84. Verloren und gewonnen im Leben!

2. November 2018
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7 Minuten Lesezeit

Die letzten vier Monate verbrachte ich am Camino oder war auf Reha. Diese Zeit war einzigartig und so wertvoll für mich, konnte ich doch am Camino zum Ersten mal wieder das Leben spüren. Allein das war die Anstrengungen und Mühen wert. Ich habe mein altes Leben nicht verloren, sondern ein neues gewonnen!

Es bekommt eben alles eine neue Bedeutung, wenn man mit dem Tod konfrontiert ist.

Als ich aus Spanien zurückkam, fühlte ich mich wie zurückgeworfen in ein Leben, dem ich eben entronnen bin. Die Stadt fühlt sich bedrohlich an, ist kalt und grau. Ich komme schwer damit zurecht, wieder daheim zu sein. Verlieren und gewinnen liegt eng zusammen.

verloren in der Stadt

Zeit verloren

Ich bin unter anderem auch deswegen im Juni aufgebrochen, weil ich nach zwei Jahren am Ende war. Ich habe in dieser Zeit alles gegeben und alles getan, um meine Defizite zu verbessern.

Dass es so langsam geht, musste ich erst erkennen. Anfang des Jahres verlor ich aufgrund einer falschen Behandlung einige Wochen des Trainings und begann danach vieles wieder von Vorne oder von einem stark reduzierten Niveau. Ich habe viel Zeit verloren, wenn ich mich nur um Millimeter vorwärts bewege, aber im Vergleich Zentimeter verliere.

So stark ich psychisch bisher war, es nagte an mir, dass ich in wenigen Wochen um Monate zurückgeworfen wurde. Ich musste aufpassen, in keine Depression zu verfallen. Zum Glück glaubte ich immer an mir und es begann eben von neuem.

Auf zum Jakobsweg

Camino Frances

Die Entscheidung zum Jakobsweg zu fahren, war Gold wert. Ich habe nie damit gerechnet, ihn zu beenden. Alles hat unterwegs eine Dynamik angenommen. Ich konnte unterwegs mein Gehen stark verbessern, bzw. es war plötzlich soviel mehr Energie da, die ich fürs Gehen nutzen konnte. Was aber noch wichtiger war, der Camino hat mir gezeigt, worin die wahren Werte des Lebens liegen...

...und das hat nichts mit Geld zu tun, dem wir einen Großteil der Zeit nachlaufen (müssen). Der Camino zeigt dir, was wirklich wichtig ist im Leben - wenn du dafür offen bist. In Form von Metaphern hat sich für mich jeden Tag etwas getan, das ich auch mit meinem Leben in Verbindung bringen konnte.

Ich war nicht viel besser drauf wie im Oktober 2017, als mich das Kamerateam von Puls4 besuchte, um einen Beitrag über mein Schicksal zu drehen. (Hier gehts zum Filmbericht)

Hirnabszess und Denken

Ich möchte einmal Pause haben. Möchte kurz aussteigen aus diesem endlosen Wahnsinn der Rehabilitation, für nur eine Stunde funktionieren wie früher. Nicht über alles nachdenken müssen. Nachdenken über jede Bewegung, die ich mache. Möchte einfach nur sein dürfen, Sein können. Es wäre zu schön.

wahrnehmung

Aber das spielt es nicht. Mein Gehirn lässt es nicht zu. Ich muss akzeptieren, dass es so funktioniert und nicht anders, dass die Zeit des Automatismus vorbei ist. Denn das ist das ungewohnte. Was so selbstverständlich war, ist nicht mehr und man kann es mir glauben, es wird vieles als selbstverständlich angesehen.

Und das Problem ist, ich kann es nicht kommunizieren. Was mir im Kopf so klar ist, bringe ich Sekunden später nicht in Worten rüber. Niemand von uns wurde darauf vorbereitet, das es so sein kann. Mir selbst ist es erst seit kurzem klar. Auch die Möglichkeit, meine Defizite zu beschreiben und in Wörter zu fassen. Das ist die Schwierigkeit. Die einen wissen es nicht und die anderen können es nicht. Ich habe viel von meinem Wortschatz verloren, aber anderes auch gewonnen.

Ein Ende ist nicht in Sicht

Ich dachte damals, mit dem nach Hause kommen aus dem Krankenhaus, sei alles vorbei. Jetzt, zweieinhalb Jahre später, ist ein Ende noch immer nicht in Sicht. Ich frage mich, wird es jemals ein Ende geben.

Bis vor kurzem habe ich noch alles gegeben. Um wieder so zu funktionieren, dass ich in den Arbeitsalltag integriert werden kann. Aber wie lange kann ich so weitermachen?

Darf ich es einmal sein lassen wie es ist. Ich habe viel erreicht, aber was ist das schon? Muss es unbedingt mehr sein? Was ist dieses mehr und wer beurteilt es? Ich habe diese Auszeit am Camino dringend gebraucht. Man kann sich nicht vorstellen, was das leer werden im Kopf für mich bedeutete. (Zum Beitrag "Nichts denken am Jakobsweg!)

Ich muss mich wieder mehr aufs Leben konzentrieren und darf nicht alles als Therapie sehen, um wieder "richtig" zu funktionieren. Bisher war für mich eben alles Therapie. Was soll ich auch machen, wenn ich Essen lernen muss. Natürlich achte ich dann darauf das die Technik funktioniert. Dass ich nicht patze, dass ich am Tisch nichts umwerfe, usw.

Das schlimmste in den Herbergen am Camino war für mich beim gemeinsamen Abendessen, wenn mir jemand eine große Schüssel voll Essen reichte und ich nicht wusste, kann ich sie überhaupt mit ausgestreckte Armen entgegennehmen.

Keine Unterschied zwischen Therapie und Leben

Ich kann nicht unterscheiden zwischen: Das ist jetzt Therapie und das ist normales Essen. Und so geht es mir in allem. Nur, man sieht es mir nicht an, was in mir vorgeht. Was es heißt, rechtsseitig von oben bis unten gelähmt gewesen zu sein. Es ist für mich normal geworden damit zu leben und zu versuchen, in allem besser zu werden.

Ich schreibe fast nur übers Gehen, weil es mir das wichtigste ist. In Wirklichkeit geht es, um alles was mit Bewegung zu tun hat und auf der anderen Seite mit Denken. Ich bin eine einzige überdimensionale Baustelle.

Baustelle Körper
Baustelle Körper

Kein Ende in Sicht!

Aber das belastende ist, es ist kein Ende in Sicht. Ein gebrochener Fuß hat ein Ende, eine Grippe hat ein Ende. Vieles anderes hat ein Ende. Bei mir ist kein Ende in Sicht.

Viel gewonnen, aber auch viel verloren!

Ich habe viel gewonnen, aber gleichzeitig auch viel verloren. Meine Familie zum Beispiel. Silvia und ich werden uns trennen.

Es wird viele überraschen, dass ich nie darüber schrieb. Gerade die Familie war mein großer Rückhalt. Dort fand ich die Geborgenheit, die ich so dringend brauchte. Wo ich abschalten konnte und wo ich loslassen konnte.

Für mich war es wie in der Steinzeit, als man jeden Augenblick damit rechnen musste, von einem wilden Tier angegriffen zu werden. Damals ging die Aufmerksamkeit bis in den Schlaf. Man war immer wie unter Strom. Außer es übernahm jemand die Wache.

Erst in der Familie fand ich nach fünf Monaten Krankenhaus wieder die Ruhe, konnte mein Gehirn wieder zur Ruhe kommen lassen.

Belastung für die Familie

Gehirnblutung

Die Zeit im Krankenhaus war schwierig. Ich bekam fünfmal am Tag drei Infusionsflaschen. Beim Wechsel wurde ich jedes mal munter. Ich schlief nie länger wie zwei Stunden am Stück. Es war ein Glück, dass ich darüber nicht wirklich nachdenken konnte.

"Ruhe" kehrte erst zu Hause ein. Aber nur für mich. Der Stress in der Familie blieb, es hatte sich so viel verändert und er war nicht weniger geworden. Plötzlich war ich als weiteres Kleinkind daheim, das erst alles wieder lernen musste.

Dass ich die Familie belastete, war mir damals nicht bewusst. Soweit konnte ich überhaupt nicht denken. Ich lebte in einer eigenen kleinen Blase und konnte nicht darüber hinausblicken, geschweige nachdenken. Es war mir unmöglich, weitreichendere Gedanken zu haben, als über das JETZT. Ich war froh, dass ich existierte und das JETZT erleben durfte. Alles andere war mir nicht möglich. Mein Denken begann erst dieses Jahr wieder und das in einem Low Modus.

Viele Beziehungen und Familien zerbrechen an ähnlichem daran. Ein Hirnabszess kommt nicht oft vor, ist aber vergleichbar mit den Folgen einer Gehirnblutung oder eines Schlaganfalles. In eine solche Situation kommen mehr Menschen, als man glaubt.

Die einen können es nicht verstehen und die anderen nicht kommunizieren. Man weiß es nicht. So bestehen immer Missverständnisse. Man fühlt sich in solchen Situationen im Nachhinein alleine gelassen, es gibt keine Hilfe. Es passiert viel in der Welt, viele Unfälle, Tragödien und anderes. Aber in solchen Fällen wie bei mir und sicher auch ähnlich gelagerten, wird oft keine Hilfe zuteil.

Die Angehörigen sind derart überlastet damit, sie können sich selbst nicht helfen. Besonders in den ersten Wochen, wo es um Leben oder Tod geht.

Was tun?

Von außen wird einem diese Hilfe nicht angeboten, also woher nehmen. Man ist so damit beschäftigt, den Status quo einigermaßen aufrecht zu halten, besser gesagt, zu überleben, dass man keine Energie hat, sich Hilfe zu besorgen.

Ich kann derzeit noch nicht so weit denken, dass ich sagen könnte, was hätte geholfen. Im Krankenhaus wurde ich ja gut betreut, aber die Familie wurde alleine gelassen. Ich kann nur meine Erfahrungen zu Papier bringen, so wie ich es erlebte. Es brauchte immerhin über zwei Jahre, bis ich das aufschreiben kann.

So hat sich einiges verändert in unser aller Leben. Es geht mir noch nicht so gut, dass ich in die Öffentlichkeit kann. Aber ich kann diesen, als Therapie für mich gedachten, Blog dazu nutzen, um auf die Problematik hinzuweisen und aufzuzeigen.

Himmel und Hölle

Ich habe viel erreicht in meiner Genesung seither, aber in Wirklichkeit habe ich gerade erst ein, zwei Stufen erklommen. Das Kinderspiel Himmel und Hölle zeigt es sehr gut. Ich bin jetzt bei drei angelangt.

Viele sind dann überrascht, weil man es mir nicht gleich ankennt. Sie würden mich auf sechs oder sieben einordnen. Selbst Ärzte geben zu, erst nach längerem Beobachten und Unterhaltung meine Defizite wahr zu nehmen.

Himmel oder Hölle. Wo stehe ich?
Himmel oder Hölle. Wo stehe ich?

Es sind eben diese unsichtbaren Behinderungen, von denen niemand etwas mitbekommt. Und wo man verkannt wird, bei Untersuchungen, die dann den Grad der Behinderung feststellen oder wo es um Therapien oder um Geldleistungen geht. Alles schnell, schnell. Unter Zeitdruck. Das ist dann ein "Kampf" mit der Bürokratie, den ich nur bedingt aushalte und es oft einfach so nehme, wie es kommt.

Daher war ich am Camino erstmals so glücklich, weil ich trotz meiner Handicaps, mitten im Leben war. Ohne viel zu fragen wurde mir geholfen, wenn ich mich wo schwer tat. Ich konnte mit anderen Pilgern reden, die oft schwere Schicksale hinter sich hatten und erfuhr, wie sie diese meisterten. Dazu konnte ich Weisheiten von älteren Pilgern mitnehmen. 70 bis 80-jährigen, die mit schwerem Rucksack unterwegs waren.

Die Weisheiten des Alters
links mit Sabiene 74 Jahre, rechts mit Theo 74 Jahre
Die Weisheiten des Alters erklärt bekommen

Viel oder wenig?

So lebe ich im Himmel, weil ich schon so viel seit dem Hirnabszess erreicht habe und andererseits in der Hölle, weil ich immer wieder das Gefühl habe, dass mein Bemühen zu wenig ist. Aber in jedem Verlust steckt auch ein Gewinn, man soll nur offen dafür sein, ihn zu erkennen.

Es sind sicher die anspruchsvollsten Jahre meines Lebens, die ich zur Zeit durchmache. Mit Sicherheit aber auch die lehrreichsten. Und um das geht es ja wirklich. Wie können wir uns im Leben weiter entwickeln und das habe ich auf jeden Fall gemacht. Die grösste Erfahrung habe ich sicher mit dem Tod gemacht. Mir ist die Angst vor ihm genommen worden.

Und zum ersten mal hab ich (an)erkennen können, dass ich bisher ein Leben für drei hatte. Alles was jetzt noch kommt, kann ich als Draufgabe sehen.
...und wie sagt mein Leitspruch:

"Es ist gut, wie es ist, weil es IST und nicht weil es gut ist!"

So ist es!


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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