
Persönlicher Hinweis:
Ich lebe seit einem Hirnabszess mit bleibenden neurologischen Einschränkungen.
Diese betreffen unter anderem meine körperlichen Möglichkeiten, meine Belastbarkeit,
mein Denken und mein Tempo.
Alles, was ich hier schreibe, entsteht aus dieser Lebensrealität heraus
und ist nur vor diesem Hintergrund vollständig zu verstehen.
Corona, mit seinem Lockdown, hat mein Leben in diesem Jahr wieder einmal komplett auf den Kopf gestellt. Zum dritten Mal schon, seit dem Hirnabszess vor viereinhalb Jahren, wurde alles durcheinandergewirbelt. Und manchmal möchte ich einfach nichts mehr hören, denn dieses ständige Neu-Beginnen, dieses immer wieder Lernen, kann auch belastend werden.
In solchen Momenten ziehe ich mich gerne in meine Gedankenwelt zurück. Dann denke ich an den Camino, an diese besondere Zeit, in der alles auf die einfachen Grundlagen des Lebens reduziert war: Gehen, Essen, Schlafen. Ein Rhythmus, der mich getragen hat. Dieses Gefühl versuche ich, so gut es geht, in meinen Alltag hinüberzuretten.
Doch zu Hause prasseln die vielen Kleinigkeiten des Alltags auf mein Gehirn ein und überfordern es schnell. Dadurch bleibt mir nur begrenzt Raum für Therapie und Rehabilitation – und so komme ich langsamer voran. Der Alltag ist inzwischen selbst zu meiner Therapie geworden. Ich versuche, einen Mittelweg zu finden, ohne in allem gleich eine Aufgabe zu sehen, die ich „abarbeiten“ muss.
Nach sieben Monaten Corona-Krise kann ich einschätzen, dass ich rund 30 bis 40 Prozent meiner Kondition und meines klaren Denkens verloren habe, die ich im Februar am Camino noch hatte. Vieles war reine Schadensbegrenzung. Doch es gab auch Lichtblicke: das Tanzen etwa oder das Radfahren. Diese kleinen Erfolge gaben mir genau die Motivation, die ich brauchte. Und so wurde eines zum wichtigsten Grundsatz dieser herausfordernden Zeit: DRANBLEIBEN.

„Auf eingefahrenen Gleisen kommt man an kein neues Ziel.“
Paul Mommertz
Die ersten zwei Jahre nach dem Hirnabszess widmete ich ganz dem Erlernen der Basics des Gehens. Schritt für Schritt, oft wackelig, aber immer mit Blick nach vorne. 2018 wurde das Pilgern zu meinem großen Ziel. Eigentlich wollte ich damals vor allem die kurz zuvor vollzogene Trennung verarbeiten. Doch schon nach wenigen Tagen durfte ich spüren, dass der Camino mir so viel mehr schenkte, als ich überhaupt erhofft hatte.
Auf meinem zweiten Camino, dem Camino Norte, gelang mir dann ein erster, zarter Schritt zurück ins Leben – getragen von meinen Mit-Pilgern, die mir Halt gaben, genau dann, wenn ich ihn brauchte.
Der Camino ist eine besondere Herausforderung für Körper, Geist und Seele. Und zugleich ein Geschenk: ein Ort, an dem ich unter nahezu lebensnahen Bedingungen trainieren konnte. Obwohl ich alles neu lernen musste – das Denken, das Sprechen und die Bewegung –, fühlte es sich nie wie Therapie an. Der Jakobsweg hat seine eigene Magie. Eine, die mich bis heute begleitet.

Dieser Spruch hat seine Bedeutung. Auch für mich begann der WEG erst zu Hause. Besonders eine Frage stellte sich mit neuer Dringlichkeit: Wie kann ich das, was ich am Camino gelernt habe, in meinen Alltag hinüberretten? Diese Frage bekam eine noch tiefere Wichtigkeit, als kurz nach meiner Rückkehr vom Camino Francés der Lockdown über uns hereinbrach. Von einem Tag auf den anderen wurde Pilgern unmöglich – und ich musste eine neue Strategie finden, um mit dieser ungewohnten Situation zurechtzukommen.
Im Verlauf der Monate wurde eines schnell klar: Dieses „wieder Leben lernen“, das meine Ergo-Therapeutin im April 2019 so sanft angestoßen hatte, war in dieser Form plötzlich nicht mehr machbar. Es wurde unmöglich. Das Social Distancing, dieser unsichtbare Fluch, der seit Beginn meiner Rehabilitation über mir schwebte, machte all meine Bemühungen des Jahres 2019 zunichte, wieder am Leben teilzunehmen und es wirklich zu erfahren.
Dieses Abstandhalten war das Ende meines Anfangs. Mein Gehirn kam mit der Situation nicht zurecht und schaltete in einen Überlebensmodus. Also begann ich erneut, mich auf jene Rehabilitation zu konzentrieren, die ich in Eigenregie durchführen konnte. Ab Juni kam das therapeutische Tanzen wieder dazu – ein kleiner Lichtstrahl. Und ich begann mit dem Radfahren.
Die ersten Wochen zählte ich die Meter, die ich jedes Mal weiter schaffte. Nach zwei Monaten konnte ich bereits eine halbe Stunde fahren. Mit jedem Tritt in die Pedale gewann ich ein Stück innere Stabilität zurück.
Anfangs litt das Gehen darunter, doch ich nahm es in Kauf. Die Vorteile des Radfahrens überwogen. Meine Reaktion verbesserte sich spürbar, und plötzlich war es leichter, eine Straße zu überqueren – kleine Erfolge, die mir gutgetan haben und die ich brauchte, um weiterzumachen.
Jetzt ist es jedoch zu kalt fürs Radfahren, und ich habe das Gehen wieder in den Vordergrund gestellt. Im Moment ist es wichtig, genug zu tun, um mit einer möglichst guten Kondition in den Winter zu kommen. Schritt für Schritt, so wie damals am Camino – nur eben zu Hause, auf meinem eigenen Weg.

Es war von Anfang an tief in mir verankert, dieser Wunsch, alles dafür zu tun, das Gehen wiederzuerlangen. Ein innerer Entschluss, der mich durch die ersten schweren Monate trug. Doch im Sommer 2019, nach dem Camino del Norte, zeigte sich etwas, das bis dahin im Verborgenen geblieben war: eine ausgeprägte Muskelschwäche. Die Folgen des Hirnabszesses waren zuvor so mächtig, dass sie andere Probleme schlicht überdeckten.
Die fünf Monate dauernde intravenöse Antibiotikatherapie im Krankenhaus war Gift für meine Nerven und Muskeln gewesen. Erst als der Schleier der Krankheit langsam von mir abfiel, zeigte sich das eigentliche Ausmaß. Zurück blieb eine Propriozeption, die in Verbindung mit der Muskelschwäche besonders schwer zu verbessern war.
Das Gehen lernen – oder besser, der Umgang mit all den Defiziten – wurde zur stetigen Herausforderung. Von außen konnte man das kaum sehen. Für viele war ich derjenige, der bereits zwei große Caminos gegangen war: den Camino Francés und den Camino del Norte.
Doch was man sah, war nur die Oberfläche. Ja, ich lernte dort besser zu gehen, aber noch viel mehr lernte ich, mit meinen Einschränkungen umzugehen. Das erleichterte vieles, ohne Zweifel. Doch das eigentliche Ziel ist bis heute dasselbe geblieben: wirklich Gehen zu lernen – und nicht nur, besser mit meinen Defiziten zu leben.
Mit dem Beginn der Corona-Krise war alles, was ich mir in den Monaten davor mühsam erarbeitet hatte, plötzlich vorbei. Das Pilgern, das langsame Gewöhnen an die Stadt und an Menschen, das Verbessern meines körperlichen Zustands – all das wurde abrupt unterbrochen. Und so stand ich vor der Frage: Was jetzt? Fast alle Therapien wurden ausgesetzt. Nur das therapeutische Tanzen blieb mir so lange wie möglich erhalten. Dieser kleine, beständige Input trug mich durch diese Zeit. Dafür bin ich meiner Therapeutin bis heute zutiefst dankbar, denn vieles von dem, was ich dort lernen durfte, wurde zu meinem Anker.
Überhaupt wurde das therapeutische Tanzen zur Grundlage für all mein Training während der Corona-Zeit – und es ist es bis heute geblieben. Es ist wie ein leiser Rhythmus, der mich immer wieder zurückholt, wenn sich der Alltag zu sehr verengt, und der mir hilft, meinen Körper neu zu spüren. Schritt für Schritt, Bewegung für Bewegung, zurück ins Leben.

Pilgern wurde für den Rest des Jahres unmöglich. Und so konnte ich jene mühsam über Jahre aufgebaute Grundlage nicht halten. Mein Gehirn braucht viel Zeit, um Vorgänge zu verstehen und neue Routinen zu verankern, die mir im Alltag helfen. Mit dem abrupten Ende des Pilgerns fielen viele dieser Strukturen einfach weg.
Um mich nicht zu überfordern, beschloss ich daher, auf das Vertraute zurückzugreifen – auf die Rehabilitation. Dieses „Leben lernen“, das mir meine Ergo-Therapeutin im vergangenen Jahr ans Herz gelegt hatte, blieb damit weiterhin etwas, das ich vor mir herschob, ohne es wirklich leben zu können.
Was mir jedoch hilft, sind die Spaziergänge und Wanderungen in der Natur. In den letzten Monaten bin ich fast alle Wege und Gipfel rund um mein Zuhause gegangen. Die Wälder, die Hügel, die kleinen Pfade – sie wurden zu meinem Camino vor der Haustür. Hier finde ich das wieder, was mir sonst so leicht entgleitet: Ruhe, Orientierung, ein Gefühl von Weitergehen.


Der Rundweg in Gratkorn ist einer jener Wege, auf denen ich verschiedene Aspekte des therapeutischen Tanzens oder andere Übungen einbaue. Dabei versuche ich – ganz wie am Jakobsweg – nicht in „Therapie“ zu denken, sondern mit Freude und einer gewissen Leichtigkeit durch den Alltag zu gehen. Der Weg wird so zu einem kleinen Übungsfeld, ohne dass er sich wie eines anfühlt.
Eines meiner Rituale dort ist das Müllsammeln. Dosen, Plastik, all die kleinen Hinterlassenschaften, die überall herumliegen. Je nachdem, wie viel sich angesammelt hat, wende ich zwischen zwanzig und fünfundvierzig Minuten dafür auf. Länger geht noch nicht, denn es hängt davon ab, wie oft ich mich bücken muss. Rund fünfzig Mal schaffe ich – dann ist die Kraft verbraucht, und ich beende es.
Wenn ich eine Dose vom Boden aufhebe und wieder aufstehe, wird mir oft schwindlig. Doch gerade das ist ein gutes Training, ein vorsichtiges Gewöhnen an Bewegungen, die mir schwerfallen. Begonnen habe ich damit am Camino del Norte, und jetzt führe ich es zu Hause mehrmals pro Woche weiter. Es ist Koordination, Kraft und Feinmotorik in einem – und gleichzeitig tue ich etwas Gutes für die Wege, die mich tragen.
Vielleicht ist es auch für den einen oder anderen eine Möglichkeit, sich im Lockdown körperlich zu betätigen. Ein kleiner Beitrag, der gut tut – dem Körper und der Natur.

Es war eine gute Entscheidung, praktisch nur mehr in die Natur zu gehen. Ich merke zwar, dass ich merkbar sensibler gegenüber Menschen und der Stadt geworden bin, aber dafür hat sich meine Wahrnehmung verbessert, seit ich täglich in den Wald gehe und nicht mehr in die Stadt.

Mein Kino ist jetzt der Wald und die Natur um mich herum. Ich könnte es mir nicht vorstellen in der Stadt zu wohnen. Der Wald hilft mir so sehr, jetzt weiß ich endlich, wieso ich schon als kleiner Junge gerne tief im Wald, in einer Blockhütte, in Kanada leben wollte.
So versuche ich im Lockdown und der Corona-Krise das Beste aus der Situation zu machen und die nächsten Wochen werde ich versuchen, mich weiter zu stabilisieren. Schön wäre es trotzdem, wenn es wieder mehr "Leben lernen" gäbe. Aber, das es nicht so ist, daran muss ich mich wohl oder übel gewöhnen.
Daher bleibt die Natur auch weiterhin mein größtes Rehazentrum der Welt!

Hallo Jörg, schön zu lesen, wie fleißig du bist! Du schaffst es zurück, davon bin ich überzeugt! Der Lockdown wird irgendwann zu Ende sein und du kannst wieder zum Camino! Dann wirst du es umso mehr genießen. Bis dahin bleib auf deinem eingeschlagenen Weg und bleib gesund!
Wie wärs, gehen wir einmal durch den Mühlbachgraben? Und anschließend ein Käffchen aus dem Automaten? Der ist recht gut, ich hab es vergangenen Sonntag getestet
Hallo,
können wir machen. Das mit dem Kaffee klingt gut.😋
LG Jörg
Ein toller Beitrag und eine ergreifende Geschichte. Ich habe das "Gehen" nach meinem Herzinfarkt gelernt und bin auch soviel es eben geht in Wäldern unterwegs. Ich denke es ist die Kombination aus Bewegung und der Ruhe für sich selber in den heimischen Wäldern die uns wieder am Leben teilnehmen lässt.
Weiter so und viele Grüße
Marco
Hallo Marco,
schön das du den Wald auch für dich entdecken konntest.
Gerade Corona hat die Natur besonders wichtig für uns gemacht. Meine Filter im Gehirn machte der Hirnabszess durchlässig und daher finde ich nur im Wald und der Natur Erholung.
Auch dir alles Gute und weiterhin schöne Walderlebnisse.
Lg Jörg