Wie ich den Beginn der Corona-Krise am Wiener Wallfahrerweg erlebte!

15. März 2020
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4 Minuten Lesezeit

Mit dem Camino Frances im Winter und dem Wiener Wallfahrerweg konnte ich noch zwei Pilgerwege vollenden, bevor der Coronavirus Österreich und die Welt stilllegte.

So wie ich vor ziemlich genau vier Jahren stillgelegt wurde, passiert es auch dieser Tage mit der Mehrheit von uns. "Das Leben neu kennen lernen", seit vier Jahren meine Aufgabe, ist es jetzt auch für die meisten Menschen eine Herausforderung geworden.

Mich selbst hat es auf die Zeit nach dem Hirnabszess zurückgeworfen. Im letzten Jahr bekam ich die Aufgabe, mich wieder unter Menschen zu begeben und das Sozialleben wieder zu lernen. Jetzt ist es genau umgekehrt.

"Socialdistance" 

"Socialdistance" zu praktizieren, verwirrt mein Gehirn. Ich gebe mir Zeit, um all die Anforderungen zu verstehen. Das Gehirn gibt mir das Tempo vor, alles zu verstehen und in meinen Alltag integrieren zu können.

Für mich besteht jetzt die Aufgabe, trotz des Abstand halten nicht in die soziale Einsamkeit zurück zu fallen. Seit einem Jahr arbeite ich daran, das Leben wieder zuzulassen zu können und gedanklich nicht in allem bei Rehabilitation und Therapie zu sein.

Social Distancing am Wiener Wallfahrerweg

Das Pilgern hat mir bisher am meisten dabei geholfen, denn in der Normalität des Gehens findet, fast unbemerkt, auch Therapie statt. Gerade das soziale Leben kann ich nur mit einer entsprechenden Geschwindigkeit neu lernen, die meinem Geist angepasst ist. Mich auf Menschen einlassen, in einem Umfang, der mir gut tut und mich nicht überfordert.

Allerdings sollte sich das nach dem Wiener Wallfahrerweg ändern. Da ja eigentlich noch Winter ist, traf ich auf diesem Weg nur wenigen Menschen. Nach der Rückkehr sollte sich das noch dramatischer verstärken. In diesen Tagen kam dann das Wort "Socialdistance" auf. Für mich schlimm, da ich ja "Sozialnähe" üben sollte. Da ich in diesen ersten Tagen der beginnenden Corona-Krise aber in Wald und Wiese unterwegs war, konnte ich mich auf das später Folgende langsam einstimmen.

Der Wiener Wallfahrerweg

Zusammen mit Alexander Rüdiger startete ich am äußersten Stadtrand von Wien, in Kaltenleutgeben, am 12. März und wir gingen bis 15. März. Mit einigen Schritten ging es über die Stadtgrenze und wir waren im Wienerwald. Bis auf wenige Begegnungen, waren wir vollkommen alleine. So nahe der größten Stadt Österreichs, war so wenig los. Mit jedem Tag sollte es aber noch weniger werden.

Am ersten Tag pilgerten wir von Kaltenleutgeben bzw. Perchtoldsdorf nach Weissenbach an der Triesting. 30 Kilometer, meistens durch Wald. In Heiligenkreuz machten wir Pause im Stiftskeller. Zum Pilgern und Gehen gehört auch Genuss, der hier in köstlicher Weise in Form von hervorragenden Gerichten zelebriert wird. Für uns das letzte Mal, vor dem Beginn des Ausnahmezustandes. Wir besichtigten noch die Kirche und dann ging es in die zweite Hälfte der Strecke.

Über den Peilstein erreichten wir am späten Nachmittag Weissenbach. Die großen Fabriken überraschten uns, unter denen sich auch Weltmarktführer befinden. Im einzig geöffneten Gasthof nahmen wir ein Zimmer. Wir bekamen erste Diskussionen um den Corona Virus mit. Es schien doch schlimmer zu werden, als angenommen.

Wiener Wallfahrerweg in Heiligenkreuz
Heiligenkreuz

Regentropfen und Sonne

Einzig für den zweiten Tag war Regen vorhergesagt. Allerdings gab es auch starken Wind der den Regen verblasen hat und so gab es nur Vormittag ein paar Regentropfen. Der Weg führte über das Kieneck und weiter nach Rohr.

Wiener Wallfahreweg, Aufstieg zum Kieneck
Aufstieg zum Kieneck

Über Wurzeln und Steine stiegen wir höher. Hier merkte ich wieder, wie unterschiedlich Gehen sein konnte. Solange ich einen Fuß vor den anderen setzen, ja eigentlich schleudern, konnte, blieb es einfach. Musste ich jedoch ein Bein anheben oder knapp Kniehoch steigen, so setzte mir die Muskelschwäche Grenzen. Selbst steile Hänge versuche ich in viele kleine Schritte zu zerlegen, um das Steigen zu verhindern.

Gehen und Steigen

Pilgern funktioniert deswegen so gut für mich, weil es im Grunde nur Gehen und kein Steigen ist. Die Strecken sind meist so, dass auch schlecht trainierte Menschen meist zurechtkommen. Daher ist auch das Hochgebirge noch nichts für mich, denn dort ist Steigen gefragt. Ich trainiere natürlich auch zu Hause, dass Treppen steigen, habe aber bisher nur minimalen Erfolg. 

Durch traumhafte Landschaft geht es weiter und ich bemerke wieder, wie gut mir die Natur tut. Umso länger ich mich darin aufhalte, umso besser wird auch meine Wahrnehmung. Der Schwindel wird weniger, die Konzentration ist besser und das Gleichgewicht fühlt sich stabiler an. Kann ich längere Zeit in der Natur verbringen, fühle ich mich einfach besser. Nur wenige Augenblicke in der Stadt können reichen, um dieses Gefühl zu verlieren und in einen inneren Alarmzustand zu verfallen, als ob mein Leben bedroht wird.

Verbessern lässt es sich, indem ich mich öfter der Stadt aussetze, sondern indem ich das gute Gefühl in der Natur verlängere und dadurch verbessere. Es geht aber nur langsam, Schritt für Schritt voran. Wahrscheinlich auch deswegen, weil es (mir) nicht möglich ist, solange in der Natur zu bleiben.

Auf einem meiner nächsten Pilgerwege möchte ich versuchen, im Freien im Schlafsack zu nächtigen. Ich bin mir sicher, gesundheitlich auf einen nächsten Level zu kommen. Aber diese Gedanken, bleiben im Moment Gedanken. Der Coronavirus hat anderes mit uns vor und für mich heißt es, mit dem Nicht-Gehen und Zuhause bleiben, umgehen zu lernen.

Hystierie und Hamsterkäufe

Die Nachricht von Hamsterkäufen erreichte auch uns. Im örtlichen kleinen Kaufhaus bemerkten wir allerdings nichts davon und wir waren gleich darauf wieder in der Einsamkeit der Berge unterwegs. Jetzt abzubrechen, wäre mit einem unglaublichen Aufwand verbunden gewesen und hätte nichts gebracht. Wir entschieden uns weiterzugehen, alles andere hätte nichts gebracht.

Eine ordentliche Verkehrsverbindung war erst wieder ab Mariazell möglich. Keine Einkehrmöglichkeiten, keine Menschen am Weg und nur Berge um uns herum, ließen einen an die Wildnis Kanadas denken. Tatsächlich waren wir nur 20 Geh Stunden von Wien entfernt.

Von Mariazell aus braucht man ca. 4 Stunden mit den Öffis oder zwei Stunden mit dem eigenen Auto. Als Pilger misst man Entfernung mit der Zeit, die man braucht, um dorthin zu Gehen. Daher war alles weit weg. Nach Hause zu gehen, bedeutete mindestens einen Tag durchgehend zu gehen.

Also beschlossen wir den Wiener Wallfahrerweg bis nach Mariazell zu Pilgern und dann den Heimweg anzutreten.


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Ich bin Jörg, wohne in der Nähe von Graz und blogge hier über meinen Weg zurück ins Leben, das ein Hirnabszess 2016 völlig auf den Kopf gestellt hat.
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