Nach vielen Jahren auf Fernwanderwegen hat sich meine Ausrüstung immer weiter verändert. Dinge kamen dazu, andere verschwanden wieder. Manche Ausrüstung, von der ich einmal überzeugt war, funktionierte auf Dauer doch nicht. Und manches, das zunächst ungewöhnlich erscheint, hat sich über Tausende Kilometer bewährt.
Auf dem HexaTrek durch die Pyrenäen war ich so leicht unterwegs wie kaum zuvor. Dabei geht es mir aber nicht darum, um jeden Preis die niedrigste Zahl auf einer Packliste zu erreichen. Gewicht spielt für mich eine große Rolle, aber mindestens genauso wichtig ist, wo sich dieses Gewicht befindet und wie ich damit umgehen kann.
Durch meine neurologischen Einschränkungen funktionieren manche Dinge bei mir anders als bei anderen Wanderern. Ein paar Gramm an den Händen können für mich wichtiger sein als dasselbe Gewicht im Rucksack. Ein Hüftgurt, der für die meisten Menschen selbstverständlich ist, behindert mich beim Gehen. Und nach einem langen Tag kann selbst die Zubereitung einer Mahlzeit zu einer Aufgabe werden, die mich überfordert.
Meine Ausrüstung muss deshalb vor allem eines: zu mir und meiner Art zu gehen passen. Am Ende gibt es die gesamte LighterPack Liste.

Für die Pyrenäen hatte ich meine Ausrüstung inzwischen ziemlich weit reduziert. Trotzdem war alles dabei, was ich für mehrere Wochen mit Übernachtungen im Zelt benötigte.
Zelt, Schlafsystem, Bekleidung, Kocher, Wasserfilter, Elektronik, Hygiene und Erste Hilfe mussten in einen 35-Liter-Rucksack passen. Dazu kamen je nach Abschnitt Lebensmittel für mehrere Tage und teilweise große Mengen Wasser.
Gerade Wasser und Verpflegung machten am Ende einen viel größeren Gewichtsunterschied als die letzten eingesparten Gramm bei einem einzelnen Ausrüstungsteil.

Beim Rucksack entschied ich mich für den Hyperlite Mountain Gear Contour 35. Für mich hat dieser Rucksack auf dem HexaTrek nahezu perfekt funktioniert – vor allem, weil er sehr gut zu meiner Art passt, einen Rucksack ohne Hüftgurt zu tragen.
Dass ich auf einen Hüftgurt verzichte, hat weniger mit dem eingesparten Gewicht zu tun. Nach meinem Hirnabszess ging ich in den ersten Jahren sehr steif, beinahe wie ein Roboter. Die natürliche Bewegung des Beckens war weitgehend verloren gegangen. Erst durch therapeutisches Tanzen gelang es mir nach und nach, wieder mehr Beweglichkeit in die Hüfte und damit auch in mein Gehen zu bringen.
Ein Hüftgurt macht bei mir genau das Gegenteil: Er fixiert einen Bereich, den ich mühsam wieder in Bewegung bringen musste. Bis heute empfinde ich ihn beim Gehen als Einschränkung. Deshalb trage ich das Gewicht lieber über die Schultergurte und lasse meine Hüfte frei.
Genau dafür funktionierte der Contour 35 ausgezeichnet. Auch die Aufteilung passte für mich. Die Seitentaschen für die Wasserflaschen waren gut erreichbar, und in der großen Mesh-Tasche außen konnte ich alles unterbringen, worauf ich unterwegs schnell zugreifen wollte.
An die Grenze kam das System nur, wenn ich viel Wasser und Lebensmittel für mehrere Tage tragen musste. Dann wurde der Rucksack ohne Hüftgurt schon sehr schwer. Es blieb aber gerade noch in einem Bereich, den ich bewältigen konnte.
Über die gesamte Strecke betrachtet war der Contour 35 für mich eine der besten Entscheidungen meiner Ausrüstung.
Bei der Wahl meines Zeltes waren für mich vor allem zwei Dinge entscheidend: Dyneema als Material und ein möglichst geringes Gewicht.
Natürlich gab es auch andere ultraleichte Zelte. Bei den für mich interessanten Modellen von Zpacks gefiel mir die Lösung am Eingang allerdings weniger. Ich wollte einen richtigen Reißverschluss und damit das Gefühl, das Zelt bei Wind vollständig und unkompliziert schließen zu können.
Auf Hyperlite Mountain Gear war ich schon zwei Jahre zuvor auf dem HexaTrek aufmerksam geworden. Die beiden Neuseeländer, mit denen ich damals unterwegs war, hatten ein Mid 2 dabei. Das Zelt gefiel mir so gut, dass es mir im Gedächtnis blieb. Für die Pyrenäen entschied ich mich schließlich für die kleinere Ein-Personen-Version, das Mid 1 mit rund 470 Gramm.
Nach den Wochen in den Pyrenäen kann ich sagen: Ich war damit mehr als zufrieden.
Besonders angenehm war der unkomplizierte Aufbau. Bis auf zwei oder drei Ausnahmen lief es immer gleich: Zelt ausbreiten, Heringe hinein, Zeltstange aufstellen – und es stand. Nach einem langen Tag mit vielen Höhenmetern wollte ich kein Zelt, mit dem ich mich am Abend noch lange beschäftigen musste. Eine Ausrüstung, die passt.
Auch bei starkem Wind hat sich das Mid 1 sehr gut geschlagen. Kondenswasser hatte ich erstaunlich selten. Einmal musste ich in einer Senke direkt neben einem Bach zelten. Mir war schon beim Aufbau klar, dass ich dort am nächsten Morgen Kondenswasser haben würde, aber es gab schlicht keine bessere Möglichkeit. Ein- oder zweimal kam es unter anderen Bedingungen ebenfalls dazu.
Ansonsten blieb das Zelt während dieser Wochen erstaunlich trocken.

Meine Trekkingstöcke sind keine teuren Markenstöcke, sondern ein günstiger No-Name-Carbon-Nachbau aus China. Ein Stock wiegt nur ungefähr 120 Gramm.
Trotz dieses geringen Gewichts habe ich sie bereits über Tausende Kilometer auf unterschiedlichsten Trails verwendet.
Gerade für mich ist das Gewicht an den Händen besonders wichtig. Deshalb wollte ich nicht auf schwerere Trekkingstöcke wechseln, nur um diese gleichzeitig als Zeltstange verwenden zu können.

Für das Mid 1 nahm ich stattdessen zusätzlich eine Durston-Zeltstange im Rucksack mit. Das bedeutete zwar zusätzliches Gewicht, war für mich aber der bessere Kompromiss: möglichst wenig Gewicht an den Händen während vieler Stunden Gehen und dafür etwas mehr Gewicht im Rucksack.
Beim Schlafsack entschied ich mich für den Sea to Summit Spark 2 mit einer Komforttemperatur von ungefähr 5 Grad.
Rückblickend war er für ungefähr zwei Drittel der Strecke eigentlich überdimensioniert. Gerade zu Beginn war es teilweise so heiß, dass ich überhaupt nicht im Schlafsack lag. In dieser Zeit hätte der leichtere Spark 1 problemlos gereicht.
Erst gegen Ende änderten sich die Bedingungen. Der Herbst kam, die Nächte wurden deutlich kälter und damit begann der Spark 2 seine Berechtigung zu bekommen.
Ob auch der Spark 1 mit zusätzlicher Kleidung gereicht hätte, kann ich im Nachhinein schwer beurteilen. Wahrscheinlich schon. Damit hätte ich ungefähr 150 Gramm einsparen können.
Auf der anderen Seite hatte ich mit dem Spark 2 eine Reserve und musste mir bei sinkenden Temperaturen keine Gedanken darüber machen, ob mein Schlafsack noch ausreicht.
Das zeigt auch die Schwierigkeit der Ausrüstungsplanung für einen langen Weg: Man packt nicht für einen einzelnen Tag, sondern für viele Wochen und völlig unterschiedliche Bedingungen.
Bei der Isomatte entschied ich mich diesmal für die Nemo Tensor Elite. Zuvor hatte ich über Jahre hauptsächlich die Therm-a-Rest NeoAir UberLite verwendet, teilweise sogar in einer extrem kurzen Version von ungefähr 120 Zentimeter und 168 Gramm.
Vom Gewicht her war das natürlich ideal und grundsätzlich habe ich darauf auch gut geschlafen. Das Problem war die Haltbarkeit. Auf längeren Wegen begann die UberLite bei mir immer wieder nach zwei oder drei Wochen Luft zu verlieren. Irgendwann funktionierte sie überhaupt nicht mehr und ich musste unterwegs Ersatz organisieren.
Ich besitze auch eine ältere Therm-a-Rest NeoAir XLite. Sie wäre vom Gewicht und von der Isolation interessant, hat für mich aber einen anderen Nachteil: Sie ist laut. Jede Bewegung erzeugt so viele Geräusche, dass ich davon teilweise aufwache. Die neuere Version soll ja besser sein.
Für den HexaTrek wechselte ich deshalb zur Nemo Tensor Elite. Ich verwendete die kurze Version mit etwa 1,60 Meter Länge und rund 210 Gramm.

Da ich hauptsächlich Seitenschläfer bin, reicht mir diese Länge vollkommen. Wenn ich auf dem Rücken lag, waren lediglich die Fersen außerhalb der Matte. Das empfand ich sogar als angenehm, weil diese etwas tiefere Position meine Knie entlastete.
Vor allem aber habe ich auf der Tensor Elite wirklich gut geschlafen. Die Oberfläche empfinde ich als angenehm und während des gesamten Weges funktionierte sie zuverlässig. Ausrüstung die einfach funktionierte.
Wenn ich etwas verändern würde, dann nicht die Länge, sondern die Breite. Ein paar Zentimeter mehr Platz wären angenehm gewesen.

An einem typischen Tag in den Pyrenäen trug ich erstaunlich wenig. Meist waren es meine Odlo-Trailrunninghose, ein kurzärmeliges Dynafit-Shirt mit gerade einmal 66 Gramm, meine Kappe und wadenlange Injinji-Socken.
Das Dynafit-Shirt war eines dieser Ausrüstungsteile, die einfach funktionierten. Es war extrem leicht und begleitete mich praktisch durchgehend. Das gleiche hatte ich auch als Ersatz-Shirt dabei. Denn Bekleidung, die ich nicht anhabe, muss ich ja im Rucksack tragen.
Ähnlich war es mit den Injinji-Socken. Ich trug sie fast jeden Tag und war damit sehr zufrieden. Das Waschen war allerdings ein eigenes Thema. Meist konnte ich die Socken nur in einem Bach oder See auswaschen. Aufgrund meiner Einschränkungen mit den Fingern kann ich sie mit der Hand nicht richtig durchwalken. Entsprechend viel Schmutz blieb trotz Waschen im Material. In einer Waschmaschine landeten sie während dieser Wochen, soweit ich mich erinnere, überhaupt nur zweimal.
Als Reserve hatte ich zunächst ein weiteres Paar Socken dabei, das ich praktisch nie verwendete. Ausgerechnet beim gemeinsamen Waschen mit einem anderen Wanderer vergaß ich dieses Paar. Später kaufte ich unterwegs ein leichtes, doppellagiges Paar als Ersatz.

Eines meiner meistverwendeten zusätzlichen Kleidungsstücke war die Windjacke. Sie befand sich fast immer in Griffweite und war häufig auch während des Gehens angezogen.
Gerade auf den Pässen konnten sich die Bedingungen schnell ändern. Selbst wenn es weiter unten warm war, wehte in großer Höhe häufig ein kräftiger und deutlich kühlerer Wind. Statt eine wärmere Schicht oder die Regenjacke herauszuholen, genügte oft die leichte Windjacke.
Vor allem ab ungefähr der Hälfte der Pyrenäen wurden auch Ärmlinge und Beinlinge zu ständigen Begleitern.
Meine weißen Ärmlinge waren sehr dünn und leicht und boten gleichzeitig UV-Schutz. Ich trug sie deshalb nicht nur bei kühleren Temperaturen, sondern zunehmend auch bei Hitze. Sie fühlten sich angenehm an und schützten meine Arme vor der intensiven Sonne.
Noch vielseitiger waren die Beinlinge. Am Morgen konnte ich sie vollständig hochziehen. Wurde es wärmer, schob ich sie nach unten. Manchmal trug ich sie nur über den Waden.
Das war auch auf Abschnitten praktisch, auf denen rechts und links stachelige Ginsterbüsche in den Trail ragten. Dann schützten die Beinlinge meine Unterschenkel.
So konnte ich sehr einfach regulieren, ohne ständig stehen zu bleiben und Kleidung aus dem Rucksack holen zu müssen.

Als Regenjacke hatte ich eine La-Sportiva-Jacke mit 20.000 mm Wassersäule dabei. Wirklich wegen Regen brauchte ich sie erstaunlicherweise fast nie. Über Wochen hatte ich unglaubliches Wetterglück. Erst am letzten Tag regnete es richtig.
Trotzdem trug ich die Jacke immer wieder am Abend, wenn es kühler wurde. Besonders gut funktionierte für mich die Kombination mit meinem extrem leichten 10-Gramm Wärmelayer. Für sein beinahe nicht vorhandenes Gewicht (116g) funktionierte dieser erstaunlich gut.
Rückblickend hätten mir dieser Wärmelayer, die Regenjacke und meine Windjacke wahrscheinlich für einen großen Teil des Weges gereicht.
Zur Sicherheit hatte ich zusätzlich eine synthetisch gefüllte Isolationsjacke mit ungefähr 230 Gramm dabei. Auch sie funktionierte gut, wirklich gebraucht habe ich sie aber kaum.
Im Nachhinein hätte ich hier wahrscheinlich etwas Gewicht sparen können. Gleichzeitig wusste ich vor dem Start natürlich nicht, dass ich über Wochen fast ausschließlich gutes Wetter haben würde.
Bei den Schuhen begann ich mit einem Hoka Speedgoat 6 in der Wide-Version.
Hoka funktioniert für meine Füße seit Jahren ausgesprochen gut. Ich schlüpfe hinein und der Schuh sitzt beinahe wie ein Hausschuh. Wichtig ist für mich allerdings die Wide-Version. Die normale Ausführung ist mir zu schmal.
Nach ungefähr 600 Kilometern war mein erstes Paar so weit verschlissen, dass ich wechseln musste. Ich versuchte natürlich, wieder denselben Hoka in Wide zu bekommen. Unterwegs war aber keiner aufzutreiben.
Nach vielen anprobierten Schuhen entschied ich mich schließlich für einen Adidas, der von allen Alternativen von der Breite her meinem Hoka am nächsten kam.
Grundsätzlich war es kein schlechter Schuh. Im Gegenteil: Der Grip war ausgezeichnet. Trotzdem bekam ich immer wieder Druckstellen. Ich änderte die Schnürung, probierte andere Socken und versuchte verschiedene Möglichkeiten – ganz verschwanden die Probleme nie. War rechts Ruhe, meldete sich links etwas.
Mit dem Hoka wusste mein Körper genau, was passiert, wenn ich auf einen Stein steige, über Geröll gehe oder irgendwo hinunterspringe. Ich kannte die Breite der Sohle, kannte den Grip und wusste, wie der Schuh reagiert.
Mit dem Adidas war dieses vertraute Gefühl plötzlich weg.
Durch meine Störung der Propriozeption ist ein Schuhwechsel für mich ohnehin schwieriger. Normalerweise brauche ich zwei bis drei Wochen, bis ich mich an einen neuen Schuh wirklich gewöhnt habe und ihm vertraue. Auf dem HexaTrek hatte ich diese Zeit nicht. Der neue Schuh musste am nächsten Morgen funktionieren – auf teilweise ausgesprochen schwierigen Wegen.
Die ersten zwei oder drei Tage waren deshalb unangenehm. Erst allmählich entwickelte sich wieder das Vertrauen, das ich für meine Schritte brauche.
Nach ungefähr 400 Kilometern war auch dieser Schuh für mich am Ende. Interessanterweise war nicht in erster Linie die Außensohle das Problem. Sie war zwar sichtbar abgelaufen, hatte aber weiterhin erstaunlich guten Grip.
Nachgelassen hatten vielmehr Dämpfung und Gesamtstabilität. Das Gehen wurde zunehmend unangenehm. Dieser Teil der Ausrüstung bedarf längerer Überlegung, denn es gibt mehrere Möglichkeiten der Beschaffung.


Bei meiner Kochausrüstung würde ich wenig verändern. Der kleine BRS-3000T-Gaskocher funktionierte zuverlässig und auch mein 500-Milliliter-Topf war für meine Bedürfnisse vollkommen ausreichend.
Anders sieht es bei der Verpflegung aus. Für diese Ausrüstung zählt Erfahrung und immer wieder ausprobieren.
Vor dem HexaTrek hatte ich mir vorgestellt, unterwegs abwechslungsreicher zu kochen. Nudeln mit Tomatenmark funktionierten beispielsweise sehr gut. In meiner Vorstellung wollte ich solche einfachen Gerichte mit Olivenöl, Gewürzen und anderen Zutaten aufwerten.
In der Realität merkte ich aber wieder, dass mich solche scheinbar einfachen Dinge unterwegs schnell überfordern können. Nach einem langen Tag noch verschiedene Zutaten zu organisieren und daraus etwas zuzubereiten klingt banal. Für mich ist es das nicht immer.
Das muss ich akzeptieren und meine Verpflegung entsprechend planen.

Auf zukünftigen langen Wegen werde ich deshalb wahrscheinlich von Beginn an stärker auf fertige Trekkingnahrung setzen. Nicht, weil sie kulinarisch besser wäre, sondern weil sie mir Entscheidungen und Arbeitsschritte abnimmt: Wasser erhitzen, einfüllen, warten, essen.
Dazu kommen einfache Dinge, die ohne Zubereitung funktionieren: Müsliriegel, Käse, teilweise Wurst und andere Lebensmittel, die ich direkt essen kann.
Meine Verpflegung muss nicht raffiniert sein. Sie muss auch dann noch funktionieren, wenn ich müde und überfordert bin.

Wasser war in den Pyrenäen praktisch jeden Tag ein Thema. Gleich zu Beginn machte mir die große Hitze zu schaffen. Dazu kam, dass mehrere eingezeichnete Wasserstellen schlicht kein Wasser führten. Bereits am ersten Tag musste ich deshalb vom Weg absteigen, um an Wasser zu kommen.
Nach dieser Erfahrung war ich zunächst vorsichtig und nahm lieber zu viel als zu wenig mit.
Meine maximale Kapazität war entsprechend groß: ein 1,5-Liter-Wasserbeutel, eine 1,5-Liter-Plastikflasche, vorne eine weitere 0,5-Liter-Flasche, die etwa 600-Milliliter-Flasche meines Wasserfilters und zusätzlich eine kleine 500-Milliliter-Softflask für den Notfall.
Wenn wirklich alles gefüllt war, hatte ich ausreichend Reserve – allerdings auch mehrere Kilogramm zusätzlich auf dem Rücken. Das alles zählt zusätzlich zum Basis-Gewicht.

Natürlich konnte ich unterwegs Wasser filtern. Trotzdem war mir das manchmal schlicht zu mühsam. Oft wusste ich außerdem nicht, welche Wasserqualität mich an einer eingezeichneten Stelle erwarten würde. Wenn ich beim Start oder an einer Hütte verlässlich gutes Wasser bekam, nahm ich deshalb manchmal lieber etwas mehr davon mit.
Nach ungefähr zwei Wochen hatte ich wesentlich mehr Erfahrung mit den Bedingungen. Statt möglichst viel mitzunehmen, begann ich genauer zu berechnen, wie viel ich tatsächlich bis zur nächsten verlässlichen Wasserstelle oder Hütte brauchte. Manchmal waren das nur ungefähr eineinhalb Liter.
Komplizierter wurde die Rechnung, wenn ich draußen übernachtete. Dann musste das Wasser zusätzlich fürs Kochen, für die Nacht, für den nächsten Morgen und schließlich noch bis zur ersten Wasserstelle des folgenden Tages reichen.
Es war jedes Mal eine kleine Rechenaufgabe. Mit der Zeit bekam ich dafür aber ein ziemlich gutes Gefühl. Abgesehen vom ersten Tag kann ich mich nicht erinnern, später noch einmal wirklich zu wenig Wasser gehabt zu haben.
Mit meiner Elektronik kam ich gut zurecht. Allerdings musste ich mit dem verfügbaren Strom sehr sparsam umgehen.
Den größten Teil benötigte ich für Navigation und Fotografieren. Einfach im Internet herumzusurfen gab es praktisch nicht – was wahrscheinlich gar kein Nachteil war.
Auch Beiträge für Instagram oder Facebook stellte ich nur selten online. Nicht weil es nichts zu erzählen gegeben hätte, sondern weil auch das zusätzliche Akkuleistung verbraucht hätte. Navigation und Fotografieren hatten Vorrang.
Mit dabei war außerdem eine kleine elektrische Pumpe für meine Isomatte. Die würde ich jederzeit wieder mitnehmen. Der Akku reicht für erstaunlich viele Füllungen und für mich war sie wesentlich angenehmer als ein Pumpsack.
Als Stirnlampe hatte ich meine Nitecore dabei. Sie funktionierte ausgezeichnet, war für diesen Weg aber eigentlich etwas überdimensioniert. Ich hatte diesmal nicht vor, nachts zu gehen. Anders als beispielsweise auf manchen Jakobswegen hätte wahrscheinlich auch eine kleinere und leichtere Lampe ausgereicht.

Bei der Hygiene hatte ich eigentlich alles dabei, was ich brauchte – mit einer Ausnahme. Gleich in den ersten Tagen bemerkte ich, dass ich meine Dr. Bronner’s Seife vergessen hatte.
In einem Hotel nahm ich deshalb ein kleines Stück Hotelseife mit. Aus diesem Provisorium wurde schließlich meine Seife für den restlichen Weg. Wenn ich irgendwo duschen konnte, brach ich einfach ein kleines Stück davon ab. Erstaunlicherweise reichte diese eine kleine Seife bis zum Ende.
Da ich häufig draußen biwakierte, bestand Körperpflege ohnehin oft nur aus dem, was gerade möglich war. Wenn sich die Gelegenheit ergab, wusch ich mich in einem Bach oder See. Meist war das eher eine Katzenwäsche: Füße und Beine vom Schmutz des Tages befreien, Hände und Gesicht waschen.
Mir war vor allem wichtig, nicht völlig verdreckt in meinen Schlafsack zu kriechen.
Mein kleines Tuch hatte gleich mehrere Aufgaben. Ich verwendete es zum Waschen und Abtrocknen, aber auch, um bei Bedarf das Zelt abzuwischen. Viel Wasser wollte ich für die Körperpflege ohnehin nicht verbrauchen – schließlich musste ich es tragen.
Mein Erste-Hilfe-Set brauchte ich immer wieder, zum Glück aber nie für etwas Ernstes. Eine gewisse Grundbasis gehört zur Ausrüstung.
Besonders meine Unterschenkel bekamen auf den felsigen Wegen einiges ab. Ich stieß immer wieder gegen Steine und zog mir kleinere Schürfwunden zu, die manchmal auch bluteten.
Sehr bewährt hat sich meine selbstgemachte Beinwellsalbe. Ich verwendete sie häufig abends an den Füßen und ließ sie über Nacht einwirken. Zusätzlich hatte ich eine ebenfalls selbstgemachte Pechsalbe dabei, die einige Male zum Einsatz kam.
Ansonsten genügten ein paar Pflaster und das Notwendigste zur Wundversorgung.

Nach den Wochen in den Pyrenäen fällt meine Bilanz überraschend eindeutig aus: Eigentlich würde ich nur sehr wenig verändern.
Diese Ausrüstung war wahrscheinlich die bisher beste Zusammenstellung, mit der ich auf einem meiner langen Wege unterwegs war.
Beim Schlafsack gibt es für mich kein klares Richtig oder Falsch. Im Hochsommer würde der Spark 1 wahrscheinlich vollkommen reichen und etwas Gewicht sparen. Sobald eine Wanderung bis in den Herbst reicht, gibt mir der Spark 2 dagegen mehr Reserve. Welchen ich wähle, würde ich deshalb von Jahreszeit, Route und meinem Gefühl vor dem Start abhängig machen.
Als Isolationsjacke würde ich wahrscheinlich eher meine leichte Daunenjacke mit etwa 150 Gramm einpacken, als die synthetische Jacke mit rund 230 Gramm. Bei den Bedingungen auf diesem Weg hätte sie gereicht. Bei längerem Regen und wirklich schlechtem Wetter könnte die Entscheidung allerdings wieder anders aussehen.
Eine kleinere Stirnlampe wäre ebenfalls möglich. Andererseits kenne ich meine Nitecore, bin an sie gewöhnt und wirklich schwer ist sie auch nicht. Manchmal ist mir Vertrautheit wichtiger als die letzten eingesparten Gramm.
Deutlicher ist meine Erkenntnis bei der Verpflegung. Hier werde ich auf zukünftigen Fernwanderungen wahrscheinlich von Anfang an stärker auf Trekkingnahrung und möglichst einfache Lebensmittel setzen. Trekkingnahrung ist teuer, nimmt mir aber Arbeit und Entscheidungen ab.
Bei der Nemo Tensor Elite wäre eine breitere Version angenehm. Meine jetzige Matte hat allerdings so gut funktioniert, dass ich sie deswegen nicht gleich ersetzen werde.
Und damit sind die Änderungen eigentlich schon aufgezählt.

Rucksack, Zelt, Trekkingstöcke, Koch- und Wassersystem und der größte Teil meiner Bekleidung haben sich bewährt. Für zukünftige Fernwanderungen würde ich meine Ausrüstung weitgehend genauso wieder einpacken und lediglich an Jahreszeit, Temperaturen und Strecke anpassen.
Nach all den Jahren und Kilometern ist das vielleicht meine wichtigste Erkenntnis: Ich suche nicht mehr nach der leichtesten oder besten Ausrüstung auf dem Papier.
Ich weiß inzwischen ziemlich genau, was für mich funktioniert.
Und genau das ist wahrscheinlich meine beste Packliste.
→ LighterPack Ausrüstung HexaTrek 2026 Pyrenäen Liste hier downloaden
...und hier geht´s zu meiner
→ LighterPack Ausrüstung HexaTrek 2024 Vogesen, Alpen, Cevennen
Mit Saint-Lary-Soulan lag Stage 5 hinter mir. Rund 600 Kilometer durch die Ostpyrenäen, unzählige Höhenmeter und einige der schwierigsten Tage meines bisherigen HexaTrek waren geschafft. Doch am Ziel war ich noch lange nicht. Vor mir lag Stage 6, der letzte Abschnitt durch die Westpyrenäen bis nach Hendaye am Atlantik.
Die Berge wurden langsam niedriger. Einfacher wurde der Weg deshalb noch lange nicht.

In den ersten Tagen von Stage 6 war ich noch einmal richtig hoch unterwegs. Mehrfach führte der Weg über 2.000 Meter, einmal sogar bis auf rund 2.600 Meter. Erst nach und nach veränderte sich das Höhenprofil. Die ganz hohen Übergänge wurden seltener. Nur noch einige Male führte der Weg auf über 2.400 Meter, später blieb ich zunehmend unter 2.000 Metern.
Gleichzeitig veränderte sich die Landschaft. Immer öfter öffneten sich längere Wiesen- und Almflächen, auf denen es manchmal ein oder zwei Kilometer vergleichsweise angenehm dahinging. Doch diese Leichtigkeit täuschte. Am Ende solcher Abschnitte folgten oft extrem steile Abstiege, und auch die nächsten Anstiege hatten es weiterhin in sich. So wechselten sich angenehmere Hochflächen mit sehr fordernden Auf- und Abstiegen ab.
Gerade diese Übergänge machten den Weg für mich so schwer. Oben konnte ich für eine Weile über offene Almflächen gehen, dann fiel der Weg abrupt ins Tal hinunter – und auf der anderen Seite wartete oft schon der nächste steile Anstieg, bis ich wieder oben auf einer Wiesenfläche herauskam.
Die Berge wurden niedriger, an der eigentlichen Anstrengung änderte sich zunächst aber kaum etwas. Noch immer waren 1.000 bis 1.500 Höhenmeter am Stück zu bewältigen, manchmal sogar zweimal am selben Tag. Wollte ich mit den Kilometern vorankommen, blieb mir oft gar nichts anderes übrig. Sonst wären nach einem langen Tag vielleicht gerade einmal 15 Kilometer zusammengekommen.
Im Gesamten wurde Stage 6 vermutlich etwas leichter als Stage 5. Angefühlt hat es sich für mich aber lange kaum so. Die Berge wurden niedriger – die Auf- und Abstiege blieben schwer.
Gerade auf Stage 6 gelang es mir dafür immer besser, in meinen eigenen Rhythmus zu finden. Begonnen hatte das eigentlich schon auf Stage 5: 100 Höhenmeter gehen, kurz sammeln, wieder 100 Höhenmeter. Nicht den ganzen Anstieg vor mir sehen, sondern nur den nächsten kleinen Abschnitt. Mit der Zeit wurde daraus fast ein eigener Modus, und irgendwann merkte ich etwas, das mich selbst überraschte: Ich konnte sogar die Anstrengung genießen.
Früher, etwa in den Alpen, war ich bergauf oft deutlich schneller unterwegs. Auch ein höherer Puls war für längere Zeit kein Problem. Hier funktionierte das nicht. Die steilen Anstiege verlangten von mir eine andere Form der Bewegung.
Seit meinem Hirnabszess muss ich jeden einzelnen Schritt bewusst setzen. Gerade auf solchen Wegen bedeutete das, jeden Tritt genau vorzubereiten und den Fuß immer wieder punktuell dort hinzusetzen, wo er hingehörte. Das kostete viel Kraft und Konzentration. Ich konnte es mir nicht leisten, zusätzlich ständig mit sehr hohem Puls unterwegs zu sein. Ich musste anders mit meinen Kräften umgehen: nicht möglichst schnell hinauf, sondern so, dass ich auch nach Stunden noch weitergehen konnte.
Anstrengung durfte sein, aber ich wollte die Grenze zur Überanstrengung nicht überschreiten.
Auch die Landschaft veränderte sich weiter. Die ganz hohen Berge lagen langsam hinter mir, und obwohl ich noch mitten in den Pyrenäen war, hatte ich zunehmend das Gefühl, mich dem Meer zu nähern. Gleichzeitig wurde es teilweise noch ruhiger. Der HexaTrek folgt nicht ständig dem GR10, sondern verlässt ihn immer wieder. Gerade auf diesen Abschnitten begegnete ich oft kaum jemandem.
Dann waren da nur der Weg, die Landschaft und ich. Und genau dort funktionierte ich oft am besten.

Am Tourmalet entschied ich mich, nicht dem Wanderweg zu folgen, sondern auf der Straße hinunter Richtung Barèges zu gehen. Normalerweise würde ich eine Straße eher meiden, doch hier hatte sie etwas Besonderes. Überall waren noch die Spuren der Tour de France zu sehen. Namen und Botschaften waren auf den Asphalt gemalt, auf Steinmauern tauchten gemalte Trikots und Radfahrer auf.
Für mich, mit meiner eigenen Vergangenheit im Radsport, war es spannend, diesen Ort einmal nicht auf dem Rad oder vor dem Fernseher, sondern zu Fuß zu erleben.






Auch in Luz-Saint-Sauveur begegnete mir die Geschichte des Radsports wieder. Im Gehsteig waren Handabdrücke und Namen großer Fahrer eingelassen – unter anderem Bernard Hinault und Miguel Indurain. Ich blieb immer wieder stehen und schaute sie mir an. Außerdem konnte ich dort meine Vorräte auffüllen. Vor allem Obst war mir wichtig, denn danach ging es wieder für mehrere Tage hinaus in die Berge.
Die folgenden Tage wurden noch einmal richtig anstrengend. Die Aufstiege waren lang und schwer. Trotzdem hatte sich mittlerweile ein Rhythmus eingestellt, der für mich funktionierte. Ich wusste besser, wann ich langsamer werden musste, wann eine kurze Pause notwendig war und wie weit ich gehen konnte.
Einmal kam ich zu einer Hütte, bekam dort aber keinen Schlafplatz mehr und verbrachte die Nacht draußen davor. Es störte mich kaum. Im Gegenteil: Der Sternenhimmel war unglaublich. Die Milchstraße zog sich deutlich über den Himmel, rundherum war es still und ich war weit entfernt von größeren Orten und vielen Menschen. Solche Nächte gehörten zu den Momenten, in denen ich mich besonders wohlfühlte.
Das Wetter blieb weiterhin gut. Überhaupt hatte ich während meiner Wochen in den Pyrenäen unglaubliches Glück. Bis auf einen Nebeltag hatte es nie richtig geregnet. Dafür war auch hier die Versorgung immer wieder Thema.
Eines Tages kam ich im Tal an der Hôtellerie du Pont d’Espagne vorbei, doch es war geschlossen. Also setzte ich mich hin, packte meinen Gaskocher aus und bereitete mir selbst etwas zu essen. Vielleicht einen Kilometer später lag plötzlich das Refuge du Clot direkt am Weg. In meiner Planung war es mir nicht aufgefallen, war nirgends eingezeichnet – und ausgerechnet dort hatte geöffnet.
Eigentlich gab es dort kaum etwas zu essen, nur ein paar Kleinigkeiten. Da ich gerade erst selbst gekocht hatte, dachte ich zunächst, ich würde einfach weitergehen. Wenn schon, hätte ich gerne noch einmal etwas Richtiges gegessen. Die Besitzerin bekam irgendwie mit, dass ich den HexaTrek ging, und machte für mich eine Ausnahme. Sie meinte, für HexaTrek-Wanderer mache sie das gerne, schließlich hätten wir unterwegs oft kaum Möglichkeiten, etwas zu essen zu bekommen.
So bekam ich doch noch einen Teller mit einer Bratwurst, Teigwaren, Gemüse und Salat. Nichts Besonderes im klassischen Sinn, aber in diesem Moment war es genau das Richtige. Solche kleinen Gesten blieben mir oft stärker in Erinnerung als vieles andere auf dem Weg.

Ein großes Ziel auf Stage 6 war für mich der Somport-Pass. Schon auf dem Weg dorthin merkte ich, wie viel dieser Ort in mir auslöste. Ein Stück ging ich direkt auf dem Pilgerweg – allerdings entgegen seiner eigentlichen Richtung. Plötzlich war all das wieder da, was mich in den vergangenen Jahren so sehr begleitet hat.
Das Pilgern hatte nach meiner Krankheit einen ganz besonderen Platz in meinem Leben bekommen. Auf diesen Wegen hatte ich nicht nur das Gehen wiederentdeckt, sondern auch vieles über mich selbst gelernt: über Geduld, über Grenzen, über das Weitergehen und darüber, dass man nicht immer den ganzen Weg vor sich sehen muss. In vielem fühlte sich auch der HexaTrek wie ein Abbild meiner Rehabilitation der vergangenen zehn Jahre an. Lange Anstiege, schwierige Abschnitte, Rückschritte, kurze Momente der Leichtigkeit – und immer wieder nur der nächste Schritt.
Vielleicht war der Somport-Pass deshalb so emotional für mich. Ich hatte schon oft mit dem Gedanken gespielt, hier einmal einen neuen Camino zu beginnen: den Camino Aragonés, der später in den Camino Francés mündet. Diesmal führte mich mein Weg nur ein Stück daran entlang. So ging ich mit einer gewissen Wehmut am Somport-Pass vorbei und tauchte kurz darauf wieder ein in das, was ich für mich inzwischen beinahe als Wildnis empfand: weniger Menschen, weniger Infrastruktur, wieder mehr Stille, Landschaft und Weg. Der Camino blieb zurück, der HexaTrek ging weiter.
Auf dem Weg zum Somport-Pass war ich an einer Bar vorbeigekommen. Ich hatte dort gegessen und nur wenig eingekauft. Im Nachhinein war das ein Fehler, denn das Restaurant direkt auf der Passhöhe, von dem ich fest angenommen hatte, dass es geöffnet sein würde, war geschlossen.
Also musste ich wieder einmal meine Vorräte durchgehen. Reichte das, was ich noch hatte, für die nächsten zwei oder drei Tage? Oder musste ich vom Pass hinunter ins Tal zum nächsten Dorf absteigen, wo es einen kleinen Laden gegeben hätte? Ganz ideal war meine Versorgung nicht mehr. Obst hatte ich keines mehr, ein Stück Brot war drei Tage alt. Aber ich hatte noch ein wenig Käse, zwei Portionen Trekkingnahrung und einige Proteinriegel dabei. Ich beschloss weiterzugehen, obwohl die nächste Einkaufsmöglichkeit drei Tagesetappen entfernt war.
Solche Entscheidungen waren inzwischen ganz normal geworden: Was habe ich noch? Wie lange reicht es? Wo bekomme ich Wasser? Wann kommt die nächste Möglichkeit einzukaufen? Mein Leben war auf wenige Dinge reduziert. Und vielleicht funktionierte ich gerade deshalb so gut.
Was mich weiterhin jeden Tag faszinierte, waren die Morgenstunden, die Sonnenaufgänge, das erste Licht über den Bergen und die Veränderung der Farben. Fast jeden Morgen begann ich bei guten Bedingungen, oft mit einem Licht, das die Landschaft noch einmal völlig anders aussehen ließ.
Eine Begegnung ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Auf einem hohen Pass stieg ich auf der anderen Seite wieder ab. Hinter großen Felsblöcken saßen zwei ältere Damen. Wir grüßten uns zunächst nur kurz mit einem „Bonjour“, doch wenig später kamen wir ins Gespräch.
Eine der beiden sprach recht gut Englisch. Es waren zwei Schwestern, beide ungefähr 70 Jahre alt. Ich war beeindruckt, dass sie dort oben unterwegs waren, denn die Wege waren wahrlich nicht einfach.
Wir erzählten einander ein wenig von unseren Wegen. Irgendwann kam auch meine Geschichte zur Sprache und natürlich der HexaTrek. Die beiden waren völlig fasziniert. Eine gab mir Ingwer-Zuckerl, was nach den vielen ähnlichen Geschmäckern unterwegs allein schon etwas Besonderes war. Die andere schenkte mir sogar ihren Käse. Meiner war längst aufgebraucht und Einkaufen war kaum möglich.
Über diesen Käse freute ich mich wahrscheinlich mehr, als sie ahnen konnte.
Irgendwann verabschiedeten wir uns. Drei Tage später kam ich zu einer Hütte – und plötzlich saßen die beiden wieder vor mir. Sie freuten sich mindestens genauso sehr wie ich über das Wiedersehen. Diesmal hatten wir mehr Zeit und unterhielten uns lange.

Es war eine der wenigen Begegnungen während dieser Wochen, die nicht nur aus einem kurzen Gruß oder ein paar Worten bestand. Am Abend schlief ich wieder draußen im Zelt. Danach sah ich die beiden nicht mehr.
Einige Zeit später stieg ich in ein Dorf ab und fand dort ein Hostel. Zum Glück entschied ich mich zu bleiben. Es war ausgezeichnet, und am Abend wurde gekocht. Nach so vielen Tagen, an denen ich mich fast ausschließlich selbst versorgt hatte, war dieses Essen ein kleines Fest.
Einfach einmal am Tisch sitzen, nicht rechnen, was noch im Rucksack war, und mich richtig satt essen.
Am nächsten Morgen ging es wieder hinauf. Etwa 1.400 Höhenmeter lagen vor mir. Zwischen den Bergen hing zunächst Nebel, wodurch die Landschaft eine ganz eigene Stimmung bekam. Später löste er sich auf, die Sonne kam heraus und ich folgte einem langen Tal Richtung Pass.
Zwischen den Steinen nach oben kletternd, verlor ich immer wieder den Weg. Oben lag schließlich eine breite, steinige Hochfläche vor mir. Auf den ersten Blick wirkte sie gar nicht besonders schwierig, doch das täuschte. Überall lagen Felsblöcke und scharfkantiges Gestein, dazu ging es ständig ein paar Höhenmeter hinauf und wieder hinunter. Für die Durchquerung brauchte ich fast eine Stunde.
Gerade solche Passagen waren für mich extrem anstrengend. Mit meiner gestörten Propriozeption musste ich jeden Schritt bewusst setzen. Ein unachtsamer Kontakt mit einem Stein genügte und ich hatte sofort eine Schürfwunde. Wenn ich mit dem Knie an einer scharfen Kante vorbeischrammte, begann es schnell zu bluten. Meine Beine waren inzwischen übersät mit verkrusteten Wunden.
Die Landschaft am Hexatrek war wunderschön, aber Schönheit und Schwierigkeit lagen dort oft nur einen Schritt voneinander entfernt.
Nachdem ich die Hochfläche hinter mir gelassen hatte, öffnete sich die Landschaft. Für eine Weile ging ich über große Wiesen und offene Flächen. Von weitem sah das beinahe einfach aus, aber auch hier hatten die Wege ihre Tücken. Die schmalen Kuhpfade machten mir zu schaffen. Auf solchen Wegen fehlt mir die Sicherheit, und ich muss jeden Fuß sehr bewusst setzen.
Trotzdem genoss ich diese Landschaft.
Auf meiner App war ein Restaurant eingezeichnet. Nicht mehr weit. Ich dachte mir: Wenn es jetzt noch eine Weile so weitergeht, muss eigentlich irgendwann nur noch der Abstieg kommen.
Und der kam – richtig.
Der Weg fiel steil durch einen Wald hinunter und führte anschließend durch eine Art Canyon. Überall Farne, dichtes Grün und Pflanzen. Plötzlich sah alles völlig anders aus. Ich fühlte mich beinahe wie auf einem anderen Planeten. Wunderschön – aber wieder enorm schwer zu gehen.
Mit dem schweren Rucksack konnte ich dort nicht leichtfüßig hinunterlaufen. Jeder Schritt musste sitzen.


Unten angekommen wartete das nächste kleine Déjà-vu: Das Restaurant war geschlossen. Daneben befand sich zwar ein Biwakplatz, doch ich entschied mich, noch weiterzugehen.
Nun wurde Wasser zum nächsten Thema. Mehrere Wasserstellen waren trocken. Schließlich kam ich an einem Haus vorbei und klopfte an. Zum Glück öffnete jemand und ich bekam zwei Liter Wasser.
Danach begann bereits der nächste Anstieg. Ein großer Teil führte über groben Asphalt, doch immer wieder schnitt der Wanderweg die Straßenkehren ab. Diese Abkürzungen waren teilweise extrem steil. Zwischen Steinen, Wurzeln und Bäumen arbeitete ich mich nach oben, bis ich schließlich ein kleines Shelter erreichte.
Ich war ganz allein.
Nach diesem langen Tag musste ich nichts mehr suchen, nichts mehr entscheiden. Nur noch dort sein.
Am nächsten Morgen wartete wieder ein grandioser Himmel auf mich. Als ich losging, standen die Schafe auf den eingezäunten Flächen bereits in der aufgehenden Sonne.
Irgendwann bemerkte ich allerdings, dass ich nicht mehr auf dem HexaTrek unterwegs war. Ich war einer Forststraße gefolgt und hatte die Abzweigung übersehen. Auf der App sah ich, dass die Straße später wieder auf den HexaTrek treffen würde, also ging ich weiter.
Was ich nicht ahnte: Die Forststraße führte zunächst bergab und danach wieder erstaunlich lange bergauf. Dabei hatte ich eigentlich geglaubt, fast nur noch ins Tal absteigen zu müssen.
Wieder einmal zeigte mir der Weg, wie wenig solche Erwartungen bedeuteten.
Bald kam ich in ein Gebiet mit einem tief eingeschnittenen Canyon. Von oben konnte ich mir zunächst kaum vorstellen, wo dort überhaupt ein Weg hinunterführen sollte. Gerade am Anfang waren die Pfade extrem schmal.
Später wurden sie besser und führten lange bergab. Schließlich erreichte ich eine Fußgängerbrücke hoch über dem Canyon. Beim Hinunterschauen konnte ich den Fluss beinahe nicht erkennen. Das Wasser lag tief unten und war zusätzlich von Blättern und Vegetation verdeckt.
Überall lagen Kastanien am Boden. Es tat mir fast leid, dass ich keine Möglichkeit hatte, welche mitzunehmen, zu kochen und zu essen.





Inzwischen war der Herbst angekommen. Die Farben hatten sich verändert. Immer mehr Gelb- und Brauntöne mischten sich ins Grün, und auch die Nächte wurden empfindlich kälter. Der Sommer war vorbei.
An diesem Tag ging ich zwischen 35 und 40 Kilometer. Noch immer gab es schwierige Auf- und Abstiege, doch dazwischen lagen längere Hochflächen, Wiesen und offene Wege. Überall Schafe, zwischendurch Kühe.
Einmal kam ich an alten Steingebilden vorbei, die laut Beschreibung aus längst vergangenen Zeiten stammten und möglicherweise als Ritual- oder Opferstätten gedient hatten. Ich wusste nicht immer genau, was ich dort eigentlich vor mir hatte, aber diese Spuren früherer Menschen mitten in dieser abgelegenen Landschaft faszinierten mich.
Auf der App sah der weitere Weg wieder einmal ziemlich einfach aus. In Wirklichkeit war er es nicht. Die Wege bremsten mich immer wieder aus, sodass ich meinen anvisierten Biwakplatz erst kurz vor Sonnenuntergang erreichte.
Ideal lag er nicht. Ganz in der Nähe floss ein Bach und der Platz selbst befand sich etwas in einer Senke. Am nächsten Morgen merkte ich die Folgen. Im Zelt hatte sich enorm viel Kondenswasser gebildet und alles war feucht. Also wischte ich es ab und packte es nass zusammen.
Ich wusste inzwischen, wie ich damit umgehen musste. Irgendwann im Laufe des Tages würde ich eine Pause machen und es in der Sonne trocknen.
Denn dieser Tag hatte ein besonderes Ziel: Saint-Jean-Pied-de-Port.
Wieder begann der Morgen mit einem wunderschönen Sonnenaufgang. Von meinem Schlafplatz ging es gleich in den nächsten Anstieg, den ich zunächst noch im Schatten gehen musste. Dadurch war es kühl und feucht, während die umliegenden Gipfel und einzelne Berghänge bereits im Sonnenlicht lagen. Dieser Kontrast begleitete mich noch eine ganze Weile und gab dem Morgen eine ganz eigene Stimmung.
Später führte mein Weg erstaunlich oft über kleine Asphaltstraßen. Langsam näherte ich mich Saint-Jean-Pied-de-Port. Dieser Ort war für mich weit mehr als nur eine weitere Ortschaft auf dem HexaTrek. Hier verband sich mein jetziger Weg wieder mit meiner Geschichte als Pilger.
Ich ging durch das Tor und machte mein Foto. Ein Kreis schloss sich. Nach allem, was seit meinem Hirnabszess passiert war, nach den Caminos, den vielen tausend Kilometern und nun den Pyrenäen stand ich wieder an einem dieser Orte, die mit meinem neuen Leben verbunden waren. Vor acht Jahren begann ich hier meinen ersten Camino Francés.
Danach ging ich essen und suchte nach einer Unterkunft. Doch die Herbergen konnten erst ab 16 Uhr bezogen werden. Ich war bereits gegen zwölf Uhr mittags angekommen. Vier Stunden irgendwo herumzusitzen wollte ich nicht.
Also erledigte ich nur das Nötigste, kaufte ein paar Dinge ein und entschied mich, weiterzugehen. Bis zum nächsten Campingplatz waren es noch einmal fast 20 Kilometer. Direkt daneben befand sich ein großes Geschäft, was perfekt war. Ich konnte noch einmal ordentlich einkaufen und mich für die letzten Tage bis Hendaye eindecken.
Zumindest dachte ich, dass es noch mehrere Tage sein würden. Was ich zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Zwei Tage später würde ich am Atlantik stehen.
Von dort waren es nur noch rund 90 Kilometer bis Hendaye. Mein Plan war einfach: 45 Kilometer am nächsten Tag, noch einmal ungefähr 45 am Tag darauf. Dann wäre ich am Ziel. Zumindest auf dem Papier, denn wie schwer dieser Schluss tatsächlich werden sollte, merkte ich erst unterwegs.
Zunächst galt es noch einige steile Aufstiege zu überwinden. Teilweise waren Passagen sogar mit Seilen gesichert und immer wieder gab es Stufen. Gerade die machten mir zu schaffen, weil mir Stufensteigen bis heute schwerfällt. Sofort musste ich an den South West Coast Path denken, wo es gefühlt ständig nur Stufen hinauf und wieder hinunter ging.
An diesem Tag traf ich auch eine andere HexaTrek-Wanderin. Wir gingen kurz miteinander und unterhielten uns darüber, wie wir den Weg erlebt hatten. Was sich in Gesprächen mit anderen HexaTrek-Wanderern immer wieder deckte: Die Pyrenäen wurden als enorm anspruchsvoll erlebt. Sie wollte in einem Shelter übernachten, ich beschloss, noch etwa sechs Kilometer weiterzugehen.
Kurz bevor ich Ainhoa im Tal erreichte, vielleicht noch 200 Höhenmeter darüber, kam ich an einer kleinen Kirche und mehreren Kreuzen vorbei. Dort hatten einige Wanderer ihre Zelte aufgebaut. Ich wunderte mich, warum sie hier oben schliefen, wenn unten doch ein Ort mit Campingplatz, Geschäft und angeblich sogar einer Jugendherberge lag. Unten angekommen verstand ich es: Der Campingplatz existierte nicht mehr, die Jugendherberge war geschlossen und auch der kleine Markt hatte bereits zugesperrt.
In einem Café wollte ich wenigstens noch eine Cola kaufen, doch der Mann erklärte, er habe bereits geschlossen. Ich sagte, dass ich die Cola nur mitnehmen wolle, aber auch das half nichts. Also setzte ich mich draußen hin und begann nach einem Quartier zu suchen. Die meisten Unterkünfte waren ziemlich teuer, doch irgendwann fand ich eine günstigere Möglichkeit. Als ich davorstand, war ich nicht einmal sicher, ob ich richtig war. Keine Glocke, kein richtiges Schild.
In diesem Moment kamen drei Wanderer über den Platz. Ich fragte sie, ob sie wüssten, wo ich hier ein Zimmer finden könnte. Sie sahen mich an und meinten: „Du stehst davor.“ Einer von ihnen half mir, weil ich kein Französisch konnte. Gemeinsam gingen wir hinein und tatsächlich war in einem kleinen Zimmer mit zwei Stockbetten noch genau ein Bett frei.
Später kamen wir länger ins Gespräch. Die drei waren nur für einige Tage unterwegs und erzählten, dass sie im Alltag sehr viel arbeiteten und diese Wanderung als Auszeit brauchten. Irgendwann kam auch meine Geschichte zur Sprache. Als sie hörten, was hinter den vergangenen zehn Jahren lag, wurde das Gespräch persönlicher. Sie erzählten, dass ihnen selbst die Arbeit inzwischen oft zu viel geworden war und sie künftig besser darauf achten wollten, sich rechtzeitig Auszeiten zu nehmen.
Auch dem Wirt gegenüber erwähnten die drei irgendwann, dass ich auf dem HexaTrek unterwegs war. Während sie selbst den Weg bis dahin gar nicht gekannt hatten, wusste der Wirt sofort, wovon sie sprachen. Er erklärte ihnen, was der HexaTrek ist, wie lange dieser Weg durch Frankreich führt und wie lange ich bereits unterwegs war. Seine Reaktion mir gegenüber veränderte sich daraufhin spürbar. Er begegnete mir sehr freundlich und mit großer Achtung, fast ein wenig ehrfürchtig.

Solche Reaktionen erlebte ich unterwegs immer wieder. Manchmal war es mir allerdings zu viel zu erklären, dass ich den HexaTrek nicht in einem Stück gegangen war. Die Stages 1 bis 4 von Wissembourg bis Carcassonne hatte ich bereits 2024 absolviert, die letzten beiden Stages durch die Pyrenäen folgten nun zwei Jahre später. Die ersten rund 2.000 Kilometer lagen also bereits hinter mir, bevor ich 2026 für die letzten rund 1.000 Kilometer zurückkehrte.
Nicht immer schaffte ich es, noch dazuzusagen, dass ich den HexaTrek in zwei Teilen gegangen bin und diesmal erst in Carcassonne startete. Oft war mir die ganze Erklärung einfach zu viel. Dann ließ ich die Menschen in dem Glauben, ich wäre den Weg in einem Stück gegangen. Wenn daraufhin besonders anerkennende oder fast ehrfürchtige Reaktionen kamen, fühlte sich das für mich manchmal unangenehm an – beinahe so, als hätte ich etwas behauptet, das so nicht ganz stimmte. Dabei hatte ich nichts erfunden, ich hatte nur nicht immer die Kraft, die ganze Geschichte dazu zu erzählen.
In der Nacht begann es zu regnen. Auch der nächste Tag sollte wechselhaft bleiben, und eigentlich sollte es mein letzter Tag werden. Knapp 50 Kilometer lagen noch vor mir. Laut App und Höhenprofil sah es zunächst gar nicht so schlimm aus. Es schien fast nur noch bergab zu gehen, doch wieder täuschte die Darstellung. Ich kam zwar mehrmals bis auf ungefähr 100 Meter Seehöhe hinunter, musste danach aber wieder auf 600 oder 700 Meter aufsteigen. Am Ende sammelte ich an diesem letzten Tag noch einmal über 2.000 Höhenmeter im Aufstieg.
Am Vormittag erwischten mich einige Regenschauer. Mein inzwischen bewährtes System funktionierte aber hervorragend: Regenjacke und darüber der Schirm. Für mich war das die ideale Kombination. Später kreuzte ich sogar den Camino Baztan. Ein paar Meter davon kannte ich bereits von meiner früheren Wanderung von Bayonne nach Pamplona. Schon wieder berührten sich zwei meiner Wege.
Unterwegs kam ich durch mehrere baskische Dörfer. In einem davon fand gerade ein Umzug oder Volksfest statt. Eigentlich wäre es schön gewesen, dort länger zu bleiben, aber es wäre mir zu viel gewesen: zu viele Menschen, zu viele Eindrücke, zu viel Trubel. Also suchte ich noch etwas zu essen, setzte mich kurz in ein Café und gönnte mir einen Kaffee und ein besonderes Törtchen. Danach ging es noch einmal hinauf zu einem Pass.
Dort oben sah ich plötzlich das Meer. Nach all den Wochen in den Bergen lag es am Horizont vor mir. Dieser Augenblick war unglaublich. Da war Euphorie, Freude, vielleicht auch Erleichterung, und ich dachte: Jetzt bin ich fast da. Was ich in diesem Moment noch nicht wusste: Obwohl ich das Meer bereits sehen konnte, lagen noch über fünf Stunden Weg vor mir.

Der letzte Abschnitt wurde noch einmal besonders schwer. Der Weg führte durch eine Klamm, über große Steinblöcke und immer wieder zwischen Wasser hindurch. Teilweise musste ich von Stein zu Stein steigen oder springen. Nach all den Stunden und Kilometern war das für mich extrem fordernd. Von einem wirklichen Abstieg konnte kaum die Rede sein. Immer wieder kamen Gegenanstiege, teilweise steil und technisch schwierig. Auch bergauf waren die Wege stark mit Steinen durchsetzt, sodass ich jeden einzelnen Tritt bewusst setzen musste. Dabei sah ich das Meer immer wieder vor mir. Es kam näher, aber nur sehr langsam. Stundenlang hatte ich es bereits im Blick, ohne wirklich dort anzukommen.
Irgendwann erreichte ich schließlich eine Straße. Jetzt, dachte ich, würde es endlich unkompliziert Richtung Hendaye gehen. Doch genau dort spielte mir die Technik noch einen Streich. Das GPS-Signal meines Handys setzte aus. Ich bemerkte es zunächst nicht und glaubte, die Anzeige würde weiterhin stimmen. Der Weg war für mich nicht besonders gut markiert und so verlor ich komplett die Orientierung. Ich ging weiter, bis ich nach ungefähr einem Kilometer dachte: Das kann doch nicht stimmen. Warum gehe ich jetzt wieder bergauf, obwohl ich eigentlich schon Richtung Hendaye unterwegs sein müsste?
Erst dann bemerkte ich, dass das GPS-Signal hängen geblieben war. Ich war in die falsche Richtung gegangen und drehte um. Beim Hinuntergehen erkannte ich plötzlich den schmalen Steig wieder – da war ich heute schon einmal gewesen. Beim Hinaufgehen war mir das überhaupt nicht aufgefallen. Natürlich ärgerte ich mich kurz. Ein paar zusätzliche Kilometer braucht man am Ende eines solchen Tages wirklich nicht. Aber solche Dinge beschäftigten mich unterwegs nie lange. Nach einer Minute war es wieder vorbei. Ich ging einfach weiter, in meinem Tempo, mit meinem Schritt und meinem Rhythmus. Nicht lange darüber nachdenken, was schiefgelaufen war, sondern wieder die richtige Richtung finden und weitergehen.

Dann lagen tatsächlich nur noch die letzten Kilometer vor mir. Etwa fünf Kilometer führte ein Radweg neben der Straße durch Hendaye Richtung Meer. Nach Wochen in den Bergen wurde aus dem steinigen Pfad plötzlich Asphalt, und aus dem Punkt am Horizont wurde langsam mein Ziel.

Dann kamen die letzten Häuser, die letzten Kreisverkehre und schließlich die letzten Meter bis zu meinem eigentlichen Ziel: dem Briefkasten vor dem Tourismusamt in Hendaye. Von diesem Briefkasten hatte ich schon so viele Fotos gesehen. Unterwegs hatte ich immer wieder daran gedacht, irgendwann selbst dort zu stehen. Er war für mich zu einem ganz konkreten Ziel geworden.
Als ich näherkam, musste ich allerdings zweimal hinschauen. Direkt unter dem Briefkasten hatte sich hinter einer Mülltonne und mehreren Kartons ein obdachloser Mann eingerichtet. Der Briefkasten lugte gerade noch darüber hinweg. Ich konnte kaum Französisch und versuchte ihm freundlich zu erklären, dass ich nur ein Foto vom Briefkasten machen wollte, keines von ihm. Doch er reagierte sehr aggressiv und wollte mich vertreiben. Schließlich zog er sogar sein Handy hervor und drohte damit, die Polizei zu rufen.
Es war eine ziemlich absurde Situation. Nach mehr als 3.000 Kilometern stand ich endlich am Ziel, und ausgerechnet das obligatorische Zielfoto wurde zur nächsten kleinen Herausforderung. Also beugte ich mich über die Mülltonne und machte ein paar Fotos. Besonders schön sind sie nicht geworden, aber ich hatte mein Bild.



Danach ging ich hinunter zum Meer. Natürlich gehörte auch das dazu. Ich zog die Schuhe aus, ging ins Wasser und machte noch eine Filmaufnahme, wie ich ins Meer hineinging und die Arme nach oben hob. Angekommen – zumindest dachte ich das.
Als ich danach wieder meine Schuhe anziehen wollte, hielt ich mich an einem Stein fest und schlüpfte gerade in den ersten Schuh. In diesem Moment kam eine Welle und plötzlich stand ich bis zu den Knien im Wasser. Der zweite Schuh wäre beinahe davongeschwommen. Nach 3.034 Kilometern schaffte es der Atlantik also noch, mich auf den letzten Metern richtig nass zu machen.
Ich sammelte meine Sachen zusammen, kletterte über die Steine hinauf zur Promenade und leerte erst einmal das Wasser aus. Eigentlich konnte ich nur lachen. Allerdings war es mittlerweile schon ungefähr halb acht am Abend und meine Herberge lag noch rund drei Kilometer entfernt. Socken und Schuhe waren nass, also zog ich die Socken aus, schlüpfte barfuß in die Schuhe und ging einfach weiter. Auch diese drei Kilometer gehörten offenbar noch dazu.

Als ich schließlich in der Herberge ankam, war ich natürlich froh, aber etwas anderes fiel mir ebenfalls auf: Die ganz große Emotion blieb aus. Nach mehr als 3.000 Kilometern durch Frankreich und insgesamt 92 Tagen auf dem HexaTrek hätte man vielleicht erwartet, dass mich dieser Moment völlig überwältigt. So war es aber nicht.
Bis heute fällt es mir schwer, starke Gefühle genau in dem Moment wahrzunehmen oder zuzulassen, in dem etwas passiert. Solange ich noch funktionieren muss, bleibt eine gewisse Spannung in mir. Und auch in Hendaye musste ich noch funktionieren. Ich musste zur Herberge kommen, meine Sachen trocknen, organisieren, wie es weitergeht, und später wieder nach Hause fahren. Vielleicht konnte mein Kopf einfach noch nicht begreifen, dass dieser Weg tatsächlich vorbei war. Der HexaTrek war beendet, aber angekommen war ich innerlich noch nicht ganz.
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Den HexaTrek von Wissembourg bis Carcassonne war ich bereits 2024 gegangen. Auch diese rund 2.000 Kilometer waren anstrengend und fordernd. Trotzdem habe ich sie im Rückblick völlig anders wahrgenommen als die Pyrenäen. Heute kann ich sagen, dass die letzten rund 1.000 Kilometer für mich noch einmal eine andere Dimension hatten. Nicht unbedingt, weil jeder einzelne Tag extremer gewesen wäre, sondern weil sich dort sehr viele Schwierigkeiten gleichzeitig und über Wochen hinweg summierten.
Mir war von Anfang an klar, dass ich den HexaTrek anders wahrnehmen würde als viele andere Wanderer. Seit meinem Hirnabszess funktionieren Wahrnehmung, Bewegung und Verarbeitung bei mir anders. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass für mich alles schwerer, schlechter oder unangenehmer sein muss. Im Gegenteil. Ich habe gelernt, Wege so zu gehen, wie es für mich und meine Einschränkungen am besten funktioniert.
Gerade in den Pyrenäen wurde das besonders wichtig. Ich musste nicht versuchen, den Weg so zu gehen, wie ihn andere gehen würden, sondern herausfinden, wie ich ihn unter meinen Voraussetzungen bewältigen konnte. Dazu gehörten mein eigenes Tempo, kurze Unterbrechungen, das Einteilen der Anstiege in kleinere Abschnitte, der bewusste Umgang mit Reizen und manchmal auch Entscheidungen oder Reaktionen, die von außen vielleicht schwer nachvollziehbar wirken. Für mich waren sie Teil davon, diesen Weg so zu gehen, dass mein Körper und mein Nervensystem möglichst lange mitmachten. Dass ich den HexaTrek anders wahrnehme, macht meine Erfahrung nicht schlechter oder weniger wertvoll. Sie ist einfach meine eigene.
Mir fehlte in den Pyrenäen etwas, das mir beim Gehen normalerweise hilft: eine gleichmäßige, wiederkehrende Bewegung, wie ich sie etwa in den Alpen noch eher finden konnte. Kaum hatte ich für kurze Zeit einen Rhythmus gefunden, änderte sich der Untergrund wieder. Steine, besonders steile Stufen, schmale Pfade und Felsblöcke verlangten ständig eine neue Anpassung. Einen natürlichen Bewegungsrhythmus gab mir der Weg selten vor. Ich musste ihn mir selbst schaffen – etwa indem ich die Anstiege in Abschnitte von 100 Höhenmetern unterteilte.




Dabei war es nie nur das Gehen allein. Muskelarbeit, Koordination, Konzentration und Gleichgewicht liefen gleichzeitig ab. Dazu kamen Hitze, Rucksackgewicht, tausende Höhenmeter, Versorgung, Wasser, Schlafen im Zelt und die tägliche Planung. Jeder einzelne Punkt für sich wäre wahrscheinlich zu bewältigen gewesen. Schwer wurde es durch die Summe – und dadurch, dass diese Belastungen nicht nach einem Tag wieder vorbei waren, sondern sich über Wochen fortsetzten. Morgens begann nicht alles wieder bei null. Ein Teil der Belastung des Vortages ging mit in den nächsten.
Auch bei der Orientierung merkte ich meine Einschränkungen jeden Tag. Namen von Dörfern, kleinen Städten oder Bergpässen kann ich mir kaum merken. Ich schaute auf die App, sah, dass es beispielsweise noch fünf Kilometer bis zum nächsten Dorf waren, steckte das Handy wieder ein – und manchmal wusste ich schon eine Minute später nicht mehr, wie dieses Dorf hieß oder wie weit es noch war. Dann musste ich erneut nachsehen. Das kenne ich schon seit meinem ersten Camino Francés und es ist heute kaum anders. Deshalb habe ich unterwegs irgendwann aufgehört, mir all die Namen der Dörfer und Cols bewusst merken zu wollen. Ich folgte meiner Route und ging weiter. Einige größere Orte wie Carcassonne bleiben mir im Gedächtnis, viele kleine Orte und Pässe dagegen verschwinden fast sofort wieder.

Vielleicht wirkt ein solcher Reisebericht deshalb manchmal ungewöhnlich, weil mir viele Ortsnamen fehlen, obwohl ich dort selbst gegangen bin. Die Landschaft, die Anstrengung, einzelne Begegnungen oder bestimmte Situationen bleiben dagegen sehr lebendig in Erinnerung. Namen oft nicht. Auch das gehört zu meinem heutigen Leben dazu.
Im Rückblick habe ich das Gefühl, dass mich die Pyrenäen sehr nahe an die Grenze dessen brachten, was mein Körper und mein Nervensystem noch ausgleichen konnten. Entscheidend war für mich nicht ein einzelner extremer Tag. Es waren die technisch schwierigen Wege, die fehlende Bewegungsautomatik, die Muskelschwäche und die vielen Höhenmeter, die sich über Tage und Wochen summierten. Gerade im Vergleich mit meinem ersten Teil des HexaTreks wurde mir das im Nachhinein klar. Von Wissembourg bis Carcassonne war vieles ebenfalls schwer. Die Pyrenäen waren für mich trotzdem etwas anderes. Sie waren nicht einfach nur anstrengender, sondern komplexer in der Art, wie sie mich gefordert haben.

Gleichzeitig gab es einen scheinbaren Widerspruch. Körperlich und neurologisch war dieser Weg enorm fordernd, aber die Umgebung selbst machte es meinem Nervensystem in anderer Hinsicht leichter. Wenig Verkehr, wenige Menschen, kaum wechselnde Reize und meist eine eindeutige Aufgabe: gehen, essen, Wasser finden, schlafen und am nächsten Tag weiter. Diese Reduktion tat mir gut.
Deshalb konnte etwas für meinen Körper extrem schwer sein und sich innerlich trotzdem oft ruhiger anfühlen als ein ganz gewöhnlicher Tag in einer Stadt.
Auch bei der Orientierung merkte ich meine Einschränkungen jeden Tag. Namen von Dörfern, kleinen Städten oder Bergpässen kann ich mir kaum merken. Ich schaute auf die App, sah, dass es beispielsweise noch fünf Kilometer bis zum nächsten Dorf waren, steckte das Handy wieder ein – und manchmal wusste ich schon eine Minute später nicht mehr, wie dieses Dorf hieß oder wie weit es noch war. Dann musste ich erneut nachsehen. Das kenne ich schon seit meinem ersten Camino Francés und es ist heute kaum anders. Deshalb habe ich unterwegs irgendwann aufgehört, mir all die Namen der Dörfer und Cols bewusst merken zu wollen. Ich folgte meiner Route und ging weiter. Einige größere Orte wie Carcassonne bleiben mir im Gedächtnis, viele kleine Orte und Pässe dagegen verschwinden fast sofort wieder.
Vielleicht wirkt ein solcher Reisebericht deshalb manchmal ungewöhnlich, weil mir viele Ortsnamen fehlen, obwohl ich dort selbst gegangen bin. Die Landschaft, die Anstrengung, einzelne Begegnungen oder bestimmte Situationen bleiben dagegen sehr lebendig in Erinnerung. Namen oft nicht. Auch das gehört zu meinem heutigen Leben dazu.
Im Rückblick habe ich das Gefühl, dass mich die Pyrenäen sehr nahe an die Grenze dessen brachten, was mein Körper und mein Nervensystem noch ausgleichen konnten. Entscheidend war für mich nicht ein einzelner extremer Tag. Es waren die technisch schwierigen Wege, die fehlende Bewegungsautomatik, die Muskelschwäche und die vielen Höhenmeter, über die Tage. Gerade im Vergleich mit meinem ersten Teil des HexaTreks wurde mir das im Nachhinein klar. Von Wissembourg bis Carcassonne war vieles ebenfalls schwer. Die Pyrenäen waren für mich trotzdem etwas anderes. Sie waren nicht einfach nur anstrengender, sondern komplexer in der Art, wie sie mich gefordert haben.
Gleichzeitig gab es einen scheinbaren Widerspruch. Körperlich und neurologisch war dieser Weg enorm fordernd, aber die Umgebung selbst machte es meinem Nervensystem in anderer Hinsicht leichter. Wenig Verkehr, wenige Menschen, kaum wechselnde Reize und meist eine eindeutige Aufgabe: gehen, essen, Wasser finden, schlafen und am nächsten Tag weiter.
Diese Reduktion tat mir gut. Deshalb konnte etwas für meinen Körper extrem schwer sein und sich innerlich trotzdem oft ruhiger anfühlen als ein ganz gewöhnlicher Tag in einer Stadt.
Die mehr als 3.000 Kilometer des HexaTreks bin ich nicht in einem Stück gegangen. Die ersten rund 2.000 Kilometer von Wissembourg bis Carcassonne absolvierte ich 2024. Zwei Jahre später kehrte ich für die letzten rund 1.000 Kilometer durch die Pyrenäen zurück. Insgesamt war ich 92 Tage auf dem HexaTrek unterwegs.
Viel wichtiger als diese Zahlen ist für mich heute aber etwas anderes: Ich habe meinen Körper und mein Nervensystem wieder ein Stück besser verstanden. Die Pyrenäen haben mir sehr klar gezeigt, wo meine Grenzen liegen – aber auch, unter welchen Bedingungen ich trotz meiner neurologischen Einschränkungen erstaunlich gut funktionieren kann.
Dabei geht es nicht einfach darum, dass mir Ruhe, Natur oder ein eigener Rhythmus guttun. Das gilt wahrscheinlich für viele Menschen. Bei mir geht es um etwas Grundsätzlicheres. Seit meinem Hirnabszess funktionieren Bewegung, Wahrnehmung und Verarbeitung anders als früher. Ich muss jeden Schritt bewusst steuern, kann Reize nur begrenzt verarbeiten und kann deshalb auch keinem normalen Berufsalltag mehr nachgehen. Wenig äußere Reize, Zeit für meine Bewegungen und ein selbst bestimmter Rhythmus sind für mich keine angenehmen Extras, sondern Voraussetzungen dafür, möglichst stabil zu funktionieren.
Gleichzeitig darf ich nicht unterschätzen, wie stark sich körperliche und neurologische Belastung über viele Tage hinweg aufsummiert. Genau das haben mir die Pyrenäen noch einmal sehr klar vor Augen geführt. Nicht alles, was ich bewältigen kann, ist deshalb automatisch leicht für meinen Körper. Und nicht alles, was körperlich extrem schwer ist, fühlt sich für mich innerlich belastend an.

Die eigentliche Aufgabe beginnt für mich aber nach der Rückkehr. Wie kann ich das, was ich unterwegs über mich gelernt habe, in meinen Alltag zu Hause mitnehmen? Welche Bedingungen tun mir gut? Wo beginnt Überforderung? Welche Form von Bewegung hilft mir? Wie viel Reiz kann ich verarbeiten, bevor es zu viel wird? Und wie kann ich meinen Alltag so gestalten, dass ich nicht ständig gegen meine eigenen Grenzen arbeite?
Mit jeder Reise, mit jedem langen Weg und oft schon mit jeder Fahrt lerne ich etwas Neues über mich. Vielleicht ist genau das einer der größten Unterschiede zu meinem früheren Leben: Ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass mein Körper und mein Nervensystem so funktionieren wie früher oder wie bei den meisten anderen Menschen. Ich muss immer wieder neu verstehen lernen, wie sie heute funktionieren.

Dieses Verstehen ist kein abgeschlossener Prozess. Es gibt keinen Punkt, an dem ich sagen kann: Jetzt weiß ich, wie alles funktioniert. Neue Situationen bringen neue Reaktionen hervor, Bedingungen verändern sich, und manchmal merke ich erst im Nachhinein, was mir geholfen oder was mich überfordert hat. Vielleicht ist genau das mein eigentliches Lernen der vergangenen zehn Jahre: nicht alles wiederherzustellen, was einmal selbstverständlich war, sondern immer besser zu verstehen, wie ich heute funktioniere.
Der HexaTrek war zu Ende. Mein Lernen darüber, wie ich mit meinem Körper und meinem Nervensystem leben kann, geht weiter.
Hier geht es zu den anderen HexaTrek-Berichten:
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Dazu gehören unter anderem eine gestörte Körperwahrnehmung und Bewegungssteuerung, fehlende Automatismen, eingeschränkte körperliche Belastbarkeit sowie Beeinträchtigungen beim Denken, Verarbeiten und Orientieren. Vieles, was für andere selbstverständlich und automatisch geschieht, erfordert bei mir bewusste Aufmerksamkeit und zusätzliche Energie.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Den HexaTrek bin ich in zwei Abschnitten gegangen. 2024 führte mich mein Weg über Stage 1 bis 4 bis nach Carcassonne, wo ich damals meinen HexaTrek beendete. 2026 setzte ich ihn genau dort fort und ging mit Stage 5 und 6 weiter durch die Pyrenäen bis nach Hendaye. Damit war mein Ziel, den gesamten HexaTrek zu gehen, endlich erreicht.
Eigentlich wollte ich den HexaTrek von Anfang an in einem Stück gehen. Doch in Carcassonne musste ich ihn 2024 unterbrechen. Für den Aufbruch in die Pyrenäen war ich inzwischen zu spät im Jahr dran. Nach und nach würden die Hütten schließen, die Versorgung schwieriger werden und ich hätte immer mehr Lebensmittel selbst tragen müssen. Genau das war für mich durch die Folgen des Hirnabszesses nur sehr eingeschränkt möglich.
Damals fiel mir die Entscheidung aufzuhören nicht leicht. Stage 5 und 6 blieben im Kopf. Ich nahm mir vor, zurückzukommen und den Weg bis zum Atlantik fortzusetzen. Schon 2025 wollte ich dieses Vorhaben umsetzen, doch gesundheitliche Probleme machten mir einen Strich durch die Rechnung. Mein Nervensystem spielte nicht mit. Also musste ich noch einmal warten.
Erst 2026 war ich so weit.

Im Nachhinein weiß ich, dass die Entscheidung von 2024 richtig war. Selbst dieses Jahr kam ich mit der Versorgung und vor allem mit dem Gewicht meines Rucksacks immer wieder an meine Grenzen. Später im Jahr, mit bereits geschlossenen Hütten und noch mehr Verpflegung am Rücken, wäre dieser Abschnitt für mich kaum machbar gewesen.
Bei solchen Entscheidungen muss ich meine neurologischen Einschränkungen immer mitdenken. Mein Körper und mein Nervensystem funktionieren heute anders als früher – und in manchen Situationen auch anders als bei den meisten Menschen. Viele dieser Einschränkungen sind unsichtbar. Von außen ist kaum zu erkennen, wie viel Aufmerksamkeit selbst einfache Bewegungen von mir verlangen.
Dadurch wirke ich auf andere manchmal abwesend oder vielleicht sogar ignorant. Dabei ist oft genau das Gegenteil der Fall: Ich bin so sehr damit beschäftigt, meine Bewegung zu kontrollieren, meinen nächsten Schritt zu setzen und mich zu orientieren, dass für meine Umgebung kaum noch Aufmerksamkeit übrig bleibt. Ich nehme Menschen dann nicht bewusst wahr – nicht weil sie mir egal sind, sondern weil meine Aufmerksamkeit in diesem Moment bereits vollständig gebraucht wird.

Am Abend gegen 20 Uhr kam ich in Carcassonne an und nahm mir für die Nacht ein Hotelzimmer. Eigentlich hatte ich geplant, am nächsten Tag noch in der Stadt zu bleiben, mir die Burganlage und ein wenig von Carcassonne anzusehen und mich in Ruhe auf die kommenden Wochen vorzubereiten.
Doch am nächsten Morgen änderte ich meinen Plan. Ich ließ mir trotzdem Zeit, frühstückte, besorgte noch ein paar Dinge für unterwegs und war bis etwa zehn Uhr in der Stadt. Dann wollte ich los.
Also machte ich mich auf den Weg. Der HexaTrek führte direkt durch die beeindruckende Burganlage von Carcassonne, und so bekam ich ganz nebenbei doch noch einiges von der Stadt zu sehen – ohne mich lange dort aufhalten zu müssen.
Schon auf den ersten Kilometern zeigte mir der HexaTrek, was mich in den kommenden Wochen erwarten würde. Es war unheimlich heiß. Das Thermometer bewegte sich irgendwo zwischen 35 und 40 Grad. Ich hatte reichlich Wasser dabei – zumindest glaubte ich das beim Start. Schon auf der ersten Etappe wurde klar, dass es nicht reichen würde.





Also blieb mir nichts anderes übrig, als den Weg zu verlassen und vom Berg in ein Dorf abzusteigen, nur um meine Flaschen wieder aufzufüllen. Dort landete ich mitten in einem Volksfest. Einer der Verantwortlichen kam mit mir ins Gespräch, schenkte mir zwei Orangina und eine Cola. Mit ihm und ein paar anderen Leuten unterhielt ich mich eine ganze Weile, unter anderem auch über meine Geschichte.
Aus einem notwendigen Umweg war plötzlich eine jener kleinen Begegnungen geworden, die mir vom Weitwandern besonders in Erinnerung bleiben.

Mit frisch gefüllten Wasserflaschen machte ich mich wieder auf den Weg nach oben. Im Rückblick war dieser erste Tag bereits ein Vorgeschmack auf die kommenden Wochen. Vieles würde anders kommen als gedacht, manches schwieriger werden als erwartet. Immer wieder musste ich mich auf neue Bedingungen einstellen, Entscheidungen treffen und meinen Weg daran anpassen.
Die ersten drei oder vier Tage führten noch durch das Vorgebirge der Pyrenäen. Die Hitze blieb dabei mein ständiger Begleiter. Kurze Hose und T-Shirt reichten nicht nur untertags, selbst in der Nacht brauchte ich anfangs keine zusätzliche Kleidung. Sogar der Schlafsack war zu warm.
Am fünften Tag ging es erstmals auf über 2.000 Meter hinauf. Damit veränderte sich auch die Landschaft. Aus dem Vorgebirge wurde Hochgebirge – und dort fühlte ich mich sofort wohler. Die heißen Tage weiter unten waren für mich wesentlich unangenehmer gewesen.
Mit dem Wetter hatte ich überhaupt erstaunliches Glück. Über lange Zeit herrschte Sonnenschein, es war warm und selbst hoch oben konnte ich meist in kurzer Kleidung unterwegs sein. Ich hatte eine richtige Schönwetterperiode erwischt. Das machte einen gewaltigen Unterschied. Die steilen und steinigen Wege waren für mich schon unter diesen guten Bedingungen schwierig genug. Bei Regen, Kälte oder länger anhaltendem Schlechtwetter wäre vieles um ein Vielfaches schwieriger geworden.
In diesen ersten Tagen traf ich auch einen HexaTrekker aus Südafrika, etwas älter als ich. Schon sein Rucksack fiel mir auf: Er verwendete beinahe das gleiche Modell wie ich. Nur meiner war noch wesentlich weißer – er war schließlich neu.
Überhaupt erkennen sich Weitwanderer oft auf ihre eigene Art. Die Ausrüstung verrät einiges. Welcher Rucksack, welches Material, wie wenig oder wie viel jemand mit sich trägt. Ein Wanderer sprach mich einmal nur wegen meines Rucksacks aus Dyneema an: „Ah, du bist sicher ein HexaTrekker.“

Mit dem Südafrikaner war ich nur kurze Zeit gemeinsam unterwegs. Dann trennten sich unsere Wege, und ich sah ihn nicht wieder. Später erfuhr ich, dass er den HexaTrek sechs Tage vor mir beendet hatte.
Für ihn spielte dabei auch die Zeit eine Rolle. Als Reisender aus Südafrika war sein Aufenthalt in Europa begrenzt, und er musste darauf achten, den Trail innerhalb dieser Frist zu schaffen.
HexaTrek Stage 5 ist mit fast 600 Kilometern eine lange Etappe und beinhaltet für mich auch den schwierigsten Teil des HexaTrek. Dabei waren es weniger die Kilometer, die den Unterschied machten, sondern die Höhenmeter und vor allem die Beschaffenheit der Wege.
Ein Anstieg mit 1.500 Höhenmetern gehörte beinahe zum normalen Tagesprogramm. Wollte ich wenigstens ein paar Kilometer weiterkommen, blieb es meistens nicht bei diesem einen Anstieg. Nach dem Abstieg wartete oft bereits der nächste Berg. 2.000 bis 2.500 Höhenmeter nur im Aufstieg waren deshalb an vielen Tagen nichts Außergewöhnliches. Sonst standen am Abend vielleicht gerade einmal zehn oder fünfzehn Kilometer auf der Uhr.

Schon bald hörte ich deshalb auf, meine Tagesleistung nur in Kilometern zu betrachten. Die Höhenmeter wurden mindestens genauso wichtig.
Normalerweise habe ich dafür eine einfache Rechnung: Zehn Kilometer bedeuten für mich ungefähr zwei Stunden Gehzeit. Kommen 1.000 Höhenmeter im Aufstieg dazu, rechne ich eine weitere Stunde. Wegen der schwierigen Wege in den Pyrenäen gab ich mir zusätzlich noch etwa eine halbe Stunde Reserve. Mit dieser Rechnung versuchte ich abzuschätzen, was an einem Tag möglich sein könnte.
Dabei verließ ich mich anfangs auf etwas, das sonst meistens gut funktioniert: bergab wieder Zeit gutzumachen. Im Abstieg bin ich normalerweise relativ schnell unterwegs. Was ich bergauf an Zeit verliere, kann ich auf der anderen Seite zumindest teilweise wieder hereinholen.
Nur funktionierte das in den Pyrenäen häufig nicht.
Viele Abstiege waren genauso steil und technisch wie die Aufstiege. Statt einfach bergab gehen zu können, musste ich mich von Stein zu Stein bewegen, den nächsten Tritt suchen und jeden Schritt bewusst setzen. Teilweise war ich bergab kaum schneller als bergauf. Damit gab es keinen Zeitgewinn mehr.
Einmal brauchte ich für gerade einmal 14 Kilometer achteinhalb Stunden. Solche Tage zeigten mir endgültig, dass Kilometer hier kaum etwas darüber aussagten, wie lang oder schwierig ein Tag tatsächlich werden würde.
Auf der Landkarten-App sah alles so schön aus. Vor Ort bewegte ich mich auf steilen Trails über große Steine und Felsblöcke.


Gerade auf den schwierigen Abstiegen durch die Pyrenäen musste ich immer wieder an ein Bild denken, das mich seit meiner Krankheit begleitet.
Noch auf der Intensivstation tauchte immer wieder eine Szene in mir auf, die ich einige Jahre zuvor tatsächlich erlebt hatte: der Eiger Ultra Trail, schwierige Abstiege, von Stein zu Stein, jeder Schritt musste passen, jeder Tritt sitzen.
Damals konnte ich kaum denken und schon gar keine großen Pläne machen. Aber dieses Bild war da. Es war so prägnant in mir geblieben, dass daraus nach und nach etwas wie ein Ziel entstand: Mich eines Tages wieder über solche Wege bewegen zu können.
Zu diesem Zeitpunkt war das eigentlich völlig absurd. Ich konnte nicht einmal selbstständig gehen. Sitzen, aufstehen, Gleichgewicht halten – all das musste ich erst wieder lernen. Gleichzeitig verband ich mit diesem Bild lange noch eine andere Hoffnung: Wenn ich irgendwann wieder so über schwierige Trails gehen könnte, dann müsste eigentlich auch der Rest wieder funktionieren.
Jahre später erreichte ich dieses Ziel tatsächlich auf der Cheval Blanc in den Nordalpen. Ich war damals überglücklich. Dieses Bild von der Intensivstation war Wirklichkeit geworden.

Doch damit war nicht plötzlich alles wieder wie früher.
Spätestens nach dem HexaTrek 2024 wurde mir immer deutlicher, dass ich zwar vieles zurückerobert hatte, aber trotzdem mit bleibenden Einschränkungen lebte. Mein Körper, mein Denken, meine Wahrnehmung und meine Belastbarkeit funktionierten nicht einfach wieder so wie vor der Erkrankung. Vielleicht begann genau dort etwas Neues: nicht mehr darauf zu warten, wieder der Alte zu werden, sondern zu lernen, mit meinen Handicaps wirklich zu leben.
In den Pyrenäen kam das alte Bild noch einmal zurück.
Fast zehn Jahre nach meiner Krankheit bewegte ich mich wieder durch genau jene Art von Gelände, die ich damals vor Augen gehabt hatte. Nicht automatisch und nicht unbeschwert, sondern mit voller Aufmerksamkeit.
Wegen meiner gestörten Propriozeption muss ich jeden Schritt bewusst vorbereiten. Ich muss sehen, wohin ich trete, den Untergrund einschätzen und meine Bewegung gezielt steuern. Gerade deshalb erstaunte mich etwas: Auf all diesen schwierigen Kilometern vertrat ich mich kein einziges Mal.

Zweimal knickte ich um. Beide Male kamen mir gerade Menschen entgegen. Für einen kurzen Moment wanderte ein Teil meiner Aufmerksamkeit zu ihnen – und genau das reichte. Eigentlich hätte ich stehen bleiben müssen.
Vielleicht lag darin die eigentliche Verbindung zu dem alten Bild. Damals auf der Intensivstation konnte ich nur dieses eine Bild sehen: mich irgendwann wieder über schwierige Trails bewegen zu können. Der Weg dorthin bestand jedoch nicht aus einem großen Sprung. Er bestand aus unzähligen kleinen Schritten: sitzen lernen, aufstehen, das Gleichgewicht halten, gehen lernen – und irgendwann wieder sicher über einen Stein steigen.
Auch in den Pyrenäen half es mir nicht, ständig auf den nächsten Pass oder auf das große Ziel zu schauen. Wenn ich an die gesamte Strecke dachte, wurde sie schnell überwältigend. Entscheidend war nur der nächste Schritt. Der nächste sichere Tritt. Dann der nächste.
Das Bild von damals hatte ich längst einmal erreicht. In den Pyrenäen wurde mir aber noch einmal bewusst, wie ich überhaupt dorthin gekommen war: nicht mit einem großen Schritt, sondern mit unzähligen kleinen.
Das Bild kann am Horizont liegen, aber gegangen wird der Weg dort, wo der nächste Fuß aufsetzt.

Nicht meine Ausdauer war das Problem. Die ist durch die vielen Jahre des Gehens in einem hervorragenden Zustand. Was mich ausbremste, waren die fehlende Kraft und die Art der Bewegung, die diese Wege verlangten.
Gerade in den Oberschenkeln fehlt mir seit meinem Hirnabszess viel Kraft. Vor einem großen Stein konnte ich nicht einfach meinen Gehrhythmus beibehalten. Ich musste das Bein anheben, den Fuß aufsetzen und mich nach oben drücken. Und das nicht zehn- oder hundertmal, sondern über Stunden. Von einem Stein zum nächsten, immer wieder das Gleichgewicht finden, den nächsten Tritt suchen und das Körpergewicht nach oben bringen.
Anfangs empfand ich diese vielen Höhenmeter noch als gutes Training. Jeder Schritt nach oben trainierte genau jene Muskulatur, die mir zu Hause hilft, eine Stiege hinaufzukommen oder morgens vom Bett aufzustehen. Diesen Gedanken hatte ich auch später noch im Kopf.
Doch mit Fortdauer der Tage wurde es immer schwieriger. Die Pausen wurden häufiger und irgendwann musste ich mir die langen Anstiege noch kleiner einteilen.
100 Höhenmeter.
Dann stellte ich den Rucksack ab, trank etwas, aß eine Kleinigkeit und machte kurz Pause. Danach die nächsten 100 Höhenmeter. Wieder Rucksack abstellen. Und dann die nächsten 100.
So hangelte ich mich Stück für Stück nach oben. Bei einem Anstieg mit 1.500 Höhenmetern durfte ich nicht daran denken, dass noch 1.200 oder 1.000 vor mir lagen. Die nächste Marke waren 100. Mehr interessierte mich in diesem Moment nicht.
Es ist schwer zu beschreiben, wie anstrengend dieses ständige Steigen und Balancieren über die Steine für mich wurde. Von einem Stein zum nächsten, einen Absatz hinauf, wieder das Bein hochheben, wieder nach oben drücken. Dazu der Rucksack am Rücken – und am nächsten Tag begann alles wieder von vorne.
Irgendwann war das mehr als Training. Ich kam dabei sehr oft an meine Grenzen.




Mein längster und wohl härtester Tag brachte es schließlich auf rund 3.600 Höhenmeter bergauf und 3.900 Höhenmeter bergab.
Und trotzdem blieb der ursprüngliche Gedanke: Vielleicht hilft mir genau dieser Schritt irgendwann zu Hause dabei, eine Stiege etwas leichter hinaufzukommen oder morgens leichter vom Bett aufzustehen.
Tausende Höhenmeter in den Pyrenäen – für etwas so Alltägliches wie eine Stiege oder das Aufstehen vom Bett. Eigentlich absurd.
Eine genaue Etappeneinteilung hatte ich nicht. Jeden Morgen festzulegen, wie weit ich gehen, welche Hütte ich erreichen oder wo ich am Abend schlafen würde, hätte mich überfordert.
Meine Strategie war einfacher: Ich ging jeden Tag so weit, wie ich konnte.
Trotzdem musste ich vorausplanen. Vor allem beim Wasser konnte ich nicht einfach losgehen und darauf vertrauen, dass sich unterwegs schon etwas finden würde. Ich musste wissen, wie lange es ungefähr dauern würde, bis ich wieder an Wasser kam.
Und genau das war nicht immer einfach. Viele eingezeichnete Rast- oder Wasserstellen hatten kein Wasser, andere lagen weiter auseinander als gedacht. Manchmal war die nächste sichere Möglichkeit so weit entfernt, dass ich sehr genau rechnen musste.
Es ging nicht nur darum, wie viel ich bis zur nächsten Quelle trinken würde. Ich musste überlegen: Wie viel Wasser brauche ich noch für den restlichen Tag? Will ich am Abend damit kochen? Wie viel brauche ich während der Nacht und am nächsten Morgen? Und wie weit ist es dann am nächsten Tag bis zur nächsten sicheren Wasserstelle?
Aus einer scheinbar einfachen Frage – wie viel Wasser nehme ich mit? – wurden plötzlich fünf oder sechs Entscheidungen, die voneinander abhingen.
Genau solche Situationen forderten mein Gehirn gewaltig. Körperlich konnte ich stundenlang gehen. Aber mehrere Dinge gleichzeitig vorauszudenken, Mengen abzuschätzen und daraus die richtige Entscheidung für die nächsten Stunden oder sogar den nächsten Morgen zu treffen, kostete mich enorm viel Energie.
Deshalb versuchte ich, den Weg trotz aller notwendigen Planung möglichst klein zu halten. Ich musste wissen, wo ich ungefähr hinwollte und wo ich wieder Wasser oder Essen bekommen konnte. Beim Gehen selbst gab es aber immer nur den nächsten Abschnitt.
Und manchmal nur die nächsten 100 Höhenmeter.
So schwierig das Gehen war, so einfach war mein Tagesablauf: gehen, essen, schlafen.
Beim Weitwandern reduziert sich das Leben auf die elementarsten Dinge. Habe ich genug Wasser? Habe ich etwas zu essen? Wo kann ich schlafen? Viel mehr musste ich nicht wissen.
Gerade diese Einfachheit tut mir gut. Körperlich waren die Tage in den Pyrenäen enorm fordernd, für meinen Kopf war dieses reduzierte Leben dagegen oft eine Erleichterung. Ich musste nicht zehn verschiedene Dinge gleichzeitig organisieren oder ständig zwischen Aufgaben wechseln.
Ich stand am Morgen auf, packte meine Sachen zusammen und ging. Irgendwann musste ich essen. Und irgendwann brauchte ich einen Platz zum Schlafen.
Dann begann am nächsten Morgen alles wieder von vorne.

Ganz ohne Planung ging es auch bei der Verpflegung nicht. Ich musste zumindest einige Tage vorausdenken: Wo bekomme ich wieder Essen? Und wie viel muss ich bis dahin mitnehmen?
Manchmal bedeutete das, Verpflegung für drei, vier oder sogar fünf Tage in den Rucksack zu packen. Wahrscheinlich trug ich öfter mehr mit mir, als unbedingt notwendig gewesen wäre. Aber zu viel Essen war mir lieber als zu wenig. Es gab schließlich Abschnitte, auf denen ich zwei oder drei Tage fast vollständig auf meine eigene Verpflegung angewiesen war.
Mein Gehrhythmus hatte allerdings einen großen Nachteil: Er passte nur selten zu den Küchenöffnungszeiten in Frankreich. Sehr oft kam ich an einer Hütte oder einem Gasthaus vorbei, freute mich auf ein richtiges Essen – und die Küche hatte geschlossen. Es war dasselbe wie auf dem Hexatrek durch die Alpen.
Ich konnte schließlich nicht schneller gehen, nur weil irgendwo die Küche schloss.
Wenn ich Pech hatte, gab es nur noch ein Sandwich mit Käse oder Schinken und etwas zu trinken. Ein richtiges warmes Essen unterwegs blieb deshalb eher die Ausnahme.
Ursprünglich hatte ich vorgehabt, meine Mahlzeiten selbst zusammenzustellen und zu kochen. Schon nach kurzer Zeit merkte ich jedoch, dass mich auch das zusätzlich überforderte. Nach einem langen Tag noch verschiedene Zutaten und Arbeitsschritte koordinieren zu müssen, war für meinen Kopf einfach zu viel.
Also vereinfachte ich auch hier: Trekkingmahlzeit auf, heißes Wasser hinein, warten, essen. Pasta, Rindfleisch mit Püree oder was gerade verfügbar war. Nicht besonders abwechslungsreich, aber einfach.



Besonders Obst wurde unterwegs fast zum Luxus. Hin und wieder bekam ich Zwetschgen oder andere Früchte. Nach mehreren Tagen mit Brot, Sandwiches und Trekkingnahrung schmeckte so etwas unglaublich gut.
Immer öfter gönnte ich mir unterwegs auch eine Cola, wenn ich irgendwo eine bekommen konnte. Für mich funktionierte das gut. Andere Wanderer erzählten immer wieder von Magenproblemen, teilweise im Zusammenhang mit Wasser, das sie unterwegs getrunken hatten. Ich war deshalb lieber vorsichtig und filterte Wasser aus Quellen oder Leitungen entlang des Weges meistens trotzdem.
Damit bin ich sehr gut gefahren. Während der gesamten Zeit hatte ich kein einziges Mal Probleme mit dem Magen.
Auch beim Schlafen wollte ich möglichst wenig planen müssen. Genau dafür hatte ich mein Zelt dabei.
Gab es zufällig einen freien Platz in einer Hütte, nahm ich ihn. Fand ich eines der einfachen Shelter, freute ich mich darüber. Und wenn beides nicht passte, stellte ich mein Zelt auf. Ich musste am Morgen nicht wissen, wo ich am Abend schlafen würde.
Grundsätzlich schlafe ich ohnehin gerne allein im Zelt, oft sogar lieber als in einer vollen Hütte. Doch es gab Nächte mit so starker Kondensation, dass ich am Morgen ein völlig nasses Zelt einpacken musste. Auch mein Schlafsack bekam immer wieder Feuchtigkeit ab.
Sobald untertags die Sonne herauskam, musste ich deshalb stehen bleiben, alles wieder auspacken und Zelt und Schlafsack zum Trocknen ausbreiten. Eine halbe Stunde warten, wieder einpacken und weiter. Denn ich wusste nie, wo ich am Abend landen würde und ob ich meine trockene Ausrüstung wieder brauchen würde.

An einem Morgen ging ich in dichtem Nebel los. Es ging über den Col du Bentaillou. Ich kann mich an praktisch keinen der vielen Namen von Gipfeln, Cols, Hütten und Übergängen erinnern. Zum Glück speichert Google die Positionsdaten zu jedem Foto. Es waren einfach zu viele. Mein Gehirn konnte sie nicht abspeichern.
Aber die Bilder sind geblieben.
An diesem Nebeltag ging es vorbei an alten Minen, hinauf bis auf etwa 2.500 Meter. In alpinem Gelände kam ich immer wieder an alten Gerätschaften vorbei. Für mich kaum vorstellbar, dass Menschen hier oben vor rund 100 Jahren Bergbau betrieben hatten.
Der Nebel verschwand den ganzen Tag nicht. Er war so dicht und feucht, dass es sich irgendwann fast wie Regen anfühlte. Komplett durchnässt erreichte ich schließlich das Refuge Jacques Husson und hatte Glück: Ich bekam gerade noch einen der wenigen Schlafplätze.
Viele Hütten waren lange im Voraus ausgebucht. Immer wieder wurde ich abgewiesen und schlief dann eben im Zelt, manchmal sogar direkt neben der Hütte.
Fast noch lieber waren mir deshalb manchmal die einfachen Shelter. Ein paar Mal hatte ich richtig Glück und fand am Abend einen solchen Unterschlupf ganz für mich allein. Nach einem langen Tag plötzlich ein Dach über dem Kopf zu haben, ohne Reservierung und ohne vorher überhaupt zu wissen, dass dort eine Schlafmöglichkeit auf mich wartete, fühlte sich beinahe wie Luxus an.
Nur ein einfacher Raum, mein Schlafsack und draußen die Pyrenäen.
Mehr brauchte ich nicht.
Besonders im östlichen Teil der Pyrenäen traf ich erstaunlich wenige Menschen. An manchen Tagen war ich stundenlang völlig allein. Der HexaTrek führte oft durch Täler in die Anstiege, die von wenigen Menschen besucht wurden.
Nur an bestimmten Punkten, die leichter erreichbar waren oder von Touristen besucht wurden, änderte sich das kurz. Teilweise verläuft der HexaTrek gemeinsam mit dem GR10. Dort kamen mir häufiger Wanderer entgegen, aber meistens blieb es bei einem kurzen „Bonjour“.
Hin und wieder traf ich andere HexaTrekker. Einige überholte ich, wir wechselten ein paar Worte und dann ging ich wieder weiter.
Dieses viele Alleinsein empfand ich nicht als unangenehm. Im Gegenteil. Ich konnte meinen eigenen Rhythmus gehen, musste mich niemandem anpassen und konnte den Tag so gestalten, wie es mein Körper gerade zuließ.
Interessant war allerdings, wie Menschen reagierten, wenn der HexaTrek zur Sprache kam. Nicht jeder kannte ihn. Wer aber wusste, was dieser Weg bedeutete, reagierte häufig mit erstaunlichem Respekt. Menschen wurden neugierig, fragten nach oder waren besonders zuvorkommend.
Ich merkte: Der HexaTrek hat inzwischen einen Namen.
Für mich selbst bestand er in diesen Momenten allerdings aus etwas ganz anderem.
Meistens sah ich nur den nächsten Anstieg.


So hart diese Tage waren, die Landschaft um mich herum bildete einen unglaublichen Gegenpol. Die Pyrenäen waren wunderschön. Blumen, Pflanzen, unzählige Schmetterlinge und immer wieder Tiere begleiteten mich. Eigentlich fehlten mir nur Bär und Wolf.
In einer Nacht hörte ich in der Ferne sogar ein Heulen. Vielleicht war es ein Wolf, vielleicht auch einer der Hirtenhunde. Ich weiß es nicht.
Es waren diese kleinen Momente, die einen langen und schwierigen Tag wieder in ein anderes Licht rückten. Nach Stunden auf einem steilen Pfad plötzlich stehen zu bleiben und einfach in die Landschaft zu schauen. Einen Schmetterling zu beobachten. Am Abend allein beim Zelt zu sitzen. Die Geräusche der Nacht zu hören.
Die Anstrengung verschwand dadurch nicht. Aber sie bekam einen Gegenpol.

Und trotz dieser enormen körperlichen Anstrengung war dieses Leben für mich in mancher Hinsicht einfacher als zu Hause.
Das klingt zunächst widersprüchlich. In den Pyrenäen ging ich an manchen Tagen Tausende Höhenmeter, balancierte stundenlang über Steine und kam körperlich immer wieder an meine Grenzen. Trotzdem bestand mein Tag im Wesentlichen aus wenigen Dingen: gehen, essen, trinken, schlafen. Die Aufgaben waren schwierig, aber sie waren klar.
Zu Hause kann etwas scheinbar Banales wesentlich schwieriger sein. Nach Graz in die Stadt zu fahren, eine Straßenbahn zu nehmen, zwischen Menschen unterwegs zu sein, Verkehr, Geräusche und Bewegungen gleichzeitig wahrzunehmen und ständig auf neue Situationen reagieren zu müssen – all das kann mein Gehirn stärker fordern als ein langer Tag in den Bergen.
In den Pyrenäen war der nächste Schritt meistens eindeutig. Vor mir lag ein Stein, ein Weg oder ein Anstieg. Ich musste nicht gleichzeitig zehn verschiedene Reize verarbeiten.
Die Pyrenäen waren schwer.
Aber sie waren für mich nicht kompliziert.
Vielleicht ist das einer dieser vielen Gegensätze, aus denen mein Leben seit zehn Jahren besteht. Ich kann stundenlang gehen und Tausende Höhenmeter überwinden – und gleichzeitig kann mich eine Fahrt mit der Straßenbahn durch Graz völlig überfordern. Ich kann tagelang allein durch die Berge ziehen, muss aber bei einer scheinbar einfachen Entscheidung aufpassen, dass sie meinem Kopf nicht zu viel wird.
Vieles davon habe ich selbst lange nicht verstanden. Erst nach und nach, durch Beobachten, Ausprobieren und unzählige Erfahrungen, beginne ich zu erkennen, was funktioniert, was mich überfordert und warum manche scheinbar schwierigen Dinge leichter sind als ganz alltägliche.
Und wenn ich selbst zehn Jahre brauche, um diese Gegensätze langsam zu verstehen – wie soll sie dann jemand anderer auf Anhieb verstehen?
Nach ein oder zwei Wochen begann ich noch etwas anderes zu bemerken. Diese langen Anstiege kamen mir auf eine merkwürdige Weise bekannt vor.
Immer öfter dachte ich an meine Rehabilitation und an die vergangenen zehn Jahre.
Auch meine Rehabilitation war ein langer Weg, bestehend aus unzähligen kleinen Zwischenschritten. Oft wusste ich nicht, wohin sie mich bringen würden. Ich konnte nicht sehen, was irgendwann wieder möglich sein würde.
Das nicht ständig zu hinterfragen, sondern einfach das zu machen, was gerade vor mir lag, war über all die Jahre ein wichtiger Teil meiner Strategie gewesen.
Und genau das half mir jetzt wieder.
Wenn vor mir ein Anstieg mit 1.500 Höhenmetern lag, durfte ich nicht ständig nach oben schauen und daran denken, wie weit es noch war. Tausende kleine Schritte brachten mich Meter um Meter nach oben. Auf der anderen Seite wieder Meter um Meter hinunter.
Mehr musste in diesem Moment nicht passieren.

Eigentlich war es in meiner Rehabilitation genauso gewesen. Als ich nach meinem Hirnabszess wieder ganz am Anfang stand, hätte es keinen Sinn gehabt, daran zu denken, irgendwann kilometerweit zu gehen oder vielleicht sogar wieder Rad zu fahren. Das war meilenweit entfernt und ich wusste nicht einmal, ob ich diese Dinge jemals wieder können würde.
Also blieb nur das, was gerade möglich war.
Der nächste Schritt.
Und danach wieder der nächste.
Vielleicht war genau das eine meiner größten Lernaufgaben der vergangenen zehn Jahre: nicht den ganzen Weg sehen zu müssen. Denn wenn ich ständig auf alles geschaut hätte, was noch vor mir lag, hätte mich die Dimension wahrscheinlich überfordert.
In den Pyrenäen wurde ich daran wieder erinnert. Vor mir lagen Berge, deren Gipfel noch Stunden entfernt waren. Hinter dem Gipfel wartete der Abstieg und danach oft bereits der nächste Anstieg.
Den ganzen Weg auf einmal konnte ich nicht gehen.
Aber den nächsten Schritt schon.
Und irgendwann waren aus diesen kleinen Schritten 1.500 Höhenmeter geworden.
So wie aus vielen kleinen Schritten irgendwann zehn Jahre Rehabilitation wurden.
Unterwegs entschied ich mich in Bagnères-de-Luchon für einen Ruhetag. Nach all den Höhenmetern und den anstrengenden Tagen dachte ich, dass mir ein Tag Pause guttun müsste.
Im Nachhinein betrachtet war es für mich wahrscheinlich die falsche Entscheidung.
Der Ruhetag brachte mich aus meinem Rhythmus. Dieses tägliche Aufstehen, Rucksack packen und Losgehen war inzwischen zu meinem Ablauf geworden. Nach einem Tag Pause wieder einzusteigen, fiel mir schwerer, als einfach weiterzugehen.
Auch das war wieder einer dieser Gegensätze, die ich unterwegs erst verstehen musste: Eine Pause muss nicht automatisch Erholung bedeuten. Für mich war in diesem Moment der Rhythmus wichtiger.





Gegen Ende von HexaTrek Stage 5 kam noch ein ganz anderes Problem dazu. Meine Hoka hatten mich bis dahin hervorragend durch die Pyrenäen getragen. Sie fühlten sich an meinen Füßen beinahe wie Hausschuhe an. Ich stand sicher darin, sie hafteten gut und ich wusste genau, wie sie sich auf schwierigem Untergrund verhalten.
Auf den letzten 20 oder 30 Kilometern merkte ich allerdings, dass der Gehkomfort immer schlechter wurde. Die Dämpfung war praktisch zusammengebrochen und plötzlich spürte ich jeden einzelnen Stein unter meinen Füßen.
Für diese Beanspruchung hatten die Schuhe trotzdem erstaunlich gut gehalten. Auf dem Camino Francés hatte ich ein Paar schon etwa 1.400 Kilometer getragen. Aber die Pyrenäen waren etwas anderes: unzählige Steine, steile Auf- und Abstiege und dazu das Gewicht meines Rucksacks. Mit rund 600 Kilometern war ich deshalb mehr als zufrieden.
Nur brauchte ich jetzt dringend Ersatz.
In Loudenvielle fand ich ein gut sortiertes Sportgeschäft und probierte bestimmt zehn verschiedene Paar Schuhe. Sogar mein Hoka-Modell gab es in meiner Größe – allerdings nicht in der Wide-Version. Die normale Version ist für meinen Fuß zu eng. Also ließ ich sie stehen.
Nach inzwischen rund 75.000 Kilometern zu Fuß kenne ich meine Füße ziemlich gut. Ich weiß, was funktioniert und was auf Dauer Probleme bereitet. Gerade auf einem Weg wie diesem wollte ich deshalb keinen Kompromiss eingehen, bei dem ich schon im Geschäft wusste, dass der Schuh eigentlich nicht passt.
Also blieb mir nichts anderes übrig, als mit meinen alten Hoka noch über den nächsten Berg bis nach Saint-Lary-Soulan weiterzugehen.
Dort begann die Suche von vorne. In drei Sportgeschäften probierte ich weiter, bis ich schließlich einen Adidas fand. Er war breit genug und von allen verfügbaren Schuhen die beste Alternative.
Perfekt war auch er nicht. Einige Druckstellen bekam ich bis zum Ende des HexaTrek nicht wirklich in den Griff. Blasen hatte ich zum Glück keine.
Aber ich konnte damit weitergehen.
Und das war entscheidend.
In Saint-Lary-Soulan endete für mich Stage 5 des HexaTrek. Rund 600 Kilometer durch die Pyrenäen lagen hinter mir – mit Hitze, unzähligen Höhenmetern, langen Anstiegen und vielen Stunden auf steinigen Wegen.
Stage 5 hatte mich körperlich und mental deutlich mehr gefordert, als ich erwartet hatte. Gleichzeitig hatte sie mich an etwas erinnert, das mich schon durch die vergangenen zehn Jahre begleitet: Ich musste nie den ganzen Weg auf einmal schaffen. An manchen Tagen reichten die nächsten 100 Höhenmeter, manchmal nur der nächste sichere Schritt.
In den letzten Tagen hatte ich deshalb immer öfter an Stage 6 und die Westpyrenäen gedacht. Die Berge dort waren niedriger, und in meinem Kopf entstand das Bild von weit geschwungenen Wiesenhängen und Wegen, auf denen das Gehen endlich wieder etwas einfacher werden würde.
Nach all dem Balancieren über Steine freute ich mich darauf.
In Saint-Lary-Soulan begann Stage 6, des Hexatrek, rund 400 km, bis zum Ende in Hendaye. Neue Schuhe an den Füßen, niedrigere Berge vor mir – und die Hoffnung, dass nun der leichtere Teil kommen würde.
Ich sollte mich täuschen.
Hier geht’s zu den anderen HexaTrek Berichten:
HexaTrek Stage 1 Vogesen, Jura
HexaTrek Stage 4 Ardeche, Sevennen
HexaTrek Stage 6 kommt demnächst
HexaTrek und Ausrüstung kommt demnächst
Wenn ich heute an meine ersten Caminos zurückdenke, dann sehe ich nicht nur die Wege, die Landschaften und die Begegnungen vor mir. Ich sehe auch die Ausrüstung, mit der ich damals unterwegs war, und ich merke, wie sehr auch sie ein Teil dieses ganzen Weges geworden ist.
Vieles davon war aus heutiger Sicht alles andere als optimal. Manche Dinge waren zu schwer, andere unpraktisch, und einiges hatte ich einfach dabei, weil ich es nicht besser wusste. Und trotzdem gehört genau diese Ausrüstung zu meinen Anfängen. Ohne sie hätte ich diese ersten Schritte so nicht gemacht.
Mit der Zeit hat sich vieles verändert. Nicht plötzlich, nicht von heute auf morgen, sondern langsam, beinahe unmerklich. Mit jedem Camino, mit jeder Nacht draußen und mit jeder neuen Erfahrung wurde mir ein Stück klarer, worauf es mir wirklich ankommt. Heute wähle ich meine Ausrüstung bewusster aus. Nicht, weil ich alles perfektionieren möchte, sondern weil ich gelernt habe zu verstehen, was ich wirklich brauche – und was nicht.
In diesem Beitrag möchte ich genau diesen Weg zeigen. Den Weg meiner Ausrüstung. Von den ersten, noch einfachen und oft auch schweren Setups bis hin zu dem Punkt, an dem ich heute stehe. Denn oft sind es nicht nur die Wege selbst, die einen verändern, sondern auch die Dinge, die man Tag für Tag auf dem Rücken trägt.

Zweieinhalb Jahre nach meinem Hirnabszess kam ein Punkt, an dem ich nicht mehr konnte. Ich brauchte eine Auszeit. Nach all den Therapien, der Reha und diesem ständigen Kampf zurück ins Leben war da dieser Wunsch, einfach fortzugehen.
Ich musste zu diesem Zeitpunkt noch immer gehen lernen. Vieles war unsicher, vieles funktionierte nicht so, wie ich es gewohnt war. Selbst einfache Dinge wie Stufen hinunterzugehen waren schwierig, weil mir Kraft, Gleichgewicht und Sicherheit fehlten.
Eigentlich hätte mein Zustand es kaum zugelassen, überhaupt einen Rucksack zu tragen. Und trotzdem war da dieser Wunsch, loszugehen.
Ich erinnerte mich an den Jakobsweg. Kurz vor dem Hirnabszess hatte ich einen Filmauftrag dazu bekommen. Dieser Gedanke kam wieder zurück, und aus ihm entstand etwas Neues. Es war kein großer Plan, eher ein innerer Impuls. Aber genau dieser Impuls wurde zum Startschuss.
Nicht nur fürs Pilgern und Weitwandern, sondern auch für das Gehen selbst. Und für die Auseinandersetzung mit der Ausrüstung.
Gerade diese Beschäftigung mit der Ausrüstung wurde für mich zu etwas sehr Wertvollem. Ich musste mich mit einzelnen Dingen auseinandersetzen, Entscheidungen treffen, überlegen, was ich wirklich brauche und was nicht. Schritt für Schritt. Auch das war Therapie.
In dieser Zeit fiel es mir oft schwer, neue Dinge zu organisieren oder mich intensiv mit Details zu beschäftigen. Deshalb griff ich auf vieles zurück, was ich bereits hatte.
Der Begriff „Ultralight“ spielte für mich damals noch keine wirkliche Rolle, auch wenn Gewicht schon früher ein Thema gewesen ist. Vor allem durch meine Arbeit bei Filmprojekten und die Begleitung der Radzwillinge wusste ich, dass jedes zusätzliche Kilo irgendwann spürbar wird.
Ich nutzte unter anderem einen neun Jahre alten Rucksack, den ich mir damals in den USA gekauft hatte, um die Radzwillinge auf den Gipfel des Mt. Whitney zu begleiten und zu Filmen. Es war einer der ersten leichten Ultra-Light Rucksäcke, die es gab. Ich hatte ihn bei zahlreichen Einsätzen dabei.




Trotzdem war meine Ausrüstung auf den ersten Caminos weit entfernt von dem, was ich heute mitnehmen würde. Ich nahm das mit, was da war, was funktionierte und was es mir überhaupt ermöglichte, loszugehen.
Es war keine perfekt abgestimmte Ausrüstung. Aber sie war ausreichend.
Und genau das war entscheidend.

Diese ersten Caminos waren für mich viel mehr als nur Wege. Sie waren meine ersten echten Schritte zurück ins Leben. Mit wenig Kraft, mit vielen Einschränkungen, aber mit einem großen Willen, wieder vorwärtszukommen.
Rückblickend hat vieles von dem, was ich damals dabeihatte, funktioniert. Sonst wäre ich nicht unterwegs gewesen. Und doch habe ich relativ schnell gemerkt, dass funktionierende Ausrüstung nicht automatisch gute Ausrüstung ist.
Gerade durch meinen körperlichen Zustand entstand eine besondere Situation. Einerseits wollte ich Gewicht sparen, andererseits brauchte ich in manchen Bereichen mehr als andere. Vor allem bei der Kleidung wollte ich auf der sicheren Seite sein, weil ich nie genau wusste, wie mein Körper reagieren würde. Mir war schneller kalt, vieles war unsicher, und ich wollte Reserven dabeihaben.
So war meine Ausrüstung am Anfang oft ein Kompromiss. Zwischen dem Wunsch, leicht unterwegs zu sein, und der Notwendigkeit, auf meinen Körper Rücksicht zu nehmen.
Mit der Zeit begann ich, mir andere Fragen zu stellen. Nicht nur: Wie viel wiegt etwas? Sondern auch:
Was bringt es mir wirklich?
Was gibt mir Sicherheit?
Und was trage ich vielleicht nur aus Gewohnheit mit?

Genau an diesem Punkt begann die eigentliche Entwicklung.
Mit jedem weiteren Camino und jeder längeren Tour wurde meine Ausrüstung ein Stück durchdachter. Am Anfang nahm ich vor allem das mit, was ich hatte oder was in meiner damaligen Situation möglich war. Denn bei Ultra-Light handelt es sich auch oft um den Preis. Später begann ich immer mehr zu hinterfragen und bewusste Entscheidungen zu treffen.
Gerade beim Weitwandern mit Zelt, Schlafsack und Kochausrüstung wurde mir schnell klar, wie viel Einfluss diese großen Bereiche auf das Gesamtgewicht haben. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass es nicht nur darum geht, immer leichter zu werden. Es geht darum, dass die Ausrüstung zum eigenen Körper, zum Weg und zur jeweiligen Situation passen muss.
Am Anfang war es für mich wichtig, überhaupt ein Zelt dabeizuhaben. Es ging um Schutz, um Sicherheit, um die Möglichkeit, draußen übernachten zu können.
Mit der Zeit haben sich meine Ansprüche verändert. Gewicht, Packmaß und vor allem ein einfacher Aufbau wurden immer wichtiger. Denn wenn man jeden Tag unterwegs ist, merkt man schnell, ob etwas nur irgendwie funktioniert oder ob es einem den Alltag tatsächlich erleichtert.
Heute ist das Zelt für mich nicht mehr nur ein Schutzraum, sondern ein durchdachter Teil meines Systems.



Zu Beginn nutzte ich noch einen Schlafsack aus meiner Zeit vor dem Hirnabszess, einen leichten Northland mit rund 420 Gramm. Ein Schlafsack, der mich lange begleitet hat und mit dem ich viele Nächte draußen verbracht habe.
Doch nach meinem zweiten Camino begann ich, auch hier umzudenken.
Ich entschied mich schließlich für den Sea to Summit Spark I. Mit seinen 350 Gramm ist er noch einmal leichter und gleichzeitig genau auf das reduziert, was ich wirklich brauche.

Dieser Schlafsack begleitet mich seither auf vielen Wegen – am Walkabout, beim JOGLE, am Hexatrek und darüber hinaus.
Für kältere Bedingungen nutze ich zusätzlich den Spark II. Denn gerade im Winter zeigt sich schnell, wie wichtig es ist, die richtige Ausrüstung zur richtigen Zeit dabeizuhaben.

Auch bei der Kochausrüstung hat sich im Laufe der Zeit einiges verändert. Wenn man alles selbst trägt, wird jedes einzelne Teil irgendwann zur Frage.
Je nach Tour koche ich entweder mit Gas oder mit Spiritus. Gas ist für mich die einfachere und verlässlichere Lösung, während Spiritus mehr Aufmerksamkeit und ein ruhigeres Arbeiten erfordert. Manchmal kein leichtes Unterfangen bei meiner schlechten Feinmotorik.


Auf den Caminos in Spanien gehe ich noch einen Schritt weiter und verzichte beinahe ganz auf das Kochen. Bei den vielen Cafés und Restaurants unterwegs kein Problem.
Diese Entscheidung reduziert nicht nur das Gewicht, sondern verändert auch die Art des Unterwegsseins. Es wird für mich einfacher.

Denn alles, was ich nicht tragen muss, macht jeden Schritt ein wenig leichter.
Meine Ausrüstung lässt sich nicht nur beschreiben, sondern auch konkret nachvollziehen.
Hier findest du einige meiner Setups aus verschiedenen Phasen:
Für mich sind diese Listen mehr als reine Aufstellungen. Sie zeigen meinen Weg. Man erkennt darin, wie sich Prioritäten verschieben und wie aus einer eher pragmatischen Ausrüstung nach und nach ein stimmiges Gesamtsystem entsteht.
Besonders deutlich wird die Qualität der eigenen Ausrüstung im Winter.
Kälte, kürzere Tage und oft auch mehr Unsicherheit verlangen nach einem guten Gleichgewicht zwischen Reduktion und Verlässlichkeit. Gerade hier reicht es nicht, einfach nur leicht unterwegs sein zu wollen. Die Ausrüstung muss funktionieren.
Und doch war es für mich spannend zu sehen, dass ich auch unter diesen Bedingungen mit der Zeit immer bewusster und leichter unterwegs sein konnte.
Ein Wintercamino mit rund drei Kilogramm Basisgewicht wäre für mich früher kaum vorstellbar gewesen. Nicht, weil ich es nicht gewollt hätte, sondern weil mir die Erfahrung gefehlt hat.

Der Weg selbst hat mir gezeigt, was möglich ist.
Wenn ich heute auf meine Camino- und Weitwanderausrüstung zurückblicke, dann sehe ich nicht nur einzelne Gegenstände. Ich sehe meinen eigenen Weg darin.
Ich sehe, wie sich mit den Jahren nicht nur meine Ausrüstung verändert hat, sondern auch mein Blick auf das Wesentliche.
Am Anfang ging es darum, überhaupt loszugehen. Mit dem, was da war. Später begann ich zu verstehen, was ich wirklich brauche – und was nur Ballast ist. Nicht nur im Rucksack, sondern manchmal auch im Kopf.
Mit jedem weiteren Weg wurde meine Ausrüstung einfacher, stimmiger und bewusster. Nicht perfekt, aber passend.
Denn gute Ausrüstung muss nicht beeindrucken. Sie muss tragen, entlasten und zum eigenen Weg passen.

Gerade nach allem, was ich erlebt habe, hat dieses Thema eine tiefere Bedeutung bekommen. Es geht nicht nur um Gramm oder Materialien. Es geht auch um Freiheit, Selbstständigkeit und Vertrauen.
So ist meine Ausrüstung heute nicht einfach nur leichter geworden. Sie ist aus vielen Erfahrungen entstanden. Aus Versuchen, aus Fehlern und aus unzähligen Tagen draußen.
Und sie wird sich weiter verändern. So wie sich Wege verändern. So wie man sich selbst verändert.
Am Ende ist Ausrüstung für mich mehr als das, was ich auf dem Rücken trage.
Sie ist ein Teil meines Weges geworden.
Und vielleicht ist genau das das Schönste daran:
Dass man mit jedem Schritt nicht nur weitergeht, sondern auch klarer sieht, was man wirklich braucht - am Weg, wie im Leben!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Was vor Jahren als Neuanfang begann, ist heute eine Reise, die weit über das Gehen hinausgeht. Mein Camino Integrale wird mich von der eigenen Haustür bis nach Finesterre führen. 3.500 Kilometer zu Fuß, durch die Natur, über Berge und durch Städte. Dazwischen, die letzten Etappen des HexaTrek, durch die Pyrenäen, die mir noch fehlen.
Der Hirnabszess wirkte wie das Ende, aber es wurde zum Anfang eines Lebens, das ich Schritt für Schritt neu zusammensetzen musste.
Körperlich. Geistig. Innerlich.
Gewonnen habe ich schon jetzt, denn zu (Über-)Leben ist mein größter Gewinn geworden. Allerdings liegt ein weiter Raum zwischen dem bloßen Überleben und dem wirklichen Leben. Akzeptieren wie es ist, bleibt ein wichtiger Bestandteil, doch ich werde nie hinnehmen, dass es so bleiben muss. Das ist Teil meiner Motivation.
Der Camino Integrale ist kein klassischer Jakobsweg, wie der Name vielleicht darauf hindeutet. Denn es ist ein Weg, den ich für mich einfach so genannt habe.
Ein Weg des Erinnerns, des Reduzierens, des Wiederfindens.
Ein Weg, der verbinden soll, was lange getrennt war: Körper und Geist – mit dem Leben selbst.
Seit neun Jahren versuche ich Grenzen zu verschieben und ins Leben zu kommen. Ob und wie weit dieser Weg wirklich wird, weiß ich noch immer nicht.
Der Weg nach Finesterre wird in jedem Fall ein weiterer wichtiger Schritt sein, denn im Gehen bin ich bei mir und lebe am besten mit den Handicaps.

Der Camino Integrale – diesen Pilgerweg gibt es nicht dem Namen nach, er existiert nur in meinem Kopf. Integral bedeutet „ein Ganzes ausmachend“, „vollständig“, „unversehrt“ oder auch „nicht geteilt“. Genau deshalb habe ich dieser Reise diese Überschrift gegeben. Es ist für mich weit mehr als nur ein Pilgerweg. Denn er beschreibt meinen Versuch, seit nunmehr neun Jahren die Bruchstücke meines Lebens wieder zu einem Ganzen zu fügen.

Vor einigen Jahren hatte ich einen Hirnabszess, der vieles verändert hat, körperlich wie geistig. Seitdem ist nichts mehr selbstverständlich. Auch das Gehen nicht. Koordination, Körperwahrnehmung, Gleichgewicht, alles musste ich mir mühsam zurückholen und muss weiterhin täglich daran arbeiten, es zu erhalten.
Jeder Weg seither ist eine Übung, jede Wanderung ein Stück mehr Selbstermächtigung. Die Rückeroberung von etwas, das einst selbstverständlich war. Wer macht sich schon Gedanken, über das eigene Gehen oder wie von einem Sessel aufstehen.
„Integrale“ steht dabei für das Ganze – für einen Weg, der
Es ist mein Weg durch Städte und Natur, durch Berge und Erinnerungen, durch Gegenwart und Vergangenheit.

Im Camino Integrale verbinden sich:
– meine therapeutischen Schritte, mit meinem inneren Ruf, weiterzugehen.
– das medizinisch Notwendige, mit dem spirituell Heilsamen.
– das Leben danach, mit dem Menschen, der ich immer war – und der ich wieder werden möchte.

Der Entschluss begann vor langer Zeit in mir zu reifen:
Im Juli breche ich zu Fuß auf – von zu Hause bis nach Santiago de Compostela, genauer gesagt: bis Finesterre. Kein Flug, kein Zug, kein Bus. Ich möchte den ganzen Weg gehen. Vom ersten Schritt an, bis zum Ende.
Die Idee dazu begleitet mich seit meinem ersten Camino 2018. Damals begegnete ich einem Ehepaar aus Holland, das direkt vor der eigenen Haustür gestartet ist. Diese Begegnung hat sich tief in mir eingeprägt und hat mich nie mehr losgelassen.
Seitdem ist da dieser Gedanke:
Eines Tages werde ich das auch tun.
Nicht irgendwo einsteigen – sondern zu Hause die Tür hinter mir schließen und losgehen. Dann kam die Pandemie. Der Walkabout 2021 war mein erster Versuch und eine einzigartige Erfahrung, hinter mir die Tür zuzuschließen, zu gehen und zwei Monaten später, sie wieder aufzuschließen.
Und jetzt ist dieser neue Moment gekommen.
Die Zeit ist reif, der Gedanke ist gereift – und der Weg ruft.
Ich werde gehen. Von zu Hause aus. Schritt für Schritt, hinein in das, was vor mir liegt:
mein ganz persönlicher Camino Integrale.
Ich werde wieder leicht gehen. Über die Jahre habe ich meine Ausrüstung immer weiter reduziert, angepasst, verfeinert. Jedes Teil, das ich mitnehme, ist erprobt und sorgfältig ausgewählt.
Nicht nur im Rucksack, sondern auch im Kopf. Ich habe gelernt: Vorbereitung ist mehr als eine Packliste.
Anfangs schleppte ich manches mit, das ich nicht brauchte. Dinge, die mir vermeintlich Sicherheit geben sollten. Doch Sicherheit entsteht nicht durch Gewicht, sie wächst mit der Erfahrung und dem Vertrauen, sich den Bedingungen anpassen zu können.
Allein um im Zelt wirklich schlafen zu können, brauchte ich Jahre. Jahre, in denen ich nicht nur mich, sondern auch meine Ausrüstung Schritt für Schritt weiterentwickeln musste.
Zum Grammzähler wurde ich nicht aus Prinzip, sondern aus Notwendigkeit. In vielem verwende ich die gleichen Dinge wie früher, aber eben leichter.

Mein gesamter Rucksack wurde mit diesen Optimierungen in vielen Bereichen um bis zu einen Kilogramm leichter. Das klingt nicht nach viel, ist für mich mit der Muskelschwäche aber enorm.
Heute weiß ich: Weniger ist oft mehr.
Ultralight ist für mich keine Mode, es ist Voraussetzung. Da ich nicht laufen kann, brauche ich trotzdem mehr zum Anziehen oder Wetterschutz. Trotz mehr Ausrüstung, bringe ich es auf knapp 5 Kilogramm Basisgewicht.
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Es wird nicht der direkte Weg nach Santiago werden.
Denn mich zieht es in die Berge. Genauer gesagt, in die Pyrenäen. Dort baue ich zwei Etappen des HexaTrek ein, die Abschnitte fünf und sechs, die ich ja noch nicht gegangen bin. Ein Umweg, ja. Aber vor allem ein Herzstück meiner Tour.

2.000 Kilometer HexaTrek liegen bereits hinter mir.
Was noch offen ist, sind die letzten 1.000 km – durch die Pyrenäen.
Diesmal will ich sie gehen und sie mit dem Weg nach Santiago verbinden. Der Jakobsweg beginnt für mich zu Hause, nicht erst in Frankreich. Er führt über Le Puy-en-Velay, dorthin, wo der Hexatrek ganz nah ist, weiter bis nach Carcassonne.
Wie bei all meinen Wegen gilt auch diesmal:
Die genaue Strecke entscheide ich unterwegs.
Ich laufe nicht nach Plan, sondern nach Gefühl.
Und wenn ich spüre, dass es genug ist,
dann höre ich auf – ganz gleich, wo ich gerade bin.
Denn es geht nicht ums Ankommen.
Es geht für mich darum, unterwegs zu sein.
An oberster Stelle steht für mich immer noch, eine gute Zeit in Freude zu verbringen. Jeder Tag seit dem Hirnabszess ist ein gewonnener Tag und so soll es bleiben. Kampf und Krampf wäre das falsche Signal an meinen Körper.
Weil es mir nicht nur ums Ziel geht – sondern um den Weg dorthin.
Ich suche keine kürzeste Verbindung mehr. Ich suche Erfahrung.
Und die finde ich vor allem dort, wo es still wird.
In den Bergen. In den Weiten. In der Natur.
Dort, wo jeder Schritt fordert und zugleich etwas zurückgibt.
Letztes Jahr, in den Alpen, habe ich ein Ziel erreicht, das sich 2016 im Krankenhaus geformt hat.
Ich hatte durch den Hirnabszess meine Propriozeption beschädigt, aber in meinem Kopf liefen Bilder vom Eiger Ultra Trail.
Wie ich vom höchsten Punkt, dem Faulhorn, über die steilen Felshänge hinuntersprang.
Für mich war das: Propriozeption in Bestform.
Und ich dachte: Wenn ich das je wieder schaffe, dann funktioniert auch alles andere.

Der Gedanke war gut, aber es sollte nicht ganz so kommen.
Letztes Jahr, am HexaTrek – in den Nordalpen, mit Blick auf den Mont Blanc – kam ich diesem inneren Bild erstaunlich nahe. Die Tage rund um die Cheval Blanc wurden zu einem Meilenstein meiner Rehabilitation. Körperlich. Mental.
Trotzdem musste ich erkennen:
Ich habe nur einen Teil davon erreicht. Und den mit Abstrichen.
Es war wichtig. Aber ich habe zu verstehen, es ist noch nicht das Ende. Das Gefühl in den Beinen ist nicht zurückgekommen. Jeder Schritt fordert das Gehirn - ob ich am Berg gehe oder durch de Stadt.
Denn Heilung ist kein Gipfel.
Es bleibt ein Weg und sogar ein längerer, als gedacht.

Ich habe dort ein körperliches Ziel erreicht – eines, das ich mir im Krankenhaus gesetzt hatte. Aber heil bin ich deshalb noch lange nicht.
Körperliche Fortschritte sind sichtbar, spürbar – und doch ist da mehr, das bleibt zum Heil werden.
Denn Heil(ung) ist kein Punkt auf der Landkarte.
Es ist ein Weg, der tiefer führt. Einer, den ich auch innen gehen muss. Das spüre ich umso mehr, je länger es dauert.
Das zehnte Jahr nach dem Hirnabszess hat begonnen. Seit vorigem Jahr kann ich immer öfter über mehr Dinge nachdenken, was ich bisher nicht konnte. Aber ich muss aufpassen, möchte kein Trauma wecken. Besonders die Zeit bis zwei, drei Jahre nach dem Hirnabszess belastet mich noch. Daher habe ich auch das Buchschreiben hintangestellt, denn das Schreiben kann Traumen auslösen.
Mein Weg ist mehr ein geistiger geworden, ein Weg der Verarbeitung, des Verstehens, des Wachsens.
Ich bin weiter als früher. Aber noch nicht am Ende. Vielleicht auch nie.
Mein Weg ist ein leises, fortwährendes Lernen. Schritt für Schritt. Es verändert sich beinahe täglich und wöchentlich. Ich kann seit heuer gedanklich vieles besser verarbeiten, muss aber aufpassen, nicht im Denken stecken zu bleiben.
Bis zum Aufbrechen, steht noch ein medizinischer Abschnitt an: die nächste Etappe meiner Zahnsanierung. Und es ist wirklich eine Etappe.
Durch den Hirnabszess mussten mir mehrere Zähne gezogen werden. Ein Teil konnte bereits ersetzt, saniert und repariert werden, doch einiges blieb offen. Nun, im Mai und Juni, folgten wieder mehrere Sitzungen.
Auch das ist kein Abschluss, sondern ein weiterer Schritt – einer von vielen auf meinem Weg zurück zu mehr Ganzheit.
Das gehört auch zu meinem Camino Integrale:
nicht nur draußen unterwegs zu sein, sondern auch im eigenen Körper wieder Heimat zu finden.

Ein Punkt, der mich gerade stark beschäftigt:
Mein Gehirn reagiert verzögert – in der Koordination, in der Reizverarbeitung, im Gleichgewicht.
Es ist keine Überraschung. Und doch immer wieder eine Erinnerung:
Mein Nervensystem bleibt empfindlich und reagiert schnell. Nicht immer zum Positiven.
Ich weiß, was das unterwegs bedeuten kann.
Zu viele Reize. Kognitive Erschöpfung. Wackelige Tage,
an denen die Tiefensensibilität nachlässt.
Ich bin nicht stabil im klassischen Sinn – nicht jeden Tag gleich belastbar.
Nicht planbar. Nicht zuverlässig im Funktionieren.
Gerade deshalb arbeite ich weiter an mir.
An mehr Stabilität – außen wie innen.
Nicht, um wieder zu „funktionieren“,
sondern um freier gehen zu können. Schritt für Schritt.

Denn "draußen" am Trail, fühle ich mich meist wohl und kann auf meine Grenzen achten. Aber ein wichtiger Teil meines Lebens findet auch daheim statt. Und dort stoße oft ich an Grenzen.
Dann beende ich den Tag früher oder wenn es genug ist. Zuhause gehe ich zu oft über meine Grenzen. Mit dem Zug heimfahren, Einkaufen gehen, unter zu vielen Menschen. Kleinigkeiten für die meisten, für mich schwierig zu händeln.

Sicherheit ist für mich kein äußerer Zustand mehr, es ist etwas Inneres geworden. Ich kann nicht alles kontrollieren. Aber ich kann lernen, mir selbst zu vertrauen – in der Bewegung, in der Pause, in der Entscheidung, wann es weitergeht und wann es genug ist.
Ich habe in den letzten Jahren oft erlebt, dass mein Körper mehr kann, als ich mir zutraue und ich ihn nicht überfordere. Und ich habe erfahren, dass Vertrauen nicht auf einmal da ist. Es wächst. In kleinen Schritten. Umso mehr ich ins Leben komme, desto mehr Vertrauen wächst.
Eine meiner Aufgaben ist es, mich intensiv mit meinem Nervensystem zu beschäftigen – denn darin sind noch viele Traumata gespeichert.
Sie zeigen sich auf unterschiedliche Weise: in der Bewegung, besonders in der Halbseitenlähmung, aber auch darin, wie ich auf bestimmte Situationen reagiere.
Genau darum geht es für mich auf diesem Weg:
Nicht alles im Griff zu haben, sondern immer wieder in Verbindung zu treten – mit mir selbst, mit der Natur, mit dem Moment.
Vielleicht ist das die tiefste Form von Sicherheit, die ich kennenlernen kann:
Nicht, dass nichts passiert, sondern dass ich in allem, was passiert, bei mir bleiben kann. Auf dem Camino kann ich dass üben, ohne gleich überfordert zu sein.
Vielleicht werde ich am Camino Integrale an meine Grenzen stoßen. Vielleicht öfter, als ich es mir wünsche.
Aber genau deshalb gehe ich. Nicht, weil alles sicher ist – sondern weil ich wachsen möchte, im Vertrauen.
Vertrauen in meinen Körper und in andere.
Vertrauen in den Weg.
Vertrauen, dass ich mit allem, was kommt, Schritt für Schritt umgehen kann.

Über drei Monate – im Juli, August, September, vielleicht noch im Oktober – liegen vor mir.
Eine Zeit des Gehens, des Draußen Seins, der Begegnungen und des Alleinseins.
Ich gehe nicht, um anzukommen.
Ich gehe, um unterwegs zu sein.
Das Gehen gibt mir Sinn – und ich finde mich selbst darin wieder.
Es hilft mir, mit der Situation klarzukommen. Es lässt mich weitermachen, Schritt für Schritt.
Ohne das Gehen wäre ich nie so weit gekommen.
Jeder Camino, jeder Weitwanderweg hatte seinen Sinn bisher und seinen ganz eigenen Platz in meinem Leben.
Manchmal traue ich mir kaum auszumalen, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich diesen Weg nicht gegangen wäre und in Zukunft weitergehe.
Das größte Abenteuer ist das Kennenlernen von sich selbst!
Der Weg beginnt vor meiner Haustür.
Alles Weitere wird sich ergeben.
Schritt für Schritt - der Camino Integrale!

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
In Viviers, welches an der Rhone liegt, beginnt der 4. Abschnitt des Hexatrek. Der Süden Frankreichs, mit der Ardeche und den Cevennen, warten auf mich.
Die Alpen liegen hinter mir und ich überlege kurz, hier abzubrechen und nach Hause zu fahren. Ich habe meine Ziele erreicht, allerdings überwiegt die Freude hier zu sein und den Hexatrek vielleicht zu vollenden. So gehe ich nach einem Ruhetag in Le Chateaneuf weiter und freue mich auf die Ardeche.

Vor zwölf Jahren war ich schon einmal hier – damals für Filmaufnahmen. In meiner Erinnerung trug mich ein schmaler Pfad durch die Schlucht, von Felsen umrahmt. Doch das, was mich heute erwartet, fordert mich bald mehr, als mir lieb ist. Nach rund dreißig Kilometern beginnt der Abstieg hinab, ganz tief in den Schlund der Schlucht. Zunächst freue ich mich noch auf diesen Weg, ahne jedoch nicht, wie sehr er mich fordern wird.
Auf dem Wasser sind viele Kajaks und Rafting Boote unterwegs und geben ein buntes Bild ab. Der Fluss wird rechts und links von hohen Felswänden eingerahmt und ein Durchkommen zu Fuß erscheint unmöglich. Ich finde Markierungen und kämpfe mich Meter für Meter vorwärts. Und Kämpfen ist der richtige Ausdruck. Tiefe, sandige Passagen wechseln mit dem Springen von Stein zu Stein ab.
Seit dem Hirnabszess versuche ich es zu vermeiden zu Kämpfen, alles soll mit einer Leichtigkeit passieren und einfach sein. Hier stoße ich aber an Grenzen, die für mich zu hoch sind. An einer Stelle steht auf den Fels geschrieben: "Ab hier müssen sie klettern". Allerdings ist mir nicht klar, wohin?
Eine etwa drei Meter hohe senkrechte Stelle führt hinunter zum Fluss, auf eine nächste Felsebene und ebenso steil geht es nach oben, ohne zu sehen wohin. Für mich unüberwindbar. Ich gehe auf und ab und kann mich nicht entscheiden, also gehe ich zurück. Über riesige Felsblöcke, durch Brennnessel, mit Gestrüpp und ausgesetzte Stellen versuche ich diese Kletterstelle zu umgehen und gelange wirklich an die Stelle darunter, wo ich vorher oben umdrehte.
Es geht weiter, tiefer hinein in die Schlucht. Die Wände aus Fels sind vom Wasser über Jahrtausende ausgewaschen, glatt und zugleich schroff. Ich klettere über wuchtige Brocken, wate durch tiefen Sand, der jeden Schritt zäher macht. Meine Füße und Knöchel sind so gefordert wie noch nie zuvor auf dem Hexatrek. Immer wieder treffe ich auf ausgesetzte Passagen, wo Eisenklammern in den Fels geschlagen sind – zehn Meter über dem Fluss, den Blick hinunter vermeide ich so gut ich kann.
Ich habe auf dem Hexatrek schon vieles geschafft, Grenzen verschoben und Hürden genommen. Doch hier stoße ich mit meiner Propriozeption an ein Ende, das ich nicht erwartet habe. Unter mir glitzert das Wasser – für andere vielleicht schön, für mich eine ständige Bedrohung. Ich spüre, dass mir dieser Abschnitt nicht guttut, und dennoch bleibt zunächst nur eines: weitergehen.
In einer Stunde komme ich nicht einmal zwei Kilometer vorwärts und es sind noch sechs bis zum nächsten Campingplatz. Es hat über 30 Grad und meine Wasservorräte sind bald erschöpft. Schritt für Schritt kämpfe ich mich vorwärts, jeden Schritt muss ich genau wählen, wo ich ihn hinsetze. Für die nächsten Kilometer würde ich so noch drei bis fünf Stunden brauchen.
Zu Biwakieren wäre eine Möglichkeit, allerdings müsste ich dann zu lange ohne Wasser auskommen, also verwerfe ich es. Der Fluss ist zwar nur wenige Meter entfernt, aber ich erreiche ihn nicht. Außerdem ist das Biwakieren in der Schlucht verboten, da es ein strenges Naturschutzgebiet ist.
Ich entscheide mich dafür, bei der nächsten Möglichkeit zur Straße aufzusteigen. Ein kaum erkennbarer Pfad schlängelt sich wie eine Schlange steil nach oben und verliert sich im Nichts. Einem Höhenbergsteiger ähnlich steige ich langsamen Schrittes nach oben. Die Erinnerung an die Krankheit bleibt mein stummer Begleiter, doch die Schönheit der Wildnis gibt mir Kraft und Stärke. Meine superleichten Wanderstöcke aus Carbon unterstützen mich, so kann ich Steilstufen leichter überwinden, wenn ich Kniehoch nach oben steige muss.
Die Muskelschwäche wird mir dabei oft bewusst gemacht, trotzdem ich die Alpen hinter mir habe. Das bisherige Gehen und Steigen war gutes Training und ich fühlen mich stärker als nie zuvor. Trotzdem ist steiles Gelände noch immer eine Herausforderung und bringt mich schnell an die Belastungsgrenze. Gerade rechts, wo ich die Lähmung hatte, verweigert ein zu starkes Abwinkeln des Beines, dass ich mich aufrichten kann. Aus der Hocke aufstehen, gar mit Rucksack, ohne mich wo anzuhalten, kann ich noch heute nicht.
Plötzlich türmt sich eine Felswand unüberwindbar vor mir auf. Ich pendle darunter nach rechts und links und wieder zurück, um einen Ausweg zu finden. Zum ersten Mal fühle ich mich erschöpft. Anfangs noch euphorisch, wandeln sich meine Gefühle in "...ich möchte nur mehr nach oben kommen!". In dieser steilen Wand suche ich lange nach dem Ausstieg auf die Straße. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich endlich oben.
Der Schweiß rinnt in Strömen, im wahrsten Sinn des Wortes. T-Shirt und kurze Hose sind klatschnass. Oben angelangt werfe ich mich und den Rucksack müde in den Staub. Nach einer kurzen Pause steht mir ein langer Fußmarsch auf der Straße bevor, was aber immer noch besser ist, als über die ausgesetzten Stellen am Fluss zu klettern. Atemberaubende Tiefblicke in die Schlucht lenken vom eintönigen Gehen auf der Straße ab.
Kurz vor La Combe, wo das Ende der Schlucht ist, nimmt mich eine Familie mit dem Auto mit, da es hier durch mehrere Tunnel geht. Am Fußweg außen herum, käme ich heute nicht mehr zum Campingplatz, abgesehen vom schon dringend benötigten Wasser. Vom Auto aus sehe ich den Pont d'Arc ein bisschen wehmütig und vermisse es, nicht zu gehen. Andererseits hätte ich ihn nur gesehen, wenn ich mit dem Kajak gefahren wäre.
In Le Comb springe ich aus dem Auto, bedanke mich und gehe zum Campingplatz. Ein riesiger Stellplatz erwartet mich dort, sogar mit Stromanschluss, trotzdem bezahle ich nur als Wanderer. Es ist bereits das Ende der Ferien und viel Platz. Da merke ich wieder, dass ich bereits den ganzen Sommer unterwegs bin und der Herbst vor der Tür steht. Die Annehmlichkeiten des Platzes nutze ich, besonders eine heiße Dusche bringt Erholung.
Es scheint, dass die Gegend zum Meer hin, von Nord nach Süd, mit zahlreichen Flüssen gespickt ist, die tiefe Furchen gezogen haben. Da ich von Ost nach West quere, ist ein Auf und Ab vorprogrammiert. Drei bis fünfhundert Meter, meist steil, im Auf und Abstieg, sind es jedes Mal.
Die traumhafte Gegend wechselt von Hochebenen auf Wege entlang des Flusses tief unten, unterbrochen von kleinen Ortschaften, die oft verlassen wirken. Der steile Trail fordert mich körperlich heraus, aber die Belohnung ist der atemberaubende Ausblick, der sich mir jedes Mal eröffnet, wenn ich oben ankomme. Nie hätte ich gedacht, dass mich die Gorges de Tarn so fordern würden.
Die eigentümlichen Knieschmerzen trüben meine Freude ein wenig. Nach den Alpen, wo ich mich so fit gefühlt habe, ist das eine echte Überraschung. Ich frage mich, ob es an der unterschiedlichen Beschaffenheit des Untergrunds liegt oder ob ich vielleicht eine Überlastung habe.
Eine muskuläre Dysbalance kann von den Schuhen kommen, da ich aufgrund meiner gestörten Propriozeption und Muskelschwäche eine lange Eingewöhnungszeit auf neue Modelle habe. Ein Wechsel kann dazu führen, dass meine Knie einer anderen Stoßbelastung ausgesetzt sind, was zu Schmerzen führen kann. Deshalb verwende ich seit Jahren nur zwei Modelle, an die sich die Füße gewöhnt haben. Hier war ich aber gezwungen auf ein anderes Modell umzusteigen.
Diese Region ist Heimat einer Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten, darunter seltene Vögel, Schmetterlinge und Blumen. Vor einigen Jahrzehnten waren Geier in dieser Region ausgestorben. Dank einem erfolgreichen Wiederansiedlungsprojekt sind sie wieder heimisch, besonders der Gänsegeier. Von Ihnen geht eine Faszination aus und es ist ein Erlebnis, sie in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten.
Mich selbst zu erfahren, bekommt in diesen Tagen eine neue Bedeutung. In den letzten Wochen war mein Gehen so sehr von Konzentration bestimmt, dass kein Raum für Gedanken blieb. Schritt um Schritt, stets auf den Weg fixiert – und doch fehlte mir etwas. Es wurde zu einseitig, die inneren, psychischen Erfahrungen blieben auf der Strecke. Ich spüre, dass die größten Erkenntnisse dann entstehen, wenn sich das Geistige und das Körperliche berühren: wenn ich geistige Erfahrungen in Bewegung umsetze und körperliche Erfahrungen zu Gedanken reifen lasse.
Bewege ich mich zu einseitig im Physischen, besteht die Gefahr, dass ich mich selbst zerstöre. Bewege ich mich im Gegensatz dazu zulange im Psychischen Grenzbereich, ist ebenfalls Selbstzerstörung die Folge. Die Balance zwischen beiden ist das Beste.
Aufgrund der Wege in den Alpen war es mir aber nicht möglich, öfter auch das Psychische einzubeziehen. Zu sehr musste ich aufpassen, wohin ich trete. Eigentlich bin ich dauernd damit beschäftigt. Das Physische hat überhand genommen.
Seit dem Hirnabszess mache ich täglich neue Erfahrungen. Mache ich keine, stagniere ich. Was mir am Hexatrek gut gelingt ist, die Bereitschaft und Fähigkeit zu haben, möglichst viel bewusst zu erleben. Ich, als Mensch, kann mich verwirklichen. Dieses Gefühl ist Gold wert. Auch unter Belastung, ruhe ich in mir. Vermeidung von Stress ist nicht nur hier, sondern seit Jahren, mein oberstes Prinzip. Außerdem sauge ich die Natur in mir auf.
Wenn der Trail es zulässt, versuche ich die Erfahrungen der letzen Wochen zu vergeistigen. Das gelingt nur selten, denn der Weg lässt es kaum zu. Dieses einseitige, in diesem Fall physisch, artet in Stress aus und ist in Folge schädlich. Immer öfter denke ich an einen ruhigen Camino in Spanien und das so etwas jetzt ideal wäre. Am Camino lernte ich gehen und denken, auf ruhige Art. Daher schwanke ich zwischen aufhören und heimfahren oder doch weitergehen und den Hexatrek beenden.
Die Erfahrungen in den Alpen waren so intensiv, dass ich eigentlich heimfahren kann und auf diesen in der Tanz-Therapie aufbauen kann. Auf der anderen Seite fühle ich mich so wohl hier, dass ich den Hexatrek nicht beenden möchte. Es stehen ja nur mehr die beiden Stage 5 und 6 durch die Pyrenäen aus. Wie ich weiter mache, werde ich in den nächsten Tagen entscheiden.
Es passt eigentlich alles – bis auf die Schuhe. Da ist der Wurm drin. Statt eines leichten Laufschuhs trage ich diesmal einen etwas schwereren Wanderschuh. Eine kleine Veränderung, so dachte ich, doch sie beschert mir Knieschmerzen, wie ich sie bisher nicht kannte. Der Schuh ist zwar von meiner Lieblingsmarke Hoka und fühlt sich auf den ersten Blick auch gut an, doch er verändert meinen Schritt mehr, als mir lieb ist. Ich hätte wohl doch den Laufschuh nehmen sollen. Damals schien es keine große Entscheidung zu sein – heute weiß ich es besser.
Der Weg führt mich vorbei an stillen Zeugen vergangener Zeiten – einer alten Templerburg, die sich wie ein Wächter über das Tal erhebt, und einem Felsbogen, der den Himmel einrahmt. Die Landschaft ist von einer Schönheit, die mich innehalten lässt. Ich spüre Dankbarkeit, hier gehen zu dürfen, Schritt für Schritt durch dieses Bilderbuch aus Stein und Geschichte.
Schon am Morgen, als ich losgehe, meldet die Wetter-App für den Nachmittag heftige Gewitter. In einem kleinen Städtchen gehen ich einkaufen und setze mich in ein Cafe. Bis zum nächsten Campingplatz sind es nur noch 10 Kilometer und daher lasse ich mir Zeit. Der Pfade windet sich rauf und runter. Dann, etwa zwei Kilometer vor einem Dorf, beginnt es zu regnen. Aber was für ein Regen. Er prasselte wie tausend kleine Nadeln auf mich herab und wird immer stärker.
Innerhalb Minuten stürzt ein Sturzbach auf mich herab, wo auch der Poncho nicht mehr hilft. Ein Unterstand ist weit und breit nicht zu sehen. Das Wasser kommt mir Knöcheltief auf der Straße wie ein Fluss entgegen. Das Handy gibt seinen Geist auf und reagiert nicht mehr, so feucht und nass ist es. Der Campingplatz ist nirgends angeschrieben und somit weiß ich nicht wohin.
Unter einem dürren Baum suche ich verzweifelt nach Schutz. Der Wind peitscht den Regen gegen mich und ich fröstle am ganzen Körper. Endlich entdecke ich einen Hauseingang, der mir einen kleinen Unterschlupf bietet. Nach vielen Versuchen bekomme ich das Handy trocken und starte es.
Meine Feinmotorik versagt in den vom Wasser aufgeweichten Fingern. Ungeschickt tippe ich auf die Hexatrek-App, sehe kurz, wohin ich muss – da schaltet sich das Display schon wieder ab. Als der Regen für einen Moment nachlässt, mache ich mich sofort auf den Weg. Zwei weitere Kilometer, dann erreiche ich den Campingplatz. Die Luft ist inzwischen schneidend kalt, ein bitterer Kontrast zur Hitze des Tages.
Meine Hände gehorchen mir nicht mehr. Da der Regen erneut einsetzt, hat es keinen Sinn, das Zelt sofort aufzubauen. Stattdessen dusche ich kurz und setze mich unter ein Vordach. Alles, was ich bei mir trage, lege und hänge ich rings um mich aus, in der Hoffnung, es wenigstens halbwegs zu trocknen.
In einer kurzen Regenpause wage ich den Versuch, das Zelt aufzustellen. Doch der Himmel ist schneller: Noch bevor ich das Überzelt überwerfen kann, ergießen sich Sturzbäche ins Innere. Zum zweiten Mal auf diesem Weg erwischt mich ein Unwetter mit voller Wucht – und bringt mich an mein Limit.
Nass und durchgebeutelt gehe ich weiter. Innerhalb weniger Tage hat der Herbst Einzug gehalten. Da ich mich für die Pyrenäen nicht ausgerüstet fühle, werde ich von Carcassonne heimfahren.
Mein Telefon spinnt und funktioniert wegen der Feuchtigkeit kaum noch. Dazu werden die Berghütten in den Pyrenäen ab 15.Septmber größtenteils geschlossen, was die Folge hat, mehr zu tragen. Mein Entschluss steht damit fest, aufzuhören. Wegen dem Telefon habe ich auch kaum Bilder vom Schluss, was mir sehr leid tut.
Mein Fazit fällt durchwegs positiv aus. Nie hätte ich gedacht soweit zu kommen. In den Alpen hat ein neuer Zeitabschnitt begonnen, auf dem ich aufbauen kann. Mein Ziel, für das ich acht Jahre gearbeitet habe, konnte ich verwirklichen.
Mit dem Erreichen dieses Ziel ist es aber nicht vorbei. Die Behinderung und die Handicaps bleiben. Dranbleiben wird auch weiterhin mein Motto bleiben. Mich mehr in der Natur aufzuhalten und weniger in der Stadt, kann ich akzeptieren. Die Hochsensibilität bleibt und lässt sich kaum verbessern.
Die gewonnenen Erfahrungen werde ich in den nächsten Wochen und Monaten in mein Leben integrieren lernen und weiterhin an mir arbeiten. Da habe ich genug zu tun. An erster Stelle steht, ein neues Ziel zu finden. Besonders wichtig ist es, die richtige Formulierung zu finden.
"Alles, was ich verarbeiten kann, schafft mir ein Fundament"
Die Pyrenäen mit Stage 5 und 6, über 900 km des Hexatrek, nehme ich mir für nächstes Jahr vor. In Hendaye ins Meer zu springen, ist nach wie vor mein Ziel!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Nachdem ich die majestätischen Nordalpen hinter mir gelassen habe, stehe ich nun am Beginn der dritten Etappe des HexaTrek – einer Route, die mich tief in die Südalpen führen wird. ⛰️
Die Berge vor mir wirken wild, rau und zugleich wunderschön. Eine Landschaft, die Respekt verlangt und gleichzeitig eine große Anziehungskraft ausübt.
Der Morgen ist frostig, doch die Vorfreude überwiegt. Ich bin gespannt, was mich in den kommenden Tagen erwartet.
Mein Tag beginnt auf etwa 2000 Metern Seehöhe, und die Kälte ist deutlich zu spüren. Die Nacht hat Nebel gebracht, der sich auf den Wiesen niedergeschlagen hat. Der Boden ist feucht, und schon nach wenigen Schritten im nassen Gras sind meine Schuhe durchnässt.
Der Start in diesen Tag wirkt zunächst etwas düster und bedrückend. Die Sonne hat es noch nicht über die hohen Berghänge geschafft, und so liege ich lange im Schatten der Berge.
Doch ich weiß: Irgendwann wird auch heute die Sonne über die Gipfel steigen und den Weg vor mir erhellen. Bis dahin gehe ich einfach weiter, Schritt für Schritt.

Mein Weg führt zunächst entlang der Schattenseite eines Berges. Die Kälte begleitet jeden Schritt. Sie bremst mich und erinnert mich daran, wie zerbrechlich ich noch immer bin – trotz all der Kilometer, die ich bereits auf dem HexaTrek zurückgelegt habe.
Heute habe ich vor allem mit mir selbst zu tun. Zum ersten Mal seit Beginn dieser Reise hat die Kühle des Morgens einen spürbaren Einfluss auf die Funktion meiner Nerven. Meine Bewegungen fühlen sich steif an, manchmal auch unkoordiniert.
So gehe ich los, Schritt für Schritt, mit der Hoffnung, dass es mit der Zeit besser wird. Viel mehr kann ich im Moment nicht tun, als abzuwarten.
Die Berge auf der gegenüberliegenden Seite liegen bereits im Sonnenlicht. Dorthin richtet sich mein Blick immer wieder. Ich nehme mir vor, erst dann zu frühstücken, wenn ich selbst in der Sonne angekommen bin.
Hier im Schatten ist es einfach noch zu kalt.
Dann passiert es. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen mich und tauchen die Landschaft in ein sanftes, goldenes Licht. Mit einem Schlag wird es weniger kalt. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.
Ich nutze diesen Moment und lege eine Pause ein. Der Kocher ist schnell bereit, das Wasser kocht, und kurz darauf halte ich meinen Kaffee in der Hand. Dazu gibt es das Übliche: Brot mit Käse.
Um mich herum nur Windrauschen und in der Ferne das Rufen der Krähen. Ich sitze allein mitten in den Bergen und genieße diese Stille, die so viel mehr sagt als jedes Geräusch.
Nach dieser Stärkung gehe ich wieder los. Der Pfad zieht sich an einem steilen Hang entlang, und der Abgrund zu meiner rechten Seite verlangt meine volle Aufmerksamkeit. Hier darf der Kopf nicht weg. Jeder Schritt muss überlegt sein, jeder Tritt sitzen.
In solchen Momenten spüre ich, wie ich eins werde mit der Natur. Alles wird bewusster: jeder Atemzug, jede Bewegung, jeder Schritt. Der Weg ist anspruchsvoll – aber genau das suche ich. Genau das macht diesen HexaTrek für mich so wertvoll.
Step by Step verbessere ich meine Wahrnehmung. Und auch, wie schnell ich Situationen erfassen kann. Schritt für Schritt – zurück ins Leben.
Seit vielen Jahren konnte ich mich durch das Gehen auf Jakobswegen und Fernwanderungen gesundheitlich Schritt für Schritt steigern. Jeder Weg hat etwas dazu beigetragen. Meine Wahrnehmung wurde besser, sicherer – und das hilft mir auch im Alltag, etwa wenn ich mich in der Stadt bewege.
Gleichzeitig habe ich dabei das Fernwandern für mich entdeckt. Mit jedem Jahr bekam die Natur einen größeren Stellenwert in meinem Leben. Sie ist nicht nur ein Ort zum Gehen, sondern auch ein Ort der Ruhe und der Kraft, sowie zum Heil werden.
Der Begriff Rehabilitation passt für meine Situation heute eigentlich nicht mehr ganz. Man spricht von Langzeitversorgung oder einer chronischen Versorgung.
Trotzdem sind regelmäßige Therapien weiterhin notwendig. Sie helfen mir, meinen Gesundheitszustand zu erhalten – und im besten Fall noch weiter zu verbessern.
Der schmale Pfad windet sich am Berghang entlang. An besonders absturzgefährdeten Stellen geben mir eiskalte Ketten Halt. Jeder Schritt ist bedacht, jede Bewegung muss präzise ausgeführt werden. Fehler sind hier keine erlaubt.
Dabei kommen mir Erinnerungen an meine ersten Schritte nach der Krankheit. Auch damals durfte ich nicht stürzen. Meine Reaktionen waren so langsam, dass ich umfiel wie ein Holzklotz, ohne mich abfangen zu können.
Heute ist vieles anders. Ich stelle mich bewusst diesen Herausforderungen in den Bergen. Und auch wenn die Anstrengung nicht weniger geworden ist, genieße ich es, mich hier Schritt für Schritt vorwärts zu bewegen.
Bald führt der Weg in ein Tal, leicht ansteigend. Einige hundert Höhenmeter liegen vor mir. Auf der anderen Seite eines Wildbachs sehe ich bei einer Almhütte mehrere Zelte stehen. Es ist etwa halb neun. Dort drüben liegt alles noch im Schatten, während ich bereits in der Sonne unterwegs bin. Ich kann gut nachfühlen, wie kalt und feucht es dort unten noch sein muss. Wahrscheinlich warten auch sie nur darauf, dass die Sonne endlich über den Hang steigt.
Im noch relativ flachen Teil des Tals gerate ich plötzlich mitten in eine Rinderherde. Die Tiere kommen von hinten und bewegen sich etwas schneller als ich. Zwischen ihnen laufen auch junge Kälber.
Das ist keine angenehme Situation. Immer wieder wird davor gewarnt, sich Kühen mit Kälbern zu nähern. Durch die Rückkehr der Wölfe haben sie einen besonders starken Beschützerinstinkt entwickelt – auch gegenüber Menschen.
Ich bleibe daher sehr vorsichtig und versuche, so schnell wie möglich in das steilere Gelände auszuweichen. Hinter mir höre ich das laute, aggressive Brüllen einiger Kühe. Ein Geräusch, das einem sofort Respekt einflößt.
Plötzlich stehe ich einer stattlichen Rinderherde gegenüber. Große, ruhige Augen richten sich auf mich, während sich die Tiere langsam in meine Richtung bewegen. Die Kälber trotten dicht bei ihren Müttern.
Ein leichter Schauer läuft mir über den Rücken. Der Instinkt dieser Tiere ist nicht zu unterschätzen – besonders dann nicht, wenn sie ihren Nachwuchs beschützen.
Ich versuche, einen Bogen um die Herde zu machen. Doch das tiefe, eindringliche Brüllen einiger Kühe lässt mich kurz innehalten. In solchen Momenten spürt man sehr deutlich, wie wenig Kontrolle man hier draußen wirklich hat.
Die Natur zeigt ihre ungezähmte Kraft. Und obwohl es „nur“ Kühe sind, fühle ich mich in diesem Augenblick klein und verletzlich.
Auch solche Begegnungen gehören zu diesem Weg. Sie erinnern mich daran, dass ich hier nur Gast in ihrer Welt bin.
Nach dem Pass windet sich ein steiniger Pfad wie ein schmaler Grat durch die Landschaft. Jeder Schritt wird zu einem kleinen Balanceakt, denn die losen Steine geben unter meinen Füßen nach. Alles, was sich an Geröll von den Hängen löst, sammelt sich auf diesem Weg. Entsprechend mühsam ist das Gehen darauf.
Und doch wirkt diese Landschaft fast unwirklich schön.
Ich fühle mich, als würde ich durch ein Gemälde wandern. Kräftige Farben, weiche Formen, darüber die rauen Linien der Felsen. Um mich herum ein Meer aus Blau und Grün, eingerahmt von schroffen Felswänden und sanften Almwiesen.
Schon bald erreiche ich den ersten See. Sein Wasser schimmert in einem tiefen, satten Blau. Der Weg führt weiter bergab, mal steiler, mal sanfter, von einem See zum nächsten.
Jeder von ihnen leuchtet in einem anderen Blauton, als hätte die Natur hier ihre ganze Farbpalette ausgebreitet.
Zu Mittag erreiche ich die nächste Ortschaft. Die letzten Kilometer bin ich im Eilschritt gegangen, in der Hoffnung, noch rechtzeitig anzukommen. Doch ich komme ein paar Minuten zu spät. Genau in dem Moment, als ich den rustikalen Gasthof erreiche, wird geschlossen.
Ich versuche den Wirt noch zu bitten, eine Ausnahme zu machen.
„Tut mir leid, mein Freund“, sagt er nur – und verschwindet im Haus.
Der Gastgarten wird mit Ketten verschlossen, obwohl noch einige Gäste dort sitzen. Niemand wird mehr eingelassen.
Also wieder einmal keine französische Küche. Seit Beginn meiner Reise habe ich damit so meine Schwierigkeiten. Nur ein paar Mal ist es mir bisher gelungen, tatsächlich in einem Restaurant zu essen. Die Öffnungszeiten passen einfach selten zu dem Rhythmus eines Fernwanderers.
Meine Wanderung danach auszurichten, widerstrebt mir. Gleichzeitig ist es auch mühsam, ständig nach Alternativen suchen zu müssen, wenn geplante Einkehrmöglichkeiten plötzlich wegfallen.
Also werde ich wieder zum Bergziegen-Gourmet. Käse und Wurst gehören schließlich zur Grundnahrung vieler Wanderer. Dazu koche ich mir einen Kaffee – und schon ist die Welt wieder in Ordnung.
Und wer weiß – vielleicht entwickle ich ja doch noch eine Vorliebe für die französische Küche.
Wenn ich sie irgendwann einmal tatsächlich zu Gesicht bekomme.

So setze ich mich auf eine Bank hinter der geschlossenen Kirche und diniere wieder einmal das Übliche. Brot, Käse und ein wenig Wurst – mein treuer Begleiter auf vielen Kilometern.
Als Nachspeise gönne ich mir ein Stück Nuss-Schokolade. Ein kleiner Luxusmoment mitten am Weg.
Dabei hatte ich mich so sehr auf eine Abwechslung gefreut. Genau deshalb bin ich die letzten Kilometer besonders schnell gegangen. Doch manchmal läuft es am Weg eben anders, als man es sich vorgestellt hat.
Also sitze ich hier, esse mein einfaches Mahl und nehme es, wie es kommt. Auch das gehört zu dieser Reise.
Zunächst geht es ein breites Tal hinaus, auf einem schönen Wanderweg. Aber ehe ich mich versehe, bin ich wieder steil hinauf, auf einem schmalen Steig. Ich folge der Markierung und gehe immer weiter.
Zunächst schlängelt sich der Weg gemächlich durch ein breites Tal. Doch je weiter ich komme, desto mehr verschwindet der Pfad in dichtem Gebüsch. Unachtsam bin ich dem Hauptweg gefolgt, dabei hätte ich einer kaum sichtbaren Abzweigung folgen sollen. Immer und jederzeit die Karte am Handy zu kontrollieren, ist mir aber zu viel. Das Navigieren wird mir am Hexatrek wieder zum Verhängnis.
Diesmal habe ich mich zu sehr treiben lassen und finde mich nun an einem Punkt, an dem ein Umkehren kaum mehr in Frage kommt. Ich studiere die Karte und komme zum Schluss, weiterzugehen. Es ist um wenige Kilometer weiter, dafür sind aber einige hundert Höhenmeter mehr zu überwinden. Und diese haben es in sich.
Ein schmaler Pfad windet sich immer steiler werdend einen Hang hinauf. Auf 2500 Metern Höhe erreiche ich endlich den Pass und es eröffnet sich mir ein atemberaubender Blick über die darunter liegende Landschaft. Auf der anderen Seite geht es gleich steil hinunter, nur nicht so weit. Bald darauf stoße ich wieder auf den Original-Trail, wo weitere 1400 Meter Abstieg ins Bergdorf Vallouise auf mich warten.
Zunächst führt der Weg noch gemächlich durch ein breites Tal. Ein schöner Wanderweg, angenehm zu gehen. Doch ehe ich mich versehe, wird der Pfad wieder schmaler und zieht steil den Hang hinauf. Ich folge den Markierungen und gehe weiter.
Mit der Zeit verschwindet der Weg jedoch immer mehr im dichten Gebüsch. Unachtsam bin ich dem Hauptweg gefolgt, dabei hätte ich eine kaum sichtbare Abzweigung nehmen müssen. Doch ständig auf das Handy zu schauen und die Karte zu kontrollieren, ist mir einfach zu viel.
Das Navigieren wird mir am HexaTrek wieder einmal zum Verhängnis.
Diesmal habe ich mich zu sehr treiben lassen. Nun stehe ich an einem Punkt, an dem ein Umkehren kaum mehr sinnvoll erscheint. Ich studiere die Karte und entscheide mich schließlich, einfach weiterzugehen. Der Weg ist zwar ein paar Kilometer länger und verlangt zusätzlich einige hundert Höhenmeter, aber es scheint die bessere Lösung zu sein.
Der Pfad wird nun immer steiler und zieht sich in engen Kehren den Hang hinauf. Schritt für Schritt arbeite ich mich nach oben, bis ich schließlich auf etwa 2500 Metern den Pass erreiche.
Oben eröffnet sich ein atemberaubender Blick über die Landschaft tief unter mir.
Auf der anderen Seite geht es sofort wieder steil hinunter, allerdings nicht so weit. Bald darauf stoße ich wieder auf den Original-Trail. Von hier warten noch einmal rund 1400 Meter Abstieg auf mich, hinunter ins Bergdorf Vallouise.
Der Abstieg zieht sich endlos hin. Schritt für Schritt verliere ich an Höhe, bis ich Vallouise schließlich am späten Nachmittag erreiche.
Der große Campingplatz am Ortsrand wirkt beeindruckend. Doch meine Freude hält nicht lange an. Der Bereich für kleine Zelte ist bei einem jüngsten Hochwasser vollständig zerstört worden. Enttäuscht stehe ich da. Die Betreiber verweisen mich auf einen anderen Platz – fünf Kilometer weiter, ein kleines Tal hinauf.
Nach einer kurzen Pause mache ich mich wieder auf den Weg. Eine weitere Stunde gehe ich auf einem vom Hochwasser beschädigten Weg. Als ich schließlich ankomme, stelle ich fest, dass es sich nur um einen sehr spartanischen Platz handelt. Keine Infrastruktur, keine Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.
Mein Gehirn kann diese Situation kaum einordnen. Irgendetwas fühlt sich völlig falsch an. Mir fehlt es an allem, was ich für die kommenden Tage brauche.
Langsam wird mir klar: Mit meiner Ausrüstung kann ich diesen Abschnitt so nicht weitergehen. Der Gedanke, noch mehrere Tage unter diesen Umständen unterwegs zu sein, fühlt sich unerträglich an.
Mit hängenden Schultern packe ich meine Sachen zusammen. Die Entscheidung zum Umkehren fällt mir schwer – doch diesmal siegt die Vernunft.
Die fünf Kilometer zurück ins Dorf ziehen sich. Doch am nächsten Morgen, gegen acht Uhr, bin ich wieder dort. Im Wasch-Saloon des Campingplatzes wasche ich meine gesamte Kleidung, dusche mich und atme danach erst einmal tief durch.
In Regenhose und Regenjacke sitze ich schließlich da – alles andere ist in der Wäsche. Vor mir steht ein selbst gekochter Kaffee und ein frisches Croissant. Plötzlich sieht die Welt wieder ganz anders aus.
Heute lege ich einen Ruhetag ein. Dabei treffe ich auch wieder die beiden Neuseeländer Sam und Matt. Sie laden mich ein, mein Zelt neben ihrem aufzuschlagen. Da heute Sonntag ist, sind durch die Abreise vieler Gäste wieder Plätze frei geworden.
Hätte ich das nur gestern schon gewusst.
Am Abend sitzen wir zusammen und essen gemeinsam. Dabei schmieden wir Pläne für die nächsten Tage. Matt hat noch etwas zu erledigen und wird erst in einigen Tagen nachkommen.
Am nächsten Morgen brechen Sam und ich gemeinsam auf, um unser Abenteuer fortzusetzen.
Wir bleiben auf der Seite des reißenden Flusses. Nach wenigen Kilometern stehen wir jedoch vor einem unerwarteten Problem: Die Brücke, die uns auf die andere Seite führen sollte, ist verschwunden. Das Hochwasser hat sie einfach mitgerissen.
Jeder Versuch, hinüberzukommen, scheitert zunächst. Ein großer Umweg würde uns viel Zeit kosten. Also beschließen wir schließlich, den Fluss ein Stück weiter abwärts zu queren.
Wir suchen lange nach einer Stelle, an der das Wasser nicht zu tief ist – bis wir schließlich eine finden, an der die Überquerung möglich erscheint.
Gemeinsam mit Sam überquere ich die Gegend rund um L’Argentière-la-Bessée. Die Landschaft wirkt fast unwirklich – karg, grau und zerklüftet, fast wie eine Mondlandschaft.
Am Abend erreiche ich eine Berghütte, in der ich zum Glück noch ein freies Bett bekomme. Am nächsten Tag setzen sich die langen Auf- und Abstiege fort. Immer wieder mehrere hundert Höhenmeter hinauf, dann wieder hinunter.
Um diese Belastung bewältigen zu können, muss ich gedanklich ganz bei mir bleiben. Meine Konzentration richtet sich immer nur auf das Hier und Jetzt – auf den nächsten Schritt, auf den nächsten Tritt. Nur so kann ich den Anstieg bergauf bewältigen.
Doch das Leben in den Bergen hat auch seine Tücken. Nachdem ich den ganzen Tag über Felsbrocken und steile Hänge geklettert bin, erreiche ich das Refuge de Souffle. Dort bekomme ich jedoch keinen Platz mehr – alles ist ausgebucht.
Keine guten Aussichten, denn für die Nacht ist Gewitter angekündigt. Zusammen mit ein paar anderen Wanderern schlage ich deshalb mein Zelt in der Nähe auf.
Und tatsächlich: Von 21 Uhr bis zwei Uhr morgens tobt ein heftiges Unwetter. Donner, Blitz und strömender Regen gehen über uns nieder. Von allen Seiten kriecht das Wasser ins Zelt, und bald ist meine gesamte Ausrüstung nass oder zumindest feucht.
Ein kleines Glück habe ich dennoch: Meine Isomatte ist sechs Zentimeter dick. Dadurch liege ich gerade noch knapp über dem nassen Boden.
Am Morgen hat die Nacht deutliche Spuren hinterlassen. Müde und durchnässt krieche ich aus dem Zelt. In diesem Moment bin ich einfach nur froh, die Nacht überstanden zu haben.
Ich kämpfe mich durch das Chaos meiner nassen Ausrüstung. Jede Bewegung kostet Überwindung, doch ich möchte keine Zeit verlieren. Trotzdem verpasse ich den Treffpunkt mit Sam, der in der Hütte übernachtet hat.
Erst nach gefühlten Stunden bin ich schließlich gegen acht Uhr startklar und breche auf.
Bis zum nächsten Dorf sind es zwar nur etwa zehn Kilometer, doch dazwischen liegen 800 Höhenmeter im Aufstieg und 1300 Meter im Abstieg. Der Weg ist vom nächtlichen Gewitter stark ausgewaschen. Besonders die Wasserquerungen verlangen mir viel ab.
Der Aufstieg ist rutschig, und an einigen Stellen helfen sogar Stahlstangen, die im Fels angebracht sind. Ohne diese Sicherungen wäre das Weiterkommen deutlich schwieriger.
So arbeite ich mich wieder Schritt für Schritt vorwärts – müde, aber entschlossen.
Diese ständige, übermäßige Konzentration kostet mich enorm viel Energie. Mit jedem Schritt besteht die Gefahr, auszurutschen – und ein solcher Fehler könnte hier fatale Folgen haben.
Eine Herausforderung in dieser Intensität habe ich seit meinem Hirnabszess noch nie erlebt. In diesem Ausmaß hatte ich es auch nicht erwartet.
In den letzten Jahren habe ich gelernt, meine Grenzen zu respektieren. Doch genau hier stoße ich immer wieder an diese Grenzen. Der Weg fordert mich körperlich wie geistig bis zum Äußersten.
Und doch liegt gerade darin auch etwas Wertvolles. Diese Herausforderung zwingt mich, über mich hinauszuwachsen. Sie trägt dazu bei, dass ich mich als Mensch weiterentwickle – Schritt für Schritt.
Als ich schließlich den Pass erreiche, liegt der schwierigste Teil noch vor mir: ein langer Abstieg.
Über steile, steinige und teilweise nasse Pfade arbeite ich mich nach unten. Stein für Stein, Schritt für Schritt geht es 1.300 Höhenmeter talwärts.
Der Hexatrek ist ein ständiges Auf und Ab, bei dem Höhenunterschiede von über 1000 Metern keine Seltenheit sind. In Le Bourg d'Oisans finde ich mich bereits auf der Suche nach meinem dritten Paar Schuhe wieder – ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie stark das Material auf dieser anspruchsvollen Strecke beansprucht wird.
Es sind nicht nur die anspruchsvollen Wege, die ihren Tribut fordern – auch mein spezieller Gehstil trägt erheblich dazu bei. Jeder Schritt ist darauf ausgerichtet, Stabilität zu bewahren und ein Umkippen oder Stürzen unbedingt zu vermeiden. Diese konzentrierte und oft ungewöhnliche Belastung beansprucht meine Schuhe weit mehr als üblich.
Erst im zweiten Geschäft finde ich etwas Passendes: keinen Trailrunning-Schuh diesmal, sondern einen Wanderschuh von Hoka. Unter den getesteten Modellen scheint er die beste Alternative zu den Altra- oder Hoka-Speedgoat-Schuhen zu sein, die leider in meiner Größe nirgendwo verfügbar sind.
Der HexaTrek ist ein ständiges Auf und Ab. Höhenunterschiede von über 1000 Metern gehören hier fast zum Alltag. Diese Belastung fordert nicht nur den Körper – auch das Material leidet darunter.
In Le Bourg d’Oisans bin ich deshalb bereits auf der Suche nach meinem dritten Paar Schuhe. Ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr diese Strecke Mensch und Ausrüstung beansprucht.
Doch es sind nicht nur die schwierigen Wege. Auch mein spezieller Gehstil trägt dazu bei. Jeder Schritt ist darauf ausgerichtet, möglichst stabil zu bleiben und ein Umkippen oder Stürzen zu vermeiden. Diese konzentrierte, oft ungewohnte Belastung fordert meine Schuhe stärker als bei vielen anderen Wanderern.
Erst im zweiten Geschäft werde ich schließlich fündig. Diesmal kein Trailrunning-Schuh, sondern ein Wanderschuh von Hoka. Unter den Modellen, die ich anprobiere, wirkt er wie die beste Alternative zu meinen bisherigen Altra- oder Hoka-Speedgoat-Schuhen, die leider in meiner Größe nirgendwo verfügbar sind.
Mit den neuen Schuhen hoffe ich nun, den nächsten Abschnitt des Weges wieder sicherer und stabiler gehen zu können.




Die neuen Schuhe tragen sich zwar recht gut, doch sie sind keine Laufschuhe. Sie sind deutlich schwerer, bieten dafür durch den höheren Lederanteil mehr Stabilität – ein klarer Vorteil für den weiteren Weg.
Was ich jedoch unterschätzt habe, ist die Umgewöhnung, die damit verbunden ist. Schnelle Schritte oder gar Laufen sind mit diesen Schuhen praktisch nicht möglich. Da merke ich erst, wie sensibel mein Körper auf veränderte Bedingungen reagiert.
Gerade bergab versuche ich oft zu laufen. Das langsame Gehen kostet mich wegen meiner Muskelschwäche zu viel Kraft. Über die Jahre habe ich eine eigene Technik entwickelt, die es mir erlaubt, trotz dieser Einschränkung ein wenig bergab zu laufen.
Mit den neuen Schuhen funktioniert das jedoch nicht. Sie sind für diese Art der Bewegung einfach nicht gemacht. Um die verschiedenen Muskelgruppen anzupassen und neu zu trainieren, bräuchte es gezieltes Üben – etwas, das während des HexaTreks kaum möglich ist.
So werden besonders die Abstiege zu einer zusätzlichen, eigentlich unnötigen Erschwernis. Ich versuche zwar, das Beste daraus zu machen, doch innerlich gerate ich immer öfter in einen Zustand, der sich nur schwer kontrollieren lässt.
Dass mich nach so vielen Kilometern der letzten Jahre ausgerechnet so etwas noch einmal aus dem Gleichgewicht bringen kann, hätte ich nie gedacht.
Zunächst merke ich die körperlichen Veränderungen durch die neuen Schuhe noch kaum. Noch fühlt sich alles vertraut an. Doch schon bald wird sich zeigen, dass diese Umstellung mehr Auswirkungen hat, als ich zunächst gedacht habe.
Die meisten Nächte verbringe ich mittlerweile hoch in den Bergen. Selten übernachte ich unter 1800 Metern Seehöhe.
Dafür werde ich immer wieder mit besonderen Momenten belohnt: mit einem Sonnenuntergang über den Gipfeln oder einem Sonnenaufgang, der langsam die Bergwelt in warmes Licht taucht.
Augenblicke, die jede Anstrengung für einen Moment vergessen lassen.
Der HexaTrek ist für mich weit mehr als nur eine Wanderung. Er ist eine Reise zurück ins Leben – und zugleich der Beweis dafür, dass auch nach schweren Rückschlägen neue Wege entstehen können.
Dieser Weg fordert mich körperlich und mental. Immer wieder verlasse ich meine Komfortzone, denn nur dort kann Entwicklung stattfinden.
Auch nach acht Jahren bleibt das Gehen für mich die wichtigste Übung. Jeder Schritt ist Training. Jede Bewegung schult meine Wahrnehmung und hilft mir, meine Grenzen ein Stück weiter hinauszuschieben.
Und doch sind diese Grenzen noch immer da.
Gerade deshalb bin ich dankbar für jeden Kilometer, den ich gehen kann – Schritt für Schritt, weiter auf meinem Weg.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Nach dem Jura bin ich mit dem Boot über den Genfer See gefahren, nach Thonon Les Bains (Beginn des HexaTrek Stage 2, die Nordalpen). Es geht durch das Herzstück der Alpen, die für mich allerdings die größte Herausforderung darstellen. Es war ein jahrelanges herantasten und Training, um diese durchgängig langen Anstiege bewältigen zu können. Die Muskelschwäche und neurologischen Probleme sind ja nach wie vor da.
Vor den hier beginnenden Nordalpen habe ich gehörig Respekt, denn es beginnen für mich die größten Schwierigkeiten in Bezug auf Ausgesetztheit und die große Höhenlage. Im geheimen überlege ich mir, manche dieser Abschnitte zu umgehen, wobei es allerdings auch die Schönsten sind. Alleine traue ich mich aber noch nicht darüber.


In Thonon finde ich auch Shops für neue Schuhe. Der Hexatrek forderte das Material bisher sehr stark, besonders die Schuhe, die bereits nach 700 km total hinüber sind. Am Camino war ich gewohnt, die Schuhe erst nach 1200 bis 1400 Kilometer zu wechseln, hier sind sie schon nach 550 km fast hinüber und nach 700 km total am Limit.
Neue Schuhe sind jetzt vonnöten. Erst im dritten Shop von Thonon werde ich fündig. Mein bisheriger, ein Hoka Speedgoat 5 in der Wide Version, war mein bisher bester Schuh. Allerdings werde ich die Wide Version hier kaum bekommen. Ich probiere alle möglichen Modelle durch, aber keiner ist auf den ersten Versuch bequem genug.
Mein alter Schuh schaut zwar optisch noch gut aus, aber die Sohle und die Dämpfung ist bereits sehr in Mitleidenschaft gezogen. Bereits nach 400 km begann sich die Sohle zu lösen und ich musste sie immer wieder mit Superkleber ankleben. Nach 700 km war nur mehr ein dünner Belag, zuwenig für die Alpen.
In einem Ausrüster Shop entscheide ich mich für den Altra Olympus 5, den ich bereits in England verwendete und mir daher vertraut ist. Seine breite Zehenbox ist bequem und er hat eine zwar gute, aber geringere Dämpfung, als der Speedgoat. Die beste Alternative zu allen anderen angebotenen ist er allerdings.
In den Alpen geht es ständig rauf und runter. Eigentlich nicht viel anders als zuvor in den Vogesen – nur sind hier die Anstiege und Abstiege deutlich länger.
Mit 1000 Höhenmetern komme ich oft gerade einmal zehn Kilometer weit. Der Weg verlangt hier eine ganz andere Kraft. Jeder Schritt bergauf kostet Energie, jeder Abstieg wieder volle Konzentration.
Also heißt es für mich, einen neuen Rhythmus zu finden. Einen Rhythmus, der es mir erlaubt, am Tag mehr Höhenmeter zu bewältigen, ohne dabei meine Kräfte zu früh zu verlieren. Am Campingplatz de l'Essert werde ich deshalb einen Ruhetag einlegen. Der Körper braucht diese Pausen.
Nach meinem Ruhetag breche ich früh auf. Die Beine sind wieder frisch, der Weg ruft. Im Laufe des Tages hole ich Willy ein, der bereits am Vortag gestartet ist. Mit dabei ist auch seine Katze Jamy. Ein ungewöhnlicher Anblick auf diesem Weg.
Wir gehen ein Stück gemeinsam. Während wir Schritt für Schritt vorankommen, sitzt Jamy gemütlich auf Willys Rucksack. Von dort aus beobachtet sie aufmerksam ihre Umgebung. Still, konzentriert, fast so, als würde sie den Weg genauso studieren wie wir.
Es ist ein besonderer Moment. Mitten in dieser großen Berglandschaft unterwegs zu sein – und dabei eine Katze zu sehen, die ruhig auf einem Rucksack sitzt und die Welt betrachtet. Auch das sind diese kleinen Begegnungen am Weg, die eine Reise so besonders machen.
Als uns Regen überrascht, finden wir Unterschlupf unter dem Vordach einer geschlossenen Hütte und warten das Ende des Schauers ab. Wir werden von Kühen bedrängt, die ebenso unter dem Vordach Schutz suchen wollen.
Auf dem nächsten Abschnitt werde ich von Sam und Matt, zwei Thruhikern aus Neuseeland, eingeholt. Sie gehen in einem flotten Tempo, und ich beschließe, mich einfach hinter sie zu hängen.
Es ist angenehm, ihnen zu folgen. Ich kann meine Energie ganz auf das Gehen konzentrieren, statt ständig auf die Navigation achten zu müssen. Schritt für Schritt geht es weiter durch die Berge.
Am Nachmittag zieht Regen auf, und auch ein Gewitter ist angekündigt. Die Wolken werden dunkler, die Luft schwerer. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir das Refuge de Chésery und finden dort Schutz vor dem Unwetter.
Da der Regen nicht nachlässt und das Gewitter länger anhält, beschließen wir schließlich, hier zu bleiben und zu übernachten.

Am folgenden Tag stellt sich mir die Frage: Soll ich mit Sam und Matt den schwierigen Weg versuchen oder eine Abkürzung nehmen, um die steilsten und gefährlichsten Passagen zu vermeiden? Ich entscheide mich bewusst dafür, auf dem Hexatrek zu bleiben und nehme die Herausforderung der Cheval Blance an – einem anspruchsvollen Abschnitt, der nicht nur physische, sondern auch mentale Stärke erfordert.
Die Cheval Blance ist bekannt für ihre ausgesetzten Stellen, steilen Anstiege und technisch anspruchsvollen Passagen. Um es klarzustellen, wir reden hier vom Weitwandern und nicht vom Klettern, allerdings reicht das schon für mich, wenn die Hände des öfteren zu gebrauchen sind. Schon beim ersten Blick auf den felsigen Grat wird mir klar, dass dies keine einfache Etappe wird. Der Trail ist oft schmal, und ein falscher Schritt könnte fatale Folgen haben.
Die größte Frage ist für mich, wie werde ich all das Wahrnehmen? Diese Gedanken begleiten mich während des gesamten Aufstiegs. Sam und Matt, die sicher und zielstrebig vorgehen, geben mir das Selbstvertrauen, mich auf diesem schwierigen Weg zu bewegen.
Die steilen Passagen sind besonders fordernd. Die Hände kommen oft zum Einsatz, um den Fels zu greifen und mich sicher weiterzubewegen. An manchen Stellen führt der Pfad so nah an den Rand, dass der Abgrund tief unter mir zu sehen ist. Hier hilft es mich voll und ganz auf die Bewegungen und Schritte der Neuseeländer zu konzentrieren, die mir als erfahrene Thruhiker Sicherheit geben.
Diese Etappe verlangt mir mental alles ab. Vor allem die ausgesetzten Stellen fordern höchste Konzentration. Hier gibt es keinen Spielraum für Fehler. Jeder Schritt muss sitzen.
Es ist nicht nur die körperliche Anstrengung, die mich fordert. Es ist auch diese ständige Präsenz der Angst vor einem Sturz. Eine Angst, die immer wieder auftaucht – und die ich Schritt für Schritt überwinden möchte.
Der Blick geht nach vorne, der nächste Tritt wird gesetzt, dann der nächste. So arbeite ich mich weiter über den Grat.
Wenn ich daran denke, dass ich noch vor zwei Jahren selbst auf manchen Brücken große Probleme hatte, wird mir erst bewusst, welchen Weg ich seitdem gegangen bin. Genau für solche Momente bin ich hier unterwegs, speziell beim Walkabout oder am JOGLE?
Rückblickend wird mir erst langsam bewusst, was die Überquerung der Cheval Blanche für mich bedeutet hat. Sie war einer der intensivsten Momente meiner Reise – vielleicht sogar der Höhepunkt seit meiner Rehabilitation.
Noch vor zwei Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Der Gedanke an schwankende Brücken, an schmale, ausgesetzte Grate und an diese schwindelerregenden Tiefblicke hätte mich damals wohl umkehren lassen. Zu groß war die Unsicherheit. Zu wenig das Vertrauen in meinen eigenen Körper. Doch genau diese Wahrnehmung, dieses Gefühl für Gleichgewicht und Raum, versuche ich seit vielen Jahren wiederzugewinnen.
Hier, mitten in den Alpen, habe ich mich dieser Herausforderung gestellt. Schritt für Schritt. Und ich habe sie gemeistert.
Im Moment selbst spüre ich das kaum. Die Anspannung ist zu groß. Der Weg verlangt meine ganze Aufmerksamkeit. Erst Tage später beginnt mir bewusst zu werden, was da eigentlich geschehen ist. Denn auch die kommenden Etappen verlangen weiterhin Konzentration – es warten noch einige schwierige Passagen auf mich.
So ist es oft auf diesem Weg: Während ich gehe, denke ich kaum darüber nach. Ich gehe einfach weiter. Und erst später erkenne ich, wie weit mich diese Schritte eigentlich gebracht haben.
Die Überquerung der Cheval Blanche ist für mich nicht nur der physische Höhepunkt dieser Wanderung, sondern auch ein emotionaler Meilenstein.
Noch vor zwei Jahren hätte mich allein der Gedanke an solche Passagen vor beinahe unlösbare Probleme gestellt.
Ich erinnere mich gut an das Jahr 2021, beim Walkabout durch Austria. Am Arlberg wäre ich beinahe gescheitert. Links vom Wanderweg fiel das Gelände steil zum Bach hinunter. Dieser Anblick war für mein Gehirn kaum zu verarbeiten. Der Blick in die Tiefe brachte alles ins Schwanken, und ich musste immer wieder die Augen schließen, um nicht schwindlig zu werden.
Auch Brücken, egal ob klein oder groß, bereiten mir bis heute Schwierigkeiten. Das leichte Schwanken, kombiniert mit den oft tiefen Abgründen darunter, bringt mich manchmal zum Innehalten. Dann stehe ich kurz still, sammle mich wieder und gehe erst weiter, wenn der Kopf bereit ist.
Und doch hat sich in den letzten acht Jahren unglaublich viel verändert. Durch unzählige Schritte, durch Geduld und kontinuierliche Rehabilitation habe ich gelernt, mit diesen Situationen immer besser umzugehen. Vieles, was früher kaum möglich war, gelingt heute wieder.
Ganz verschwunden ist diese Unsicherheit jedoch nicht. Sie kann jederzeit wieder auftauchen. Aber heute weiß ich: Auch dann kann ich weitergehen – Schritt für Schritt

Dank der Unterstützung von Sam und Matt und auch durch meine eigene, manchmal fast sture Willenskraft, ist etwas Wirklichkeit geworden, das lange Zeit unerreichbar schien. Die Besteigung der Cheval Blanche wurde zum krönenden Höhepunkt meiner bisherigen Reise durch die Alpen.
Eine Reise, die mein Leben verändert hat.
Vor acht Jahren, noch im Krankenhaus, setzte ich mir dieses Ziel. Damals war es kaum mehr als ein Gedanke, ein leiser Wunsch, der irgendwo in der Zukunft lag, so fern und eigentlich kaum zu Erreichen. Heute sind diese Bilder vom Krankenhaus Wirklichkeit geworden.
Dieser Moment erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und mit einer Freude, die sich kaum in Worte fassen lässt. All die Schritte, all die Mühen, all die Zweifel – sie haben mich bis hierher geführt.
Und doch ist da neben dieser Freude auch ein anderer Gedanke, der leise mitschwingt:
Was kommt jetzt?
Wenn ein Ziel, das einen so viele Jahre begleitet hat, plötzlich erreicht ist, entsteht auch ein neuer Raum. Ein Raum voller Fragen. Vielleicht aber auch voller neuer Wege.
Meine Handicaps sind damit nicht verschwunden. Sie begleiten mich weiterhin auf meinem Weg. Und doch hat sich etwas verändert.
Jetzt beginnt eine neue Phase. Eine Phase, in der es darum geht, ein neues Ziel zu finden und ihm eine Richtung zu geben.
Was macht mich wirklich glücklich und erfüllt?
Welche Fähigkeiten möchte ich noch weiterentwickeln?
Welche Ängste möchte ich noch überwinden?
Und welchen Beitrag kann ich zur Welt leisten?
Fragen, die mich in letzter Zeit immer öfter beschäftigen. Denn trotz meiner Behinderungen spüre ich deutlich: Ich möchte noch etwas tun.
Dass ich nicht mehr arbeiten kann, so wie früher, ist mir inzwischen bewusst geworden. Diese Erkenntnis war nicht leicht. Aber sie hat auch etwas geklärt. Jetzt geht es darum, etwas anderes zu finden. Etwas zu schaffen, das zu meinen heutigen Fähigkeiten passt.
Körperlich wird es wohl weiterhin das Weitwandern sein. Das Gehen ist und bleibt meine wichtigste Therapie. Doch auch der Geist möchte beschäftigt werden.
Das Wandern wird in meiner Zukunft eine besondere Rolle spielen. Und ich sehe meine Handicaps heute mit anderen Augen. Vieles hat sich verbessert. Meine Wahrnehmung ist stabiler geworden, sicherer als früher.
Was jedoch bis heute nicht zurückgekehrt ist, ist das automatische Gehen. Trotz der vielen tausend Kilometer funktioniert es nicht so wie früher. Gerade hier, auf dem HexaTrek, merke ich das besonders deutlich.
Die Wege sind oft schwierig – zumindest für mich. Mein Gehirn muss bei jedem einzelnen Schritt aktiv mitarbeiten. Ich denke jeden Tritt bewusst. Jeder Schritt braucht Aufmerksamkeit.
Ein Fehltritt ist keine Option.
Diese ständige Wachsamkeit verlangt eine besondere Form der Achtsamkeit. Der Kopf darf nie abschweifen. Immer wieder prüfe ich: Wo setze ich den Fuß? Wie liegt der Stein? Wie steil fällt der Hang ab?
Die Schwierigkeiten an der Cheval Blanche, wie eigentlich auf dem gesamten HexaTrek, liegen vor allem in den ausgesetzten und steilen Passagen. Für einen erfahrenen Bergsteiger mögen diese Stellen vielleicht harmlos wirken. Mancher würde darüber wohl nur lächeln.
Für mich jedoch ist der HexaTrek eine ultimative Herausforderung.
Von den schwersten Stellen habe ich keine Bilder. Fotografieren war dort für mich schlicht unmöglich.
Ich wollte durch nichts abgelenkt sein. In diesen Momenten zählt nur eines: volle Konzentration. Kein Griff zum Handy, kein kurzer Blick zur Seite.
Also ging ich weiter, Schritt um Schritt. Ganz bei mir, ganz beim Weg. Jeder Tritt musste sitzen.
Meine Dankbarkeit ist groß, diesen Abschnitt überhaupt in Angriff genommen zu haben. Und sie gilt auch Sam und Matt. Ohne sie hätte ich mich wohl nicht getraut, diesen Weg zu gehen.
Auf einem teilweise mit Seilen gesicherten Steig führt der Weg weiter in Richtung Chamonix. Dabei bewege ich mich die meiste Zeit auf etwa 2100 Metern Seehöhe. Die Landschaft ist beeindruckend, doch der Weg verlangt weiterhin Aufmerksamkeit. Schritt für Schritt geht es weiter.
In Chamonix nutze ich die Gelegenheit, mich neu auszurüsten. In einem der vielen Sportgeschäfte kaufe ich mir ein neues T-Shirt und einige Heringe für mein Zelt. Außerdem tausche ich meinen Spirituskocher gegen einen Gaskocher. Mit meiner eingeschränkten Feinmotorik ist dieser doch deutlich einfacher zu bedienen, als mit Spiritus zu kochen.
Am Campingplatz in Le Houches nehme ich mir Zeit für alles, was unterwegs kaputtgegangen ist. Ich repariere meine Ausrüstung und bereite mich auf die kommenden Etappen vor.
Größere Ortschaften werde ich in den nächsten Tagen kaum erreichen. Deshalb muss ich diesmal mehr Lebensmittel mitnehmen und entsprechend mehr Gewicht tragen. Doch auch das gehört zu diesem Weg dazu.
Mit Le Houches verbinde ich besondere Erinnerungen. Im Jahr 2002 war ich schon einmal hier. Damals filmte ich die Radzwillinge auf ihrer Nonstop-Tour von Graz zum Mont Blanc.
Als ich nun wieder durch diese Gegend gehe, kreuze ich sogar den Weg, den wir damals beim Aufstieg auf den Mont Blanc genommen haben. Alte Bilder tauchen auf, Erinnerungen an eine ganz andere Zeit meines Lebens.
Mit diesen Gedanken im Kopf gehe ich weiter. Die nächsten Kilometer gehören teilweise zur Tour du Mont Blanc, und stellenweise verläuft sie auf genau denselben Wegen.
So mischen sich Vergangenheit und Gegenwart. Erinnerungen von damals begleiten meine Schritte von heute.

Schön langsam beginne ich zu realisieren, was ich hier eigentlich geleistet habe. Das Gehen bereitet mir große Freude, und jeden Morgen kann ich es kaum erwarten, wieder auf dem Trail unterwegs zu sein.
Mein Tagesablauf in den Alpen bekommt nach und nach eine Routine. Genau diese Routinen helfen mir sehr. Sie entlasten mein Gehirn, weil nicht mehr alles neu überlegt werden muss. Viele Abläufe passieren immer gleich – und das gibt mir Sicherheit.
Im Moment fühle ich mich wohl. Vieles funktioniert.
An die langen An- und Abstiege gewöhne ich mich immer besser. Mein Körper hat sich angepasst, auch wenn meine Muskelschwäche sich kaum verbessert hat. Gehe ich in die Hocke, kann ich meist nicht mehr alleine aufstehen. Ich brauche etwas, an dem ich mich hochziehen oder festhalten kann.
In Supermärkten sieht das manchmal etwas seltsam aus. Aber das ist einfach so, und ich kann es nicht ändern.
Dafür hat sich etwas anderes deutlich verbessert: mein Atmen. Früher brachte mich schon die kleinste Steigung außer Atem. Heute ist das anders. Ich kann länger und ruhiger gehen, auch wenn der Weg bergauf führt.
Ab jetzt führt mich der Weg immer weiter nach Süden. Schritt für Schritt entferne ich mich vom Mont-Blanc-Gebiet.
Hin und wieder tauchen noch Schneefelder auf. Dort muss ich besonders vorsichtig sein. Das Gehen auf Schnee fällt mir nach wie vor schwer. Der Untergrund gibt nach, jeder Schritt fühlt sich unsicher an, und mein Gleichgewicht wird sofort stärker gefordert.
Eine weitere Schwierigkeit am HexaTrek sind die Wege selbst. Oft sind sie übersät mit Steinen und Felsen. Für viele Wanderer gehört das einfach dazu. Für mich bedeutet es jedoch, dass mein Gehirn bei jedem Schritt aufmerksam bleiben muss.
Jeder Tritt will genau gesetzt sein. Jeder Schritt verlangt Konzentration.
Achtsam jeden Schritt zu setzen, ist hier die wichtigste Voraussetzung. Doch genau das kostet viel Konzentration und Energie. Mein Blick bleibt meist am Boden, beim nächsten Tritt. Einen Ausblick in die Landschaft bekomme ich nur dann, wenn ich bewusst stehen bleibe.
Während des Gehens muss mein Gehirn bei jedem einzelnen Schritt bleiben. Abschweifen ist kaum möglich. Dadurch ist dieser Weg für mich um vieles anstrengender als jeder Camino, den ich bisher gegangen bin.
Eine meiner größten Sorgen war immer, in schwierigem Gelände plötzlich Doppelbilder zu bekommen. Genau das möchte ich vermeiden. Deshalb ist es für mich so wichtig, immer stabiler zu werden. Nicht nur hier in den Bergen, sondern auch später im Alltag – in der Stadt und überall sonst.
Die eigentliche Kunst besteht darin, mich an der Grenze meiner Möglichkeiten zu bewegen, ohne sie zu überschreiten. Und gleichzeitig diese Grenze Schritt für Schritt ein wenig weiter hinauszuschieben.
Am letzten Tag der Nordalpen gehe ich Nachmittags den Col du Galibier hoch. Der genaue Weg der GPS Daten ist nicht anzufinden, so gehe ich die ersten Kilometer die Straße hoch. Es ist ein eigenartiges Gefühl diesen Geschichtsträchtigen Berg zu Fuß zu erklimmen und nicht mit dem Rad. Diese Tage sind geprägt von der Tour de France, denn immer wieder quere ich bekannte Pässe, die ich großteils nur vom Fernsehen kenne.
Nach 5 Kilometern auf der Straße, wechsle ich auf den Bergpfad. Der weitere Aufstieg ist zäh. Ein kaum begangener und noch wenig sichtbarer Weg führt nach oben und oft geht es durch steiles Geröll, wo der Weg überhaupt nicht zu sehen ist. Mit dem Handy navigiere ich mich hier durch, wobei es oft kerzengerade den steilen Hang hoch geht.
Den Pass erreiche ich hoch über dem Tunnel und der Straße und klettere vorsichtig über die steilen Schotterwände ab. Das erste Gasthaus an der Straße hat geschlossen. Also gehe ich weiter in Richtung Tal, wo eine Herberge eingezeichnet ist. Doch auch dort habe ich kein Glück – sie ist ebenfalls geschlossen, und zwar endgültig.
So bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzugehen. Mein Weg führt mich nun in Richtung Col du Lautaret.
Mit dem Erreichen des Col du Lautaret habe ich die Nordalpen geschafft. Ein besonderer Moment auf diesem langen Weg.
Es ist bereits 18 Uhr, als ich oben auf der Passhöhe ankomme. Dort entdecke ich ein offenes Restaurant – ein kleiner Glücksfall nach diesem langen Tag. Ich gönne mir ein warmes Essen und lasse die Anstrengung langsam von mir abfallen.
Danach mache ich mich auf die Suche nach einem Biwakplatz in der Nähe. Ein ruhiger Platz für die Nacht, bevor am nächsten Tag ein neuer Abschnitt dieser Reise beginnt.
Am bisher kältesten Morgen auf dem HexaTrek beginne ich den Abschnitt durch die Südalpen. Der Col du Lautaret, immerhin auf etwa 2050 Metern, bildet die Grenze zwischen den beiden großen Alpenregionen.
Noch liegt vieles im Schatten, als ich mich auf den Weg mache. Die Luft ist frisch und klar. Erst langsam kommt die Sonne über die Berge und begleitet meine ersten Schritte in diesem neuen Abschnitt.
So beginne ich meinen Weg durch die Südalpen, weiter am Hexatrek.
Weiter geht´s im nächsten Blogbeitrag.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Die ersten 700 km des Hexatrek in Frankreich liegen hinter mir. Der erste Teil ist somit geschafft, mit den Vogesen und dem Jura.
Ich bin am Genfer See angelangt und jetzt warten die Alpen. Das Schreiben ist sehr anstrengend und mir fehlt die Tastatur, so gibt es nur einen kurzen Überblick.
Die Vogesen sind bereits ein absolutes Highlight meiner Reise. So viel Kultur und so viele Burgruinen wie hier habe ich noch nie erlebt. Obwohl ich eigentlich für mein Gehirn ein Sparprogramm verfolge, tut es unglaublich gut, mich intensiver mit der Geschichte und den Sehenswürdigkeiten dieser Region auseinanderzusetzen. Interessanterweise hatten auch die Habsburger hier ihre Finger im Spiel.
Die Wanderungen führen bergauf und bergab, oft durch dichte Wälder, die einen angenehmen Schutz vor der Sonne bieten. Ich biwakiere fast die ganze Zeit, was bedeutet, dass ich immer genug Wasser für die Nacht dabei haben muss. Dadurch ist mein Rucksack oft ziemlich schwer – meistens um die 10 kg und mehr.
Nach den Vogesen folgt der Fluss Doubs. Der Regenwald Neuseelands wirkt fast wie ein Vergleich in Sachen Schönheit.
Die unzähligen Grüntöne, die das Auge erfreuen, sind wahrhaft heilend. Moose und Flechten hängen von den Bäumen, und man fühlt sich wie in einem verzauberten Land.
Allerdings ist alles stets feucht und nass, besonders am frühen Morgen. Die Wahl des Zeltplatzes ist zwar entscheidend, bietet aber kaum Schutz vor der allgegenwärtigen Feuchtigkeit.

Im Jura entscheide ich mich längere Distanzen zurückzulegen und dafür mehr Wasser zu tragen. Es kommen mindestens 3 Liter zusammen, wodurch sich das Gewicht meines Rucksacks mit der Verpflegung auf über 10 kg erhöht. So viel habe ich seit meinem Hirnabszess kaum noch getragen.
Mit etwa 1600 Metern erreiche ich den höchsten Punkt im Jura. Von hier aus bietet sich eine atemberaubende Aussicht auf den Genfer See und die dahinterliegenden Alpen, mit dem majestätischen Mont Blanc im Hintergrund.
Meine Schuhe haben mittlerweile ihr Limit erreicht, und ich weiß, dass ich vor den Alpen neue brauche. Die Sohle ist stellenweise so dünn, dass sie sich bereits ablöst. Das zusätzliche Gewicht macht sich bemerkbar – sowohl an meinen Füßen als auch an den Schuhen.
Diese letzten acht Jahre, jeder einzelne Jakobsweg, das viele Gehen und das ständige Training für mein Gehirn – ich möchte keines dieser Erlebnisse missen. Manchmal mag mich vielleicht jemand schief anschauen wegen meiner Besessenheit, zu gehen. Doch jeder Schritt war notwendig, um an den Punkt zu kommen, an dem ich heute stehe.
Natürlich spüre ich noch immer die Auswirkungen der Halbseitenlähmung, den verlorenen Automatismus und die Muskelschwäche. Aber mittlerweile habe ich gelernt, damit zu leben. Ich gehe viele Dinge anders an, und oft wundere ich mich selbst, wie ich in vielem auf eine neue Weise funktioniere. Das einzige, was mir bleibt, ist, mich an ein Sprichwort zu halten:
„Es ist, wie es ist, weil es IST – und nicht, weil es gut ist.“
Mein anderes Schicksal, ein Pflegefall zu bleiben, war nur einen winzigen Schritt entfernt. Doch mein unbeugsamer Wille und die klare Entscheidung, zu leben, hielten mich davon ab, auf einen Rollstuhl angewiesen oder gar im Bett liegen zu bleiben.
Allmählich spüre ich wieder, was es heißt zu leben. ❤️🍀🙏

Im nächsten Teil werde ich dann über die Alpen berichten! Bis dahin auf Facebook und neuerdings auch wieder auf Instagram.
https://www.instagram.com/von0auf101
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Vor acht Jahren änderte sich mein Leben schlagartig. Ein Hirnabszess brachte mich an den Rand des Lebens. Plötzlich musste ich alles neu lernen. sprechen, denken, die Bewegung und vor allem, Gehen.
Die Rehabilitation war lang und oft mühsam. aber sie lehrte mich auch, das Leben und jede einzelne Bewegung zu schätzen.
Heute, viele Jahre später, beginnt für mich eine neue Herausforderung. Dieses Abenteuer bringt mich, im Idealfall, 3000 km durch die atemberaubenden Landschaften der Vogesen, der Alpen und Pyrenäen – der Hexatrek, durch Frankreich.
Dieser Weitwanderweg durch Frankreich wurde 2022 gegründet und ich möchte euch einen Einblick in meine Vorbereitung geben, von der Ausrüstung bis zur mentalen Einstellung. Das ist nicht nur eine Reise durch wunderschöne Landschaften, sondern auch ein wichtiger Teil meiner Rehabilitation und meiner persönlichen Entwicklung.

Die Entscheidung den Hexatrek zu wandern, kam mir über Nacht. Nach Jahren intensiver Therapie und vieler kleiner Fortschritte fühle ich mich bereit für ein neues Abenteuer.
Meine bisherigen Caminos und Wanderungen in den letzten Jahren hatten jede ihren eigenen Zweck, so auch diese. Ich leide unter bleibenden Behinderungen, die mein Nervensystem, mein Gleichgewicht und meine Merkfähigkeit beeinträchtigen. Ich versuche was geht, Verbesserungen zu erzielen.
Rehabilitation und Leben unter einen Hut zu bringen, stellt eine enorme Herausforderung dar. Präferiere ich eines, leidet darunter das Andere und ich gerate aus meiner Mitte, daher soll beides sein. Es ist ein langer Prozess, in dem ich langsam Vertrauen in meinen Körper zurückgewinne.
Nicht mehr arbeiten zu können, war für mich eine der größten Herausforderungen. Die Arbeit war für mich nicht nur Beschäftigung, sie war Aufgabe, Struktur, Sinn. Ich habe sie gerne gemacht, mit Hingabe, mit Freude. Und doch musste ich lernen, dass sie nicht alles im Leben ist.
So wie das Gehen für mich eine neue Bedeutung bekommen hat, musste auch die Arbeit ihren Platz neu finden. Früher definierte ich mich über das Tun, über Leistung, über das, was am Ende eines Tages sichtbar war. Seit der Krankheit aber wurde mir bewusst, dass der Wert eines Menschen nicht nur im Arbeiten liegt. Es war ein innerer Wandel, der Zeit brauchte. Ein Loslassen von dem, was einmal selbstverständlich war.
Heute weiß ich: Arbeit ist wichtig, aber sie ist nicht das Leben selbst. Das Leben findet auch im Innehalten statt, im Annehmen, im Sein.

Der Hexatrek – ein noch wenig bekannter Weitwanderweg quer durch Frankreich – ist für mich jetzt genau das Richtige. Er ist nicht nur eine Strecke auf der Landkarte, sondern eine neue Etappe auf meinem Weg. Eine Herausforderung, ja. Aber auch eine Chance.
Eine Chance, meine Fortschritte sichtbar zu machen. Schritt für Schritt. Höhenmeter für Höhenmeter. Was ich mir in den letzten Jahren mühsam erarbeitet habe, darf sich dort bewähren. Auf langen Anstiegen, in einsamen Tälern, auf schmalen Pfaden.
Der Hexatrek fordert. Er verlangt Ausdauer, Konzentration und Vertrauen in den eigenen Körper. Gerade deshalb zieht er mich an. Denn jede Herausforderung ist auch eine Möglichkeit, weiterzugehen – im wahrsten Sinn des Wortes. Meine Fortschritte nicht nur zu bewahren, sondern sie zu festigen.
Das Wandern hat mich auf eine Weise zurück ins Leben geführt, wie ich es nie für möglich gehalten hätte. Anfangs war es einfach ein Mittel, um gehen zu lernen, aus dem Haus zu kommen und meinen Körper zu bewegen. Es ist noch immer die beste Rehabilitation - Gehen als Therapie.
Doch bald merkte ich, dass das Wandern viel mehr ist, als nur eine körperliche Betätigung. Es wurde zu einer Therapie für die Seele und einer Möglichkeit, den Geist zu beruhigen und den Kopf freizubekommen.
Mit jedem Schritt den ich mache, fühle ich mich der Natur und mir selbst näher. Die sanften Hügel, die rauschenden Bäche und die weiten Felder – sie alle haben eine beruhigende Wirkung auf mich und therapieren meinen Körper.

Das alles erinnert mich daran, dass das Leben auch außerhalb meiner eigenen vier Wände weitergeht und dass es überall Schönheit und Freude zu finden und erleben gibt. Die Natur ist meine Medizin und mit jedem Weg finde ich mehr und mehr Vertrauen in mich.
Das Wandern bietet mir die Möglichkeit, mich wieder lebendig zu fühlen und das mit oder trotz Behinderung. Ich kann den Alltag hinter mir lassen und lebe im Moment. Diese Präsenz im Hier und Jetzt ist für mich von unschätzbarem Wert und kann ich in der Natur noch besser ausleben.
Noch habe ich Probleme damit, an die Vergangenheit oder in die Zukunft zu denken. Den Moment zu leben, ist für mich die einzige, aber auch die beste Möglichkeit.

Das Wandern rückt die innere Ruhe in den Vordergrund, die sich nur dann einstellt, wenn ich im Einklang mit mir selbst und meiner Umgebung bin.
Durch den Hirnabszess habe ich gelernt, dass das Leben aus vielen kleinen Schritten besteht. Jeder einzelne mag unscheinbar erscheinen, doch in ihrer Gesamtheit ergeben sie einen Weg, der mich weiterbringt.
Manchmal ist es ein steiniger Pfad, manchmal eine sanfte Wiese – jeder Weg kann eine Metapher sein, für den eigenen Weg. Jeder Weg hat seine eigene Schönheit und seinen eigenen Wert. Das Wandern hat mir geholfen, wieder Vertrauen in mich selbst und in das Leben zu finden.
Wandern hat mir gezeigt, dass es immer einen Weg gibt, auch wenn er nicht immer geradeaus führt. Diese Erkenntnis gibt mir Kraft und Zuversicht, auch die Herausforderungen des Alltags zu meistern, so wie ich sie auf meinen Weitwanderwegen meisterte.

Eine so lange Wanderung erfordert eigentlich eine sorgfältige Planung, besonders mit meiner Vorgeschichte. Mein Gehirn lässt aber seit dem Hirnabszess kein detailliertes Planen mehr zu. Die Erfahrung aus den letzten Jahren lässt mich leichter damit umgehen.
Die Entscheidung, es zu versuchen, kam mir erst vor 14 Tagen. Die Hexatrek-App und ein paar YouTube-Videos, in denen Wanderer ihre Tipps und Erfahrungen teilen, haben mir geholfen, mich auf diesen Weg vorzubereiten.
Der Hexatrek ist kaum mit meinen bisherigen Wegen vergleichbar. Die oft große Höhenlage, Ausgesetztheit und das oftmalige Zelten machen es für mich unberechenbar, gleichzeitig aber auch interessant, wie mein Körper reagieren wird. Die optimale Ausrüstung wird eine wichtige Rolle spielen.

Die Wahl der richtigen Ausrüstung ist entscheidend. Ich achte darauf, dass meine Ausrüstung leicht und funktional ist, um meinen Körper nicht unnötig zu belasten. Es geht durch viele verschiedene Höhenlagen und Klimazonen, daher lege ich auf die Ausrüstung einen besonderen Augenmerk.
Das Basisgewicht beträgt 5 kg. Dazu kommen Nahrungsmittel und Wasser, die immer variieren.
Hier eine Liste der wichtigsten Gegenstände, die ich mitnehmen werde:
Zur Ausrüstungsliste auf lighterpack geht's hier.
Ein 3000 km langer Trek erfordert eine gute körperliche Verfassung. In den letzten Monaten, nach der Via de la Plata in Spanien, habe ich mein Training, bzw. meine Rehabilitation intensiviert. Regelmäßige Wanderungen und Gleichgewichtstraining haben meinen Körper auf die bevorstehenden Herausforderungen (hoffentlich) vorbereitet.
Seit meinem Hirnabszess und den folgenden Jahren der Rehabilitation habe ich unermüdlich daran gearbeitet, Kraft und Ausdauer aufzubauen. Allerdings mehr Ausdauer, denn durch die Muskelschwäche bin ich in der Kraft limitiert. Darum werden die vielen langen Anstiege eine Herausforderung.
Im therapeutischen Tanzen konnte ich, wie die Jahre zuvor, interessante neue Aspekte gewinnen, die mir auf diesem Weitwanderweg helfen werden. Ohne die Tanztherapie wäre ich nicht da, wo ich heute bin.
Es ermöglicht mir, mit diesem Leben immer besser zurechtzukommen und hat mir durch die Pandemie geholfen. Ich lernte unter anderem, mich, mit gestörter Tiefensensibilität und Nervensystem, besser zu bewegen. Keine andere Therapie konnte mir bisher so viel vermitteln.

Es ist mir eine Freude, mich im Tanz selbst wiederzuentdecken. Unter Anleitung meiner Therapeutin Hanna Treu, konnte ich in den letzten Jahren enorme Verbesserungen machen, die mir kaum wer zugetraut hätte.
Diese neu gewonnene Selbstwahrnehmung hat mir eine Lebensqualität beschert, die ich so nicht erwartet habe. Es bleibt ein tägliches Arbeiten an mir.
Für den Hexatrek wird es besonders wichtig sein, mich schrittweise an das Tragen eines schweren Rucksacks zu gewöhnen – soweit es meine Muskelschwäche eben zulässt. In den letzten Jahren war das schlichtweg nicht möglich. Doch auch diesmal werde ich wieder im Leicht- oder Ultraleicht-Modus unterwegs sein. Nur so ist diese Herausforderung für mich überhaupt machbar.
Der Hexatrek ist in sechs Abschnitte unterteilt. Diese führen durch verschiedene Landschaften Frankreichs:
Jeder Abschnitt hat seine eigenen landschaftlichen Highlights und Herausforderungen.
Neben der körperlichen Vorbereitung spielt die mentale Vorbereitung eine entscheidende Rolle für den Ausgang eines solchen Unternehmens. Ich habe zu lernen, mit meinen Ängsten umzugehen und Vertrauen in meine Fähigkeiten zu gewinnen. Meditation und Achtsamkeitstraining helfen mir, inneren Frieden und Klarheit zu finden.
Für mich ist das mentale Training ebenso wichtig wie die körperliche Vorbereitung – gerade mit Blick auf meine gesundheitlichen Herausforderungen. Vor kurzem war ich auf einer Probetour unterwegs, um zu testen, wie ich mit ausgesetzten Stellen zurechtkomme. Es ging auf den Lugauer – ein Berg, der sich als ideales Testgelände erwies.
Vor zwei Jahren stand ich an derselben Stelle und musste damals umkehren. Die Ausgesetztheit hatte mir damals noch starken Drehschwindel bereitet. Diesmal war das Unbehagen zwar noch spürbar, aber ich habe die Passage gemeistert – bergauf wie bergab.
Solche Touren nutze ich, um herauszufinden, wie mein Körper und mein Geist in herausfordernden Situationen reagieren. Schritt für Schritt lerne ich mich neu kennen.








Eine der größten mentalen Hürden ist das Aufbauen und Bewahren von Selbstvertrauen. Seit meinem Hirnabszess habe ich oft Zweifel an meinen Fähigkeiten und meiner Belastbarkeit.
Durch das Wandern habe ich jedoch gelernt, dass ich mehr erreichen kann, als ich oft glaube. Jeder erfolgreich gemeisterte Abschnitt stärkt mein Vertrauen in mich selbst.

Lange Wanderungen erfordern ein hohes Maß an Durchhaltevermögen. Es gibt Tage, an denen ich müde und erschöpft bin. In solchen Momenten ist es wichtig, die innere Stärke zu finden, um weiterzumachen.
Das Wandern hat mich gelehrt, dass es in Ordnung ist, Pausen einzulegen und sich Zeit zu nehmen, um wieder Kraft zu schöpfen. Diese Erkenntnis hilft mir auch im Alltag, Herausforderungen gelassener anzugehen und Rückschläge als Teil des Weges zu akzeptieren.
Eine Wanderung bietet die perfekte Gelegenheit, Achtsamkeit zu üben. Durch die ständige Bewegung in der Natur und das bewusste Erleben der Umgebung kann ich meine Gedanken beruhigen und mich auf den Moment konzentrieren.
Achtsamkeit hilft mir, Stress abzubauen und die Schönheit des Augenblicks zu genießen. Diese Praxis hat auch meine allgemeine Lebensqualität verbessert und mir geholfen, eine positive Einstellung zu bewahren.
Angesichts meiner gesundheitlichen Situation habe ich manchmal mit Ängsten und Unsicherheiten zu kämpfen. Das Wandern lehrt mich, diese Gefühle zu akzeptieren und ihnen nicht die Kontrolle zu überlassen.
Indem ich mich Schritt für Schritt vorwärts bewege, lerne ich, meine Ängste zu überwinden und mich auf das zu konzentrieren, was ich kontrollieren kann. Diese Fähigkeit überträgt sich auch auf andere Bereiche meines Lebens und gibt mir die Kraft, mich neuen Herausforderungen zu stellen.
Ängste treten vor allem in der Stadt auf und überall wo viele Menschen sind. Ich bin dann in einem Daueralarmzustand, aus dem ich kaum raus kann. Diese erhöhte Anspannung ist natürlich nicht gesund.
Ich möchte deshalb einerseits meinen Körper kontrollieren lernen, andererseits, das Gegenteil von Kontrolle, ist Vertrauen. Beim Gehen in der Natur kann ich beides üben und verbinden, Kontrolle und Vertrauen in mich finden. Die richtige Balance zwischen beidem zu finden, ist mir wichtig. Dann wirds auch in der Stadt für mich leichter.

Während des Wanderns finde ich eine innere Ruhe, die ich im Alltag oft vermisse. Die Natur bietet einen Rückzugsort, an dem mein Körper entspannen kann und das Nervensystem beruhigt.
Ich brauchte fast vier Jahre, bis mein Ruhepuls von 85 im Krankenhaus, auf knapp über 50 heute, gesunken ist. Das viele Gehen und Ausdauertraining hat dazu entscheidend beigetragen.
Der Hexatrek wird sicherlich eine der größten Herausforderungen der letzten Jahre und wird weitere wichtige und lohnende Erfahrungen beinhalten. Er wird mir Erfahrungen bringen, die mich im Leben erneut weiter voranbringen werden.
Abenteurer und Entdecker von mir selbst bin ich seit dem Hirnabszess geworden und dazu verhelfen mir meine Reisen und Pilgerwege. Mit der richtigen Vorbereitung und der notwendigen mentalen Stärke bin ich zuversichtlich, dass ich auch dieses Abenteuer erfolgreich meistern und eine Menge dazulernen werde.
Ich freue mich darauf, meine Erfahrungen und Erlebnisse mit euch zu teilen. Bleibt dran für Updates hier im Blog (abonnieren) und auf Facebook. Folgt mir auf diesem spannenden Weg, der wieder ein wichtiger Schritt für mich ins Leben ist. Das Gehen gibt mir Freude und auf diese Art kann ich wieder zu mehr Kontakt zu meinen Mitmenschen kommen.
Es wird nie mehr wie früher sein, aber wichtig ist, dass ich immer einen Sinn im Leben und damit auch Freude daran finde.
Hier geht´s zum Bericht über die Vogesen (Stage 1)
Hier geht´s zum Bericht über die Nordalpen (Stage 2)
Hier geht´s zum Bericht über die Südalpen (Stage 3)
Hier geht´s zum Bericht über Les Gorges, Doubs und Cevennen (Stage 4)