"Therapeutisches Tanzen" oder die Suche nach der Leichtigkeit

15. November 2019
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4 Minuten Lesezeit

Therapeutisches Tanzen, was ist das? Kann ich es für mich verwenden oder wird es mich überfordern? Was wird da überhaupt gemacht? Fragen über Fragen. Das Einführungsgespräch war überzeugend, aber ausprobieren war die einzige Möglichkeit, um draufzukommen. 

Ich suche immer wieder nach neuen Möglichkeiten, meine Bewegung und mein Denken zu verbessern und mehr Leichtigkeit in den Körper zu bekommen. Tanzen war etwas, dass ich schon länger ins Auge gefasst habe. In allem, was ich mache, dreht es sich um die Frage: "Macht es mich besser, tut es mir gut oder nicht!". Ich wähle dann die Option, die mich verbessert.

Dazu gehört auch das tägliche Essen, Nahrungsergänzungen oder eben auch Therapien. Da ich finanziell stark eingeschränkt bin, dürfen es durchaus auch Alternativen sein. Wichtig ist dabei nur das Gefühl, dass es mir hilft. Schlecht wäre es damit zu Hadern, dass ich mir etwas nicht leisten kann.

Es gibt für alles Alternativen und die wichtigste habe ich in der Natur oder eben auch mit der Tanztherapie. Wobei es für mich oft keine Alternativen sind, denn meine "Alternativen" sind oft besser, als viele teure Therapien.

Frosch hört Musik und tanzt

Aufmerksam geworden

Kennenlernte ich es über die Traumatherapie. Es ist ja nicht so, dass es überall angeboten wird und daher dachte ich gar nicht daran. Bilder habe ich im Kopf von leichtfüßig dahin schwebenden Tanzbewegungen oder aus der Disco, wo man sich frei im Rhytmus der Musik bewegt.

Ein Zettel hing im Warteraum, der therapeutisches Tanzen anbot. Das klang interessant, dachte ich schon vor zwei Jahren ans Tanzen.

Früher ließ ich gerne Dinge auf mich zukommen, die Krankheit hat aber etwas verändert. Auf mein Ziel, wieder Gehen zu können, kann ich nicht warten oder es durch Rumhocken geschehen lassen. Ich habe dafür etwas zu tun. Neben der Trauma-Arbeit begann ich auch einen Kurs für Autogenes Training. Beides habe ich aus eigenem Antrieb gesucht, so wie ich auch selbst den Antrieb dazu entwickelte, wieder Gehen zu lernen.

Noch nie im Leben einen Tanzkurs besucht

In meinem Leben habe ich noch nie einen Tanzkurs besucht oder bin tanzen gegangen, so war es mir immer peinlich herumzuhopsen. Ich habe es nie gelernt und vollführe nur unbeholfenen Bewegungen. Seit dem Hirnabszess ist es egal, was andere über mich denken. Müsste ich mir darüber Gedanken machen, ich würde verrückt werden. 

Der Sprung über die Lacke

Besonders ist mir der erste Camino France in Erinnerung. Ein "Sprung" über eine den Weg versperrende Lacke werde ich nie vergessen. Vor und hinter mir Pilger, kam ich dort an. Gedanklich sprang ich perfekt ab und über die etwas länger als Schrittbreite Lacke hinweg.

Nur dachte ich nicht daran, dass ich weder die Kraft, noch die Technik dazu beherrschte. Einzig eine Vorwärtsbewegung machte sich bemerkbar. Die war aber zu wenig, um hinüber zu gelangen. Optisch war ich zwar auf Absprung, aber ich hob nicht ab und es reichte nur für ein lautes Platsch, etwa 30 cm vor mir mitten in die Matschpfütze hinein.

lacken am Camino

Ich lachte über mich selbst, im Wasser stehend und die anderen Pilger waren zwar verwundert, lachten aber mit. Spätestens damals legte ich es ab, was andere über mich denken. Ich weiß, ich gebe mein bestes und das reicht. Wenn es für andere nicht reicht, ist das ihr Problem, nicht meines.

Vorgespräch

Ich traf mich mit der Therapeutin und erzählte ihr von mir und meinem Anliegen. Schon nach wenigen Fragen und Antworten hatte ich ein gutes Gefühl und wollte mich darauf einlassen. Voll oder gar nicht, war meine Devise. Obgleich ich nie in meinem Leben Tanzen gelernt habe, war ich überzeugt davon, dass es mir weiterhelfen kann.

Trotzdem war es wichtig, auf mich zu hören und mir nur zuzumuten, was ich konnte und mir guttat. Rechtzeitig eine Pause einlegen, mich hinsetzen und wenn nötig, mich auch kurz in die Querlage zu bringen. Darauf waren auch die anderen Teilnehmer vorbereitet.

Das Trampolin Springen hat mir bisher immer gutgetan, damit konnte ich das Gehörte vergleichen. Einzig der Aspekt der Kondition war für mich nicht klar. Springen am Trampolin war nur kurz möglich. Wie sollte sich das Tanzen auswirken und wie der Körper darauf reagieren?

therapeutisches Tanzen

Die erste Stunde

Ich war etwas nervös, aber guter Dinge. Schon die Tage zuvor hatte ich Tagträume, wie ich mich leichtfüßig bewegte. Therapeutisches Tanzen in der Vorbereitung. Dazu war es nach dem Kurs "Autogenes Training", das erste Mal unter anderen Menschen seit dem Hirnabszess. Es wurde nach dreieinhalb Jahren auch Zeit, denn es besteht die Gefahr, den Rückzug vor Menschen zu chronifizieren. Es war ein guter Anfang aus diesem Teufelskrei herauszukommen.

Nach einer Vorstellungsrunde von jedem ging es ans Werk. Das Thema war diesmal Rhythmus. Unter Anleitung der Therapeutin begann die Gruppe sich zu bewegen. Ich fühlte mich sofort wohl und begann mich in meinem eigenen Rhythmus tanzend zu schaukeln.

Thema Rhythmus

Ich lernte Rhythmus von einer ganz neuen Seite kennen. Wir sollten unseren Namen im Tanzen und Rhythmus spüren und darstellen und auch jeden einzelnen Buchstaben des Namens. Welche gingen leicht und wo spürte man was? Es wurde eine Verbindung zu den Gefühlen und man lernte viele neue Aspekte.

Mein Problem ist die Schwere im Körper und ich suche daher die Leichtigkeit. Im schwungvollen Tanzen versuchte ich es. Es war nicht einfach, denn ich konnte mich nur auf eines konzentrieren, Single-Tasking eben.

Ebenso wie das Gehen benötigt auch das Tanzen Multi-Tasking. Das Abschalten des Denkens war wichtig, nur so war das Bewegen von Händen und Füßen gleichzeitig möglich. Es gelang mir hin und wieder und immer öfter. Unter therapeutischer Anleitung, gelang es mir immer wieder in einen Flow zu gelangen und im Rhythmus zu tanzen. Diese spielerische Art hat mir bisher gefehlt.

rythmus beim therapeutischen tanzen

Die Kondition

Allerdings musste ich aufpassen. Ich vermeide alle Bewegungen die Schwindel erzeugen könnten. Was mir aufgefallen ist, war die Bewegungsrichtung. Seitlich war angenehm. Vor und zurück, da sperrte es sich. Ich wurde eckig und die Koordination passte nicht mehr. Es war das gleiche Gefühl der Bewegung, wie ich es habe, wenn ich am engen Gehsteig an entgegenkommenden Personen vorbeimuss.

Resümee vom therapeutischen Tanzen

Therapeutisches Tanzen ist die ideale Therapie für mich gefunden. Es wird einige Zeit brauchen, aber das bin ich ja schon gewohnt. Das Tanzen kann mir Beweglichkeit und Leichtigkeit wieder bringen. In Verbindung mit dem therapeutischen Ansatz ist es eine hervorragende Möglichkeit in der Bewegung etwas weiterzubringen.

frohnleiten

Es hängt soviel dran, wie zum Beispiel die Automatik, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination. Da so viele Bereiche dranhängen, ist es natürlich fordernd. Ruhe und Erholung am nächsten Tag war notwendig, um mich wieder erholen zu können. Es wird zwar noch länger dauern, aber ich bin überzeugt, therapeutisches Tanzen ist eine tolle Therapie. Ich werde darüber immer wieder berichten, wie es vorangeht.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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