Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Manchmal stellt sich mir die Frage, wie meine Rehabilitation mit mehr Geld wohl verlaufen wäre? Was könnte ich anders oder besser machen, hätte ich mehr Erfolg oder mehr Verbesserung in der Gesundung geschafft?
Nach bald fünf Jahren nach dem Hirnabszess, kann ich mittlerweile abschätzen, was ich anders hätte machen können oder was mit mehr Geld möglich gewesen wäre.

So wie es gewesen und passiert ist, war es perfekt und ich habe das Maximum aus mir bisher herausgeholt. Sicher, mehr Geld hätte manches erleichtert. Dass ich nicht soviel habe, hat aber wahrscheinlich bewirkt, dass ich mich stärker und intensiver mit der Natur befasst habe und erfolgreiche Alternativen gefunden habe. Wobei ich der Natur schon immer zugetan war.
Diese Alternativen für viele Therapien, habe ich hauptsächlich in der Natur gefunden. Als Überlebender, wovon auch immer, kann ich definieren, wie Heilung ausschaut und niemand anderer. Wir wissen am besten, was gut für uns ist. Dessen kann sich jeder bewusst sein.
Geld ist also nicht wirklich notwendig, um etwas zu erreichen, kann es aber erleichtern. Meine Rehabilitation findet größtenteils in der Natur statt, wofür ich wieder kaum Geld brauche.
Denn niemand kennt die Straße besser, als ich selbst, auf der ich gehe. Das Finden des 2.0 Lebens kann eine mühsame Aufgabe sein und wenn wir zu unserem 2.0 kommen wollen, haben wir keine andere Wahl, als es selbst zu tun. Niemand kann es für uns machen. Eigenverantwortung übernehmen, ist der Schlüssel zu Heilung.
Natürlich hilft es, Erfahrungen anderer anzunehmen, gerade was Ergo- und Physiotherapeuten betrifft. Aber schlussendlich bin ich selbst verantwortlich, für des Glückes Schmied. Etwas selbständig erreichen zu können, mit einem aktiven und zielgerichteten Verhalten, führt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einer positiven Reaktion.
Ich war vom ersten Tag an Hungrig nach Gesundung und das mir bestmögliche zu versuchen. Von der Intensivstation und dem Krankenhaus wieder nach Hause gekommen, ist mir dieses Hungrig nach Gesundung sein Erhalten geblieben. Es ließ mich dranbleiben, aber trotzdem Gelassen dabei bleiben.
Ich habe mich Anfangs nie ins Fitnessstudio bringen lassen, um mit Gewichten hantieren zu können. Im Gegenteil, ich suchte die Natur. Es dauerte zwar Monate, ehe ich wieder den nahen Wald erreichen konnte, aber sobald ich es konnte, nutzte ich dort Äste und Baumstämme, um mit ihnen zu trainieren. Rehabilitation im Wald.
Es kann manchmal beschwerlich und anstrengend sein. Möglicherweise kann man die Früchte der Arbeit selbst nicht sofort sehen. Man lernt täglich dazu und versucht, auf den vorangegangenen Tag aufzubauen. Dabei gibt es diesen Tag gar nicht mehr, aufgrund meines fehlenden Kurzzeitgedächtnis. Man denkt ausschließlich im Hier und Jetzt. Was war, das gibt es nicht mehr und zählt nicht.
Man lebt mit dem was IST und versucht sich weiter zu verbessern. Wie ein Sportler, der trainiert und trainiert, um besser zu werden. Dieses "Besser werden" liegt in uns Menschen, darf aber nicht zu Zwangsartigkeit ausarten. Gesunder Wachstum ist gut, zu viel Wachstum kann zerstörerisch wirken, wie uns immer wieder die Wirtschaft vorzeigt. Mit Wachstum bin aber ich als Mensch gemeint. Auch mit Behinderung ist Wachstum möglich, der allerdings oft falsch verstanden wird.

Ich bekomme immer wieder die Aussage zu hören, dass ich normal aussehe und man mir nichts ansieht. Für manch einen ist das ein Grund zu denken, dass ich wieder gesund bin. Ist dem aber so?
Ich erlitt eine Vielzahl an Auswirkungen des Hirnabszesses. Beeinträchtigung von kognitiven und sensomotorischen Funktionen, einer rechtsseitigen Hemiparese (Halbseitenlähmung), Verlust des Sprechvermögens und Wortfindungsstörungen, sowie emotionaler Regulationsstörungen, d.h. ich kann Emotionen nur schwer regulieren. Dazu der Verlust meines Kurzzeitgedächtnisses und manches mehr.
Ich habe die Kunst der Kompensationsstrategien auf Rehabilitation erlernt. Anderen fällt das kaum auf, besonders in einem Gespräch. Mir fehlt aber auch die Fähigkeit zur Problemlösung, bzw. ich brauche lange, um auf etwas angemessen zu reagieren.
Vor dem Hirnabszess war ich sehr mit mir zufrieden, dass ich mehrere Funktionen gleichzeitig ausführen konnte, Multitasking genannt. In meinem Beruf als Videojournalist war es normal, alleine zu Filmen und ein Interview gleichzeitig zu machen.
Heute kann ich meinen Focus nur auf eines davon legen und danach auf das andere. Zwei volle Teller zu tragen, ist fast unmöglich. Ich kann mich nur auf eines konzentrieren und darauf, nichts zu verschütten. Am Camino hatte ich immer Schwierigkeiten damit, mit dem Kaffee und dem Teller mit Tapas, durch die Fliegenvorhänge an der Tür zu kommen.
Stufen muss ich noch immer mit voller Konzentration gehen, egal ob rauf oder runter. Meine Beine brauchen die Aufmerksamkeit. Durch die fehlende Automatik ist meine Welt langsamer geworden. Das genaue Gegenteil von früher. Meine Rehabilitation beinhaltet viel vom Erlernen der Automatik, ein wichtiger Bestandteil von Lebensqualität.

Die Monate vor dem Hirnabszess waren so schnell, dass mir schwindlig wurde. So schwindlig, dass mich der Hirnabszess hinstreckte und ich noch heute diesen Schwindel verspüre.
Indem ich dem wirklichen Leben wieder auf die Spur komme und mir Zeit lasse, ja lassen darf, komme ich vorwärts. Dazu sind verschiedene Lernstufen notwendig und es funktioniert nur Step by Step.
Ich sehe normal aus, ja, es ist aber noch lange nicht normal. Ich bin zwar den Camino gelaufen, 1.000 Kilometer durch Spanien, bis ans Meer, dass sich kaum wer vorstellen kann. Wie soll sich das dann aber jemand vorstellen können, unter welchen Bedingungen ich das schaffen konnte!
Ja, es mag unvorstellbar sein und eigentlich war es das erste Mal auch unmöglich, jedenfalls im allgemeinen Verständnis. Ich hatte aber eine Alternative gefunden, die für mich mehr als nur Therapie war. Denn noch wichtiger war es, wieder das Leben spüren zu lernen und das hat mir der Camino definitiv gezeigt.
Noch habe ich Schwierigkeiten mit dem Schreiben, aber ich arbeite trotzdem an einem Buch und einem Vortrag, um andere an meinem Schicksal teilhaben zu lassen. Was es bedeutet, plötzlich mit einer Behinderung konfrontiert zu sein. Ich habe mein Schicksal vor dreieinhalb Jahren öffentlich gemacht, nicht wissend, dass ich noch viele Jahre der Gesundung brauchen werde. Dranbleiben und nicht aufgeben wurde zu meiner Maxime.

Viel meiner Arbeit ist an den unsichtbaren Behinderungen. Meine Fotos, die ich poste, zeigen diese aber nicht. Wie kann man zum Beispiel Muskelschwäche sichtbar machen?
Denn Fotos kann ich nur machen, wenn es mir besser geht. Aus der Zeit im Krankenhaus gibt es so gut wie keine Fotos, weil ich gar nicht daran denken konnte, zu fotografieren. Dieses monatelange, tägliche trainieren, um ein paar Zentimeter weiterzukommen, war mein Alltag.
Es gibt so gut wie keine Aufzeichnungen davon. Eigentlich gar keine, denn mein Focus lag am Üben. Mein Gehirn konnte nicht ans Dokumentieren denken, ich hatte keine Energie dafür. Erst über ein Jahr später konnte ich schrittweise beginnen zu fotografieren, filmen nur ausnahmsweise.

Die Handicaps habe nicht nur ich erlitten, alle in meiner Familie haben sie zu spüren bekommen, es waren alle betroffen. Das zu erkennen, war oft nicht leicht. Für mich, wie auch für meine Familie.
Am schwersten ist es, wieder richtig kommunizieren zu lernen. Ich hatte alles zu lernen, nämlich zu sprechen, lesen, schreiben und zu gestikulieren. Fähigkeiten über die ich vorher nicht einmal nachgedacht habe. Im Krankenhaus bekam ich immer zu hören: "Lassen sie sich Zeit!", und ich brauchte Zeit.
Es ist schwer zu erklären, was es heißt, nicht denken zu können. Ich reagierte nur auf das, was war und war glücklich, wenn ein bekanntes Gesicht bei der Tür hereinschaute. Weiter ging mein Denken nicht, es reichte aber, um glücklich zu sein. Auch heute noch bin ich für kleinste Dinge dankbar und glücklich.
Meine Krankheit hat meine Familie nicht überstanden, sie ist daran zerbrochen. Das Gehirn schützt mich nach wie vor, mir darüber zu viele Gedanken machen zu können. Ich befinde mich jetzt im fünften Jahr der Rehabilitation und noch immer steht die Gesundung an vorderster Stelle. Das Überleben des Hirnabszesses bekam einen immer höheren Stellenwert.
Eigentlich unvorstellbar. Wer hat in seinem Leben ein Projekt verfolgt, dass so lange dauert? Nämlich dafür jede Minute seiner Zeit intensiv gewidmet und das rund um die Uhr?
Anfangs stand ja die Frage, was mehr Geld an meiner Rehabilitation geändert hätte? Vielleicht hätte ich mir die ein oder andere Therapie mehr leisten können. Vielleicht wäre ich für längere Zeit nach China gereist und hätte mich in die Obhut der TCM vor Ort begeben? Und vielleicht hätten Therapien wie Osteopathie oder Craniosacral-Therapie einiges bewirkt?

Das sind aber alles "Hätti-wari-datti" Gespinste. Es war so, wie es war und das war gut. Mit dem Pilgern konnte ich mir etwas geben, was meine Seele dringend gebraucht hat. Meine drei großen Pilger-Fahrten brachten mir so viel, ich kann es gar nicht beschreiben. Ich bin meinen alten Radkollegen mehr als dankbar, dass sie für mich sammelten und einen Teil dazu finanzierten.
Außerdem ist es müßig darüber zu sinnieren, was mit mehr Geld eventuell möglich gewesen wäre. Gerade kein Geld zu haben, war vielleicht entscheidend dafür, dort hinzukommen, wo ich jetzt bin. Ja, es fehlt noch viel, aber ich habe bisher mehr erreicht, als was ich erwarten durfte.
Dass ich überhaupt lebe, ist nicht selbstverständlich. Das muss mir immer wieder bewusst sein, ebenso wie ein Leben mit Handicap, mich jeden Tag intensiver erleben lässt, frei nach dem Motto:
"Lebe jeden Tag so, als sei es dein letzter!"
Abwandlung von Marc Aurel, römischer Kaiser, ("All dein tun und denken sei so beschaffen, als ob du möglicherweise in diesem Augenblick aus dem Leben scheiden solltest.")

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Wie schon der Hirnabszess ein Ende und Anfang war, so hat auch meine Rehabilitation ein Ende gefunden, der zugleich einen Anfang darstellt.
Corona hat meine Strategie der Genesung über den Haufen geworfen und eine völlig neue Richtung benötigt. Langsam formt sich dieser neue Anfang heraus und wird für mich greifbarer. Mein Gehirn braucht noch immer Zeit, um Neues zu verstehen.
Die einschneidendsten Änderungen gab es beim Pilgern. Das hat einerseits mit dem Reisen zu tun, andererseits mit den umfangreichen Verhaltensmaßnahmen und Beschränkungen wegen Covid-19.
Pilgern als Therapie, wie noch bis Februar dieses Jahres von mir angewendet, ist so nicht mehr möglich. Wenn ich an die letzten Jahre denke, 2018 bin ich meinen ersten Camino in Spanien gegangen, habe ich mich am Jakobsweg am meisten weiter entwickeln können.
Körperlich wie geistig habe ich zu Hause nur Ansatzweise etwas finden können, was dem gleichgestellt ist.

Mein Camino Frances im Winter bedeutete im Nachhinein das Ende eines Weges, der mir einen großen Auftrieb gab. Er bedeutet aber auch einen neuen Anfang, von dem ich noch nicht genau weiß, wie er ausschauen soll.
Gehen und Pilgern wird auch in Zukunft ein Teil meiner Rehabilitation bleiben, in welcher Form auch immer. Ich bin dankbar, den Camino noch in seiner alten Form kennengelernt zu haben. Andererseits hat der Jakobsweg schon hunderte Jahre und zahlreiche Kriege überlebt. Er wird also auch weiterhin bestehen bleiben.
So wie jeder Camino bisher, war auch dieser Wintercamino für mich ein besonderer. Ich war so glücklich darüber, wieder Gehen zu können und dieses Gefühl in mir, bewahre ich jetzt noch auf.

Diese Grafiken stellte https://jakobsweg-lebensweg.de zur Verfügung. Sie zeigt die Entwicklung des Jakobsweges in Spanien.
Waren 2018 und 19 noch jeweils über 2000 Österreicher unterwegs, so sind es 2020 nur 31 im gesamten Jahr (offiziell) gewesen.
Das sind die offiziellen Pilgerzahlen, die sich auch im Pilger-Büro in Santiago registrieren haben lassen. 2018 war ich zum Beispiel noch nicht in der Verfassung, mich so lange anzustellen und habe auf die Compostela verzichtet. So ist auch mancher unterwegs, der sich nicht registrieren lässt.
Waren 2018 noch 96.000 Tausend am gesamten Camino Frances unterwegs, so waren es in diesem Jahr nur 14.000 Tausend.
Nun, ich denke, dass weiß niemand wirklich. Meine Rehabilitation fußt auf dem bisher Gelernten und beschränkt sich darauf, es auszubauen. Besonders das therapeutische Tanzen gab mir wichtige Impulse, vieles besser in mein Leben besser zu verstehen, integrieren und zu verbessern.
Das Gehen werde ich auf Österreich beschränken, aber das Pilgern sehr wohl beibehalten. Dafür werde ich hoffentlich das Zelten besser in den Griff bekommen, denn in Österreich ist es nur mit Zelt für mich machbar. Mir schwebt bereits ein Projekt vor, welches ich hoffentlich umsetzen kann.
Einen wichtigen Teil wird auch das bessere Formulieren einnehmen. Ich schreibe noch immer am Buch und habe vor, einen kleinen Vortrag über das Pilgern und wie es mir geholfen hat, aufzubereiten. Über YouTube werde ich ihn verteilen, es wird aber noch eine Zeitlang dauern, denn ich bin noch nicht so weit.

Anfang und Ende, es begleitet mich seit dem Hirnabszess auf besondere Weise. Oft gehe ich in den Wald und starre nur ins Narrenkastl. Ich vertraue dann darauf, dass alles so kommt, wie es zu meinem besten ist. Denn das Denken ist meine Herausforderung, besonders wenn es um das Gestalten geht.
So ist für mich seit Jahren jeder Tag ein neuer Anfang und eine besondere Herausforderung, besonders wenn ich etwas erschaffen möchte. Mir genug Zeit, Ruhe und Geduld zu geben, das habe ich mittlerweile gelernt.
"Ach, ich bin gelaufen, gelaufen und hingefallen, wieder aufgestanden, umgeworfen, wieder aufgesammelt, bis ich da angekommen bin, wo mein Ziel anfängt."
Fanny Gräfin zu Reventlow
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Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Die Tage sind voll davon - mit Training. Training und Üben, um besser zu werden. Aber wie viel besser, ist genug?
"Besser" ist ein relativer Begriff. Ich habe zwar das Himmel und Hölle Spiel, aber es zeigt mir nur, wo ich aktuell stehe. Es sagt mir nicht, wo ich im Training stehe oder wie weit ich wirklich bin. Seit dem Beginn der Corona-Krise bin ich nicht weiter gekommen.

Seit März dieses Jahres spüre ich Stillstand in mir. Mein größter Erfolg dieses Jahr war es, mit dem Radfahren begonnen zu haben. Trotzdem spüre ich Stillstand in mir.
Allerdings ist es wenigstens Stillstand und kein wirklicher Rückschritt. Woran soll ich aber Rückschritt messen? An meiner Kilometer Leistung, die ich imstande bin zu gehen? An meinen Übungen mit dem Computer, die mir zeigen, ob ich eine bessere Reaktion habe?
So gesehen habe ich seit März einen Rückschritt, keinen Stillstand.

Es ist eigentlich seit Monaten ein über die Runden kommen. Ich konzentrierte mich darauf, meine Gehfähigkeit zu verbessern und das therapeutische Tanzen.
Einige Aha-Effekte hatte ich und konnte sehr viel lernen. Die Eigen-Wahrnehmung spielt eine große Rolle und ich konnte an Dingen arbeiten, die mir so nicht bekannt waren. Propriozeption und Wahrnehmen, das waren die Sachen, an denen ich die meiste Zeit arbeitete und sogar mit großem Erfolg.
Körperlich baute ich aber immer mehr ab. Mir fehlt das viele Gehen, vor allem im Pilger-Modus. Zu Hause ist das fast nicht möglich.
Seit dem Lockdown und dem Winter ist alles schwerer geworden. An die Stelle der Leichtigkeit, an der ich arbeitete, ist wieder die Schwere getreten.
Das darf mich aber nicht irritieren. Der Winter war, seit dem Hirnabszess, schon immer mein Sorgenkind. Trotzdem hoffe ich jedes Mal darauf, dass ich diesen Winter besser vertrage. Letzten Winter war ich am Camino Frances und hatte die Hoffnung, in diesem Jahr einen entscheidenden Schritt nach vorne zu machen.
Stattdessen ging der erwartete Schritt nach vorne, ein Stück nach hinten. Den ganzen Sommer machte ich Schadensbeschränkung. Der eine oder andere Erfolg war da, wie das Radfahren. Trotzdem hatte ich mit den veränderten Bedingungen zu kämpfen. Der Winter und der Lockdown gaben mir den Rest.

Trotz allem bleibe ich optimistisch, mit dieser Zeit umgehen zu lernen. Es ist eben ein anderes Lernen, als noch vor einem Jahr. Meine größte Herausforderung ist es, mein Gehirn noch besser in Schuss zu bringen, um diese Veränderung auch verstehen zu können.
Denn im Moment reagiere ich bloß auf alles, so gut ich kann. Wirklich verstehen tue ich es noch immer nicht. Ich trainiere und übe für etwas, was bis Anfang des Jahres mein Leben ausmachte. Es ist gar nicht so sehr das Pilgern, mehr noch trifft mich das "Leben lernen", das ich im Frühjahr als Auftrag in der Ergo-Therapie bekam.
In gewisser Hinsicht bin ich wieder zurück an den Anfang gefallen, wo damals schon soziale Isolation und Rückzug mein Alltag war. Ich kann nur von Glück sprechen, dass ich am Rand eines Waldes wohne. Ohne einen Wald, womöglich in der Stadt, hätte ich mich weit schwerer getan, diese Zeit zu überstehen.
Ein beliebtes Training von mir, ist das Müll sammeln. Einmal die Woche gehe ich nach Gratwein einkaufen und sammle auf dem Weg den Müll ein. Jedes Mal kommen ein bis drei Sackerl zusammen und das Woche für Woche.
Beinahe an denselben Stellen finde ich Dosen, Zigarettenschachteln und Plastikabfall. Würde ich es seit März nicht jede Woche aufheben, würden Mengen von Müll am Weg liegen. Ich mache es aus Eigennutz, denn es tut mir in der Seele weh, entlang des Weges so viel Abfall zu sehen.
Außerdem schule ich meine Wahrnehmung und Beweglichkeit durch das hinunterbeugen und Greifen. Fast täglich sammle ich Dosen und Plastik bei meinen Spaziergängen im Wald ein.


Mein Gymnastik-, Kraft- und Stretching Training mache ich seit März im Home-Office und nicht mehr im Fitness-Studio. Das Training mit Gewichten fehlt mir und ich muss gut improvisieren, um es auszugleichen.


Muss es das? Ich hatte dieses Jahr erstmals einen Stillstand, obwohl ich mich in gewisser Hinsicht verbessert habe. Diese Verbesserung ist aber so subtil, dass ich sie fast nicht merke und durch wirkliche Verschlechterung aufgehoben wird.
Der große Durchbruch ist ausgeblieben, nach dem es im Frühjahr ausschaute. Stattdessen nahm unser aller Leben eine unerwartete Wendung. Durch Corona merkte ich umso mehr, wie groß meine Defizite und Handicaps sind. Trotz aller Schwierigkeiten ist mir aber eines geblieben:
"Never give up!"
Letztens habe ich einen Beitrag über die Propriozeption geschrieben. Dazu gehört auch das Training im Balance-Park. Ich habe noch verschiedene Schwierigkeiten beim Wahrnehmen, besonders wenn ich nicht auf meine Füße schaue.
Im Balance-Park übe ich seit etwa 2 Jahren und er stellt einen wichtigen Baustein in der Rehabilitation dar. Gleich neben der Reha-Anstalt wurde die Anlage im Park erstellt. Für mich ein großes Glück, den eine solche Anlage kam mir wie gerufen.

Der Balance-Park ist seit rund 2 Jahren eine ständige Einrichtung, die ich gerne nutze. Meine Motorik wird geschult und besonders die Kräftigung der Fußgelenke kann ich hier trainieren. Die Propriozeption bekam mit der Zeit eine immer wichtigere Bedeutung.


Die Geräte bestehen aus Holz und stehen in einer weiträumigen Parkanlage, inmitten von Bäumen, jedem zur Verfügung. Selbst jetzt im Winter nutze ich die Anlage, zumindest wenn es nicht regnet oder Schnee liegt. Denn das Holz wird bei Nässe schnell glatt und rutschig.
Das Gehen über die Hölzer ist schon lange mein Training. In letzter Zeit achte ich vermehrt darauf, nicht auf meine Füße zu sehen. Das hat den Grund, dass ich eigentlich meine Füße sehen muss, um die Bewegung im Gehirn anzusteuern. Sobald es schwierigeres Terrain gibt, muss ich die Füße sehen, sonst stolpere ich unbeholfen dahin.
Das ist ein Ergebnis der fehlenden Propriozeption. Erst seit ich einigermaßen sicher balancieren kann, ist mir das vermehrt aufgefallen. Aus diesem Grund versuche ich nach vorne zu schauen und nicht nach unten. Eine besondere Konzentration ist notwendig, um balancieren zu können. Ich möchte lernen, meinen Füßen vertrauen zu können, auch wenn ich sie nicht sehe.
Mit dieser Übung hat wahrscheinlich ein Großteil der Menschen ihr Problem, aber sie brauchen auch nicht zu gehen lernen, bzw. ihr Automatismus funktioniert. Ich übe es jetzt schon eine Weile und die Fortschritte sind gering, aber langsam erkennbar. Es fühlt sich komisch an, wenn ich die Füße nicht sehe und kaum ein Gefühl dafür habe, wie und wo ich den Fuß aufsetze.



Je nachdem wie ich mich fühle, versuche ich geradeaus und nach vorne zu schauen und nicht nach unten, um meine Füße zu beobachten. Es gibt Tage, da funktioniert es besser oder schlechter. Ich habe einfach noch nicht das Vertrauen, dass ich es ohne schaffe. Oder anders gesagt: "Ich kann mich nicht im Raum zurechtfinden!"

Trotzdem muss ich sagen, ich habe schon viel erreicht zumindest was ebenen Boden anbelangt. Musste ich am ersten Camino noch stehenbleiben, um zu schauen, so war dieses Jahr am Camino vieles einfacher. Auch während des Gehens, konnte ich, zumindest auf guter Straße, die Gegend um mich wahrnehmen.
Das war ein riesiger Lebensqualitätsgewinn, denn ich konnte viel öfter mit erhobenen Kopf gehen. Seither habe ich weniger Schmerzen im Genick, durchs runterschauen. Das ist nicht zuletzt auf das intensive Training im Balance-Park zurückzuführen.
Dieses Nach vorne schauen hat auch Auswirkungen auf mein mentales Gleichgewicht. Langsam kann ich auch beginnen, nach vorne, in die Zukunft zu schauen.

Ich bin zwar noch nicht dort, wo ich sein möchte, aber ich bin auf dem Weg!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Propriozeption, was für ein schwieriges Wort! Eigentlich vermeide ich es, denn es kommt eigentlich nie richtig aus meinem Mund. Dabei beschreibt es, womit ich am meisten zu kämpfen habe. Ohne es, wäre keine körperliche Bewegung möglich.
Die Propriozeption ermöglicht dem Hirn, ständig zu erkennen, wo sich jeder Teil des Körpers gerade befindet, aber auch wie er sich bewegt. Es handelt sich um eine Eigenempfindung, also keine Wahrnehmung über Reize von Außen, sondern der Körper ist sich über die Lage der Gliedmaßen rein über innere Sensoren bewusst.
Dieser 6. Sinn wird für jede körperliche Bewegung gebraucht und interagiert mit allen anderen Sinnen. Dadurch ist es möglich, sich neben einer Tätigkeit auch zu unterhalten. Diese Propriozeption funktioniert normalerweise automatisch, bei mir allerdings leider nicht mehr. Ich habe jegliche Automatisation verloren.
Deshalb spreche ich auch nach über vier Jahren noch vom Gehen lernen. Am Anfang musste ich die Gliedmaße sehen, um sie ausführen zu können, wie zum Beispiel die Beine fürs Gehen. Sah ich sie nicht, kam ich ins Stolpern. Es ist wie Schreibmaschine schreiben lernen. Am Anfang muss man jede einzelne Taste sehen, um sie zu drücken. Später braucht man fast nicht mehr hinschauen, es wird automatisiert.
Ein gutes Beispiel ist auch Blindheit oder schlechtes Sehen. Wir können die Augen schließen und verstehen, wie sich diese Menschen verhalten und wie sich dieses Defizit anfühlt. Die Propriozeption ist aber eine innere Empfindung, die kaum zu verstehen ist und nachgestellt werden kann.
Diese Doku auf Arte beschreibt vieles davon, wie es mir geht und brachte mir neue Erkenntnisse.
Durch viel Training kann ich mich wieder einigermaßen bewegen. Auf ebenen Asphalt kann ich mich fast "automatisch" fortbewegen. Aber auch dort können mich Unebenheiten ins Schleudern bringen. Aktuell versuche ich es auch unter schwierigen Bedingungen, mich bergauf zu unterhalten. So schule ich immer und immer wieder meine Automatik.
Ich mache deswegen soviel "Sport", weil ich als ehemaliger Leistungssportler durch mein jahrelanges koordinatives Training die Nerven sehr gut trainiert habe. In Radquerfeldeinrennen habe ich auf technischen Kursen immer gut abgeschnitten, hingegen wenn es um die Kraft ging, fuhr ich hinterher. Auch das Trailrunning hat mir sehr geholfen, jetzt vor allem das immer wieder in Gedanken vorstellbare. Neueste Erkenntnisse messen dem eine große Bedeutung bei, die Propriozeption in Gedanken zu üben.

Übungen auf instabilen Untergründen, wie der Schaumstoffmatte oder auf dem Wackel-Board bilden den Standard. Jeden Tag in der Früh auf das Wackelbrett, ist auch heute noch Pflicht. Reaktionsmechanismen werden dadurch abgespeichert und hoffentlich wieder antrainiert.

Bei Spitzensportlern schaut die Bewegung oft mühelos aus, weil ihre Bewegungsabläufe hocheffizient sind. Das ist auch mein Ziel, was aber oft noch nicht gelingt. Deswegen ist es mir viel Wert gewesen, die Technik des Gehens möglichst gut zu verstehen und zu lernen.
Meine Psychologin auf der Reha erkannte nach einigen Sitzungen, dass ich zwar wie viele andere auch, bei null gestartet bin, mich aber aufgrund meiner Vergangenheit auf einem wesentlich höheren Niveau befand. Meine Zeit im Sport kam mir jetzt zugute.
Wenn es doch nur so einfach wäre, einfach Gehen zu lernen. Dazu gehört weitaus mehr. Viele verschiedenste Bewegungsvarianten gehören dazu und machen mein Training abwechslungsreich. Es geht ja nicht nur um das Gehen, sondern auch das Greifen.
Mein erster Frisbee-Wurf ging genau zwei Meter weit. Ich hatte kein Gefühl für das werfen. Gleich geht es mir mit dem hineinwerfen in einen Mistkübel. Nur durch jahrelanges Training ist es mittlerweile besser geworden.
So gehört dazu:





Nach viereinhalb Jahren kann ich sagen, zum Glück habe ich nicht aufgegeben. Ich habe seit 2016 rund 17.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Nur dadurch war es mir möglich, mich wieder einigermaßen zu bewegen und Vertrauen in mich zurückzugewinnen.

Besonders der aufrechten Haltung widme ich viel Aufmerksamkeit. Es kann Ausdruck von innerer Stärke und Sicherheit sein. Auf meinem ersten Camino hat mich in den ersten Tage kaum wer angesprochen, weil ich mit gesenktem Kopf unterwegs war und die Mit-Pilger dachten, ich wollte meine Ruhe. Dabei habe ich nur meine Füße beobachtet, um Gehen zu können. Meine Aufmerksamkeit war so vertieft in den Bewegungsablauf, dass ich für anderes nichts übrig hatte.

Eine meiner größten Fortschritte machte ich beim therapeutischen Tanzen, wo es ja um die Eigenempfindung geht. Das vergangene Jahr war nicht unbedingt leicht, denn neue Trainingskonzepte mussten her. An Therapien blieb nur das therapeutische Tanzen, daher konzentrierte ich mich in erster Linie darauf.
Besonders die Leichtigkeit steht im Mittelpunkt. Leichter durchs Leben zu gehen, war mein Ziel von Anfang an. Eine gestörte Propriozeption macht sich auch unter anderem darin bemerkbar, dass sich der Körper schwer anfühlt. Die ersten Jahre war alleine das Aufstehen vom Sitzen ein Kraftakt, der mich ans Limit brachte.



Jeder Schritt entgegen der Schwerkraft erfordert Überwindung, so ist es auch beim Tanzen. Langsam wird es besser, dieses Besser werden aber immer in meiner Geschwindigkeit und oft ist damit gemeint, dass ich besser damit klar komme. Hat mein Tagesablauf mit der Zeit als Leistungssportler viel gemein, so gilt das nicht für den Fortschritt. Ich musste neue Maßstäbe anwenden lernen und akzeptieren.
Das Tanzen tat unheimlich gut, mit den Körperwahrnehmungsübungen. Ein wichtiger Teil ist es, die Kontrolle zu verlieren. Mein ganzes Gehen ist aber auf Kontrolle aufgebaut, daher war es besonders bis in den Herbst hinein, nicht leicht zu erkennen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich musste Kontrolle aufgeben, um Leichtigkeit zu finden. Eine Kontrolle, die mir das Gehen bisher ermöglichte.
Auch wenn man es von außen nicht sieht, innerlich ist mein Gehen Roboterhaft und sehr kontrolliert. Mehr Leichtigkeit ist daher ein Ziel, dass ich über die Körperwahrnehmung beim therapeutischen Tanzen erreichen möchte.
Die andere Seite ist das Denken und Sprechen. Zwischen wenig und gar nicht sind da die Fortschritte. Besonders beim Pilgern konnte ich die Propriozeption in Verbindung mit dem Sprechen sehr gut üben. Ich tue mich schwer, jetzt im Lockdown und der Corona-Krise, denn der soziale Abstand setzt mir zu und verzögert mein Vorwärtskommen, abseits der Bewegung.
Besonders das Pilgern war die beste Möglichkeit, Bewegung, Denken und Sprechen zu fördern. Wie immer, mache ich aber das beste daraus und widme mich derzeit ganz der Verbesserung der Propriozeption und versuche in spielerischer Form Verbesserung zu erreichen.

Die Bewegung ist aber eben nur eines, auch in Zukunft muss ich immer genau abwägen, was ich machen darf und kann.
Es bleibt spannend, wie ich in Zukunft Rehabilitation, Corona und das Leben unter einen Hut bekomme. Zu tun ist genug!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Corona, mit seinem Lockdown, hat mein Leben in diesem Jahr wieder einmal komplett auf den Kopf gestellt. Zum dritten Mal schon, seit dem Hirnabszess vor viereinhalb Jahren, wurde alles durcheinandergewirbelt. Und manchmal möchte ich einfach nichts mehr hören, denn dieses ständige Neu-Beginnen, dieses immer wieder Lernen, kann auch belastend werden.
In solchen Momenten ziehe ich mich gerne in meine Gedankenwelt zurück. Dann denke ich an den Camino, an diese besondere Zeit, in der alles auf die einfachen Grundlagen des Lebens reduziert war: Gehen, Essen, Schlafen. Ein Rhythmus, der mich getragen hat. Dieses Gefühl versuche ich, so gut es geht, in meinen Alltag hinüberzuretten.
Doch zu Hause prasseln die vielen Kleinigkeiten des Alltags auf mein Gehirn ein und überfordern es schnell. Dadurch bleibt mir nur begrenzt Raum für Therapie und Rehabilitation – und so komme ich langsamer voran. Der Alltag ist inzwischen selbst zu meiner Therapie geworden. Ich versuche, einen Mittelweg zu finden, ohne in allem gleich eine Aufgabe zu sehen, die ich „abarbeiten“ muss.
Nach sieben Monaten Corona-Krise kann ich einschätzen, dass ich rund 30 bis 40 Prozent meiner Kondition und meines klaren Denkens verloren habe, die ich im Februar am Camino noch hatte. Vieles war reine Schadensbegrenzung. Doch es gab auch Lichtblicke: das Tanzen etwa oder das Radfahren. Diese kleinen Erfolge gaben mir genau die Motivation, die ich brauchte. Und so wurde eines zum wichtigsten Grundsatz dieser herausfordernden Zeit: DRANBLEIBEN.

„Auf eingefahrenen Gleisen kommt man an kein neues Ziel.“
Paul Mommertz
Die ersten zwei Jahre nach dem Hirnabszess widmete ich ganz dem Erlernen der Basics des Gehens. Schritt für Schritt, oft wackelig, aber immer mit Blick nach vorne. 2018 wurde das Pilgern zu meinem großen Ziel. Eigentlich wollte ich damals vor allem die kurz zuvor vollzogene Trennung verarbeiten. Doch schon nach wenigen Tagen durfte ich spüren, dass der Camino mir so viel mehr schenkte, als ich überhaupt erhofft hatte.
Auf meinem zweiten Camino, dem Camino Norte, gelang mir dann ein erster, zarter Schritt zurück ins Leben – getragen von meinen Mit-Pilgern, die mir Halt gaben, genau dann, wenn ich ihn brauchte.
Der Camino ist eine besondere Herausforderung für Körper, Geist und Seele. Und zugleich ein Geschenk: ein Ort, an dem ich unter nahezu lebensnahen Bedingungen trainieren konnte. Obwohl ich alles neu lernen musste – das Denken, das Sprechen und die Bewegung –, fühlte es sich nie wie Therapie an. Der Jakobsweg hat seine eigene Magie. Eine, die mich bis heute begleitet.

Dieser Spruch hat seine Bedeutung. Auch für mich begann der WEG erst zu Hause. Besonders eine Frage stellte sich mit neuer Dringlichkeit: Wie kann ich das, was ich am Camino gelernt habe, in meinen Alltag hinüberretten? Diese Frage bekam eine noch tiefere Wichtigkeit, als kurz nach meiner Rückkehr vom Camino Francés der Lockdown über uns hereinbrach. Von einem Tag auf den anderen wurde Pilgern unmöglich – und ich musste eine neue Strategie finden, um mit dieser ungewohnten Situation zurechtzukommen.
Im Verlauf der Monate wurde eines schnell klar: Dieses „wieder Leben lernen“, das meine Ergo-Therapeutin im April 2019 so sanft angestoßen hatte, war in dieser Form plötzlich nicht mehr machbar. Es wurde unmöglich. Das Social Distancing, dieser unsichtbare Fluch, der seit Beginn meiner Rehabilitation über mir schwebte, machte all meine Bemühungen des Jahres 2019 zunichte, wieder am Leben teilzunehmen und es wirklich zu erfahren.
Dieses Abstandhalten war das Ende meines Anfangs. Mein Gehirn kam mit der Situation nicht zurecht und schaltete in einen Überlebensmodus. Also begann ich erneut, mich auf jene Rehabilitation zu konzentrieren, die ich in Eigenregie durchführen konnte. Ab Juni kam das therapeutische Tanzen wieder dazu – ein kleiner Lichtstrahl. Und ich begann mit dem Radfahren.
Die ersten Wochen zählte ich die Meter, die ich jedes Mal weiter schaffte. Nach zwei Monaten konnte ich bereits eine halbe Stunde fahren. Mit jedem Tritt in die Pedale gewann ich ein Stück innere Stabilität zurück.
Anfangs litt das Gehen darunter, doch ich nahm es in Kauf. Die Vorteile des Radfahrens überwogen. Meine Reaktion verbesserte sich spürbar, und plötzlich war es leichter, eine Straße zu überqueren – kleine Erfolge, die mir gutgetan haben und die ich brauchte, um weiterzumachen.
Jetzt ist es jedoch zu kalt fürs Radfahren, und ich habe das Gehen wieder in den Vordergrund gestellt. Im Moment ist es wichtig, genug zu tun, um mit einer möglichst guten Kondition in den Winter zu kommen. Schritt für Schritt, so wie damals am Camino – nur eben zu Hause, auf meinem eigenen Weg.

Es war von Anfang an tief in mir verankert, dieser Wunsch, alles dafür zu tun, das Gehen wiederzuerlangen. Ein innerer Entschluss, der mich durch die ersten schweren Monate trug. Doch im Sommer 2019, nach dem Camino del Norte, zeigte sich etwas, das bis dahin im Verborgenen geblieben war: eine ausgeprägte Muskelschwäche. Die Folgen des Hirnabszesses waren zuvor so mächtig, dass sie andere Probleme schlicht überdeckten.
Die fünf Monate dauernde intravenöse Antibiotikatherapie im Krankenhaus war Gift für meine Nerven und Muskeln gewesen. Erst als der Schleier der Krankheit langsam von mir abfiel, zeigte sich das eigentliche Ausmaß. Zurück blieb eine Propriozeption, die in Verbindung mit der Muskelschwäche besonders schwer zu verbessern war.
Das Gehen lernen – oder besser, der Umgang mit all den Defiziten – wurde zur stetigen Herausforderung. Von außen konnte man das kaum sehen. Für viele war ich derjenige, der bereits zwei große Caminos gegangen war: den Camino Francés und den Camino del Norte.
Doch was man sah, war nur die Oberfläche. Ja, ich lernte dort besser zu gehen, aber noch viel mehr lernte ich, mit meinen Einschränkungen umzugehen. Das erleichterte vieles, ohne Zweifel. Doch das eigentliche Ziel ist bis heute dasselbe geblieben: wirklich Gehen zu lernen – und nicht nur, besser mit meinen Defiziten zu leben.
Mit dem Beginn der Corona-Krise war alles, was ich mir in den Monaten davor mühsam erarbeitet hatte, plötzlich vorbei. Das Pilgern, das langsame Gewöhnen an die Stadt und an Menschen, das Verbessern meines körperlichen Zustands – all das wurde abrupt unterbrochen. Und so stand ich vor der Frage: Was jetzt? Fast alle Therapien wurden ausgesetzt. Nur das therapeutische Tanzen blieb mir so lange wie möglich erhalten. Dieser kleine, beständige Input trug mich durch diese Zeit. Dafür bin ich meiner Therapeutin bis heute zutiefst dankbar, denn vieles von dem, was ich dort lernen durfte, wurde zu meinem Anker.
Überhaupt wurde das therapeutische Tanzen zur Grundlage für all mein Training während der Corona-Zeit – und es ist es bis heute geblieben. Es ist wie ein leiser Rhythmus, der mich immer wieder zurückholt, wenn sich der Alltag zu sehr verengt, und der mir hilft, meinen Körper neu zu spüren. Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung, zurück ins Leben.

Pilgern wurde für den Rest des Jahres unmöglich. Und so konnte ich jene mühsam über Jahre aufgebaute Grundlage nicht halten. Mein Gehirn braucht viel Zeit, um Vorgänge zu verstehen und neue Routinen zu verankern, die mir im Alltag helfen. Mit dem abrupten Ende des Pilgerns fielen viele dieser Strukturen einfach weg.
Um mich nicht zu überfordern, beschloss ich daher, auf das Vertraute zurückzugreifen – auf die Rehabilitation. Dieses „Leben lernen“, das mir meine Ergo-Therapeutin im vergangenen Jahr ans Herz gelegt hatte, blieb damit weiterhin etwas, das ich vor mir herschob, ohne es wirklich leben zu können.
Was mir jedoch hilft, sind die Spaziergänge und Wanderungen in der Natur. In den letzten Monaten bin ich fast alle Wege und Gipfel rund um mein Zuhause gegangen. Die Wälder, die Hügel, die kleinen Pfade – sie wurden zu meinem Camino vor der Haustür. Hier finde ich das wieder, was mir sonst so leicht entgleitet: Ruhe, Orientierung, ein Gefühl von Weitergehen.


Der Rundweg in Gratkorn ist einer jener Wege, auf denen ich verschiedene Aspekte des therapeutischen Tanzens oder andere Übungen einbaue. Dabei versuche ich – ganz wie am Jakobsweg – nicht in „Therapie“ zu denken, sondern mit Freude und einer gewissen Leichtigkeit durch den Alltag zu gehen. Der Weg wird so zu einem kleinen Übungsfeld, ohne dass er sich wie eines anfühlt.
Eines meiner Rituale dort ist das Müllsammeln. Dosen, Plastik, all die kleinen Hinterlassenschaften, die überall herumliegen. Je nachdem, wie viel sich angesammelt hat, wende ich zwischen zwanzig und fünfundvierzig Minuten dafür auf. Länger geht noch nicht, denn es hängt davon ab, wie oft ich mich bücken muss. Rund fünfzig Mal schaffe ich – dann ist die Kraft verbraucht, und ich beende es.
Wenn ich eine Dose vom Boden aufhebe und wieder aufstehe, wird mir oft schwindlig. Doch gerade das ist ein gutes Training, ein vorsichtiges Gewöhnen an Bewegungen, die mir schwerfallen. Begonnen habe ich damit am Camino del Norte, und jetzt führe ich es zu Hause mehrmals pro Woche weiter. Es ist Koordination, Kraft und Feinmotorik in einem – und gleichzeitig tue ich etwas Gutes für die Wege, die mich tragen.
Vielleicht ist es auch für den einen oder anderen eine Möglichkeit, sich im Lockdown körperlich zu betätigen. Ein kleiner Beitrag, der gut tut – dem Körper und der Natur.

Es war eine gute Entscheidung, praktisch nur mehr in die Natur zu gehen. Ich merke zwar, dass ich merkbar sensibler gegenüber Menschen und der Stadt geworden bin, aber dafür hat sich meine Wahrnehmung verbessert, seit ich täglich in den Wald gehe und nicht mehr in die Stadt.

Mein Kino ist jetzt der Wald und die Natur um mich herum. Ich könnte es mir nicht vorstellen in der Stadt zu wohnen. Der Wald hilft mir so sehr, jetzt weiß ich endlich, wieso ich schon als kleiner Junge gerne tief im Wald, in einer Blockhütte, in Kanada leben wollte.
So versuche ich im Lockdown und der Corona-Krise das Beste aus der Situation zu machen und die nächsten Wochen werde ich versuchen, mich weiter zu stabilisieren. Schön wäre es trotzdem, wenn es wieder mehr "Leben lernen" gäbe. Aber, das es nicht so ist, daran muss ich mich wohl oder übel gewöhnen.
Daher bleibt die Natur auch weiterhin mein größtes Rehazentrum der Welt!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Als Aufstieg wählten wir die Nordseite, denn von hier führt der kürzeste Anstieg zum Gipfelplateau. Seit Corona im März begonnen hat, verspüre ich ein langsames Nachlassen meiner Kondition und Resilience. Ich kann den damaligen Stand nicht halten und habe sukzessive über die Monate abgebaut. Nicht Pilgern gehen können, hat das seine dazu beigetragen.
Der Schöckl war das zweite Mal seit dem Hirnabszess mein Ziel. Wie schon beim ersten Mal, hatte mein Freund Bernd die Idee dazu und ich war natürlich gerne dabei. Mit meinem Sohn Noah stiefelten wir hoch.

Meine Beziehung zum Schöckl ist eine besondere. Zum ersten ist es mein Hausberg seit Kindesalter und zum Anderen ist es mein Trainingsberg mit dem Rad und zu Fuß. Allein im Winter 1994 auf 1995 war ich in der Vorbereitung auf das Idita-Sport Race in fünfzig Tagen rund zwanzigmal oben, bei jeder Schneelage.
Von allen Seiten führen Wege nach oben, leichtere und schwerere. Es führt auch eine Gondel hinauf, die aber wegen Corona derzeit eingestellt ist. Jahrelang produzierte ich auch das Video für den Schöckel Classic.
Jüngste Ausgrabungen und Forschungen berichten von einem Höhenheiligtum der Römer, welches sich rund um den Ostgipfel befand.
Ein faszinierendes Schauspiel begleitete uns. Der Süden ab Graz, lag unter einer dicken Hochnebelschicht. Man fühlte sich wie ein Raumfahrer im All. Da der Blick über das Nebelmeer keinen Halt fand, wurde es mir leicht schwindlig. Eine besondere Situation, die mich zum Stehenbleiben zwang, wenn ich schauen wollte.
Nur ein paar kleine Berggipfel ragten als Insel aus dem Nebel. Ein faszinierendes Schauspiel.
Der Norden hingegen war nebelfrei und lag unter blauem Himmel. Am Horizont erstreckte sich die Bergwelt der Steiermark.

EIn großer Motorik Park befindet sich am Gipfelplateau am Schöckl. Zahlreiche Geräte verlockten Bernd und mich, darauf herumzuturnen. Eines hatte es uns besonders angetan. Die Rolle wurde zur Herausforderung, denn es bedeutete Kraft und Koordination, die viel abverlangte. Es war zu lustig, wie wir uns damit abmühten.
Ein Großteil der Stationen war für mich noch nicht machbar und außerdem musste ich ja noch vom Berg absteigen. Die Rolle forderte mich so sehr, dass ich danach beim Gehen sehr aufpassen musste und mein Gehirn bei jedem Schritt bewusst arbeitete. Es zeigte mir mein limitiertes Verhalten sehr stark auf.






...war es ein mehr als erfolgreicher Tag. Das Gehen bleibt auch in Corona-Zeiten eine der wichtigsten Teile meiner Rehabilitation, besonders das Gehirn, bzw. das Denken, steht und fällt damit. Das Pilgern war die mit Abstand beste Therapie seit 2018.
Seit Corona ist es aber nicht mehr möglich und ich habe noch keine adäquate Therapie gefunden, die mir mehr helfen kann.
"Gehen als Therapie" gewinnt für mich immer mehr an Bedeutung und wie komplex dieser Vorgang ist, wird mir immer mehr bewusst. Eine amerikanische Ärztin brauchte 8 Jahre für die Rehabilitation nach einer Gehirnblutung, dessen Auswirkungen mit mir vergleichbar sind.
Deshalb gebe ich nicht auf, was auch immer sein mag. Corona hat es verzögert, aber es ist weiterhin noch viel möglich. Wichtig ist nur, dass ich mir meinen inneren Frieden erhalte. Nur so ist es möglich, die Folgen des Hirnabszesses annehmen zu können und weiterzukommen.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
"Klettern als Therapie" verwende ich schon länger zur Stabilisierung meines Körpers. Die Muskelschwäche hat sich kaum gebessert, aber es hilft mir zu mehr Stabilität im Körper.
Mit weiteren Körperübungen versuche ich es zu verbessern, aber das Klettern im Freien tut auch dem Kopf gut. Es spürt sich nicht an, wie Therapie. Das ist wichtig, denn Freude und Spaß sind die wichtigsten Eckpfeiler meiner Rehabilitation.

Klettern ist vielleicht übertrieben gesagt. Ich steige noch immer knapp über dem Boden hin und her. Es ist keine so große Überwindung mehr wie am Anfang, trotzdem muss ich aufpassen. Einen Fehltritt oder -griff kann und möchte ich mir nicht leisten. Schwindel kann jederzeit auftreten, da bin ich noch übervorsichtig.
Ich bleibe noch immer maximal einen halben Meter über dem Boden, in manchen Momenten auch etwas höher. Absetzen sollte überall möglich sein. Ich halte mich immer in einem sicheren Bereich auf, meine Reaktionszeit ist nämlich noch zu schlecht.
Als ich vor etwa drei Jahren am oberen Ende einer Treppe stürzte, rutschte ich liegend langsam über die Stufen nach unten, ohne zu reagieren. Erst nach einigen Sekunden, ich war schon unten, folgte mein Gehirn mit den Gedanken dazu.
Unter anderem kann ich deswegen noch nicht laufen. Die Bewegung ist zu schnell, ich kann es noch nicht denken. Stürze ich beim Gehen, kann ich erst reagieren, wenn ich schon lange liege. Ein eigenartiges Gefühl, alles läuft in Zeitlupe ab, aber das Denken ist verhindert.

Im Zigeunerloch kann ich auch bei Regen oder Schnee trainieren, denn der Höhleneingang schützt vor Nässe. Imposant sind die Felswände rings um einen. Oft stelle ich mir vor, wie ich nach oben klettere. Es ist schon ein Ziel von mir, eine leichte Kletterei am Seil gehen zu können.
Es ist ein kraftvoller Ort, wo es auch schön ist, nur zu sitzen und die Gegend rundum aufzunehmen. Fühle ich mich nicht gut zum Klettern, dann setze ich mich hin und beobachte die Natur. So habe ich immer etwas davon.
Das Zigeunerloch ist die einzige Möglichkeit, zu Fuß eine Möglichkeit zum Klettern zu erreichen, vor allem im Winter.

Die Arme zeigen mir mein Limit schnell auf. Auch die Technik muss ich noch besser lernen. Es ist wie gehen lernen, noch gelange ich zu schnell an meine Grenzen. Besonders die Fingerkraft fehlt mir. Nach 15 Minuten bin ich am Ende, weil die Finger und Handgelenke nicht mehr mitmachen.
Zu Hause trainiere ich immer wieder die Finger mit Finger-Trainingsgeräten. Fortschritt stellt sich nur bedingt ein, denn auch beim Schreiben mit der Hand bin ich noch kaum weiter gekommen.
Aber ich bleibe dran, denn auch kleinste Verbesserungen bringen Lebensqualität und so ist es auch mit dem Klettern. Viele kleine Dinge, die ich mache, ergeben das Große.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist neben der Stabilität, die Koordination und das Wahrnehmen für den Abstand. Ich lerne, mich besser zu bewegen. Gehirn und Körper werde besser gleichgeschaltet.
Mehr als 30 Sekunden am Stück ist es mir noch nicht möglich, mich im Fels zu halten. Diese Zeit auszubauen ist mein Ziel. Intuitiv und Automatisch zu klettern, wird mir auch beim automatischen Gehen helfen. Nächstes Jahr werde ich dann hoffentlich auch in die Senkrechte klettern können.
Ich versuche durch die Wand zu gehen. Dabei ist es notwendig, mich immer wieder zu verschränken und zu verbiegen. Klettern ist überhaupt ein Training, welches alle Muskelgruppen erreicht. Kraft aufbauen ist mir ja leider nicht leicht möglich, also muss ich alles tun, was die Funktion der Muskeln unterstützt.
Radfahren hat mir für mehr Stabilität sehr geholfen. Es geht aber nur sehr langsam voran, wie alles. Dranbleiben ist einfach alles. Dieses dranbleiben habe ich durch den Sport gelernt. Ich hätte mich auch nach zwei Jahren hinsetzen können und zufrieden sein können.
Das wollte ich aber nicht, mich hinsetzen. Da kam mir immer wieder in den Sinn, als mein Freund Harry einmal sagte:
"ZUFRIEDEN heißt: Deckel ZU und FRIEDE! Das macht man als Toter im Sarg am Friedhof."
Also mache ich weiter, denn jeder kleinste Fortschritt bringt mir Lebensqualität, mehr und mehr. Gerade die Stabilität bringt mir viel, daher trainiere und übe ich auch jeden Tag.
Dieses Mal bin ich besser darauf vorbereitet. Der erste Lockdown hat nicht nur mich kalt erwischt. Auf diese Erfahrungen kann ich jetzt aber aufbauen, obwohl das Denken dazu noch schwierig ist. Wichtig wird es sein, dass ich mir Freude und Spaß erhalte, denn damit komme ich besser über den Winter.
Das "Klettern als Therapie" wird ein Baustein unter vielen sein, die ich auch im Lockdown ausüben werde. Wie ich mit dem Rest klarkomme, werde ich erst sehen.
Am meisten hat mich getroffen, dass kein "Leben lernen" im Lockdown möglich ist, deswegen stürze ich mich wieder in Therapie und Rehabilitation. Es lenkt mich ab und hilft mir, Halt zu finden.

Mit dem "Klettern als Therapie" ist immer ein längerer Spaziergang verbunden, denn das Gehen muss ich noch immer üben. Der Aufenthalt in der Natur und auf den Wanderwegen rund um meine Heimat, hilft mir sehr und in Corona-Zeiten noch mehr.

Ich versuche mich auch im Nachtwandern, da es schon ab 17 Uhr finster ist. Dabei kommen immer wieder tolle Bilder heraus, was mich geistig fordert und mein Denken schult. Diese Fotos habe ich unter Mithilfe meines Sohnes Noah gemacht. Es war ein toller Spaziergang durch die Finsternis.
Den Lockdown und die Winterzeit werde ich in jeden Fall dazu benützen, gezielt Kraft, Stabilität und Ausdauer zu trainieren.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Wie passt #cleanupwalking und #plogging mit Therapie zusammen? Es hat für mich 2019 am Camino del Norte begonnen. Der Dreck am Rande des Weges störte mich. So begann ich, ihn aufzuheben.
In den Herbergen wurden damals Müllsäcke verteilt, um seinen eigenen Müll auf der Etappe zu sammeln und später entsorgen zu können. Meiner Hochsensibilität war der Müll schon immer ein Dorn im Auge. Ich begann am Camino damit, eine Stunde am Tag, ihn aufzuheben.
...und heute noch mache ich das auch zu Hause.
Zu Hause setzte ich das fort. Auf dem Weg zum Einkaufen, mache ich seither jede Woche einen Cleanupwalk. Man arbeitet allerdings gegen Windmühlen. Es ist mir Unverständlich, dass jede Woche an den gleichen Stellen, erneut Plastik und Dosen liegt. Es kommen oft zwei bis drei Säcke zusammen.
Mehrmals in der Woche verwende ich eine Stunde mit dem Einsammeln. Es hat gleichzeitig therapeutische Wirkung, denn das bedeutet sich etwa 50 x Niederbücken oder hinhocken. Für mich ist das gleichzeitig Training, denn mit dem Hinunterbeugen habe ich noch große Probleme.
Es ist ein Krafttraining für die Beine, Koordination und Sensomotorik. Therapie im Alltag, mit der ich auch Sinnvolles mache.

Ein toller Nebeneffekt ist es, dass ich den Schwindel immer besser unter Kontrolle bekomme. Liegt viel Dreck, dann muss ich mich öfter hinunterbeugen und bin schnell erschöpft. So trainiere ich die Koordination, denn beim Aufheben ist ein komplexer Bewegungsablauf notwendig. Hand und Finger werden auch trainiert, denn Greifen üben ist sowieso noch wichtig.
Mittlerweile habe ich immer Handschuhe und ein Sackerl bei mir. Ich kann an keiner Dose vorbeigehen, ohne das ich sie zum nächsten Mistkorb mitnehme. Reicht mein Sackerl nicht aus, muss manchmal ein Hunde-Gackerl Sackerl herhalten. Es ist zwar nur ein kleiner Tropfen auf dem Stein, aber es gibt einem Selbst das gute Gefühl, etwas unternommen zu haben.

Ich starte gerne am frühen Morgen zu Fuß. Ich gehe zwar schon weiter, als noch vor zwei Jahren, aber meine Energie ist noch immer vor dem Ende des Tages aus. So muss ich mir genau einteilen, was und wie viel ich mich bewege.
Ich habe fast immer ein Trainingsgerät bei mir. Sei es um die Finger zu kräftigen oder einen Ball zum Jonglieren. Es ist auch gleichzeitig um automatisches Gehen zu lernen.

Allerdings kann ich bei keiner Dose vorbeigehen, ohne sie mitzunehmen. Das alles hat neben dem Reinhalten der Umwelt den Sinn, mich selbst körperlich zu verbessern.
Mein Ziel ist es ja, mit Zelt oder Biwaksack unterwegs zu sein. Das kostet mir aber noch zu viel Energie, gerade der Schwindel kommt schnell auf, beim am Boden herumhantieren. Seit ich #cleanupwalk praktiziere, hat sich das verbessert. Vielleicht geht es sich bis nächstes Jahr aus, dass ich mit Zelt gehen kann. Training um was Gutes zu tun.
Vor wenigen Tage war ich zum ersten Mal seit einem Jahr wieder einmal in Ulrichsbrunn. Dieser Kraftort ist einfach wunderschön, aber man hat an den nördlichen Rand von Graz zu gehen.

Die Grotte ist faszinierend und früher, als ich noch in Stattegg wohnte, besuchte ich sie öfter. Schon als Radfahrer bin ich vor 30 Jahren oft hingefahren, um zu meditieren. Es tut gut, solche Orte wieder einmal besuchen zu können.
Es gibt mir Kraft, mein Training durchzuhalten.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Die herbstliche Jahreszeit bedeutete für mich in den letzten Jahren immer Therapie und auch dieses Jahr ist es nicht anders. Klettern ist eine davon, welche ich jetzt wieder vermehrt machen werde, diesmal aber für die Gehirnleistung.
Bisher war der Grund meine Sprunggelenke und Finger zu stärken, jetzt steht aber mein Gehirn an vorderster Stelle. Dass Klettern dem Gehirn guttut, ist ja nicht neues. Überhaupt sind alle Übungen gut, wo Körper und Geist verschränkt wird.

Klettern habe ich vor fast zwei Jahren für mich entdeckt. Zunächst in einer Kletterhalle, später am echten Fels. In der Halle hatte ich den Vorteil, mich an den künstlichen Griffen festhalten zu können. Es gibt farbliche Unterschiede, je nach Schwierigkeitsgrad. Das machte es leichter für mich, denn die leichtesten Griffe machten es mir möglich zu klettern.
Das Greifen ist nach wie vor eine Herausforderung, besonders jetzt im echten Fels, denn da ist ein anderes Zupacken notwendig. Für die Sprunggelenke ist es eine noch größere Herausforderung, denn durch die Muskelschwäche sind die Muskeln schwer zu trainieren. So habe ich meine Bänder und Sehnen zu stärken und wenn Möglich, die Muskeln dazu.
"Klettern" ist vielleicht übertrieben gesagt, denn ich bewege mich noch immer einen Schritthoch über dem Boden, von rechts nach links und zurück. Es ist eine gute Übung für das Vertrauen und manchmal wünsche ich mir, nach oben zu klettern.

Wir benötigen das Arbeitsgedächtnis, wenn wir zum Beispiel einen Satz lesen. Es erlaubt uns, kurzfristig Information zu speichern und zu verarbeiten, sowie Lesen, Lernen oder logisches Denken. Das Arbeitsgedächtnis ist eine Art Kurzzeitgedächtnis.
Es erlaubt uns, sich an ein Gespräch zu erinnern und darauf zu antworten. Gerade das fällt mir oft schwer und darum unterhalte ich mich nicht so gerne oder mit mehreren Personen.
Was gar nicht bei mir funktioniert, ist gleichzeitig mehr zu machen. Es geht wirklich nur eines nach dem anderen. Telefonieren und nebenbei Zutaten für ein Essen herrichten, geht gar nicht. Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis haben sehr unter dem Hirnabszess gelitten, bzw. existieren fast nicht mehr.

"Zeit für Aktivitäten, die für uns schwer vorhersehbar sind, und uns dazu zwingen, unsere Bewegungen anzupassen, können unser Gedächtnis stärken."
Dr. Ross Alloway
Während dem Klettern muss der Körper das Arbeitsgedächtnis konstant nutzen und dieser Effekt bleibt auch nach dem Training erhalten. Es wird spannend zu sehen sein, ob es bei mir hilft. Regelmäßiges Klettern allerdings vorausgesetzt.

Wie schon öfter, bin ich im Zigeunerloch unterwegs. Den Höhleneingang bildet ein Felsen, der zahlreiche Kletterrouten beinhaltet. Dort kann ich auch vor Regen und Schnee geschützt klettern. Entlang am Boden und nur Schritthoch, turne ich umher.

Länger als 30 Minuten mit Pausen schaffe ich aber noch nicht, besonders die Finger sind schnell am Ende. Denn es ist zwar für das Gehirn, aber der Körper macht noch nicht mit. Die Muskelschwäche verhindert noch längeres Klettern.
Dass ich mit dem Radfahren und Gehen nun eine dritte Alternative habe, tut mir gut. Denn dieselbe Belastung an zwei aneinander folgenden Tagen ist oft nicht Zielführend. So bekomme ich jetzt mehr Abwechslung.
Ich hoffe bald länger beim Klettern durchzuhalten, um mein Gehirn richtig stimulieren zu können!