Intensivstation
Auf der Intensivstation

„Es gibt nur eine Zeit, in der es wesentlich ist aufzuwachen – diese Zeit ist jetzt“
(Buddha)

Ich kann mich noch an den Tag erinnern. An einzelne Abläufe nicht mehr. Sie sind weg, wie so vieles andere auch.

Es ist Ostersonntag, der 27.März 2016, was mir aber egal ist . Ebenso die Kinder, die  eigentlich Ostereier suchen möchten.  Ich möchte nur liegen und schlafen,  nehme nichts um mich wahr.
Ich fühlte mich gar nicht so schlecht. Mein Denken war zwar auf ein Minimum reduziert, aber  ich konnte nicht anders. Nichts hatte eine Bedeutung, eine Wichtigkeit. Ich war da, aber zugleich weggetreten.

Ich weiß nur noch, dass es mir furchtbar schwindlig wurde, wenn ich aufstand. Liegen war das Beste. Ich glaubte noch immer an eine Grippe.

Rest - Hirnabszess braucht Ruhe, Intensivstation

Die Einlieferung ins LKH

Antworten auf Fragen, von Silvia oder den Kindern an mich, müssen auf jeden Fall  verwirrend gewesen sein, denn am Ostersonntag ließ mich Silvia vom Roten Kreuz ins LKH-Graz einliefern.

Das folgende Prozedere ließ ich über mich ergehen, heute ist es wie eine verwaschene Erinnerung. Ich wurde untersucht, hatte eine CT, daraufhin ein MR und verschiedene Stationen zu durchlaufen.
Am Ende des Tages war ich froh, endlich in einem ruhigen Bett angekommen zu sein.

Alles war mir egal, egal wo ich war, egal was man mit mir machte. Ich wollte nur mehr schlafen, ich konnte nicht mehr „denken“, ich war wie ausgeschaltet.

Intensivstation

Die Zeit in der Intensivstation nahm ich gar nicht als bedrohlich wahr. In den kurzen Gedanken die ich hatte, fragte ich mich, was ich hier überhaupt tat. Ich konnte nicht nachempfinden, was mit mir los war.

Mit jedem Tag wurde das Sprechen schlechter. Ich konnte das gar nicht richtig wahrnehmen, weil ich es nicht so empfunden habe. Besuch wollte, oder besser gesagt, konnte ich gar nicht empfangen. Es hätte auch keinen Sinn gehabt, denn nach 10 Minuten war ich so erschöpft, dass ich nur noch die Augen schließen wollte.

Bald bemerkte ich, dass meine rechte Hand immer schlechter greifen konnte. Anfangs wollte ich es nicht beachten, doch immer öfter kam ich in Schwierigkeiten. Schneiden, oder das Messer zu halten, war bald nicht mehr möglich. Ich machte mir zwar darüber Gedanken, aber meine Denkdauer war sehr kurz, ich musste von Mal zu Mal neu beginnen und konnte nichts zu Ende denken. Ein ewiger Kreislauf.

Für unnötige Gedanken war keine Energie da. Als ich schlussendlich nur mehr einen Löffel mit der linken Hand halten konnte, wusste ich, jetzt sitze ich ziemlich tief in der Sch…..!

Bei Null angekommen

Zugleich kam etwas anderes auf. Ich saß nämlich wirklich in der Sch….! Ich musste nämlich aufs Klo. Der Urin wurde im Harnbeutel gesammelt, aber was war mit dem Stuhl? Denn ich merkte nicht, wann er kam. Er war einfach da. Für mich, dem Einzelkämpfer, ein schwieriges Unterfangen. Wenigstens konnte ich nicht viel darüber nachdenken. Das war wohl die erste Lektion für mich – DELEGIEREN und VERTRAUEN.

Ich war abhängig von fremden Menschen und begab mich vertrauensvoll in ihre Hände. Scham oder Scheu war hier fehl am Platz. Ein Krankenpfleger blieb mir besonders in Erinnerung. Er war besonders einfühlsam und als ich ihn wieder einmal beim Windeln wechseln und Waschen darauf ansprach,meinte er nur: “Dafür bin ich ja da, machen Sie sich keine Gedanken darüber!“. Das war unglaublich für mich. Für ihn war es selbstverständlich – es gehörte zu seiner Arbeit. Es so vermittelt zu bekommen, machte mir die Sache leichter.

Denn es sind die vielen Kleinigkeiten, die sich summieren und die einem Gesunden nicht einmal auffallen. Ich musste mich nämlich auf die Seite legen beim Putzvorgang. Ich war aber so kraftlos, dass es Schwerstarbeit wurde, mich auf die Seite zu drehen. Jetzt war ich langsam wirklich bei Null angelangt.

Das „Tor zum Bewusstsein“

Zum Hirnabszess kam auch noch ein Ödem. Das drückte auf meinen Thalamus. Der Thalamus vorverarbeitet alle Informationen im Gehirn, die der Großhirnrinde zugeführt werden. Er entscheidet darüber, welche Informationen im Augenblick so wichtig für den Organismus sind, dass sie ins Bewusstsein gelangen sollen.

Er wird auch das „Tor zum Bewusstsein“ genannt. Je nachdem welche Gehirnhälfte betroffen ist, sind die Störungen auf der entgegengesetzten Körperseite. In meinen Fall die rechte Seite mit Sensibilitätsverlust, Ataxien (Störungen der Bewegungskoordination),  und Hemiparese (unvollständige Lähmung einer Körperseite).

Thalamus, vom Hirnabszess betroffen
Thalamus
Intensivstation


Na Bumm, zum Glück wusste ich nicht viel davon. Ich weiß nicht wie ich reagiert hätte. Silvia hielt alle negativen Dinge, Gedanken und Emotionen fern von mir. Es sollte mich nichts belasten. Ich war total abgeschirmt von draußen. Besuch erhielt ich nur von Silvia und meiner Tante. Ich freute mich jedes Mal, wenn Silvia kam.

Aber mehr wie eine Viertelstunde war nicht drin. Zu mehr Aufmerksamkeit reichte es nicht. Daliegen und nichts denken, das war mein tägliches Programm. Mit schlafen und in die Luft schauen verbrachte ich die meiste Zeit.

Zum Glück wusste ich nicht um die Gefährlichkeit meiner Lage. Es wurde nur deswegen nicht operiert, weil das Abszess so tief lag. Die Ärzte haben es mit hochdosierten Antibiotika Gaben behandelt, weil eine Operation in ihren Augen zu gefährlich war. Das alles wusste ich zum damaligen Zeitpunkt nicht.

Es kam später auch eine Ergo-Therapeutin hinzu. Bereits in diesem Stadium begann die Mobilisierung. Auch wenn es nur oft 10 Minuten am Tag waren, hilft es sehr für später. Ich versuchte das Beste aus mir heraus zu holen. Mein Aufenthalt sollte so kurz wie möglich sein. Dachte ich mir zumindest – soweit ich denken konnte. Das Sprechen wurde immer anstrengender und kraftraubender.

Lähmungen

Mittlerweile hatte die Lähmung auch Teile meines Gesichts ergriffen. Der rechte Mundwinkel war schwer zu bewegen. Nicht besonders lustig beim Essen. Schön langsam hatte ich alle möglichen Defizite ausgereizt.

Nach zwei, drei Wochen sollte ich mich einmal am Tag außerhalb des Bettes auf den Sessel setzen. Es schauderte mich davor. Ich war an unzähligen Schläuchen und Drähten angehängt und es war umständlich mich loszumachen. Unzählige Handgriffe waren notwendig, um mich aus dem Bett zu bekommen.

Wenn möglich, beließ ich es dabei am Bettrand zu sitzen. In den Rücken und auf die Seiten bekam ich große Polster, um nicht umzufallen. So versuchte ich es auszuhalten. 15 Minuten waren am Anfang gerade noch drinnen. Dann plagte mich der Schwindel.

Einmal waren die Pflegekräfte dabei, andere wichtige Sachen zu erledigen und vergaßen mich. So harrte ich aus. Mit jeder Minute sackte ich immer mehr zusammen. Am Schluss hing ich nur mehr im Sessel, vor mir der festgestellte Tisch auf den ich nieder gesunken war. Über eine halbe Stunde verbrachte ich in sitzender Position. Endlich konnte ich auf mich aufmerksam machen und die Krankenschwester befreite mich schleunigst. Für den Rest des Tages lag ich ermattet im Bett. Mein Tagespensum an Kraft war aufgebraucht.

Ohne Brille in der Intensivstation

Zu alldem kam, dass ich normalerweise Kontaktlinsen trage, aber mit der Lähmung  nicht in der Lage war, sie in die Augen zu geben. Meine Brille hatte ich kurz davor kaputt gemacht und war nicht zum Augenarzt gekommen. So kam es, dass ich die ersten Wochen ohne Sehhilfe auskommen musste. Ich war faktisch blind.

Ohne Brille oder Kontaktlinsen konnte ich kaum jemanden erkennen. Ein befreundeter Optiker machte mir dann, auf gut Glück, eine Brille. Zum ersten Mal konnte ich die blühenden Bäume vor dem Fenster sehen.

So verbrachte ich die Zeit auf der Intensivstation für mich doch recht ruhig. Von den Schwierigkeiten draußen bekam ich nichts mit. Alles war so fern. Dass meine Gewerbescheine in der Zwischenzeit stillgelegt  und eine Erwerbsunfähigkeitspension für mich angesucht worden war, hätte ich nicht verstanden.

Ich lebte in meinem eigenen Universum, das nicht über mein Krankenbett hinausging.