Wieder unterwegs auf dem Jakobsweg – nicht wegen der Krankheit, sondern wegen des Lebens

Der Jakobsweg – mein inneres Navi

Es gibt Wege, die führen nicht einfach von Ort zu Ort. Sie führen zu einem selbst zurück. Der Jakobsweg ist für mich genau so ein Weg geworden. Schon beim ersten Mal war es kein klassisches Pilgern, sondern ein innerer Neuanfang. Keine Uhr, keine Termine, kein Müssen. Nur ich, mein Rucksack – und der nächste Schritt.

Nach allem, was passiert ist – der Hirnabszess, die langen Monate der Reha, das ständige Zuviel an Eindrücken – hat sich mein inneres Empfinden verändert. Die Hochsensibilität, die immer schon da war, hat sich verstärkt. Zu Hause wurde mir einfach alles zu viel: die Geräusche, die Bilder, die Geschwindigkeit. Es überfordert, statt zu stützen.

Deshalb zieht es mich wieder hinaus. Der Jakobsweg ist für mich kein Weg weg von der Krankheit – sondern hin zu mir selbst. Ein Ort, an dem Reizflut weicht und Weite entsteht. Kurzerhand packe ich meinen Rucksack und ziehe los – dorthin, wo Stille heilt und jeder Schritt mich wieder näher zu mir bringt.

Jakobsweg Meseta

Ich bin mehr als meine Geschichte

Natürlich hat mich die Krankheit geprägt. Natürlich war es heftig. Aber ich spüre immer stärker: Ich will nicht in dieser Geschichte stecken bleiben. Ich möchte nicht auf ewig „der mit dem Hirnabszess“ sein. Ich möchte wieder ich selbst sein. Der, der unterwegs ist. Der, der sucht – und manchmal auch findet.

Darum gehe ich wieder los. Nicht, um die Vergangenheit zu vergessen - sondern um das Jetzt zu leben. Mit allem, was dazugehört: der Hochsensibilität, den feinen Antennen für das Leben, den Zweifeln – aber auch dem Staunen und dem Vertrauen.

Ich habe in den letzten vier Monaten intensiv an mir gearbeitet – das hat Spuren hinterlassen, nicht nur positive. Durch meine verstärkte Hochsensibilität erlebe ich jeden Tag aufs Neue. Und so weiß ich oft erst im Moment selbst, wie es mir eigentlich geht. Ich nehme jeden Tag so wie er ist und mache das Beste daraus, ob gut oder schlecht.

Vorbereitung auf den Jakobsweg
Hier versuchte ich mich vor Jahren, das erste Mal,
von Stein zu Stein steigen!

Weite statt Therapie

Ich gehe nicht auf den Jakobsweg, um gesund zu werden. Ich gehe, um wieder Luft zu bekommen. Um Raum zu bekomen – außen und innen.

Hier draußen, im Gehen, verliert die Reizflut ihren Schrecken. Die Welt wird einfacher, die Wahrnehmung klarer. Kein Termindruck, kein Lärm, kein ständiges Reagieren. Nur das Gehen, der nächste Schritt, das Atmen. Schritt für Schritt – nicht schnell, aber stetig.

Es ist die einzige Art des Reisens und die einzige Art der Tätigkeit, die mir im Moment gut tut. Alles andere, wie Therapie, wäre jetzt zu viel. Im Gehen kann ich mich selbst wiederfinden – im eigenen Rhythmus, in der eigenen Zeit.

Jakobsweg Meseta

Bin ich über längere Zeit zu Hause, wird alles eng – mein Zustand verschlechtert sich. Schwindel, Muskel- und Gelenkschmerzen stellen sich ein, aber auch das brauche ich. Sobald ich dann – am besten für mehrere Wochen – in die Natur gehe, bessert sich mein Befinden mehr als spürbar. Meine Tiefensensibilität verbessert sich und damit auch meine Wahrnehmung im Außen.

Jakobsweg in Spanien 🇪🇸
Heil werden in der Natur

Ich will leben – nicht therapieren

Viele glauben, ich gehe, um zu heilen. Aber mein Weg ist diesmal ein anderer. Ich gehe nicht, um die Krankheit zu bekämpfen. Sondern ich gehe, weil ich leben will.

Ich will nicht in der Vergangenheit hängenbleiben, nicht immer wieder erzählen, wie schlimm alles war. Ich will erleben, wie schön es jetzt ist. Am glücklichsten bin ich beim Gehen in der Natur, fern von allem, was mein Gehirn belastet.

Darum packe ich meinen Rucksack. Darum gehe ich los. Nicht, weil ich muss – sondern weil ich will.

Ein Freund, der erst letzte Woche verstorben ist, hat mir wieder einmal gezeigt, dass ich auf nichts im Leben warten soll. Seine Besuche im Krankenhaus, damals, als kaum jemand kam, werde ich nie vergessen. Alle paar Wochen war er da, zusammen mit einem weiteren Freund – eine Geste, die mir mehr bedeutet hat, als ich je in Worte fassen könnte. Daran werde ich immer denken.

🙏

Mein Weg am Jakobsweg

In den nächsten Tagen geht es also los zum Camino Frances. Diesmal von Leon nach Santiago de Compostela, etwa 320 Kilometer. Diesmal ein kürzerer Weg, allerdings bin ich wirklich Ultra-Light unterwegs, mit 2,5 kg. Über die Ausrüstung habe ich einen eigenen Blogartikel geschrieben, der morgen erscheinen wird.

Kurzberichte mit Fotos gibt es diesmal nur auf Instagram, Blogbeiträge werde ich auf Facebook ankündigen. Oder einfach den Blog abonnieren und informiert werden. Danke und bis bald...

Buen Camino


9 Jahre oder 3.240 Tage – Die Suche nach Identität seit dem Hirnabszess

Neun Jahre sind vergangen – 3.240 Tage, um genau zu sein. Eine Zeit voller Herausforderungen, voller Wandel. Seit meiner Diagnose Hirnabszess hat sich mein Leben grundlegend verändert. Ich musste mich neu finden, meine Identität immer wieder hinterfragen.

Der Walkabout durch Austria war ein erster Schritt auf diesem Weg, ein Erfolg, der mich näher zu mir selbst brachte. Ausgestattet mit Werkzeugen der Tanztherapie, gaben mir immer mehr Leichtigkeit im Leben. Doch auch heute noch frage ich mich oft: Wer bin ich eigentlich?

Identität durch Leichtigkeit finden
Identität am Walkabout finden

Mein Gehirn funktioniert nicht mehr wie früher. Der Hirnabszess und die anschließende, fünfmonatige Antibiotikatherapie im Krankenhaus haben mehr hinterlassen, als ich anfangs dachte. Bis heute setze ich nur einzelne Bruchstücke zusammen – doch ein vollständiges Bild ergibt sich daraus noch lange nicht.

"I had to trust more and to do less."

Was ist Identität überhaupt?

Identität ist nichts Starres, sie verändert sich mit Erfahrungen, Beziehungen, Werten und Überzeugungen. Ein Puzzle, das sich mit jedem neuen Erlebnis weiterentwickelt. Doch nach meiner Erkrankung fühlt es sich oft an, als würden einige Teile fehlen – oder als würden sie nicht mehr dorthin passen, wo sie einmal waren.

Mit der Zeit kam die Erkenntnis: Ich bin irgendwie nicht mehr dieselbe Person wie vor dem Hirnabszess. Körperliche Einschränkungen, emotionale Höhen und Tiefen, soziale und kognitive Veränderungen – all das fordert mich Jahr für Jahr aufs Neue heraus. Ich muss ein neues Selbstbild entwickeln, ein neues Ich zulassen.

Identität

Warum ist die Identitätssuche nach einer Krankheit so schwierig?

Eine schwere Erkrankung stellt viele Aspekte der eigenen Identität infrage:

Körperliche Veränderungen: Mein Körper, einst ein verlässliches Werkzeug, wurde zur Quelle von Unsicherheit. Muskelschwäche und Schwindel ließen mein Vertrauen in mich bröckeln. Doch mit jedem Schritt auf meinen Pilger- und Weitwanderwegen kämpfe ich es mir zurück.

Dieses Jahr auf dem Hexatrek in den französischen Alpen – die Herausforderung technischer Passagen, das Überwinden von Hindernissen, das Wachsen mit jeder Hürde. Und doch, zurück zu Hause, muss ich mich zwingen in der Mitte einer Treppe hinunterzugehen, statt am Rand, entlang des Geländers. Diese Widersprüche führen mir vor Augen: Meine Behinderung ist und bleibt ein Teil meines Lebens.

Emotionale Achterbahn: Nach der Krankheit gab es nur Extreme – null oder hundert Prozent Emotionen. Das zu verstehen, dauerte lange. Es zu kontrollieren, beschäftigt mich bis heute. Viele Emotionen sind tief verwurzelt, Muster aus der Kindheit, die sich immer wieder zeigen. Sie zu erkennen und umzuwandeln, ist ein Prozess, der nur in kleinen Schritten gelingt.

Soziale Veränderungen: Beziehungen veränderten sich, Rollen mussten neu definiert werden. Nicht jeder konnte mit dem umgehen, was meine Krankheit mit sich brachte – ich selbst am wenigsten. Tiefgreifende Krisen stellen Beziehungen auf die Probe. Sie erfordern ein Umdenken, nicht nur von mir, sondern auch von meinem Umfeld.

Kognitive Beeinträchtigungen: Denken, Erinnern, die Verbindung zwischen Erlebnissen und Gedanken – oft fühlt sich das brüchig an. Die Welt um mich herum wirkt hektisch und überwältigend. Struktur fällt mir schwer, Konzentration ebenso. Seit acht Jahren lerne ich täglich, besser damit klarzukommen. Doch es bleibt ein Kampf.

Die Natur als Inspirationsquelle

In all den Jahren habe ich eines gelernt: Die Natur heilt. Das Gehen, die Stille, die Verbindung zur Umgebung – es ist, als würde ich Schritt für Schritt eine Brücke zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Ich bauen. Ob auf den Caminos in Spanien, auf Weitwanderwegen in Europa oder auf Wegen in meiner Heimat – die Natur hilft mir, mich selbst zu spüren, neue Puzzleteile zu finden und langsam ein Bild entstehen zu lassen.

Identität in der Natur finden
Identität in der Natur finden

Therapeutisches Schreiben – Worte als Anker

Eine weitere Säule meiner Identitätsfindung ist das Schreiben. Gedanken ordnen, reflektieren, neue Perspektiven gewinnen. Noch bevor ich mich an ein Buch wagen kann, ist das therapeutische Schreiben mein Werkzeug, um Klarheit zu schaffen. Doch, mit meinen kognitiven Einschränkungen ist es ein langsamer Prozess – allein an diesem Blogartikel habe ich Wochen gearbeitet.

Bin ich nach 9 Jahren komplett?

Trotz aller Fortschritte bleibt oft das Gefühl: Da fehlt noch etwas. Vielleicht wird die Suche nie abgeschlossen sein – und vielleicht ist genau das in Ordnung. Identität ist kein Ziel, sondern eine Reise. Mit jedem Schritt, jedem Wort, jeder neuen Erfahrung setze ich das Puzzle ein wenig weiter zusammen.

Identität

3.240 Tage und immer noch ich

Nach all diesen Jahren kann ich eines sagen: Ich bin immer noch ich. Nicht mehr derselbe wie vor dem Hirnabszess, aber auch nicht jemand völlig Neues. Die Krankheit hat mich auf eine Reise geschickt, auf der ich mich selbst neu entdecken darf.

Und ich bin gespannt auf die nächsten Schritte, die nächsten Herausforderungen. Denn auch wenn nicht alle Puzzleteile an ihrem Platz sind – ich bin auf dem Weg. Und das zählt.

Fünf Dinge, die mir auf diesem Weg helfen:

  • Geduld haben: Identitätsfindung braucht Zeit.
  • Selbstmitgefühl üben: Freundlich zu mir selbst sein.
  • Kleine Schritte setzen: Realistische Ziele wählen, kleine Erfolge feiern.
  • Unterstützung annehmen: Keine Scheu haben, Hilfe zu suchen.
  • Flexibel bleiben: Offen für Veränderung bleiben.

Auch die Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen spielt eine Rolle auf diesem Weg – etwas, das ich besonders beim Gehen erfahre.

Was ich bisher gelernt habe...

  1. Resilienz und Anpassungsfähigkeit Ich habe gelernt, dass ich mich neuen Lebensumständen anpassen und Herausforderungen meistern kann. Krankheit und Rehabilitation haben mich gelehrt, flexibel zu bleiben und meine Ziele immer wieder anzupassen.
  2. Wertschätzung von Achtsamkeit Achtsamkeit hat einen festen Platz in meinem Alltag gefunden. Ich habe gelernt, im Moment zu leben, die kleinen Dinge bewusst wahrzunehmen und ihnen Bedeutung zu schenken.
  3. Die Bedeutung von Bewegung Bewegung ist für mich mehr als nur körperliche Aktivität – sie ist Heilung, mentale Stärkung und Motivation. Sport hilft mir, meinen Körper wieder kennenzulernen und mir Stück für Stück Vertrauen zurückzuerobern.
  4. Soziale Verbundenheit Die Begegnungen auf dem Jakobsweg haben mir gezeigt, wie wertvoll zwischenmenschliche Beziehungen sind. Sie haben meinen Blick auf andere Menschen verändert und mir bewusst gemacht, wie wichtig soziale Unterstützung ist. Rückblickend waren es oft genau diese Begegnungen, die mich am meisten bereichert haben und mich noch immer bereichern.
  5. Zielorientierung trotz Widrigkeiten Trotz gesundheitlicher Rückschläge bin ich meinen Weg weitergegangen. Ich habe gelernt, mir erreichbare Ziele zu setzen und konsequent an meiner Gesundheit zu arbeiten – so weit es mir möglich ist.
  6. Offenheit für persönliche Entwicklung Ich bin bereit für Veränderungen und sehe meine Erfahrungen als Chance für persönliches Wachstum. Doch ich habe auch erkannt, dass dieser Prozess Zeit braucht – und dass es in Ordnung ist, wenn nicht alles sofort gelingt.

...und was mir hilft bei der Suche nach Identität?

Professionelle Unterstützung: Ein Therapeut kann helfen, die Krankheit zu verarbeiten und neue Perspektiven zu entwickeln. Für mich ist das therapeutische Tanzen die wertvollste Unterstützung.

Tagebuch schreiben: Gedanken und Gefühle aufzuschreiben hilft mir, mich selbst besser zu verstehen.

Achtsamkeit: Achtsamkeitsübungen lassen mich im Hier und Jetzt ankommen und mich bewusster wahrnehmen.

Neue Aktivitäten: Durch das Ausprobieren neuer Dinge entdecke ich immer wieder neue Seiten an mir selbst.

Zielsetzung: Kleine, realistische Ziele geben mir das Gefühl von Kontrolle und Selbstwirksamkeit.

Spirituelle Aspekte: Die Auseinandersetzung mit spirituellen Fragen ist für mich ein wichtiger Bestandteil der Identitätsfindung. Besonders beim Gehen finde ich Antworten.

Kreativität: Kunst, Musik oder Schreiben helfen mir, meine Gefühle auszudrücken und neue Perspektiven zu gewinnen.

Natur: Sie ist eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und des Trostes. Jeder Mensch geht seinen eigenen Weg. Was für den einen funktioniert, muss nicht für den anderen passen. Das Wichtigste ist, diesen Weg zu finden – und sich dabei Unterstützung zu holen, wenn es nötig ist.

Schlusswort: Die Reise geht weiter

Nach neun Jahren, nach 3.240 Tagen, bleibt eines sicher: Ich bin immer noch ich. Nicht mehr derselbe wie vor dem Hirnabszess, aber auch nicht jemand völlig Neues. Die Krankheit hat mich auf einen Weg geschickt, der kein klares Ziel hat – doch vielleicht ist genau das der Punkt.

Identität ist kein fertiges Bild, sondern ein Puzzle, das sich ständig verändert. Manche Teile passen sofort, andere brauchen Zeit, um ihren Platz zu finden. Manche gehen verloren, neue kommen hinzu. Und mit jedem Schritt, jeder Begegnung, jeder Herausforderung entsteht ein vollständigeres Ich.

Ich weiß nicht, was die nächsten Jahre bringen, welche Puzzleteile sich noch fügen werden. Aber ich bin bereit, weiterzugehen – mit Neugier, mit Mut und mit der Gewissheit, dass der Weg selbst die Antwort sein könnte.

Denn auch wenn nicht alles vollständig ist, zählt vor allem eines: Ich bin auf dem Weg.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Alltag als größtes Abenteuer: Pilgern, Wandern und die Kunst des Lebens

Pilgern und Weitwandern – ich liebe es, mich auf lange Wege zu begeben, mich von der Natur umarmen zu lassen und den Rhythmus des Gehens zu spüren. Dort lerne ich seit meinem Hirnabszess die Kunst des Lebens, die ich im Alltag brauche.

Diese Reisen haben mir so viel gegeben: Klarheit, Freiheit und die Möglichkeit, tief in mich hineinzuhören. Doch je mehr ich pilgere, desto mehr wurde mir eines bewusst: Die größte Herausforderung meines Lebens liegt nicht auf den Wegen da draußen, sondern in meinem Alltag zu Hause. Für die "Kunst des Lebens" bildet das Pilgern und Weitwandern die Grundlage dafür.

Alltag Weitwandern
Alltag am Hexatrek

Alltag – der unwegsame Weg

Wenn ich mich auf einen Weitwanderweg begebe, habe ich ein Ziel vor Augen. Es gibt Etappen, eine Route, eine Struktur. Doch zurück im Alltag scheint vieles weniger klar. Kein ausgeschilderter Weg, keine festgelegten Kilometer, die ich gehen muss.

Der Alltag fühlt sich manchmal an wie ein Labyrinth ohne Karte. Hier finde ich die wahre Herausforderung: In den täglichen Anforderungen zu Hause ist es nur allzu leicht, die Verbindung zu mir selbst zu verlieren.

Vom Pilgern lernen

Das Pilgern hat mir Werkzeuge in die Hand gegeben, die mir helfen, auch den Alltag zu meistern. Auf den Wegen habe ich alles gelernt, was ich fürs Leben brauche. Es geht nicht darum, große Strecken zurückzulegen, sondern Schritt für Schritt voranzukommen, egal wie weit ich gehen möchte. Diese Haltung versuche ich in meinen Alltag mitzunehmen. Jeder Augenblick zählt, und jede kleine Aufgabe ist ein Schritt.

Doch der Alltag verlangt mehr von mir. Er fordert Geduld, Selbstdisziplin und die Fähigkeit, mich immer wieder selbst zu motivieren, auch wenn die Aufgaben manchmal weniger inspirierend erscheinen als die Aussicht auf einen Gipfel oder die Schönheit der Natur. Auch zu Hause ist es allerdings wichtig, mit Freude jeder Tätigkeit nachzugehen.

Das Leben neu lernen - die Kunst des Lebens lernen

Nach meinem Hirnabszess vor neun Jahren habe ich nicht nur das Gehen wieder erlernen müssen – ich bin noch immer dabei, das Leben selbst neu zu lernen. Und genau das ist es, was den Alltag so herausfordernd macht: Er ist nicht selbstverständlich. Jede noch so kleine Aufgabe, sei es ein Gespräch, das Planen eines Tages oder das Bewältigen von scheinbar banalen Dingen, kann für mich ein Abenteuer sein.

Der Thalamus Abszess hat mir alle Filter im Gehirn genommen. Diese Hochsensibilität ist nur schwer zu händeln und zu verbessern, dass habe ich nach 9 Jahren einsehen müssen. Es ist nicht getan daran, mich einfach nur Schritt für Schritt daran wieder zu gewöhnen.

Und genau das macht es auch lohnend. Denn jeder gemeisterte Tag ist ein Erfolg. Jeder Moment, den ich bewusst erlebe, ist ein Schritt hin zu mehr Erfüllung. Mein Gehirn lässt vieles nicht zu, was ich gerne machen würde. Zu leicht verliere ich dann die Verbindung zu mir selbst, weil ich zu viel von dem möchte, was nicht funktioniert. Ich freue mich im Gegenzug über alles, was geht.

Waldbaden beruhigt das Gehirn
Waldbaden beruhigt das Gehirn

Die Balance finden

Pilgern und Alltag – sie könnten unterschiedlicher kaum sein, und doch gehören sie zusammen. Auf den Wegen tanke ich auf, finde Kraft und Inspiration. Zu Hause wird diese Kraft auf die Probe gestellt. Es ist ein ständiges Wechselspiel, ein Tanz zwischen der Ruhe der Wege und der Unruhe des Alltags.

Für mich liegt die Kunst darin, beide miteinander zu verbinden: Die Gelassenheit, die ich auf meinen Wanderungen finde, in den Alltag mitzunehmen. Und die Stärke, die ich im Alltag gewinne, auf den Wegen einzusetzen.

Balance im Alltag
Balance im Alltag

Ein Abenteuer ohne Ende

Vielleicht ist der Alltag tatsächlich mein größtes Abenteuer. Er ist unberechenbar, fordert mich jeden Tag aufs Neue heraus und gibt mir immer wieder die Möglichkeit über mich hinauszuwachsen. Anders als wie auf einem Weitwanderweg gibt es keine klare Karte, keinen fertigen Plan, dem ich folgen kann. Der Alltag verlangt, dass ich flexibel bin, dass ich im Moment lebe und mich den Gegebenheiten anpasse. Das habe ich auf den Weitwanderwegen Europas und beim Pilgern gelernt.

Und vielleicht liegt genau darin der Reiz: die Kunst, das Besondere im scheinbar Gewöhnlichen zu entdecken. Es sind keine spektakulären Gipfel oder weiten Ausblicke, die mir im Alltag begegnen – es sind die kleinen, unscheinbaren Momente, die oft viel tiefer wirken, ich muss es nur zulassen. Ein Lächeln, ein Gespräch, ein Augenblick der Ruhe zwischen den Aufgaben – all das sind kleine Perlen, die der Alltag bereithält, wenn ich bereit bin, sie zu sehen, was nicht immer gelingt.

Es erfordert ein anderes Maß an Achtsamkeit, diese Momente wahrzunehmen. Wo der Weitwanderweg mich mit seiner Schönheit fast überwältigt, muss ich im Alltag genauer hinschauen, feiner spüren.

Aber gerade das macht es zu einem so besonderen Abenteuer. Es ist eine Übung darin, jeden Tag aufs Neue Sinn zu finden, in dem, was ich tue. Die Schönheit in den einfachsten Dingen zu entdecken – in der Tasse Kaffee am Morgen, in der Struktur des Tages oder in der Zufriedenheit, eine Aufgabe bewältigt zu haben. Oft macht es aber auch Sinn, den ganzen Tag einfach dazuliegen. Das darf ich mir zugestehen.

Für die nächsten Monate steht Therapie an

Seit Wochen therapiere ich mich zu Hause, mit all den Dingen, die mir zur Verfügung stehen. Nach einer Zeit das Leben zu finden, steht wieder einmal die Therapie im Vordergrund. Magnetfeldtherapie, Dehnen und Kraftübungen, auf die Ernährung schauen, mit Unterstützung von Nahrungsergänzungen, Tanztherapie und manch so anderem, ist es oft nicht leicht für mein Gehirn, alles im Überblick zu behalten und in allem, was ich mache, Sinn zu finden.

Vielleicht ist es aber genau das, was den Alltag zu einem Abenteuer macht: Er ist wie eine verborgene Schatzkarte, die ich erst entziffern muss. Und wenn ich das tue, erkenne ich, dass die wahre Magie nicht immer in der Ferne liegt, sondern genau hier – in den kleinen Augenblicken meines täglichen Lebens.

Die Diskrepanz zwischen dem Weitwandern oder Pilgern und der notwendigen Therapie ist für mich manchmal wie der Unterschied zwischen Freiheit und Disziplin – zwei scheinbar gegensätzlicher Pole, die doch beide Teil meines Lebens sind.

Beim Weitwandern oder Pilgern erlebe ich eine Leichtigkeit, die mich tief erfüllt. Ich bin in Bewegung, draußen in der Natur, frei von den Zwängen des Alltags. Der Weg gibt mir Struktur, aber auch Raum für Selbstbestimmung. Jeder Schritt ist ein Stück Selbstentfaltung, eine Verbindung zu mir selbst und zur Welt um mich herum. Es ist eine Form des Seins, die von Klarheit und Einfachheit geprägt ist.

Die notwendige Therapie hingegen hat eine ganz andere Dynamik. Sie ist oft von Routine bestimmt und erfordert ein hohes Maß an Disziplin. Hier geht es nicht um Weite, sondern um Detailarbeit – darum, gezielt an mir zu arbeiten, an meinen Fähigkeiten, an meiner Stärke. Während ich auf dem Pilgerweg vor allem nach innen horchen kann, fordert die Therapie meine aktive Mitgestaltung: Ich muss bewusst üben, reflektieren und Schritt für Schritt an meinen Fortschritten arbeiten.

Weitwandern und Alltag

Gegensätze

Diese beiden Welten fühlen sich manchmal wie Gegensätze an. Das Pilgern ist befreiend, fast mühelos, obwohl es körperlich anstrengend sein kann. Die Therapie hingegen kann ermüdend sein, gerade weil sie so zielgerichtet und präzise ist. Auf dem Weg verliere ich mich in der Weite, in der Therapie fokussiere ich mich auf die kleinsten Fortschritte.

Doch genau in dieser Diskrepanz liegt auch eine Verbindung. Beide Welten haben mir gezeigt, dass Fortschritt nur durch Bewegung möglich ist – sei es die physische Bewegung auf einem Wanderweg oder die innere Bewegung, die durch Therapie entsteht.

Bewusstsein im Alltag

Auch wenn die Therapie oft herausfordernder ist als das Weitwandern, weiß ich, dass sie mir die Grundlage gibt, um überhaupt pilgern und wandern zu können. Sie ist das Fundament, das mich auf meinen Wegen trägt. Und umgekehrt gibt mir das Pilgern die Kraft, die Therapie anzunehmen und weiterzumachen, auch wenn die Fortschritte manchmal nur langsam sichtbar werden.

Am Ende ergänzen sich diese beiden Welten – so unterschiedlich sie auch scheinen. Beide fordern Geduld, Hingabe und die Bereitschaft, jeden Tag aufs Neue einen Schritt zu gehen. Und beide zeigen mir auf ihre Weise, was es bedeutet, das Leben als eine Reise zu begreifen – mit all seinen Höhen, Tiefen und der Freude, Schritt für Schritt weiterzukommen.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Weitwandern, Pilgern und ein Hirnabszess: Meine Reise zurück ins Leben – 9 Jahre danach

Vor neun Jahren änderte sich mein Leben schlagartig. Ein Hirnabszess, eine Krankheit, die ich mir nie hätte vorstellen können, zog mir den Boden unter den Füßen weg, von einem Tag auf den anderen. Doch was wie das Ende wirkte, war in Wirklichkeit der Beginn einer Reise – einer Reise, die mich durch tiefe Täler, über weite Wanderwege und zu mir selbst führte.

Heute, 9 Jahre später, möchte ich eine Zusammenfassung meiner Geschichte mit euch teilen. Nicht, um Mitleid zu erregen, sondern um zu zeigen, wie man selbst in der Dunkelheit Licht finden kann. Und wie das Weitwandern und Pilgern mich gerettet hat.

Pilgern nach dem Hirnabszess
In Santiago de Compostela

Von der Diagnose zum Umdenken: Der Hirnabszess und seine Folgen

Ein Hirnabszess – das klingt wie ein medizinischer Albtraum, und das war es auch. Die Schmerzen, die Unsicherheit, die Operation. Mein Körper und mein Geist wurden auf eine Art geprüft, die ich nie für möglich gehalten hätte. Nach Monaten im Krankenhaus und einer langen Reha fühlte ich mich verloren, ich wusste nicht, wer oder was ich bin.

Hirnabszess MRT

Überlebt zu haben war das Eine, aber den Sinn darin zu finden, überlebt zu haben, den musste ich erst finden. Die Erfahrung hat meine Augen geöffnet. Ich habe gelernt, dass ein Leben mit Behinderung nicht nur von Einschränkungen geprägt ist, sondern auch von großer Stärke und Lebensfreude.

Eines Tages begann ich, mich zu fragen: Was, wenn dieser Kampf nicht das Ende ist, sondern ein neuer Anfang?

Das Weitwandern: Schritt für Schritt zurück ins Leben

Ich begann klein, so klein wie es kaum jemand glauben kann: Nach drei Monaten im Krankenhaus konnte ich erstmals die etwa zehn Schritte zur Tür meines Krankenzimmers zurücklegen, wo ich ohnmächtig zusammengebrochen bin. Am Boden kriechend gelangte ich im Anschluss daran zurück zum Bett, an dem ich mich hochzog und mich hineinplumpsen ließ.

Viele Monate später, eigentlich über ein Jahr später, wurde es ein Spaziergang hier, eine kurze Wanderung dort. Bald wurde das Gehen zu mehr als nur die Bewegung zu lernen – es wurde meine Therapie – Gehen als Therapie. Mit jedem Schritt eroberte ich mir, Stück für Stück, meine Selbstständigkeit zurück, allerdings eine andere wie früher.

Dann kam der Moment, der alles veränderte: Ich las von Menschen, die auf Weitwanderungen ihre Leben transformiert hatten. Der Pacific Crest Trail, der Jakobsweg – das schien wie eine Welt, die mir nie mehr zugänglich war. Doch etwas in mir flüsterte: Warum nicht du?


Pilgern: Die spirituelle Dimension meiner Heilung

Zweieinhalb Jahre nach meiner Diagnose stand ich am Start des Jakobswegs. Ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde, aber ich wusste, dass ich es versuchen musste.

Die ersten Tage und Wochen waren hart. Mein Körper war nicht so stark wie früher, und die Narben, physisch und mental, schmerzten. Doch dann passierte etwas Magisches: Die Begegnungen mit anderen Pilgern, die Stille der Landschaft, das Gefühl, nur mit einem Rucksack und meinen Gedanken unterwegs zu sein – all das begann mich auf eine Weise zu heilen, die ich nicht erklären kann.

Mein erster Camino Frances, zweieinhalb Jahre nach dem Hirnabszess

Ich lernte, loszulassen. Alte Ängste, alte Vorstellungen davon, wer ich war oder sein sollte. Der Weg zeigte mir, dass es in Ordnung ist, unvollkommen zu sein – solange ich weitergehe. Seit 2016 bin ich rund 50.000 Kilometer zu Fuß gegangen, darunter zahlreiche Pilger- und Weitwanderwege. Die Automatik habe ich weiterhin verloren, aber damit das Leben von einer anderen Seite kennengelernt.

Die Rehabilitation nach meinem Hirnabszess war und ist ein langer Weg, den ich Schritt für Schritt, Wanderung für Wanderung, mehr oder weniger gemeistert habe. Ob auf dem Camino Frances, den ich achtmal besuchte, beim JOGLE in England, dem Walkabout durch Österreich oder dem Hexatrek in Frankreich – jede Tour war ein Meilenstein meiner Genesung. Jeder Weg bot mir die Möglichkeit, Körper und Geist auf eine neue Art herauszufordern und zu stärken.

John oGroats - Lands End, Jogle
2.000 km zu Fuß, 7 Jahre nach dem Hirnabszess
Am JOGLE in England

9 Jahre später: Was bleibt?

Heute, 9 Jahre nach dem Hirnabszess, bin ich nicht mehr dieselbe Person wie damals – und eigentlich doch noch. Ich bin allerdings stärker, freier und dankbarer. Das Weitwandern und Pilgern haben mir gezeigt, dass das Leben kein Sprint ist, sondern ein langer und schöner Weg sein kann. Überlebt zu haben, ergibt Sinn!

Natürlich gibt es Rückschläge. Narben, die schmerzen. Momente der Zweifel. Aber dann erinnere ich mich an die Lektion, die mir der Jakobsweg lehrte: Der Weg ist das Ziel. Und auf diesem Weg lerne ich zu mir selbst zu kommen.

Physiotherapie nach dem Hirnabszess

Meine Botschaft an dich

Wenn du selbst vor einer Herausforderung stehst, die unüberwindbar erscheint, möchte ich dir sagen: Es gibt einen Weg. Vielleicht beginnt er mit einem kleinen Schritt vor die Tür, vielleicht mit einer großen Entscheidung. Aber er beginnt – wenn du bereit bist.

Die Entscheidung, nach dem Hirnabszess niemals aufzugeben!
Entscheidung für "Never give up"

Hast du ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder träumst du davon, eines Tages deinen eigenen Weg zu gehen, sei es auf einem Pilgerpfad oder im Alltag? Das Geheimnis ist es ANZUFANGEN, egal wo du stehst!

Früher habe ich oft gedacht: 'Ich kann nicht, weil…'. Heute weiß ich, dass das nur eine Ausrede war. Der Hirnabszess hat mir gezeigt, dass ich stärker bin, als ich dachte. Und dir? Dir kann auch nichts im Weg stehen, glaub an DICH!

ANFANGEN und NEVER GIVE UP!!!

Lass uns gemeinsam die Welt ein Stückchen heller machen!



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


HexaTrek: Die Südalpen erwarten mich, Aufbruch zur 3. Etappe

Nachdem ich die majestätischen Nordalpen hinter mir gelassen habe, stehe ich nun am Beginn der dritten Etappe des HexaTrek – einer Route, die mich tief in die Südalpen führen wird. ⛰️

Die Berge vor mir wirken wild, rau und zugleich wunderschön. Eine Landschaft, die Respekt verlangt und gleichzeitig eine große Anziehungskraft ausübt.

Der Morgen ist frostig, doch die Vorfreude überwiegt. Ich bin gespannt, was mich in den kommenden Tagen erwartet.

Der Beginn am Col de Lauteret

Mein Tag beginnt auf etwa 2000 Metern Seehöhe, und die Kälte ist deutlich zu spüren. Die Nacht hat Nebel gebracht, der sich auf den Wiesen niedergeschlagen hat. Der Boden ist feucht, und schon nach wenigen Schritten im nassen Gras sind meine Schuhe durchnässt.

Der Start in diesen Tag wirkt zunächst etwas düster und bedrückend. Die Sonne hat es noch nicht über die hohen Berghänge geschafft, und so liege ich lange im Schatten der Berge.

Doch ich weiß: Irgendwann wird auch heute die Sonne über die Gipfel steigen und den Weg vor mir erhellen. Bis dahin gehe ich einfach weiter, Schritt für Schritt.

Colm de Lauteret, HexaTrek
Col de Lauteret, Beginn der 3. Etappe

Mein Weg führt zunächst entlang der Schattenseite eines Berges. Die Kälte begleitet jeden Schritt. Sie bremst mich und erinnert mich daran, wie zerbrechlich ich noch immer bin – trotz all der Kilometer, die ich bereits auf dem HexaTrek zurückgelegt habe.

Heute habe ich vor allem mit mir selbst zu tun. Zum ersten Mal seit Beginn dieser Reise hat die Kühle des Morgens einen spürbaren Einfluss auf die Funktion meiner Nerven. Meine Bewegungen fühlen sich steif an, manchmal auch unkoordiniert.

So gehe ich los, Schritt für Schritt, mit der Hoffnung, dass es mit der Zeit besser wird. Viel mehr kann ich im Moment nicht tun, als abzuwarten.

Die Berge auf der gegenüberliegenden Seite liegen bereits im Sonnenlicht. Dorthin richtet sich mein Blick immer wieder. Ich nehme mir vor, erst dann zu frühstücken, wenn ich selbst in der Sonne angekommen bin.

Hier im Schatten ist es einfach noch zu kalt.

Schmale Pfade und tiefe Abgründe: Die Herausforderung beginnt

Dann passiert es. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen mich und tauchen die Landschaft in ein sanftes, goldenes Licht. Mit einem Schlag wird es weniger kalt. Als hätte jemand einen Schalter umgelegt.

Ich nutze diesen Moment und lege eine Pause ein. Der Kocher ist schnell bereit, das Wasser kocht, und kurz darauf halte ich meinen Kaffee in der Hand. Dazu gibt es das Übliche: Brot mit Käse.

Um mich herum nur Windrauschen und in der Ferne das Rufen der Krähen. Ich sitze allein mitten in den Bergen und genieße diese Stille, die so viel mehr sagt als jedes Geräusch.

Nach dieser Stärkung gehe ich wieder los. Der Pfad zieht sich an einem steilen Hang entlang, und der Abgrund zu meiner rechten Seite verlangt meine volle Aufmerksamkeit. Hier darf der Kopf nicht weg. Jeder Schritt muss überlegt sein, jeder Tritt sitzen.

In solchen Momenten spüre ich, wie ich eins werde mit der Natur. Alles wird bewusster: jeder Atemzug, jede Bewegung, jeder Schritt. Der Weg ist anspruchsvoll – aber genau das suche ich. Genau das macht diesen HexaTrek für mich so wertvoll.

Step by Step verbessere ich meine Wahrnehmung. Und auch, wie schnell ich Situationen erfassen kann. Schritt für Schritt – zurück ins Leben.

Seit vielen Jahren konnte ich mich durch das Gehen auf Jakobswegen und Fernwanderungen gesundheitlich Schritt für Schritt steigern. Jeder Weg hat etwas dazu beigetragen. Meine Wahrnehmung wurde besser, sicherer – und das hilft mir auch im Alltag, etwa wenn ich mich in der Stadt bewege.

Gleichzeitig habe ich dabei das Fernwandern für mich entdeckt. Mit jedem Jahr bekam die Natur einen größeren Stellenwert in meinem Leben. Sie ist nicht nur ein Ort zum Gehen, sondern auch ein Ort der Ruhe und der Kraft, sowie zum Heil werden.

Der Begriff Rehabilitation passt für meine Situation heute eigentlich nicht mehr ganz. Man spricht von Langzeitversorgung oder einer chronischen Versorgung.

Trotzdem sind regelmäßige Therapien weiterhin notwendig. Sie helfen mir, meinen Gesundheitszustand zu erhalten – und im besten Fall noch weiter zu verbessern.

Steile Abgründe und eine Kuhherde

Der schmale Pfad windet sich am Berghang entlang. An besonders absturzgefährdeten Stellen geben mir eiskalte Ketten Halt. Jeder Schritt ist bedacht, jede Bewegung muss präzise ausgeführt werden. Fehler sind hier keine erlaubt.

Dabei kommen mir Erinnerungen an meine ersten Schritte nach der Krankheit. Auch damals durfte ich nicht stürzen. Meine Reaktionen waren so langsam, dass ich umfiel wie ein Holzklotz, ohne mich abfangen zu können.

Heute ist vieles anders. Ich stelle mich bewusst diesen Herausforderungen in den Bergen. Und auch wenn die Anstrengung nicht weniger geworden ist, genieße ich es, mich hier Schritt für Schritt vorwärts zu bewegen.

Bald führt der Weg in ein Tal, leicht ansteigend. Einige hundert Höhenmeter liegen vor mir. Auf der anderen Seite eines Wildbachs sehe ich bei einer Almhütte mehrere Zelte stehen. Es ist etwa halb neun. Dort drüben liegt alles noch im Schatten, während ich bereits in der Sonne unterwegs bin. Ich kann gut nachfühlen, wie kalt und feucht es dort unten noch sein muss. Wahrscheinlich warten auch sie nur darauf, dass die Sonne endlich über den Hang steigt.

Im noch relativ flachen Teil des Tals gerate ich plötzlich mitten in eine Rinderherde. Die Tiere kommen von hinten und bewegen sich etwas schneller als ich. Zwischen ihnen laufen auch junge Kälber.

Das ist keine angenehme Situation. Immer wieder wird davor gewarnt, sich Kühen mit Kälbern zu nähern. Durch die Rückkehr der Wölfe haben sie einen besonders starken Beschützerinstinkt entwickelt – auch gegenüber Menschen.

Ich bleibe daher sehr vorsichtig und versuche, so schnell wie möglich in das steilere Gelände auszuweichen. Hinter mir höre ich das laute, aggressive Brüllen einiger Kühe. Ein Geräusch, das einem sofort Respekt einflößt.

Plötzlich stehe ich einer stattlichen Rinderherde gegenüber. Große, ruhige Augen richten sich auf mich, während sich die Tiere langsam in meine Richtung bewegen. Die Kälber trotten dicht bei ihren Müttern.

Ein leichter Schauer läuft mir über den Rücken. Der Instinkt dieser Tiere ist nicht zu unterschätzen – besonders dann nicht, wenn sie ihren Nachwuchs beschützen.

Ich versuche, einen Bogen um die Herde zu machen. Doch das tiefe, eindringliche Brüllen einiger Kühe lässt mich kurz innehalten. In solchen Momenten spürt man sehr deutlich, wie wenig Kontrolle man hier draußen wirklich hat.

Die Natur zeigt ihre ungezähmte Kraft. Und obwohl es „nur“ Kühe sind, fühle ich mich in diesem Augenblick klein und verletzlich.

Auch solche Begegnungen gehören zu diesem Weg. Sie erinnern mich daran, dass ich hier nur Gast in ihrer Welt bin.

Blaue Seen und wolkenloser Himmel

Nach dem Pass windet sich ein steiniger Pfad wie ein schmaler Grat durch die Landschaft. Jeder Schritt wird zu einem kleinen Balanceakt, denn die losen Steine geben unter meinen Füßen nach. Alles, was sich an Geröll von den Hängen löst, sammelt sich auf diesem Weg. Entsprechend mühsam ist das Gehen darauf.

Und doch wirkt diese Landschaft fast unwirklich schön.

Ich fühle mich, als würde ich durch ein Gemälde wandern. Kräftige Farben, weiche Formen, darüber die rauen Linien der Felsen. Um mich herum ein Meer aus Blau und Grün, eingerahmt von schroffen Felswänden und sanften Almwiesen.

Schon bald erreiche ich den ersten See. Sein Wasser schimmert in einem tiefen, satten Blau. Der Weg führt weiter bergab, mal steiler, mal sanfter, von einem See zum nächsten.

Jeder von ihnen leuchtet in einem anderen Blauton, als hätte die Natur hier ihre ganze Farbpalette ausgebreitet.

Zu Mittag erreiche ich die nächste Ortschaft. Die letzten Kilometer bin ich im Eilschritt gegangen, in der Hoffnung, noch rechtzeitig anzukommen. Doch ich komme ein paar Minuten zu spät. Genau in dem Moment, als ich den rustikalen Gasthof erreiche, wird geschlossen.

Ich versuche den Wirt noch zu bitten, eine Ausnahme zu machen.
„Tut mir leid, mein Freund“, sagt er nur – und verschwindet im Haus.

Der Gastgarten wird mit Ketten verschlossen, obwohl noch einige Gäste dort sitzen. Niemand wird mehr eingelassen.

Also wieder einmal keine französische Küche. Seit Beginn meiner Reise habe ich damit so meine Schwierigkeiten. Nur ein paar Mal ist es mir bisher gelungen, tatsächlich in einem Restaurant zu essen. Die Öffnungszeiten passen einfach selten zu dem Rhythmus eines Fernwanderers.

Meine Wanderung danach auszurichten, widerstrebt mir. Gleichzeitig ist es auch mühsam, ständig nach Alternativen suchen zu müssen, wenn geplante Einkehrmöglichkeiten plötzlich wegfallen.

Also werde ich wieder zum Bergziegen-Gourmet. Käse und Wurst gehören schließlich zur Grundnahrung vieler Wanderer. Dazu koche ich mir einen Kaffee – und schon ist die Welt wieder in Ordnung.

Und wer weiß – vielleicht entwickle ich ja doch noch eine Vorliebe für die französische Küche.
Wenn ich sie irgendwann einmal tatsächlich zu Gesicht bekomme.

Essen am Hexat
Brot und Käse, statt französische Küche

So setze ich mich auf eine Bank hinter der geschlossenen Kirche und diniere wieder einmal das Übliche. Brot, Käse und ein wenig Wurst – mein treuer Begleiter auf vielen Kilometern.

Als Nachspeise gönne ich mir ein Stück Nuss-Schokolade. Ein kleiner Luxusmoment mitten am Weg.

Dabei hatte ich mich so sehr auf eine Abwechslung gefreut. Genau deshalb bin ich die letzten Kilometer besonders schnell gegangen. Doch manchmal läuft es am Weg eben anders, als man es sich vorgestellt hat.

Also sitze ich hier, esse mein einfaches Mahl und nehme es, wie es kommt. Auch das gehört zu dieser Reise.

Verirrt, mit Umweg am Hexatrek

Zunächst geht es ein breites Tal hinaus, auf einem schönen Wanderweg. Aber ehe ich mich versehe, bin ich wieder steil hinauf, auf einem schmalen Steig. Ich folge der Markierung und gehe immer weiter.

Zunächst schlängelt sich der Weg gemächlich durch ein breites Tal. Doch je weiter ich komme, desto mehr verschwindet der Pfad in dichtem Gebüsch. Unachtsam bin ich dem Hauptweg gefolgt, dabei hätte ich einer kaum sichtbaren Abzweigung folgen sollen. Immer und jederzeit die Karte am Handy zu kontrollieren, ist mir aber zu viel. Das Navigieren wird mir am Hexatrek wieder zum Verhängnis.

Diesmal habe ich mich zu sehr treiben lassen und finde mich nun an einem Punkt, an dem ein Umkehren kaum mehr in Frage kommt. Ich studiere die Karte und komme zum Schluss, weiterzugehen. Es ist um wenige Kilometer weiter, dafür sind aber einige hundert Höhenmeter mehr zu überwinden. Und diese haben es in sich.

Ein schmaler Pfad windet sich immer steiler werdend einen Hang hinauf. Auf 2500 Metern Höhe erreiche ich endlich den Pass und es eröffnet sich mir ein atemberaubender Blick über die darunter liegende Landschaft. Auf der anderen Seite geht es gleich steil hinunter, nur nicht so weit. Bald darauf stoße ich wieder auf den Original-Trail, wo weitere 1400 Meter Abstieg ins Bergdorf Vallouise auf mich warten.

Zunächst führt der Weg noch gemächlich durch ein breites Tal. Ein schöner Wanderweg, angenehm zu gehen. Doch ehe ich mich versehe, wird der Pfad wieder schmaler und zieht steil den Hang hinauf. Ich folge den Markierungen und gehe weiter.

Mit der Zeit verschwindet der Weg jedoch immer mehr im dichten Gebüsch. Unachtsam bin ich dem Hauptweg gefolgt, dabei hätte ich eine kaum sichtbare Abzweigung nehmen müssen. Doch ständig auf das Handy zu schauen und die Karte zu kontrollieren, ist mir einfach zu viel.

Das Navigieren wird mir am HexaTrek wieder einmal zum Verhängnis.

Diesmal habe ich mich zu sehr treiben lassen. Nun stehe ich an einem Punkt, an dem ein Umkehren kaum mehr sinnvoll erscheint. Ich studiere die Karte und entscheide mich schließlich, einfach weiterzugehen. Der Weg ist zwar ein paar Kilometer länger und verlangt zusätzlich einige hundert Höhenmeter, aber es scheint die bessere Lösung zu sein.

Der Pfad wird nun immer steiler und zieht sich in engen Kehren den Hang hinauf. Schritt für Schritt arbeite ich mich nach oben, bis ich schließlich auf etwa 2500 Metern den Pass erreiche.

Oben eröffnet sich ein atemberaubender Blick über die Landschaft tief unter mir.

Auf der anderen Seite geht es sofort wieder steil hinunter, allerdings nicht so weit. Bald darauf stoße ich wieder auf den Original-Trail. Von hier warten noch einmal rund 1400 Meter Abstieg auf mich, hinunter ins Bergdorf Vallouise.

Ruhetag und Unwetterschäden

Der Abstieg zieht sich endlos hin. Schritt für Schritt verliere ich an Höhe, bis ich Vallouise schließlich am späten Nachmittag erreiche.

Der große Campingplatz am Ortsrand wirkt beeindruckend. Doch meine Freude hält nicht lange an. Der Bereich für kleine Zelte ist bei einem jüngsten Hochwasser vollständig zerstört worden. Enttäuscht stehe ich da. Die Betreiber verweisen mich auf einen anderen Platz – fünf Kilometer weiter, ein kleines Tal hinauf.

Nach einer kurzen Pause mache ich mich wieder auf den Weg. Eine weitere Stunde gehe ich auf einem vom Hochwasser beschädigten Weg. Als ich schließlich ankomme, stelle ich fest, dass es sich nur um einen sehr spartanischen Platz handelt. Keine Infrastruktur, keine Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe.

Mein Gehirn kann diese Situation kaum einordnen. Irgendetwas fühlt sich völlig falsch an. Mir fehlt es an allem, was ich für die kommenden Tage brauche.

Langsam wird mir klar: Mit meiner Ausrüstung kann ich diesen Abschnitt so nicht weitergehen. Der Gedanke, noch mehrere Tage unter diesen Umständen unterwegs zu sein, fühlt sich unerträglich an.

Mit hängenden Schultern packe ich meine Sachen zusammen. Die Entscheidung zum Umkehren fällt mir schwer – doch diesmal siegt die Vernunft.

Die fünf Kilometer zurück ins Dorf ziehen sich. Doch am nächsten Morgen, gegen acht Uhr, bin ich wieder dort. Im Wasch-Saloon des Campingplatzes wasche ich meine gesamte Kleidung, dusche mich und atme danach erst einmal tief durch.

In Regenhose und Regenjacke sitze ich schließlich da – alles andere ist in der Wäsche. Vor mir steht ein selbst gekochter Kaffee und ein frisches Croissant. Plötzlich sieht die Welt wieder ganz anders aus.

Heute lege ich einen Ruhetag ein. Dabei treffe ich auch wieder die beiden Neuseeländer Sam und Matt. Sie laden mich ein, mein Zelt neben ihrem aufzuschlagen. Da heute Sonntag ist, sind durch die Abreise vieler Gäste wieder Plätze frei geworden.

Hätte ich das nur gestern schon gewusst.

Am Abend sitzen wir zusammen und essen gemeinsam. Dabei schmieden wir Pläne für die nächsten Tage. Matt hat noch etwas zu erledigen und wird erst in einigen Tagen nachkommen.

Am nächsten Morgen brechen Sam und ich gemeinsam auf, um unser Abenteuer fortzusetzen.

Wir bleiben auf der Seite des reißenden Flusses. Nach wenigen Kilometern stehen wir jedoch vor einem unerwarteten Problem: Die Brücke, die uns auf die andere Seite führen sollte, ist verschwunden. Das Hochwasser hat sie einfach mitgerissen.

Jeder Versuch, hinüberzukommen, scheitert zunächst. Ein großer Umweg würde uns viel Zeit kosten. Also beschließen wir schließlich, den Fluss ein Stück weiter abwärts zu queren.

Wir suchen lange nach einer Stelle, an der das Wasser nicht zu tief ist – bis wir schließlich eine finden, an der die Überquerung möglich erscheint.

Flussquerung und Regenfront

Gemeinsam mit Sam überquere ich die Gegend rund um L’Argentière-la-Bessée. Die Landschaft wirkt fast unwirklich – karg, grau und zerklüftet, fast wie eine Mondlandschaft.

Am Abend erreiche ich eine Berghütte, in der ich zum Glück noch ein freies Bett bekomme. Am nächsten Tag setzen sich die langen Auf- und Abstiege fort. Immer wieder mehrere hundert Höhenmeter hinauf, dann wieder hinunter.

Um diese Belastung bewältigen zu können, muss ich gedanklich ganz bei mir bleiben. Meine Konzentration richtet sich immer nur auf das Hier und Jetzt – auf den nächsten Schritt, auf den nächsten Tritt. Nur so kann ich den Anstieg bergauf bewältigen.

Doch das Leben in den Bergen hat auch seine Tücken. Nachdem ich den ganzen Tag über Felsbrocken und steile Hänge geklettert bin, erreiche ich das Refuge de Souffle. Dort bekomme ich jedoch keinen Platz mehr – alles ist ausgebucht.

Keine guten Aussichten, denn für die Nacht ist Gewitter angekündigt. Zusammen mit ein paar anderen Wanderern schlage ich deshalb mein Zelt in der Nähe auf.

Und tatsächlich: Von 21 Uhr bis zwei Uhr morgens tobt ein heftiges Unwetter. Donner, Blitz und strömender Regen gehen über uns nieder. Von allen Seiten kriecht das Wasser ins Zelt, und bald ist meine gesamte Ausrüstung nass oder zumindest feucht.

Ein kleines Glück habe ich dennoch: Meine Isomatte ist sechs Zentimeter dick. Dadurch liege ich gerade noch knapp über dem nassen Boden.

Am Morgen hat die Nacht deutliche Spuren hinterlassen. Müde und durchnässt krieche ich aus dem Zelt. In diesem Moment bin ich einfach nur froh, die Nacht überstanden zu haben.

Ich kämpfe mich durch das Chaos meiner nassen Ausrüstung. Jede Bewegung kostet Überwindung, doch ich möchte keine Zeit verlieren. Trotzdem verpasse ich den Treffpunkt mit Sam, der in der Hütte übernachtet hat.

Erst nach gefühlten Stunden bin ich schließlich gegen acht Uhr startklar und breche auf.

Bis zum nächsten Dorf sind es zwar nur etwa zehn Kilometer, doch dazwischen liegen 800 Höhenmeter im Aufstieg und 1300 Meter im Abstieg. Der Weg ist vom nächtlichen Gewitter stark ausgewaschen. Besonders die Wasserquerungen verlangen mir viel ab.

Der Aufstieg ist rutschig, und an einigen Stellen helfen sogar Stahlstangen, die im Fels angebracht sind. Ohne diese Sicherungen wäre das Weiterkommen deutlich schwieriger.

So arbeite ich mich wieder Schritt für Schritt vorwärts – müde, aber entschlossen.

Diese ständige, übermäßige Konzentration kostet mich enorm viel Energie. Mit jedem Schritt besteht die Gefahr, auszurutschen – und ein solcher Fehler könnte hier fatale Folgen haben.

Eine Herausforderung in dieser Intensität habe ich seit meinem Hirnabszess noch nie erlebt. In diesem Ausmaß hatte ich es auch nicht erwartet.

In den letzten Jahren habe ich gelernt, meine Grenzen zu respektieren. Doch genau hier stoße ich immer wieder an diese Grenzen. Der Weg fordert mich körperlich wie geistig bis zum Äußersten.

Und doch liegt gerade darin auch etwas Wertvolles. Diese Herausforderung zwingt mich, über mich hinauszuwachsen. Sie trägt dazu bei, dass ich mich als Mensch weiterentwickle – Schritt für Schritt.

Als ich schließlich den Pass erreiche, liegt der schwierigste Teil noch vor mir: ein langer Abstieg.

Über steile, steinige und teilweise nasse Pfade arbeite ich mich nach unten. Stein für Stein, Schritt für Schritt geht es 1.300 Höhenmeter talwärts.

Rauf und runter, am HexaTrek Stage 3

Der Hexatrek ist ein ständiges Auf und Ab, bei dem Höhenunterschiede von über 1000 Metern keine Seltenheit sind. In Le Bourg d'Oisans finde ich mich bereits auf der Suche nach meinem dritten Paar Schuhe wieder – ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie stark das Material auf dieser anspruchsvollen Strecke beansprucht wird.

Es sind nicht nur die anspruchsvollen Wege, die ihren Tribut fordern – auch mein spezieller Gehstil trägt erheblich dazu bei. Jeder Schritt ist darauf ausgerichtet, Stabilität zu bewahren und ein Umkippen oder Stürzen unbedingt zu vermeiden. Diese konzentrierte und oft ungewöhnliche Belastung beansprucht meine Schuhe weit mehr als üblich.

Erst im zweiten Geschäft finde ich etwas Passendes: keinen Trailrunning-Schuh diesmal, sondern einen Wanderschuh von Hoka. Unter den getesteten Modellen scheint er die beste Alternative zu den Altra- oder Hoka-Speedgoat-Schuhen zu sein, die leider in meiner Größe nirgendwo verfügbar sind.

Der HexaTrek ist ein ständiges Auf und Ab. Höhenunterschiede von über 1000 Metern gehören hier fast zum Alltag. Diese Belastung fordert nicht nur den Körper – auch das Material leidet darunter.

In Le Bourg d’Oisans bin ich deshalb bereits auf der Suche nach meinem dritten Paar Schuhe. Ein deutliches Zeichen dafür, wie sehr diese Strecke Mensch und Ausrüstung beansprucht.

Doch es sind nicht nur die schwierigen Wege. Auch mein spezieller Gehstil trägt dazu bei. Jeder Schritt ist darauf ausgerichtet, möglichst stabil zu bleiben und ein Umkippen oder Stürzen zu vermeiden. Diese konzentrierte, oft ungewohnte Belastung fordert meine Schuhe stärker als bei vielen anderen Wanderern.

Erst im zweiten Geschäft werde ich schließlich fündig. Diesmal kein Trailrunning-Schuh, sondern ein Wanderschuh von Hoka. Unter den Modellen, die ich anprobiere, wirkt er wie die beste Alternative zu meinen bisherigen Altra- oder Hoka-Speedgoat-Schuhen, die leider in meiner Größe nirgendwo verfügbar sind.

Mit den neuen Schuhen hoffe ich nun, den nächsten Abschnitt des Weges wieder sicherer und stabiler gehen zu können.

Die neuen Schuhe tragen sich zwar recht gut, doch sie sind keine Laufschuhe. Sie sind deutlich schwerer, bieten dafür durch den höheren Lederanteil mehr Stabilität – ein klarer Vorteil für den weiteren Weg.

Was ich jedoch unterschätzt habe, ist die Umgewöhnung, die damit verbunden ist. Schnelle Schritte oder gar Laufen sind mit diesen Schuhen praktisch nicht möglich. Da merke ich erst, wie sensibel mein Körper auf veränderte Bedingungen reagiert.

Gerade bergab versuche ich oft zu laufen. Das langsame Gehen kostet mich wegen meiner Muskelschwäche zu viel Kraft. Über die Jahre habe ich eine eigene Technik entwickelt, die es mir erlaubt, trotz dieser Einschränkung ein wenig bergab zu laufen.

Mit den neuen Schuhen funktioniert das jedoch nicht. Sie sind für diese Art der Bewegung einfach nicht gemacht. Um die verschiedenen Muskelgruppen anzupassen und neu zu trainieren, bräuchte es gezieltes Üben – etwas, das während des HexaTreks kaum möglich ist.

So werden besonders die Abstiege zu einer zusätzlichen, eigentlich unnötigen Erschwernis. Ich versuche zwar, das Beste daraus zu machen, doch innerlich gerate ich immer öfter in einen Zustand, der sich nur schwer kontrollieren lässt.

Dass mich nach so vielen Kilometern der letzten Jahre ausgerechnet so etwas noch einmal aus dem Gleichgewicht bringen kann, hätte ich nie gedacht.

Sonnenuntergänge auf Gipfeln

Zunächst merke ich die körperlichen Veränderungen durch die neuen Schuhe noch kaum. Noch fühlt sich alles vertraut an. Doch schon bald wird sich zeigen, dass diese Umstellung mehr Auswirkungen hat, als ich zunächst gedacht habe.

Die meisten Nächte verbringe ich mittlerweile hoch in den Bergen. Selten übernachte ich unter 1800 Metern Seehöhe.

Dafür werde ich immer wieder mit besonderen Momenten belohnt: mit einem Sonnenuntergang über den Gipfeln oder einem Sonnenaufgang, der langsam die Bergwelt in warmes Licht taucht.

Augenblicke, die jede Anstrengung für einen Moment vergessen lassen.

Hexatrek und Handicap

Der HexaTrek ist für mich weit mehr als nur eine Wanderung. Er ist eine Reise zurück ins Leben – und zugleich der Beweis dafür, dass auch nach schweren Rückschlägen neue Wege entstehen können.

Dieser Weg fordert mich körperlich und mental. Immer wieder verlasse ich meine Komfortzone, denn nur dort kann Entwicklung stattfinden.

Auch nach acht Jahren bleibt das Gehen für mich die wichtigste Übung. Jeder Schritt ist Training. Jede Bewegung schult meine Wahrnehmung und hilft mir, meine Grenzen ein Stück weiter hinauszuschieben.

Und doch sind diese Grenzen noch immer da.

Gerade deshalb bin ich dankbar für jeden Kilometer, den ich gehen kann – Schritt für Schritt, weiter auf meinem Weg.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Stage 2, die Nordalpen am HexaTrek

Nach dem Jura bin ich mit dem Boot über den Genfer See gefahren, nach Thonon Les Bains (Beginn des HexaTrek Stage 2, die Nordalpen). Es geht durch das Herzstück der Alpen, die für mich allerdings die größte Herausforderung darstellen. Es war ein jahrelanges herantasten und Training, um diese durchgängig langen Anstiege bewältigen zu können. Die Muskelschwäche und neurologischen Probleme sind ja nach wie vor da.

Vor den hier beginnenden Nordalpen habe ich gehörig Respekt, denn es beginnen für mich die größten Schwierigkeiten in Bezug auf Ausgesetztheit und die große Höhenlage. Im geheimen überlege ich mir, manche dieser Abschnitte zu umgehen, wobei es allerdings auch die Schönsten sind. Alleine traue ich mich aber noch nicht darüber.

Die Nord-Alpen, Hexatrek Stage 2
Mt.Blanc, die Nordalpen, Hexatrek Stage 2
Hexatrek stage 2

Neue Schuhe in Thonon

In Thonon finde ich auch Shops für neue Schuhe. Der Hexatrek forderte das Material bisher sehr stark, besonders die Schuhe, die bereits nach 700 km total hinüber sind. Am Camino war ich gewohnt, die Schuhe erst nach 1200 bis 1400 Kilometer zu wechseln, hier sind sie schon nach 550 km fast hinüber und nach 700 km total am Limit.

Neue Schuhe sind jetzt vonnöten. Erst im dritten Shop von Thonon werde ich fündig. Mein bisheriger, ein Hoka Speedgoat 5 in der Wide Version, war mein bisher bester Schuh. Allerdings werde ich die Wide Version hier kaum bekommen. Ich probiere alle möglichen Modelle durch, aber keiner ist auf den ersten Versuch bequem genug.

Mein alter Schuh schaut zwar optisch noch gut aus, aber die Sohle und die Dämpfung ist bereits sehr in Mitleidenschaft gezogen. Bereits nach 400 km begann sich die Sohle zu lösen und ich musste sie immer wieder mit Superkleber ankleben. Nach 700 km war nur mehr ein dünner Belag, zuwenig für die Alpen.

In einem Ausrüster Shop entscheide ich mich für den Altra Olympus 5, den ich bereits in England verwendete und mir daher vertraut ist. Seine breite Zehenbox ist bequem und er hat eine zwar gute, aber geringere Dämpfung, als der Speedgoat. Die beste Alternative zu allen anderen angebotenen ist er allerdings.

Es geht los, auf in die Alpen

In den Alpen geht es ständig rauf und runter. Eigentlich nicht viel anders als zuvor in den Vogesen – nur sind hier die Anstiege und Abstiege deutlich länger.

Mit 1000 Höhenmetern komme ich oft gerade einmal zehn Kilometer weit. Der Weg verlangt hier eine ganz andere Kraft. Jeder Schritt bergauf kostet Energie, jeder Abstieg wieder volle Konzentration.

Also heißt es für mich, einen neuen Rhythmus zu finden. Einen Rhythmus, der es mir erlaubt, am Tag mehr Höhenmeter zu bewältigen, ohne dabei meine Kräfte zu früh zu verlieren. Am Campingplatz de l'Essert werde ich deshalb einen Ruhetag einlegen. Der Körper braucht diese Pausen.

Nach meinem Ruhetag breche ich früh auf. Die Beine sind wieder frisch, der Weg ruft. Im Laufe des Tages hole ich Willy ein, der bereits am Vortag gestartet ist. Mit dabei ist auch seine Katze Jamy. Ein ungewöhnlicher Anblick auf diesem Weg.

Wir gehen ein Stück gemeinsam. Während wir Schritt für Schritt vorankommen, sitzt Jamy gemütlich auf Willys Rucksack. Von dort aus beobachtet sie aufmerksam ihre Umgebung. Still, konzentriert, fast so, als würde sie den Weg genauso studieren wie wir.

Es ist ein besonderer Moment. Mitten in dieser großen Berglandschaft unterwegs zu sein – und dabei eine Katze zu sehen, die ruhig auf einem Rucksack sitzt und die Welt betrachtet. Auch das sind diese kleinen Begegnungen am Weg, die eine Reise so besonders machen.

Als uns Regen überrascht, finden wir Unterschlupf unter dem Vordach einer geschlossenen Hütte und warten das Ende des Schauers ab. Wir werden von Kühen bedrängt, die ebenso unter dem Vordach Schutz suchen wollen.

Auf dem nächsten Abschnitt werde ich von Sam und Matt, zwei Thruhikern aus Neuseeland, eingeholt. Sie gehen in einem flotten Tempo, und ich beschließe, mich einfach hinter sie zu hängen.

Es ist angenehm, ihnen zu folgen. Ich kann meine Energie ganz auf das Gehen konzentrieren, statt ständig auf die Navigation achten zu müssen. Schritt für Schritt geht es weiter durch die Berge.

Am Nachmittag zieht Regen auf, und auch ein Gewitter ist angekündigt. Die Wolken werden dunkler, die Luft schwerer. Gerade noch rechtzeitig erreichen wir das Refuge de Chésery und finden dort Schutz vor dem Unwetter.

Da der Regen nicht nachlässt und das Gewitter länger anhält, beschließen wir schließlich, hier zu bleiben und zu übernachten.

Refuge de Chesery, Hexatrek

Die Herausforderung Cheval Blance

Am folgenden Tag stellt sich mir die Frage: Soll ich mit Sam und Matt den schwierigen Weg versuchen oder eine Abkürzung nehmen, um die steilsten und gefährlichsten Passagen zu vermeiden? Ich entscheide mich bewusst dafür, auf dem Hexatrek zu bleiben und nehme die Herausforderung der Cheval Blance an – einem anspruchsvollen Abschnitt, der nicht nur physische, sondern auch mentale Stärke erfordert.

Die Cheval Blance ist bekannt für ihre ausgesetzten Stellen, steilen Anstiege und technisch anspruchsvollen Passagen. Um es klarzustellen, wir reden hier vom Weitwandern und nicht vom Klettern, allerdings reicht das schon für mich, wenn die Hände des öfteren zu gebrauchen sind. Schon beim ersten Blick auf den felsigen Grat wird mir klar, dass dies keine einfache Etappe wird. Der Trail ist oft schmal, und ein falscher Schritt könnte fatale Folgen haben.

Die größte Frage ist für mich, wie werde ich all das Wahrnehmen? Diese Gedanken begleiten mich während des gesamten Aufstiegs. Sam und Matt, die sicher und zielstrebig vorgehen, geben mir das Selbstvertrauen, mich auf diesem schwierigen Weg zu bewegen.

Die steilen Passagen sind besonders fordernd. Die Hände kommen oft zum Einsatz, um den Fels zu greifen und mich sicher weiterzubewegen. An manchen Stellen führt der Pfad so nah an den Rand, dass der Abgrund tief unter mir zu sehen ist. Hier hilft es mich voll und ganz auf die Bewegungen und Schritte der Neuseeländer zu konzentrieren, die mir als erfahrene Thruhiker Sicherheit geben.

Diese Etappe verlangt mir mental alles ab. Vor allem die ausgesetzten Stellen fordern höchste Konzentration. Hier gibt es keinen Spielraum für Fehler. Jeder Schritt muss sitzen.

Es ist nicht nur die körperliche Anstrengung, die mich fordert. Es ist auch diese ständige Präsenz der Angst vor einem Sturz. Eine Angst, die immer wieder auftaucht – und die ich Schritt für Schritt überwinden möchte.

Der Blick geht nach vorne, der nächste Tritt wird gesetzt, dann der nächste. So arbeite ich mich weiter über den Grat.

Wenn ich daran denke, dass ich noch vor zwei Jahren selbst auf manchen Brücken große Probleme hatte, wird mir erst bewusst, welchen Weg ich seitdem gegangen bin. Genau für solche Momente bin ich hier unterwegs, speziell beim Walkabout oder am JOGLE?

Rückblickend wird mir erst langsam bewusst, was die Überquerung der Cheval Blanche für mich bedeutet hat. Sie war einer der intensivsten Momente meiner Reise – vielleicht sogar der Höhepunkt seit meiner Rehabilitation.

Noch vor zwei Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Der Gedanke an schwankende Brücken, an schmale, ausgesetzte Grate und an diese schwindelerregenden Tiefblicke hätte mich damals wohl umkehren lassen. Zu groß war die Unsicherheit. Zu wenig das Vertrauen in meinen eigenen Körper. Doch genau diese Wahrnehmung, dieses Gefühl für Gleichgewicht und Raum, versuche ich seit vielen Jahren wiederzugewinnen.

Hier, mitten in den Alpen, habe ich mich dieser Herausforderung gestellt. Schritt für Schritt. Und ich habe sie gemeistert.

Im Moment selbst spüre ich das kaum. Die Anspannung ist zu groß. Der Weg verlangt meine ganze Aufmerksamkeit. Erst Tage später beginnt mir bewusst zu werden, was da eigentlich geschehen ist. Denn auch die kommenden Etappen verlangen weiterhin Konzentration – es warten noch einige schwierige Passagen auf mich.

So ist es oft auf diesem Weg: Während ich gehe, denke ich kaum darüber nach. Ich gehe einfach weiter. Und erst später erkenne ich, wie weit mich diese Schritte eigentlich gebracht haben.

Ein Meilenstein in meiner Rehabilitation

Die Überquerung der Cheval Blanche ist für mich nicht nur der physische Höhepunkt dieser Wanderung, sondern auch ein emotionaler Meilenstein.

Noch vor zwei Jahren hätte mich allein der Gedanke an solche Passagen vor beinahe unlösbare Probleme gestellt.

Ich erinnere mich gut an das Jahr 2021, beim Walkabout durch Austria. Am Arlberg wäre ich beinahe gescheitert. Links vom Wanderweg fiel das Gelände steil zum Bach hinunter. Dieser Anblick war für mein Gehirn kaum zu verarbeiten. Der Blick in die Tiefe brachte alles ins Schwanken, und ich musste immer wieder die Augen schließen, um nicht schwindlig zu werden.

Auch Brücken, egal ob klein oder groß, bereiten mir bis heute Schwierigkeiten. Das leichte Schwanken, kombiniert mit den oft tiefen Abgründen darunter, bringt mich manchmal zum Innehalten. Dann stehe ich kurz still, sammle mich wieder und gehe erst weiter, wenn der Kopf bereit ist.

Und doch hat sich in den letzten acht Jahren unglaublich viel verändert. Durch unzählige Schritte, durch Geduld und kontinuierliche Rehabilitation habe ich gelernt, mit diesen Situationen immer besser umzugehen. Vieles, was früher kaum möglich war, gelingt heute wieder.

Ganz verschwunden ist diese Unsicherheit jedoch nicht. Sie kann jederzeit wieder auftauchen. Aber heute weiß ich: Auch dann kann ich weitergehen – Schritt für Schritt

HexaTrek, Cheval Blance, von Links: Matt, ich und Sam
von links: Matt, ich und Sam, im Hintergrund der Mt.Blanc

Dank der Unterstützung von Sam und Matt und auch durch meine eigene, manchmal fast sture Willenskraft, ist etwas Wirklichkeit geworden, das lange Zeit unerreichbar schien. Die Besteigung der Cheval Blanche wurde zum krönenden Höhepunkt meiner bisherigen Reise durch die Alpen.

Eine Reise, die mein Leben verändert hat.

Vor acht Jahren, noch im Krankenhaus, setzte ich mir dieses Ziel. Damals war es kaum mehr als ein Gedanke, ein leiser Wunsch, der irgendwo in der Zukunft lag, so fern und eigentlich kaum zu Erreichen. Heute sind diese Bilder vom Krankenhaus Wirklichkeit geworden.

Dieser Moment erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit und mit einer Freude, die sich kaum in Worte fassen lässt. All die Schritte, all die Mühen, all die Zweifel – sie haben mich bis hierher geführt.

Und doch ist da neben dieser Freude auch ein anderer Gedanke, der leise mitschwingt:
Was kommt jetzt?

Wenn ein Ziel, das einen so viele Jahre begleitet hat, plötzlich erreicht ist, entsteht auch ein neuer Raum. Ein Raum voller Fragen. Vielleicht aber auch voller neuer Wege.

Was will ich?

Meine Handicaps sind damit nicht verschwunden. Sie begleiten mich weiterhin auf meinem Weg. Und doch hat sich etwas verändert.

Jetzt beginnt eine neue Phase. Eine Phase, in der es darum geht, ein neues Ziel zu finden und ihm eine Richtung zu geben.

Was macht mich wirklich glücklich und erfüllt?

Welche Fähigkeiten möchte ich noch weiterentwickeln?

Welche Ängste möchte ich noch überwinden?

Und welchen Beitrag kann ich zur Welt leisten?

Fragen, die mich in letzter Zeit immer öfter beschäftigen. Denn trotz meiner Behinderungen spüre ich deutlich: Ich möchte noch etwas tun.

Dass ich nicht mehr arbeiten kann, so wie früher, ist mir inzwischen bewusst geworden. Diese Erkenntnis war nicht leicht. Aber sie hat auch etwas geklärt. Jetzt geht es darum, etwas anderes zu finden. Etwas zu schaffen, das zu meinen heutigen Fähigkeiten passt.

Körperlich wird es wohl weiterhin das Weitwandern sein. Das Gehen ist und bleibt meine wichtigste Therapie. Doch auch der Geist möchte beschäftigt werden.

Das Wandern wird in meiner Zukunft eine besondere Rolle spielen. Und ich sehe meine Handicaps heute mit anderen Augen. Vieles hat sich verbessert. Meine Wahrnehmung ist stabiler geworden, sicherer als früher.

Was jedoch bis heute nicht zurückgekehrt ist, ist das automatische Gehen. Trotz der vielen tausend Kilometer funktioniert es nicht so wie früher. Gerade hier, auf dem HexaTrek, merke ich das besonders deutlich.

Die Wege sind oft schwierig – zumindest für mich. Mein Gehirn muss bei jedem einzelnen Schritt aktiv mitarbeiten. Ich denke jeden Tritt bewusst. Jeder Schritt braucht Aufmerksamkeit.

Ein Fehltritt ist keine Option.

Diese ständige Wachsamkeit verlangt eine besondere Form der Achtsamkeit. Der Kopf darf nie abschweifen. Immer wieder prüfe ich: Wo setze ich den Fuß? Wie liegt der Stein? Wie steil fällt der Hang ab?

Die Schwierigkeiten an der Cheval Blanche, wie eigentlich auf dem gesamten HexaTrek, liegen vor allem in den ausgesetzten und steilen Passagen. Für einen erfahrenen Bergsteiger mögen diese Stellen vielleicht harmlos wirken. Mancher würde darüber wohl nur lächeln.

Für mich jedoch ist der HexaTrek eine ultimative Herausforderung.

Von den schwersten Stellen habe ich keine Bilder. Fotografieren war dort für mich schlicht unmöglich.

Ich wollte durch nichts abgelenkt sein. In diesen Momenten zählt nur eines: volle Konzentration. Kein Griff zum Handy, kein kurzer Blick zur Seite.

Also ging ich weiter, Schritt um Schritt. Ganz bei mir, ganz beim Weg. Jeder Tritt musste sitzen.

Chamonix und Les Houches

Meine Dankbarkeit ist groß, diesen Abschnitt überhaupt in Angriff genommen zu haben. Und sie gilt auch Sam und Matt. Ohne sie hätte ich mich wohl nicht getraut, diesen Weg zu gehen.

Auf einem teilweise mit Seilen gesicherten Steig führt der Weg weiter in Richtung Chamonix. Dabei bewege ich mich die meiste Zeit auf etwa 2100 Metern Seehöhe. Die Landschaft ist beeindruckend, doch der Weg verlangt weiterhin Aufmerksamkeit. Schritt für Schritt geht es weiter.

In Chamonix nutze ich die Gelegenheit, mich neu auszurüsten. In einem der vielen Sportgeschäfte kaufe ich mir ein neues T-Shirt und einige Heringe für mein Zelt. Außerdem tausche ich meinen Spirituskocher gegen einen Gaskocher. Mit meiner eingeschränkten Feinmotorik ist dieser doch deutlich einfacher zu bedienen, als mit Spiritus zu kochen.

Am Campingplatz in Le Houches nehme ich mir Zeit für alles, was unterwegs kaputtgegangen ist. Ich repariere meine Ausrüstung und bereite mich auf die kommenden Etappen vor.

Größere Ortschaften werde ich in den nächsten Tagen kaum erreichen. Deshalb muss ich diesmal mehr Lebensmittel mitnehmen und entsprechend mehr Gewicht tragen. Doch auch das gehört zu diesem Weg dazu.

Vorbei am Mt.Blanc, HexaTrek

Mit Le Houches verbinde ich besondere Erinnerungen. Im Jahr 2002 war ich schon einmal hier. Damals filmte ich die Radzwillinge auf ihrer Nonstop-Tour von Graz zum Mont Blanc.

Als ich nun wieder durch diese Gegend gehe, kreuze ich sogar den Weg, den wir damals beim Aufstieg auf den Mont Blanc genommen haben. Alte Bilder tauchen auf, Erinnerungen an eine ganz andere Zeit meines Lebens.

Mit diesen Gedanken im Kopf gehe ich weiter. Die nächsten Kilometer gehören teilweise zur Tour du Mont Blanc, und stellenweise verläuft sie auf genau denselben Wegen.

So mischen sich Vergangenheit und Gegenwart. Erinnerungen von damals begleiten meine Schritte von heute.

Mt.Blanc, HexaTrek

Schön langsam beginne ich zu realisieren, was ich hier eigentlich geleistet habe. Das Gehen bereitet mir große Freude, und jeden Morgen kann ich es kaum erwarten, wieder auf dem Trail unterwegs zu sein.

Mein Tagesablauf in den Alpen bekommt nach und nach eine Routine. Genau diese Routinen helfen mir sehr. Sie entlasten mein Gehirn, weil nicht mehr alles neu überlegt werden muss. Viele Abläufe passieren immer gleich – und das gibt mir Sicherheit.

Im Moment fühle ich mich wohl. Vieles funktioniert.

An die langen An- und Abstiege gewöhne ich mich immer besser. Mein Körper hat sich angepasst, auch wenn meine Muskelschwäche sich kaum verbessert hat. Gehe ich in die Hocke, kann ich meist nicht mehr alleine aufstehen. Ich brauche etwas, an dem ich mich hochziehen oder festhalten kann.

In Supermärkten sieht das manchmal etwas seltsam aus. Aber das ist einfach so, und ich kann es nicht ändern.

Dafür hat sich etwas anderes deutlich verbessert: mein Atmen. Früher brachte mich schon die kleinste Steigung außer Atem. Heute ist das anders. Ich kann länger und ruhiger gehen, auch wenn der Weg bergauf führt.

In Richtung Südalpen, des HexaTrek

Ab jetzt führt mich der Weg immer weiter nach Süden. Schritt für Schritt entferne ich mich vom Mont-Blanc-Gebiet.

Hin und wieder tauchen noch Schneefelder auf. Dort muss ich besonders vorsichtig sein. Das Gehen auf Schnee fällt mir nach wie vor schwer. Der Untergrund gibt nach, jeder Schritt fühlt sich unsicher an, und mein Gleichgewicht wird sofort stärker gefordert.

Eine weitere Schwierigkeit am HexaTrek sind die Wege selbst. Oft sind sie übersät mit Steinen und Felsen. Für viele Wanderer gehört das einfach dazu. Für mich bedeutet es jedoch, dass mein Gehirn bei jedem Schritt aufmerksam bleiben muss.

Jeder Tritt will genau gesetzt sein. Jeder Schritt verlangt Konzentration.

Achtsam jeden Schritt zu setzen, ist hier die wichtigste Voraussetzung. Doch genau das kostet viel Konzentration und Energie. Mein Blick bleibt meist am Boden, beim nächsten Tritt. Einen Ausblick in die Landschaft bekomme ich nur dann, wenn ich bewusst stehen bleibe.

Während des Gehens muss mein Gehirn bei jedem einzelnen Schritt bleiben. Abschweifen ist kaum möglich. Dadurch ist dieser Weg für mich um vieles anstrengender als jeder Camino, den ich bisher gegangen bin.

Eine meiner größten Sorgen war immer, in schwierigem Gelände plötzlich Doppelbilder zu bekommen. Genau das möchte ich vermeiden. Deshalb ist es für mich so wichtig, immer stabiler zu werden. Nicht nur hier in den Bergen, sondern auch später im Alltag – in der Stadt und überall sonst.

Die eigentliche Kunst besteht darin, mich an der Grenze meiner Möglichkeiten zu bewegen, ohne sie zu überschreiten. Und gleichzeitig diese Grenze Schritt für Schritt ein wenig weiter hinauszuschieben.

Galabier, der "Tour de France" Berg!

Am letzten Tag der Nordalpen gehe ich Nachmittags den Col du Galibier hoch. Der genaue Weg der GPS Daten ist nicht anzufinden, so gehe ich die ersten Kilometer die Straße hoch. Es ist ein eigenartiges Gefühl diesen Geschichtsträchtigen Berg zu Fuß zu erklimmen und nicht mit dem Rad. Diese Tage sind geprägt von der Tour de France, denn immer wieder quere ich bekannte Pässe, die ich großteils nur vom Fernsehen kenne.

Nach 5 Kilometern auf der Straße, wechsle ich auf den Bergpfad. Der weitere Aufstieg ist zäh. Ein kaum begangener und noch wenig sichtbarer Weg führt nach oben und oft geht es durch steiles Geröll, wo der Weg überhaupt nicht zu sehen ist. Mit dem Handy navigiere ich mich hier durch, wobei es oft kerzengerade den steilen Hang hoch geht.

Den Pass erreiche ich hoch über dem Tunnel und der Straße und klettere vorsichtig über die steilen Schotterwände ab. Das erste Gasthaus an der Straße hat geschlossen. Also gehe ich weiter in Richtung Tal, wo eine Herberge eingezeichnet ist. Doch auch dort habe ich kein Glück – sie ist ebenfalls geschlossen, und zwar endgültig.

So bleibt mir nichts anderes übrig, als weiterzugehen. Mein Weg führt mich nun in Richtung Col du Lautaret.

Die Nordalpen am HexaTrek sind geschafft

Mit dem Erreichen des Col du Lautaret habe ich die Nordalpen geschafft. Ein besonderer Moment auf diesem langen Weg.

Es ist bereits 18 Uhr, als ich oben auf der Passhöhe ankomme. Dort entdecke ich ein offenes Restaurant – ein kleiner Glücksfall nach diesem langen Tag. Ich gönne mir ein warmes Essen und lasse die Anstrengung langsam von mir abfallen.

Danach mache ich mich auf die Suche nach einem Biwakplatz in der Nähe. Ein ruhiger Platz für die Nacht, bevor am nächsten Tag ein neuer Abschnitt dieser Reise beginnt.

Auf in die Südalpen

Am bisher kältesten Morgen auf dem HexaTrek beginne ich den Abschnitt durch die Südalpen. Der Col du Lautaret, immerhin auf etwa 2050 Metern, bildet die Grenze zwischen den beiden großen Alpenregionen.

Noch liegt vieles im Schatten, als ich mich auf den Weg mache. Die Luft ist frisch und klar. Erst langsam kommt die Sonne über die Berge und begleitet meine ersten Schritte in diesem neuen Abschnitt.

So beginne ich meinen Weg durch die Südalpen, weiter am Hexatrek.

Weiter geht´s im nächsten Blogbeitrag.

Auf in die Südalpen, Hexatrek
Kälte am Morgen, auch im August, bei +30° tagsüber


Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Vogesen - Doubs - Jura, 670 km am HexaTrek geschafft!

Die ersten 700 km des Hexatrek in Frankreich liegen hinter mir. Der erste Teil ist somit geschafft, mit den Vogesen und dem Jura.

Ich bin am Genfer See angelangt und jetzt warten die Alpen. Das Schreiben ist sehr anstrengend und mir fehlt die Tastatur, so gibt es nur einen kurzen Überblick.

Die Vogesen, am Hexatrek

Die Vogesen sind bereits ein absolutes Highlight meiner Reise. So viel Kultur und so viele Burgruinen wie hier habe ich noch nie erlebt. Obwohl ich eigentlich für mein Gehirn ein Sparprogramm verfolge, tut es unglaublich gut, mich intensiver mit der Geschichte und den Sehenswürdigkeiten dieser Region auseinanderzusetzen. Interessanterweise hatten auch die Habsburger hier ihre Finger im Spiel.

Die Wanderungen führen bergauf und bergab, oft durch dichte Wälder, die einen angenehmen Schutz vor der Sonne bieten. Ich biwakiere fast die ganze Zeit, was bedeutet, dass ich immer genug Wasser für die Nacht dabei haben muss. Dadurch ist mein Rucksack oft ziemlich schwer – meistens um die 10 kg und mehr.

Der Fluss Doubs, am Hexatrek

Nach den Vogesen folgt der Fluss Doubs. Der Regenwald Neuseelands wirkt fast wie ein Vergleich in Sachen Schönheit.

Die unzähligen Grüntöne, die das Auge erfreuen, sind wahrhaft heilend. Moose und Flechten hängen von den Bäumen, und man fühlt sich wie in einem verzauberten Land.

Allerdings ist alles stets feucht und nass, besonders am frühen Morgen. Die Wahl des Zeltplatzes ist zwar entscheidend, bietet aber kaum Schutz vor der allgegenwärtigen Feuchtigkeit.

Der Jura

Im Jura entscheide ich mich längere Distanzen zurückzulegen und dafür mehr Wasser zu tragen. Es kommen mindestens 3 Liter zusammen, wodurch sich das Gewicht meines Rucksacks mit der Verpflegung auf über 10 kg erhöht. So viel habe ich seit meinem Hirnabszess kaum noch getragen.

Mit etwa 1600 Metern erreiche ich den höchsten Punkt im Jura. Von hier aus bietet sich eine atemberaubende Aussicht auf den Genfer See und die dahinterliegenden Alpen, mit dem majestätischen Mont Blanc im Hintergrund.

Meine Schuhe haben mittlerweile ihr Limit erreicht, und ich weiß, dass ich vor den Alpen neue brauche. Die Sohle ist stellenweise so dünn, dass sie sich bereits ablöst. Das zusätzliche Gewicht macht sich bemerkbar – sowohl an meinen Füßen als auch an den Schuhen.

Hexatrek 1.Teil, ist vollbracht

Diese letzten acht Jahre, jeder einzelne Jakobsweg, das viele Gehen und das ständige Training für mein Gehirn – ich möchte keines dieser Erlebnisse missen. Manchmal mag mich vielleicht jemand schief anschauen wegen meiner Besessenheit, zu gehen. Doch jeder Schritt war notwendig, um an den Punkt zu kommen, an dem ich heute stehe.

Natürlich spüre ich noch immer die Auswirkungen der Halbseitenlähmung, den verlorenen Automatismus und die Muskelschwäche. Aber mittlerweile habe ich gelernt, damit zu leben. Ich gehe viele Dinge anders an, und oft wundere ich mich selbst, wie ich in vielem auf eine neue Weise funktioniere. Das einzige, was mir bleibt, ist, mich an ein Sprichwort zu halten:

„Es ist, wie es ist, weil es IST – und nicht, weil es gut ist.“

Mein anderes Schicksal, ein Pflegefall zu bleiben, war nur einen winzigen Schritt entfernt. Doch mein unbeugsamer Wille und die klare Entscheidung, zu leben, hielten mich davon ab, auf einen Rollstuhl angewiesen oder gar im Bett liegen zu bleiben.

Allmählich spüre ich wieder, was es heißt zu leben. ❤️🍀🙏

Hexatrek
Grand Ballon, Vogesen

Im nächsten Teil werde ich dann über die Alpen berichten! Bis dahin auf Facebook und neuerdings auch wieder auf Instagram.

https://www.instagram.com/von0auf101



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Mission JOGLE - von Inverness nach Glasgow

Ja, meine neue Bezeichnung von Across Britain heißt "Mission JOGLE". Gegeben wurde er mir unterwegs von einem Wanderer, mit dem ich mich einige Zeit unterhalten habe.

JOGLE steht als Abkürzung für John o´Groats to Lands End, also der Durchquerung Englands von Nord nach Süd. Im Gegensatz dazu steht LEJOG, für vom Süden nach Norden.

JOGLE
JOGLE + South West Costal Path

Great Glen Way, von Inverness aus

Leider konnte ich im Moment nur ein paar Bilder retten, weil das Handy kaputt wurde. Ich reiche sie nach,wenn ich wieder rankomme.

Der Tag beginnt früh in Inverness. Zunächst steht der Great Glen Way am Programm. Es geht einen Kanal entlang, unterbrochen von Seen, die die Ost mit der Westseite Schottlands verbindet. Kleinere Schiffe können hier queren und es war sicher ein imposantes Schauspiel, als er um 1830 gebaut wurde.

Von flach kann erst keine Rede sein, immer geht es über Hügel rauf und runter. Dazwischen aber immer wieder flache Abschnitte entlang des Kanals.

Schönes Wetter begleitet mich und macht das Gehen zum Vergnügen. Allerdings bin ich mit meinen Schuhen nicht ganz glücklich. Die Altras sind super Schuhe, aber nicht wirklich für mich. Ich habe Blasen, in erster Linie wegen einer gebrochenenen Einlage und die Dämpfung hat mittlerweile stark nachgelassen, was meinen Nervenstörungen nicht zusagt.

Am ersten Tag komme ich am Loch Ness an, dessen dunkles Wasser mich empfängt. Jetzt stehe ich also hier an diesem Ort, wo es das Ungeheuer von Loch Ness geben soll. Der Ort Drumnadrochit gleicht aber eher einem Disneyland, so viel ist hier los. Aber nur hier, denn Abseits am Trail bin ich fast den ganzen Tag alleine.

Der nächste Tag ist wieder voller Waldenergie, nur unterbrochen von kurzen Regenschauern. Nach dem Loch Ness kann ich erstmals die Schleusen sehen, welche die Schiffe höherbringen und später wieder runter. Der Kanal führt ja von Meeres- zu Meeresseite.

Der zweite Tag wird sehr lange, denn Forst- und Bauarbeiten machen einen langen Umweg nötig, ohne das ich es vorger wusste. Auf den steilen Anstiegen verliere ich viel Zeit und komme erst spät zum Zeltplatz, der aus forstlichen Gründen noch um eineinhalb Meilen nach hinten verlegt wurde. Erst um 10 Uhr Abends komme ich an, dafür zelte ich am Seestrand und bin alleine.

Der letzte Tag wird regnerisch, allerdings immer wieder von der Sonne unterbrochen. Wieder einmal später als gedacht, komme ich in Fort Williams an. Ich bekomme etwas außerhalb ein Bett in einem Hostel, aber nur für diese Nacht, sonst ist alles ausgebucht. Das heißt, ich werde ohne Ruhetag in den West Highlander Weg starten müssen.

West Highländer Way, Highlight am JOGLE

Um sechs Uhr in der Früh geht es bei Regen los, auf den West Highlander Way. Steil geht es hoch, auf schmalem Trail. Ich wohnte abseits, daher muss ich erst auf den Trail kommen. Ein Nachteil im Regen ist es, kaum Pausen machen zu können, da ich dann im Regen stehe. Hinsetzen ist auch fast nie drin, weil dafür alles zu nass ist, auch unter Bäumen.

Allerdings wie früher beim Radfahren, habe ich mich daran gewöhnt, während des Gehen zu essen. Schon in der Früh richte ich mir alles griffbereit her, eingeschlichtet in die zahlreichen Taschen auf der Vorderseite des Rucksacks.

Der Weg wird immer anstrengender und lässt mich nur langsam vorankommen. Ich gehe über unangenehm große Steine und ich muss immerfort aufpassen, nicht umzukippen. Mein Ziel ist es, die ersten beiden großen Berge zu überwinden und dann zu gehen, soweit ich komme. Um fünf Uhr erreiche ich Kingshouse, eigentlich ein Nobelhotel, wo es aber eine Stube für die Wanderer gibt. Nach einem Kaffee mit Muffin gehe ich noch zwei Stunden im strömenden Regen und schlage mein Zelt zwischen Bäumen auf.

Es regnet so stark, dass ich hoffe, halbwegs trocken zu bleiben. Am nächsten Morgen richte ich alles her, springe aus dem Zelt, baue es ab und spurte los. Die hiesigen Mücken, Midges genannt, fallen sofort über mich her und da bleibt nur die Flucht. Alle nicht geschützten Hautstellen werden befallen und die Viecher beißen zu. Echt unangenehm.

Sie können allerdings nicht schnell fliegen, deshalb ist man geschützt, solange man geht. Bleibt man stehen, ist man sofort umzingelt. Deswegen bleibe ich tagsüber kaum stehen und esse im Gehen.

Das Gehen über die Steine war für mich gestern am Limit und heute wird es nicht besser. Jeder Schritt ist eine Qual. Mein Gehirn ist übermüdet von der dauernden Anstrengung, alles auszugleichen und andenken zu müssen. Ab der zweiten Tageshälfte ist es ein dahinwanken, weil das Gehirn nicht mehr mitkommt.

Vorbei am Loch Lomond

Den Tag beende ich am Eingang zum Loch Lomond, weiter schaffe ich es nicht. Auf einer Bergkuppe zelte ich über dem See und es lässt sich sogar die Sonne erblicken. Ich schlafe zehn Stunden und komme am Morgen erst gegen Acht los. Es wird ein Tag, den ich nicht so schnell vergesse.

Der Trail ist schmal und wird immer blockiger, mit großen Steinen. Für zwei Kilometer brauche ich über eine Stunde, so wild geht es neben dem See voran. So etwas habe ich selten erlebt. Ich brauche die Hände, um vorwärts zu kommen. Es ist manchmal wie klettern und es ist mir unbegreiflich, wie hier manche mit ihren doppelt so großen und schweren Rucksäcken vorankommen können.

Einige hundert Meter nach dem Abschnitt treffe ich auf zwei englische Herren. Einen Fotoapparat umgehängt, kurzes Leibchen und kurze Hose, sehen sie aus, als ob sie aus einem Pub vom Tee trinken gekommen sind. So stelle ich mir typische Engländer vor.

Sie fragen mich nach dem Weg. Ich antworte: "Da kommt jetzt ein wirklich rauhes Stück, etwa ein, zwei Meilen lang.". Als Antwort bekomme ich: "Puuhhh, ja, bei uns waren die letzten zwei bis drei Meilen auch wirlich tricky (Schwierig). Wie weit ist es bis ans Ende des Sees?". Für sie ist es bis dahin noch mehr als 10 Kilometer, gar nicht so einfacher Trail, aber das schreckte sie gar nicht. Wir verabschiedeten uns und gingen jeder seine Wege.

Ich erwartete hinter jeder Biegung, dass es wieder los geht, mit den Schwierigkeiten, aber es kam nichts. Nach 5 Kilometern über gute Trails, erreichte ich eine Schiffsanlegestelle, wo man sich aussetzen lassen konnte, um einen kleinen Teil des Weges zurückzulegen. Ob, wie und wann die beiden am Ende ankamen, blieb mir verwehrt zu erfahren, aber sie hatten es sicher nicht leicht, wenn schon der erste Teil für sie anstrengend war.

Es kamen noch einige schwierige Abschnitte und nach 35 Kilometern, am Ende des Sees, schlug ich das Lager an einem dort befindlichen Campingplatz auf. Nach zwei Tagen im Regen, konnte eine Dusche nur gut tun. Es war leider 10 Kilometer unter meinem Soll, denn so hatte ich am nächsten Tag noch fast 50 Kilometer bis Glasgow.

Gegenverkehr

Wieder schlief ich lange und kam erst um acht Uhr weg. Nach dem üblichen Midges-Problem beim Abbau des Zeltes, ging ich bei Sonnenschein los, um bald darauf wieder meinen Poncho überzuziehen. Dieses Prozedere sollte sich sicher zwanzig- bis dreissigmal an diesem Tag wiederholen. Sonnenschein wechselte sich andauernd mit Regenschauern ab, die teils heftig waren.

In einem wunderschönen Hotel mit Restaurant bekomme ich ausnahmsweise eine Kanne Kaffee, mit den Hausgästen. Das war ein Highlight diesen Morgen. Verschwitzt von drei Tagen im Zelt, saß ich neben sauberst gekampelten Wanderern, mit ihrem frischen Gewand.

Ich war mit ein, zwei anderen vom Norden kommend unterwegs, der Haupteil startet in Milngavie Richtung Norden. Dementsprechend viel Gegenverkehr hatte ich, was oft nicht einfach war, wegen der schmalen Trails. Immer wieder musste ich stehenbleiben und den Gegenverkehr abwarten.

Ziemlich gerade, bergauf, bergab, ging es dahin in Richtung Milngavie und dann passierte es, kurz vor dem Ende des West Highland Way. Ein graviereder Fehler, müde und schon etwas unachtsam, fingerte ich das Handy heraus. Dabei entglitt es mir und fiel mit der Displayseite voran auf den steinigen Boden. Das Malheur war passiert. Das Display hatte an mehreren Stellen Sprünge und funktionierte nicht mehr. In einem kurzen Moment konnte ich noch zwei Fotos auf gut Glück vorm Steinbild am Ende in Milngavie machen, aber danach ging nichts mehr.

Mit unzähligen Umwegen und immer wieder der Versuch, nach dem Weg zu fragen, kämpfte ich mich nach Glasgow, ohne die Unterstützung des Handys. Der Weg ist nicht markiert und deswegen schwer anzufinden.

Am Limit erreiche ich das Hostel und war zunächst einmal gerettet. Allerdings nur zunächst, denn noch stand mir das Wäsche waschen bevor. Im Hostel gab es keine Waschmaschiene, aber gleich daneben, an der Tankstelle. Leider war diese kaputt und man schickte mich 15 min Wegzeit zur nächsten. Die machte aber gleich zu, erbarmte sich aber meiner und zu meinem großen Glück, konnte ich zumindest die Wäsche waschen, aber nicht trocknen. Also wieder zurück zur Tankstelle, wo zumindest der Trockner funktionierte. So konnte ich endlich wieder einmal trockene Wäsche anziehen.

Unterwegs war ich nur mit einer kurzen Laufhose, dem Anorak und nassen Schuhen. Alles andere musste in die Wäsche. Noch am Abend kaufe ich ein neues Handy, um weitergehen zu können. Allerdings überschreite ich mein Geldlimit und neue Schuhe müssen damit warten.

Fazit dieses Abschnitts des JOGLE

Die Landschaft ist wunderschön. Selten habe ich mich so wohl gefühlt. Durch das viele Zelten, bin ich der Natur noch mehr ausgesetzt, was mir unheimlich gut tut.

Natur am JOGLE
Natur pur

Auf der anderen Seite kostet es viel Energie, mit Zelt und selbst zu kochen, unterwegs zu sein. Da ist Pilgern natürlich leichter. Es tut aber gut, einmal aus meinen Routinen herausgerissen zu werden und mein Gehirn zu fordern.

Dieser Abschnitt bleibt mir in Erinnerung, weil ich schon lange nicht mehr so an meine Grenzen gegangen bin, aber nur die bringen mich weiter. Auf meinem letzten Jakobsweg habe ich zum ersten Mal wieder gelebt, hier hat der Weg mehr therapeutische Wirkung.

Es ist faszinierend zu sehen, wie sich mein Körper weiter entwickelt. Dazu habe ich hier tolle Möglichkeiten. Es ist besser, als wie jede Reha-Anstalt.

Ich bin auf (in) meiner Mission JOGLE!



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Gedanken zu "Across Britain"

Wichtig ist es mir, die Sache dahinter zu sehen. Manchmal möchte ich mehr, als ich kann oder draufhabe und dann wird es schwierig. Wie im Moment mit einer schlimmen Blase am Fuß, nach 6 Tagen bei "Across Britain". Daher höre ich darauf, was mir die Blase zu sagen hat.

Ich lege einen weiteren Ruhetag ein, um das Erlebte besser verarbeiten zu können und meine schmerzende Blase am linken Fuß ausheilen zu können. Darauf sollte ich hören, denn eine entzündete Blase kann schnell das endgültige Aus bedeuten.

Es geht um den Prozess und die Suche nach Fortschritten

Kilian Jornet, Trailrunner und Alpinist, hat recht damit, wenn er sagt, man solle nicht an Rennen und Ergebnisse denken, sondern an den Prozess und die Suche nach Fortschritten.

Der Focus soll darauf gerichtet sein, Fortschritte zu erzielen. Übersetzt auf mich heißt das, nicht die Fernwanderung ist das Ziel, sondern vielmehr, welche Fortschritte ich mit meinen Handicaps insgesamt erzielen kann. Ein Camino Frances oder Across Britain kann ein gutes (Zwischen-)Ziel sein, um konzentriert zu bleiben. Allerdings mein wahres Ziel bleibt, Fortschritte in körperlicher, wie geistiger Weise nach dem Hirnabszess zu erzielen.

Ruhetag und Essen kochen, Across Britain
Am Ruhetag selber kochen, gutes für sich tun.

Across Britain als Ziel?

Wäre die erfolgreiche Durchquerung von England mein Ziel, könnte ich mich danach hinsetzen und damit aufhören, weiter zu suchen. Suchen nach meinem persönlichen Fortschritt, wo es allerdings kein Ende gibt. Kein Gipfel, kein Jakobsweg, keine Fernwanderung, kann diesen persönlichen Fortschritt ersetzen, denn der liegt in mir selbst.

Allein, daß ich mich dem Ausgesetzt habe, nach Schottland zu reisen, ist für mich als Erfolg zu verbuchen, alles weitere ist eine Draufgabe. Möchte ich Abbrechen, ist es auch gut, denn dahinter steht ein Ziel, welches viel größer ist, als "nur" durch England zu gehen.

Letztens habe ich auf Facebook gepostet:

"Was du für den Gipfel hältst, ist nur eine Stufe"

Seneca

Across Britain ist nur das Erreichen eines Zwischenzieles, also einer Stufe, denn das wahre Ziel liegt wie immer, weit dahinter.

Inverness, Across Britain
Inverness

Ich möchte als Mensch reifen und dazulernen, dass Maximum, was für mich möglich ist. Jedes Jahr wende ich diverse Zeit für (Fern-)Wanderungen und Jakobswege auf, im Gegensatz dazu trainiere und übe ich aber jeden einzelnen Tag auch zuhause.

Mein Focus liegt auf jeden dieser einzelnen Tage und letztendlich vertraue ich darauf, dass alles am Schluss zu guten Ergebnissen führt, ob auf Fernwanderung oder zu Hause. Früher waren es bei mir, Erfolge und Siege bei Radrennen zu haben. Das sollte aber nebenbei passieren. Heute sind Fernwanderungen und Jakobswege um konzentriert zu bleiben, mein Hauptziel ist es, wieder rein ins Leben zu kommen.

Across Britain, Farnwiesen
Durch tiefe Farnwiesen, nahe dem Ozean.

Meinen größten Sieg aber durfte ich bereits erleben, der mehr als jeder Sieg bei Radrennen zählt, nämlich den Hirnabszess zu überleben. Dieses neu gewonnene Leben (er-)leben zu dürfen und mit besonderen Inhalten füllen zu dürfen, ist so schön und damit bekommt auch Behinderung eine neue Bedeutung.

Manchmal vergesse ich allerdings darauf, werde aber schnell eines besseren belehrt. Meist mit Dingen, die nicht so lustig sind. Demut ist dann gefragt und nicht, mit dem Kopf durch die Wand, denn das erzeugt Schmerz!



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen. Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit, mein Denken und mein Tempo. Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.


Seit einem Monat bin ich vom Walkabout durch Austria wieder zu Hause und versuche mich im Leben daheim einzufinden. Vor allem die Motivation aufzubringen, auch in kleinen Punkten wieder Fuß zu fassen und mich einzugewöhnen. Nach zwei Monaten aus dem Rucksack zu leben, kommt es einem eigenartig vor, plötzlich wieder im Überfluss zu leben. Ich sehne mich an die einfachen Tage zurück, wo ich nicht mehr brauchte als das, was im Rucksack war.

In diesem und letzten Teil über meinen Walkabout, beschreibe ich die letzten 250 Kilometer, die mich nach dem Erreichen aller Kardinalpunkte von Österreich, wieder nach Hause in Judendorf bringen wird.

Kärnten

Vom südlichsten Punkt konnte ich einige Erfahrungen mitnehmen, aber auch meine Begrenzungen wurden mir eindrücklich bewusst gemacht. Was geht und was nicht, bekam ein neues Gewand, denn die Grenzen wurden mir deutlich aufgezeigt.

Trotzdem konnte ich von Eisenkappel freudig weggehen, denn alleine das ich gehen konnte, war mir Freude genug. Mit den Einschränkungen des Gehirn, aber auch der Bewegung, komme ich immer besser klar.

Lavamünd war mein nächstes Ziel, am Fuße der Koralm gelegen. Immer mehr wurde es mir bewusst, ans Ende meiner Tour zu gelangen.

Die Hängebrücke "St. Lucia"...

...am Drauradweg, war nochmals eine Herausforderung. 58 Meter hoch und 140 Meter lang, spannt sie sich über den Feistritztalgraben. Wie ein Slackliner am anderen Ende einen festen Punkt fixiert, so konzentrierte auch ich mich darauf. Solche Augenblicke kosten mir noch immer viel Energie.

In Lavamünd verließ ich die Drau, die seit ihrem Ursprung an meiner Seite war. Am Fuße der Soboth nahm ich Quartier, denn am nächsten Tag stand mir der letzte große Aufstieg bevor, hinauf zur Koralm.

Soboth und Koralm

Ein letzter Blick hinunter zur Drau und dann ging es steil weiter hinauf zur Soboth. Zum Glück war das meiste zum Gehen und nicht zu steigen. Ob Schlurfschritt oder steigen, es macht einen großen Unterschied. Besonders, wenn danach noch der lange Weg zur Koralm ansteht. Jedes Körnchen Kraft wollte gespart sein, immerhin gab es erst dort eine Übernachtungsmöglichkeit. Die Alternative wäre das Zelt gewesen, die ich aber vermeiden wollte.

Nach einem letzten steilen Aufstieg erreichte ich die Koralm mit der Flugsicherungsstation. Der höchste Punkt meiner Tour war damit erreicht und ich beschloss, es die letzten Tage ruhig anzugehen.

"After Camino Depression"

Denn das schwierige ist das Nachhause kommen nach einem langen Weg. Nach einem Camino spricht man oft über die "After Camino Depression". Es ist in der Tat nicht leicht, sich wieder an das zu Hause zu gewöhnen. Ich war so im täglichen Gehen drin, dass mir ein paar Tage zum Herunterkommen guttaten.

Edelschrott und Piber waren die letzten Stationen auf meiner Tour. Immer näher kam das Ende des Walkabout und damit diese Zeit der Freiheit, in der ich mich trotz Corona befand. Ich genoss jeden Schritt auf diesen letzten Kilometern.

Zu Hause ankommen will vorbereitet und gelernt sein. Dreimal war ich in den letzten drei Jahren länger als einen Monat unterwegs. Daher hatte ich einiges an Erfahrung gewonnen, um vom Ende des Walkabout nicht überrascht zu werden. Ich konnte mein Gehirn bereits Tage vorm Ende daran gewöhnen.

Die letzten Meter des Walkabout

Obwohl ich fast jeden Meter in meiner unmittelbaren Heimat kenne, ging ich auf neuen Wegen zurück. Und plötzlich stand sie vor mir, die Kirche von Judendorf-Straßengel!

Vor zwei Monaten habe ich sie hinter mir gelassen und bin in Richtung Osten aufgebrochen. Jetzt gehe ich auf sie zu, vom Westen kommend. Inmitten von Wiesen und Bergen steht sie da und ist ein schöner zum Anblick Abschluss für meine Tour.

Zurück in Judendorf vom Walkabout
Zurück vom Walkabout
rbt

2.100 Kilometer und 59 Tage später bin ich zurück und habe damit Österreich zu Fuß umrundet. Es war zum ersten Mal nicht mein Verlangen, körperlich etwas Verbessern zu wollen. Nur vom Gedanken wegkommen, alles für Rehabilitation und Therapie zu machen. Das ist mir gelungen. Ob es mir auch im Alltag gelingt, wird sich erst zeigen, aber die ersten Wochen stimmen mich Hoffnungsvoll.

Das Ankommen ist trotzdem eine eigene Sache. Der Körper braucht seine Zeit, sich auf die Alltagsroutinen umzustellen, besonders das Gehirn.

Walkabout durch Austria

Am liebsten würde ich weitergehen. In den letzten fünf Jahren fühlte ich mich in der Natur am wohlsten. Meine Defizite sind immer gleich stark, aber es macht einen Unterschied, ob ich mich in der Natur befinde oder in der Stadt. Es war sicher nicht meine letzte Fernwanderung oder Thru-hike.

Da das Laufen immer noch nicht möglich ist, habe ich im Gehen eine Art der Fortbewegung gefunden, die mir entgegenkommt. Es beinhaltet so viel Positives für Körper und Geist und brachte mir das Leben wieder näher. Das Pilgern wird ein Bestandteil meines Lebens bleiben, ebenso wie das Wandern.

So intensiv, wie ich mich auf meinen ersten Pilgerreisen dem Inneren zuwenden konnte, so schön habe ich immer wieder das Wandern empfunden, wenn es mehr um das Äußere ging.

Hirnabszess und Gehen

Der Hirnabszess veränderte mein Leben, wie es nur wenige nachvollziehen können. Selbst für mich ist es manchmal nicht leicht zu verstehen, was in mir vorgeht.

Eines ist mir aber bewusst: Vor wenigen Jahren war ein Hirnabszess noch absolut tödlich. Nur durch die Weiterentwicklung von Antibiotika konnte die Lebensgefahr einigermaßen reduziert werden, allerdings mit der Sache, dass mehr oder weniger große Behinderungen zurückbleiben.

Mein wiedergewonnenes Leben beinhaltete die letzten fünf Jahre ausschließlich Rehabilitation und Therapie und wird es auch weiterhin bestimmen. Allerdings darf ich nicht darüber vergessen, zu Leben. Denn was hätte es sonst für einen Sinn gehabt, den Hirnabszess zu überleben?

Ich verstehe Menschen immer besser, die in einer ähnlichen Lage wie ich sind, aufgeben zu wollen. Der Spruch, "Das Leben hat nur so viel Sinn, wie du ihm gibst!", bekam eine wichtige Bedeutung für mich. Es hatte einen Sinn, dass ich überlebe, es ergab aber keinen Sinn für mich, im Bett zu liegen und ein Pflegefall zu sein.

Ich wollte wieder selbständig werden, koste es was es wollte. Wenn ich an die Zeit im Krankenhaus denke, war mein Wunsch, es wieder alleine aufs Klo zu schaffen. Dafür nahm ich Monate Training in Kauf, mit ungewissen Ausgang.

Training, Training, Training

Ja, ich sah es als Training, wie wenn ich früher für ein Radrennen trainierte. Ein Ziel vor Augen haben, gab mir darin Sinn, eigentlich unmöglichen möglich werden zu lassen. Meine Motivation musste größer sein, als alle Hindernisse auf dem Weg dahin. Nur so konnte ich diese Zeit der kleinsten Schritte überstehen.

Als ich nach vier Monaten im Krankenhaus das erste Mal alleine die paar Meter aufs Klo schaffte, konnte ich meine Ziele ändern. Damals fuhr ich noch im Rollstuhl zurück, also war mein nächstes Ziel, selbständig von dort wieder zurückzugelangen. Damit hatte ich mir wieder ein Stück mehr an Freiheit erarbeitet. Denn Freiheit war mir, als im Zeichen des Schützen geborenen, sehr wichtig.

So ging es Monat für Monat weiter. In kleinsten Schritten, die für mich kaum wahrnehmbar waren, kam ich trotzdem vorwärts. Kaum jemand bekam mit, was ich dafür tat, da ich das meiste alleine machte. Vier Monate nach dem Krankenhaus erreichte ich zum ersten Mal den 300 Meter entfernten Waldrand. Von da an wurde der Wald und die Natur mein wichtigster Teil, auf dem Weg zurück ins Leben.

Auch die Motivation für Gymnastik und Krafttraining war ungebrochen. Besonders die Stärkung des rechten Fußes war mir wichtig, denn durch die Halbseitenlähmung war die rechte Seite gleich doppelt betroffen. Die Nervenstörung war die andere, die gleich den ganzen Körper betraf. Ich hatte an der gestörten Propriozeption zu arbeiten, durfte aber die Lähmung nicht vergessen und an den Übungen fürs Gehirn. Alles erforderte die gleiche Menge an Energie.

Hatte ich den Tag in der Kraftkammer verbracht, konnte ich am nächsten Tag nur fürs Gehirn was machen und war danach auf die gleiche Art erschöpft, wie mit körperlicher Arbeit.

Durch Österreich

Als bisheriger Höhepunkt meiner Rehabilitation, wurde mein Weg zu den Kardinalpunkten von Österreich, mein Walkabout. Gleichzeitig war es mein längster je gemachter, durchgehender Weg zu Fuß. Ich vereinte hier alles in den letzten Jahren gelernte und versuchte es umzusetzen. Der Sinn des Walkabout war es, meine Identität wiederzufinden.

Es war auch ein Auseinandersetzen mit vielen Traumen. Ich stellte mich Dingen, die ich mir vorher nicht zugetraut habe. Ich darf mich aber nicht auf den Lorbeeren ausruhen, gerade jetzt heißt es weitermachen und dranbleiben.

Meinen Körper weiter zu trainieren ist mir wichtig, da er mir noch länger dienen soll. Daher ist mein Weg nicht zu Ende, sondern mit dem nach Hause kommen hat ein neuer begonnen.

Wohin es mich noch bringen wird, weiß ich nicht. Noch habe ich einige Ziele nicht erreicht und daran werde ich die nächste Zeit weiter arbeiten. Besonders der Umgang mit Corona wird für die nächsten Monate ein wichtiger Bestandteil meines Lebens werden.


Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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