
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Der Jakobsweg hatte für mich eine vielfältige Funktion. Er zeigte mir die Wichtigkeiten des Lebens als Metapher am Weg. Besonders das Denken nahm eine besondere Rolle ein.
Ich liebte es früh aufzustehen und den erwachenden Morgen am Weg zu erleben. Immer wieder fand sich ein neues Farbenspiel in meinem Rücken wieder.



Das Schönste, was ich vom Jakobsweg an Erfahrung mitbringen durfte, war das Verstehen meines eigenen Denkens.
Auf diesen langen Wegen, Schritt für Schritt, lernte ich meine Gedanken kennen. Ich merkte, wie sie kommen und gehen, wie sie mich antreiben oder bremsen können. Beim Gehen wird vieles leiser. Und genau in dieser Stille beginnt man zu erkennen, was im Inneren wirklich vor sich geht.
Der Jakobsweg war für mich nicht nur ein Weg durch Landschaften, sondern ein Weg durch mein eigenes Denken. Erst durch das bewusste Gehen wurde mir klar, wie sehr mein Leben von ihnen geprägt ist.
So wurde das Gehen zu einer Schule des Denkens. Und das Denken wiederum zu einem Teil meines Weges.
"Es ist ein sehr tiefer und schöner Zustand des Glücks, wenn wir nicht mehr denken können, weil wir so sehr das Leben genießen, das in uns fliest."
Hans Kruppa
Diesen Spruch fand ich in einem alten, vergilbten Buch mit Gedichten von Hans Kruppa. Es lag in einer Herberge und ich schrieb mir verschiedene daraus ab.


Er hat mich deswegen so angesprochen, weil ich am Jakobsweg nicht denken brauchte und mich ganz dem Gehen widmen konnte. Die letzten zweieinhalb Jahre waren oft sehr schwierig für mich, da mir das Denken besonders viel Anstrengung abverlangte.
Vielleicht konnte ich am Weg deswegen nicht denken. Nicht, weil ich es nicht kann. Sondern weil ich in der Zeit des Gehens so glücklich war. Weil ich dieses Leben in seiner Einfachheit genießen konnte und nach langer Zeit wieder einmal im Fluss war.
Ich wurde durch nichts abgelenkt. Kein Lärm, kein Termin, kein Müssen. Nur der Weg vor mir und ich mittendrin. In diesem Gehen war kein Platz für komplizierte Gedanken. Und vielleicht war genau das das größte Geschenk.
Denn manchmal bedeutet nicht denken nicht Leere, sondern Fülle. Eine Fülle an Gegenwart, an Zufriedenheit, an stillem Glück. Daher stieg die Gehleistung gleich an, weil ich viel Energie sparte. Das war schön zu beobachten und zu erleben.

Draußen in der Natur fühlte ich mich wohl. So wie in meiner Heimat rund um Graz, wo die Wege bald in Wälder führen und der Blick frei wird. Dort finde ich eine Ruhe, die ich in Städten kaum kenne.
Die Städte hingegen stressen mich. Zu viel Lärm, zu viele Menschen, zu viele Eindrücke auf einmal. Es ist, als würde mein Inneres dort ständig unter Spannung stehen. Deshalb hielt ich mich unterwegs nie lange in ihnen auf. Ich zog weiter. Schritt für Schritt hinaus ins Grüne.
Ich suchte die Einsamkeit der Natur. Feldwege statt Asphalt, Vogelstimmen statt Verkehr. Dort wird das Gehen gleichmäßiger, der Atem ruhiger und auch die Gedanken klarer.
Die Natur ist für mich kein Rückzug. Sie ist mein Zuhause.






In den Städten, aber auch in den Dörfern, zeigten mir meist die gelben Pfeile den Weg. Sie führten mich durch enge Gassen, über Plätze und vorbei an Häuserzeilen. Selbst durch größere Städte fand ich so recht schnell wieder hinaus. Ein kurzer Abschnitt zwischen Mauern – und dann wieder Weite.
Draußen unterwegs zu sein, war mit nichts zu vergleichen. Dort lebte ich auf. Mit jedem Schritt hinaus ins Offene wurde ich ruhiger und zugleich wacher. Als würde mein Körper wissen, dass er genau hier richtig ist.
Da ich zur Zeit auf Reha bin, kann ich nur eingeschränkt schreiben. Demnächst also wieder mehr und ausführlicher. Besonders meine Erkenntnisse vom Camino France möchte ich mit Euch teilen.
