Walkabout - Gehen als Sinn im Leben!

28. April 2021
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6 Minuten Lesezeit

Walkabout - Gehen als Sinn im Leben!

Warum möchte ich einen Walkabout machen? Kann Gehen mir Sinn im Leben geben? Warum bedeutet mir Gehen so viel? GEHE ich am Leben vorbei?

Viele Fragen, auf die ich Antworten suche und versuche, sie mir zu geben. Gehen hat mit Bewegung zu tun, nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Der Hirnabszess hat mein Gehirn verändert und um es wieder in Bewegung zu bringen, ist Gehen geeignet.

Das Gehirn wieder in Funktion zu bringen, ist mein Anliegen, aber wie?

Gehirn

Gehen und das Gehirn

Körperliche Bewegung sorgt für Bewegung im Kopf. Eine Fülle von Erlebnissen und Eindrücken sorgen für ein aktives Gehirn. Manchmal möchte ich jedoch zu viel. Gerade berufliche Ziele überforderten Anfangs mein Gehirn. Zu akzeptieren, dass es noch nicht so weit ist, brachte mir ein leichteres Leben.

Filmen, Trailrunning oder Familienvater sind mir seit dem Hirnabszess nur beschränkt oder gar nicht möglich. Mein Gehirn legt das Tempo vor, mit dem ich unterwegs sein kann. Laufen geht noch gar nicht, genauso habe ich mit dem Filmen meine Schwierigkeiten.

Gehen ist zwar wegen der fehlenden Propriozeption noch immer schwierig, funktioniert aber aufgrund des vielen Übens recht gut. Wenn ich zurückschaue, wird mir erst bewusst, wie haarig es damals im Krankenhaus zuging. So gesehen kann ich mit meinem Fortschritt zufrieden sein, ich darf aber nicht nachlassen, wenn ich mehr erreichen will.

Wieder Gehen zu können war lange nicht sicher. Nach vier Monaten wieder selbst aufs WC zu kommen, war ein großer Erfolg. Das bedeutete einen Gewinn an Unabhängigkeit, wie ich es mir bis dahin nicht vorstellen konnte. Anfangs durfte ich nur mit Begleitung aufs Klo, meist im Rollstuhl, da der Schwindel zu groß war und damit auch die Gefahr einer Verletzung. Erst in den letzten 14 Tagen im Krankenhaus durfte ich alleine aufs WC. Wann immer es mir möglich war, wollte ich zu Fuß hin.

Heute kann ich es selber fast nicht mehr glauben, aber meine Tagesenergie waren 30 Minuten Ergo- oder Physiotherapie und einmal aufs Klo gehen. Das war meine Energie für den ganzen Tag. Gehen und Bewegung zu trainieren, war damit für mich essenziell. Die Fortschritte waren im Mikrobereich, aber die Bilder vom Eiger Ultra Trail trieben mich voran. Ausdauertraining war mir wichtig, denn mit mehr Ausdauer kann ich mich länger allem anderen widmen, besonders der Wortfindung und Merkfähigkeit.

Ich hatte kein Kurzzeitgedächtnis mehr und musste anderes lernen, um das Kompensieren zu können. Das funktioniert besser mit mehr Ausdauerfähigkeit und meine Denkfähigkeit steigerte sich mit Zunahme der Ausdauer. Gehen wurde wichtig und gab mir Sinn im Leben.

Eines war sicher: Einen Fuß vor den anderen zu setzen, gehört mit zum Wichtigsten, was wir tun können.

Gehen gibt mir Sinn im Leben
Gehen gibt mir Sinn im Leben

Gehen als Sinn im Leben

Sinn gibt einem das, was Freude macht. Wäre ich damals im Krankenhaus missmutig gewesen ob der Fortschritte und hätte aufgegeben Gehen zu lernen, dann hätte es keinen Sinn ergeben. Ich fand aber Sinn darin, wochen- ja monatelang, für jeden Schritt mehr zu üben. Gehen machte und gab mir Sinn, denn Denken konnte ich ja nicht wirklich.

Nach einem Jahr schaffte ich bereits mehrere hundert Meter, mit vielen Pausen. Der Jakobsweg nahm immer mehr Raum in mir ein. Wochenlang dahingehen und damit zu sich selbst zu kommen. Nach zwei Jahren schaffte ich endlich 5 Kilometer. Noch brauchte ich viele Pausen, aber immerhin.

Das Kurzzeitgedächtnis verbesserte sich nur wenig, aber neue Strategien konnte ich langsam in mir integrieren und anwenden. 2018 fuhr ich dann nach einer privaten Krise kurzerhand zum Jakobsweg. Gehen gab mir Sinn und wurde meine Medizin und Lebenselixier.

Wenn ich mich heute an meine erste Reise nach Saint Jean Pied de Port zurückerinnere, dann kommen vereinzelte Erlebnisse hoch. Damals war ich nicht fähig zu schreiben, mein Gehirn funktionierte nur bedingt und wenn ich nicht Fotos gemacht hätte, dann hätte ich nur wenige Erinnerungen behalten. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass dieser Weg für mich Sinn im Leben machte, denn ich lebte voll und ganz im Hier und Jetzt.

Hier und Jetzt

Das Denken konnte ich nur wenig Verbessern in den letzten Jahren, aber dafür bekam das Gehen immer mehr Sinn. Der Hirnabszess hält mich im Hier und Jetzt und das ist für das Gehen perfekt. Ich kann Freude besser empfinden, in Dingen, die ich gerne mache. Gehen gehört dazu und Heilung kann nur stattfinden, wenn meine Zellen in Freude schwingen.

Ich überquerte auf meinen Caminos Bergketten, Hochebenen und Städte. Ich erlebte Regen und Sonnenschein, Kälte und Hitze. Alles nahm ich sehr intensiv wahr, denn ich lebte im jetzt und nur die Fotos erinnern mich noch daran, wo ich war und was ich erlebte. Der Moment wurde das wichtigste Mittel, um zu Gesunden. Ich war schon immer ein optimistischer Mensch und wollte mir diese Haltung bewahren.

Als ehemaliger Videojournalist liebe ich es, zu dokumentieren. Das ist noch immer in mir, aber ich sehe es auch als Möglichkeit, mein Denken und meine Wahrnehmung zu fördern. Vieles, wie das Filmen, ist mir kaum oder schwer möglich. Das wird vielleicht wieder kommen, aber ich bin zumindest froh, meinen Lebensweg über Fotos zu dokumentieren. Wer hätte daran vor fünf Jahren geglaubt, dass so etwas möglich wird?

Pilgern, den Sinn im Leben finden
Camino del Norte 2019

Gehen und Reisen

"Wer ans Ziel kommen will, kann mit der Postkutsche fahren, aber wer richtig reisen will, soll zu Fuß gehen!"

Jean-Jacques Rousseau, 1712 - 1778

Diesem Kommentar von Rousseau kann ich viel abgewinnen. Für mich hat sich das Leben mit dem Gehen wieder erschlossen. Ich kann vieles noch nicht, selbst Gehen muss ich noch immer lernen, aber das Unterwegssein bringt mir tägliche Glücksmomente. Die Blume oder Schnecke am Weg, ist mir genauso wichtig, wie der Eifelturm oder Louvre auf dem Weg zum Jakobsweg in Spanien.

Das oben erwähnte Zitat konnte ich selbst erfahren. Ich wollte im April 2020 zu Fuß von zu Hause nach Santiago de Compostela aufbrechen. Corona kam mir damals zuvor und seither erlebe ich das Gehen anders. Reisen und Gehen zeigte mir, wie wichtig es für mich ist. Es hat eine sehr positive Wirkung auf mein Gehirn.

Die täglichen Herausforderungen beim Reisen stimulieren mein Gehirn, wie ich es im Alltag nicht schaffe. Daher kam ich auf den Walkabout, der mich diesmal durch die Heimat bringen soll. Reduziert auf das Wesentliche, kann ich mein Gehirn vermehrt dem aussetzen, was ihm guttut. Corona erfordert einen neuen Umgang mit allem, der Walkabout ist eine Chance für mich, es zu lernen.

Er soll außerdem einen Abschluss bringen, nach 5 Jahren der Rehabilitation. Das Leben soll wieder Vorrang bekommen, nicht nur die Therapie. Den Weg dazu soll mir der Walkabout weisen, denn gerade mit Corona muss und will ich mein Leben neu ordnen. Der Weg durch Österreich kann das auf gute Weise verbinden, egal wie weit ich komme.

Einerseits das Gehen und auf der anderen Seite, wie kann ich mit Corona umgehen, dass soll mir einen guten Weg in die Zukunft weisen.

Walkabout und Gehen

Das Gehen um des Gehens willen, steht an erster Stelle. Ich erwarte mir nichts, weiß aber, dass Gehen neue Horizonte schafft. Neues, dass ich unbedingt brauche. Ob wenige Tage oder viele Wochen, ich gehe so weit und solange es mir guttut. Ich habe in den letzten Wochen viel an meinen Traumen gearbeitet und das verbrauchte viel Energie. Energie, die ich jetzt ins Gehen und über diesen Weg, auch in meine Trauma Arbeit stecken werde.

Vermeidungen erkennen und Traumen aufarbeiten. Werkzeuge dazu habe ich bekommen, besonders über das therapeutische Tanzen und dazu viele Anregungen. So wird mir beim Walkabout sicher nicht langweilig.

Bisher bin ich noch von jeder Reise (seelisch) gestärkt zurückgekommen. Wenn es mir möglich ist, werde ich diesmal versuchen, auch von unterwegs Blogartikel zu verfassen. Da ich aber meistens im Zelt übernachte, hängt es vom mir zur Verfügung stehenden Strom ab, wie oft ich posten kann. Kurzberichte auf Instagram werden sicher öfter möglich sein.

Es wird eine spannende Erkundung meines geistigen Potenzial und der körperlichen Möglichkeiten werden, da bin ich mir sicher. Mit diesem Weg möchte ich mir wieder ein Stück näher kommen und meinem Leben Richtung geben. Corona hat mich sehr in meiner Rehabilitation eingeschränkt und das soll jetzt anders werden. Ich möchte meinen Weg mit Corona finden.

Ganz dem Gedanken von Rousseau folgend: Beim Gehen findet der Mensch zu sich selbst zurück, zurück in seinen Naturzustand.

Pilgern, Wandern, Gehen
den Sinn im Leben finden

Gehen hilft dem Geist und fördert die Agilität des Gehirns. Im Jahre 1090 ging Edward Weston an seinem 70. Geburtstag in 105 Tagen von New York nach San Francisco. Er marschierte danach weiter und weiter und schrieb ein Buch über das Gehen. Er fand im Gehen seinen Sinn im Leben.

"Jeder kann gehen, es ist gratis, wie die Sonne am Tag und die Sterne in der Nacht. Wir müssen nur auf die Beine kommen, die Straße bringt uns überall hin."

Edward Weston, 70-jährig, nach seinem Marsch durch die USA, 1909

Gehen gibt auch mir Sinn im Leben!


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8 comments on “Walkabout - Gehen als Sinn im Leben!”

  1. Lieber Jörg,
    wieder mal ein interessanter Beitrag von dir, deinen Gedanken, deinen Reflektionen und deinem neuen Vorhaben .

    Einfach gehen ... dass klingt so nach Leichtigkeit .

    Dein Projekt ist wieder sehr sportlich.
    Es geht zwar nicht um Schnelligkeit, aber die Länge der Strecke mit ihren unterschiedlichen Anforderungen ist sicherlich eine Herausforderung .

    Du brichst aus deiner normalen Alltagswelt für eine begrenzte Zeit aus . Dafür beneiden dich sicherlich einige, in denen auch ein Abenteuerherz schlägt.

    Es ist nicht alles planbar. Sicherlich wird das ein oder andere Unvorhersehbare auf dich zukommen. Aber du wirst daran innerlich wachsen . Denn raus aus dem Alltag zu gehen, heißt natürlich ... sich auf Neues einzulassen .

    Wirst du vorher das Übernachten im Zelt ein paar Tage vorher ausprobieren, um dich an die noch kühlen nächtlichen Temperaturen zu gewöhnen ?

    Lg
    Christiane

    1. Hallo!
      Ja, in der Bewegung Leichtigkeit finden,ist eines meiner Ziele.
      Allerdings machen die zukünftigen Änderungen und Regeln Stress.
      Stichwort Beitrittstest und so. Das erfordert doch Selber kochen und das wollte ich vermeiden.
      Die angedachten Regeln stressen, zumindest so lange, bis ich sie in mein Gehirn integrieren kann. Ich darf nicht zu lange darüber nachdenken. Einfach losgehen,denn es wird spannend, wie ich damit umgehen kann. Nur so lerne ich dazu. Alles andere ist nur Kopfkino.
      Zum Gewöhnen ist Zeit genug unterwegs. Entweder ich kann's oder es geht noch nicht. "Einfach machen", ist meine Devise. 😀
      LG Jörg

  2. Hallo Jörg ,
    Die Möglichkeiten mit einem Campingkocher sind auch sehr eingeschränkt.

    Es wird bestimmt auch bei euch weiterhin sehr viele Möglichkeiten geben, dass das Essen als „take away“ von den Gaststätten/Bistros/Pizzarias angeboten wird . Nicht jeder wird sich erst testen wollen, um an ein fertiges Gericht zu kommen . Abholen wird wahrscheinlich weiterhin nicht ungewöhnlich bleiben . Du hast ja ein Telefon und kannst anhand der aushängenden Speisekarte vor dem Gebäude bestellen .

    In den Supermärkten gibt es ja auch manchmal „heiße Theken“ und eine Auswahl an fertigen Salaten.

    Obst, Nüsse und einige Gemüsesorten kannst du ja gut aus der Hand essen, ohne weitere Zubereitung .

    Du wirst nicht verhungern. Der Hunger wird dir immer eine Lösung bringen, dem kannst du nicht aus dem Weg laufen .

    1. 😅 Essen werde ich, wie auch immer, genug bekommen.
      Aber Kaffee ☝️,ist die Frage. Selber machen oder Coffee to Go aus dem Pappbecher, am Randstein sitzend, statt Haferl im Café. Bin zu sehr verwöhnt vom Jakobsweg.
      🙄😄
      Kaffee ist essentiell! ☕

  3. 😅 Ach, der Kaffee sorgt dich .

    Na, dann wird es wohl eine Herzensentscheidung mit dem Campingkocher.

    Ja, ich denke auch, so leicht wie auch dem Jakobsweg wird es am Anfang wahrscheinlich nicht sein.

    Keine gelbe Zeichen am Wegesrand als Wegführung. Keine Herbergen, die auf die Bedürfnisse der Tagesgäste ausgelegt sind.

    Essen, Trinken, Wäsche, Hygiene, Stromversorgung etc. darf im Wanderalltag nach eigenen Überlegungen selbst organisiert werden.

    Diese Tour wird vielleicht etwas anspruchsvoller werden . Aber du wirst mit den neuen Herausforderungen innerlich wachsen.
    🍀🍀🍀

  4. Lieber Jörg!Wunderbarer Artikel!
    Ich finde auch, je reduzierter das Leben ist umso voller darf es erlebt werden.
    Also ab in die Wanderschuhe, deinen Rucksack gut gepackt , auch mögen Vertrauen, Kraft, Energie, Freude & u.v.m mitschwingen.

    Carpe Diem.

    Alles Liebe am Weg wünscht dir Andrea

Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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