follow your heart, mein neues leben

Wie lebt man, wenn man vor der Aufgabe steht ein neues Leben beginnen zu müssen? Viele Fragen stellen sich mir. Werde ich wieder normal denken können? Wie wird mein Alltag? Werde ich wieder gehen können? Werde ich je wieder etwas arbeiten können?

Ich stand vor einer schier unüberwindlichen Aufgabe, mein neues Leben nach dem Hirnabszess zu bewältigen. Damals, vor dreieinhalb Jahren, stand ich vor der größten Herausforderung meines Lebens. Seither muss ich alles neu entdecken und lernen. 

Es gab für mich nur zwei Möglichkeiten, resignieren und aufgeben oder ein neues Leben beginnen. Durch den Sport war ich darauf konditioniert auch in schwierigsten Situationen weitermachen zu können. Das war meine Rettung im Krankenhaus. Ich tat einfach, was ich mein Leben lang getan hatte – weitermachen. Es gab kein Aufgeben.

Für mich stellte sich diese Frage in Wahrheit nicht.

Der Hirnabszess ließ ein „was wäre wenn“ Denken nicht zu. Ich war zwar bei Bewusstsein, aber konnte nur auf direkte Konfrontation reagieren. Eigene Gedanken an die Vergangenheit oder an die Zukunft, etwa den nächsten Tag, war nicht möglich.

Aufgrund dieses Nicht-Denken können, tat ich automatisch das, was in mir drinnen war. Die Frage ob weitermachen oder nicht, stellte sich mir in Wahrheit nicht, ich tat es einfach – nämlich das bestmögliche.

Auf der Intensivstation

Am ehesten würde ich mich beschreiben mit „Ausgeschaltet sein„. An viel kann ich mich aus der Zeit auf der Intensivstation nicht mehr erinnern. Ich weiß noch, dass Besuche meiner Lebensgefährtin und engsten Verwandten wichtig für mich waren. Sie gaben mir den emotionalen Halt, alles zu überstehen.

Da die Halbseitenlähmung schnell voran schritt, konnte ich mich immer schlechter bewegen. Mich im Bett umlagern ging bald gar nicht mehr. Die Kraft verließ mich und bald waren mir die einfachsten Bewegungen nicht mehr möglich. Trotz der Lähmung wollte ich mir vom Anfang an ein Stückchen Eigenständigkeit erhalten, ich wollte alleine essen und die mir die Zähne putzen. Die Gabel oder die Zahnbürste konnte ich fast nicht mehr halten, aber auch wenn es fast nicht ging, ich wollte es alleine schaffen.

Genau kann ich mich nicht mehr an den Zeitpunkt erinnern, aber es begann noch auf der Intensivstation eine Mobilisierung, ich war ja ein Monat dort. Mehr wie fünfzehn Minuten täglich waren allerdings nicht drinnen. Ich begann einen kleinen Ball zu kneten oder verwendete einen Fingertrainer, wie fürs Klettertraining. Mit der leichtesten Einstellung schaffte ich nur wenige Wiederholungen. Der Anfang war gemacht, ohne zu wissen, wo die Reise überhaupt hingehen sollte.

Spiel, selbst gebaut.
Spiel, selbst gebaut in der Ergotherapie

Reha-Station

Nach einem Monat auf der Intensivstation wurde ich auf die Reha-Station verlegt. Weitere Wochen vergingen, bis ich am Gehirn operiert werden konnte. Antibiotika alleine ließen das Ödem nicht kleiner werden. Nach der Operation wurden mir noch mehrere Zähne gezogen, da Bakterien von dort ins Gehirn gelangten und den Abszess auslösten. Danach konnte meine Reha wirklich starten.

In diesen vier Monaten lernte ich nach und nach wieder die Grundzüge des Gehens. Allein bis ich Aufstehen konnte, vergingen mehrere Wochen. Dazu Ergotherapie, die mir Greifen, Koordination und Bewegung vermittelte. Jeder Griff, jeder Schritt musste neu gelernt werden. Fingernägel schneiden gelang mir gar nicht, so wie jede andere fummelige Tätigkeit, wo Feinmotorik gefragt ist.

Nach fünf Monaten wurde ich allergisch gegen alles aus dem Krankenhaus und war am Ende. Ich konnte das Essen nicht mehr sehen und habe die Zugänge für die Antibiotika abgestoßen. Jeder Einstich bedeutete eine neue Entzündung. Meine Venen verschwanden und neue Zugänge zu setzen wurde fast unmöglich. Über fünfzig Einstichstellen hatte ich in fünf Monaten Aufenthalt.

Ich wollte nur mehr nach Hause. Mein Geist und Körper war am Limit.

Im Krankenhaus, mein neues Leben

Von Null an gibt es eigentlich nicht,…

…denn wir können nicht unsere Vergangenheit oder unsere Entwicklung hinter uns lassen. Mein von0auf101 ist eigentlich symbolisch und in erster Linie körperlich gemeint, weil ich Gehen und die Bewegungen allgemein neu lernen musste.

Meine Persönlichkeit hat sich zwar versteckt, kommt aber langsam wieder raus und ist dieselbe geblieben. Oft erweckt man den Anschein das sich auch die Persönlichkeit verändert hat. Das ist bei mir nicht der Fall, nur lebe ich jetzt in einer Echtheit, die ich vorher oft versteckt oder überlagert habe.

Die Freude

Ein Neuanfang beginnt in erster Linie mit einem In-sich-gehen und sich-klar-werden, was man möchte. Die erste und wichtigste Frage ist dabei: Was macht mir Freude und warum?

Ohne etwas dafür zu tun, war ich in einem Zustand des Nichtdenkens und Abschalten. Im Hier und Jetzt leben zu können war wie eine Erlösung für mich. Heilung ist nur dann möglich, wenn ich im Zustand der Freude bin. Alles geht dann leichter. Es ist eine Lebenseinstellung, denn Freude und glücklich sein bringt mich zurück ins Leben.

Dazu zählt auch Gehen, Essen und Sprechen mit Freude lernen. Diese Freude in allem zu finden, was ich brauche und mir gut tut, ist das Geheimnis. Finde ich sie nicht darin, dann hat es keinen Sinn es zu machen. Ich habe beinahe jeden Tag meiner bisherige Rehabilitation mit Freude gemacht, denn es ist notwendig, um ein neues Leben zu beginnen.

Mit Freude in ein neues Leben.
Bodenmalerei des Kindergarten.

Mit Freude wird auch Augenscheinlich schweres leicht. Unzählige Stunden im Fitnessstudio, rund 6000 km gehen lernen, viele Stunden vorm Lernprogramm am Computer – hätte ich nicht mit Freude daran gearbeitet, wäre ich nicht da, wo ich heute stehe. Sicher, es fehlt noch viel, ich lebe aber trotzdem ein oft glückliches Leben. Ich durchschaue immer mehr, warum der Hirnabszess nötig war und deshalb bin ich motiviert weiter zu machen.

Man lernt nie aus und ich habe die Möglichkeit eine Menge zu lernen. Dafür bin ich dankbar und freue mich auf die nächste Zeit, wo wieder viele Lernaufgaben auf mich warten.