fehlen, aber ich bin froh darüber, wie es sich entwickelt. Der Camino lehrte mich, wieder ein Selbstbestimmtes Leben führen zu können. Die Tanztherapie gab mir Werkzeuge, mit denen ich mich wieder Bewegen lernte, löste viel im geistigen Bereich und half mir, mich wieder zurechtzufinden.
Zeit, Raum und Menschen bekamen eine neue Bedeutung, die ich langsam in mein Leben integrieren lerne. Ich wurde ein Abenteurer und Entdecker, der das Leben neu (er-)finden muss. Das wichtigste wurde es, Gelegenheiten selbst zu erzeugen und auf nichts zu warten. Ich kann behaupten, keinen einzigen Tag seit dem Hirnabszess vergeudet zu haben und wenn es auch oft am Limit ist, ich LEBE jeden einzelnen Tag und fülle ihn mit Geschichten.
Manches gelingt noch immer nicht. Gerade jetzt wo ich schreibe, fehlen mir Wörter, um es beschreiben zu können. Aber ich versuche es, egal was dabei herauskommt. So ist es mit vielen Dingen.
Noch sind es 15 Kilometer bis nach Santiago de Compostela. Es ist ein teilweiser ruhiger, in mich gekehrter Weg. 1.274 km werden mir im Pilgeroffice für meinen Weg bestätigt, weitere wertvolle Kilometer ins Leben. Am Platz vor der Kathedrale setze ich mich hin und es gehen im Eilzugstempo verschiedenste Stationen dieser vergangenen acht Jahre in Gedanken vorüber.
Den Entschluss, nicht mehr in den Norden zu gehen, habe ich am Pico de Sacro gefällt. Die Durchquerung Spaniens von Süd nach Nord hätte nur meinem Ego geschmeichelt, ich bin aber für etwas anderes da und das habe ich auf dem letzten Berg vor Santiago gefunden. Diese ersten Sonnenstrahlen auf meiner Stirn werde ich nicht so schnell vergessen.
Zu Mittag erreiche ich mit Marlin Santiago und entschließe mich, einen Ruhetag hier zu verbringen. Mit Marlin war ich erstmals etwa zehn Tage zusammen unterwegs, was ich bisher noch kaum mit jemanden geschafft habe. Bisher war ich zumindest untertags alleine. Auch unter dem Gehen mich mit jemanden zu unterhalten, das war in dieser Menge neu für mich. So konnte ich gleichzeitiges Gehen und Sprechen üben, was immer noch eine Herausforderung für mich ist.
Danke Marlin, für die oft sehr interessanten Gespräche und auch für die Möglichkeit, mit dir meine Aufnahmefähigkeit zu üben.
Da in Santiago die Osterfeiern im Gange waren, entschloss ich mich, weiter nach Muxia und Finesterre zu gehen. Inzwischen war auch Sema aus der Schweiz in Santiago angelangt und so trafen wir uns auf dem Weg nach Muxia. Es war nass und regnete immer wieder und ein sturmartiger Wind machte das Gehen schwer. Trotzdem ist es immer wieder ein Genuss, den Weg hier abzuschließen und am Schluss in Finesterre am Kap zu stehen.
Am Ende der Welt, was es ja vor hunderten Jahren war, dreht man um und beginnt ein neues Leben. Man sagt ja, das Leben beginnt erst nach dem Camino. Wie wahr!
Mit dieser Reise hat meine Rehabilitation nach dem Hirnabszess eine neue Stufe erreicht. Nach acht Jahren Training, Üben und das Leben lernen, habe ich auf irgendeine Art meinen Frieden gefunden und mich selbst. Es wird sich äußerlich nicht allzu viel ändern, sicher aber meine Einstellung zu manchem.
Ich habe es schon am Weg gemerkt, dass ich kaum mehr ans reparieren oder therapieren denke und lockerer Gehen und Aufnehmen kann. Besser gesagt, ich kann einfacher Leben, ohne mich durch die Behinderungen gestört zu fühlen. Damit wird das Leben einfacher, wenngleich die Rehabilitation noch immer dazugehört.
Kaum wieder zu Hause, fehlt mir das unbekümmerte Gehen am Camino. Zu viele Pflichten und Erledigungen machen es schwer, zu Hause anzukommen. Ich denke darüber nach, Vorträge zu halten oder mein Buch zu schreiben, allerdings bleibt es beim Versuch, darüber zu denken. Noch komme ich nicht damit weiter.
Viel lieber denke ich über einen nächsten Weg nach, wo ich mich mit meinen Defiziten besser aufgehoben fühle und das Leben noch mehr genießen kann. Wohin wird mich das Leben führen, ich kann es nicht sagen. Ich lebe im Jetzt und kann nicht über die Zukunft nachdenken oder mir zu viele Gedanken darüber machen. Es endet am Schluss ja doch im "Nicht denken können".
Daher gehe ich in der Natur spazieren, wo mir ständig die Jakobsmuschel über den Weg läuft und mich an die Via de la Plata erinnert. Ich bin noch immer beim Aufarbeiten, was ich unterwegs lernte und was ich in mein Leben integrieren werde.
Schlussendlich fülle ich mein Leben mit immer mehr Geschichten. Geschichten, die mein Leben bereichen und wieder lebenswert machen.

Für "Menschen im Porträt", habe ich erstmals voriges Jahr ein Interview gegeben, wo ich über die Zeit nach dem Hirnabszess spreche. Dieses ist seit kurzem online. In einem nächsten Blogbeitrag werde ich über das Interview berichten, meinen Beweggrund, warum ich es getan habe und darüber schreiben, wie es mir heute geht.
Hier gehts zum Interview:
Buen Camino und Ultreia (Guten Weg und immer vorwärts)
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Die Via de la Plata ist der längste Camino in Spanien. Die letzten Monate zu Hause, seit England war ich ja nicht mehr fort, waren doch recht anstrengend und ich habe zu oft vergessen, auf mich zu schauen.
Der Camino soll mich wieder in eine Stabilität bringen und deswegen hat die Rehabilitation diesmal Vorrang, noch vor dem Leben lernen. Die Folgen des Hirnabszesses sind nach wie vor da und es wird wohl niemals enden. Da kann ich trainieren und üben, was ich will.
Die klassische Via de la Plata beginnt in Sevilla. Ich wollte meine Wanderung jedoch bereits weiter südlich starten – in Tarifa, an der Südspitze Spaniens.
Über Cádiz führte mich mein Weg zunächst nach Sevilla, wo ich schließlich auf die eigentliche Via de la Plata traf.
Neue Erfahrungen zu machen sind für mich unausweichlich und am besten geschehen sie am Camino. Diesmal führt mich mein Weg von Tarifa aus über den Camino Estrecho, der Via Augustus del Cadiz und der Via de la Plata, nach Santiago de Compostela.
Für mich ging es dabei nicht nur darum, einen weiteren Jakobsweg kennenzulernen. Nach einer längeren Pause wollte ich wieder unterwegs sein, meinen eigenen Rhythmus finden und erfahren, wie ich mit den täglichen Herausforderungen des Gehens zurechtkomme.

Los geht es vom äußersten Süden Spaniens in Tarifa, bis nach Santiago de Compostela. Wenn es mich freut, dann gehe ich noch die etwa 170 Extrakilometer zum nördlichsten Punkt Spaniens. Damit hätte ich Spanien in einem durchquert, von Süd nach Nord. Es wäre reizvoll, aber ich habe es mir nicht als ein unbedingt zu erreichendes Ziel gestellt, denn Vorrang hat die Rehabilitation und eine gute Zeit verbringen. Zumindest möchte ich am Ende wieder etwas besser drauf sein, als zuvor.
Dieser Bericht handelt vom ersten Abschnitt, von Tarifa nach Sevilla, also die ersten 250 km, danach in Abständen der Rest. Diesen Teil wählen nur wenige und im Nachhinein kann ich es verstehen. Die Via de la Plata ist über 1.000 km lang, da tun sich die wenigsten die 250 km mehr an, noch dazu fast ohne Pilger-Struktur. Dazu sind oft lange Etappen zu wählen, je nach Wegführung.
Tolle Temperaturen empfangen mich. 20 Grad am Tag, die in der Sonne recht warm werden können und rund 10 Grad in der Nacht. Die kälteste Zeit ist um 7 Uhr morgens und ich brauche den dünnen Daunenanorak und Handschuhe, beim Losgehen.
Erst um viertel Neun bricht die Dämmerung an. Noch bin ich mir unsicher, ob die gewählte Bekleidung passt, denn ich gehe vom Frühling zurück in den Winter. Das tagsüber hier herrschende Klima darf mich nicht in Sicherheit wiegen, denn in der danach folgenden Extremadura komme ich im Schnitt auf 800 Meter Seehöhe oder höher. Da ist es um einiges kälter, sogar mit Minusgraden in der Nacht.

Über das Meer blickend, kann ich Afrika sehen. Marokko ist nicht weit weg und zahlreiche Schiffe passieren die Meeresenge um Gibraltar, die das Mittelmeer vom Atlantik trennt. Ich stehe am südlichsten Punkt von Spanien, an einer abgesperrten Halbinsel, auf der einen Seite das Mittelmeer und auf der anderen der Atlantik.
Für diesen Abschnitt habe ich meinen Biwaksack + Schlafmatte mit. Es ist mir zu unsicher mit Quartieren und ich gehe, solange ich mag und nehme ein Biwak in Kauf. Die Distanzen von einem Quartier zum nächsten können weit sein und ich möchte mich nicht davon abhängig machen, wie weit ich gehe.
Das Gehen fällt mir diesmal jedoch nicht so leicht, irgendetwas ist anders, als auf meinen bisherigen Wegen. Deswegen bin ich aber hier, um mich wieder auf gleich zu bringen. Zu Hause habe ich mich nicht mehr wohlgefühlt.
Von Tarifa aus gehe ich entlang des Meeres in Richtung Norden. Unterwegs treffe ich einen Weitwanderer aus Bayern, der schon seit vielen Monaten unterwegs ist. Er empfiehlt mir am Meer zu bleiben und erst am Schluss nach Sevilla abzubiegen. Gesagt, getan, landschaftlich war es sehr schön, allerdings zum Gehen für mich nicht leicht.
Im tiefen Sand habe ich noch Schwierigkeiten. Meine Tiefensensibilität funktioniert dort überhaupt nicht und so stolpere ich durch den oft tiefen Sand, der mir sehr viel Kraft kostet. Um nach so einem Tag zu biwakieren, dazu fehlt mir die Kraft. Also schleppe ich mich noch bis zur nächsten Stadt und nehme ein Zimmer.

Ein wenig erschrickt es mich, wie schlecht ich drauf bin, aber damit musste ich rechnen. Die genauen Gründe darüber zu eruieren, daran arbeite ich noch. Sicher habe ich die letzten Monate zu wenig an meiner Kondition zielgerichtet gearbeitet.
Das fällt mir jetzt auf den Kopf. Einmal erarbeitetes ist schneller wieder weg, als ich denken kann. Nach England befand ich mich in einem sehr guten Zustand, allerdings ging es danach schleichend bergab.
In Chiclana treffe ich aud den laufenden Karneval, die ganze Stadt feiert. Ich bekomme kein Zimmer, alles ist ausgebucht. So gehe ich weiter und schlage mein erstes Nachtlager unter freien Himmel auf, tausche den Wirbel der Stadt gegen Ruhe. Mit den Sternen über mir schlafe ich ein.
Bisher machte ich mir gar nicht so viele Gedanken darüber, es ist aber was anderes, im Freien oder im Zelt zu liegen. An das Zelt habe ich mich in England gewöhnt, aber das Biwakieren habe ich noch nie geübt. Mein Nervensystem ist es nicht gewohnt und bei jedem Geräusch schrecke ich auf. Außerdem fehlt mir irgendwie die Erholung.
So bin ich um sechs Uhr schon wieder im Finsteren am Trail unterwegs und gehe bis in die nächste Stadt. Ich freue mich über einen Kaffee in einer zum Glück offenen Bar. Die nächsten Tage werde ich ein Zimmer bevorzugen, da ich die Erholung brauche.

Tagsüber ist es herrlich, manchmal allerdings scheint die Sonne so stark, dass ich mich gut davor schützen muss.

So geht's dahin, Tag für Tag und am Sechsten treffe ich in Sevilla ein. Die Via Augustus ist geschafft. Ab hier beginnen die Herbergen, was den Geldbeutel deutlich entlastet.
Aufgrund der hohen Temperaturen trage ich die letzten Tage kurzes Leibchen und kurze Hose, nach dem anfänglich kühlen Morgen. Das heißt aber im Gegenzug, alles warme Gewand ist zusätzliches zu tragendes Gewicht. Der Rucksack ist zum Bersten voll. Ich entschließe mich einen Ruhetag in Sevilla einzulegen, um zu Kräften zu kommen und die Ausrüstung zu optimieren.
So mies drauf bin ich in keinen meiner letzten Wege gestartet. Anstatt von Tag zu Tag aufzubauen, habe ich abgebaut oder konnte zumindest nicht aufbauen. Etwas ernüchternd, denn erstmals seit dem Hirnabszess muss ich mit Stillstand umgehen. Da merke ich erst, wie verletzlich und unstabil ich bin. Ich darf mich nicht ausruhen, sondern Dranbleiben ist gefragt.
Nach einem Ruhetag in Sevilla geht's auf die Via de la Plata. Davor versuche ich die Stadt zu erkunden, auf die ich mich schon lange freue. Daraus wird aber so gut wie nichts, denn das Gewurle in der Stadt behagt mir überhaupt nicht. Meine Hochsensibilität lässt es nicht zu. Ich bin froh, wenn ich wieder draußen in der Natur unterwegs sein kann.







Zwar probiere ich es immer wieder, mich an die Stadt zu gewöhnen, aber es gelingt mir bisher nur mit mäßigem Erfolg. Es sind einfach zu viele Reize, die mein Gehirn nicht verarbeiten kann und vieles nicht zulässt. Gerade Museen oder Kunstausstellungen gehen mir ab.
Sowieso geht alles Kreative zurzeit nicht gut. Ob Schreiben, Fotografieren oder Planen, mein Gehirn macht nur, was es braucht, nicht was ich möchte. Am glücklichsten bin ich, wenn ich zu Fuß und ohne Denken in der Natur unterwegs sein darf!
Nach meinem Aufbruch in Tarifa und dem Weg über Cádiz erreichte ich Sevilla. Hier begann die eigentliche Via de la Plata – mit langen, oft einsamen Strecken, großen Abständen zwischen den Ortschaften und neuen Herausforderungen.
Wie sich diese Wanderung weiterentwickelte und weshalb sie für mich schließlich zu einem Dankeschön an das Leben wurde, erzähle ich im zweiten Teil.
Die Via de la Plata – mein Dankeschön an das Leben
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Meine Durchquerung von Großbritannien ist Wirklichkeit geworden. Mit dem Erreichen von Lands End und mit dem südlichsten Punkt, Point Lizard, habe ich den JOGLE und die Nord/Süd Durchquerung von Großbritannien abgeschlossen.
Warum es diesen geografischen Unterschied überhaupt gibt, hat sich mir bis heute nicht erschlossen und ich habe auch bis heute vergessen, danach zu fragen. Liegen die beiden jeweiligen Punkte, im Norden, wie im Süden, doch nicht so weit auseinander.
Mit dem Erreichen von Lands End durfte ich wieder eine tolle Erfahrung hinter mich bringen, die mir viele neue Erkenntnisse in Bezug auf mein Funktionieren nach dem Hirnabszess brachte und das mir zeigte, dass das Lernen immer weiter geht.
Den Weg mochte ich zuerst mehr unter Rehabilitation einordnen, als unter "wieder Leben lernen". Wobei im Nachhinein gesehen, auch das nicht zu kurz gekommen ist und ich wesentliche Dinge auch geistiger Natur lernen durfte. Solche Weitwanderwege sind ganzheitlich zu verstehen.

Von Nordschottland bis Inverness
| Wanderung | JOGLE – Großbritannien zu Fuß |
| Abschnitt | John o’Groats – Inverness |
| Start | Thurso, über Dunnet Head und John o’Groats |
| Dauer | 8 Wandertage bis Inverness |
| Route | Unter anderem John o’Groats Coast Trail |
| Übernachtung | Mit dem Zelt unterwegs |
| Ausrüstung | Ultraleicht, ca. 5,5 kg Basisgewicht |
Das Schlechtwetter verlässt mich auch diese letzten Tagen nicht. Stürmisch und regnerisch bleibt es, aber es kommt an manchen Tagen doch immer wieder kurz die Sonne heraus. Meine Fotos zeigen deswegen fast immer Sonnenschein, weil ich im Regen nicht immer das Handy zücke, um zu fotografieren.

Das Kaputt werden meines alten Handys, mit der guten Kamera, macht mich vorsichtig. Noch einmal ein neues zu kaufen, kann ich mir finanziell nicht leisten, aber gerade im Regen wird es nass und gleitet mir somit noch leichter aus den Händen. Daher heißt es, aufpassen. Ich habe überhaupt ein sehr geringes Budget, das macht diese Reise für mich sowieso schon besonders.
Wildnis und Wildheit wird mir auf diesen letzten 400 km am SWCP besonders gut vermittelt, aber auch, wie ich sie in meiner Rehabilitation einsetzen kann. Denn Wildnis erdet, etwas, was ich seit dem Hirnabszess brauche. Wildnis möchte auch keine Begrenzungen und sie zeigt mir immer wieder, mit meinen eigenen Begrenzungen umgehen zu lernen. Denn Begrenzungen erlebe ich oft genug aufgrund meiner Handicaps. Damit umzugehen, ist oft nicht so leicht. Sie sind von Außen nicht für jeden ersichtlich und das macht es für mich noch schwieriger.
Die Wildnis zeigt mir auch, wie ich authentisch leben und mit meinen Ängsten umgehen kann, welche Risiken ich eingehen möchte und welchen Selbstschutz ich brauche. Somit ist die Wildnis meine Therapeutin, die mir das Leben lehrt, wie kaum etwas zuvor. Genau das brauche ich jetzt, genauso, wie die Wildheit. Sie erinnert uns daran, wie wir instinktiver und im Einklang mit der Natur lebten.
...um überhaupt leben zu können. Es brachte mich die letzten Jahre immer mehr ins Leben hinein und war eine Voraussetzung, um das alles hier überhaupt erleben zu können. Meine Selbstwahrnehmung steigerte sich, ebenso wie die Wahrnehmung im Außen.
Jede einzelne absolvierte Stunde der letzten Jahre war ein Baustein und so immens wichtig, ich kann es gar nicht oft genug betonen. Das Bewegen im Tanz brachte mir so viele Erfahrungen und Erkenntnisse und ich bin meiner Therapeutin Hanna Treu so sehr dankbar für alles, was sie in den letzten Jahren für mich getan hat.
Genauso dankbar bin ich auch für die Tatsache, meine Rehabilitation in die eigenen Hände genommen zu haben und meinem Instinkt zu folgen, was mir guttut. Der Kontakt mit den Kräften und Energien der wilden Natur hilft mir, besser zentriert zu sein und wieder ins Gleichgewicht zu kommen, meiner Intuition zu vertrauen und diese auch zulassen.
Wildnis und Wildheit spürte ich schon früher, aber der Verstand ließ vieles nicht zu. Ich gehe heute einen Weg, der sich für mich richtig und stimmig anfühlt. Das bekomme ich immer wieder bestätigt, allerdings habe ich die letzten Jahre diese Wildheit in mir wieder zulassen lernen müssen. Sie ist meine Freundin, die mich wieder ins Leben bringt, denn am meisten spüre ich mich selbst, wenn ich mich der Wildnis aussetze.
Auf diesem Weg langen Weg durch England stellte ich mich vielen Mustern und Ängsten, konnte vieles bearbeiten und manches lösen. Es hat mich wieder einen Schritt nach vorne gebracht. Diese Wildheit durch Großbritannien und besonders entlang des Ozean am SWCP, spürte ich besonders gut, wobei es wichtig ist, Wildnis für sich zu definieren.
Wildnis hat für mich mit Freiheit zu tun. Wobei es mir wichtig ist, die innerer Freiheit zu leben. Nämlich dann, wenn ich Begrenzungen erfahre, im Innern wie im Außen, die ich mir ja oft selbst unbewusst auferlege.

Diese letzten Tage dieser Reise sind immer wieder ein Versuch, Resümee über diese zwei Monate am JOGLE zu ziehen. "Du bekommst, was du brauchst, nicht was du möchtest!", dieser Spruch vom Jakobsweg hat auch hier Gültigkeit. Meine Frage ist manchmal, WARUM brauche ich über vierzig Regentage und all die anderen Herausforderungen?
Darüber denke ich in diesen letzten Tagen nach und kann es gar nicht glauben, dass es bald vorbei ist. Allerdings nicht ganz vorbei, denn ich möchte ja noch nach Poole gehen, dem Ende des South West Coast Path. Davor heißt es aber die letzten Kilometer überstehen, die Konzentration aufrecht zu halten. Die haben es nämlich noch einmal in sich.
Mein vorletzter Tag beginnt in Portreath. Regen und Sturm Peitschen vom Meer kommend ans Land und machen es mir nicht leicht. Es geht Ausgesetzt am Meer entlang, mit so einem starken Gegenwind, dass ich kaum vorwärtskomme. Es gibt kaum Hecken, hinter denen ich vom Wind geschützt gehen kann und immer wieder Regen, der mir waagrecht entgegen kommt, mit starkem Sturm.
Eine Weile gehe ich zwischen Dünen entlang und dann wieder direkt am Strand. Ich kann zwischen steilen Hügeln im tiefen Sand oder am flachen Strand, mit stürmischem Gegenwind entscheiden. Beides ist gleich schwierig und nach Stunden diesen Elementen ausgesetzt, wechsle ich auf die im Land gelegene Straße, denn neben dem Meer wird es mir zu gefährlich.
Die Windböen kommen zum Glück vom Meer, so werde ich immer nach links, gegen die steile Böschung gedrückt. Rechts geht es genauso steil nach unten, wo das Meer wartet. Es wird mir zu gefährlich auf den schmalen Steigen weiterzugehen und ich schlage mich irgendwie in die Richtung zur Straße durch. Wobei auch diese nicht ungefährlich ist.
Schmal, rechts und links, mit hohen Hecken, kein Seitenstreifen für Fußgänger, viele Kurven und Verkehr. Immer wieder wechsle ich die Straßenseite, da ich den Gegenverkehr nicht einsehen kann. Nach vier Kilometer erreiche ich den Stadtrand von Hayle und beim ersten Gehsteig kann ich Durch- und Aufatmen.
Das erste Pub am Weg nutze ich zum Frühstücken. Obwohl ich damit mein Budget überschreite, bestelle ich mir ein ordentliches, bestehend aus Omelett, Speck, Würstchen und Bohnen. Dieses Unwetter zehrt an meinen Kräften und ich muss aufpassen, nicht in ein kalorisches Defizit zu laufen. Besonders auf genug Eiweiß muss ich achten und genug zu mir zu nehmen. Wegen der Muskelschwäche dürfen Defizite erst gar nicht aufkommen.
Nach Hayle beginnt wieder einmal die Sonne zu scheinen und ich genieße die warmen Strahlen. Unterwegs trockne ich mein Zelt und alles andere, was feucht ist, lege es in die Wiese, in die für ein paar Minuten heiße Sonne. Ein Kaffee ist schnell zubereitet und in der Sonne liegend raste ich.
Nach einer halben Stunde ist die Sonne wieder weg und bei den ersten Regentropfen packe ich schnell alles ein. Bei Bewölkung nähere ich mich auf schönen Pfaden St. Ives. Die Zeichen des Camino Ingles erlebe ich bei Sonne, um St. Ives wieder im Regen zu erleben. Es ist eine der teuersten Gegenden von Cornwall. Schon seit Wochen sind alle Quartiere hier ausgebucht, so auch das einzige Hostel in der Gegend. Mir ist daher klar, dass ich hier nur durchgehe und mich nur versorge.
In der Stadt beschränke ich mich auf eine Dose Baked Beans. Diese esse ich, vom Regen geschützt, unter einer Markise vor einem Geschäft, in der belebten Fußgängerzone. Am Boden sitzend, schaue ich aus wie ein Obdachloser, denn der viele Regen und das Zelten der letzten Tage hat Spuren hinterlassen. Es ist aber egal ist, denn Essen, Einkaufen und danach möglichst schnell wieder auf den Trail, was anderes zählt für mich nicht. Mein Ziel ist es, noch möglichst weit in Richtung Lands End zu kommen, denn nur dann dann kann ich es morgen erreichen.

In einem Outdoorladen ergänze ich meine Vorräte mit Flipjacks, von denen jeder fast 400 Kalorien hat und mit speziellen Mint Riegeln, die schon Edmund Hillary auf seinem Gipfelgang zum Everest dabeihatte. Die Firma hat ihren Sitz in Kendal, nicht weit vom Weg, wo ich vor ein paar Wochen vorbeigekommen bin.
Es ist schon später Nachmittag und ich möchte noch einige Kilometer in Richtung Lands End zurücklegen. Allerdings sind diese Kilometer nach St.Ives bei diesem Wetter besonders schwierig. Als wollte mich dieses Land vor dem Ende nochmals prüfen, führt ein schmaler Steig entlang des Meeres, gespickt mit großen Steinblöcken, durch die ich durch und drüber klettern muss. Dazu gibt es immer wieder Regenschauer. Die Wildheit nimmt wieder zu.
Ich brauche oft die Hände, um mich hochzuziehen oder abzustützen. Mit dem Rucksack ist es ein immenser Aufwand, die Balance zu halten. Nur langsam komme ich weiter, denn ständig muss jeder Schritt hochkonzentriert gesetzt werden. Ein Fehltritt hätte fatale Folgen, inmitten dieses Steinfeldes. Gegen sechs Uhr Abend überhole ich zwei junge Wanderinnen, mit riesigen Rucksäcken. Ich kann mir gar nicht vorstellen, so etwas auf meinen Rücken zu schnallen, geschweige denn, über diesen Trail zu tragen.
Da ich nicht vom Trail weg ins Hinterland gehen möchte, um einen Zeltplatz zu finden, bleibt Wildcampen die einzige Möglichkeit. Allerdings findet sich kein einziges, halbwegs ebenes Stück Wiese und ich sehe mich schon irgendwo zwischen Steinen sitzend, biwakieren. Seit dem Start am Nachmittag in diesen Abschnitt sind schon Stunden vergangen und die Sonne geht bald unter.
Da führt der Trail für kurze Zeit an einer Steinmauer entlang, bis an ein Gatter, mit einem schmalen Wiesenstück davor. Unbequem, aber zur rechten Zeit, denn bis zur Dunkelheit ist es nicht mehr weit. Der Blick hinter das Gatter verheißt ein mehr ebene Fläche, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob es nicht irgendwo Kühe gibt.
Es ist alles ruhig und so baue ich schnell das Zelt dahinter auf, richte mich und alles andere her. Es ist viel ebener. Meine Füße sind vom vielen Regen verschrumpelt und alles ist nass und schmutzig. Diese letzte Nacht vor Lands End hält mich noch auf Trab. Kein Gedanke daran, dass morgen mein großer Tag ist, keine Gedanken an die vergangenen zwei Monate, kein Resümee ziehen oder nachdenken an das, was bisher war. Ich bin so fest in der Gegenwart verankert und darf nicht nachlässig werden oder die Konzentration beenden. Meine über die letzten zwei Monate erlangten Routinen und das Jetzt sind wichtiger, als über Vergangenes zu sinnieren.
Diese zwei Monate waren so lebensbejahend, wie auch das Gefühl, mit der Natur zu verschmelzen, wenn ich der Kraft der Naturelemente begegne und das Gefühl habe, genau hierher zu gehören. In solchen Momenten wird mir bewusst, was Heilung ist. Es ist nicht das völlige Verschwinden von Krankheit, es hat mehr mit einem Inneren Heil werden zu tun. Werde ich Innen Heil, kann auch das Außen folgen.
Mit einem satten, vollen und Erdverbundenen Gefühl, blicke ich weit übers Meer, vor mir die steil abfallenden Klippen, an die das Wasser tief unter mir an die Felsen schlägt. Ich bin einfach nur glücklich, hier zu stehen.

Nach einer Regenreichen Nacht wache ich im Morgengrauen auf, zum Glück ohne Regen. Als erstes wische ich die Zeltinnenseite mit meinem kleinen Wetex-Tuch ab. Die Kondensation war stark diese Nacht, wie so oft. Um beim Herrichten im Zelt nicht nass zu werden, wische ich es vor dem Aufstehen immer ab. Ich packe alles im Zelt fertig, erst dann stehe ich auf, denn das Zelt kommt als letzer dran.
Wie ich die Plane öffne, schaue ich in die mich fixierenden Augen einer stehenden Kuh, etwa 100 Meter entfernt. Weiter dahinter kommen andere, mit ihren Kälber, alle auf mich zutrottend. Schnell werfe ich den Rucksack über den Zaun, ziehe die Heringe aus dem Boden, werfe das Zelt über das Gatter und springe hinterher. Auf eine Konfrontation mit Ihnen möchte ich mich nicht einlassen, der letzte Schreck liegt mir noch in den Knochen und liegt noch nicht so lange zurück und diesmal sind auch Kälber dabei.
Es regnet zwar nicht, aber die Gräser sind voll mit nassen Tropfen der Nacht und der Trail ist glitschig. Auf meiner Wander-App ist nicht erkennbar, wo das einfachere Gelände vor Lands End beginnt. Nach zwei Stunden Kraxelei durch dieses nasse Wirrwarr komme ich zu ersten Ruinen, wo ein idealer Zeltplatz gelegen wäre. Leider bin ich gestern nicht mehr so weit gekommen.

Ab jetzt ist Bergbaugebiet, in dem früher Zinn und Kupfer abgebaut wurde, teilweise schon im 18. Jahrhundert. Eindrucksvolle Zeugnisse vergangener Epochen. Es tauchen vereinzelt Spaziergänger auf, also kann es nicht mehr weit bis in die "Zvilisation" sein. Es ist immer wieder ein eigenartiges Gefühl, dort aufzutauchen, diesmal sogar mit dem Gefühl, England durchquert zu haben.
Noch ein bißchen Auf und Ab, dann bin ich da. Allerdings stellt sich kein Gefühl der Freude oder das Glücklichsein über die Durchquerung bei mir ein. Im Gegenteil, ich bin überfordert mit Lands End und eigentlich enttäuscht. Es erwartet mich ein kleines Disneyland, viele Menschen und eine endlos lange Schlange, vor dem Schild von Lands End. Das ist zuviel für mich, da macht mein Gehirn nicht mehr mit. Mickey Mouse und Konsorten laden ein und alles geht zu, wie am Rummelplatz.
Ich bin so von der Rolle, dass mir fast keine Bilder gelingen. Diesen Trubel habe ich nicht erwartet und schneller als gedacht, gehe ich weg von dort. Mein Ankommen ist zugleich ein Weitergehen. In einem nahen Campingplatz entschließe ich mich dazu, am nächsten Tag, noch ganz in der Früh, noch einmal das Schild zu besuchen. Damit habe ich also den JOGLE beendet.
Jetzt fehlt nur noch der südlichste Punkt, in Point Lizard gelegen, den ich nach einigen weiteren Tagen erreiche. Es ist ein nebeliger Tag, mit kaum Aussicht. Ich gehe bis ans Meer, wo ich die durch ganz Grobritannien gesammelte Federn und einen Stein ins Meer werfe. Die Federn Symbolisieren Leichtigkeit, eine Leichtigkeit im Leben, aber auch eine Leichtigkeit des Körpers, an der ich seit 2016, wie ich aus dem Krankenhaus gekommen bin, arbeite.
Damals war alles schwer, besonders die Bewegung. Das Heben eines Armes war schwer, die Beine beim Gehen und erst mit dem Beginn des therapeutischen Tanzen im Jahr 2019, brachte von Jahr zu Jahr mehr Leichtigkeit in mein Leben.
Mit dem JOGLE habe ich mein bisheriges Meisterstück vollbracht, was allerdings nicht heißt, dass ich die vollendete Leichtigkeit erreicht habe. Da sind wir wieder beim Heil werden, noch fehlt trotzdem viel.
Die Heilwerdung schreitet voran, ungeachtet der noch vorhandenen Defizite. Die 2.000 km durch England habe mich wieder weitergebracht. Eine wichtige Erkenntnis ist, dass ich nicht damit aufhören darf, mich zu bewegen. Ein einmal erreichtes Plateau bleibt mir nicht erhalten, zu schnell geht es wieder in die andere Richtung, wenn ich mich weniger bewege. Deshalb ist Dranbleiben so wichtig.
Solange ich durch Gehen mein körperliches Befinden besser erhalten kann, werde ich gehen. Das werde ich machen, solange ich kann oder motiviert dazu bin. Das ist die wohl wichtigste Erkenntnis von diesem Weg.
Zum Abschluss möchte ich mich bei allen bedanken, die mich auf dem Weg unterstützt haben. Ohne Euch wäre es anders abgelaufen. 😉 DANKE
Von John o’Groats bis Land’s End: Meine Durchquerung Großbritanniens führte mich durch ganz unterschiedliche Landschaften und brachte viele Herausforderungen und Erfahrungen mit sich.
Auf meiner Übersichtsseite findest du die weiteren Abschnitte dieser Wanderung und kannst meine Reise von Anfang bis Ende verfolgen.
Alle Berichte meiner JOGLE-Wanderung ansehen →
Neben meiner Durchquerung Großbritanniens habe ich auch auf anderen langen Wegen viele Erfahrungen gesammelt. Dazu gehören der HexaTrek durch Frankreich und meine Wanderungen auf den Jakobswegen, bei denen leichtes Gepäck für mich eine wichtige Rolle spielt.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Mein letzter großer Teilabschnitt des JOGLE steht bevor. Ich entscheide mich für den Weg an der Küste, mit dem South West Coast Path am Ende. So lerne ich auf meiner Mission JOGLE beinahe alle großen Weitwanderwege Englands kennen.
Zum South West Coast Path habe ich eine besondere Beziehung aufgebaut, da er schon seit Jahren in meinem Geiste herumschwebt, mir aber immer zu schwer war. Nicht umsonst gilt er als einer der schwersten Weitwanderwege in Europa. Eigentlich hatte ich ihn zuerst alleine ins Auge gefasst und erst danach die England-Durchquerung für mich entdeckt.
Die letzten zwei Wochen habe ich mich gut erholt, allerdings nicht meine Geldtasche. Ich merke, dass die Ferienzeit in England beginnt, denn alle Quartiere sind preislich merklich gestiegen. Hostels, die noch im Mai 15 - 20 Pfund verlangten, wollen plötzlich das doppelte und mehr, nur für ein Bett im Schlafraum, wohlgemerkt.
Ein Hotel oder eine Pension unter 100 Euro zu finden, wird fast unmöglich. Wenn ich etwas finde, ist es zu Fuß meist zu weit abseits vom Trail oder ausgebucht, so bleibt mir meist nur das Zelt.

Von Nordschottland bis Inverness
| Wanderung | JOGLE – Großbritannien zu Fuß |
| Abschnitt | John o’Groats – Inverness |
| Start | Thurso, über Dunnet Head und John o’Groats |
| Dauer | 8 Wandertage bis Inverness |
| Route | Unter anderem John o’Groats Coast Trail |
| Übernachtung | Mit dem Zelt unterwegs |
| Ausrüstung | Ultraleicht, ca. 5,5 kg Basisgewicht |
Frühmorgens gehe ich los und finde natürlich kein offenes Café. Ich habe schon damit gerechnet, denn so früh hat hier kaum was offen. Die meisten sperren erst ab 10 Uhr auf. Ich möchte aber am liebsten in zwei Tagen in Minehead sein, wo sich der offizielle Start des South West Coast Path befindet, daher mein früher Aufbruch.
Um Strom für das Handy zu sparen, möchte ich den Samarither Weg gehen, der an für sich gekennzeichnet ist und ich daher nicht so oft das Handy zum Navigieren brauche. Allerdings wird der Weg anscheinend wenig begangen, denn die Wege sind schlecht, führen durch hohe Wiesen mit Brennesseln und sind nicht gepflegt.
Es sind oft öffentliche "Footpath Wege", die meist über privates Land führen. Schon auf den ersten Kilometern vergehe ich mich einige Male, weil die Wegweiser zugewachsen oder gar nicht vorhanden sind. Dann stehe ich mitten im Nirgendwo und muss mich in die richtige Richtung selbst durchkämpfen. Also wieder nichts mit Dahinspazieren, ohne nachdenken zu müssen.
An einem Gatter gehe ich durch, um nach einem Hügel eine Rinderherde zu bemerken. Ich habe noch etwa hundert Meter bis zum nächsten Gatter, da bemerkt mich die erste Kuh. Aufschauen und losrennen passiert in einem Augenblick, aber nicht nur sie, auch die anderen dreißig Kühe laufen augenblicklich los. Es wird einem zwar geraten stehenzubleiben, aber wenn dreißig Kühe hinter dir losstürmen, dass der Boden wackelt, habe selbst ich kein Vertrauen mehr darauf, dass sie ebenfalls stehenbleiben, wenn ich es tue.
Es wird mein längster Sprint seit sieben Jahren. Wenige Meter vor dem für mich "lebensrettenden" Gatter, ist die erste Kuh noch etwa zwanzig Meter hinter mir. Da sehe ich, dass der Riegel für mich, mit meiner schlechten Feinmotorik, zu langsam zu öffnen ist. Also entscheide ich mich fürs raufklettern und auf der anderen Seite hinunterspringen. Das Gatter ist allerdings höher als normal, nämlich rund 2 Meter und damit noch mehr ein Hindernis.
Ich springe gleich auf eine obere Sprosse, klettere höher und werfe mich auf die andere Seite hinunter. Nach unten sind es rund eineinhalb Meter, zu viel für mich, um eine Landung auf zwei Beinen zu überstehen. Irgendwie schaffe ich es, mich mit Rucksack in der Wiese abzurollen und liege dann wie erschlagen da, hinter mir das Gatter mit schnaubenden, mit den Hufen am Boden scharrenden Kühen. Wäre es mit Vertrauen leichter abgegangen? Ich weiß es nicht und muss mich erst einmal erholen.
Ab diesem Erlebnis gehe ich erst einmal auf der Straße weiter, verzichte auf "Footpath" Wege, bis ich bei Bridgwater an den Meeresarm gelange. Zum Übernachten klettere ich am Abend über ein Gatter, auf eine Weide neben der Straße. Dort finde ich eine ebene Flächen für das Zelt, nicht ohne mich vorher zu vergewissern, dass ich alleine bin und die Weide nicht von Kühen besetzt ist. Von den Farmern wird das allgemein toleriert, wenn man nichts zurück lässt und sich entsprechend verhaltet.
Starker Wind erschwert mir das Vorwärtskommen. Dazu regnet es immer wieder und die schmalen Pfade kommen mir nicht entgegen. Wegen dem Gleichgewicht gehe ich eher breitbeinig und so wanke ich oft von links nach rechts, als wäre ich betrunken. Seit Beginn in Schottland, erarbeite ich mir jeden Meter, ein einfaches Dahingehen ist einfach nicht möglich.
In der Ferne tauchen riesige, alleinstehende Gebäude neben dem Meer auf, die sich als Atomkraftwerk entpuppen. Es steht direkt am Meer und muss von uns Wanderern umgangen werden. Dabei merkt man erst die eigentliche Größe, denn für den Umweg brauche ich fünf Kilometer, immer entlang eines stark gesicherten Zaunes. Das sind immerhin etwa eine Stunde Gehzeit, immer das Kernkraftwerk neben sich.
Irgendwie habe ich ein mulmiges Gefühl, wie ich daran vorbeigehe und bin froh, als ich vorüber bin. Von weitem sehe ich es noch lange, wenn ich zurückblicke. Bilder von Demonstranten vor einem Atomkraftwerk kommen mir in Gedanken. So allein und abseits stehend, inmitten von grasenden Kühen, hat es etwas befremdliches, verstörendes an sich.

Kurz vor Minehead übernachte ich und am nächsten Vormittag gehe ich in die Stadt. Die vielen Menschen erschlagen mich. Es wimmelt nur so an jeder Ecke von Touristen und mehrere Vergnügungsparks machen Lärm. Überall befinden sich Spielsaloons für Kinder und Geschäfte für Souveniers. Es ist so ein Trubel, der mich nach so langer Zeit in der Natur verstört und ich bin ein wenig enttäuscht, dass an einem solch geschäftigen Ort der "berühmte" South West Coast Path beginnt.
Noch schnell in einem Laden einkaufen, denn die nächsten Tage weiß ich nicht, was mich erwartet. Für zwei Tage möchte ich immer mit Essen grundversorgt sein. Das heißt, genug Energieriegel, Brot und Fertignudeln.
Nach diesem letzten Einkauf gehe ich weiter ans Ortsende. Plötzlich treffe ich auf die Jakobsmuschel und Hinweise auf den Jakobsweg. Sie werde ich immer wieder treffen und mir kommt die Idee, danach mit der Fähre nach Spanien zu fahren und den Camino Ingles nach Santiago zu gehen. Mit dem Blick auf den Preis für die Fähre, verwerfe ich aber diesen Plan.
Dann das Schild, wo der South West Coast Path beginnt. Während dem Fotografieren sehe ich in der Nähe eine alte Dame am Gehsteig stürzen. Sie fällt so unglücklich auf das Gesicht, dass ihre Lippe aufplatzt und sie Schürfwunden im Gesicht und an den Händen erleidet. Sie ist geschockt und kommt kaum hoch. Ich setze mich zu ihr und wir reden beruhigend, so kann sie sich ein wenig erfangen. Bekannte warten 15 Gehminuten entfernt, so helfe ich ihr auf, bis sie kommen und sie setzt sich in ihr Auto, welches nicht weit entfernt parkt.
Ich mache meine Fotos fertig, immer mit einem Blick auf die Dame, bis ihre Bekannten kommen. Für mich beginnt nach dieser Aufregung der letzte große Abschnitt, der berühmte South West Coast Path.
Rund 1400 km liegen hinter mir und etwa 500 km bis Lands End und Point Lizzard, vor mir. Da ich niemals die Kilometer zähle, weiß ich es gar nicht genau. Gleich der erste Anstieg zeigt mir, was mich hier erwartet. Steil geht es lange durch einen Wald bergauf und ich spüre den überladenen Rucksack. Immer wieder einsetzender Regen erschwert alles. Das kann ja heiter werden.
Seit dem West Highländer Way in Schottland habe ich täglich Regenwetter und wie es ausschaut, wird sich das in nächster Zeit nicht ändern. Kurze Regenpausen, manchmal auch mit ein wenig Sonne, erleichtern alles, bevor es gleich wieder zu schütten beginnt.

Im Gehen dem Augenblick begegnen
Seit dem Start des JOGLE ist jeder Meter eine Übung in Konzentration. Und auch auf diesem Abschnitt bleibt es dabei: Regen, steile An- und Abstiege, kein einziges Stück zur Erholung – alles fordert mich heraus, zwingt mich, ganz da zu sein. Eine Konzentration, wie ich sie auf keinem anderen Weg in dieser Intensität erlebt habe.
Oft muss ich innehalten, durchatmen – nicht, weil der Körper nicht mehr will, sondern weil das Gehirn eine Pause braucht. Mehr noch als die Muskeln verlangt es nach Momenten der Ruhe. Dieser Weg zwingt mich seit Wochen dazu, im Hier und Jetzt zu leben. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Und je länger ich gehe, desto näher komme ich mir selbst.
Denn sich selbst findet man nur in der Gegenwart. Und davon gibt es hier reichlich – in jeder Sekunde, in jedem Tritt, in jedem Windstoß. Schön langsam fügt sich eines zum anderen. Die tausenden Kilometer der letzten Jahre waren nicht umsonst. Ich werde weitergehen, so lange, bis ich wieder ganz bei mir bin.
Der Gegenwind bläst mir hart ins Gesicht, manchmal wird er zum Sturm. Da gibt es kein „Fuß anheben und er fällt schon von allein nach vorn“. Nein – jeder Schritt will bewusst gesetzt werden. Und wenn ich nicht aufpasse, drückt der Wind meinen Fuß zurück, bevor er den Boden berührt. Dann lande ich nicht dort, wo ich hinwollte – das Stolpern ist vorprogrammiert. Aber genau dadurch wächst meine Achtsamkeit.
Dazu kommen schmale Steige, auf die sich das Gras von beiden Seiten legt. Ich sehe meine Füße oft nicht, gehe tastend voran – Schritt für Schritt, dem Unsichtbaren entgegen. Das Wasser sammelt sich an den Halmen, ich streife es bei jedem Tritt ab. Die Folge: durchweichte Schuhe, nasse Socken, klamme Zehen – seit Stunden.
Und dann sind da noch die Höhenmeter. Es geht ständig auf und ab, ohne Pause. Manche Steige sind so steil, dass sie mit Brettern abgestützt wurden – doch diese Stufen reichen mir oft bis zum Knie. Kein einfacher Gang. Kleine Menschen werden es hier schwer haben. Und wenn selbst ich mich schwertue, sagt das einiges.
So viele Stufen wie auf diesem Abschnitt bin ich seit dem Hirnabszess nicht mehr gestiegen. Bilder steigen in mir auf – vom Schlossberg in Graz, meinem alten Übungsplatz. Dort lernte ich einst das Stufensteigen, Schritt für Schritt, Tritt für Tritt. Am Anfang der Rehabilitation dachte ich nur an eines: Ich muss wieder Kraft aufbauen. Ich hoffte auf Fortschritt, auf Muskelwachstum – doch was ich für Kraftlosigkeit hielt, entpuppte sich als etwas anderes. Eine bleibende Muskelschwäche. Und dazu die gestörte Propriozeption, die nichts mit der Muskelkraft zu tun hat – sondern mit der tiefen Wahrnehmung des Körpers im Raum.
Ich musste erst verstehen, was da mit mir passiert war. Die Nervenverbindungen sind nachhaltig geschädigt. Und doch habe ich mich weiterentwickelt – weit mehr, als ich es anfangs für möglich hielt. Immer im Rahmen dessen, was mit der Muskelschwäche und der fehlenden Propriozeption möglich ist.
Am Anfang war schon das Aufstehen aus dem Bett eine Höchstleistung. Heute ist es noch immer nicht leicht – aber es fühlt sich nicht mehr unmöglich an. Und so ist es mit vielem.
Dass ich heute 50 Kilometer gehen kann, bedeutet mehr als eine Zahl. Es ist die Grundlage, um im Alltag durchzuhalten. Zuhause. Im Leben. Denn jedes Gehen schenkt mir Kraft – nicht nur für die Beine, sondern für alles, was durchzuhalten ist.
Das viele Gehen ist – in einem weiteren Sinn – auch eine Form der Flucht. Ich fliehe vor der Starre. Vor der Angst, mich nicht mehr bewegen zu können. Diese Angst sitzt tief. Und deshalb meide ich alles, was mich in diese lähmende Situation zurückführen könnte. Ich spüre es sofort, wenn etwas in mir zu erstarren droht. Dann wird jeder Schritt doppelt wichtig.
Lasse ich das Gehen für ein paar Tage aus, spüre ich, wie ich zurückfalle. Schnell, unerbittlich. Es ist, als würde der Körper vergessen, was er gelernt hat – und mit ihm auch der Geist. Genau das möchte ich vermeiden. Denn was es damals brauchte, um wieder in Bewegung zu kommen, war eine Kraftanstrengung, die ich nicht noch einmal durchleben möchte.
Das Gehen ist mein Weg geblieben. Mein Schutz, mein Weiterkommen – Schritt für Schritt aus der Angst heraus.
Für mich ist es wichtig, ohne Ziele genauso glücklich zu sein. Klar habe ich den JOGLE als Ziel, jedoch mache ich mein Glück nicht davon abhängig, ob ich es erreiche oder nicht. Nur wenige Tage vor dem Beginn des SWCP, fühlte ich mich so glücklich und gut drauf, dass ich nach Hause fahren hätte können. Mein Glück hing nicht davon ab, ihn zu beenden oder nicht, so wie alle Wege die ich bisher bestritt.
Mein Weg darf niemals ein Kampf sein oder mich in ein Ziel gar zu verbeißen. Natürlich ist der JOGLE das bisher schwierigste Unternehmen, welches ich seit dem Hirnabszess mache, aber ich denke in anderen Dimensionen. Es geht mir nicht um das Prestige oder damit ich sagen kann, ich habe England durchquert. Jeden Schritt mache ich für mich und mein Leben, welchem ich damit einen Sinn gebe.
In den letzten Jahren hat sich immer mehr gezeigt, wie sehr mir der Aufenthalt in der Natur guttut. Die ersten Jahre war ich noch bemüht, mich auch wieder in der Stadt zurechtzufinden. Das ging nur schleppend und langsam dahin und in der Pandemie verschlechterte es sich sogar. Bis ich mich entschied, vorrangig in der Natur zu bleiben und mithilfe der Natur Verbesserung zu erwirken.
Deshalb tut es so gut, England, praktisch bis auf wenige Ausnahmen, in der Natur zu durchqueren. An größeren Städten besuchte ich nur Inverness, Glasgow, Bristol, Penzance und Exiter, wo ich Ruhepausen einlegte
Meine Highlights entlang des Weges sind die kleinen Fischerdörfer. Sie liegen wie Ruhepunkte im Sturm – eingebettet zwischen Felsen, Meer und Wind. Oft – aber nicht immer – finde ich hier meinen Kaffee. Und wenn ich Glück habe, eine Steckdose für mein Telefon und die Powerbank. Dann bleibe ich sitzen, mit der Tasse in der Hand. Manchmal eineinhalb Stunden. Oder so lange, bis genug Strom da ist, um bis zum nächsten Tag durchzukommen.
Es ist meist meine einzige Pause am Tag. Denn draußen verhindern Sturm und Regen jedes Innehalten. Es gibt keine Unterstände, keine trockenen Plätze – alles ist klatschnass. Die wenigen kurzen Sonnenfenster nutze ich, um das Zelt zu trocknen. Ein tägliches Ritual zwischen Weitergehen und Warten.
Die Dörfer selbst bestehen aus alten Steinhäusern. Davor kleine, liebevoll gepflegte Gärten – manchmal wild, manchmal akkurat. Am Anfang stellte ich mir genau so die Küstendörfer vor: ruhig, schlicht, ehrlich. Doch je näher ich nach Land’s End komme, desto mehr verändert sich das Bild. Die Orte werden touristischer, voller, auf Hochglanz gebracht. Menschenmengen ziehen durch enge Gassen. St. Ives gehört zu den teuersten Gegenden hier – alles ausgebucht, alles belegt.
Ein völliger Kontrast zu den einfachen Fischerdörfern auf der Westseite. Und doch blitzt für einen Moment die Sonne durch – als würde sie mir diesen Übergang zeigen wollen. Genau in diesem Licht entdecke ich das Jakobswegzeichen, die vertraute Muschel. Ein stiller Moment, mitten im Trubel.

Jeder Tag beginnt mit der Suche nach einem Schlafplatz. Das ist es, was mich beschäftigt. Nicht der Wind, nicht der Regen, sondern: Wo kann ich heute Nacht liegen? Hinter einer Hecke, geschützt vom Wind – dort geht es einigermaßen. Aber diesen Platz muss ich erst einmal finden.
Über steile Stufen geht es Klippe um Klippe rauf und wieder runter. Stundenlang. Und oft dauert es bis in den späten Nachmittag, ehe ich einen Platz finde, an dem ich mein Zelt aufstellen kann. Wenn es am Morgen regnet, ist der Start besonders unangenehm. Das nasse Zelt abbauen, alles zusammenpacken, im Wind verstauen – es kostet Kraft. Dann hoffe ich auf eine Regenpause, am besten mit ein wenig Sonne, um das Zelt unterwegs trocknen zu können. Denn eines ist sicher: Es gibt kaum etwas Unangenehmeres, als am Abend in ein klammes Zelt zu kriechen.
Oft bleibt mir nichts anderes übrig. Dann passe ich auf, dass der Schlafsack nicht den Boden berührt – alles, damit er trocken bleibt. Ich esse noch etwas, meist im Sitzen, in mich gekehrt, und versuche dann zu schlafen.
An Abenden mit Regen lasse ich das Kochen meist sein. Dann gibt es, was da ist: ein Stück Brot, Käse, manchmal ein wenig Salami. Wenn ich Glück hatte und am Nachmittag noch ein Kaufhaus kam – und ich die Kraft fand, mehr zu tragen – dann vielleicht auch eine Avocado. Man wird genügsam. In drei Monaten habe ich vielleicht fünfmal Butter gegessen. Jedes Mal ein kleines Highlight.
Mit der Dauer der Tour verändern sich die Bedürfnisse. Fett und Zucker bekommen plötzlich ihren Platz. Sie geben Energie, schnell und verlässlich. Für Eiweiß habe ich Kapseln dabei. Wenn ich Mozzarella finde, kaufe ich ihn – schwer ist er, deshalb wird er meist gleich unterwegs gegessen.
Manchmal nutze ich eine Regenpause am Nachmittag zum Kochen. Dann fällt das Abendessen aus – und das ist gut so. Denn wenn die Sonne untergeht, wird es rasch kalt. Dann bin ich froh, wenn ich einfach nur noch in meinen Schlafsack kriechen und zur Ruhe kommen kann. Nichts mehr tun. Nur liegen. Nur sein.
Eigentlich hatte ich gehofft, am South West Coast Path mehr Menschen zu treffen. Ich wollte an meiner Kommunikation arbeiten, Gespräche führen, mich austauschen. Doch das Wetter macht vieles zunichte – ich bin oft allein unterwegs. Regen, Sturm und kalte Tage lassen kaum jemand draußen verweilen. Seit dem Start in Schottland habe ich vielleicht mit zwanzig Menschen wirklich gesprochen. Die kurzen Sätze mit der Bedienung im Pub oder an der Supermarktkasse zähle ich nicht dazu.
Und doch bekommt das Alleinsein auf dieser JOGLE-Reise eine ganz neue Bedeutung. Ich entscheide mich, es anzunehmen – nicht als Mangel, sondern als Möglichkeit. Ich habe mich nie einsam gefühlt. Im Gegenteil: Diese Stille, diese Abgeschiedenheit geben mir Raum. Raum, um Vertrauen zu entwickeln – in mich selbst. Denn nur, wenn ich mir selbst vertraue, können andere eine Quelle der Freude sein. Keine Bedrohung, keine Sorge. Diese Tage sind lehrreich. Und sie bringen mich weiter – Schritt für Schritt, ganz leise.
Zum ersten Mal beginne ich zu verstehen, was Alleinsein wirklich bedeutet. Es ist nicht das Fehlen von anderen, sondern das Wahrnehmen von sich selbst. Ich sehe mich – und ich kann mich selbst einschätzen, ohne das Echo der Außenwelt zu brauchen. Innere Konflikte zeigen sich mir in einem größeren Zusammenhang. Und ich beginne zu erkennen, wo sie ihren Ursprung haben. Das ist für mich der Beginn von Heilung.
Hier, an der rauen Küste, neben dem Ozean, den Elementen ausgesetzt, führe ich ein Leben, das ganz bei mir ist. Ein Leben ohne Umwege, ohne Ablenkung. Es geht ums Wesentliche: um das Leben selbst. Um das Vertrauen in meine Intuition – besonders auf den wilden, einsamen Wegen, oben über den Klippen. Dort spüre ich sie am deutlichsten: die leise Gewissheit, dass dieser Weg der richtige ist.

Oft vergehen Stunden, bis ich wieder auf ein Dorf treffe. In unserer Zeit ist das ein Luxus, den viele gar nicht mehr kennen. Tagelang bin ich unterwegs – gehe einkaufen, versorge mich – und verschwinde dann wieder in die Natur. Dass ich dabei so viel lernen würde, hätte ich nicht erwartet.
Aber das funktioniert nur, wenn man bereit ist, mit sich allein zu sein. Ich beginne, meine eigenen Grenzen zu erkennen, meine Bedürfnisse, meine Sehnsüchte. Gedanken, die ich seit dem Hirnabszess kaum mehr in dieser Tiefe hatte. Doch langsam, ganz langsam, macht auch mein Gehirn Fortschritte. Und dafür bin ich dankbar.
Was mir die Natur bisher gegeben hat, lässt sich kaum in Worte fassen. Je mehr ich mich auf sie einlasse, desto mehr zeigt sie mir – ihre Ruhe, ihre Kraft, ihre Weisheit. Ich sehe sie klarer, verstehe sie besser. Und spüre, was sie mit mir macht. Ohne den Aufbruch auf den Jakobsweg vor fünf Jahren hätte ich diese Form der Heilung nie erfahren.
Manchmal denke ich daran, wie viele Menschen in Einrichtungen verharren, ohne die Chance, sich noch einmal ganz neu kennenzulernen. Ohne Wind im Gesicht, ohne Erde unter den Füßen, ohne Weite vor den Augen. Ich hatte das Glück, aufzubrechen. Und was ich dabei finde, bin ich selbst.
In Portreath übernachte ich in einem der wenigen Hostels entlang des Weges. Die Besitzerin wird mit Jahresende schließen – sie geht in Pension. Es ist eines dieser Häuser, in denen man sofort merkt: Hier ist jemand mit Herz bei der Sache gewesen. Ich bin mit einer Familie die einzigen Gäste, obwohl das Haus eigentlich ausgebucht war. Doch viele haben wegen des schlechten Wetters abgesagt – und so wurde für mich ein Platz frei.
Viele Hostels liegen zu weit abseits vom Weg, um sie zu erreichen. Und da ich nie genau weiß, wie weit ich an einem Tag komme, kommt Vorreservieren für mich nicht infrage. Das Zelt ist flexibler. Und es erdet mich. Es bringt mich näher zur Natur, zu mir selbst.
Mit der Wirtin spreche ich lange. Über Gott und die Welt. Über das Leben. Es sind diese Gespräche, die in Erinnerung bleiben – unerwartet, ehrlich, offen. Zum Abschied gibt sie mir noch einen Tipp: Ein Stück weiter, gut versteckt zwischen Felsen, kann man Seehunde beobachten. Ich wäre daran vorbeigegangen, hätte sie für Steine am Strand gehalten.


Die Möwen, die Meisen – sie begleiten mich auch an diesem Tag. Trotz des Windes, trotz des Regens. Manche von ihnen tauchen wie kleine Zeichen auf, Krafttiere vielleicht, die mich ein Stück weit begleiten. Und mir zeigen: Ich bin auf dem richtigen Weg.
Unter all dem ist es mein eigentliches Abenteuer, das Einfache wiederzufinden – und neu zu entdecken. Meine Gedanken kreisen nicht um das, was ich erreicht habe, sondern um das, was wieder möglich wird. Ich beginne zu erkennen: Es wird möglich, was ich möglich mache.
Ein kleines Beispiel: Trotz der täglichen Anstrengung verspüre ich beim Niederbücken immer seltener Schwindel. Ein Fortschritt, der nicht nur körperlich ist. Ich spüre, dass es auch damit zu tun hat, dass ich zu mir stehe – dass ich endlich das tue, was ich wirklich möchte.Jetzt, zu Hause, wo ich diese Zeilen schreibe, muss ich wieder mehr aufpassen. Beim Aufstehen ist der Schwindel wieder spürbarer. Es ist ein Zeichen. Vor dem Hirnabszess habe ich vieles getan, das mir nicht guttut – und es trotzdem weitergemacht. Viel zu lange.
In Städten wird mir heute schneller schwindlig. Es ist, als würde mein Körper dort noch stärker zeigen, was ihm nicht bekommt. Hier draußen, fast ausschließlich in der Natur, geht es mir besser. Die Natur gibt mir Raum. Und Schwindel – so habe ich für mich erkannt – hat oft mit Dingen zu tun, die man verdrängt, zur Seite schiebt, nicht anschauen will.So arbeite ich mich voran – Schritt für Schritt, auf dem Weg wie in mir. Manchmal mühsam, aber immer weiter.
Am schönsten ist es, in der Gegenwart zu leben. Hier draußen ist das möglich. Tag für Tag, Tritt für Tritt. Und anders wäre es für mich gar nicht möglich, überhaupt weiterzukommen.

Den Abschluss bis zum Ende in Lands End und Point Lizzard, beschreibe ich dann das nächste Mal, mit einem Resümee, was mich der Weg durch England lehrte.
Von John o’Groats bis Land’s End: Meine Durchquerung Großbritanniens führte mich durch ganz unterschiedliche Landschaften und brachte viele Herausforderungen und Erfahrungen mit sich.
Auf meiner Übersichtsseite findest du die weiteren Abschnitte dieser Wanderung und kannst meine Reise von Anfang bis Ende verfolgen.
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Neben meiner Durchquerung Großbritanniens habe ich auch auf anderen langen Wegen viele Erfahrungen gesammelt. Dazu gehören der HexaTrek durch Frankreich und meine Wanderungen auf den Jakobswegen, bei denen leichtes Gepäck für mich eine wichtige Rolle spielt.