Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Propriozeption, was für ein schwieriges Wort! Eigentlich vermeide ich es, denn es kommt eigentlich nie richtig aus meinem Mund. Dabei beschreibt es, womit ich am meisten zu kämpfen habe. Ohne es, wäre keine körperliche Bewegung möglich.
Die Propriozeption ermöglicht dem Hirn, ständig zu erkennen, wo sich jeder Teil des Körpers gerade befindet, aber auch wie er sich bewegt. Es handelt sich um eine Eigenempfindung, also keine Wahrnehmung über Reize von Außen, sondern der Körper ist sich über die Lage der Gliedmaßen rein über innere Sensoren bewusst.
Dieser 6. Sinn wird für jede körperliche Bewegung gebraucht und interagiert mit allen anderen Sinnen. Dadurch ist es möglich, sich neben einer Tätigkeit auch zu unterhalten. Diese Propriozeption funktioniert normalerweise automatisch, bei mir allerdings leider nicht mehr. Ich habe jegliche Automatisation verloren.
Deshalb spreche ich auch nach über vier Jahren noch vom Gehen lernen. Am Anfang musste ich die Gliedmaße sehen, um sie ausführen zu können, wie zum Beispiel die Beine fürs Gehen. Sah ich sie nicht, kam ich ins Stolpern. Es ist wie Schreibmaschine schreiben lernen. Am Anfang muss man jede einzelne Taste sehen, um sie zu drücken. Später braucht man fast nicht mehr hinschauen, es wird automatisiert.
Ein gutes Beispiel ist auch Blindheit oder schlechtes Sehen. Wir können die Augen schließen und verstehen, wie sich diese Menschen verhalten und wie sich dieses Defizit anfühlt. Die Propriozeption ist aber eine innere Empfindung, die kaum zu verstehen ist und nachgestellt werden kann.
Diese Doku auf Arte beschreibt vieles davon, wie es mir geht und brachte mir neue Erkenntnisse.
Durch viel Training kann ich mich wieder einigermaßen bewegen. Auf ebenen Asphalt kann ich mich fast "automatisch" fortbewegen. Aber auch dort können mich Unebenheiten ins Schleudern bringen. Aktuell versuche ich es auch unter schwierigen Bedingungen, mich bergauf zu unterhalten. So schule ich immer und immer wieder meine Automatik.
Ich mache deswegen soviel "Sport", weil ich als ehemaliger Leistungssportler durch mein jahrelanges koordinatives Training die Nerven sehr gut trainiert habe. In Radquerfeldeinrennen habe ich auf technischen Kursen immer gut abgeschnitten, hingegen wenn es um die Kraft ging, fuhr ich hinterher. Auch das Trailrunning hat mir sehr geholfen, jetzt vor allem das immer wieder in Gedanken vorstellbare. Neueste Erkenntnisse messen dem eine große Bedeutung bei, die Propriozeption in Gedanken zu üben.

Übungen auf instabilen Untergründen, wie der Schaumstoffmatte oder auf dem Wackel-Board bilden den Standard. Jeden Tag in der Früh auf das Wackelbrett, ist auch heute noch Pflicht. Reaktionsmechanismen werden dadurch abgespeichert und hoffentlich wieder antrainiert.

Bei Spitzensportlern schaut die Bewegung oft mühelos aus, weil ihre Bewegungsabläufe hocheffizient sind. Das ist auch mein Ziel, was aber oft noch nicht gelingt. Deswegen ist es mir viel Wert gewesen, die Technik des Gehens möglichst gut zu verstehen und zu lernen.
Meine Psychologin auf der Reha erkannte nach einigen Sitzungen, dass ich zwar wie viele andere auch, bei null gestartet bin, mich aber aufgrund meiner Vergangenheit auf einem wesentlich höheren Niveau befand. Meine Zeit im Sport kam mir jetzt zugute.
Wenn es doch nur so einfach wäre, einfach Gehen zu lernen. Dazu gehört weitaus mehr. Viele verschiedenste Bewegungsvarianten gehören dazu und machen mein Training abwechslungsreich. Es geht ja nicht nur um das Gehen, sondern auch das Greifen.
Mein erster Frisbee-Wurf ging genau zwei Meter weit. Ich hatte kein Gefühl für das werfen. Gleich geht es mir mit dem hineinwerfen in einen Mistkübel. Nur durch jahrelanges Training ist es mittlerweile besser geworden.
So gehört dazu:





Nach viereinhalb Jahren kann ich sagen, zum Glück habe ich nicht aufgegeben. Ich habe seit 2016 rund 17.000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Nur dadurch war es mir möglich, mich wieder einigermaßen zu bewegen und Vertrauen in mich zurückzugewinnen.

Besonders der aufrechten Haltung widme ich viel Aufmerksamkeit. Es kann Ausdruck von innerer Stärke und Sicherheit sein. Auf meinem ersten Camino hat mich in den ersten Tage kaum wer angesprochen, weil ich mit gesenktem Kopf unterwegs war und die Mit-Pilger dachten, ich wollte meine Ruhe. Dabei habe ich nur meine Füße beobachtet, um Gehen zu können. Meine Aufmerksamkeit war so vertieft in den Bewegungsablauf, dass ich für anderes nichts übrig hatte.

Eine meiner größten Fortschritte machte ich beim therapeutischen Tanzen, wo es ja um die Eigenempfindung geht. Das vergangene Jahr war nicht unbedingt leicht, denn neue Trainingskonzepte mussten her. An Therapien blieb nur das therapeutische Tanzen, daher konzentrierte ich mich in erster Linie darauf.
Besonders die Leichtigkeit steht im Mittelpunkt. Leichter durchs Leben zu gehen, war mein Ziel von Anfang an. Eine gestörte Propriozeption macht sich auch unter anderem darin bemerkbar, dass sich der Körper schwer anfühlt. Die ersten Jahre war alleine das Aufstehen vom Sitzen ein Kraftakt, der mich ans Limit brachte.



Jeder Schritt entgegen der Schwerkraft erfordert Überwindung, so ist es auch beim Tanzen. Langsam wird es besser, dieses Besser werden aber immer in meiner Geschwindigkeit und oft ist damit gemeint, dass ich besser damit klar komme. Hat mein Tagesablauf mit der Zeit als Leistungssportler viel gemein, so gilt das nicht für den Fortschritt. Ich musste neue Maßstäbe anwenden lernen und akzeptieren.
Das Tanzen tat unheimlich gut, mit den Körperwahrnehmungsübungen. Ein wichtiger Teil ist es, die Kontrolle zu verlieren. Mein ganzes Gehen ist aber auf Kontrolle aufgebaut, daher war es besonders bis in den Herbst hinein, nicht leicht zu erkennen, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Ich musste Kontrolle aufgeben, um Leichtigkeit zu finden. Eine Kontrolle, die mir das Gehen bisher ermöglichte.
Auch wenn man es von außen nicht sieht, innerlich ist mein Gehen Roboterhaft und sehr kontrolliert. Mehr Leichtigkeit ist daher ein Ziel, dass ich über die Körperwahrnehmung beim therapeutischen Tanzen erreichen möchte.
Die andere Seite ist das Denken und Sprechen. Zwischen wenig und gar nicht sind da die Fortschritte. Besonders beim Pilgern konnte ich die Propriozeption in Verbindung mit dem Sprechen sehr gut üben. Ich tue mich schwer, jetzt im Lockdown und der Corona-Krise, denn der soziale Abstand setzt mir zu und verzögert mein Vorwärtskommen, abseits der Bewegung.
Besonders das Pilgern war die beste Möglichkeit, Bewegung, Denken und Sprechen zu fördern. Wie immer, mache ich aber das beste daraus und widme mich derzeit ganz der Verbesserung der Propriozeption und versuche in spielerischer Form Verbesserung zu erreichen.

Die Bewegung ist aber eben nur eines, auch in Zukunft muss ich immer genau abwägen, was ich machen darf und kann.
Es bleibt spannend, wie ich in Zukunft Rehabilitation, Corona und das Leben unter einen Hut bekomme. Zu tun ist genug!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Corona, mit seinem Lockdown, hat mein Leben in diesem Jahr wieder einmal komplett auf den Kopf gestellt. Zum dritten Mal schon, seit dem Hirnabszess vor viereinhalb Jahren, wurde alles durcheinandergewirbelt. Und manchmal möchte ich einfach nichts mehr hören, denn dieses ständige Neu-Beginnen, dieses immer wieder Lernen, kann auch belastend werden.
In solchen Momenten ziehe ich mich gerne in meine Gedankenwelt zurück. Dann denke ich an den Camino, an diese besondere Zeit, in der alles auf die einfachen Grundlagen des Lebens reduziert war: Gehen, Essen, Schlafen. Ein Rhythmus, der mich getragen hat. Dieses Gefühl versuche ich, so gut es geht, in meinen Alltag hinüberzuretten.
Doch zu Hause prasseln die vielen Kleinigkeiten des Alltags auf mein Gehirn ein und überfordern es schnell. Dadurch bleibt mir nur begrenzt Raum für Therapie und Rehabilitation – und so komme ich langsamer voran. Der Alltag ist inzwischen selbst zu meiner Therapie geworden. Ich versuche, einen Mittelweg zu finden, ohne in allem gleich eine Aufgabe zu sehen, die ich „abarbeiten“ muss.
Nach sieben Monaten Corona-Krise kann ich einschätzen, dass ich rund 30 bis 40 Prozent meiner Kondition und meines klaren Denkens verloren habe, die ich im Februar am Camino noch hatte. Vieles war reine Schadensbegrenzung. Doch es gab auch Lichtblicke: das Tanzen etwa oder das Radfahren. Diese kleinen Erfolge gaben mir genau die Motivation, die ich brauchte. Und so wurde eines zum wichtigsten Grundsatz dieser herausfordernden Zeit: DRANBLEIBEN.

„Auf eingefahrenen Gleisen kommt man an kein neues Ziel.“
Paul Mommertz
Die ersten zwei Jahre nach dem Hirnabszess widmete ich ganz dem Erlernen der Basics des Gehens. Schritt für Schritt, oft wackelig, aber immer mit Blick nach vorne. 2018 wurde das Pilgern zu meinem großen Ziel. Eigentlich wollte ich damals vor allem die kurz zuvor vollzogene Trennung verarbeiten. Doch schon nach wenigen Tagen durfte ich spüren, dass der Camino mir so viel mehr schenkte, als ich überhaupt erhofft hatte.
Auf meinem zweiten Camino, dem Camino Norte, gelang mir dann ein erster, zarter Schritt zurück ins Leben – getragen von meinen Mit-Pilgern, die mir Halt gaben, genau dann, wenn ich ihn brauchte.
Der Camino ist eine besondere Herausforderung für Körper, Geist und Seele. Und zugleich ein Geschenk: ein Ort, an dem ich unter nahezu lebensnahen Bedingungen trainieren konnte. Obwohl ich alles neu lernen musste – das Denken, das Sprechen und die Bewegung –, fühlte es sich nie wie Therapie an. Der Jakobsweg hat seine eigene Magie. Eine, die mich bis heute begleitet.

Dieser Spruch hat seine Bedeutung. Auch für mich begann der WEG erst zu Hause. Besonders eine Frage stellte sich mit neuer Dringlichkeit: Wie kann ich das, was ich am Camino gelernt habe, in meinen Alltag hinüberretten? Diese Frage bekam eine noch tiefere Wichtigkeit, als kurz nach meiner Rückkehr vom Camino Francés der Lockdown über uns hereinbrach. Von einem Tag auf den anderen wurde Pilgern unmöglich – und ich musste eine neue Strategie finden, um mit dieser ungewohnten Situation zurechtzukommen.
Im Verlauf der Monate wurde eines schnell klar: Dieses „wieder Leben lernen“, das meine Ergo-Therapeutin im April 2019 so sanft angestoßen hatte, war in dieser Form plötzlich nicht mehr machbar. Es wurde unmöglich. Das Social Distancing, dieser unsichtbare Fluch, der seit Beginn meiner Rehabilitation über mir schwebte, machte all meine Bemühungen des Jahres 2019 zunichte, wieder am Leben teilzunehmen und es wirklich zu erfahren.
Dieses Abstandhalten war das Ende meines Anfangs. Mein Gehirn kam mit der Situation nicht zurecht und schaltete in einen Überlebensmodus. Also begann ich erneut, mich auf jene Rehabilitation zu konzentrieren, die ich in Eigenregie durchführen konnte. Ab Juni kam das therapeutische Tanzen wieder dazu – ein kleiner Lichtstrahl. Und ich begann mit dem Radfahren.
Die ersten Wochen zählte ich die Meter, die ich jedes Mal weiter schaffte. Nach zwei Monaten konnte ich bereits eine halbe Stunde fahren. Mit jedem Tritt in die Pedale gewann ich ein Stück innere Stabilität zurück.
Anfangs litt das Gehen darunter, doch ich nahm es in Kauf. Die Vorteile des Radfahrens überwogen. Meine Reaktion verbesserte sich spürbar, und plötzlich war es leichter, eine Straße zu überqueren – kleine Erfolge, die mir gutgetan haben und die ich brauchte, um weiterzumachen.
Jetzt ist es jedoch zu kalt fürs Radfahren, und ich habe das Gehen wieder in den Vordergrund gestellt. Im Moment ist es wichtig, genug zu tun, um mit einer möglichst guten Kondition in den Winter zu kommen. Schritt für Schritt, so wie damals am Camino – nur eben zu Hause, auf meinem eigenen Weg.

Es war von Anfang an tief in mir verankert, dieser Wunsch, alles dafür zu tun, das Gehen wiederzuerlangen. Ein innerer Entschluss, der mich durch die ersten schweren Monate trug. Doch im Sommer 2019, nach dem Camino del Norte, zeigte sich etwas, das bis dahin im Verborgenen geblieben war: eine ausgeprägte Muskelschwäche. Die Folgen des Hirnabszesses waren zuvor so mächtig, dass sie andere Probleme schlicht überdeckten.
Die fünf Monate dauernde intravenöse Antibiotikatherapie im Krankenhaus war Gift für meine Nerven und Muskeln gewesen. Erst als der Schleier der Krankheit langsam von mir abfiel, zeigte sich das eigentliche Ausmaß. Zurück blieb eine Propriozeption, die in Verbindung mit der Muskelschwäche besonders schwer zu verbessern war.
Das Gehen lernen – oder besser, der Umgang mit all den Defiziten – wurde zur stetigen Herausforderung. Von außen konnte man das kaum sehen. Für viele war ich derjenige, der bereits zwei große Caminos gegangen war: den Camino Francés und den Camino del Norte.
Doch was man sah, war nur die Oberfläche. Ja, ich lernte dort besser zu gehen, aber noch viel mehr lernte ich, mit meinen Einschränkungen umzugehen. Das erleichterte vieles, ohne Zweifel. Doch das eigentliche Ziel ist bis heute dasselbe geblieben: wirklich Gehen zu lernen – und nicht nur, besser mit meinen Defiziten zu leben.
Mit dem Beginn der Corona-Krise war alles, was ich mir in den Monaten davor mühsam erarbeitet hatte, plötzlich vorbei. Das Pilgern, das langsame Gewöhnen an die Stadt und an Menschen, das Verbessern meines körperlichen Zustands – all das wurde abrupt unterbrochen. Und so stand ich vor der Frage: Was jetzt? Fast alle Therapien wurden ausgesetzt. Nur das therapeutische Tanzen blieb mir so lange wie möglich erhalten. Dieser kleine, beständige Input trug mich durch diese Zeit. Dafür bin ich meiner Therapeutin bis heute zutiefst dankbar, denn vieles von dem, was ich dort lernen durfte, wurde zu meinem Anker.
Überhaupt wurde das therapeutische Tanzen zur Grundlage für all mein Training während der Corona-Zeit – und es ist es bis heute geblieben. Es ist wie ein leiser Rhythmus, der mich immer wieder zurückholt, wenn sich der Alltag zu sehr verengt, und der mir hilft, meinen Körper neu zu spüren. Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung, zurück ins Leben.

Pilgern wurde für den Rest des Jahres unmöglich. Und so konnte ich jene mühsam über Jahre aufgebaute Grundlage nicht halten. Mein Gehirn braucht viel Zeit, um Vorgänge zu verstehen und neue Routinen zu verankern, die mir im Alltag helfen. Mit dem abrupten Ende des Pilgerns fielen viele dieser Strukturen einfach weg.
Um mich nicht zu überfordern, beschloss ich daher, auf das Vertraute zurückzugreifen – auf die Rehabilitation. Dieses „Leben lernen“, das mir meine Ergo-Therapeutin im vergangenen Jahr ans Herz gelegt hatte, blieb damit weiterhin etwas, das ich vor mir herschob, ohne es wirklich leben zu können.
Was mir jedoch hilft, sind die Spaziergänge und Wanderungen in der Natur. In den letzten Monaten bin ich fast alle Wege und Gipfel rund um mein Zuhause gegangen. Die Wälder, die Hügel, die kleinen Pfade – sie wurden zu meinem Camino vor der Haustür. Hier finde ich das wieder, was mir sonst so leicht entgleitet: Ruhe, Orientierung, ein Gefühl von Weitergehen.


Der Rundweg in Gratkorn ist einer jener Wege, auf denen ich verschiedene Aspekte des therapeutischen Tanzens oder andere Übungen einbaue. Dabei versuche ich – ganz wie am Jakobsweg – nicht in „Therapie“ zu denken, sondern mit Freude und einer gewissen Leichtigkeit durch den Alltag zu gehen. Der Weg wird so zu einem kleinen Übungsfeld, ohne dass er sich wie eines anfühlt.
Eines meiner Rituale dort ist das Müllsammeln. Dosen, Plastik, all die kleinen Hinterlassenschaften, die überall herumliegen. Je nachdem, wie viel sich angesammelt hat, wende ich zwischen zwanzig und fünfundvierzig Minuten dafür auf. Länger geht noch nicht, denn es hängt davon ab, wie oft ich mich bücken muss. Rund fünfzig Mal schaffe ich – dann ist die Kraft verbraucht, und ich beende es.
Wenn ich eine Dose vom Boden aufhebe und wieder aufstehe, wird mir oft schwindlig. Doch gerade das ist ein gutes Training, ein vorsichtiges Gewöhnen an Bewegungen, die mir schwerfallen. Begonnen habe ich damit am Camino del Norte, und jetzt führe ich es zu Hause mehrmals pro Woche weiter. Es ist Koordination, Kraft und Feinmotorik in einem – und gleichzeitig tue ich etwas Gutes für die Wege, die mich tragen.
Vielleicht ist es auch für den einen oder anderen eine Möglichkeit, sich im Lockdown körperlich zu betätigen. Ein kleiner Beitrag, der gut tut – dem Körper und der Natur.

Es war eine gute Entscheidung, praktisch nur mehr in die Natur zu gehen. Ich merke zwar, dass ich merkbar sensibler gegenüber Menschen und der Stadt geworden bin, aber dafür hat sich meine Wahrnehmung verbessert, seit ich täglich in den Wald gehe und nicht mehr in die Stadt.

Mein Kino ist jetzt der Wald und die Natur um mich herum. Ich könnte es mir nicht vorstellen in der Stadt zu wohnen. Der Wald hilft mir so sehr, jetzt weiß ich endlich, wieso ich schon als kleiner Junge gerne tief im Wald, in einer Blockhütte, in Kanada leben wollte.
So versuche ich im Lockdown und der Corona-Krise das Beste aus der Situation zu machen und die nächsten Wochen werde ich versuchen, mich weiter zu stabilisieren. Schön wäre es trotzdem, wenn es wieder mehr "Leben lernen" gäbe. Aber, das es nicht so ist, daran muss ich mich wohl oder übel gewöhnen.
Daher bleibt die Natur auch weiterhin mein größtes Rehazentrum der Welt!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Als Aufstieg wählten wir die Nordseite, denn von hier führt der kürzeste Anstieg zum Gipfelplateau. Seit Corona im März begonnen hat, verspüre ich ein langsames Nachlassen meiner Kondition und Resilience. Ich kann den damaligen Stand nicht halten und habe sukzessive über die Monate abgebaut. Nicht Pilgern gehen können, hat das seine dazu beigetragen.
Der Schöckl war das zweite Mal seit dem Hirnabszess mein Ziel. Wie schon beim ersten Mal, hatte mein Freund Bernd die Idee dazu und ich war natürlich gerne dabei. Mit meinem Sohn Noah stiefelten wir hoch.

Meine Beziehung zum Schöckl ist eine besondere. Zum ersten ist es mein Hausberg seit Kindesalter und zum Anderen ist es mein Trainingsberg mit dem Rad und zu Fuß. Allein im Winter 1994 auf 1995 war ich in der Vorbereitung auf das Idita-Sport Race in fünfzig Tagen rund zwanzigmal oben, bei jeder Schneelage.
Von allen Seiten führen Wege nach oben, leichtere und schwerere. Es führt auch eine Gondel hinauf, die aber wegen Corona derzeit eingestellt ist. Jahrelang produzierte ich auch das Video für den Schöckel Classic.
Jüngste Ausgrabungen und Forschungen berichten von einem Höhenheiligtum der Römer, welches sich rund um den Ostgipfel befand.
Ein faszinierendes Schauspiel begleitete uns. Der Süden ab Graz, lag unter einer dicken Hochnebelschicht. Man fühlte sich wie ein Raumfahrer im All. Da der Blick über das Nebelmeer keinen Halt fand, wurde es mir leicht schwindlig. Eine besondere Situation, die mich zum Stehenbleiben zwang, wenn ich schauen wollte.
Nur ein paar kleine Berggipfel ragten als Insel aus dem Nebel. Ein faszinierendes Schauspiel.
Der Norden hingegen war nebelfrei und lag unter blauem Himmel. Am Horizont erstreckte sich die Bergwelt der Steiermark.

EIn großer Motorik Park befindet sich am Gipfelplateau am Schöckl. Zahlreiche Geräte verlockten Bernd und mich, darauf herumzuturnen. Eines hatte es uns besonders angetan. Die Rolle wurde zur Herausforderung, denn es bedeutete Kraft und Koordination, die viel abverlangte. Es war zu lustig, wie wir uns damit abmühten.
Ein Großteil der Stationen war für mich noch nicht machbar und außerdem musste ich ja noch vom Berg absteigen. Die Rolle forderte mich so sehr, dass ich danach beim Gehen sehr aufpassen musste und mein Gehirn bei jedem Schritt bewusst arbeitete. Es zeigte mir mein limitiertes Verhalten sehr stark auf.






...war es ein mehr als erfolgreicher Tag. Das Gehen bleibt auch in Corona-Zeiten eine der wichtigsten Teile meiner Rehabilitation, besonders das Gehirn, bzw. das Denken, steht und fällt damit. Das Pilgern war die mit Abstand beste Therapie seit 2018.
Seit Corona ist es aber nicht mehr möglich und ich habe noch keine adäquate Therapie gefunden, die mir mehr helfen kann.
"Gehen als Therapie" gewinnt für mich immer mehr an Bedeutung und wie komplex dieser Vorgang ist, wird mir immer mehr bewusst. Eine amerikanische Ärztin brauchte 8 Jahre für die Rehabilitation nach einer Gehirnblutung, dessen Auswirkungen mit mir vergleichbar sind.
Deshalb gebe ich nicht auf, was auch immer sein mag. Corona hat es verzögert, aber es ist weiterhin noch viel möglich. Wichtig ist nur, dass ich mir meinen inneren Frieden erhalte. Nur so ist es möglich, die Folgen des Hirnabszesses annehmen zu können und weiterzukommen.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
"Klettern als Therapie" verwende ich schon länger zur Stabilisierung meines Körpers. Die Muskelschwäche hat sich kaum gebessert, aber es hilft mir zu mehr Stabilität im Körper.
Mit weiteren Körperübungen versuche ich es zu verbessern, aber das Klettern im Freien tut auch dem Kopf gut. Es spürt sich nicht an, wie Therapie. Das ist wichtig, denn Freude und Spaß sind die wichtigsten Eckpfeiler meiner Rehabilitation.

Klettern ist vielleicht übertrieben gesagt. Ich steige noch immer knapp über dem Boden hin und her. Es ist keine so große Überwindung mehr wie am Anfang, trotzdem muss ich aufpassen. Einen Fehltritt oder -griff kann und möchte ich mir nicht leisten. Schwindel kann jederzeit auftreten, da bin ich noch übervorsichtig.
Ich bleibe noch immer maximal einen halben Meter über dem Boden, in manchen Momenten auch etwas höher. Absetzen sollte überall möglich sein. Ich halte mich immer in einem sicheren Bereich auf, meine Reaktionszeit ist nämlich noch zu schlecht.
Als ich vor etwa drei Jahren am oberen Ende einer Treppe stürzte, rutschte ich liegend langsam über die Stufen nach unten, ohne zu reagieren. Erst nach einigen Sekunden, ich war schon unten, folgte mein Gehirn mit den Gedanken dazu.
Unter anderem kann ich deswegen noch nicht laufen. Die Bewegung ist zu schnell, ich kann es noch nicht denken. Stürze ich beim Gehen, kann ich erst reagieren, wenn ich schon lange liege. Ein eigenartiges Gefühl, alles läuft in Zeitlupe ab, aber das Denken ist verhindert.

Im Zigeunerloch kann ich auch bei Regen oder Schnee trainieren, denn der Höhleneingang schützt vor Nässe. Imposant sind die Felswände rings um einen. Oft stelle ich mir vor, wie ich nach oben klettere. Es ist schon ein Ziel von mir, eine leichte Kletterei am Seil gehen zu können.
Es ist ein kraftvoller Ort, wo es auch schön ist, nur zu sitzen und die Gegend rundum aufzunehmen. Fühle ich mich nicht gut zum Klettern, dann setze ich mich hin und beobachte die Natur. So habe ich immer etwas davon.
Das Zigeunerloch ist die einzige Möglichkeit, zu Fuß eine Möglichkeit zum Klettern zu erreichen, vor allem im Winter.

Die Arme zeigen mir mein Limit schnell auf. Auch die Technik muss ich noch besser lernen. Es ist wie gehen lernen, noch gelange ich zu schnell an meine Grenzen. Besonders die Fingerkraft fehlt mir. Nach 15 Minuten bin ich am Ende, weil die Finger und Handgelenke nicht mehr mitmachen.
Zu Hause trainiere ich immer wieder die Finger mit Finger-Trainingsgeräten. Fortschritt stellt sich nur bedingt ein, denn auch beim Schreiben mit der Hand bin ich noch kaum weiter gekommen.
Aber ich bleibe dran, denn auch kleinste Verbesserungen bringen Lebensqualität und so ist es auch mit dem Klettern. Viele kleine Dinge, die ich mache, ergeben das Große.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist neben der Stabilität, die Koordination und das Wahrnehmen für den Abstand. Ich lerne, mich besser zu bewegen. Gehirn und Körper werde besser gleichgeschaltet.
Mehr als 30 Sekunden am Stück ist es mir noch nicht möglich, mich im Fels zu halten. Diese Zeit auszubauen ist mein Ziel. Intuitiv und Automatisch zu klettern, wird mir auch beim automatischen Gehen helfen. Nächstes Jahr werde ich dann hoffentlich auch in die Senkrechte klettern können.
Ich versuche durch die Wand zu gehen. Dabei ist es notwendig, mich immer wieder zu verschränken und zu verbiegen. Klettern ist überhaupt ein Training, welches alle Muskelgruppen erreicht. Kraft aufbauen ist mir ja leider nicht leicht möglich, also muss ich alles tun, was die Funktion der Muskeln unterstützt.
Radfahren hat mir für mehr Stabilität sehr geholfen. Es geht aber nur sehr langsam voran, wie alles. Dranbleiben ist einfach alles. Dieses dranbleiben habe ich durch den Sport gelernt. Ich hätte mich auch nach zwei Jahren hinsetzen können und zufrieden sein können.
Das wollte ich aber nicht, mich hinsetzen. Da kam mir immer wieder in den Sinn, als mein Freund Harry einmal sagte:
"ZUFRIEDEN heißt: Deckel ZU und FRIEDE! Das macht man als Toter im Sarg am Friedhof."
Also mache ich weiter, denn jeder kleinste Fortschritt bringt mir Lebensqualität, mehr und mehr. Gerade die Stabilität bringt mir viel, daher trainiere und übe ich auch jeden Tag.
Dieses Mal bin ich besser darauf vorbereitet. Der erste Lockdown hat nicht nur mich kalt erwischt. Auf diese Erfahrungen kann ich jetzt aber aufbauen, obwohl das Denken dazu noch schwierig ist. Wichtig wird es sein, dass ich mir Freude und Spaß erhalte, denn damit komme ich besser über den Winter.
Das "Klettern als Therapie" wird ein Baustein unter vielen sein, die ich auch im Lockdown ausüben werde. Wie ich mit dem Rest klarkomme, werde ich erst sehen.
Am meisten hat mich getroffen, dass kein "Leben lernen" im Lockdown möglich ist, deswegen stürze ich mich wieder in Therapie und Rehabilitation. Es lenkt mich ab und hilft mir, Halt zu finden.

Mit dem "Klettern als Therapie" ist immer ein längerer Spaziergang verbunden, denn das Gehen muss ich noch immer üben. Der Aufenthalt in der Natur und auf den Wanderwegen rund um meine Heimat, hilft mir sehr und in Corona-Zeiten noch mehr.

Ich versuche mich auch im Nachtwandern, da es schon ab 17 Uhr finster ist. Dabei kommen immer wieder tolle Bilder heraus, was mich geistig fordert und mein Denken schult. Diese Fotos habe ich unter Mithilfe meines Sohnes Noah gemacht. Es war ein toller Spaziergang durch die Finsternis.
Den Lockdown und die Winterzeit werde ich in jeden Fall dazu benützen, gezielt Kraft, Stabilität und Ausdauer zu trainieren.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Der Herbst hat Einzug gehalten und schön langsam gewöhne ich mich an die kühleren Temperaturen. Bevor der Winter kommt, nutze ich noch einmal die Gelegenheit, alle Rot-, Gelb- und Grün-Töne aufzusaugen. Beim Spaziergang an der Burgruine Peggau vorbei, tauche ich ein, in alle möglichen Rot- und Orange-Töne.
Der Farbwechsel ging jetzt sehr rasch vonstatten und er wird auch schnell wieder vorbei sein, daher nutze ich jeden Tag für Spaziergänge. Der Lockdown gibt einen weiteren Grund, sich voll und ganz auf die Natur einzulassen. Diese Farbenpracht in den Wäldern und der Natur verzaubert einen, ein Waldzauber eben.
Die Burgruine Peggau wurde im 12. Jahrhundert erbaut und ist heute in Privatbesitz. 10 Jahre war Peggau meine Heimat und meine Kinder sind dort aufgewachsen. Die Wanderwege rund um die Burgruine herum, mit dem Wasserfall, waren beliebte Spaziergänge und noch heute, 10 Jahre später, komme ich gerne für Ausflüge zurück.
Ein sechseckiger Schalenturm aus dem 13. Jahrhundert, diente im 15. und 16. Jahrhundert wahrscheinlich als Alchemisten Küche. Dinge, für die ich mich erst seit heuer interessieren kann. Zwar begrenzt, aber doch. So erarbeite ich mir immer mehr Lebensqualität, die nicht aus Therapie besteht, die ich aber nur erreiche, dass ich dranbleibe, auch wenn der Ausgang ungewiss erscheint.

Gerade die herbstliche Farbenpracht in den Wäldern rund um Peggau ist ein wunderschönes Ausflugsziel. Da ich den Lockdown für mich nutze, um in der Rehabilitation weiterzukommen, nehme ich solche Ausflüge gerne dafür heran, etwas ohne den Gedanken der Therapie zu machen. Was eigentlich nicht stimmt, denn alles, was ich mache, bringt mich ein Stück weiter und fällt unter Therapie.
Solche Tage stehen dann allerdings unter Ausflug und nicht unter dem Gedanken der Therapie. Es ist wichtig zu lernen, nicht mehr alles unter Therapie zu sehen, auch wenn noch jede kleinste Bewegung der Verbesserung dient.
Dazu lenkt mich die Beschäftigung mit der Geschichte rund um Peggau ab, in der ich nicht an Therapie denke. Es gibt da so viel zu entdecken, besonders die Römer interessieren mich. Erstmals seit Jahren besuchte ich heuer das Pilger-Museum in Santiago de Compostela, dank einer Pilgerfreundin. Es war ein wichtiger Schritt zurück ins Leben.
Seinen Fortsatz fand es erst am Jakobsweg Carnuntum wieder, mit Alexander Rüdiger, in der Corona-Zeit. Dort besuchte ich das Freilichtmuseum Carnuntum mit der Geschichte um den römischen Kaiser Marc Aurel, der mir zwar bekannt war, ich aber nicht um dessen Verbindung mit Österreich wusste. So erobere ich mir wieder, Schritt für Schritt, ein Leben zurück, dass nicht nur aus Therapie besteht.
Trotzdem therapiere ich so im Alltag (Gehirntraining), welches ich allerdings nicht als Therapie wahrnehme. Die Geschichte der Burgen rund um Peggau, die Badlwand und die Römer Ausgrabungen, lassen in dieser Zeit der Ausgangssperre trotzdem ein Leben zu, dass ich genießen kann. Der Lernprozess dazu dauerte lange, da mein Gehirn mit den Vorkommnissen rund um Corona überfordert war. Langsam finde ich mich aber damit zurecht.
Farben haben einen besonderen Einfluss auf uns, deswegen habe ich mich am Camino del Norte im letzten Jahr viel bunter gekleidet. Ich wollte wieder mehr Farbe in mein Leben bringen, dass bis dahin zu grau war. Blau, Grün und Gelb waren meine Farben dort und auch heuer, am Camino Frances im Februar, waren Blau und Grün herausstechend.
So nehme ich heuer alle Farben viel bewusster auf, besonders die der Jahreszeiten. Zurzeit sind es die Rot-Töne in der Natur. Rot erhöht unseren Energielevel und stärkt die seelische Kraft. Es hat einen starken Einfluss auf das vegetative Nervensystem und belebt auf positive Weise die emotionale Ebene. Darum tut es gut, sich mit der Farbe Rot auseinanderzusetzen.



Die Blätter wandeln sich im Moment alle Tage und bringen Rot-Töne in allen Variationen, dazu Grün und Gelb, sowie Orange. Sie lassen mich immer wieder bewusst innehalten, darin eintauchen und dieses Farbspektrum in mich aufnehmen.
Die Farbtherapie ist nicht umsonst sehr wirkungsvoll. Ich kann das auch unter künstlichen Bedingungen tun, aber die Natur stellt uns das alles sowieso zur Verfügung und solange ich die Natur dazu zur Verfügung habe, nutze ich sie auch.




Diese Tage sind sehr wertvoll für mich, weil ich mich in dieser Zeit auf den Winter vorbereite und noch möglichst viele heilende Farbschwingungen mitnehmen möchte. Denn nicht nur die Bewegung, auch alles andere sind Bausteine für Heilung und die Natur spielt darin eine besondere Rolle.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Der Lockdown im letzten März hat mich unvorbereitet überrascht. Bis Anfang März war ich noch am Camino Frances unterwegs, dann noch für ein paar Tage in Paris, in denen ich mich weiter an die Stadt gewöhnen wollte.
Wieder daheim, ging ich den Wiener Wallfahrerweg mit Alexander Rüdiger, von Wien nach Mariazell. Ich wollte noch weiter zu Fuß nach Judendorf gehen, aber einen Tag später, als wir nach Mariazell kamen, fand der erste Lockdown statt. Jetzt haben wir neuerlich eine Ausgangssperre.
Ich und mein Gehirn konnten damals mit der Situation kaum umgehen und ich brauchte einige Zeit, bis ich wieder funktionierte. Es gab keine Therapien mehr und alles was ich am Camino Frances gelernt habe, nämlich wieder zu Leben, war von einem auf den anderen Tag nicht mehr gültig.

Wie ich den 2. Lockdown verkraften werde, ich weiß es nicht?
Social Distancing machte mir bisher schon zu schaffen. Nur durch Sprechen kann ich neue Verbindungen wieder aufbauen, diese Unterhaltungen fehlen mir seit März. Mein Sprechen wurde wieder undeutlicher und das Gedachte kann ich nur schwer in Sprache und Wort umsetzen.
Brauchbare Alternativen konnte ich bisher nicht finden, denn nichts kann das persönlichen Gespräch ersetzen. Strukturen schaffen hilft mir seit dem Hirnabszess und wird auch diesmal ein wichtiges Rezept. Drei Punkte habe ich mir vorgenommen, auf die ich besonders achten und nutzen werde:
Andererseits, diese Punkte bilden schon seit viereinhalb Jahren in groben Zügen mein Gerüst für die Rehabilitation, denn eigentlich befinde ich mich seit dem Hirnabszess in einem persönlichen Lockdown.

Mich in der Natur aufzuhalten, hilft mir sehr. Schon beim ersten Lockdown war ich noch viel mehr im Wald unterwegs. Wollte ich die Jahre davor mich wieder an die Stadt, die Menschen und den Trubel gewöhnen, so habe ich das mit dem Beginn der Corona-Krise aufgegeben. Eigentlich aufgeben müssen, den es war plötzlich nicht mehr möglich.
Stattdessen habe ich den Aufenthalt in der Natur verstärkt und ich bleibe dabei. Es geht mir in vieler Hinsicht besser damit. Klar - Autos, Verkehr und Menschen stressen wieder mehr, aber nur im Wald finde ich die Ruhe, die meinem Körper guttut.

"Erklimme die Berge und spüre die gute Energie. Der Friede in der Natur wird in dich fließen wie der Sonnenschein, der die Bäume nährt. Der Wind wird dich erfrischen, der Sturm dich mit Kraft erfüllen und alle deine Sorgen werden abfallen von dir, wie Herbstblätter."
John Muir, amerikanischer Universalgelehrter, 1838 - 1914
Der Herbst zeigte sich in voller Pracht bei einem Spaziergang um die Ruine Peggau. Die Blätter verfärben sich und künden den nahen Winter an. Es tut einfach gut, in diese Welt einzutauchen.

Grün ist die Farbe der Heilung, daher gehe ich so gerne in den Wald. Die sich zurzeit rot verfärbenden Blätter energetisieren und beleben Körper, Geist und Seele. So hat jede Jahreszeit ihr Eigenes.


Die Natur braucht länger zur Heilung, aber dafür ist es nachhaltiger und ohne Nebenwirkungen. Es gibt so viele natürliche Möglichkeiten, aber der Mensch möchte immer nur den schnellen Erfolg und greift daher zu Medikamenten.
Ich vertraue auf die Kraft der Natur und der bisherige Erfolg gibt mir recht. So werde ich auch diese Ausgangssperre (Englisch Lockdown) bestmöglich für mich nutzen, an mir weiterzuarbeiten und gestärkt daraus hervorgehen.
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Wie passt #cleanupwalking und #plogging mit Therapie zusammen? Es hat für mich 2019 am Camino del Norte begonnen. Der Dreck am Rande des Weges störte mich. So begann ich, ihn aufzuheben.
In den Herbergen wurden damals Müllsäcke verteilt, um seinen eigenen Müll auf der Etappe zu sammeln und später entsorgen zu können. Meiner Hochsensibilität war der Müll schon immer ein Dorn im Auge. Ich begann am Camino damit, eine Stunde am Tag, ihn aufzuheben.
...und heute noch mache ich das auch zu Hause.
Zu Hause setzte ich das fort. Auf dem Weg zum Einkaufen, mache ich seither jede Woche einen Cleanupwalk. Man arbeitet allerdings gegen Windmühlen. Es ist mir Unverständlich, dass jede Woche an den gleichen Stellen, erneut Plastik und Dosen liegt. Es kommen oft zwei bis drei Säcke zusammen.
Mehrmals in der Woche verwende ich eine Stunde mit dem Einsammeln. Es hat gleichzeitig therapeutische Wirkung, denn das bedeutet sich etwa 50 x Niederbücken oder hinhocken. Für mich ist das gleichzeitig Training, denn mit dem Hinunterbeugen habe ich noch große Probleme.
Es ist ein Krafttraining für die Beine, Koordination und Sensomotorik. Therapie im Alltag, mit der ich auch Sinnvolles mache.

Ein toller Nebeneffekt ist es, dass ich den Schwindel immer besser unter Kontrolle bekomme. Liegt viel Dreck, dann muss ich mich öfter hinunterbeugen und bin schnell erschöpft. So trainiere ich die Koordination, denn beim Aufheben ist ein komplexer Bewegungsablauf notwendig. Hand und Finger werden auch trainiert, denn Greifen üben ist sowieso noch wichtig.
Mittlerweile habe ich immer Handschuhe und ein Sackerl bei mir. Ich kann an keiner Dose vorbeigehen, ohne das ich sie zum nächsten Mistkorb mitnehme. Reicht mein Sackerl nicht aus, muss manchmal ein Hunde-Gackerl Sackerl herhalten. Es ist zwar nur ein kleiner Tropfen auf dem Stein, aber es gibt einem Selbst das gute Gefühl, etwas unternommen zu haben.

Ich starte gerne am frühen Morgen zu Fuß. Ich gehe zwar schon weiter, als noch vor zwei Jahren, aber meine Energie ist noch immer vor dem Ende des Tages aus. So muss ich mir genau einteilen, was und wie viel ich mich bewege.
Ich habe fast immer ein Trainingsgerät bei mir. Sei es um die Finger zu kräftigen oder einen Ball zum Jonglieren. Es ist auch gleichzeitig um automatisches Gehen zu lernen.

Allerdings kann ich bei keiner Dose vorbeigehen, ohne sie mitzunehmen. Das alles hat neben dem Reinhalten der Umwelt den Sinn, mich selbst körperlich zu verbessern.
Mein Ziel ist es ja, mit Zelt oder Biwaksack unterwegs zu sein. Das kostet mir aber noch zu viel Energie, gerade der Schwindel kommt schnell auf, beim am Boden herumhantieren. Seit ich #cleanupwalk praktiziere, hat sich das verbessert. Vielleicht geht es sich bis nächstes Jahr aus, dass ich mit Zelt gehen kann. Training um was Gutes zu tun.
Vor wenigen Tage war ich zum ersten Mal seit einem Jahr wieder einmal in Ulrichsbrunn. Dieser Kraftort ist einfach wunderschön, aber man hat an den nördlichen Rand von Graz zu gehen.

Die Grotte ist faszinierend und früher, als ich noch in Stattegg wohnte, besuchte ich sie öfter. Schon als Radfahrer bin ich vor 30 Jahren oft hingefahren, um zu meditieren. Es tut gut, solche Orte wieder einmal besuchen zu können.
Es gibt mir Kraft, mein Training durchzuhalten.



Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Wenn ich schon nicht nach Spanien zum Pilgern fahren kann, dann gehe ich eben die österreichischen Jakobswege und deren Zubringer. Der Jakobsweg Burgenland ist einer davon und führt 75 km von der Grenze zu Ungarn nach Maria Ellend.
Pilgern in Österreich ist für mich nicht leicht. Einerseits übersteigt es mein Budget mit dem oftmaligen Übernachten in Gasthäusern und Hotels, denn es gibt die Infrastruktur nicht, wie in Spanien mit den Herbergen.
Andererseits sind die Beschränkungen wegen Corona für mich nicht leicht zu Hand-zuhaben. Besonders das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln (Stichwort Maskenpflicht), stellt für mich eine besondere Herausforderung wegen der Krankheit dar. Dazu ist diese allgegenwärtige Unsicherheit, die meine Rehabilitation erschwert.
Ich war bisher einige Male mit Zelt oder Biwaksack unterwegs, an die ich meinen Körper allerdings erst gewöhnen muss. Hoffentlich bis nächstes Jahr, da ich dann durch Österreich gehen möchte. Mit Alexander Rüdiger ziehe ich es bequemer vor, übernachtet wird nur in Gasthöfen, also ein wesentlich angenehmeres Pilgern.

Der Jakobsweg Burgenland beginnt in Pamhagen, geht weiter über Frauenkichen, durch Neusiedl am See, nach Bruck am Leithagebirge und geht bei Maria Ellend in den Österreichischen Jakobsweg über.
Die Besonderheit am Jakobsweg Burgenland ist es für mich, dass die ersten zwei Tage große Ähnlichkeit mit der spanischen Meseta am Camino Frances aufweisen. Größere Distanzen zwischen den Orten und sehr flach, ist im Sommer sicher eine Herausforderung, aber Ende Oktober sind keine hohen Temperaturen mehr zu erwarten.
Für mich ist es spannend, wie ich den Weg vertrage. Mit Alexander übe ich sehr stark das automatische Gehen, da wir viel reden und ich dadurch vom Gehen abgelenkt werde. Da wir keine hohe Kilometerleistung vorhaben, sollte das klappen. Trotzdem muss ich aber aufpassen, denn die kühleren Temperaturen, die schwierige Anreise und in der Corona-Zeit schlechter gewordene Gehen, lassen mich vorsichtig werden.

Nach der Anreise mit der Bahn und dem Bus, besuchen wir die Kirche und gehen dann los. Es ist spannend, wie ich diesen Teil von Österreich erleben werde. Das letzte Mal war ich, genau wie diesmal, mit Alexander in dieser Gegend unterwegs, und zwar beim Extremsport Event "Burgenland Extrem", nur zwei Monate vor dem Hirnabszess. Damals planten wir einen Film über den Camino in Spanien.
Ein starker Wind von hinten schob uns über die Wege, auch die Sonne hatten wir im Rücken, gleich wie in Spanien. Schon von weitem sahen wir die Doppeltürme der Basilika von Frauenkirchen, es war aber noch ein weiter Weg dorthin. Die Entfernungen täuschen, auch wenn man das Ziel schon sieht.
Eine Kapelle und viele Bildstöcke säumen den Weg durch Felder und Weingärten und scheint typisch für den Jakobsweg Burgenland zu sein. Das Gehen im ausschließlich Flachen Gelände strengt an und der zehn Meter lange steile Weg hinauf zu einem Bildstock, der auf einem Hügel trohnt, war eine willkommene Abwechslung für die Beine.






Nach dem Losgehen setzen wir uns neben der Kirche kurz auf eine lieblich gestaltete Bank. Die Besitzerin schaut kurz aus dem Fenster und wünscht uns alles Gute für den Weg.
Nach kurzem hin und her durch Frauenkirchen, führt der Weg wieder über endlose Geraden, den immer wieder Pilgerkreuze oder kleine Kapellen unterbrechen, die von Bäumen umringt sind wie in der Meseta, die Landschaft.











Die ersten beiden Tage waren schon sehr schön, aber heute am letzten Tag, kamen auch mehrere Erlebnisse dazu, die den Tag aufheitern sollten. Das erste Erlebnis findet gleich außerhalb von Neusiedl statt. Auf einem einsamen Radweg gehen wir in Richtung Bruckneudorf.
Es ist niemand unterwegs, außer uns. Alexander und ich müssen einmal austreten und stellen uns an den Rand, zwischen die Bäume neben dem Weg. Nach einer Stunde ohne Begegnungen und mehreren hundert Metern Sicht in beide Richtungen sehen wir niemanden. Allerdings können wir gar nicht so schnell schauen, kommt ein elektrisch betriebenes Behinderten-Mobil mit einem Affenzahn daher.
Tief nach vorne gebeugt, um dem Gegenwind keine Stirn zu bieten, schaut er weder nach links noch rechts und verringert auch seine Geschwindigkeit nicht, als er an uns vorprescht. Es ist eine derart skurrile Situation, dass wir lange brauchen, um uns vom Lachen zu erfangen. Es sollte nicht die einzige Begegnung bleiben, an die wir zurückdenken werden.

Weiter geht es nach Bruckneudorf und Bruck an der Leitha, wo wir eine Mittagsrast halten wollen. Zuvor geht es über einsame Feldwege und vorbei an der Vitus-Kapelle mit der Jakobsmuschel drauf. Gleich darauf ein Militärmuseum im Freien, dass auf die Kriegsvergangenheit dieser Gegend hinweist.
Ab der Kapelle gehen wir entlang des Truppenübungsplatzes Bruckneudorf, an deren Ende sich die Kaserne befindet. Nur wenige Meter über die Leitha erstreckt sich danach Bruck. Auf dem Weg dorthin treffen wir auf zwei Soldaten, die die Kaserne bewachen. Zwei junge Rekruten, bewaffnet mit Maschinengewehren, machen eine Kontrolle und verlangen unsere Ausweise.


Alexander gibt seinen hin und ich krame umständlich in meinem Rucksack, um ihn zu suchen. Die beiden sind zwei junge Burschen, die wohl ihre Ausbildung hier machen. Alex fragt beiläufig wie weit es noch bis Bruck a.d.Leitha sei und wo es ein Gasthaus gibt?
Als Antwort bekommt er: "Das weiß ich nicht, ich bin nicht von hier!". Ich denke mir nur, oje, die beiden sind sicher aus Tirol oder Salzburg, fern der Heimat und müssen hier ihren Dienst versehen. Beiläufig und mitfühlend frage ich: "Woher kommt ihr denn?". Darauf hin höre ich nur "Wien"! Ich wieder: "Nein, von wo ihr herkommt, wo ihr zu Hause seid, meine ich?". Die fiepsende Antwort: "Aus Wien kommen wir!".
Verblüfft bleibt mir der Mund offen, denn Wien ist keine 30 Kilometer von hier entfernt. Er kennt sich hier nicht aus und das Bruck an der Leitha auf der anderen Seite des Flusses liegt, weiß er nicht. Da möchte ich wissen, was er kontrolliert, wenn er nicht einmal weiß, wo er ist. Und das 30 Kilometer von zu Hause entfernt. Schön langsam verstehe ich die Kritik am Einsatz von Präsenzdienern an der Grenze. Die beiden wissen ja nicht einmal wo sie sind.
Mit dem Leithakanal überqueren wir die Grenze zu Niederösterreich und lassen damit das Burgenland hinter uns. Unser erster Weg führt uns zur barocken Kirche zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit, die im Zentrum steht. Nicht alle Gasthäuser haben offen und so entscheiden wir uns für das am Schloss Prugg gelegene Gasthaus und lassen es uns gut gehen.
Da wir noch eine lange Strecke bis nach Maria Ellend vor uns haben, Stärken wir uns gut, bevor wir den letzten Teil angehen.


Wir sind jetzt in hügeligen Gelände und haben einen langen Waldweg vor uns, der uns nach Maria Ellend bringt. Das bergauf und bergab tut gut, nach dem langen Gehen im Flachen. Der Weg zieht sich noch und dauert länger als gedacht.





Ich verpasse meinen direkten Zug nach Hause und somit muss ich noch dreimal umsteigen und komme erst spät am Abend nach Hause.
Mein Resümee fällt wie meistens beim Pilgern sehr positiv aus. Ein toller Weg, der viele Gedanken an den Camino Frances hochkommen ließ. Das Pilgern ist das einzige, woran ich mich derzeit festhalten kann. Auf dem Weg fühle ich mich glücklich und voller Freude.
Zu Hause besteht mein Tagesablauf aus Rehabilitation, Training und Üben. Dazugekommen ist Corona, welches meine Rehabilitation sehr verändert hat. Kurze Ausbrüche aus diesem Leben, wie der Jakobsweg Burgenland, halten meine Motivation hoch, denn ausschließlich Rehabilitation seit vier Jahren halte selbst ich nicht aus.

Dieses Jahr brachte mich durch Corona oft genug ans Limit, ein Limit, das besser verwendet wäre. Aber ich muss damit Leben lernen, bloß das dieses "Leben lernen" einen zusätzlichen, anderen Anstrich bekam. Gerade die wieder stärker werdende Corona-Krise bringt mich von meinem Ziel wieder weiter weg. Statt sozialer Kontakte werde ich immer mehr zum Eigenbrötler.
Jeden Tag erlebe ich NEU, so ist es mir unmöglich, altes aufzuarbeiten. Mein Gehirn macht da nicht mit. Ich kann nur jeden Moment im JETZT genießen und schauen, dass ich jederzeit das Beste daraus mache und versuche, mich wohlzufühlen. Freude und Glücklichsein versuche ich in mir zu kultivieren, egal durch was. Es gelingt nicht immer, aber immer öfter. Damit wird auch die Vergangenheit nicht mehr so wichtig, die mich zeitweise noch immer einholt.
Geschichte schreiben ist eine Art, sich das Vergangene vom Halse zu schaffen.
Johann Wolfgang von Goethe
Ja, das Schreiben an meinem Buch hat unter Corona sehr gelitten. Ich merke das auch an der Häufigkeit meiner Blogartikel. Mir fehlt die Konzentration und die Muße zu schreiben. Mit der Hand bekomme ich bloß ein, zwei Sätze zusammen, dann wird es unleserlich. Die veränderte Denkweise durch Corona nimmt mich so in Anspruch, dass ich an anderer Stelle zurückschrauben musste. Manchmal habe ich nur das Gefühl zu überleben, anderes hat keinen Platz.
Darum sind solche Auszeiten wie am Jakobsweg Burgenland besonders wertvoll. Ich bekomme neue Ansichten, Einsichten und Aussichten und bin von der Rehabilitation abgelenkt. Mit dem Gehirn arbeitete und übte ich viel, aber es hat nichts so sehr geholfen, wie das Gehen in Spanien am Camino.
Vielleicht gelingt es mir, wieder mehr zu Schreiben, denn ich brauche etwas, an dem ich mich außer dem Gehen noch festhalten kann!
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Pilgern, einmal NICHT von Zuhause weg. Der Jakobsweg Carnuntum war das Ziel, von der Grenze zur Slowakei, bis nach Schwechat. Die Donau-Auen bei Hainburg und die Geschichte um den römischen Kaiser Marc Aurel, begleitete Alexander Rüdiger und mich, diesen drei Tage dauernde Pilgerweg. Wir waren bereits Mitte September unterwegs, aber da ich mich im Moment mit dem Schreiben schwertue, bin ich erst dieser Tage fertig geworden.
Es war das erste Mal seit Mitte März, dass ich von Zuhause weggefahren bin. Außer zum therapeutischen Tanzen nach Frohnleiten, verwendete ich seither kein öffentliches Verkehrsmittel (außer zweimal zum Heimkommen). Die Herausforderung bestand nicht so sehr im Pilgern, als wie ich mit dem Zugfahren zurechtkomme. Corona und die Maskenpflicht sind mein größtes Hindernis, besonders das Tragen der Mund-Nasen Maske setzt mir schwer zu.
Es waren einige schöne Tage vorausgesagt und bei Mondlicht ging es sehr früh zum Zug. Ich gehe gerne zeitig in der Früh und genoss den beginnenden Tag. Einzig der Mund-Nasenschutz machte mir Bedenken, wie ich es im Zug aushalten werde. Ein Problem bereitet mir dabei die Sauerstoffversorgung, denn dadurch erhöhten Kraftaufwand für die Atmung merke ich stark. Durch die Muskelschwäche gelangt weniger Sauerstoff bei den Muskeln an und die Maske verringert ihn noch mehr.

Deshalb versuche ich alles zu vermeiden, wo ich eine Maske tragen muss, leider fallen darunter auch längere Zug- und Busfahrten. Ich kann dadurch aber auch lernen. Durch die erlittenen Traumen der vergangenen Jahre, bin ich stark auf Vermeidung fixiert und komme oft in die Beseitigung von Hürden.
Das Gegenteil davon ist der Annäherungsmodus, wo ich auf ein größeres Ziel dahinter fokussiert bin. Es hat etwas Positives in sich und ich kann es nutzen, Stufe für Stufe, wie auf einer Treppe, nach oben zu steigen, anstatt eine Mauer einzureißen. Jedes "aktuelle Problem", kann ich damit auch in einem positiveren Licht sehen. Im Zug komme ich an der Maskenpflicht nicht vorbei und deshalb bin ich deswegen die letzten Monate nirgendwo hingereist.
Die insgesamt dreistündige Fahrt nach Wolfsthal sollte ein erster Test sein, wie ich damit zurechtkomme. Am Weg hin war es grenzwertig, aber ich habe es ausgehalten. Ruhig sitzen und gleichmäßig atmen, war die Anforderung. Ein recht leerer Zug erleichterte mir die Fahrt. Ich war stolz auf mich, mich damit auseinandergesetzt zu haben. Schlussendlich war ich aber froh, über Schwechat/Flughafen in Wolfsthal anzukommen.

In Wolfsthal angekommen, erwartete mich schon Alexander und ein blauer Himmel, wie es schöner nicht sein konnte. Es war früher Vormittag und Temperaturen bis +25° warteten auf uns. Wir besuchten die Kirche, holten uns den obligatorischen Stempel und brachen auf.


Der Jakobsweg durch Österreich, den ich schon lange vorhabe, sollte mit dieser dreitägigen Tour beginnen. Ich werde ihn nicht auf einmal gehen, sondern, wie viele andere Pilger auch, in Etappen.
Von Wolfsthal führt der Weg zur Donau und in die Donau-Auen. Jeder Schritt war eine Wohltat und es war gut für den Geist, wieder einmal im Pilgermodus unterwegs zu sein. Zusätzlich wollte ich diesmal nicht an Therapie denken, sondern auch das ein oder andere Museum besuchen und die Kirchen.
Der Teil direkt durch den Auwald wurde zur Herausforderung. Die vielen Gelsen machten ihn zur Plage. Mich störte es nicht so sehr wie Alexander, denn mich störten sie kaum an. Anscheinend schwitze ich noch immer Antibiotika aus, dass die Gelsen nicht lieben. So kommen Sie zwar heran an mich, fliegen aber gleich weiter. Zu meinem Bedauern zu Alexander, mit den Händen um sich fuchtelnd und in einer Wolke von Gelsen verschwindend, möglichst schnell dem Auwald entkommen wollte.

Bei Kilometer 12 waren wir aus dem Wald draußen und in Hainburg angekommen. Ich war zum ersten Mal in dieser Stadt und gleich fasziniert. Allerdings musste ich aufpassen, mich nicht zu überfordern, hatte ich mir doch vorgenommen, etwas von der Kultur mitzunehmen. Allerdings habe ich das Museum am Ortseingang gleich auslassen müssen, das war mir dann doch zu viel.
Dafür gingen wir in Heinburg hoch zur Haimenburg, wo ich den steilen Weg hinauf schnaufte. Oben angekommen, war die Aussicht einmalig. Von den historischen Burgmauern hinab sehend, konnte ich mich in die Erbauer hineinversetzen, wie sie nach Feinden Ausschau hielten.

Die Geschichte rund um Hainburg und den römischen Kaiser Marc Aurel ist derart interessant, dass ich sicher wiederkommen werde. Denn die Kombination mit dem Jakobsweg ist so faszinierend und den wenigsten Österreichern bekannt, was sich in unserem Land alles abspielte.
Das kommt sicher auch daher, dass ich als 10-jähriger den Wunsch hatte, Archäologe zu werden.
Nach weiteren 12 - 13 Kilometern erreichten wir Petronell. Aufgrund von Corona gab es zum Übernachten nicht viele Wahlmöglichkeiten. Eine Truthahn Büste vor der Kirche entlockte uns ein Schmunzeln, ob der Bezeichnung auf der Tafel.



Im Gasthof quartieren wir uns ein und nahmen uns vor, am nächsten Tag die Ausgrabungsstätte aus der Römerzeit zu besichtigen. Diese Besichtigung war mir wichtig, denn es gehört für mich zum Leben lernen. Überhaupt wollte ich den ganzen Weg nicht an Therapie denken. Ich wollte an meinen Camino Frances im Winter anschließen, der damals so abrupt mit der Corona-Krise geendet hat.
Die Ausgrabungsstätte umfasste ein großes Areal, vor allem für uns als Pilger. Allein hier legte ich zusätzliche vier Kilometer zurück, um über das Areal zu gelangen. Es war toll, einmal auf diese Art das Leben der Römer kennenlernen und das in Österreich. Originale Bauten wurden instand gesetzt und verschiedenste Berufsgruppen dargestellt.

Kaiser Marc Aurel war mir zwar vom Namen bekannt, aber sein Wirken in Österreich war mir in dieser Weise unbekannt. In der Umgebung gibt es noch mehrere Stätten zu sehen, wie das Amphitheater, aber als Pilger war es mir dann doch zu weit bis dorthin.

Beim Weg hinaus aus Petronell, kamen wir am Heidentor vorbei, dem Wahrzeichen der Gegend und auch des Jakobsweges. Über lange Ebenen geht es über die Ortschaften Wildungsmauer und Regelsbrunn, zu unserem Etappenziel Maria Ellend.

Die Donau bekommt man dabei kaum zu sehen, befindet sich aber immer in unmittelbarer Nähe von ihr. Alexander und ich besichtigten fast jede Kirche am Weg und auch die Lourdes Grotte in Maria Ellend haben wir nicht ausgelassen.

In Maria Ellend bezogen wir auch Quartier und bereiteten uns auf die letzte Etappe nach Schwechat vor.

In der Früh lassen wir uns Zeit und frühstücken ausgiebig. Für mich ungewohnt, denn am Camino Frances startete ich immer ohne Frühstück und kehrte meist erst im nächsten Dorf ein, um Café und Croissant zu ordern. In Österreich funktioniert es aber anders, denn im Gegensatz zu Spanien, hatte hier unterwegs alles zu. Corona lässt grüßen.

Auf den folgenden Kilometern bis Fischamend sollte wieder alles geschlossen haben, daher war ein entsprechendes Frühstück nicht das Schlechteste. Hier empfing uns sogar der Bürgermeister und gab uns den Stempel.
Danach ging es wieder durch den Auwald und entlang der Donau. So gelangten wir nach Schwechat und konnten den Jakobsweg Carnuntum abschließen.

Drei schöne Tage am Jakobsweg Carnuntum gingen für mich zu Ende, in denen ich nicht oft an Therapie denken musste, aber trotzdem therapierte. Pilgern ist und bleibt das für mich beste Mittel, um wieder zurück ins Leben zu gelangen.
Drei Tage oder 67 Kilometer waren wir somit am Jakobsweg Carnuntum, von Wolfsthal nach Schwechat unterwegs. Alexander ging noch den Wiener Jakobsweg weiter, der über 35 Kilometer durch Wien bis nach Perchtoldsdorf führt.

Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Die herbstliche Jahreszeit bedeutete für mich in den letzten Jahren immer Therapie und auch dieses Jahr ist es nicht anders. Klettern ist eine davon, welche ich jetzt wieder vermehrt machen werde, diesmal aber für die Gehirnleistung.
Bisher war der Grund meine Sprunggelenke und Finger zu stärken, jetzt steht aber mein Gehirn an vorderster Stelle. Dass Klettern dem Gehirn guttut, ist ja nicht neues. Überhaupt sind alle Übungen gut, wo Körper und Geist verschränkt wird.

Klettern habe ich vor fast zwei Jahren für mich entdeckt. Zunächst in einer Kletterhalle, später am echten Fels. In der Halle hatte ich den Vorteil, mich an den künstlichen Griffen festhalten zu können. Es gibt farbliche Unterschiede, je nach Schwierigkeitsgrad. Das machte es leichter für mich, denn die leichtesten Griffe machten es mir möglich zu klettern.
Das Greifen ist nach wie vor eine Herausforderung, besonders jetzt im echten Fels, denn da ist ein anderes Zupacken notwendig. Für die Sprunggelenke ist es eine noch größere Herausforderung, denn durch die Muskelschwäche sind die Muskeln schwer zu trainieren. So habe ich meine Bänder und Sehnen zu stärken und wenn Möglich, die Muskeln dazu.
"Klettern" ist vielleicht übertrieben gesagt, denn ich bewege mich noch immer einen Schritthoch über dem Boden, von rechts nach links und zurück. Es ist eine gute Übung für das Vertrauen und manchmal wünsche ich mir, nach oben zu klettern.

Wir benötigen das Arbeitsgedächtnis, wenn wir zum Beispiel einen Satz lesen. Es erlaubt uns, kurzfristig Information zu speichern und zu verarbeiten, sowie Lesen, Lernen oder logisches Denken. Das Arbeitsgedächtnis ist eine Art Kurzzeitgedächtnis.
Es erlaubt uns, sich an ein Gespräch zu erinnern und darauf zu antworten. Gerade das fällt mir oft schwer und darum unterhalte ich mich nicht so gerne oder mit mehreren Personen.
Was gar nicht bei mir funktioniert, ist gleichzeitig mehr zu machen. Es geht wirklich nur eines nach dem anderen. Telefonieren und nebenbei Zutaten für ein Essen herrichten, geht gar nicht. Arbeits- und Kurzzeitgedächtnis haben sehr unter dem Hirnabszess gelitten, bzw. existieren fast nicht mehr.

"Zeit für Aktivitäten, die für uns schwer vorhersehbar sind, und uns dazu zwingen, unsere Bewegungen anzupassen, können unser Gedächtnis stärken."
Dr. Ross Alloway
Während dem Klettern muss der Körper das Arbeitsgedächtnis konstant nutzen und dieser Effekt bleibt auch nach dem Training erhalten. Es wird spannend zu sehen sein, ob es bei mir hilft. Regelmäßiges Klettern allerdings vorausgesetzt.

Wie schon öfter, bin ich im Zigeunerloch unterwegs. Den Höhleneingang bildet ein Felsen, der zahlreiche Kletterrouten beinhaltet. Dort kann ich auch vor Regen und Schnee geschützt klettern. Entlang am Boden und nur Schritthoch, turne ich umher.

Länger als 30 Minuten mit Pausen schaffe ich aber noch nicht, besonders die Finger sind schnell am Ende. Denn es ist zwar für das Gehirn, aber der Körper macht noch nicht mit. Die Muskelschwäche verhindert noch längeres Klettern.
Dass ich mit dem Radfahren und Gehen nun eine dritte Alternative habe, tut mir gut. Denn dieselbe Belastung an zwei aneinander folgenden Tagen ist oft nicht Zielführend. So bekomme ich jetzt mehr Abwechslung.
Ich hoffe bald länger beim Klettern durchzuhalten, um mein Gehirn richtig stimulieren zu können!