3 Jahre danach

Mein Zustand, inkl. dem Gesund werden, kann noch immer nicht als „normal“ bezeichnet werden. Nach drei Jahren würde man meinen, dass endlich ein normales Leben nach dem Hirnabszess möglich ist.

Aber was ist wirklich möglich? Kann ich schon normal Leben?

Hirnabszess

Der Vergleich mit früher bringt nichts!

Ich bin natürlich versucht, mich mit meinem früheren ICH zu vergleichen. Nur war früher eben so viel mehr möglich, dass ich jetzt an einer solchen Messlatte zerbrechen würde.

Zu akzeptieren, dass vieles nicht (mehr) möglich ist, war am Anfang das Schwierigste. Mittlerweile akzeptiere ich, dass es derzeit so ist. Nicht akzeptieren kann ich, dass es so bleiben soll.

Aber was ist noch möglich? Diese Frage ist mein Antrieb seit langem.

Vom Leistungsmenschen zurück zum Mensch

In meinem ersten Leben war ich viel. Der Leistungssport war in erster Linie der Versuch, mich besser kennen zulernen. Dieses Leben an der Grenze brachte mich in vielem weiter. 

Gleich wie ich mich geistig weiterentwickelte, entwickelte ich mich auch körperlich weiter. Wahrnehmung, Kraft, Übersicht, Reaktion und noch vieles mehr, wurde im Sport immer besser ausgebildet. Besonders die Reaktion war auf einem hohen Niveau.

Umstände, die mir später im Beruf des Videojournalisten sehr geholfen haben. Eine bessere Schulung als im Sport konnte ich mir dafür nicht vorstellen.

Ich lernte über den Sport Leistung zu bringen. Wichtig war mir aber immer die entsprechende Ethik in allem was ich tat. Das ist mir auch jetzt noch ein hoher Wert.

Altstadtkriterium Graz 1992

Wie sehe ich den Sport von früher

Begonnen habe ich mit dem Radrennsport auf der Straße. Es wurde mir bald klar, nicht der Sieg war mir allein wichtig. Durch Niederlagen konnte ich mehr über mich lernen. Dieses Lernen stand bald im Vordergrund.

Besonders am Anfang wollte ich einfach nur dranbleiben. Nicht abreißen lassen, auch wenn es schwer wurde. Es war die Zeit des Dopings, aber darüber machte ich mir keine Gedanken. Mein Ziel war in erster Linie die Selbsterfahrung und nicht der Sieg. Was hätte es mir gebracht, wenn ich diese Erfahrungen mit unerlaubten Mitteln errungen hätte?

Altstadtkriterium Graz 1992
Altstadtkriterium Graz 1992

Dieses damals gelernte „dranbleiben„, hilft mir jetzt enorm in meiner Rehabilitation nach dem Hirnabszess. So wie ich als Radrennfahrer täglich trainierte, so absolviere ich jetzt mein tägliches Training zur Rehabilitation.

Wenn es mir einmal nicht so gut geht, dann hilft mir der Gedanke des dran bleibens. Denn würde ich mich hängenlassen, dann bräuchte ich wieder dreimal so lange, wieder dort zu sein, wo ich schon war.

Dranbleiben nach dem Hirnabszess

Dieses „dranbleiben“ ist seit drei Jahren mein ständiger Begleiter. Mir wurde trotz verminderten Denkens bald klar, dass es einer entsprechenden Einstellung bedarf, um wieder Gehen zu lernen und ins Leben zurück zu kommen.

Es sind die kleinen Dinge des Lebens, die mich oft am meisten fordern. Dinge, die ich zuvor als selbstverständlich sah. Wenn ich etwas noch nicht kann, dann bleibe ich dran, es wieder zu können. Ich bin nicht wirklich ungeduldig, aber gesunde Ungeduld treibt mich an, es wieder zu können. Ich muss nur aufpassen, mein ehemaliges Können nicht als Maßstab zu nehmen.

Es heißt in jedem Bezug nach dem Hirnabszess „dranbleiben„.

Was kann ich wieder und was möchte ich?

An erster Stelle steht bei mir das Gehen. Ich kann mich wieder fortbewegen. Allerdings mit Einschränkungen, denn zum richtigen Gehen fehlt noch der Automatismus. Ich muss zuviel denken, damit ich gehen kann. Das kostet Energie, die mir am Ende des Tages fehlt.

Es war mir schon immer klar, aber erst jetzt kann ich es bewerten, wie viel Kraft das Denken kostet. Automatisch Gehen und Bewegen zu lernen, ist mein dringlichstes Anliegen. Dadurch wäre viel Energie einzusparen, welche ich für das Denken sonst brauchen würde.

Das was ich bisher erreicht habe, ist mehr als man erwarten durfte. Es ist für Außenstehende leichter erkennbar, als für mich. Denn ich bewege mich, trotz der Fortschritte, noch immer am Limit. Und Limit bleibt Limit, auch wenn sich einiges verbessert hat.

Im Therapiezentrum

Wieder Leben lernen

Mein Leben besteht seit drei Jahren aus Therapie. Aus gezielter Therapie und dem Alltag als Therapie. Jede Bewegung im Alltag habe ich bisher als Therapie gesehen. Egal ob aus dem Bett steigen, waschen, die Stufen hinunter oder hinauf steigen und anderes mehr.

Alles was zusätzlich neben dem normalen Alltag kommt, nehme ich als Belastung wahr. Ich kann es nicht einfach zusätzlich erledigen. Anderes ist mir damit nicht mehr möglich zu tun. Ich sage dazu immer, „Der Tag ist länger, als meine Energie reicht!“ oder „Es bleibt noch viel Tag über, wenn meine Energie verbraucht ist“.

Es ist nicht leicht, aber ich soll wieder lernen zu Leben. Es hat sich in mir eingebrannt, dass alles Therapie ist. Ab sofort soll es Zeiten für Therapie und Zeiten für das Leben geben. Das wird am Anfang nicht einfach sein, aber wie schon alles andere auch, Step by Step.

Gleichgewicht, Motorik und Koordination

Im Park von Judendorf hat die Gemeinde einen neuen Geschicklichkeitsparcour gebaut. Wenn es passt, übe ich dort gerne. Die Balance wiederfinden, dass ist mein Ziel. Nicht nur im Körper, sondern auch im Leben.

Ich stehe auf der Stufe eines Kindes und lerne langsam dazu. Möchte ich zu viel, stoppt mich Schwindel und Unsicherheit.

Wie lange braucht ein Kind bis zum Gehen? Wann hat es seine Balance ausgebildet und kann herumspringen?

Ich bin im Verhältnis erst drei Jahre alt. Das darf ich nie vergessen, wenn ich wieder einmal ungeduldig bin und mehr möchte, als ich drauf habe.

Gleichgewicht, Motorikpark
Training für das Hirnabszess

Ein Zahl pro Jahr

Ich bewerte mich gerne mit dem Himmel und Hölle Spiel. Immer wenn ich es wo sehe, erinnert es mich daran. Der Schritt auf die Vier steht bevor, aber es ist noch nicht soweit. Die Drei hält mich fest gefangen.

Ich startete im Rollstuhl und habe jetzt im Schnitt eine Zahl pro Jahr erklommen. Bis ich bei Zehn ankomme, habe ich also noch sieben Jahre Zeit. Ich fühle mich wie in einer Zeitmaschine, allerdings einer zur Verlangsamung.

Himmel - HÖLLE
Wo stehe ich nach dem Hirnabszess?

Zug fahren

Es sind so viele Dinge, an die ich mich erst wieder gewöhnen muss. Zug fahren zum Beispiel. Wobei das Fahren das geringste Problem ist. Besonders Bahnhöfe und Bahnsteige sind noch immer eine Herausforderung.

Ich kann Entfernungen noch immer schwer abschätzen und die Stufen bei Auf- oder Abgängen stellen eine Herausforderung dar. Auch nach drei Jahren habe ich das nicht im Griff. Der Organismus ist gefordert, mit überhöhtem Puls und Tunnelblick, besonders wenn mehr Menschen unterwegs sind.

Da es sich bei mir um großteils unsichtbare Handicaps handelt, tue ich mich schwer im Umgang mit anderen Menschen, besonders in der Mitteilung. Ich brauche alle Energie für die Bewegung und Wahrnehmung.

Bahnhof

Training, Training und Training

Mein Bestreben ist es, alles dafür zu geben, wieder einigermaßen Leben zu können. Ich investiere viel Zeit dafür, was ich gerne mache. Denn nur so habe ich die Chance, wieder ein normales Leben zu führen.

Meine Beschwerden sind ähnlich der Multiplen Sklerose (MS). Nur glaube ich daran, dass es in eine andere Richtung geht und besser wird. Trainiere ich allerdings einen Tag nicht, stagniert es. Trainiere ich eine Woche nicht, sind es zwei Wochen harter Arbeit, um wieder dorthin zu gelangen, wo ich vorher war.

Es ist ein täglicher Kampf auf Messers Schneide. Training und Erholung gehören richtig getimt.

„Ganz gleich wie beschwerlich das Gestern war, stets kannst du im HEUTE von NEUEM beginnen.“

Ich bin in den letzten Jahren mehrmals hingefallen, aber es kommt darauf an, dass man wieder aufsteht und weitermacht!