Sechs Wochen Reha Aufenthalt. Man konnte mir gewisse Verbesserungen in kurzer Zeit zeigen und welche Erkenntnisse ich daraus gewonnen habe.
Es wurde speziell am Gehen und Bewegen gearbeitet, aber auch an der Psychologischen Diagnose, sprich Reaktion und Aufmerksamkeit und Merkfähigkeit.
In der Reha

Wie früher im Trainingslager

Ich komme mir hier vor wie früher im Radtrainingslager. Damals standen meistens zwei Blöcke Rad, Massieren, Stretching, Materialpflege und Essen an. Alles wurde dem Ziel, besser zu werden, untergeordnet.

Trainingslager in den Dolomiten

Trainingslager in den Dolomiten

Es ist jetzt das gleiche Ziel, aber andere Rahmenbedingungen. Ich habe nochmal auf der Stufe eines Kleinkindes begonnen. Bewegungsabläufe, Denken, Automatisieren, alles was ich schon als Kleinkind gelernt hatte. Und dieses lernen hat auch fast zweieinhalb Jahre noch kein Ende.
Ab und zu hadere ich mit mir, wenn etwas nicht so geht, wie ich es will. Aber das ist nicht oft. In Wirklichkeit habe ich gar keine Zeit für negative Gedanken. So etwas hält nur auf.

Vertrauen

Meinem Physiotherapeuten Markus bin ich sehr dankbar. Die mit ihm verbrachten Einheiten schätze ich am meisten. Er bringt mir bei, wieder mehr Vertrauen ins Gehen und Bewegen zu haben. Ich habe mit ihm Übungen gemacht, die weit über meinem Können liegen. Aber gerade das bringt mir Vertrauen, das ich es kann.
In den kommenden Wochen und Monaten kann ich daran arbeiten und habe das Vertrauen, es zu können.

Physio- und Ergotherapie

Am meisten profitierte ich von der Physio- und Ergotherapie. Die Bewegung ist für mich einer der wichtigsten Teile, um zurück ins Leben zu gelangen. Diese Erkenntnisse helfen mir sehr weiter.
Auf jede einzelne Einheit mit meinem Physiotherapeuten Markus freute ich mich. In Summe gesehen habe ich über diese sechs Wochen in der Physio das meiste mitgenommen. In erster Linie hat er mir wieder Vertrauen in mich selbst gegeben.

Rücklastigkeit beim Gehen

Mein Problem war, dass ich mit dem Schwerpunkt beim Gehen zu weit hinten lag. Ich gewöhnte mir das im Krankenhaus an. Die Kraft und Motorik hatte ich neu zu lernen und aus der Vorsicht, nicht zu stürzen, gewöhnte ich mir diese Haltung an.
Diesen Schwerpunkt zu verlagern, erfordert viel Vertrauen in mich und Kraft, die ich aber noch nicht habe. Bergab gehen ist zum Beispiel gleich anstrengend wie bergauf. Einfach gesagt, die Nase vorn lassen, würde oft schon reichen. Aber in mir sitzt die Angst, zu stürzen. Und diese Angst heißt es abzulegen. Meinen Schwerpunkt wieder mehr nach vorne zu verlegen.
Im Fernsehbeitrag von Puls4 sieht man sehr gut mein eckiges und schwerpunktmäßig nach hinten geneigtes Gehen.

Hoch Steigen

Ein großes Problem ist für mich noch das Steigen. Stiegen steigen, über eine Lacke steigen, egal ob hoch oder weit. Wir übten es hier unter sicheren Umständen. Vor allem auch das Vertrauen in mich, es zu können. Das Können aber mit Einschränkungen. Meine Muskeln kann ich nicht überlisten, sie sind noch zu schwach. Es sind viele neue Erkenntnisse, an denen ich die nächsten Monate gezielt arbeiten kann.
Ich stieg fast Kniehoch und bekam die Technik dazu. Es war uranstrengend und nach einigen  Versuchen war Ende. Dazu lernte ich noch, wieder hinunter zu springen. Denn ich muss erst wieder die Technik lernen. Körperneigung und vor allem die Landung zu überstehen.

Meine Erkenntnisse beim Springen

Am Jakobsweg waren große Lacken noch mein Problem. Ich lernte jetzt, mich vom Boden abzudrücken, also abzuspringen. Das klingt so einfach, aber es war wiederum derart anstrengend, dass ich am nächsten Tag fast nicht gehen konnte. Ich hatte keinen Muskelkater, aber ich war so müde und hatte keine Kraft in den Beinen.
Solche Therapieeinheiten, mit Steigen und Springen, kosten mir immens viel Energie und ich brauche oft mehrere Tage, um mich davon zu Erholen.

Intensive Arbeit in der Reha

Da ich hier sehr intensive Einheiten trainierte, war ich auch recht schnell erschöpft. Zu Mittag hatte ich eigentlich schon alles verbraucht und die Nachmittagseinheiten konnte ich nur mehr mit halber Kraft tätigen. Die Energie ist halt zu Ende, bevor der Tag zu Ende ist. So ist alles, was ich mache, eben ein Grenzgang. Denn wenn die Energie aus ist, wird alles danach zum Grenzgang.
Erkenntnisse in der Reha

Psychologische Diagnose und Gespräche

Das Gehirn kostet gleich viel Energie, wie die Bewegung. Daher musste ich auch hier darauf achten, für gut einzuteilen. Denn das Denken ist ebenfalls ein Schwerpunkt in Zukunft.
Nach 20 Minuten Training am Computer, wo es um Wahrnehmung und Aufmerksamkeit ging, fühlte ich mich wie nach einem Krafttraining. Ich war erledigt. Die Erkenntnisse waren, das Verbesserungen möglich sind, aber dazu noch mehr Übung notwendig ist.
Ich konnte mich in der Merkfähigkeit bessern, bin aber noch weit von vorher weg. Wobei ich das Vorher nicht als Maßstab nehmen darf.
Gehirnhälften verbinden

Niveau ist nicht gleich Niveau

Obwohl ich in allem von null begann, startete ich von einem hohen Ausgangslevel. Mein früheres Leben als Sportler kam mir dabei zu Hilfe. Gerade körperlich ist mir sicher mehr möglich, als vergleichsweise anderen. Darum war es für manche sehr verwunderlich, dass ich zum Jakobsweg fuhr.
Ich legte aber im Sport den Grundstein, dass ich die Folgen des Hirnabszesses so überstehen konnte. Mir ist es heute noch nicht bewusst, dass ich damals ums Überleben rang. Das ist ein Phänomen, das ich zwar darüber schreiben und reden kann, aber so, als ob es um eine andere Person geht. Es ist mir so fern, dass ich selbst es gar nicht realisieren oder nachvollziehen kann. Als ob ich davor geschützt werden sollte, darüber nachzudenken.
Es bringt in Wirklichkeit auch nichts. Wozu mir über etwas Gedanken machen, dass nichts bringt? Eigentlich logisch.
Klinik
Über manche Sachen kann ich einfach nicht nachdenken. Eine weiße Wand ist plötzlich da und es dreht sich die Frage immer im Kreis. Zumindest kann ich relativ schnell schon davon aussteigen. Denn wie gesagt, Energie ist nur beschränkt da, warum sie also für Sachen vergeuden, die ich nicht denken kann.
Zurück zum Niveau. Für viele andere mache ich einen guten Eindruck, der aber täuscht. In mir drinnen sieht es anders aus. Es ist eine Frage des Niveaus. Als Videojournalist war die Arbeit für mich normal, aber in Wirklichkeit arbeitete ich auf einem sehr hohen Niveau. Dieses Niveau kann ich jetzt nicht mehr als Maßstab nehmen.

Mein eigenes Niveau finden

Ich kann mir aber auch nicht das Niveau anderer aneignen. Ich habe mich selbst zu finden, unabhängig davon was das Niveau anderer ist. Dabei stoße ich auf Grenzen von außen. Ich bin gleich behindert, aber auf einem anderen Niveau. Damit muss ich erst einmal klar kommen und verstehen was das heißt. Aber dieses Verstehen macht es mir schwer. Ich kann es noch nicht verstehen.
Wenn ich das hier schreibe, kommt mir öfters das Lachen. Es ist sehr verwirrend, was ich meine. Ich kann es nur mit meinen Worten wiedergeben und kann nicht darüber nachdenken, ob es überhaupt wer versteht. Ich verstehe ja selbst so viel noch nicht.
Aber es tut gut, darüber zu Schreiben. Denn oft wird mir nach einigen Tagen etwas klarer, wenn ich es noch einmal durchlese. Natürlich könnte ich das auch im Tagebuch machen. Aber vielleicht wird so mehr Verständnis geweckt, gegenüber Personen, die in einer ähnlichen Lage wie ich sind. Dann hätte ich schon viel erreicht mit meinem Blog.

Schluss für heute

Damit schließe ich für heute, denn ich muss mir noch Energie aufsparen für die letzten Tage der Therapie. Neue und andere Gedanken, sowie weitere Erkenntnisse das Nächste mal.

„Man kann die Erkenntnisse der Medizin auf eine knappe Formel bringen: Wasser, mäßig genossen, ist unschädlich“

Mark Twain