
Vor Jahren hat ein einschneidendes Erlebnis mein Leben aus der Bahn geworfen. Warum mir das Gehen hilft, der Starrheit zu entkommen, darüber erzähle ich heute und über meinen Winter-Camino Frances.
Ich habe das Gehen wieder gelernt – Schritt für Schritt, mit all den unzähligen Wiederholungen, die es dafür brauchte. Und heute gehe ich fast schon exzessiv. Zu viel, sagen manche. Aber ich gehe einfach. Es ist mein Weg zurück ins Leben.

Hier zum Anfang meiner Geschichte, die vor 10 Jahren begann.
Den Camino Francés bin ich diesmal in nur 17 Tagen gegangen, plus vier Tage nach Muxia und Finesterre und nochmal drei Tage zurück nach Santiago. Ein Tempo, das früher nie möglich gewesen wäre. Und doch wurde es möglich, weil mich dieses Gehen trägt, weil es mich innerlich ordnet.
Täglich bin ich im Schnitt rund 50 Kilometer gegangen. Das Gehen ist für mich "aktive Regulation". Deswegen tut es mir so gut. Ich war wegen dem Hirnabszess fünf Monate im Krankenhaus und sah vom Bett aus den Regen, die Sonne, den Schnee ans Fenster klopfen, ohne das alles berühren zu können.
Unter allen Umständen wollte ich damals das Gehen lernen, um all das wieder spüren zu dürfen. Es war ein immenser Aufwand dafür nötig, aber es hat sich gelohnt. Jeder zusätzliche Schritt benötigte Wochen, aber ich dachte nie ans Aufgeben. Ich konnte Teile meiner Propriozeption zurück erobern, aber leider nicht nachhaltig. Ich muss dranbleiben. Eines der wenigen "muss" in meinem Leben.
Diesmal durfte ich in der Rioja die Sonne, in der Meseta die Kälte, am C'Obreiro den Schnee und in Galizien den Regen spüren. Es war wundervoll in jeden dieser Abschnitte tief einzutauchen. Andere Pilger konnten oft nicht verstehen, wie ich oft angesichts des Wetters so positiv gestimmt sein konnte.




Einzig am Leben zu sein ist der größte Verdienst. Seit nunmehr zehn Jahren lebe ich mit den Folgen des Hirnabszesses – und ich habe in all diesen Jahren keinen einzigen Tag vergeudet.
Vieles hat sich seither verschoben, besonders die Prioritäten. Heute steht an oberster Stelle, lebendig zu sein und dieses Leben mit jeder Faser zu spüren.
Weder Geld noch Status sind Ziele, denen ich hinterherjage. Das eigentliche Gut, der größte Verdienst, liegt für mich allein darin, weiterhin hier zu sein – und dieses Geschenk bewusst wahrzunehmen.

Dieses Rhythmische Gehen wirkt auf mein Körpersystem folgenderart:
In Bewegung bin ich stabil. Sobald ich aufhöre oder weniger mache, wird alles fragiler. Die Starrheit, diese stille Freeze-Reaktion, schleicht sich schneller ein, wenn die Schritte fehlen. Es ist, als würde sich mein Körper erst im Gehen erinnern, wie Regulierung funktioniert.
Vielleicht lässt sich mein Erleben so beschreiben: Nichts davon ist selbstverständlich. Kein einziger Tag, an dem sich mein Körper mühelos ordnet. Diese Stabilität, die nach außen oft so leicht wirkt, ist das Ergebnis unzähliger kleiner Übungen, Wiederholungen, Versuche. Bleibe ich zu lange still, verliert mein System seinen Halt – und ich muss mir den Weg zurück in die Beweglichkeit erst wieder erarbeiten.
Das Gehen ist dabei nicht nur Fortbewegung. Es ist mein tägliches Ringen darum, nicht in dieser Starrheit zu versinken. Jeder Schritt hält mich im Leben, Schritt für Schritt, immer wieder neu. Es ist nie mühsam, sondern bereitet mir Freude.
Mühsam wird es nur, wenn ich gegen mich arbeite. Wenn ich mehr möchte, als ich geben kann.

All das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass Bewegung meine Hauptregulationsstrategie ist.
Doch dieses Gefühl hält nur, solange ich in Bewegung bleibe. Zuhause gehe ich auch viel, aber längst nicht so viel wie hier oder auf meinen Weitwanderwegen.
Und dann, im Alltag, spüre ich die Starrheit wieder deutlicher. Sie sitzt dann tiefer und rührt stärker.
Wie viel löse ich wirklich auf, wenn ich gehe? Dieses leichte, freie Gefühl ist nur ein Geschenk auf Zeit – solange meine Schritte den Rhythmus vorgeben und ich mich lebendig fühle.
Das ist unter anderem eine Frage, die mich hier begleitet, Kilometer um Kilometer. Vielleicht liegt die Antwort irgendwo zwischen den Wegen, die ich gehe, und jenen Wegen, die in mir noch zu Ende gegangen werden wollen. Gehen kann Trauma lindern, aber löst es nicht vollständig auf.
Was Gehen kann:
Was Gehen NICHT tut:
Gehen wirkt regulierend, aber nicht heilend im tiefen Sinn.
Im Gehen erlebe ich, dass mein Nervensystem reguliert, flexibel und lebendig ist. Komme ich zur Ruhe, im speziellen zu Hause, kommen alte Muster, Traumen und neurologische Spannungen zurück.

Ich bewege mich zuhause weniger – was bedeutet, weniger Regulation.
Auf dem Camino bin ich im Ausnahmezustand: Er gibt mir Sinn, Richtung, Gemeinschaft, Freiheit, wenig Verpflichtungen und viel Natur. Das alles wirkt wie Therapie.
Im Gegensatz dazu triggern zuhause Umgebung, Gewohnheiten und Erinnerungen an andere Stresssysteme.
Der Camino hält mich im „Fluss“ – zu Hause falle ich eher in alte Muster zurück. Am Anfang meiner Krankheit achtete ich nur darauf, dass es mir gut geht. Mittlerweile lässt mein Gehirn es da und dort auch zu, alte Traumata anzugehen, die eben diese Stress Reaktionen bewirken.
Eine wichtige Frage für mich ist schon seit Jahren: Schützt es mich noch oder verdränge ich es. Darauf zu achten ist mir wichtig.

Meine Trauma zeigen sich körperlich oft als:
Diese Starre kann durchaus eine Mischung sein aus:
Ich kann durch Gehen Trauma bearbeiten – aber nicht vollständig lösen.
Das wäre wie zu sagen:
„Ich schöpfe das Wasser aus dem Boot, aber ich repariere noch nicht das Leck.“
Gehen hilft mir enorm – das sieht man. Es ist ein Geschenk für mich.
Aber die Starre, die wiederkommt, zeigt, dass es noch tieferliegende Muster gibt, die mehr wollen als nur Bewegung:
Nämlich Regulation in Ruhe, eine sichere Bindung und therapeutische Begleitung. Dazu Atemarbeit, Körper Arbeit und somatische Arbeit, sowie Integration statt Flucht in Aktivität.
Ja, meine Starrheit hat sehr viel mit Trauma und meinem Nervensystem zu tun, welches nachhaltig durch den Hirnabszess gestört wurde.
Ja, Gehen wirkt regulierend, heilsam, fast therapeutisch.
Aber nein, es löst das Trauma nicht vollständig – es verschafft mir Erleichterung, aber die tieferen Ursachen brauchen andere Formen der Verarbeitung.
Aber: Dass ich auf dem Camino wieder „fließender“ werde, zeigt ganz klar:
Es ist ein sehr gutes Zeichen und bestätigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg der Heilung bin. Dabei bedeutet „heil werden“ nicht, wieder zu werden wie früher. Es meint, mit den neuen Bedingungen gut leben zu lernen.
Und genau daran arbeite ich weiter – im Gehen und in der täglichen Arbeit an mir selbst.

Ausrüstungsliste am Camino Francés im November 2025 https://lighterpack.com/r/5m6vdv
