Seit einem Monat bin ich vom Walkabout durch Austria wieder zu Hause und versuche mich im Leben daheim einzufinden. Vor allem die Motivation aufzubringen, auch in kleinen Punkten wieder Fuß zu fassen und mich einzugewöhnen. Nach zwei Monaten aus dem Rucksack zu leben, kommt es einem eigenartig vor, plötzlich wieder im Überfluss zu leben. Ich sehne mich an die einfachen Tage zurück, wo ich nicht mehr brauchte als das, was im Rucksack war.

In diesem und letzten Teil über meinen Walkabout, beschreibe ich die letzten 250 Kilometer, die mich nach dem Erreichen aller Kardinalpunkte von Österreich, wieder nach Hause in Judendorf bringen sollte.

Kärnten

Vom südlichsten Punkt konnte ich einige Erfahrungen mitnehmen, aber auch meine Begrenzungen wurden mir eindrücklich bewusst gemacht. Was geht und was nicht, bekam ein neues Gewand, denn die Grenzen wurden mir deutlich aufgezeigt.

Trotzdem konnte ich von Eisenkappel freudig weggehen, denn alleine das ich gehen konnte, war mir Freude genug. Mit den Einschränkungen des Gehirn, aber auch der Bewegung, komme ich immer besser klar.

Lavamünd war mein nächstes Ziel, am Fuße der Koralm gelegen. Immer mehr wurde es mir bewusst, ans Ende meiner Tour zu gelangen.

Die Hängebrücke "St. Lucia"...

...am Drauradweg, war nochmals eine Herausforderung. 58 Meter hoch und 140 Meter lang, spannt sie sich über den Feistritztalgraben. Wie ein Slackliner am anderen Ende einen festen Punkt fixiert, so konzentrierte auch ich mich darauf. Solche Augenblicke kosten mir noch immer viel Energie.

In Lavamünd verließ ich die Drau, die seit ihrem Ursprung an meiner Seite war. Am Fuße der Soboth nahm ich Quartier, denn am nächsten Tag stand mir der letzte große Aufstieg bevor, hinauf zur Koralm.

Soboth und Koralm

Ein letzter Blick hinunter zur Drau und dann ging es steil weiter hinauf zur Soboth. Zum Glück war das meiste zum Gehen und nicht zu steigen. Ob Schlurfschritt oder steigen, es macht einen großen Unterschied. Besonders, wenn danach noch der lange Weg zur Koralm ansteht. Jedes Körnchen Kraft wollte gespart sein, immerhin gab es erst dort eine Übernachtungsmöglichkeit. Die Alternative wäre das Zelt gewesen, die ich aber vermeiden wollte.

Nach einem letzten steilen Aufstieg erreichte ich die Koralm mit der Flugsicherungsstation. Der höchste Punkt meiner Tour war damit erreicht und ich beschloss, es die letzten Tage ruhig anzugehen.

"After Camino Depression"

Denn das schwierige ist das Nachhause kommen nach einem langen Weg. Nach einem Camino spricht man oft über die "After Camino Depression". Es ist in der Tat nicht leicht, sich wieder an das zu Hause zu gewöhnen. Ich war so im täglichen Gehen drin, dass mir ein paar Tage zum Herunterkommen guttaten.

Edelschrott und Piber waren die letzten Stationen auf meiner Tour. Immer näher kam das Ende des Walkabout und damit diese Zeit der Freiheit, in der ich mich trotz Corona befand. Ich genoss jeden Schritt auf diesen letzten Kilometern.

Zu Hause ankommen will vorbereitet und gelernt sein. Dreimal war ich in den letzten drei Jahren länger als einen Monat unterwegs. Daher hatte ich einiges an Erfahrung gewonnen, um vom Ende des Walkabout nicht überrascht zu werden. Ich konnte mein Gehirn bereits Tage vorm Ende daran gewöhnen.

Die letzten Meter des Walkabout

Obwohl ich fast jeden Meter in meiner unmittelbaren Heimat kenne, ging ich auf neuen Wegen zurück. Und plötzlich stand sie vor mir, die Kirche von Judendorf-Straßengel!

Vor zwei Monaten habe ich sie hinter mir gelassen und bin in Richtung Osten aufgebrochen. Jetzt gehe ich auf sie zu, vom Westen kommend. Inmitten von Wiesen und Bergen steht sie da und ist ein schöner zum Anblick Abschluss für meine Tour.

Zurück in Judendorf vom Walkabout
Zurück vom Walkabout
rbt

2.100 Kilometer und 59 Tage später bin ich zurück und habe damit Österreich zu Fuß umrundet. Es war zum ersten Mal nicht mein Verlangen, körperlich etwas Verbessern zu wollen. Nur vom Gedanken wegkommen, alles für Rehabilitation und Therapie zu machen. Das ist mir gelungen. Ob es mir auch im Alltag gelingt, wird sich erst zeigen, aber die ersten Wochen stimmen mich Hoffnungsvoll.

Das Ankommen ist trotzdem eine eigene Sache. Der Körper braucht seine Zeit, sich auf die Alltagsroutinen umzustellen, besonders das Gehirn.

Walkabout durch Austria

Am liebsten würde ich weitergehen. In den letzten fünf Jahren fühlte ich mich in der Natur am wohlsten. Meine Defizite sind immer gleich stark, aber es macht einen Unterschied, ob ich mich in der Natur befinde oder in der Stadt. Es war sicher nicht meine letzte Fernwanderung oder Thru-hike.

Da das Laufen immer noch nicht möglich ist, habe ich im Gehen eine Art der Fortbewegung gefunden, die mir entgegenkommt. Es beinhaltet so viel Positives für Körper und Geist und brachte mir das Leben wieder näher. Das Pilgern wird ein Bestandteil meines Lebens bleiben, ebenso wie das Wandern.

So intensiv, wie ich mich auf meinen ersten Pilgerreisen dem Inneren zuwenden konnte, so schön habe ich immer wieder das Wandern empfunden, wenn es mehr um das Äußere ging.

Hirnabszess und Gehen

Der Hirnabszess veränderte mein Leben, wie es nur wenige nachvollziehen können. Selbst für mich ist es manchmal nicht leicht zu verstehen, was in mir vorgeht.

Eines ist mir aber bewusst: Vor wenigen Jahren war ein Hirnabszess noch absolut tödlich. Nur durch die Weiterentwicklung von Antibiotika konnte die Lebensgefahr einigermaßen reduziert werden, allerdings mit der Sache, dass mehr oder weniger große Behinderungen zurückbleiben.

Mein wiedergewonnenes Leben beinhaltete die letzten fünf Jahre ausschließlich Rehabilitation und Therapie und wird es auch weiterhin bestimmen. Allerdings darf ich nicht darüber vergessen, zu Leben. Denn was hätte es sonst für einen Sinn gehabt, den Hirnabszess zu überleben?

Ich verstehe Menschen immer besser, die in einer ähnlichen Lage wie ich sind, aufgeben zu wollen. Der Spruch, "Das Leben hat nur so viel Sinn, wie du ihm gibst!", bekam eine wichtige Bedeutung für mich. Es hatte einen Sinn, dass ich überlebe, es ergab aber keinen Sinn für mich, im Bett zu liegen und ein Pflegefall zu sein.

Ich wollte wieder selbständig werden, koste es was es wollte. Wenn ich an die Zeit im Krankenhaus denke, war mein Wunsch, es wieder alleine aufs Klo zu schaffen. Dafür nahm ich Monate Training in Kauf, mit ungewissen Ausgang.

Training, Training, Training

Ja, ich sah es als Training, wie wenn ich früher für ein Radrennen trainierte. Ein Ziel vor Augen haben, gab mir darin Sinn, eigentlich unmöglichen möglich werden zu lassen. Meine Motivation musste größer sein, als alle Hindernisse auf dem Weg dahin. Nur so konnte ich diese Zeit der kleinsten Schritte überstehen.

Als ich nach vier Monaten im Krankenhaus das erste Mal alleine die paar Meter aufs Klo schaffte, konnte ich meine Ziele ändern. Damals fuhr ich noch im Rollstuhl zurück, also war mein nächstes Ziel, selbständig von dort wieder zurückzugelangen. Damit hatte ich mir wieder ein Stück mehr an Freiheit erarbeitet. Denn Freiheit war mir, als im Zeichen des Schützen geborenen, sehr wichtig.

So ging es Monat für Monat weiter. In kleinsten Schritten, die für mich kaum wahrnehmbar waren, kam ich trotzdem vorwärts. Kaum jemand bekam mit, was ich dafür tat, da ich das meiste alleine machte. Vier Monate nach dem Krankenhaus erreichte ich zum ersten Mal den 300 Meter entfernten Waldrand. Von da an wurde der Wald und die Natur mein wichtigster Teil, auf dem Weg zurück ins Leben.

Auch die Motivation für Gymnastik und Krafttraining war ungebrochen. Besonders die Stärkung des rechten Fußes war mir wichtig, denn durch die Halbseitenlähmung war die rechte Seite gleich doppelt betroffen. Die Nervenstörung war die andere, die gleich den ganzen Körper betraf. Ich hatte an der gestörten Propriozeption zu arbeiten, durfte aber die Lähmung nicht vergessen und an den Übungen fürs Gehirn. Alles erforderte die gleiche Menge an Energie.

Hatte ich den Tag in der Kraftkammer verbracht, konnte ich am nächsten Tag nur fürs Gehirn was machen und war danach auf die gleiche Art erschöpft, wie mit körperlicher Arbeit.

Durch Österreich

Als bisheriger Höhepunkt meiner Rehabilitation, wurde mein Weg zu den Kardinalpunkten von Österreich. Gleichzeitig war es mein längster je gemachter, durchgehender Weg zu Fuß. Ich vereinte hier alles in den letzten Jahren gelernte und versuchte es umzusetzen. Der Sinn des Walkabout war es, meine Identität wiederzufinden.

Es war auch ein Auseinandersetzen mit vielen Traumen. Ich stellte mich Dingen, die ich mir vorher nicht zugetraut habe. Ich darf mich aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen, gerade jetzt heißt es weitermachen und dranbleiben.

Meinen Körper weiter zu trainieren ist mir wichtig, da er mir noch länger dienen soll. Daher ist mein Weg nicht zu Ende, sondern mit dem nach Hause kommen hat ein neuer begonnen.

Wohin es mich noch bringen wird, weiß ich nicht. Noch habe ich einige Ziele nicht erreicht und daran werde ich die nächste Zeit weiter arbeiten. Besonders der Umgang mit Corona wird für die nächsten Monate ein wichtiger Bestandteil meines Lebens werden.


Nun folgt der Abschnitt zum südlichsten Punkt in Kärnten. Ich hatte zwar das Gefühl, mit dem Walkabout und dem Erreichen des westlichsten Punktes von Österreich mein persönliches Ziel erreicht zu haben, aber natürlich wollte ich die Runde um Österreich zu Ende gehen.

So hatte jeder Abschnitt seine bestimmte Aufgabe und ab jetzt konnte das Leben und das Genießen im Vordergrund stehen. Dadurch, dass ich schneller war als gedacht, konnte ich auch öfter ein Zimmer nehmen, was es für mich viel einfacher machte, obwohl ich das Zelten liebte. Die Regeneration war doch um einiges besser und ich musste einsehen, dass mein Körper noch nicht so funktionierte, wie ich gerne gehabt hätte.

Es war "mein" Walkabout und das machte ihn so besonders. Es ging zum ersten Mal nicht darum, etwas verbessern, therapieren oder trainieren zu wollen, wie bisher am Jakobsweg. Ich hatte nur das Ziel, durch Österreich zu gehen und die entferntesten Orte aller Himmelsrichtungen zu besuchen. Allerdings, dass wirkliche Ziel lag in mir selbst. Kilometer, Tage, Strecke waren mir eigentlich egal. Ich entschied immer erst in der Früh, welche Strecke ich nehmen wollte oder tagsüber wie weit ich ging. Ich wollte frei sein und mich meiner Fesseln der Krankheit entledigen.

Walkabout durch Austria

Plötzlich eine andere Sichtweise

Ich wusste es zwar, aber richtig aufgefallen ist es mir erst in Bangs/Vorarlberg, als ich auf dem Weg zurück nach Feldkirch plötzlich die Sonne von vorne hatte. Bisher war ich mit der Sonne im Rücken nach Westen unterwegs. Ab sofort sollte mir die Sonne am Morgen ins Gesicht scheinen. Ein wesentlicher Unterschied, denn damit war ich, physisch wie psychisch, auf dem Weg nach Hause.

Noch lagen über 800 Kilometer vor mir, je nachdem, welchen Weg ich einschlagen wollte. Für mich war es fix, ich wollte den Jakobsweg zurück über Südtirol versuchen. Das war irgendwie auch im Sinne des Walkabout, meine Identität zu finden. Denn eine meiner Wurzeln liegt in Südtirol, genauer gesagt in Meran, wo meine Vorfahren herkamen. Nur rund 50 Kilometer ging ich daran vorbei, wahrscheinlich auch deshalb meine Liebe zu den Bergen.

Es war ein eigenartiges Gefühl, dass mich jeder einzelne Schritt näher nach Hause brachte. Ich ging von Früh bis Abends und legte, für mich, große Strecken zurück.

Luxus vorm Arlberg

An einem Tag ging es  von Feldkirch zurück bis an den Fuß des Arlberg. Ich übernachtete in Stuben, wo ich mir ein Zimmer über booking.com buchte. Da die meisten Hotels erst im Laufe des Juli aufsperren werden, wurde ich nicht im gebuchten, sondern im Haupthaus untergebracht. Ein Luxus, den ich nicht erwartete, hatte ich doch aufs Geld zu schauen.

Mit durchgeschwitzten Gewand und abgekämpft saß ich im Empfangsbereich eines gut ausgestatteten Hotels und trank Kaffee, während mein Zimmer vorbereitet wurde. Meine Erscheinung passte nicht ganz hierher, aber das machte nichts. Trotzdem fühlte ich mich wie ein Waldläufer, der nach Wochen der Wildnis wieder einmal die Stadt betrat.

Die Annehmlichkeiten des Zimmers nutzte ich voll aus, wusch meine Kleidung und bereitete mich auf den nächsten Tag vor, der Überquerung des Arlberg. Schon um 5 Uhr früh schlich ich mich aus dem Hotel, welches noch im Tiefschlaf lag.

Der Arlberg Pass

Der Aufstieg zur Passhöhe stand mir bevor und danach wollte ich Landeck erreichen, was einen langen Tag bedeutete. Mein Weg führte mich zuerst Großteils über die Straße, da ich den Aufstieg über die Schneefelder meinen Knöcheln, wegen der fehlenden Tiefensensibilität, nicht zumuten konnte und wollte.

Im Schnee kommt die fehlende Propriozeption stärker zur Geltung, besonders bergauf. Egal ob Schnee, tiefer Sand oder hohe Wiese, ich tue mich schwer und es erschöpft mich schnell.

Schon so früh am Morgen den Arlberg zu überqueren, war ein tolles Gefühl. So alleine zu sein zwischen den hohen Gipfeln, inmitten des Schnees und der grünen Wiesen - ich war glücklich das Erleben zu dürfen.

Mir stand aber auch ein weiter Weg bis nach Landeck bevor. Bis dorthin wollte ich nämlich kommen, um wieder am dortigen Campingplatz zu übernachten. Ab Sankt Anton führte mich der Weg entlang der Rosanna zurück nach Landeck, meist am Radweg. Die letzten Kilometer ging es noch auf Single-Trails überraschend steil bergauf, bergab, ehe ich Landeck erreichte. Zufrieden schlug ich dort mein Zelt auf, hatte ich doch nur zwei Tage von Feldkirch hierher gebraucht.

Gehen

Gehen war  mein Leben geworden und gab mir Sinn. Wenn ich genug gehe, funktioniert auch alles andere besser. 10 Minuten stehen oder mit der Straßenbahn fahren, kann so anstrengend sein, weil ich dafür jeden Muskel für die Stabilisierung brauche und schnell ermüde. Durch die Muskelschwäche kann ich diese aber nicht wirklich trainieren. Gehen ist noch das Einfachste, wenngleich mir noch immer die Automatik fehlt.

Einen Fuß vor den anderen setzen, ist eigentlich alles. Im Prinzip schleudert der andere dann von alleine nach vorne und ich brauche kaum Kraft dazu. Was anderes ist Höhersteigen. Hier muss ich aktiv das Bein noch vorne oben bewegen. Daher gerate ich bei Bergen sehr schnell ans Limit, wenn es steil wird. Mich am Limit zu bewegen ist begrenzt, daher habe ich gehörig Respekt vor den hohen Bergen. Der Grad zwischen "geht" und "geht nicht mehr" ist sehr gering. Darum führe ich auch Biwaksack und Zelt bei mir, um mich jederzeit niederlegen und den Tag beenden zu können, egal wo ich bin.

Kloster Stams

Auch am nächsten Tag bin ich erneut wieder früh aufgebrochen, ich wollte erneut Stams erreichen und im dortigen Stift übernachten. Hier gab es ein Pilgerzimmer, für das ich mich am Vortag anmeldete. Am späten Nachmittag kam ich an und wurde von Frater Lukas herzlich empfangen. Ich entschied mich spontan im Stift einen Ruhetag einzulegen, der mir vor dem Weg durch Südtirol sicher guttat.

Ich konnte am Stiftsleben teilnehmen, was sehr interessant war. Gemeinsames Essen mit den Mönchen, Chorgesang und viel Ruhe taten mir gut. Es war eine willkommene Abwechslung und mein erster richtiger Ruhetag am Walkabout. Trotz der vielen Kilometer die ich täglich ging, stand das Leben und Genießen im Vordergrund.

Mit Frater Lukas gab es tolle Gespräche und Einblick in das Stiftsleben. Zur selben Zeit war eine Gruppe von BloggerInnen zu Gast im Stift und sie berichteten über das Stift. Hier ein Bericht von  https://www.travelworldonline.de/auszeiten-kloster/, in dem auch ich mit meinem Walkabout vorkomme.

Der Brennerpass

Vor Südtirol stand allerdings noch der Brennerpass am Programm. Ich kannte ihn bisher nur von Autobahnfahrten, mit viel Verkehr und laut. So war mir das Stubaital in Erinnerung, als schneller Alpenübergang. Es wurde dann eine faszinierende Wanderung durch ein Tal, dass Abwechselnd ruhig war und dann wieder von der Autobahn beherrscht.

Es war toll, zumindest die österreichische Seite, mit den Füßen zu entdecken. Allerdings waren die Wege nicht sehr viel begangen und deshalb oft sehr zugewachsen. Das erschwerte das Vorwärts kommen. Besonders die Abschnitte, die nur für den Jakobsweg waren, gab es dieses Jahr nicht, da dieses Jahr anscheinend kaum wer unterwegs war.

So stand ich vor einem mit Hüfthohen Gras bewachsenen Hang ohne Weg. Eine entfernt sitzende Bäuerin rief mir zu und deutete mir, geradeaus nach oben durch die Wiese zu gehen. "Es san no net viele heuer vorbeikommen, einfach grod die Wiesen hoch!", rief sie mir zu. Normalerweise gehe ich durch keine Wiese mit hohem Gras, aber die Bäuerin winkte energisch nach oben. Also stapfte ich Schritt für Schritt den Hang hinauf, wo das tiefe Gras sich wie tiefer Pulverschnee anfühlte.

Jakobsweg durchs Gras, Walkabout

Solche Abschnitte bringen mich ans Limit, denn mein Gehirn kann die Eindrücke nicht zusammenbringen, die auf mich einwirken. Das Sehen, das Empfinden und das Fühlen, alles auf einen Nenner bringen. Da kann ich nur abschalten und muss durch, bis ich nicht mehr kann. Dann Pause, Augen zu, den Puls zur Ruhe kommen lassen (zumindest der Versuch), versuchen alle äußeren Reize auszuschalten und nach einigen Minuten wieder weiter.

Zu oft am Tag darf ich das allerdings nicht machen, denn ich bin allzu schnell auf Null und dann geht gar nichts mehr. Wegen der Muskelschwäche muss ich extrem aufpassen. Daher tut mir Gehen als Ausdauertraining gut, denn mit gesteigerter Ausdauer kompensiere ich fehlende Kraft. Das lässt mich auch zuhause im Alltag länger durchhalten.

Den Brenner erlebte ich so anders, als ich ihn bisher kannte. Viele Steige und Wege führen abseits der Autobahn und zeigten mir ein völlig anderes Bild, als ich vom Brenner im Kopf hatte. Da kam es wieder einmal zum Vorschein, was es ausmachte, sich die Heimat zu Fuß, Schritt für Schritt, zu erwandern. Es gab auch Abschnitte neben oder unter der Autobahn, im Gegenzug dazu aber auch stille und ruhige Wege, abseits vom Verkehrslärm, inmitten grüner Wiesen.

Einige "Wahrnehmungstests" standen auch am Programm, besonders eine lange Hängebrücke blieb mir in Erinnerung. Mein Gehirn kann noch nicht die Bilder zusammenfügen, vom Blick in die Tiefe, der Luft um mich herum und das ich sicher stehe. Am Camino del Norte 2019 brauchte ich einmal 30 Minuten Erholung, um nach einer langen Brücke über einen Meeresarm weiterzugehen. Eine Brücke wie diese hier, hätte ich vor zwei Jahren kaum geschafft.

Der verkehrte Jakobsweg durch Südtirol nach Ost-Tirol

Ich erreichte später als gedacht die Passhöhe am Brenner und war überrascht vom Treiben auf italienischer Seite. Viele offene Cafés, mit Sitzgelegenheiten im Freien und voll mit Menschen. Ich kaufte ein wenig Verpflegung für den Moment ein, denn ich wollte noch das 15 Kilometer entfernte Sterzing erreichen. Am Radweg ging es entlang ins Tal, nicht wissend, dass ich viele Kilometer in den nächsten Tagen auf Asphalt verbringen würde. Das war die italienische Seite, völlig anders als im Stubaital.

In mir reifte der Entschluss, auf diesem Radweg Italien so schnell wie möglich hinter mir zu lassen. Nach einem wilden Abstieg auf einem schmalen Pfad, vom mittlerweile auf einer ehemaligen Bahntrasse führenden Radweg, erreichte ich Gössensaß. Von hier war es nicht mehr weit nach Sterzing. Kurz kam mir in den Sinn, über den Jaufenpass in Meran vorbeizuschauen, um von dort über Bozen, wieder nach Österreich zu gelangen. Die Corona Situation war zwar gerade gut, aber für mich war das Handling mit den Regeln im Ausland doch zu schwierig und ich verwarf den Plan. Um meine Identität zu finden, war der Weg durch Österreich genug, wenn es auch interessant gewesen wäre, meine Südtiroler Wurzeln zu suchen. Dafür gibt es ein andermal, da bin ich mir sicher.

Von Sterzing führte mich der Radweg vorbei an Franzenfeste mit seiner Festung, weiter nach Aicha und Sankt Sigismund, wo ich übernachtete. An solchen Tagen wünschte ich mir, Laufen zu können. Für Nachmittag bis Abend waren schwere Gewitter vorausgesagt und die schwarzen Wolken trieben mich lange vor sich her. Mein Schritt war nicht schnell genug und das Gewitter holte mich auf den letzten Kilometern ein.

Ich fand in St. Sigismund sogar eine Pension für Jakobsweg-Pilger und war wieder einmal gut aufgehoben. Am nächsten Tag lag Bruneck auf meinem Weg. Es war die erste Gelegenheit des Tages, an Kaffee und ein Frühstück zu kommen. Zunächst noch alleine durch ein paar Gassen, steuerte ich schnurstracks auf die Innenstadt zu. Plötzlich stand ich inmitten des Treibens und bekam fast eine Schock. Fast alle Menschen auf der Straße waren mit Maske unterwegs, nur auf den Sesseln vor den Cafés nahmen sie sie ab. Was für ein Unterschied zu Sterzing und die ersten zwei Tage in Südtirol.

Hier hatte alles eine Schwere, was mit der bisherigen Lebensfreude in Italien nicht zusammen passte. Meine Erfahrung über Italien bekam einen Dämpfer. In jedes Geschäft durften nur drei Personen, der Rest hatte draußen zu warten. Mein Gehirn kam nur langsam damit zurecht, denn ebendiese Veränderungen waren der Grund, dass ich nicht weiter weg in Ausland, zum Camino in Spanien, gegangen bin.

Mein Gehirn braucht zu lange, um es zu verstehen und reagieren zu können. Darum wollte ich eigentlich in Österreich bleiben und wagte nur den kurzen Abstecher nach Südtirol. Meine Kaffeepause ließ ich mir aber nicht vermiesen, trotzdem kehrte ich der Stadt recht bald den Rücken und war wieder alleine am Radweg unterwegs. Hier fühlte ich mich besser aufgehoben und in meinem Element. Zu Gehen bedeutete mir viel, viel mehr als alles andere.

Toblach - der Ursprung der Drau

Die meiste Zeit ging ich am Radweg. Kilometer um Kilometer verstrichen und ich genoss es, zu gehen. Dass es Asphalt war, war mir egal. Ich wollte unterwegs auf einem Campingplatz übernachten, aber dort angekommen, war kein Platz mehr für mein kleines Zelt frei. Für € 25,- hätte ich allerdings einen 90 m2 Platz bekommen, mit Strom und Sat-Schüssel Anschluss. Für ein 1-Mann Zelt ein bisschen überdimensioniert und außerdem war es mir zu teuer. Lachend lehnte ich dankend ab und spazierte weiter.

In Toblach fand ich zuerst nichts, außer Hotels über € 100,- die Nacht, was mir dann doch auch zu teuer war. In Gedanken bereitete ich mich schon auf eine Nacht im Zelt vor, als ich plötzlich eine Jugendherberge fand. Ein altes, früher großes Luxus-Hotel, wurde zu einem Hostel umfunktioniert. Wegen Covid war pro Zimmer nur eine Person erlaubt und es kostete mich nur € 30,-.

Erleichtert und glücklich ließ ich mich ins Bett fallen, denn für diese Nacht waren Gewitter vorausgesagt. In der Nacht tobten dann wirklich Gewitter und ich war froh, nicht im Zelt übernachtet zu haben. Am nächsten Morgen ging es seit langer Zeit wieder mit recht frischen Temperaturen los. Traumhafte Wege begleiteten mich in Richtung Grenze, wo sich auch der Ursprung der Drau befand. Zunächst war es mir noch nicht bewusst, aber das kleine Rinnsal neben mir war die Drau. Sie sollte ich bis zum Verlassen von Österreich fast immer an meiner Seite haben.

Vom Ursprung waren es nur 8 Kilometer bis zur Grenze von Österreich. Von rechts schauten die Berge rund um die Drei Zinnen auf mich herunter, zunächst noch vom Nebel bedeckt, der sich aber bald verzog. Auch der Radverkehr nahm zu. Ausgestattet mit E-Bikes, bevölkerten unzählige Radfahrer den Weg. Kaum jemand hatte sein Rad wirklich unter Kontrolle. In Kurven waren die meisten überfordert, da sie mit Elektrounterstützung weit schneller unterwegs waren, als mit einem normalen Bike. Es wäre interessant die Unfallstatistik zu lesen, vor allem die Unfallhäufigkeit mit oder ohne E-Bike.

Über Lienz nach Villach

Mein nächstes Ziel war Lienz. Die Drau war in der Zwischenzeit zu einem mächtigen Fluss angewachsen, zumindest für österreichische Verhältnisse. Es gab nicht viele alternative Wege, daher war es am besten der Drau zu folgen, nach Lienz, Spittal und später Villach.

In Villach beschloss ich, rund um den Faakersee einen weiteren Ruhetag einzulegen. Noch stand mir der südlichste Punkt bevor, der gar nicht weit von der Grenze zur Steiermark lag. Da der Schluss nochmal besonders viele Höhenmeter beinhaltete, wollte ich noch einmal Kraft sammeln.

Habe ich Erholung nötig?

Ja und nein! Ich dachte den ganzen Walkabout nicht ein Mal daran, dass ich in irgendetwas besser werden wollte. Mein Ziel lag nicht in der Verbesserung meiner Defizite, sondern ich wollte etwas machen, ohne den Gedanken an Therapie zu haben. Ich wollte den Walkabout machen, weil ich ihn für mich machte.

Weil ich es für mich machte, kam ich nie in eine Ermüdung oder Erschöpfung, deshalb brauche ich auch keine Erholung. War ein schwieriger Abschnitt, erholte ich mich danach im moderaten Gehen. Außerdem hatte ich, praktisch jeden Tag, meine 10 Stunden Ruhe oder Schlafenszeit. Besonders seit es ab Vorarlberg wärmer geworden ist, tat ich mich auch im Zelt leichter zu übernachten.

Es stand das Leben wieder im Vordergrund, das Aufarbeiten war zu Ende und ich wollte es ab jetzt gemütlicher angehen. Dinge wieder versuchen, die ich schon lange nicht mehr gemacht habe, wie zum Beispiel faul am See zu liegen. Das Leben zelebrieren fiel mir immer wieder ein, das hatte ich 2019 am Camino Norte erstmals wieder kennengelernt und am Camino France 2020 weitergeführt. Dann kam allerdings Corona und machte es mir unmöglich, weiter das Leben zu lernen.

Daher mein Walkabout durch Österreich, der einen Schlussstrich unter fünf Jahre Rehabilitation ziehen sollte. Das Gehen ist meine Erholung, daher brauchte ich auch keine Pause oder Erholung davon. Trotzdem besteht das Leben aus mehr, als nur Gehen. Das wollte ich auch am Weg praktizieren, denn hier konnte ich mein Gehirn darauf konditionieren, wieder zu Leben und nicht nur im Gedanken der Therapie zu sein.

Zum südlichsten Punkt von Österreich

Nach fast zwei Tagen Pause, wo ich das Treiben rund um den See genießen konnte, war ich wieder auf Achse. Am Campingplatz von Gotschuchen verbrachte ich meine bisher angenehmste Nacht im Zelt und erreichte am nächsten Tag Bad Eisenkappel, den südlichsten Ort von Österreich. Damit hatte ich die entferntesten Orte aller Himmelsrichtungen von Österreich erreicht, die auch als Kardinalpunkte bezeichnet werden.

Dafür brauchte ich 1850 Kilometer und die letzten ca. 250 Kilometer nach Hause in der Steiermark sollten auch kein Problem mehr darstellen. Erst dann war die Runde beendet. Zuerst wollte ich mich aber noch am südlichsten Punkt versuchen. Dieser liegt auf rund 2000 Meter Seehöhe und war von den Vier Punkten der am schwierigsten erreichbare.

Vorher aber feierte ich meinen Erfolg mit Kaiserschmarren und einem Glas Rotwein. Emotional ging mir vieles durch den Kopf, besonders vom Anfang meiner ersten Schritte und wie lange ich dafür brauchte. Immer mehr wurde es mir bewusst, dass es keine Selbstverständlichkeit war, was ich in den letzten Jahren erreichte und jetzt hier bei einem Glas Wein sitzen durfte. Es wurde nur durch meinen starken Willen möglich und daran, dass ich dranblieb. 

25 Jahre Bewusstseinsbildung und mentales Training im Sport bildeten die Grundlage für meine Rehabilitation, ohne die kaum alles möglich gewesen wäre. Ich prostete mir selber zu, denn es war Zeit zu feiern. Dankbar beendete ich diesen Tag, mit dem Wissen, dass die letzten Jahre nicht umsonst waren.

Der Aufstieg

Der Ort war erreicht, den Punkt wollte ich natürlich auch versuchen zu erreichen. Hin und zurück vom Gasthof waren es 34 Kilometer. Davon ging es die ersten 14 Kilometer das Tal hinein, von 500 bis 1000 Meter Seehöhe. Dann begann der steile Aufstieg durch den Wald, hoch zur Baumgrenze.

Eine Rinne querend, stieg ich in ausgesetztem, felsigen Gelände höher. Der Weg war durch ein Stahlseil gesichert. Hier stieß ich an meine Grenzen und musste aufpassen, diese nicht zu überschreiten. In etwa 1500 Meter Höhe ging es nicht mehr weiter, ich wollte mein Limit nicht herausfinden. Aufkommender Schwindel zeigte mir, dass ich besser umdrehen sollte. Erst als ich mich umdrehte und in die Tiefe blickte, wurde es mir bewusst, wie sehr ich mich am Limit bewegte. 

Langsamer als aufwärts, stieg ich nach unten. Jeder Schritt musste angedacht werden und erst wenn ich mir sicher war, konnte ich den Fuß auch belasten. Angespannt und steif erreichte ich den Einstieg. Die ersten Meter torkelte ich auf der Forststraße dahin. Zum Glück hatte ich die Stöcke, um mich auszubalancieren. Wie als wollten sie mir was sagen, tanzten zahlreiche Schmetterlinge um mich herum und erinnerten mich an die Leichtigkeit.

Zufrieden mit mir und der Welt ging ich zurück nach Bad Eisenkappel. Mit Kärntner Kasknödel feierte ich erneut.

"Die Wahrnehmung im Raum"

Zu Beginn habe ich lange nicht verstanden, was das bedeuten soll und es erklärte mir auch niemand. Hier brauchte ich nicht viel der Erklärung. Eindrucksvoll wurde es mir näher gebracht. Mit geschlossenen Augen verbrachte ich einige Zeit auf einem Felsen angelehnt und sitzend. Immer wieder durch die Augen blinzelnd, versuchte ich mich an den Ausblick zu gewöhnen und wieder Sicherheit zu erlangen.

Wahrnehmung am Walkabout

Die Erinnerung an den März 2018 kam auf, als ich zum ersten Mal am Jungfernsprung bei der Burgruine in Gösting stand. Ich traute mich nicht, trotz Gitter, an den Rand heran. Ich wollte mich am Gitter festhalten, konnte aber die Entfernung dorthin nicht abschätzen und griff ins Leere. Am Boden kriechend, versuchte ich es zu erreichen. Ich zog mich daran hoch, traute mich aber nicht, daran angelehnt zu stehen. Mit einer Armlänge Abstand blieb ich stehen. Diese Momente gingen mir durch den Kopf.

Jungfernsprung auf der Burgruine Gösting
Beim zweiten Mal traute ich mich schon näher ran

An dieser Wahrnehmung im Raum arbeite ich noch immer. Dazu gehört das Gehen und Bewegen im Raum besonders. Es ist ein Hinderungsgrund, dass ich noch nicht Laufen kann. Durch gezielte Steigerungen kann ich mich immer besser daran gewöhnen. Das ist zwar keine Behebung, aber diese Gewöhnung daran ist eine Verbesserung, die nur mit dranbleiben, möglich ist.

So brachte mir der Walkabout viele neue Erkenntnisse über mich selbst. Die größte Erkenntnis aber ist, solange ich Körper und Geist bewege, solange bleibe ich in einem guten Zustand. Dieses Dranbleiben ist so wichtig für meinen Gesundheitszustand. Im Gehen habe ich eine optimale Bewegung gefunden, obwohl ich vom Laufen noch immer träume.

Der Weg nach Hause in die Steiermark

...ist das Thema des nächsten Beitrags. Leider kann ich jeden Tag nur ein paar Zeilen schreiben, daher dauert auch so lange. Es geht zwar besser als gedacht, trotzdem möchte ich mich noch steigern. Gut Ding braucht aber Weile.


Nach dem Erreichen des nördlichsten Punkt von Österreich, stand mir der lange Weg nach Vorarlberg bevor. Über 600 Kilometer, mit der Überquerung des Arlberg, als persönlichem Höhepunkt. So hoch kam ich seit dem Hirnabszess vor 5 Jahren noch nie hinaus. Am Walkabout sollte sich das ändern.

Wieder galt es, nicht zu viel nachdenken, einfach gehen und alles Weitere auf mich zukommen lassen.

Im Waldviertel

Ich kam erst gegen 18h vom nördlichsten Punkt in Rottal weg. Der Plan war, über Haugschlag, Litschau, Gmünd und Karlstift, auf geradem Wege zur Donau hinab zu kommen und dann dem Jakobsweg zu folgen.

Die tägliche Suche nach dem Weg, war zu mühsam. Ich wollte möglichst ohne Navigieren gehen und das versprach mir der Jakobsweg am ehesten.

Zunächst stellte sich mir allerdings die Frage nach dem Übernachten.  Es wurde immer später und die Möglichkeiten weniger. Die Entscheidung fiel mir aber leicht, ich wollte so lange gehen, wie Licht war und mich dann einfach in ein Bushäuschen legen, um dann möglichst früh wieder auf Achse zu sein.

Gesagt, getan - sehr früh bin ich wieder aufgebrochen. Die Wartehäuschen im Waldviertel sind, wahrscheinlich aufgrund der Witterung, kleine, rundum fast geschlossene Hütten und damit ideal zum Pausieren, vor allem bei schlechtem Wetter.  Bestens für mich geeignet, denn das Zelt aufbauen erforderte einfach viel mehr Energie, die ich mir hier ersparte.

Bushäuschen im Waldviertel am Walkabout

Durch Nebelverhangene, mystische Landschaft, ging es durch Wälder, vorbei an Seen, durch kleine Dörfer oder an einzeln gelegene Häuser vorbei.

Gmünd

In Gmünd nahm ich mir ein Zimmer in einer Pension, die schon viel erlebt hatte. Ein älteres Ehepaar führte sie und ich erfuhr einiges von Ihnen, ihrer Pension, der Stadt und der Eisenbahn, die hier alle verband. Wir sprachen über Dampfloks, die gemeinsam in der Früh anfeuerten und den Himmel verdunkeln ließen oder wie sich die Stadt im Laufe der Zeit veränderte.

Ich merkte, dass diese Kommunikation nicht nur mir gefehlt hat, sondern seit Corona praktisch jedem Menschen. Das machte es so wertvoll für mich, Zeit für die Menschen unterwegs zu haben, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und ihre Geschichten zu hören. Auf diese Art der Gespräche freute ich mich jederzeit.

Karlstift

In Karlstift war ich erneut sehr spät unterwegs. Wieder stand mir eine Übernachtung im Zelt bevor. Ich ging bei einem der letzten Häuser vorbei, als mich ein Hund anbellte. Kurz darauf kam die Besitzerin hinter einer Hecke hervor und es folgte eine Unterhaltung.  Das Ergebnis war, dass ich mein Zelt auf ihrem Grund aufstellen konnte und es noch weitere spannende Unterhaltungen mit ihr und ihrem Mann gab.

Besonders die Aussage,"Wir sind jetzt über 60 Jahre verheiratet", berührte mich sehr. Was hatten die beiden nicht alles erlebt und durchlebt. Es war noch manch andere Aussage dabei, die mir die Tränen in die Augen trieb. Kurz vor dem Finster werden brachte mir die Dame noch einen Krug voll Wasser. Dankbar für diese Begegnung schlief ich ein.

Es war kühl, eigentlich sogar kalt, aber mit dem ersten Tageslicht baute ich das Zelt ab, um den Sonnenaufgang auf 1.000 Meter Seehöhe erleben zu können.

Diese Tage war ich die meiste Zeit Selbstversorger, denn fast alle Gasthäuser hatten zu. Es war immer so viel Essen in meinem Rucksack, dass ich damit über den nächsten Tag kam, im Notfall mit Müsliriegeln und Wasser. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, ein offenes Kaufhaus anzutreffen oder eine Tankstelle, denn die waren oft abseits meiner Route, zu weit, um hinzugehen.

Nach Karlstift führte mich mein Weg entlang der tschechischen Grenze. Oft tief im Wald, begegnete ich keiner Menschenseele. Komischerweise kamen öfter Gedanken um Bären auf. Gab es denn in dieser Wildnis an der Grenze zu Tschechien welche?

Ich dachte öfter an den Appalachen Trail in Amerika, wie ich mich gegenüber Bären verhalten würde. Davonlaufen ginge sowieso nicht, also spürte ich hinein, wie groß mein Vertrauen zu mir selbst war? Es war eine gute Übung, die mir in den folgenden Wochen öfter helfen sollte. Ich spürte, dass ich immer mehr in meiner Mitte war und Tiere merken das sofort.

Vor allem Hunde, deren Besitzer mir oft sagten: "Das macht er nie!". Ich zog Hunde richtig an, aber nicht um angegriffen zu werden, sondern zuerst vorsichtiges beschnuppern, um danach gekrault zu werden.

Enns, der Beginn des Jakobsweg

In Enns führt der Hauptweg des Jakobsweges durch Österreich vorbei. Ein mehr oder weniger gut markierter Weg, der mich bis nach Vorarlberg bringen sollte. Zum ersten Mal war wirklich schönes und warmes Wetter.

Oberösterreich war das Land der Erinnerungen ans Radfahren. Fast in jedem Städtchen bin ich schon Radrennen gefahren. Ansfelden, Wels, Lambach, Schwanenstadt und viele mehr, lagen auf meinem Weg. Obwohl ich schon oft hier war, war für mich alles neu. Mit der Langsamkeit der Füße entdeckte ich jeden Meter und hatte Zeit, die Eindrücke zu verarbeiten.

Es waren aber nicht nur die Erlebnisse im Außen, die mich beschäftigten, die Inneren waren besonders stark. Stand der erste Teil des Walkabout unter dem Aufarbeiten vom Krankenhaus, so war es diesmal die Zeit danach.

Pfeifend, singend und tanzend zog ich dahin und muss für manchen ein recht komisches Bild abgegeben haben. Das war mir aber egal, denn durch die Tanztherapie hatte ich gelernt, meinen Körperimpulsen nachzugeben und mich darin nicht stören zu lassen. Die Hände fuchtelten oft umher und ein manchmal schwankender Gang ließen mich aussehen wie betrunken. Das half mir, mehr Lockerheit in den Körper zu bekommen, auch wenn es von Außen komisch aussah.

Pfeifend am Walkabout

Das schwere Gewicht des Rucksacks und der Vorwärtsdrang lassen mich oft starr werden. Seitliche Schritte und bewegen der Arme brachten wieder mehr Lockerheit. So wechselte ich oft ab, mit dem Ergebnis, dass ich wesentlich leichter und lockerer Gehen kann.

Obwohl ich oft langsam ging, legte ich Kilometer um Kilometer zurück und war am Abend verblüfft, so weit gekommen zu sein. Ich buchte nie im Voraus ein Quartier, sondern schaute ab 17 Uhr, wo ich war und welche Gasthöfe am Weg lagen. So hatte ich zwölf Stunden am Tag fürs unterwegs sein und so kamen auch die Kilometer zusammen.

Teststraßen

Ein wichtiger Punkt waren die Teststraßen, die es nur in den größeren Städten gab. Sonst nahm ich auch Apotheken in Anspruch oder was am Weg lag. Manchmal bedeutete das auch einen Umweg, den ich nur dann machte, wenn er nicht zu groß war.

Die Umstellung von "Negativ" auf "Nicht nachgewiesen" am Test, habe ich nie erfahren. Das erste Mal sah ich das in Sankt Johann in Tirol. Ich konnte das Ergebnis natürlich nicht abwarten und ging weiter. Irgendwann kam das SMS und ich schaute darauf. "Nicht nachgewiesen"???

Was war das jetzt? War mein Test ungültig oder fehlerhaft?

Zurückgehen nach Sankt Johann war mir nicht mehr möglich, daher wollte ich in der nächsten Stadt nachfragen. Zum Glück war der alte Test noch für diesen Tag gültig.Erst später sollte ich erfahren, dass die Bezeichnung geändert wurde.

Das Testen bekam ich dann immer besser in den Griff, allerdings waren die Teststraßen oft zu weit auseinander. Apotheken waren meist nur mit einem großen Umweg möglich, hatten Öffnungszeiten oder nur spezielle Termine für die Testung, die in meinen Weg nicht hineinpassten. Für solche Fälle musste dann eine Selbsttestung  her, die aber nur einen Tag gültig war.

Das immer zu bedenken, stellte mein Gehirn vor eine große Herausforderung. Ein anderer Aspekt war die große Ansammlung von Tests. Normalerweise verwendet man beim Pilgern einen Pilgerpass, worin die Stempel der Herbergen und Kirchen unterwegs dazu dienen, den Weg nachzuverfolgen. Mein Pilgerpass war die Sammlung der Tests, anhand derer ich meinen Weg durch Österreich verfolgen konnte.

Durchs Deutsche Eck nach Tirol

Es war lange für mich fraglich, ob ich über das Deutsche Eck gehen konnte oder innerhalb von Österreich bleiben musste? Zweiteres hätte einen Umweg von 150 km bedeutet und das über die Berge.  Die Situation um Corona beruhigte sich aber so weit, dass ich neben dem Deutschen Eck sogar erstmals den Jakobsweg retour durch Südtirol ins Auge fasste, um nach Kärnten zu gelangen. Mit diesen beiden Alternativen konnte ich die hohen Berge meiden, die für mich eigentlich noch nicht möglich waren.

Eine Nacht verbrachte ich auf einem Campingplatz im Deutschen Eck und am nächsten Tag war mein Ausflug nach Deutschland wieder vorbei.

Begegnungen am Walkabout

Das Salz in der Suppe waren aber nach wie vor die Begegnungen für mich. Wie  unterschiedlich die Charaktere durch Österreich waren, dass konnte ich auf jedem Meter, den ich vorwärtskam, bemerken. Zu Fuß unterwegs, bekam ich einen anderen Zugang zu den Menschen.

Auf der Flucht vor einem Gewitter nahm ich in Scheffau Zuflucht bei einer Liftstation. Der dortige Kaffee-Automat war defekt und kurzerhand wurde ich vom dortigen Skiverleih zum Kaffee eingeladen. Eine lockeres Gespräch entstand mit dem Seniorchef und seiner Frau, was mir das Warten verkürzte und mir neue Einblicke gab. Für mich waren das Bausteine auf dem Weg, lebte ich doch durch den Hirnabszess schon seit fünf Jahren im Social Distancing.

Hansis Sport in Scheffau
Walkabout durch Austria

Die Tage vergingen, abwechselnd im Zelt und in Gasthöfen verbringend. In Zams verpasste ich die Teststraße wegen einer Sperre am Weg. Ich musste Forstarbeiten abwarten, die mich viel Zeit kosteten. Ich ging noch weiter bis Landeck und verwendete den dortigen Campingplatz. Mit dem dortigen Betreiber, Lorenz, habe ich mich lange unterhalten, der als ausgebildeter Sportwissenschafter Interesse an meiner Tour hatte.

Der Arlberg

Am nächsten Tag startete ich schon besonders früh. Mein Ziel war der Arlberg, den ich, wenn möglich, an diesem Tag überqueren wollte. Die ersten Kilometer zogen sich dahin, besonders das viele auf und ab forderte mir einiges ab. Da ich am Vortag  nur einen Zutrittstest machte, hatte ich heute keinen gültigen Test. Erst in Sankt Anton kam ich an der dortigen Apotheke vorbei, die ich nutzte, um mir einen Test abzuholen. Um vierzehn Uhr startete ich in den Anstieg zum Arlberg. Ich musste damit rechnen, noch vor dem Gipfel im Zelt übernachten zu müssen.

Langsam, aber stetig stieg ich höher. Eigentlich ist es ein normaler Wanderweg, aber es gab ausgesetzte Stellen, die mir alles abverlangten.Ob Brücken oder ausgesetzte Stellen, meine Wahrnehmung kam dabei ans Limit.

Erst am Abend erreichte ich den Pass und musste dabei beim Absteigen einige Schneefelder queren. Ich war glücklich, als ich das letzte hinter mir lassen konnte. Ich stieg noch bis Langen am Arlberg ab, wo ich erst spät mein Zelt aufbaute. Trotz der Höhe, wurde es meine wärmste Nacht bisher, seit ich unterwegs war. Es sollte eine Ankündigung sein, was mich in den nächsten Tagen erwarten sollte.

Vorarlberg - zum westlichsten Ort und Punkt

Über Nüziders ging es nach Feldkirch. Die Temperaturen stiegen auf 35° und die Sonne brannte nieder. Ich fühlte mich wohl dabei, denn mein Nervensystem arbeitet bei solchen Temperaturen einfach besser. In Feldkirch übernachtete ich im Kloster und wollte erst am nächsten Tag die 8 Kilometer nach Bangs gehen.  Es war ein überwältigendes Gefühl, Österreich trotz meiner Handicaps durchquert zu haben. Der Walkabout hat seinen Sinn erfüllt.

Gesagt getan, am 18. Juni erreichte ich den westlichsten Ort und kurz darauf auch den westlichsten Punkt. So sehr emotional der Vortag war, so hatte ich kaum Gefühle. Es war ein Abhaken der Punkte und dann gings zurück nach Feldkirch.

Es gäbe natürlich noch 1000 andere Erlebnisse dazu zu erzählen, aber ich brauche Zeit, um alles verarbeiten zu können. Daher braucht auch mein Buch noch einige Zeit.

Im nächsten Teil des Walkabout geht es dann von Vorarlberg über Südtirol zum südlichsten Ort, Vellach/Eisenkappel in Kärnten.

(Zum ersten Teil des Walkabout)


Mein Walkabout durch Austria ist zu Ende. In 59 Tagen legte ich rund 2100 Kilometer durch Österreich zurück, unterwegs zu den entferntesten Orten aller vier Himmelsrichtungen. Dieser Bericht handelt vom Weg zum nördlichsten Punkt. Der Weg zum westlichsten und südlichsten folgt.

Das Ende des Weges ist zugleich ein Anfang, denn wie beim Pilgern gilt auch hier:

"Der Weg beginnt am Ende!"

Walkabout

Der Walkabout beinhaltete mehrerlei!

Ich wollte meinem ICH wieder näher kommen. Wer oder was bin ich, diese Frage stellte ich mir ja schon seit dem Hirnabszess!

Es ist mir gelungen, meinen Körper und Geist wieder (fast) zusammenzubringen. Darauf arbeite ich seit langem hin und ich kann mich an die Aussage nach meinem ersten Camino erinnern, dass es noch einige Caminos brauchen wird, ehe es so weit ist. Ja, es dauerte, aber ich habe einen guten Weg für mich gefunden und mir, was genauso wichtig war, die Zeit dazu gegeben.

Eine große Unterstützung war und ist noch immer, dass therapeutische Tanzen. Zuerst noch in der Gruppe, dann in Einzelsitzungen, konnte ich speziell an den verschiedensten Punkten arbeiten. Ein großes Danke dafür an meine Therapeutin Hannah T., die wesentlichen Anteil daran hatte, dass ich mich überhaupt auf den Weg machen konnte. Das therapeutische Tanzen ist eine Form der Therapie, die ich nie als solche angesehen oder empfunden hatte. Es half mir besonders durch das letzte Jahr der Pandemie und brachte eine gewisse Beruhigung in mein Leben.

Tücher vom therapeutischen Tanzen begleiteten mich.
Tücher vom therapeutischen Tanzen begleiteten mich

Was hat sich also getan in den letzten zwei Monaten?

Der Start des Walkabout war noch im Lockdown im Mai, deshalb wählte ich zunächst den Weg über die Berge, von mir zuhause bis zum Neusiedlersee. Es war mir wichtig zu sehen, wie ich in den Bergen zurecht komme und ob ich für diese Art zu Gehen schon bereit war. Denn in Österreich ist es etwas anderes, als in Spanien zu Pilgern.

Somit war ich als Selbstversorger in den ersten drei Tagen unterwegs, trug alles bei mir, auch das Essen. Alle Hütten waren geschlossen und zu meiner Überraschung, auch die Brunnen. Diese ersten Tage hatte ich immer wieder große Probleme, an genug Wasser zu kommen. Das Gewicht zum Tragen war höher als beim Pilgern. Denn neben dem Wasser hatte ich auch Zelt und Unterlegmatte mit dabei.

Am Wetterkreuz traf ich auf meine erste Begegnung. Mit dem Einheimischen Andreas unterhielt ich mich länger und es tat gut, meine Geschichte erzählen zu können und einfach Small Talk zu erleben. Seit Corona war das für mich kaum mehr möglich.

Das Essen musste ich rationieren, denn eines hatte ich übersehen. Für drei Tage hatte ich Essen mit und ein Einkaufen war erst am vierten Tag möglich. Allerdings waren am vierten Tag noch bis dahin 6 Stunden zu gehen, das hatte mein Gehirn nicht registriert. 300 mml Wasser und ein Müsliriegel mussten für diese Strecke reichen.

Erst in Gloggnitz kam ich zu Essen und Wasser. In einer Fleischerei kaufte ich mir etwas Warmes, mein erstes warmes Essen seit vier Tagen. Natürlich gab es das nur als Take Away und so blieb mir nichts anderes übrig, als auf einem Parkplatz, am Boden sitzend, es zu verdrücken.

Walkabout

Die beiden  nächsten Tage zum Neusiedlersee waren verregnet, gekennzeichnet von Orientierungsproblemen und Stromproblemen für das Handy.  In einer Tankstelle mit Take Away Kaffee, bat ich darum, mein Handy für eine viertel Stunde zu Laden, ich wollte abseits im Freien warten. Es schüttete in Strömen und ich wurde schroff hinauskomplimentiert, mit den Worten, "Des is net erlaubt bei uns!". Na ja, das waren sehr streng angelegte Corona-Regeln, aber denen musste ich mich beugen und ich stiefelte im Regen weiter.

In Neufeld an der Leitha kam ich am Handy Neufeld Shop vorbei, wo mir Yusuf meinem Handy wieder Leben einhauchte, damit ich überhaupt weitergehen konnte. Ein großes Dankeschön dafür. Ich war abhängig von der Technik, um mich orientieren zu können. Ohne Technik ließ mich mein durch die Krankheit verlorener Orientierungssinn im Stich.

Lockdown und Öffnung

In Neusiedl am See entschied ich mich das Ende des Lockdowns abzuwarten, bevor ich weiterging. Ich wollte nicht riskieren, weitere Tage im Lockdown und Regen zu verbringen, die mein Gesamtziel, nämlich durch Österreich zu gehen, womöglich unmöglich gemacht hätte.

Die Folgen des Hirnabszesses schränken meinen Körper noch zu sehr ein und ich wollte nicht dauernd am Limit sein, was es sonst zu schnell gewesen wäre. Der Weg alleine war sowieso schon am Limit für mich. Am 19.Mai endete der harte Lockdown und ging in einen weichen über. Gasthöfe, Hotels und Cafes konnten wieder aufsperren, wenn auch mit Regeln, die es mir nicht einfach machten.

Alle zwei bis drei Tage brauchte ich eine Teststraße, denn Eigentests hatte ich nur begrenzt mit. Zu viel nachdenken durfte ich nicht, ich ließ besser alles auf mich zukommen und musste dann eben reagieren.

Der östlichste Ort und Punkt von Österreich

Regen und Sturm machten es nicht leicht. In unwirtlichem Wetter erreichte ich Deutsch-Jahrndorf und ich ging noch die fünf Kilometer zum östlichsten Punkt, an das Dreiländereck Österreich, Slowakei und Ungarn. Alleine stand ich dort im Regen und Sturm, nach 266 Kilometern zu Fuß. Meinen ersten Ort und Punkt konnte ich damit abhaken.

Den Punkt mache ich immer mit, wenn er leicht erreichbar war, der Ort aber war mein Ziel. Denn ich wusste, der Unterschied vom südlichsten Ort und Punkt war sehr groß und für mich unter Umständen nicht machbar, da es zu ausgesetzt ist. Die Tour hatte ja den Sinn, besser ins Leben zu kommen und nicht alles dranzusetzen, um irgendwie an den weitesten Punkt zu kommen.

Tesla-Pilgern

Mein Freund Bernd begleitete mich ab Neusiedl für zwei Tage und stellte mir sein Auto fürs Übernachten zur Verfügung. Ein total luxuriöses Übernachten, denn der Tesla war im Innenraum immer ideal temperiert, anders als im Zelt. Bernd kreierte daraufhin das "Tesla-Pilgern".

Für mich hatte es den Vorteil, solange zu gehen wie ich wollte, denn dort wo ich war, stellte er das Auto ab und ich brauchte im Regen nicht das Zelt aufzubauen. Wie gesagt, ein total luxuriöses Schlafen, denn Gasthäuser gab es in dieser Gegend kaum, bzw. welche die offen hatten. Danke Bernd!

Tesla-Pilgern
Tesla-Pilgern

Als nächstes: Weinviertel

Das Weinviertel blieb mir sehr ambivalent in Erinnerung. Als Erstes fällt mir dazu nur Regen, Regen und Regen ein!

Es gab natürlich auch sonnige Tage, die aber fast immer mit Regen endeten. Mehrere Stunden am Tag stiefelte ich im Regen, nassen Gras und Schlamm dahin. An die wenigen Sonnenstunden erinnert sich mein Gedächtnis kaum, obwohl es die auch gab. Meist war der Vormittag sonnig und ab Mittag begann es zu Regnen.

Dafür entschädigten die Menschen unterwegs, auf die ich traf. Kommunikation war ein Thema, welches speziell seit dem Social Distancing eines wurde und das mich seit dem Hirnabszess begleitet. Ob Tom und Susi, die mich für eine Nacht aufnahmen, der Bauer, der mich im Vorgarten seines Hauses zelten ließ, oder Alexander Rüdiger, der mich kurz am Weg besuchte, trotz seiner Zeitknappheit. Es waren Begegnungen, die mir viel bedeuteten.

Natürlich gab es Regeln wegen Corona, aber wenn man die einhielt, stand der Menschlichkeit nichts im Wege.

Mit Stromproblemen hatte ich in dem Ausmaß nicht gerechnet. Durch den vielen Regen war es nicht möglich, über das Solar-Paneel Strom zu erzeugen. Da viele Tage im Zelt waren, musste ich irgendwie schauen, dass mein Handy Strom hatte. Denn das Handy war meine Navigation. Ich ging auf recht gerader Linie in Richtung nördlichster Punkt. Allerdings bestand diese Gerade aus unzähligen Abbiegungen, besonders zwischen den Feldern. Einmal falsch gehen, konnte einen immensen Umweg bedeuten.

Daher war mein Telefon ständig in Gebrauch. Die Komoot-App führte mich auf total schönen Wegen durchs Land, die ich ohne die App nie gefunden hätte. Aber es zeigte sich auch mein verloren gegangener Orientierungssinn, denn ohne App war ich verloren.

Ich watete durch Schlamm und Nässe. Die Temperatur war mit ca. 13° zwar angenehm, aber der Wind machte es viel kälter, als es war. Kam die Sonne heraus, wurde es warm und die grün leuchtenden Felder waren eine Wohltat fürs Auge und Gehirn. Das war aber nicht von Dauer, denn der wolkenlose Himmel veränderte sich schnell in eine graue Masse und Regen setzte wieder ein.

Durch das viele Gehen im Regen, wurden meine Schuhe sehr beansprucht. Sie hatten doch schon einige Kilometer drauf und sind innerhalb weniger Tage gebrochen und ließen das Wasser hinein. Das zusammen mit dem schwierigen Gehen auf den durchtränkten Feldwegen, brachte mir einige Blasen ein, wo ich doch sonst nie Blasen hatte. Aber diese Blasen wollten mir was sagen, war ich doch auf einem Walkabout, der eine besondere Aufgabe zu erfüllen hatte.

Trotz aller Plagen, verlor ich nie meine Freude. Ich war glücklich hier gehen zu können, egal ob der Umstände. In mir drinnen breitete sich ein innerer Friede aus, dem auch das Äußere nichts anhaben konnte.

Meinen Ersatzschuh hatte ich ab Salzburg eingeplant, dass sie jetzt schon brechen würden, hatte ich nicht bedacht, noch vor dem nördlichsten Punkt. So waren nasse Füße ab jetzt mein ständiger Begleiter und umso achtsamer musste ich mit mir, meinen Füßen und meinen Gedanken umgehen.

Durchs Waldviertel zum nördlichsten Punkt

Das regnerische Wetter hielt auch im Waldviertel an und die Übernachtungen im Zelt waren feucht und kalt. Etwa alle drei Tage nahm ich ein Quartier, wenn es eines gab. Ich durchquerte viele kleine Ortschaften, in denen das Gasthaus geschlossen war. Offene gab es nur in größeren Orten und damit war auch mein Übernachten auf diese begrenzt.

Corona forderte seinen Tribut und es war traurig zu sehen, welche Formen das annahm. Für kleine Gasthäuser am Land zahlte sich das Aufsperren nicht aus, denn mit den verbundenen Regeln war es unwirtschaftlich zu öffnen. Zwischen "ich trau mich" und "es geht schief", war ein schmaler Grat.

Gerade auf dem Weg zum nördlichsten Punkt musste ich immer wieder aufs Zelt ausweichen.

Aufarbeiten in Niederösterreich

Niederösterreich war für mich das Aufarbeiten vom Krankenhaus. Es kamen Dinge hoch, die ich lange verdrängt oder vergessen hatte. Wenn ich torkelnd durch den Schlamm watete, kamen in mir Erinnerungen hoch, vom Gehen lernen, von meinen ersten Schritten und der schnellen Erschöpfung. Fortschritte ließen sich für mich kaum erkennen und das Ziel schien unerreichbar. Trotzdem gab ich nicht auf und ich lernte mit "Step by Step" umzugehen. Andererseits motivierte es mich, nie aufgegeben zu haben. Das ließ es erst zu, mich auf diesen Walkabout zu begeben. Erinnerungen von meinen ersten Camino Frances, wechselten mit Erlebnissen aus dem Krankenhaus ab. Mein oftmaliges dahin stolpern am Camino, wegen der Halbseitenlähmung, aber auch mein Wille, es quasi einfach wegzugehen!

Dann gab es Momente, in denen war ich so glücklich und ich erfreute mich an oft kleinsten Dingen am Wegesrand. Ich beobachtete Schnecken und Ameisen und ich hatte das Gefühl, besonders zu Tieren eine besondere Beziehung aufbauen zu können. Natürlich hatte ich auch Gelegenheit, die verschiedensten Tiere zu sehen. Oftmals kamen sie als Krafttiere, in allen Varianten, in mein Leben. Dann hatten sie mir etwas besonderes zu sagen.

Unterwegs zum nördlichsten Punkt das Krafttier Käfer

Zum nördlichsten Ort und Punkt

Erst am späten Nachmittag kam ich nach Haugschlag und etwas später zum nördlichsten Punkt, an der tschechischen Grenze. Es war ein gutes Gefühl, die Heimat zu Fuß zu erwandern und jeden Meter tatsächlich zu Fuß zu erobern. Nach 514 Kilometer und 14 Tagen stand ich um 17h30 am nördlichsten Punkt von Österreich.

zum nördlichten Punkt

Trotz der Anstrengung fand ich es nie anstrengend. Die Leichtigkeit ist seit langem auch Thema im therapeutischen Tanzen, die langsam immer mehr Einzug in meinem Leben halten darf. Das Leben darf leicht sein und ich setzte immer nur einen Fuß vor den anderen und das über den ganzen Tag.

Allein, dass ich das konnte, machte mich überglücklich. Wenn mich jemand auf das Wetter ansprach, dann antwortete ich: "Ich habe über Monate im Krankenhaus keinen Regen auf meiner Haut gespürt, es war mein Ziel, dass wieder zu erleben!"

Regen macht mir nichts aus, einzig vor Gewittern habe ich gehörig Respekt. Allerdings musste ich auch einsehen, dass mein körperliches Befinden das Campieren noch nicht so gut verträgt und der Regen, verbunden mit Kälte, es mir doch schwerer machte, als gedacht.

Es gab viele Erlebnisse auf dem Weg zum nördlichsten Punkt Österreichs, die ich nicht mehr missen möchte.

Mein weiterer Weg zum westlichsten Punkt...

...Österreichs gibt es in ein paar Tagen im nächsten Artikel. Es tut mir gut, die Erlebnisse niederzuschreiben. Denn seit ich zu Hause bin, ist es so, als ob ich nie losgegangen sei!


Das Erreichen von Vorarlberg, mit dem westlichsten Punkt von Österreich, war der schwierigste Teil auf meinem Walkabout durch Austria.

Am 32.Tag gelangte ich zum am Rhein gelegenen Punkt, am wohl heißesten Tag meiner Tour, mit 34 Grad im Schatten.

Herausforderung Arlberg

Der Arlberg war die bisher Herausforderndste Strecke, kam ich doch in Höhen, die für mich erstmals möglich waren. Es wurde ein "Grenzgang", besonders für die Wahrnehmung.

Mehr dazu, wenn ich wieder zu Hause bin.

Jetzt geht es nach einem Ruhetag in Stams weiter, über den Brennerpass nach Südtirol, um bei Sillian wieder Österreich zu betreten.

Buen Camino 🙏


Das Unterwegs sein am Walkabout durch Austria Teil 2, beschäftigt mich mehr als gedacht. Daher komme ich auch nicht zum Blogschreiben.

Ich habe bisher den östlichsten und nördlichsten Punkt von Österreich erreicht und bin auf dem Weg nach Vorarlberg.

Ich werde danach einen Bericht verfassen, ich brauche nämlich Zeit, alles zu verarbeiten. Es passiert soviel am Weg, vor allem in der Aufarbeitung.

Besonders der Weg ins Waldviertel war herausfordernd. Seit Oberösterreich bin ich am Jakobsweg unterwegs. Gesamt derzeit etwa 900 Kilometer.

Von dieser Wegstrecke ein paar Fotos:

Gehen hat für mich mit Freiheit zu tun. Der Walkabout durch Austria ist somit auch dem Teil geschuldet, diese Freiheit wiederzuerlangen. Eine Freiheit, die dann wieder besonders wichtig wird, wenn man sie verloren hat. Der Weg Judendorf - Neusiedl kann mir viel bringen.

Mit dem Gehen habe ich mir etwas zurückgeholt, was weit wichtiger als nur das Gehen selbst ist, nämlich Freiheit. Zu fragen, wenn ich aufs WC wollte oder überhaupt das Bett zu verlassen, war lange mein Alltag. Da bekommt der Begriff "Freiheit" eine neue Bedeutung. Das ist kaum jemanden bewusst, was man noch unter Freiheit verstehen kann.

Judendorf - Neusiedl

Kurz ein paar nackte Zahlen:

  • ca. 230 km, mit Umwegen
  • 6 Tage
  • 5100 Höhenmeter bergauf
  • Sonnenschein und Hitze am Anfang
  • Kühl und Regen an zwei Tagen
  • Kalte Nächte im Zelt
  • Windig bis stürmisch
  • Lockdown-Zeit
  • permanent im Freien

Es war der Start zu meinem Walkabout durch Austria, von Judendorf - Neusiedl am See. 29 km vor dem östlichsten Punkt von Österreich habe ich vorläufig abgebrochen und warte das Ende des Lockdowns am 19.5. ab.

Judendorf - Neusiedl
der Weg
Judendorf - Neusiedl
die Höhenmeter
Judendorf - Neusiedl
die Kilometer

Das sagt der Planer, es wurde aber wegen der Umwege mehr.

Wo sind meine Grenzen?

Beim Gehen habe ich scheinbar kaum Grenzen. Trotzdem muss ich immer aufpassen, denn meine Grenzen sind sehr unterschiedlich. Denn warum kann ich nicht arbeiten, wenn ich doch so weit gehen kann? Eine berechtigte Frage!

Da sind auf der einen Seite die körperlichen Grenzen und auf der anderen die geistigen. Das ist mir die letzten Tage wieder sehr bewusst geworden.

Meine Grenzen bilden mehr als die Leistung, die messbar ist. Die Muskelschwäche behindert mich sehr, deswegen setze ich auf die Ausdauer. So kann ich länger am Limit agieren und das bekommt man von Außen nicht mit, dass ich am Limit bin. Ob 5 km oder 35 km, ich kann es nur vollbringen, indem ich mich dauernd an der Grenze bewege. Bewegung bedeutet Grenze für mich. Daher mein Verlangen danach, meine Grenzen auszuweiten.

Ich finde meine Grenze nicht durch das Denken, sondern nur durch das Fühlen. Das Herz entscheidet, wo die Grenze liegt. Ich gehe nie über meine Grenze, aber immer knapp an sie heran. Ich mache mich frei von allem, vergesse mein Ego und meinen Willen und spüre in mein Herz und handle danach. Deshalb kann ich auch alles beenden, wie diese Tour nach 6 Tagen im Lockdown. Ich gehe eben später weiter.

Um noch einmal darauf zurückzukommen, warum ich nicht arbeiten kann? Mir fehlt die Feinmotorik und der Automatismus, um produktiv Geld verdienen zu können. Ich habe kein Kurzzeitgedächtnis mehr, was in der Arbeitswelt notwendig ist. Es ist so viel in Unordnung in mir, dass ich froh bin, wenigstens eines wieder zu können. Nämlich zu gehen!

Denn bleibe ich nicht in Bewegung, funktioniert auch der Rest nicht so gut!

Der Weg

Das besondere ist, von zu Hause wegzugehen. Die ersten Meter waren ein eigenartiges Gefühl. Man kennt alles und trotzdem ist es anders. Kaum ging es in den ersten Waldweg hinein, war ich im Gehen drin.

Es ging über den Schöckel, weiter nach Plenzengreith und Passail. Hier übernachtete ich in einem Holzpavillon und war schon neugierig auf den nächsten Tag. Er sollte mich über die Sommeralm bringen.

Hier traf ich beim Wetterkreuz auf Andreas, der in der Gegend wohnte und ich bedanke mich für das Interesse und das Gespräch. Es sollte das Einzige intensivere am gesamten Weg sein, dass ich abhalten konnte.

Begegnungen

Mein Ziel, die Schanz, erreichte ich über Umwege. Einmal nicht aufgepasst und ich machte mehrere Kilometer Umweg. Das war besonders bitter, denn ich wollte die hohen Berge nach dem dritten Tag hinter mir lassen, wo ich die gesamte Verpflegung mitnehmen musste.

Die hohen Berge

Weiter ging es über die Teufelsteinhütte, den Pretul und das Stuhleck, welche ich bei traumhaften, aber windigen Wetter überquerte. Einzig der Wasservorrat machte mir Sorgen. Es war anstrengend und am Limit, aber ich dosierte mein Tempo. Ich war so konzentriert aufs Steigen, dass andere Gedanken keinen Platz hatten.

Judendorf - Neusiedl

Ab dem dritten Tage begann ich mein Essen zu rationieren. In Gloggnitz sollte ich die erste Einkaufsmöglichkeit haben, immerhin noch 50 Kilometer bis dorthin. Ich ergatterte unterwegs noch zwei Wurstsemmeln und so musste ich damit, einem kleinen Stück Brot, einem Gel und einem Müsliriegel bis morgen auskommen.

Wurstsemmel als Verpflegung am Weg Judendorf - Neusiedl.
Wurstsemmel x 2

Der Abstieg vom Stuhleck, mit 1750 Meter der höchste Punkt bis zum Neusiedlersee, barg noch einige Schwierigkeiten und wurde mit 27 km doch sehr lang. In der Früh hatte ich nur mehr 400 mml Wasser, ein Stück Brot und das Gel, dass musste reichen.

Ein schmaler Steig führte entlang eines Berges und durch zauberhafte Landschaft. Zu überquerende Murenabgänge ließen meinen Puls kurz hochsteigen. Danach ging es fast nur noch bergab bis nach Gloggnitz.

Windräder am Pretul.

Warmes Essen

In einer Fleischerei holte ich mir Essen zum Mitnehmen und verdrückte es neben der Straße. Aufgrund des Lockdowns war es ja nicht möglich ein Gasthaus zu besuchen. Es war mein erstes warmes Essen seit über drei Tagen.

Danach ging es noch in ein Kaufhaus, um meine Essensvorräte neu aufzustocken.

Das einzige warme Essen in sechs Tagen, auf dem Weg Judendorf - Neusiedl.
Das einzige warme Essen in sechs Tagen

Stromknappheit

Am vierten Tag merkte ich zusehends, dass ich meine Stromvorräte nicht mehr richtig händeln konnte. Ich hatte zwar eine kleine Solaranlage und Powerbank für Wanderer mit, aber es reichte nicht, um alles geladen zu halten. Ich hatte es verabsäumt, immer alles sofort bei Sonnenschein zu laden. Die Rechnung bekam ich jetzt.

Ich musste immer wieder mit der Powerbank nachladen, die bald leer war. Das wichtigste war mir entgangen, da zeigte sich wieder mein fehlendes Kurzzeitgedächtnis. Dazu kam was, an das ich nie dachte.

Ich sah immer wieder meinen gesuchten Weg auf der Komoot-App. Was ich aber nicht bedachte, es war kein markierter Weg, wie der Jakobsweg. Oft brauchte ich die Handypeilung, die mir den Weg zeigte. Oft ging ich vor und zurück, weil der Weg durch einen Eingang einer Mauer führte, den ich nicht erkannte. Ich ging zwar traumhafte Wege, die ich aber nur aufgrund der GPS Daten am Handy finden konnte.

Hatte ich keinen Strom, war ich orientierungslos. Es beunruhigte mich immer mehr, dass der Strompegel des Handy sank und alles leer wurde. Ich musste mir eingestehen, ohne Strom und funktionierendes Handy hatte ich keine Orientierung. Als alles endgültig leer war, stand ich da und wusste nicht wohin. Eine kleine Landkarte für den Notfall hatte ich verloren, sie hätte mir im Wald auch nichts gebracht.

Durch den Regen war es dunkel im Wald und die Sonne unsichtbar. Es gab zahllose Schilder bei jeder Wegkreuzung, die mir nichts sagten. Ich hätte überall hingehen können. So wurden aus wenigen Kilometern viele mehr und ich kam doch nicht weiter.

Es begann zu dämmern und ich legte mich neben den Trail im Zelt zum Schlafen. Zum Glück hörte es auf zu regnen. Während des Aufbaues preschten etwa 10 Wildschweine nur 20 Meter von mir entfernt mit einem Höllenlärm vorbei.

Das Ende von Teil 1

Unfähig auch nur etwas zu denken, legte ich mich hin. Über 40 Kilometer legte ich an diesem Tag zurück und wusste nicht, wohin weiter. Sobald ich logisch denken wollte, baute sich die mir schon sehr bekannte weiße Wand auf. Ich denke, das waren die Minuten, in denen ich den Abbruch erwog. Ich wollte nur mehr irgendwie nach Neusiedl kommen und dann bis zum Ende des Lockdowns zu Hause abwarten. Regen und Lockdown, diese Kombination war für mich zu viel.

Ich fühlte mich zwar recht gut, abgesehen vom Zustand des Denkens. Das machte mir Angst, denn damit hatte ich mich nicht unter Kontrolle. Alle drei Tage brauche ich doch noch ein Quartier, um mich zu erholen und den Stress mit dem Strom nicht zu bekommen.

In der Früh ging ich schon um fünf Uhr los. Einfach den Weg und der Markierung folgend, nicht ahnend, wohin er mich bringen wird. Nach einer dreiviertel Stunden bergab gehend, erreichte ich St.Georgen. So stand mir ein Straßenweg von über 30 Kilometer bis nach Neusiedl im wieder einsetzenden Regen bevor.

Dort angekommen, war es eine leichte Entscheidung nach Hause zu fahren und erst nach dem Ende des Lockdowns wieder weiterzugehen.

Fazit von Judendorf - Neusiedl

Es war eine gute Erfahrung, bei Lockdown zu Fuß unterwegs zu sein. Es zeigte mir sehr gut meine Defizite auf. Diesmal spürte ich allerdings mehr die geistigen, wie die körperlichen.

Es ist für mich von immenser Bedeutung, in allen Welten zurechtzukommen. Daher brauche ich Erfahrungen, die mein Denken in bestimmten Momenten bis ans Limit herausfordern. Gerade das Gefühl der Orientierungslosigkeit war auf diese Art neu für mich. Auch im Umgang mit Regeln konnte ich viel dazu lernen. Einerseits mit Corona, andererseits mit den Naturgesetzen.

Am meisten war es aber interessant, wie gut mein Körper in der Natur reagiert. Auch in der Erholung im Zelt konnte ich mich verbessern. Allerdings brauche ich doch noch alle paar Tage einen geschützten Raum, sprich einen Gasthof, eine Pension oder ein Hotel.

Schon diese sechs Tage reichten, dass ich mich zu Hause schwer wieder reinfand. Der Tagesablauf mit Gehen und dem System mit Zelten behagte mir weit mehr, als die letzten Jahre mit Rehabilitationstraining.

Nach dem Lockdown geht es sofort weiter!


Walkabout - Gehen als Sinn im Leben!

Warum möchte ich einen Walkabout machen? Kann Gehen mir Sinn im Leben geben? Warum bedeutet mir Gehen so viel? GEHE ich am Leben vorbei?

Viele Fragen, auf die ich Antworten suche und versuche, sie mir zu geben. Gehen hat mit Bewegung zu tun, nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Der Hirnabszess hat mein Gehirn verändert und um es wieder in Bewegung zu bringen, ist Gehen geeignet.

Das Gehirn wieder in Funktion zu bringen, ist mein Anliegen, aber wie?

Gehirn

Gehen und das Gehirn

Körperliche Bewegung sorgt für Bewegung im Kopf. Eine Fülle von Erlebnissen und Eindrücken sorgen für ein aktives Gehirn. Manchmal möchte ich jedoch zu viel. Gerade berufliche Ziele überforderten Anfangs mein Gehirn. Zu akzeptieren, dass es noch nicht so weit ist, brachte mir ein leichteres Leben.

Filmen, Trailrunning oder Familienvater sind mir seit dem Hirnabszess nur beschränkt oder gar nicht möglich. Mein Gehirn legt das Tempo vor, mit dem ich unterwegs sein kann. Laufen geht noch gar nicht, genauso habe ich mit dem Filmen meine Schwierigkeiten.

Gehen ist zwar wegen der fehlenden Propriozeption noch immer schwierig, funktioniert aber aufgrund des vielen Übens recht gut. Wenn ich zurückschaue, wird mir erst bewusst, wie haarig es damals im Krankenhaus zuging. So gesehen kann ich mit meinem Fortschritt zufrieden sein, ich darf aber nicht nachlassen, wenn ich mehr erreichen will.

Wieder Gehen zu können war lange nicht sicher. Nach vier Monaten wieder selbst aufs WC zu kommen, war ein großer Erfolg. Das bedeutete einen Gewinn an Unabhängigkeit, wie ich es mir bis dahin nicht vorstellen konnte. Anfangs durfte ich nur mit Begleitung aufs Klo, meist im Rollstuhl, da der Schwindel zu groß war und damit auch die Gefahr einer Verletzung. Erst in den letzten 14 Tagen im Krankenhaus durfte ich alleine aufs WC. Wann immer es mir möglich war, wollte ich zu Fuß hin.

Heute kann ich es selber fast nicht mehr glauben, aber meine Tagesenergie waren 30 Minuten Ergo- oder Physiotherapie und einmal aufs Klo gehen. Das war meine Energie für den ganzen Tag. Gehen und Bewegung zu trainieren, war damit für mich essenziell. Die Fortschritte waren im Mikrobereich, aber die Bilder vom Eiger Ultra Trail trieben mich voran. Ausdauertraining war mir wichtig, denn mit mehr Ausdauer kann ich mich länger allem anderen widmen, besonders der Wortfindung und Merkfähigkeit.

Ich hatte kein Kurzzeitgedächtnis mehr und musste anderes lernen, um das Kompensieren zu können. Das funktioniert besser mit mehr Ausdauerfähigkeit und meine Denkfähigkeit steigerte sich mit Zunahme der Ausdauer. Gehen wurde wichtig und gab mir Sinn im Leben.

Eines war sicher: Einen Fuß vor den anderen zu setzen, gehört mit zum Wichtigsten, was wir tun können.

Gehen gibt mir Sinn im Leben
Gehen gibt mir Sinn im Leben

Gehen als Sinn im Leben

Sinn gibt einem das, was Freude macht. Wäre ich damals im Krankenhaus missmutig gewesen ob der Fortschritte und hätte aufgegeben Gehen zu lernen, dann hätte es keinen Sinn ergeben. Ich fand aber Sinn darin, wochen- ja monatelang, für jeden Schritt mehr zu üben. Gehen machte und gab mir Sinn, denn Denken konnte ich ja nicht wirklich.

Nach einem Jahr schaffte ich bereits mehrere hundert Meter, mit vielen Pausen. Der Jakobsweg nahm immer mehr Raum in mir ein. Wochenlang dahingehen und damit zu sich selbst zu kommen. Nach zwei Jahren schaffte ich endlich 5 Kilometer. Noch brauchte ich viele Pausen, aber immerhin.

Das Kurzzeitgedächtnis verbesserte sich nur wenig, aber neue Strategien konnte ich langsam in mir integrieren und anwenden. 2018 fuhr ich dann nach einer privaten Krise kurzerhand zum Jakobsweg. Gehen gab mir Sinn und wurde meine Medizin und Lebenselixier.

Wenn ich mich heute an meine erste Reise nach Saint Jean Pied de Port zurückerinnere, dann kommen vereinzelte Erlebnisse hoch. Damals war ich nicht fähig zu schreiben, mein Gehirn funktionierte nur bedingt und wenn ich nicht Fotos gemacht hätte, dann hätte ich nur wenige Erinnerungen behalten. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieser Weg für mich Sinn im Leben machte, denn ich lebte voll und ganz im Hier und Jetzt.

Hier und Jetzt

Das Denken konnte ich nur wenig Verbessern in den letzten Jahren, aber dafür bekam das Gehen immer mehr Sinn. Der Hirnabszess hält mich im Hier und Jetzt und das ist für das Gehen perfekt. Ich kann Freude besser empfinden, in Dingen, die ich gerne mache. Gehen gehört dazu und Heilung kann nur stattfinden, wenn meine Zellen in Freude schwingen.

Ich überquerte auf meinen Caminos Bergketten, Hochebenen und Städte. Ich erlebte Regen und Sonnenschein, Kälte und Hitze. Alles nahm ich sehr intensiv wahr, denn ich lebte im jetzt und nur die Fotos erinnern mich noch daran, wo ich war und was ich erlebte. Der Moment wurde das wichtigste Mittel, um zu Gesunden. Ich war schon immer ein optimistischer Mensch und wollte mir diese Haltung bewahren.

Als ehemaliger Videojournalist liebe ich es, zu dokumentieren. Das ist noch immer in mir, aber ich sehe es auch als Möglichkeit, mein Denken und meine Wahrnehmung zu fördern. Vieles, wie das Filmen, ist mir kaum oder schwer möglich. Das wird vielleicht wieder kommen, aber ich bin zumindest froh, meinen Lebensweg über Fotos zu dokumentieren. Wer hätte daran vor fünf Jahren geglaubt, dass so etwas möglich wird?

Pilgern, den Sinn im Leben finden
Camino del Norte 2019

Gehen und Reisen

"Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche fahren, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuß gehen!"

Jean-Jacques Rousseau, 1712 - 1778

Diesem Kommentar von Rousseau kann ich viel abgewinnen. Für mich hat sich das Leben mit dem Gehen wieder erschlossen. Ich kann vieles noch nicht, selbst Gehen muss ich noch immer lernen, aber das Unterwegssein bringt mir tägliche Glücksmomente. Die Blume oder Schnecke am Weg, ist mir genauso wichtig, wie der Eifelturm oder Louvre auf dem Weg zum Jakobsweg in Spanien.

Das oben erwähnte Zitat konnte ich selbst erfahren. Ich wollte im April 2020 zu Fuß von zu Hause nach Santiago de Compostela aufbrechen. Corona kam mir damals zuvor und seither erlebe ich das Gehen anders. Reisen und Gehen zeigte mir, wie wichtig es für mich ist. Es hat eine sehr positive Wirkung auf mein Gehirn.

Die täglichen Herausforderungen beim Reisen stimulieren mein Gehirn, wie ich es im Alltag nicht schaffe. Daher kam ich auf den Walkabout, der mich diesmal durch die Heimat bringen soll. Reduziert auf das Wesentliche, kann ich mein Gehirn vermehrt dem aussetzen, was ihm guttut. Corona erfordert einen neuen Umgang mit allem, der Walkabout ist eine Chance für mich, es zu lernen.

Er soll außerdem einen Abschluss bringen, nach 5 Jahren der Rehabilitation. Das Leben soll wieder Vorrang bekommen, nicht nur die Therapie. Den Weg dazu soll mir der Walkabout weisen, denn gerade mit Corona muss und will ich mein Leben neu ordnen. Der Weg durch Österreich kann das auf gute Weise verbinden, egal wie weit ich komme.

Einerseits das Gehen und auf der anderen Seite, wie kann ich mit Corona umgehen, dass soll mir einen guten Weg in die Zukunft weisen.

Walkabout und Gehen

Das Gehen um des Gehens willen, steht an erster Stelle. Ich erwarte mir nichts, weiß aber, dass Gehen neue Horizonte schafft. Neues, dass ich unbedingt brauche. Ob wenige Tage oder viele Wochen, ich gehe so weit und solange es mir guttut. Ich habe in den letzten Wochen viel an meinen Traumen gearbeitet und das verbrauchte viel Energie. Energie, die ich jetzt ins Gehen und über diesen Weg, auch in meine Trauma Arbeit stecken werde.

Vermeidungen erkennen und Traumen aufarbeiten. Werkzeuge dazu habe ich bekommen, besonders über das therapeutische Tanzen und dazu viele Anregungen. So wird mir beim Walkabout sicher nicht langweilig.

Bisher bin ich noch von jeder Reise (seelisch) gestärkt zurückgekommen. Wenn es mir möglich ist, werde ich diesmal versuchen, auch von unterwegs Blogartikel zu verfassen. Da ich aber meistens im Zelt übernachte, hängt es vom mir zur Verfügung stehenden Strom ab, wie oft ich posten kann. Kurzberichte auf Instagram werden sicher öfter möglich sein.

Es wird eine spannende Erkundung meines geistigen Potenzial und der körperlichen Möglichkeiten werden, da bin ich mir sicher. Mit diesem Weg möchte ich mir wieder ein Stück näher kommen und meinem Leben Richtung geben. Corona hat mich sehr in meiner Rehabilitation eingeschränkt und das soll jetzt anders werden. Ich möchte meinen Weg mit Corona finden.

Ganz dem Gedanken von Rousseau folgend: Beim Gehen findet der Mensch zu sich selbst zurück, zurück in seinen Naturzustand.

Pilgern, Wandern, Gehen
den Sinn im Leben finden

Gehen hilft dem Geist und fördert die Agilität des Gehirns. Im Jahre 1090 ging Edward Weston an seinem 70. Geburtstag in 105 Tagen von New York nach San Francisco. Er marschierte danach weiter und weiter und schrieb ein Buch über das Gehen. Er fand im Gehen seinen Sinn im Leben.

"Jeder kann gehen, es ist gratis, wie die Sonne am Tag und die Sterne in der Nacht. Wir müssen nur auf die Beine kommen, die Straße bringt uns überall hin."

Edward Weston, 70-jährig, nach seinem Marsch durch die USA, 1909

Gehen gibt auch mir Sinn im Leben!


Wenn ich die letzten Jahre rückwirkend betrachte, dann war für die Folgen des Hirnabszesses, das Pilgern die beste Therapie. Corona macht es aber seit einem Jahr unmöglich und ich brauchte lange, um die Situation erfassen und verändern zu können. Ich musste meine Rehabilitation überdenken, neu gestalten und etwas Neues musste her. Aber wie kam ich auf den Walkabout?

Vor einigen Monaten kamen Erinnerungen an meine Australien Reisen hoch, von denen ich ein Didgeridoo mitbrachte. Ich borgte mir ein leichter zu handhabendes von meinem Bruder aus und begann zu üben.

Einher kamen mir Erinnerungen an einen Walkabout in Australien, den ich aber, um es kurz zu machen, nie verwirklichte. Die Pilgerwege in Spanien sind wegen Corona zu und auch das Losgehen von zu Hause nach Santiago ist (für mich) unmöglich. Deshalb werde ich, im Sinne eines australischen Walkabout, durch Österreich gehen. Die Kultur dahinter spricht mich an und hat mit Pilgern viel gemein.

Didgeridoo spielen

Kleine Info noch zum Anfang

Alle Planungen sind vorläufig und gelten nicht als fix. Corona veränderte unser aller Leben und beeinflusst natürlich auch solche Touren. Auch ich plane nur unter dem Motto: Nix is fix!

Es kann jede Woche anders ausschauen, wie wir derzeit wieder sehen und danach richte ich mich. Aktuell wird es einen weiteren Lockdown nach Ostern geben und darüber hinaus. Wie es wirklich weitergeht, weiß niemand. Diese Unwägbarkeit der Situation war letztes Jahr kaum zu verstehen für mein Gehirn und ich brauchte lange, um mich an die Situation anzupassen. Mittlerweile kann ich wesentlich besser damit umgehen.

FFP2 Maske

Was ist ein Walkabout?

Für die Aborigines hat er eine wichtige Tradition. Mittels einer "Songline", einem gesungenen Lied, wird die Heimat auf einem festgelegten Pfad durchwandert. Dieses Lied weist durch markante Beschreibungen den korrekten Weg. Es ist laut den Aborigines ihr "Traumpfad" im Land.

So eine Wanderung kann Wochen, Monate oder in manchen Fällen, auch jahrelang dauern. Man wandelt so auf den Spuren der Vorfahren. Der Walkabout ist ein Ritual und bewahrt die Kultur der Aborigines. Er gibt ihnen Identität.

Durch Veränderungen der Natur und Landschaft, wird es aber immer schwieriger, dieses Ritual aufrechtzuerhalten. Baumaßnahmen, Häuserbau, Landschaftsbau und andere Veränderungen gleichen einem Heimatverlust und einem Verlust der Identität. Traditionelle Aborigines leben entlang ihrer bekannten "Songline", es ist ihre normale Lebensweise. Sesshafte Aborigines benutzen den Walkabout, um ihre Identität zu bewahren.

Walkabout durch Österreich
Walkabout durch Österreich

Für mich hat dieser Walkabout den Sinn, meine eigene Identität wiederzufinden.

Der Österreichische Walkabout

Vorbild ist der Australische, allerdings adaptiert auf Österreich und besonders auf mich. Am Jakobsweg in Spanien konnte ich schon eine gute Grundlage dafür bilden, er war ja auch so etwas wie ein Walkabout. Den ersten Camino ging ich, um mich wieder selbst zu finden. Der Hirnabszess nahm mir jede Identität, sodass ich nicht wusste, wer ich eigentlich bin. Mein Leben bestand nur aus Therapie, wer war aber ich?

Mich mit Behinderung wieder im Leben zu finden, ist mir bis heute in Ansätzen gelungen. Es wurde wichtig, trotzdem jeden Tag mit Freude und Glücklichsein zu erleben. Das ist die Grundlage für Heilung. Da mein Gehirn nicht mehr so arbeitet wie vorher, wurde die Bewegung immer wichtiger. Gleichzeitig hilft das Gehen auch dem Denken. Die Bewegung des Körpers überträgt sich auf das Gehirn und diese Bewegung unterstützt das Denken.

Corona tat dann allerdings das seine dazu, dass ich mich quasi wieder an den Anfang begeben musste. Ich nenne es immer wieder "das Leben lernen". Von einem Tag auf den anderen, konnte ich das nicht mehr. Aber wie damit umgehen? Ich fühlte mich in die Anfänge des Hirnabszesses zurückversetzt.

Der österreichische Walkabout
Der österreichische Walkabout

Leben lernen

Seit Februar 2019 arbeite ich speziell daran. Ich sollte lernen, Freunde zu treffen, mit dem Zug zu fahren und ins Kino zu gehen. Therapie sollte seine eigene Zeit bekommen, der Rest war Leben.

Am Camino del Norte bekam ich nach drei Wochen Gehen, wieder das Gefühl zu spüren, was Leben heißt. Der Herbst wurde eine Entdeckung des Lebens. Gleich darauf, im Februar 2020 am Camino Frances, besuchte ich dann zum ersten Mal die Kathedrale in Santiago und das Pilger-Museum. Pilger-Freunde begleiteten mich und ich überwand meine Vermeidung und Hochsensibilität. Ich hatte solche Freude am Entdecken des Lebens gefunden.

Corona

Nach meiner Heimkehr vom Camino, war plötzlich Social Distancing, Abstand halten und Regeln einhalten angesagt, die mich und mein Gehirn überforderten. Ich flüchtete mich in die körperliche Therapie, denn "das Leben lernen", war mir unmöglich geworden. Ich musste neue Strategien und Routinen lernen, für die ich lange brauchte, bis ich sie verinnerlicht hatte.

Wichtig ist, "Leben unter neuen Voraussetzungen", zu lernen. Dabei war ich doch nur kurz vorher im Begriff, mich selbst wiederzufinden. Also alles neu und zurück an den Start.

Wandern bei Corona

Schon im letzten Jahr begann ich alle Berge meiner Umgebung zu erkunden. Berge, die ich früher nicht einmal kannte, wurden meine neue Spielwiese, um weiterhin Gehen zu lernen. Ich versuchte mich auch an heimischen Pilgerwegen, war zum Beispiel für wenige Tage am Weststeirischen und am Burgenländischen Jakobsweg unterwegs.

Wie lange Corona dauern würde, konnte damals niemand abschätzen. Diese Ungewissheit war nicht leicht zu verarbeiten, soweit konnte mein Gehirn nicht denken. Ich begann aus diesem Grund mit Übernachtungen im Zelt oder Biwaksack, musste aber recht bald einsehen, dass mein Körper noch nicht so weit war. So landete ich wieder beim körperlichen Training, um mich zu festigen. Schleichend verließ mich aber die Konzentration. Es ging immer schlechter Bücher zu lesen oder zu schreiben.

Die Langsamkeit hält mich weiterhin gefangen, alles schnelle, wie das Laufen, funktioniert noch immer nicht. So bleibt Wandern und Pilgern meine Tätigkeit, immer auch mit dem Gedanken dahinter, mein Denkvermögen zu verbessern. Das Denken hat seit dem ersten Corona-Lockdown sehr darunter gelitten.

Wandern als Therapie

Walkabout durch Österreich

Austria - Australien und dazu der Walkabout. Diese Idee reifte in mir immer mehr. Meine "Songline" sollte eine Verbindung zwischen den entferntesten Punkten Österreichs, in allen vier Himmelsrichtungen, sein. Als Trailrunner wäre ich gelaufen, so wird es aber ein Thruehike, also ein Weitwanderweg. Da ich noch immer unter der Muskelschwäche leide, werde ich trotzdem kaum mehr Gepäck tragen, als ich es laufend gemacht hätte. Ultra light ist das Zauberwort.

Mein Weg führt mich von Judendorf zunächst am Neusiedlersee vorbei, zum östlichsten Punkt von Österreich, Deutsch-Jahrndorf. Von dort geht es, zum Teil auf Jakobswegen, bis zum nördlichsten Punkt, in die Nähe von Haugschlag, an der Grenze zu Tschechien.

Dann warten einige Berge auf dem Weg zum westlichsten Ort, Bangs in Vorarlberg, unter anderem wird der Arlberg überquert. Wieder retour, wartet der anstrengendste Teil des Weges, die Überquerung der hohen Tauern, zum südlichsten Punkt, in Vellach. Von dort geht es nach Hause, in die Steiermark.

Der Weg ist grob 2.000 km lang. Viele Änderungen vor Ort werden die Strecke aber auf bis zu 2.500 Kilometer anwachsen lassen.

Walkabout durch Austria, not Australia!
Walkabout durch Austria, not Australia!

Die Idee

Auf die Idee brachte mich der amerikanische Ultraläufer Rickey Gates. Er hat 2017, bei der Amtsübernahme von Donald Trump, die USA zu Fuß durchquert und sich die Stimmung der Menschen auf seinem 5.000 Kilometer langen Weg angeschaut. Für ihn war damals eine wichtige Frage, wie ist die Stimmung im Land, nach der Amtsübernahme von Donald Trump.

Seine Begegnungen hat er eindrucksvoll in seinem Buch festgehalten.

Für mich steht an erster Stelle, nach fünf endlosen Jahren der Rehabilitation, endlich wieder meinen Platz im Leben zu finden. Der "Walkabout durch Austria", soll ein weitere Schritt dazu werden. Das ist die vorrangige Idee dazu.

Es interessiert mich aber auch, wie sehr Corona die Stimmung im Land verändert hat? Es sind viele Ähnlichkeiten mit seinem Lauf durch Amerika, nach der Amtsübernahme von Trump, weiche das Land gespalten hat.

Mit Behinderung am Walkabout

Vor Corona bin ich immer wieder von der Straße weg zum Übernachten eingeladen worden. In der Corona-Zeit bin ich mir nicht mehr sicher, ob das möglich ist. Es wird interessant, das Erleben zu dürfen, besonders mit Behinderung, meiner Hochsensibilität und der veränderten Wahrnehmung. Natürlich werde ich nichts herausfordern, denn in erster Linie muss ich auf mich schauen und wie ich mit den Folgen des Hirnabszesses zurechtkomme.

Mein Gehen schaut von außen ja schon recht gut aus, aber niemand kann erkennen, welcher Aufwand dazu noch immer nötig ist. Meine Behinderung ist ja geblieben. Die fehlende Propriozeption verlangt mir große Konzentration ab, gehen zu können und Konzentration ist Energie. Energie, die ich noch immer genau einteilen muss, um über den Tag zu kommen. Auch wenn es so ist, bin ich froh und dankbar dafür, überhaupt gehen zu können. Es hat mir das Leben zurückgebracht.

Was anderes sind Begegnungen mit Menschen. Sie sind mir auch wichtig. Es wird anders als früher, aber trotzdem nicht weniger intensiv. Wie gehe ich mit den neuen Umgangsregeln um? Traue ich mich auf Menschen zugehen?

Es wird weniger in den Städten sein, die ich sowieso vermeiden werde, als vielmehr am Land. Die Bäuerin beim Wiese mähen, der Wanderer unterwegs, der Briefträger und so weiter. Mich interessiert: Wie sehen sie Corona, was hat sich in ihrem Leben verändert und was würden sie sich wünschen?

Der Ablauf

Als Zeitrahmen ist das Frühjahr bis Sommer vorgesehen. Losmarschieren würde ich gerne am 1. Mai, da aber Corona nicht berechenbar ist, lasse ich es mir offen, wann es wirklich losgeht. Ich werde mich spontan entscheiden. Einziges Limit, ich muss schauen, dass ich im Sommer durchkomme, ehe es im September zu kalt in den Bergen wird.

Die Dauer wird zwei bis drei Monate betragen. Da ich es nicht mit Pilgern in Spanien vergleichen kann, werde ich auch diesmal, wie eigentlich immer bisher, alles auf mich zukommen lassen. Was ich jedoch im Auge behalten werde, wenn es gar nicht geht, werde ich abbrechen und aufhören. Meine persönliche Gesundheit steht an erster Stelle, den die Tour hat ja den Sinn, mich darin zu verbessern. 

Ultra light Hiking

Zelt, Schlaf- und Biwaksack werden meine bevorzugte Übernachtung sein. Ultra light (Run-)Hiking habe ich schon lange vorher betrieben. Als Trailrunner war ich immer darum bemüht, mit leichtem Equipment unterwegs zu sein.

Ich habe allerdings vor, mir alle paar Tage ein Zimmer zu nehmen, sofern etwas offen hat. Ein bisschen Komfort darf sein. Eine warme Dusche, Strom für Handy und Fotoapparat und ein Bett für bessere Erholung.

Da ich vorhabe zu fotografieren, muss ich mit dem Strom haushalten. Ich habe eine kleine Powerbank bei mir und für den Notfall ein Solarpaneel, damit bin ich begrenzt autark. Allein der Fotoapparat mit Stromversorgung wiegt allerdings einen Kilogramm.

Ich habe lange überlegt, wegen des Gewichts nur mit dem Handy zu gehen. Da kam aber mein ursprünglicher Beruf als Videojournalist durch und ich entschied mich dagegen. Aber wer weiß, ich reagiere zu spontan und vielleicht gehe ich doch mit leichterem Gepäck! 🙂

Mit Fotoapparat am Walkabout

Ob ich einen Kocher mitnehme, hängt davon ab, ob ich offene Gaststätten vorfinde. Ihn zu Hause zu lassen, wäre in jedem Fall eine Gewichtsersparnis. Mit dem Gewicht bin ich am absoluten Limit für mich, aber es ist trotzdem mehr, als im normalen Fall. Die Nachwirkungen des Hirnabszesses lassen mich ein paar extra Sachen einpacken, weil mein Körper noch immer anders reagiert wie früher.

Die gesamte Ausrüstung werde ich noch gesondert vorstellen. Das Basisgewicht des Rucksacks wiegt im Moment 5 kg, inklusive Fotoapparat, aber ohne Wasser und Verpflegung.

Vorbereitung 

Allein die Vorbereitung war bisher eine sehr gute Therapie für mein Gehirn. Das richtige Material zu finden und zu bewerten, die Streckenplanung und das zu Corona-Zeiten.

Viele Kleinigkeiten müssen bedacht sein, denn ich stecke es nicht mehr so leicht weg, wenn etwas fehlt. Der Hirnabszess bzw. die Behinderung verzeihen keine großen Fehler. Es wird sich zeigen, wie ich das Übernachten im Freien dieses Jahr vertrage. Keine zu großen Kilometerleistungen sind am Anfang wichtig, denn obwohl mir dieser direkte Kontakt mit der Natur guttut, kostet mir das Nächtigen Energie. 

An der Mur

Auch wenn noch alles unabsehbar ist, freue ich mich auf den Walkabout. Er soll mich wieder, trotz Corona, ein wenig näher an das Leben zurückbringen. Mein persönlicher Lockdown beträgt immerhin schon 5 Jahre. Auf der einen Seite kann ich oft besser damit umgehen, auf der anderen fehlt mir mittlerweile besonders der soziale Kontakt und das Leben, so wie es mittlerweile allen fehlt.

Auf jedem Fall beginnt das Abenteuer, wo Pläne enden!


Instagram

Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
Blogheim.at Logo
Bloggerei.de
Copyright © Jörg Krasser
Konzipiert und gestaltet von
crossmenu linkedin facebook pinterest youtube rss twitter instagram facebook-blank rss-blank linkedin-blank pinterest youtube twitter instagram