27.März 2016: Zehnter Jahrestag nach dem Hirnabszess - mein Leben mit Grenzen!

Am 27. März 2016 wurde mein Leben jäh unterbrochen. Ein Einschnitt, der alles veränderte. Von einem Moment auf den anderen war nichts mehr selbstverständlich. An meinen Grenzen arbeite ich noch heute und versuche sie zu verschieben.

Und doch bekam ich damals eine zweite Chance. Ein zweites Leben.

Es ging weiter, aber nicht mehr so wie zuvor. Anders. Ein anderes Leben, das ich erst wieder lernen musste.

Hier gehts zu meinem ersten Blogbeitrag, wie alles anfing.

der Hirnabszess hat mit Grenzen gesetzt
Diagnose Hirnabszess - 27.März 2016

Eine neue Bedeutung von Zeit

Eine der wesentlichsten Änderungen für mich, neben unzähliger anderer: Zeit hat eine andere Bedeutung bekommen. Denn um im Hier und Jetzt zu leben, ist Zeit nicht mehr etwas, das vergeht, sondern etwas, das gefüllt werden möchte.

Und das ist vielleicht das Entscheidende – ich habe Zeit bekommen, nicht verloren.

Grenzgang Weitwandern, Grenzen erobern
Grenzgang Weitwandern

Überleben im Moment

Mein Gehirn wurde auf „Überleben im Moment“ umgestellt.

Nach so einem Ereignis funktioniert vieles im Kopf nicht mehr wie vorher. Planen, Zukunft denken, mehrere Dinge gleichzeitig tun – all das wurde schwieriger, wenn nicht unmöglich. Zukunft oder Vergangenheit waren nicht denkbar, es gab nur den aktuellen Moment. Dadurch bleibt automatisch nur das Hier und Jetzt übrig.

Und plötzlich merkte ich:
Zeit ist nicht mehr etwas, das ich „manage“, sondern etwas, in dem ich einfach bin.

2017, ein langer Weg steht mir bevor. Mich an Grenzen zu bewegen, war mein Tagesablauf.
2017, ein langer Weg steht mir bevor

Achtsamkeit im Alltag - Grenzen vermeiden

Vorher lief vieles automatisch: gehen, essen, schreiben, sprechen - Multitasking. Nach der Krankheit musste ich alles wieder bewusst machen. Selbst so einfache Dinge wie Zähneputzen, Essen oder Gehen. Alles erfordert Achtsamkeit - bis heute.

Das hat eine interessante Nebenwirkung:
Wenn man nur eine Sache machen kann, wird der Tag länger – weil man wirklich in jeder Tätigkeit tief drinnen ist und sehr intensiv erlebt.

Die Prioritäten verschieben sich komplett

Wenn man einmal erlebt hat, dass das Leben von einem Tag auf den anderen völlig kippen kann, verändert sich etwas Grundlegendes. Dinge, die früher wichtig waren – wie Leistung, Termine und Tempo – verlieren Gewicht.

Wichtiger wird: ein Schritt ohne Schwindel, ein Spaziergang im Wald, ein Gespräch, ein ruhiger Moment. Dinge, die ich besonders auf meinen Weitwanderwegen schätzen gelernt habe. Das Wandern wurde meine Therapie.

die Natur hat mir geholfen, Grenzen zu erweitern.

Zeit – vom Gegner zum Lehrer

Vor der Krankheit hatte Zeit oft etwas Bedrohliches: zu wenig Zeit, zu viele Aufgaben. Danach wurde Zeit etwas anderes: eine Möglichkeit.

Oder anders gesagt:
Früher wollte ich die Zeit kontrollieren.
Heute versuche ich, sie zu erleben.

In meinem ersten Leben war Zeit mein Trainingspartner. Sekunden, Höhenmeter, Durchschnittsgeschwindigkeit. Alles drehte sich darum, schneller zu sein. Im Sport normal, änderte sich das im Beruf. Die Zeit war etwas, gegen das man arbeitete.

Heute hat Zeit für mich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Sie ist nicht mehr mein Trainingspartner, sondern mein Lehrer.

Zeit ist heute kein Gegner mehr.
Sie ist ein Raum, in dem Heilung passieren darf.

Davor und Danach - ein Leben mit Grenzen

Wenn ich von meinem Leben erzähle, dann ist es immer unterteilt in ein Davor und ein Danach.

Das DAVOR war geprägt von Bewegung, Leistung und Geschwindigkeit. Mein Leben spielte sich oft am Limit ab. Den Sport habe ich damit noch sehr positiv in Erinnerung.

Das DANACH ist anders. Viel langsamer. Viel bewusster.

Plötzlich ging es nicht mehr darum, schneller zu werden, sondern überhaupt wieder gehen zu können. Es wurde ein täglicher Grenzgang, bis heute.

Das macht demütig und gibt einen zu erkennen, wie wertvoll ein einzelner Schritt sein kann. Wenn ich an die erste Zeit zurück denke, welchen Willen ich aufbringen musste, diese ersten Schritte machen zu wollen.

Die Bedeutung von zehn Jahren Neubeginn?

Sie bedeuten, dass von einem Moment auf den anderen nichts mehr selbstverständlich ist und damit selbst die einfachsten Dinge eine neue, tiefere Bedeutung bekommen.

Mit diesem Einschnitt startete ich nicht bei null, sondern im Minus. Jeder kleinste Fortschritt war kein normaler Entwicklungsschritt, sondern ein Geschenk, das ich mir erarbeiten musste. Ich war lange Zeit an meinen Grenzen unterwegs.

Zehn Jahre nach diesem Einschnitt bedeuten keine Karriere und keinen geradlinigen Aufstieg, sondern eine lange Bewährungsprobe.

Dem eigenen Weg treu bleiben, trotzdem Grenzen Überwinden.
Dem eigenen Weg treu bleiben, trotzdem Grenzen Überwinden.

Rekonstruktion statt Rückkehr

Ich bin nicht in mein altes Leben zurückgekehrt. Es gab bisher keinen Punkt, an dem ich sagen konnte: Jetzt ist wieder alles wie früher. Stattdessen begann ein langsamer Aufbau – nicht zurück, sondern neu. Ein Aufbau, der mir jedoch nicht bleibt. Ich muss immerfort dranbleiben, muss jeden Tag bewußt dranbleiben.

Bildung bekam dabei eine neue Bedeutung. Ich musste sie mir in den letzten zehn Jahren Schritt für Schritt neu erarbeiten. Sie war kein Karrierebaustein, sondern ein Wiedergewinn von geistiger Klarheit, innerer Ordnung und Handlungsfähigkeit.

Mein Kopf arbeitet wieder.
Anders und vielleicht langsamer – aber er arbeitet.

Alte Synapsen wieder zu verbinden, ist auch heute noch Teil meines Alltags. Genau das verstehe ich heute unter Bildung. Lernen, was ich eigentlich schon konnte.

Im Video von Markus Leyacker-Schatzl erzähle ich über meinen Weg.

Der Verlust von Selbstverständlichkeiten - Grenzen zurück erobern

Der Hirnabszess war rückblickend eine Verschiebung meiner Maßstäbe. Nicht nur mein Körper war betroffen, sondern auch die Maßstäbe, mit denen ich mein Leben messe.

Planbarkeit hat ihre Selbstverständlichkeit verloren, weil Energie und Belastbarkeit nicht mehr verlässlich abrufbar sind. Körperliche Anstrengung ist seither kein Trainingsreiz mehr, sondern etwas, das genau dosiert werden muss. 

Auch meine kognitive Sicherheit, dieses stille Vertrauen in das eigene Denken, hat sich verändert. Entscheidungen, Konzentration und Mehrfachbelastung sind nicht mehr selbstverständlich verfügbar.

Am stärksten hat sich jedoch mein Vertrauen dahingehend verändert, dass es immer irgendwie weitergeht. Früher dachte ich, Entwicklung passiert Schritt für Schritt von selbst. Heute weiß ich, dass Stabilität nichts Selbstverständliches ist, sondern etwas, das jeden Tag neu erarbeitet werden muss.

Umgang mit Energie, Grenzen, Pausen, Prioritäten

Am stärksten zeigt sich der Neubau in der Selbststeuerung. Früher war Belastung normal, heute ist sie etwas, das ich bewusst dosieren muss. Energie, Pausen und Prioritäten – nichts davon geschieht automatisch.

Ich habe noch heute zu lernen, meine Grenzen nicht zu ignorieren, sondern sie zu lesen. Nicht Überforderung als Stärke zu sehen, sondern Steuerung als Kompetenz. Mein Leben ist sowieso ein Grenzgang.

Der Moment, in dem ich merkte, dass ich nicht mehr nur überlebe, sondern wieder gestalte, kam erst mit der Zeit. Es war eine stille Erkenntnis, die erst in der letzten Zeit reifte.

Ich treffe Entscheidungen wieder bewusster und reagiere nicht nur auf das, was passiert. Ich setze Ziele – nicht um etwas zu beweisen, sondern um mein Leben aktiv zu Formen, zumindest versuche ich es.

Ab diesem Zeitpunkt war ich nicht mehr nur Patient.
Ich war wieder Handelnder.

Grenzen erkennen und hinausschieben
Grenzen erkennen und hinausschieben. Vom Patienten zum Handelnder.

Was geblieben ist

Ein Blick auf diese Jahre schließt auch die bleibenden Einschränkungen mit ein. Fatigue ist nach wie vor ein großes Thema. Energie ist nicht jederzeit abrufbar, sondern muss eingeteilt werden. Belastung braucht Planung.

Darüber hinaus haben sich mehrere Funktionen dauerhaft verändert. Konzentration ist begrenzt. Gedächtnisleistung ist nicht in jeder Situation zuverlässig. Sprache braucht manchmal Zeit. Reize können schnell überfordern. 

Viele Dinge, die früher selbstverständlich waren, verlangen heute Aufmerksamkeit und Struktur. Stabilität entsteht nicht automatisch. Sie muss hergestellt und erhalten werden. Manchmal ist das nah an dem, was man sonst Pflege nennen würde – nur dass ich sie selbst übernehme.

Es hat sich auch eine neue Vorsicht im Umgang mit mir selbst entwickelt. Nicht aus Angst, sondern aus Erfahrung. Ich weiß heute, dass Stabilität nichts Selbstverständliches ist.

Das ist keine Bitterkeit.
Es ist Teil meiner Realität.
Und mit dieser Realität arbeite ich.

Was gewachsen ist

In den letzten 10 Jahren ist etwas entstanden, das ich früher so nicht kannte. Keine Euphorie und kein „Alles wird gut“, sondern eine Form von Zuversicht.
Es hat sich dahingehend eine gewisse Gelassenheit entwickelt. Ich muss nicht mehr alles steuern oder absichern.

Prioritäten sind klarer geworden. Unwichtiges verliert an Bedeutung und wird schnell aussortiert. Eigenverantwortung ist zentral. Meine Energie kann nur ich selbst einteilen und entscheiden, was mir gut tut.

Langsamkeit bewerte ich nicht negativ. Sie erhöht Genauigkeit und Stabilität.

Mein Verständnis von Gesundheit hat sich grundlegend verändert. Gesundheit ist für mich nicht die Abwesenheit von Krankheit und auch nicht die Rückkehr zu meinem früheren Leistungsniveau. Sie bedeutet heute, mit meinen vorhandenen Ressourcen stabil leben zu können.

Entscheidend ist die Fähigkeit zur Selbststeuerung: Energie bewusst einteilen, Belastung dosieren, Grenzen rechtzeitig erkennen und darauf reagieren. Stabilität ist wichtiger geworden als Intensität.

Gesundheit ist kein Zustand, den man erreicht und behält.

Sie ist ein fortlaufender Prozess, der Aufmerksamkeit erfordert – körperlich wie mental. Solange ich gehen, denken und eigenständig entscheiden kann, bin ich gesund im Sinne meines heutigen Verständnisses.

Gesundheit bedeutet für mich: selbstbestimmt leben – unter veränderten Bedingungen. Gesundheit bedeutet für mich heute nicht mehr Leistungsfähigkeit, sondern Selbststeuerung.

Langsamkeit ist kein Nachteil mehr.
Sie bringt Stabilität.

Ich lebe bewusster als früher.

Zehn Jahre später

Wie messe ich Fortschritt?
Was ist Erfolg?
Was bedeutet Stärke?

Fortschritt messe ich heute in Stabilität.

Erfolg bedeutet Kontinuität.

Stärke zeigt sich nicht mehr im Durchhalten um jeden Preis, sondern im bewussten Umgang mit Grenzen. Das ist eine Grundbedingung, um Grenzen verschieben zu können.

Zeichnung aus der Schulzeit
Zeichnung aus der Schulzeit

Wenn ich zurückblicke, sehe ich keine verlorenen zehn Jahre.

Ich sehe zehn Jahre Arbeit.
Zehn Jahre Lernen.
Zehn Jahre Entscheidung, nicht stehen zu bleiben.

Zehn Jahre später gehe ich nicht schneller.
Aber bewusster.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Von der Freude und dem Glück, dem zu folgen, was lebendig macht

„Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet.“

Es ist eine Lebensqualität, die ich mir Tag für Tag erarbeiten muss, damit sie bleibt und damit sie nicht wieder verloren geht. Denn nach dem Hirnabszess war nichts mehr selbstverständlich, und vieles, was früher einfach war, wurde plötzlich zu einer Herausforderung. Mein Körper funktionierte nicht mehr wie zuvor, und auch mein Gehirn arbeitete anders, sodass ich lernen musste, mit diesem neuen Zustand zu leben.

Vieles war reduziert auf das Jetzt, weil ich gar nicht weiter vorausdenken konnte. Auf den nächsten Schritt, den ich setzen musste, und auf den nächsten Atemzug, der mich im Moment hielt. Denn mehr war oft nicht möglich.

Und genau dort, in dieser Beschränkung und gerade weil alles auf das Wesentliche reduziert war, verstand ich, was mich wirklich lebendig macht. Nicht das Große und Weite, sondern das Kleine und Nahe. Nicht das Morgen, sondern das Jetzt, weil nur hier Leben spürbar ist.

Freude am Gehen
Schritt für Schritt

Es war das Gehen, das mir Freude und Lebendigkeit brachte.

Ein Schritt nach dem anderen. Millionenfach wiederholt. Immer wieder hinaus. In die Natur. In die Wälder, auf die Wege, über Asphalt und Schotter. Die Natur wurde meine Therapie Nummer eins. Sie fordert mich, aber sie überfordert mich nicht. Sie spiegelt mir meinen Zustand – jeden Tag aufs Neue.

Lebendig fühle ich mich nicht, wenn alles leicht ist. Sondern wenn ich spüre, dass ich wirke. Dass ich etwas bewege. Dass ich trotz Einschränkungen weitergehe. Dieses Weitergehen ist kein Leistungsbeweis. Es ist ein inneres Ja zum Leben.

Erst später wurde mir bewusst, warum mich früher Leistungs- und Extremsport so angezogen haben. In der Bewegung spürte ich mich besser. Dort, wo es weh tut, liegt oft auch eine Wahrheit über sich selbst.

Australien

Und dann ist da die Freude. Heute ist sie wichtiger denn je. Sie wirkt oft leise. Ein Moment auf einem Waldstück, wenn das Licht durch die Bäume fällt. Das Wissen, wieder ein Stück sicherer gegangen zu sein. Oder einfach Dankbarkeit, dass ich überhaupt gehen kann.

Hexatrek
Wunderschöne Natur am Hexatrek

Über die Jahre habe ich gelernt: Gehe ich weniger, übe ich weniger, lasse ich ein, zwei Tage aus, zieht sich etwas in mir zurück. Nicht nur die Muskulatur. Nicht die Propriozeption, diese Tiefensensibilität, die kein fixer Besitz mehr ist, sondern etwas, das ich mir durch millionenfaches Wiederholen zurückerobert habe und zu erhalten versuche.

Lasse ich nach, wird auch das Gehen unsicherer. Auch die innere Lebendigkeit wird dann weniger. Sie braucht Bewegung. Sie braucht Wiederholung. Sie braucht Hingabe.

Propriozeption auf verschiedenen Untergründen üben
Propriozeption auf verschiedenen Untergründen üben

Leistungssport und Hingabe

In meinem ersten Leben war ich vieles, doch der Leistungssport war vor allem eines: ein Versuch, mich selbst kennenzulernen. Dieses Leben an der Grenze ließ mich wachsen – geistig wie körperlich. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht und besonders die Reaktion wurden geschärft und zu einem Teil von mir.

Später, als Videojournalist, zehrte ich davon. Schnell erfassen. Richtig reagieren. Den Überblick behalten. Der Sport war dafür die beste Schule.

Der Sport lehrte mich, Leistung zu bringen. Aber noch wichtiger war mir immer die Haltung dahinter. Leistung ohne Ethik war für mich nie erstrebenswert. Dieser Wert begleitet mich bis heute. Er ist geblieben – wie das Gehen. Wie das Streben nach Entwicklung. Schritt für Schritt.

Strassenradrennsport

Lebendigkeit bringt Sinn

Dem zu folgen, was mich lebendig macht, bedeutet nicht, nur das Angenehme zu wählen. Es bedeutet, dem nachzugehen, was Sinn stiftet. Was mich aufrichtet. Was mich in Verbindung bringt – mit mir selbst und mit der Welt um mich herum.

Für mich sind es nicht nur die täglichen Wege. Es ist auch das Weitwandern. Das Pilgern. Stundenlanges Gehen. Tag für Tag. Schritt, Atem, Schritt. Nicht um besondere Leistungen zu vollbringen. Nicht um Rekorde zu sammeln, sondern um meinen Körper zu regulieren und Stabilität zu schaffen.

Diese langen Wege bringen mein Nervensystem in einen Rhythmus. Sie geben meinem Körper jene Wiederholungen, die er braucht. Für Außenstehende mag das extrem wirken. Für mich ist es kein Extremsport mehr. Es ist Erhalt und es ist notwendig, um selbstständig zu bleiben. Um nicht erneut zum Pflegefall zu werden.

Freude am Pilgern
Pilgern

Mein Weg ist nicht der anderer

Mir ist bewusst, dass nicht jeder diesen Weg gehen kann – und ihn auch nicht gehen muss. Jeder Mensch hat seine eigene Form, lebendig zu bleiben. Schreiben. Musizieren. Gärtnern. Gespräche führen. Wichtig ist nicht, was es ist. Wichtig ist, dass es einen stärkt.

Nach zehn Jahren weiß ich: Lebensqualität entsteht nicht durch Perfektion. Sie entsteht durch Ausrichtung. Durch die bewusste Entscheidung, dem Raum zu geben, was nährt. Und das loszulassen, was dauerhaft schwächt.

Für mich ist es das Gehen. Die langen Wege. Das Unterwegssein.

Vielleicht ist das die eigentliche Essenz: Folge dem, was dich lebendig macht. Und was dir Freude bereitet. Nicht irgendwann. Sondern heute. Schritt für Schritt.

Morgenstimmung am Hexatrek, Freude pur
Morgenstimmung am Hexatrek, Freude pur!

Über Bewegung, Bedingungen und warum Wochen des Unterwegssein mehr sind als Auszeiten


Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Warum Regulation für mich so wichtig ist

Regulation ist für mich nichts Theoretisches. Es ist etwas, das ich jeden Tag spüre. Seit dem Hirnabszess ist vieles nicht mehr selbstverständlich. Vor allem nicht dieser innere Zustand, in dem man einfach sein kann.

Nach dem Hirnabszess ist vieles anders geworden. Mein System ist sensibler. Dinge, die früher einfach mitgelaufen sind, kosten heute Energie. Zu viele Reize, zu viele Abläufe gleichzeitig – das merke ich sofort. Nicht im Kopf, sondern im Körper.

Regulieren mit den Elementen, SWCP England
Regulieren mit den Elementen, SWCP England

Trauma und Regulation

Er hat auch viele Traumen ausgelöst. Und genau deshalb ist Regulation so wichtig. Mein System ist schnell im Alarm. Manchmal reicht wenig und ich merke: Ich bin wieder im dauernden Bereitsein, im Mitdenken, im unterschwelligen Aufpassen. Mein Nervensystem bleibt dabei ständig wach. Es kommt nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand. Es ist immer ein wenig angespannt, auch dann, wenn eigentlich nichts los ist.

Darum entscheidet Regulation für mich darüber, ob ich nur funktioniere oder ob ich wirklich lebe. Ohne Regulation wird alles schnell zu viel. Selbst Dinge, die eigentlich gut tun würden.

Ich habe früh gemerkt, dass mein Weg über den Körper führt. Über das Gehen, über Wiederholung, über das langsame Üben. So kann mein Nervensystem wieder Sicherheit finden. Nicht Kontrolle, sondern Sicherheit.

Traumen behandeln, durch Vertrauen und Regulation

Und ich komme immer wieder darauf, in welchen Situationen Traumen noch da sind, auch heute noch. Oft zeigt sich das erst im Körper. In der Bewegung, im Stocken, in der Spannung. Es bleibt ein ständiges Lernen, aber auch ein Lösen.

Vor allem durch Bewegung. Denn Traumen zeigen sich meist in Bewegung. Und dort kann auch Regulation passieren. Darum ist therapeutisches Tanzen für mich so gut. Es hilft mir, Spannungen wahrzunehmen und langsam weicher werden zu lassen. Ohne Druck, ohne viele Worte. Schritt für Schritt.

Regulation bedeutet für mich, wieder bei mir zu sein. Zu spüren, was geht und was nicht. Zu merken, wann es genug ist. Wann Bewegung hilft und wann Ruhe nötig ist.

Weitwandern oder Pilgern ist nur bedingt Abenteuer, es ist vor allem ein Raum, in dem genau das möglich wird: ein Alltag ohne Überforderung, mit klaren Abläufen, in dem mein System wieder hören kann, was es braucht.

Nach jeder Pilgerfahrt oder nach einem Weitwanderweg gewinne ich wieder mehr Vertrauen. Vertrauen ist kein Anfangspunkt, sondern etwas, das entsteht, wenn mein System lange genug erleben darf, dass nichts von ihm verlangt wird.

Ich bin sicher, ohne etwas kontrollieren zu müssen.

Ohne Regulation wäre alles nur Reaktion.
Mit Regulation wird es wieder Leben.
Schritt für Schritt. Wie beim Gehen.

Auf der Meseta, am Camino Frances.
Regulation im Gehen.
Regulation beim Gehen.

Über den Kopf geht es nicht

Ich habe lange versucht, das über Denken zu lösen. Verstehen, einordnen, erklären. Das hilft ein Stück weit, aber es bringt keine echte Ruhe. Was mir wirklich hilft, ist etwas viel Einfacheres: Gehen.

Gehen – nicht als Training, sondern als Zustand

Wenn ich gehe, wird es ruhiger. Der Atem wird gleichmäßiger. Der Blick geht weiter. Die Gedanken werden weniger.

Ich muss nichts entscheiden und nichts organisieren. Ein Schritt nach dem anderen reicht.

Regulation beim Gehen
Regulation beim Gehen

Warum das zu Hause schwierig ist

Zu Hause bin ich immer eingebunden. Auch dann, wenn ich eigentlich nichts vorhabe. Da laufen Abläufe, Gewohnheiten, Erwartungen. Vieles davon automatisch.

Nach dem Hirnabszess merkte ich: Das ist auf Dauer zu viel. Nicht ein einzelnes Ding, sondern die Summe aus vielen kleinen Anforderungen gleichzeitig. Auch Ruhe ist zu Hause oft nicht wirklich ruhig. Natürlich kann ich zu Hause spazieren gehen oder bewusst Pausen machen. Das tut auch gut. Aber es bleibt eingebettet im Alltag. Am Ende des Tages bin ich wieder mittendrin.

Der Alltag hört nicht auf. Mein System bleibt wachsam. Nicht, weil konkret etwas passiert. Sondern weil jederzeit etwas passieren könnte. Ein Geräusch. Eine Frage. Eine Kleinigkeit, die Aufmerksamkeit braucht. Auch wenn nichts davon eintritt, bleibt diese Bereitschaft im Körper.

Ich spüre es daran, dass ich innerlich nicht ganz herunterfahre. Es ist, als wäre ein Teil von mir ständig auf Empfang. Nicht angespannt im klassischen Sinn, aber auch nicht wirklich entspannt.

Nach dem Hirnabszess ist genau das anstrengend. Dieses dauernde „Bereit sein“, dieses Mitdenken, dieses ständige Aufpassen. Mein Nervensystem kommt so nicht in einen tiefen, gleichmäßigen Zustand.

Zu Hause kann ich mich erholen, aber ich kann mich dort kaum vollständig regulieren. Und diese Regulierung ist für mein Überleben wichtig geworden.

Wenn der Weg der Alltag ist

Auf einem Weitwanderweg ist das anders, denn der Weg ist der Alltag.Der Tag ist überschaubar: gehen, essen, schlafen. Mehr nicht. Keine Termine, keine Rollen, keine Dinge, die gleichzeitig Aufmerksamkeit wollen.

Regulation braucht Dauer, nicht kurze PausenRegulation entsteht bei mir nicht durch kurze Auszeiten. Sie entsteht durch Dauer. Deswegen tun mir Weitwanderwege so gut.

Natur verlangt nichts von mir. Ob Wald oder Meer. Am Meer kommt Weite dazu. Der Horizont. Die gleichmäßigen Geräusche.

Meer

Der Kontrast im letzten Jahr

Im November war ich am Camino Francés und im April ebenso dort zwei Wochen unterwegs.

Gut – aber über das Jahr gesehen zu wenig.

Das hier ist keine Reha, die irgendwann abgeschlossen ist. Die Schäden bleiben. Der Unterschied liegt darin, wie gut ich damit umgehen kann – und das hängt direkt davon ab, wie stabil mein System ist.

Noch trägt mich mein Wille. Aber ich weiß, dass das nicht unbegrenzt so sein wird. Darum ist es wichtig, jetzt gegenzusteuern.

Wenn die Bedingungen kippen

In den letzten Wochen sind die Bedingungen draußen schwierig. Eisige Temperaturen, ständig Minusgrade, gefrorene Wege. Dinge, die ich früher einfach hingenommen habe, wirken sich heute viel direkter auf mein System aus. Ich merke, dass mir die Kälte und die Unsicherheit am Untergrund Energie ziehen.

Ich bewege mich vorsichtiger, angespannter. Das Gehen verliert seinen Rhythmus. Dazu kommt, dass es mich am Eis auch geschmissen hat, mit einer Oberschenkelzerrung und einem Körpersystem, das danach spürbar durcheinander war. Seitdem ist Regulation deutlich schwieriger. Nicht nur körperlich, auch innerlich. Der Körper bleibt noch wachsamer, noch vorsichtiger. Und genau das ist auf Dauer anstrengend.

Diese Wochen haben mir wieder klar gezeigt, wie stark äußere Bedingungen auf mein Befinden wirken. Wenn Bewegung nicht mehr flüssig möglich ist, wenn jeder Schritt Aufmerksamkeit braucht, dann fehlt mir etwas. Vielleicht ist es deshalb, dass mich der Gedanke ans Wegfahren gerade jetzt wieder so beschäftigt.

Nicht aus Ungeduld, sondern aus Wahrnehmung. Ich spüre sehr deutlich, dass mein System im Moment keinen guten Rahmen hat, um sich zu regulieren.

Warum jetzt Portugal Thema wird

Ich merke: Meine Regulation funktioniert nicht mehr richtig. Nicht schlecht – aber nicht gut genug. Ich bin schon zu lange zu Hause, im Alltag gefangen.

Deshalb denke ich jetzt an einen Weg in Portugal, in den nächsten Wochen. Vor allem, weil es dort wärmer ist. Wärme macht für mich im Moment den Unterschied: weniger Spannung im Körper, mehr Sicherheit im Gehen, weniger Widerstand bei jedem Schritt.

Es geht mir nicht um einen bestimmten Weg oder um ein „Dort“. Es geht um Bedingungen, unter denen Bewegung wieder flüssig möglich ist. Um einen Rahmen, der mein System entlastet, statt es zusätzlich zu fordern.

Ein Camino in Spanien wäre derzeit etwas anderes. Nicht grundsätzlich, sondern im Moment. Kältere, wechselnde Verhältnisse würden meinem System gerade mehr abverlangen, als ihm gut tut. Portugal passt jetzt besser.

Nicht als Flucht, sondern als Fürsorge.

Manchmal geht es nicht darum, mehr auszuhalten, sondern rechtzeitig zu merken, dass etwas fehlt. Dann braucht es kein ständiges Gegensteuern. Mein System kann sich beruhigen, statt permanent aktiv zu bleiben.

Ich komme wieder in einen Zustand, in dem mich das Vorhandene nicht mehr überfordert. Das, was ich schon kurz nach dem Hirnabszess erkannt habe, gilt noch immer – nur auf einer anderen Ebene. Damals fehlten mir die Worte, heute kann ich es benennen. Regulation.

Und dieser Weg ist es nach wie vor, den ich gehe: diese Regulation zu verbessern. Denn nur wenn sie gelingt, lebe ich wirklich.

Via de la Plata


Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mein Herbst- und Winter-Camino Francés steht für meinen Weg zurück ins Leben. Vor Jahren hat ein Hirnabszess alles aus der Bahn geworfen. Nichts war mehr selbstverständlich, nicht einmal das Gehen. Was einst unbewusst geschah, wurde zur täglichen Übung.

Warum mir das Gehen hilft, der Starrheit zu entkommen, darüber erzähle ich. In jedem Schritt liegt Bewegung – körperlich wie innerlich. Draußen in der Natur finde ich Freiheit und Weite. Das Gehen ist meine Therapie Nummer eins.

Starrheit durch einen Hirnabszess

Hier zum Anfang meiner Geschichte, die vor 10 Jahren begann.

Ein Camino Frances in kurzer Zeit

Den Camino Francés bin ich diesmal in nur 17 Tagen gegangen, plus vier Tage nach Muxia und Finesterre und nochmal drei Tage zurück nach Santiago. Ein Tempo, das früher nie möglich gewesen wäre. Und doch wurde es möglich, weil mich dieses Gehen trägt, weil es mich innerlich ordnet.

Gehen als Hauptregulationsstrategie

Unter allen Umständen wollte ich damals das Gehen lernen, um all das wieder spüren zu dürfen. Es war ein immenser Aufwand dafür nötig, aber es hat sich gelohnt. Jeder zusätzliche Schritt benötigte Wochen, aber ich dachte nie ans Aufgeben.

Ich konnte Teile meiner Propriozeption zurückerobern, aber leider nicht alles und nachhaltig. Ich muss dranbleiben. Eines der wenigen "muss" in meinem Leben. Ich habe nicht einfach Gehen gelernt – ich habe mein Ich-Gefühl zurückgeholt.

Bei meinem Thalamus-Hirnabszess verlor der Körper nicht nur Funktionen, sondern auch die Selbstwahrnehmung:

  • Wo bin ich im Raum?
  • Wo ist mein Gleichgewicht?
  • Wo endet mein Körper?
  • Wie fühlt es sich an, in mir zu wohnen?

Das nennt man propriozeptive Identität. Und ich habe darum gekämpft, sie zurückzubekommen. Nicht für Kilometer. Nicht für Fitness. Sondern für das Gefühl: „Ich bin wieder ich.

Viele Menschen begreifen das nicht, aber ich habe nicht nur Gehen gelernt – ich habe mich selbst damit zurückerobert.

Diesmal durfte ich in der Rioja die Sonne, in der Meseta die Kälte, am C'Obreiro den Schnee und in Galizien den Regen spüren. Es war wundervoll, in jeden dieser Abschnitte tief einzutauchen. Andere Pilger konnten oft nicht verstehen, wie ich oft angesichts des Wetters so positiv gestimmt sein konnte.

Mit Sonne am Camino gegen die Starrheit.
Sonne in der Rioja
Regen und Matsch, aber in Bewegung. Jeder Schritt gegen Starrheit.
Kälte und Matsch auf der Meseta
Bei Schnee am C'Obreiro.
Schnee am C'Obreiro
Im Regen, einfach von allem etwas
Regen in Galizien

Zehn Jahre danach – und noch immer hier

Zehn Jahre lebe ich jetzt mit den Folgen des Hirnabszesses.

Allein am Leben zu sein – das ist mein größter Verdienst.

In all diesen Jahren habe ich keinen einzigen Tag vergeudet. Vielleicht nicht jeden Tag geschafft – aber keinen verschenkt.

Vieles hat sich verschoben. Vor allem die Prioritäten.

Heute geht es nicht mehr darum, etwas zu erreichen.
Es geht darum, lebendig zu sein.
Dieses Leben zu spüren – mit jeder Faser.

Geld? Status? Erfolg?
Nicht mehr das, woran ich mich orientiere.

Das eigentliche Gut liegt woanders.
Es liegt darin, da zu sein.
Hier. Jetzt.
Und dieses Geschenk auch wirklich wahrzunehmen.

Bewusst. Dankbar. Schritt für Schritt.

Mit jeder Faser das Lebendig sein spüren

Der Starrheit entfliehen - dem Leben entgegen

Das rhythmische Gehen – dieses einfache, beinahe meditative Hin und Her von links nach rechts – wirkt auf mein Körpersystem wie eine sanfte EMDR in Bewegung. Es stimuliert den Vagusnerv, beruhigt mein Nervenkostüm und verleiht meinem Inneren Stabilität.

Im Gehen zurück ins Leben

In der Bewegung finde ich Halt. Sobald ich weniger gehe oder das Gehen aussetze, gerät mein System ins Wanken. Die Starrheit, dieser kaum greifbare Zustand zwischen Erstarrung und Rückzug, breitet sich rasch aus, wenn die Schritte fehlen. Es ist, als müsste sich mein Körper im Gehen erst daran erinnern, wie Regulation funktioniert.

Nichts davon ist selbstverständlich. Kein Tag, an dem sich mein Körper von selbst ordnet. Was nach außen oft mühelos wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Wiederholungen, geduldiger Übungen und vieler Anläufe.

Vielleicht lässt sich mein Erleben so beschreiben:

Nichts davon ist selbstverständlich. Kein einziger Tag, an dem sich mein Körper mühelos ordnet. Diese Stabilität, die nach außen oft so leicht wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Übungen, Wiederholungen, Versuche. Bleibe ich zu lange still, verliert mein System seinen Halt – und ich muss mir den Weg zurück in die Beweglichkeit erst wieder erarbeiten.

Das Gehen ist dabei nicht nur Fortbewegung. Es ist mein tägliches Ringen darum, nicht in dieser Starrheit zu versinken. Jeder Schritt hält mich im Leben, Schritt für Schritt, immer wieder neu. Es ist nie mühsam, sondern bereitet mir Freude.

Mühsam wird es nur dann, wenn ich gegen mich selbst arbeite – wenn ich mehr will, als mein System geben kann. Doch gerade darin liegt ein Geschenk: Dieses Gehen ist ein „Muss“, das nicht eng macht, sondern mich befreit. Ein „Muss“, das mir Bewegung schenkt – und damit Freiheit.

Schönes Wetter am Crux de Ferro, ein Ritual um die Starrheit hinter mir zu lassen.
Dankbar am Crux de Ferro

All das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass Bewegung meine Hauptregulationsstrategie ist.

Doch dieses Gefühl hält nur, solange ich in Bewegung bleibe. Zu Hause gehe ich auch viel, aber längst nicht so viel wie hier oder auf meinen Weitwanderwegen.

Und dann, im Alltag, spüre ich die Starrheit wieder deutlicher. Sie sitzt dann tiefer und rührt stärker.

Gehen, dabei fühle ich mich wohl.

Warum spüre ich die Starrheit zu Hause stärker?

Zu Hause bewege ich mich weniger – und das bedeutet: weniger Regulation.

Auf dem Camino ist alles anders. Dort bin ich im Ausnahmezustand, aber im besten Sinne. Der Weg schenkt mir Richtung und Sinn. Ich bin eingebunden in eine Gemeinschaft, umgeben von Natur, frei von vielen Verpflichtungen. Es ist, als würde der Weg selbst zur Therapie werden – mit jedem Schritt ein Stück mehr bei mir.

Zu Hause hingegen ist vieles enger. Die vertraute Umgebung, alte Gewohnheiten, Erinnerungen – sie alle berühren andere Ebenen meines Nervensystems. Stressreaktionen, die ich auf dem Camino kaum noch spüre, tauchen hier wieder auf. Dort bin ich im Fluss – hier falle ich leichter zurück in alte Muster.

Schützt mich das noch – oder verdränge ich etwas?

Am Anfang meiner Erkrankung war mein Fokus ganz klar: Ich wollte, dass es mir gut geht. Stabilität war alles. Heute – mit mehr innerer Sicherheit – lässt mein Gehirn auch anderes zu. Es zeigt mir Stellen, an denen noch etwas offen ist. Alte Traumata, die tiefer liegen, dürfen sich nun langsam zeigen. Vielleicht, weil ich heute besser damit umgehen kann.

Eine Frage begleitet mich dabei schon seit Jahren: Schützt mich das noch – oder verdränge ich etwas? Darauf zu achten, ist mir wichtig. Denn der Unterschied ist fein – aber entscheidend. Und auch das ist ein Teil meines Weges: nicht nur weiterzugehen, sondern bewusster hinzusehen.

Regenbogen am Camino

Wie sehr hängt die Starrheit mit Trauma zusammen?

Diese Frage begleitet mich, weil mein Körper mir darauf längst Antworten gibt. Ich spüre sie in der erhöhten Muskelspannung, in diesen Momenten des Erstarrens, in der Mischung aus innerer Starre und äußerer Steifheit, die mich manchmal daran hindert, fließend zwischen Aktivität und Ruhe zu wechseln.

Es ist keine einfache, keine eindeutige Starre. Sie ist eine Melange aus vielem, was sich im Laufe der Jahre angesammelt hat: neurologische Nachwirkungen, alte Freeze-Muster, die tief im Nervensystem verankert sind, zu wenig intensive, tägliche Bewegung und emotionale Altlasten, die sich ihren Platz im Körper gesucht haben. All das greift ineinander, verstärkt sich gegenseitig und zeigt sich nicht im Kopf allein, sondern im ganzen Sein.

Das Gehen hilft mir, dem etwas entgegenzusetzen. Es bringt Bewegung in das, was fest geworden ist, löst Schicht für Schicht und wirkt dort, wo Worte oft nicht mehr hinkommen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Aber es löst nicht alles.

„Ich schöpfe das Wasser aus dem Boot, aber ich repariere noch nicht das Leck.“

Was es braucht?

Gehen ist für mich ein Geschenk. Ein Werkzeug. Eine tägliche Medizin.
Aber wenn die Starre zurückkommt, spüre ich:
Da ist noch etwas, das gesehen werden will.
Etwas, das mehr braucht als Bewegung.

Was es braucht?
– Regulation, auch in der Ruhe.
– Eine sichere Bindung.
– Eine Hand, die mich therapeutisch begleitet.
– Atem, der durch die Enge führt.
– Körperarbeit, die tiefer reicht.
– Und Integration – anstelle der Flucht in Aktivität.

Denn so sehr das Gehen mir gibt – es ersetzt nicht das Innehalten.
Und vielleicht liegt genau darin der nächste Schritt.

Mit Ultra-Light Gepäck im Winter am Camino Francés bis nach Finesterre.

Auf dem Weg – nicht zurück, sondern vorwärts.

Ja – meine Starrheit hat viel mit Trauma zu tun. Und mit einem Nervensystem, das seit dem Hirnabszess nachhaltig verändert wurde.

Ja – das Gehen wirkt regulierend. Es tut gut. Es heilt auf seine Weise.

Aber: Es löst das Trauma nicht vollständig.
Es bringt Erleichterung.
Es schenkt Momente der Lebendigkeit.
Doch die tieferen Ursachen brauchen andere Räume, andere Formen der Verarbeitung.

Und trotzdem ist es für mich ein starkes Zeichen, wenn ich unterwegs – besonders auf dem Camino – wieder fließender werde.

Denn es zeigt mir:
➡️ Mein Körper kann.
➡️ Meine Lebendigkeit ist nicht verloren.
➡️ Mein Nervensystem ist lernfähig, plastisch – und auf Heilung ausgerichtet.

Das ist ein gutes Zeichen.
Es bestätigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Heilung - Heil werden

"Heilung" heißt für mich nicht, wieder zu werden wie früher.
Es heißt: mit dem, was ist, gut leben zu lernen.

Und genau daran arbeite ich –
jeden Tag, Schritt für Schritt,
im Gehen
und in der behutsamen Arbeit an mir selbst.


Ausrüstungsliste am Camino Francés im November 2025 https://lighterpack.com/r/5m6vdv


Fast 10 Jahre nach dem Hirnabszess – Leben mit Handicaps

10 Jahre nach dem Hirnabszess hat sich mein Leben von Grund auf verändert. Zehn Jahre, in denen ich vieles verloren und manches neu gelernt habe. Heute lebe ich mit Handicaps, die mich täglich begleiten.

Aber ich habe auch entdeckt, dass sich darin neue Möglichkeiten öffnen können. Mein Leben ist seitdem ein ständiger Wechsel zwischen Einschränkung und Fortschritt, zwischen Übung und Alltag.

Meine Handicaps – Denken, Propriozeption und Gleichgewicht

Wie sich mein Denken verändert hat

Mein Denken ist nicht mehr wie früher. Früher konnte ich viele Dinge gleichzeitig im Kopf bewegen, planen und weit vorausdenken. Heute geht das nicht mehr. Gedanken reißen ab, als würde jemand mitten im Satz die Seite umschlagen. Alles läuft langsamer, und ich musste lernen, mit diesem neuen Tempo zu leben.

Gerade deshalb bedeutet mir das Pilgern so viel. Auf dem Weg zählt nur der nächste Schritt, nicht der große Plan. Ich muss nicht vorausdenken, sondern darf im Moment sein. Der Camino gibt mir eine klare Struktur: gehen, atmen, ankommen.

10 Jahre nach dem Hirnabszess, noch immer Spastik
10 Jahre nach dem Hirnabszess, noch immer Spastik

Die Cheval Blanc – meine größte Herausforderung

Eine besondere Erfahrung war die Cheval Blanc im Mont-Blanc-Gebiet, die ich im Rahmen des Hexatrek gegangen bin. Für mich war sie die ultimative Herausforderung bisher. Steile Anstiege, ausgesetzte Passagen, ein Gelände, das mir alles abverlangte. Mein Körper, mein Gleichgewicht, meine Konzentration – alles wurde auf die Probe gestellt.

Ich bin stolz, dass ich das geschafft habe. Denn solche Momente zeigen mir, dass trotz aller Handicaps vieles möglich bleibt, wenn ich dranbleibe. Jeder Gipfel wird zu einem Beweis dafür, dass mein Weg zwar anders ist als früher, aber trotzdem weiterführt.

HexaTrek, Cheval Blance, von Links: Matt, ich und Sam
Mit Sam und Matt auf der Cheval Blanc, 2900 m Seehöhe

Leben mit gestörter Propriozeption

Noch deutlicher spüre ich es in meiner Propriozeption. Dieses innere Gespür für den Körper, das für andere selbstverständlich ist, funktioniert bei mir nicht mehr zuverlässig. Für viele Menschen ist es wie ein unsichtbarer Kompass, der ihnen sagt, wo Hand, Fuß oder Arm sich befinden. Bei mir ist dieser Kompass gestört.

Jeder Schritt ist ein bewusstes Abtasten, fast so, als würde ich mich in einem dunklen Raum bewegen. Wenn ich mit dem Training nachlasse, verliere ich sofort an Sicherheit. Es ist wie ein Instrument, das ständig neu gestimmt werden muss – und das schnell wieder verstimmt klingt, wenn ich es nicht spiele.

Gestörte Propriozeption, auch 10 Jahre nach dem Hirnabszess

Herausforderungen im Gleichgewicht und Alltag

Auch das Gleichgewicht fordert mich täglich heraus. Eine Treppe kann für mich so viel Aufmerksamkeit brauchen wie für andere ein Berggipfel. Ein unebener Weg oder eine Fahrt im Bus werden zu Prüfungen, die mir zeigen: Mein Körper ist nicht selbstverständlich. Er ist verletzlich, aber zugleich mein wichtigster Lehrer. Denn er erinnert mich daran, dass jeder Schritt zählt.

Therapie hört nicht auf – Alltag als Übung

Früher dachte ich: Therapie ist etwas, das einmal abgeschlossen sein wird, ein Ziel, das man erreicht. Doch ich habe gelernt, dass es anders ist. Therapie endet nicht. Sie ist heute Teil meines Lebens, so selbstverständlich wie Atmen oder Gehen.

Ich habe akzeptiert, dass ich beides verbinden muss: Therapie und Leben. Es ist kein „Entweder-oder“ mehr, sondern ein gemeinsamer Weg. Und genau darin liegt auch eine besondere Kraft.

10 Jahre nach dem Hirnabszess noch Gleichgewicht trainieren
Propriozeption üben

Pilgern als Therapie – wie das Gehen mich zurück ins Leben brachte

Gerade 10 Jahre nach dem Hirnabszess bedeutet Pilgern für mich mehr als Gehen. Die Weitwanderwege, vor allem das Pilgern, haben mir mein Leben zurückgegeben. Schritt für Schritt, oft mühsam und manchmal schmerzhaft, bin ich wieder ins Jetzt zurückgekehrt. Ohne dieses Gehen hätte ich mich wohl sehr schwergetan, neuen Sinn zu finden.

Natürlich – irgendwie hätte ich auch ohne das Gehen weiterleben müssen. Aber ob ich dann wirklich ins Leben zurückgefunden hätte? Das Gehen ist für mich mehr als Bewegung: Es ist Therapie, Meditation und Lebensschule zugleich.

Ultra-Light am Camino Frances 2025, 10 Jahre nach dem Hirnabszess

Angst und Hoffnung – nicht mehr gehen können

Am Anfang war da oft der Gedanke: Vielleicht werde ich nie mehr gehen können. Diese Vorstellung hat mir Angst gemacht und mich lange beschäftigt. Doch noch stärker als diese Angst war der Wunsch, wieder aufzustehen. Ich habe all meine Kraft in das Gehen gelegt – Schritt für Schritt, Tag für Tag.

10 Jahre nach dem Hirnabszess und Dranbleiben – was es mir gebracht hat

Dranbleiben – das war in diesen zehn Jahren mein wichtigstes Wort. Auch wenn die Fortschritte klein waren, auch wenn die Rückschläge groß schienen: Ich bin weitergegangen. Jeden Tag, Schritt für Schritt.

Dieses Dranbleiben hat mir nicht nur das Gehen zurückgegeben, sondern auch Lebensfreude. Beharrlichkeit kann Türen öffnen, die auf den ersten Blick verschlossen wirken.

Ohne das Dranbleiben wäre ich heute nicht dort, wo ich bin. Es hat mich gelehrt, geduldig mit mir selbst zu sein, den Augenblick anzunehmen und das Kleine wertzuschätzen. Vor allem aber hat es mir gezeigt: Heilung ist kein Ziel, sondern ein Weg – ein Weg, den ich Tag für Tag gehe.

10 Jahre nach dem Hirnabszess
DRANBLEIBEN, 10 Jahre nach dem Hirnabszess

Radfahren – Dranbleiben seit Kindertagen

Nicht nur beim Gehen habe ich gelernt, immer ein Stück weiterzugehen. Schon als Kind, mit fünf oder sechs Jahren, bin ich Rad gefahren – damals in der Riegelklasse, meist unter der Aufsicht meiner Mutter. Aber auch dort wollte ich mehr. Ich habe versucht, um die Kurve zu fahren, dorthin, wo sie mich nicht mehr sehen konnte. Mein Radius sollte größer werden, Schritt für Schritt, Runde für Runde.

Dieses „noch ein bisschen mehr“ begleitet mich bis heute. Damals war es das Radfahren, später war es im Krankenhaus, wo ich mich Millimeter für Millimeter vorwärts kämpfte. Und immer wieder dasselbe Muster: das Limit probieren, es leicht verschieben, nicht stehen bleiben. Schon als fünfjähriger Bub habe ich das gesucht – und genau das hat mir später geholfen, auch nach dem Hirnabszess nicht aufzugeben.

Worte, die getragen haben – Zitate als Kraftquelle

Bruce Lee: „Gehe immer noch die Extrameile.“

Ein Satz von Bruce Lee begleitet mich bis heute: „Gehe immer noch die Extrameile.“ Dieses Bild hat sich tief in mir verankert. Denn genau das ist mein Weg geworden – weiterzugehen, auch wenn es schwerfällt. Nicht stehenzubleiben, wenn die Kräfte nachlassen, sondern den nächsten Schritt zu machen.

Diese "Extrameile" bin ich speziell am Anfang meines Gehens gegangen. Statt auf dem direkten Weg nach Hause zu gehen, habe ich einen Umweg gemacht, auch wenn er mühsam war. Aber so verschob ich meine Grenzen nach und nach.

Bruce Lee plädierte für Mut und Ausdauer, um seine Ziele zu erreichen, und lehrte mich, dass man sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben soll. "Es gibt keine Grenzen. Es gibt nur Plateaus, und dort darf man nicht verweilen, man muss sie überwinden", half mir über Zeiten, wo offensichtlich nichts weitergegangen ist. 

Ich lasse mich durch vermeintliche Grenzen niemals einschränken. Stattdessen versuche ich sie, als Chancen zu sehen, mich weiterzuentwickeln und neue höhere "Plateaus" zu erreichen, auch in Zeiten des Stillstands. Klar gehören auch schlechte Tage dazu, aber ich brauche nie lange, um wieder auf Kurs zu sein.

Man darf sich nicht mit dem zufriedengeben, was man bereits erreicht hat, denn das ist eine Ausrede dafür, nicht hart an sich zu arbeiten. Bruce Lees Philosophie ermutigt mich, immer nach mehr zu streben und mich dabei kontinuierlich zu verbessern. Und diese Arbeit an mir bringt mich mehr ins Leben.

Bouldern
Alles ausprobieren, "Never give up!"

Nietzsche als Wegbegleiter

Auch andere Worte sind mir wichtig geworden:

  • Friedrich Nietzsche schrieb: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“ – Dieser Gedanke hat mich oft durch schwere Tage getragen. Solange das WARUM größer ist als das WIE, fühlt es sich machbar an. Ins Schleudern komme ich nur, wenn ich mir des WARUM nicht mehr sicher bin.

Warum Worte wie Wegweiser sein können

Solche Worte sind für mich wie Wegweiser. Sie erinnern mich daran, dass andere Menschen ebenfalls Grenzen kannten und sie überwinden mussten. Ihre Stimmen sind mir oft wie Begleiter am Wegesrand – manchmal leise, manchmal laut, aber immer ermutigend.

Hinweis am Camino

Ausblick – die nächsten zehn Jahre

Wenn ich nach vorne blicke, wünsche ich mir, dass ich noch viele Wege gehen darf – in der Natur, auf Pilgerpfaden und in meinem Inneren. Vielleicht werden es Herausforderungen wie die Cheval Blanc sein, vielleicht auch ganz andere, kleinere Etappen. Entscheidend ist nicht die Größe der Aufgabe, sondern dass ich weiter in Bewegung bleibe.

Mein Ziel ist es nicht, wieder „ganz der Alte“ zu sein. Mein Ziel ist, mit dem, was ist, in Frieden zu leben. Und wenn es mir gelingt, dabei anderen Mut zu machen, dann hat mein Weg noch einmal mehr Sinn gefunden.

Und wie schon früher beim Radfahren – damals, als ich heimlich meinen Radius erweitern wollte – so bleibt es auch heute: immer noch ein Stück weiter, noch ein bisschen mehr. Nicht stehenbleiben, sondern dranbleiben. Das ist mein Weg in die nächsten zehn Jahre.

10 Jahre nach dem Hirnabszess möchte ich frei sein wie ein Vogel
Frei sein


Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Camino abgebrochen – Wenn der Körper Nein sagt und der wahre Weg beginnt

Einige Tage sind vergangen, seit ich meinen Camino abgebrochen habe, in denen ich Ursachenforschung betreiben konnte. Es war kein dramatischer Moment, in dem alles plötzlich zu viel wurde. Eher ein langsames, inneres Leiser werden. Ein Ziehen und Zerren, im Körper und der Seele. Bis die Erkenntnis kam: Ich gehe nicht weiter.

Es war ein inneres Wissen: Weiterzugehen hätte mir nicht gutgetan. Beim Weitwandern lernte ich, dass sich vieles unterwegs verändern kann. Der Körper, die Gedanken, Wetter, Wege. Erfahrene Wanderer raten: „Warte einen Tag, iss gut, ruhe dich aus – und dann spür noch einmal hinein.“ 

Seit dem Hirnabszess hat sich jedoch meine Wahrnehmung verändert. Ich bin feinfühliger geworden, nicht nur körperlich, auch seelisch. Ich spüre sehr genau, wann etwas stimmig ist und wann nicht. Diesmal sagte alles in mir: Es ist genug für jetzt. Der Weg ist noch nicht vorbei, das Beenden an diesem Punkt richtig.

Mein Start in Judendorf zum Camino Integrale

Der Moment als ich den Camino abgebrochen habe

Ich habe den Camino Integral abgebrochen. Nicht aus einem einzigen Grund, sondern aus vielen kleinen, die zusammen ein großes „Nein“ ergaben. Meine Entscheidung war nicht gegen den Weg, sondern gegen das Weitergehen um jeden Preis. Denn eines habe ich gelernt in den letzten Jahren nur das zu tun, was mir guttut.

Es war keine schwierige Entscheidung, denn meine Gesundheit hat immer oberste Priorität. Natürlich mache ich es mir nicht leicht, denn leichtfertig gibt man so eine Unternehmung nicht auf und bisher hat ja das meiste geklappt, bloß war es diesmal notwendig.

Camino abgebrochen

Was geblieben ist: Ein müder Körper, ein lautes Innen

Ich spürte es in den Beinen und noch mehr im Herzen. Der Körper wurde schwer. Die Gedanken laut. Die Freude am Gehen wich einem inneren Druck, der mit jedem Schritt größer wurde. Die Beine spürten sich an, wie noch nie in den letzten Jahren. Es ist das erste Mal, dass ich einen Camino abgebrochen habe.

Wieder zu Hause bewege ich mich wie durch Nebel. Nicht nur äußerlich, auch innerlich ist vieles verschwommen. Entscheidungen fallen mir schwer und so versuche ich nicht zu viel zu denken. Die kleinsten Aufgaben fordern mich heraus. Manchmal ist schon das Aufstehen am Morgen ein Kraftakt.

Den Camino abgebrochen

Vielleicht war es mehr als Erschöpfung

Ich beginne zu ahnen, vielleicht war dieser Abbruch kein Zeichen von Schwäche. Sondern ein Ausdruck von etwas Tieferem. Vielleicht ist mein Körper längst weiter als ich.

Vielleicht hat das Gehen etwas gelöst – aber nicht auf eine Weise, wie ich es erwartet hätte. Die ersten Tage sind der Ursachenforschung gewidmet.

Camino Integrale

Meine ersten kleinen Schritte zurück

Um die Ursache zu finden, heißt es zunächst Innenschau zu halten, zu Pausieren und mit viel Ruhe.

  • Pausieren
  • Dem Körper zuhören
  • Sprechen und Schreiben
  • Therapie in Erwägung ziehen
  • Sanfte Bewegung, therapeutisches Tanzen
  • Im Wald spazieren gehen

Wenn der Körper erinnert, was die Seele noch nicht fassen kann

Dieser Abbruch ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Ausdruck von etwas Tieferem. Etwas, das gesehen werden will. Vielleicht ist mein Körper längst weiter als ich. Vielleicht hat dieser Weg etwas freigelegt, das lange verborgen war oder ich mir nie anschauen wollte.

Schon seit meinem kurzem Camino im Mai habe ich eine Veränderung an mir gemerkt. Irgendetwas war anders, aber ich konnte es nicht benennen. Es gab immer wieder Anzeichen, aber ich wollte sie nicht sehen. Im Gegenteil, ich dachte daran, dieses Befinden am Weg weggehen zu können.

Vielleicht ist es eine kPTBS (komplexe posttraumatische Belastungsstörung) – und mein Körper weiß es längst 

Je tiefer ich in mich hineinschaue, desto mehr spüre ich: Das, was gerade in mir geschieht, hat nicht erst mit dem Camino angefangen. Und es hört auch nicht mit dem Abbruch auf.

Ich habe angefangen - wieder einmal - mich mit der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (kPTBS) zu beschäftigen – nicht, weil ich eine Diagnose suche, sondern weil ich verstehen will, warum mein Körper so reagiert, wie er reagiert. Warum ich manchmal einfach nicht mehr kann, obwohl ich „eigentlich“ doch will. 

Schon im März 2022, unterwegs am Camino Frances, geschah etwas, das tiefer ging. Ich ging damals weiter, ging es mir gewissermaßen im Gehen weg, denn da bin ich bei mir. Schritt für Schritt fand ich wieder Zugang zu mir selbst.

In Rücksprache mit meiner Tanztherapeutin griff ich auf Werkzeuge zurück, die ich durch die Tanztherapie kennengelernt hatte. Bewegungen, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele in Schwingung bringen. Es brauchte Zeit, Geduld – und viele Wege unter meinen Füßen. Doch schließlich konnte ich es auflösen. Auf meine Weise. Im Gehen. Im Spüren.

Camino Frances 2022
Camino Frances 2022

Es passiert mir nicht oft, aber auch neun Jahre nach dem Hirnabszess ist diese Möglichkeit des Trauma da.   

Die kPTBS ist keine Schwäche.

Sie ist eine Reaktion auf etwas, das einmal zu viel war.
Zu viel Schmerz. Zu viel Ohnmacht. Zu viel Einsamkeit.

Mögliche Ursachen – und was davon auf mich zutrifft

Viele Menschen mit einer komplexen posttraumatischen Belastungsstörung haben andauernde oder wiederholte traumatische Erfahrungen durchlebt.
Bei mir war es die langanhaltende Krankheit und die medizinischen Eingriffe, die mehr waren als nur Belastung – sie waren vkomplexer posttraumatischer Belastungsstörunerbunden mit Angst, Isolation und dem Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.

Doch die eigentlichen Auslöser reichen weiter zurück. Es sind Muster aus der Vergangenheit, tief eingegraben, oft unsichtbar – aber wirksam. Der Kopf mag vieles vergessen haben, aber der Körper nicht.
Er erinnert.
Und manchmal spricht er. In Form von Erschöpfung, in Form dieser inneren Leere. Oder in diesem schwer zu greifenden Gefühl: „Ich kann nicht mehr.“

Komplexe PTBS begleitet mich seit Jahren. Sie kehrt zurück – weil mein Gehirn nicht mehr so arbeitet wie früher. Oft will ich mehr, als mein Kopf zulässt. Doch genau das zwingt mich dann hinzuschauen.
Manchmal ist ein Abbruch kein Rückschritt.
Sondern der Anfang von etwas Neuem. Der Beginn von Heilung.

Gerade frühe Erfahrungen hinterlassen Spuren. Auch wenn sie im Nachhinein kaum noch greifbar sind. Der Kopf blendet aus. Der Körper nicht.
Er erinnert.
Und manchmal erinnert er so laut, dass ich ihn nicht mehr überhören kann.

Dieses „Ich kann nicht mehr“ – es fällt nicht einfach so vom Himmel. Es ist ein Echo.
Ein Echo einer Geschichte, die viel früher begonnen hat.

Was mir hilft – oder helfen könnte

Die Diagnose einer kPTBS gehört in erfahrene Hände. Ich weiß:
Ich will da hinschauen.
Ich will heilen.
Und ich muss es nicht allein tun.

Es gibt viele therapeutische Wege, die speziell für Menschen mit komplexer Traumatisierung entwickelt wurden. Einige davon werde ich mir näher anschauen – einige kenne ich schon:

  • Traumaspezifische Psychotherapie
  • PITT – Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie
  • DBT – Dialektisch-Behaviorale Therapie
  • Somatic Experiencing – Arbeit mit Körperempfindungen, z.B. therapeutisches Tanzen
  • EMDR

Sie alle laden dazu ein, das Erlebte zu spüren, zu integrieren, zu wandeln.
Langsam und in sicherem Tempo. In Beziehung.

Ein anderer Weg beginnt – im Stillstand

Vielleicht ist dieser Abbruch nicht mein Ende – sondern mein Anfang.
Und vielleicht geht es beim Gehen nicht immer darum, vorwärtszukommen.
Sondern manchmal einfach darum, anzuhalten – und zuzuhören.

Camino abgebrochen
Abbruch

Ich wollte mich auf diesem Camino finden.
Und fand mich im Stillstand.
Im Abbruch.
Im Anhalten.
Aber vielleicht beginnt genau hier ein anderer Weg.

Mein Camino Integrale dauerte nicht lange, aber jeder Schritt war den Weg wert. Es ist ein weiterer Schritt zu "ganzheitlich“ oder „das Ganze betreffend”. Ich bedauere es nicht, den Camino abgebrochen zu haben.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mein Camino Integrale – vom Hirnabszess bis ans Ende der Welt

Was vor Jahren als Neuanfang begann, ist heute eine Reise, die weit über das Gehen hinausgeht. Mein Camino Integrale wird mich von der eigenen Haustür bis nach Finesterre führen. 3.500 Kilometer zu Fuß, durch die Natur, über Berge und durch Städte. Dazwischen, die letzten Etappen des HexaTrek, durch die Pyrenäen, die mir noch fehlen.

Der Hirnabszess wirkte wie das Ende, aber es wurde zum Anfang eines Lebens, das ich Schritt für Schritt neu zusammensetzen musste.
Körperlich. Geistig. Innerlich.

Gewonnen habe ich schon jetzt, denn zu (Über-)Leben ist mein größter Gewinn geworden. Allerdings liegt ein weiter Raum zwischen dem bloßen Überleben und dem wirklichen Leben. Akzeptieren wie es ist, bleibt ein wichtiger Bestandteil, doch ich werde nie hinnehmen, dass es so bleiben muss. Das ist Teil meiner Motivation.

Der Camino Integrale ist kein klassischer Jakobsweg, wie der Name vielleicht darauf hindeutet. Denn es ist ein Weg, den ich für mich einfach so genannt habe.
Ein Weg des Erinnerns, des Reduzierens, des Wiederfindens.
Ein Weg, der verbinden soll, was lange getrennt war: Körper und Geist – mit dem Leben selbst.

Seit neun Jahren versuche ich Grenzen zu verschieben und ins Leben zu kommen. Ob und wie weit dieser Weg wirklich wird, weiß ich noch immer nicht.

Der Weg nach Finesterre wird in jedem Fall ein weiterer wichtiger Schritt sein, denn im Gehen bin ich bei mir und lebe am besten mit den Handicaps.

Camino Integrale, mein Weg zum Ganzwerden
2016, zum ersten Mal nach dem Krankenhaus im 300 Meter entfernten Wald

Was bedeutet Camino "Integrale"?

Der Camino Integrale – diesen Pilgerweg gibt es nicht dem Namen nach, er existiert nur in meinem Kopf. Integral bedeutet „ein Ganzes ausmachend“, „vollständig“, „unversehrt“ oder auch „nicht geteilt“. Genau deshalb habe ich dieser Reise diese Überschrift gegeben. Es ist für mich weit mehr als nur ein Pilgerweg. Denn er beschreibt meinen Versuch, seit nunmehr neun Jahren die Bruchstücke meines Lebens wieder zu einem Ganzen zu fügen.

Vor einigen Jahren hatte ich einen Hirnabszess, der vieles verändert hat, körperlich wie geistig. Seitdem ist nichts mehr selbstverständlich. Auch das Gehen nicht. Koordination, Körperwahrnehmung, Gleichgewicht, alles musste ich mir mühsam zurückholen und muss weiterhin täglich daran arbeiten, es zu erhalten.

Jeder Weg seither ist eine Übung, jede Wanderung ein Stück mehr Selbstermächtigung. Die Rückeroberung von etwas, das einst selbstverständlich war. Wer macht sich schon Gedanken, über das eigene Gehen oder wie von einem Sessel aufstehen.

„Integrale“ steht dabei für das Ganze – für einen Weg, der

  • körperlich fordernd,
  • geistig klärend und
  • emotional heilsam ist.

Es ist mein Weg durch Städte und Natur, durch Berge und Erinnerungen, durch Gegenwart und Vergangenheit.

Walkabout, Teil meines Camino Integrale
Mit Gehen das Leben zurückgeholt

Im Camino Integrale verbinden sich:
– meine therapeutischen Schritte, mit meinem inneren Ruf, weiterzugehen.
– das medizinisch Notwendige, mit dem spirituell Heilsamen.
– das Leben danach, mit dem Menschen, der ich immer war – und der ich wieder werden möchte.

Camino Frances, Teil meines Camino Integrale
Camino Frances

Der Entschluss

Der Entschluss begann vor langer Zeit in mir zu reifen:
Im Juli breche ich zu Fuß auf – von zu Hause bis nach Santiago de Compostela, genauer gesagt: bis Finesterre. Kein Flug, kein Zug, kein Bus. Ich möchte den ganzen Weg gehen. Vom ersten Schritt an, bis zum Ende.

Die Idee dazu begleitet mich seit meinem ersten Camino 2018. Damals begegnete ich einem Ehepaar aus Holland, das direkt vor der eigenen Haustür gestartet ist. Diese Begegnung hat sich tief in mir eingeprägt und hat mich nie mehr losgelassen.

Seitdem ist da dieser Gedanke:
Eines Tages werde ich das auch tun.
Nicht irgendwo einsteigen – sondern zu Hause die Tür hinter mir schließen und losgehen. Dann kam die Pandemie. Der Walkabout 2021 war mein erster Versuch und eine einzigartige Erfahrung, hinter mir die Tür zuzuschließen, zu gehen und zwei Monaten später, sie wieder aufzuschließen.

Und jetzt ist dieser neue Moment gekommen.
Die Zeit ist reif, der Gedanke ist gereift – und der Weg ruft.
Ich werde gehen. Von zu Hause aus. Schritt für Schritt, hinein in das, was vor mir liegt:
mein ganz persönlicher Camino Integrale.

Vorbereitung und Packen für den Camino Integrale

Ich werde wieder leicht gehen. Über die Jahre habe ich meine Ausrüstung immer weiter reduziert, angepasst, verfeinert. Jedes Teil, das ich mitnehme, ist erprobt und sorgfältig ausgewählt.

Reduktion als Vorbereitung.

Nicht nur im Rucksack, sondern auch im Kopf. Ich habe gelernt: Vorbereitung ist mehr als eine Packliste.

Anfangs schleppte ich manches mit, das ich nicht brauchte. Dinge, die mir vermeintlich Sicherheit geben sollten. Doch Sicherheit entsteht nicht durch Gewicht, sie wächst mit der Erfahrung und dem Vertrauen, sich den Bedingungen anpassen zu können.

Allein um im Zelt wirklich schlafen zu können, brauchte ich Jahre. Jahre, in denen ich nicht nur mich, sondern auch meine Ausrüstung Schritt für Schritt weiterentwickeln musste.

Zum Grammzähler wurde ich nicht aus Prinzip, sondern aus Notwendigkeit. In vielem verwende ich die gleichen Dinge wie früher, aber eben leichter.

Daunenjacke 155g neu, versus 290g alt

Mein gesamter Rucksack wurde mit diesen Optimierungen in vielen Bereichen um bis zu einen Kilogramm leichter. Das klingt nicht nach viel, ist für mich mit der Muskelschwäche aber enorm.

Heute weiß ich: Weniger ist oft mehr.
Ultralight ist für mich keine Mode, es ist Voraussetzung. Da ich nicht laufen kann, brauche ich trotzdem mehr zum Anziehen oder Wetterschutz. Trotz mehr Ausrüstung, bringe ich es auf knapp 5 Kilogramm Basisgewicht.

👉 Zur Packliste: Camino Integrale 2025

Der Weg des Camino Integrale

Es wird nicht der direkte Weg nach Santiago werden.
Denn mich zieht es in die Berge. Genauer gesagt, in die Pyrenäen. Dort baue ich zwei Etappen des HexaTrek ein, die Abschnitte fünf und sechs, die ich ja noch nicht gegangen bin. Ein Umweg, ja. Aber vor allem ein Herzstück meiner Tour.

Camino Integrale

2.000 Kilometer HexaTrek liegen bereits hinter mir.
Was noch offen ist, sind die letzten 1.000 km – durch die Pyrenäen.
Diesmal will ich sie gehen und sie mit dem Weg nach Santiago verbinden. Der Jakobsweg beginnt für mich zu Hause, nicht erst in Frankreich. Er führt über Le Puy-en-Velay, dorthin, wo der Hexatrek ganz nah ist, weiter bis nach Carcassonne.

Wie bei all meinen Wegen gilt auch diesmal:
Die genaue Strecke entscheide ich unterwegs.
Ich laufe nicht nach Plan, sondern nach Gefühl.
Und wenn ich spüre, dass es genug ist,
dann höre ich auf – ganz gleich, wo ich gerade bin.
Denn es geht nicht ums Ankommen.
Es geht für mich darum, unterwegs zu sein.

An oberster Stelle steht für mich immer noch, eine gute Zeit in Freude zu verbringen. Jeder Tag seit dem Hirnabszess ist ein gewonnener Tag und so soll es bleiben. Kampf und Krampf wäre das falsche Signal an meinen Körper.

Warum?

Weil es mir nicht nur ums Ziel geht – sondern um den Weg dorthin.
Ich suche keine kürzeste Verbindung mehr. Ich suche Erfahrung.
Und die finde ich vor allem dort, wo es still wird.
In den Bergen. In den Weiten. In der Natur.
Dort, wo jeder Schritt fordert und zugleich etwas zurückgibt.

Letztes Jahr, in den Alpen, habe ich ein Ziel erreicht, das sich 2016 im Krankenhaus geformt hat.
Ich hatte durch den Hirnabszess meine Propriozeption beschädigt, aber in meinem Kopf liefen Bilder vom Eiger Ultra Trail.
Wie ich vom höchsten Punkt, dem Faulhorn, über die steilen Felshänge hinuntersprang.
Für mich war das: Propriozeption in Bestform.
Und ich dachte: Wenn ich das je wieder schaffe, dann funktioniert auch alles andere.

Eiger Ultra Trail, 2014
Eiger Ultra Trail, 2014

Der Gedanke war gut, aber es sollte nicht ganz so kommen.
Letztes Jahr, am HexaTrek – in den Nordalpen, mit Blick auf den Mont Blanc – kam ich diesem inneren Bild erstaunlich nahe. Die Tage rund um die Cheval Blanc wurden zu einem Meilenstein meiner Rehabilitation. Körperlich. Mental.

Trotzdem musste ich erkennen:
Ich habe nur einen Teil davon erreicht. Und den mit Abstrichen.
Es war wichtig. Aber ich habe zu verstehen, es ist noch nicht das Ende. Das Gefühl in den Beinen ist nicht zurückgekommen. Jeder Schritt fordert das Gehirn - ob ich am Berg gehe oder durch de Stadt.

Denn Heilung ist kein Gipfel.
Es bleibt ein Weg und sogar ein längerer, als gedacht.

HexaTrek, Cheval Blance
Abstieg von der Cheval Blanc, HexaTrek, 2024

Denn: Heil werden heißt nicht, komplett gesund sein

Ich habe dort ein körperliches Ziel erreicht – eines, das ich mir im Krankenhaus gesetzt hatte. Aber heil bin ich deshalb noch lange nicht.
Körperliche Fortschritte sind sichtbar, spürbar – und doch ist da mehr, das bleibt zum Heil werden.

Denn Heil(ung) ist kein Punkt auf der Landkarte.
Es ist ein Weg, der tiefer führt. Einer, den ich auch innen gehen muss. Das spüre ich umso mehr, je länger es dauert.

Das zehnte Jahr nach dem Hirnabszess hat begonnen. Seit vorigem Jahr kann ich immer öfter über mehr Dinge nachdenken, was ich bisher nicht konnte. Aber ich muss aufpassen, möchte kein Trauma wecken. Besonders die Zeit bis zwei, drei Jahre nach dem Hirnabszess belastet mich noch. Daher habe ich auch das Buchschreiben hintangestellt, denn das Schreiben kann Traumen auslösen.

Mein Weg ist mehr ein geistiger geworden, ein Weg der Verarbeitung, des Verstehens, des Wachsens.
Ich bin weiter als früher. Aber noch nicht am Ende. Vielleicht auch nie.

Mein Weg ist ein leises, fortwährendes Lernen. Schritt für Schritt. Es verändert sich beinahe täglich und wöchentlich. Ich kann seit heuer gedanklich vieles besser verarbeiten, muss aber aufpassen, nicht im Denken stecken zu bleiben.

Ein weiterer Schritt in meiner Wiederherstellung

Bis zum Aufbrechen, steht noch ein medizinischer Abschnitt an: die nächste Etappe meiner Zahnsanierung. Und es ist wirklich eine Etappe.

Durch den Hirnabszess mussten mir mehrere Zähne gezogen werden. Ein Teil konnte bereits ersetzt, saniert und repariert werden, doch einiges blieb offen. Nun, im Mai und Juni, folgten wieder mehrere Sitzungen.

Auch das ist kein Abschluss, sondern ein weiterer Schritt – einer von vielen auf meinem Weg zurück zu mehr Ganzheit.

Das gehört auch zu meinem Camino Integrale:
nicht nur draußen unterwegs zu sein, sondern auch im eigenen Körper wieder Heimat zu finden.

Ein langer "Weg"!

Was sein könnte – und was ist

Ein Punkt, der mich gerade stark beschäftigt:
Mein Gehirn reagiert verzögert – in der Koordination, in der Reizverarbeitung, im Gleichgewicht.
Es ist keine Überraschung. Und doch immer wieder eine Erinnerung:
Mein Nervensystem bleibt empfindlich und reagiert schnell. Nicht immer zum Positiven.

Ich weiß, was das unterwegs bedeuten kann.
Zu viele Reize. Kognitive Erschöpfung. Wackelige Tage,
an denen die Tiefensensibilität nachlässt.
Ich bin nicht stabil im klassischen Sinn – nicht jeden Tag gleich belastbar.
Nicht planbar. Nicht zuverlässig im Funktionieren.

Gerade deshalb arbeite ich weiter an mir.
An mehr Stabilität – außen wie innen.
Nicht, um wieder zu „funktionieren“,
sondern um freier gehen zu können. Schritt für Schritt.

Camino Integrale

Denn "draußen" am Trail, fühle ich mich meist wohl und kann auf meine Grenzen achten. Aber ein wichtiger Teil meines Lebens findet auch daheim statt. Und dort stoße oft ich an Grenzen.

Dann beende ich den Tag früher oder wenn es genug ist. Zuhause gehe ich zu oft über meine Grenzen. Mit dem Zug heimfahren, Einkaufen gehen, unter zu vielen Menschen. Kleinigkeiten für die meisten, für mich schwierig zu händeln.

Übe ich nicht täglich am Gleichgewicht, geht viel schnell verloren.

Sicherheit von innen

Sicherheit ist für mich kein äußerer Zustand mehr, es ist etwas Inneres geworden. Ich kann nicht alles kontrollieren. Aber ich kann lernen, mir selbst zu vertrauen – in der Bewegung, in der Pause, in der Entscheidung, wann es weitergeht und wann es genug ist.

Ich habe in den letzten Jahren oft erlebt, dass mein Körper mehr kann, als ich mir zutraue und ich ihn nicht überfordere. Und ich habe erfahren, dass Vertrauen nicht auf einmal da ist. Es wächst. In kleinen Schritten. Umso mehr ich ins Leben komme, desto mehr Vertrauen wächst.

In Verbindung bleiben

Eine meiner Aufgaben ist es, mich intensiv mit meinem Nervensystem zu beschäftigen – denn darin sind noch viele Traumata gespeichert.
Sie zeigen sich auf unterschiedliche Weise: in der Bewegung, besonders in der Halbseitenlähmung, aber auch darin, wie ich auf bestimmte Situationen reagiere.

Genau darum geht es für mich auf diesem Weg:
Nicht alles im Griff zu haben, sondern immer wieder in Verbindung zu treten – mit mir selbst, mit der Natur, mit dem Moment.

Vielleicht ist das die tiefste Form von Sicherheit, die ich kennenlernen kann:
Nicht, dass nichts passiert, sondern dass ich in allem, was passiert, bei mir bleiben kann. Auf dem Camino kann ich dass üben, ohne gleich überfordert zu sein.

Vertrauen – Schritt für Schritt

Vielleicht werde ich am Camino Integrale an meine Grenzen stoßen. Vielleicht öfter, als ich es mir wünsche.
Aber genau deshalb gehe ich. Nicht, weil alles sicher ist – sondern weil ich wachsen möchte, im Vertrauen.

Vertrauen in meinen Körper und in andere.
Vertrauen in den Weg.
Vertrauen, dass ich mit allem, was kommt, Schritt für Schritt umgehen kann.

Vertrauen ins Leben, am Ende der Welt in Finesterre

Drei Monate unterwegs

Über drei Monate – im Juli, August, September, vielleicht noch im Oktober – liegen vor mir.
Eine Zeit des Gehens, des Draußen Seins, der Begegnungen und des Alleinseins.

Ich gehe nicht, um anzukommen.
Ich gehe, um unterwegs zu sein.

Das Gehen gibt mir Sinn – und ich finde mich selbst darin wieder.
Es hilft mir, mit der Situation klarzukommen. Es lässt mich weitermachen, Schritt für Schritt.

Ohne das Gehen wäre ich nie so weit gekommen.
Jeder Camino, jeder Weitwanderweg hatte seinen Sinn bisher und seinen ganz eigenen Platz in meinem Leben.
Manchmal traue ich mir kaum auszumalen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Weg nicht gegangen wäre und in Zukunft weitergehe.

Das größte Abenteuer ist das Kennenlernen von sich selbst!

Der Weg beginnt vor meiner Haustür.
Alles Weitere wird sich ergeben.
Schritt für Schritt - der Camino Integrale!



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Schritt für Schritt – Vom Gehen, das trägt.

Es ist jetzt das zehnte Jahr seit dem Hirnabszess und dass mein Leben angehalten wurde – und dann ganz woanders wieder angefangen hat. Ich kann wieder gehen. Aber anders. Langsamer. Bewusster. Und nie ohne Nachdenken.

Denn was früher automatisch ging, ist heute Arbeit. Gehen ist keine Nebensache mehr. Es ist eine Aufgabe, eine Konzentrationsleistung, ein Kraftakt für mein Gehirn. Jeder Schritt braucht Aufmerksamkeit. Nichts passiert mehr einfach so. Und das zehrt. Aber es trägt mich auch.

Vorbereitung aufs Gehen

Städte sind anstrengend. Natur ist Erholung.

Ich merke, wie mein Kopf müde wird. Nicht körperlich, sondern mental. Es ist eine Erschöpfung, welche nicht durch Schlaf weggeht. Menschenmengen, Geräusche, schnelle Bewegungen, zu viele Reize: In der Stadt wird mir alles schnell zu viel. Ich merke, wie mein Gehirn langsamer reagiert, wie es überfordert ist. Und ich ziehe mich zurück.

Immer öfter merke ich: Ich brauche Orte, an denen ich nicht denken muss. Wo ich nicht auf jede Kleinigkeit achten muss. Wo der Weg einfach klar ist. Das finde ich nur in der Natur. Geradeaus, dann rechts, dann durch den Wald. Kein ständiges Anpassen, kein Ausweichen. Nur ich und der Pfad.

Ich gehe, weil ich noch nicht ganz angekommen bin im Leben und bei mir.

Ich fühle mich einerseits wieder mehr in mir selbst – aber ich bin noch nicht ganz bei mir. Oft stehe ich noch wie neben mir. Nicht ganz da. Nicht ganz verbunden. Es fühlt sich manchmal an wie eine feine Trennung von mir selbst, eine Art inneres Weggleiten, das ich inzwischen als etwas wie Dissoziation verstehe.

Vielleicht ist es ein Schutz. Vielleicht ein Zeichen, dass mein System noch nicht alles ganz verarbeitet hat. Oder einfach: meinen Weg, in meinem Tempo zurückzufinden.

Deshalb wandere ich. Lange Strecken. Mehrtägige Touren. Weitwanderwege, auf denen ich tagelang unterwegs bin – manchmal schweigend, oft allein, aber nie einsam. Denn dort draußen finde ich genau das, was mir im Alltag fehlt: Ruhe im Kopf.

Und es sind genau diese Wege, die mich – Schritt für Schritt – wieder näher zu mir selbst bringen.

Gehen als Lebensform

Gehen war in diesen letzten zehn Jahren für mich nie bloß Fortbewegung. Es war – und ist – ein innerer Prozess. Beim Gehen ordnet sich etwas. Mein Atem kommt in den Takt der Schritte, die Gedanken werden ruhiger und die Sinne werden wacher. Ich finde beim Gehen nicht nur Wege durch Landschaften, sondern Wege in mich selbst zurück.

Gehen als Lebensform. Auf den Pfaden draußen in der Natur finde ich etwas, das mir drinnen und in der Stadt fehlt: Verbindung. Zu mir, zum Moment, zum Leben.

Der Körper als Kompass

Mit der Zeit begann ich zu trainieren, neben dem Üben. Nicht für einen Wettbewerb, wie früher, sondern um zu Leben. Mein Körper war geschwächt, aber er wurde mein Kompass.

Er zeigte mir, wie viel möglich ist, wenn ich achtsam bleibe. Ich lernte, auf Zeichen zu hören, Pausen zuzulassen. Das Gehen wurde mein Training für den Geist, meine Meditation in Bewegung.

"Was man nicht sieht"

Nach meinem Hirnabszess blieb eine Hirnschädigung zurück – man sieht sie nicht, aber ich spüre sie jeden Tag. Außen wirke ich oft gesund, innen aber ist vieles anders geworden: Reizverarbeitung, Gleichgewicht, Konzentration – alles braucht mehr Kraft, mehr Aufmerksamkeit.

Es ist schwer zu erklären, weil nichts zu sehen ist. Und doch ist genau das die größte Herausforderung: Mit einer Einschränkung zu leben, die unsichtbar bleibt, aber alles mitbestimmt. Von außen sieht man mir nichts an. Kein Verband, die Narbe unter den Haaren, kein sichtbarer Schaden.

Aber es ist, als hätte jemand meine innere Landkarte durcheinandergebracht. Die Wege sind noch da, aber ich muss sie neu finden. Geräusche, Bewegungen, Gespräche – all das fordert mich mehr als früher. Ich spüre meinen Körper oft nicht so, wie er eigentlich da ist.

Wie erklärt man das? Es ist wie Wandern im Nebel: Ich gehe Schritt für Schritt, während andere freie Sicht haben. Ich wirke „normal“, aber mein Gleichgewicht halte ich jeden Tag aufs Neue – körperlich wie innerlich.

Dieses Unsichtbare ist das Schwierigste: Es lässt sich nicht zeigen, kaum in Worte fassen. Aber es bestimmt mein Leben. Nicht immer sichtbar, aber immer da. Deswegen auch die Schwierigkeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

Die Weitwanderwege – mehr als nur Strecken

Ich ging die Jakobswege in Spanien, den Walkabout, den JOGLE in England oder den Hexatrek - nicht, weil ich sportlich etwas erreichen wollte, sondern, weil ich etwas in mir wiederfinden versuchte. Die Weite dieser Wege spiegelte die Weite, die ich mir innerlich zurückeroberte. Jeder Schritt ist ein Stück Selbstermächtigung, jede Etappe ein Teil meines neuen Lebens, welches ich erst kennenlernen muss.

Der Jakobsweg – gehen im Rhythmus

Auf dem Jakobsweg habe ich zum ersten Mal gespürt, wie heilend rhythmisches Gehen sein kann. Der Weg trägt dich irgendwann. Die Gedanken werden leiser. Es ist nicht nur ein Pilgerweg – es ist ein innerer Prozess.

Dort draußen war ich nicht krank. Ich war einfach unterwegs.

am Camino
Alto de Poio, Galicien 2025

Der JOGLE – Mein Weg durch ein Land

Der JOGLE war nicht nur ein Fußmarsch über die Länge Großbritanniens. Er war ein Aufbruch. Eine bewusste Entscheidung: Ich gehe und ich lasse mich tragen vom Rhythmus meiner Schritte.

Tag für Tag, durch Regen, Wind, Sonne, Müdigkeit und Euphorie, bin ich gegangen. Von John o’ Groats im wilden Norden, über die schottischen Highlands, durch die grünen Hügel Englands, bis hinunter nach Land’s End, wo der Kontinent endet und für mich etwas Neues begann.

Was mich dieser Weg gelehrt hat, ist nicht in Zahlen zu messen. Es war kein sportlicher Rekord. Es war eine innere Rückkehr – in meinen Körper, in mein Vertrauen, in mein Leben.

Der JOGLE war nicht nur eine Strecke.
Er war mein Weg, mich neu zu ordnen.
Ein Stück Freiheit.
Ein Stück Heilung.
Ein stilles, langes Ja zum Leben.

Ich war oft allein auf diesem Weg – und doch nie einsam. Die Landschaft sprach mit mir. Die Weite, die Stille, die unerwarteten Begegnungen – sie alle haben mir etwas zurückgegeben, was ich wieder entdeckte. Ich kam nicht nur an ein Ziel, ich kam bei mir an.

Am JOGLE unterwegs
5h früh in Schottland

Der Hexatrek – das Wilde in mir

Der Hexatrek in Frankreich war wilder und rauer. Ich habe dort gelernt, wie viel Kraft in der Stille liegt. In den Bergen, in den Wäldern, im Alleinsein mit der Natur. Ich war oft erschöpft, aber nie überfordert. Es war die gute Art von Müdigkeit – die Raum gibt. Raum zum Atmen. Zum Spüren. Zum Sein.

Deswegen zieht es mich bald wieder zum Hexatrek – diesmal auf Abschnitt 5 und Abschnitt 6, der mir noch fehlt, quer durch die Pyrenäen. Dort wartet wieder dieser ganz besondere Raum zwischen Himmel und Erde, sowie Stille. Aber bevor ich mich erneut auf den Weg mache, steht erstmal etwas anderes an: ein weiterer Teil meiner Zahnsanierung.

Die Gorges du Tarn, eine spektakuläre Naturlandschaft Diese Region ist Heimat einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Gehen durch das wilde Südfrankreich.
Südfrankreich - Hexatrek - 2024

Ausblick: Weiter(gehen) und Leben

Heute weiß ich: Mein Weg ist kein Ziel, sondern ein Prozess. Das Gehen bleibt mein Anker, mein Lehrer, mein Spiegel. Ich spüre, dass Bewegung heilsam sein kann. Nicht nur für den Körper – sondern für alles, was ich bin.

Mein Lebenswille trug mich durch die ersten Jahre. Und doch regt sich jetzt etwas Neues, Unbekanntes. Ein leiser Ton, für den mir noch die Worte fehlen. Ich kann leben, auch mit den Behinderungen. Ich habe gelernt, sie nicht mehr nur zu ertragen, sondern Stück für Stück in mein Leben zu integrieren.

Langsamkeit ist keine Schwäche

Langsamkeit ist die Art, wie ich weitermache. Wie ich weiterlebe. Und wie ich mir meine Freiheit zurückhole.

In der Natur kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren: Atmen. Spüren. Weitergehen. Mein Körper gibt das Tempo vor. Und manchmal – an guten Tagen – fühlt es sich in Momenten fast wie früher an. 

Ich muss weitergehen – nicht aus Zwang, sondern aus einer tiefen inneren Notwendigkeit. Weil das Gehen für mich mehr ist als Bewegung. Es ist mein Lebensfaden, meine Verbindung zur Welt, mein Anker im Jetzt.

Wenn ich gehe, bin ich nicht in der Vergangenheit, nicht in der Sorge um morgen – ich bin einfach da. Mit jedem Schritt sage ich: Ja, ich bin noch hier.

Wenn ich stehen bleibe – zu lange –, beginnt etwas in mir zu kippen: die Gedanken kreisen, der Körper zieht sich zusammen, ich funktioniere dann nicht mehr. Besonders in der Stadt muss ich aufpassen.

Ich gehe, weil ich weiß, was es bedeutet, nicht gehen zu können. Ich bin dort gestanden, wo nichts mehr ging – nicht nur im Außen, sondern auch in mir. Und das Gehen und Bewegen war mein erster Weg hinaus.

Mein Gehen im Jahr 2017
Gehen 2017

Ich gehe. Weiter. Nicht zurück.

Ich bin nicht dort, wo ich einmal war. Vielleicht komme ich auch nie wieder dorthin. Aber ich gehe. Und das ist alles, was zählt.

Und draußen, auf meinen Wegen, spüre ich: Ich bin unterwegs. Im Leben. Und in mir selbst.

Wenn ich nicht mehr gehen kann

Ich weiß, dass der Tag kommen kann, an dem meine Füße mich nicht mehr tragen. Vielleicht einfach, weil das Leben wieder eine andere Richtung nimmt.

Und ja, der Gedanke macht mir Angst. Weil das Gehen so sehr Teil meines Heilens, meines Daseins, meines Lebens geworden ist.
Aber tief in mir weiß ich auch: Die Bewegung hört nicht auf.

Denn ich habe gelernt, dass das Wesentliche nicht in den Schritten liegt, sondern in dem, was sie in mir ausgelöst haben.
Das Gehen hat meinen Geist geöffnet, hat mir gezeigt, wie man sich aus Enge befreit – Schritt für Schritt, Gedanke für Gedanke.

Und wenn mein Körper nicht mehr weitergehen kann, dann geht etwas anderes weiter:

– Meine inneren Bilder gehen weiter: Erinnerungen an Weite, Licht, Wind im Gesicht.
– Meine Gedanken dürfen wandern, frei und ungebunden.
– Mein Geist kann sich immer noch ausrichten – auf Dankbarkeit, auf Hoffnung, auf Stille.
– Meine Wahrnehmung bleibt in Bewegung: Ich kann spüren, atmen, zuhören, spüren, was lebt.

Innere Bewegung

Ich glaube: Die innerste Bewegung, die zählt, ist die Bewegung auf das Leben zu. Und die ist nicht an Beine gebunden. Sie ist an Bewusstsein, an Herz, an Willen gebunden.

Vielleicht wird das Nicht-Gehen einmal ein neues Kapitel – eines, das nicht weniger wertvoll ist. Vielleicht wird es ein Weg nach innen, noch stiller, noch weiter. Und vielleicht werde ich dann verstehen:
Dass alles Gehen mich darauf vorbereitet hat, auf diesen stillen, großen Schritt in ein Leben, das auch weitergeht, ohne Bewegung im Außen.

„Weitergehen heißt nicht, immer stark zu sein – es heißt, dem Leben zu vertrauen, auch wenn der Weg noch im Nebel liegt.“

Freue dich des Lebens.

Das Leben zu mögen, einfach weil es da ist – das fällt oft erst auf, wenn es schwer wird. Erst durch das Unglücklichsein verstehen wir, was Glück bedeutet. Diese Gegensätze machen das Leben echt.

Gehen mit Freude
Walkabout durch Austria, 2021

„Wenn wir der Natur der Dinge folgen, dann leuchtet selbst die Traurigkeit.“
Ein Satz, der zum Innehalten einlädt. Vielleicht, weil er zeigt: Auch das Traurige gehört zum Leben – und kann auf seine Weise hell sein.

Den Herzweg gehen heißt: sich Zeit lassen. Hinhören. Aushalten, was da ist. Und trotzdem weitergehen – Schritt für Schritt. Nicht, weil es leicht ist, sondern weil es wahr ist.

Gehen am Herzensweg
Unterwegs am Herzensweg

Zunächst geht es aber ab Juli auf meinen nächsten Weg, mehr dazu im nächsten Beitrag.

"Denn solange ich gehen kann, gehe ich."



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mein Ultra-Light Camino France, im Mai 2025

Seit Dezember letzten Jahres arbeite ich intensiv an mir – körperlich, geistig und innerlich. Im Mai war es dann so weit: Ich entschied mich, mich auf den Weg zu machen. Der Camino Francés sollte es sein. Mein Einstiegspunkt: León - 315 km später das Ziel in Santiago. Dazwischen – Berge, Einsamkeit, Weite. Und das alles mit Ultra-Light Gepäck.

Es war eine Gratwanderung. Der Mai kann in Spanien noch erstaunlich kalt sein, vor allem in höheren Lagen. Dennoch wollte ich nur das Allernötigste mitnehmen. Keinen überflüssigen Ballast – weder im Rucksack noch im Kopf. Meine Ausrüstung habe ich bereits im letzten Blogbeitrag vorgestellt.

Stromausfall und späte Ankunft

Erstmals flog ich über Madrid ein. Schon bei der Ankunft war klar: Dies würde kein gewöhnlicher Start werden. Ein großflächiger Stromausfall in ganz Spanien sorgte für Unsicherheit und machte eine späte Weiterreise nach León notwendig. Ich trug nur meinen kleinen Laufrucksack – und niemand hätte wohl geglaubt, dass ich so den Camino gehen würde.

Um 21:45 Uhr kam ich schließlich am Busbahnhof in León an. Zu spät für jede Herberge. Und ein Hotel – das war keine Option für mich. Also reifte in mir der Gedanke, die erste Nacht durchzuwandern. Warum nicht gleich mit einem kleinen Abenteuer starten?

Ich setzte mich in eine noch geöffnete Bar, trank in aller Ruhe einen Kaffee, dazu ein paar Tapas. Für die Nacht hatte ich zwei Proteinriegel, Wasser, eine Mandarine und einen halben Liter Cola im Gepäck. Damit sollte es gehen. Mein Ziel war klar: durch die Nacht, durch die Meseta, bis nach Astorga.

Nachtwanderung

Ein ungewöhnlicher Start – und doch genau richtig

Einen Camino auf diese Weise zu beginnen – mitten in der Nacht, ohne Herberge, ohne festen Plan – mag für viele ungewöhnlich erscheinen. Für mich fühlte es sich genau richtig an. Das Ultra-Light Equipment hat viel dazu beigetragen.

In den letzten Monaten hatte ich mehr und mehr gespürt, wie sehr mir Menschenmengen zusetzen. Die Stadt wurde mir zu eng, zu laut, zu viel. Eine stille Nebenwirkung der intensiven Arbeit an mir selbst.

Ultra-Light am Camino Frances

Und so verließ ich gegen 23 Uhr die letzten Vororte von León. Schritt für Schritt entfernte ich mich von der Stadt, von der Unruhe, vom Lärm. Über mir ein weiter Himmel, durchzogen von Sternen. Ich fühlte mich frei – nicht nur körperlich, sondern tief in mir.

Den Weg entlang der Hauptstraße nach Astorga bin ich schon mehrfach gegangen. Doch noch nie bei Nacht. Etwa acht Stunden würde ich unterwegs sein – rund fünfzig Kilometer. Mein Ziel: mit dem ersten Licht des Tages in Astorga einziehen und irgendwo gemütlich frühstücken.

Powernap

Unterwegs machte ich dreimal einen Powernap, das reichte, um durch die Nacht zu kommen. Ich legte mich auf eine Bank, in ein Buswartehäußchen und auf eine Mauer. Ich zog mich nicht an, denn die Kälte der Nacht weckte mich in jedem Fall auf. Zu Mitternacht hatte es überraschende 16 Grad, das aber in Richtung Morgen jede Stunde um einen bis zwei Grad abnahm. Um fünf Uhr morgens hatte es nur mehr etwa sieben Grad.

Der Mond stand abnehmend am Himmel, sein Licht war schwach. Doch dafür war das Firmament umso reicher bestückt mit Sternen – ein Lichtteppich, der mich begleitete. In meinem Gepäck: eine kleine Ultra-Light Petzl e+light Stirnlampe, dazu Ersatzbatterien – für den Fall, dass es wirklich finster werden sollte. Doch erstaunlicherweise reichte das Sternenlicht über weite Strecken. Nur auf etwa zehn bis zwanzig Prozent des Weges war ich auf die Lampe angewiesen.

Sonnenaufgang

Genau vor Astorga erreichten mich die ersten Strahlen der Sonne und tauchten alles ins erste Licht des Tages. Während andere Pilger vor dem Losgehen noch ein Frühstück in einer Bar zu sich nehmen, ist es meine erste Mahlzeit nach über neun Stunden gehen. Mit meinem Ultra-Light Rucksack setze ich mich an einen Tisch.

Nach 9h Gehen Frühstück, Mein Ultra-Light Camino.
Nach 9h Gehen, ein doppeltes Frühstück

Ich gehe noch 15 km weiter und bleibe in Santa Catalina, nach 65 km.

Ultra-Light durch die Berge – Am Cruz de Ferro

Hinter Astorga beginnen die Berge. Ich kenne diesen Abschnitt gut – doch diesmal gehe ich ihn langsamer. Bewusster. Nicht an einem Tag, wie früher, sondern in drei. Schritt für Schritt. Leicht, aber nicht schnell. Langsam, trotz Ultra-Light Ausrüstung, welches das Gehen viel leichter machte.

Es ist das erste Mal seit Langem, dass ich wieder in der Hauptsaison unterwegs bin. Ich kehre fast ausschließlich in öffentlichen Herbergen ein – einfach, ursprünglich, nah am Geist des Weges.

Diese Herbergen folgen einer einfachen Regel: Sie sind nur für jene da, die ihr Gepäck selbst tragen. Keine Etappen per Taxi. Kein vorausgeschickter Rucksack. Nur du – und was du auf dem Rücken trägst.

Molinaseca – Begegnung mit Tim

In Molinaseca treffe ich in der Kirche den Amerikaner Tim, 79 Jahre alt und ehemaliger Eisenbahner. Er ist vor einem Jahr hergezogen, lebt heute hier und betreut die Kirche. Er hat eine kleine Website gegründet – eine, die helfen soll, die richtige Frage zu finden. Auch er ist den Camino gegangen, zurückgekehrt und geblieben.

Denn viele suchen nur nach Antworten – ohne je die richtige Frage gestellt zu haben. Seine Website unterstützt einen dabei: Camino Questions, www.caminoquestions.com.

Wir stehen beisammen, auf der Wiese vor der Kirche. Sie ist kurz geschnitten und wird von ihm gepflegt. Er erzählt mir von seiner Motivation, von seinem Weg, von dem, was war – und was noch sein soll. Ich höre zu, erzähle dann von mir. Von meiner Geschichte mit dem Hirnabszess. Davon, wie viel mir der Camino in den letzten Jahren gegeben hat. Wie sehr mir das Gehen geholfen hat, Stück für Stück zurück ins Leben zu finden.

Er hört aufmerksam zu, nickt langsam. Dann sagt er etwas, das mich berührt: „Wenn du auf jeder Reise nur ein, zwei Menschen begegnest und ihnen erzählst, denen dein Schicksal – und wie du damit umgehst – es ihnen hilft, ihr eigenes besser zu meistern, dann tust du schon mehr, als viele je erreichen.“

Beim Abschied umarmen wir uns. Es ist eine dieser Umarmungen, die nicht laut sind, aber lange nachwirken. Ich sage ihm, dass ich mich freue, ihn das nächste Mal wiederzutreffen.

Er lacht – warm, mit einem Augenzwinkern. Dann zeigt er mit der Hand auf die Wiese: „Wenn nicht da drüben auf der Wiese, dann liege ich nebenan.“ Eine kurze Pause. Nebenan ist der Friedhof. „Beides ist ok. Du kannst in jedem Fall mit mir reden!“.

Ein Satz, wie aus dem Leben gegriffen. Ernst und humorvoll zugleich. Und so sehr Camino, wie es nur geht.

Lachend verabschieden wir uns.

Ponferrada – und die Burg der Templer

In Ponferrada besuche ich zum ersten Mal die Burg der Templer. Schon lange hatte ich diesen Ort auf meiner inneren Landkarte markiert – voller Geschichten, Legenden, Erwartungen. Und doch: Irgendwie hatte ich mir mehr erhofft. Vielleicht lag es am Tag. Vielleicht an mir.

Meine Wahrnehmung ist oft gedämpft, wie durch einen Schleier. Ich merke es sofort, wenn zu viele Eindrücke auf mich einwirken. Das Interesse ist da – lebendig und wach. Aber wenn ich dann mitten in der Situation stehe, geht nichts mehr. Der Kopf macht zu.

Früher habe ich versucht, mich zu zwingen. Dabeizubleiben. Durchzuhalten. Heute nicht mehr. Ich weiß inzwischen, wann es genug ist. Was nicht geht, geht einfach nicht – und das ist in Ordnung.

Spüren, was mir gut tut

Die Größe der Burg hat mich dennoch beeindruckt. Ihre Mauern, die sich in den Himmel recken, erzählen eine eigene Sprache. Eine, die ich eher spüre als verstehe.

Doch lange bleibe ich nicht. Es zieht mich wieder hinaus – dorthin, wo mein Kopf zur Ruhe kommt. Zwischen Bäumen, im Wald, am Berg. Da, wo nichts erklärt werden muss und keine Schautafel laut wird.

Dort finde ich, was ich brauche: Weite. Luft. Stille.

Obreiro

Der Weg zum Obreiro ist immer wieder schön. Es ist jedes Mal besonders, durch diesen Ort zu gehen und vor den alten Häusern zu stehen. Diese Orte haben etwas – eine Ruhe, eine Geschichte, die spürbar ist, trotz der vielen Menschen dort.

Auch die Kirche dort ist ein Ruhepol. Sie ist die älteste am Camino Frances. und bleibt trotz der vielen Menschen still. Nicht nur ein schönes Bild für das Auge, sondern ein Ort, in dem ich immer wieder gerne stehen bleibe und Ruhe finde.

Sonnenaufgang am Pilgerdenkmal

Früh in Obreiro losgegangen, erreichen mich die ersten Sonnenstrahlen am Pilger-Monument, kurz nach Linares. Ein stiller, bewegender Moment. Solch ein Sonnenaufgang ist für mich immer etwas Besonderes. Denn für mich geht die Sonne seit neun Jahren jeden Tag aufs Neue auf, selbst wenn es regnet.

Es ist ein Dank ans Leben – dafür, dass ich solche Tage noch, oder besser gesagt: wieder erleben darf. Es sind Geschenke, die nicht selbstverständlich sind. Und doch weiß ich: Es bleibt ein täglicher Grenzgang. Immer wieder wird mir das bewusst.

Aber gerade solche Tage geben mir den Sinn zurück. Sie erinnern mich daran, warum ich weitermache. Warum ich an mir arbeite. Diese Arbeit ist kein Hobby. Sie ist mein Lebensprojekt geworden. Ein Full-Time-Job – körperlich, geistig, seelisch.

Ein wichtiger Teil dieser Reise war das Malen von Postkarten – eine Übung, die mir half, meine Feinmotorik zu trainieren. Damals wusste ich noch nicht, welch tiefer Einschnitt mir bevorstand. Nur eine Woche nach meiner Rückkehr aus Spanien erlitt ich ein Posttraumatisches Belastungssyndrom. Für einige Tage war es, als hätte mir der Körper jegliche Feinmotorik genommen. Ein Schock – still, aber gewaltig.

Irgendwann, bei Gelegenheit, werde ich diesem Kapitel einen eigenen Blogbeitrag widmen. Denn es verdient Raum – genau wie das Gehen, das Schweigen und das Wiederfinden.

Postarten Malen

Triacastela - Sarria - Portomarin

Zurück auf dem Camino. Zunächst liegt alles noch im Nebel. Wie ein Schleier legt er sich über die Landschaft, lässt Formen verschwimmen, Farben verblassen. Die Welt wird weichgezeichnet, fast traumhaft. Es wirkt, als ginge ich durch eine Szene, die nicht ganz von dieser Welt ist.

Ich gehe langsam. Ganz bewusst. Und lasse mir Zeit. Mein Ultra-Light Gepäck unterstützt mich dabei. Es gibt kaum Gedanken über das Gewicht.
Den Umweg über Samos nehme ich jedes Mal – nicht, weil er kürzer wäre, im Gegenteil, er ist bis fünfzehn Kilometer länger, sondern weil er schöner ist. Hier zeigt sich das Grün Galiciens von seiner eindrucksvollsten Seite.

Zunächst liegt alles noch im Nebel. Wie ein Schleier legt er sich über die Landschaft, lässt Formen verschwimmen, Farben verblassen. Die Welt wird weichgezeichnet, fast traumhaft. Es wirkt, als ginge ich durch eine Szene, die nicht ganz von dieser Welt ist.

Sarria, Portomarin

Ab Sarria wird es spürbar voller auf dem Camino.
Mehr Menschen. Mehr Stimmen. Mehr Bewegung.
Der Weg verliert ein wenig von seiner Stille – jener Stille, die mir so viel bedeutet.

Ich meide die größeren Orte und ziehe stattdessen weiter aufs Land, dorthin, wo die Herbergen kleiner sind, familiärer.
Dort finde ich, was ich brauche: Ruhe. Raum zum Atmen. Einfache Gespräche oder auch Rückzug.

Der Monte do Gozo – ein letzter Gruß vor dem Ziel

Monte do Gozo – der „Berg der Freude“. Ein Name, der mehr ist als ein geografischer Ort. Nur wenige Kilometer vor Santiago de Compostela erhebt sich dieser sanfte Hügel, fast unscheinbar. Und doch ist er für viele Pilger ein Moment von tiefer Bedeutung.

Hier oben bleibe ich stehen. Denn von diesem Hochplateau aus sieht man sie: die Türme der Kathedrale von Santiago. Ganz klein noch, am Horizont, aber doch schon zum Greifen nah.

Zwei Pilgerstatuen stehen hier, in Bronze gegossen. Sie blicken der Stadt entgegen und erinnern an den heiligen Jakob, an seine Ankunft, und auch an all jene, die auf seinen Spuren unterwegs sind.

Der Monte do Gozo ist für mich mehr als ein Aussichtspunkt. Er ist ein Ort der Verwandlung. Ein letztes Innehalten, bevor man Santiago betritt. Ein Moment, in dem man spürt, dass die Reise nicht mit dem Ankommen endet, sondern dort erst beginnt.

Morgenstille vor der Kathedrale

Es ist ruhig an diesem Morgen, auf meinem Weg zur Kathedrale. Noch liegt ein sanfter Dunst über der Stadt, die Stimmen sind leise, die Schritte langsam. Ich setze mich auf den Platz vor der Kirche, lasse den Blick über das Pflaster schweifen – und denke nach. Über die letzten Tage, über das, was war.

Wieder durfte ich einigen Menschen begegnen. Begegnungen, wie sie nur der Weg schenkt – offen und ehrlich. Und jede einzelne hat mir etwas mitgegeben.

Besonders aber freut mich eines: Meine Knieschmerzen sind weg. Ganz weg.

Ein halbes Jahr lang haben sie mich begleitet – verursacht durch falsche Schuhe, wie sich später herausstellte. Es war ein langer Weg, bis ich sie mir wieder weggegangen bin. Viel Therapie, gezielte Kräftigungsübungen, und vor allem: das konsequente Gehen mit Schuhen, die zu mir passen.

Nachlässigkeit darf sich nicht einschleichen. Denn mit der Muskelschwäche braucht es oft ein Vielfaches an Zeit und Energie, um kleinste Fehler wieder auszubügeln. Diese Erfahrung habe ich mittlerweile oft genug gemacht.

Und ich habe gelernt, geduldig zu bleiben – auch wenn es mir nicht immer leichtfällt. Besonders aufmerksam bin ich bei meiner Schuhwahl geworden. Denn ich weiß inzwischen: Schon kleinste Veränderungen können große Auswirkungen haben.

Darum fiel meine Entscheidung ganz bewusst auf Ultra-Light – um den Fokus auf das Wesentliche zu legen: auf die Beine, auf das Gehen, auf mich. Mein Körper, meine Sehnen und Muskeln sind nach wie vor empfindlich, fragil. Jeder Schritt zählt. Und jeder Schritt will gut vorbereitet sein.

Leben zu lernen bedeutet manchmal, Umwege zu gehen. Versuch und Irrtum. Immer wieder. Bis etwas passt.

Diese zwei Wochen waren wieder ein Stück davon. Ein weiterer kleiner Baustein – auf meinem Weg ins Leben.

2019 und 2025

schon 2019 Light unterwegs, aber nicht Ultra-Light.

Sechs Jahre liegen zwischen diesen beiden Bildern – aufgenommen kurz vor Santiago. Wenn ich sie heute betrachte, wird mir bewusst, wie weit ich seitdem gekommen bin. Ich durfte Dinge erleben und erreichen, die mir vor neun Jahren unvorstellbar erschienen. Auch damals war ich light unterwegs, aber noch nicht Ultra-Light.

Und doch gibt es nach wie vor Defizite, die zwar nach Außen kaum erkennbar sind, doch trotzdem begleiten sie mich täglich und fordern mich dadurch auf eine Weise, die man kaum sieht – nur ich spüre sie.

Mein minimalistisches Ultra-Light-Gepäck hat sich voll bewährt. Auch wenn die Bedingungen gelegentlich kalt waren, habe ich nie gefroren und es hat mir nichts gefehlt. Es war eine befreiende Erfahrung, mit so wenig unterwegs zu sein, denn dadurch konnte ich das Wandern noch intensiver genießen. Gleichzeitig habe ich auf meinem Ultra-Light Camino wertvolle Erkenntnisse gesammelt, die mir auf zukünftigen Weitwanderungen zugutekommen werden.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Ultra-Light Pilgern am Camino Frances, im Mai 2025 – Mit nur 2,5 kg zum Jakobsweg

Meine Entscheidung für Ultra-Light entstand nicht aus einer Modeerscheinung heraus, sondern aus einer Notwendigkeit. Nach dem Hirnabszess blieb eine Muskelschwäche zurück – eine jener unsichtbaren Lasten, die das Gehen zu einer täglichen Herausforderung machen. Doch gerade deshalb habe ich begonnen, meine Ausrüstung zu hinterfragen. Stück für Stück stelle ich jedes Gramm immer wieder auf den Prüfstand.

Von Tour zu Tour habe ich weiter reduziert, angepasst, verfeinert – immer auf der Suche nach diesen kleinen, aber entscheidenden Verbesserungen, die mir das Gehen erleichtern. Viele Wege hätte ich ohne diese konsequente Auseinandersetzung mit dem Thema Ultra-Light nicht gehen können. Es wurde zu einem stillen Verbündeten. Einer, der mir geholfen hat Strecken zu meistern, die vorher für mich undenkbar waren.

Scott Kinabalu, Ultra-Light am Camino
Ultra-Light, mein Gepäck am Jakobsweg, 2,5 kg

Mein Fokus am Camino Frances

Der Camino Frances ist der bekannteste unter den Pilgerwegen und ich habe ihn am häufigsten besucht. Er zieht jedes Jahr Tausende Pilger aus aller Welt an – mit unterschiedlichen Zielen: spirituelle Erleuchtung, sportliche Herausforderung oder, wie in meinem Fall, nach einer langen Krankheit. Sich mit Ultra-Light auseinanderzusetzen kann somit für jeden etwas sein, denn mit weniger Gewicht kannst du den Weg mehr genießen und legst vielleicht auch schneller mehr Ballast im Kopf ab.

Mein diesmaliger Fokus für den Jakobsweg im Mai ist klar: So leicht wie möglich unterwegs sein und durch diese Reduktion neue Erfahrungen machen können. 2,5 kg Basisgewicht – das ist alles, was ich mitnehme. Kein überflüssiger Ballast, kaum „Falls-ich-es-brauche“-Dinge, sondern ein durchdachtes System, das auf Minimalismus und Funktionalität setzt. Dazu kommt nur noch Wasser und Verpflegung. Mein Gesamtgewicht wird sich auf rund 4 Kilogramm beschränken.

Am Jakobsweg, in den Pyrenäen im Herbst 2022
Am Jakobsweg, Pyrenäen, November 2024, mit knapp 4 kg Basisgewicht

Seit Mitte Dezember, nach meinem Winter-Camino Frances, habe ich mich mit ganzer Kraft meinen Handicaps gewidmet. Therapeutischaes Tanzen, Dehnungs- und Kräftigungsübungen, gezieltes Wahrnehmungstraining und eine bewusste Ernährung bildeten das Fundament. Besonders die Knieschmerzen, aufgrund falscher Schuhwahl am Hexatrek, begleiteten mich lange und standen seither im Fokus.

Mein Ziel ist klar: Am Camino möchte ich wieder in meine Mitte finden, Schritt für Schritt, ohne äußere Störungen. Einfach nur gehen. Gerade gehen. Und dabei mein neues Ziel verspüren, welches Leben und Therapie vereint.

Warum das Ganze mit Ultra-Light?

Der Vorteil von Ultra-Light liegt in mehreren Aspekten:

  1. Körperliche Erleichterung: Ultra-Light-Ausrüstung bedeutet weniger Gewicht beim Gehen. Die Energie-Ersparnis ist mein größter Vorteil. Meine Gelenke werden weniger belastet, was ein immenser Vorteil ist.
  2. Effizienz und Geschwindigkeit: Weniger Gewicht bedeutet oft schnellere Fortbewegung, bzw. leichteres Bewegen. Ein so leichter Rucksack macht jede Bewegung einfacher. Geschwindigkeit ist diesmal nicht mein Thema, aber ein leichteres Bewegen am Weg, also Leichtigkeit.
  3. Mentale Freiheit: Wer weniger mit sich herumschleppt, kann sich besser auf die Natur, das Laufen oder den Moment konzentrieren. Weniger Ballast – auch im Kopf, macht frei. Zu wissen, so wenig zu benötigen, macht frei.
  4. Minimalismus als Lebensphilosophie: Ultra-Light geht über Sport hinaus – es ist eine Einstellung. Es bedeutet, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und überflüssigen Ballast loszulassen. Für mein Gehirn ist es noch einfacher, an weniger Dinge denken zu müssen.
  5. Flexibilität und Anpassungsfähigkeit: Wer leicht unterwegs ist, kann schneller reagieren, neue Routen ausprobieren und ist nicht so stark an bestimmte Pläne oder Ausrüstung gebunden.
Ultra-Light am Hexatrek
Ultra-Light am Hexatrek in Frankreich, Basisgewicht 4,7 kg

Bei Ultra-Light geht es um Reduktion auf das Wesentliche, um Effizienz und darum, mit weniger mehr zu erreichen. Für mich wird es spannend, zu erleben, was das mit mir macht. So leicht war ich noch nie am Camino in Spanien unterwegs. Im Sommer würde ich auf noch weniger kommen, mit etwa 2 kg Basisgewicht. Am Foto oben, am Hexatrek in Frankreich, hatte ich knapp 5 kg Basisgewicht, allerdings mit Zelt.

In den Jahren seit meinem Hirnabszess optimierte ich alle Arbeitsschritte und praktiziere Reduktion, in fast allen Bereichen meines täglichen Lebens. Mein Gehirn ist damit weniger belastet, was ein riesiger Vorteil ist. Es hat dadurch weniger Arbeit und damit bleibt mehr Energie für die Bewegung.

Nach und nach setze ich Ultra-Light immer mehr beim Pilgern um. Auf meinen Wegen war ich schon immer leicht unterwegs, aber der Ultra-Leicht Gedanke machte erst vieles möglich.

Hier ist mein Setup für den Camino in Spanien:

hier gehts zur 2,5 kg lighterpack Liste für den Camino

Ja, es ginge noch leichter, aber im Mai möchte ich doch noch gewappnet sein für Kälte, Wetterumschwünge und Regen. Im Sommer wäre ich wahrscheinlich mit 2 kg unterwegs.

Warum Ultra-Light?

Als ehemaliger Trailrunner, Bergsteiger und Radfahrer habe ich schon viel Erfahrung mit der Optimierung von Ausrüstung. Doch nach meiner schweren Krankheit habe ich meinen Fokus noch stärker auf Effizienz und Energieeinsparung gelegt. Jedes überflüssige Gramm kann unterwegs zu unnötiger Belastung werden. Die Muskelschwäche fordert einen leichten Rucksack geradezu heraus.

Viele Pilger tragen klassische Rucksäcke – mit einem Basisgewicht von 8 bis 12 Kilogramm, wo noch Wasser und Proviant dazu kommt. Ich gehe diesen Weg nicht. Mein Ansatz ist ein anderer: so leicht wie möglich, so reduziert, dass ich den Rucksack kaum mehr spüre. Einerseits weniger Sachen mitnehmen und andererseits die anderen gegen noch leichtere austauschen.

Es ist nicht nur eine körperliche Entscheidung, sondern auch eine symbolische. Auf dem ersten Pilgerweg trägt fast jeder einen zu schweren Rucksack – nicht nur auf dem Rücken, sondern auch im Herzen. Er steht für all das, was einen innerlich beschwert: Sorgen, Ängste, alte Geschichten.

Und oft geschieht es ganz unbewusst, dass man im Laufe des Weges Dinge zurücklässt – Überflüssiges, Belastendes. Was bleibt, ist das Wesentliche. Und manchmal ist es genau das, was die Seele braucht: weniger Gewicht, innen wie außen und so wird der Rucksack leichter, weil man überflüssiges zurücklässt.

Ultra-Light bedeutet aber nicht „spartanisch“. OK, vielleicht ein bisschen, allerdings verzichte ich trotzdem nicht auf ein wenig Komfort, sondern wähle bewusst. Die Kunst liegt darin, sich auf das Nötigste zu beschränken, ohne wichtige Funktionen zu verlieren.

Mein Ultra-Light Setup für den Camino Frances

1. Rucksack:

Für mein Ultra-Light Setup am Camino Frances habe ich zwei Modelle zur Auswahl – beide sind eigentlich Lauf-Westen, aber genau deshalb optimal: leicht, körpernah, ohne unnötigen Schnickschnack. Keine dicken Polster, keine überladenen Fächer – einfach pur. Und genau das brauche ich. Schlussendlich habe ich mich für das Modell von Scott entschieden.

Als erster, der Decathlon Evo Trail 15

  • Gewicht: 360 g
  • Volumen: 15 Liter
  • Preis: unschlagbar günstig

Der Evo Trail von Decathlon ist schlicht, funktional und erfüllt genau das, was ich brauche – nicht mehr, nicht weniger. Klar, 15 Liter klingen knapp – sind sie auch. Aber ich habe wenig dabei, also reicht’s. Besonders wenn man sich auf das Wesentliche beschränkt und täglich wäscht, ist das machbar. Mit seinen vielen Außenfächern geht er eher in Richtung 20 Liter Rucksack.

Ultra-Light Rucksack Decathlon 15 Liter
Decathlon 15 Liter

Scott Kinabalu TR 20

  • Gewicht: 280 g
  • Volumen: 20 Liter
  • Passform: sportlich-kompakt, ideal für lange Etappen
  • Preis: sehr günstig, da Auslaufmodell

Der Kinabalu TR 20 ist ein Leichtgewicht mit etwas mehr Spielraum. 20 Liter geben mir die Freiheit, nicht jeden Zentimeter packoptimiert nutzen zu müssen. Und trotzdem ist die Weste noch leichter als der Decathlon – 280 g für 20 Liter, das ist schon eine Ansage.

Die Passform ist exzellent, vor allem wenn man lange unterwegs ist und der Rucksack zur zweiten Haut wird. Mehr Platz bedeutet auch: etwas mehr Freiheit – im Notfall hat mehr zum Essen platz genug. Er hat den Vorteil von zwei rückwärtigen Stretchfächern, um zwei Trinkflaschen zu verstauen.

Warum aber ein so kleiner Rucksack? Ein großer verleitet dazu, mehr einzupacken. Ich habe bewusst einen kleinen gewählt, damit ich mich nicht mit überflüssigen Dingen belaste. Trotzdem habe ich alles dabei, bin auch gegen Kälte gewappnet und habe trotzdem noch einiges an Komfort dabei.

2. Schlafsystem – Minimalismus mit Komfort-Schlafsack:

Mein schon oft bewährter Schlafsack von Sea to Summit, der Spark I (360 g), ist ausreichend warm für die Nächte in den Herbergen und kann im Mai auch im Freien benutzt werden.

Ich schlafe normal in Pilgerherbergen und nutze bewusst die vorhandene Infrastruktur – das spart nicht nur Gewicht, sondern auch Platz im Rucksack. Dennoch bin ich vorbereitet, falls es unterwegs anders kommt: Sollte eine Herberge überfüllt sein oder ich nicht weitergehen wollen, bin ich auch für eine Nacht im Freien gerüstet. Leicht, flexibel und unabhängig.

Ultra-Light am Camino

3. Kleidung – Das absolute Minimum

Getragen: Leichte Wanderhose von Patagonia, 160g - Funktionsshirt von Craft mit Merinowolle - Fleecejacke von Kaikkala 205g - Laufhose & Ijinji Socken - Trailrunning Schuhe Hoka Speedgoat 6 wide - Kappe von Buff

Bekleidung
Kleidung die ich anhhabe

Im Rucksack: Zusätzliches Paar Socken - ein Ersatz T-Shirt (77g) - eine kurze Ersatz-Laufhose (90g) - Windjacke 79g -Regenjacke (170g) & dünne Daunenweste von Haglöfs (180 g) -Regenhose ONN (99g) - wasserdichte Handschuhe & Merino Haube - Poncho (136g) - Sandalen (58g)

Warum? Ein Set Kleidung trage ich – Ersatzset brauche ich keines. Wenn nötig, wird gewaschen. Als Kälteschutz fungiert eine Weste von Haglöfs, in Verbindung mit der Regenjacke. Besonderen Wert habe ich auf die Regenkleidung gelegt, weil mein Körper bei Kühle und Regen verschiedenartig reagieren kann.

Kälteschutz, Weste von Haglöfs
180g
Kälteschutz, Weste von Haglöfs, 180g
Ultra-Light am Jakobsweg
Regenhose und Jacke, Poncho, Wasserdichte Handschuhe

4. Technik & Sonstiges – Weniger ist mehr

Smartphone + Mini-Powerbank (5000 mAh) - USB-Ladekabel - Ladegerät - Mini-Stirnlampe - Mini-Erste-Hilfe-Set - Toilettenartikel (Seife, Sonnencreme)

Mein Komforteil ist ein Malset Wasserfarben mit Postkarten zum Bemalen.

Ich nehme nur das, was wirklich notwendig ist. Kein Buch, kein Tablet, kein überflüssiger Luxus.

Meine Ultra-Light Ausrüstung

Die Philosophie dahinter – Ultra-Light ist mehr als nur Gewicht sparen

Viele denken, Ultra-Light bedeutet, sich selbst zu quälen oder auf Komfort zu verzichten. Doch das Gegenteil ist der Fall. Es geht darum, bewusst zu reduzieren, um sich freier zu fühlen. Das gilt für mich besonders, wegen der Muskelschwäche.

Der Jakobsweg ist eine Reise zu sich selbst – warum also mit unnötigem Ballast starten? Ich möchte jeden Moment bewusst erleben, ohne mich über schwere Schultern oder müde Beine zu ärgern. OK, die Beine werde ich auch trotz Ultra-Light spüren.

Der Weg gibt dir, was du brauchst

Kann ich wirklich so minimalistisch reisen, ohne dass mir etwas fehlt? Wird das geringe Gewicht einen spürbaren Unterschied machen? Oder merke ich unterwegs, dass ich an der falschen Stelle gespart habe? Eine Packliste aufzustellen ist das eine – doch die wahre Herausforderung beginnt, wenn ich Tag für Tag mit genau dieser Ausrüstung lebe.

Werde ich meine Entscheidungen feiern oder mich ärgern, nicht doch ein paar hundert Gramm mehr eingepackt zu haben? Wie wird sich der Verzicht auf unnötige Dinge auf meine mentale und physische Belastung auswirken? Ich weiß nur eins: Ich werde es herausfinden – Schritt für Schritt, Kilometer für Kilometer.

Schon im Winter hatte ich bisher mit rund 4 kg sehr leicht gepackt. Jeder Tag auf dem Camino beinhaltet eine neue Lektion. Vielleicht stelle ich erleichtert fest, dass mir wirklich nichts fehlt. Oder ich ertappe mich dabei, an ein zusätzliches Kleidungsstück zu denken. Ich freue mich schon auf meinen Frühjahrs-Camino seit langem.

Ultra-Light am Jakobsweg, Pierre aus Frankreich
Pierre machte den Camino France im Winter mit einer Laufweste

Im Februar 2023 traf ich Pierre – einen französischen Trailrunner, der mit seinem Minimalismus dort Maßstäbe für mich setzte. Er lief den Winter-Camino, ausgestattet nur mit einer 15-Liter-Salomon-Laufweste. Keine klassische Pilgerausrüstung, kein überflüssiges Gramm – nur das, was wirklich nötig war. Alles an ihm war auf Effizienz und Leichtigkeit ausgelegt.

Sein Ansatz beeindruckte mich: zwei Tage ging er jeweils rund 25 Kilometer, am dritten lief er etwa 50. Es ging ihm nicht ums Pilgern – es ging ums gezielte Training, um die Vorbereitung auf die Wettkampfsaison. Sein Weg war ein Statement: Weniger ist mehr.

„Je weniger du trägst, desto freier bist du. Der Weg gibt dir, was du brauchst.“

Er erzählte von der Leichtigkeit, mit der er sich bewegte, aber auch von den Herausforderungen, die ein derart minimalistisches Setup mit sich brachte. Aufgrund der Folgen meiner Krankheit, brauche ich doch ein bisschen mehr Kleidung.

Die Idee faszinierte mich: Den Camino wie einen langen Trailrun erleben – mit minimalem Gewicht, maximaler Freiheit und der Bereitschaft, auf überflüssigen Komfort zu verzichten. Doch während Pierre ein erfahrener Ultra-Trail-Läufer war, bin ich gespannt, ob ich mit meinen 2,5 kg denselben Effekt spüre. Der Unterschied, ich werde nicht laufen, sondern mir Zeit nehmen.

Der Camino steht für Einfachheit – und genau diese Einfachheit will ich erleben. Kein schwerer Rucksack, der mich in die Knie zwingt. Keine Last, die meine Gedanken belastet. Nur der Weg, die Landschaft, die Begegnungen und der Rhythmus des Gehens. Es geht mir nicht um Schnelligkeit, sondern um das Erleben, so leicht wie möglich und mit weniger Sachen unterwegs zu sein.

Vielleicht werde ich am Ende sagen können: „Der Weg gibt dir, was du brauchst.“ oder ich kehre mit neuen Erkenntnissen über Minimalismus, Komfort und persönliche Grenzen zurück. So oder so – es wird eine Reise, die mich wieder verändert und meine Grenzen (hoffentlich) erweitert.

NEVER GIVE UP!

Hier nochmal mein Setup für den Camino in Spanien: 2,5 kg lighterpack Liste


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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