Zum Wintercamino

Ein neues Jahr hat begonnen und meine Entscheidung für den Wintercamino ist gefallen. Ende Jänner werde ich aufbrechen, um mich erstmals an einem Camino im Winter zu versuchen.

Bisher haben mich neurologische Probleme in der Kälte davon abgehalten, in der Winterszeit auch nur Ansatzweise etwas zu machen. Gerade die Nerven reagieren in der Kälte noch schlechter. Trotzdem habe ich mir in den Kopf gesetzt, es zu machen. Manche Gründe sprechen dagegen, aber noch mehr dafür.

Jahreswechsel

Den Jahreswechsel verbrachte ich bei Alexander Rüdiger in der Nähe von Wien. Es war seit dem Hirnabszess erstmalig, dass ich Auswärts den Silvester verbringe. Auf einer nur zu Fuß erreichbaren Hütte, feierte ich den Beginn des neuen Jahres.

Silvester erstmals auswärts über Wien

Ich wollte damit einen Akzent setzten, mein neues Jahr zu beginnen. Wieder „Leben lernen“ heißt seit letztem Frühjahr meine Devise. Damit muss ich mich immer wieder verschiedenen Situationen aussetzen, um mich daran zu gewöhnen. Noch brauche ich danach oft mehrere Tage Pause, wo ich nichts tun kann und meist schlafe oder döse. Mehr wie ein bis maximal zwei „Grenzgänge“ monatlich, sind daher nicht drinnen.

Nicht nur der Hirnabszess, auch die Trennung 2018, war ein Neubeginn (im Neubeginn). Um wieder in die Spur zu kommen, braucht es manchmal radikale Veränderungen. Seit letzten Jahr steht eben „Leben lernen“ auf dem Programm, angeregt durch die Ergotherapeutin. Das ist schwieriger als gedacht, gab es doch zwei Jahre ausschließlich Therapie für mich und war es mir nicht möglich ein normales Leben zu führen.

Ich machte die letzten Monate nicht viel anders als früher, aber ich versuchte nicht mehr alles unter dem Aspekt der Therapie zu sehen und zu tun. Es ist eigentlich nur eine kleine Gedankenänderung, die aber sehr schwer zu verinnerlichen ist. Am Camino del Norte hatte ich erstmals seit langem wieder das Gefühl zu Leben oder das Gefühl dafür zu bekommen. Der Camino vereint Therapie mit Leben, ich therapiere durch den am Camino gelebten Alltag in perfekter Weise, besser als zu Hause.

Das ich mich der Silvester Feier ausgesetzt habe, war ein weiterer Schritt ins Leben. Ein Danke an Alexander und Ramona, die es mir ermöglich haben.

Mit Alexander und Ramona in Wien Silvester feiern.

Am Neujahrstag aufs Kieneck

Die Feier war nicht alles, denn wir wollten den Neujahrstag am Berg verbringen. Da für mich schon der Silvester am Limit war, wollte ich nur ein Stück den Berg mit Hochgehen. Alex motivierte mich und beide warteten immer wieder auf mich und so gelangte ich wirklich auf den Gipfel des Kieneck. Alleine hätte ich es nicht geschafft. 

Wegen der Kälte hatte ich große Bedenken, darum zog ich über die Wanderhose (+ langer Unterhose), meine GoreTex Regenhose an. Wider Erwarten bekam ich so die Kälte mehr oder weniger in den Griff und konnte die Wärme innen halten. Ich hatte noch keinen Berg mit so vielen Höhenmetern bisher erzwungen, nicht einmal am Jakobsweg. Ich musste sehr konzentriert gehen und konnte erkennen, wo ich noch größere Defizite habe.

Am Kieneck. Test für den Wintercamino.

550 Höhenmeter waren zu überwinden und wir erreichten bei niedergehender Sonne den höchsten Punkt. Wir verließen den Gipfel, auf dem sich eine bewirtschaftete Hütte befindet, als die Sonne gerade beim Untergehen war. Eine eindrucksvolle Landschaft in herrlichem Licht, ließ das Herz aufgehen. Gerade auf solche Momente bin ich fixiert, da sie mein Leben bereichern und mir positivste Gefühle bescheren.

Das Licht der untergehenden Sonne spüre ich noch heute und gerade solche Emotionen und Gefühle helfen mir auf dem Weg zurück ins Leben. Nur in diesem wohligen Gefühl ist Heilung möglich und daher versuche ich so oft wie möglich solche Momente für mich herzustellen und vermeide alles, was mich davon abhält oder mir nicht gut tut. Der Weg war ein guter Test für den Wintercamino.

Am Gipfel des Kieneck.
Präparieren für den Wintercamino.
Am Gipfel des Kieneck

Die Entscheidung für den Wintercamino

Die ist recht bald gefallen. Es sprechen zwar einige Punkte dagegen, aber noch mehr dafür. Da ich recht emotionslos sein kann, ist es kein Beinbruch, wenn ich mit den Bedingungen vor Ort nicht zurecht komme und wieder nach Hause fahren muss.

Wie wird der Wintercamino werden?

Welche Gründe sprechen also dafür und dagegen?

Ich habe den Camino bisher im Frühling/Sommer und im Herbst erlebt. Jede Jahreszeit hat ihre eigenen Reize, so auch der Winter. Mehr Einsamkeit, als ich bisher erlebt habe, wird mich erwarten. Von Jean Pied de Port in den Pyrenäen starteten im Jänner 2019 nur 188 Pilger.Im Gegensatz dazu im Juni 5405. Es wird also um einiges ruhiger zugehen, als in den Sommermonaten. 

Im Allgemeinen sind die Temperaturen zu Hause um 5 bis 10 Grade kälter. Da ich Bewegung und im speziellen „Gehen als Therapie“, auch zu Hause am Programm habe, kann ich auch gleich am Camino gehen. Bei vielleicht sogar angenehmeren Temperaturen.

Außerdem ist der Wintercamino meine Ersatztherapie. Teure Therapien wie Akkupunktur, Osteopathie und anderes übernimmt die Krankenkasse nicht. Selbst bezahlen kann ich mir nicht leisten, daher gebe ich das mir zu Verfügung stehende Geld lieber am Jakobsweg aus. 

Normale Physio- oder Ergotherapie kann ich die meiste Zeit auch alleine machen. Dazu wird mein Gehirn genauso beschäftigt, dass ich ja auch trainieren muss. Das Leben wieder lernen, ist am Camino eine Möglichkeit, wie kaum anderswo.

Wie am Wintercamino!

Was spricht gegen den Wintercamino?

Dazu fällt mir eigentlich nur die Kälte ein. Da mein Körper so schlecht darauf reagiert,ist es nicht angenehm, so steif dahin zu gehen. Es wird eine Herausforderung, speziell die Beine vor der Kälte zu schützen. Gleich wie ich Hitze erst später spüre, zum Beispiel wenn ich auf eine heiße Platte greife, so spüre ich auch Erfrierungen erst zu spät.

Da heißt es auf meine Erfahrungen als Extremsportler zurückgreifen. Beim Iditasport Race war es unumgänglich, permanent einen Körpercheck durchzuführen, um mich vor Erfrierungen zu schützen. Dort habe ich immerhin Temperaturen um -35 Grad ausgehalten, Spitzen sogar mit -65 Grad im Windchill. 

Alaska Iditasport Race bei -35 Grad

Aufpassen, Achtsamkeit und Vorbeugen wird mich beschützen und ja keine Gefahren eingehen. Wenn es das Wetter nicht zulässt, bleibe ich in einem Ort, bis es besser ist. Zeit spielt keine Rolle, möchte ich doch auch an meinem Buch arbeiten und Zeit genug zum Relaxen haben.

Mein Weg, um zu Leben!

Es ist mir klar, dass mein Hirnabszess eine außergewöhnliche, nicht alltägliche Sache, in meinem Leben darstellt. Allerdings erfordert das auch außergewöhnliche und nicht alltägliche Sachen, um meine Rehablilitation voran zu bringen und meinen Weg zurück ins Leben zu schaffen.

Los geht es Ende Jänner, nach einigen Therapien, die ich noch abschließen möchte. Ich werde bis Februar, bzw. Anfang März unterwegs sein. Aber wie gesagt, ich habe auch kein Problem damit, wenn es mir nicht gut geht, nach Hause zu fahren. Mit Handicap so etwas zu unternehmen ist immer ein Risiko. Aber was ich denke, dass bekomme ich, warum also nicht gutes Denken und gutes bekommen. Der Hirnabszess hat mir gezeigt, wie es ausgeht, wenn man in die falsche Richtung denkt. Auf meine Gedanken aufzupassen, steht bei mir seit dem Hirnabszess an der Tagesordnung.

Soweit meine nächsten Rehabilitationspläne. Wer mit dabei sein möchte, ich werde versuchen wöchentlich einen Blogpost zu schreiben und auf Instagram zu Posten. Denn auch das gehört seit langem zu meiner Rehabilitation.

Buen Camino, Ultreia und ein gutes neues Jahr wünsche ich Euch!