
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Für viele Pilger endet der Camino in Santiago de Compostela.
Für mich nicht.
Natürlich saß auch ich vor der Kathedrale, holte mir die Compostela und erledigte das, was man dort eben erledigt. Doch nach den vielen Tagen auf dem Camino Norte und dem Camino Primitivo fühlte sich Santiago für mich fremd an. Die vielen Menschen, die Geräusche und die Unruhe überforderten mich mehr, als ich erwartet hatte.
Deshalb machte ich mich noch am selben Vormittag wieder auf den Weg.
Mein Ziel war Negreira, die erste größere Station am Camino Finisterre.
Kaum hatte ich die Stadt verlassen und die ersten Wälder erreicht, veränderte sich alles.
Noch einmal konnte ich zurückblicken. In der Ferne war die Kathedrale von Santiago zu sehen.
Ein schöner Anblick.
Dann verschwand sie hinter den Bäumen.
Und damit war Santiago für mich auch schon wieder vorbei.
Vor mir lagen noch viele Tage.
Und vor allem viel Zeit.
Schon vor der Reise hatte ich für den Abschnitt nach Muxía und Finisterre bewusst mehr Zeit eingeplant.
Für die rund 220 Kilometer bis zurück nach Santiago hatte ich beinahe so viele Tage wie für die ersten 700 Kilometer.
Nicht weil ich langsamer geworden wäre.
Sondern weil ich spürte, dass ich diese Zeit brauchen würde.
Die vergangenen Wochen hatten viel in mir bewegt.
Der Camino Norte und der Camino Primitivo hatten mir gezeigt, warum das Gehen für mich so wichtig geworden ist.
Nun wollte ich all das ein wenig sacken lassen.
Nicht grübeln.
Nicht analysieren.
Einfach Zeit haben.
Zeit zum Schreiben.
Zeit zum Schauen.
Zeit zum Nachdenken, wenn ein Gedanke auftauchte.
Und Zeit, ihn wieder ziehen zu lassen.
Denn viele Erkenntnisse kommen nicht während des Gehens.
Sondern erst danach.
Der Weg nach Muxía führte durch das grüne Galicien, das ich so sehr schätze.
Wälder.
Kleine Dörfer.
Schmale Wege.
Und irgendwann dann der erste Blick auf das Meer.
Blauer Himmel.
Blaues Wasser.
Weite.
Nach den Bergen des Primitivo war das wieder ein völlig anderes Bild.
Ich ging die letzten Kilometer nach Muxía langsam.
Fast absichtlich langsam.
Nicht weil ich müde gewesen wäre.
Sondern weil es keinen Grund gab, sich zu beeilen.
In Muxía übernachtete ich in der öffentlichen Herberge.
Da diese erst am frühen Nachmittag öffnete, ging ich zunächst hinunter zum Heiligtum am Meer.
Natürlich machte ich die üblichen Fotos.
Doch viel wichtiger war mir der Blick hinaus auf den Atlantik.
Die Weite.
Die Ruhe.
Das Rauschen der Wellen.
Große Emotionen spürte ich auch hier nicht.
Eher Zufriedenheit.
Eine ruhige Form des Ankommens.
Nach Santiago hatte sich etwas verändert.
Nicht die Landschaft.
Nicht die Wege.
Sondern mein Blick darauf.
Nach dem Hirnabszess musste ich vieles neu lernen.
Bewegungen.
Vertrauen.
Den Umgang mit meinem veränderten Gehirn.
Ich musste verstehen, warum mich Städte oft überfordern.
Warum ich mich in der Natur so viel wohler fühle.
Warum ich stundenlang durch einen Wald gehen kann, während mich eine belebte Fußgängerzone nach kurzer Zeit erschöpft.
Lange glaubte ich, ich müsste mich daran gewöhnen.
An die Menschenmengen.
An die Geräusche.
An den Trubel.
Ich versuchte immer wieder, mich bewusst solchen Situationen auszusetzen.
Irgendwann wurde mir jedoch klar, dass es nicht darum geht, etwas zu erzwingen.
Nach dem Hirnabszess funktioniert mein Gehirn anders als früher.
Das musste ich erst akzeptieren.
Heute versuche ich nicht mehr, mich unbedingt an Städte und die Unruhe zu gewöhnen.
Stattdessen habe ich gelernt, auf das zu hören, was mir guttut.
Und das finde ich meist draußen in der Natur.
Auf den Wegen.
In den Wäldern.
Auch das war eine Form des Entdeckens.
Die ersten 700 Kilometer war ich vor allem im Gehen.
Tag für Tag.
Schritt für Schritt.
Ganz in meinem Rhythmus.
Jetzt begann ich langsam zu verarbeiten, was diese Zeit eigentlich mit mir gemacht hatte.
Viele Erkenntnisse kamen nicht auf dem Weg.
Sondern während ich auf das Meer schaute.
Während ich schrieb.
Während ich durch Finisterre spazierte.
Oder einfach in einem Café saß.
Immer wieder stellte ich mir dieselbe Frage:
Warum ist das Gehen für mich eigentlich so wichtig geworden?
Und damit verbunden eine andere:
Muss ich wirklich jeden Tag vierzig oder fünfzig Kilometer gehen?
Oder geht es um etwas anderes?
Vielleicht nicht um die Kilometer.
Sondern um die Zeit draußen.
Um die Bewegung.
Um die Ruhe.
Um den Rhythmus.
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass mich nicht die Distanz glücklich macht.
Die Kilometer sind oft nur das Ergebnis.
Nicht das Ziel.
Gleichzeitig tauchte immer wieder eine Frage auf, die mich wohl noch länger begleiten wird:
Was passiert eines Tages, wenn ich nicht mehr so viel gehen kann?
Oder vielleicht gar nicht mehr?
Nach dem Hirnabszess weiß ich, dass solche Gedanken keine Theorie sind.
Ich habe erlebt, wie schnell sich ein Leben verändern kann.
Vielleicht denke ich deshalb öfter darüber nach als andere Menschen.
Nicht aus Angst.
Sondern aus Erfahrung.
Vielleicht waren die Tage zwischen Muxía, Finisterre und dem Rückweg nach Santiago deshalb so wertvoll für mich.
Nicht weil dort das Ende der Welt liegt.
Sondern weil ich dort erstmals Zeit hatte, all das zu verstehen, was die ersten 700 Kilometer in mir ausgelöst hatten.
Es geht nämlich nicht um Gehen, sondern um in Bewegung bleiben.
Auf dem Weg nach Finisterre beschäftigte mich noch ein anderer Gedanke.
Vor einigen Jahren war ich auf der Via de la Plata unterwegs.
Damals wollte ich ursprünglich bis zum nördlichsten Punkt Spaniens gehen.
Kurz vor Santiago entschied ich mich anders.
Ich bog nach Finisterre ab.
Im Nachhinein war das eine wichtige Entscheidung.
Denn damals merkte ich, dass dieser Wunsch vor allem aus meinem Ego kam.
Ich wollte einen Punkt erreichen.
Etwas schaffen.
Etwas abhaken.
Diesmal stellte sich eine ähnliche Frage.
Warum wollte ich unbedingt den westlichsten Punkt Spaniens besuchen?
War das wieder mein Ego?
Oder etwas anderes?
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass es diesmal nicht um den Punkt auf der Landkarte ging.
Sondern um den Weg dorthin.
Ich verließ den bekannten Camino und stellte mir meine eigene Route zusammen.
Plötzlich war da wieder dieses Gefühl des Entdeckens.
Nicht zu wissen, was hinter der nächsten Kurve kommt.
Nicht genau zu wissen, wie der Weg verlaufen würde.
Und genau das machte den Reiz aus.
Nicht der westlichste Punkt Spaniens.
Sondern das Abenteuer eines neuen Weges.

Schon als Kind wollte ich Entdecker werden.
Damals dachte ich an ferne Länder und Abenteuer.
Heute sieht dieses Entdecken anders aus.
Ich entdecke Wege.
Landschaften.
Gedanken.
Und manchmal entdecke ich auch mich selbst.
Nach dem Hirnabszess musste ich vieles neu lernen.
Bewegungen.
Vertrauen.
Den Umgang mit meinem veränderten Gehirn.
Ich musste verstehen, warum mich Städte oft überfordern.
Warum ich mich in der Natur so viel wohler fühle.
Warum ich stundenlang durch einen Wald gehen kann, während mich eine belebte Fußgängerzone nach kurzer Zeit erschöpft.
Lange glaubte ich, ich müsste mich wieder daran gewöhnen.
An die Menschenmengen.
An die Geräusche.
An den Trubel.
Ich versuchte immer wieder, mich bewusst solchen Situationen auszusetzen.
Irgendwann wurde mir jedoch klar, dass es nicht darum geht, etwas zu erzwingen.
Nach dem Hirnabszess funktioniert mein Gehirn anders als früher.
Das musste ich erst akzeptieren.
Heute versuche ich nicht mehr, mich unbedingt an Städte und die Unruhe zu gewöhnen.
Stattdessen habe ich gelernt, auf das zu hören, was mir guttut.
Und das finde ich meist draußen in der Natur.
Auf den Wegen.
In den Wäldern.
Auch das war eine Form des Entdeckens.
Vielleicht ist genau diese Neugierde etwas, das ich niemals verlieren möchte.
Die Neugierde auf das Leben.
Die Neugierde auf neue Wege.
Auf neue Erfahrungen.
Auf neue Gedanken.
Denn hätte ich diese Neugierde verloren, dann wäre für mich etwas Wesentliches verloren gegangen.
Vielleicht sogar ein Teil dessen, was meinem Leben Sinn gibt.
Auf dem Weg zum westlichsten Punkt Spaniens traf ich eine 68-jährige Amerikanerin.
Sie war mit Zelt unterwegs und wanderte direkt entlang der Küste.
Ihr Rucksack war riesig.
Fast so groß wie sie selbst.
Wir kamen ins Gespräch, mitten auf der Straße ans Kap Touriñán.
Sie erzählte mir von der vergangenen Nacht.
Es hatte stark geregnet.
So stark, dass rund um ihr Zelt und sogar drinnen alles unter Wasser gestanden war.
Nun genoss sie die ersten Sonnenstrahlen des Tages.
Und mit jeder Minute schien ihre Stimmung besser zu werden.
Zunächst hielt sie mich für einen Tageswanderer.
Mein Rucksack war klein.
Erst als ich erzählte, dass ich bereits seit vielen Wochen unterwegs war und von Bilbao bis hierher zu Fuß gegangen war, wurde sie neugierig.
Besonders erstaunte sie meine Ausrüstung.
Ich hatte keinen großen Trekkingrucksack.
Kein Zelt.
Und war dennoch für Übernachtungen im Freien vorbereitet.
Mit Biwaksack.
Isomatte. Eine Daunenjacke.
Und dem Nötigsten für unterwegs.
Mein gesamter Rucksack wog mit Wasser und Essen selten mehr als fünf Kilogramm.
Ihrer vermutlich das Dreifache.
Mehrmals betrachtete sie meinen Rucksack und meinte lachend, dass sie ihre Ausrüstung wohl noch einmal überdenken müsse.
Nach etwa einer halben Stunde trennten sich unsere Wege wieder.
Wie so oft auf dem Camino.
Doch die Begegnung blieb mir in Erinnerung.
In Finisterre nahm ich mir erstmals bewusst Zeit.
Drei Tage blieb ich dort.
Für manche klingt das unspektakulär.
Für mich war es fast ungewohnt.
Ich ging hinaus zum Kap.
Schaute auf den Atlantik.
Verfolgte die Sonnenuntergänge.
Saß in Cafés.
Schrieb.
Spazierte durch den Ort.
Und tat vor allem eines:
Nicht viel.
Natürlich sammelte ich trotzdem meine Schritte.
Aber diesmal war das nicht wichtig.
Es ging nicht ums Weiterkommen.
Nicht um die nächste Herberge.
Nicht um die nächste Etappe.
Sondern einfach darum, dort zu sein.
Das tat mir gut.
Dass ich anschließend wieder nach Santiago zurückging, hatte mehrere Gründe.
Zum einen gefiel mir der Gedanke.
Früher endeten Pilgerwege nicht in Santiago.
Die Menschen gingen anschließend wieder nach Hause.
Zu Fuß.

Natürlich waren meine wenigen Tage zurück nach Santiago nicht mit den Rückwegen der mittelalterlichen Pilger vergleichbar.
Und trotzdem mochte ich diesen Gedanken.
Der Camino war für mich noch nicht ganz zu Ende.
Ein weiterer Grund war die Sonne.
Von Bilbao bis Finisterre hatte ich sie fast immer im Rücken oder seitlich neben mir.
Über viele Wochen war ich Richtung Westen gegangen.
Nun drehte ich um.
Und ging der Sonne entgegen.
Es klingt nach einer Kleinigkeit.
Doch wenn man viele Stunden am Tag unterwegs ist, verändert das die Wahrnehmung.
Die Schatten lagen anders.
Die Landschaft wirkte anders.
Selbst bekannte Wege bekamen eine neue Wirkung.
Ich ging nicht denselben Weg zurück.
Ich sah denselben Weg aus einer anderen Perspektive.
Nach drei ruhigen Tagen in Finisterre machte ich mich langsam auf den Rückweg nach Santiago.
Die erste Etappe führte mich nur etwa fünfzehn Kilometer weit zu einer kleinen Donativo-Herberge.
Einer jener Orte, die vom Engagement der Menschen leben und oft eine besondere Atmosphäre haben.
Auch dieser Aufenthalt blieb mir in guter Erinnerung.
Auf dem weiteren Weg fiel mir etwas auf.
Plötzlich kamen mir ständig Menschen entgegen.
Die meisten Pilger gehen nach Finisterre und fahren anschließend mit dem Bus zurück.
Ich war einer der wenigen, die wieder nach Santiago gingen.
Dadurch begegnete ich den ganzen Tag Menschen.
Immer wieder.
Und irgendwann wurde selbst das Grüßen anstrengend.
Viele waren Touristen.
Viele Spanier.
Viele grüßten überhaupt nicht zurück.
Oft war gar nicht klar, wer Pilger und wer Urlauber war.
Ich ertappte mich dabei, wie ich irgendwann nur noch jene grüßte, die offensichtlich schon länger unterwegs waren.
Vielleicht war das ein Zeichen dafür, wie sehr ich mich an die Ruhe der vergangenen Wochen gewöhnt hatte.
An das Alleinsein.
An die stillen Stunden auf den Wegen.
Als ich schließlich wieder Santiago erreichte, fühlte es sich anders an als einige Tage zuvor.
Ruhiger.
Leichter.
Abgeschlossener.
Nicht weil ich angekommen war.
Sondern weil ich unterwegs Zeit gehabt hatte.
Zeit zum Nachdenken.
Zeit zum Schreiben.
Zeit zum Verstehen.
Der Camino Norte hatte mich zurück auf den Weg gebracht.
Der Camino Primitivo zurück zu meinem Rhythmus.
Und irgendwo zwischen Muxía, Finisterre und dem Atlantik begann ich zu verstehen, warum das Gehen für mich überhaupt so wichtig geworden ist.
Vielleicht war genau das das eigentliche Geschenk dieser letzten Tage.
Nicht das Ende der Welt.
Nicht das Meer.
Nicht die Kilometer.
Sondern die Zeit.
Die Zeit, all das zu begreifen, was die ersten 700 Kilometer in mir ausgelöst hatten.

Denn das Wandern wie das Leben stehen für Wandel. Vieles von dem, was ich heute über mich weiß, habe ich nicht in Büchern gelernt, sondern auf den Wegen. Vielleicht war es deshalb so wichtig, dass der Camino für mich nicht in Santiago endete.
Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass ich noch immer neugierig bin.
Auf neue Wege.
Auf neue Erfahrungen.
Und auf das Leben selbst.
Mein Camino Norte/Primitivo/Finisterre in vier Teilen:
Zwischen Gehen und Nichtgehen – 900 Kilometer am Camino Primitivo
Camino Finisterre / siehe oben
